Die Samstagsreise: Freeride, Tirol
Posted: April 27, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentDer Berg rast
Wer Radfahren sagt, meint meist, von A nach B zu kommen. Beim Freeride in Leogang heißt es eher: von einem Adrenalinschub zum nächsten. Eine gepanzerte Testfahrt ins Glück
Von Jan Freitag
Es gibt Dinge, die tut man einfach nicht, nicht bei klarem Verstand. Fassadenklettern, Stiere reizen, Komasaufen, Gesichts-Tattoos, solche Dinge. Oder Steilhänge mit 20 Prozent Gefälle im Schuss abwärts rasen, über dicke Baumwurzeln und schmale Holzstege, durch enge Baumgruppen, noch engere Kurven und das Ganze: mit dem Fahrrad! Es gibt also eine ganze Reihe innerer Blockaden, die einrasten, wenn Sabine Enzinger ihr argloses Lächeln zeigt und dazu rät: „Einfach laufen lassen.“ Einfach. Laufen. Lassen. Leichter gesagt als getan.
Wenn Sabine Enzinger in ihrer Hochgeschwindigkeitswelt zum Einfachlaufenlassen bittet, öffnet sich schließlich nicht nur Anfängern ein Tor in Abgründe, vor denen vorsichtige Eltern schon immer gewarnt haben. Abfahrten, die schwarz gekennzeichnet würden, wären sie weiß beschneit. Doch es ist Frühling und gefahren wird im österreichischen Leogang auf zwei Rädern. Acht Parcours schlängeln sich im Bikepark die Nordwand des Asitz Richtung Talstation hinab, mal einige Hundert Meter lang, mal mehrere Tausend. Mit Namen von „Bongo Bongo“ bis „Terminator“ durchziehen sie Hanglagen, in denen vernunftbegabte Menschen ihr Rad normalerweise schöben. Doch was ist schon normal beim „Freeride“, einer radikalen Spielart des Querfeldeinrasens, deren Radikalität nur vom „Downhill“ übertroffen wird. Beides mag zusammen eine Funsportart auf zwei Pedalen bilden – mit Radeln hat sie so viel zu tun wie die bemannte Raumfahrt mit Propellerantrieb.
Seit Skigebiete weltweit ihre Pisten zur ganzjährigen Nutzung für Mountainbikes freigeben, schießen solche Anlagen aus dem Bergboden wie einst Schlepplifte. Allein im Alpenraum konkurrieren mehr als 60 Bikeparks um Adrenalinfans. Doch keiner garantiert die Ausschüttung wie Leogang. Wer im Salzburger Land nahe der Deutschen Grenze aufs Rad steigt, panzert sich wie Eishockeytorwarte. Wer oben losfährt, tut es tendenziell ungebremst. Wer trotzdem sicher unten ankommen will, sollte zunächst mal ein paar Takte mit Sabine Enzinger reden. Die ziemlich zierliche Tirolerin mit dem flachsblonden Haar mag auf den ersten Blick nicht so wirken – als Leiterin der Bikeschule Leogang ist sie „DIE Freeriderin überhaupt“, wie das Szeneblatt „World of Mountain Biking“ in seinem Parktest feststellt. Und eben das ist Sabine Enzinger nur, weil ihr Lächeln auch mal kippen kann. „Einfach laufen lassen“, wiederholt sie am Eingangstor des „Flying Gangster“. Ein schwerer Kurs, Freeride für Fortgeschrittene, aber durchaus Laientauglich. Dann guckt sie plötzlich streng: „Aber bloß nicht selbst überschätzen!“ Es ist keine Bitte.
Dabei bedarf es wirklich keines Befehls, um Neulingen Achtung vor dem zu verschaffen, was sich da talwärts windet. Nach ein paar vertrauensbildenden Maßnahmen – Slalom, Bremsen, Körperbeherrschung, ein Crashtest – an der Talstation jener Bergbahn, die im Sekundentakt Biker hoch zur Mittelstation bringt, nach drei vorsichtigen Abfahrten den anfängerfreundlichen „Hangman“ hinab, steht man nun also vorm „Flying Gangster“ und stellt kurz seine Zurechnungsfähigkeit in Frage. „Das sieht nur so steil aus“, flötet Sabine, „wenn du mal drauf bist, geht’s“. In der Tat – es geht. Es geht rasant über regenweiche Sandrinnen von einer Armlänge Breite und „Roller“ genannte Hügel, die zwei kräftige Federgabeln am Vorderrad schlucken, als sei der Weg plan. Es geht nach einer Weile zusehends selbstsicherer über schmale Bretterstege und hölzerne Steilkurven, von Kennern – wir sind hier in der Skaterszene – als „Wallrides“ bekannt, in die man sich wider jede Vernunft mit vollem Gewicht hineindrückt, um aus der Kehre förmlich herauszuschießen. Es geht dies alles ohnehin mit der durchschnittlichen Fliehkraft von 20 Prozent und mehr, zurückhaltend ausgebremst – um die Stabilität zu halten. Die geht dann doch jäh flöten, als unverhofft ein Satz Bodenwurzeln auftaucht. Was Könnern kein Wimpernzucken wert wäre, wirbelt den Anfänger auf dem stabilen Leihrad mit anderthalb Saltos durch die Luft und verdeutlicht gleich mal den Sinn all der Protektoren bis hin zu Rückenpanzer und Integralhelm. Denn danach geht es: sofort weiter.
Kurz abklopfen, Rad checken, Matsch von der Skibrille. „Lebsch noch?“, fragt Sabine lässig und steigt nicht mal ab. Mit 40 Jahren Lebenserfahrung, der Hälfte davon im Gelände, weiß sie: Das Material hält, die Endorphine fluten, der gibt nicht auf! Es braucht halt „Guts“, wird sie nach der sechsten (oder siebten?) Abfahrt sagen, wenn alle Muskeln brennen und die Handballen pochen, als parke darauf ein Kleinwagen. „Eier“, würde Oli Kahn sagen. Aber das trifft es nicht, nicht nur. Man braucht die exakte Mischung aus Kühnheit und Kontrolle, Ratio und Bauch. Deshalb sind Sabine Enzinger sportliche Thirtysomethings mit Familie lieber im Debütantenkurs als manch heißblütiger Teenager. „Die haben Angst, als zu alt für so was zu gelten, aber noch mehr, dass was dabei passiert“. Sie nennt das Respekt vorm Berg und den eigenen Grenzen. Rasen soll schließlich nur der Puls, kein Krankenwagen.
Da überlassen wir „Speedster“ doch lieber den jungen Desperados im Wald nebenan. Auf dem Downhillkurs, wo das Gefälle noch größer ist, der Untergrund noch ruppiger, die Wege noch enger, die Steilkurven noch höher. Wo zu alledem alles voller Bäume ist und schon mal reihenhaushohe Holzrampen im Wege stehen. Wer da runter fährt, ohne Zögern und mit Spaß dabei, der kann im Gelände alles, der packt auch die „Big 5 Bike Challenge“, 5000 Höhenmeter abwärts durch fünf Skiorte. An einem Tag. Nach dem allerersten im Bikepark packt der Neuling aber erstmal seine geschundenen Glieder in die Badewanne. „Nie hinsetzen. Spannung halten. Ein Finger an die Bremse. Pedale parallel. Augen in Fahrtrichtung. Keep focused!“ Sabine Enzingers Appelle hallen noch im heißen Wasser nach, wenn der Körper so langsam regeneriert. Morgen muss er wieder funktionieren. Der Berg ruft. Und übermorgen? Ist man ein besserer Radfahrer. Versprochen.
Bikepark Leogang, c/o Leoganger Bergbahnen, Hütten 39, A-5771 Leogang, Tel.: 0043(0)6583-8219; info@bikepark-leogang.com, www.bikepark-leogang.com
Adolf Kujau, Führer und Tagebuchautor
Posted: April 25, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Konrad Hitler Superstar
Heute vor genau 30 Jahren verkündete der Stern stolz vor versammelter Weltpresse, Adolf Hitlers Tagebücher entdeckt zu haben. Es waren zwar dreiste Fälschungen, aber sie passten bestens zur neuen Medienwelt. Was seither mehr denn je zählt, ist der Knüller, nicht die Recherche.
Der Sieg des Boulevards über die Nachricht hat ein Datum: Am 1. Januar 1984 ging der erste deutsche Privatsender auf Sendung. Vielleicht fand er aber auch gut acht Monate früher statt. Ganz sicher aber wurde Winston Churchills Victory nicht erst von Josef Ackermann entweiht, sondern durch einen kleinen Reporter einer großen Zeitschrift. Nervös reckte Gerd Heidemann am 25. April 1983 ein paar Bücher in die Höhe, und als die Meute Fotografen vor ihm brüllte, er möge das Siegeszeichen machen, da spreizte der blasse Reporter die Finger zum V. Es war das Zeichen eines Sündenfalls.
Denn gegen alle Bedenken, ein abschließendes Gutachten des BKA zum Trotz, veröffentlichte der Stern heute vor 30 Jahren Sensationelles. „Hitlers Tagebücher entdeckt“, prangte drei Tage zuvor bei der internationalen Pressekonferenz in Hamburg auf überdimensionalen Titelbildern hinter Heidemann. Sie sollten bald darauf in stark erhöhter Auflage die Zeitungskioske prägen. Dass es sich um Fälschungen handelt, wehte durch die Gerüchteküchen der Republik, blieb aber den Zauderern vorbehalten, den Nostalgikern und Mutlosen. Ihren prominentesten, Andreas Hillgruber, schmähte das Magazin im Editorial als „Archiv-Ayatollah“ mit rechtem Stallgeruch. Es war nicht unbedingt die Zeit der Recherche, es war die des Scoops, der Knüller um des Knüllers Willen. Eine hektische Zeit. Denn es dräute etwas am Medienhimmel. Die Yellowpress wurde um den Begriff des Lifestyle erweitert und expandierte kräftig, der Nachrichtenwert von Königshäusern war mit Lady Dianas Hochzeit enorm gewachsen, vor allem aber planten die Privatsender den Sprung ins Programm. Was das bedeutet, konnte man bereits im Frankreich beobachten: Dort bauschte RTL Stars wie Sternchen zu echten News auf und füllte den Platz zwischen Hollywoodfilmen mit Soapoperas oder langen Werbeblöcken.
Die neue, kommerzielle, aufgeregte Mediengesellschaft war im Anflug, ihre Verbreitungstechniken beschleunigten sich, die Generation Golf hatte es eilig. Da konnte es sich ein großes Blatt wie der Stern nicht leisten, zaghaft mit seinem Exklusivmaterial umzugehen. Nur wenige Wochen dauerte es vom Ankauf der ersten von 60 Bänden aus der Hand des brillanten Fälschers Konrad Kujau bis zur Druckfahne (an Führers Geburtstag, ausgerechnet). Vorbei an großen Teilen der Redaktion wurde der Deal, bei dem mindestens neun Millionen Mark in Plastiktüten den Besitzer wechselten, getätigt. Materialproben, Gegenexpertisen, ja selbst die Überprüfung der Initialen auf den Buchdeckeln wurden verschoben. Die Akteure im Verlagshaus waren „high von der Droge Sensation“, schrieb der damalige Tagesthemen-Moderator Manfred Buchwald. Geschichte wird gemacht, es geht voran, dachte sich dagegen der damalige Stern-Chefredakteur Peter Koch und verkündete vollmundig, die Historie des Nationalsozialismus müsse „in großen Teilen neu geschrieben werden“.
Dieser „heilige Eifer“, wie Buchwald es nennt, galt auch Hitler selbst, dem unbekannten Wesen. Seine vermeintlichen Gedanken rückten nach den Tätervolkdebatten der Ausschwitzprozesse und 68er-Proteste die Führungsclique der Nazis in den Fokus. Nicht zufällig gründete Guido Knopp kurz nach dem Skandal die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte und verbreitet seither emsig die Theorie des verführten Volkes. Auch Helmut Kohls Besuch der SS-Gräber von Bitburg oder Oliver Hirschbiegels Untergang kann man im Lichte des Skandals betrachten. Der Nationalsozialismus wurde nicht gerade salonfähig, aber seine Thematisierung massentauglich. Und Massentauglichkeit zugleich zur Existenzberechtigung der Medien. Die Tagebücher von Adolf Hitler Superstar haben also nicht das Pressewesen beschädigt, sondern seine Seriosität. Konrad Kujau und Gerd Heidemann wanderten ins Gefängnis, nicht jedoch die zwei Chefredakteure. Und der Stern erholte sich bald wieder, nicht aber das Renommee des Qualitätsjournalismus, ob gedruckt oder gesendet.
Sachlichkeit wird seither oft mit Vielfalt verwechselt. Privatsender und Regenbogenpresse galten plötzlich nicht nur als Unterhaltungsfaktoren, sondern Lieferanten relevanten Lebensinhalts. Verglichen mit der drögen Tagesschau sehen viele in den glitzernden RTL-News längst die verlässlichere Quelle – auch weil reines Entertainment weniger korrumpierbar scheint, weil harte Nachrichten Reflexion erfordern, weil Realität anstrengend ist. Selbst die FAZ hat heute ein Farbbild auf Seite 1. Ernst gilt irgendwie als fadenscheinig und Politik als dubios. Verlässlicher sind da doch die Monarchien mit ihrer betonierten Tradition oder Hollywoods ferner Glanz. Wie nah sich Buckingham und Bonn kamen, zeigte fünf Jahre nach der Stern-Affäre das Geiseldrama von Gladbeck. Wie nie zuvor wurden die Medien Teil der Story und Reporter von Frank Plasberg bis Udo Röbel lange vor dem 2. Golfkrieg quasi embedded, das Mikro tief im Fluchtauto, die Kamera voll auf Silke Bischoffs leere Augen. Im Rennen um Titelstorys hatte sich die Medienrepublik selbst überholt. Erst kommt die Schlagzeile, dann die Recherche.
Philip Simon, Holländer und Comedien
Posted: April 18, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDas Baby kann sprechen
Philip Simon sieht aus wie Oli Welke mit Armtattoos und erzählt meist Holländerwitze. Das darf er, ab heute (18. April, 22.15 Uhr, ZDFneo) sogar in seiner eigenen Late Nite Comedy namens Nate Lite. Der 36-jährige ist ja nicht nur Komiker sondern halber Niederländer. Aber warum finden Deutsche die bloß so witzig? Eine Antwortsuche.
Na, das fängt ja toll an: Nate Lite. Die neue Spaßparade auf ZDFneo heißt allen Ernstes Nate Lite, was schon im Titel die Güte gen Alles nichts, oder? plättet, Tendenz „zum Bleistift“, also eher Liga der außergewöhnlich Belämmerten als das, was sprachlich korrekter mit „Late Night Comedy“ untertitelt wird: Ein Nachttalk mit Humor. Doch toller wird’s nicht. Denn „Nate Lite“ dreht sich vor allem um Wohnwagenwitze. Oder Edamerwitze. Natürlich Windmühlenwitze. Nicht zu vergessen Tandemwitze. Alles gebündelt in Rubriken von „Two and a half Kaaskopp“ über „Oranje Gedankje“ bis „Mein Holland“. Womit wir bei Ursache, Wirkung, Dilemma und self fulfilling prophecy dessen wären, was, besser: wer uns da künftig die Spätnacht verulkt: Philip Simon, ein – Überraschung! – Niederländer.
Ab heute kriegt der versierte Bühnenkomiker von 36 Jahren nach einem ertragreichen Dasein als Gast all der Satiregipfel, Quatschclubs und Anstaltsneuigkeiten des Fernsehhumors seine erste eigene Show. Und allem Anschein nach wird die Enscheder Ahnenreihe des binational aufgewachsenen Deutschholländers den Wesenskern der kabarettistischen Gesprächssause bilden. Es geht also um eher plakative Pointen, verpackt in ein Format, das die Late Night per Buchstabendreher zwar umarmt, zugleich aber wegstößt. Denn möglichst viel und herzlich wenig zugleich soll an Thomas Gottschalk nebst Epigonen erinnern: Es gibt den unvermeidlichen Stand-up-Start (zum aktuellen Zeitgeschehen), allerlei Sketch-Elemente (wie eine Campingplatz-Sitcom) und den üblichen Sidekick (die Comedynovizin Tahnee Schaffarczyk), aber weder Schreibtisch, noch Großstadtpanorama, geschweige denn die übliche Studioband.
Nate Lite ist ein Mix aus Harald Schmidt und Mario Barth im Mittelstrahl der genretypischen Eigenurin-Therapie aus der Blase des TV-Humors – zum Auftakt zu Gast: Bernhard Hoëcker und Marijke Amado, ein Berufskasper und eine Berufslandsfrau. Dramaturgisch dürfte es also alles andere als innovativ werden, stilistisch dafür knallorange. Holland zieht eben im deutschen Unterhaltungsprogramm. Sogar wenn es jemand verkörpert, der optisch ein bisschen an Oliver Welke mit tätowierten Unterarmen erinnert und auch sonst dessen Masche der unbedarften Gehässigkeit aus dem Gefühl tiefster Normalität heraus teilt. Was also zieht an Philip Simon, aufgewachsen in Essen und erfolgreich vor allem östlich seiner Geburtsheimat? Und was zieht ihn so sehr auf die andere Seite des Grabens zwischen dem kleinen Nordseestaat und ihrem einst verhassten Besatzer? Ganz einfach, sagt dieser vielfach prämierte Vollblutkomödiant, der noch während seines Germanistikstudiums als Conférencier im Varieté gearbeitet hat und seither schon mal 300 Vorstellungen pro Jahr in den größten Häusern des Kabaretts absolviert: Es ist der Akzent („Oh, guck mal – das Baby kann sprechen“) und purer Pragmatismus („außerdem sind die Arbeitsmöglichkeiten größer“).
Dennoch muss es weitere Gründe geben, warum unsere Nachbarn seit den Tagen von Jopi Heesters und Heintje hierzulande so angesagt sind, warum ihre Popularität vor allem in den Neunzigerjahren nochmals kräftig angezogen hat. Die Antworten lauten: große Show und kleiner Grenzverkehr. Denn während der Amsterdamer Mediendozent Maartin Reesink deutsche Moderatoren als „eher steif“ empfindet, hält er seine unterhaltsamen Landsleute für weit „freimütiger, einfach geradeaus, unverblümt“. Und das wissen öffentlich-rechtliche Sender bereits seit den Sechzigern zu schätzen, als erst der singende Moderator van Burg zum gemütlichen „Onkel Lou“ der erblühenden Fernsehnation avancierte und Rudi Carell sodann den Typus väterlicher Grandseigneure um den Faktor Lockerheit erweiterte.
So richtig zum Durchbruch kamen die fröhlichen Grenzgänger allerdings erst, als sich die Scouts des Neulings RTL praktisch bloß in die Straßenbahn setzten mussten, um das junge Dualsystem mit Holländern auszustatten. Marije Amado, geschult als Assistentin Am Laufenden Band, die kleine Schwester des späteren Großproduzenten John de Mol namens Linda, dazu Harry Wijnvoord – die räumliche Nähe versorgte den Kölner Kommerzkanal Anfang der Neunziger regelmäßig mit frischen Gesichtern, aber auch gebrauchten wie dem Rudi Carrells, der 1993 von der ARD an den Rhein wechselte. Seither zählen Niederländer jeder Art insbesondere bei RTL zum Stammpersonal, derzeit etwa das heitere Barbiepüppchen Sylvie van der Vaart, die in Let’s Dance nicht nur ihr strahlend weißes Zahnarztlachen, sondern sämtliche sekundären Geschlechtsmerkmale zu Markte trägt. Oder Tooske Ragas, bei Deutschland sucht den Superstar vor allem für süße Optik zu sinnlosen Fragen zuständig. Beide sind indes nur noch austauschbare Folien für das Klischee der naturfröhlichen Anrainer mit dem einnehmenden Wesen, deren putzig glattgebügelte Diphtongs unserer Sprache ein wenig ihrer Härte nehmen, aber ja doch noch irgendwie hiesigen Dialekt sprechen. Friesisch eben. Und genau das wird Philip Simon neben all den Hasch- und Kraushaarscherzen in Nate Lite thematisieren. Immer und immer und immer wieder. Holländerwitze in Endlosschleife. Deutsches Publikum kriegt davon nie genug.
Der Artikel ist auch in Berliner Zeitung und FR erschienen:
http://www.berliner-zeitung.de/medien/tv-eine-ganz-eigene-liga,10809188,22386026.html
http://www.fr-online.de/medien/tv-eine-ganz-eigene-liga,1473342,22386026.html
Von Jan Freitag
Samstagsporträt: Markus Staiger, Nuclear Blast
Posted: April 6, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentVom Metall zum Metal
In einer Kleinstadt am Rande der Schwäbischen Alb hat der Musikfan Markus Staiger das größte unabhängige Heavy Metal-Label der Welt geschaffen. Angefangen hat die Erfolgsgeschichte vor 25 Jahren im Kinderzimmer.
Von Jan Freitag
Schwäbisches Arbeitsethos? Markus Staiger schüttelt den Kopf. Ha Noi! Bei aller Bodenständigkeit, das nun nicht. Obwohl – er denkt kurz nach. „Eigentlich doch.“ Sofern es Attribute wie Beharrlichkeit und Ausdauer beschreibt, falls es für Geschäftssinn und Risikofreude steht, wenn es zu schätzen heißt, „dass man mag, wenn etwas wächst und gedeiht“, wie Staiger es ausdrückt, „bin ich wohl doch recht schwäbisch.“ Schwäbischer zumindest, als der Name seines Unternehmens: Nuclear Blast. Auch wenn man in Donzdorf gern Blascht sagt. Schwaben können eben alles, außer Hochdeutsch. Und Staigers stetig wachsende Firma belegt, dass seine Landsleute selbst im letzten Winkel jedes Produkt für die ganze Welt erzeugen. Von Maschine über Teddy bis Geschirr und nun auch noch Markus Staigers Ein und Alles, seinen Lebenszweck: Heavy Metal. Mit ihm wurde ein mittelständischer Betrieb bei Ulm zum weltgrößten unabhängigen Plattenlabel einer Musikrichtung, die gerade am Rande der Schwäbischen Alb wie eine Invasion Außerirdischer wirkt. Heavy Metal, das hören doch die mit den rauen Sitten, den satanischen Riten, den langen Matten. „Die Region ist tiefschwarz und gläubig“, sagt ihr Grundversorger Staiger, selbst eingeborener Katholik, „aber bei uns erwirbt man sich mit Erfolg eben Respekt.“
Und von beidem hat sich der Mann mit den sanften Augen in 45 Jahren reichlich erarbeitet. Besser noch: in seiner zweiten Lebenshälfte; am Ende der ersten war er noch Bürgerschreck mit Punkfrisur. Das belegt auch ein Dokumentarfilm von Arte namens Heavy Metal auf dem Lande. Staigers Mutter zeigt darin Jugendfotos ihres Buben und lächelt scheu durch ihre Küche in rustikaler Eiche. Dem Markus, so erteilt sie ihm heute Absolution, „dem isch des wirklich ernscht“. Und wem es das ist, darf auch vom deutschen Bibelgürtel aus Tassen mit Pentagramm, Aufnäher mit „Satan inside“ oder Alben mit Kruzifix als Steinschleuder verkaufen. Wer Heavy Metal sagt, muss schließlich auch Nuclear Blast sagen. Das Unternehmen mit Büro in L.A. verbucht rund um den Globus Chartplatzierungen. Nightwish, eine der mittlerweile 104 Vertragsbands, katapultiert jedes ihrer Alben nicht nur im heimischen Finnland an die Chartsspitze und knackt locker die Millionen-Grenze international verkaufter CDs. In Zeiten sinkender Tonträgerabsätze eine unglaubliche Zahl und doch nur eine Seite der Medaille.
Die andere heißt Mailorder und Merchandising. An die 6000 Produkte stapeln sich im riesigen Lager des firmeneigenen Gebäudes, weitere 2000 sind lieferbar. Woche für Woche verschicken gut gelaunte Frauen im Versand Tausende von Paketen um die Welt. Das Klima ist gut, die Musik verbindet. Hier, inmitten langer Regalfluchten, ist auch Markus Staiger in seinem Element. Zwischen Weihnachtsgirlanden aus Fledermäusen, Armreifen mit Eisernem Kreuz oder Platten in martialischen Hüllen, umgeben von Totenköpfen, T-Shirts, Nieten und Nippes. Ihr Besitzer kennt jede Kiste, jede Band, jeden Button. Er lächelt milde über unnützes Zeug, verharrt stolz vor der kleinen Vinylecke und preist ungläubig Topseller wie Patronengurte oder Trinkhörner. Staiger grinst: „Keine Ahnung, was 4000 Leute damit wollen.“ Der echte Metal-Fan hegt eben eine innige Beziehung zu Devotionalien, zum Fetisch, zur Uniform. Und sie beschert Nuclear Blast im Vorjahr fast 40 Millionen Euro Umsatz. Die knapp 100 Angestellten, meist echte Fans mit langen Haaren und Band-Shirts, kriegen sogar Weihnachtsgeld.
Das bringt Markus Staiger nachbarschaftliche Anerkennung. Dabei schafft ein Betrieb dieser Größe im überschaubaren Donzdorf mit seinen 11.000 Einwohnern gerade mal die Top Ten der größten Arbeitgeber. Doch die Kleinstadt mag ihren Markus und Bürgermeister Martin Stölzle nennt drei sehr praktische Gründe: „Er ist ein Beispiel, wie man als junger Mensch eine Firma von Weltruf aufbaut, er schafft Arbeitsplätze und ist ein guter Steuerzahler.“ Außerdem veranstalte er gern Feuerwerke und die Musik sei teilweise, nun, hörbar. In einem Ort, wo der frühere Patriarch, ein reicher Graf von bald 100 Jahren, naturgemäß mit Erlaucht angeredet wird und Konservativismus als genetisch bedingt gilt, sei Kritik da selten. Das war vor einem Vierteljahrhundert sicher anders, als Markus Staiger beim Zivildienst begann, der umliegenden Szene kleinere Posten Importplatten zu ordern. Vom Metall zum Metal – gelernt hatte er Maschinenschlosser. Doch Regelarbeitsverhältnisse waren seine Sache nie. Auch der Name seines Ur-Versands stieß kaum auf Verständnis: Misthaufen Distribution, wirtschaftlich eine Reihe Sammelbestellungen mit geringer Gewinnspanne, räumlich ein Zimmer im Elternhaus, perspektivisch ein Sprungbrett nach oben. 1987 gründete er Nuclear Blast. Seither befindet er sich im Steigflug.
So sehr, dass Staiger nun kürzer treten muss, treten darf, will. Nach20 Jahren pausenloser Arbeit nimmt er sich nun Zeit für seine Freundin und Hobbys. Joggen, Fitness, Yoga. Und Golf. Als Ausgleich und Naturerlebnis. Der untersetzte Mann in schwarzer Freizeitkleidung lacht: „Aber alloi“, nicht mit dem örtlichen Jet Set. Dafür, aus dem Munde eines wohlhabenden Porschefahrers klingt das rasch verdächtig, „bin ich zu independent“. Und doch muss man es ihm glauben. Nicht wegen der Band-Logos, die er gern vor der Brust trägt. Nicht wegen 20.000 Platten des Vollgasgenres, die seine Wohnung verstopfen. Nicht, weil er Kaufangebote der riesigen Majorlabels so ablehnt wie heimeliges Versorgungsdenken oder das Siezen. Nein, es ist das Wesen seiner Musik. Heavy Metal sei keine Frage des Geldbeutels und schon gar nicht von Trends, sondern pures Herzblut. „Ich werde ihn mein Leben lang hören“, schwört er. Was sich wie Selbstvergewisserung des alternden Fans anhört, es ist reine Feststellung.
„Hey, your Record is fucking unbelievable“, ruft Staiger einer Musikerin zu, die sein chaotisches Büro voll goldener Schallplatten und Versandkisten betritt. Bei Fourtysomethings mit blondierter Kurzhaarfrisur führen solch juvenile Ausbrüche oft zum Fremdschämen. Doch wie Markus Staiger danach beteuert, in ihre Band richtig Energie zu stecken, weil sie so unfassbar gut sei, ist man geläutert. Dieser Mix aus Leidenschaft und Energie in schwäbischem Akzent, mit ihm lässt sich alles verkaufen. Ob Metal oder Metall.




