Iris Berben: Diva, Mutter, Superstar

Jenseits der Optik

Iris Berben ist ein Phänomen. Sie altert nicht sichtbar, umschifft Durchschnittsfilme, ist nicht nur als Schauspielerin wahrnehmbar und  macht sogar Simmelverfilmungen sehenswert. Jetzt spielt sie im ZDF-Melodram Der Wagner-Clan (Sonntag, 20.15 Uhr) die Gattin des Großkomponisten. Porträt einer Diva, die keine ist.

Von Jan Freitag

Wie sie so vor einem sitzt, im barocken Mobiliar eines Hamburger Luxushotels: Strahlend, strahlend schön vor allem, die Beine übereinander geschlagen wie vom Glamourmagazin drapiert, die Schuhe daran so halsbrecherisch, als bräuchte man fürs unfallfreie Tragen artistisches Basiswissen, das Haar schwarz wie frisch vom Färben, die Mimik etwas angespannt und zweifellos in intensiver dermatologisch-kosmetischer Behandlung, aber nie maskenhaft – diese Frau soll über 60 sein? 60 Jahre? 60 Jahre alt?

Iris Berben lächelt, als sie sich ihre Zeit auf Erden kurz vor Augen hält, aber sie lächelt nicht zwanghaft, es ist kein PR-Lächeln, Magazincover-Lächeln, Showbühnen-Lächeln. Eher so eines der Art, sehr genau zu wissen, was sich bei der Promotionsarbeit für einen Film eben geziemt, ohne die seltsame Etikette des globalen Filmmarketings überzubewerten. Es ist kein Schalter-Lächeln. Und so kann diese Schauspielerin, deren alterslose Attraktivität für permanentes Raunen in der Klatschpresse sorgt, auch sehr schnell mal aufhören zu lächeln.

Ob sie eine Diva sei? Wie abgeglitten von glattem Fels rutschen ihre Mundwinkel da abwärts. „Ich tauge nicht zur Diva“, antwortet sie ernst, zeigt sodann leicht gönnerhaftes Verständnis für eine Viertelmillion Google-Treffer ihres Namens in Kombination mit dem mythischen Siegel der weiblichen Filmbranche und erklärt gleich mal, warum das trotzdem alles Blödsinn sei, dieses Diva-Gefasel, dem sie so oft ausgesetzt sei. „Die Verschmelzung des Privaten mit dem Beruf, ein ganzes Leben in allen Facetten für den Film, der ihr Selbstwertgefühl vollends bestimmt“, so fasst sie die Funktionsweise divenhafter Persönlichkeiten zusammen. „Für Beziehung, Kinder, Freunde ist da kaum Platz.“

Was also soll das mit Iris Berben zu tun haben, die bei aller beruflichen Belastung ihren Lebtag Zeit für Beziehung, Kinder, Freunde und sogar Nebenbeschäftigungen hatte, für politisches Engagement also, soziales Engagement, gegen Rassismus, pro Israel, zur Wiederwahl der SPD? „Nichts!“ Erwidert sie selbst, und dann lächelt die Berben wieder ihr Berben-Lächeln und es ist ein strahlend schönes, mildes, beinahe weises, ein Antidivenlächeln: „Aber was ist privat, was ist beruflich?“

Ja, was ist privat, was beruflich, in ihrem Metier, dieser Glasmanage im Erregungszirkus Filmbranche? Privat wird beruflich und umgekehrt, könnte man ihr entgegnen, wenn Iris Berben, sagen wir: in einer Verfilmung von Johannes Mario Simmel mitwirkt. Das hat sie unlängst getan, ausgerechnet die ewig junge Alt-68erin half also den Großinquisitor bürgerlicher Moral verfilmen. Weil der Mario, wie sie ihn zärtlich nennt, gar nicht so war. Weil er ihr Freund gewesen sei, den sie spät, dann aber richtig kennenlernen durfte. Weil sie sein Interesse für echten Liberalismus, die deutsche Versöhnung mit den Juden, Freiheit selbst normfernster Meinungen, fürs Große Ganze geteilt habe. Da könne man den Chefliteraten des abflauenden Wirtschaftswunders ruhig mal ins Fernsehen bringen.

Und dass Iris Berben daran beteiligt war, ist dabei weit weniger bemerkenswert, als die Tatsache, dass sie es ist, die einen guten Film daraus gemacht hat. Das ZDF will eine ganze Reihe von Simmel-Schinken adaptieren. Es sind schwere Literaturvorlagen, nicht unbedingt dramaturgisch, eher physikalisch: Dicke Wälzer, die in Ludwig Erhards „formierter Gesellschaft“ wohl in jedem zweiten Haushalt die Statik der Bücherregale herausforderten. Die erste Verfilmung war ein Desaster, „Und Jimmy ging zum Regenbogen“, betuliches Problem-TV mit Heino Ferchs einzigem Gesichtsausdruck, irgendwo zwischen maskulin und melancholisch. Iris Berben dagegen hat die baugleich manirierte Handlung von Niemand ist eine Insel mit der gleichen Lebendigkeit gefüllt, wie am Sonntag die Rolle der Großkomponistengattin Cosima im ziemlich berechenbaren Kostümmelodram Der Wagner-Clan.

So wie sie nun überhaupt manch eventtauglichen Filmstoff belebt. Im öffentlich-rechtlichen Kosmos macht sie das zu einer Art Defibrillator, der das ergraute Stammpublikum mit Intensität und Güte aus ihrem herbeigepilcherten Wachkoma reißt. Ausgerechnet die Gastwirtstochter aus Detmold, die mit heutzutage sonderbar verklärter Brachialcomedy von Zwei himmlische Töchter bis Sketchup einst zu ulkiger Popularität gelangte, darf mittlerweile Betsy Buddenbrook und Bertha Krupp, Kolonialherrinnen und Exterroristinnen, ansehnliche Serienkommissarinnen und menopausengeplagte Hausfrauen, auf der großen Leinwand oder am kleinen Bildschirm spielen.

Das macht die Quereinsteigerin ohne Schauspielausbildung mehr als 40 Jahre nach ihrem Kameradebüt spürbar stolz und der Stolz wird noch spürbarer, wenn Iris Berben schildert, wie ihr Talent dafür erst die Hürde der Optik überspringen musste. „Ich werde heute in einem sehr charakterlichen Fach wahrgenommen, in dem man sich über Äußerlichkeiten weit weniger Gedanken machen muss“, schwindelt sie ein bisschen, denn die meisten Regisseure besetzen da ja doch noch eine ziemlich gut aussehende Frau mit der beneidenswerten Eigenschaft, kein Gramm zuzunehmen. Doch statt Filme, die sich nur eine glitzernde Fassade an die Bühnenkante holen, und da endet die Schwindelei, „mache ich erwachsene Filme, die sich parallel zur Entwicklung des eigenen Alters und dessen Gefühlslage, Erkenntnisse, Erfahrungen und Verluste abspielen“.

Reale Figuren, thematisch vielleicht auch deshalb so dicht an der eigenen Lebenswelt, weil sie zusehends vom eigenen Sohn Oliver produziert werden, jedenfalls „eins-zu-eins besetzt in vertrauenswürdigen Rollen“, wie sie es nennt, also im Wesentlichen in einer Lebensphase, wo man, wie zuletzt geschehen, schon mal den Bayerischen Filmpreis fürs Lebenswerk entgegennehmen kann, ohne sich dafür auch ein bisschen schämen zu müssen. Warum, das sieht, wer ihr mal live gegenübersitzt. Altern sieht anders aus.


Neuverfilmungen: Charles Dickens & Arte

Unterhaltsamer Aufklärer

Arte widmet den knallbunten Sozialstudien der Viktorianischen Epoche des Schriftstellers Charles Dickens einen Schwerpunkt mit drei Neuverfilmungen seiner Werke. Das ist nicht nur spannend anzusehen, sondern sagt auch etwas über unserer Zeiten.

Von Jan Freitag

Die Konsumgesellschaft schafft sich ihren Überfluss auf den verschiedensten Gebieten. Autos, Frischfleisch, Fernreisen und alles was glitzert, quasselt, blinkt, dazu die neuesten Trends von Apple, Ikea, H&M – es gibt einfach zu viel zu viele Produkte für viel zu viele Menschen mit viel zu vielen Bedürfnissen für ein vielfältiges Fortkommen dieses Planeten. Und die Liste ließe sich ja leicht ergänzen. Auf dem Bildschirm zum Beispiel, daheim im Wohnzimmer oder größer auf Leinwand. Wer, bitteschön, braucht  schließlich 22 Filmversionen ein und desselben Romans? Antwort: Kommt ganz drauf an.

Denn Dickens’ Schlüsselroman Oliver Twist, je nach Quellenlage das wohl meistadaptierte Buch nach der Bibel, mag nämlich seit James Stuart Blackdons stummer Schwarzweißvariante von 1909 mal sehr sinnig, mal eher sinnlos verfilmt worden sein; auch die 23. Fassung hat bei aller Patina einer 175 Jahre alten Erzählung wenig von deren zeitgeistiger Kraft verloren. Besser gesagt: Charles Dickens hat es nicht. Seit Oliver Twist oder der Weg des Fürsorgezöglings seinen Ruf 1839 als unterhaltsamster Analytiker des Viktorianischen Zeitalters begründen half, ging nämlich beinahe jedes seiner großen Werke in die Literaturgeschichte ein: Ob nun David Copperfield, Eine Geschichte aus zwei Städten oder das viel zitierte Weihnachtswunder um Ebenezer Scrooge – was immer der autodidaktisch gebildete Sohn eines bettelarmen Postschreibers aus Portsmouth zu Papier brachte, es skizzierte die Epoche der frühen Industrialisierung besser als jede akademische Schrift und wurde bereits zu Erstveröffentlichungszeiten zum Bestseller.

In diesem Licht zeigt der Kulturkanal Arte ab heute also nicht nur eine weitere Sammlung bonbonbunter Fernsehfilme nach Charles Dickens; die drei mehrteiligen Erstausstrahlungen neuer Interpretationen zum 101. Geburtstag des britischen Großliteraten fügen dem adaptierten Werk durchaus neue Seiten hinzu. Und das liegt zunächst an Timothy Spall. Wie der Londoner Theatermime mit reichlich Harry-Potter-Erfahrung Oliver Twists Gegenspieler Fagin interpretiert, liefert er eine der wunderbarsten Figuren schurkiger Fiktion überhaupt. Sir Alec Guinness, George C. Scott, zuletzt Ben Kingsley – der hehlende Diebesbandenchef wurde von wahrhaft großen Vorbildern verkörpert; doch verglichen mit Spalls Darstellung kommen sie alle wie Chorknaben weg.

Und genau darin liegt bekanntlich der Mehrwert des Remakes alter Filme begründet: War der Film noch lange nach der glattgeleckten Technikolor-Ära stets um ein Mindestmaß an Sauberkeit und ordnungsstiftender Milde bemüht, so traut sich das Kino heutzutage, Abgründe auch wirklich als solche zu zeichnen, statt Cowboys stets gebügelte Hemden zu verpassen. Das zeigt sich auch in den zwei anderen Adaptionen der Arte-Reihe: Das Geheimnis des Edwin Drood von Diarmund Lawrence und Brian Kirks Große Erwartungen. Ersterer bebildert Dickens drogenbetäubte Phantasmagorie des Kantors John Jasper mit düsterer Tiefe, letzterer den wellenförmigen Aufstieg des Waisenjungen Pip mit grandioser Opulenz. Wie Oliver Twist machen beide Romanvorlagen somit Menschen zu Hauptfiguren, die zur Zeit ihres Entstehens bestenfalls Sidekicks sein durften: Die Unterschicht. Vor Dickens nämlich hat sich kein Autor von vergleichbarer Strahlkraft den Verhältnissen des industrialisierten Umbruchs aus Sicht ihrer Verlierer gewidmet. Seine Protagonisten mögen schlammverkrustet sein, kriegen aber allesamt ein Gesicht, das selbst die der literarisch beherrschenden Upperclass überstrahlt.

Überhaupt Kritik am Klassen- und Ständesystem zu üben, war damals ja verpönt. Sie auch noch über jene am unteren Rand zu äußern, galt als ausgeschlossen. Umso erstaunlicher, dass Dickens Romane schon zu Lebzeiten Verkaufserfolge wurden – was zuweilen politische Folgen hatte. Oliver Twist zum Beispiel befeuerte seinerzeit die Erkenntnis, Armut sei nicht gottgegeben, sondern menschlich beeinflussbar, und Kriminalität eher alltags- als wesensgesteuert. Das muss man sich in Zeiten, da die Bild ein griechisches „Betrüger-Gen“ identifiziert und der Ruf nach staatlicher Härte gegen Mehrfachtäter anschwillt, stets vor Augen halten. Der Schwerpunkt: Charles Dickens kann dazu etwas beitragen. Und großartig unterhalten.

Oliver Twist (2 Teile): 13. und 20. Februar, jeweils 20.15 Uhr

Das Geheimnis des Edwin Drood (2 Teile): 27. Februar, 20.15 und 21.15 Uhr

Große Erwartungen (3 Teile): 6. März, 20.15, 21.07 und 22 Uhr


Cross-PR: ARD, ZDF & Axel Springer

Schleichwerbestallgeruch

Augenscheinlich hätte das arglose Publikum meinen können, die Verleihung der künstlerisch irrelevanten Goldenen Kamera am Samstag war eine Gala für einen relevanten Fernsehpreis. Tiefgründiger betrachtet, hat das ZDF in der werbefreien Primetime feinste Schleichwerbung für den Springer-Konzern geliefert – und damit ein gutes Beispiel fürs weite Feld der Cross-Promotion.

Von Jan Freitag

Die Welt von morgen wird weiblicher: Als Schülerinnen hängen Frauen künftige Kerle um Längen ab, als Lehrlinge holen sie beruflich auf, als Studentinnen bilden sie die akademische Elite, als Angestellte streben sie nach Höherem, in Leitfunktion gelten sie als sachkundig und effizient, menschlich sind sie ohnehin empathischer, produktiver, belastbarer, ergo: obenauf. Auch wenn sich die Herren der Schöpfung also mit jedem Y-Chromosom dagegen stemmen: Frauen kommen langsam, aber gewaltig. Da ist es doch super, wenn die ARD Deutschlands starke Frauen feiert.

Könnte man meinen.

Doch dann wirft man einen Blick ins Kleingedruckte dieser Show der großen Emotionen, deren ARD-Moderator Kai Pflaume vorigen März zur zweitbesten Sendezeit um 22 Uhr knapp zwei Stunden lang Tränen anerkennender Rührung aus dem Gemüt gepresst hat. Wir stießen dabei nämlich nicht nur auf Frauen, deren Stärke durchweg aus ehrenamtlichem Engagement für Kinder, also eher klassischer Kernkompetenz erwächst; sie erhalten dafür einen Preis namens „GOLDENE BILD der FRAU“, der seit sieben Jahren vom vulgärkonservativen Springerblatt fürs Weib seinerzeit erstmals im Ersten verliehen wurde. Womit wir beim Punkt wären.

Denn so edel das Ziel klingen mag, so rührselig Kai Pflaume unterm Geigenteppich säuselte – das Prinzip hinter dieser Trophäe heißt Cross Promotion und ist mindestens dubios. Denn immer im Blick: Der Zeitschriftentitel, die Chefredakteurin, das ganze Produkt. Und so war es vorigen Samstag aufs Neue: In Berlin wurde die Goldene Kamera verliehen, künstlerisch ein gänzlich irrelevanter Fernsehpreis, was sich schon an Jury-Mitgliedern wie Martina Hill oder Til Schweiger ablesen lässt. Dennoch war sich das ZDF abermals nicht zu blöd, die berechenbar kommerzielle Gala zweieinhalb Stunden zur besten Sendezeit ins werbefreie Programm des Samstagabends zu heben – Insignien und Spitzenpersonal der veranstaltenden Springer-Presse natürlich stets mit. Solche Überkreuz-Reklame zwischen gesendeten und gedruckten Medien wirkt wie die zwischen Parteien und Pressehäusern oder Autoren und Kritikern. Es fördert hier die Einschaltquoten, da die Absatzzahlen, mal die Wahlchancen, mal die Interviewzusagen und grundsätzlich allseits Bekanntheit. Gegenseitige PR ist ein Strukturprinzip vernetzter Medien, und wer es nicht nutzt, ist definitiv kein Teil der Springer AG.

Denn Axel Caesars Kampfblätter haben die win-win-Situation kooperierender Formate förmlich perfektioniert. Katja Kessler schreibt Romane? Ihr Exarbeitgeber Bild feiert jeden davon ausgiebig und die Sat1-Adaption Herztöne erst recht. Kai Diekmanns Gattin schreibt Bohlens Biografie? Sein Blatt feiert Kesslers Buch mit Auszügen plus Anzeigenoffensive auf Seite 1. Der Topjuror deutschen TV-Castings macht eine Show? Bild-Reporter blicken vor, hinter, durch die Kulissen! Das einstige Kohl-Organ jubelt einen Sozi zum Kanzler? Gerhard Schröder re(a)giert öffentlichkeitswirksam mit „Bild, BamS und Glotze“! Niedersächsische Lokalfürsten wollen Bundespolitiker werden oder betrügerische Freiherren Volkstribunen? Springers „Rote Gruppe“ kriegt dafür Homestory um Homestory, auf die man bei Stefan Raab vergebens wartet, da der nichts Privates raushaut. Egal – schweigt das Blatt halt zum Starmoderator. Da ist man konsequent…

Dabei spannt sich das Prinzip einander waschender Hände längst durch alle Netze. Die TV Productions GmbH des Nachrichtenmagazins Focus etwa lanciert von den PS Profis auf Sport 1 bis Focus TV (Pro7/Sat1) gleich sieben Fernsehformate. „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo bewirbt seinen Gesprächsband mit dem gefallenen Guttenberg episch im eigenen Blatt. Der Sportschau-Vorspann erinnert verteufelt ans Design des Bundesliga-Zugpferds Bayern München, der sich zusätzlich noch bei der Übertragung des sportlich belanglosen Marketingevents Franz-Beckenbauer-Cup präsentieren darf. Talkshowmoderatoren lancieren die Sujets der anschließenden Tagesthemen und RTL das Programm seiner Tochterkanäle. Der ESC genannte Grand Prix verbrüdert Sender wie Pro7 und ARD, das sich mal vom dämlichen Promimagazin Bunte TV vereinnahmen ließ, deren Verlag an gleicher Stelle Jahr für Jahr seinen „Bambi“ verleihen darf.

Das war Ende November. Doch ein „P“ war nirgends zu sehen, als das Erste zur besten Sendezeit live von der Verleihung des journalistisch völlig unbedeutenden Burda-Trophäe berichtete. Und auch im ZDF leuchtete abermals kein Kürzel im Bildschirmeck, um die Übertragung der Goldenen Kamera als das zu kennzeichnen, was es war: Eine Dauerwerbesendung für Springers Hörzu, moderiert von Michelle Hunziker und wie üblich Hape Kerkeling, der voriges Jahr kurz vor der Übertragung auch noch von jeder Litfasssäule für die TV-Zeitschrift grüßte. Beide Shows unterliefen also nicht bloß das Sponsoringverbot, mit dem seit Januar die Präsentation öffentlich-rechtlicher Sendungen durch Markenartikel untersagt wird; sie stinken nach Schleichwerbung.

Denn mit Inkrafttreten des 13. Rundfunkänderungsstaatsvertrags vor fast drei Jahren ist jeder Kanal verpflichtet, Product Placement per „P“ anzukündigen, sofern Produkte für einen Gegenwert – bei ARD/ZDF kostenlose Requisiten, bei den Privaten auch bares Geld – platziert werden. Nur: den Nachweis führen die Sender, und wo kein Kläger, da kein Richter – der jedoch auch dann untätig bleiben dürfte, wenn sich das Erste bei der nächsten Werbesause für irgendein redundantes Springer-Blatt wie die demnächst in Essen produzierte Bild der Frau anzeigt. Aber vielleicht liegt sie dafür ja im ARD-Morgenmagazin auf dem Tisch. Cross-PR zum Frühstück.


Fernsehhotels: bodenständig & nobel

Luxus für alle

Wenn Hotels in Film und Fernsehen zu Hauptdarstellern werden, sind es meist Nobelherbergen wie in der spanischen Hochglanzserie Grand Hotel, die ab Dienstag im Disney Channel läuft. Oder aber sie sind schwer sanierungsbedürftig. Dazwischen gibt es fast nichts. Eine kleine Reise durch die Fernsehgastronomie.

Von Jan Freitag

Die Welt der Wirtschaft, sagen zugehörige Wissenschaftler, verläuft in Wellen. Aufschwünge folgen stets Abschwüngen und umgekehrt, es ist ein einziges Wogen wie er Ozean im Herbststurm. Nachdem die Kurve zuletzt in kurzer Folge heftig bergab ging, weist sie nun wieder sachte aufwärts. Schuld am Sturzflug waren Spekulanten, Heuschrecken, Banken, Finanzminister, die Bösen also. Man zählt sie zur New Economy, die im Gegensatz zur Ökonomie alter Prägung angeblich weniger Werte kennt, weder Ethik noch Moral. Doch ganz gleich ober Auf- oder Abschwung, Boom oder Baisse, Millionenboni oder jump you sucker – offenbar nächtigen ihre Geschäftsreisenden ausnahmslos in Designausgaben edler Hotelketten, nicht in traditionellen Kästen wie dem Lindbergh in Berlin.

Was auch daran liegt, dass es der Phantasie des ZDF entstammt und 2006 unterm Titel Fünf Sterne für Quote sorgte. Über mehrere Jahre kennzeichnete dieser Luxusklotz einen Stil, der die Kritik am rüden Kapitalismus von heute gewissermaßen gastronomisch flankiert: wann immer Hotels im Fernsehen Hauptrollen spielen, um mit einem „Grand“ vorweg Nostalgie und Würde zu verkörpern, werden sie zu Nischen einer Marktwirtschaft, die noch für Wärme sorgt. Das ist im fiktiven Grand Hotel der fiktiven Beherbergungsdynastie Alarcón in einer fiktiven Stadt namens Cantaloa nicht anders. Nächsten Dienstag startet die träumerische Serie aus dem krisengeplagten Spanien zur besten Sendezeit beim krisenfest traumwedelnden Disney Channel und es geht dabei um ein Fin de Siècle, das vor allem glitzert. Das schön ist. Prunkvoll ist. Telegen ist. Und voller Hoteliers, die es gut meinen mit dem Gast und der Welt ringsum.

Denn so wie Familienunternehmen gegenüber Vorstandskonzernen gütig, fürsorglich, ja: selbstlos daherkommen, stehen TV-Hotels im gediegenen Beherbergungswesen stets für Kundennähe und Liebreiz. „Europas alte Residenzen sind keine anonymen Glas- und Glitzerpaläste, sondern bieten die feinste Kulisse für Leidenschaften, Politik und Kunst“ – so kündigte die ARD mal ihre anbiedernde Dokumentarreihe Menschen und Hotels an und schilderte elitistische Häuser vom Brenners Park in Baden Baden bis zum Londoner Savoy als solche „mit Tradition und Geschichte“, in denen „Könige und Präsidenten, Musiker, Maler, Stars oder Sternchen“ übernachtet hätten.

Macht und Ruhm, Tradition und Geschichte – schöne alte Welt. Im Lindbergh verteidigt sie der Namensgeber gegen den skrupellosen Investor: erst bei einem edlen Tropfen im burgartigen Weinkeller und schließlich per Faustkampf. Aug in Aug mit bloßen Renditeerwartungen erscheint die Hemdsärmeligkeit echter Kerle plötzlich als ebenso seriös und praktikabel wie überbordender Luxus. Das durfte zuletzt Heinz Hoenig als Chef eines Hamburger Spitzenhotels im ARD-Zweiteiler Rose unter Dornen belegen, das findet sich im spanischen Grand Hotel, wo sich edle Betreiber unablässig finsterer Intriganten erwehren müssen, die das behagliche Haus auf Rendite trimmen wollen. Kein Wunder, dass Hotelserien Produkte der krisenhaften Siebzigerjahre sind. Zwischen Ölkrise und Massenarbeitslosigkeit entstand Hallo, Hotel Sacher, Portier und setzte der realen Hektik 1973 das plüschige Wiener Denkmal entgegen, dessen Standestreue so arglos war wie im Haus am Eaton Place zur gleichen Zeit. Auf einmal wirkte die Klassengesellschaft so behaglich, dass unter Vernachlässigung exorbitanter Zimmerpreise, elitärer Atmosphäre und sozialer Hackordnungen eine Reihe fürstlicher Gasthöfe zu Drehorten wurden. Vom britischen Hotel in der Duke Street ab 1978 über Arthur Haileys 105-teiliges Hotel  der Achtziger bis hin zum exotischen Hotel Paradies, Roy Blacks Schloss am Wörthersee oder girl friends im Folgejahrzehnt. Stets waren die Häuser Projektionsflächen einer telegenen Mischung aus Glamour und Arbeit, Hierarchie und Luxus, Dienstbarkeit und Muße, Alltag und Urlaub.

Die Zuschauer sehnen sich nach Bodenständigkeit und Überfluss in einem. Sie möchten nur kurz am Jet Set der Klatschpresse schnuppern wie all jene Touristen, die von livrierten Portiers freundlich am Betreten des Adlon gehindert werden. Aber wer dank exorbitanter Preise leider draußen bleiben muss, dem bleibt ja als Ersatz noch die Vielzahl an Dokumentationen über Berlins teuerste Adresse oder jenes opulente Melodram in Starbesetzung, mit dem das ZDF Deutschlands berühmtester Herberge Anfang vorigen Jahres einen werbewirksamen Dreiteiler schenkte, der Das Adlon samt seiner Inhaber in weichgezeichnetes Wohnstubenlicht tauchte.

Was beweist: Das Thema reizt. Und damit es nicht zu sehr abhebt, checkt manch Ottonormalverbraucher in vielen Formaten zwar ein paar Sterne über seinem Kreditrahmen ein. Doch wenn der schwäbische Angestellte bei einer mühsam ersparten Silberhochzeitsreise auf dem Traumschiff die Augen aufreißt vor Glanz und Gloria und Wunderkerzen beim Captain’s Dinner, ist er sich seiner Wurzeln eben doch stets bewusst. Und um auch seinem  Geldbeutel gerecht zu werden, begab sich der NDR mal in die Tiefen der Mittelklassehotellerie und möbelte im Coaching-Format Retten Sie unser Hotel Familienbetriebe mit Namen wie Tannengrund auf. Am Ende träumt der gemeine Gastronom ja doch vom eigenen Haus für die Schönen und Reichen. Der Kunde will es so. Und der Zuschauer erst recht.


Blacklist: Oberfläche & Anspruch auf RTL

Dr. Brody und Mr. Lecter

Mit The Blacklist läuft seit dieser Woche dienstags um 21.15 Uhr bei RTL eine Agentenserie, die wie so oft das Schlechteste an RTL zum Ausdruck bringt, aber auch eine Art Hoffnungsschimmer, der Sender könnte unterm neuen Geschäftsführer doch so was wie seriös werden.

Von Jan Freitag

Diego Klattenhoff kann nichts dafür. Er macht seine Sache hervorragend, wie immer eigentlich. Sein FBI-Agent Donald Ressler steht seinem US-Army-Captain Mike Faber in kaum einer Weise nach. Der kanadische Schauspieler kann also Geheimdienstler ebenso wie Soldaten, weil er die fein justierte Männlichkeit anspruchsvoller Action-Charaktere mit einem wunderbar empathischen Gesicht verfeinert, das je nach Bedarf steinhart oder butterweich werden kann. An Diego Klattenhoff liegt es also nicht, dass die neue RTL-Serie The Blacklist trotz vergleichbarer Herkunft, Dramaturgie, Ausstattung und Mittel irgendwie nicht an die grandiose Sat1-Serie Homeland heranreicht. Das hat andere Ursachen. Sie sind vor allem äußerlicher Natur.

Denn die Geschichte vom gesuchten Terroristen Ray Reddington (James Spader), der sich freiwillig stellt, um aus Gründen, die das Drehbuch erst nach und nach preisgibt, mit der Nachwuchsprofilerin Liz Keen (Megan Boone) eine schwarze Liste anderer Terroristen abzuarbeiten, ist eigentlich so klug wie spannend – wäre da nicht diese dauernde Effekthascherei. Schon die heutige Pilotfolge steigt gleich zu Beginn mit jenem dräuenden Da-passiert-gleich-was-Sound ein, der auch die restlichen 21 Episoden keine Sekunde verhallt. Visuell wird alles ebenfalls unablässig überdreht. Kein Licht wirkt natürlich, FBI-Knäste sind düstere Zukunftsvisionen des Überwachungsstaats, Festnahmen grundsätzlich Aufmärsche seines gesamten Geräteparks und die blutjunge Hauptdarstellerin hatte auf dem rasanten Weg zur perfekten Spionin stets genug Zeit für ihre Nebenkarriere als Model. Kurzum: die guten Anlagen der Story um Doppel- und Dreifachagenten, um vermeintlich Unverdächtige rings um den instinktbösen Serienfiesling Reddington, der für so viel dramaturgische Oberflächlichkeit eine erstaunliche Tiefgründigkeit an den Tag legt, all dies ist irgendwie typisch RTL.

Auch Deutschlands abgelöster Marktführer vollzieht ja seit dem Intendantenwechsel vom vorigen Jahr inhaltlich eine sachte Wandlung zum Positiven, die nur ästhetisch noch nicht Schritt hält. Regierte in den acht Jahren unter Geschäftsführerin Anke Schäferkordt ein dramaturgischer Aberwitz, der die Wirklichkeit konsequent durch gefälschte Realitäten ersetzte und Unterhaltung durch Publikumsverachtung, so scheint sich RTL unter ihrem Nachfolger Frank Hoffmann langsam darauf zu besinnen, dass Fernsehen vielleicht doch kein Ballerspiel ist und ein Vollprogramm etwas anderes als ein Bahnhofsklo. Die unsägliche Scripted Reality etwa befindet sich anders als bei der Ballermannprinzessin Anke S. nicht zügig auf dem Weg in die Primetime, sondern peu à peu auf dem Rückzug. Das Jenke-Experiment betont beim vielfach missbrauchten Begriff „Infotainment“ seit Ewigkeiten wieder die erste statt bloß der letzten Silbe. Mit Wie tickt Deutschland wagte sich Steffen Hallaschka zur Bundestagswahl sogar mal an echte politische Berichterstattung. Günther Jauch und Thomas Gottschalk tragen als Die 2 gegen ALLE fast einen Hauch öffentlich-rechtlicher Unterhaltungsbetulichkeit ins Private. Und im aufdringlichen Testosteronstahlbad der handelsüblichen RTL-Formate von Cobra 11 bis Transporter setzt auch The Blacklist auf ein gewisses Understatement zur besten Sendezeit.

Trotz aller Oberflächlichkeit, so scheint es zum Auftakt und so legt es auch der zweite Teil nahe, zieht Jon Bokenkamps Drehbuch seine furiosen Spannungsbögen nämlich doch nicht ausschließlich aus billigen Effekten. Unablässig gibt es erstaunliche Wendungen, überraschende Charakterzüge und, ja, grandiose Actionszenen. Und James Spader gibt den Bösewicht in Staatsdiensten dabei so versiert abgründig zwischen Hannival Lecter und Nicolas Brody, zwischen Schweigen der Lämmer und Homeland, dass es einem wie in den beiden Formaten oft schwer fällt, seine Sympathien zweifelsfrei zu verteilen. Das hilft dem Zuschauer beim Dranbleiben und RTL bei der Positionierung als Abenteuersender mit etwas mehr Hirn, als es die ersten 30 Jahre des Senderbestehens der Fall war. Die Hoffnung stirbt ja auch im Actionfilm zuletzt.


Dennis Moschitto: Tatort-Fiesling & -Sweetie

Wut und Wahnsinn

Als der Bremer Tatort mit Hochzeitsnacht 15. Geburtstag feierte, blieb er wie so oft blass. Wenn er heute im WDR wiederholt wird, kann daran auch der großartige Denis Moschitto als Episodenschurke mit Herz wenig ändern. Ein Porträt mit Interview.

Von Jan Freitag

Können diese Augen hassen? Kaum zu glauben, wenn Denis Moschitto so freundlich vor einem sitzt. Wenn dieser kleine Kerl mit den weichen Zügen ins Hotelpolster sinkt und nervös am Ärmel nestelt. Wenn der Schauspieler sein süßestes Jungslächeln zeigt und arglose Jungssachen sagt wie jene vom „Hallodri mit Fehlern“, den er so oft verkörpern musste, bis, ja bis es endlich ernst wurde. Besser: bis es seine Augen wurden, werden durften. Denn dass die hassen können, beweist Dennis Moschitto Sonntag aufs Neue, diesmal im Bremer Tatort: Hochzeitsnacht. Dort spielt er einen sehr wütenden Mann namens Wolf, der mit seinem noch wütenderen Komplizen (Sascha „Ferris“ Reimann) die Festgesellschaft zweier frisch Vermählter, Hauptkommissar Stedefreund inklusive, in Kollektiv kidnappt, um so herauszufinden, wer seine Exfreundin getötet hat, für deren Mord er unschuldig im Knast saß.

Eine krude Geschichte, ein absurder Stoff – unlogisch, konstruiert, einfach mies. Wäre da nicht Moschitto als Schaf im Wolfspelz, der von den Umständen ins Verbrechen getrieben wird, obwohl er doch eigentlich nur Liebe will. Dieser Mix aus echter Wut und falschem Weg ist seine Paraderolle, seit ihn Fatih Akin 2008 erstmals gegen den Strich besetzte. „Chiko“ hieß das ultrabrutale Kiezdrama, in dem der Mädchenschwarm Denis mit finsterem Blick zum Drogenboss mutierte.

Ein Segen, eine Befreiung, sagt dessen Darsteller heute. Er hat zwar lange Kung-Fu gemacht, was ihm in ruppigen Kölner Problemviertel so viel Selbstbewusstsein verschafft hat, dass der Sohn türkisch-italienischer Eltern nach abgebrochenem Philosophiestudium Schauspieler statt, sagen wir: Gangsterrapper wurde. Aber dass da etwas Hartes in ihm steckt, dass ihm der Bösewicht nun gleich reihenweise zugetraut wird – das zu können war mir lange Zeit nicht klar. Er hat sich trotz seiner Kampfkunst ja nicht mal auf der Straße geprügelt. „Zu klein“, sagt er. Kein Wettbewerbtyp. Auch deshalb bekam er in vielen seiner 35 Jahre die falschen Angebote fürs echte Talent. Sicher, der liebenswert verlotterte Ibo in Kebab Connection, der unfreiwillige Sexhotlinebetreiber Elviz in Süpersex waren charmante Rollen in lustigen Filmen. Aber sie schickten ihn in eine „gefährliche Schublade“, wie er es nennt: Den Sympathieträger fürs Leichte, tauglich für Gastauftritte in Klamauk wie Till Schweigers 1½ Ritter. Da habe Chiko Türen geöffnet. Durch die er nun regelmäßig geht.

Im Kinothriller Brand spielt er den finsteren Bullen mit ebensolcher Hingabe wie den Fußfetischisten einer österreichischen Komödie. Für ambitionierte Projekte lässt er sich trotz aller Abneigung „gegen Klischees und Langeweile“ sogar auf Rollen ein, die seine südländische Optik ausschlachten, als islamischer Terrorist etwa in einer internationalen Produktion neben Eric Bana und Rebecca Hall, als „Bremer Taliban“ Murnat Kurnuz in Tom Tykwers Episodenfilm Deutschland 09.

freitagsmedien: Welche Rolle spielt Ihr südländisches Aussehen?

Als visuelles Medium sortiert Film nun mal nach optischen Kriterien vor. Beunruhigender finde ich etwas anderes: Meine deutschen Rollen werden mir auch wegen meines Namens angeboten. Hieße ich, sagen wir: Murat, würde ich wie viele meiner Freunde meist Brüder in Ehrenmordstorys spielen. Dieses Vorurteil über die Anrede stört mich weit mehr als die Einordnung über mein Aussehen. Dass mir meist Italiener und Türken angeboten werden, liegt doch in der Natur der Sache.

Dabei sind Sie weder das eine noch das andere so richtig.

Ich habe – aus purer Faulheit – die italienische Staatsbürgerschaft. Aber wer wie ich mit drei Nationalitäten aufwächst, hat das Problem, nirgends richtig zugehörig zu sein.

Empfinden Sie die Tatsache, im Tatort einen Wolf Koschwitz zu spielen, als Indiz für die Befreiung des Films von seiner Klischeeverliebtheit?

Eher als kleine Bewegung. Gegen wahre Kreativität wirken da viele Kräfte, die auch zur Frage führen, ob ein Türke als Deutscher funktioniert. Von Befreiung kann man erst reden, wenn Herkunft generell nur nebenbei mitliefe. Türkische Ärzte, Anwälte, Unternehmer sind jedenfalls im Film weit seltener als in der Realität. Und dann reden sie fast immer mit Akzent.

Anders als Sie.

Warum sollte ich auch! Ich bin hier geboren und groß geworden. Da ist es merkwürdig, wenn mir Leute auf die Schulter klopfen, wie super ich Deutsch spreche. Und wenn ich ein Drehbuch kriege, in dem mein erster Satz mit „Digger“ beginnt, hör ich auf zu lesen. Langeweile stößt mich genauso ab wie Klischees um ihrer Selbst Willen.

Dafür ist dann sein Polizist in der Ki.Ka-Serie Allein gegen die Zeit noch deutscher als der Kidnapper im Tatort. Warum sich der wählerische Charaktertyp für dieses dramaturgische Durcheinander hergab? Weil er Kammerspiele möge, sagt Moschitto, „Geschichten auf engstem Raum“. Vor allem aber: Experimente. Und dazu darf man Hochzeitsnacht ruhig zählen, mit ihrer klaustrophobischen Atmosphäre in einem verschlossenen Festsaal, Verbindung zur Außenwelt gekappt. Allein: es ist herzlich missglückt und somit kein schönes Geburtstagsständchen für Sabine Postel. Seit 15 Jahren ermittelt ihre Hauptkommissarin Inga Lürsen in Bremen. Mit nunmehr 26 Fällen zählt sie nicht nur zu den dienstältesten, sondern populärsten Ermittlern der ohnehin beliebten Krimiserie. Das ist insofern bemerkenswert, als Lürsen samt Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) vom Feuilleton gern als bemerkenswert hölzern kritisiert wird. Ihre Fälle mögen mit bis zu 14 schon mal die meisten Toten aufweisen und dank achteinhalb Millionen Zuschauern stabile Quoten aufweisen; filmisch ist das Team der winzigen Sendeanstalt zuweilen doch arg beschränkt.

Daran ändert auch Denis Moschitto wenig, der mit dem Rapper Ferris MC zur Seite eifrig gegen das furchtbare Drehbuch ankämpft. Als Bösewicht, der weit mehr ist als böser Blick. Der all die Wut, den Wahnsinn, „der in jedem von uns steckt“, sehr versiert abruft und dabei stets sympathisch bleibt. Denis Moschitto ist eben gar nicht so, der will nur spielen.


Alexander Duszat – Elton & tja

Mann ohne Eigenschaften

Alexander Duszat kennen nur wenige, sein Pseudonym dagegen schon einige mehr: Elton. Seit einiger Zeit darf der frühere Sidekick von Stefan Raab sogar große Abendshows wie Die Millionärswahl (heute, Pro7, morgen Sat1) moderieren. Chronologie eines seltsamen Aufstiegs

Nun also Münzenflitschen. Alexander Duszat, genannt Elton, hat beim Kinderkanal Pro7 bereits jede Infantilität als Fernsehen verkauft. Er hat sich verprügeln lassen, selbst kasteit und lächerlich gemacht, ausgezogen, abgezogen, zugezogen, er war immer der Mann fürs Grobe ohne Tiefgang. Das ist er auch in Elton zockt, nur ganz allein: Der rundliche Sidekick größerer Namen kriegt bei seinem Haussender die erste eigene Abendshow, macht aber auch dort weiter, wo er scheinbar nie aufhört: Beim Ringelreihen.

Denn wenn er zur besten Sendezeit Geldstücke Richtung Wand schnipst, wird die Ereignislosigkeit erneut zur Essenz privaten Entertainments – mit dem Unterschied, dass seine Kandidaten gegen die Chance auf 100.000 Euro eigenen Besitz von Auto bis Ehering setzen. So viel Geld auf diesem Sendeplatz: Das kann man trotz aller Debilität als Aufstieg des Lilalaunebärs werten, der es von Raabs Praktikanten in zwölf Jahren jetzt einen Buchstaben hinaufgeschafft hat, im Orbit des Star-Rankings.

Und nun also auch noch: Millionärswählen. Erst auf Pro7, ab morgen dann bei Sat1 darf der frühere B-Promi wieder irgendwas Kommerzielles rund um den Kommerz machen, der wie gewohnt im Kommerzfernsehen zugleich gefeiert und verlacht wird. Und weil das immer sein Publikum findet, ist Elton nun noch ein Stück näher am A-Promi, und das wundert ihn selbst am meisten. „Unentwegt sogar“, sagt der Berliner mit Herz in Hamburg und Wohnsitz Köln. Dabei klingt er wie einer, der trotz 18 Jahren Erfahrung mit Kameras noch immer hineinblickt, als sei er zufällig davor geraten. Alexander, pardon: Elton ist nicht so populär, weil ihn irgendwas kennzeichnet wie das PR-Produkt Katzenberger mit ihrer Silikonbräsigkeit; sein Alleinstellungsmerkmal ist dessen vollständiges Fehlen. „Mein Erfolgsgeheimnis heißt Ehrlichkeit“, sagt das Dutzendgesicht mit der Randlosbrille. Ihm ist selbst so eine Plattitüde unbedingt zu glauben.

Denn so sehr er sich auch durch die Raab-Verwertungen von Turmspringen bis Wok-WM hetzen, so viele Pennälerzoten er auch bei Elton vs. Simon über sich ergehen, so peinliche Brachial-Castings à la Die Alm er auch mit sich ausstatten lässt – Duszat ist eines der wenigen Gesichter im Durchlauferhitzer Event-TV, dessen Unbefangenheit glaubhaft wirkt. Als personifizierter Kindergeburtstag für Adoleszenzverweigerer adelte ihn der Wille zur Normalität nicht nur fürs debile Kommerzfernsehen, sondern zum Nachfolger Michael Schanzes, dessen Evergreen 1, 2 oder 3 seit vier Jahren unter Eltons leichter Hand läuft.

Schanze war seinerzeit ein Moderator von internationalem Rang eben weil seine Hingabe für den Nachwuchs kein bloßes Markenzeichen war, sondern echter Leidenschaft entsprang. Wie bei seinem Vorgänger, ist Eltons Beliebtheitsrezept also, sich mit Zuschauern und Kandidaten unbedingt gemein zu machen. Natürlich hätten Typen wie er oder auch Oliver Pocher ein bisschen zur „Verkindlichung“ des Mediums beigetragen, räumt der zweifache Vater freimütig ein. „Aber eigentlich gab’s das schon immer.“ Auch Wetten, dass…? habe ja eine „neue Form der Infantilität ins Abendprogramm gehoben, die sich in den Achtzigern durchgesetzt hat“, Duszat lacht: „Da bin ich nur einer von vielen.“

Und weil er das ist, sorgt seine Präsenz im zappeligen Medienalltag fast für angenehme Beständigkeit: Als einer, der sich trotz aller Mängel an Stimmvolumen, Talent und Handwerk unbeirrt im Fokus dieser Parallelöffentlichkeit zwischen Pro7 und ZDF hält. Der diesem Phänomen in Buchform mit dem Titel „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Zum Glück bin ich keins“ auf den Grund geht. Der wie sein Mentor Raab keinen physischen Schmerz scheut, um dem Publikum die Illusion guter Unterhaltung zu geben. Der durch pure Präsenz auf allen Bühnen televisionärer Selbstentwürdigung Schritt für Schritt „in die Sachlichkeit hochseriösen Fernsehens“ gegangen ist und nun sogar samstagabendtauglich wird.

Selbst eine Episodenrolle im Tatort hält er für denkbar. Zumal in seinem Alter, wo man sich überlegen müsse, „ob man ewig gegen Wände laufen will“. Oder Münzen flitschen. Bei Artgenossen seiner Spezies TV-Kasper würde man jetzt vor Fremdscham zu Boden blicken; Alexander Duszat sieht man da besser fest in die Augen. Einen Elton kriegt so schnell keiner weg vom Bildschirm.


Auf dem Recyclinghof: Das TV-Jahr 2014

TV-neuDas Frischjahr

Fußball & Olympia, Stefan Raab & Dagmar Manzel – das neue Fernsehjahr hält nur dann mehr bereit als das abgelaufene, wenn man genau hinsieht, lange aufbleibt, am besten beides. Wenn die Masse das tut, kann 2014 eigentlich nur einer Marktführer werden, in jeder Zielgruppe: ZDFneo. Theoretisch. Ein Ausblick.

Von Jan Freitag

Es ist aber auch zu blöd für Programmplaner, wie schwer sich Fernsehen planen lässt. Unter all der öffentlich-rechtlichen Harmlosigkeit und kommerziellen Brachialunterhaltung, den peinlichen Wettsofaparaden und gebrauchten Privatshows hatte das abgelaufene TV-Jahr seine besten Momente immer dann, wenn das Weltgeschehen selbst Regie führte. Die Papstwahl etwa, der im März 6000 Reporter vor Ort beiwohnten, viele davon fürs Dutzend deutscher Sender. Oder die des Bundestags, der im TV-Duell Stefan Raabs respektables Debüt als, nun ja, Journalist vorausging. Dazu ein Frühjahrshochwasser, dem die ARD elf Brennpunkte plus sechs mit Herbststürmen widmete. Das war spannendes Fernsehen. Und weil meteorologische Extranachrichten die politischen insgesamt ums Doppelte übertrafen, sei hier noch auf Mariette Slomka und Sigmar Gabriel im heute-journal verwiesen; wie sich die Streithähnchen live zum SPD-Mitgliederentscheid zankten, war noch größeres Entertainment als Katja Riemann beim Rangeln mit dem entnervend schlichten DAS!-Moderator Henning Baumgarten.

Nur schade, wie gesagt, dass so etwas selten in Programmzeitschriften steht. Die vermelden folglich auch 2014 viel Gebrauchtware in neuer Verpackung, dazu die üblichen Verdächtigen und nur gelegentlich ein paar ungewohnte, die allerdings im Land der Drehbuchdichter und Krimidenker notorisch auf Täterjagd gehen. Und es mag zwar bereits 21 Tatort-Teams geben; wenn im Herbst das 22. aus Nürnberg hinzukommt, lässt dessen Besetzung doch aufhorchen: Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs. Besser geht’s kaum. Mal gucken, ob es nüchterne Aktenwühler werden wie in Köln, Bremen, Wien. Oder zielgruppentaugliche Witzbolde à la Til „Kawoom“ Schweiger als Nick „Pow“ Tschiller und das Duo Ulmen/Tschirner, die ihre Weimarer Posse nun doch weiterdrehen dürfen. Irgendwo dazwischen jedenfalls könnte Katja Riemann liegen, der ein schwäbisches Tatort-Event angeboten wurde. Noch so eine alte Bekannte.

Womit wir zurück beim Thema Recyclinghof TV-Programm sind. Biopics über Hannelore Kohl, das Würzburger Justizopfer Harry Wörtz oder Bayern Münchens Ehrenpräsident Kurt Landauer belegen ja allein in der ARD ab Frühling, dass Filmporträts mit realem Hintergrund auch 2014 wieder einen gehörigen Teil der Gebühren verbrauchen werden. Zumal es auch im Dokudrama zur Spiegel-Affäre, zum Grundgesetz (mit Iris Berben) und zum 100. Jahrestag des 1. Weltkriegs vor allem berühmte Gesichter sind, die Zeitgeschichte unterhaltsam machen sollen. Diesem Sog der Wirklichkeitsfiktion fügt das ZDF im Februar den Wagner-Clan hinzu und später ein Dokudrama zum Attentat von Sarajewo mit Heino Ferch, während Sat1 den Rücktritt Christian Wulffs adaptiert und RTL, nein – die versenden wie eh und je ihr risikoarmes Plastikentertainment zwischen Cobra 11 (mit dem neuen Sprengmeister Vinzenz Kiefer) und Gottschalks Klassentreffen ab Februar, wo alte (Schul-)Kameraden raten. Innovationen? Wagemut? Gar Scheitern als Chance?

Fehlanzeige!

Dafür sorgen schon die Buchhaltungen jener Sender, deren Führungsetagen entweder dem Parteienproporz gehorchen oder von Management-Units durchsetzt sind. Fernsehbesessenen wie einst einem Helmut Thoma gibt es darin kaum noch, weshalb betriebswirtschaftlich das alte CDU-Credo herrscht: Keine Experimente! Warum sollte es da dramaturgisch anders zugehen als in der Nachkriegszeit, wo sich das kampfesmüde Verlierervolk lieber sedieren als fordern ließ. So gilt bei RTL abseits von Bauersfraudschungelcastings mit oder ohne Rach ein schicker Knastarzt und Henning Baum als Götz von Berlichingen als kreativ. Auf Pro7 gibt es wie gehabt Raab aus allen Rohren und Elton bei der Millionärswahl. Sat1 schickt die Heimatfilmstars Diana Amft und Josefine Preuß in flache Primetimegewässer, durch die nun Sascha Hehn das Traumschiff steuert, was ähnlich anspruchsvoll ist wie der nächste Schmunzelkrimi im Ersten, bald auch aus Bochum.

Sieht man mal vom ARD-Mittwochsfilm ab, der 2014 für viel Güte sorgen wird. Lässt man die tollen Nischenkanäle kurz beiseite, wo ZDFneo endlich eine eigene Serie produziert. Ignoriert man überdies Neues aus der Anstalt, das mit den Kamikern Max Uthoff und Claus von Wagner den satirischen Umbruch wagt. Und vergisst auch, dass etwas Furioses wie Weissensee noch 2014 ins Finale gehen könnte, dass Polizeirufe oft die besseren Tatorte sind und zu Weihnachten sicher wieder ein paar wunderbare Märchenadaptionen entstehen, Till Eulenspiegel als Zweiteiler inklusive, dann bleibt an echter Aufregung vor allem dreierlei: Sport, Sport und Sport.

Allein 240 Stunden davon zeigen ARZDF live aus Sotschi. Die Dauersause aus der Diktatur garnieren sie zwar mit ein paar dokumentarischen Bedenken zu Putins Spielen, senden insgesamt aber eher gesinnungsfrei. Außerdem läuft noch irgendwas richtig Dickes in Brasilien. Was genau wird unter all den Bau- und Korruptionsskandalen der Fifa zwar zusehends egal. Die Sendezeit wird es ab Anfang Juni aber ebenso üppig füllen wie so manches Konto im globalen Spiel der Megaeventvermarktung. Und das Publikum? Wird sich da mit Grausen abwenden. Wird dem banalen Overkill die kalte Schulter zeigen. Wird Dinge ohne Dreck am Stecken, dafür mit Niveau sehen. Deshalb wird die fraglos brillante Echtzeitstudie 24 Stunden Jerusalem im April auf Arte nach den Gesetzen des gesunden Menschenverstands zum Quotenkrösus 2014. Und Marktführer wird weder WM noch Olympia, nicht Germany’s Next Topmodel oder Wetten, dass…?. Nein, ZDFneo. Garantiert.


Tatort: Töten & Lachen

Schmunzel-Tatort

Im Tatort, einst ein Bollwerk nüchterner Beamten mit kleinen Macken, wird zusehends von Freaks und Komikern jeder Art wie Devid Striesow alias Jens Stellbring oder ab heute Nora Tschirner und Christian Ulmen ermittelt. Wird die erfolgreichste deutsche Krimireihe zur Comedy?

Von Jan Freitag

Wer soll da bloß den Überblick behalten: Wenn nicht noch schwere Erkrankungen, unerwartete Berufswechsel oder ähnliche höhere Gewalt ins Personal der erfolgreichsten Fernsehfilmreihe aus deutschsprachigen Landen einschlagen, ermitteln ab heute 20 Teams im Tatort. In Worten: Zwanzig! Das ist mehr, als diese dicht besiedelte, an Metropolen indes arme Republik an Ländern hat, mehr also, als der ARD-Länderproporz erfordert. Vor allem aber mehr, als geeignete Schauplätze zur Verfügung stehen fürs naturgemäß eher urbane Fernsehkernthema Kapitalverbrechen. Gut, es wird wie stets in vier Dekaden Fluktuationen geben; mit Nina Kunzendorf verlässt das Beste, was je in diesem Format aktiv war, ihr Frankfurter Morddezernat, Ulrich Tukur ist ein Kommissar auf Abruf, Christian Ulmen nebst Nora Tschirner wurden bloß als Weimarer Weihnachtsevent angekündigt und bei Schweizer Inspektoren weiß man auch nie so genau, wie durchhaltefähig sie sind. Doch insgesamt bleibt festzuhalten: wenn knapp ein Viertel aller Morddezernate seit 1971 zugleich auf Mörderjagd gehen, ist der Tatort bei aller Klasse längst Massenkampf.

Da bedarf es einiger Unterscheidungskriterien, besser: eines tragfähiges Ordnungssystems, um im Überfluss die Orientierung zu behalten. Früher, in der ausklingenden Schwarzweißära, da selten mehr als ein Dutzend Teams parallel Dienst taten, reichten zur Differenzierung noch die notorische Bulette von Hansjörg Felmy alias Heinz Haferkamp oder Schimanskis speckige Windjacke samt zugehöriger Sittenverlotterung. Heute dagegen, mit all den Standards zwanghaft bipolarer, vornehmlich geschlechtergemischter Teams, muss man Distinktionselement unterhalb individueller Gewohnheiten suchen. Genauer: beim Humor.

Denn das Erste, dieser quietschfidele Senderverbund, der mit seiner „Schmunzelkrimi“ genannten Vorabendreihe Heiter bis tödlich zeigt, dass Fernsehheiterkeit nun wirklich gar nichts mit Lachen zu tun haben muss, diese ARD also teilt seine Samstagabendbeamten zusehends in ernst und lustig, besser: lustig gemeint ein. Definierte sich bis 2002, dem Debüt der Münsteraner Spaßbrigade hiesiger Todesfallaufklärung, nur das singende Odd-Couple Stoever/Brockmöller als irgendwie drollig, läuft der Quotengarant mittlerweile über vor dem, was im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so unter Frohsinn firmiert.

Zum Beispiel Jens Stellbrink. Putzige Sachen trägt der neue Saarbrücker Hauptkommissar seit Sonntag: Gummistiefel zu Bermudashorts, tihi, dazu ein vermschmitztes Dauergrinsen, garniert mit rotem Roller – das ist dem benachbarten TV-Komiker Gerd Dudenhöffer weit näher als Stellbrinks Vorgänger Max Palu, hat also in etwa das Unterhaltungspotenzial der Witze Waldi Hartmanns. Dennoch macht das Stilmittel skurriler Kriminologie längst Schule. Damit arbeitet etwa das Dortmunder Gespann Peter Faber & Martina Bönisch, das Jörg Hartmann und Katja Schudt so bizarr interpretieren, bis Fabers Borderlinesyndrom amüsant daherkommt.

Einen schrulligen Einschlag verzeichnet auch die frivole Kriminalhauptkommissarin Conny Mey (Kunzendorf) an der Seite des lallenden Joachim Król, ganz zu schweigen von Liefers & Prahl oder den Komödianten Nora Tschirner und Christian Ulmen, die ab heute als humoristische Eintagsfliege in die Wohnzimmer surren (auch wenn ihr Weiterleben zwischendurch angekündigt wurde). Und da ist noch nicht mal von Til Schweiger die Rede. Der schauspielerisch limitierte Klamaukveteran mit Kriegsfaible kann schließlich nur als Realsatire verstanden werden, seit er das einst ehrwürdige Format zum dumpfen Schlachtfeld amerikanischer C-Movies in all seiner Chuck-Norris-gestählten Mixtur aus darstellerischer Dillettanz und reichlich Bummbumm erklärt, was ja auch wieder nur irgendwie ulkig gemeint sein kann…

Damit wäre die Richtung vorgegeben: War Schweigers Urahn Manfred Krug an gleicher Stelle bis 2001 der einzige Kommissar mit ausgeprägt heiterem Arbeitsethos, so sind die Schweigers, Striesows, Tschirners, Hartmanns eine Art dritte Welle des Schrulligen im verstaubten Krimifach, nachdem die zweite vor gut zehn Jahren neben einem snobistischen Gerichtsmediziner mit Zwerg auch Charlotte Lindholms hypochondrischen Mitbewohner Martin (Ingo Naujoks) und die bisweilen vergnügten Hauptstadtermittler um den Großstadtcowboy Till Ritter (Domink Raacke) ins Erste gespült hatte. Derlei Kuriositätenkabinette, so scheint es, werden irgendwann die Sachwalter traditioneller Investigation aus München, Leipzig, Bremen, Ludwigshafen, Stuttgart, Wien und Köln mal in Rente schicken. Oder besser: in Rente schmunzeln.


Märchen: Weihnachtsfernsehdauerbrenner

Glaube, Liebe, Hoffnung

Mit den vier aufwändigen Verfilmungen voller Topstars des deutschen Fernsehens, erhöht die ARD ihren Kanon alter Märchen im neuen Gewand seit 2008 nun auf stolze 30 frische Filme. Nicht nur die Adventszeit ist voller Klassiker auf fast allen Kanälen, zumindest den öffentlich-rechtlichen. Warum eigentlich? Und warum nie bei den kommerziellen?

Von Jan Freitag

Es war einmal… Ach, eigentlich ist noch immer und gewiss erzählen unsere Enkel noch den ihren von bösen Hexen, guten Feen, Schneiderlein und Stadtmusikanten und was sich noch so alles in den uralten Erzählungen für Kinder tummelt. Märchen sind für die Ewigkeit – selbst im schnelllebigen Fernsehen. Und so füllt es sich dieser festlichen Tage mit allem, was das Genre hergibt. Seit 2008 aktualisiert die ARD das Werk der Brüder Grimm, ergänzt durch populäre Werke Hans Christian Andersens oder wie im vorigen Jahr der opulenten Modernisierung von Nils Holgerssons wunderbare Reise, dargeboten von Topstars wie Hinnerk Schönemann, Bastian Pastewka, Yvonne Catterfeld, solche Kaliber.

Vier brandneue Fassungen kommen unterm Reihentitel 6 auf einen Streich allein am ersten und zweiten Weihnachtstag hinzu: Vom Fischer und seiner Frau, Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, dazu Die kleine Meerjungfrau und nach einer Neufassung des ebenfalls aktiven ZDF nun auch im Ersten Der Teufel mit den drei goldenen Haaren. Schon merkwürdig. Denn eigentlich galt der Kanon 2012 als abgeschlossen, was seinerzeit ja schon die frischen Titel belegten: Jorinde und Joringel oder Die Sterntaler durften im Grunde nur noch Kennern echte Begriffe sein. Aber was zählt, ist ja auch das Gesamtpaket.

Denn zu den Debüts gibt es ja noch die Klassiker, gern mal schwarz-weiß, oft aus dem Osten. Um die 50 deutsche wie tschechische Perlen laufen Jahr für Jahr zur Weihnacht, darunter gleich ein knappes Dutzendmal Drei Haselnüsse für Aschenbrödel von 1973. Nur die Privatsender bleiben selbst in ihren Kindersparten komplett Grimmfrei. Seltsam. Fragt sich also: Sind Märchen überhaupt noch zeitgemäß. Die Antwort lautet: jein. Erzählt werden antiquierte Geschichten barocker Charaktere in einer Welt, die der unseren fremd ist, mit konservativem Sippendenken, dass modernen Patchworkfamilien zuwider läuft, in einem Tempo, das jungen Sehgewohnheit hinterherhinkt, mit einer Bildsprache, die allen digitalen Tricks zum Trotz selbst der Dynamik von Bob der Baumeister unterliegt.

Doch dann ist da dieser Zauber, ein „mythischer Kern“, wie ihn Norbert Schneider nennt: „Klare Verhältnisse mit der Überraschung des Wunders“. Dank des Wiederkennungswertes schafft das aus Sicht des Medienkontrolleurs einen Kosmos, „in dem man sich total gehen lassen kann“. Und zwar ethisch grundiert statt haltlos wie im kommerziellen Reizgewitter. Märchen sind deshalb unzerstörbar, schreibt die Literaturkritikerin Evelyn Finger, „weil sie von unseren Träumen und unserer Verzweiflung handeln“. Weil sie Moralbegriffe bebildern, die altbacken sein mögen, aber nicht nutzlos.

Mit ihrer klaren Einteilung in gut und böse, richtig und falsch, ordnen sie die Realität vor. Mit mal despotischen, mal gütigen Herrschern heroischer bis feiger Untertanen, dieser Berechenbarkeit menschlichen Handelns bei konsequenter Verlässlichkeit des positiven Endes unter tierischer Mithilfe, dem Mix fataler Lagen, magischen Beistands und individuellen Eifers, lehren sie uns Fehlbarkeit, Fantasie, Widerstand, Gehorsam und den Glauben, einst vom Prinz aus dem dunklen Wald geholt zu werden. Darum sind Märchen eine Schule des Herzens. Sie nähren in uns Hoffnung und Zweifel zugleich.

Verglichen mit dem Restprogramm ist das ein ziemlich komplexes Vergnügen für die Kernzielgruppe der 3- bis 13-Jährigen. Schließlich sammelten die Grimms vor zwei Jahrhunderten ja eher für Wissenschaftler als deren Sprösslinge, wie Heinz Rölleke herausfand. Mit jeder Auflage aber wurden ihre „Kinder- und Hausmärchen“, die der Germanist 1975 als Anthologie französischen Ursprungs entlarvte, so lange verniedlicht, bis sie zum Vorlesen dieser literarischen Dürrephase für Heranwachsende passten. Umso erstaunlicher, dass ihr Kern subversiv blieb. Jede Figur, so Rölleke, verstoße für den Reifeprozess gegen Gebote. „Auch Rotkäppchen schert sich nicht um Ermahnungen.“

Unangepasst, autoritätskritisch, fast rebellisch, vor allem aber: familiär. Jacob Grimm war lange verärgert, dass bloß für den Verkaufserfolg „Kind“ im Buchtitel stand. Heute versammeln „nur Märchen alle Generationen am Lagerfeuer des Medienzeitalters“, erzählt KiKa-Planer Stephan Rehberg vom festen Sendeplatz am Sonntagmittag mit bis zu zwei Millionen Zuschauern. Den Eltern darunter, glaubt Rehberg, „geht es weniger um Erziehung als Romantik“. Die Moral von der Geschicht’ sei eher ein Zubrot. Auch für die Sender und ihre Darsteller, diesmal von Nina Kunzendorf oder Jörg Hartmann über Ben und Meret Becker bis hin zu Katharina Schüttler. Grimms Werke werden schließlich auch neu verfilmt fast unweigerlich zum Standardwerk in Endlosschleife, deren Wiederholungen sich schon kurz nach der Premiere kaum zählen lassen. Anders als die totale Abstraktion hektischer Comic-Märchen oder die ungewollte der Marke Degeto haben die Originale ewige Halbwertszeiten. Gestrig und aktuell, grausam und schön, real und zauberhaft – wie das Leben.

1. Weihnachtstag, 14.10 Uhr: Vom Fischer und seiner Frau; 15.10 Uhr: Das Mädchen mit den Schwefelhözern
2. Weihnachtstag, 14.10 Uhr: Die kleine Meerjungfrau; 15.10 Uhr: Der Teufel mit den drei goldenen Haaaren