Arte: Die Zukunft der Zeitung

Das Zeitungsleben

Seit Jahren schon gilt die Zeitung als Streichkandidat der Medienlandschaft. In der Arte-Dokumentation Die virtuelle Feder (heute, 21.30 Uhr) lernen wir, warum das so ist. Erfahren aber auch, dass redaktioneller Journalismus dennoch eine Zukunft hat – nur eben seltener auf Papier.

Von Jan Freitag

Symptomatischer für den Abstieg könnte eine Bild kaum sein: In Indien, Ursprung jeder fünften Zeitung auf Erden, hat ein Rindvieh seine Artgenossin im Mund. Gelangweilt kaut da also eine heilige Kuh aus Fleisch und Blut auf einer anderen aus Papier und Druckerschwärze herum. Das mächtigste Informationsmedium vieler Jahrhunderte, wichtiger als Mundpropaganda, Sendboten, Radio, Fernsehen, Internet, ein Nachrichtenmonument, hochverehrtes, selbstverliebtes Kulturgut – verspeist. Einfach so. Von einer Kuh. Ein Desaster.

Und eine Chance.

Denn im Untergang der Publizistik, wie wir sie kennen, liegt eine große Zukunft begründet. Das behaupten zumindest die zwei Filmemacher Philippe Kiefer und Pierre-Olivier François. Um es zu belegen, sind sie um die halbe Welt gereist, stets auf der Suche nach Vergangenheit, Gegenwart und Perspektiven des analogen Journalismus im digitalen Sperrfeuer von Computer, Smartphone, Tablet. Die virtuelle Feder heißt das Resultat ihrer globalen Recherche auf der Suche nach dem Journalismus von morgen. Dabei stoßen die Medienexperten auf Platzhirsche und Bilderstürmer, Frischlinge mit drei Flatscreens vor der Nase und Veteranen mit zwei Fingern auf grauen Tastaturen. Sie stoßen auf Untergangsszenarien und Durchhalteparolen. Vor allem aber stoßen sie auf eins: Liebe zur Information.

Wo immer die Kamera nämlich landet – ob in der Bild, bei Le Monde oder am Times Square, im Start-up, Forschungsinstitut oder Pressehaus voller Pulitzerpreise: Überall herrscht diese obskure Mischung aus Fatalismus und Aufbruchsstimmung. In den USA, wo seit Ende der Neunziger 200 Zeitungen eingegangen sind, werden sie laut einer Studie schon 2017 ausgestorben sein. Zwölf Jahre darauf wäre Frankreich fällig. Und Deutschland? 2030, vielleicht etwas später, vielleicht auch noch früher.

Klingt dramatisch. Nach einem Weltuntergang im Kleinen, spürbar auch für die Großen. Und was tut einer von denen, Mathias Döpfner, Vorstandschef der Axel Springer AG und somit mächtigster Medienmacher im Land? Tiefenentspannt sitzt er in seinem Berliner Büro, unter sich Kreuzberg, hinter sich ein Gemälde namens „Kraft der Bilder“, drüber, drunter, drumherum die Zeitungsmacher der Zukunft, und sagt ohne Anflug von Angst: „Unsere Aufgabe ist es, die Idee der Zeitung vom Informationsträger Papier zu lösen.“

Die Königin ist tot, es lebe die Königin. In ihrer gedruckten Form nämlich, darüber sind sich selbst Haptik-Fans wie Michael Shapiro einig, ist Zeitung bald Geschichte. Trotzdem, fügt der Direktor vom journalistischen Institut der Columbia-Universität in New York umgeben von Büchern hinzu, leben wir „in einem goldenen Zeitalter“. Schließlich sei das Bedürfnis nach handfesten News, geliefert von Kennern vor Ort, editiert von Profis, sortiert nach Bedeutung, nicht Beleuchtung, nach Sinn und Verstand statt Knalleffekten ein Grundbedürfnis intelligenter Menschen. Nur: wo genau das dann zu lesen ist, auf geheckselten Bäumen oder Flachbildschirmen, schlauen Telefonen oder knisterndem Papier – das ist gleichgültig, ressourcenabhängig zudem und allerlei Moden unterworfen.

Und so ist die Botschaft dieser grandiosen Dokumentation im Untergangsgeschrei der Medienbranche eine hoffnungsfrohe: Solange Journalismus von echten Menschen gemacht wird statt von Algorithmen, wie es Google probiert, solange er die Informationsflut professionell vorgesiebt wird und damit auch noch Geld verdient, solange er sich und andere ernst nimmt, wird es Zeitungen geben. Auch wenn die heilige Kuh in Indien darauf irgendwann besser nicht mehr herum kaut.


Paul Kemp: Psychotricks & Trickpsychologie

Hilfe!

Zu Kommissaren, Anwälten und Ärzten gesellt sich seit einigen Wochen auch der Sozialarbeiter Paul Kemp. Mit der Realität hat Harald Krassnitzer als Mediator genannten Streitschlichter im braunen Cordanzug wenig zu tun, aber darum geht es der ARD am Dienstagabend auch nicht. Schade.

Von Jan Freitag

Mediatoren sind scheue Wesen. Zur Konfliktlösung irgendwie zerrütteter Parteien engagiert, halten sie sich berufsbedingt im Hintergrund. Schließlich sollen Mediatoren vermitteln, nicht mitmischen. Bis auf Paul Kemp. Paul Kemp ist ein Mediator, dessen Understatement meist auf seine sandfarbenen Cordanzüge beschränkt bleibt. Aus den Streits, die er als Moderator doch schlichten soll, hält sich dieser geübte Streitschlichter aus Wien demzufolge nie vollends raus. Im Grunde genommen ist Paul Kemp also gar kein richtiger Mediator, er ist Beteiligter. Aus ethischer, moralischer, professioneller Sicht erscheint das allerdings ziemlich egal: Paul Kemp schlichtet schließlich im Fernsehen.

In der ARD zumal. Und dann auch noch dienstags um 20.15 Uhr, wo putzige Nonnen sonst so glaubhaft wie lautstarke Raumschiffschlachten katholisches Klosterleben simulieren. Kein Wunder also, dass Paul Kemp mit der Realität ähnlich wenig zu tun hat wie weltliche Gottesdienerinnen im heiteren Dauerclinch mit einem selbstgerechten Bürgermeister namens Wöller. Fernsehen eben, Stromlinienfernsehen, die abendliche Dosis Eskapismus. Die jedoch schmeckt ein bisschen bitter, wenn sie 13 Episoden lang vermeintlich realer Grundlage beruht.

Erlebt hat die mal ungewöhnlichen, mal alltäglichen Fälle zwischen Beziehungskrise, Firmenmobbing und außergerichtlicher Einigung nämlich ein gewisser Ed Watzke, der aus 20 Jahren Berufserfahrung als Mediator ein gut gehendes Buch gemacht hat, bevor ORF und MDR auf ihn aufmerksam wurden. Es soll also ziemlich tatsachengetreu zugehen, wenn Watzkes Alter Ego Kemp gleich in Folge 1 erst einen medizinischen Kunstfehler psychisch begradigt, sodann das Doppelleben der beteiligten Ärzte zurechtrückt, zwischendurch einen Kollegen vorm Untergang bewahrt, nebenbei die eigene Ehekrise samt Pubertät des Sohnes anpackt und zwischendurch noch ein paar seiner persönlichen Defizite.

Aber Tatsachen spielen naturgemäß die zweite Geige, wenn das Erste den Alltag von seiner leichten bis seichten Seite zeigt. Dann darf dieser Paul Kemp Klienten „feiger Hund“ nennen und mit eigenen Privatgeschichten behelligen, dann darf er juristisch komplizierte Schadensersatzfälle in drei Minuten zum Wohlgefallen der Streithähne verhindern und danach praktisch alle Mandanten bei sich übernachten lassen. Weil dazu nahezu jede Pointe mit süffigem Klaviergeklimper angekündigt wird (das immerhin den noch süffigeren Frank-Duval-Gedächtnissound kurz durchbricht), weil jedes Auto wie auf diesem Sendeplatz üblich das jeweilige Sozialverhalten exakt symbolisiert (Hauptfigur: Oldimer; Fiesling: Cabrio; Mittelstand: Golf), weil das Klischee hier so grundlegend für die Handlung ist, dass sogar Computer-Nerds noch aussehen, wie anspruchsvolle Kostümbildner sie schon seit 15 Jahren nicht mehr anziehen, aus all diesen Gründen gibt es eigentlich nur einen Anlass, diese Serie weiter zu verfolgen. Und das ist Paul Kemps Darsteller.

Harald Krassnitzer.

Wie kaum ein anderer im deutschsprachigen Abendprogramm schafft es der Österreicher aus dem Salzburischen, die Widersprüche unseres Gesellschaftssystems allein durch die Aura seiner Augen zum Ausdruck zu bringen. Wie sie gleichsam lachen und weinen können, wie sie Sarkasmus und Melancholie zwischen zwei Lidschläge packen, kommentiert der abgedankte „Winzerkönig“ und amtierende „Tatort“-Kommissar den Aberwitz um seine Filmfigur Kemp in einer Lässigkeit, die sie erträglich, ja unterhaltsam macht. Und die im Nebeneffekt auch noch das zuweilen miserable Drehbuch mit dem denkbar debilen Untertitel Alles kein Problem ein wenig mildert.

So schafft es der gelernte Speditionskaufmann von 53 Jahren fast im Alleingang, dass sich ein ziemlich neuer Berufszweig des Serienpersonals ein Stück weiter in den Vordergrund spielt: Standen dort früher nämlich fast ausnahmslos Ärzte, Juristen, Ermittler und ein paar Geistliche auf der Besetzungsliste ganz oben, machen sich zusehends soziale Berufe auf dem Bildschirm breit: Lehrer (die nicht mehr unbedingt Specht heißen), Psychotherapeuten (etwa In Treatment), dazu Sozialandroiden (Real Humans), zuletzt Elena Uhlig als Familiendetektivin und nun also Paul Kemp.

Der muss sich in den nächsten zwölf Folgen nur noch so verhalten, als wäre er ein richtiger Mediator. Dann hält man nicht nur das Stammpublikum von Um Himmels Willen am angestammten Sendeplatz, sondern zollt Harald Krassnitzer den nötigen Respekt für das, was er kann: Das Seltsame sehr realistisch zu spielen.


Tohuwabohu: Kinderkram & Privatsachen

Chaos für Verhaltensauffällige

Eine Kindersendung vom KiKa zurück ins reife Programm zu holen, klingt nach einer guten Idee. Mit Tohuwabohu bietet ZDFneo samstagsmittags jedoch bloß billigem Privatpersonal eine Werbefläche und ersetzt Inhalt durch Lärm.

Von Jan Freitag

Wer heutzutage den Fernseher einschaltet, muss oft erstmal kurz einen Blick ins Bildschirmeck werfen, um die gewählte Seite der dualen Medaille zweifelsfrei zu erkennen. Gut – Privatsender von Pro7 bis RTL erkennt man zu allen Tages- wie Nachtzeiten an sensorisch übersteuerter Inhaltsweigerung; öffentlich-rechtlich jedoch surft mittlerweile selbst Arte die Casting-Welle, und sei es mit Opernsängern. ARD-Reportagen kopieren längst das aufgekratzte Jahrmarktgeschrei kommerzieller Dokusoaps. Comedians, Kerners, TV-Köche flottieren frei zwischen den Frequenzen. Kein Wunder, dass es auch bei der neuen Spielshow auf ZDFneo nur drei Dinge gibt, die noch echt nach Staatsfunk klingen: Der Moderator Schopp heißt Jochen, was eher nach Vater als Sohn klingt. Das Finale jeder Runde nennt sich seltsam fremdartig „Herausforderung“ statt wie gewohnt „Challenge“. Und dann der Titel: Tohuwabohu. Das hebräische Wort fürs fröhliche Chaos feierte schließlich schon in der Bibel Premiere und dürfte den jungen Mitspielern ähnlich bekannt sein wie „dufte“, „galant“ oder „nichtsdestotrotz“.

Nichtsdestotrotz befinden sich die kreuzbraven Lilly, Janis, Lena und Calvin aus dem rechtsrheinischen Mittelstand aber bei einem Kanal, den angehende Teenager sonst nie, nie einschalten. Umso eifriger bemüht sich der Jugendableger des Zweiten, Publikumsalter im  Durchschnitt über 50, in keiner der 45 Minuten nüchtern, sachlich, gar erwachsen zu klingen. Je zwei B- bis D-Prominente des oberflächlichen Entertainmentfachs messen sich im Bespaßen zehn- bis zwölfjähriger Kids und führen ihre vierköpfige Jury so unterhaltsam wie möglich durch wechselnde Chall…, pardon: Herausforderungen. Weil das allein aber keinen SuperRTL-Fan vorm Flatscreen hervorlockt, wanzt sich Tohuwabohu völlig ungeniert an ferne Zielgruppen heran.

Und das gleich mal in Gestalt von Ross Antony. Bei wem dieser Namen keine Alarmglocke anwirft, wer also – was bei der Stammklientel von ZDFneo nicht unwahrscheinlich ist – nie von ihm gehört hat: Antony ist ein musikalisch gescheitertes Castingprodukt, das sich seit dem Ende seiner raspelkurzen Popkarriere tuntig-schrill über die Bühnen werbefinanzierter Sendergruppen johlt, zappelt, kreischt. Dschungelkönig ist er, Panel-Star, Raab-Inventar, solche Sachen. Und nun eben: Teilstück zeitgenössischen Kinderentertainments.

Und weil das Nachwuchsprogramm sein Publikum allerorten zusehends behandelt wie verhaltensauffällige Epileptiker vom Anspruchsdenken lerngestörter Teletubbies, tritt er nicht auf – er platzt herein und bricht gleichsam aus. Johlend, zappelig, kreischkreischkreisch. Die volle halbe Sendezeit, so unablässig, dass selbst  bei abgestelltem Ton Tinnitus droht. Wenn Rossy hört, dass er sein Zerstreuungstalent in einer Zeche belegen soll, peitscht er ein „Wow“ durch den Essener Zollverein, als hätte er dort Gold gefunden. Wenn er mit seinen Showschutzbefohlenen auf Schatzsuche geht, hagelt es „Yeahs“ wie beim Bullenzureiten. Als er das im Finale in der Tat auf einem künstlichen Tier probt, quietscht er wie ein abgestochenes Kalb.

Und die Kinder? Belohnen den Eindrucksoverkill einer Skala von 1 bis 10 stets so nah am Höchstwert, dass die nächste Kandidatin nur knapp gewinnt. Sie heißt Sonya Kraus und johlt, zappelt, kreischt sich seit ihrem Einstieg als Glücksradklappendreherin blendgranatenblond-sexy über die Bühnen werbefinanzierter Sendergruppen. Wobei durchaus bemerkenswert ist, dass ihre Schnitzeljagd durchs Kölner Schokoladenmuseum mit abschließendem Kartrennen verglichen mit Ross Antonys Infantilitätsgewitter fast seriös anmutet.

Nicht, dass hier alles Käse ist. Angeleitet vom süffig lächelnden Turnschuhmoderator Schopp wird schon auch Wissenswertes vermittelt. Die Jungen sind artig, die Mädchen wissbegierig, nächste Woche darf eins mit Migrationshintergrund mitspielen. Dennoch sehnt sich nach fünf Minuten jeder intellektuell grundbegabte Zuschauer Michael Schanze herbei. Und ein paar Antworten auf folgende Fragen: Warum macht das ZDF so etwas? Was tragen die Kandidaten der nächsten drei Folgen vom tuntig-schrillen Topmodelsucher Jorge Gonzales bis zum schön gescheiterten Castingprodukt Fiona Erdmann zur Unterhaltung der Generation Smartphone bei? Weshalb gewann Tohuwabohu voriges Jahr das TV-Lab, mit dem ZDFneo frische Formate zur Abstimmung stellt? Welche Chancen hat dieses in einer Zeit fernsehabstinenter Teenager, die ZDF womöglich für einen amerikanischen Geheimdienst halten und das „neo“ dahinter bestenfalls für einen Einzelkämpfer in der Matrix?

Ergebnis: Nichts. Gar nichts.

Tohuwabohu wird unbemerkt, ungewürdigt, ungesehen im Orkus verpuffen und trotzdem die wachsende Erkenntnis befeuern: Den öffentlich-rechtlichen Sendern fällt mit ihren Gebührenmillionen wenig mehr ein, als sich mit kommerziellem Personal im eigenen Stammpublikum unmöglich zu machen. Und zwar so lange, bis irgendwann niemand mehr hinsieht. Also auch nicht, welches Logo grad im Bildschirmeck erscheint. Das ist nämlich irgendwann völlig egal.

Der Text ist vorab unter http://www.zeit.de/kultur/film/2014-08/tohuwabohu-zdf-neo-ross-anthony erschienen


Matthias Brandt: Die Ruhe & der Sturm

Diese Augen

Matthias Brandt ist ein Phänomen: Der schauspielernde Kanzlersohn füllt jeden Bildschirm mit Leben – und bleibt dabei doch merkwürdig hintergründig. Wie auch im famosen Politdrama Männertreu beweist, wo er heute (20.15 Uhr) einen Verleger spielt, der zum Bundespräsidenten gemacht werden soll.

Von Jan Freitag

Wie man mit diesen Augen Ruhm erringen kann, ist ein kleines Rätsel. Ihre verquollene Faltigkeit erinnert zwar unweigerlich an den weltberühmten Stephan Derrick. Doch die melancholische Starre reduziert das Gesicht auf so wenige Ausdrücke, dass es ziemlich unscheinbar daherkommt. Schönheit, Glamour, Spannung darin zu entdecken, fällt daher schwer. Und man muss den Namen beim Betrachten schon mal kurz aussprechen, um darin, ja – ihn zu sehen: Willy, den anderen, den größeren, wohl größten Brandt überhaupt. Es ist sein Vater. Und diese Herkunft mag Garant für eine gewisse Eleganz im Umgang mit Bekanntheit sein; für eine große Schauspielerkarriere eher weniger. Nicht im Fernsehen.

Da ist es fürs Publikum ein Segen, dass der Sohn für den Exkanzler „eine große Enttäuschung“ war, wie Matthias Brandt seine Abstinenz von aller Politik beschreibt. So konnte er das verfeinern, was ihm trotz allem in die Wiege gelegt wurde: die Charakterrolle. Fein justiert, ohne Trara expressiv, frei von Imponiergehabe so präsent, dass der Bildschirm voll von ihm ist, obwohl er darauf oftmals völlig abwesend wirkt. So viel Bescheidenheit gestatten sich nur wenige in diesem Business. Welch ein Mann! Was für ein Talent!

Seines berühmten Namens hat es also nie bedurft, um erst im Theater, dann vor der Kamera die höchsten Weihen zu erhalten, Engagements an den renommiertesten Bühnen, TV-Preise in Reihe etwa und eine schier explodierende Zahl an Rollen, über drei Dutzend allein in den vergangenen drei Jahren. Umso mehr ist es eine Ironie der Geschichte, dass Matthias Brandt den Durchbruch im Fernsehen am Ende doch seinem Vater zu verdanken hatte. Besser noch: dessen Verräter. 2004, als der Nachwuchsfilmschauspieler mit über 40 Jahren im ARD-Zweiteiler Im Schatten der Macht ausgerechnet Günter Guillaume darstellte, jenen Mann, über den Papa Willy einst stürzte.

Eine Ironie des Mediums, seiner ganzen aufgeregten Oberflächlichkeit ist es hingegen, dass sich jemand mit derart unschillernder Ausstrahlung darin derart beharrlich festsetzt. Wobei es natürlich ein Wink des Schicksals ist, dabei immer wieder mal den Politikbetrieb verkörpern zu dürfen. So wie heute in Hermine Huntgeburths furiosen Drama Männertreu. Brandt spielt darin einen Frankfurter Verleger, der von seinem machtbewussten Umfeld zum Bundespräsidenten aufgebaut wird. Und wie er dabei scheitert und zugleich reüssiert, wie dieser PR-Profi namens Sahl jede Niederlage in einen Sieg verwandelt, jede Untiefe zum Aufstieg macht, wie er stets die Kontrolle im Aberwitz der repräsentativen Demokratie behält – das kann niemand spielen wie Brandt.

Dabei zeigt er seine wahre Güte eigentlich ein paar Erregungsstufen niedriger, in leichten Melodramen etwa wie Ein Sommer mit Paul, wo Brandt den Zauberer Raimund Balsam, dem der Tod seiner Frau neben dem Zaubern gleich den Rest des Lebens verleidet, bis das Verhältnis zu seinem assistierendem Sohn Paul (Max Schmuckert) darunter zu zerbrechen droht. Keine weltbewegende Geschichte. Und gezaubert wird auch nicht allzu viel. Doch wie Matthias Brandt die Traurigkeit seines Kurzsichtigen-Blicks darin tanzen lässt, wie er die Tristesse eines Gestrauchelten permanent mit Hoffnung versieht und selbst einem trinkenden, arbeitsscheuen, ausgelaugten, zynischen und partiell (auto)aggressiven Verlierertypen Restbestände von Humor entlockt, macht den Film zur eindrücklichen Studie unserer Zeit. In einer Spaßgesellschaft, die sich so hektisch amüsieren zu müssen glaubt, dass ihr ganzes aufgestautes Selbstmitleid darunter nur eruptiv entweichen kann. Oder eben stecken bleibt. Wie in Matthias Brandt. Seinen Augen. Und jeder seiner Fasern.

Dabei hat er schon mehrfach bewiesen, wie man seine Figuren fast ohne Mimik zum Leben erweckt. An der Seite Katja Flints verlieh er dem Single-Thema der Patchwork-Komödie Wie krieg ich meine Mutter groß 2004 so viel trübe Zuversicht, dass eine Fortsetzung (Väter, Mütter, Kinder) folgte. In Der Stich des Skorpions vermaß er einen früheren Stasi-Offizier mit der perfekten Mixtur aus Zerrüttung, Ballast und Stolz. Als Episodenpart von Tatort bis Nachtschicht macht er das, was ihm auch in seinen vielen Hauptrollen am besten gelingt: Aus dem Hintergrund nach vorn drängen, ohne dass es jemand merkt. Und zwar nicht selten im Dunstkreis bildschöner Frauen, die er auf subtile Art verzaubert, ohne dass es vom Drehbuch konstruiert wirkt.

Er verkörpert darin schließlich dass, was zeitgemäße Männer heutzutage auszeichnet: eine gewisse Selbstreduktion, die Bereitschaft, sich nicht wichtiger zu nehmen, als man ist. Zugleich aber jene flatterhafte Adoleszenzverweigerung, die eine ganze Generation männlicher Spielkinder auf der Flucht vor Verantwortung zwischen dreißig und fünfzig produziert hat. Als Vater seines Filmkindes Paul ist es Raimunds Magie, die seinen Unernst im Umgang mit Zukunftsfragen, Bürokratie oder Liebe definiert. Dass Kinder in Ein Sommer mit Paul allzu oft Dialoge vertonen müssen, die offenbar für Erwachsene verfasst waren, sei dem Film verziehen und Drehbuchautor Sebastian Schubert empfohlen, Kinderrollen künftig lieber für Kinderfilme zu schreiben, als seine Darsteller mit altklugen Aphorismen der Unglaubwürdigkeit preiszugeben. Aber auch hier ist es Matthias Brandt, der die Kohlen aus dem Feuer holt.

Und zwar ganz nebenbei, aus dem Hintergrund quasi, mit kleinen Gesten oder deren Unterschlagung. Wem sonst als dem Berliner von 52 Jahren könnte man fast zwei Minuten dabei zusehen, wie er an der Kamera vorbei ins Nichts blickt, um dem Brief seines Sohnes an die tote Mutter zu lauschen, ohne dabei einzuschläfern. Da darf er wie zuletzt ruhig mal ein paar anspruchslosere Rollen in seichteren Stoffen übernehmen – mit Matthias Brandt wird jede Hauptrolle zur Nebenrolle. Und umgekehrt. Das liegt nicht nur an den Augen.


Frankie & Silk

Gewichtsverhandlung

Frauen werden alt, Männer interessant – dank dieser Filmregel schlagen sich weibliche Figuren noch vor der 40 vor allem mit Verfallsproblemen rum. Zwei BBC-Serien zeigen derzeit dienstags bei ZDFneo, mit welch unterschiedlichen Folgen.

Von Jan Freitag

Die Kamera ist zuweilen gnadenlos. Geht es zum Beispiel um die Spuren des Alters, bleibt ihr trotz Schminke, Schnitt und Postproduction wenig verborgen im Gesicht der Menschen davor. Linien werden dort zu Falten, Falten zu Tälern, Täler zu Schluchten, ganze Körper zu Topografien zerklüfteter Planeten ohne schützende Atmosphäre vor den Einschlägen der Jahre. Es ist ein Drama – zumindest für den weiblichen Teil der Schauspielzunft. Denn während Männer angeblich „wie Wein“ altern, was aus dem Mund der würdevoll gereiften Katja Riemann gleich noch bissiger klingt, altern Frauen aus ihrer Sicht „wie Milch“. Und das Mindesthaltbarkeitsdatum liegt ungefähr bei Mitte 30.

Dann nämlich, so lehren uns Film und Fernsehen, dominieren altersbedingte Zerfallsprozesse alles, was Trägerinnen des Y-Chromosoms am Bildschirm betrifft. Das ist bei Frankie und Martha nicht anders. Erstere, Nachname Maddox, ist eine Gemeindeschwester von 36 Jahren, die sich zwischen Leidenschaft und Resignation erstaunlich lässig durchs Pflegedesaster ihrer englischen Vorstadt kämpft und dabei auch wegen ihrer fröhlichen Rundungen ungemein sympathisch wirkt. Letztere, Nachname Costello, ist eine Spitzenanwältin ähnlichen Alters, die sich zwischen Leidenschaft und Resignation erstaunlich verkrampft durchs britische Rechtssystem ackert und dabei auch wegen ihrer knochigen Stiefmütterlichkeit ständig am Rande der Unsympathin wandelt. Frankie und Martha sind also ziemlich verschieden – und doch ganz schön wesensverwandt.

Als Hauptfiguren zweier BBC-Serien, die heute nacheinander auf ZDFneo starten, bilden sie nämlich jene zwei Medaillenseiten weiblicher Figurenzeichnung, die ihren Protagonistinnen gemeinhin übrig bleiben, wenn das Alter erbarmungslos auf ihre Besetzbarkeit einprügelt. In der bierernsten Justizserie Silk will Maxine Peake als aufstrebende Strafverteidigerin unbedingt die seidene Robe einer privilegierten Kronanwältin erringen. Dafür gewinnt sie ihre Fälle zwar mit nüchterner Opportunität unter der barocken Puderperücke. Doch abends, wenn Martha heimkehrt, zahlt sie den fiktionalen Preis erfolgreicher Frauen und weint bittere Tränen der Einsamkeit. Im heiter bis wolkigen Sozialdrama Frankie dagegen versorgt Eve Myles als Titelfigur die hilfsbedürftigsten Bewohner ihres verarmten Bezirks bei den menschlichsten Verrichtungen und denkt dabei an alles Mögliche – nur selten an sich selbst. Geschweige denn an ihren zuckersüßen Dauerfreund, dem sie sogar die Überraschungsverlobung durch Überstunden in einem Notfall vermasselt.

Es sind also höchst unvergleichliche Ausgangslagen zweier unvergleichlicher Protagonistinnen, die allerdings zweierlei eint: Dass Alter dieser leicht spröden Schönheiten muss permanent thematisiert werden, als sei die heran rauschende 40 bei Frauen ein Menetekel des nahenden Todes, während sie bei den männlichen Begleithauptrollen nicht die geringste Rolle spielen. Und dann wäre da noch die Sache mit der Multifunktionalität. Wie bei erfolgreichen Frauen dieser Jahrgänge üblich, müssen beide ständig alles in einem sein. Im Falle von Martha: kompetent und verletzlich, häuslich und sexy, pragmatisch und impulsiv, lebensklug und empathisch. Im Falle von Frankie dazu noch witzig, tänzerisch, rasend nett.

Viel zu tun für Menschen in einem Lebensabschnitt, der auch hier mehr als Heimsuchung denn Lebensphase präsentiert wird. Zu viel. Weshalb beide immer dann die Fähigkeit zum Gegenteil ihrer Handlungen beweisen müssen, sobald sie den Herren der Schöpfung an ihrer Seite zeigen, dass deren Überlegenheit eine ziemlich fragile Konstruktion herrschender Machtverhältnisse ist. Dann sieht man Frankie, wie sie sich nach einem Tag voller Ausnahmezustände bis hin zur Messerattacke eines dementen Patienten für ihren Lover mit knallroten Klamotten von der Heiligen zur Hure verkleidet. Dann sieht man Martha, wie sie dem Angeklagten einer Vergewaltigung unter den Tränen des Opfers zum Freispruch verhilft und die Empfindsamkeit ihres Geschlechts hinterher mit eine saftigen Feierabenddepression zu sühnen hat. Dann wird deutlich, dass es selbst den Autoren der seriösen BBC ein bisschen unheimlich wird, wenn Frauen einfach so ihren Mann stehen in Männerwelten.

Dabei ist Frankie allerdings immerhin eine sehr charmante, oft erstaunlich glaubhafte, also überwiegend realistische Studie eines Milieus geworden, dass seriell selten zuvor so intensiv ausgeleuchtet wurde. Silk dagegen kann sich nie ganz entscheiden, ob es ein klassisches Anwaltsdrama mit ein, zwei Prozessen im Mittelpunkt sein möchte oder ein frauenaffines Midlifecrisis-Porträt mit beigestellter Justizgeschichte. Ganz gleich ob Gewichtsverhandlung in der Gerichtsverhandlung: Frauen um die 40 haben es auch weit schwerer als Männer.


Wort zum Sonntag: Jubilar & Pausenclown

Duftender Shitstorm

Als die Pastorin beim vorigen Wort zum Sonntag in der Halbzeitpause wirres Zeug über Seitenwechsel faselte, zeigte sich zweierlei: auch nach 60 Jahren bleibt die ARD-Predigt ein Kuriosum der Fernsehlandschaft, kann aber immer noch die Gemüter erregen. Eine kleine Stilgeschichte zum runden Geburtstag.

Von Jan Freitag

Es gibt so Fragen der Medienrezeption, die würden katholische Dogmatiker vom Schlag eines Benedikt wohl mit dem Bann der Ketzerei belegen. Zum Beispiel, was DSDS und Das Wort zum Sonntag gemein haben könnten. Antwort: Die Quote war bei beiden spitze, doch weder das debile RTL-Casting noch die züchtige TV-Predigt will am Ende wer gesehen haben. Kein Wunder, dass die Partylaune abseits der ARD gering ist, wenn Deutschlands älteste Sendung nach der Tagesschau nicht grad biblische, aber stattliche 60 Jahre alt wird.

Da feiert also ein Anachronismus Geburtstag, was er womöglich nur deshalb darf, weil der Rundfunkstaatsvertrag den Öffentlich-Rechtlichen „Verkündigungssendungen“ auferlegt. Seit das Transistorradio erfunden wurde und die CSU zuletzt in der bayerischen Opposition saß, reden katholische und evangelische Prediger Woche für Woche früher zehn, heute vier Minuten im Wechsel über Gott in der Höh und zusehends auch die Welt darunter. Aus einem Medium, das Konservativen anfangs sehr suspekt, eher zuwider war. Kein Wunder, dass ein Kabelbruch, der die Premiere am 1. Mai 1954 verhinderte, von protestantischer Seite als papistischer Sabotageakt gedeutet wurde.

Kein Wunder aber auch, dass der Hamburger Pastor Dittmann eine Woche später zum Auftakt noch über diese komischen Apparate in deutschen Wohnstuben rätselte, „da sprechen Menschen irgendwo, sie singen und spielen, und in einem ganz anderen Raum, Hunderte von Kilometern davon entfernt, kann man sie nicht nur hören und verstehen, sondern auch sehen und beobachten, so dass man mit ihnen im gleichen Zimmer zu sitzen meint.“ Mit Käseigel, Bier und Reval ohne (Filter) zur Hand.

Verrückte Neuzeit.

Aber die hat sich letztlich ja doch durchgesetzt – im realen Leben wie im christlichen. Heute hat man Touchpad, Smartphone, Remote mit (Internetzugang) zur Hand, wenn man zwischen Tagesthemen und Spätfilm nicht rasch genug aufs Klo gerannt ist. Und aus dem Flatscreen kommt keine psalmenreiche Andacht gottesfürchtiger Seelsorger im vollen Ornat, sondern weltliches Zeugs mit religiösen Restbezügen von Menschen, die 15 Jahre nach dem ersten Samstagswort sogar X-Chromosomen tragen durften. Annette Behnken zum Beispiel, geboren in dem Jahr, als mit der Bayerischen Mütterwerkerin Liselotte Nold die erste Frau auf der Fernsehkanzel stand, würde schon rein optisch in jede Milchschnittenwerbung passen.

Und dann spricht die telegene Mittvierzigerin das Jubiläumswort auch noch live von Hamburgs Reeperbahn. Dort also, wo Deutschland auch dieses Jahr offiziell den Eurovision Song Contest ballermannisiert. Während sich das Schlagerpartyvolk somit gerade warmgrölt fürs ESC-Finale in Kopenhagen, erzählt die doppelte Mutter Behnken im Sündenpfuhl aus Flatratesuff und Pornoschuppen mit modernem Vokabular Erbauliches darüber, was der Vater im Himmel mit den feiernden Söhnen hier unten und dem europäischen Geist mittenmang zu tun hat. Und weil das ein zugkräftiger Rahmen ist, hört ausnahmsweise mehr als jenes Zehntel der 16 Millionen Zuschauer weg, äh: zu, die das Format ohne private Konkurrenz einst hatte.

Man kann das Zielgruppenranschmeiße nennen oder Zeitgeist; in jedem Fall müht sich die Sendung, zwischen kommerzieller Spaßdiktatur und öffentlich-rechtlicher Anpassung Gehör zu finden. Wie sehr das in die Hose gehen kann, zeigte allerdings am vorigen Wochenende eine Verena Maria Kitz. In der Halbzeitpause des samstäglichen WM-Spiels faselte die Frankfurter Pastoralreferentin so betonierten Müll über Seitenwechsel, den Gläubigen doch auch daheim mal vollziehen mögen, indem sie einfach mal jemand anders das Bier holen lassen oder für kurze Zeit in die Favela ziehen, dass es einen veritablen Shitstorm hagelte – wenngleich einen eher duftenden. Denn die Reaktionen analoger wie digitaler Medien auf den unfreiwilligen Slapstick stoiberscher Art zeigten ja auch, wie sehr das Format noch Gemüter erregen kann.

Genau das hat die ARD schon immer versucht, wenngleich weniger mit Inhalten als Figuren. Unter den gut 300 Predigern standen in sechs Jahrzehnten bereits die zur Nonne konvertierte Kabarettistin Isa Vermehren vor der Kirchenkamera, natürlich der neomoralische TV-Pastor Fliege, dazu ein Hund und mit Johannes Paul nebst Benedikt gleich zwei der letzten drei Päpste. Außerdem hat Alltagssprache das Bibelzitat verdrängt und Jeans den Talar. Die Sprecher kriegen Sprach-Coaching plus PR-Schliff. Gepredigt wird von Einkaufszentren und Parlamenten, von Autobahnbrücken oder Kreißsälen. Doch der Spott vom „Hörfunk mit Passbild“, bei dem „selbst Gott einschläft“, hält sich beharrlich. Das Wort zum Sonntag, es sei eben doch Fernsehen von gestern. Klingt irgendwie schwer nach DSDS.


Sherlock: Was deutsches TV nie könnte

Genie im Wahnsinn

Den guten alten Sherlock Holmes zum TV-Stoff zu machen, ist wenig einfallsreich. Dass die britische Serie dennoch ungebrochen brillant ist, hat auch in den drei neuen Fällen von Sherlock strukturelle Gründe.

Von Jan Freitag

Erotik kennt keine festen Regeln. Körperliche Reize können genauso antörnen wie Sinn für Humor, Makel genau wie Makellosigkeit, riesige Muskelberge exakt wie gewaltige Intelligenz. Bei Irene Adler ist es zweifellos letzteres. Vom Mund eines Freundes auf die neue Zahnbürste zu schließen, von der Hose eines Gastes auf die Zahl seiner Hunde am Arbeitsplatz, von einem epischen Zeichencode in Sekunden auf Typ, Startzeit und Zielort einer Passagiermaschine nach Baltimore, von praktisch nichts also auf fast alles – all dies erregt sie so heftig, dass es eine besonders bekannte Intelligenzbestie an ihrer Iris ablesen kann: Sherlock Holmes, der Welt brillantester Detektiv. „Intelligenz ist sexy“, sagt also die rätselhaft schöne Irene zu Beginn der 2. Staffel von Sherlock zur schön rätselhaften Titelfigur, als er mal wieder ein schier unlösbares Rätsel löst. Und weil beide (beinahe) gleich brillant sind, fordert sie ihn in einem Ränkespiel rund um den Buckingham Palace zum Duell zweier genialer Hirne. Ein Skandal in Belgravia heißt die vierte, wie immer verwirrende und doch stets fesselnde TV-Adaption von Arthur Conan Doyles Romanen. Ab morgen Abend (natürlich erst wenn Eckart vonzu Hirschhausens Stromlinienquiz die Anspruchslosen eingeschläfert hat) laufen im Ersten die lang ersehnten Teile 7 bis 9 und auch sie sind nicht nur gewohnt großartige Transfers des berühmten Privatermittlers aus dem analogen 19. ins digitale 21. Jahrhundert; vor allem sind sie ungemein britisch. Verantwortet von der BBC nämlich. Völlig folgerichtig also das Beste, was auf dem Bildschirm schlechthin denkbar ist. Folgerichtig?

Folgerichtig! Denn wenn das angloamerikanische Fernsehen fiktionale Stoffe in Serie exportiert, sind das – ob witzig, actiongeladen, gesellschaftlich relevant oder kriminologisch – meist Waren von hoher Güte. Wie Sherlock eben. Und so dürften die Elogen auch im zweiten Happen der sechs Folgen schwelgerisch ausfallen. Schon bei der ersten Hälfte reichten die Kritiken vor Jahresfrist von der „Ultima Ratio des Krimis“ (FAZ) zum „erzählerischen Sog“ (Spiegel), von „meisterhaft“ (Welt) bis „wunderbar“ (Süddeutsche). Doch erst die Relativierung des letzten Lobs setzt den Sog englischsprachiger Primetime-Reihen exakt ins Verhältnis: Wie „luzide“ diese hier sei, schrieb die SZ weiter, werde im Umfeld öffentlich-rechtlicher Wiederholungen deutlich. Denn während Sherlock als 2.0-Version alter Geschichten ständig Sehgewohnheiten bricht, steckt unser eigenes Fernsehen in der konventionellen Endlosschleife. So sehr sich ernst gemeinte Filme aus deutschen Landen international sehen lassen können, so stark fällt das Niveau schließlich im Seriellen ab. Das hat Gründe, die kaum etwas besser verdeutlicht als „Sherlock“. Wie so oft in importierten Formaten, seien sie nun aus Hollywood, England oder Skandinavien, gilt der Effekt als Hilfsmittel der Handlung, nicht als Hauptdarsteller. Es gibt bei Sherlock alles Mögliche, was überdreht, affektiert, exzentrisch und laut ist: von schrillen Tapeten über wilde Kamerazooms bis hin zu Zappelschnitten und Psychopathen; doch all die Absurditäten werden als Teil der Normalität gezeigt. Absurd wirkt darin nur die Norm, die das nicht akzeptiert.

Vergleicht man das mit deutschen Produktionen, schrumpft selbst Herausragendes zur bloßen Effekthascherei. In den Achtzigern etwa mag Kir Royal die Welt der Schönen und Reichen so sehenswert seziert haben, wie zuletzt „Im Angesicht des Verbrechens“ die Russenmafia – beide Höhepunkte hiesigen Serienfernsehens erreichen in keiner Sendesekunde die tiefgründigen Charakterzeichnungen von Sopranos oder Breaking Bad. Deutsches Fernsehen mag gesellschaftliche Mittellagen gründlich skizzieren wie Diese Drombuschs oder zeitgeschichtlich unterhalten (Weißensee) – es mangelt dabei stets an der Vielschichtigkeit menschlicher Eigenarten. Ein Regisseur wie Dominik Graf überträgt den Blick des Alltags verstörend zwar genau ins Leitmedium – wenn er Osteuropa in Berlin porträtiert, macht keine Figur darin die geringste Entwicklung durch. Der grandiose Benedict Cumberbatch dagegen – der es dank Sherlock innerhalb kürzester Zeit vom gechätzten Bühnenvirtuosen zum gefeierten Weltstar brachte – darf als selbstgerecht snobistischer Holmes unablässig überraschende Facetten offenbaren. Seine Arroganz wird plötzlich von Schwäche gebrochen, sein Verstand durch Irrtümer, die Gefühlskälte durch Hitzewallungen und alles zusammen gibt irgendwann ein geschlossenes Bild ab. Und dass man ihm mit Martin Freeman einen früheren Hobbit als Dr. Watson zur Seite stellt – in hiesigen Serien undenkbar. So wie ein Hauptdarsteller, dessen Erotik einzig aus Intelligenz erwächst, nicht aus der wohlgeformten Nase. In einer deutschen Serie wären Irene Adler und ihr Jäger Holmes bloß Freaks. In Sherlock zeigen sie uns, wie wahnsinnig die Welt um sie herum ist. Dafür sind neun Folgen längst noch nicht genug.


Biopics: Frauenbilder & Iris Berben

Kompetenz und Heididei

Wenn das Modethema Biopic von Frauen handelt, geht es bei aller Durchsetzungskraft in Männerwelten stets auch um den Faktor Sympathie. Davon bleibt leider auch Iris Berbens Grundgesetz-Gestalterin Elisabeth Selbert in Sternstunde ihres Lebens (heute, 20.15 Uhr, ARD) nicht verschont.

Von Jan Freitag

Ach, wahrhafte Heldinnen haben’s schon schwer in Film und Fernsehen. Entweder sie finden darin gar nicht statt, da die Wirklichkeit seit jeher eine sehr männliche Angelegenheit ist. Und gibt es doch mal eine, lastet die Bürde der Geschichte so schwer auf den Heldinnenschultern, dass sie unter der Last zu stürzen drohen. Wohlgemerkt: drohen. Schließlich ist es das Wesen der Heldin, unter größten Widrigkeiten heroisch zu bleiben. Womit wir bei Iris Berben wären. Und bei Elisabeth Selbert. Also beim Problem. Denn der Schauspielstar schlechthin mimt als Grundgesetzgestalterin mal wieder die historisch belegbare Titelfigur einer opulenten Filmbiografie und das führt wie gewohnt ins Dilemma: Wann immer weibliche Figuren der Weltgeschichte fiktionalisiert werden, müssen sie nicht nur aufrecht für die Sache der Emanzipation streiten, sondern nebenbei auch noch als liebende Wesen Zuschauerherzen erreichen und dabei nett, klug, diplomatisch, schön bleiben. Heldinnendinge eben, Multifunktionsattribute. Arme Heldinnen.

Denn während ihre männlichen Pendants auch mal zuhauen dürfen, wenn die Kraft des Argumentes versagt, haben Heldinnen nur Wort und Charme im Arsenal. Wo die Herren der Schauspielschöpfung bloß dann ihre Muskeln ölen, wenn das Genre ins depperte Actionfach rutscht, muss Berben als Juristin, die als eine von vier Frauen im Parlamentarischen Rat über Deutschlands Verfassung entscheidet, trotz aller Politik auch noch bildreich die Strumpfhose wechseln. Kurzum: Heldinnen sind selbst in einem sachlichen Film wie „Sternstunde ihres Lebens“ so im Geschlechterkorsett gefangen, dass der Chromosomensatz auch hier die zweite Hauptrolle spielt. Das ist natürlich bei einem Film, in dem sich die fortschrittliche Sozialdemokratin Selbert mit reaktionären Geistesnazis wie dem CDU-Abgeordneten Fink (Walter Sittler) um den simplen Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ zanken, unvermeidlich. Doch wie sich unter weiblicher Federführung von Ulla Ziemann (Buch) über Sophie Maintigneux (Kamera) bis hin zur Regisseurin Erica von Moeller feminine Befindlichkeiten in jede Szene drängeln – das ist typisch fürs Modethema Biopics mit Frauen in der Hauptrolle.

Da strahlt sich dann eine Heike Makatsch ziemlich tough, aber zuckersüß durch die Vita der Kuscheltierkönigin Margarete Steiff. Da tunkt Felicitas Woll ihre Autobauersgattin Bertha Benz unablässig in süffig lächelndes Durchhaltevermögen. Da ertränkt Katja Flint den Mythos Marlene in Pathossoße mit Schlag. Da gerät die burschikose Beate Uhse dank Franka Potente zum sexy It-Girl der prüden Nachkriegszeit. Da grinst sich Christine Neubauers Papst-Zofe Pascalina durchs Pontifikat Pius XII., dass der Vatikan zur Emma-Redaktion wird. Da herrscht also meistens ein Gestus zwischen Kompetenz und Heididai, der in unachtsamen Momenten sogar eine Barbara Sukowa als Hannah Arendt, Rosa Luxemburg oder Hildegard von Bingen ereilt.

Reale Heldinnen haben eben historische Sympathieträgerinnen zu sein, verkörpert von schauspielerischen Sympathieträgerinnen. Heute im Ersten also Iris Berben als emanzipierte Verfassungsrechtlerin Selbert, nächsten Mittwoch an gleicher Stelle Katharina Schüttler als emanzipierte Chemikerin Clara Immerwahr. Und derzeit in Arbeit: Birgit Minichmayr als emanzipierte „Madame Nobel“ Bertha von Suttner. Allesamt starke, schöne, unbeugsame Filmgestalten. Denn so selten Frauen im geschlechterübergreifenden (aber meist maskulinen) Durchschnittsfernsehen einflussreich Gegenspielerinnen männlicher Protagonisten darstellen dürfen, so ausgeschlossen sind auch Titelfiguren genuiner Frauenstoffe mit einem Geheimnis, einer dunklen Seite gar, Antiheldinnen. Es dürfte also noch ein bisschen dauern, bis Film und Fernsehen den Mut zum weiblichen Biografiebruch, zur Bosheit gar entwickeln. Das höchste der Gefühle war da bislang Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin vor drei Jahren. Aber falls die Gefahr bestanden hätte, dass das nicht nur Cineasten im Programmkino sehen, wäre selbst die RAF-Terroristin garantiert irgendwie süßlich geraten.


Real Humans: Wirklichkeit & Fiction

Schöne neue Welt

Donnerstag geht die schwedische Serie Real Humans um aufsässige Haushaltsroboter bei Arte in die zweite Staffel und zeigt abermals, dass gut gemachte Science Fiction weder Knalleffekte noch Weltraumschlachten braucht, um die Zukunft spannend zu erzählen.

Von Jan Freitag

Die schöne neue Welt sieht ganz schön künstlich aus. Mit wächserner Haut und starrem Blick stakst sie durch die gute alte und zeigt in jeder Regung, wie hässlich sie unter der Oberfläche ist. Die schöne neue Welt mag also massenhaft Androiden für den Alltag nach unserem Ebenbild bauen, makellose Wesen für Heim, Büro, Fabrik, für alles: Sie bleiben Fremdkörper, sind also gar nicht so schön, sondern eher praktisch, ergo: sehr befremdlich. Auch wenn die meisten das nicht bemerken. Bemerken wollen.

Das in etwa ist die Grundidee der fantastischen TV-Serie Real Humans. Ein Konzern produziert darin Hublot genannte Roboter für jede Verwendung – von Altenpflege über Fließbandjob bis hin zu Spiel, Spaß, Spannung, ja selbst Sex. Kein Wunder, dass die menschlichen Cyborgs weggehen wie das nächste iPhone. Da der Zehnteiler im Original Äkte Människor heißt, ist er jedoch mehr als bloß gelungene Science Fiction: Real Humans zeigt aufs Neue, was der kleine Drehort Schweden dem großen deutschen voraushat: Dramaturgischen Mumm, mit wenigen Mitteln zu verstören, statt debile Demut vor der Quote mit Milliardenetats. Vor allem aber zeigt die Serie Mut zur unterhaltsamen wie tiefgründigen Debatte außerhalb eng gezurrter Krimikorsagen. Etwa jene, ob die fortschreitende Automatisierung unser Leben weiterbringt oder dem Untergang ein Stück näher.

Die Antwort darauf wird auch nach der letzten Doppelfolge der zweiten Staffel vermutlich ausstehen, die morgen endlich auf Arte anläuft. Doch eins zeigt das nächste große Fernsehding aus Skandinavien gewiss: Wie bei Atomkraft, Gentechnik, Krieg oder Medizin begibt sich die Menschheit abermals aus profitgetriebenem Forscherdrang sehenden Auge ins Ungewisse, kalkuliert den Nutzen weit vor allen Folgen und kann sich doch auf die Kundschaft verlassen: Mit derselben Dynamik, die vorm Apple-Store kilometerlange Warteschlangen erzeugt, sobald der Coutdown fürs neueste nutzlose Must-Have mit Sexappeal tickt, kauft sich sogar die traditionsverhaftete Bilderbuchfamilie von Hans und Inger irgendwann ihren Hubot, dessen Artgenossen zugleich den ersten Mord begehen.

Es ist ein Krieg, der zwischen human und android, Hubot-Fans und -Feinden, gut und böse entbrennt. Gut und böse? Real Humans tut gut daran, auch diese Frage nicht abschließend zu beantworten – obwohl oder weil die Story einem Grundfehler des Genres aufweist: Filmingenieure künstlicher Intelligenz von Westworld bis I, Robot pflanzen ihren Cyborgs notorisch den Keim menschlicher Niedertracht ein, bis die Utopie zur Dystopie eskaliert. Dass es ausgerechnet in Schweden, wo Ausländer im Grunde nur noch mit Doktortitel, Diplomatenpass oder ausreichend Devisen ins Land dürfen, ein breites Angebot schwarzer, asiatischer (sogar dicker, hässlicher) Hubots gibt, macht die Sache nicht schlüssiger. Scheinbar. Denn was wie Effekthascherei wirkt, folgt dem Willen von Serienschöpfer Lars Lundström, soziale Probleme von Rassismus über Konsumgeilheit bis Homophobie in eine spannende Geschichte mit Niveau fließen zu lassen. Aus deutschen Studios fast unmöglich.

Real Humans, 2. Staffel, Doppelfolgen donnerstags, 21.45 Uhr, Arte


Francis Fulton-Smith: Schnulzen & Strauß

In diesem Sinne bin ich käuflich

Eigentlich ist der pockennarbige Schnulzenstar Francis Fulton-Smith auf kernige Kümmerer im Sonnenlicht deutscher Neoheimatfilme gebucht. Das halbdokumentarische ARD-Drama Die Spiegel-Affäre (heute, 20.15 Uhr) ist für den 48-jährigen Münchner somit die erste Herausforderung seit langem. Und siehe da – sein Franz-Josef Strauß ist ihm allen Ernstes grandios gelungen. Geht doch.

Interview Jan Freitag

freitagsmedien: Francis Fulton-Smith, endlich dürfen Sie mal in einem Film ihren Heimatdialekt pflegen und dann ist es ausgerechnet das fast kabarettistische Bayrisch ihres früheren Landesvaters…

Francis Fulton-Smith: (lacht) Ja, wobei wir genau das Kabarettistische vermeiden wollten.

Zumal er eine Figur des realen Lebens ist, die zu kritisieren daheim in Bayern als Hochverrat gilt. Mussten Sie da besonders vorsichtig sein?

Nein, das nicht. Aber mir war durchaus bewusst, wie wichtig er quasi als Institution dort ist. Unter seiner Führung wurde schließlich Bayerns Transformation vom Agrar- zum Industriestaat vollzogen – mit allen Konsequenzen für die Gegenwart. Von den 68ern bis zum Länderfinanzausgleich. Das macht ihn sicher in gewisser Weise zu einer Ikone, aber nicht automatisch unantastbar. Selbst in Bayern ist er nach wie vor eine stark polarisierende Figur.

Für die Sie tüchtig zunehmen mussten, um Sie adäquat verkörpern zu können.

Fast 20 Kilo, das stimmt, unter ärztlicher Aufsicht. Wichtiger als die Körperlichkeit war aber, seine Urgewalt, politisch wie menschlich zu zeigen und dabei gleichzeitig nicht in Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen: hier der “gute Journalist” Augstein, da der “böse Politiker” Strauß. Wir wollten beide Seiten der Medaille zeigen, also nicht nur Strauß’ unerhörten Angriff auf die Pressefreiheit, sondern auch, dass es gleichzeitig eine moralische Pflicht und Verantwortung seitens der Presse gibt. Es geht um zwei starke Persönlichkeiten, mit extrem starken Utopien für Deutschlands Zukunft, die wie zwei Alpha-Rüden gnadenlos aufeinander losgegangen sind. Dabei hatten beide durchaus ähnliche Biografien. Wer weiß – vielleicht wären sie in einer anderen Zeit sogar Freunde geworden.

Hätten Sie die Wahl gehabt – welchen der beiden hätten Sie lieber gespielt?

Natürlich hätte mich auch Augstein interessiert, weil er ähnlich komplex ist. Aber es macht letztlich immer mehr Spaß, den Bad Guy zu spielen. (lacht) Noch mehr Spaß macht es allerdings, ihn dabei sympathisch zu gestalten. Für mich als Schauspieler ist es immer wichtig, nach dem Verborgenen zu suchen. Aus heutiger Sicht nimmt man Strauß ja stets als Polterer wahr; umso spannender war es für mich, ihm die leisen Seiten abzuringen, den Menschen in seiner Verletzbarkeit zu zeigen. Also den FJS, der Radau- Reden im Bundestag hält und nachts weinend aufwacht.

Hat das Spielen dieser Diskrepanz auch ihr persönliches Strauß-Bild verändert?

Ich denke schon. Als ich aufgewachsen bin, war er gerade Ministerpräsident. Ich war zwar lieber auf dem Bolzplatz und durfte ja auch noch nicht wählen. Aber er schwebte trotzdem ständig über uns allen. Spätestens, als er Bundeskanzler werden wollte, erreichte uns junge Burschen die Diskussion mit voller Wucht.

Sie hatten 1980 aber keinen „Stoppt Strauß“-Button an der Jacke.

(lacht) Ich wollte ja Abitur machen. Aber im Ernst, jetzt, nachdem ich mich Hunderte von Stunden intensiv mit ihm beschäftigt habe, sogar in seinen Geburtsort gefahren bin, verschiebt sich natürlich etwas in der Wahrnehmung. Ich sehe ihn nun nicht mehr als “ultimativen Bösewicht”, sondern und das ist mir wichtig: bei aller berechtigten Fehlbarkeit, auch als brillanten Denker und bodenständigen Nachbarn, als Lebemann und Machtmensch. Meine Sicht hat sich insofern verändert, weil sie deutlich differenzierter wurde.

Meinen Sie, dass die Rolle auch Sie als Schauspieler verändert, der ja sonst eher auf leichtere Stoffe gebucht ist?

Natürlich habe ich mich sehr gefreut, endlich auch eine andere Facette von mir zeigen zu dürfen, denn die künstlerisch größere Herausforderung ist natürlich gerade solche, nicht alltäglichen Filme zu machen! Und falls die Konsequenz ist, nun öfter mal etwas ungewohntes mit mir zu realisierten, würde mich das sehr freuen; ich bin schließlich mit Leib und Seele Schauspieler. Aber man muss sich darüber auch im Klaren sein, dass solche Rollen nicht auf Bäumen wachsen. Und andere Dinge, die ich drehe, ja durchaus auch ihre Berechtigung haben.

Andere Dinge sind vor allem Machos mit Familie und Herz. Fühlen Sie sich damit wohl?

Zunächst mal bin ich wie gesagt ein Schauspieler. Ich habe eine Familie und Kinder zu ernähren und in diesem Sinne bin ich tatsächlich käuflich (lacht). Dabei gibt es aber größere und kleinere Herausforderungen und wenn das, was ich dafür tue, erfolgreich ist und viele Menschen erfreut, ist es ein Geschenk, wertfrei! Finden Sie nicht? Was mich daher jetzt interessiert ist vor allem die Frage, wie viele meiner üblichen Zuschauer bereit sind, mich in einen Film wie „Die Spiegel-Affäre“ zu sehen? Was macht es mit ihnen? Ob sie neugierig werden, in Debatten geraten? Vielleicht haben sie Lust, darüber nachzudenken, wie fragil unsere Grundwerte sind und wie wichtig es ist, sie zu schützen! Für viele Zuschauer ist es aber auch nach einem harten Tag entspannter, etwas Leichtes zu schauen. Auch gut gemachter Herzschmerz ist daher alles andere, als verwerflich.

Dennoch sagten Sie mal angesichts ihrer Dauerrolle Dr. Kleist, Sie sehnen sich nach Rollen, in denen nicht ständig die Sonne scheint.

Sicher ist beides richtig und der Weg der Mitte sinnvoll! Und sollte ich jetzt in den Gedankenspielen der Verantwortlichen eine neue Rolle spielen, bin ich sehr gerne bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen! Der Umkehrschluss, nur noch Filme ohne Licht und Schatten spielen zu wollen, ist dennoch falsch. So etwas kann man ohnehin nicht forcieren, Fernsehen ist kein Wunschprogramm. Und ehrlich: ich könnte mit der „Spiegel-Affäre“ grandios scheitern, was sicher auch einige so beurteilen werden. Aber die Beschäftigung mit der Figur Franz- Josef Strauß war für mich ein wunderbares, großartiges Abenteuer, dass ich unabhängig vom Erfolg – nicht missen will. Es ist ein ganz wichtiges Kapitel deutscher gesellschaftspolitischer Zeitgeschichte und ein wunderbarer Ensemble-Film. Es geht nicht nur um mich und ich hoffe, viele Menschen haben Lust, uns auf dieser spannenden Reise zu begleiten!

Der eigentlich Hauptdarsteller scheint ohnehin das ständige Rauchen zu sein…

Ja, Wahnsinn, wie viel da gequalmt wurde. Und das mit mir, der vom leidenschaftlichen Vielraucher zum passionierten Nichtraucher geworden ist.

Welche Rolle, die sich an der Realität oder großen Vorbildern messen lassen müsste, können Sie sich nach dieser hier noch vorstellen?

Richard III., Faust, Hamlet, Don Carlos… Die Welt ist doch voller wunderbar zerrissener Figuren. Aber so was selbst ins Spiel zu bringen, klingt meist befremdlich! Jetzt warte ich mal ab, was jetzt und hier passiert, denn mit der Rolle des Franz- Josef Strauß schließt sich ein Kreis zum Beginn meiner Laufbahn, wo ich mehr Theater und Literaturverfilmungen gemacht habe. Ich bin deshalb ein Stück weit zu mir selbst gekommen und das macht mich glücklich…