Christoph Röhl: Missbrauch & Persönlichkeit

Die perfekte Fassade

Der Regisseur Christoph Röhl war Tutor an der berüchtigten Odenwaldschule. Nach einer fabelhaften Doku über seinen früheren Arbeitsplatz hat der Deutsch-Brite das dortige Missbrauchssystem nun als Spielfilm Die Auserwählten verarbeitet. Fast wäre die Ausstrahlung heute Abend (1. Oktober, 20.15 Uhr) in der ARD allerdings geplatzt: weil sie ihn als verharmlosend empfinden, haben zwei Betroffene auf Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte geklagt. Erfolglos.

Interview: Jan Freitag 

freitagsmedien: Herr Röhl, die Missbrauchsopfer Andreas Huckele und Till Boße fühlen sich von Die Auserwählten in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt, weil ihnen die Filmfiguren aufs Haar gleichen und die Odenwaldschule zudem verharmlosend dargestellt werde. Können Sie das nachvollziehen?

Christoph Röhl: Nein, denn bis auf die beiden waren alle anderen Betroffenen, die den Film bisher gesehen haben, begeistert.

Wenn rechtlich nichts zu beanstanden ist – können Sie den Vorwurf angesichts der Tatsache, dass die Ähnlichkeit vieler fiktionaler Figuren mit den lebenden verblüffend ist, denn nachempfinden?

Wir wollten uns von Anfang an auf kein Einzelschicksal konzentrieren. Uns war wichtig, keine Geschichte über einen Einzelfall zu erzählen, sondern über ein ganzes System. Der Grund ist klar: Im Falle der Odenwaldschule gab es mindestens 132 Schüler, die von sexualisierter Gewalt betroffen waren. Deren Schicksal müssten wir mit dem Film gerecht werden. Er schildert keinerlei Ereignisse, die nur Huckele wiederfahren sind. Weder inhaltlich noch szenisch.

Hat der Regisseur eines Spielfilms mit realer Grundlage nicht dennoch eine besondere Fürsorgepflicht gegenüber den Protagonisten?

Die Verantwortung des Regisseurs – und die des Autors übrigens auch – ist, so authentisch zu sein wie nur möglich. Konkret heißt das: die Mechanismen vom Missbrauch wahrheitsgetreu darzustellen und das Universelle hervorzuheben. Details spielen dabei eine zweitrangige Rolle, solange die Essenz wahrhaftig ist. Es gibt viele Fachexperten, die uns bezeugt haben, dass wir dieses Ziel erreicht haben.

Hätte man dafür nicht jeden einzelnen Darstellten, also auch Andreas Huckele, intensiv am Entstehungsprozess des Films beteiligen müssen?

Andreas Huckele wollte auf eigenen Wunsch nicht involviert werden, weil er zu dem Zeitpunkt seinen eigenen Spielfilm realisieren wollte, mit Till Boße als Regisseur. Wenn beide nun behaupten, der Film verharmlose die Wirklichkeit, müsste man mir konkrete Beispiele nennen, an welchen Stellen man hätte härter erzählen müssen.

Den konkreten Missbrauch zum Beispiel deuten Sie im Film stets nur an.

Um der Gefahr des Voyeurismus vorzubeugen, die bei Kindesmissbrauch besonders groß ist. Film wirkt am stärksten, wenn er das Offensichtliche nicht zeigt. Daher müssen wir die Tat visuell nicht nochmals bestätigen. Zumal es hier um die Mechanismen geht, das Umfeld. Als ein Junge, dem der Täter das Bein streichelt, immer wieder zaghaft die Hand wegschiebt statt zu protestieren, geht es nicht um Missbrauch an sich, sondern den Versuch des Kindes, nein zu sagen, und darum, wie der Täter darüber hinwegsieht. Das zu zeigen ist wichtig, weil die Öffentlichkeit hinterher gern fragt: warum hast du dich nicht gewehrt?

Ist dieser zweite Missbrauch am Ende sogar schlimmer als der erste?

Das kann man weder trennen noch verallgemeinern. Aber was ich bei meiner Dokumentation noch nicht verstanden hatte, war die Bedeutung des Vertrauensverlusts, der das Opfer ein Leben lang begleitet. Es hat Angst, Scham, Schuldgefühle, findet aber nirgends Gehör und unterliegt so weiter der Täterstrategie. Man darf sich keine Illusionen machen: Das Delikt wird es immer geben. Deshalb verfolgt der Film ein bescheidenes Ziel: Der Zuschauer soll abwägen, wie er selbst handeln würde, geschähe es im eigenen Umfeld.

Was ist da besser geeignet: Die Doku Und wir sind nicht die einzigen, mit der Sie 2011 zum gleichen Thema Furore gemacht haben, oder ein Spielfilm, der die Realität nur zur Grundlage hat?

Letzteres, weil er emotionaler berührt. Das sagen auch Betroffene der Odenwaldschule, die ihn gesehen haben. Mit Fiktion erreicht man grundsätzlich mehr Menschen. In diesem Fall verfolgt sie aber auch einen ganz anderen Ansatz. Meine Dokumentation hat Missbrauch in seinen Grundzügen verständlich gemacht; der WDR-Film setzt all dies in den Kontext der Verhältnisse, indem wir zum Beispiel Petra Grust einführen, die als Lehrerin Einlass findet in dieses geschlossene System und dagegen aufbegehrt.

Andreas Huckele, der den Fall seinerzeit an die Öffentlichkeit gebracht hatte und anschließend unter Pseudonym ein Buch darüber geschrieben, wirft Ihnen vor, so eine Mahnerin habe es nie gegeben, weshalb sie allein dem Bedarf des Publikums nach einer positiven Figur diene, um aufatmen zu können. 

Dass hat mit Aufatmen nichts zu tun. Es ging uns um die Frage: warum schaut das Umfeld weg, wenn es vom Missbrauch was mitbekommt? Der beste Weg, um dies zu zeigen ist durch eine Figur, die auf den Missbrauch aufmerksam wird, darüber anderen berichten möchte, und – genau wie die betroffene Kinder selbst – auf Abwehrmechanismen stößt. Die Perspektive einer Lehrerin, die ebenfalls an dem Missbrauchssystem scheitert, verdeutlicht zudem die hoffnungslose Lage der Schüler. Wie alle anderen Figuren ist sie fiktional, aber nicht irreal. Ich selbst kann mich gut mit ihr identifizieren, weil ich dieses System ganz ähnlich kennengelernt habe.

Als Sie 1989 für zwei Jahre dort als Englisch-Tutor tätig waren.

Wie Petra habe ich damals ständig fotografiert, ohne konkreten Missbrauch mitzukriegen. So setzen sich alle Charaktere aus echten Personen zusammen. Selbst Simon Pistorius ist nicht eins zu eins Gerold Becker, bildet aber ab, was solche Menschen kennzeichnet: Charme, Intelligenz, Charisma. Selbst unsere Odenwaldschule ist fiktional, obwohl es der Originalschauplatz ist.

Hat es den Film beeinflusst, dort zu drehen?

Ich finde schon. Es ging uns zwar mehr um die Essenz des Geschehens als möglichst detailgetreue Kulissen. Aber die Odenwaldschule verkörpert ihr geschlossenes Missbrauchssystem natürlich nicht nur als Institution, sondern auch äußerlich. Gerade weil man dieser Idylle so wenig ansieht, was im Inneren vor sich geht, bietet sie die perfekte Fassade. Das Märchenhafte daran ist ein Geschenk für die Metaebene des Films und seine Authentizität.

Wie authentisch ist es dabei, dass Direktor Pistorius und sein Kollegium in Ihrer Darstellung an den Sektenführer Charles Manson und seine Family erinnert?

Tun sie das wirklich? Das wäre nicht gut, weil Becker und die Lehrer an der Odenwaldschule keine Monster wie Manson waren. Das ist wichtig. Missbrauch wird nicht vom „bösen fremden Mann“ begangen, sondern von Menschen mitten unter uns, oft die beliebtesten. So war es auch mit Becker, das weiß ich aus persönlicher Erfahrung. Bei meiner Ankunft war er zwar nicht mehr Direktor, aber alle haben von ihm geschwärmt. Eines Tages sah ich ihn über die Wiese auf den Speisesaal zukommen. Er war umringt von fröhlichen Kindern, die ihn förmlich angebetet haben. Ich fragte eine Kollegin: Who the hell is that?! Und sie sagte mit leuchtenden Augen: That’s Becker! Er wurde fast vergöttert.

Haben Sie ihn je kennengelernt?

Nein. Und ich fand ihn im Gegensatz zu anderen auch nicht charismatisch, was Filmaufnahmen von damals belegen. Das war letztlich der Grund, den Film zu machen: Jeder feierte die Schule, wie anders, besonders, einzigartig und toll sie doch sei. Auch ich war anfangs begeistert, allein vom Ambiente, habe aber schnell die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit entdeckt. Erstens war der Unterricht langweilig, konventionell und frontal, also keineswegs revolutionär. Zweitens gab es Missstände wie Alkohol- und Drogenkonsum, oft am helllichten Tag. Diese Art Regellosigkeit ist typisch für eine Missbrauchskultur.

Hätten Sie ihn jetzt, im Lichte der Vorwürfe, anders gemacht?

Nein. Ich habe mich seit viereinhalb Jahren intensiv mit dem Thema beschäftigt, einen Dokumentarfilm unter schwierigen Bedingungen hergestellt, danach an einem E-Learning Programm für das BMBF gearbeitet und nun mein ganzes Wissen inklusive eigener Erfahrungen in diesen Film eingebracht. Er war für mich also immer mehr war als bloß das – ein Film.

Mehr Infos und Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2014-09/odenwaldschule-christoph-roehl-interview


11 Freunde im TV: Die Last des Anspruchs

Bolzplatz war gestern

Die Fernsehversion des alternativen Fußballmagazins 11 Freunde im RBB hätte dem Fußballjournalismus durchaus etwas Neues hinzufügen können. Was Magazin-Chef Philipp Köster und Ko-Moderatorin Jessy Wellmer in der ersten Folge vor einem Monat ablieferten, war dann aber doch bloß eine halbgare Mischung aus Sport1-Stammtisch und Sat1-Comedy, die wenig Hoffnung macht, dass es heute wesentlich besser wird.

 

Von Jan Freitag

 

Die Assimilierung alternativer Ideen in den Mainstream ist ein probates Mittel der herrschenden Meinung, Abweichlern ein Stück ihrer renitenten Kraft zu rauben. Nach diesem Prinzip wurden schon grüne Gedanken christlich-demokratisch und rechtsradikale christlich-sozial, so gerieten Atomkraftwerke auf konservative Streichlisten, besetzte Häuser ins Stadtmarketing und nun also 11 Freunde ins Fernsehen. Seit gestern nämlich ist das rotzfreche Fußballmagazin früherer Tage beim RBB auf Sendung. Nach einer Testphase von zwei Folgen soll es dort monatlich zu vorgerückter Stunde zeigen, was das gedruckte Magazin schon lange nur noch so nebenbei liefert: Die abseitigen Seiten von Deutschlands Leib- und Magensport. Oder wie es Moderatorin Jessy Wellmer vor der Premiere herausposaunt hat: „Wir berichten leidenschaftlich über Fußball, wir beziehen Stellung, vor allem aber haben wir Spaß an diesem Spiel“.

Das ist der Kommunikationswissenschaftlerin vom ZDF-Morgenmagazin mit Sportschau-Erfahrung sogar zu glauben. Allein – ihr Spaß am Spiel erschließt sich gesendet noch ein bisschen weniger als in Heftform. Im Mittelpunkt des Auftakts aus dem Hause der Hamburger Produktionsfirma Riesenbuhei, stand schließlich nicht irgendein Bolzplatz im Umfeld glitzernder Champions-League-Städte, kein Randgruppenkicker im Ringen um Anerkennung, nicht mal zweite, dritte, gar Verbandsliga – nein, es ging ausnahmslos um die Belletage vorm Auftaktspiel am Freitag. Um profane Fragen nach Bayerns Durchmarsch, Hamburgs Abstieg oder Wolfsburgs Einkaufspolitik. Es ging also exakt um jene fußballerische Massenkultur, der die 11 Freunde vor 14 Jahren von der Etagenwohnung des Chefredakteur Philipp Köster aus doch eigentlich das Herz, genauer: die Magengrube des Fußballs entgegensetzen wollte.

So begrüßte dieser graswurzelbewegte Edelfan der drittklassigen Bielefelder Arminia sein Publikum im Schwiegersohnhemd zur Klugscheißerbrille allen Ernstes mit den Worten: „Herzlich Willkommen – hier ist Berlin Mitte“. Womöglich, weil das mehr an die Hitparade als Instagram erinnert, feuerte das Format fortan aus allen Rohren Wackelzooms und Zappelschnitte, als hätten die Kameraleute kollektiv Pennälerblasen. Und auch sonst erinnerte abseits der obligatorischen Turnschuhe aller Protagonisten vieles an Schultheater. Das Interview der ersten Studiogäste Arne Friedrich und Thees Uhlmann wirkte unstrukturiert wie ein Drittklässler-Referat. Jessy Wellmer kombinierte im gewagten Zebrastreifenshirt Fragen nach der Fußballbiografie des Popstars (Tomte) völlig haltlos mit solchen nach seiner jeweiligen Frisur. Und wie oft Friedrichs früherer Verein Hertha BSC in Wort und Bild verarbeitet wurde, das roch dann doch schwer nach den frisierten Ranglisten von Kerners Besten und NDR-Rankingshows.

Dabei hätte man von 11 Freunde TV durchaus ein wenig mehr erwarten können als Kneipengespräche im Barambiente und Duzen als Distinktionsmoment. Schon auf gediegen mattiertem Papier hatte sich das selbsternannte „Magazin für Fußballkultur“ zwar nicht erst seit der Übernahme durch Gruner + Jahr 2010 dem Milliardenevent samt seiner unersättlichen Gier nach Stars, Pokalen, Big Business verschrieben. Doch wer abseits handgemachter Fanzines nach Geschichten mit Grant statt Geld an den Hacken sucht – in Kösters Blatt wird er noch ab und zu mal fündig.

Seine Anmoderation, die Sendung werde sich „irgendwo zwischen Lionels Messis Goldfuß und verregneten Auswärtsspielen in Usbekistan“ bewegen, muss man dennoch eher als Fiebervision abheften. Denn was da gestern kurz vor Mitternacht zu sehen war, befasste sich von der ersten bis zur letzten Sekunde mit Spitzensport. Die Rubrik „Fünf steile Thesen“ konstatierte zu Beginn Bayerns Sturz auf Platz 2, Paderborns Abstieg und natürlich irgendwas mit Friedrichs Hertha. Ein leidlich unterhaltsames Puppenzirkusstück mit Papp-Kahn als Direktor persiflierte den Toptrainer Rangnick, den Topstürmer Lasogga, solche Kaliber. Der lange Bericht übers Chaos beim HSV ließ immerhin einen Fanvertreter zu Wort kommen, doch das einzige Stück mit echten Tribünenflair war eine Satire über – was sonst – einen Hertha-Anhänger auf der erfolglosen Suche nach einer BSC-Kneipe in der Hauptstadt.

Witzig.

Und so dümpelten die ersten 30 Minuten ziemlich überdreht zwischen teurem Formatfernsehen und billigem Abi-Scherz herum – nie so ganz mit sich selbst im Reinen, ob das nun echte Satire sein soll oder doch ein ernster Blick hinter die Kulissen. Den größten Witz allerdings hob sich der leicht seifige Köster bis zum Schluss auf. „Damit“, behauptete er nicht spürbar ironisch vorm Abspann, „hätten wir fast alle Fragen zur anstehenden Bundesliga-Saison zufriedenstellend beantwortet“. Bis auf eine: was 11 Freunde TV dazu künftig Erhellendes beitragen könnte. Kleiner Vorschlag: Zurück zu den Wurzeln, fort vom Hochglanzprodukt, hin zum Fußball wie er leibt und lebt, also etwas mehr von der unterschwelligen Kapitalismuskritik, zu der man den St.Pauli-Fan Uhlmann immer mal wieder nötigte, und viel weniger vom biederen Promikult, der in einem skurrilen Fakevideo des gescheiterten Exnationaltorwarts Tim Wiese gipfelte. Dann wäre die Premiere vielleicht doch nur eine verpatzte Generalprobe gewesen. Und das Beste kommt vielleicht noch. In der Winterpause.


Sturm der Liebe: Zupacker & Rehkitz

Laues Lüftchen der Liebe

Unglaublich, aber wahr: Die ARD-Telenovela Sturm der Liebe sucht seit ein paar Tagen bereits das zehnte Hochzeitspaar in spe, diesmal also Julia und Niklas. Damit dürfte das Erste auch im Jubiläumsjahr Topquoten erzielen. Ein Versuch das Unerklärliche zu erklären.

Von Jan Freitag

Amnesie geht immer. Wenn Filmhandlungen zu verworrene Filmwendungen nehmen, wenn Filmfiguren unerkannt in andere Filmfiguren schlüpfen oder spätere Filmsequenzen plötzlich nicht mehr auf spätere passen wollen, dann eben: Amnesie. Mit der Diagnose Gedächtnisverlust lässt sich jeder dramaturgische spielend Graben überbrücken, und sei er noch so tief. Julia zum Beispiel nimmt die Identität ihrer tödlich verunglückten Freundin Sophie an, um deren Vater Geld zur Heilung ihres sterbenskranken Bruders abzuringen. Sollte der Geschäftsmann mit dem eisenharten Namen Stahl nicht ebenso wie sein gesamtes Umfeld taub, blind, blöd, jedenfalls ungeheuer naiv sein, ist das natürlich trotz eiartiger Ähnlichkeit der Rollentauscherinnen grotesker Unsinn; aber – hey! Wir sind hier in einer Telenovela.

Und da geht es nicht um Logik, es geht um den fiktionalen Rahmen eines Fernsehjahrs im Sturm der Liebe, an dessen Ende die „herzliche, aufrichtige Thailand-Aussteigerin“ Julia Wegener (Jennifer Newrkl) garantiert ganz in weiß vorm Traualtar landet, um dort den „leidenschaftlichen, erfolgreichen Sternekoch“ Niklas Stahl (Jan Hartmann) zu freien. Mit derlei Attributen versieht die ARD also nun bereits zum zehnten Mal ein Hochzeitspaar in spe, um dem Endlosformat sein Stammpublikum zuzuführen. Und wie gut das klappt, ist durchaus bemerkenswert.

Denn als vor ziemlich exakt neun Jahren das Premierentraumpaar im Dunstkreis vom Luxushotel „Fürstenhof“ und seiner wiederkehrenden Besatzung auf Tuchfühlung ging, war dieser Typus Seifenoper grad auf dem Weg nach oben. Seit Bianca – Wege zum Glück, die das südamerikanische Genre einer Protagonistin auf ihrem beschwerlichen Weg zur Ehe 2004 zugkräftig importierte, gab es mehr als ein Dutzend süßer Fräuleins mit „a“ am Ende, die das Format in 99 bis 333 Folgen zu ehrbaren Frauen machte. Heute gibt es abgesehen vom Heidschnuckenschmalz Rote Rosen allerdings nur noch Sturm der Liebe, die praktischerweise direkt hintereinander weg laufen.

Das wäre keiner Erwähnung wert, würde nicht Nachmittag für Nachmittag fast jeder dritte Zuschauer am Nachmittag zuschalten, insgesamt bis zu drei Millionen, überwiegend weiblich, selten unter 60. Und es dürften auch diesmal kaum weniger werden, wenn der blauäugig-kernige Zupacker Niklas um die rehäugig-kesse Julia buhlt. Den ersten Kuss dazu gab‘s schon zum Finale der vorigen Staffel, als SIE beim Baden im Gebirgssee ihre Herzchenkette verlor, die ER ihr flugs vom Grund fingerte, worauf es so heftig funkte, dass noch am Ufer tropfend die Lippen glühten, was allerdings nur Auftakt der branchenüblichen Irrungen Wirrungen bildet.

Das Wirkprinzip lautet: Wechselbäder der Gefühle, Distanz und Nähe in schneller Abfolge, prozessuale Liebesharmonielehre mit Misstönen, bis sämtliche Standards serieller Eheanbahnung durchdekliniert sind: Fieslinge, die auch fies aussehen, Sympathen, die aber mal sowas von nett sind. Dazu bei guter Laune Sonnenschein, bei schlechterer Wolken. Und Geigen, bis die Saiten reißen. Schließlich sind Telenovelas die Musicals der Seifenoper. Jede Mimik ist eine Spur drüber, jedes Lächeln etwas arg selig, jeder Furor viel zu furios. Trachten sorgen in Bayerns Bergwelt für Verlässlichkeit, Intriganz ist eine genetisch kodierte Wesenseigenschaft, Liebe währt wirklich, bis dass der Tod sie scheidet. Und Julia braucht genau 90 Sekunden sozialer Interaktion mit ihrem Zukünftigen, bis ihr erstmals das Wort „Schicksal“ über die bebenden Lippen kommt. Dem muss sie auf dem Weg zum Happyend zwar noch allerlei Schnippchen schlagen.

Aber es kommt. Und damit Jennifer Newrklas Chance, Henriette Richter-Röhl nachzueifern. Die erste Liebesstürmerin hat es als einzige zur wahrnehmbaren Anschlusskarriere gebracht. Sprungbretter sind selbst die haltbaren Versionen des Schrumpfgenres längst nicht mehr; ein gutes Training für höhere Aufgaben jedoch allemal. Vor allem dank der Leistung, täglich ganze Folgen abzudrehen, wo ernst gemeinteres Fernsehen kaum drei Minuten schafft. Kein Schauspieler muss sich schämen, da mitzumachen. Tag für Tag für Tag zuzusehen, wie bessere Laiendarsteller banale Baukastensätze billiger Drehbücher durchs Zahnarztlächeln drücken – dafür vielleicht schon eher.


Tracks: Musikfernsehen & Fernsehmusik

Tracks_HDSeismographen des Pop

Tracks ist nicht nur die beste, sondern letzte echte Musiksendung. Zu schade, dass auch Samstag, wenn Arte sein Prachtstück mal wieder rundumüberholt, wieder mal kaum einer zusieht.

Von Jan Freitag

Manchmal muss sich anspruchsvolles Fernsehen an Kleinigkeiten erfreuen. Im Vorjahr, sagte Marie-Anne Iacono vor einigen Jahren mal über ihr liebstes Kind bei Arte, „haben 1,3 Millionen Personen mindestens einmal 15 Minuten Tracks gesehen“. Ojemine. Auch wenn es in Frankreich dreimal so viele waren – mit diesen Zahlen vegetiert das klingende Lifestylemagazin selbst in der televisionären Sauregurkenzeit Richtung Mitternacht im Nirwana der Wahrnehmung. Übertrumpft von Golfübertragungen bei Eurosport, überholt von Westernwiederholungen im Spielfilm-TV, übertölpelt von Riesenbaggerreportagen auf N24. Das ist weniger schade, als eine Schande, denn Tracks ist nicht nur die beste Musiksendung im Land, sondern genau genommen die einzige.

Über jeden Sat1-Blockbuster wird heutzutage mehr Sound gekippt als in eine typische Viva-Show. Ambitionierte Epigonen von VH1 bis Viva2 wurden nicht ohne Kalkül im Quotenrennen an die Wand gefahren. Sogar das legendäre „Top Of The Pops“ wurde nach 42 Jahren von der BBC beerdigt. MTV, wo einst der Videoclip seinen Durchbruch feierte, wo die Jugend musikalische Inspiration, das Alter Retrospektiven und der Mainstream Unterwanderung erfuhr, läuft längst unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Pay-TV. Und kaum hört sich mit ZDFkultur ein wahrnehmbarer Spartenkanal in der Independent-Kultur um, wird er vom Muttersender auch schon wieder beerdigt. „Wir sprechen von der Vergangenheit, wenn wir über Musikfernsehen reden“, klagt mit Steve Blame ein MTV-Moderator aus Zeiten, da man für diesen Job statt Astralleibern noch Fachverstand benötigte. Heute dagegen, so Blame im Online-Magazin Tonspion weiter, gebe es nur Jugendfernsehen.

In der Tat, denn die Zuschauer der bestätigenden Ausnahme mögen deutlich jünger sein als das Restpublikum bei Arte. Mit rund 43 Jahren sind die „Tracks“-Fans aber auch alles andere als juvenil. Die Generation Pickel lässt sich bei Viva auf die Kommerzwelt impfen, die der Falten schunkelt öffentlich-rechtlich zu Blaskapellen, dazwischen herrscht so gähnende Leere, dass man Peter Illmanns seliger Chart-Show Formel 1 nachzutrauern geneigt ist, die das Erste 1990 mit der Begründung absetzte, man könne ja nun permanent im Privatfunk Videos gucken. Es scheint eine Primärtugend der ARD, sich konsequent Richtung Vergreisung zu programmieren.

Immerhin schuf dieses Vakuum zwischen Beat-Club, Hitparade und konsumorientierten Zielgruppenkanälen Freiräume für Tracks. Wenngleich fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Frühjahr 1997 ging die französisch-deutsche Co-Produktion on Air, damals noch als reines Musikformat. Ein ehrgeiziges, ein kostspieliges Projekt, das via Hamburg, München, Berlin, Paris mit Beiträgen vom ganzen Globus gefüttert wurde. „Quotengift“, befand Mitentwicklerin Tita von Hardenberg, die ihre Firma Kobalt Productions auch für den schon damals gewagten Mix aus Populärkultur und ihrer hintergründigen Phänomenologie gründete. Kein Wunder also, dass David Bowie drei Relaunches, 500 Folgen und 2500 Reportagen später einst auf die Frage, ob er je was von Tracks gehört habe, verdutzt näselte: „Ich verstehe Ihre Frage nicht.“

So läuft es eben in der öffentlich-rechtlichen Nachtschleife: Hier tummelt sich alles, was den Erfordernissen privaten Oberflächenfernsehens zur Primetime nicht genügt. Kreatives, experimentelles, abstraktes, anregendes TV ohne Rezipienten, denn all diese Attribute dichtet man schließlich gern intellektuellem Anspruchsdenken an. Zu dumm, dass die Bohème so wenig von der Glotze hält wie vor ihr hängt. So gesehen werden 50.000 Nachteulen mit kulturellem Bedarf fast schon wieder zur respektablen Größe. Und dass Mr. Bowie nicht dazu zählt, überrascht ja nun auch nicht wirklich, obwohl er Ende 2003 selbst mal Schwerpunkt einer Sendung war und überhaupt ein Paradebeispiel jenes Credos darstellt, das die verantwortliche Marie-Anne Iacono so beschreibt: „Tracks liebt Stars, vor allem aber Anti-Stars“.

Und es besitzt die ungeheure Kraft, zwischen diesen Polen zu vermitteln. Tracks ist eine Art Seismograph independenter Erdbeben des Pop. Von The Strokes oder The White Stripes hatte hierzulande noch kaum einer gehört, als hochmobile Arte-Autoren sie aus amerikanischen Kellerclubs kramten; Coldplay oder Franz Ferdinand waren purer britischer Underground, als „Tracks“ sie mit langen Elogen feierte. Und als die besten Rapper noch schwarz waren und die besten Golfer weiß, hielt man bei Tracks einen gewissen Eminem für empfehlenswert. Leider ist es wie in jedem Katastrophenfilm à la Hollywood: Es muss erst richtig wackeln, bis man die Warner ernst nimmt.

Deshalb versucht sich die Redaktion auch so oft, selbst zu erneuern. Ab Samstag zum Beispiel mit der nächsten Generalüberholung, neue Rubriken und frischer Vorspann inklusive, dazu natürlich eine eigene App nebst aufgepepptem Online-Auftritt. Alles, um die Absonderlichkeiten hinter den Fassaden des Pop-Biz, von denen Trend-, People-, Klatsch- und Boulevard-Magazine nie Notiz nehmen, publikumswirksamer auszuloten. Zum Relaunch geht es dabei um 23.30 Uhr aber auch inhaltlich nicht nur um Off-Art und Nischen-Punk. Sondern neben „Zimmerpflanzen-Elektro“ von Data Garden oder die „Working-Class Grantler“ Sleaford Mods auch um auch um das Geschäftsmodell von 50 Cent. Tracks darf das. Wer Kunst im Ganzen betrachtet, braucht auch den Mainstream nicht zu scheuen.


Sat1-Staatsaffäre: Politphantasien & die Ferres

Bekifftes Huhn

Sat1 hat den Politfilm für sich entdeckt. Und die Emanzipation. Das bedeutet furchtbarerweise: Deutsche Bundeskanzlerin verliebt sich in französischen Präsidenten. Das bedeutet furchtbarererweise: Veronika Ferres.

Von Jan Freitag

Die weibliche Emanzipation ist ein modernes Megathema des Films. Emotionale, aber starke Frauen im Sog männlicher Einflussgebiete – so holt man Heimchen wie Karrieristin vor den Bildschirm. Dort sehen sie eine Welt, in der selbst gute Mädchen nicht nur in den Himmel kommen, sondern überall hin: Management, Lehrstuhl, Barrikade, Selbstständigkeit, Politik. Alles mit Herz, Hirn, Highheels, Haushaltshoheit. Und nun also hierher.

Ins Bundeskanzleramt.

Sat1 hat sich seine Regierungschefin nach einem Schnittmuster der Petra gebastelt: Das Haar goldblond, makellos der Körper, im Auftreten feminin und doch kernig – die Kanzlerin des früheren Kohl-Kanals ist sexy und kompetent, sympathisch und machtbewusst, schlagfertig und resolut, lustig und seriös, häuslich und weltgewandt, mondän und sportlich, mode- und fußballinteressiert. Kurz: Anna Bremer ist fernsehperfekt. Schließlich wird sie gespielt von ihr: Veronica Ferres.

Darauf muss man erstmal kommen.

Die Neovolksschauspielerin hat nämlich in ihren geschätzt 875 Filmen mit gefühlt 3,5 Ausnahmen bislang nur eine Rolle verkörpert: das waidwunde Muttertier im Kampf ums Gelege. Und jede davon variiert sie mit exakt drei Mimiken: trotzig, liebevoll, verletzlich. In Die Staatsaffäre ist sie nun ein schicker Single Ende 40 ohne Kinder, aber mit dem höchsten Amt im Lande. Zu Beginn des „großen TV-Events“, wie bei Sat1 alles heißt, was nicht mit Laiendarstellern im Bruchbudenambiente produziert wird, bringt sie gleich mal eine staatstragende Pressekonferenz abwechselnd mit Faktenwissen über die Energiewende zum Staunen und charmanten Sprüchen zum Lachen. Dann aber steuert sie zielstrebig auf den Titel dieser selten freiwillig komischen Klamaukkomödie zu: Frankreichs neuer Präsident erweist sich darin als Bremers One-Night-Stand vom Abend des Mauerfalls, als es noch die süße Anna war. Das führt zu amourösen Verwicklungen im Umfeld eines europäischen Energieabkommens und … wem an diesem Punkt noch nicht der Kaffee aus den Nasenlöchern schießt, zählt entweder zum Sat1-Stammpublikum.

Oder trinkt lieber Tee.

Denn dusseliger, plumper, aufdringlicher als in Die Staatsaffäre wurde der letzte Nerv anspruchsvoller Zuschauer seit Erfindung von Til Schweigers nicht mehr geraubt. Veronica Ferres, das zeigt sich bereits nach ihrem allerersten Grinsen, ist nicht nur für jede Filmrolle ohne Mutterpass ungeeignet; sie ist als Schauspielerin generell ein Verriss ihrer selbst. Und weil das offenbar auch dem Autor Don Bohlinger, Urheber von Machwerken wie Popp dich schlank, klar war, fällt nach 5:28 Minuten erstmals das Family-Entertainment-Wort schlechthin, eine ArtFerres-Code: Kinder. Denn um deren Zukunft, sagt die Phantasiekanzlerin da aus dem Drehbuchbausatz für empathische Spitzenpolitiker zum Liebhaben, gehe es doch.

Wer Sat1 guckt, braucht eben Schlüsselreize, zumal beim Thema Politik, diesem unbekannte Wesen. Sie müssen ja nichts mit der Realität zu tun haben. Bei Sat1 trifft die sexy Kanzlerin den sexy Präsidenten daher nicht gleich nach dessen Amtsantritt, wie es diplomatische Pflicht wäre, sondern vier Wochen später beim EU-Gipfel. Dort sprechen natürlich alle Staatschefs dialektbehaftet, aber fließend Deutsch. Bei Sat1 faselt die Nachrichtensprecherin von Frankreich und Deutschland als „Achsenmächte“, was zuletzt die Wochenschau vorm Zusammenbruch der Ostfront getan haben dürfte. Die bemerkenswerteste Bewusstseinsstörung in diesem besinnungslosesten Politfilm seit Leni Riefenstahl besteht allerdings darin, dass die Bundeskanzlerin ihre tagesaktuelle News ausgerechnet von Pro7Sat1 bezieht, dessen Informationen in der Realität den Nutzwert einer Energydrink-Werbung haben.

Nun ist die deutsche Fiktion generell im Hintertreffen, wenn es darin um Politik geht. Als Spielfilm hält sie qua Humor, Historie oder Krimi vorsichtshalber Distanz zur Relevanz. Selbst ehrgeizige Serien wie Kanzleramt oder Wedels Affäre Semmeling wirken verglichen mit Borgen, West Wing, House of Cards lahm oder betulich. Die Staatsaffäre aber erklärt Ignoranz gewissermaßen zum Wesenskern politischer Fiktion. Wenn Kanzlerin und Präsident andauernd unbegleitet, unerkannt, ungeheuer romantisch durch Berlin flanieren. Wenn politische Aushandlung impulsiv, emotional und vorwiegend heiter abläuft. Wenn Frau Bremer selbst auf gewichtigen Podien giggelt wie ein bekifftes Huhn und beim Schlusskuss im Abendrot von der Vereinbarung des Privaten mit dem Beruf sülzt. Dann wollen schlichte Gemüter die Sache mit der Emanzipation vielleicht doch noch mal überdenken.

Mehr Bilder & saftige Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2014-09/staatsaffaere-veronica-ferres-bundeskanzlerin


Arte: Die Zukunft der Zeitung

Das Zeitungsleben

Seit Jahren schon gilt die Zeitung als Streichkandidat der Medienlandschaft. In der Arte-Dokumentation Die virtuelle Feder (heute, 21.30 Uhr) lernen wir, warum das so ist. Erfahren aber auch, dass redaktioneller Journalismus dennoch eine Zukunft hat – nur eben seltener auf Papier.

Von Jan Freitag

Symptomatischer für den Abstieg könnte eine Bild kaum sein: In Indien, Ursprung jeder fünften Zeitung auf Erden, hat ein Rindvieh seine Artgenossin im Mund. Gelangweilt kaut da also eine heilige Kuh aus Fleisch und Blut auf einer anderen aus Papier und Druckerschwärze herum. Das mächtigste Informationsmedium vieler Jahrhunderte, wichtiger als Mundpropaganda, Sendboten, Radio, Fernsehen, Internet, ein Nachrichtenmonument, hochverehrtes, selbstverliebtes Kulturgut – verspeist. Einfach so. Von einer Kuh. Ein Desaster.

Und eine Chance.

Denn im Untergang der Publizistik, wie wir sie kennen, liegt eine große Zukunft begründet. Das behaupten zumindest die zwei Filmemacher Philippe Kiefer und Pierre-Olivier François. Um es zu belegen, sind sie um die halbe Welt gereist, stets auf der Suche nach Vergangenheit, Gegenwart und Perspektiven des analogen Journalismus im digitalen Sperrfeuer von Computer, Smartphone, Tablet. Die virtuelle Feder heißt das Resultat ihrer globalen Recherche auf der Suche nach dem Journalismus von morgen. Dabei stoßen die Medienexperten auf Platzhirsche und Bilderstürmer, Frischlinge mit drei Flatscreens vor der Nase und Veteranen mit zwei Fingern auf grauen Tastaturen. Sie stoßen auf Untergangsszenarien und Durchhalteparolen. Vor allem aber stoßen sie auf eins: Liebe zur Information.

Wo immer die Kamera nämlich landet – ob in der Bild, bei Le Monde oder am Times Square, im Start-up, Forschungsinstitut oder Pressehaus voller Pulitzerpreise: Überall herrscht diese obskure Mischung aus Fatalismus und Aufbruchsstimmung. In den USA, wo seit Ende der Neunziger 200 Zeitungen eingegangen sind, werden sie laut einer Studie schon 2017 ausgestorben sein. Zwölf Jahre darauf wäre Frankreich fällig. Und Deutschland? 2030, vielleicht etwas später, vielleicht auch noch früher.

Klingt dramatisch. Nach einem Weltuntergang im Kleinen, spürbar auch für die Großen. Und was tut einer von denen, Mathias Döpfner, Vorstandschef der Axel Springer AG und somit mächtigster Medienmacher im Land? Tiefenentspannt sitzt er in seinem Berliner Büro, unter sich Kreuzberg, hinter sich ein Gemälde namens „Kraft der Bilder“, drüber, drunter, drumherum die Zeitungsmacher der Zukunft, und sagt ohne Anflug von Angst: „Unsere Aufgabe ist es, die Idee der Zeitung vom Informationsträger Papier zu lösen.“

Die Königin ist tot, es lebe die Königin. In ihrer gedruckten Form nämlich, darüber sind sich selbst Haptik-Fans wie Michael Shapiro einig, ist Zeitung bald Geschichte. Trotzdem, fügt der Direktor vom journalistischen Institut der Columbia-Universität in New York umgeben von Büchern hinzu, leben wir „in einem goldenen Zeitalter“. Schließlich sei das Bedürfnis nach handfesten News, geliefert von Kennern vor Ort, editiert von Profis, sortiert nach Bedeutung, nicht Beleuchtung, nach Sinn und Verstand statt Knalleffekten ein Grundbedürfnis intelligenter Menschen. Nur: wo genau das dann zu lesen ist, auf geheckselten Bäumen oder Flachbildschirmen, schlauen Telefonen oder knisterndem Papier – das ist gleichgültig, ressourcenabhängig zudem und allerlei Moden unterworfen.

Und so ist die Botschaft dieser grandiosen Dokumentation im Untergangsgeschrei der Medienbranche eine hoffnungsfrohe: Solange Journalismus von echten Menschen gemacht wird statt von Algorithmen, wie es Google probiert, solange er die Informationsflut professionell vorgesiebt wird und damit auch noch Geld verdient, solange er sich und andere ernst nimmt, wird es Zeitungen geben. Auch wenn die heilige Kuh in Indien darauf irgendwann besser nicht mehr herum kaut.


Paul Kemp: Psychotricks & Trickpsychologie

Hilfe!

Zu Kommissaren, Anwälten und Ärzten gesellt sich seit einigen Wochen auch der Sozialarbeiter Paul Kemp. Mit der Realität hat Harald Krassnitzer als Mediator genannten Streitschlichter im braunen Cordanzug wenig zu tun, aber darum geht es der ARD am Dienstagabend auch nicht. Schade.

Von Jan Freitag

Mediatoren sind scheue Wesen. Zur Konfliktlösung irgendwie zerrütteter Parteien engagiert, halten sie sich berufsbedingt im Hintergrund. Schließlich sollen Mediatoren vermitteln, nicht mitmischen. Bis auf Paul Kemp. Paul Kemp ist ein Mediator, dessen Understatement meist auf seine sandfarbenen Cordanzüge beschränkt bleibt. Aus den Streits, die er als Moderator doch schlichten soll, hält sich dieser geübte Streitschlichter aus Wien demzufolge nie vollends raus. Im Grunde genommen ist Paul Kemp also gar kein richtiger Mediator, er ist Beteiligter. Aus ethischer, moralischer, professioneller Sicht erscheint das allerdings ziemlich egal: Paul Kemp schlichtet schließlich im Fernsehen.

In der ARD zumal. Und dann auch noch dienstags um 20.15 Uhr, wo putzige Nonnen sonst so glaubhaft wie lautstarke Raumschiffschlachten katholisches Klosterleben simulieren. Kein Wunder also, dass Paul Kemp mit der Realität ähnlich wenig zu tun hat wie weltliche Gottesdienerinnen im heiteren Dauerclinch mit einem selbstgerechten Bürgermeister namens Wöller. Fernsehen eben, Stromlinienfernsehen, die abendliche Dosis Eskapismus. Die jedoch schmeckt ein bisschen bitter, wenn sie 13 Episoden lang vermeintlich realer Grundlage beruht.

Erlebt hat die mal ungewöhnlichen, mal alltäglichen Fälle zwischen Beziehungskrise, Firmenmobbing und außergerichtlicher Einigung nämlich ein gewisser Ed Watzke, der aus 20 Jahren Berufserfahrung als Mediator ein gut gehendes Buch gemacht hat, bevor ORF und MDR auf ihn aufmerksam wurden. Es soll also ziemlich tatsachengetreu zugehen, wenn Watzkes Alter Ego Kemp gleich in Folge 1 erst einen medizinischen Kunstfehler psychisch begradigt, sodann das Doppelleben der beteiligten Ärzte zurechtrückt, zwischendurch einen Kollegen vorm Untergang bewahrt, nebenbei die eigene Ehekrise samt Pubertät des Sohnes anpackt und zwischendurch noch ein paar seiner persönlichen Defizite.

Aber Tatsachen spielen naturgemäß die zweite Geige, wenn das Erste den Alltag von seiner leichten bis seichten Seite zeigt. Dann darf dieser Paul Kemp Klienten „feiger Hund“ nennen und mit eigenen Privatgeschichten behelligen, dann darf er juristisch komplizierte Schadensersatzfälle in drei Minuten zum Wohlgefallen der Streithähne verhindern und danach praktisch alle Mandanten bei sich übernachten lassen. Weil dazu nahezu jede Pointe mit süffigem Klaviergeklimper angekündigt wird (das immerhin den noch süffigeren Frank-Duval-Gedächtnissound kurz durchbricht), weil jedes Auto wie auf diesem Sendeplatz üblich das jeweilige Sozialverhalten exakt symbolisiert (Hauptfigur: Oldimer; Fiesling: Cabrio; Mittelstand: Golf), weil das Klischee hier so grundlegend für die Handlung ist, dass sogar Computer-Nerds noch aussehen, wie anspruchsvolle Kostümbildner sie schon seit 15 Jahren nicht mehr anziehen, aus all diesen Gründen gibt es eigentlich nur einen Anlass, diese Serie weiter zu verfolgen. Und das ist Paul Kemps Darsteller.

Harald Krassnitzer.

Wie kaum ein anderer im deutschsprachigen Abendprogramm schafft es der Österreicher aus dem Salzburischen, die Widersprüche unseres Gesellschaftssystems allein durch die Aura seiner Augen zum Ausdruck zu bringen. Wie sie gleichsam lachen und weinen können, wie sie Sarkasmus und Melancholie zwischen zwei Lidschläge packen, kommentiert der abgedankte „Winzerkönig“ und amtierende „Tatort“-Kommissar den Aberwitz um seine Filmfigur Kemp in einer Lässigkeit, die sie erträglich, ja unterhaltsam macht. Und die im Nebeneffekt auch noch das zuweilen miserable Drehbuch mit dem denkbar debilen Untertitel Alles kein Problem ein wenig mildert.

So schafft es der gelernte Speditionskaufmann von 53 Jahren fast im Alleingang, dass sich ein ziemlich neuer Berufszweig des Serienpersonals ein Stück weiter in den Vordergrund spielt: Standen dort früher nämlich fast ausnahmslos Ärzte, Juristen, Ermittler und ein paar Geistliche auf der Besetzungsliste ganz oben, machen sich zusehends soziale Berufe auf dem Bildschirm breit: Lehrer (die nicht mehr unbedingt Specht heißen), Psychotherapeuten (etwa In Treatment), dazu Sozialandroiden (Real Humans), zuletzt Elena Uhlig als Familiendetektivin und nun also Paul Kemp.

Der muss sich in den nächsten zwölf Folgen nur noch so verhalten, als wäre er ein richtiger Mediator. Dann hält man nicht nur das Stammpublikum von Um Himmels Willen am angestammten Sendeplatz, sondern zollt Harald Krassnitzer den nötigen Respekt für das, was er kann: Das Seltsame sehr realistisch zu spielen.


Tohuwabohu: Kinderkram & Privatsachen

Chaos für Verhaltensauffällige

Eine Kindersendung vom KiKa zurück ins reife Programm zu holen, klingt nach einer guten Idee. Mit Tohuwabohu bietet ZDFneo samstagsmittags jedoch bloß billigem Privatpersonal eine Werbefläche und ersetzt Inhalt durch Lärm.

Von Jan Freitag

Wer heutzutage den Fernseher einschaltet, muss oft erstmal kurz einen Blick ins Bildschirmeck werfen, um die gewählte Seite der dualen Medaille zweifelsfrei zu erkennen. Gut – Privatsender von Pro7 bis RTL erkennt man zu allen Tages- wie Nachtzeiten an sensorisch übersteuerter Inhaltsweigerung; öffentlich-rechtlich jedoch surft mittlerweile selbst Arte die Casting-Welle, und sei es mit Opernsängern. ARD-Reportagen kopieren längst das aufgekratzte Jahrmarktgeschrei kommerzieller Dokusoaps. Comedians, Kerners, TV-Köche flottieren frei zwischen den Frequenzen. Kein Wunder, dass es auch bei der neuen Spielshow auf ZDFneo nur drei Dinge gibt, die noch echt nach Staatsfunk klingen: Der Moderator Schopp heißt Jochen, was eher nach Vater als Sohn klingt. Das Finale jeder Runde nennt sich seltsam fremdartig „Herausforderung“ statt wie gewohnt „Challenge“. Und dann der Titel: Tohuwabohu. Das hebräische Wort fürs fröhliche Chaos feierte schließlich schon in der Bibel Premiere und dürfte den jungen Mitspielern ähnlich bekannt sein wie „dufte“, „galant“ oder „nichtsdestotrotz“.

Nichtsdestotrotz befinden sich die kreuzbraven Lilly, Janis, Lena und Calvin aus dem rechtsrheinischen Mittelstand aber bei einem Kanal, den angehende Teenager sonst nie, nie einschalten. Umso eifriger bemüht sich der Jugendableger des Zweiten, Publikumsalter im  Durchschnitt über 50, in keiner der 45 Minuten nüchtern, sachlich, gar erwachsen zu klingen. Je zwei B- bis D-Prominente des oberflächlichen Entertainmentfachs messen sich im Bespaßen zehn- bis zwölfjähriger Kids und führen ihre vierköpfige Jury so unterhaltsam wie möglich durch wechselnde Chall…, pardon: Herausforderungen. Weil das allein aber keinen SuperRTL-Fan vorm Flatscreen hervorlockt, wanzt sich Tohuwabohu völlig ungeniert an ferne Zielgruppen heran.

Und das gleich mal in Gestalt von Ross Antony. Bei wem dieser Namen keine Alarmglocke anwirft, wer also – was bei der Stammklientel von ZDFneo nicht unwahrscheinlich ist – nie von ihm gehört hat: Antony ist ein musikalisch gescheitertes Castingprodukt, das sich seit dem Ende seiner raspelkurzen Popkarriere tuntig-schrill über die Bühnen werbefinanzierter Sendergruppen johlt, zappelt, kreischt. Dschungelkönig ist er, Panel-Star, Raab-Inventar, solche Sachen. Und nun eben: Teilstück zeitgenössischen Kinderentertainments.

Und weil das Nachwuchsprogramm sein Publikum allerorten zusehends behandelt wie verhaltensauffällige Epileptiker vom Anspruchsdenken lerngestörter Teletubbies, tritt er nicht auf – er platzt herein und bricht gleichsam aus. Johlend, zappelig, kreischkreischkreisch. Die volle halbe Sendezeit, so unablässig, dass selbst  bei abgestelltem Ton Tinnitus droht. Wenn Rossy hört, dass er sein Zerstreuungstalent in einer Zeche belegen soll, peitscht er ein „Wow“ durch den Essener Zollverein, als hätte er dort Gold gefunden. Wenn er mit seinen Showschutzbefohlenen auf Schatzsuche geht, hagelt es „Yeahs“ wie beim Bullenzureiten. Als er das im Finale in der Tat auf einem künstlichen Tier probt, quietscht er wie ein abgestochenes Kalb.

Und die Kinder? Belohnen den Eindrucksoverkill einer Skala von 1 bis 10 stets so nah am Höchstwert, dass die nächste Kandidatin nur knapp gewinnt. Sie heißt Sonya Kraus und johlt, zappelt, kreischt sich seit ihrem Einstieg als Glücksradklappendreherin blendgranatenblond-sexy über die Bühnen werbefinanzierter Sendergruppen. Wobei durchaus bemerkenswert ist, dass ihre Schnitzeljagd durchs Kölner Schokoladenmuseum mit abschließendem Kartrennen verglichen mit Ross Antonys Infantilitätsgewitter fast seriös anmutet.

Nicht, dass hier alles Käse ist. Angeleitet vom süffig lächelnden Turnschuhmoderator Schopp wird schon auch Wissenswertes vermittelt. Die Jungen sind artig, die Mädchen wissbegierig, nächste Woche darf eins mit Migrationshintergrund mitspielen. Dennoch sehnt sich nach fünf Minuten jeder intellektuell grundbegabte Zuschauer Michael Schanze herbei. Und ein paar Antworten auf folgende Fragen: Warum macht das ZDF so etwas? Was tragen die Kandidaten der nächsten drei Folgen vom tuntig-schrillen Topmodelsucher Jorge Gonzales bis zum schön gescheiterten Castingprodukt Fiona Erdmann zur Unterhaltung der Generation Smartphone bei? Weshalb gewann Tohuwabohu voriges Jahr das TV-Lab, mit dem ZDFneo frische Formate zur Abstimmung stellt? Welche Chancen hat dieses in einer Zeit fernsehabstinenter Teenager, die ZDF womöglich für einen amerikanischen Geheimdienst halten und das „neo“ dahinter bestenfalls für einen Einzelkämpfer in der Matrix?

Ergebnis: Nichts. Gar nichts.

Tohuwabohu wird unbemerkt, ungewürdigt, ungesehen im Orkus verpuffen und trotzdem die wachsende Erkenntnis befeuern: Den öffentlich-rechtlichen Sendern fällt mit ihren Gebührenmillionen wenig mehr ein, als sich mit kommerziellem Personal im eigenen Stammpublikum unmöglich zu machen. Und zwar so lange, bis irgendwann niemand mehr hinsieht. Also auch nicht, welches Logo grad im Bildschirmeck erscheint. Das ist nämlich irgendwann völlig egal.

Der Text ist vorab unter http://www.zeit.de/kultur/film/2014-08/tohuwabohu-zdf-neo-ross-anthony erschienen


Matthias Brandt: Die Ruhe & der Sturm

Diese Augen

Matthias Brandt ist ein Phänomen: Der schauspielernde Kanzlersohn füllt jeden Bildschirm mit Leben – und bleibt dabei doch merkwürdig hintergründig. Wie auch im famosen Politdrama Männertreu beweist, wo er heute (20.15 Uhr) einen Verleger spielt, der zum Bundespräsidenten gemacht werden soll.

Von Jan Freitag

Wie man mit diesen Augen Ruhm erringen kann, ist ein kleines Rätsel. Ihre verquollene Faltigkeit erinnert zwar unweigerlich an den weltberühmten Stephan Derrick. Doch die melancholische Starre reduziert das Gesicht auf so wenige Ausdrücke, dass es ziemlich unscheinbar daherkommt. Schönheit, Glamour, Spannung darin zu entdecken, fällt daher schwer. Und man muss den Namen beim Betrachten schon mal kurz aussprechen, um darin, ja – ihn zu sehen: Willy, den anderen, den größeren, wohl größten Brandt überhaupt. Es ist sein Vater. Und diese Herkunft mag Garant für eine gewisse Eleganz im Umgang mit Bekanntheit sein; für eine große Schauspielerkarriere eher weniger. Nicht im Fernsehen.

Da ist es fürs Publikum ein Segen, dass der Sohn für den Exkanzler „eine große Enttäuschung“ war, wie Matthias Brandt seine Abstinenz von aller Politik beschreibt. So konnte er das verfeinern, was ihm trotz allem in die Wiege gelegt wurde: die Charakterrolle. Fein justiert, ohne Trara expressiv, frei von Imponiergehabe so präsent, dass der Bildschirm voll von ihm ist, obwohl er darauf oftmals völlig abwesend wirkt. So viel Bescheidenheit gestatten sich nur wenige in diesem Business. Welch ein Mann! Was für ein Talent!

Seines berühmten Namens hat es also nie bedurft, um erst im Theater, dann vor der Kamera die höchsten Weihen zu erhalten, Engagements an den renommiertesten Bühnen, TV-Preise in Reihe etwa und eine schier explodierende Zahl an Rollen, über drei Dutzend allein in den vergangenen drei Jahren. Umso mehr ist es eine Ironie der Geschichte, dass Matthias Brandt den Durchbruch im Fernsehen am Ende doch seinem Vater zu verdanken hatte. Besser noch: dessen Verräter. 2004, als der Nachwuchsfilmschauspieler mit über 40 Jahren im ARD-Zweiteiler Im Schatten der Macht ausgerechnet Günter Guillaume darstellte, jenen Mann, über den Papa Willy einst stürzte.

Eine Ironie des Mediums, seiner ganzen aufgeregten Oberflächlichkeit ist es hingegen, dass sich jemand mit derart unschillernder Ausstrahlung darin derart beharrlich festsetzt. Wobei es natürlich ein Wink des Schicksals ist, dabei immer wieder mal den Politikbetrieb verkörpern zu dürfen. So wie heute in Hermine Huntgeburths furiosen Drama Männertreu. Brandt spielt darin einen Frankfurter Verleger, der von seinem machtbewussten Umfeld zum Bundespräsidenten aufgebaut wird. Und wie er dabei scheitert und zugleich reüssiert, wie dieser PR-Profi namens Sahl jede Niederlage in einen Sieg verwandelt, jede Untiefe zum Aufstieg macht, wie er stets die Kontrolle im Aberwitz der repräsentativen Demokratie behält – das kann niemand spielen wie Brandt.

Dabei zeigt er seine wahre Güte eigentlich ein paar Erregungsstufen niedriger, in leichten Melodramen etwa wie Ein Sommer mit Paul, wo Brandt den Zauberer Raimund Balsam, dem der Tod seiner Frau neben dem Zaubern gleich den Rest des Lebens verleidet, bis das Verhältnis zu seinem assistierendem Sohn Paul (Max Schmuckert) darunter zu zerbrechen droht. Keine weltbewegende Geschichte. Und gezaubert wird auch nicht allzu viel. Doch wie Matthias Brandt die Traurigkeit seines Kurzsichtigen-Blicks darin tanzen lässt, wie er die Tristesse eines Gestrauchelten permanent mit Hoffnung versieht und selbst einem trinkenden, arbeitsscheuen, ausgelaugten, zynischen und partiell (auto)aggressiven Verlierertypen Restbestände von Humor entlockt, macht den Film zur eindrücklichen Studie unserer Zeit. In einer Spaßgesellschaft, die sich so hektisch amüsieren zu müssen glaubt, dass ihr ganzes aufgestautes Selbstmitleid darunter nur eruptiv entweichen kann. Oder eben stecken bleibt. Wie in Matthias Brandt. Seinen Augen. Und jeder seiner Fasern.

Dabei hat er schon mehrfach bewiesen, wie man seine Figuren fast ohne Mimik zum Leben erweckt. An der Seite Katja Flints verlieh er dem Single-Thema der Patchwork-Komödie Wie krieg ich meine Mutter groß 2004 so viel trübe Zuversicht, dass eine Fortsetzung (Väter, Mütter, Kinder) folgte. In Der Stich des Skorpions vermaß er einen früheren Stasi-Offizier mit der perfekten Mixtur aus Zerrüttung, Ballast und Stolz. Als Episodenpart von Tatort bis Nachtschicht macht er das, was ihm auch in seinen vielen Hauptrollen am besten gelingt: Aus dem Hintergrund nach vorn drängen, ohne dass es jemand merkt. Und zwar nicht selten im Dunstkreis bildschöner Frauen, die er auf subtile Art verzaubert, ohne dass es vom Drehbuch konstruiert wirkt.

Er verkörpert darin schließlich dass, was zeitgemäße Männer heutzutage auszeichnet: eine gewisse Selbstreduktion, die Bereitschaft, sich nicht wichtiger zu nehmen, als man ist. Zugleich aber jene flatterhafte Adoleszenzverweigerung, die eine ganze Generation männlicher Spielkinder auf der Flucht vor Verantwortung zwischen dreißig und fünfzig produziert hat. Als Vater seines Filmkindes Paul ist es Raimunds Magie, die seinen Unernst im Umgang mit Zukunftsfragen, Bürokratie oder Liebe definiert. Dass Kinder in Ein Sommer mit Paul allzu oft Dialoge vertonen müssen, die offenbar für Erwachsene verfasst waren, sei dem Film verziehen und Drehbuchautor Sebastian Schubert empfohlen, Kinderrollen künftig lieber für Kinderfilme zu schreiben, als seine Darsteller mit altklugen Aphorismen der Unglaubwürdigkeit preiszugeben. Aber auch hier ist es Matthias Brandt, der die Kohlen aus dem Feuer holt.

Und zwar ganz nebenbei, aus dem Hintergrund quasi, mit kleinen Gesten oder deren Unterschlagung. Wem sonst als dem Berliner von 52 Jahren könnte man fast zwei Minuten dabei zusehen, wie er an der Kamera vorbei ins Nichts blickt, um dem Brief seines Sohnes an die tote Mutter zu lauschen, ohne dabei einzuschläfern. Da darf er wie zuletzt ruhig mal ein paar anspruchslosere Rollen in seichteren Stoffen übernehmen – mit Matthias Brandt wird jede Hauptrolle zur Nebenrolle. Und umgekehrt. Das liegt nicht nur an den Augen.


Frankie & Silk

Gewichtsverhandlung

Frauen werden alt, Männer interessant – dank dieser Filmregel schlagen sich weibliche Figuren noch vor der 40 vor allem mit Verfallsproblemen rum. Zwei BBC-Serien zeigen derzeit dienstags bei ZDFneo, mit welch unterschiedlichen Folgen.

Von Jan Freitag

Die Kamera ist zuweilen gnadenlos. Geht es zum Beispiel um die Spuren des Alters, bleibt ihr trotz Schminke, Schnitt und Postproduction wenig verborgen im Gesicht der Menschen davor. Linien werden dort zu Falten, Falten zu Tälern, Täler zu Schluchten, ganze Körper zu Topografien zerklüfteter Planeten ohne schützende Atmosphäre vor den Einschlägen der Jahre. Es ist ein Drama – zumindest für den weiblichen Teil der Schauspielzunft. Denn während Männer angeblich „wie Wein“ altern, was aus dem Mund der würdevoll gereiften Katja Riemann gleich noch bissiger klingt, altern Frauen aus ihrer Sicht „wie Milch“. Und das Mindesthaltbarkeitsdatum liegt ungefähr bei Mitte 30.

Dann nämlich, so lehren uns Film und Fernsehen, dominieren altersbedingte Zerfallsprozesse alles, was Trägerinnen des Y-Chromosoms am Bildschirm betrifft. Das ist bei Frankie und Martha nicht anders. Erstere, Nachname Maddox, ist eine Gemeindeschwester von 36 Jahren, die sich zwischen Leidenschaft und Resignation erstaunlich lässig durchs Pflegedesaster ihrer englischen Vorstadt kämpft und dabei auch wegen ihrer fröhlichen Rundungen ungemein sympathisch wirkt. Letztere, Nachname Costello, ist eine Spitzenanwältin ähnlichen Alters, die sich zwischen Leidenschaft und Resignation erstaunlich verkrampft durchs britische Rechtssystem ackert und dabei auch wegen ihrer knochigen Stiefmütterlichkeit ständig am Rande der Unsympathin wandelt. Frankie und Martha sind also ziemlich verschieden – und doch ganz schön wesensverwandt.

Als Hauptfiguren zweier BBC-Serien, die heute nacheinander auf ZDFneo starten, bilden sie nämlich jene zwei Medaillenseiten weiblicher Figurenzeichnung, die ihren Protagonistinnen gemeinhin übrig bleiben, wenn das Alter erbarmungslos auf ihre Besetzbarkeit einprügelt. In der bierernsten Justizserie Silk will Maxine Peake als aufstrebende Strafverteidigerin unbedingt die seidene Robe einer privilegierten Kronanwältin erringen. Dafür gewinnt sie ihre Fälle zwar mit nüchterner Opportunität unter der barocken Puderperücke. Doch abends, wenn Martha heimkehrt, zahlt sie den fiktionalen Preis erfolgreicher Frauen und weint bittere Tränen der Einsamkeit. Im heiter bis wolkigen Sozialdrama Frankie dagegen versorgt Eve Myles als Titelfigur die hilfsbedürftigsten Bewohner ihres verarmten Bezirks bei den menschlichsten Verrichtungen und denkt dabei an alles Mögliche – nur selten an sich selbst. Geschweige denn an ihren zuckersüßen Dauerfreund, dem sie sogar die Überraschungsverlobung durch Überstunden in einem Notfall vermasselt.

Es sind also höchst unvergleichliche Ausgangslagen zweier unvergleichlicher Protagonistinnen, die allerdings zweierlei eint: Dass Alter dieser leicht spröden Schönheiten muss permanent thematisiert werden, als sei die heran rauschende 40 bei Frauen ein Menetekel des nahenden Todes, während sie bei den männlichen Begleithauptrollen nicht die geringste Rolle spielen. Und dann wäre da noch die Sache mit der Multifunktionalität. Wie bei erfolgreichen Frauen dieser Jahrgänge üblich, müssen beide ständig alles in einem sein. Im Falle von Martha: kompetent und verletzlich, häuslich und sexy, pragmatisch und impulsiv, lebensklug und empathisch. Im Falle von Frankie dazu noch witzig, tänzerisch, rasend nett.

Viel zu tun für Menschen in einem Lebensabschnitt, der auch hier mehr als Heimsuchung denn Lebensphase präsentiert wird. Zu viel. Weshalb beide immer dann die Fähigkeit zum Gegenteil ihrer Handlungen beweisen müssen, sobald sie den Herren der Schöpfung an ihrer Seite zeigen, dass deren Überlegenheit eine ziemlich fragile Konstruktion herrschender Machtverhältnisse ist. Dann sieht man Frankie, wie sie sich nach einem Tag voller Ausnahmezustände bis hin zur Messerattacke eines dementen Patienten für ihren Lover mit knallroten Klamotten von der Heiligen zur Hure verkleidet. Dann sieht man Martha, wie sie dem Angeklagten einer Vergewaltigung unter den Tränen des Opfers zum Freispruch verhilft und die Empfindsamkeit ihres Geschlechts hinterher mit eine saftigen Feierabenddepression zu sühnen hat. Dann wird deutlich, dass es selbst den Autoren der seriösen BBC ein bisschen unheimlich wird, wenn Frauen einfach so ihren Mann stehen in Männerwelten.

Dabei ist Frankie allerdings immerhin eine sehr charmante, oft erstaunlich glaubhafte, also überwiegend realistische Studie eines Milieus geworden, dass seriell selten zuvor so intensiv ausgeleuchtet wurde. Silk dagegen kann sich nie ganz entscheiden, ob es ein klassisches Anwaltsdrama mit ein, zwei Prozessen im Mittelpunkt sein möchte oder ein frauenaffines Midlifecrisis-Porträt mit beigestellter Justizgeschichte. Ganz gleich ob Gewichtsverhandlung in der Gerichtsverhandlung: Frauen um die 40 haben es auch weit schwerer als Männer.