Yo Billag & Geiseldramen

Die Gebrauchtwoche

27. März – 5. Februar

Alles oder nichts – darum schien es vor der gestrigen Abstimmung über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Schweiz zu gehen. Mit welcher Deutlichkeit die rechtspopulistisch neoliberal marktradikale Forderung „No Billag“ sollte Dreiviertel der teilnehmenden Eidgenossen ebenso wie die schweigende Mehrheit all jener in Europa, denen ein paar Euro mehr in der Tasche weniger wichtig sind als ein wirtschafts- und parteiunabhängiger Rundfunk, davon überzeugen, ihre Hasenfüßigkeit mal aufzugeben. Nur mit etwas mehr Vertrauen in die Vernunft bei deutlich größerem Bekenntnis zum demokratischen Wert einer freien Presse kann man dem zynisch-verlogenen Populismus von Christoph Blocher und Donald Trump, AfD oder FPÖ etwas Substanzielles entgegensetzen. Die Schweizer*innen mit Empathie und Hirn haben das am Sonntag ziemlich wuchtig getan ihre Gegner*innen mit Ego und Hass getan.

Wie wenig der populistische Widerstand dem objektiven Bedarf nach gemeinschaftsfinanzierten Medien inhaltlich entgegenzusetzen hat, zeigten Beatrix von Storch und Georg Kofler am Mittwoch schließlich abermals bei Sandra Maischberger. Andererseits sollten sich etwa ARD und ZDF nicht zu sicher sein, dass seriöses Infotainment mit der Rundfunkgebühr im selben Grab beerdigt würde. Der slowakische Netzreporter Ján Kuciak hat mit seiner Recherche über Mafia-Verstrickungen seiner Regierung zum Beispiel gerade hinlänglich bewiesen, wie journalistisch auch ohne Gebührengelder gearbeitet wird – und dafür sogar mit seinem Leben bezahlt. So bitter das ist: einen mächtigeren Beleg für seine Bedeutung hätten ihm und uns die Auftragskiller gar nicht liefern können.

Trotzdem bleibt das öffentlich-rechtliche Angebot auch weiterhin die tragende Säule der informationellen Grundversorgung. Das belegt gerade wieder der Jugendkanal Funk, auf dem am Dienstag das investigative Rechercheformat STRG_F freigeschaltet wurde, um die Geschichten hinter den Geschichten kenntlich zu machen und nebenbei junge Journalisten zu scouten. Wann die Streaming-Dienste auch in so etwas investieren, statt sündhaft teure Hochglanzserien zu produzieren oder sündhaftteurere Kooperationen wie jetzt die von Sky und Netflix zu finanzieren, bleibt schließlich bislang offen.

Die Frischwoche

27. März – 5. Februar

Und selbst die Platzhirsche vermögen es ja gelegentlich, abseits ihrer (einzig von rechten Hetzern bezweifelten) Nachrichtenkompetenz bedeutungsvolle Fiktion zu erzeugen. Nach der ZDF-Sensation Bad Banks, die heute (22.15 Uhr, ZDF) ins Finale geht, schafft es das Erste Mittwoch und Donnerstag, die Wirklichkeit spielerisch unterhaltsam zu machen. Kilian Riedhofs Zweiteiler Gladbeck inszeniert das berühmte Geiseldrama von 1988 so intensiv, so spannend, als wäre sein Ende nicht hinlänglich bekannt. Verantwortlich dafür ist die einfühlsame Kamera, der kontrapunktische Soundtrack, Holger Karsten Schmidts präzises Porträt exekutiver Zwänge, vor allem aber Sascha Geršak und Alexander Scheer, die den Gangstern Jürgen Rösner und Dieter Degowski eine fast wortlose Physis geben, vor der man förmlich erstarrt.

Bei allem Lob ist aber auch dieser Film einer von Männern mit Männern, die Frauen als Objekte behandeln. Das kann man einem derart dokumentarischen Stoff natürlich schwer vorwerfen, es kennzeichnet aber ein Problem der Branche insgesamt – und macht das Angebot von Arte zum Weltfrauentag am 8. März umso wichtiger. Ab morgen wird dort allabendlich zur besten Sendezeit die weibliche Gleichberechtigung mitsamt der männlichen Reaktion thematisiert. Zum Auftakt geht es um Topmanagerinnen und Abtreibungsgegner. Mittwoch zeigen Spielfilme wie Die unerschütterliche Liebe der… oder Shoes Frauen in aufrechter Abwehrhaltung. Tags drauf erzählt der Vierteiler Nachdem ich ihm begegnet bin eine Art Coming-of-Age-Drama einer scheinbar glücklichen Mutter (Emily Watson), die im Desaster endet. Und der Start ins Wochenende widmet sich erst The Queen of Funk Betty Davis (21.40 Uhr), dann der Jazz-Sängerin Dee Dee Bridgewater beim Konzert in Paris (23.30).

Wieder sehr männlich, aber sehenswert ist die Amazon-Serie The Looming Tower. Ab Freitag spielen Peter Sarsgaard und Jeff Daniels darin zwei Hauptverantwortliche von FBI und CIA im Vorfeld von 9/11, deren Rivalität keinerlei Hinweis darauf gibt, dass beide demselben Staat dienen. Und noch ein Mann im Vordergrund, der zu Lebzeiten allerdings im Hintergrund stand: Harry Dean Stanton. Am Samstag um 23.35 Uhr porträtiert Sophie Huber auf 3sat, unterlegt von dessen eigener Country-Musik, Hollywoods wohl bekanntesten Nebendarsteller. Bei den Wiederholungen der Woche war er jedoch nicht dabei.

In Endstation Schafott von 1973 (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) setzt dagegen Jean Gabin alles daran, einen geläuterten Bankräuber (Alain Delon) an den Galgen zu bringen. Das französische Drama Unser Weg ist der beste war vier Jahre später eines der intelligentesten Apelle gegen Homophobie seiner Zeit (Montag, 22.05 Uhr, Arte). Morgen zeigt der WDR Wolfgang Petersens Gaunerkomödie Vier gegen die Bank aus dem gleichen Jahr. Nur der Tatort-Tipp ist neueren Datums. Mit Der Himmel ist ein Platz auf Erden wiederholt der RBB (Montag, 22.15 Uhr) das Debüt von Dagmar Manzel und Fabien Hinrichs als Ermittler-Duo Ringelhahn/Voss 2015.


Sam Vance-Law, Suuns, Isolation Berlin

Sam Vance-Law

Wer schon immer wissen wollte, wie die Editors wohl klingen, wenn ihnen irgendwer einfach mal die verstaubten Vorhänge im Kellerloch aufreißt und zeigt, dass da draußen manchmal doch die Sonne scheint, kriegt jetzt das vielleicht schönste Anschauungsmaterial des Frühjahrs. Sam Vance-Law, ein Songwriter aus dem kanadischen Edmonton, bringt heute sein Debütalbum raus, und schon das Ausmaß zuvor verabreichter Lorbeeren zeigt: hier wächst etwas Großes heran. Aufgewachsen mit Klassik, geschult im Kinderchor, beeinflusst vom zeitgenössischen New New Wave bläst der Wahlberliner den Pop unserer Tage zu einer Grandezza auf, die Pathos durch Bescheidenheit ersetzt und Renditedenken durch Eigensinn.

Weil Sam Vance-Law schwul ist und auch noch gern über dieses richtige Leben im vielfach immer noch feindseligen Umfeld singt, wird Homotopia bereits als homosexuelles Manifest gefeiert. Mehr noch als dieser unbeirrbar zum Ausdruck gebrachte Kampfesmut beeindruckt allerdings, wie er ihn musikalisch begleitet. Ständig durchdringen hoffnungsfrohe Trompeten und Streicher die Poesie. Wenn der Songwriter “I’m a Faggot” singt, tut er es in einem energischen, fast aufgewühlten Tempo. Die Stimme getragen, ihr Ausdruck wuchtig, schwillt der Kammerton dabei ständig zur Orchesterlautstärke an und umgekehrt wieder ab. Das geht ungemein zu Herzen, ab auch in Bauch, Beine, Po, das Gehirn vor allem. Ein Wunderwerk des politisch relevanten Pop. Nicht weniger, eher mehr.

Sam Vance-Law – Homotopia (Caroline)

Suuns

Mehr Fläche, mehr Gitarren, mehr Brett, mehr Rausch, mehr von allem, was Krautrock amerikanischer Prägung zum sehr trägen, aber massereichen Wasserfall musikalischer Impulse macht, haben die Suuns im Repertoire. Bislang. Jetzt nämlich bringt das Quartett aus dem kanadischen Montreal sein neues Album raus, und nicht alles, aber vieles ist anders als auf den drei Platten zuvor. Auch Felt lotet die Atmosphäre neopsychedelischen Art-Punks bis an den Rand des Harmonischen aus. Im Gegensatz zu vorher allerdings ist den meisten der elf Stücke eine unterschwellige Portion LoFi beigemengt. Es scheppert nicht mehr so wie zuletzt noch auf Hold/Still, die Saiten dürfen auch mal schweigen. Dafür wird es elektronischer, bisweilen technoid.

Stücke wie das dadaistische Watch You, Watch Me zum Beispiel klingen wie eine modernisierte Version von Kraftwerk, produziert von Air, eingespielt von The Notwist, extrem kleinteilig, voll verspielter Eskapaden und nostalgischer Spirenzchen, aber gerade darin so Suuns, dass die Wurzeln der Band in jedem Track ein wenig mehr zur Geltung kommen. Bis auf Gitarrist Joseph Yarmush kommen die Mitglieder schließlich allesamt aus dem Jazz und lassen diese Filigranität besonders in den elliptischen Drums permanent durchscheinen. Das ruhigste, das variabelste, nicht das beste, aber noch weniger das schlechteste Album dieser außergewöhnlichen Formation.

Suuns – Feld (Secretly Canadian)

Isolation Berlin

Das Leben der Großstadt scheint ohne die Dreingabe körpereigener und -fremder Substanzen offenbar nur schwer vorstellbar zu sein. Auf ihrem neuen Album pfeifen sich Isolation Berlin jedenfalls andauernd dabei irgendwas Biochemisches rein und nennen es folgerichtig Vergifte dich. Gleich zum Auftakt baut sich die notorisch übellaunige Band „ein Kartenhaus aus Serotonin“, fleht sodann nach Rauschgift, um am Ende zittrig „K-K-K-Kicks“ zu fordern. Glaubt man Sänger Tobi Bamborschke, ist das Leben seiner Großstadt also kein amüsanter Berghain-Exzess, sondern sauer, trist und erschöpfend. Während der Opener noch fast exilwienerischen Esprit versprüht, schreddern David Specht, Max Bauer und Simeon Cöster danach jeden Anflug von Harmonie.

Und zwar in einem derart kakophonischem Missklang, als instrumentierten sie eine Art Anleitung zur Suizidgefahr. Vergifte dich klingt demnach eher wie der schwäbische Noise-Nihilismus der Stuttgarter Schule von Karies bis Die Nerven als nach der sprichwörtlichen Partypartyhauptstadt Berlin-Mitte. Dennoch nimmt das Quartett die äußerst hohe Hürde des Nachfolgerwerks eines gelungenen Debüts mit großer Bravour; musikalisch ist es bis an die Grenze des Erträglichen eigensinnig und kreativ. Man sollte halt bloß seine Antidepressiva zur Hand haben.

Isolation Berlin – Vergifte dich (staatsakt)


Moby: Tech-Pop, TripHop & Gospel

Ich hasse es, live zu spielen

Moby hingegen zählt bereits die Hälfte seiner 52 Jahre zu den ganz Großen des globalen Tech- und Dance-Pop. Doch der New Yorker wurde nicht nur mit jedem seiner Alben populärer, sondern politischer, vielschichtiger, manchmal gar ein bisschen subkulturell. Ein Gespräch zum 15., sehr triphoppigen Longplayer Everything Was Beautiful, And Nothing Hurt über kalkulierbaren Sound, die Hölle auf Erden, was Musik dagegen tun kann und warum er lieber in den Bergen wandert als aufzutreten.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Richard, je mehr ich deine Musik über die Jahrzehnte verfolge, desto schwerer wird es, sie irgendwo zuzuordnen. Hast du eine griffige Beschreibung dafür?

Richard Melville Hall alias Moby: Also grundsätzlich möchte ich ein guter Interviewpartner sein, der nachdenklich und smart klingt. Leider tue ich das nicht, weshalb mir eine nachdenkliche, smarte Beschreibung meiner Musik schwerfällt. Weil ich jeden Tag mit mir selbst leben muss, fällt mir Objektivität in Bezug auf mich ohnehin schwer. Als Begriff für meine Musik fällt mir am ehesten Kraut und Rüben ein. Es gibt gewiss ein paar gemeinsame Nenner, die sich durch alle hindurch ziehen. Aber mir fällt keiner ein. Dir?

Der elektronische Einfluss vielleicht?

Eigentlich ja, aber die Platte, an der ich jetzt grad arbeite, ist vollends akustisch und orchestral. Aber ehrlich: als ich mit der Musik begonnen habe, war Eklektizismus noch die absolute Ausnahme. Wer sich in den Achtzigern ein Genre gesucht hat, blieb ihm ein Leben lang treu. Dass Rockmusiker ewig Rockmusiker sind und Dancemusiker ewig Dancemusiker, hat sich mittlerweile geändert. Heute darf man sein Publikum gern ein bisschen verwirren.

Ist das eines deiner erklärten Ziele beim Musikmachen?

Nein, mein Ziel ist eigentlich ganz einfach: Als ich aufgewachsen bin, war eine meiner tiefgründigsten emotionalen Erfahrungen, Musik zu hören. Das wollte ich selber für andere bewirken. Deshalb gilt meine ganze Loyalität dem Streben, musikalisch Gefühle zu erzeugen, die wie molekulare Teilchen in der Luft dazu in der Lage sind, Menschen zum Weinen, zum Lachen oder voll besetztes Stadion zum Schweigen oder Hüpfen zu bringen.

Und da ist die Festlegung auf ein Genre hinderlich?

Ich würde nicht hinderlich sagen, sondern beliebig. Vor 30, ach – vor 20 Jahren hat sich das Instrumentarium einer Rock-, Pop-, Jazz- oder Rap-Band noch grundsätzlich unterschieden. Und jetzt? Benutzen alle einen Laptop. Die Genres mag es also noch geben, aber die Art, sie zu erzeugen, ändert sich radikal. Das macht jede Festlegung auf ein bestimmtes Genre ein wenig willkürlich und mich selbst in zunehmendem Maße eklektizistisch.

Umso mehr erstaunt, dass Everything Was Beautiful, And Nothing Hurt so unglaublich nach TripHop klingt. Wurdest du da von Tricky und Portishead beeinflusst?

Ich würde eher sagen, es wurde beeinflusst, wovon Tricky und Portishead beeinflusst worden waren: vom Soul der Sixties, vom Dub der Seventies, vom R’n’B der Eighties.

Das klingt nach einem fast wissenschaftlichen Ansatz.

Es ist aber zu 100 Prozent ein emotionaler, persönlicher, subjektiver. In einer Zeit, die den meisten Künstlern sowieso nahezu unmöglich macht, Platten zu verkaufen, also mit ihrer Musik Geld zu verdienen, ist das sehr befreiend. Ich muss auf nichts mehr Rücksicht nehmen und muss noch weniger irgendetwas im Hinblick auf eine Karriere kalkulieren.

Das war also mal anders?

Am Anfang fand ich die Idee, viele Platten zu verkaufen und ausverkaufte Konzerte zu geben, toll. Jetzt finde ich es schöner, einfach Musik zu machen und nie mehr auf Tour zu gehen.

Ernsthaft – du spielst nicht gern live?!

Ich hasse es, live zu spielen. Ernsthaft. Wenn es nach mir ginge, würde ich nie mehr auf Tour gehen, sondern zuhause bleiben, ab und zu durch die Berge wandern, mit Freunden essen gehen, Musik machen. Das ist so viel besser als ständig im Bus zu sitzen und in artifiziellen Hotels zu übernachten.

Ist es dann eine Art Dienstleistung am Fan, dass du dennoch auftrittst?

Nein, denn ich war ja schon einige Jahre nicht mehr auf Tour. Und die fürs neue Album beschränkt sich auf drei Shows in kleinen Clubs von Los Angeles und weiteren zwei in noch kleineren Clubs in New York. Nenn es faul – aber mein Traum von Festival ist es, nach dem Gig ins Auto zu steigen und eine halbe Stunde später in meinem Bett zu liegen. Das Leben ist zu kurz, um sich dauernd zu wiederholen. Ich will nicht der nächste mittelalter Musiker sein, der sein Lebenswerk bei einer Greatest-Hits-Tour reproduziert.

Der Titel deines neuen Albums Everything Was Beautiful, And Nothing Hurt klingt was die Vergangenheit betrifft, irgendwie versöhnlicher…

Das Zitat stammt aus einem Buch von Kurt Vonnegut und als Albumtitel ungemein idealistisch und utopisch. Vielleicht ist das jetzt für mich interessanter als für andere, aber wenn ich auf die Geschichte der Menschheit blicke, waren unsere Probleme bis vor 100 Jahren solche, die sie nicht kontrollieren konnten. Erdbeben, Unwetter, Missernten, Hunger, von Bären gefressen zu werden. In dem Moment aber, als wir all das im Griff hatten, haben wir uns selbstgemachte Probleme erschaffen, was zur merkwürdigen Situation führt, dass wir die Welt, je sie unter unserer Kontrolle ist, nachhaltiger zerstören als jede Naturkatastrophe. Wir könnten das Paradies erschaffen und erschaffen stattdessen die Hölle. Darauf soll der Albumtitel die Aufmerksamkeit lenken.

Bist du optimistisch, dass wir die Hölle in den Griff kriegen?

Ein bisschen ja. Ich hoffe, dass wir alle irgendwann aufwachen, um die Selbstzerstörung unserer Spezies durch fossile Brennstoffe, Massentierhaltung, Konsumwahn zu stoppen.

Kann deine Musik, kann Musik generell dabei helfen?

Meine letzten Alben waren zumindest insofern politisch, als sie all dies thematisiert haben. Von daher war ich wohl schon der Meinung, das ginge. Das Politische an dieser Platte ist eher anthropologischer Natur. Ich frage mich darauf, warum wir handeln wie wir handeln, ohne es zu bewerten. Ich möchte zum Nachdenken anregen, wie wir uns selbst als Spezies sehen, wie wir uns zu anderen Lebewesen verhalten.

Nochmals – kann die Platte das Handeln der Hörer beeinflussen, gar verändern?

Schön wär‘s. Vielleicht kann die selbstbewusste Kombination aus Musik, Essay, Video und Interview Standpunkte so in die Welt senden, dass es Aufmerksamkeit für globale Probleme erzielt.

Ist Motherless Child, das auf einem Gospel früherer Sklaven basiert, so gesehen ein politscher Song mit dem Potenzial zur Veränderung?

Er wirft zumindest einen Blick auf die menschliche Kultur, besser noch: die Kultur der Menschlichkeit, um womöglich das Verständnis dafür zu verändern, warum sie so oft derart furchtbare Entscheidungen gegen die eigene Spezies trifft. Jeder versucht sein Leben Tag für Tag krampfhaft mit einem Sinn zu füllen, nur um Abend für Abend zu bemerken, wie endlich das Leben ist und wie isoliert, verloren, entfremdet wir sind. Davon handelt der Song. Meine Hoffnung ist nicht, dass er daran etwas ändert, sondern die Menschen beim Hören eine emotionale Bindung dazu finden und über sich selbst und ihr Handeln nachdenken – so wie es ein Stück wie Imagine in all seiner Einfachheit einst getan hat. Obwohl: die Ausstrahlung von John Lennon maße ich mir besser nicht an…

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen

Heiße Luft & wenig Festes

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. Februar

Entschuldigung, sorry, pardon – was jetzt und hier folgt ist echt billig, wohlfeil, ähnlich blöde wie handelsübliche Privatfernsehcomedy, aber diesen Kalauer kann man sich schwer verkneifen: der neue CEO von ProSiebenSat.1 Media, die dessen Vorgänger Thomas Ebeling wegen seiner Publikumsbeschimpfung (fettleibig und arm) gewiss mit wuchtiger Abfindung des Amtes enthoben hat, war zuvor CEO des Staubsauger-Herstellers Dyson, also zuständig für die Produktion von, hüstel, heißer Luft. Gut, so ein Kalauer ist fast so plump wie dieser elitäre Einkommensmillionär zynisch. Aber die Medienwelt von heute hat für plumpen Zynismus nun mal mehr übrig als für empathischen Journalismus.

Das lässt sich sogar bei Fernseh-Erneuerern wie Jan Böhmermann begutachten. Dessen Neo Magazin Royale hat auf der Berlinale Schauspieler wie Jürgen Vogel oder Jan Josef Liefers nach ihrer Meinung zur #MeToo-Debatte befragt. Zur Antwort gab es allerdings nur debiles Geblubber, das beide als Salon-Sexisten der lächerlichsten Art entlarvt hat. Noch viel eindrücklicher zeigt sich die gegenwärtige Stimmung aber wie so oft bei der unverbesserlichen Bild. Die nämlich hat gefälschten Mails des Satiremagazins Titanic, in denen es um Kontakte des Juso-Chefs zu russischen Netz-Trollen geht, nicht nur blindlings geglaubt, sondern den erfolgreichen Hoax aufs Titelblatt gehoben.

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt räumt zwar ein, „die Gewichtung als Schlagzeile sei im Nachhinein falsch“. Vorzuwerfen habe er sich aber nichts. Schon weil im Text dauernd von „angeblich“ die Rede ist und jeder Springer-Reporter qua Geburt eine Anwartschaft auf den Pulitzerpreis im Nabelschnurblut hat. Dass bei Bild angeblich Journalisten arbeiten, die angeblich Recherchetechniken beherrschen, denen angeblich echt seriöse Berichterstattung entspringt, hat an dieser Stelle also ein paar Konjunktive zu viel, um es zu glauben.

Wenden wir uns also geistesverwandten Kollegen der Bild zu. Die Moderatoren von Eurosport haben es nämlich geschafft, in 375.720 Stunden Olympia-Berichterstattung handgestoppte 0,000 Sekunden auf etwas anderes als Frohsinn zu verwenden, was sie im Ranking der Jubelperser sogar noch knapp vorm ZDF rangieren lässt. In der Paradedisziplin „kenntnisfreier Sportpatriotismus“ gewann Marco Schreyl dabei knapp vor Norbert König die Goldmedaille. Apropos Gold: Die Goldene Kamera 2018 gewann Donnerstag folgende – ach, eigentlich auch egal…

Die Frischwoche

25. Februar – 4. März

Zumindest angesichts der Tatsache, dass derselbe Sender, der dieser Blödsinn vom Glamour einer Grobcordhose übertragen hat, gleich mehrfach beweist, wie inspirierend fiktionales Fernsehen aus Deutschland sein kann. Im ZDF wirft Matti Geschonneck nach Magnus Vattrodts schlüssigem Drehbuch heute um 20.15 Uhr einen wunderbar verspielten Blick auf den klaustrophobischen Mikrokosmus Nachbarschaft. Dabei glänzt Südstadt von Andrea Sawatzki über Matthias Matschke bis Anke Engelke durch ein Ensemble, dass man genauso im realen Mietshaus findet. Grandioser Film! Gefolgt von einer, wenn nicht der grandiosen Serie des laufenden Jahres: Bad Banks. Sechs Teile lang seziert Christian Schwochow Donnerstag/Freitag ab 20.15 Uhr auf Arte und ab Samstag (21.45 Uhr) im ZDF ein entfesseltes Finanzsystem, das körperlich spürbar Angst vorm nächsten Crash entfacht. Für die Goldene Kamera viel zu anspruchsvoll, dürfte es dafür Grimme-Preise hageln.

Davon träumt wohl auch das Team des ZDFneo-Vierteilers Nix Festes, ab Dienstag (22.45 Uhr). Leider verhaspelt sich die Sitcom über vier Berliner Adoleszenz-Verweigerer um die 30 in Grimassenschneiderei, weshalb das Low-Budget-Projekt nur ganz nett ist, statt wirklich sehenswert. Der Ludwigshafener Impro-Tatort Babbeldasch war dagegen zu miserabel, um freiwillig Lebenszeit auf seinen Nachfolger Waldlust am Sonntag zu verschwenden. Ein bisschen davon verdient demgegenüber der ARD-Mittwochsfilm Die Firma dankt, in dem sich Thomas Heinze als einziger Überlebender einer Kündigungswelle plötzlich allein mit der Firmenspitze wiederfindet, die er in einer bizarren Kammerspielsituation von seiner Bedeutung fürs Unternehmen überzeugen soll.

In Ermangelung weiterer Neuausstrahlungen kommen wir aber jetzt gleich mal zu den Wiederholungen der Woche, zur Feier von Trumps anstehendem Verbot sämtlicher Handfeuerwaffen ausnahmslos aus den USA. Morgen um 22.05 Uhr beweist Jim Carrey im futuristischen Trennungsdrama Vergiss mein nicht von 2003, dass er auch ohne Grimassen unterhaltsam ist. Die Vietnamkriegssatire Tropic Thunder von 2008 beweist am Freitag (20.15 Uhr, Pro7) abermals, wie witzig Ben Stiller ist. Tags drauf beweist Frost/Nixon aus dem gleichen Jahr, wie gut Politik entertainen kann. Und in schwarzweiß beweist John Wayne in John Fords Westernlegende Bis zum letzten Mann (Sonntag, 00.05 Uhr, NDR) von 1948, dass alte Filme auch echt alt aussehen.


Lo Moon, Brett

Lo Moon

Und wenn über dem Keyboard getragen die Stimm fleht, wenn darunter noch getragener das Schlagzeug zappelt, wenn mittendrin Synthesizer zucken, wenn Gitarre und Bass mit Text und Sound ein melodramatisches, aber irgendwie hoffnungsfrohes Gespinst verknüpfen, dann sind wir in einem ganz, ganz schwierigen Genre. Es nennt sich Dreampop und wird gewiss nicht weniger anfällig für kommerzielles Pathos, weil das Marketing ein künstlerisches “Art” davor klemmt. Also gut: Lo Moon ist also ein “L.A.-Art-Pop-Trio”, dem es offenbar darum gelegen ist, so viel Gefühl zu vermitteln, dass durch die zehn Stücke um Liebe, Leid, das Leben schon mal trotzig die Trombone wimmert. Könnte also furchbar sein. Ist es aber nicht.

Die angloamerikanische Mischung aus dem Kalifornier Matt Lowell (Gesang), Bassistin Crisanta Baker (Denver) und an der Gitarre Samuel Stewart (London) mag von hinten durch die Brust ins Auge Emotionalität schießen. Doch ihr selbstbetiteltes Debütalbum verliert dabei nie die Bodenhaftung und klingt dadurch nicht nur ein wenig nach dem New Wave der Achtziger von Talk Talk bis zum Newnew Wave der Nuller von The XX, sondern fast immer ungemein angenehm. Die athmosphärischen Synths sorgen gemeinsam mit der feinen Restrock-Attitüde für eine Eleganz, die man so manchem Schlabber-R’n’B nur wünschen kann. Lo Moon ist vielleicht etwas pathetisch, es bleibt aber stets lässig und cool.

Lo Moon – Lo Moon (BB*Island)

Brett

Brett ist ja mal eine Ansage. Brett heißt musikalisch betrachtet volle Breitseite. Um Brett zu heißen muss man demzufolge auch Brett liefern. Und Brett liefert. Brett ist eine Band, die aus allen Teilen Deutschlands, wie es scheint, zusammengewürfelt in Hamburg zusammengefunden hat, um aus Brettern Rock zu machen oder umgekehrt. Und das Debütalbum mit dem ziemlich grandiosen Titel WutKitsch macht genau das: Postpunkrock, der kachelt. Aber eben nicht nur das. Er kachelt mit Stil und Bedacht. Ganz im Sinne des progressiven Philosphiestudentenhatecore der Marke Messer, Trümmer, 208, Die Nerven und wie sie alle heißen, wird Empörung zu Krach und Krach zu Empörung und das klingt, meistens zumindest, ziemlich gut.

In der Videoauskopplung Ein schöner Tag (schade, dass Krieg ist), dekliniert Sänger Max zu grob verzerrter Gitarre in leicht überhitztem Geschrei durch, wie schön die Welt doch wäre, wenn die Welt denn kollektiv an ihrer Schönheit teilhaben dürfte und nicht nur ein paar Privilegierte. Das ist so der Tonfall. Textlich ausgefuchst, musikalisch vielschichtig, manchmal etwas ostentativ revoltierend und vom Sound her metallisch, aber im Grunde völlig angemessen angesichts einer Zeit, die eigentlich dringend einer Revolte der Entrechteten bräuchte, stattdessen aber bloß eine stumpf nationalistischer Rassisten kriegt. Ein Brett gegen Stumpfsinn und Populismus. Harte Zeiten.

Brett – WutKitsch (Chimperator)


Hannah Hollinger: Männer & Kriege

Ich arbeite gern in Köpfen anderer

Seit Ihrem Seriendebüt Aus heiterem Himmel vor bald 25 Jahren beweist die Drehbuchautorin Hannah Hollinger (60) erstaunliches Gespür für die männliche Befindlichkeiten. Im ARD-Mittwochsfilm Fremder Feind treibt sie diesen Zugang – auch dank Ulrich Matthes’ brillanter Darstellung eines Vaters, den der Soldatentod des Sohnes in die Einsamkeit einer Berghütte treibt – zu einer grandiosen Studie über Männergewalt gegen sich und andere. Ein Gespräch über  Geschlechterthemen, Romanadaptionen, Trauerarbeit und ihr selbstbestimmtes Leben.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hollinger, warum zeigt die ARD Ihren Film heute Abend eigentlich nicht unterm Roman-Titel Krieg, sondern als Fremder Feind?

Hannah Hollinger: Tja. In Venedig lief er noch unterm Originaltitel. Der Regisseur und ich fanden ihn ebenso wie die Redaktion auch eigentlich ganz passend. Trotzdem verstehe ich die ARD, dass sie damit fremdelt. Für einen Mittwochabend ist das ja sehr martialisch, also nicht sonderlich breitenwirksam. Der mildere Titel tut aber auch niemandem weh, wie es manchmal im Fernsehen der Fall ist. Man will halt auch Frauen oder zartere Seelen ansprechen.

Zumal es in dem Film ja nicht nur um Krieg geht.

Genau. Es geht auch um Trauer, Gewalt, Männlichkeit vor allem. Was die Rolle der Frau darin etwas ungleich verteilt. Sie übernimmt den Part der Selbstkasteiung, also nicht des handelnden Subjekts wie die Männer, sondern des trauerndem Objekts.

Fällt es einer Autorin leichter, sich in die Rolle der Frau als derartiges Objekt hineinzudenken als in die Subjekthaftigkeit des Mannes – auch wenn sie in diesem Fall Täter und Opfer zugleich ist?

Bei einem Roman, der zudem von einem Mann geschrieben wurde, fällt das natürlich leichter, als wenn ich mir die Figuren ausgedacht hätte. Trotzdem fließt auch bei Adaptionen stets meine eigene Sicht mit ein. Und da fiel es mir überhaupt nicht schwer, mich ins Eingemachte einer männlichen Hauptfigur zu versetzen. Erstens, weil ich mich seit jeher viel mit Psychologie beschäftige. Zweitens steckt vieles Männliche ja auch im Weiblichen, wir leben es nur anders aus, oft weniger verdichtet. Ich kann mich daher ganz gut in Männer hineinversetzen.

Damit hat ja gewissermaßen Ihre Laufbahn begonnen, als Sie sich Mitte der Neunziger für die ARD-Serie Aus heiterem Himmel eine Patchwork-Männer-WG ausgedacht haben.

Das war zwar nicht meine Idee allein, aber stimmt schon – die Auseinandersetzung von Männern mit Themen wie Familie, Emotionen, Alltag interessiert mich seit jeher. Vor 20 Jahren war das allerdings noch viel seltener als heute und daher eine weit größere Herausforderung.

Die Regisseurin Brigitte Maria Bertele, mit der Sie bereits drei Filme gedreht haben, findet es sogar leichter, männliche Figuren zu inszenieren, weil sie nicht dauernd von sich auf andere schließen müsse wie bei weiblichen. Kennen Sie das auch?

Nein, denn anders als Brigitte integriere ich die männlichen Teile des Rollenverhaltens womöglich etwas mehr in meinen Alltag. Ich lebe alleine, habe früh meinen Vater verloren, dadurch fast zeitlebens für mich selber gesorgt und oft beide Rollenmuster mit gelebt. Weil ich dennoch versuche, möglichst selten in Kategorien wie „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ zu denken, trifft die Rollenverteilung in Krieg einen wunden Punkt bei mir: Die Frau richtet ihre Trauer über den Verlust des Kindes – typisch weiblich – gegen sich selbst und der Mann – typisch männlich – gegen andere. Nicht jedes Bild ist falsch, nur weil es ein Klischee ist, aber auch hier interessiert mich die psychologische Tiefe der Beteiligten weit mehr als die Frage, wie geschlechterspezifisch das Handeln ist.

Woher rührt denn Ihr Interesse an der Psychologie – sind Sie da erblich vorbelastet?

Nicht über die Berufe meiner Eltern, aber die Art meiner Sozialisation, in der sehr früh sehr viel von mir erwartet wurde. Und mitten in der Pubertät seinen Vater zu verlieren, sorgt für eine Art der Verarbeitung, von der aus der Weg zur Psychologie nicht weit ist. Ich habe dann immerhin Sozialpädagogik studiert, wo die Psychologie eine große Rolle spielt. Vielleicht macht es mir deshalb auch so großen Spaß, Romane zu adaptieren. Ich arbeite einfach gern in den Köpfen anderer, gehe mit deren Gedanken um, suche die Essenz dessen, was sie wollen.

Sie schreiben also selten Originaldrehbücher?

Nein, das hält sich ungefähr die Waage. Ich mag  beides.

Kommt man eher mit Ideen auf Sie zu oder bieten Sie eigene Idee an?

Auch das ist ausgewogen, wobei es mittlerweile häufiger vorkommt, dass Ideen an mich herangetragen werden – Krieg zum Beispiel. Umgekehrt wäre es so, dass die Auftragslage definitiv eine  bessere ist, wenn ich einen Roman adaptiere, weil sich die Produzenten unter einem Roman natürlich gleich mehr vorstellen können als unter einem fünfseitigen Exposé.

Brigitte Maria Bertele, ihr als Frau würden nach wie vor häufiger Liebes- und Familiengeschichten angeboten. Ist das bei Ihnen ähnlich?

Das ändert sich schon. Wobei es bei mir schon sehr früh anders war. Auch dank meiner Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Matti Geschonnek. Man bietet mir in der Regel schwierige Themen an, in denen die Umsetzung nicht sofort auf der Hand liegt.

Das darf man als Kompliment betrachten oder?

Absolut.

Was ist da gerade in Planung?

Zunächst mal die Weiterführung des Schlöndorff-Films nach Friedrich Ani, wieder mit Thomas Thieme. Das muss der Sender aber erst entscheiden. Und was mich sehr interessiert: Die Verfilmung eines Sachbuchs vom Süddeutsche-Redakteur Ronen Steinke Der Muslim und die Jüdin. Das wäre mein nächstes Projekt.


Freilassungen & Fremder Feind

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. Februar

Er! Ist! Frei! 367 Tage nach seiner Inhaftierung wurde Deniz Yücel am Freitag entlassen und erhielt die ausstehende Anklageschrift. Sie! Sind! Es! Nicht! Mehr als 100 seiner Kollegen sitzen weiter willkürlich im Gefängnis, darunter zwei, die parallel zu Yücels plötzlicher Erlösung zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Das Regime behandelt die Medien konsequent mit wenig Rechtsstaatlichkeit, aber viel Diktatur. Auf welcher Seite die AfD da steht, ließ deren Sprecher Jörg Meuthen den Feind (Tagesschau) am Abend drauf wissen. Er hoffe, Yücel sei „in der Haft zur Besinnung gekommen“. Der nervigen Pressefreiheit abzuschwören nämlich, schwang in der kruden Aussage mit, und sich endlich zu Führer, Volk und Vaterland zu bekennen.

Im Angesicht dessen, steht alles, wirklich alles, was vorige Woche medial von Bedeutung war, voll und ganz im Schatten der national-populistischen Welle, die gerade über Europa hinweg rollt. Dass die Neuauflage von Bastian Pastewka als Bastian Pastewka bei Amazon Prime zum Beispiel mehr Schleichwerbung enthält als zehn Staffeln Heidi Klum als Heidi Klum – egal. Dass sich für Anne Wills Talkshow am Abend vorm Rosenmontag keine Gäste fanden, weil nun mal Rosenmontag war– völlig wumpe. Dass Claudia Neumann am Mittwoch als erste Frau ein ZDF-Spiel der Champions League kommentiert und dafür männlicherseits den üblichen Shitstorm geerntet hat – ach komm…

Selbst, dass Olympia-Reporter dauernd investigative Fragen à la „wie glücklich sind Sie nach der sensationellen Goldmedaille?“ stellen oder wie ARD-Ethnologe Wilfried Hark ein Biathlon-Rennen „rassig“ nennen, obwohl weder „Kaffer“ noch „Neger“ oder „Schlitzaugen“ mitmachen – im Vergleich zur anhaltenden Gefahr für die Demokratie auch fast einerlei. Trotzdem muss es ja weitergehen, darf es auch. Sogar mit Belanglosigkeiten im linearen Fernsehprogramm. Die haben ja durchaus ihre Berechtigung. Irgendwie. Manchmal.

Die Frischwoche

19. – 25. Februar

Obwohl – wenn die ARD am Donnerstag zur besten Sendezeit den künstlerisch, aber auch unterhaltungsmäßig irrelevanten ESC-Vorentscheid überträgt und das ZDF zugleich mit großem Trara die künstlerisch, aber auch unterhaltungsmäßig belanglose Verleihung der Goldenen Kamera, während die künstlerisch, aber auch unterhaltungsmäßig bedeutsamere Verleihung der Goldenen Bären zwei Tage später (19 Uhr) zu 3sat abgeschoben wird – dann sind da doch ganz schön viele Koordinaten bedenklich verschoben.

Um das zu verstehen, hilft es ungemein, sich Dominik Grafs klugen Essay Verfluchte Liebe deutscher Film anzusehen, der allerdings leider nicht bei ARZDF läuft, sondern heute um 23.20 Uhr beim WDR. Deutschlands wichtigster Regisseur beleuchtet darin eindrücklich, wie der süffige Nachkriegsheimatfilm erst zum sperrigen Autorenfilm radikalisiert wurde, um dank mehrerer Konterrevolutionen im Traumschiff abzusaufen. Hoffentlich wird Dominik Graf so alt, um in zwei, drei Jahrzehnten auf unsere Gegenwart zurückzublicken.

Ein Zeitalter, dessen Zeitgeist einzig jene Streaming-Dienste prägen, die es vor zwei, drei Jahren noch gar nicht gab. In der ARD gibt‘s dagegen zwar honorige Naturdokus wie Der blaue Planet (montags, 20.15 Uhr) oder den gewohnt sehenswerten Mittwochsfilm Fremder Feind – ein wirklich sehenswertes Freiluftkammerspiel mit Ulrich Matthes als Vater, der den Tod seines Sohnes beim Afghanistan-Einsatz beim Feldzug gegen einen Unsichtbaren kompensiert, der sein selbsterwähltes Asyl auf einer Bergalm terrorisiert.

Doch selbst dieses Schmuckstück des Primetime-Fernsehens (Regie: Rick Ostermann, Buch: Hannah Hollinger) täuscht nicht darüber hinweg, dass die entscheidenden Formate der Woche bei Netflix laufen. Seven Seconds zum Beispiel spielt die regelmäßigen Aufstände, mit denen sich Afroamerikaner gegen die rassistische Mehrheitsgesellschaft der USA erheben, ab Freitag in einer spektakulären US-Serie durch. Zugleich startet Mute, der eigenproduzierte Spielfilm des Kinovisionärs Duncan Jones (Moon). Im Berlin des Jahrs 2052 gerät der stumme Barkeeper Leo (Alexander Skarsgård) bei der Suche nach seiner verschwundenen Freundin in die abgründige Unterwelt einer dystopischen Großstadt.

Und im alten Fernsehen? Zeigt ZDFinfo am Mittwoch den interessanten Dokumentarvierteiler Von der Keule zur Rakete. Geschichte der Gewalt, während die Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele Sonntagmittag (ZDF/Eurosport) wieder Platz schafft für fiktionales Programm – wie die Wiederholungen der Woche. Heute um 23.55 Uhr schwarzweiß auf Arte und eigens für die Berlinale restauriert: Das alte Gesetz, ein Ufa-Klassiker von 1923 über den Antisemitismus der Zwischenkriegszeit. 90 Minuten früher im ZDF zu sehen, aber 90 Jahre jünger und äußerst futuristisch – das ästhetische Weltraumdrama Gravity mit wenig Wort und viel Wirkung, Sandra Bullock und George Clooney. Im Tatort Verbrannt verabschieden sich Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller, nachdem sie 2015 (Dienstag, 22 Uhr, NDR) den wahren Fall eines verbrannten Asylbewerbers in Dessauer Polizeigewahrsam – der neuen Erkenntnissen zufolge tatsächlich ermordet worden sein könnte – fiktionalisiert haben.


Gordon Raphael, Superchunk, Pete Astor

Gordon Raphael

Nein, wir wollen uns nicht täuschen lassen von äußerem Schein und bunten Flitterkram, wir wollen vorm Vorurteil ins Innere schauen und allem Anschein wenig Beachtung schenken. Wir wollen also, gelobt sei der Tiefgang, Gordon Raphael trotz des geschmacksverirrten Plattencovers eine Chance geben. Sie lohnt sich. Als Produzent von den Strokes oder Regina Spektor bislang eher Backstage bekannt geworden, begrüßt uns seines Debüt als Solo-Musiker mit einer altrosa wabernden Krautrock-Hülle, die auch klanglich zugekiffte Gitarrenteppiche mit synthiebegleitetem Selbsterweckungsgefasel befürchten lässt. Gut, all dies gibt es auf Sleep On The Radio durchaus. Aber eben noch so viel mehr.

Der Wahlberliner aus Seattle schafft es nämlich, Stoner so funkensprühend mit LoFi-Pop zu verweben, dass daraus eine der charmantesten Platten des – zugegeben noch jungen – Jahres wird. Sein Meisterwerk Is This It klingt darin ebenso durch wie ein viriler Mix aus Iggy Pop, Joe Jackson, Frank Zappa und Velvet Underground, die allerdings allesamt so lange durch den Wolf moderner Studiotechnik gedreht werden, dass es glockenklar schön wirkt. Wenn man sich Gordon Raphael jetzt noch auf Tour mit seiner Live-Band Half Full Flashes vorstellt, die aus Kollegen von Die Nerven bis Sea & Air besteht, möchte man sofort reinhüpfen in diese Scheußlichkeit von Cover und auch was von dem Zeug haben, das darin verabreicht wird.

Gordon Raphael – Sleep On The Radio (Zero Hours Records)

Superchunk

Ein bisschen nach gestern und doch modern zu klingen, mag für neue Bands bisweilen heikel sein. Für Superchunk ist es das denkbar größte Lob. Schon als ein George Bush ohne W. dazwischen US-Präsident war, drosch sich das Quartett aus North Carolina den Frust über den Rechtsruck ihres Heimatlandes aus den Saiten. Drei Jahrzehnte später nun ist dieser Rechtsruck zum vulgärnationalistischen Irrsinn angeschwollen, und die vier Freunde haben mehr Grund denn je, optimistisch dagegen anzurocken. “Es wäre einfach seltsam gewesen, wenn eine Band wie unsere das ignoriert hätte”, sagt Mitgründer Mac McCaughan und erklärt das Erscheinen von What A Time To Be Alive. War er nicht erklärt: Wie man so schlecht gelaunt so fröhlich wirken kann.

Ähnlich dem knappen Dutzend Platten zuvor, strahlt auch diese hier nämlich einen gut gelaunten Trotz aus, der mit den geschredderten Fuzz-Gitarren oder McCaughans lustig hochgepitchtem Geschrei allein nicht erklärbar wäre. Superchunk haben sich einfach die unbeschwerte Leichtigkeit der College-Garage bewahrt, ohne dabei je den Ernst des Großen Ganzen davor zu vergessen. Und das Schönste: Endlich gibt es hier Punk, dem man kein verschämtes Post voranstellt, kein Wave, das aufs No folgt. Alles ist ohne Punkt und Komma einszweidreiviergo, dabei jedoch filligran genug, um sich abermals vom genregemäßen Dilettantismus zu lösen.

Superchung – What a Time to Be Alive (Merge)

Pete Astor

So richtig lange dabei, wenngleich in einem völlig anderen Genre, ist auch Pete Astor. Angefangen im Indiepop vor mehr als 30 Jahren, blieb der Frontmann von Indiepop-Bands wie The Weather Prophets oder The Loft auch solo dem Indiepop treu und macht bis heute, genau: Indiepop. Ein schwieriges Metier, stets am brüchigen Rand von Kitsch und Mainstream. Nur zu weit vorbeugen darf man sich da eben nicht. Peter Astor wagte sich manchmal gefährlich nah an die Kante. Aber eben nie zu nah, heute – mit bald 60 – weniger denn je.

Schon vor zwei Jahren schaffte es sein achtes Album Split Milk, Leichtigkeit so mit Tiefgang zu verlinken, dass man ihn kaum wahrnimmt, aber untergründig spürt. Und der Nachfolger One For The Ghost führt das nun fort. Die zehn Stücke klingen, als säße Lou Reed mit den Beach Boys im Countryclub. Dank Pete Astors alterungsresistenter, fast hippieesker Stimme erinnert das manchmal an Emorockjungs der Neunziger wie Better Than Ezra oder Deep Blue Something. James Hoare (Gitarre), Franic Rozycki (Bass) und Jonny Helm (Drums) holen den Sound aber zurück in die Gegenwart des Urban-Folk. Klingt heiter, fühlt sich gut an, hört man so weg. Schönes Album.

Pete Astor – One For The Ghost (tapete records)

 

 


Daniel Donskoy: Judentum & Fernsehpfarrer

Ich lache viel und laut

Die RTL-Serie Sankt Maik ist bestenfalls netter Durchschnitt. Weil Daniel Donskoy darin jedoch die Titelfigur – einen (tihi) falschen Pfarrer – spielt, muss man sie dennoch beachten. Der hyperkosmopolitische Schauspieler mit mindestens fünf Heimaten ist so ziemlich das erfrischendste, was das Mainstreamfernsehen derzeit zu bieten hat. Ein Gespräch über jüdische Wurzeln, internationale Produktionen und wie er mal an einem Tag als US-Offizier, SS-Scherge, schwuler Pianist gecastet wurde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Daniel Donskoy, Sie sind geboren in Moskau, aufgewachsen in Berlin, weiter gewachsen in Tel Aviv, zum Studium zurückgekehrt nach Berlin und von dort nach New York gezogen. Hab ich was vergessen?

Daniel Donskoy: London fehlt noch.

Sind Sie angesichts Ihrer vielen Stationen irgendwo heimisch?

Geografisch nicht. Ich bin schon da zuhause, wo es Menschen gibt, mit denen ich mich wohlfühle. Tel Aviv ist mir wichtig, weil meine Mama da lebt, bei meinem Vater in der Schweiz gibt‘s auch ein Zuhause. Weihnachten feiere ich seit zehn Jahren mit Freunden in Wien.

Fehlt da nicht manchmal ein Ankerplatz?

Nee. Schon deshalb nicht, weil ich selbst Köln zuletzt als einen betrachten konnte, weil ich da Sankt Maik gedreht hab. Was mich verankert ist letztlich meine russische Erziehung zweier Eltern, die mir die Chance gegeben haben, frei zu leben, mich frei zu bewegen. Dank ihnen ist mir klar, dass sich weiße Männer wie ich immer wieder mal vor Augen halten müssen, wie privilegiert sie eigentlich sind.

Dieses Privileg hat Sie jetztwieder zurück in den deutschen Sprachraum geführt. Fühlen Sie sich da womöglich schon sprachlich sicherer als im Ausland?

Zurzeit passt es, weil vieles zurzeit funktioniert. Grundsätzlich möchte ich gern überall auf der Welt arbeiten, auch wenn das viel Zeit erfordert. London, wo ich sehr international besetzt wurde, war auch toll. Aber das hier läuft grad noch toller. Ich darf eine Menge sehr verschiedener Dinge drehen. Den Mörder bei der SOKO Köln, einen Soldaten bei der SOKO Leipzig, einen Studenten bei Heldt, einen Womanizer im Tatort, dazu den Pfarrer Sankt Maik.

Wie es scheint, ist das Ihre erste wirklich komische Rolle.

Meine zweite. Aber der Humor in der englischen Serie Detectorists ist so britisch, dass er in Deutschland kaum bemerkt, geschweige denn verstanden wird. Deutsche Comedy ist da einfach offensichtlicher. Wobei wir bei Sankt Maik das große Glück hatten, dass es eine Dramedy ist; da mussten wir nicht ständig kalauernd auf den Putz hauen; der Witz entsteht eher aus Figuren als Worten

Sind Figuren wie Ihr Kleinkrimineller, der sich als Pfarrer ausgibt, realistisch?

Zunächst mal ist sie fiktional. Natürlich wäre so eine Figur in unserer Welt irreal, aber in der, die die Ufa da kreiert, ist sie stimmig und damit wahrhaftig. Außerdem machen wir hier kein Dokumentarfilmformat, sondern Unterhaltung für die ganze Familie. Ich finde, das ist etwas sehr Schönes, auch meine Rolle darin.

Entspricht dieser extrem exaltierte Gauner von der Art ins Leben zu springen auch Ihnen als Schauspieler?

Nein. Denn ich kann sein, wie ich bin.

Sehr fröhlich und offenherzig so scheint es.

Stimmt schon: mit weniger Selbstbewusstsein wär die Rolle nichts für mich. Ich lache auch viel und laut, schon weil die Welt zu traurig für noch mehr Trübsinn ist. Ich sehe die Dinge gern positiv, sonst wäre ich längst klinisch depressiv. Maik ist da ähnlich, aber er muss damit anders als ich ständig etwas überspielen, um andere zu täuschen. Deshalb ist es mir wichtig, klarzustellen: ich bin nicht Schauspieler geworden, um im Mittelpunkt zu stehen. Dass RTL einen Newcomer wie mich dennoch dorthin stellt, finde ich dennoch enorm mutig. Oh Mann, ich liebe diesen Beruf.

Warum genau?

Ach, als Biologie-Student hätte ich doch sonst nie die Gelegenheit gekriegt, so tief ins Leben eines katholischen Pfarrers einzutauchen. Oder den Zar von Russland zu spielen. Oder in was ich sonst so hineinschlüpfen darf. Schauspiel kommt da der Psychologie sehr nahe, weil man Charaktere wirklich verstehen lernt.

War dieses Bedürfnis, in Rollen einzutauchen, bei Ihnen familiär vorgeprägt?

Nee, aber es waren sehr aufgeschlossene Menschen. Mein Vater kommt aus dem IT-Bereich, meine Mama aus dem innenarchitektonischen. Sie hat mich mit 20 bekommen und kurz darauf getraut, der Sowjetunion den Rücken zu kehren, um woanders etwas Neues, Besseres zu finden. Diese empathische Weltoffenheit hat mich mehr geprägt als ihr Beruf. Außerdem ging bei uns zuhause viel um Bildung, kultiviert zu sein gehörte ebenso dazu wie ein Musikinstrument zu spielen. Mein Opa ist Geigenvirtuose, meine Oma Pianistin, die geben noch immer gern ein Duett, sobald Gäste kommen.

Also doch eine künstlerische Prägung.

Schon. Aber entscheidend ist: keinem in unserer Familie war je daran gelegen, sein Gesicht auf einem Plakat zu sehen. Es ging immer um den künstlerischen Ausdruck. Obwohl meine Mama fast ganz groß rausgekommen ist. Als sie mich mal am Set besucht hat, durfte sie als Komparsin durchs Bild laufen. Das fand sie nach kurzer Gegenwehr sogar lustig. Plötzlich fehlte jedoch eine Kleindarstellerin, weshalb die Regie fragte, ob Mama das machen kann. Sie durfte dann eine Pornoproduzentin spielen, die Viagras durch den Raum trägt. Das war’s aber auch mit dem Rampenlicht.

Bildet die Familie Ihrer Mutter den jüdischen Teil Ihrer Biografie?

Beide Familien. Vielleicht bin ich vom Glauben her deshalb so traditionell veranlagt.

Inwiefern traditionell?

Ich glaube zwar nicht an das, was im Alten Testament steht, gehe aber mindestens einmal im Jahr in die Synagoge. Am Judentum wie an jeder anderen Schriftreligion finde ich allerdings schwierig, dass ihre heiligen Bücher viel zu konkret gelesen werden, anstatt sie zu abstrahieren. Im Judentum zum Beispiel gibt es geschichtlich betrachtet keine säkulare Alternative zur Bibel, um sich seiner historischen Identität zu versichern. Ich betrachte sie dagegen eher als metaphorischen Leitfaden fürs Leben. Aber egal, ob ich in Tel Aviv, Neukölln oder London gelebt habe: Überall kamen so viele Ethnien zueinander, dass Herkunft und Kultur kaum noch eine Rolle gespielt haben. Das war überaus befreiend und hat meine jüdische Herkunft wieder ein bisschen relativiert.

Hat Ihnen Ihr Elternhaus dennoch was vom legendären jüdischen Humor mitgegeben?

Ja klar. Und die herrliche jüdische Streitkultur. Auf der Schauspielschule wurde ich mal gefragt: Hey Daniel, what do you think ist the essence of jewish humour?

Und was war die Antwort zur Essenz des jüdischen Humors?

(lacht) Frag einen Juden!

Werden Sie oft als solcher besetzt?

Kürzlich, ja. Als israelischer Soldat bei der SOKO Leipzig. Das war echt faszinierend und trotz einiger Fehlinterpretationen super recherchiert. Zumal es da mal nicht wie so oft um den Holocaust ging, sondern den Alltag – auch wenn darin Neonazis vorkommen. Ansonsten versuchen mich die Produzenten überhaupt nicht in die israelische Ecke zu besetzen, eher schon in die katholische (lacht). Die Vielschichtigkeit meiner Rollen könnte zu solch einem frühen Zeitpunkt meiner Laufbahn kaum größer sein. Ich wurde kürzlich morgens für eine Netflix-Serie als amerikanischer Sicherheitsoffizier gecastet, danach als SS-Offizier im besetzten Frankreich, zuletzt als schwuler Pianist. Drei derart verschiedene Figuren, alle an einem Tag.

Kommt man da nicht durcheinander?

Nicht, wenn du genau weißt, wer du bist und was du willst. Um immer wieder zu mir zurückzufinden, mache ich zum Ausgleich viel Sport und Yoga. Das ist grad für Schauspieler enorm wichtig.


Joko, Groko, SOKO & O.KO

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Februar

Die Top-News der vorigen Woche enden definitiv auf „oko“. Erst erlangte uns die irre Nachricht, dass Pro7 seinem ansehnlichen, aber einsilbigen Aushängeschild Joko (Winterscheidt) ab März mehr zutraut, als laut über die Witze von Klaas (Heufer-Umlauf) zu lachen, und ihm eine eigene Late-Nite-Show gibt. Dann nahmen die Koalitionsverhandlungen nach gefühlt 2000 Jahren ein vorläufiges Ende mit der Vorlage eines Groko-Vertrags, dessen Zustandekommen uns aber wohl auch die nächsten 2000 Jahre begleiten wird. Zwischendurch verkündete das ZDF dann noch, dass die unendliche SOKO-Reihe demnächst um den Standort Hamburg erweitert wird. Und zuletzt drohte Oli Welke fast der KO, weil er in der heute-show über jemanden gelästert hat, der stottert.

Gut, dieser angedeutete O.KO wurde nur deshalb zur Meldung, weil der, wie Welke flugs erklärte: versehentlich Verulkte mit Sprachfehler ein Mitglied der AfD war. Und die forderte im üblichen Stürmer-Jargon die unverzügliche „Entfernung“ des Moderators vom ZDF, was gewiss nur deshalb nicht „Ausmerzung“ oder „Vernichtung“ hieß, weil der zuständige AfD-Referent auf der Tatstatur ausgerutscht sein muss. Tatsache ist: Wenn es um sie selbst geht, haben Rechtspopulisten durchaus mal Probleme mit Menschenverachtung. KrOKOdilstränen der größten Fressfeinde von Anstand und Respekt – auch mal schön zu hören.

Ebenfalls mit „o“, aber ohne „ko“ war ein Sandkorn Nichtberichterstattung, das zum Gebirge eines Marketingscoops aufgeblasen wurde: In der Pause des Superbowl-Finales am vorvorigen Wochenende verkündete Netflix, das die mehrfach verschobene Fortsetzung der Cloverfield-Reihe mit dem Zusatz Paradox nun doch nicht auf Leinwand laufe, sondern ab sofort beim Streamingdienst. Das war in der Tat ganz schön überraschend. Medial betrachtet. Darüber hinaus jedoch ist Teil 3 der Science-Fiction-Horror-Dystopie über außerirdische Invasoren, die Daniel Brühl in der Hauptrolle vom Weltall aus beobachtet, nach einhelliger Meinung aller Beobachtenden zwar optisch sehr ansehnlich, inhaltlich dagegen alter Wein in neuen Schläuchen, ergo: komplett irrelevant – wie Das Ding des Jahres – die neue Show von Stefan Raab, in der angeblich tolle Erfindungen zur Abstimmung einer fröhlichen Jury aus einem Ex-Topmodel, Joko ohne Klaas und dem Werbepartner Rewe standen. Schnarch.

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. Februar

Es passt so gesehen aber ganz gut ins Ganze des Fernsehens, das voll im Schatten der Olympischen Spiele steht, weshalb viele Sender in Konkurrenz zum wintersportlichen Dauerbeschuss auf Wiederholungen setzen. Arte dagegen macht das einzig Richtige und kontert die verlogene Goldjagd am Dienstag um 20.15 Uhr mit einer sehr sehenswerten Doku über Die Dopingspirale und haut im Anschluss auch noch ein wenig auf die Korruption der FIFA ein. Und ARZDF? Na ja, da hoffen wir mal, dass in der zweiten Wettkampfwoche zur sichtbaren Zeit kritisch übers teure Lizenzprodukt berichtet wird. Die ARD muss sich dank ihres Enthüllungsreporters Hajo Seppelt da ohnehin nichts vorwerfen. Und dass sie Mittwoch eine kreative Eigenproduktion gegen die Champions League im Zweiten ansetzt, spricht auch fürs Erste.

Kai Wessels düstere Vision Aufbruch ins Ungewisse beleuchtet die Migrationsfrage aus umgedrehter Perspektive: Weil ihre Heimat in einer sehr aktuellen Zukunft von Rechtspopulisten regiert wird, flieht der politisch verfolgte Randgruppenanwalt Jan (Fabian Busch) mit seiner Familie aus Deutschland nach Afrika. Das wirkt zunächst recht hanebüchen, entfaltet aber rasch eine beklemmende Sogkraft. Und gleicht darin Staffel 2 der famosen Serie Occupied (Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte), die in vier Doppelfolgen Norwegens Besatzung durch russische Truppen beschreibt. So richtig weit entfernt davon ist 24 Stunden vorher an selber Stelle dann auch der Berlinale-Gewinner Taxi Teheran von 2015 nicht. Regisseur Jafar Panahi fährt darin durch seine Stadt und spricht mit den Fahrgästen auf erstaunlich leichtfüßige Art übers Leben in einer Diktatur.

Im Anschluss (21.35 Uhr) befasst sich Deutschlands einflussreichster Arthausregisseur mit Massenwirkung, Dominik Graf, in Offene Wunde deutscher Film mit der hiesigen Kino- und Fernsehgeschichte. Und wenn einer seiner Nachfolger irgendwann mal auf das Programm von heute zurückblickt, wird er vermutlich nicht allzu nett über St. Josef am Berg reden, womit die ARD auf dem Degeto-Platz am Freitagabend in Reihe beweist, dass ihr eine dicke Schicht Heimatfilmsoße auf belangloser Drehbuchsülze immer noch lieber ist als Anspruch ohne Quotengarantie. Das gibt es dafür im Anschluss auf Arte, wo die Kollage Montage of Heck experimentell das Leben von Kurt Cobain erzählt. Und Freitag auf Sky nimmt Showrunner Alan Ball 17 Jahre nach seiner Seriensensation Six Feet Under in Here and Now wieder mal eine amerikanische Familie unter die Lupe, diesmal im Hipster-Eldorado Portland.

Womit wir bei den Wiederholungen der Woche sind. In Schwarzweiß immer wieder aufs Neue besonders: Es geschah am hellichten Tag (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte), 1958 noch mit zwei „l“ und einem Heinz Rühmann in so großer Form, dass man ihm die Vergangenheit als Göring-Liebling glatt verziehen hat. Politisch auf der richtigen Seite stand im selben Jahr Flucht in Ketten (Donnerstag, 21 Uhr, 3sat) mit Sidney Poitier und Tony Curtis, einer der ersten Blockbuster zum Thema Rassismus. Weniger ideologisch, aber bei allem Ulk durchaus tiefgründig war Ben Stiller als Model im Kampf um größtmögliche Selbstverliebtheit (Zoolander, Dienstag, 20.15 Uhr, Pro7Maxx) von 2001. Zehn Jahre jünger und gewohnt sozialkritisch: der Tatort-Tipp Mord in der Ersten Liga mit Maria Furtwängler, die es am Dienstag um 22 Uhr (NDR) mit Homosexualität im Profifußball zu tun kriegt.