Ein Theatercafé in Hamburg. Hinnerk Schönemann kommt in Turnschuhen, Jeans und Daunenweste rein und fühlt sich offensichtlich unwohl unter den Kulturbeflissenen der Metropole. Erst als er seine Freundin an den Tisch telefoniert hat, taut er ein wenig auf – und redet über seine Filmrollen, die ihn – oft in Uniform – zu den derzeit besten Schauspielern im Land machen. Heute zum Beispiel in Nord bei Nordwest (ARD, 20.15 Uhr), einer Art Ostseewestern, den erst der Mecklenburger so wirklich sehenswert macht.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Hinnerk Schönemann, in Ihren vielen Rollen spielen Sie auch diesmal wieder die Unscheinbarkeit in Person. Werden Ihnen nur solche Rollen angeboten – unprätentiöse, einfache, normale?
Hinnerk Schönemann: Das würde ich gar nicht mal sagen, aber diese Rollen liegen mir. Ich mag es, wenn sie wie das tatsächliche Leben verlaufen, wo es meistens viel einfacher zugeht als im Film, wo man seine Sätze nach hinten raus schon mal verhaspelt. Film vergrößert die Sprache auf ein unnatürliches Maß, ich bevorzuge es zurückgenommener.
Erden Sie dadurch die unnatürliche Drehbuchvorgaben oder Charaktere
Wenn es sich im Wechsel zwischen Drehbuch, Regie und meinem Spiel ergibt, vielleicht. Situationen, die zu sehr ins Theatralische abgleiten, versuche ich nach Gesprächen mit dem Regisseur wie jetzt Markus Imboden schon ein bisschen runterzuholen. Da haben Markus und ich ein ähnliches Gefühl für die Szene. Wir erden das dann gemeinsam.
Auf ein Niveau von Bodenständigkeit, das Ihnen auch als Mensch entspricht, Ihrer Persönlichkeit?
Mag sein. Privat bin ich ungeheuer bodenständig, das liegt an meiner Herkunft auf dem Land. Unter 70 Einwohnern kann man sich keine Extrawürste erlauben, sag ich mal. Aber trotzdem – die Art wie ich spiele, dieses Rohe, Unperfekte, vor allem in der Sprache, ist eindeutig ein Stilmittel. Das wende ich an, indem ich die Texte vorher nicht allzu intensiv lerne. Ich weiß immer, worum es geht, lasse mir aber die Freiräume, eigene Worte einzufügen, sofern mir ein Regisseur wie Markus dazu die Freiheit lässt. Trotzdem hat es natürlich mit mir zu tun. Auch diese Rolle als Dorfpolizist ist mir näher als manche andere. Darin fühle ich mich wohl.
Ihre Rollen offenbaren immer eine große Unsicherheit im Umgang mit Menschen.
Totale Überforderung. Aber Figuren, die nicht genau wissen, was sie tun, sind auch viel spannender als jene, die alles unter Kontrolle haben und hinterher mit geschwellter Brust davon erzählen. Das Natürliche macht mir auch deshalb mehr Spaß, weil die Zuschauer es besser verstehen, weil es näher an ihnen dran ist. Sonst gehen Sie ins Theater. Fehler, Fehltritte, Lehrstellen gefallen mir gut, gefallen mir sehr gut. Aber selbstverständlich gibt es Filme, für die man exakt den Vorgaben entsprechen muss, auch wenn es mir schwer fällt; Texte auswendig zu lernen liegt mir nicht so. Hier hab ich so um die 70 Prozent gelernt, der Rest ist Improvisation, hab ich ja auch in Ausbildung gelernt.
Wenn man wie Sie nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht – ist das von der Ausbildung bis zur Karriere eher hinderlich oder sogar förderlich?
Na ja, als klassischer Heldentyp mit Titelseitenqualität wächst die Gefahr, Fehltritte zu machen und ein erreichtes Niveau wieder nach unten zu verlassen. Ich muss immer durch mein Schauspiel, weniger durch die Oberfläche glänzen.
Das ist nachhaltiger.
Und man ist mit seinem Äußeren weniger präsent. Es hilft dabei, sich im Hintergrund zu halten, um so über die Nebenrollen nach vorn zu kommen. Im zweiten Glied kann man sich mehr austoben, das kommt mir sehr entgegen. Es macht mir den größten Spaß, wenn nicht alle Augen auf mich gerichtet sind, Hauptrollen stehen mir zu sehr im Fokus.
Haben Sie sich in diesem Film dann unwohl gefühlt? Schließlich ruhen alle Augen nur auf Ihnen?
Nein, nein. Das habe ich eher auf diese großen Sat.1-Schinken bezogen. Wenn ich da ständig der Titelheld wäre, würde mir das nicht gefallen. Diese Art Präsenz brauche ich gar nicht. Mit Hintergrund meine ich auch, hintergründig zu agieren. Und weil ich weiß, dass das bei einem Autor wie Holger Karsten Schmidt stets der Fall ist, müsste ich mir dessen Drehbuch gar nicht durchlesen, da würde ich so mitspielen. So eine Rolle ist ein Sechser im Lotto, der absolute Hauptgewinn. Auch in Markus Imbodens Mörderische Erpressung hatte ich das Gefühl, etwas Großes zu machen, ohne groß zu sein. Da war ich auch so ein kleiner Dorfpolizist.
Bevor Sie zur Dauerhauptdarsteller wurden, hatten Sie in knapp 50 Filmen fast ausschließlich Nebenrollen und viele davon in Uniform.
Hauptrollen sind gar nicht unbedingt bedeutender als die kleineren. Der Wahnsinn war zum Beispiel mein Kurzauftritt in Das Leben der anderen. Da bin ich sogar nur eingesprungen für jemanden, für zwei Tage. Da hab ich mir gesagt: na klar, guck dir das mal an. Und das hat mich eigentlich zuerst mal überfordert. Die waren alle schon total eingespielt und ich komm da reingeschneit und hab gleich eine große Szene, soll einen Witz erzählen, den ich überhaupt nicht witzig fand und mir noch nicht mal merken konnte. Das Drehen an sich war aber nicht so, dass ich es jederzeit wieder machen würde; viel zu gehetzt alles. Und ich hatte auch regelrecht Angst vor dem Film.
Sprichwörtlich oder wirklich Angst?
Nein, wirklich. Weil einen jeder angesprochen hat und meinte, boah wie toll und was du da drin gemacht hast. Wahnsinn. Deshalb hab ich den Film erst eineinhalb Jahre später durch Zufall mal gesehen und hab mich dann so darüber gefreut, diese Szene gemacht zu haben. Die Arbeit war okay, aber das Ergebnis war so toll – das hätte ich nicht gedacht. Es ist ein bisschen konzentrierter Hinnerk Schönemann.
Der sich jetzt ein bisschen als Oscargewinner fühlt?
Nee, Quatsch, überhaupt nicht. Ich habe nicht wirklich gearbeitet an diesem Film, mein Beitrag war kleiner, den Ruhm sollen andere einstreichen.
Ihrer rührt dagegen vor allem von Polizeirollen her. Verselbständigt sich so was?
Ich krieg auch andere Rollen angeboten, aber ich passe unglaublich gut in Uniform auf den Bildschirm. Die Leute wollen junge Polizisten sehen, die nicht zu abgehoben sind, aber auch ein wenig durchgeknallt. Aber ich weiß, dass ich ganz genau ab jetzt, wo Sie das fragen, aufpassen muss, wie viele ich davon noch annehme.
Dabei symbolisieren Streifenhörnchen besser als jeder andere Charakter ein Stück bundesrepublikanischer Normalität.
(Lacht) Streifenhörnchen, genau, damit konnte ich bisher gut leben, nun ist bald mal Schluss. Gute nehme ich weiter an. Selbst ganz normale Polizisten müssen ja irgendwas Ungewöhnliches haben, um ihre Normalität bemerkenswert zu machen.
Und Polizist werden wollten Sie nie?
Nie, auch wenn es Spaß macht, sie zu spielen.
Was sie immer ein wenig wie ein Dampfkessel machen. In vielen ihrer Rollen drohen sie jeden Moment zu explodieren.
So halte ich meine Energie aufrecht. Außerdem bin ich von Natur aus, also biologisch, ein hyperaktiver Typ, ich habe mein Leben lang gezappelt. Das kann ich beim Spielen einerseits nutzen, andererseits damit kompensieren, weil ich das Gefühl habe, zu arbeiten.
Muss man sie bremsen.
Absolut.
Mit welcher Technik.
Ganz einfach: einfach sagen. Ich stehe nicht kurz vor der Explosion, ich bin bloß energiegeladen, weil ich viel anbiete für meine Rolle, viel investiere. Man muss mich nicht im Zaum halten.
Nutzen Sie all die asiatischen Kampfsportarten, die Sie praktizieren als Ventil?
Hab ich mal, aber eher in der Schulzeit. Heute merke ich allerdings noch, was in mir steckt, weil ich zum Beispiel überhaupt kein Langschläfer bin, nach halb sieben, sieben bin ich nicht hoch, obwohl ich noch gar kein Kind habe; hätte ich aber gerne… Aber ich gehe auch früh zu Bett, nicht nach zwölf. Ich muss immer unterwegs sein, stundenlang im Sessel zu hocken und zu lesen ist nichts für mich. Ich hab mir in meinem Mecklenburger Heimatdorf einen Hof gekauft und baue mir den aus, das liegt mir mehr als rumsitzen.
Ein richtiges Landei?
Total. Und hundertprozentig norddeutsch. Jetzt weiß ich erst, was Heimat ist. In der Stadt fühle ich mich jedenfalls unwohl. Ich hab da zwar gewohnt und studiert und dachte, das gehört einfach dazu, bis ich gemerkt habe, dass das nicht stimmt. Ich brauche die Stadt nicht, ich gehöre aufs Land, weil ich es liebe, allein zu sein. Nicht einsam. Ich genieße es, körperlich zu arbeiten, da hab ich meinen Trecker und kann alles machen, noch keine Landwirtschaft, erst mal das Land urbar machen, bauen, baggern, das geht alles mit meinem Trecker.
Was ist Ihnen an der Stadt so unangenehm?
Die vielen Menschen. Mittlerweile hab ich wirklich ein großes Problem mit Ansammlungen. Drehen, Interviews geben – das ist Teil der Arbeit, das kann ich akzeptieren, aber ich habe allergrößte Probleme, mich einfach so auf einen Kaffee zu treffen und zu reden; Smalltalk liegt mir überhaupt nicht. Ich verkrampfe mich und will nach Hause, das gibt mir nichts und zuhause liegt immer noch so viel Arbeit, dass ich gar keine Zeit für so was hab. Das ist kein Genuss. Ebenso wenig wie zu feiern. Ich war noch nie ein Partytyp, selbst Geburtstag hab ich immer ausgelassen, weil ich keinen Spaß daran habe Leute zu bewirten und zu unterhalten.
Das klingt bei ihrem Beruf ziemlich problematisch.
Da ist es seltsamerweise genau umgekehrt. Da kann ich einen Schalter umlegen, das ist Arbeit und da brauche ich Publikum, ein Team, das mich beobachtet, da kann ich sogar andere mit Humor unterhalten. Aber sobald Drehschluss ist, ist das alles weg. Selbst das Bier hinterher, kann man an einer Hand abzählen, wenn ich förmlich mitgezogen wurde. Bei der Arbeit kann ich mich hinter einer Rolle verstecken.
Traumrolle?
Mit Leander Haußmann, eine große tragende Rolle mit ihm. Oder Detlef Buck. Am besten beide zusammen, das träume ich seit meiner Schulzeit. Komischerweise war es schon immer mein Gefühl, wir würden gut zusammen passen. Aber vielleicht klappt es dann gerade nicht. Wenn sich zwei Komiker unterhalten, kann es ja auch ganz schön traurig sein.
Der famose ARD-Film Bornholmer Straße (5. November, 20.15 Uhr) ist gewiss eines der besten Stücke Aufarbeitung des Mauerfalls vor 25 Jahren. Das liegt am tragikomischen Drehbuch, mehr aber noch an Charly Hübner als zweifelnd resoluter Grenzer, den es angeblich genau so in der Realität gab. Und das ist fast noch schwerer zu glauben als der Spießersozialismus selbst.
Von Jan Freitag
Das Aussehen, so lautet eine Grundregel filmischer Attraktivitätsverteilung, hängt maßgeblich von der Geisteshaltung ab. Um in 90 Minuten möglichst wenig Zeit mit Charakterzeichnung zu vergeuden, zeichnet man lieber an der äußeren Kontur. Die Guten sehen daher meist super aus, die Bösen dagegen, nun ja, eher Scheiße. Ein DDR-Grenzübergang zum Beispiel, in einer kühlen Herbstnacht vor 25 Jahren: Nervös beobachtet die Wachmannschaft eine anschwellende Menschenmenge, die ohne Visum von Ost- nach Westberlin wollen, und wie sehen sie aus, die uniformierten Schießhunde des sinkenden Schiffes? Wie Trottel!
Die Körper zu linkisch, die Haare zu bieder, die Brillen zu groß, die Blicke zu dumpf – die gesamte Schlagbaumbesatzung ist eine hyperbürokratische Karikatur ihrer Selbst, allesamt Fratzen der Tyrannei, demaskiert von der wankenden Mauer daneben. So stellt sich das gesamtdeutsche Fernsehen zum Jubiläum der Wiedervereinigung den Systemfeind vor. Noch ein Klischeestück über die Wendezeit, noch mehr fiese Realsozialisten im Kampf mit aufrechten Bürgern – mit dieser Feststellung könnte man es bewenden lassen, abschalten oder einnicken und rasch vergessen.
Fertig.
Doch so einfach ist es nicht. Die ARD mag das Vorurteil des falschen Lebens im Falschen abermals nach Schema F wie Fremdscham kostümieren – abgesehen vom Äußeren fiktionalisiert „Bornholmer Straße“ die Realität einer historischen Nacht am Rande der Brillanz. Christian Schwochows Film liefert mit das Beste, was zum 9. November 89 samt Folgen bislang gedreht wurde. Und das hat zwei gleichrangige Gründe. Der erste steht im Drehbuch der Eltern des Regisseurs. Das Familienprodukt von der Ferieninsel Rügen entwickelt nämlich als erster Film zum Thema glaubhaft Empathie für die Täter, ohne ihre Handeln zu verharmlosen. Das Schlüsselwort lautet: Befehl. Je mehr die bewaffneten Grenzer innerlich vorm wachsenden Mob im Neonlicht ihres Postens kapitulieren, je absurder ihnen das Exekutieren überkommener Gesetze im Lichte von Günther Schabowskis berühmter Pressekonferenz („unverzüglich“) erscheint, je heftiger sie ihre aufkeimende Angst in hilfloses Paragrafenreiten kleiden, desto häufiger verweisen sie auf ihre Vorgesetzten. Gern ohne Prädikat und Objekt: Befehl. Punkt.
Dieser betutlich-biedere, ketterauchend-ignorante, moosgrün-staubige Kadavergehorsam macht Bornholmer Straße zu weit mehr als bloß einer weiteren Fiktion des diktatorischen Ernstfalls vor realem Hintergrund. Weder bloß Tragödie noch bloß Komödie, die das System aus SED, FDJ, NVA wechselweise verulkt oder überzeichnet, um ernsthafte Diskurse zu vermeiden. Es ist eine wahrheitsgemäß groteske Darstellung hierarchischen Verhaltens insgesamt, eine mal sehr lustige, mal mehr ergreifende Studie gesunden Menschenverstands am Krankenbett der Unlogik. Die Protagonisten mögen dabei bis in die höchsten Dienstgrade handelnde Akteure des Legalen, aber Illegitimen sein – als in dieser Nacht lange nach der Moral auch noch das Recht kippt, werden sie selbst zu Opfern. Opfern der Geschichte, Opfern der Zukunft.
Und die verkörpert, zweiter Grund, niemand so hinreißend wie Charly Hübner. Sein tapsig resoluter Oberstleutnant Harald Schäfer schwankt so fabelhaft zwischen Macht und Ohnmacht, Wut, Verzweiflung, Loyalität und Trotz, als stünde der echte Harald Schäfer am Set, jener Chef vom Dienst, der damals kurz vorm Gewaltausbruch den Grenzbaum hochzog. Dafür braucht der 41-Jährige wie bei Mecklenburgern üblich nicht viele Worte; ihm reichen kleine Gesten, die mehr sagen als ein ganzer Abend RTL. Wie sein schweigsam brodelnder Kommissar Bukow im Polizeiruf schürzt Hübner im Konfliktfall oft nur die Lippen und betrachtet den Lauf der Dinge wie von außen, hilflos und zweifelnd, doch voller Verantwortungsgefühl: für seine Grenze, die jener Schäfer seit 25 Jahren sichert. Für das System, hier symbolisiert von einem grandios zerfließenden Ulrich Mattes als Oberst Hartmut Kummer. Für seine Untergebenen von Milan Peschel über Rainer Bock bis Frederick Lau. Letztlich auch für die Menge, deren Zorn zusehends gerechter wirkt. Auch sie ist übrigens erstaunlich unfotogen. Wenn selbst die Guten scheiße aussehen dürfen, macht ein guter Film noch mehr richtig.
Keine Frage: Selbst als gebührenfinanzierter Sender mit Niveau kann man ein Boulevard-Magazin machen. Womöglich muss man es sogar tun, angesichts der Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage, die selbst der FAZ längst bunte Spalten verpasst hat und Arte Dokusoaps. Es ist halt bloß fraglich, ob sich die ARD wirklich entblöden muss, fürs Boulevard-Magazin Brisant wie zuletzt Redakteure des debilen Blaublutblatts die aktuelle als „Promi-Experte“ zu engagieren. Das ist ja doch so, als würde die NASA Erich von Däniken für eine Mars-Mission engagieren. Oder auch: Das Publikum darüber entscheiden lassen, was demnächst auf einem anderen Sender mit Anspruch läuft.
Nichts gegen Partizipation oder Interaktivität, aber dass die Zuschauer des ehrgeizigen TV-Lab den abischerzflachen Dünnschiss Diese Kaminskis ins ZDFneo-Programm gewählt haben, kann nur zweierlei bedeuten: An der Wahl haben bloß Stammgäste von RTL2 teilgenommen. Oder ZDFneo hat sich nur als Jugendkanal des ZDF getarnt und ist in Wahrheit RTL2. Kurz nach seinem 5. Geburtstag am Freitag geht er nämlich mit der billigen Klamaukkopie von Six Feet Under in Serie, bei der prollige Kölner Bestatter beim Ketterauchen, tihi, den Sarg ansengen oder darauf, bruha, kopulieren.
Herrjemine.
Dann doch lieber die letzte Folge Wetten, dass…? (oder sollte man sagen: die letzte mit Markus Lanz?) ansehen, für die allerdings grad Furchtbares vermeldet wurde: kurz vor Weihnachten muss sie nun doch ohne die drei Altmoderatoren auskommen, von denen sich der erste (Elstner) grundlos abgemeldet hat, der wichtigste (Gottschalk) sarkastisch und der irrelevante (Lippert) bedauernd. Mit purem Hohn dagegen hat Will Arnett beim Late-Night-Talker Jimmy Kimmel über seinen Besuch auf dem Wettsofa hergezogen: Fünf Minuten lang lachte sich der Hollywoodstar über die Absurdität unseres Fernsehens schlapp und gelobte, schon aus Angst vor unserer Humorlosigkeit werde er es nie wieder aufsuchen.
Die Frischwoche
3. – 9. November
Aber keine Sorge, lieber Will: Samstag ist die Couch wieder mit Stamminventar von Grönemeyer über Berben bis Hirschhausen besetzt und Arnetts Blockbuster mutierter Schildkröten läuft ja auch schon eine Weile im Kino, da kann er sich die deutsche Werbeplattform sparen. Wir allerdings, wir Eingeborenen, wir können das nicht so leicht. Uns wird tagein, tagaus das Grauen vorgesetzt – und das zum Mauerfalljubiläum auch noch mit vorgegaukelter Relevanz. Etwa das Experiment Eine Woche DDR, bei dem RTL eine Schulklasse im Mittagsjournal Punkt 12 fünf Wochentage lang in FDJ-Hemden steckt, mit Spreewaldgurken füttert, Fahnenappelle simulieren lässt und so angeblich den Alltag Ost erspürt.
Schlechter geeignet ist dafür eigentlich nur noch der lausige Polizeiruf Magdeburg am Sonntag. Besser dagegen taugt der Themenabend Mauerfall, mit dem das ZDF parallel bis drei Uhr nachts die Zeit vor 25 Jahren aufleben lässt. Richtig gut wäre auch die Wiederholung von Hurra Deutschland!, mit dem EinsFestival ab Freitag um 17.30 samt der legendären Handpuppen an die Ereignisse der Wendephase erinnert. Nahezu perfekt indes eignet sich der ARD-Mittwochsfilm Bornholmer Straße. Darin spielt Charly Hübner einen fast beängstigend glaubhaften Grenzer, dem die Ost-Berliner am 9. November ’89 den Übergang einrennen. Die Tragik darin ist so voller Komik und umgekehrt, dass Christian Schwochows biografische Fiktion schon jetzt zum Besten zählt, was 2014 hervorgebracht haben wird.
So was ist gewöhnlich auch bei allem, was Hinnerk Schönemann spielt, der Fall. Wobei der Ostseekrimi Nord bei Nordwest Donnerstag im Ersten das Rad des Küstenwesterns nicht neu erfindet, aber um ein fabelhaftes Exemplar erweitert, wenn Schönemann als Exbulle mit Tierarztpraxis in Mecklenburg auf zwei Leichen stößt. Ebenfalls hoch im Norden handelt, was der NDR heute um 23.15 Uhr erstausstrahlt. Da In der Stunde des Luchses aus Skandinavien stammt, ist aber bereits zu ahnen, dass es hier um weit krassere Kriminalität geht: einen dänischen Doppelmörder nämlich, der zur Resozialisierung einem psychiatrischen Experiment unterzogen wird, das auch dem Zuschauer an die Nerven geht.
Dass Sat1 am Dienstag ein brauchbares Drama zeigt, bei dem man sich trotz Alexandra Neldel als aufrechte Ärztin im asiatischen Katastrophengebiet nicht fremdschämen muss, sei hier auch noch erwähnt (wobei Gegen den Sturm dennoch dünnere Bretter bohrt). Und damit wären wir auch schon beim Kontrastprogramm Tipp der Woche. In Schwarzweiß diesmal Sie küssten und sie schlugen ihn (Montag, 20.15 Uhr, Arte), mit der Francois Truffaut 1959 die Nouvelle Vague begründete. In Farbe Dead Man Walking (Mittwoch, 20.15 Uhr, Tele5), mit der Sean Penn 1995 als verurteilter Hinrichtungskandidat bewies, dass er mehr kann als Action.
Risiko war gestern. Heute kraxelt man entspannt an fest verankerten Stahltrossen die Alpen hinauf. Längst schießen Klettersteige wie Pilze aus der alpinen Felswand. Ist das wirklich Bergsteigen Light? Nicht am Hochkönig.
Von Jan Freitag
Dieser Ausblick: Im Osten der flächig aufragende Hochkönig, im Osten sein spitzer Gipfelnachbar Hochseiler, das Steinerne Meer in Sicht, weiß überzuckert, grüngrau geädert, von Schäfchenwolken umwickelt – ein Herzensöffner, der für vieles entschädigt. Für die Anstrengung und die Versagensangst, für die brennenden Muskeln, zitternden Knie, geschundenen Finger, eigentlich für alles. Sogar für diesen Irrtum.
Klettersteige, kriegt man vorab von allen zu hören, die im Fels die reine Lehre predigen, das sei doch kein echter Alpinismus. Klettersteige, sagt selbst Gerald, „der Gerry“, dessen Nachname im Berg nichts zählt, „das ist für Könner manchmal eher Micky Maus“; Klettersteige, den Eindruck gewinnen auch Laien am ersten Haken, das ist ja gar nicht so schwer. Ist es doch. Und irgendwie nicht. Denn nach dem Einstieg mag bald die Erschöpfung anklopfen und irgendwann ein Signal ans Gehirn: Aufgabe. Doch spätestens oben, die letzte Kuppe in Griffweite, mündet das Wechselbad der Gefühle in Euphorie, etwas Großes vollbracht zu haben.
Dabei beginnt es zunächst ganz klein, unterm höchsten Berchtesgadener Gebirgsstock. Genau genommen beginnt sie 36 Stunden zuvor, im Alpinpark Dienten am Fuße des Hochkönig. Übungsprogramm für Untrainierte, Aufwärmphase, „Vertrauen zum Fels kriegen“, meint Gerry. „Und zum Material.“ Denn das spielt in dieser Teilkaskoversion des Bergsteigens eine Hauptrolle. Nervenkitzel war das Mantra des Singleurlaubs früherer Tage und leidlich lukrativ für die Region. Erst gepaart mit Sicherheit aber wird er familientauglich und somit Garant für eine ungewisse Zukunft. In der Ära von Schneearmut und Klimawandel wird die Sommersaison schließlich zur neuen Stoßzeit; da muss der Fremdenverkehr Alternativen zum winterlichen Wedeln entwerfen. Und findet ihn vor der eigenen Nase.
Auf deren Höhe zeigt Gerry das Werkzeug der alpinen Zukunft im Fels seiner Heimat: Ein gewundenes Stahlseil an kräftigen Eisenhaken, die unterarmlang und zeigefingerdick alle drei Meter tief in die Wand getrieben und mit 2-Komponenten-Kleber fixiert werden – „das hält euch alle auf einmal“. Und locker zehn weitere Anfängergruppen, 5000 Kilo insgesamt. Es ist ein stählerner Vertrauensvorschuss, an dem man sich gleich doppelt vertäut. Nach dem Partnercheck, versteht sich: Gegenseitig prüfen die Zweierteams Gurte, Knoten, Winde, Karabiner, Seile und übt das Pendeln in Falllinie, den Hub aus beiden Beinen, die Schonung der Arme. Safety geht vor Thrill, Helm ist Pflicht. Also doch Vollkasko? „Nein“, ruft Gerry und sein etwas lautes Lachen verrät den Geschäftsmann im kreuzehrlichen Bergführer: „Wenn du runter fällst, fällst du runter, und das tut weh.“
Aber man falle eben doch nur ein wenig, bis sich das dehnbare Seil vorm Bauchnabel strafft und so denn Absturz dämpft. Zwei Meter, maximal drei. Nicht schön, aber auch nicht nötig. Denn anders als in der Seilschaft ist man im Steig zwar auf sich allein gestellt, hat aber bei Bedarf stets die Hand an der Trosse. „Da passiert nix“, betont der wettergegerbte Fünftagebartträger mit den sehnigen Armen, rät im Fall des Absturzes aber doch: „Nicht abstürzen!“ Dafür probt die Schar Neulinge. Erst mit Seil, um den Stein zu spüren, dann am Stahl, um den Steig zu spüren, zwischendurch am Staudamm, um das Abseilen zu spüren, zuletzt im Hochseilgarten, um die Höhe zu spüren.
Doch am Morgen drauf spürt man erstmal nur die Kälte am Grandlspitz. Wie Quellwasser kriecht sie durchs Fleece. Der Tag ist jung, die Kleidung auf Gipfelfrische geschichtet, 2307 Meter hoch liegt das Ziel, doch bis da ist es noch weit. Erst kommt der Zustieg, zwei Stunden aufwärts bis zum Einklinken. Schon das kostet Körner. Und Nerven. Wer sich den ungesicherten, bisweilen bloß hüftbreiten Schotterpfad indes vor Augen hält, links steil den Berg hinauf, rechts steil zu Tal hinab, der verliert ein bisschen Angst vor den 170 Höhenmetern, die es im Klettersteig zu überwinden gilt. Kategorie B, zum Schluss gar D, eine Stufe vor professionell. Kaum zu glauben, dass die Skala noch weiter reicht.
Denn es ist steil. Ab elf brennt die Sonne. Arme und Beine brauchen zunehmend Pausen. Aber wie sagte Gerry eingangs: „Die Alternative heißt Helikopter.“ Eine teure. Also weiter, die letzten 30 Meter mit Extraseil gesichert, um sich mal hängen zu lassen; wer will schon die makellose Sturzstatistik trüben? Und mit jedem Meter zum Ziel, wo eine furioser Panoramablick jede Mühe – auch des zweistündigen Abstiegs – rechtfertigt, wird man sich der Schizophrenie des Steiges bewusster: Dem Drang, frei zu klettern, dem Zwang, am Draht zu bleiben; dem Glauben, diesem Berg zu trotzen, der Erkenntnis, das könne ja jeder.
Neun Klettersteige hat die Region, zwei davon am Hochkönig, wo der Naturschutz Baugrenzen setzt. Trotzdem erreicht die Zahl der Aufstiege auch hier bald die 1000 pro Jahr. Zu wenig sagen viele, die den leichteren Gipfelsturm als Demokratisierung des Elitensports loben. Zu viel entgegnen jene, die Verhältnisse wie im Südtiroler Klettermekka Arco fürchten, wo der Fels wie käsiger Marmor sei: perforiert, geglättet von Abertausend Haken und Händen. Bei uns, sagt Gerry und meint das positiv, „ist’s so rau, dass die Finger bluten“. Bei ihm, fügt er Tirolerisch hinzu, „wird’ nix zerklettert“.
Berge gibt’s ja genug. Und meist herrsche Stille. Am Grandlspitz, doch auch in den leichten Steigen kann man ihn also spüren: Den Geist des Kletterns, allein mit sich und dem Fels. Nun ja, und einem fingerdicken Stahlseil.
Das Französische ist bekanntlich gesprochen wie gesungen eine der schönsten Sprachen überhaupt. Verglichen damit, als Französin englisch zu singen, erscheinen Perlen vor die Säue demzufolge fast als lohnenswerte Investition. Die französische Singer/Songwriterin Mina Tindle hat genau das auf ihrer ersten Platte getan. Taranta hieß es und bereicherte die weite Welt des Chansons vor drei Jahren dennoch um eine traumhaft schöne, melodisch ausgewogene, emotional berührende und dabei überaus vielfältige Version dessen, was gern als French Folk vermarktet wird. Allein: Die junge Pariserin tat es seinerzeit eben nur ausnahmsweise mal in ihrer Muttersprache. Das hat sich auf ihrem zweiten Album geändert. Und das ist mal wirklich gut so.
Auch auf Parades greift Mina Tindle zwar gelegentlich zum Sprachmix, doch der Grundton ist heimisch und somit näher an dem, was ihr Land musikalisch so ausmacht: Die weiche Melodie des Wortes, hier gepaart mit Tönen, die etwas fülliger daherkommen als 2011, mit mehr Tempiwechseln, poppiger also, manchmal fast wavig. Es gibt da heitere Synthie-Einsätze und verspielte Samples, viel Westerngitarre, aber auch elektrische Passagen. Die Multinstrumentalistin von 31 Jahren macht aus dem gefühligen Chanson früherer Jahre ein kleines Abenteuer filigraner Popmusik. Das klingt meistens fröhlich, aber nicht so bräsig, wie die Durlastigkeit ihres Sounds vermuten ließe. Mina Tindle macht Musik fürs offene Cabrio im Sonnenschein, aber man kann das schon auch bei Regenwetter daheim hören. Parades ist das perfekte Herbstalbum, die Sprache ist da fast zweitrangig.
Mina Tindle – Taranta (Believe Recordings)
Haley Bonar
Aus den stillen Ecken des Pop kommen zuweilen erstaunlich laute Töne. Sie klingen zunächst gar nicht so, platzen aber schier vor Kraft. Erinnert sei da an Talk Talk, deren Sänger Mark Hollis zu Beginn der Achtziger aus voller Kehle zu schreien schien, dabei das Gegenteil von Geschrei erzeugte und dennoch bis auf den Grund der Seelen vordrang. Dies sind die seltenen Momente unscheinbarer Energie, die im Hallraum der Aufmerksamkeit zu verwehen drohen und sich auf sonderbare Weise behaupten. Momente wie bei Haley Bonar. Die Songwriterin aus Minnesota ist seit vielen Jahren auf Tour. Sie hat in diesen vielen Jahren sogar vergleichsweise viele Platten gemacht. Platten, von denen viele sicher noch nie gehört haben. Und doch ist das, was sie nun auf ihrem ersten Album bei einem einigermaßen zugkräftigen Label – Memphis Industries – kompiliert, in seiner Zurückhaltung ein so durchdringender Schrei aus den Tiefen des Pop, dass man angesichts dessen fast erschaudert.
Last War heißt die Sammlung mal trübsinniger, mal deprimierter, selten jedenfalls lebensbejahender Liebeslieder, deren melodramatische Stoßrichtung bereits im Titel des Eröffnungsstücks Kill The Fun deutlich wird. Es klingt ein bisschen nach den Pierces, diesem psychedelischen Feenfolkduo aus den Südstaaten, deren hypnotischer Doppelgesang wirkt wie einst die Sirenen auf Homer. Ein wenig erinnert es auch an Bon Iver, mit dessen Sänger Haley Bonar schon gemeinsam gespielt hat. In seiner Geruhsamkeit wirkt Last War dabei manchmal wie Hilferufe aus einem Kellerloch, durch das kaum ein Laut nach außen dringt. Doch dann taucht man tiefer hinein in dieses epische Werk. Lässt sich im Titelstück abwärts ziehen und sodann mit Schwung an die Oberfläche. Schwimmt in Heaven’s Made For Two mit schnellen Zügen seelenruhig durch ein tosendes Gewässer. Treibt in From A Cage auf dem Rücken unterm Sternenhimmel und lässt sich in ein seichtes Meer aus Beatles-Harmonien treiben. Nimmt in Woke Up In My Future wieder Fahrt auf, bis einen das Finale namens Eat For Free im Sonnenaufgang an einen malerischen Strand spült, erschöpft, nicht glücklich, aber bis ins tiefste Gemüt geerdet.
Stets vollbringt Haley Bonar dabei das kleine Wunder, gleichsam zu flüstern und zu brüllen. Ihre Stimme mag manchmal wie in Watte gepackt klingen, runtergeregelt wie am frühen Morgen einer Sommernachtsparty, nicht mehr ganz wach, schon fast im Halbschlaf. Doch angetrieben von ihren Musikern, die sie sich aus dem Kosmos diverser Bands von Alpha Consumer bis Tapes ‘n Tapes geborgt hat, entfaltet sich inmitten der Stille eine orchestrale Kraft, die gelegentlich fast in den Krach abdriftet, ohne je überdreht, gar aufgeregt zu sein. All dies macht Last War zum letzten Beweis, dass die Wahl der Mittel im Pop ihr Ergebnis weniger beeinflusst als der Geist, der das Ganze gefühlvoll federn lässt. Haley Bonar ist eine Zauberin des Unterschwelligen; wer sich ihr entziehen kann, ist Speedmetalfan oder emotional zu abgebrüht für Folk aus der Tiefe des Herzens. Selten klang Zwiespalt schöner.
Haley Bonar – Last War (Memphis Industries); mehr Sound’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/10/20/haley-bonar-last-war_18793
Eigentlich spielt Steven van Zandt Gitarre bei Bruce Springsteen. 1999 aber wurde er von der Bühne für Die Sopranos gecastet und ist seither der TV-Mafioso vom Dienst – ab heute (21 Uhr) auch in der Arte-Serie Lilyhammer, wohin er als vor seinem Paten flieht. Für die preisgekrönte Geschichte vom Ostküsten-Verbrecher in der verschneiten Provinz Norwegens schreibt das Multitalent nicht nur am Drehbuch mit, sondern entwirft auch die Kostüme und sorgt für den Soundtrack. Ein Gespräch mit dem 64-Jährigen Italo-Amerikaner über seine Filmkriminellen, deren Haarpracht und was Der Boss zu alldem sagt.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Mr. van Zandt, welche Eigenschaften muss ein Schauspieler seinem Mafioso unbedingt mitgeben, um glaubhaft zu sein?
Steven van Zandt: Gut sitzende, aber etwas weite Anzüge gehören unbedingt dazu. Dann natürlich diese fantastischen Frisuren mit viel Brillantine. Überhaupt sollte der Stil sehr an die Vierziger- bis Fünfzigerjahre erinnern. Silvio und Frank…
Ihre beiden Mafiosi aus Sopranos und Lilyhammer.
… das sind beide schließlich unbedingte Nostalgiker.
Soweit zu den Äußerlichkeiten. Wie ist es mit dem Habitus?
Ach, der kommt dann fast von allein, wenn man sich so toll kleidet.
Dass heißt, auch ihr böser Blick mit gesenktem Kinn und vorgeschobener Unterlippe kommt bei diesen Kostümen fast von allein?
Ich musste den jedenfalls nicht stundenlang vorm Spiegel üben. Aber er folgt schon auch einem Bedürfnis, mich so umfassend wie möglich von meiner Rolle zu unterscheiden. Und die wiederum vom Hippie-Gitarristen, der ich im restlichen Leben an der Seite von Bruce Springsteen bin.
Als Little Steven und Teil der E Street Band. Liegt das Authentische vielleicht auch in ihren italo-amerikanischen Genen begründet?
Oh, mit solchen Aussagen wäre ich jetzt aber sehr vorsichtig (lacht). Manche Menschen mit diesen Genen könnten das als extrem beleidigend empfinden. Nein, mein Training war wohl eher ein lebenslanges Interesse für die Mafia. Ich habe alle Filme gesehen, jedes Buch dazu verschlungen. Die Mafia hat den Western als Genre der Gesetzlosen abgelöst, deshalb fühle ich mich zu dem Thema ebenso hingezogen wie es die gesamte Gesellschaft. Es geht da viel um die Sehnsucht, sein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen – egal, mit welchen Mitteln. Dieses Gefühl habe ich verinnerlicht für meine Rollen.
Eine Schauspielschule haben Sie dafür allerdings nicht besucht.
Nein, meine Schauspielschule war New Jersey, da ist man ständig von Mafiosi umgeben – zumindest welchen, die es gern wären. Wissen Sie: die wichtigste Fähigkeit eines Schauspielers ist seine Vorstellungskraft, und davon hab ich eine Menge, das hilft sehr. Wenn ich mir wirklich vorstelle, eine andere Person sein zu wollen, kann ich sie förmlich im Spiegel sehen.
Auch die Macher der Sopranos haben Sie in diesem Spiegel gesehen, als sie Sie 1999 direkt von der Bühne weg gecastet haben.
In der Tat. David Chase war ein großer Fan von Bruce Springsteen und unserer Band. Und er fragte mich irgendwann, ob ich mir vorstellen könnte, einen Mafioso zu spielen. Ich sagte, das wäre wirklich nett, aber ich bin leider kein Schauspieler. Da sagte er: doch, das bist du. Du weißt es nur noch nicht.
Weil in jedem von uns ein Schauspieler steckt?
Zum einen dies. Zum anderen ist E Street etwas anders als andere Rockbands. Wir sind keine gesichts- und namenlosen Begleitmusiker von Bruce, sondern eher eine eng befreundetes Rat Pack des Rock’n’Roll mit Bruce als Frank Sinatra, mir als Dean Martin und Clarence als etwas aus dem Leim gegangener Samy Davis Jr. Wir haben unsere Shows immer theatralischer aufgefasst als andere. Das hat David Chase gespürt.
Danach haben Sie allein acht Jahre mit Silvio Dante verbracht und nun bereits zwei weitere mit Frank Targelio. Haben Sie da überhaupt noch genug Zeit für die Musik?
Ich nehme sie mir. Zumal ich neben der Titelmusik auch für den Soundtrack mehrerer Serienstaffeln gesorgt habe. Abseits davon wurde es zwischenzeitlich schon weniger, aber mittlerweile mache ich wieder mehr Musik und habe gerade zehn Songs eingespielt.
Was sagt denn Bruce Springsteen überhaupt zu ihrer Nebenkarriere vor der Kamera?
Er war immer sehr auf meiner Seite und ist zudem ein großer Fan der Sopranos. Aber beide Arbeiten haben sich auch nie so sehr überlappt, dass eine unter der anderen gelitten hätte. Gerade meine Rolle bei den Sopranos ließ sich meist gut mit Touren und dem Studio koordinieren. Als Hauptdarsteller von Lilyhammer ist das schon etwas anderes, aber bei der 1. und der 3. Staffel habe ich gerade mal je einen Monat einer zweijährigen Tour verpasst. Und ehrlich: Die kommen auch mal ohne ihren TV-Mafioso klar.
Würden Sie gern mal etwas anderes spielen als den?
Genau das dachte ich auch, als die Produzenten von Lilyhammer zu mir kamen. Aber die Idee war einfach zu gut, um es abzulehnen. Scheiß auf mein Image – mir ist es wichtiger, gute Sachen zu machen als abwechslungsreiche. Dennoch bin ich gespannt, was mir demnächst anderes angeboten wird.
Wäre Ihre Frau Maureen dann wieder dabei?
Ex-Frau bitte (lacht). Wer weiß. Am Ende ist sie ja die einzig richtige Schauspielerin von uns zwei und wirklich grandios. Dennoch sind es ja eher kleine Rollen: meine Frau bei den Sopranos und jeweils zwei Auftritte in den Finalfolgen von Lilyhammer. Und obwohl sie sonst eher Shakespeare spielt, hat sie beides wirklich gemocht.
Mögen Sie einen Ihrer beiden Mafiosi lieber als den anderen?
Nein, dafür sind sie einfach viel zu verschieden. Witzigerweise war Silvio Dante dafür zuständig, dass seinem Boss nichts passiert, während Frank Targelio selbst versucht, drüben in Norwegen einer zu sein. Er ist Tony Soprano also ähnlicher als Sil Dante. Außerdem ist er viel witziger.
Macht das Lilyhammer zu einer Komödie?
Schon, aber eine mit sehr ernsten Anteilen. In Norwegen haben wir deshalb einen Fernsehpreis als beste Drama-Serie bekommen, während wir in Monte Carlo als beste Comedy gewonnen haben. Es steckt beides drin, aber Lilyhammer fühlt sich definitiv leichter an als die Sopranos. Zumal es weit weniger Gewalt gibt, die wird in Norwegen nicht so gern gesehen. Viel haben die zwei Figuren also nicht gemeinsam.
Was sie allerdings eint, ist diese unglaubliche Frisur.
(lacht) Wahnsinn, oder? Deshalb sagen wir gern, das Haar übernimmt das Schauspielen, wir machen den Rest.
Was würden Sie tun, um diese Haare zu haben?
Glauben Sie mir: Fast alles! Denn die wahre Herausforderung an Little Steven ist es doch, zu verbergen, dass er nicht so tolles Haar hat.
Lilyhammer – vier Doppelfolgen ab 30. November, donnerstags ab 21 Uhr auf Arte
Francis Fulton-Smith ist ein Schauspieler der ganz alten Schule, ein kantiger Charmeur, der zupackt und mitfühlt, pures Fünzigerjahrefernsehen gegen die emanzipatorischen Verlockungen der Gegenwart. Jetzt zeigt er das mal wieder mit junger schöner Frau und harten Nüssen zu knacken in Ein Fall von Liebe (donnerstags, 18.50 Uhr, ARD). Und das Dollste: Damit kann FFS echt zufrieden sein.
Von Jan Freitag
In Zeiten wie diesen haben es echte Kerle schwer. Der Kulturbetrieb sucht metrosexuelle Protagonisten, allerorten ist Androgynität gefragt, von Wirtschaft bis Kino sind Frauen auf dem Vormarsch und dürfen dabei sogar Frauen bleiben. Keine leichte Phase also für Männer vom Schlage eines Francis Fulton-Smith. Der Münchner Schauspieler ist schließlich ein Prototyp maskuliner Beharrlichkeit im Showbiz: Lederjackenattitüde, 36-Stunden-Bart, Landsermimik – ein Mannsbild wie aus dem Silberwald. Ein Kraftpaket früherer Tage, als es sonntags noch Braten mit Soße gab und alltags Vollbeschäftigung. Francis Fulton-Smith – so heißt er wirklich! – ist so gestrig wie Meister Proper und doch bestens im Geschäft. Das hat Gründe.
Offenbar gibt es auch in Zeiten wie diesen einen unverwüstlichen Bedarf nach Helden alter Schule. Und da auch die Nachfrage nach Krimiserien ungebrochen ist, darf FFC, das bayrische Kraftpaket mit britischem Pass, mal als französischer Flic mit Stahl im Blick namens LaBréa auf Verbrecherjagd gehen und dabei auf Pariser Straßen fließend deutsch sprechen. Mal darf er etwas Ähnliches in Deutschland tun, wenn er wie heute den alliterierenden Anwalt Florian Faber spielt, der mit Mariella Ahrens als Journalistin und Exfrau für Gerechtigkeit und den denkbar debilen Titel Ein Fall von Liebe kämpft.
Das ist wie nahezu alles, was Francis Fulton Smith spielt, dramaturgisch hanebüchen, schauspielerisch mäßig und alles in allem unfassbar konventionell. Aber um inhaltliche Güte geht es dem Vorabendfernsehen ebenso wenig wie dem zugehörigen Publikum. Beiden geht es ums Einlullen, die sanfte Vorbereitung auf den anschließenden Hauptabend, wenn abseits der handelsüblichen Tatort-Härte an schönen Urlaubszielen ermittelt wird und ARZDF von Venedig (Donna Leon) über halb Skandinavien bis nach Triest (Commissario Laurenti) auf Reisen geht. Und immer vorweg: diese kantigen Charmeure des Stromlinienfernsehen: Erol Sander, Uwe Kockisch und natürlich er: Francis Fulton-Smith.
Doch so auch die heimische Übeltäterhatz schmeckt – das Kraftpaket von 43 Jahren ist für derlei Formate keinesfalls die schlechteste Wahl, nicht bei diesem Sender, nicht auf diesem Sendplatz, nicht bei diesem Zielpublikum. Denn die Generation 60+ belohnt auch herkömmliche Formate mit Topquoten und mag vor der Nachtruhe weder feuilletonistisches Dialogkino noch schrilles Entertainment. Ihm reicht seichte Unterhaltung mit leichtem Schauder, an dessen Ende gut über böse siegt. Punkt.
Vor allem aber schätzt es hier wie an den anderen Schnulzenplätzen von ARD und ZDF Männer wie Francis Fulton-Smith. Eben weil er sie an verwehte Heimatfilmepochen erinnert. Nicht umsonst ist in seiner bekanntesten Rolle die ganze Filmsippe nach seinem Filmberuf benannt (Familie Dr. Kleist). Da fühlen sich viele Senioren in überschaubare Zeiten zurückversetzt, als man haushaltende Gattinnen noch mit Frau Kommerzienrat anreden durfte.
Es ist dieser zahme Tiger aus Traumschiff, Pilcher und Schwarzwaldklinik, den kaum einer besser zu reiten versteht als Francis Fulton-Smith. Viele seiner Filme tragen irgendwas mit Herzen, Liebe, Glück oder Gefühl im Titel. Seit seiner Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München ist er auf Beziehungsrollen abonniert. Gern spielt er sie an der Seite von Christine Neubauer. Fast immer wird darin Triviales verhandelt. Und wenn er mal etwas Härteres wie einen Wehrmachtsoffizier gibt, dann zielsicher in revanchistischer TV-Sülze wie Die Gustloff. Aus dieser Kitschfalle, so Fulton-Smith selbst, soll ihm nun Alexandra von Grotes Romanreihenverfilmung LaBréa helfen. Ausgerechnet. „Ich kann ja nicht immer der freundliche Arzt aus Eisenach sein“, sagt er offen und fügt hinzu: „Bei Dr. Kleist hat eben immer die Sonne zu scheinen.“
Mit Verlaub, Mr. Fulton-Smith, das tut sie in fast all ihren Formaten. Permanent. Vor kurzem durfte FFS zwar einen furiosen FJS spielen, als ihn die ARD in der Spiegel-Affäre als bayerischen Gegenspieler des charismatischen Rudolf Augstein besetzte. Danach aber gab’s nicht wie erhofft anspruchsvollere Formate, sondern doch wieder nur Sulz à la Ein Fall von Liebe. Doch was soll’s – „ich bin gut im Geschäft“, sagt er gut gelaunt und brüllt über die voll besetzte Tafel der Pressepremiere seiner neuen Rolle „es ist angerichtet“ hinweg, als niemand sonst die Gabel erhebt. So ist er eben: geradlinig, männlich, ein Machertyp, im Film wie privat, wo er mit seiner zehn Jahre jüngeren Frau Verena Klein in München lebt. Daran gibt es wenig zu kritisieren, das Publikum sucht Darsteller wie ihn in Filmen wie diesen, ein bisschen Steward Granger, ein bisschen Nostalgie, ein bisschen Starke Schulter in Zeiten, wo selbst echte Kerle mal weinen. Wir leben in FFS-Zeiten. Was braucht es da gute Rollen.
Es ist das Wesen vieler TV-Trophäen, dass Auszeichnende und Ausgezeichnete kaum zu unterscheiden sind. Beim Deutschen Fernsehpreis etwa feiern die vier großen Sender ihr Angebot nach Proporzkriterien. Die Goldene Kamera prämiert seit jeher, wer der Springer-Presse gewogen ist. Und der heimische Comedypreis, nun, ist eben der deutsche Comedypreis. Da er seit 1997 von der Köln Comedy Festival GmbH veranstaltet wird, haben Dienstag wie immer überwiegend Komiker aus dem Domstadtdunstkreis gewonnen: Von Barth bis Yanar, Frier bis Herbst, dazu Carolin Kebekus, deren Moderation der Verleihung wenigstens zeitweise so etwas wie Humor verlieh. Und weil auch RTL am Rhein sitzt, war ein Sendeplatz beim Zotenkanal fast eine Garantie auf den Titel, was zu so abstrusen Siegern wie der hauseigenen Langweilerserie Der Lehrer führte oder Sascha Grammels witzloser, aber erfolgreicher Soloshow.
Wenn man bedenkt, dass dies alles Sendungen mit messbarer Resonanz sind, werden jene Zahlen, mit denen die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern, kurz IVW, vorige Woche an die Öffentlichkeit ging, noch trauriger. Während sexistischer Stumpfsinn der Art von Mario Barth also Zigtausende in die Stadien und Millionen vor den Fernseher saugt, haben die 60 größten Tagezeitungen im 3. Quartal alle Auflage verloren. Das hat sicher auch mit dem Erfolg digitaler Ersatzkanäle wie Spiegel-Online zu tun, das 20. Geburtstag feierte. Mehr aber noch mit sinkendem Anspruchsdenken der Konsumenten, denen drei McDonalds-Happymeals im Monat mehr wert sind als ein klassisches Zeitungsabo.
Umso erstaunlicher, dass dem klassischen Fernsehen, um wahrnehmbar zu bleiben, wenig mehr einfällt, als verweste Leichen aus der TV-Gruft zu zerren. Nach Dalli, Dalli oder Einer wird gewinnen und natürlich Am laufenden Band exhumiert die ARD nämlich Spiel ohne Grenzen, jenen wasserspritzpistolennassen Wettstreit europäischer Kleinstädte, der dem Ersten schon vor 25 Jahren zu banal war. In Zeiten von Wok-WM, RTL2 und Markus Lanz jedoch entfaltet selbst die staubigste Kindergeburtstagssause Zugkraft für öffentlich-rechtliche Programmgestalter. Mal sehen, was sie als nächstes ausbuddeln: Ein Kessel Buntes? Der Goldene Schuss? Die deutsche Wochenschau mit Frontberichterstattung?
Die Frischwoche
27. Oktober – 2. November
Vorher jedenfalls darf Jürgen von der Lippe sein Hawaiihemd aus der Mottenkiste kramen. 13 Jahre nach dem Beziehungsende fragt er ab Mittwoch im WDR tatsächlich Geld oder Liebe? Als hinge das Fernsehen in der Zeitschleife fest. Da also, wo auch Aktenzeichen XY … ungelöst steckt. Schon seit 1967 warnt das ZDF darin vorm schwarzen Mann und zeichnet seit einiger Zeit auch Menschen aus, die ihn fangen helfen. Mittwoch allerdings ereignet sich beim diesjährigen Zivilcourage-Preis Erstaunliches: Parallel zu Lippes Kuppelshow verleiht ihn Rudi Cerne nämlich nicht ausnahmslos an Bürger, die bei Kindesmissbrauch und ähnlich populistischen Untaten eingeschritten sind. Das ist dann aber auch schon das einzig Neue an der bürgerlichen Denunziationssause.
Aber so richtig neu ist ja auch die heutige ZDF-Komödie „Wir machen durch bis morgen früh“ nicht. Dafür ist es aber meist ziemlich witzig, wenn Fahri Yardim als bieder gewordener Fliesenleger mit Partyvergangenheit von einem Chaos ins nächste rutscht, als er seine Frau (Heike Makatsch) für ein Männerwochenende mit Kind in den Ibiza-Urlaub schickt. Das gleicht zwar einer Art deutsches „Hangover“ in St. Pauli statt Las Vegas. Doch es ist ja nicht grundsätzlich schlecht, wenn irgendwas an irgendwas erinnert. Die norwegisch-amerikanische Serie „Lillyhammer“ um einen Mafioso im Zeugenschutz etwa erinnert leicht an „Die Sopranos“. Das liegt aber vor allem an Steven van Zandt, der schon 1999 einen Mobster spielte. Bei Arte kriegt er es nun nicht mit der US-Polizei zu tun, sondern dem Alltag in der Olympiastadt von 1994, wohin er vor verpfiffenen Verbrecherkollegen flieht.
Mit mafiösen Strukturen der legalen Art befassen sich ein paar spannende Dokus der Woche. In Akte D entlarvt das Erste am Montag Die Macht der Stromkonzerne wie Siemens, dessen heutige Macht auch darauf beruht, dass die Energieversorger vor gut 100 Jahren den Markt unter sich aufgeteilt haben und Staat wie Verbraucher bis heute zur Beute machten. Etwas Ähnliches vollzieht sich auch im Bereich der Nahrungsmittel, mit der die Konzerne ihre Kunden lieber ausbeuten als ernähren. Im Arte-Schwerpunkt Der große Hunger – der große Durst begibt sich Claus Kleber daher Mittwoch auf die Spur des Essens von morgen.
Ihre Kunden lieber verblöden als unterhalten, das tut zeitgleich RTL2 – und zwar am Beispiel der Fortpflanzung und seiner Folgen. Mit Kleines Wunder, großes Glück fingiert der, äh, Sender zunächst die Realität des Kinderkriegens, um derlei Neugeborene als in Teenie-Mütter – Wenn Kinder Kinder kriegen verächtlich zu machen, die nochmals lächerlicher gemacht werden, wenn sie in Durch dick und dünn! dank zu viel Chips und Privatfunk abspecken müssen. Wäre zynisches Fernsehen Mafia-Sache, RTL2 hieße Camorra.
Um diesen Würgereiz zu mildern, hilft fast nur: besseres Fernsehen, also die Tipps der Woche wie das legendäre Knastkonzert Johnny Cash at Folsom Prison von 1968 (Dienstag, 22.45 Uhr, BR). Oder noch schöner, Freitag auf EinsFestival: Greta Gerwig als Frances H. Zeitgemäßer war schwarzweiß noch nie.
Ulrike Folkerts in einem Hamburger Hotel mit Hafenflair. Sie sieht fantastisch aus, nicht nur für ihre bald 50 Jahre, ein rauer Typ, leicht hemdsärmlig, Turnschuhe, Jeans, dunkles Hemd, nicht so selbstsicher wie zu vermuten wäre, aber vielleicht gerade deshalb ungemein sympathisch. Dass sie über ihr Liebesleben nicht mehr reden mag, macht sie mit einem Lächeln klar. Über alles andere von Humor bis Emanzipation und natürlich Lena Odenthal redet die hauptamtliche Tatort-Kommissarin nur zu gern. Zu ihrem 25-jährigen Dienstjubiläum am kommenden Sonntag dokumentieren freitagsmedien ein ungemein entspanntes Interview mit Deutschlands dienstältester Ermittlerin.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Ulrike Folkerts, über Ihr Liebesleben braucht man nicht mehr mit Ihnen zu reden, oder?
Ulrike Folkerts: Nicht, wenn ich das Gespräch nicht selber darauf bringe.
Dann schon lieber über Humor.
Sehr gern, freut mich.
Haben Frauen davon weniger als Männer?
Das frage ich mich auch gerade. Vor kurzem gab es ja einen langen Artikel darüber im Magazin der Süddeutschen Zeitung und der hat mich ein wenig erschreckt, auch – oder vielleicht weil – darin scheinbar viele Wahrheiten steckten. Ich dachte, das ist ja ein Hammer, aber so viel wie da belegt war, was die Präsenz von Frauen bei deutschen Humorformaten im Fernsehen oder in Zeitschriften betrifft, denkt man nach kurzem Nachdenken, da ist scheinbar doch was dran. Obwohl ich wirklich viel lache und glaube, ausreichend Humor zu besitzen. Allerdings gibt man mir zu selten die Gelegenheit, das auch zu zeigen.
In der Tat. Warum?
Tja. Komödie ist nach wie vor das Schwerste, was man verfassen kann und in der Umsetzung entsprechend selten gelungen. Das Letzte was ich tatsächlich urkomisch fand, war Alles auf Zucker mit Henry Hübchen. Da hab ich mich köstlich amüsiert. Ansonsten müsste ich lange überlegen, um etwas Erheiterndes zu finden, worüber ich im Fernsehen wirklich herzlich gelacht habe.
Es wäre vermutlich nicht über Comedy, sondern adaptierte Kinoformate.
Wovon man ausgehen kann. Oder warten Sie… Nein, ansonsten fällt mir tatsächlich nur jemand längst Vergangenes ein wie Liesl Karlstadt von Karl Valentin, die war sehr komisch. Oder Katharina Thalbach, wie sie bei der Filmpreisverleihung, der Lola, als Laudatorin zusammen mit Detlef Buck ihr komödiantisches Talent gezeigt hat, das war schon beeindruckend, eher kauziger Humor, aber guter. Es bleibt die Frage: muss man sich ein wenig zum Horst machen für gute Komik und wie wirkt sich die Kombination schön und komisch aus?
Gerade für Frauen im Filmbereich mit seinen geschlechterspezifischen Anforderungen.
Ganz genau. Schräg und komisch geht sofort. Ein interessantes Phänomen. Ich würde also behaupten, ein komödiantisches Talent zu besitzen, das nur noch nicht zum Zuge kam. Ich finde schon, dass Männer eher über zotige Witze lachen und das kann ich eigentlich überhaupt nicht, gerade wenn es auf Kosten von Frauen geht und da stellt sich schon die Frage, ob man sich im umgekehrten Fall über Männer amüsieren kann. Denn darum geht es doch letztlich beim Humor: Über sich selber lachen zu können. Wer das nicht kann, kann auch andere nicht zum lachen bringen. In Ich bin eine Insel
Ein Film mit Ihnen, der mal ohne Lena Odenthal auskommen muss…
…einen wunderbaren Kollegen, Luc Veit, der wahnsinnig komisch ist, mit dem ich großen Spaß hatte, mit dem ich mir alles mögliche hätte vorstellen können, da hat der Regisseur Gregor Schnitzer meine Tendenzen zur komischen Übertreibung sofort gebremst.
Vielleicht auch, weil er die Rolle nach eigener Auskunft auf Sie zugeschnitten hat. Worin äußert sich das?
Das äußert sich in erster Linie darin, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts auf eine Lena Odenthal hinweist. Keine Knarre, keine kriminalistische Handlung, keine Leiche, obwohl es zu Beginn ein Unfallopfer gibt, aber eben keinen Tathergang. Denn das ist doch das größte Problem am deutschen Film, womit wir wieder dort wären, warum mir niemand Komödien anbietet: Schubladen, Schubladen, Schubladen wo immer du hinsiehst. Es ist unglaublich schwer, aus denen zu entkommen und ich stecke weiß Gott noch tiefer in meiner als viele Kollegen in ihrer.
War das der Grund, warum Sie vor einigen Jahren in der WDR-Show Zimmer frei sagten, Sie würden gern endlich einen Liebesfilm spielen?
Wahrscheinlich und es ist mir bislang nicht gelungen. Auch in Ich bin eine Insel spiele ich nur gelegentlich so etwas wie eine heile Liebeswelt. Meine Rollen sind in dieser Hinsicht einfach generell eher anders.
Was aber nicht ihrem Naturell entspricht.
Nein, natürlich nicht. Und deshalb muss ich mich umso mehr bemühen, alleine dagegen anzugehen, selbst nach Drehbüchern zu suchen, die das schaffen, weil von sich aus keiner auf mich zukommt. Es ist tatsächlich so, dass man ab und zu rausgeht und Leute sucht, mit denen man über etwas Neues rumspinnen kann. Das ist mir mit der Leibwächterin passiert, die ich vor dreieinhalb Jahren fürs ZDF gedreht habe. Und auch Salzburg war dahingehend ein großes Erlebnis für mich, von einem Schauspieldirektor angerufen zu werden, er habe für mich eine Rolle als Tod im Jedermann. Ein absoluter Glücksfall, der mir so noch nie zuvor passiert war. Einfach angerufen zu werden, um eine Idee mit mir zu realisieren, die von meinem bisherigen Rollentypus im Tatort abweicht. Ansonsten muss ich quatschen, quatschen, quatschen.
Haben Sie auch schon mal nach einer Komödie gegraben?
Das finde ich ganz schön schwer, weil man in seiner Vorstellung am Ende doch immer wieder bei den Stoffen landet, die man ohnehin schon mal gesehen hat. Ich bin dabei, danach zu forschen, bin aber noch nicht fündig geworden.
Welche Art Humor liegt Ihnen am nächsten – Klamauk oder subtiler Sprachwitz?
Also im Theater habe ich mal Der reinste Wahnsinn gespielt, genial geschrieben, macht einen Heidenspaß. Es hat unglaublich viel mit dem Text zu tun und da waren die Figuren so gut gezeichnet, dass sie die Komik aus Ihrer Ernsthaftigkeit heraus entwickelt haben. Am interessantesten, am schönsten ist es, eine komische Figur trotzdem stets ernst zu nehmen und ihren Humor auf ehrliche Weise zu entdecken. Nicht mit Draufhauen und Umfallen und Tortenschlachten.
Machen Sie nationale Unterschiede beim Humor?
Der englische ist natürlich hervorragend mit seiner Fähigkeit, ernste Belange komisch zu erzählen. Faszinierend, wie die Briten das immer wieder hinkriegen und zwar so gut, dass es sogar in der Synchronfassung noch funktioniert. Diese Verbindung des Dramas mit dem Witz, was ja zweifellos eng beieinander liegt, ist hierzulande selten. Menschen mit Dramatik zum Weinen, zum Innehalten zu bringen und Menschen zum Lachen sind die zwei höchsten Ziele in dieser Kunst, der Schauspielerei.
Wie muss man sich Ulrike Folkerts auf einer wilden Party vorstellen – eher auf den Tischen tanzend oder eher auf dem Stuhl redend?
Superfrage. Das kommt natürlich total aufs Umfeld an und wenn ich mich wirklich wohl fühle, werde ich zum Mittelpunktsmenschen, tanze gerne und begeistere andere von mir. Ich kann also durchaus zur Partymaus werden, bin aber auch gern mal eine Stunde am DJ-Pult und mache selber Musik. Die Stimmung so zu bestimmen, den Groove vorzugeben und immer noch einen drauf zu setzen, liegt mir sehr. Bei der passenden Musik. Das ist die Entertainerin in mir. Jetzt nicht mit Scratchen und einszweidrei, eher dezent.
Können Sie irgendjemanden parodieren?
Überhaupt nicht, niemanden, ich kann keine Dialekte, ich kann niemanden nachmachen und das hab ich auch noch nie versucht.
Und Witze erzählen?
Auch das nicht. Die kann ich mir gar nicht erst merken.
Das wäre ein Punkt, um auf geschlechterspezifischen Humor zurückzukommen.
Das werde ich mal beobachten. Vielleicht liegt uns mehr der Gesprächshumor. Denn ich habe viele Freundinnen, die brüllend komisch sind, mit denen ich irrsinnig viel Spaß habe, die sehr trockenen Humor besitzen, dass es nur so staubt.
Wie witzig finden Sie denn jemanden wie Gaby Köster?
Ich weiß, von der habe ich ein Bild vor Augen. Ganz lustig, sehr kölnisch, aber das hält mich nicht lange. Auch eine Hella von Sinnen nicht. Gaby Decker hat mich schon mal ein ganzes Programm lang gefesselt, so wie sie von einem Charakter in den nächsten schlüpft. Auch das Kabarett ist ja sehr männerlastig.
Was nicht am fehlenden weiblichen Humor liegen muss, sondern daran, dass Männer in Ihrer Domäne die Schranken hochfahren.
(lacht) Jetzt fallen mir aber doch noch einige ein, die ich immer gut und genial komisch fand. Anke Engelke – wo ist die eigentlich? Und Evelyn Hamann. Komischsein ist auch eine Frage des Mutes und die beiden haben ihn aufgebracht.
Wie war es beim Krimi. Mussten Sie 1989, als Frauen dort noch seltener waren, mehr Mut aufbringen, gegen höhere Mauern anrennen?
Es gab damals Briefe, die mir nahe gelegt haben, das Ganze doch lieber sein zu lassen, weil eine Frau nun mal nicht alleine Verbrecher mit der Waffe jagt. Das war eine Zuschauerresonanz. Wir mussten also erst beweisen, dass eine Frau, zumal eine so junge, auch Kommissarin sein kann und so hat man überlegt, sie doch nur noch in Begleitung loszuschicken; das entspricht vielleicht mehr der Realität und macht es glaubwürdiger. Trotzdem wurden die Szenen dann der Spannung wegen so geschrieben, dass Lena Odenthal dem Bösewicht am Schluss doch meist allein gegenüberstand. Es hat also ein bisschen gebraucht, ich hatte aber schnell die Frauen auf meiner Seite und die Männer mussten das akzeptieren. Die große Zahl an Kommissarinnen, die jetzt im Fernsehen ermitteln, belegt ja den großen Bedarf nach dieser Konstellation.
Mehr Frauen jedenfalls, als im realen Polizeialltag. Wie haben Kollegen, Produzenten auf Sie reagiert.
Ich weiß nur von Nicole Heesters, der allerersten Frau beim Tatort, die 1978 ganz schlimme Probleme hatte. Die wollte man wirklich loswerden. Der SWR hat schon immer Frauen ganz vorn und Nicole Heesters hat von vielen Steinen erzählt, die ihr in den Weg gelegt wurden. Die zweite war Karin Anselm und hat acht Jahre lang einen pro Jahr gemacht, bis ich kam und eher den ruppigen, raubeinigen Typen dargestellt habe, mit Lederjacke, Jeans, das war auch nicht für alle okay, hat aber insgesamt wohl bei der Akzeptanz geholfen. Ein Polizist kann einfach – ob Frau oder Mann – schießen, zurück hauen, sich prügeln.
Sind Sie privat auch eher der raue Typ?
Im Gegenteil, privat bin ich eher ein Sensibelchen, so gesehen war die raue Schale, das Toughe meiner Rolle, auch ein Instrument, mich zu schützen. Lena Odenthals weicheren Seiten kommen erst jetzt langsam zutage und das ist auch gut so. Ob sie aber irgendwann auch eine anständige Liebesgeschichte kriegt, weiß ich nicht. Ich bin immer versucht, das anzuregen und es ist auch die Frage, wie man das einbaut. Ich habe zum Beispiel keine Lust, wie Frau Furtwängler schwanger zu werden. Das müsste so gut geschrieben sein, wenn das jemandem gelänge, wäre ich wirklich überrascht. Positiv.
Zumal Kommissare im deutschen Krimi allgemein und besonders im Tatort vornehmlich triste Liebesleben aufweisen.
Das stimmt. Da könnte man durchaus lockerer werden. Ich wäre da experimentierfreudig.
Die ARD-Serie Mord mit Aussicht entwickelt sich zusehends von der eigensinnigen Provinzstudie zur Primetime-Fassung des Schmunzelkrimis. Dass sie dennoch so erfolgreich ist, liegt auch an den exzellenten Nebendarstellern. Zu denen zählt seit dieser Staffel Johann von Bülow, der einen grandiosen Schnösel gibt. Das kann er. Gewissermaßen schon qua Geburt.
Von Jan Freitag
Es ist der Augenaufschlag. Die Stirn in Falten zu legen und gleichsam die Lider zu senken, ohne dabei verschlagen oder blöde dreinzuschauen – so wird aus Blicken Hochmut. So geht aristokratische Mimik. So verkörpert man den geborenen Snob. Und den beherrscht kaum ein zweiter wie: Johann von Bülow. Was zwar nicht nur, aber irgendwie auch ein wenig am Anredeprädikat zwischen Vor- und Nachnamen liegt. Der Wahlberliner aus München ist schließlich von Adel. Und ein ziemlich guter Schauspieler zudem.
Trotzdem sorgt er nach der Hälfte seiner 42 Jahre im Filmgeschäft selbst bei denen, die regelmäßig fernsehen, eher für eine andere Assoziation. Von Bülow – heißt so nicht ein gewisser Loriot real? Das tut er; der junge Johann ist entfernt verwandt mit Deutschlands jüngst verstorbenen König des Alltagshumors. „Sehr entfernt“, beteuert dessen Sippenmitglied, dem die mecklenburgischen Ursprünge vor fast 800 Jahren wenig bedeuten. Ländereien, Reichtum, gar Schlösser – „das muss man sich in meinem unmittelbaren Umfeld unbedingt wegdenken“, sagte er mal anlässlich einer typischen Rolle als Erbe einer Werftendynastie mit dauerkrauser Stirn. „Dass ich einen bekannten alten Namen trage, hat in meinem Alltag keine Bedeutung.“
Bis auf diesen Augenaufschlag eben, die ihm so manche Figur mit Klassendünkel beschert. Denn Johann von Bülow spielt sie oft – diese leicht hochnäsigen Charaktere im Bannstrahl der Oberschicht, gern wirklich erlaucht, zumindest mit dieser leicht dubiosen Arroganz der Macht versehen. Wie in Uli Edels dreiteiligem Historienschinken Adlon, wo er einen Offizier namens von Tennen spielt. Wie zuletzt im gelungenen Dokudrama Die Spiegel-Affäre, wo er seinem real existierenden Redakteur Becker einen Gestus umwälzenden Journalistenstolzes verpasst. Wie einst im schmalzigen Biopic Carl & Bertha, wo er dem Benzinmotorerfinder das Kapital entzieht. Wie irgendwann in der grundsoliden Kanzleiserie Die Anwälte, wo er als karrieristischer Top-Verteidiger den Gegenpart zum netten Kai Wiesinger gibt. Und nun also wie in der Krimi-Reihe Mord mit Aussicht, wo er seit ein paar Wochen immer dienstags den großspurigen Schnösel Schulte mimt, der sich zum Bürgermeister aufschwingen will. Es eine Art Paraderolle. Auch wenn Johann von Bülow davon natürlich nicht sprechen will.
Das tun andere – Produzenten, Redakteure, Filmbesetzer, das Publikum – schließlich schon zur Genüge. „Wenn ich gewollt hätte“, er zeigt sein indigniertestes Aristokratengesicht, „hätte ich häufiger den netten Grafen im Pilcher-Film spielen können“. Das Etikett vom Sohn aus gutem Hause lenke die Verantwortlichen da oft auf falsche Fährten. Umso eifriger bemüht sich Johann von Bülow, sie davon zu vertreiben: Mit Verweigerung und Vielfalt, wenngleich zumeist in Nebenrollen. Wie jetzt, als Sidekick der Serienstars Caroline Peters und Bjarne Mädel. Das sei nun mal das Schicksal der „Charakterschauspieler“, als den er sich – „bei aller Bescheidenheit“ – sieht. Des „Antagonisten, der seltener eine ganze Geschichte trägt“.
Damit hat er schon seinen ersten großen Film Nach fünf im Urwald bereichert, wo er der blutjungen Franka Potente 1995 als erwachsener Verführer Nick zeigt, dass Männer tendenziell eben doch Schweine sind. Mit dieser Bereitschaft, Arschlöcher zu spielen, trägt er nun auch Mord mit Aussicht über die hohe Hürde des Klamauks hinweg, ohne sich ins Rampenlicht zu stellen und doch genug davon aufs uneitel gelichtete Haupthaar zu kriegen. Mit viel Gefühl fürs Timing. Mit unbeholfener Arglist im Habitus. Und mit diesem Augenaufschlag, der aristokratisch wirkt, selbst wenn das Blut rot ist, nicht blau. Dass er es mit Ritter Godofridus de Bulowe teilt, geboren Anfang des 13. Jahrhundert, spielt da keine Rolle.