Quantico: Pro7-Terror & Kussmund
Posted: July 27, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Schön im Schutt
Die amerikanische Krimiserie Quantico (ab 27. Juli, 20.15 Uhr, Pro7) ist professionell produziert und überaus spannend, hat aber ein Problem: die Macher interessieren sich einen feuchten Kehricht für Inhalte, solange die makellos schöne Optik der Darsteller (Foto: ABC) stimmt.
Von Jan Freitag
Da liegt sie nun inmitten der Trümmer fern des Laufstegs, fern also auch von Makeup, Haarspray, Visagisten und doch strahlend schön wie frisch von Heidis Modelbootcamp: Priyanka Chopra. Sechs Jahre vorm fiktionalen Terroranschlag, der heute Abend auf ProSieben New Yorks ehrwürdige Grand Central Station in Schutt und Asche legt, wurde die indische Bollywood-Queen zur Miss World gekrönt. Jetzt entsteigt Chopras Hauptfigur der Verschwörungsactionthrillerkrimiserie Quantico nach einem Terroranschlag den qualmenden Überresten des zerstörten Bahnhofs und siehe da – die Frisur sitzt, der Lippenstift sowieso, Alex Parrish sieht super aus, auch wenn ringsum alles brennt.
Weil das so ungefähr die Quintessenz des amerikanischen Polizeiserienfernsehens insgesamt ist, prägt sie also auch diesen US-Export für ProSieben, Deutschlands wichtigstem Fernsehimporteur derartig hochglänzender Produkte: In Hollywood wird der Nachwuchs noch so robuster Berufe von Feuerwehr bis forensisches Institut nie nach Qualitäten wie geistiger und physischer Fitness rekrutiert, sondern zunächst mal rein optisch. Kein Wunder, dass es Chopra alias Parrish ins Ausbildungslager des FBI in Quantico gebracht hat; schließlich sehen alle Azubis aus, als hätten sie sich in der Tür zum Model-Casting geirrt.
Das ist in seiner hochglänzenden Berechenbarkeit nur noch lachhaft, aber bekanntlich ein zentrales Wirkprinzip international verkäuflicher Serien vor medizinischem, juristischem, polizeilichem Hintergrund. Dabei ist der auch in diesem Fall gar nicht unspannend: Auf dem Weg zur Bundespolizeischule trifft die (schöne) Alex den (schönen) Simon und vernascht ihn im Auto, bevor sich beide im Kreise (schöner) Mitschüler bei der Begrüßung durch die (schöne) Schulleiterin wiedertreffen. In Zwischeneinblendungen sitzt die schöne Alex jedoch nicht nur brav im Unterricht, sondern schön in der Scheiße, da sie den erwähnten Trümmern des Attentats unverletzt entsteigt und nicht nur deshalb verdächtigt wird, es selbst begangen zu haben. So beginnt ein beliebtes Thrillerspiel: Agentin auf der Flucht vor ihrerseits verdächtigen Kollegen, um in den elf Doppelfolgen der ersten Staffel die eigene Unschuld zu beweisen.
Dank üppiger Budgets ist das gewohnt professionell inszeniert, mit ansehnlichen Effekten versehen und voller Überraschungsmomente, die zwar gern unlogisch, aber – wie im Cliffhanger der Pilotfolge – vielfach überraschend sind. Wäre da nicht die fast schon obsessive Oberflächlichkeit. So integer es auch ist, dass Farbige hier Leitungsfunktionen übernehmen, Schwule offen schwul sein und eine Muslima mit Kopftuch dabei sein dürfen – jeder dramaturgische Twist verschwindet hinter der Optik selbstverliebter Makellosigkeit.
Stets ein Hemdknopf überm Dekolletee zu viel geöffnet, überzuckert dabei besonders die handwerklich limitierte Priyanka Chopra alles mit Schmollmund, der selbst in Schutt und Asche nie hautfarbig um Küsse bettelt. „Sie hatten keinen Kratzer, können also erst nach der Explosion an den Tatort gekommen sein“, wirft ihr ein Ermittler vor. Er kennt offenbar nicht die Präambel im Grundgesetz amerikanischer Polizeiserien: Kratzer haben nur die Bösen.
Aiman Abdallah: Unterhaltungsernst & Galileo
Posted: July 14, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Mit Spaß lernt sich’s besser
Mit frischen Hipster-Reportern wie Thilo Mischke und schwiegermüttertauglichen wie Stefan Gödde wagt sich ProSieben gerade erstmals in die Problemzonen der Welt. Den Weg vom spaß- zum erkenntnisdurstigen Plastikkanal hat aber ein anderer bereitet: Aiman Abdallah (Foto@Pro7), dessen Dauerbrenner Galileo nun volljährig ist. Ein Gespräch über Verantwortung im Infotainment, Politik bei den Privaten und Abdallahs Migrationshintergrund.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Abdallah, nach fast 4000 Sendungen plus Specials und Spin-Offs – gehen Galileo mit der Volljährigkeit irgendwann die Themen aus?
Aiman Abdallah: Dafür ist die Welt zu vielfältig und unsere Neugier zu groß, um alle Fragen je gestellt, geschweige denn beantwortet zu haben. Allerdings gehen wir ähnliche Fragestellungen im Laufe der Jahre immer wieder mit neuen Schwerpunkten und Techniken an.
Beschränkend könnte wirken, dass die Themen der Info- und Wissenschaftsformate von ProSieben besonders visuell sein müssen, also dramaturgisch gut aufzukochen?
Zu Beginn stand es tatsächlich im Vordergrund, was sich wie visualisieren lässt. Weil unsere Möglichkeiten da aber auch personell enorm gewachsen sind, gibt es kaum Themen, mit denen das nicht machbar ist. Aber es ist auf diesem Sendeplatz in der Tat wichtig, dass Information und Entertainment in einem guten Verhältnis stehen.
Und da gibt es keine Unwucht in Richtung Unterhaltung?
Es ist immer eine Gratwanderung, aber unterm Strich sollte Gleichgewicht herrschen – und der Erfolg zeigt, dass wir hier richtig liegen.
Auswahl und Aufbereitung vieler Themen erinnern an den Slogan eines Technikkaufhauses: Hauptsache ihr habt Spaß! Gibt es eine Schwelle der Verantwortung, die „Galileo“ mit seinen sorglosen Anleitungen zum Grillen, Rasen, Mann sein unterläuft?
Wir sind uns der Verantwortung sehr bewusst, recherchieren sauber, sorgen journalistisch für Mehrwert, also nicht nur Hauptsache Spaß. Aber ohne geht‘s um diese Urzeit eben auch nicht. Mit Spaß lernt sich‘s besser, sonst wird es schnell Schulunterricht. Mit Spaß kann man den Wissensdurst unser Zuschauer wecken; komplett stillen kann man ihn nicht.
Andererseits strahlt das Format eine Fortschrittsgläubigkeit aus, die angesichts von Umweltzerstörung und Ressourcenknappheit vielfach verstört.
Wir müssen und wollen am Puls der Zuschauer sein. Wenn es sie interessiert, wird ein Thema durchleuchtet; wir können ja nicht am Publikum vorbeisenden. Relevanz bedeutet für uns, nah an den Menschen, ihrem Leben, ihrem Alltag zu sein. Und dazu gehören natürlich auch Themen wie Umweltzerstörung bzw. Ressourcenknappheit – unter anderem während Green Seven 2016: Save the Water.
Politik scheint dennoch eine eher untergeordnete Rolle zu spielen oder?
Tagesaktuell nicht. Wir wollen schon erklären, wie TTIP oder Milchpreise zustande kommen. Und an einem Schwerpunkt zur Türkei oder der interaktiven Doku Du bist Kanzler kann man sehen, dass Politik für uns eine Rolle spielt.
Gilt das auch für politisch heikle Themen wie Flüchtlingskrise und Pegida?
Zu Beginn der Flüchtlingskrise hatten wir einen Reporter vor Ort, der die Wege der Flüchtlinge nachverfolgt hat. Und zur AfD haben wir das Parteiprogramm unter die Lupe genommen.
Zumal Alexander Gauland einen Deutschen mit ausländischen Wurzeln wie Sie nicht als Nachbar will.
(Lächelt süffisant) Wer einen Boateng nicht als Nachbar will, will auch keinen Abdallah, aber gottseidank denkt ein Großteil der Menschen da anders.
Spielt ihre Herkunft im Alltag nach so langer Zeit vor der Kamera noch eine Rolle?
Ich wünsche mir natürlich, dass sie keine spielt, und danach lebe ich auch. Schließlich sollte man Menschen nach ihrem Charakter und ihrer Persönlichkeit beurteilen, nicht nach Hautfarbe oder Religion.
Ist das Wunschdenken oder die Realität?
Es ist so real, dass ich manchmal überrascht bin, wenn mich jemand wie Sie jetzt auf meinen Migrationshintergrund anspricht. Das es in meinem Arbeitsumfeld und Freundeskreis keine Rolle spielt, ist jedenfalls kein Wunschdenken. Ich wünsche mir für noch viel mehr Menschen als mich, dass das auch in deren Alltag Realität wird.
Als Sie Ende der Neunziger Galileo moderiert haben, waren Moderatoren mit dem ominösen „Migrationshintergrund“ eine absolute Ausnahme. Wäre das auch bei einem anderen Sender als ProSieben gegangen?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Sender mich wegen des überzeugenden Castings, nicht meiner Biografie wegen genommen hat. Aber was Weltoffenheit und Toleranz betrifft, war ProSieben schon immer ein Vorreiter.
Andererseits wird ihm seit jeher ein gewisser Unernst vorgeworfen.
Wissen Sie, es gibt nichts Schöneres als die Begeisterungsfähigkeit der eigenen Kinder, dieses Funkeln in den Augen, auch bei Erwachsenen zu erzeugen. Wenn wir ein Stück dieser Sehnsucht nach Leichtigkeit stillen, sind wir einen großen Schritt weiter. Nennen Sie den Unernst doch einfach einen positiven Blick in die Welt.
Werfen Sie den als Zuschauer mit oder bevorzugen Sie privat Arte?
Ich sehe vieles überall, oft mit dem professionellen Auge. Und als Serienfan streame ich einiges im Netz, bin aber auch bei ProSieben sehr gut aufgehoben.
Wie lange werden Sie das denn als Moderator nach bald 20 Jahren noch sein?
Über „Galileo“ hinaus mache ich auch Formate wie Big Pictures am Samstagabend, das ist der Traum jedes Fernsehmoderators, die Königsdisziplin. Ich bin also sehr dankbar für all die Möglichkeiten, mich auszuprobieren. Da frage ich mich: „Wenn ich hier alles machen kann, was ich machen will, was soll ich dann woanders?“
Gab es je Anfragen von der Konkurrenz, womöglich gar der öffentlich-rechtlichen?
Das möchte ich nicht vertiefen, bin aber bei ProSieben in diesem Genre sehr glücklich. Als ich 1998 zum Sender kam, stand er für Serien und Blockbuster; ich durfte da ein völlig neues Gebiet aufbauen. Wenn Leute um die 30 auf mich zukommen und sagen, ich hätte sie ihr Leben lang begleitet, macht mich das unglaublich stolz.
Gab es in Ihrem Leben eine lineare Entwicklung hin zum Moderator von Wissensfernsehen auf ProSieben?
Ja, das hat aber nichts mit dem Chemie- oder Physikunterricht in der Schule zu tun, sondern mit einer gewissen Neugier, die auch alle anderen Mitarbeiter von Galileo haben müssen.
Wollten sie die mal mit einem Thema befriedigen, das vom Sender unerwünscht war?
Da fällt mir spontan nichts ein.
Meinung: Rassismus, Brexit & die AfD
Posted: July 6, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentIt’s the racism, stupid!
Rechtspopulisten müsse man bekämpfen, nicht aber ihre Wähler – so geht das Mantra etablierter Parteien. Bullshit! Wer Rassisten wie die AfD wählt, ist selber einer. Über aggressive Fremdenfeindlichkeit als Antriebswelle reaktionärer Bewegungen, die Großbritannien gerade sehenden Auges in die Rezession treibt.
Von Jan Freitag
Parteiprogramme sind Nachtschattengewächse. Wie AGB und Beipackzettel durchaus von Relevanz für Wahlentscheidungen, führen sie ein Dasein im Halbdunkel politischer Aufmerksamkeit, selbst von der eigenen Klientel kaum gelesen. Warum auch: Schon das Kürzel der SPD signalisiert eine Gerechtigkeit, die der Wähler nicht groß nachblättern muss. Das Christliche der CDU steht stellvertretend für Tradition der Werte. Grüne wie Linke tragen das Wesen gar ausgeschrieben im Titel, während die Alternative für Deutschland ihren Rassismus bereits in der Präambel als…
Moment!
Dass die AfD rassistisch ist, findet sich auf 78 Seiten Parteiagenda ebenso wenig wie „Xenophobie“ oder für Fans leichter verständlich: „Ausländer raus!“ Was vermuten lässt, die vielfach schlechter gebildeten, sozial oft benachteiligten, kulturell abgehängten Wähler würden das Programm ihrer Wahl gar nicht kennen. Warum sonst sollten sie eine Partei wählen, die ihnen Mindestlohn und Kitaplätze nehmen, aber Wehrpflicht und Atomkraft zurückgeben will, die Gleichberechtigung ablehnt, Zwangsarbeit für Arbeitslose fordert und Wirtschaftskompetenz für überflüssig hält?
Eine Antwort gab das Frühjahr 2015. Die frisch gespaltene Wutbürgerinstanz nebst Sächsischer Sturmabteilung drohte im Wahl-Appendix „andere“ aufzugehen. Dann aber kamen die Flüchtlinge und als einige davon auf der Kölner Domplatte wüteten, wuchs die AfD und wuchs und wuchs auch ohne Parteiprogramm. Das gab es seinerzeit ja so wenig wie eine Agenda abseits vom Rassismus, der sich nur halbherzig als Anti-Islamismus tarnte.
Man muss die Ökonomie politischer Ideen also dringend von der Nachfrageseite her denken. Die Dreifaltigkeit der Demokratie rheinischer Prägung mag seit ihrer Zerfaserung in Weimarer Verhältnisse gebetsmühlenartig wiederholen, nicht Wähler von hart links bis härter rechts zu bekämpfen, sondern Gewählte. Tatsache aber ist, dass diese Gewählten zuletzt erst zu solchen wurden, wenn ihr nationalautoritärer Populismus rassistisch zugespitzt wurde.
Als Bernd Lucke den Weckruf 2015 schrieb, kratzte seine Expartei in spe an der Fünfprozenthürde. Manche Fraktion war zerstritten, ihr beflaggter Arm Pegida auf Pilotenstreikgröße verdorrt, die Alternative brauchte eine für sich selbst – und fand sie am Schlagbaum. Je mehr Fremde dort Einlass begehrten, desto mehr Fremdenfeinde wurden laut. Und nicht nur in Sachsen: Vor 13 Monaten wurde Polens moderater Präsident Komorowski trotz aller Stabilität durch Andrzej Duda ersetzt, dessen zusehends faschistoide PiS im Herbst auch den Sejm eroberte. Kurz darauf gewann der Front National Frankreichs Regionalwahlen, während Donald Trump die eigene Konkurrenz auf dem Weg ins Weiße Haus erst pulverisierte, als er Amerika gegen Terroristen und Vergewaltiger einzumauern drohte.
Parallel bescherte das Zerrbild vom blutsunrein gefluteten Inselreich der europafeindlichen Ukip einen Zulauf, dem nun das knappe Votum zum EU-Austritt folgte. Wäre die Türkei EU-Mitglied, hatte Justizminister Michael Gove im Vorfeld geraunt, würden sich „Millionen von Wanderarbeitern hier niederlassen, um unser großzügiges Sozialsystem auszunutzen“. Ein Sozialsystem übrigens, den der Austritt nun stärker gefährdet als jeder Geflohene, was Brexit-Fans ohne manifesten Rechtsextremismus im Gedankengut nun langsam für den Brexitexit entflammt. Für das Gros aber gilt: der Kernbestand sozialer Marktwirtschaft – innerer, äußerer, materieller und militärischer Frieden – wird von den USA über Deutschland bis Russland ethnischer Homogenität (Schweden oder Flamen findet selbst Nigel Farage nahe der eigenen Haustür akzeptabel) untergeordnet. Erstmals seit 1945 ist Abschottung in der parlamentarischen Demokratie selbst dann mehrheitsfähig, wenn sie Wohlstand und Sicherheit senkt.
Während Heinz-Christian Strache, Marie Le Pen oder Geeert Wilders die reaktionäre Hegemonie im Westen dabei noch legitimieren müssen, exekutiert die Rechte um Orban, Putin, Kaczyński ihr pannationales Herrenmenschentum im Osten längst per Ausschluss Andersartiger bis hin zu den Juden – wobei der Rassismus jener zwei Drittel Brexit-Wähler, die den Feminismus ablehnen, eben auf den Mann als Herrscher übers schwache Geschlecht übertragen wird. Das Dressing in diesem dialektischen Ideologiesalat aus verzagter Aggressivität und neoliberalem Protektionismus für kleine Männer mit großem Genom würzt die Propaganda mit: Angst. Angst davor, Fremde im eigenen Land zu sein. Angst vor Volksvernichtung durch Gutmenschen, Lügenpresse, Genderirrsinn. Angst vor Bedeutungsverlust des Patriarchats. Angst vor allem, was anders ist als das, was ist, wie es eben ist, nämlich die Herrschaft des eigenen Blutes über den eigenen Boden.
Umso wichtiger ist es für Parteien wie die AfD, ihren Rassismus nach innen zu hegen, nach außen aber zu chiffrieren. Angst ist was für Objekte, defensiv und abwehrend; ein Rassist agiert offensiv, Tendenz aggressiv, ist im Abwertungsdiskurs also das handelnde Subjekt, im politischen hingegen angreifbar. Um Angst vor Fremden als Steißgeburt eines völkischen Primats zu entlarven, reicht demnach ein Besuch digitaler Foren, in denen sich auch der nazistische Straßenköter Björn Höcke ungeniert als Rassist gefällt. Der Neojunker Alexander Gauland hingegen mag auf seinem inneren Rittergut Hauptschüler jeder Herkunft verachten; nach außen gibt er sich als väterlicher Hüter des Volkswillens.
Den Fremdenhass seiner Kunden (der mangels Vorbehalt gegen, sagen wir: Schweden eher kolonialistischer Art ist), bläst er zur kollektiven Furcht bloß auf, um sie mit Zucht und Ordnung, Hausfrauenehe und Testosteronkult, mit Härte gegen sich wie andere auf Dominanz zu drillen. Das ist populistisches Machtkalkül in Reinform, nur eines ist es selten: überzeugt xenophob. Dafür sind Frauke Petry, Boris Johnson, Norbert Hofer schlicht zu kultiviert. Anders als 15 bis 25 Prozent Wählern in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt, die das Gegenteil glauben (wollen). Weil ihnen die CDU zu human ist und die NPD zu krass, wählen sie eine Art vatikanisch-chinesische Möllemann-DVU und wähnen sich in der Mitte des Schweinesystems.
Dessen Altparteien brauchen also keinen Programmpunkt außer jenem, der verschlüsselt wird, konstruktiv anzugreifen. Die Siegesserie der AfD gepaart mit drei Anschlägen potenzieller Wähler auf Flüchtlingsunterkünfte pro Tag wird eindrücklich vom Leipziger Forschungsprojekt „Mitte in der Krise“ erklärt, das den Zuwachs rassistischer Einstellungen jenseits rechtsextremer Weltbilder belegt. It’s the racism, stupid – alles andere ist AfD-Wählern wie Brexit-Fans ohnehin meist egal. Und was dem Wähler egal ist, ist es auch den Gewählten.
Dominik Graf: Kostümfilme & Königsleichen
Posted: June 22, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Polizeifilm ist mein Heimat-Terrain
Heute Abend zeigt Arte Domink Grafs preisgekröntes, auch international gepriesenes Historienmelodram Die geliebten Schwestern über die Dreierliebe des Dichters Friedrich Schiller. Dabei ist Deutschlands zurzeit wohl bester Regisseur (Foto: Gerhard Kassner/Berlinale) eigentlich auf was ganz anderes gebucht: TV-Krimis, manchmal sogar skurrile wie Die reichen Leichen, mit denen er vorigen Oktober sogar mal absurden Humor bewies. Ein Gespräch übers Fernsehfilmemachen, Streamingdienste, seine Jugend im Internat und warum die Villenviertel der Reichen so sehr für Filmmorde taugen.
Interview: Jan Freitag
Herr Graf, Die geliebten Schwestern ist ein Historienepos ohne Ermittler fürs Kino, womit Sie ihrem geliebten Fernsehkrimi also gleich doppelt untreu geworden sind. War das Exkurs oder Kurswechsel?
Dominik Graf: Weder noch. Der Polizeifilm ist schon mein Heimat-Terrain, aber ich hab immer Ausflüge in Literaturverfilmung und Liebesfilm unternommen. Und am Ende ist das Kino gegenüber dem Fernsehen lediglich mehr Budget. Andererseits bietet Fernsehen oft die Möglichkeit zu kleineren Filmen ohne Förderung. Das sorgt auch für künstlerische Freiheit.
Sehen Sie als Kreativer den Start des Streaming-Dienstes Netflix da eher als Chance oder Bürde fürs Filmemachen?
Erstmal als Chance. Man muss halt sehen, was es für Inhalte gibt und wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen darauf reagiert. Vielleicht kann Netflix dann ein Regulativ sein, damit das alte TV sich auf seine Stärken besinnt.
Sie würden im Zweifel auch fürs Internet arbeiten?
Kein Problem. Solange es am Ende eine DVD gibt, die ich in Händen halten und mit nach Hause nehmen kann, ist mir das völlig egal.
Wofür arbeiten Sie denn als nächstes – Fernsehen, Kino, Internet?
Ich mache erstmal eine Dokumentation fürs Fernsehen, über den gestorbenen Journalisten Michael Althen, mit dem ich befreundet war. Ein Polizeiruf ist gerade fertig. 2016 kommt ein LKA-Thriller über deutsche Zielfahnder, die geflohene Straftäter im Ausland verfolgen.
Klingt nach dem Testballon einer Reihe.
Das könnte durchaus sein.
Wer dagegen Ihren Krimi Die reichen Leichen sieht, in dem es um den Mord an jemandem geht, der sich für König Ludwig hält, fragt sich als allererstes: Was haben Sie bloß gegen die Menschen am Starnberger See?
Gar nix. Ich finde sie in der Verteilung von sympathischen, einsamen, skurrilen, fröhlichen, traurigen, glamourösen Figuren eigentlich sogar sehr angenehm. Den Gegensatz von finanzieller Goldküste und sozialen Härten im Umfeld des örtlichen Tourismuswahnsinns darzustellen, sollte also gar niemanden verunglimpfen. Im Gegenteil.
Der Eindruck, es wimmelt dort nur so von Freaks und Bonzen, ist also ein falscher?
Absolut – obwohl der erfahrene Polizist seiner jungen Kollegin gleich zu Beginn erklärt, das Klischee von den besoffenen Schnöseln stimme. Wenn man nur an der Oberfläche verbleibt, kann man das natürlich so sehen. Aber unter dem Offenkundigen leben ganz andere Facetten. Dafür muss man bloß mal in die Häuser hinein, statt sie nur von außen zu bestaunen.
Wie tief drin waren Sie denn vorm Dreh – kannten Sie die Gegend bereits?
Na ja, für Münchner ist der Starnberger See der kürzeste Weg zum nächsten Wasser und somit so was wie die städtische Datscha. Ich kenne die Gegend von Kindesbeinen an und war im Sommer mindestens dreimal die Woche dort.
War ihr Bild als Internatskind einer Künstlerfamilie also realistisch oder klischeehaft?
(lacht) Mein Blick war authentisch, aber das Klischee ist es ja auch. Wissen Sie, wir sehen da einen Ort, der vor 100 Jahren zum Tourismussziel verkommen ist und trotz all der Millionäre Mühe hat, genug Steuern einzutreiben. Diesen Querschnitt stellt Autor Sathyan Ramesh, der übrigens aus Köln stammt und vorher nie in Starnberg war, perfekt dar. Aus filmischer Sicht ist daran aber auch ein Mythos bedeutsam, der den See schon vor Ankunft der ersten Touristen umwehte.
Sie meinen den „Kini“ Ludwig II., der scheinbar ungebrochen verehrt wird in Bayern.
Unter anderem. Je tiefer man in diesen Feriensee eintaucht, desto schneller stößt man auf den Mythos dieses Königs des späten 19. Jahrhunderts, dessen Tod ja auch einen ungelösten Kriminalfall darstellt. Als wir die erste Motiv-Begehung gemacht haben, kam ein netter Bayer mit Angel auf uns zu und meinte, „wos mochts‘n ihr do?“ Worauf er ansatzlos die zwanzigminütige Theorie seiner Mordversion zum Besten gab. Der Starnberger Polizeichef wollte sich zu diesen Vorwürfen übrigens nicht äußern (lacht).
Hat sich der Angler als das vorgestellt, was es in Ihrem Film zuhauf gibt: als „Ludist“?
Nein. Aber das ist ja auch die militanteste Form des Enthusiasmus im Sinne der Mordtheorie. Die kennen da kein Pardon. Als wir im Präsidium waren, stand allen Ernstes ein lebensgroßer Aufsteller eines „Guglmanns“ – auch so ein königstreuer Starnberg-Verein – im Eck, der wie ein Kapuzenmann als Bravo-Starschnitt auf die örtliche Polizei niederblickte, um ihre Königstreue zu kontrollieren.
Was sagt denn diese Faszination über die Bayern aus?
Jedenfalls nichts, dass für eine monarchische Sehnsucht stünde. Eher für eine Art mythologischen Popstarkult, den meiner Meinung nach jede Region kennt.
Was ist für einen Regisseur schwieriger: Das Aberwitzige normal oder das Normale aberwitzig zu inszenieren?
Das ist eigentlich ein und dasselbe. Beides bereitet an bestimmten Punkten Vergnügen, erfordert aber auch ständige Aufmerksamkeit, keine der beiden Seiten zu übertreiben. Aber zunächst mal verfilme ich ja die Bücher meiner Autoren, denen ich mich sehr verpflichtet fühle. Der Aberwitz entstammt also der Fantasie anderer, den ich mir wie ein Kleidungsstück anziehe. Alles Weitere kommt durch meine Auslegung und die Spielfreude der Schauspieler.
Die sie hier abermals im Milieu der Reichen zeigen. Warum eignet sich die sprichwörtliche Villa in Gründwald so gut für den Krimi, dass sie immer wieder zum Tatort wird?
Das ist zum Teil ein Erbe des angelsächsischen Krimis, der schon vor Urzeiten gern in kalifornischen Villen und englischen Landschlössern spielte. Was sich hinter den dicken Mauern der Reichen Unerwartetes verbirgt, eignet sich einfach gut für spannende Ermittlungen auf unbekanntem, abgründigem Terrain.
Und bietet dem Pöbel die Chance, der vermeintlich sorglosen Oberschicht mal beim Leiden zuzusehen.
Ich glaube eher, dass es der Gegensatz ist, wenn Reichtum auf brutale Armut trifft und Erhabenheit auf heulendes Elend. Die Villen sind da nur besonders hübsche Panoptiken der Welt in ihrer ganzen Vielfalt. Aber das ist Berlins Zuhälter-Milieu meines Films „Hotte im Paradies“ auch.
Aber um beide Lebenswelten zu erzählen, bedarf es doch nicht zwingend eines Kriminalfalls. Warum wählen Sie dennoch immer wieder dieses Genre, um ihre Geschichten vom sozialen Miteinander zu erzählen?
Weil mir der Polizeifilm einen verlässlichen Rahmen erzählerischer Kontinuität bietet, dessen Regeln man einhalten oder brechen, aber nie ignorieren kann. Ich könnte das Genre zwischen Hamburg, Duisburg, München noch 50 Mal variieren und mir dennoch vermutlich immer treu bleiben.
FilmDebüt im Ersten: Regie & Nachwuchs
Posted: June 15, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Karrieresprung vor Mitternacht
Ab heute gibt das FilmDebüt im Ersten dem Nachwuchs wieder eine Chance. Ein Regisseur wie Johannes Naber ist zwar über 40 und sein Auftakt Zeit der Kannibalen (zu sehen in der ARD-Mediathek; Foto: Pascal Schmidt/WDR) nicht allzu revolutionär ist. Dennoch bleibt die Plattform eine unerlässliche Talentschmiede des Fernsehens.
Von Jan Freitag
Jedem Anfang, so sagt man, wohnt ein Zauber inne. Und wenn dieser Anfang dann auch noch phonetisch französischen Ursprungs ist, klingt er sogar ziemlich zauberhaft: début. Stellen wir in diesen europameisterschaftsgesättigten Tagen also kurz mal alles aufs verdeutschte Debüt, dann kann es selbst im Umfeld des profanen Fußballs für ein paar Stunden im Frühsommer wirklich hinreißend werden.
Unter der Klammer FilmDebüt im Ersten zeigt die ARD nämlich bereits im 16. Jahr um diese Jahreszeit Erst- oder Zweitlingswerke frischer Regisseure, die dem Leitmedium gelegentlich etwas Außergewöhnliches entlocken, besser noch abtrotzen: Wagemut. Den Wagemut zum Beispiel, überwiegend Filmemacher einfach mal machen zu lassen, die tendenziell halb so alt sind wie der öffentlich-rechtliche Durchschnittszuschauer, um – nun ja – visionäres Fernsehen herzustellen, das ansonsten eher selten ist im Regelprogramm.
Das bedarf insofern auch 2016 der Hervorhebung, als die so genannte Primetime ansonsten von den ewig gleichen Tatort– bis Pilcher-erprobten Namen dominiert wird: Den Hirschbiegels und Huntgeburths, Kehlers und Glasner, Schweigers und Schweighöfers. Seit Benjamin und Dominik Redings Auftaktwerk der Debütantenreihe Oi!Warning 2001 auch international für Furore gesorgt hat, achtet die Branche demnach sehr genau darauf, was ab Mitte Juni sechs Wochen lang dienstags nach den Tagesthemen läuft. Kleine Namen sind auf diesem Platz groß geworden und große noch größer. Die moralische Cannes-Gewinnerin Maren Ade hat 2006 kurz vor elf mit Der Wald vor lauter Bäumen erstmals ein breites Publikum auf sich aufmerksam gemacht. Im Jahr drauf debütierte die versierte Dokumentaristin Aelrun Goette zur selben Zeit mit einem Spielfilm. Und die Schauspielerin Ina Weisse durfte zwölf Monate später an gleicher Stelle mit Der Architekt beweisen, dass sie auch hinter der Kamera Herausragendes leisten kann.
Drei Namen, die zweierlei bezeugen: Im unverdrossen patriarchalisch geprägten Krimi- und Schnulzenland D. gibt es offenbar doch Raum für Frauen mit ungewöhnlichen Themen und Zugängen. Daran dürfen sich dieses Jahr gleich fünf Geschlechtsgenossinnen messen lassen, die den branchenüblichen Anteil weiblicher Regisseure im einstelligen Prozentbereich förmlich vervielfachen. Da wäre die Hamburgerin Frauke Finsterwald, deren Neunzigminütiger Finsterworld nach ein paar Kurz- und Sachfilmen am 19. Juli mit einem hinreißenden Reigen menschlicher Befindlichkeiten nach eigenem Drehbuch glänzt.
Da wäre im Finale (9. August) das melodramatische Märchen Im Spinnenwebhaus von Mara Eibl-Eibesfeldt aus dem Münchner Umland, das den realen Fall von vier Kindern, die nach der Flucht ihrer Mutter auf sich allein gestellt sind, zur schwarzweißen Liebeserklärung an den kindlichen Eigensinn macht. Da wäre Viviane Andereggens Komödie Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut, die das jüdische Leben im Land der Holocaust-Täternachfahren nächste Woche aus Sicht eines Zwölfjährigen schildert. Da wären überhaupt gleich fünf Werke, deren Inhalt auf unterschiedlichste Art mit den (Spät-)Folgen des Holocaust befasst ist.
Da wäre aber auch ein Auftaktfilm, der gestern Abend zeigte, dass es in dieser Reihe gar nicht zwingend um radikale, am besten politisch korrekte Bild- oder Textsprache geht. Zeit der Kannibalen ist ein vielfach preisgekröntes, dramaturgisch jedoch konventionelles Lustspiel um zwei global tätige Unternehmensberater (Devid Striesow, Sebastian Blomberg), die im Luxusgefängnis ihrer Renditeziele Gegenwind kriegen, als ihnen ausgerechnet eine Frau (Katharina Schüttler) innerbetrieblich Konkurrenz macht. Ein toller Film, aber gewiss kein Experiment. Von Regisseur Johannes Naber aus Baden-Baden dürfte man trotzdem – oder gerade deshalb – noch hören. Das FilmDebüt im Ersten einzuleiten ist ein Karrieresprungbrett ohne Beispiel.
24 Stunden Bayern: Kopie & Archäologie
Posted: June 8, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Vorsorgliche Paläoanthropologie
Oberflächlich hat der BR mit 24h Bayern (Bild: Ostkreuz Berlin/Anne Schönharting) gerade das vergleichsweise plumpe Plagiat eines Arte-Experimentes vor sieben Jahren in Berlin gedreht. Darunter aber schlummert eine Chance von fast archäologischer Bedeutung, die gern Schule machen darf. Kopie hin oder her…
Von Jan Freitag
Die Realität, heißt es im filmischen Volksmund gern, ist doch der beste Regisseur. Die Realität, besagt hingegen der zeitgenössische Publikumsgeschmack, muss dabei gar nicht so zwingend der Wirklichkeit entsprechen, um als solche durchzugehen. Da reicht bereits ein kurzer Blick ins heutige RTL-Programm: Nach dem Mittagsmagazin gaukeln Verdachts- und Betrugsfälle ebenso wie ein Blaulicht Report Tatsachen vor, die zwar allesamt erstunken und erlogen sind, vom Durchschnittszuschauer aber nachweislich verstörend für voll genommen werden. Scripted Reality eben, die Wahrheit des Fernsehkommerzes.
Umso erstaunlicher ist es da, dass sich auch die beglaubigte Gewissheit draußen vorm Flachbildschirm gut hält im Konkurrenzkampf mit dem täglichen Betrug der Privatsender. Wissenschaft, Politik, Geschichte erzielen als unterhaltsame Kofferwortformate wie Historytainment unverdrossen Topquoten, die das gemeine Dokudrama auch im Jahr 3 nach Guido Knopp verlässlich erzielt. Nachrichten und Magazine trotzen vor allem öffentlich-rechtlich dem Niedergang des Mediums. Und dann noch dieser seltsame Hang zur Echtzeitbeschreibung des Alltags.
Sieben Jahre ist es mittlerweile her, dass Arte gemeinsam mit dem RBB und zero film in einem aufsehenerregenden Echtzeitprojekt 24h Berlin dokumentiert hat. Von sechs bis sechs Uhr wurden seinerzeit ausgewählte Hauptstädter mit oder ohne bekannten Namen in Echtzeit von 80 Regisseuren mit oder ohne bekannten Namen beim Leben, Lieben, Arbeiten, Sein begleitet. Es war eine televisionäre Sensation, vom Feuilleton gefeiert, vielfach prämiert und für einen Kulturkanal mit ansehnlichem Zuschauerzuspruch bedacht. Alles so gelungen, dass Arte sein weltweit beachtetes Experiment 2014 in Jerusalem wiederholte. Und nun legt der Bayerische Rundfunk nach.
Für seine Version der Ganztagsstudie wurde vorigen Freitag ab Punkt sechs Uhr nun abermals das Leben einer Region eingefangen, nur eben diesmal im Freistaat vom ersten Kühemelken bis zum letzten Münchner Nachtschwärmer. Nächstes Jahr um exakt die gleiche Zeit wird das Ganze dann die vollen 24 Stunde nlang im BR ausgestrahlt. 24h Bayern heißt das Projekt wenig ehrgeizig, konnte aber wie einst in Berlin durchaus prominente Filmemacher gewinnen. Andreas Veiel zum Beispiel, Doris Dörrie, Marcus H. Rosenmüller, solche Kaliber. Mit 100 Kamerateams haben sie ihr Heimatland ohne die Möglichkeit nachzudrehen rund um die Uhr dokumentiert, 800 Stunden Material sind dabei zusammengekommen. Ein voller Erfolg, heißt es schon jetzt vom verantwortlichen Sender. Sogar die Flutkatastrophe im Landesosten findet darin statt.
Es mag also zunächst mal nach einer plumpen Kopie des preußischen Vorbilds klingen; im Ergebnis ist der Drehmarathon nicht nur ein Stück dokumentarische TV-Unterhaltung, sondern wahrhaftige Kulturgeschichte. Denn abgesehen von der Heisenberg’schen Unschärferelation, nach der jede Beobachtung schon durch die Präsenz des Beobachters verändert wird, betreibt der BR hiermit eine Art vorsorglicher Paläoanthropologie regionaler Allgemeinexistenz, die auch für künftige Generationen visuell erlebbar gemacht wird. Plagiat hin oder her: Im Grunde sollte also jedes Funkhaus die Gelegenheit ergreifen, diese Form der soziokulturellen Konservierung zeitnah vorzunehmen. Anders als handelsübliche Dokumentationen, Sachbücher oder Forschungsprojekte hat 24 Stunden XY nämlich die Chance, Realität nicht bloß abzubilden oder zu konstruieren. Sondern zu sein.
„Ein Bild des Lebens in Bayern, aus der Perspektive seiner Bewohnerinnen und Bewohner“, so nennt es die Produktionsfirma zero one 24 GmbH im Auftrag des BR. Klingt hochtrabend, entspricht aber durchaus der Wahrheit. Es ist eine ganz ohne Drehbuch. Wie sowas geht, will RTL gar nicht wissen.
Ursula Strauss: Amnesie & Wiener Schmäh
Posted: May 25, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
So läuft des G’schäft
Durch tragende Nebenrollen hat sich Ursula Strauss (Foto: ZDF) still und leise an Hauptrollen herangetastet. Wie im ZDF-Film Meine fremde Frau, wo die Österreicherin heute Abend an der Seite ihres Landsmanns Harald Krassnitzer eine Amnesie-Patientin auf der Suche nach Vergangenheit und Zukunft spielt. Ein Gespräch über Vergessen, Melancholie, Humor und warum sie es historisch mag.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Ursula Strauss, in Meine fremde Frau verlieren Sie vollständig ihr Gedächtnis. Wie spielt man Vergessen?
Ursula Strauss: Indem man versucht, die Welt mit erwachsenen Kinderaugen zu betrachten, unbelastet von vorherigem Wissen, dabei aber nicht leichtfüßig, sondern schwermütig. Was für den Amnesie-Patienten neu ist, entfacht statt kindlicher Neugierde ja vor allem Ängste.
Was unterscheidet diese Art des Wissensverlustes vom filmischen Modethema Demenz?
Alter und Tempo. Es betrifft hier ja jemanden wie mich und zwar plötzlich, nicht schleichend.
Denkt man bei so einer Rolle darüber nach, was Erinnerung für einen selbst bedeutet?
Ob „man“ das tut, weiß ich gar nicht. Aber obwohl ich Beruf und Privates gut trenne, bringen mich alle Rollen, die nicht grad das große Glück beschreiben, zum Nachdenken darüber, wie ich in dem Fall reagieren würde. Auch deshalb will ich sie so präzise wie möglich verkörpern.
Haben Sie sich dafür nur theoretisch oder auch praktisch informiert, im Gespräch mit Amnesie-Patinten?
Nur ersteres. Das lag allerdings auch an einem schweren Unfall, der mein Leben kurz zuvor von jetzt auf heute derart radikal umgewälzt hat, dass ich auch so einen guten Zugang zum Thema derart radikaler Veränderung hatte. Mit den Folgen hatte ich ein Dreivierteljahr zu tun.
Im Film ist davon aber nichts zu sehen…
Ah, gut – auch wenn ich selbst das schon sehen kann… Einen körperlicheren Film hätte ich jedenfalls nicht spielen können; beim Drehen hatte ich bei jedem Schritt Schmerzen.
Ist daraus intuitiv der aggressive Trotz entstanden, mit dem sie die Amnesie darstellen?
Nein, ich habe in der Vorbereitung gelernt, dass Amnesie-Patienten oft so auf ihr Umfeld reagieren, schon weil sie die Situation stark überfordert. Es ging mir bei der Rolle ja weniger um die Krankheit an sich als die Vorstellung, nur noch eine leere Hülle zu sein, mit allen Konsequenzen für die menschlichen Beziehungen.
Lässt sich aus denen etwas typisch Österreichisches herauslesen?
Wien, der Habitus, unsere Sprache – all das eignet sich natürlich schon besonders für so eine Geschichte um Lügen, Vertuschen, Freundlwirtschaft. Aber diese Strukturen finden sich letztlich überall.
Sie selbst stammen nicht aus Wien, sondern dem ländlichen Niederösterreich ringsum.
Eine Kleinstadt namens Melk, 4000 Einwohner.
Würde ich es verstehen, wenn Sie sich mit einem Ihrer alten Nachbarn unterhielten?
Womöglich nicht. Dialekt ist meine Wurzelsprache. Als ich auf die Schauspielschule gegangen bin, war Hochdeutsch für mich wie eine neue Sprache.
Gehören Melk und Wien demselben Kulturkreis oder nur demselben Land an?
Das sind schon ganz verschiedene Kosmen – von denen sich der eine über den anderen gern lustig macht. Wobei ich selbst mich über niemanden lustig mache, auch nicht über die Deutschen. Ich hab sogar einen geheiratet und schon deshalb einen guten Zugang zum großen Bruder dieser kleinen Schwester Österreich.
Wird man in dieser kleinen Schwester schneller ein Star als beim großen Bruder?
Also bei mir kam das sehr schleichend, weil ich lieber einen Schritt nach dem anderen mache. So konnte ich mitwachsen, das liegt mir mehr. Dennoch ist auch einiges parallel passiert, die Serie Schnell ermittelt zum Beispiel fast zeitgleich zur Oscar-Nominierung für Revanche, was es ein wenig beschleunigt hat, vor die Tür zu gehen und erkannt zu werden. In Deutschland reicht das vermutlich noch nicht aus. Umso mehr war es für mich eine krasse Erfahrung, plötzlich von Wildfremden identifiziert zu werden.
Und – fühlt sich das gut an oder nicht so gut?
Doch, fühlt sich gut an, ich mag das, solange sie freundlich sind. Und wer einen anspricht, hat ja meistens was Schönes auf dem Herzen, meist ein Lob für den letzten Film. Es ist allerdings schwer vorstellbar, wie ich damit umginge, stiege die Popularität aufs Niveau großer Hollywoodstars, die keinen Schritt vor die Tür machen können. Auch deshalb halte ich mein Privatleben sehr bewusst aus der Öffentlichkeit heraus. Das soll und wird so bleiben.
Fällt dieses Heraushalten mit wachsender Popularität leichter oder schwerer?
Das ist weniger eine Frage der Popularität als der Konsequenz und inneren Haltung. Ich akzeptiere ja, dass die Menschen auch an mir als Person ein Interesse entwickeln; so läuft das G‘schäft. Das aber hat überhaupt nichts mit meine Familie zu tun. Bei der bin ich in einer Schutzzone, die nur mir gehört; das akzeptieren die meisten mittlerweile.
Sprechen wir also wieder über die Arbeit. Täuscht der Eindruck, dass viele Ihrer Figuren melancholische, fast traurige Frauen sind?
Ich befürchte, da haben Sie nicht genug von mir gesehen. Meine Chefinstpektorin in „Schnell ermittelt“ zum Beispiel ist lebenslustig, tough, mutig mit einem ordentlichen Schuss Schmäh. Vielleicht sorgt es allerdings atmosphärisch für eine gewisse Melancholie, dass meine Figuren selten an der Oberfläche bleiben. Insofern spiele ich diese Traurigkeit schon besonders gern.
Wie ist es mit Komödien?
Super. Weil zu wenig gute geschrieben werden, hab ich davon allerdings nur wenige gemacht.
Wobei Österreich nun wirklich das Land des bizarren Humors ist.
Der Aufschneider zum Beispiel, sehen Sie? Aber wissen Sie was ich wirklich gern mehr spielen würde? Historische Stoffe!
Weil Sie sich gern verkleiden?
Die Art, wie Kostüme in Filmen wie Gefährliche Liebschaften das Körperliche einschränken, macht etwas mit dem eigenen Spiel. Dem Gesicht fällt dabei eine ganz andere Rolle zu, intensiver, aktiver. Das würde ich gern mal am eigenen Leib erleben.
Jordskott: Svenska Mystery & German Angst
Posted: May 18, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt 1 Comment
Evas im Nebel
Wenn Kindern Wurzeln wachsen: Mit Jordskott (Foto: Palladium Film) zeigt Arte derzeit donnerstags und in der Mediathek einen Zehnteiler aus Schweden, der sich nur ganz kurz mit rationalen Erklärungen verschwundener Kinder aufhält und dann hemmungslos ins Mystische, ja Grimm’sche abgleitet. Das passt eigentlich ganz gut in unserer Zeit.
Von Jan Freitag
Nebel geht eigentlich immer. Schon in den knallbunten Märchen der Nachkriegszeit kündigte er gern die Hexe an, wenn sich mal wieder ein Kind im Wald verirrt hatte. Und spätestens seit John Carpenter The Fog 1980 zum Bösen selbst erklärte, wird der Spannung notorisch mit Maschinendunst auf die Sprünge geholfen. So wabert er also auch durchs dichte Gehölz rings ums schwedische Provinznest Silverhöjd, wenn Eva Thörnblad darin auf ihre Vergangenheit stößt. Eine furchtbare Vergangenheit. Das macht nicht zuletzt der dauernde Nebel deutlich.
Aus der Hauptstadt ist die schöne Kommissarin kurz zuvor ins baumreiche Dorf ihrer Jugend gereist, um dem verstorbenen Vater das letzte Geleit zu geben. Gleich nach der Ankunft jedoch wird Eva mit dem Verschwinden eines Kindes konfrontiert, das sie schmerzhaft an den Verlust der eigenen Tochter erinnert, die dort sieben Jahren zuvor abhanden kam. Angeblich ertrunken. Die Leiche wurde nie gefunden.
Sehr nebulös.
So beginnt ein Zehnteiler auf Arte, der ab heute vier Donnerstage belegt, warum skandinavisches Fernsehen zum Besten zählt, das in einer anderen als der englischen Sprache entsteht. In dem Fall hat dies abgesehen von der eigentümlichen Aura nordeuropäischer Landschaften und dem Mut zum dramaturgischen Regelbruch vor allem zwei Gründe: Krimi und Mystery, der dramatische Platzhirsch vom dunklen Rand des Alltags und sein Nebenbuhler aus dem noch dunkleren Reich der Fantasie.
Keine Viertelstunde hält sich die erste dreier Episoden von Showrunner Henrik Björn dabei mit typischer Ermittlungsarbeit auf. Kommissarin Thörnblad, wie üblich etwas arg attraktiv, aber angemessen kühl für derlei Formate, wird als Unterhändlerin der Stockholmer Polizei im Einsatz angeschossen und fährt frisch genesen heimwärts, wo ihr besagter Entführungsfall in die Nachlassverwaltung funkt. Doch bevor sie dienstlich wird, steht des Nachts ein Mädchen vor Evas Kühlerhaube, das verteufelt an ihre Tochter erinnert. Im seltsam grell erleuchteten Wald kriecht dabei wie tags zuvor in der Mittagsonne der Nebel über den Boden und kündigt jene Steigerungslogik des Grauens an, die hier ihren Anfang nimmt.
Seltsame Menschen tun seltsame Dinge. Es gibt mehr Vermisste, gar Leichen und mittendrin die holzverarbeitende Fabrik von Evas Vater, deren Ressource auf den gewohnt dämlichen deutschen Untertitel verweist: Die Rache des Waldes. Wenn jeder Baum verdächtig ist und jeder Ast beredt, wenn die Forst zu sprechen scheint und Kindern Wurzeln aus den Finger wachsen – dann wird der Wald wie Carpenters Nebel zum Protagonisten. Nur: Warum besteht an derlei übersinnlicher Grundierung eines spannungsreichen Krimis unverdrossen Bedarf?
Seit die Twilight Zone das Thema Mystery Ende der Fünfziger TV-tauglich und David Lynchs Twin Peaks daraus 1990 geradezu einen Kult gemacht hat, ist das Unergründliche ein Dauerbrenner. Outer Limits und Lost, X-Files oder Supernatural, von den Vampiren, Zombies, Geisterjägern der jüngeren Zeit ganz zu schweigen: ständig suchen Serien nach Erklärungen jenseits des Erklärbaren. Selbst hierzulande drängelt sich das Mysteriöse zwischen Morddezernate, Arztpraxen und Nonnenkloster ins Programm. Nachdem der Nischensender TNT voriges Jahr einen pfälzischen Weinberg als Tatort dämonischer Vorfälle im biederen Dorfambiente inszeniert hat, werden auch die verschwundenen Kinder der ersten Netflix-Eigenproduktion Dark bald außerhalb rationaler Deutungsmuster gesucht.
Nun ist es natürlich überinterpretiert, ausgerechnet an der Oberfläche des Bildschirms ein komplettes Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen zu suchen. Als Leitmedium mag das Fernsehen den Zeitgeist verarbeiten; letztlich aber bildet es ihn nur partiell ab, folgt also allenfalls Moden und Trends. Dennoch fällt auf, dass mit dem Aufstieg rechtspopulistischer Parteien von der Tea Party bis hin zur AfD gesteigerter Bedarf nach Letztbegründung abseits der Logik entsteht. Da wird der wissenschaftlich belegte Klimawandel zur Lüge liberaler Medien, Politiker, Konzerne, die unterm Kanzleramt heimlich die Vernichtung des deutschen Volkes steuern.
Und auf diesem Nährboden sinnfreier Paranoia gedeiht womöglich nicht nur ein rassistischer Furor à la Pegida, sondern auch der Bedarf nach fiktionaler Übernatürlichkeit, die Mysterythriller wie Jordskott dann unfreiwillig bedienen. Wird die Welt zu kompliziert, retten sich schlichte Gemüter angefeuert von Demagogen halt gern in Verschwörungstheorien, deren Mangel an Beweisen Teil derselben ist. Die Juden sind Schuld! Washington macht Amerika schwul! Ausländer nehmen Arbeitsplätze weg! Waldgeister klauen unsere Kinder!
Man kann die Tatsache, dass Arte mit letzterem sein Programm füllt, aber auch eine Stufe unaufgeregter als Beleg sehen, sich mehr zuzutrauen als Sozialdrama, Krimi und Komödie. Auch wenn ein bisschen zu viel Nebel durch die Szenerie weht und schwedische Wälder des Nachts vermutlich nur selten von 1000-Watt-Strahlern ausgeleuchtet werden: Jordskott ist nicht nur versiert gefilmt und ungemein spannend, sondern auch sehr mutig.
Gomorrha 2: Gottesfurcht & Höllenangst
Posted: May 11, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Und es kam schlimmer…
Schon die erste Staffel von Gomorrha war eine fesselnde Zumutung. Teil 2 der Serienadaption von Roberto Savianos fiktionalem Tatsachenbericht aus Neapels Mafiahölle (Foto: Emanuela Scarpa) aber ist noch drastischer und doch nicht übertrieben. Leider. Seit gestern läuft sie auf Sky.
Von Jan Freitag
Es gibt einen Sinnspruch, der dem Verfasser einst die Zeit auf dem Schulklo verkürzte: Aus dem Chaos sprach eine Stimme: „Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!“, und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer. In Zeiten permanenter Krisen könnte dieses gutgelaunt pessimistische Bonmot von Sachsen-Anhalt über Syrien zur Krim bis nach Washington fast überall stehen. Nirgends aber passt es besser als ins horizontal erzählte Serienfernsehen.
Dort wächst seit den „Sopranos“ die Gewissheit: Wann immer man meint, nun könne es nicht mehr schlimmer werden mit Sittenverfall und Gewalt, wird es so verlässlich schlimmer, dass sich selbst der US-Präsident besorgt an die Macher vom sittenwidrig gewalttätigen Niedergangsepos „Game of Thrones“ wandte: Mit Jon Snow, bat Barack Obama, möge doch wenigstens ein untadeliger Protagonist den Blutdurst ringsum überleben. Ob es so ist, hat ihm HBO nicht verraten, aber eins war schon vor der 6. Staffel klar: Würde der Sympathieträger nicht im mittelalterlichen Westeros, sondern im gegenwärtigen Neapel leben – er wäre wohl nicht nur früher gestorben, sondern richtig grausam.
Womit wir am Ort einer anderen horizontal erzählten Serie sind, deren Brutalität vielfach nicht an „Game of Thrones“ heranreicht, aber irgendwie barbarischer wirkt. Kein Wunder: „Gomorrha“ ist eine real existierende Hafenstadt im Süden Italiens, kein fiktives Fantasy-Reich in undatierter Zeit. Und es mag darin weder Zombies geben noch Zwerge; sie befindet sich so gespenstisch grausam im Würgegriff des organisierten Verbrechens, dass Mobster von Don Corleone bis Tony Soprano zu bodenständigen Unternehmern mit eigenartigem Rechtsverständnis schrumpfen.
Das zeigt die Fortsetzung des Mafia-Dramas nach Motiven von Roberto Saviano sogar noch eindrücklicher als die erste Staffel. Im Herbst schien das neapolitanische Chaos auf engstem Raum ja noch vergleichsweise geordnet. Der melancholische Camorra-Killer Ciro (Marco D’Amore) sicherte seinem Boss Don Pietro mit maximaler Rücksichtslosigkeit, aber einem Restbestand an Empathie die Vormachtstellung unter 50 rivalisierenden Clans. Dieser rechtsfreien Schattenwirtschaft im verkommenen Beton-Ambiente mangelte es zwar an jeder Grandezza früherer Film- und Fernsehpaten. Mit goldgerahmten Plasmabildschirmen und hohem Radstand versuchte sie aber wenigstens einen Anflug legaler Profitmaximierung in den Plattenbau zu holen und pflegte ein paar Regeln, deren Einhaltung Ehrensache war. Treue zum Beispiel.
Worthalten.
Doch damit war es am Ende der zwölf Folgen vorbei. Verbündete wurden verraten an Feinde, die sie emotionslos ersetzten. Ciro killte nicht für, sondern gegen die seinen. Er tötete dessen Frau, schoss den Sohn zu Brei, der Codex implodierte, seither herrscht Krieg, Konventionen Fehlanzeige. In genau dieses Machtvakuum stößt ab heute auf Sky die neue Staffel und füllt es von Folge zu Folge mit mehr menschlicher Leere. Noch immer blitzen die Kruzifixe in jeder dritten Szenerie unterm offenen Hemd, hängen am Ort seelenloser Untaten, sorgen als Kunstobjekte für Hipster-Atmosphäre im Gangster-Loft und sichern das Teufelswerk mit gespielter Gottesfurcht spirituell ab. Doch die Anker ins Jenseits haben ihre Kraft an ein Gefühl verloren, das dem Selbstbewusstsein der Mafia lange fremd zu sein schien: Angst.
Und zwar nicht nur jene, die sie verbreiten, sondern jene, die sie haben. Vorm Machtverlust wie Don Pietro, der nach Deutschland flieht, aber nicht ins noble München, polyglotte Hamburg oder sexy Berlin, sondern brutalistisch schocksanierte Köln mit seiner neongrellen Zweckarchitektur. Nicht rein, aber sauber. Vor allem aber herrscht Angst ums Überleben wie bei Ciros Frau Debora, die aus Furcht vor Rache selbst auf dem Spielplatz schier durchdreht. Oder wie ein Verräter im zentralamerikanischen Drogenkrieg, den der genesene Paten-Sohn vor seiner Rückkehr über Köln nach Neapel einen Freund zerhacken lässt, damit es nicht ihn selbst erwischt. Angst ist aber nicht nur die Antriebswelle eines furchtbaren Rachefeldzuges aller gegen alle; Angst befeuert auch den Suchtfaktor einer sensationell authentischen, pausenlos fesselnden Serie, die abermals zeigt, wie nah das europäische Festlandfernsehen dem angloamerikanischen kommen kann, wenn es den Rücken so grade hält wie Roberto Saviano. Der lebt für seine publizistischen Ideale seit zehn Jahren im Untergrund, hat auch die neuen Episoden des Serienablegers unter Polizeischutz geschrieben und zeigt damit, dass Vorsicht ein guter Ratgeber sein mag. Angst jedoch nicht.
Die des (zumal deutschen) Publikums, auch fernab der Mafiasümpfe seien Zustände wie in „Gomorrha“ denkbar, ist allerdings bislang eher Thrill als real. Selbst in Italien überwiegt der sanfte Schauder über die Abseiten der Zivilisation. Savianos oft verwendeter Rat, „sta senz’ pensier“, also unbesorgt zu sein, ist als Ausdruck fürs Gegenteil ebenso in die Alltagssprache übergegangen wie der kindliche Auftragsmörder „scugnizzo“, mit dem man nun Kumpels bezeichnet. Genau solche Baby-Killer sorgen zwar momentan dafür, dass Neapels „Camorra-Krieg“, wie Saviano es ausdrückt, zusehends der „Strategie des Terrors“ folgt; aber noch ist sie trotz spürbarer Mafiapräsenz weit weg vom nördlichen Nachbarn.
Dort dürfte ein Satz am Ende des zweiten Teils demnach für etwas Entspannung sorgen „Deutschland ist verbrannt“, sagt Don Pietro nach einem scheußlichen Gemetzel in Köln zu seinem Sohn. Als dann beide nach Neapel aufbrechen, weiß man allerdings: dort wird nun alles noch viel schlimmer. Gelächelt hat bis dahin niemand.
Marseille: Yachthafen & Netflix-Ghetto
Posted: May 4, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Sex & Crime? Checkcheckcheck!
Mit der vermeintlichen Politserie Marseille (Foto@Marco Grob) zeigt Netflix ab Donnerstag seine erste europäische Eigenproduktion. Trotz vieler Klischees und handelsüblicher Standards ist die Geschichte um Macht, Sex, Gier und Gewalt aus Frankreichs vielschichtiger Hafenmetropole ein ordentlicher Anfang auf dem alten Kontinent.
Von Jan Freitag
Entertainment und Politik gehen selten Hand in Hand. Gut, es gab da mal Politentertainer wie Wehner, Strauß und Joschka Fischer, die sich gern am Rand der Realsatire stritten. Manches (ost)europäische Parlament gleicht zuweilen eher Boxring als Plenarsaal. Und als die FDP ihr Wahlziel mal unter Westerwelles Schuhsohlen druckte, ging es kurz lustig zu im Hohen Hause. Ansonsten aber ist das Geschäft darin ein zähes Ringen zwischen Lobbyismus, Fraktionszwang und Bürokratie.
Für Unterhaltung taugt die Gewaltenteilung demnach nur bedingt – das zeigen diverse Zuschauerflops mit politischer Thematik. Kanzleramt zum Beispiel mit Klaus J. Behrendt als Regierungschef, ist 2005 bei Kritik und Publikum so gnadenlos gescheitert, dass das ZDF sein fiktives Abgeordneten-Porträt Eichwald MdB kürzlich im Spartenkanal Neo vergrub. Auch der Zuspruch für Importe von Borgen bis House of Cards bleibt im linearen Mainstream trotz aller Preise mäßig. Und als zuletzt der famose ARD-Mehrteiler Die Stadt und die Macht im Quotentief versank, wurde deutlich: Mit großer Politik ist abseits der Nachrichten schwer Staat zu machen.
Vielleicht ist die französische Politserie Marseille ja deshalb keine dramatische Politserie, sondern eher ein Seriendrama mit etwas Politik. In Europas erster Eigenproduktion des amerikanischen Streamingdienstes Netflix wird sie von Gérard Depardieu als scheidender Bürgermeister Robert Taro, der seiner geliebten Brennpunktmetropole nach 20 Jahren im Amt ein riesiges Casino im Yachthafen und seinen Protegé Lucas Barrès als Nachfolger hinterlassen will, zwar äußerst schwergewichtig verkörpert. Doch das parlamentarische Geschacher um Frauen, Geld und Macht bildet im Grunde nur das übliche Brett eines Gesellschaftsspiels, bei dem aufwändig gestaltete Figuren möglichst aufregend verschoben werden.
So weit der Plan. Die Umsetzung von Showrunner Florent Siri wird ihm allerdings nur bedingt gerecht. Es beginnt bereits beim Start. Mit der riesigen Nase seines wuchtigen Darstellers zieht Bürgermeister Taro in den kühl-blauen Katakomben des örtlichen Fußballstadions zwei Nasen Koks, bevor er zur Marseillaise die VIP-Loge seines Heimatvereins betritt und in die Sprechchöre leidenschaftlicher Olympique-Fans hinein schmachtet, wie sehr er sie doch liebe, „diese verdammte Stadt“, während ihn ein Gangster nebenan in offenkundigster Miami-Vice-Schmierigkeit taxiert und somit gleich mal klarstellt, wer hier gut ist und wer böse.
Diese Grenzen mögen fortan zwar hier und da wieder verwischen. Doch nicht nur wegen des Kokains erinnert die Dramaturgie von Marseille unverzüglich an die Achtzigerjahre, als dem Publikum noch alles schnell und einfach erklärt werden musste, um sie nicht sofort an einen der zwei anderen Sender zu verlieren. Andererseits faltet sich die Geschichte zusehends in Randepisoden auf, die das Ganze komplizieren, aber doch eher der Vollständigkeit halber erzählt werden, als den Plot voranzutreiben: Intriganter Gegenspieler? Check! Depressive Ehefrau? Check! Tochter mit Unterschichtenabstecher? Check! Viel Sex? Check! Noch mehr Crime? Check! Branchenübliches Spannungsfeld zwischen Plattenbau und Villenviertel? Checkcheckcheck!
Dass Marseille trotzdem acht Teile lang weitestgehend überzeugt, liegt am exquisiten Cast, allen voran Depardieu. Es liegt aber auch am Ort des Geschehens, dieser aseptisch versifften Migrationshochburg mit angeschlossenem Yachthafen. Wie kaum eine andere, verkörpert Frankreichs zweitgrößte Stadt glaubhaft die groteske Ungerechtigkeit der gar nicht so sozialen Marktwirtschaft auf engstem Raum, bietet also etwas mehr Reibungsfläche als das vollends verrottete Neapel der Mafia-Serie Gomorrha, die am Dienstag bei Sky in Staffel 2 geht. Das Desaster mag dort wahrhaftiger sein, der Niedergang unwiderruflicher, die Gewalt absurder; wirklich unterhaltsam wird all dies erst im Kontrast zu den Strippenziehern der Upper-Class mit ihren Swimmingpools und Luxuskarossen. Politiker oder nicht.