Michelle Hunziker: Accessoire & Chefin
Posted: March 26, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentParteiische Frohsinnsmaschine
Wer das Personal von Raab bis Lanz sieht, wähnt sich längst im Leichenschauhaus der TV-Show. Jetzt mischt es womöglich jemand auf, der bislang im Schatten der Stars stand: Michelle Hunziker. Auch wenn Die große Überraschungsshow (heute im ZDF eher fade Gebrauchtware sein dürfte.
Von Jan Freitag
Holland liegt jetzt in Italien, der Schweiz oder umgekehrt. Vielleicht liegt es allerdings auch ein bisschen in Deutschland, je nach Perspektive: Michelle Hunziker hat jedenfalls ihre allererste eigene Fernsehshow, und das ist gewisse eine internationale Angelegenheit. Die italienische Tochter einer niederländischen Mutter mit schweizerischem Mann, geboren im Tessin, moderiert ab heute nämlich etwas, das nicht nur eine fünfsprachige Gastgeberin mit mehreren Pässen aufweist, sondern auch noch verteufelt nach Rudi Carrell klingt.
Die große Überraschungsshow heißt das Format im gewohnt aufdringlichen Jubelton des ZDF und – Überraschung! – überrascht Menschen wie du und ich mit Dingen ihres Herzens. Von einer 90-Jährigen, berichtet das Zweite vorab, die seit Wirtschaftswunderzeiten einem gewissen Fußballclub anhängt und wahrscheinlich ganz dufte von dem überrascht wird. Oder vom Fan eines Musikstars, der ihn in der Sendung persönlich begrüßen dürfte. Von ganz normalen Leuten also, die irgendetwas können, brauchen, tun oder lassen und dafür aus dem Alltag oder Saalpublikum ins Rampenlicht gezerrt werden, wo alles in überdrehter Heiterkeit explodiert.
Exakt das gab es vor gut einem Vierteljahrhundert schon einmal, nur eben mit Rudi Carrell vor der Kamera, dessen Namen die ARD vergleichbar schlicht mit Show hintendran zum Titel machte und, hoppla, Menschen wie du und ich überraschte. Am Übergang ins duale System kratzten die Zuschauerzahlen solcher Leichtigkeit regelmäßig an der Achtstelligkeit. Doch weil es so was bei 300 Konkurrenzkanälen, dem Internet und seltener einem guten Buch statt Glotze im Grunde bloß noch beim Tatort gibt, hüllen wir hiermit den Mantel des Schweigens über die nichtige Dramaturgie und wenden uns ihrem Führungspersonal zu, dass es mit den Hüllen in ausreichend wärmender Art ja auch nicht so hat.
Michelle Hunziker flutet nach dem italienischen nun also auch den deutschen Unterhaltungsmarkt allein mit Glückshormonen. Es ist eine echte Erfolgsstory. Mittlerweile 37 ist sie überaus erfahren, sieht dabei immer noch umwerfend aus und kultiviert ihr Gemüt eines kleinen Kindes unterm Weihnachtsbaum so versiert mit der Professionalität des selbstlosen Sidekicks, dass man für Die große Überraschungsshow gar nicht mal schwarz sehen muss. Seit das blonde Model mit dem Hang zu exhibitionistischer Kleidung 1998 erstmals auf Thomas Gottschalks Couch landete, hat sie sich ja nicht nur vom Beruf des sexy Accessoires ihres Gatten Eros Ramazotti emanzipiert; Michelle Hunziker ist selbst zur Hauptdarstellerin gereift, die nach einem Ausflug zu DSDS an der Seite eines gewisse Carsten Spengemann einst Wetten, dass…? 2009 vorm zwischenzeitlichen Ruin gerettet und einen neuen Typus Showmaster jenseits der großen Schunkelsausen kreiert hat: Die hyperparteiische Frohsinnsmaschine.
In dieser Rolle hortet sie nun Sympathien wie zuvor höchstens Gottschalk selbst oder vielleicht noch ein Hape Kerkeling. Geschätzt wird die konsequent leicht bekleidete Schönheit allerdings nicht nur von Voyeuren aller Altersklassen, sondern von all jenen, die es zu schätzen wissen, dass da noch eine echte Leidenschaft fürs Medium in sich trägt, statt bloß routinierter Empathie. Vielleicht setzt sich Michelle Hunziker deshalb abseits der Bühne nicht wie all ihre PR-bewussten Kollegen fürs Konsensthema Kinder ein, sondern für Opfer häuslicher Gewalt. Und vielleicht ist es ihr ja auch deshalb piepe, dass sie mit der Überraschungsshow berechenbares Stromlinienfernsehen wegmoderieren soll. Denn vielleicht liegt ihr ja wirklich etwas an ihren gewöhnlichen Gästen. Damit würfe Michelle Hunziker dem sinkenden Schiff Fernsehshow einen Rettungsanker zu. Seit Rudi Carrells Ende, ist Holland nämlich wirklich in Not.
Porträt: Frauenwerbung
Posted: March 20, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Küche, Kegel, Körperpflege
Die Werbung hat ein Emanzipationsproblem: Während Männer Bier trinkend Autos kaufen, schmeißen Frauen den Haushalt. Gerade im Fernsehen funktioniert Reklame also wie vor 50 Jahren. Ein Krisenbericht zum morgigen Equal-Pay-Day, an dem Frauen in gleicher Position dasselbe verdient hätten wie ihre männlichen Kollegen im Jahr 2013.
Von Jan Freitag
Es ist wieder heimelig: Plätzchen backen, Christbaum schmücken, Festschmaus kochen, Hosen bügeln, tüchtig putzen, Süßes kaufen – Haus und Hof sollen tiptop sein, für die Feiertage. Und wer macht’s? Na Mutti! Zumindest im Fernsehen. Ein beliebiger Werbeblock zeigt blutjunge Mütter bei der Vorbereitung des Kindergeburtstags mit Lufterfrischer. Dann lockt ein Handyanbieter mit feschen Burschen beim Angeln. Darauf bespricht das schöne Geschlecht Waschmittelvorzüge. Bis das starke einen Gehirntrainer preist, eine Blondine ihre Großfamilie bekocht und wechselnde Männer Autoversicherungen loben.
Geht es also um Karriere, Kopf, Kfz, bleiben Werbeträgerinnen unsichtbar – sind ja auch mit Küche, Kegel, Körperpflege ausgelastet. TV-Reklame funktioniert heute wie 1956, als Liesl Karlstadt dem Fleck auf Beppo Brems Hose mit Persil zuleibe rückte: Wo gebacken, geschmückt, gekocht, gebügelt, geputzt, gekauft wird, verziehen sich Kerle aufs Sofa. Kein Wunder, dass Karen Heumann, Vorstand der Top-Agentur Jung von Matt, den „Rückgriff aufs Allertraditionellste“ beklagt. Die Aufteilung in Ernährer und Heimchen, ergänzt Amir Kassaei vom Art Directors Club, „ist überhaupt nicht mehr zeitgemäß“.
Trotzdem werben Greise, Singles, Ausländer, Arme nur selten für „Schnelldreher“; bei diesen Dingen des täglichen Lebens regiert die Kleinfamilie schicker Twens plus Grundschülerin mit kleinem Bruder im porentiefreinen Designerloft und Neuwagen vorm Garagentor. Reklame, erklärt Volker Nickel vom Werbeverband ZAW, „bildet gesellschaftliche Entwicklungen eben seit jeher nur ab“. Tut sie das? Das Wirtschaftsinstitut DIW hat errechnet, dass Männer Anfang des Jahrzehnts sechsmal mehr daheim halfen als 1965. Ist die Frau erwerbstätig, erledigen sie laut der „Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen“ ein Drittel der Hausarbeit. Das rechtfertigt einen Hausfrauenüberhang in der Werbung, aber keinen Hausmännerausschluss. Weil eine Managerin nach Feierabend ihren Gatten beim Spülen berät, hält Volker Nickel gegen, gab es selbst in den flotten 90ern mit ihrem Melitta-Mann, den Krönung-Light-Karrieristinnen oder Fertiggericht-Schwulen Zuschauerproteste. Ein Hausherr in Schürze: irreal, entwürdigend. Dass keine Frau darin Kritik erregt, hat indes auch Nickels Branche zu verantworten. „Unser einziges Ziel“, sagt Lothar Leonhard von der Agentur Ogilvy & Mather, „ist Return of Investment“. Die Rama-Sippe mit mütterlicher Toffifeeversorgung im sagrotanentkeimten Wohnpalast wandelt Kosten offenbar an besten in Konsum.
Agenturen, Wirtschaft und Medien betreiben somit eine Art Leitkultur-Placement. Es wird per Marktforschung erprobt, die jeder Spot vor Ausstrahlung durchläuft. Mit Testpersonen, die längst vom Reklame-Biedermeier infiltriert sind. Für Kanäle, die das zugehörige Programm liefern. Am Ende entscheide das Publikum, was läuft, sagt RTL-Sprecher Christian Körner zum kleinen Grenzverkehr zwischen Formatfestland und Werbeinsel, „aber der Vermarkter unserer Gruppe tauscht sich mit Werbekunden und Agenturen aus, in welchen Umfeldern welche Zielgruppen erreicht werden“. Wechselseitig kreiert das Leitmedium so damen- oder herrenaffine Angebote, die mit den passenden Kaufempfehlungen versehen geschlechtsspezifisch bleiben. So tragen Frauen im „Sportschau“-Break zwischen BMW, Bier und Baumarkt oft Bikini, während das Universum aus Romanze, Telenovela, Seifenoper (die der Lebensmittelmulti Procter & Gamble einst erfand) ein Wohlfühlambiente für weibliche Ware liefert. Ein Geben und Nehmen.
Und beiderlei Herz, sagt Cordelia Wagner vom TV-Vermarkter ip-Deutschland, „bildet die Familie“. Ihre Versorgung werde auf den reichweitenstärksten Sendeplätzen beworben: Shows, Blockbuster, Quotenevents. Und da Verbrauchsware im Gegensatz zu Investitionsgütern von Haushaltsführenden, also Frauen, gekauft wird, ist die Werbemoral so bieder. Das dürfte die Herdprämie noch verstärken: erfolgt Erziehung zuhause, bleibt sie trotz Elterngeld an Mama hängen, die meist weniger verdient als Papa. Ein Teufelskreis. Er hält den Werbespießer am Leben, der seit dem brillanten LBS-Spot sogar für Kinder alternativer Aussteiger als Ideal gilt. Denn wer steht im Maggi Kochstudio, wer preist Faltencreme, Bodylotion, Shampoo (außer gegen graues Haar), wer posiert in Dessous vorm Spiegel, die Max vom Gesparten der neuen Kfz-Versicherung bezahlt? Und wer erobert die Angebetete mit ritterlichen Balzritualen der Duplomatie? Aus dieser Idylle dürfen nur Kerle ausbrechen, um bei Burger King „like a man“ zu essen oder im VW für Jungs zu fahren, „die damals schon Männer waren“. Und Mario Barth reißt seine Handtaschenzoten jetzt für Media-Markt.
Alles beim alten Marketing: Frau darf dank der Pflegeserie Dove zwar fülliger sein, geht aber nach dem Pflegen einkaufen, um für den Nachwuchs zu kochen, dessen Vater hungrig aus dem Büro heimkehrt und höchstens Werkzeug besorgt. Dass sie eine Staubsaugerwerbung in „Familienmanagerin“ umtauft, mag ja modern klingen – das biedere Bild 24 Stunden verfügbarer Muttis wird so nur lukrativer. Es ist heimelig in deutschen Fernsehstuben.
Harald Schmidt: Zottel & Zynismus
Posted: March 13, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentOhne Schmidt?
Nach fast 2000 Sendungen in knapp 20 Jahren verlässt Harald Schmidt die Late-Night und damit wohl endgültig auch das Fernsehen insgesamt. Ein leicht nostalgischer Abgesang
Von Jan Freitag
Fernsehen ist – und das nicht erst, seit ihm die kommerzielle Konkurrenz Beine macht – ein Experimentierfeld bürgerlicher Tabubrüche. Schwule Küsse und nackte Früchte, Sportreporterinnen und Realitätssimulationen, Berieselung zum Frühstück, Sex nach Mittag, Gewalt am Abend, Porno zur Nacht – je nach Zeitgeist haben auch öffentlich-rechtlich Sender immer wieder versucht, Belastungsgrenzen ihres Publikums auszuloten. Und auch, wenn es die Privaten mit brachialeren Mitteln versuchen: Allerorten geschieht all dies doch mit den Mitteln milder Verstörung.
Zum Beispiel Zotteloptik.
Es war im Dezember 2004, als ein bekanntes TV-Gesicht zugewachsen wie Berlin-Hipster 2014 zur alten Tante ARD heimkehrte, wo es 15 Jahre zuvor erstmals in Erscheinung getreten war. Und es ging ein Aufschrei des Entsetzens durchs Land, wie es bitte sein könne, dass ein gebührenfinanzierter Moderator sein graues Haupthaar überm wilden Vollbart auf Schulterlänge trägt? Dass zudem die gleichen Unflätigkeiten aus ihm purzeln wie in den Jahren zuvor bei Sat1? Dass da einer bewusst die Spielregeln des alten Staatsfunks missachtet? Einfache Antwort: Harald Schmidt darf das.
Denn Harald Schmidt ist gewissermaßen der Fleisch gewordene Tabubruch des hiesigen Mainstreamprogramms. Er macht Witze über Neger, selbst (oder gerade) wenn ringsherum die Heime der Asylbewerber (die er mit kindlicher Freude Asylanten nennt) brennen. Er macht Witze über Frauen, selbst (oder gerade) wenn ihnen die gläserne Decke (aus schickem Swarovski-Kristall) auf den Kopf fällt. Er macht Witze über alles Leid der Erde, selbst (und gerade) wenn es unser Gemüt (das ihm im Zweifel stets zu deutsch ist) bis zum Bersten strapaziert. Kurzum: Harald Schmidt, dieser schwäbische Zyniker aus dem pietistischen Haushalt heimatvertriebener Katholiken, er hält dieser Republik seit nunmehr einem Vierteljahrhundert den Zerrspiegel heuchlerischer Moral, doppelzüngiger Entrüstung und scheinheiliger Sittenstrenge vor.
Und wie so oft, wenn die einsamen Mahner in der Wüste predigen, wenn Neunmalkluge Finger in Wunden legen oder Weltverbesserung anders als im Befehlston daherkommt, erstarren die Menschen dieser Nation förmlich vorm Mut zur Offenheit und sind nur zu zweierlei in der Lage: Vergötterung oder Abscheu, gern beides in einem. Doch damit ist ab heute, Punkt 23 Uhr, Schluss. Wenn Harald Schmidt dann vor ein paar Tausend Zuschauern des kostenpflichtigen Spartenkanals Sky Hits und ein paar Tausend mehr beim einmalig parallel sendenden Youtube-Channel nach fast 2000 Ausgaben seine letzte Late-Night-Show abmoderiert, dann geht eine Ära zu Ende. Und wie so oft, wird die Masse der Menschen erst wirklich wissen, was sie an etwas hatte, wenn es verschwunden ist.
Schließlich war Harald Schmidt gefühlt schon immer da. Wie Lindenstraße und Tagesschau. Wie Quotendebatten, Vollbärte, Wetten, dass…?. Wie das Fernsehen insgesamt. Dabei hat er es erst vor 25 Jahren betreten, als der Zuschauer noch treu war, Glattrasur die Regel und Frank Elstner längst runter vom Wettsofa. 1989 nämlich wurde der unbekannte Kabarettist Schmidt von einem kaltkriegerisch klingenden Funkhaus namens Sender Freies Berlin ins Erste Programm gespült, wo er bald darauf Robert Lembke kopierte (Pssst), später das aufmüpfige Privatfernsehen (Schmidteinander) und in beiden Fällen bewies, wie respektlos es selbst öffentlich-rechtlich zugehen kann, wenn die Gremlins der Gremien, wie Schmidts Mitaufsteiger Günther Jauch seine ARD-Arbeitgeber in spe mal nannte, grad ihr Mittagsschläfchen hielten.
Als sie daraus erwachten, wurde der unbotmäßige Harald kurz in die biedere Rentnerbespaßung Verstehen Sie Spaß?. Doch als den zuständigen Verwaltungsbeamten aufging, welches Talent sie da im Tarifsystem verbrannten, war Schmidt auch schon bei Sat1. Damals als vermeintlicher Kanzlersender noch so etwas wie relevant, servierte er dem hiesigen Markt von dort aus das uramerikanische Talken zur Nacht, was zwar nie wirklich erfolgreich war, aber immer vieldiskutiert und somit: bedeutsam. Wenn heute kurz vor der Geisterstunde die letzte Zote gezündet, das letzte Tabu gebrochen wurde, wenn Uli Hoeness zur Strafe in Wiktor Janukowytschs Goldbrokatvilla gewünscht wird und den Krimbesetzern eine Natursektdusche, dann ist die importierte TV-Institution Late-Night knapp 20 Jahre nach der ersten „Harald-Schmidt-Show“ ähnlich Geschichte wie das Wählscheibentelefon.
Denn wer könnte Deutschlands giftigstem, klügstem, selbstgerechtestem, besten Sendezeitvergeuder folgen? Auf diesem Friedhof der Alphatiere liegen ja schon Gottschalk, Engelke, Pocher oder der talentierte Mr. Stuckrad-Barre begraben. Um der alten Zeiten Willen, sollten Nostalgiker also heute um viertel nach zehn bei Youtube reinschauen, wo der angehende Rentner von 56 Jahren die alten Sidekicks von Olli Dittrich über Jürgen Vogel bis Pierre M. Krause um sich schart und dann geht. Mit einem Lachen. Experiment beendet, Patient tot
Guido Knopp: Nazithrill- & Deutschlandfan
Posted: March 6, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentEin Guido namens Knopp
Nach seinem Rückzug aus der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte erklärt uns der NS-kundige Salonpatriot nun bei Phoenix die Welt wie er sie sieht. Ab Sonntagabend zum Beispiel wen er für die größten Bundeskanzler hält. Aus diesem Anlass bringen die freitagsmedien ein älteres Porträt des Hitorikers mit dem schwarz-rot-goldenen Herzen.
Von Jan Freitag
Es ist ein Triumph der Beharrlichkeit, aus Hingabe, Aufopferung und Fleiß oder – um es mit Leni Riefenstahl zu sagen: ein Sieg des Willens. Guido Knopp, die graue Eminenz hiesiger Vergangenheitsbewältigung, kriegt einen Preis: In New York überreicht ihm eine internationale Jury zeitgeschichtlicher Fernsehmacher den Lifetime Achievement Award. Damit feiert sie einen Mann, der wie kein zweiter im Medienland den Weg aus der geistig moralischen Wende über die neue Mitte ins nationale Selbstbewusstsein geebnet hat. Und weil zugleich niemand die deutsche Ahnenforschung nach 1933 exporttauglicher machte als der Bundesverdienstkreuzträger aus dem hessischen Knüllgebirge, weiß man das auch im fernen Toronto.
Gut, dass dort mit Olaf Grunert und Ralf-Peter Piechowiak zwei Fahrensmänner vom Lerchenberg im Gremium der History Makers sitzen – geschenkt. Seit Guido Knopp 1984 die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte schuf, hat der promovierte Historiker das sperrige Genre nicht nur in über 50 Länder exportiert, sondern „aus dem Ghetto des Spätabendprogramms ins Hauptabendprogramm“ gehievt, so Knopp selbst. In einer Gegend mit mehr Spielkonsolen als Enzyklopädien ist das schon mal bemerkenswert.
Schon sein erster großer Mehrteiler Der verdammte Krieg fesselte 1991 ein Millionenpublikum. Im Anschluss betrieb der Ex-Redakteur konservativer Frontblätter des Kalten Krieges Welt am Sonntag und FAZ, was der Philosoph Hermann Lübbe mit „deutscher Sündenstolz“ umschreibt: Konfrontatives Verarbeiten. Gnadenlos konfrontierte er das wiedervereinigte Volksempfinden mit den Tabuthemen Nationalsozialismus und Krieg, betrieb es aber als konsequente Exkulpation des von den Nazis, nein – eher einer Führungskaste, noch besser: vom Führer verführten Volkes. Schuld sind immer die anderen – das alte Sandkistenprinzip.
Denn stets lenken Hitlers Helfer, Henker, Frauen und Kinder alle Aufmerksamkeit fort vom fanatisierten Volk. Bataillone großväterlicher Zeitzeugen geben sich ohne je Nachfragen zu fürchten so persönlich, dass Motive, Ursachen, Schuld verschwimmen. Ob Machtergreifung, Widerstand, Stalingrad oder Nachkriegszeit – Knopp hat „das Wir-Gefühl ins deutsche Erinnern gebracht“, schreibt Die Zeit und nennte seine Taktik „Entschuldung durch konsequente Entpolitisierung“. Seine zweifarbige Heldenproduktion, deren schwarze Seite allein durch Hitlers (Krieg, Plan, Clique) apostrophiert wird, duldet nur weiße Flecken. „In gewisser Weise hat er sich zu Beginn von Hitler täuschen lassen“ – so arglos klang die frühe Führerbegeisterung des späteren Attentäters im Stauffenberg-Film Die wahre Geschichte von 2008. „Der Graf war deutsch-national, nie ein Nazi“ lobt Knopp seinen Lieblingsdeutschen. „Wir atmen etwas freier, weil es ihn gegeben hat.“
Und um Befreiung geht es. Nichts belastet das nationale Behagen mehr als ein dreckiges Gestern. Deshalb führt Italien keine Debatte über den Duce, deshalb bleibt Stalin in Russland ein Star. Deutschland indes ging zu lang gesenkten Kopfes, wie die Rechte seit je befindet. Da half Guido Knopp beim Heben, der „Liberalkonservative in den Farben Schwarz-Rot-Gold“, wie er sich selber nennt. Kritiker bevorzugen „Megalomane“ oder „ZDF-Kriegsguru“, der aus Sicht des Historikers Ulrich Herbert „Nazi-Kitsch“ mit „Spaßkompatibilität“ (Süddeutsche) liefert.
Knopp hat aus Geschichtsfernsehen Histotainment gemacht und die braunen Flecken darin verrührt, wenn auch nicht alle: Als Knopp zum 60. Jahrestag der Normandie-Landung reaktionäre Historiker à la Arnulf Baring ins Studio bat, die „vom Tod, der alle gleich macht“ faseln durften. Wenn sein Leibregisseur Hans-Christoph Blumenberg in Der Aufstand“ DDR-Polizisten zu Bestien in SS-Kluft uniformiert oder alle Vertreibungsgründe im Dokudrama Kinder der Flucht 1944 statt ’33 suchte. Und als sein Endlosformat History am Sonntag das Gedenken an die Auschwitz-Befreiung um drei Tage vorzog, widmete er sich dem Klassenfeind: Die DDR und die Juden. Immer die anderen, wie gesagt.
Ansonsten aber mag es Knopp nun milder. Als Quizonkel im Zweiten etwa lässt er Frauen gegen Männer oder Adel gegen Pöbel raten und kümmert sich in History auch mal um US-Präsidenten oder Verschwörungstheorien. Mit 61 scheint er geläutert vom populistischen Eifer früherer Tage – der Westerwelle des Fernsehens, ein Guido namens Knopp. So wie sich der FDP-Chef heute seriös gibt, so hat der ZDF-Stratege die Strategie verfeinert. Sein Guidomobil fährt weiter mit fixen Schnitten, dramatischer Musik und plakativen Kommentaren, aber uns als großes Opfervolk einer winzigen Tätergang zu zeichnen – das das hat ihm jeder abgekauft, der sich nicht querinformiert. Alle lieben Stauffenberg und schuld war Hitler. Mission erfüllt. Sogar in Toronto.
Katastrophenfilme: Pomp & Pompeji
Posted: February 27, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Katastrophale Filme
Wenn der Vesuv ab heute mal wieder Pompeji im Kino einäschert, zeigt sich wie so oft die Anziehungskraft des Untergangs aufs Publikum. Eine kleine Werkschau des Katastrophenfilms und was das über uns als Zuschauer aussagt
Von Jan Freitag
Und dann explodiert er doch. Es hat sich ja bereits eine Weile angekündigt, wie es sich eben immer eine Weile ankündigt, in diesem Genre: Ein einsamer Wanderer versinkt in aufgerissener Erde. Die Natur ringsum macht zusehends seltsame Geräusche. Überall qualmt, brodelt, zischt es. Und irgendwann, unvermeidlich wie der Kuss des Helden, beginnt im Glas der Wein zu zittern. Beim gängigen Katastrophenfilm heißt das: Jetzt geht’s los. Der Untergang nämlich. Diesmal mit der Mutter aller Katastrophenfilmopfer im Würgegriff der Mutter aller Katastrophenfilmtäter: Vesuv, Pompeji, mal wieder.
Schon in der Ursuppe laufender Bilder finden sich schließlich viele vom Vulkanausbruch anno 79. Allein bis Anfang der Sechziger wurde die sündhafte Stadt knapp ein Dutzend Mal fiktional dem Erdboden gleich gemacht. Heute kommt also die nächste Version ins Kino, zeitgemäß in 3D versteht sich, mit Kit Harington (Game of Thrones) als heroischer Sklave im Kampf um den schönen Klassenfeind (Emily Browning) und ihrer aller Überleben im Feuerhagel. Umgeben von Profitgier, Habsucht, Eitelkeiten spielt das handelsübliche Liebespaar sein gewohntes Spiel desaströser Dramaturgie und erneut zeigt sich: Es gibt viele Wege nach Armageddon, aber alle sind ähnlich beschildert.
Denn ob die Natur zuschlägt oder irgendeine Nemesis, ob sie einzelne Gruppen straft oder die ganze Spezies – meist läuft es doch so: Einsamer Mahner stemmt sich gegen die Ignoranz der Masse und rettet im Team mit blitzgescheitem Unterwäschemodel und noch klügerem Nerd erst seine Familie, dann den Rest der Stadt/Nation/Erde vor dem, was unsere Art zu konsumieren, siedeln, zu leben für Risiken mit sich bringt. Gut – in Pompeji fehlt vieles von dem, was zeitgenössische Disaster Movies mit sich bringen und am Ende sind alle tot. Doch auch hier geht es um Schicksal, Hybris und vor allem: um Angst.
Die ist ja nicht nur ein Gefühl, sondern eine Geschäftsidee, mit der sich seit jeher gut verkaufen lässt: Heilslehren, Sagrotan, Sicherheit, Psychopharmaka, Faltencremes – und Filme. Der moderne Medienmensch hasst Gefahr so sehr, dass er den Thrill liebt, sich davor risikofrei zu fürchten. Besonders am Bildschirm zeigt sich dabei: Die Angst hat Konjunkturen. Apokalypsenfilme, schreibt das Lexikon der Filmbegriffe, sind „Seismographen ihrer Zeit“, thematisieren also „politische, kulturelle und moralisch-ethische Problemkonstellationen“ der aktuellen Nachrichtenlage. Die aufkeimende Fortschrittsskepsis der Siebzigerjahre sorgte so für einen ersten Boom des filmischen Zusammenbruchs. Mit Hollywoodbombast wie Erdbeben oder dem Fernsehspiel Smog von Wolfgang Petersen. Die waffenstarrenden Achtziger ergänzten das Sujet um Atomkrieg (Day After), die globalisierten Neunziger um grenzenlose Erreger (etwa beim RTL-Comeback der Pest), die umweltbewegten Neunziger ums Klima (Day After Tomorrow). Stets geht es um den Fortbestand des Ganzen, symbolisiert durch Einzelschicksale auf begrenztem Raum. Zunächst meist im Kino, nach dem 11. September, als die Krise vom Ernstfall zur Regel wurde, zusehends am Bildschirm.
Das Prinzip Paranoia wirkt. Besonders, wenn die Auslöser unsichtbar waren wie Keime auf der Klobrille oder islamistische Schläfer im Flieger. Als sich Anfang des Jahrhunderts Fälle von Meningitis häuften, schickte Sat.1 seine Task-Force D.I.K. los. Als die Vogelgrippe wütete, drehte Pro7 seinen Epidemiethriller Faktor 8, als sie zur Pandemie geriet, infizierte das TV-Drama Pandemic die Bildschirme mit dem Influenzaerreger H3N7. Als SARS Lungen entzündete, reagierte das ZDF mit der Mobilen Einsatzgruppe Tropenmedizin. Ein Versuch, wie der damalige Unterhaltungschef Claus Beling sagte, „Wirklichkeit, die uns schneller einholt, als uns lieb ist, ins Vorabendprogramm zu holen“.
Noch mehr versucht es jedoch Sat1. Erst machte der Sender den europaweiten Blackout 2006 zu Der große Stromausfall, wo fiese Generatoren arglose Elektriker im grollenden Funkenregen verspeisen. Fünf Jahre später führte die Laufzeitdebatte zum AKW-Drama Restrisiko mit einer Schaltzentrale im Stile feindlicher Raumschiffe. Und dass beim Schwesterkanal Pro7 2009 ein Passagierflieger auf Berlin rast, hat seinen Ursprung in Flug 587, der Jahre zuvor auf New York gestürzt war. Dichtung oder Wahrheit – Angst ist ein guter Programmdirektor.
Das belegt jedes noch so weit entfernte Zugunglück, das es in die Tagesschau schafft. Das belegt vor allem die Exportquote. Eigenproduktionen von Tornado – Der Zorn des Himmels bis Inferno – Flammen über Berlin verkauften sich im Ausland so gut, dass der TV-Kritiker Christian Buß 2007 das „neue deutsche normierte Industrieprodukt namens Katastrophenfilm“ beschrieb. Seither geben besonders die Privatsender Gas. Vor drei Jahren inszenierte Sat1 den porös geförderten Ruhrpott zum Abgrund, während RTL die Eifel für neun Millionen Euro unterm explodierenden Vulkan begrub und am Einheitstag drauf gar ein Schwarzes Loch unterm Teilchenbeschleuniger CERN kreierte, das Deutschland nach allen Regeln der Katastrophenfilmkunst von unten aufzufressen drohte. Hätte es da nicht eine Handvoll attraktiver Helden gegeben, die dem knisternden Supergau ein Ende bereiteten. Stets vorn dabei: digitale Effekte von VFX bis CGI, stereotyp vermittelt durch die schöne Wissenschaftlerin plus schicker Held vs. gieriger Unternehmer, den der deutsche Koproduzent 2014 in Gestalt eines skrupellosen Gladiatorenzirkus-Betreibers sogar auf Pompeji ansetzt.
Mehr Text, Bilder, Kommentare auf http://www.zeit.de/kultur/film/2014-02/pompeii-katastrophenfilme
Iris Berben: Diva, Mutter, Superstar
Posted: February 20, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentJenseits der Optik
Iris Berben ist ein Phänomen. Sie altert nicht sichtbar, umschifft Durchschnittsfilme, ist nicht nur als Schauspielerin wahrnehmbar und macht sogar Simmelverfilmungen sehenswert. Jetzt spielt sie im ZDF-Melodram Der Wagner-Clan (Sonntag, 20.15 Uhr) die Gattin des Großkomponisten. Porträt einer Diva, die keine ist.
Von Jan Freitag
Wie sie so vor einem sitzt, im barocken Mobiliar eines Hamburger Luxushotels: Strahlend, strahlend schön vor allem, die Beine übereinander geschlagen wie vom Glamourmagazin drapiert, die Schuhe daran so halsbrecherisch, als bräuchte man fürs unfallfreie Tragen artistisches Basiswissen, das Haar schwarz wie frisch vom Färben, die Mimik etwas angespannt und zweifellos in intensiver dermatologisch-kosmetischer Behandlung, aber nie maskenhaft – diese Frau soll über 60 sein? 60 Jahre? 60 Jahre alt?
Iris Berben lächelt, als sie sich ihre Zeit auf Erden kurz vor Augen hält, aber sie lächelt nicht zwanghaft, es ist kein PR-Lächeln, Magazincover-Lächeln, Showbühnen-Lächeln. Eher so eines der Art, sehr genau zu wissen, was sich bei der Promotionsarbeit für einen Film eben geziemt, ohne die seltsame Etikette des globalen Filmmarketings überzubewerten. Es ist kein Schalter-Lächeln. Und so kann diese Schauspielerin, deren alterslose Attraktivität für permanentes Raunen in der Klatschpresse sorgt, auch sehr schnell mal aufhören zu lächeln.
Ob sie eine Diva sei? Wie abgeglitten von glattem Fels rutschen ihre Mundwinkel da abwärts. „Ich tauge nicht zur Diva“, antwortet sie ernst, zeigt sodann leicht gönnerhaftes Verständnis für eine Viertelmillion Google-Treffer ihres Namens in Kombination mit dem mythischen Siegel der weiblichen Filmbranche und erklärt gleich mal, warum das trotzdem alles Blödsinn sei, dieses Diva-Gefasel, dem sie so oft ausgesetzt sei. „Die Verschmelzung des Privaten mit dem Beruf, ein ganzes Leben in allen Facetten für den Film, der ihr Selbstwertgefühl vollends bestimmt“, so fasst sie die Funktionsweise divenhafter Persönlichkeiten zusammen. „Für Beziehung, Kinder, Freunde ist da kaum Platz.“
Was also soll das mit Iris Berben zu tun haben, die bei aller beruflichen Belastung ihren Lebtag Zeit für Beziehung, Kinder, Freunde und sogar Nebenbeschäftigungen hatte, für politisches Engagement also, soziales Engagement, gegen Rassismus, pro Israel, zur Wiederwahl der SPD? „Nichts!“ Erwidert sie selbst, und dann lächelt die Berben wieder ihr Berben-Lächeln und es ist ein strahlend schönes, mildes, beinahe weises, ein Antidivenlächeln: „Aber was ist privat, was ist beruflich?“
Ja, was ist privat, was beruflich, in ihrem Metier, dieser Glasmanage im Erregungszirkus Filmbranche? Privat wird beruflich und umgekehrt, könnte man ihr entgegnen, wenn Iris Berben, sagen wir: in einer Verfilmung von Johannes Mario Simmel mitwirkt. Das hat sie unlängst getan, ausgerechnet die ewig junge Alt-68erin half also den Großinquisitor bürgerlicher Moral verfilmen. Weil der Mario, wie sie ihn zärtlich nennt, gar nicht so war. Weil er ihr Freund gewesen sei, den sie spät, dann aber richtig kennenlernen durfte. Weil sie sein Interesse für echten Liberalismus, die deutsche Versöhnung mit den Juden, Freiheit selbst normfernster Meinungen, fürs Große Ganze geteilt habe. Da könne man den Chefliteraten des abflauenden Wirtschaftswunders ruhig mal ins Fernsehen bringen.
Und dass Iris Berben daran beteiligt war, ist dabei weit weniger bemerkenswert, als die Tatsache, dass sie es ist, die einen guten Film daraus gemacht hat. Das ZDF will eine ganze Reihe von Simmel-Schinken adaptieren. Es sind schwere Literaturvorlagen, nicht unbedingt dramaturgisch, eher physikalisch: Dicke Wälzer, die in Ludwig Erhards „formierter Gesellschaft“ wohl in jedem zweiten Haushalt die Statik der Bücherregale herausforderten. Die erste Verfilmung war ein Desaster, „Und Jimmy ging zum Regenbogen“, betuliches Problem-TV mit Heino Ferchs einzigem Gesichtsausdruck, irgendwo zwischen maskulin und melancholisch. Iris Berben dagegen hat die baugleich manirierte Handlung von Niemand ist eine Insel mit der gleichen Lebendigkeit gefüllt, wie am Sonntag die Rolle der Großkomponistengattin Cosima im ziemlich berechenbaren Kostümmelodram Der Wagner-Clan.
So wie sie nun überhaupt manch eventtauglichen Filmstoff belebt. Im öffentlich-rechtlichen Kosmos macht sie das zu einer Art Defibrillator, der das ergraute Stammpublikum mit Intensität und Güte aus ihrem herbeigepilcherten Wachkoma reißt. Ausgerechnet die Gastwirtstochter aus Detmold, die mit heutzutage sonderbar verklärter Brachialcomedy von Zwei himmlische Töchter bis Sketchup einst zu ulkiger Popularität gelangte, darf mittlerweile Betsy Buddenbrook und Bertha Krupp, Kolonialherrinnen und Exterroristinnen, ansehnliche Serienkommissarinnen und menopausengeplagte Hausfrauen, auf der großen Leinwand oder am kleinen Bildschirm spielen.
Das macht die Quereinsteigerin ohne Schauspielausbildung mehr als 40 Jahre nach ihrem Kameradebüt spürbar stolz und der Stolz wird noch spürbarer, wenn Iris Berben schildert, wie ihr Talent dafür erst die Hürde der Optik überspringen musste. „Ich werde heute in einem sehr charakterlichen Fach wahrgenommen, in dem man sich über Äußerlichkeiten weit weniger Gedanken machen muss“, schwindelt sie ein bisschen, denn die meisten Regisseure besetzen da ja doch noch eine ziemlich gut aussehende Frau mit der beneidenswerten Eigenschaft, kein Gramm zuzunehmen. Doch statt Filme, die sich nur eine glitzernde Fassade an die Bühnenkante holen, und da endet die Schwindelei, „mache ich erwachsene Filme, die sich parallel zur Entwicklung des eigenen Alters und dessen Gefühlslage, Erkenntnisse, Erfahrungen und Verluste abspielen“.
Reale Figuren, thematisch vielleicht auch deshalb so dicht an der eigenen Lebenswelt, weil sie zusehends vom eigenen Sohn Oliver produziert werden, jedenfalls „eins-zu-eins besetzt in vertrauenswürdigen Rollen“, wie sie es nennt, also im Wesentlichen in einer Lebensphase, wo man, wie zuletzt geschehen, schon mal den Bayerischen Filmpreis fürs Lebenswerk entgegennehmen kann, ohne sich dafür auch ein bisschen schämen zu müssen. Warum, das sieht, wer ihr mal live gegenübersitzt. Altern sieht anders aus.
Neuverfilmungen: Charles Dickens & Arte
Posted: February 13, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentUnterhaltsamer Aufklärer
Arte widmet den knallbunten Sozialstudien der Viktorianischen Epoche des Schriftstellers Charles Dickens einen Schwerpunkt mit drei Neuverfilmungen seiner Werke. Das ist nicht nur spannend anzusehen, sondern sagt auch etwas über unserer Zeiten.
Von Jan Freitag
Die Konsumgesellschaft schafft sich ihren Überfluss auf den verschiedensten Gebieten. Autos, Frischfleisch, Fernreisen und alles was glitzert, quasselt, blinkt, dazu die neuesten Trends von Apple, Ikea, H&M – es gibt einfach zu viel zu viele Produkte für viel zu viele Menschen mit viel zu vielen Bedürfnissen für ein vielfältiges Fortkommen dieses Planeten. Und die Liste ließe sich ja leicht ergänzen. Auf dem Bildschirm zum Beispiel, daheim im Wohnzimmer oder größer auf Leinwand. Wer, bitteschön, braucht schließlich 22 Filmversionen ein und desselben Romans? Antwort: Kommt ganz drauf an.
Denn Dickens’ Schlüsselroman Oliver Twist, je nach Quellenlage das wohl meistadaptierte Buch nach der Bibel, mag nämlich seit James Stuart Blackdons stummer Schwarzweißvariante von 1909 mal sehr sinnig, mal eher sinnlos verfilmt worden sein; auch die 23. Fassung hat bei aller Patina einer 175 Jahre alten Erzählung wenig von deren zeitgeistiger Kraft verloren. Besser gesagt: Charles Dickens hat es nicht. Seit Oliver Twist oder der Weg des Fürsorgezöglings seinen Ruf 1839 als unterhaltsamster Analytiker des Viktorianischen Zeitalters begründen half, ging nämlich beinahe jedes seiner großen Werke in die Literaturgeschichte ein: Ob nun David Copperfield, Eine Geschichte aus zwei Städten oder das viel zitierte Weihnachtswunder um Ebenezer Scrooge – was immer der autodidaktisch gebildete Sohn eines bettelarmen Postschreibers aus Portsmouth zu Papier brachte, es skizzierte die Epoche der frühen Industrialisierung besser als jede akademische Schrift und wurde bereits zu Erstveröffentlichungszeiten zum Bestseller.
In diesem Licht zeigt der Kulturkanal Arte ab heute also nicht nur eine weitere Sammlung bonbonbunter Fernsehfilme nach Charles Dickens; die drei mehrteiligen Erstausstrahlungen neuer Interpretationen zum 101. Geburtstag des britischen Großliteraten fügen dem adaptierten Werk durchaus neue Seiten hinzu. Und das liegt zunächst an Timothy Spall. Wie der Londoner Theatermime mit reichlich Harry-Potter-Erfahrung Oliver Twists Gegenspieler Fagin interpretiert, liefert er eine der wunderbarsten Figuren schurkiger Fiktion überhaupt. Sir Alec Guinness, George C. Scott, zuletzt Ben Kingsley – der hehlende Diebesbandenchef wurde von wahrhaft großen Vorbildern verkörpert; doch verglichen mit Spalls Darstellung kommen sie alle wie Chorknaben weg.
Und genau darin liegt bekanntlich der Mehrwert des Remakes alter Filme begründet: War der Film noch lange nach der glattgeleckten Technikolor-Ära stets um ein Mindestmaß an Sauberkeit und ordnungsstiftender Milde bemüht, so traut sich das Kino heutzutage, Abgründe auch wirklich als solche zu zeichnen, statt Cowboys stets gebügelte Hemden zu verpassen. Das zeigt sich auch in den zwei anderen Adaptionen der Arte-Reihe: Das Geheimnis des Edwin Drood von Diarmund Lawrence und Brian Kirks Große Erwartungen. Ersterer bebildert Dickens drogenbetäubte Phantasmagorie des Kantors John Jasper mit düsterer Tiefe, letzterer den wellenförmigen Aufstieg des Waisenjungen Pip mit grandioser Opulenz. Wie Oliver Twist machen beide Romanvorlagen somit Menschen zu Hauptfiguren, die zur Zeit ihres Entstehens bestenfalls Sidekicks sein durften: Die Unterschicht. Vor Dickens nämlich hat sich kein Autor von vergleichbarer Strahlkraft den Verhältnissen des industrialisierten Umbruchs aus Sicht ihrer Verlierer gewidmet. Seine Protagonisten mögen schlammverkrustet sein, kriegen aber allesamt ein Gesicht, das selbst die der literarisch beherrschenden Upperclass überstrahlt.
Überhaupt Kritik am Klassen- und Ständesystem zu üben, war damals ja verpönt. Sie auch noch über jene am unteren Rand zu äußern, galt als ausgeschlossen. Umso erstaunlicher, dass Dickens Romane schon zu Lebzeiten Verkaufserfolge wurden – was zuweilen politische Folgen hatte. Oliver Twist zum Beispiel befeuerte seinerzeit die Erkenntnis, Armut sei nicht gottgegeben, sondern menschlich beeinflussbar, und Kriminalität eher alltags- als wesensgesteuert. Das muss man sich in Zeiten, da die Bild ein griechisches „Betrüger-Gen“ identifiziert und der Ruf nach staatlicher Härte gegen Mehrfachtäter anschwillt, stets vor Augen halten. Der Schwerpunkt: Charles Dickens kann dazu etwas beitragen. Und großartig unterhalten.
Oliver Twist (2 Teile): 13. und 20. Februar, jeweils 20.15 Uhr
Das Geheimnis des Edwin Drood (2 Teile): 27. Februar, 20.15 und 21.15 Uhr
Große Erwartungen (3 Teile): 6. März, 20.15, 21.07 und 22 Uhr
Cross-PR: ARD, ZDF & Axel Springer
Posted: February 6, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt 1 CommentSchleichwerbestallgeruch
Augenscheinlich hätte das arglose Publikum meinen können, die Verleihung der künstlerisch irrelevanten Goldenen Kamera am Samstag war eine Gala für einen relevanten Fernsehpreis. Tiefgründiger betrachtet, hat das ZDF in der werbefreien Primetime feinste Schleichwerbung für den Springer-Konzern geliefert – und damit ein gutes Beispiel fürs weite Feld der Cross-Promotion.
Von Jan Freitag
Die Welt von morgen wird weiblicher: Als Schülerinnen hängen Frauen künftige Kerle um Längen ab, als Lehrlinge holen sie beruflich auf, als Studentinnen bilden sie die akademische Elite, als Angestellte streben sie nach Höherem, in Leitfunktion gelten sie als sachkundig und effizient, menschlich sind sie ohnehin empathischer, produktiver, belastbarer, ergo: obenauf. Auch wenn sich die Herren der Schöpfung also mit jedem Y-Chromosom dagegen stemmen: Frauen kommen langsam, aber gewaltig. Da ist es doch super, wenn die ARD Deutschlands starke Frauen feiert.
Könnte man meinen.
Doch dann wirft man einen Blick ins Kleingedruckte dieser Show der großen Emotionen, deren ARD-Moderator Kai Pflaume vorigen März zur zweitbesten Sendezeit um 22 Uhr knapp zwei Stunden lang Tränen anerkennender Rührung aus dem Gemüt gepresst hat. Wir stießen dabei nämlich nicht nur auf Frauen, deren Stärke durchweg aus ehrenamtlichem Engagement für Kinder, also eher klassischer Kernkompetenz erwächst; sie erhalten dafür einen Preis namens „GOLDENE BILD der FRAU“, der seit sieben Jahren vom vulgärkonservativen Springerblatt fürs Weib seinerzeit erstmals im Ersten verliehen wurde. Womit wir beim Punkt wären.
Denn so edel das Ziel klingen mag, so rührselig Kai Pflaume unterm Geigenteppich säuselte – das Prinzip hinter dieser Trophäe heißt Cross Promotion und ist mindestens dubios. Denn immer im Blick: Der Zeitschriftentitel, die Chefredakteurin, das ganze Produkt. Und so war es vorigen Samstag aufs Neue: In Berlin wurde die Goldene Kamera verliehen, künstlerisch ein gänzlich irrelevanter Fernsehpreis, was sich schon an Jury-Mitgliedern wie Martina Hill oder Til Schweiger ablesen lässt. Dennoch war sich das ZDF abermals nicht zu blöd, die berechenbar kommerzielle Gala zweieinhalb Stunden zur besten Sendezeit ins werbefreie Programm des Samstagabends zu heben – Insignien und Spitzenpersonal der veranstaltenden Springer-Presse natürlich stets mit. Solche Überkreuz-Reklame zwischen gesendeten und gedruckten Medien wirkt wie die zwischen Parteien und Pressehäusern oder Autoren und Kritikern. Es fördert hier die Einschaltquoten, da die Absatzzahlen, mal die Wahlchancen, mal die Interviewzusagen und grundsätzlich allseits Bekanntheit. Gegenseitige PR ist ein Strukturprinzip vernetzter Medien, und wer es nicht nutzt, ist definitiv kein Teil der Springer AG.
Denn Axel Caesars Kampfblätter haben die win-win-Situation kooperierender Formate förmlich perfektioniert. Katja Kessler schreibt Romane? Ihr Exarbeitgeber Bild feiert jeden davon ausgiebig und die Sat1-Adaption Herztöne erst recht. Kai Diekmanns Gattin schreibt Bohlens Biografie? Sein Blatt feiert Kesslers Buch mit Auszügen plus Anzeigenoffensive auf Seite 1. Der Topjuror deutschen TV-Castings macht eine Show? Bild-Reporter blicken vor, hinter, durch die Kulissen! Das einstige Kohl-Organ jubelt einen Sozi zum Kanzler? Gerhard Schröder re(a)giert öffentlichkeitswirksam mit „Bild, BamS und Glotze“! Niedersächsische Lokalfürsten wollen Bundespolitiker werden oder betrügerische Freiherren Volkstribunen? Springers „Rote Gruppe“ kriegt dafür Homestory um Homestory, auf die man bei Stefan Raab vergebens wartet, da der nichts Privates raushaut. Egal – schweigt das Blatt halt zum Starmoderator. Da ist man konsequent…
Dabei spannt sich das Prinzip einander waschender Hände längst durch alle Netze. Die TV Productions GmbH des Nachrichtenmagazins Focus etwa lanciert von den PS Profis auf Sport 1 bis Focus TV (Pro7/Sat1) gleich sieben Fernsehformate. „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo bewirbt seinen Gesprächsband mit dem gefallenen Guttenberg episch im eigenen Blatt. Der Sportschau-Vorspann erinnert verteufelt ans Design des Bundesliga-Zugpferds Bayern München, der sich zusätzlich noch bei der Übertragung des sportlich belanglosen Marketingevents Franz-Beckenbauer-Cup präsentieren darf. Talkshowmoderatoren lancieren die Sujets der anschließenden Tagesthemen und RTL das Programm seiner Tochterkanäle. Der ESC genannte Grand Prix verbrüdert Sender wie Pro7 und ARD, das sich mal vom dämlichen Promimagazin Bunte TV vereinnahmen ließ, deren Verlag an gleicher Stelle Jahr für Jahr seinen „Bambi“ verleihen darf.
Das war Ende November. Doch ein „P“ war nirgends zu sehen, als das Erste zur besten Sendezeit live von der Verleihung des journalistisch völlig unbedeutenden Burda-Trophäe berichtete. Und auch im ZDF leuchtete abermals kein Kürzel im Bildschirmeck, um die Übertragung der Goldenen Kamera als das zu kennzeichnen, was es war: Eine Dauerwerbesendung für Springers Hörzu, moderiert von Michelle Hunziker und wie üblich Hape Kerkeling, der voriges Jahr kurz vor der Übertragung auch noch von jeder Litfasssäule für die TV-Zeitschrift grüßte. Beide Shows unterliefen also nicht bloß das Sponsoringverbot, mit dem seit Januar die Präsentation öffentlich-rechtlicher Sendungen durch Markenartikel untersagt wird; sie stinken nach Schleichwerbung.
Denn mit Inkrafttreten des 13. Rundfunkänderungsstaatsvertrags vor fast drei Jahren ist jeder Kanal verpflichtet, Product Placement per „P“ anzukündigen, sofern Produkte für einen Gegenwert – bei ARD/ZDF kostenlose Requisiten, bei den Privaten auch bares Geld – platziert werden. Nur: den Nachweis führen die Sender, und wo kein Kläger, da kein Richter – der jedoch auch dann untätig bleiben dürfte, wenn sich das Erste bei der nächsten Werbesause für irgendein redundantes Springer-Blatt wie die demnächst in Essen produzierte Bild der Frau anzeigt. Aber vielleicht liegt sie dafür ja im ARD-Morgenmagazin auf dem Tisch. Cross-PR zum Frühstück.
Fernsehhotels: bodenständig & nobel
Posted: January 30, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentLuxus für alle
Wenn Hotels in Film und Fernsehen zu Hauptdarstellern werden, sind es meist Nobelherbergen wie in der spanischen Hochglanzserie Grand Hotel, die ab Dienstag im Disney Channel läuft. Oder aber sie sind schwer sanierungsbedürftig. Dazwischen gibt es fast nichts. Eine kleine Reise durch die Fernsehgastronomie.
Von Jan Freitag
Die Welt der Wirtschaft, sagen zugehörige Wissenschaftler, verläuft in Wellen. Aufschwünge folgen stets Abschwüngen und umgekehrt, es ist ein einziges Wogen wie er Ozean im Herbststurm. Nachdem die Kurve zuletzt in kurzer Folge heftig bergab ging, weist sie nun wieder sachte aufwärts. Schuld am Sturzflug waren Spekulanten, Heuschrecken, Banken, Finanzminister, die Bösen also. Man zählt sie zur New Economy, die im Gegensatz zur Ökonomie alter Prägung angeblich weniger Werte kennt, weder Ethik noch Moral. Doch ganz gleich ober Auf- oder Abschwung, Boom oder Baisse, Millionenboni oder jump you sucker – offenbar nächtigen ihre Geschäftsreisenden ausnahmslos in Designausgaben edler Hotelketten, nicht in traditionellen Kästen wie dem Lindbergh in Berlin.
Was auch daran liegt, dass es der Phantasie des ZDF entstammt und 2006 unterm Titel Fünf Sterne für Quote sorgte. Über mehrere Jahre kennzeichnete dieser Luxusklotz einen Stil, der die Kritik am rüden Kapitalismus von heute gewissermaßen gastronomisch flankiert: wann immer Hotels im Fernsehen Hauptrollen spielen, um mit einem „Grand“ vorweg Nostalgie und Würde zu verkörpern, werden sie zu Nischen einer Marktwirtschaft, die noch für Wärme sorgt. Das ist im fiktiven Grand Hotel der fiktiven Beherbergungsdynastie Alarcón in einer fiktiven Stadt namens Cantaloa nicht anders. Nächsten Dienstag startet die träumerische Serie aus dem krisengeplagten Spanien zur besten Sendezeit beim krisenfest traumwedelnden Disney Channel und es geht dabei um ein Fin de Siècle, das vor allem glitzert. Das schön ist. Prunkvoll ist. Telegen ist. Und voller Hoteliers, die es gut meinen mit dem Gast und der Welt ringsum.
Denn so wie Familienunternehmen gegenüber Vorstandskonzernen gütig, fürsorglich, ja: selbstlos daherkommen, stehen TV-Hotels im gediegenen Beherbergungswesen stets für Kundennähe und Liebreiz. „Europas alte Residenzen sind keine anonymen Glas- und Glitzerpaläste, sondern bieten die feinste Kulisse für Leidenschaften, Politik und Kunst“ – so kündigte die ARD mal ihre anbiedernde Dokumentarreihe Menschen und Hotels an und schilderte elitistische Häuser vom Brenners Park in Baden Baden bis zum Londoner Savoy als solche „mit Tradition und Geschichte“, in denen „Könige und Präsidenten, Musiker, Maler, Stars oder Sternchen“ übernachtet hätten.
Macht und Ruhm, Tradition und Geschichte – schöne alte Welt. Im Lindbergh verteidigt sie der Namensgeber gegen den skrupellosen Investor: erst bei einem edlen Tropfen im burgartigen Weinkeller und schließlich per Faustkampf. Aug in Aug mit bloßen Renditeerwartungen erscheint die Hemdsärmeligkeit echter Kerle plötzlich als ebenso seriös und praktikabel wie überbordender Luxus. Das durfte zuletzt Heinz Hoenig als Chef eines Hamburger Spitzenhotels im ARD-Zweiteiler Rose unter Dornen belegen, das findet sich im spanischen Grand Hotel, wo sich edle Betreiber unablässig finsterer Intriganten erwehren müssen, die das behagliche Haus auf Rendite trimmen wollen. Kein Wunder, dass Hotelserien Produkte der krisenhaften Siebzigerjahre sind. Zwischen Ölkrise und Massenarbeitslosigkeit entstand Hallo, Hotel Sacher, Portier und setzte der realen Hektik 1973 das plüschige Wiener Denkmal entgegen, dessen Standestreue so arglos war wie im Haus am Eaton Place zur gleichen Zeit. Auf einmal wirkte die Klassengesellschaft so behaglich, dass unter Vernachlässigung exorbitanter Zimmerpreise, elitärer Atmosphäre und sozialer Hackordnungen eine Reihe fürstlicher Gasthöfe zu Drehorten wurden. Vom britischen Hotel in der Duke Street ab 1978 über Arthur Haileys 105-teiliges Hotel der Achtziger bis hin zum exotischen Hotel Paradies, Roy Blacks Schloss am Wörthersee oder girl friends im Folgejahrzehnt. Stets waren die Häuser Projektionsflächen einer telegenen Mischung aus Glamour und Arbeit, Hierarchie und Luxus, Dienstbarkeit und Muße, Alltag und Urlaub.
Die Zuschauer sehnen sich nach Bodenständigkeit und Überfluss in einem. Sie möchten nur kurz am Jet Set der Klatschpresse schnuppern wie all jene Touristen, die von livrierten Portiers freundlich am Betreten des Adlon gehindert werden. Aber wer dank exorbitanter Preise leider draußen bleiben muss, dem bleibt ja als Ersatz noch die Vielzahl an Dokumentationen über Berlins teuerste Adresse oder jenes opulente Melodram in Starbesetzung, mit dem das ZDF Deutschlands berühmtester Herberge Anfang vorigen Jahres einen werbewirksamen Dreiteiler schenkte, der Das Adlon samt seiner Inhaber in weichgezeichnetes Wohnstubenlicht tauchte.
Was beweist: Das Thema reizt. Und damit es nicht zu sehr abhebt, checkt manch Ottonormalverbraucher in vielen Formaten zwar ein paar Sterne über seinem Kreditrahmen ein. Doch wenn der schwäbische Angestellte bei einer mühsam ersparten Silberhochzeitsreise auf dem Traumschiff die Augen aufreißt vor Glanz und Gloria und Wunderkerzen beim Captain’s Dinner, ist er sich seiner Wurzeln eben doch stets bewusst. Und um auch seinem Geldbeutel gerecht zu werden, begab sich der NDR mal in die Tiefen der Mittelklassehotellerie und möbelte im Coaching-Format Retten Sie unser Hotel Familienbetriebe mit Namen wie Tannengrund auf. Am Ende träumt der gemeine Gastronom ja doch vom eigenen Haus für die Schönen und Reichen. Der Kunde will es so. Und der Zuschauer erst recht.
Blacklist: Oberfläche & Anspruch auf RTL
Posted: January 23, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDr. Brody und Mr. Lecter
Mit The Blacklist läuft seit dieser Woche dienstags um 21.15 Uhr bei RTL eine Agentenserie, die wie so oft das Schlechteste an RTL zum Ausdruck bringt, aber auch eine Art Hoffnungsschimmer, der Sender könnte unterm neuen Geschäftsführer doch so was wie seriös werden.
Von Jan Freitag
Diego Klattenhoff kann nichts dafür. Er macht seine Sache hervorragend, wie immer eigentlich. Sein FBI-Agent Donald Ressler steht seinem US-Army-Captain Mike Faber in kaum einer Weise nach. Der kanadische Schauspieler kann also Geheimdienstler ebenso wie Soldaten, weil er die fein justierte Männlichkeit anspruchsvoller Action-Charaktere mit einem wunderbar empathischen Gesicht verfeinert, das je nach Bedarf steinhart oder butterweich werden kann. An Diego Klattenhoff liegt es also nicht, dass die neue RTL-Serie The Blacklist trotz vergleichbarer Herkunft, Dramaturgie, Ausstattung und Mittel irgendwie nicht an die grandiose Sat1-Serie Homeland heranreicht. Das hat andere Ursachen. Sie sind vor allem äußerlicher Natur.
Denn die Geschichte vom gesuchten Terroristen Ray Reddington (James Spader), der sich freiwillig stellt, um aus Gründen, die das Drehbuch erst nach und nach preisgibt, mit der Nachwuchsprofilerin Liz Keen (Megan Boone) eine schwarze Liste anderer Terroristen abzuarbeiten, ist eigentlich so klug wie spannend – wäre da nicht diese dauernde Effekthascherei. Schon die heutige Pilotfolge steigt gleich zu Beginn mit jenem dräuenden Da-passiert-gleich-was-Sound ein, der auch die restlichen 21 Episoden keine Sekunde verhallt. Visuell wird alles ebenfalls unablässig überdreht. Kein Licht wirkt natürlich, FBI-Knäste sind düstere Zukunftsvisionen des Überwachungsstaats, Festnahmen grundsätzlich Aufmärsche seines gesamten Geräteparks und die blutjunge Hauptdarstellerin hatte auf dem rasanten Weg zur perfekten Spionin stets genug Zeit für ihre Nebenkarriere als Model. Kurzum: die guten Anlagen der Story um Doppel- und Dreifachagenten, um vermeintlich Unverdächtige rings um den instinktbösen Serienfiesling Reddington, der für so viel dramaturgische Oberflächlichkeit eine erstaunliche Tiefgründigkeit an den Tag legt, all dies ist irgendwie typisch RTL.
Auch Deutschlands abgelöster Marktführer vollzieht ja seit dem Intendantenwechsel vom vorigen Jahr inhaltlich eine sachte Wandlung zum Positiven, die nur ästhetisch noch nicht Schritt hält. Regierte in den acht Jahren unter Geschäftsführerin Anke Schäferkordt ein dramaturgischer Aberwitz, der die Wirklichkeit konsequent durch gefälschte Realitäten ersetzte und Unterhaltung durch Publikumsverachtung, so scheint sich RTL unter ihrem Nachfolger Frank Hoffmann langsam darauf zu besinnen, dass Fernsehen vielleicht doch kein Ballerspiel ist und ein Vollprogramm etwas anderes als ein Bahnhofsklo. Die unsägliche Scripted Reality etwa befindet sich anders als bei der Ballermannprinzessin Anke S. nicht zügig auf dem Weg in die Primetime, sondern peu à peu auf dem Rückzug. Das Jenke-Experiment betont beim vielfach missbrauchten Begriff „Infotainment“ seit Ewigkeiten wieder die erste statt bloß der letzten Silbe. Mit Wie tickt Deutschland wagte sich Steffen Hallaschka zur Bundestagswahl sogar mal an echte politische Berichterstattung. Günther Jauch und Thomas Gottschalk tragen als Die 2 gegen ALLE fast einen Hauch öffentlich-rechtlicher Unterhaltungsbetulichkeit ins Private. Und im aufdringlichen Testosteronstahlbad der handelsüblichen RTL-Formate von Cobra 11 bis Transporter setzt auch The Blacklist auf ein gewisses Understatement zur besten Sendezeit.
Trotz aller Oberflächlichkeit, so scheint es zum Auftakt und so legt es auch der zweite Teil nahe, zieht Jon Bokenkamps Drehbuch seine furiosen Spannungsbögen nämlich doch nicht ausschließlich aus billigen Effekten. Unablässig gibt es erstaunliche Wendungen, überraschende Charakterzüge und, ja, grandiose Actionszenen. Und James Spader gibt den Bösewicht in Staatsdiensten dabei so versiert abgründig zwischen Hannival Lecter und Nicolas Brody, zwischen Schweigen der Lämmer und Homeland, dass es einem wie in den beiden Formaten oft schwer fällt, seine Sympathien zweifelsfrei zu verteilen. Das hilft dem Zuschauer beim Dranbleiben und RTL bei der Positionierung als Abenteuersender mit etwas mehr Hirn, als es die ersten 30 Jahre des Senderbestehens der Fall war. Die Hoffnung stirbt ja auch im Actionfilm zuletzt.