Durch die Nacht mit … Polak & Haftbefehl

Provokateure unter sich

Kurz nach dem 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung schickte Arte den jüdischen Komiker Polak Durch die Nacht mit… dem kurdischen Rapper Haftbefehl. Das macht die 125. Folge der Reihe traurig und fabelhaft zugleich, weiterhin zu sehen in der Arte-Mediathek.

Von Jan Freitag

Und dann, ganz plötzlich, gibt es ihn doch: den ersten Moment annähernder Wahrhaftigkeit. Eine Dreiviertelstunde ist der deutsch-kurdische Rapper Haftbefehl schon im Auftrag von Arte Durch die Nacht mit… dem deutsch-jüdischen Standup-Komiker Oliver Polak gefahren, ohne dass einer das Rolltor der Selbstgerechtigkeit hinter dunklen Sonnenbrillen hochgefahren hätte. Das Begegnungsformat des Kulturkanals ist längst zum Entfremdungsformat mutiert – da macht der Humorberserker einen Religionswitz zu viel. Moschee, sagt er grundlos, „das klingt für mich immer wie Muschi“. Treffer!

Versenkt wird indes nicht der Gläubige mit Moscheebezug an Polaks Seite, sondern der Possenreißer selbst. Fast. Kurz nämlich erinnert Haftbefehls Seitenblick an die Posen seiner Videos, in denen er vor finsteren Ghettokids den Hurensöhnen, Bitches, Pussycats „Russisch Roulette“ androht. Wäre keine Kamera im Wagen – wer weiß, ob der Sprechsänger dem Antisemitismus seiner Texte nicht auch mal physisch ihren Lauf gelassen hätte.

Doch darum ging es Arte ja, als e die Jubiläumsfolge ihrer famosen Reihe so nah am 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung ausgerechnet mit einem jüdischen Berufszyniker und einem Gangsterrapper dieser Herkunft programmiert hat: Um Konfliktpotenzial. Seit Christoph Schlingensief 2002 mit Christian Thielemann zum Auftakt durch Berlin fuhr, gab es 125 solcher Nächte. Die Paare waren mal überraschend harmonisch wie Götz Alsmann und Roland Kaiser, mal überraschend disharmonisch wie Tom Schilling und Olli Schulz, mal einfach nur fehlbesetzt wie H.P. Baxxter und Heinz Strunk. Stets aber steckte auch in offensichtlicher Differenz ein Keim gegenseitiger Anziehungskraft.

Bis jetzt.

Denn Polak und Haftbefehl hassen einander von Herzen, das wird bereits klar, als ersterer letzteren an einem Frankfurter Imbiss mit Blumen begrüßt. Sie tun es allerdings gar nicht mangels Sympathie; schließlich teilen beide den Markenkern der Provokation um ihrer selbst willen. Nein – ihr Hass auf andere entsteht vor allem aus maximaler Selbstverliebtheit. Dummerweise ist auch sie bloß wieder Pose zweier Rampensäue, die jedes echte Gefühl unter der Coolness ihrer Pointen verscharren. Nur: genau das macht die Fahrt über Hessens Großstadtkieze und Rummelplätze ja so sehenswert. Gewährt es doch abgrundtiefe Einblicke ins Wesen männlicher Selbstfindung zwischen tradiertem Rollenklischee und modernem Anspruch.

Als Polak kurz vor Schluss seine Depression erwähnt, unterbricht ihn Aykut Anhan alias Haftbefehl mit „ich hatte auch schon Depris“, was allerdings weniger Ausdruck von dessen Ignoranz ist als von Polaks Sendungsbewusstsein, das mit der Scheinoffenbarung bloß das zugehörige Buch bewerben will. So bleiben die beiden Gefangene jenes Bilds, das sie zwanghaft von sich zeichnen zu müssen glauben, um sich der eigenen Identität zu versichern. Das ist zwar ziemlich deprimierend, aber auch ganz schön unterhaltsam. Außer für Polak und Anhan. Die wollen nur, dass es bald vorbei ist. Mit dieser Nacht.


Murat Kurnaz: 5 Jahre Leben

Tyrannei und Freiheit

5 Jahre Leben (Freitag, 20.15 Uhr, Arte) ist nicht bloß nur ein Spielfilm übers unsagbare Leid des Bremers Murat Kurnaz in Guantanamo, sondern ein Lehrstück darüber, wie tyrannisch Demokratie wird, wenn sie vor Angst durchdreht.

Von Jan Freitag

Nein, Angela Merkel wird 5 Jahre Leben nicht sehen. Auch Frank-Walter Steinmeyer, Brigitte Zypries, Wolfgang Schäuble, Otto Schily und ein gewisser Thomas Röwekamp dürften den Film übers völkerrechtswidrige Martyrium des Folteropfers Murat Kurnaz im amerikanischen Foltergefängnis Guantanamo bei Arte ebenso meiden wie sie ihn zuvor im Kino gemieden haben. Andernfalls müssten die Bundespolitiker und ihr Kollege aus der Bremer Innenbehörde vor Scham im Boden versinken oder besser noch: dem Bündnispartner USA abschwören wie einem gewöhnlichen Schurkenstaat.

Denn nichts anderes sind die Vereinigten Staaten, falls an jenen 90 Minuten, die heute endlich im Fernsehen laufen, auch nur ein paar der Wahrheit entsprechen. Und das tun sie, die USA verhehlen schließlich gar nicht, dass sie Bürger fremder Staaten willkürlich und illegal als „ungesetzliche Kombattanten“ auf unbestimmte Zeit einkerkert. Die deutsche Exekutive weiß das, sie wusste es schon, als der Kleingangster Kurnaz mit Kontakt zu den falschen Leuten ohne Rechtsgrundlage ins furchtbarste Gefängnis der Welt kam.

Und was taten Bundesregierung und BND, Politiker wie Geheimdienstler? Nichts. Bis auf besagten Bremer Innensenator, der dem türkischen Staatsbürger die Aufenthaltserlaubnis entzog, weil er sich zwischen Isolationshaft und Misshandlung nicht um deren Verlängerung bemüht hatte. All dies sind schrecklich gute Gründe, 5 Jahre Leben zu sehen. Ein weiterer ist: die Adaption von Murat Kurnaz‘ Biografie zählt zu den besten Verfilmungen realer Ereignisse, vergleichbar allenfalls mit Romuald Karmakars Der Totmacher.

Dafür braucht Stefan Schaller weder Knalleffekte noch Geigenteppiche, ja nicht mal allzu explizite Gewaltdarstellungen oder Gefühlsausbrüche. Dem jungen Regisseur reichen zwei grandiose Darsteller und die Wahrheit, um zu zeigen, dass die USA nebst Verbündeten wie die Bundesrepublik Rechtstaatlichkeit und Demokratie bereitwillig aufgeben, sobald es machtpolitisch geboten erscheint. Mehr noch: in eineinhalb Stunden demaskiert Schallers Langfilmdebüt das System amerikanischer Militärjustiz im „War on Terror“ als menschenverachtend, rassistisch, totalitär, barbarisch, in – bei allem Respekt den Opfern der deutschen Erfinder gegenüber – einem Wort: faschistoid.

Denn im eindrücklichen Kammerspiel zweier Gegner abseits jeder Augenhöhe, zelebriert der Film das Gegeneinander von selbsterklärten Herren- und erniedrigten Untermenschen so intensiv, dass jede Sekunde Verhör schon beim Zusehen schmerzt. Der Berliner Sascha Alexander Geršak füllt seinen Murat Kurnaz dabei mit einem so zähem Fatalismus, als wäre er selbst dieser 19-Jährige vom Bremer Kiez in den Fängen seines amerikanischen Peinigers Gail Holford (Ben Miles), der die Regeln von Humanismus, Logik und Empathie auch dann noch außer Kraft setzt, als ihm längst klar wird, dass sein Opfer unschuldig ist. Dass Schlafentzug, Schläge, Isolation keinerlei Erkenntnisse erbringen. Dass alles Leid nur um seiner selbst willen geschieht. Um das System am Laufen zu halten.

Denn das bedient sich im Namen der Freiheit unverhohlener Gestapo-Methoden. Dies ohne schrille Töne und erhobene Zeigefinger, einfach nur mit den Mitteln famoser Schauspieler im Ambiente der Unmenschlichkeit zu zeigen, ist ein Verdienst aller Beteiligten bis hin zur genialen Kameraführung von Armin Franzen. Mitschuldige von Steinmeyer bis Schäuble werden sich das wohl trotzdem nicht ansehen. Zu sehr sind sie selber Täter.


Unter Gaunern: gut gemeint & schlecht geklaut

Heiter bis Heulen

Mit Unter Gaunern (ab Dienstag, 18.50 Uhr) bleibt der ARD-Vorabend weiter im Würgegriff billiger Scherze übers Verbrechen. Dabei hat die Geschichte der kriminellen Sippe Schulz durchaus Potenzial und ist auch bei weitem nicht so schlimm wie die üblichen Schmunzelkrimis auf diesem Sendeplatz, verliert sich aber in Kalauern.

Von Jan Freitag

Seit das Fernsehen Leitmedium ist, hat jede neue Zeit ihre ganz eigenen Serien. Sie handeln von den Straßen einer kriminellen Stadt und einfachen Farmern am Ackersaum der Weltwirtschaftskrise, von texanischen Ölbaronen der Ära Reagan oder Chemielehrern, die ein zerrüttetes Land mit Chrystal Meth versorgen. Heute zum Beispiel, im Würgegriff wechselnder Katastrophen, wandern bisexuelle Managerinnen wegen Geldwäsche in den Knast und Ostküstenmafiosi ins norwegische Exil, während Zombiehorden durch verwaiste Häuserschluchten staksen und machtgeile Politiker unter noch machtgeileren Kollegen um ein Maximum an Macht ringen. Es sind traurige, triste, oft deprimierende und dennoch manchmal federleichte Serien, die das Fernsehen aus aller Welt grad erzählt. Vor allem aber sind es vielschichtige, tiefgründige, hinreißende Serien, über die man mal lachen, mal weinen, aber immer staunen kann.

Außer vielleicht in Deutschland.

Dieser dicht bevölkerte Flecken Erde im Herzen Europas mag gesegnet sein mit dem reichsten öffentlich-rechtlichen Rundfunk überhaupt, geschaut von einem Publikum, das seinem linearen Programmangebot unverdrossen die Treue hält – wenn hierzulande Fiktion in Reihe entsteht, ist sie meist nur dann zum Weinen, wenn eigentlich gelacht werden soll und umgekehrt. Man kann das wunderbar an einem gewöhnlichen Dienstag im Frühjahr begutachten, wenn auf die bieder-bräsige Klerusserie Um Himmels Willen die bieder-bräsige Arztserie In aller Freundschaft folgt, was beides fortan im Anschluss einer neuen Krimiserie zu sehen ist, die mit bieder-bräsig noch milde umschrieben wäre.

Sie heißt Unter Gaunern und läuft fortan dort, wo deren Produzent Michael Polle die „Todeszone“ des Tages verortet: am Vorabend. Jenem Zeitraum also vor der „Tagesschau“, in dem das Erste einen Großteil seiner Werbeeinnahmen erzielt. Um dies endlich mal mit etwas mehr Niveau als bei den üblichen Schmunzelkrimis auf diesem Sendeplatz zu tun, wollte Polle wie gewohnt Heiterkeit liefern, dabei aber „was Schönes, Eigenes“ machen. Das wäre dann allerdings schon der beste Witz der acht Folgen. Denn Unter Gaunern, so viel vorweg, ist schlicht zum Heulen. Dabei ist die Geschichte im Grunde ganz apart. Anders als im mordlüsternen Gesamtangebot zwischen Heiter bis tödlich und dem 1000. Tatort stehen hier mal keine Ermittler im Mittelpunkt, sondern die Täter: Familie Schulz aus Bremen, vier Kleinkriminelle mit großem Berufsethos (keine Waffen, keine Drogen) und einem Problem: Tochter Betty schlägt aus der Art und wird Polizistin. Heimlich. Klänge nett, käme es denn aus, sagen wir: Dänemark.

In Deutschland indes ist alles, wirklich alles daran so bräsig und betulich, so halbherzig, fast feige, dass die nachfolgenden Nonnen vom Kloster Kaltenthal geradezu unterhaltsam sind – machen die doch wenigstens keinen Hehl daraus, Zielgruppenbespaßung fürs Stammpublikum über 66 zu machen. „Unter Gaunern“ hingegen soll nicht nur „erfrischend frech und herrlich unkorrekt“ sein, sondern auch noch junge Zuschauer in die Todeszone locken. Und zwar mit folgenden Methoden: Betty, bemüht, doch überdreht gespielt von Pastewkas Filmnichte Cristina do Rego, hat einen Raben als Haustier und spricht aus dem Off zu uns Opfern dieser Billigkopie von allem, was sich anspruchsvolle Produzenten gar nicht erst zu drehen trauen. Für Doofe erklärt sie also andauernd die Story vom weißen Schaf unter den schwarzen ihrer Sippe, in der sich Vater Bruno (Jophi Ries) als Schmuggler betätigt, Opa Frans (Peter Franke) Kunstwerke kopiert, Enkel Moritz mit Steroiden handelt und Mutter Jette den Verbrecherladen zusammenhält. Dazu gibt es putzige Bullen wie die kettenrauchende Kommissarin Wolff (Barbara-Magdalena Ahren), geklaute Witze à la Hasch auf Lieferpizza (Lammbock) oder Frettchen in der Hose (The Big Lebowski), hineingestopft von Russenmafiosi, die untereinander Deutsch mit russischem Akzent reden, während die Bremer breitestes Hamburger Idiom pflegen, weil das wohl irgendwie ruppiger klingt. Was es jedoch nicht gibt, ist die kleinste Prise Mut, das Dauerthema Kriminalität mal abseits handelsüblicher Kalauer einzusetzen. Als Vehikel zum Beispiel, der Gesellschaft aufrichtig in tiefere Schichten zu folgen.

Stattdessen wird das Verbrechen permanent banalisiert, um es vorabendtauglich zu machen, ohne gleich ganz darauf zu verzichten. „Die Bullen damals“, erinnert sich Opa Frans an seine kriminelle Frühphase, „Das waren noch andere Kaliber“. Die hätten noch scharf geschossen, „nicht so schwule Gummigeschosse wie heute“. Das ist zwar nicht halb so schlimm wie die sprechenden Namen von Fuchs bis Gans der Schmunzelkrimis an gleicher Stelle, aber doch weit schlimmer als öffentlich-rechtliches Fernsehen sein müsste, würde man sich und anderen mal was zumuten. Und sei es, ganz ohne Krimi.


Arte-Tandem: Deutsche, Franzosen & AKWs

Differenz und Einklang

Mit seinem Tandem zweier Filme zum Thema Atomkraft will Arte die Filmtraditionen seiner Partnerstaaten zeigen, ohne in Klischees zu verfallen. Der deutsche Thriller Tag der Wahrheit mag dabei ganz anders wirken, wie die französische Komödie Das gespaltene Dorf. Was überwiegt, sind dennoch die Gemeinsamkeiten.

Von Jan Freitag

Anspruchsvolles Fernsehen, auf diesen gemeinsamen Nenner kann man sich einigen, fordert sein Publikum mit dem Ungewöhnlichen, Unverhofften, Unfassbaren. Erfolgreiches Fernsehen dagegen, auch der größere Nenner scheint unumstritten, versorgt seine Zielgruppe mit spannender, emotionaler, konsenstauglicher Unterhaltung. Wirklich gelungenes Fernsehen mit Erfolg und Anspruch dagegen schafft all dies mitunter in einem. Also doppelten Mehrwert, eine Art Zweikomponentenkleber des Entertainments, man könnte es Tandem nennen.

Auf so einem kommt Arte nun zum Jahresauftakt ins Wohnzimmer geradelt. Gemeinsam mit dem SWR haben die Partnerstaaten des deutsch-französischen Kulturkanals zwei Filme zum gleichen Thema gemacht, um „mehr über die Traditionen, Vorzüge und Eigenheiten der Nachbarländer zu erfahren“, wie es Arte-Präsidentin Véronique Cayla und ihr Vize Gottfried Langenstein beschreiben. Es geht ums Reizthema Atomkraft, das beiderseits des Rheins höchst unterschiedlich bewertet wird. Während sich östlich davon mehr als die Hälfte der Bevölkerung für einen Ausstieg ausspricht, ist es im Westen kaum jeder Fünfte. Zugleich allerdings sind die Energiebranchen beider Länder eng miteinander verflochten. Ein Widerspruch, so scheint es. Doch was, fragen Cayla und Langenstein, „könnte vielversprechender für eine spannende Film-Story sein als widersprüchliche Situationen und Charaktere?“.

Vor diesem Hintergrund sind zwei überaus verschieden Fernsehfilme entstanden, in denen es um große Themen wie Wahrheit, Lüge, Macht und Ohnmacht, aber auch um Liebe, Freundschaft, Solidarität. Zum Auftakt inszeniert Tag der Wahrheit unter deutscher Federführung die gewaltsame Besetzung eines störanfälligen Kernkraftwerks nahe der gemeinsamen Grenze. Danach geht Das gespaltene Dorf vorwiegend von Franzosen verantwortet auf Endlagersuche im Dörfchen Saint-Lassou Stelle. Die politische Ausgangslage ist also ähnlich, die filmische Umsetzung schon weniger.

Im Politthriller der Münsteraner Regisseurin Anna Justice geht es nach dem Drehbuch von Johannes Betz (Die Spiegel-Affäre) ernsthaft um den gefeuerten AKW-Arbeiter Kollwein (Florian Lukas), der zwei Jahre nach dem Tod seiner leukämiekranken Tochter den alten Arbeitsplatz mit einer Kernschmelze bedroht, falls die Betreiber nicht öffentlich ihre Schuld gestehen. Unterstützt wird er dabei von Staatsanwältin Marie Hoffmann (Vicky Krieps), die inmitten der Vorbereitungen zum Sturm des Meilers gegen das Vertuschen zahlloser Störfälle ermittelt. Trotz der Hilfe des Polizisten Jean-Luc (Benjamin Sadler) steuert der Kampf gegen die Uhr unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu. Kein Wunder, dass es wenig zu lachen gibt.

Im Gegensatz zum frankophonen Beitrag. Regisseur Gabriel Le Bomin hat sich – mit seinen Co-Autoren Eric Eider und Ivan Piettre – nicht nur eine leichtere Version des strahlenden Sujets geschrieben, er realisiert sie auch strikt komödiantisch. Auf der Suche nach einem Bergwerk zur Endlagerung atomarer Abfälle, reist Ingenieur Antoine (Laurent Stocker) von Paris aus in die idyllische Provinz und erlebt dort sein grünes Wunder. Bürgermeisterin Anne (Katja Riemann) ist nämlich eine eifrige Streiterin für die Umwelt und bläst zum Widerstand gegen den dubiosen Kernkraftkonzern AERA. Weil Stockers Auftraggeber dem klammen Dorf jedoch Geld, Arbeit und Wohlstand verheißen, rasseln die Ideologien mit fröhlichem Schwung aneinander.

Hier Action, dort Humor. Östlich des Rheins die bleischwere Last der Realität, westlich davon in federleichte Lässigkeit verpackt. Aus Deutschland (wie so oft) eine atmosphärisch bedrückende Kriminalstory im Stile von James Bridges prophetischem GAU-Drama Das China-Syndrom kurz vorm Störfall von Harrisburg 1979. Aus Frankreich (wie noch öfter) ein munteres Sozialdrama im Gedenken an Bill Forsyths Heimatschutzposse Local Hero, in der es die geplante Raffinerie eines Ölkonzern 1983 mit ähnlich verschrobenen Bewohnern der schottischen Küste zu tun kriegt.

Die Fahrer des Tandems steuern also in verschiedene Richtungen. Scheinbar. Doch es geht bei dem Projekt keinesfalls nur um Differenzen. Es geht auch um Gemeinsamkeiten. In knapp vier Stunden Action rings ums besetzte AKW biete ihr Film „wenig Raum für typisch Deutsches oder typisch Französisches“, meint die deutsche Regisseurin. Ihr französischer Kollege fügt hinzu, auch bei ihm gebe es statt national geprägter Figuren „Menschen, deren Gedanken und Gefühle wir teilen“.

So sehr sich die Filme also um soziokulturelle Distinktion und Eigenart bemühen, vereint beide doch mehr als sie trennt. Abgesehen von der Vorgabe, zwei originelle, aber unterschiedliche Filme zum gleichen Thema zu drehen, erinnert sich der Gabriel Le Bomin, „gab es kaum Auflagen“. Doch beide Teams, ergänzt Anna Justice, standen von Beginn an in so engem Kontakt, dass sich „ungewöhnlich viele Leute“ über finale Drehbuch- und Schnittfassungen ausgetauscht hätten. Gedreht wurde zudem überwiegend im südbadischen Dreiländereck der französischen Region Limousin. Und da ist noch nicht mal von den Darstellern die Rede.

Denn der französische Starkomiker Laurent Stocker ist ebenso in beiden Filmen zu sehen wie seine deutsch-luxemburgische Kollegin Vicky Krieps. Anders als das beliebte Mitglied der Comédie Française stellt sich die junge Dramatikerin, zuletzt als Holocaustopfer im Kammerspiel Das Zeugenhaus zu sehen, zumindest in Tag der Wahrheit gegen die Machenschaften der Atomwirtschaft. Die kommt im energiewendenden Deutschland schließlich ohnehin spürbar schlechter weg als im kernkraftfrohen Frankreich. Es überrascht daher wenig, dass der Laurent Stocker – als Sicherheitschef und Atomlobbyist – in beiden Filmen auf Seiten der Meiler steht, während die fundamentaloppositionelle Gegnerin des geplanten Endlagers ebenso wie die skeptische Staatsanwältin im Thriller nicht nur von Deutschen gespielt werden, sondern sogar Deutsche sind.

Auch für Krieps Rolle war ursprünglich übrigens Katja Riemann im Gespräch. „Nur wollten die Deutschen mich nicht“, sagt sie lachend. „Im Gegensatz zu den Franzosen“. Mit denen zu drehen unterscheide sich aus Sicht der Charakterdarstellerin wenig. „Filmleute sind überall auf der Welt gleich“, sagt Riemann. Nachdem sie vor 15 Jahren für die Filmbiografie Balzac erstmals in Frankreich vor der Kamera gestanden hatte, sei somit auch diese Erfahrung „fantastisch“ gewesen. Und zwar auch wegen des Themas. Hält Riemann Atomkraft doch für „gefährlich und zu absurd, um überhaupt erfunden zu werden“.  Vor allem aber, gehe es sie nicht nur sie persönlich an, „sondern alle“.

Und das deutsch-französische Tandem leistet seinen Beitrag, dass es beiderseits des Rheins wieder mehr wahrgenommen wird. Mit zwei verschiedenen Filmen zum gleichen Sujet: einer zum Lachen, einer zum Fiebern, beide eng verwoben und gerade in Kombination nachhaltig wirksam. Ein filmisches Experiment über das der Kernenergie, nur ohne tödliche Nebenwirkungen. Und trotz hoher Halbwertszeit: Endgelagert werden muss das anspruchsvolle Projekt mit Aussicht auf Erfolg wohl nie.

Donnerstag: Tag der Wahrheit; Freitag: Das gespaltene Dorf, jeweils 20.15 Uhr, Arte


Das Fernsehjahr: 2014 & 2015

Katzen, Götter, Weltherrschaft

Das Fernsehjahr 2014 war mal schön, mal schlimm, also immerhin abwechslungsreich. Ein Rückblick mit Aussicht auf das, was kommt.

Von Jan Freitag

Der Mensch an sich mag Happyends. Vor die Wahl gestellt wird, erst die gute oder schlechte Nachricht zu hören, entscheidet er sich daher stets für letztere, um erstere hernach zu lindern. Auch das Fernsehen funktioniert so. Oder gab’s 2014 eine messbare Anzahl Filme ohne seligen Ausgang? Eben! Wer das TV-Jahr resümieren will, tut also gut daran, mit den schlechten News zu beginnen, was das Medium unerträglich macht und nicht für Um-, sondern Abschaltimpulse sorgt.

Genau das dürfte passiert sein, als das ZDF zum Auftakt Sascha Hehn auf die Traumschiff-Brücke beorderte und Josefine Preuß als Pilgerin in eine öffentlich-rechtliche Kopie der kommerziellen Wanderhure. Als Gebührenzahler dachten da viele, schlimmer könne es nicht kommen. Doch es kam schlimmer, viel schlimmer. Inspector Jury belegte an gleicher Stelle, wie viele Klischees in einen einzigen Serienpiloten passen. Im April machte die ARD Daniela Katzenberger zur Heldin des Mundartkrimis Frauchen und die Deiwelsmilch und vergaß vor der Mediatoren-Serie Paul Kemp, einfach mal mit einem Mediator zu sprechen, wie das Mediatieren überhaupt geht. Das Zweite dagegen vergaß zugleich, dass miese Bücher wie Friesland dank Florian Lukas allein nicht lustig werden. Und bei solch teurer Neuware ist noch nicht mal von Billigkopien die Rede, mit denen viele Kanäle selbige verstopfen. Nach EWG und Dalli, Dalli wurden nun Geld oder Liebe und Am Laufenden Band aus der Gruft gezerrt, was JBK an Einfallslosigkeit aber übertraf, als nicht wie versprochen das Publikum wählte, wer Deutschlands Beste seien, sondern die Präsenz der Prämierten im Studio.

Man könnte noch mehr aufzählen, viel mehr. Jene Fempics zum Beispiel, mit denen Frauen wie der Grundgesetzmutter Selbert oder der Chemikerin Immerwahr Filmdenkmale gesetzt werden sollen, die zu Zeugnissen pathetischer Ödnis gerieten. Man könnte sich den Privaten widmen, die ihren Hang zum dramaturgischen Durchfall mit von Knastarzt, Bachelorette und Henning Baum als Götz von Berlichingen (RTL) bis hin zu Hebammen, Schlikker-Frauen und Wayne Carpendale bei Deal or no Deal (Sat1) bewiesen. Man könnte sich aufregen über Pro7, wo Elton Millionäre wählen ließ, oder Vox, wo Schwarze unter Einsatz rassistischer Stereotypen zu Eisläufern trainiert wurden. Man könnte also permanent klagen – oder endlich zu den guten Nachrichten kommen.

Denn davon gab es auch 2014 genug. Etwa, dass man eine hirntote Serie wie „Fall für zwei“ mit frischem Personal beleben kann, was satirisch auch bei der Anstalt gelang. Oder dass Vox die fremdschamfreie Musikshow Sing my Song gelungen ist. Auch dass Dominik Graf seine Sehenswürdigkeit Die reichen Leichen im BR uraufgeführt hat. Und dass Krimi dank des Theater-Tatorts Im Schmerz geboren, ganz zu schweigen von Roeland Wiesnekker als Täter ohne Opfer in Mörderische Hitze doch überraschen kann. Wenngleich weniger als Francis Fulton-Smith. Wie Kai Wiesinger als Christian Wulff (Sat1) spielte er Franz-Josef Strauß in der Spiegel-Affäre so überzeugend, dass die Realität durch den Bildschirm blickte und sprach: Das bin ja ich!

Charly Hübner als überforderter DDR-Grenzer an der „Bornholmer Straße“, Matthias Brandt als viril scheiternder Präsidentschaftskandidat (Männertreu), Ulrich Tukur als pädophiler Odenwald-Direktor und ein grandioses ZDF-Ensemble im Entnazifizierungskammerspiel Zeugenhaus – sie alle machen Wirklichkeit fiktional so fühlbar, dass die Grenze zur Dokumentation verwischt.

Wenn auch nicht ganz. Dafür sorgte vor allem Arte, wie in der Reportage 24 Stunden Jerusalem, im Weltkriegspuzzle 14 Tagebücher oder im Summer oft the 90s mit Scooter als Moderator eines aberwitzigen Jahrzehnts. Auch die Muttersender zeigten da Bemerkenswertes. Doch so manch famoser Sachfilm à la Putins Spiele legte gleichsam ein Dilemma offen: Um die deutschen Medaillenträume nicht zu stören, lief die fabelhafte Demaskierung des olympischen Irrsinn von Sotschie zur Nacht. Ähnlich war es bei der Fußball-WM, wo die hyperpatriotischen Jubelperser vom schlichten Hasan Salihamidzic über die zappelige Britta Heidemann bis zur devoten Katrin Müller-Hohenstein belegten, dass es ARZDF nie um Sport, sondern bloß Party geht.

Wie gut, dass 2015 keine größere ansteht.

Anstehen tut dagegen der übliche ZDF-Event zum Jahresauftakt, in dem das biedere DDR-Bashing Tannbach ab Sonntag 270 quälende Minuten lang am deutschen Opfermythos bastelt. Mit der medizinischen Multikulti-Serie Sibel & Max könnte dem Zweiten dagegen tags zuvor endlich mal wieder Qualität am Vorabend gelingen. Und ab 20. Februar tritt Moritz Bleibtreu in Schirachs Schuld die würdige Nachfolge Josef Bierbichlers an. Noch was? Ach ja: Nico Hofmanns groß angekündigten Ost-West-Spionage-Achtteiler mit dem patriotischen Deppentitel Deutschland hat sich RTL gesichert, während das ZDF parallel zu Thomas Gottschalks Moderation von 50 Jahre Goldene Kamera am 27. Februar allen Ernstes über die Fortsetzung von Wetten, dass…? diskutiert. Bald darauf dann ermittelt in Nürnberg das 2863. Tatort-Team, ZDFkultur und EinsPlus wandern ins Internet, während der Ableger Neo seine erste Sitcom Im Knast produziert, gefolgt von einer Drama-Serie im US-Stil, die natürlich von der Originalquelle ansehnlicher sein dürfte, was das Breaking-Bad-Sequel Better Call Saul mit Walther Whites aberwitzigem Anwalt belegen dürfte. Bad news gewohnt zuletzt: Nachdem Amazon ab März die postapokalyptische Reihe The After im eigenen Videodienst verbreiten wird, übernimmt Netflix mit der Seriensuperpower des Marvel-Helden Daredevil die Weltherrschaft und sperrt alle Fernseher in dunkle Kellerlöcher. Frohes neues Fernsehjahr!


Weihnachtsprogramm: Kinder & Krams

Bingle Bells

Weihnachten ist die Zeit des Friedens, des Schenkens – und des Fernsehens. Besonders Kinder werden an den Feiertagen sogar im öffentlich-rechtlichen Hauptprogramm rundumversorgt. Ganz im Gegensatz zum kommerziellen. Ein kleiner Überblick.

Von Jan Freitag

Binge Watching ist bekanntlich das neue Ding am Himmel zeitgenössischen Medienkonsums. Weil viele Zuschauer die starre Taktung des Regelprogramms langsam leid sind, schauen sie ihre Lieblingsformate lieber auf DVD oder im Internet. Besonders bei Importserien tendieren echte Fans dabei zur Druckbetankung: alle Folgen einer Staffel hintereinander weg, gern auch die der nächsten obendrein, Pausen nur zum Pinkeln, eben Binge Watching genannt. Dass man sich allerdings auch im öffentlich-rechtlichen Korsett derart dauerversorgen kann, auch noch mit ein und demselben Film, belegt – was sonst, in diesen Tagen? – Drei Haselnüsse für Aschenbrödel.

Dreizehnmal wird der televisionäre Festtagsschmaus schlechthin allein an den drei Feiertagen von anspruchsvollen Sendern serviert. Auf EinsFestival können schlaflose Kinder das nostalgische Kleinod sogar nachts um eins oder halb fünf genießen. Kinderprogramm rund um die Uhr quasi. Womit wir beim Thema wären. Denn während ARD und ZDF ihr Nachwuchsangebot im Rest des Jahres praktisch vollends gen KiKa abschiebt, versuchen sie die Familie im Ganzen rings um Heiligabend nochmals grundzuversorgen und wissen sich mit ihren Spartensendern dabei in guter Gesellschaft. Vor allem mit Märchen, besonders bei den Dritten, mehr aber noch im Ersten. Seit sieben Jahren nämlich modernisiert dessen Reihe Sechs auf einen Streich alte Volksweisen von Grimm bis Andersen und macht daraus aktuelle Geschichten im nostalgischen Gewand.

Mit der 7. Staffel schwillt der Kanon nun auf insgesamt 34 Filme an: durchweg zielgruppenfreundliche 60 Minuten lang, allesamt auf ihre Weise – wenn schon nicht immer gleich gelungen, so doch immer gleich wertvoll. Denn auch das neue Quartett, darunter mit Siebenschön zum Auftakt erstmals ein Stück des Weimarer Erzählers Ludwig Bechstein, baut bezaubernde  Brücken zwischen Nostalgie und Realität, Märchenwelt und Gegenwart. Dafür sorgt im Anschluss Grimms Außenseitergeschichte Sechse kommen durch die ganze Welt, in der eine Gruppe zeitloser Freaks durchs geistig beschränkte Mittelalter irrt. Dafür sorgt aber mehr noch die furiose Adaption von Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen.

Grimms Novelle über den Töpfersohn Michel (Tim Oliver Schulz), der die schöne Königstochter nur kriegt, wenn er das Schloss ihres Vaters von Geistern befreit, mischt so viel humoristischen Horror unters Coming-of-Age-Drama, dass es selbst für Game-of-Thrones-Fans einiges bietet. Dazu Rick Kavanian als Moorleiche oder Heiner Lauterbach als obdachloser Regent – fertig ist ein Lagerfeuer für die halbe Familie, das auf den anderen Sendeplätzen gerade fleißig gelöscht wird. Wie gut, dass es einer wie Christian Theede so sorgsam am Knistern hält.

Der rührige Regisseur aus Hamburg hat der ARD-Reihe mit Perlen von Allerleirauh bis zum Fischer und seiner Frau bereits fünf äußerst sehenswerte Beiträge hinzugefügt. Nun kommt noch sein Zweiteiler Till Eulenspiegel hinzu, auch so eine Ballade, die historisch kostümiert von der Verlogenheit des Menschen kündet, die sich bis heute durchs soziale Miteinander zieht. Als Event unter den vielen Neuheiten reiht sich auch diese Bestseller-Adaption demnach nahtlos ein in den Kanon modernisierter Klassiker, die das gesamte Weihnachtsprogramm füllen.

Das ZDF hält sich dieses Jahr bis auf das rührselige Emanzipationsmärchen Die kleine Lady (Freitag, 16.35 Uhr) und die fantasyartige Schneekönigin (10.40 Uhr) zwar mit weihnachtsaffiner Frischware für kleine und große Kids zurück. Von Tagesanbruch bis Sonnenuntergang ist es aber dennoch völlig egal, welches erste bis dritte Programm man vorm Wochenende einschaltet: es läuft garantiert eins der zahllosen Märchen, die in den vergangenen Jahren neu entstanden sind. Und mittendrin, besonders im MDR, wie gewohnt jene schwarzweißen bis bonbonfarbenen Kinderfilme der osteuropäischen Märchenschule, die nicht allein im ostdeutschen Gemüt wohlige Wärme entfachen.

Nur der KiKa bleibt da seltsam märchenfrei. Und natürlich die Privatsender, in denen sich alle Feststimmung eher in animiertem Hollywood-Bombast und ähnlich überdrehten Import-Komödien voll rotweißbemützter Stars erschöpft. Gut: schöner ist Weihnachten ohnehin, wenn die Glotze ausbleibt. Aber wenn man sich davor schon die Zeit bis zur Bescherung vertreibt, dann vielleicht besser mit Aschenputtel um eins im Ersten als der Weihnachtsgeschichte mit Schlümpfen zeitgleich auf RTL. Noch mehr Werbung braucht nach dem Konsumterror der Adventszeit sowieso niemand.

25. Dezember
14.15 Uhr, Siebenschön, ARD
15.15 Uhr, Sechse kommen durch die ganze Welt, ARD
16.15 Uhr, Till Eulenspiegel, 1. Teil, ARD
26. Dezember
14.15 Uhr, Die drei Federn, ARD
15.15 Uhr, Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen, ARD
16.15 Uhr, Till Eulenspiegel, 2. Teil, ARD

H. Huntgeburth: Tom Sawyer & Huck Finn

Echter Dreck

Hermine Huntgeburths Abenteuer des Huck Finn erzählt am Freitag auf Arte wie zuvor schon ihr Tom Sawyer die Welt der Kinder mit den Augen Erwachsener – und ist gerade deshalb ein Film, der sie Kindern öffnen kann.

Von Jan Freitag

Füße sind visuell eher heikle Extremitäten. Als Gebrauchswerkzeuge weit strapazierter als die anderen Körperteile, sind sie selten ansehnlich und daher vornehmlich verhüllt zu sehen. Wer Füße gern nackt betrachtet, gerät folglich rasch in den Ruch fetischistischer Obsession. Nichts fürs Familienprogramm also. Dann aber beginnt dieser Familienfilm und er beginnt – genau: mit Füßen. Und nicht nur das. Es sind dreckige Füße, Kinderfüße zwar, beim Toben im Freien zumal, doch sie stehen so derart vor Schmutz, dass man den Hauptdarstellern schon beim Zuschauen eine robuste Reinigung wünscht. So geht es viele der gut 100 Minuten weiter: schlammige Sohlen, verkrustete Zehen, abendfüllende Waschverweigerung zur besten Sendezeit. Man könnte meinen Hermine Huntgeburth hätte einen Fußtick.

Hat sie aber nicht. Die Regisseurin von Bibi Blocksberg bis Effie Briest, von Die Weiße Massai bis Neue Vahr Süd hat höchstens den Tick, artifizielle wie bodenständige Themen gleichermaßen lebensnah zu erzählen. Und in ein deftiges Abenteuer der Marke Mark Twain gehört da nun mal ausreichend Mississippidelta-Schlacke wie der Ziegen-Peter zur Heidi. Kein Wunder, dass auch Huntgeburths Version von Mark Twains Saga über Tom Sawyer und seinen Freund Huckleberry Finn die Unsauberkeit zum alltäglichen Aggregatszustand diverser Protagonisten macht; zumindest auf dem Land präsentierte sich dass 19. Jahrhundert schließlich als eher unhygienische Angelegenheit: Gebadet wurde allenfalls Samstag. Zahnpflege, Hautpflege, Nagelpflege waren großstädtischer Ostküstenluxus. Gepflasterte Straßen und Schuhabtreter ohnehin. Was das Äußere betrifft, ging es weit derber er zu als in diversen Werken über diese porentief rein gefilmte Epoche.

Anders als dort ist Hermine Huntgeburths Huck Finn also tatsächlich Wilder Westen, wenngleich im Baumwoll-Süden. Es gibt die Guten und die Bösen, den noblen Sheriff und einen dreckigen Schurken, blitzende Messer und rasende Pferde, rauchende Colts, verrauchte Saloons und alles wird in etwa so gezeigt, wie es hätte sein können, im Jahr 1876, als der wohl berühmteste aller Jugendromane zugleich auf Deutsch erschien. Schließlich ist auch Twains Buch mehr als ein kindgerechter Lesestoff mit aufregender Rahmenhandlung, sondern womöglich das erste wirklich ernstzunehmende Teenagerdrama der Weltliteratur. Eine Coming-of-Age-Novelle übers Erwachsenwerden aus Sicht Betroffener, in der Heranwachsende nicht bloß Objekte elterlicher Pflichtzuweisung waren, sondern eigenständige Protagonisten in Abgrenzung zu den Altvorderen. Eigenständig denkend vor allem. Subjekte ihrer eigenen Vorstellungskraft.

Das angemessen umzusetzen, fiel all den ehemals Kleinen, die diese Welt der künftig Großen für Bildschirm und Leinwand bebildert haben, bislang jedoch seltsam schwer. Seit der ersten Stummfilmversion von 1917 gab es rund ein Dutzend Adaptionen; doch von Don Taylors TV-Fassung vor 40 Jahren mit der blutjungen Jodie Foster als schnuckelige Richtertochter Becky Thatcher bis hin zur 26-teiligen ARD-Serie Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn anno `79 galt die raue Wirklichkeit gern als zu schädlich für junge (wie alte) Zuschauerseelen.

Bei Hermine Huntgeburth ist das ein bisschen anders. Hier durfte Sawyers schlicht gestrickter Altersgenosse im ersten Teil eher historisch als politisch korrekt „das ist doch Niggerarbeit“ sagen, bevor ihm sein schlauer Mitschüler vom Reiz des Zaunstreichens überzeugte, während August Diehl im zweiten Teil als Hucks Vater Finn nicht nur düster, sondern geradezu diabolisch sein darf, und Henry Hübchen nebst Milan Peschel grandios schmierige Sklavenjäger geben, die Hucks schwarzem Freund Jim (Jacky Ido) nachhetzen. Keine Frage, auch Huntgeburths Huck Finn ist nicht frei von abgeschliffenen Kanten. Für sich genommen mag Kino, wie Nebendarstellerin Heike Makatsch zu Tom Sawyer bemerkte, „experimentierfreudiger, mutiger sein als das Fernsehen“. Wenn es wie hier gießkannengefördert für den Bildschirm koproduziert wird, muss das Leitmedium allerdings ein paar ästhetische Kompromisse eingehen. Die Sklaven geraten dann zuweilen etwas gesünder als in der Herrenmenschenwelt jener Tage, der Irrsinn starrer Konventionen aus Twains Vorlage wird oft nur angerissen statt ausdifferenziert. Die Grundmelodie ist heiterer, als es der knüppelharte Alltag jener Eroberungstage unbekannten Terrains eigentlich gestattete. Und wenn spielende Kinder unter Schäfchenwolken über blühende Wiesen laufen, machen VFX und CGI aus der südstaatlich pragmatischen Kulturlandschaft wie Twain sie beschreibt schon mal Tolkiens Auenland – aber bitte! Huck Finn ist und bleibt Unterhaltungsliteratur plus etwas Gesellschaftskritik für junge Leute. Nicht umgekehrt. „Und grad große Unterhaltung“, meint Regisseurin Huntgeburth, „bietet ja auch die große Chance, sozialpolitische Aussagen einfach mitzuliefern“.

Dabei helfen ihr neben den arrivierten Schauspielstars zwei keinesfalls unerfahrene, aber noch unverbrauchte Talente. Dank Louis Hofmann und Leon Seidel als jugendliches Odd-Couple Tom und Huck, kann Hermine Huntgeburth das Schicksal zweier, wie man heute sagen würde: sozial benachteiligter Waisen voll nostalgischer Leichtigkeit erzählen, ohne unablässig mit erhobenem Zeigefinger auf deren Lebensumstände zu zeigen. Wie sehr ihr gottesfürchtiges Milieu den fröhlichen Freiheitsdrang der jungen Schäfchen bekämpft, gerät im unverkrampften Spiel der damals kaum dreizehnjährigen Titelhelden eher zum Subtext als zum Wesenskern. Spürbar bleibt es dennoch. In fast jeder Sekunde.

Genau das ist ohnehin eine Stärke Hermine Huntgeburths, was sie zuletzt in der wunderbar verschrobenen Korruptionskomödie Eine Hand wäscht die andere mit Ulrich Noethen als korrupten Kleinstadtbeamten zeigte: sachliche, oft ernste Botschaften in leichtes, oft heiteres Entertainment zu verpacken. Bei Tom Sawyer, wird es zusätzlich durch die detailverliebte Ausstattung verstärkt, den verschwenderischen Kulissenbau, das Bedürfnis zu bildgewaltigem Realismus. Der Hafen von St. Petersburg, erklärt die Regisseurin, „wurde zwar fast vollständig am Rechner erstellt“. Andererseits konnte ihr Team im rumänischen Studio unter anderem die Reste des Westerndorfs aus dem Hollywood-Erfolg Unterwegs nach Cold Mountain nutzen. „So einen tollen Kostümfilm dreht man nicht alle Tage“, freut sich Huntgeburth daher noch drei Jahre und eine Fortsetzung namens Die Abenteuer des Huck Finn später über einen Teil ihrer Kindheit, mit dem sie vor allem Filmerinnerungen verbindet.

Etwa den ZDF-Vierteiler Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer von 1968. Noch so eine Adaption, in der die Wirklichkeit fernsehrein gebürstet wurde und das Vagabundenleben aufs Abenteuer geduziert. In der die Klamotten heil waren und die Füße sauber. Dass die bei Hermine Huntgeburth vor Dreck starren, ist da kein Zufall. „Nackte Füße stehen bei allem Freiheitsdrang ja auch für die vergangene Möglichkeit, unverletzt durch die Natur zu laufen.“ So wie es die Regisseurin als Kind noch getan hat. Lang ist’s her, die 55-Jährige seufzt. Aber ihr Film hilft ja beim Erinnern.


3sat: Bewegte Republik Deutschland

Herrschen hilft

Der sehenswerte 3sat-Vierteiler Bewegte Republik Deutschland macht heute Abend (20.15 Uhr) den zweiten Teil seines Streifzugs durch 70 Jahre Kultur und zeigt dabei auf verstörende Weise, wie gut ihr Diktaturen tun – und wie schlecht deren Ende.

Von Jan Freitag

Kultur und Diktatur – das gilt gemeinhin als zivilisatorischer Widerspruch in sich. Nicht ohne Grund ist „Kulturbruch“ eine beliebte Umschreibung jeder Barbarei, besonders der nationalsozialistischen, die den Begriff der „Diktatur“ seinerzeit total neu definierte. Und wollten Stalin, Pol Pot, Mao nicht alle Kunst überwinden im Dienste einer vermeintlich pragmatischen Ideologie, die nur noch Arbeit als Ausdruck menschlicher Kreativität ansah? Angesichts solchen Irrsinns allerorten ist es überaus erfrischend, Heiner Müller reden zu hören. „Mit Diktaturen“, sagt der große Ostberliner Dramaturg über die Allmachtssysteme seiner Autobiografie in zwei deutschen Staaten, „komme ich gut zurecht“. Demokratie dagegen, die langweile ihn eher.

Den Grund für die provokante Selbstauskunft erfährt man im famosen Vierteiler Bewegte Republik Deutschland, mit dem 3sat ab Montag die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit Revue passieren lässt. Den Aberwitz herrschender Verhältnisse künstlerisch zu kommentieren, ergibt nicht nur aus Müllers Sicht eben weit mehr Sinn, verschafft weit mehr Befriedigung, macht womöglich gar weit mehr Spaß, wenn sie sich nicht ohne Gegenwehr kommentieren lassen. Kunst sehnt sich nach Widerstand. Wenn der fehlt, leide die Kunst selbst. Darüber geben 70 Jahre Kultur zwischen Krieg, Konsum und Politik, wie es im Untertitel heißt, 180 durchweg spannende Minuten lang Auskunft.

Der 1. Teil Schuld und Wunder zum Beispiel unternahm am Montag bereits einen mal bombenschuttgrauen, mal technicolorbunten Streifzug durchs Wirtschaftswunder, bevor Zur Waffe, Schätzchen die kurzen Jahre des geistigen Aufbruchs zwischen 1962 und 1983 begleitete (http://www.3sat.de/mediathek/?obj=48175). Heute nun findet in Geteilter Himmel endlich auch die Kultur östlich der Elbe Erwähnung, die der 4. Teil allerdings gleich wieder realitätsgetreu im Einheitstaumel untergehen lässt. Schließlich gilt dem bundesrepublikanischen Mainstream bis heute vieles, ja fast alles, was im Osten abseits der Politik zustande gekommen ist, gewissermaßen realsozialistisch verseucht. Und stets findet Heiner Müllers These Bestätigung: Enden hierzulande Diktaturen, gerät mit der Politik nicht zwingend auch die Kultur in Freiheit.

Gleich nach dem 2. Weltkrieg zum Beispiel übernahm eine neue Diktatur das Ruder, weniger blutig zwar, aber äußerst effizient: Eskapismus. Nach Goebbels Propagandaschlachten übernahmen nun Nierentische, Schwarzwaldmädels und Sonntagsbraten die Deutungshoheit übers schuldunbewusste Gemüt der besiegten Nation. In bissigen, aber treffenden Beiträgen kommentieren Künstler von Roger Willemsen über Volker Schlöndorff bis Herbert Grönemeyer, was die Leitkultur damals prägte: Wegsehen. Abstreiten. Verdrängen. Mindestens. Für den KZ-Film „Morituri“ nämlich erntete Regisseur Eugen York 1948 Nestbeschmutzer-Vorwürfe bis hin zur Morddrohung. Das sozialistische Experiment im Osten, so erfährt man bei 3sat, gestattete zwar größeren Mut im Umgang mit der eigenen Vergangenheit, wie Wolfgang Staudtes Mann-Verfilmung Der Untertan 1951 belegt. Doch auch die DDR beherbergte bekanntlich bald nur noch Opfer. NS-Täter? Alle im Westen!

Dieser Dampfkessel unterdrückter Aufarbeitung wurde zwar so lange am Köcheln gehalten, dass die nachgeborene Generation ihren fast kollektiv schuldigen (Groß-)Eltern das verlogene Schweigen mit wütender Renitenz bis hin zum RAF-Terror um die Horen schlug. Dank Auschwitzprozessen, Spiegel-Affäre, Kennedy-Rede und Schah-Besuch setzte allerdings von Kraut- bis Punkrock, von Wiederbewaffnungs- bis Doppelbeschlussdemos ein kurzer Frühling des kulturellen Erwachens ein.  Doch kaum war 1989 die nächste Diktatur auf deutschem Boden beendet, flüchtete sich das wiedervereinigte Wunderland in den kollektiven Fluchtinstinkt. Aus Literatur wurde Popliteratur, aus Kultur Spaßkultur, aus dem Fernsehen ein Leitmedium mit kommerziellen Gleichschaltungstendenzen und das Autorenkino versank in der Bugwelle  harmloser Komödien für Millionen. So ist Bewegte Republik Deutschland zwar ein fabelhaftes Sittengemälde unserer Kultur. Es macht aber auch ein bisschen Angst. Angst davor, dass die aktuelle Beliebigkeit wieder in irgendwas Unseliges mündet. Bei den Deutschen weiß man ja nie.


Hanns Zischler: Intellektueller & Nebenstar

Der Mann am Hintergrund

Ob Hollywood oder TV-Drama, großes Kino oder ganz kleines Schnulzencaro – Hanns Zischler glänzt in tragenden Nebenrollen ebenso wie als zurückhaltende Hauptfigur. Im erstaunlich ansehnlichen ARD-Freitagsfilm Stille Nächte spielt er diesmal seltsamerweise beides. Doch auch die Tragikomödie ist irgendwie nur Mittel zum Zweck eines Intellektuellen, sich seine Intellektualität auch leisten zu können muss.

Von Jan Freitag

Nein, das Wort Nebenrolle hat keinen schönen Klang. Selbst die besten Hauptdarsteller sind ohne Begleitung zwar weitestgehend arbeitsunfähig, aber neben liegt eben doch leicht abseits vom Fokus. Und welcher Akteur im Rampenlicht will da schon hin? Hanns Zischler will! „Stimmt schon“, sagt der Schauspieler mit hundertfacher Nebenrollenerfahrung, „ich stehe in der Besetzungsliste oft an vierter Stelle“. Aber das, sagt ruhig wie immer, sei kein Verharren auf halber Treppe zum großen Erfolg, sondern eine Frage der Ökonomie. Der betriebswirtschaftlichen – „schließlich haben Schauspieler lange Durststrecken ohne Arbeit“. Und der dramaturgischen – „schließlich ist niemand entbehrlich“. Weder im Film noch auf der Bühne. „Man muss in jeder Rolle geistesgegenwärtig sein“. Ob an erster oder vierter Stelle der Besetzungsliste.

Im ARD-Freitagsfilm Stille Nächte ist er diesmal irgendwas in der Mitte. Obwohl sich Filmsohn (Matthias Koeberlin) schon vor einer Ewigkeit von seiner Frau (Katharina Schüttler) getrennt hat, feiern beide Jahr für Jahr gemeinsam mit den (Schwieger-)Eltern Weihnachten, nichtsahnend, dass die längst davon wissen. Weil aber auch Hanns Zischler und Katharina Thalbach als Paul und Clara längst nicht alle (unangenehmen) Wahrheiten auf den Tisch packen, entspinnt sich daraus eine ziemlich charmante Tragikomödie um Sinn und Unsinn kleiner wie großer Lügen unter Menschen, denen man nahe steht. Und auch hier vollbringt Hanns Zischler das Kunststück, präsent und gleichsam unauffällig zu sein, den Film zu tragen und zu unterwandern in einem. Es ist die Fähigkeit des geborenen Nebendarstellers.

„Supporting Act“ nennt man solche Randfiguren, die wie ein Gustav Peter Wöhler, Alexander Held oder Stephan Kampwirth nur auffielen, wenn sie ausfielen. Uneitle Diener am Ganzen, überwiegend im Hintergründ tätig und doch handelnd wie die erste Garde. Zischlers „verschwiegenes Gesicht“, wie der Stern mal schrieb, erzeugt ohne viel Getöse eine Präsenz, die jeder Hauptrolle würdig wäre. Er habe nur auf dem Sofa gelegen und wenig gesagt, meinte der französische Weltstar Jeanne Moreau mal über eine gemeinsame Theaterarbeit, „aber er war großartig“. Diese Reduktion, mit der er nun sogar das furchtbare Drehbuch von Christiane Sadlo alias Inga Lindström mit etwas Leben füllt, hat ihn international bekannt gemacht. Steven Spielberg engagierte ihn 2005 gar für sein Terror-Drama München. In tragender Nebenrolle, versteht sich.

So spielte sich der Nürnberger von 67 Jahren seit seinem Debüt in frühen Werken von Wim Wenders durch Film und Fernsehen, nicht unbemerkt, aber jenseits aller Verwertbarkeitskriterien des Boulevards. Mehr noch als ein guter Schauspieler ist Hanns Zischler dabei ein würdevoller. Mit der zunehmenden Karstigkeit seines eisgrauen Kopfes spielt er den harten Vermieter in Die fetten Jahre sind vorbei so versiert wie den Gutsherren im Vertreibungsdrama Die Flucht und hebt jeden Bildschirm auf Kino-Niveau.

Dabei sei das Fernsehen „nur eine Briefmarke“, zitiert er den großen Produzenten Gyula Trebitsch. „Es sehnt sich nach Leinwand, kommt aber nur auf einen Meter Diagonale“. Und Zischler meint das nicht inhaltlich. Denn solange der kleine Flatscreen dem großen Kino nicht „nachhechelt wie ein eifersüchtiges Kind“, sei ihm manch ambitionierter Zweiteiler lieber als cineastische Beliebigkeit. Hauptsache, er könne sich darin auf seine Art entfalten. Wobei Entfaltung übertrieben klingt: In beiden Formaten nutzt Zischler ja oft bloß einen Gesichtsausdruck, diese „vertrauenerweckende Männlichkeit, die jeder modischen Attitüde trotzt und sympathisch altmodisch auftritt“, wie das Lexikon des deutschen Films schreibt. Sie verleiht ihm etwas Berechenbares, zugleich aber auch Unerklärliches, und vielleicht nimmt ihm ja genau das die Hauptrollentauglichkeit. „Was nicht schnell erklärt werden kann“, erklärt er die Mechanismen des Mediums, „wollen wir nicht“, Das hänge mit dem Sendeauftrag zusammen. Er lacht bissig: „Ein wunderbares Wort, wie aus dem neuen Testament.“

Doch Zischler, ein schauspielernder Intellektueller und angesehener Filmkritiker, der mit Begriffen wie „ideosynkratisch“ oder „Kinematografie“ jongliert, mehrere Fremdsprachen spricht, singt und Klavier spielt, dessen Essay Kafka geht ins Kino von französischen Kritikern als bestes fremdsprachliches Buch übers Kino gewählt wurde – er meint es gar nicht böse. Fernsehen müsse sich nur auf seine Stärken besinnen: Reportage, Sport, Serie, Mehrteiler. Und hin und wieder mal seichte Fernsehkost wie Wilde Wellen. .ein ZDF-Vierteiler, der vor ein paar Jahren so viele Grenzen des anspruchsvollen Geschmacks unterlief, dass man sich Sorgen um Zischlers Zurechnungsfähigkeit machen musste. Am Ende aber zeigte sich: Einem wie ihm kann selbst das nicht schaden.

Stille Nächte – Freitag, 5. Dezember, 20.15 Uhr, ARD


Pasquale Aleardi: Kommissar mit Dackelblick

Zu schön, um gut zu sein

Mit Kommissar Dupin hat es den deutschen Krimi im April mal wieder ins Ausland gezogen. Heute ermittelt Pasquale Aleardi zum zweiten Mal als Pariser Exilant in der fremdsprachigen Bretagne – und macht das abermals gar nicht mal schlecht.

Von Jan Freitag

Wenn leise die Meereswellen wippen und dazu mal skandinavisches, mal mediterranes Flair durchs Bild weht. Wenn fremdländische Menschen fremdländische Riten pflegen und ihr akzentfreies Deutsch mit „Monsieur le commissaire“, „Merci“ oder „Madame“ begleiten. Wenn also alles exotisch ist und gleichsam nichts – dann dreht das hiesige Fernsehen seine Krimis mal wieder außerhalb der Landesgrenzen. Nach all den Laurentis, Brunettis, LaBréas und zuletzt dem Britischen Jury ermittelt nun also ein gewisser Georges Dupin nach dem Besteller des Jean-Luc Bannalecs in der Bretagne, jenem karstig-schönen Horn Frankreichs im wilden Atlantik. Die Leute rings um den strafversetzten Kommissar aus Paris machen maue Witze, tragen mediokre Kleidung, kochen miefende Fischsuppe, sind insgesamt nur mäßig spannend und tun somit alles, was den hochnäsigen Exilanten auf die Palme bringt. Also auch uns, das Publikum. Es ist zum Davonlaufen. Aber auch zum Abschalten?

Nein! Und das liegt einzig und allein an einem: Pasquale Aleardi. Der Schweizer mit dem hinreißend schönen Äußeren zwischen Latin Lover, Frauenversteher und Finanzjongleur verleiht seiner ersten ernstzunehmenden Serienrolle in zwei Jahrzehnten Schauspielerei eine entspannte Leichtigkeit, die selten ist auf solchen Sendeplätzen. Und das will was heißen. Denn wie so viele Fälle im deutschen Krimi jenseits vom Tatort ist auch dieser hier in seiner dramaturgischen und darstellerischen Schlichtheit fast bemitleidenswert.

Ging es im ersten Fall vor um einen – gähn – Erbstreit, in dem ein – schnarch – reicher Hotelier von – chhhrrr – gierigen Verwandten ums Leben gebracht wurde, weil es da was Tolles zu vererben gibt, diesmal wertvolle Kunst, so handelt Bretonische Brandung von drei angespülten Leichen mit Betäubungsmitteln im Blut, was bald auf irgendwas mit touristischen Großimmobilien im Naturschutzgebiet zu tun hat. Dazu werden auch diesmal allerlei regionale Normklischees verhandelt, die Protagonisten gucken stets, wie es ihrer Verstrickung in den Fall entspricht, und jeder kriegt dazu seinen kleinen Running-Gag: Die Hauptfigur (Dupin) rast dauernd in die Radarfalle und hasst jene Provinz, die er bewohnt. Inspektor Kadeg (Jan Georg Schütte) lacht als einziger über die eigenen Witze. Kollege Riwal (Ludwig Blochberger) ist ein Streber mit Streberbrille. So wird alles brachial auf Serientauglichkeit gebogen.

Dazwischen aber gibt es immer wieder diese kleinen Momente lässiger Nonchalance, mit der Pasquale Aleardi seine Verhöre vornimmt, den Notizblock traktiert, eine Landschaft erkundet, die ihm fremd, aber nicht unsympathisch scheint. Was abermals beweist, wie lieblos dieser talentierte Züricher von 42 Jahren besetzt wird. Gelegentlich darf der Sohn griechisch-italienischer Gastarbeiter zwar sein Gespür für die dezenten Töne im überdrehten Miteinander zeigen; dann spielt er einen glaubhaften Revoluzzer in Stefan Krohmers Dutschke oder ein israelisches Terroropfer in Dror Zahavis München 72. Meist gibt er dann aber doch die leicht exotischen Liebhabertypen in leicht debilen Filmen mit Titeln voller „Herz“ und „Liebe“ und „Männer“, die irgendwie irgendwas sind, meist etwas zu männlich.

Das kann man mal machen; schlechte Filme zu drehen ist für den prekären Beruf des Schauspielers betriebswirtschaftlich ja immer noch besser als gar keine Filme zu drehen. Und mit diesen hier beweist die frühere ARD-Schmalstullenfabrik Degeto, dass ihr Anspruch unter neuer Führung langsam ein bisschen übers sture Versendung dämlicher Liebesschnulzen hinausgeht. Doch bei kaum einem anderen Darsteller dieser Kategorie zwischen A- und B-Promi ist das Dilemma attraktiver Optik spürbarer als bei Kommissar Dupin alias Pasquale Aleardi. Kein Wunder, dass er mit Ermittlerfreundin Esther Zimmering und Annika Blendl als Assistentin Nolwenn zwei Schönheiten zur Seite bekommt, an denen er seinen süßen Dackelblick trainieren darf. Und das gleich in Serie. Seinem Portfolio bekommt das sicher gar nicht so schlecht. Seinem Anspruch, endlich ernster genommen zu werden als seiner Hülle eher weniger.