Peter Behrens: Trio-Drummer und Autobiograf

BehrensIch bin Rentner

Foto: Moritz Thau

Peter Behrens hat seine Biografie geschrieben. Was für Kenner eine Topmeldung ist, muss man Außenstehenden kurz erklären: Behrens, das ist der Drummer von TRIO, die Ursprungsband der Neuen Deutschen Well. Und er hat eine Menge zu erzählen

Von Jan Freitag

Es gibt Produkte, die sind so untrennbar mit der äußeren Erscheinungsform verbunden, dass jede Änderung irritiert. Als VW seinen Käfer auf Beegle trimmte, verstörte das die Kundschaft noch mehr als Meg Ryans Schlauchbootlippen oder Crystal-Coke. Kein Wunder, dass dieser Greis von 66 Jahren mit Trilby überm aschgrauen Haar für stilles Entsetzen sorgt, wie er da im Eck eines Hamburger Bahnhofscafés sitzt. Stattliche Teile der Menschheit haben schließlich ein anderes Bild von Peter Behrens im Kopf, mit roten Hosenträgern, weißem Shirt und dunkler Moritztolle. Doch das, zeigt sich 30 Jahre später, ist längst Geschichte. Hier sitzt die Gegenwart vom Trommler der NDW-Band TRIO und sie hat viel hinter sich, seit Da Da Da

Eine Frage, die bei Ihrem Leben keine Höflichkeitsfloskel ist: Wie geht’s?

Peter Behrens: Jetzt wieder wunderbar.

Wieder, weil es mal anders war.

Ganz anders. Ich war unten und zwar eine Weile. Kokain, Alkohol, Schulden, Arbeitslosigkeit – das volle Programm. Aber als mich Klaus Marshall anrief.

Ein völlig unbekannter Lehrer aus Soest.

… und meinte, du hast eine großartige Vergangenheit, magst du mir die nicht erzählen – da merkten wir, Mensch, da kann man doch ein Buch draus machen.

Die Autobiografie stand gar nicht am Anfang?

Nein, eher am Ende. Vor einem Jahr ging’s dann los mit der Recherche und ich musste mir erstmal bei Google Gedächtnisstützen suchen; was war in dem und dem Jahr – klick, klick, klick. So was merkt man sich ja nicht mal ohne Alkohol.

Und wer hat das dann aufgeschrieben?

Ich hab zwar Sport und Germanistik auf Lehramt studiert, aber langes Schreiben liegt mir nicht und meine Tippfähigkeiten sind eine Katastrophe. Klaus schreibt, ich denke.

Klaus Marschall, Lehrer aus dem Westfälischen. Weit weg also von Behrens’ Heimat Wilhelmshaven und doch ein Katzensprung verglichen mit der Achterbahnfahrt, die der Drummer dem Ghostwriter diktiert hat. Geboren als Sohn eines amerikanischen GI, landete Peter im friesischen Waisenhaus. Danach wurde er von zwei Bundesbahnern adoptiert, die ihn streng auf eine Beamtenlaufbahn hin erzogen. Schon der junge Behrens entzog sich dieser Option jedoch durch die Musik. Sie führte ihn über Schul-, Schlager- und Krautrockbands 1980 per Zeitungsannonce zu Stephan Remmler und Kralle Krawinkel aus Großenkneten. Ob die Geburt von TRIO im Rückblick Glück war oder Pech? Behrens zuckt die Achseln. Dass Dreiviertel der 270 Buchseiten vor allem davon handeln, spricht für beides.

Sie sind mit TRIO hoch gestiegen und tief gefallen. War das Buch da eine Art Therapie?

Ja. Ich hatte ständig mit dem Schicksal gehadert, denn nach dem Ende bin ich in ein langes tiefes Tal geraten, von dessen Mitte aus betrachtet die Berge immer unerreichbarer wurden.

Und dieser Berg hieß TRIO.

Das war der Mount Everest meines Lebens. Ist er bis heute. Deshalb haben wir von TRIO uns alle, egal wie schlecht es mir selbst ging, auch immer gegen all die Angebote entschieden, die Gruppe wiederzubeleben. Wir haben Geschichte geschrieben, von den Texten übers Entertainment bis hin zum Minimalismus, und ein Denkmal sollte man nicht anpinkeln.

Zumindest sollte man es nicht durch Mehrzweckhallen der Provinz schleifen.

Stimmt. Wir wollten ja noch Underground sein, als es in die Charts ging und waren ebenso vom eigenen Erfolg überrascht wie die Zuschauer der Hitparade, die plötzlich Spaß an uns gefunden hatten. Das konnte keiner der Beteiligten so richtig fassen.

Hat Sie der Erfolg abgeschreckt?

Eher verunsichert. Anfangs fand ich die Streicheleinheiten noch ganz schön, durch Wilhelmshaven zu gehen und hinter mir zu hören, ey, das ist doch Peter Behrens. Mit der Zeit wurde das aber zu viel. Und mit Turaluraluralu, unserem letzten Hit, war die Grenze auch musikalisch überschritten. Kralle und ich dachten, so einen Kack spielen wir nicht. Das war eher so Remmlers Ding.

Remmler. Im Buch sagt Behrens selten Stephan zum Sänger. Man sei im Guten auseinander gegangen, doch während er mit Gitarrist Kralle so gut befreundet blieb wie mit NDW-Größen von Spliff bis Ideal, brach der Kontakt zum Schlagerstar in spe ab. Leider, sagt Behrens heute und stochert im Kartoffelsalat mit Knackwurst. Sein Blick gerät fast so leer, wie es der ausgebildete Clown vor TRIO auf der Mailänder Artistenschule gelernt hat. Diese Teilnahmslosigkeit wurde sein Markenzeichen.

War Ihre Rolle, war TRIO als Ganzes ein Kunstprodukt?

Nein. Jeder hatte zwar seine Rolle: Kralle das Landei, Stefan der Dandy, ich der Clown; aber da war nichts aufgesetzt, unser Zirkus war echt. Auf der Artistenschule hatte ich gelernt, dass das Stoische genau mein Ding ist; darauf gründet der Minimalismus von TRIO, doch das Ruhige, Zurückhaltende entspricht auch meinem Naturell. Ich musste mich nicht groß verstellen. Sowohl die Show als auch die Musik kamen aus mir selbst.

Machen Sie noch welche?

Nicht wirklich. Manchmal werd ich gefragt, ob ich als Schlagzeuger live einspringen kann, man verlernt das ja nicht.

Fehlt Ihnen was?

Nein.

Ehrlich?

Ja.

Warum?

Ach, Wilhelmshaven ist ja nun keine Musikhochburg, wo sich Musik ständig aufdrängt.

Peter Behrens ist jetzt spürbar geschafft, seine Stimme wird dünner, der Blick trüb. Die Jahre ganz unten haben ihn mehr Kraft gekostet als jene oben zwischen Wetten, dass…? und Japantournee. Sein Buch mag fröhlich von der alten Zeit erzählen, in Anekdoten von einer Wahrsagerin schwelgen, die ihm eine Schriftstellerkarriere prophezeite, oder dem „fünften Beatle“ Klaus Voormann, der ihr mit der Entdeckung von TRIO zuvorkam. Von durchgebrachten Millionen, durchzechten Nächten mit Falco, vom „Schnee, auf dem wir  talwärts fahren“ – wie der kleine Mann mit dem zerlebten Gesicht indes die Zigarette zum Abschalten bereit hält, da wird deutlich: Er sehnt sich mehr nach Ruhe als dem Ruhm von einst.

Ist es eigentlich Bodenständigkeit, dass Sie nahe Ihrer Geburtsstadt leben?

Nein, das hat sich so ergeben. Und wenn das mit dem Buch klappt, würde ich auch gern wieder eine Weile in Hamburg leben. Oder noch besser: In Wien. Da haben wir einen Fanclub, der mich ein, zweimal im Jahr einladen. Außerdem ist die Stadt großartig.

Und was machen Sie dann da?

Nix.

Wie nix?

Na nix. Bisschen was mit Freunden machen macht mich schon zufrieden. Ich bin Rentner. Und ich vermisse auch nichts von früher. Schon gar nicht den Stress.


Dr. Kleist – Superarzt, Supermann, Supervater

Der Halbgott von Eisenach

Seit nunmehr zehn Jahren lautet das Synonym für lieblos inszeniertes, inhaltlich anspruchsloses, konservativ ideologisches Fernsehen: Dr. Kleist. Am Dienstag ging das ARD-Märchen vom kernigen Alltagshelden Francis Fulton-Smith als perfekter Arzt, Gatte, Vater, Mensch in die 5. Staffel und wieder fragt sich: Warum tun sich das viele Millionen vernunftbegabter Zuschauer Woche für Woche an?

Von Jan Freitag

Das Fernsehen gilt bekanntlich als Seismograph des Zeitgeistes. Wenn eine Patientin also im Idyll ihres Einzelzimmers nicht weiß „wie ich Ihnen danken soll, Herr Doktor“, worauf der entgegnet, es sei doch viel wichtiger, „dass Sie mehr Zeit auf sich verwenden“, dann wissen wir: Da läuft gerade ein Heimatfilm der piefigen Fünfzigerjahre. Zu dumm, dass dieser hier ein halbes Jahrhundert später spielt, Teil einer aktuellen Fernsehserie ist und viel, viel ernster gemeint ist als je zuvor. Mit dem Zeitgeistseismographen ist das eben so eine Sache.

Denn Dr. Kleist rettet, heilt, liebt und managt im Hier und Jetzt. Und das seit nunmehr 65 Folgen. In der 1. wollte die Hauptstadtklinik des ARD-Arztes für den leidigen Profit 20 Betten streichen, was der Charmeur mit Kanten sodann lautstark anprangerte. Ins betuliche Eisenach setzte er sich aber nicht deshalb ab, sondern weil seine Frau bei einem Unfall starb, nachdem er noch fix einem Suizid vom Krankenhausdach (an einer Hand) vereiteln durfte. So fing vor sieben Jahren alles an, zwischen Berliner Hölle und Thüringer Himmel.

Seither ist Familie Dr. Kleist ein Quotenkrösus, den auch in Staffel V locker sechs Millionen Anspruchslose verfolgten werden, ein Zuschauermagnet wie das gänzlich geschmacklose Leipziger Krankenhausallerlei In aller Freundschaft. Dabei galt das Genre 2004 als klinisch halbtot. Von St. Angela über Bergdoktor bis zu den Stefanies und Onkel Docs lief das Haltbarkeitsdatum des TV-Arztes ab, während halbrealer Zynismus und Heiterkeit von Dr. House bis Doctor’s Diary noch auf sich warten lassen sollten. Der Streit um Gesundheitsreform und Praxisgebühr aber, sagte der damalige ARD-Programmchef Günter Struve einst zum Start, sorge für Bedarf nach einem Doktor wie dem aus Eisenach. Nicht gerade, so Dr. Struve, weil sein Titelgenosse Dr. Kleist derlei Probleme angemessen fiktionalisiere. Nein – weil sich der Mensch im Mediziner nicht in „politische Theorie verstrickt, sondern eine Praxis aufmacht, um konkret zu helfen“.

In ihr vereinigt der Internist nicht nur alle Attribute des multifunktionellen Altruisten, ist also nicht nur Kenner und Könner aller sozialen wie fachlichen Gebiete – der fürsorglich-kantige Heldendarsteller Francis Fulton-Smith macht seine Figur zum Allheilmittel sämtlicher Wehwehchen einer Gesellschaft, die sich nach emotional-kompetenter Führung sehnt. Sein Doktor bündelt die Sehnsüchte seiner Patienten, indem er Bürokraten (also auch Politiker) hasst, Menschen (also auch Zuschauer) liebt und die Familie (also uns alle) vergöttert.

In dieser Welt sind Kinder gütig lenkbar, Väter sensible Zupacker, Mütter erfolgreiche Instinktwesen und Wolken am Himmel Boten lösbarer Probleme. Denn die gibt es in jeder Episode, die Verbotene Liebe heißen und Endlich vereint, Familienglück oder auch mal – huiuiui – Tödliche Gefahr. Sie handeln von den Sollbruchstellen bürgerlicher Ideale, von Unfällen, Streits und Gefahren, die im Panorama der Wartburg dräuen, jenes nationale Erweckungsmonument in einer gottlosen Zeit. Gut, dass der Problemlöser Christian heißt.

Seine Sogwirkung lässt sich allerdings nicht nur mit Eskapismus erklären, der Fernsehflucht vom Alltag; bei Familie Dr. Kleist sucht das Publikum die Beherrschbarkeit einer Zeit, als Ehefrauen den Titel des Gatten trugen, gepaart mit einer Gegenwart, in der Schulrektorinnen unter 40 volljährige Söhne haben, deren Drogenkonsum im Mehrgenerationenpatchworkhaus besiegt wird. Als gäbe es eine Resettaste, die das Böse von der Festplatte der Moderne löscht. Auf die drückt man auch in ähnlich antagonistischen Formaten wie der baugleichen Nonnensause Um Himmels Willen im fiktiven Kloster Kaltenthal, die seit zehn Jahren sensationelle Zuschauerzahlen verbucht. Zumindest bei Senioren, wo auch Dr. Kleist am innigsten geliebt wird.

Auch in seiner aktuellen Staffel dürfte also Christians neue Frau irgendwann in weiß geheiratet werden und nie ferngesehen, dafür im Auto per Freisprechanlage telefoniert, also Verantwortung getragen für Mensch, Natur, das Großeganze, vor allem aber die Familie. Zwischendurch wird es um Liebe, Zank, Versöhnung, Wehwehchen gehen die sehr wahrscheinlich in einer Art von Finale kulminieren, das einst eine frühere Staffel beendet hat. Als Christian Kleist darin erfährt, Großvater zu werden, kriegt seine blutjunge Tochter sofort den genregemäßen Heiratsantrag vom werdenden Papa, bis die blutjunge Oma in spe alias Christina Plate sagt: „Ich freu mich auf das Baby, es wird in einer glücklichen Familie groß werden.“

In dieser Komplexität hat das vermeintlich Gute wohl nie existiert. Im Fernsehen jedoch bündelt es sich in einem Arzt, der selbst beim Fremdgehen moralisch makellos bleibt, da er eben ein ganzer Kerl ist, der Schwächen zeigt und seinem besten Freund „ich liebe dich“ ins Gesicht sagen kann. So ist er, der moderne Mann. „Rufen Sie mich an“, bat er die Patientin im Pilotfilm. Ach hätten wir doch die Nummer.


Hermann Joha – RTL-Sprengwart & Stuntman

Der Sprengmeister

Dass die Kölner Firma ActionConcept 20 Jahre alt wird, liegt an der RTL-Serie Alarm für Cobra 11, die mittlerweile in mehr als 100 Ländern läuft. Und an Hermann Joha. Der Ex-Stuntman hat deutsche Action weltweit konkurrenzfähig gemacht. Und sein Unternehmen zu einem der Weltmarktführer in Sachen Special Effects, vor allem, weil sein Topprodukt um eine gänzlich sinnfreie, aber stets explosive Autobahnpolizei heute in die 23. Staffel geht.

Von Jan Freitag

Bäääng! Einführung. Booom! Füllhandlung. Baaammm! Auflösung. Die wöchentliche Dosis Cobra 11 ist in der Regel schnell erklärt: Eine Explosion zu Beginn, etwa zwei in der Mitte, mindestens drei am Ende, dazwischen nur das Nötigste an Sinn und Verstand zum Maximum an Blut, Schweiß und Testosteron – es ist nicht grad die Quintessenz intelligenten Fernsehens, was die fiktive Autobahnpolizei ab heute auch in Staffel 23 (in Worten: dreiundzwanzig!) abliefert. Aber wer will denn schon so was, bei RTL? Hermann Joha jedenfalls will es nicht. Der Produzent will Entertainment, Spaß. Und Erfolg. Darum klingt es auch ziemlich ernst, wenn er sein Topprodukt „die geilste Achterbahn am Abend“ nennt, einen „Rummelplatz“. Trotz all der Raserei, Inhaltsleere und mimischen Tristesse ist Alarm für Cobra 11 nämlich ein Bombengeschäft. 21 Jahre nach der Gründung seiner Firma ActionConcept, läuft die Serie schließlich in gut 100 Ländern und hat Special Effects made in Germany somit global wettbewerbsfähig gemacht. Alles dank Hermann Joha: Herz, Hirn, Leber, Niere eines Genres, das es vor ihm im Grunde gar nicht gab. Kein Wunder. Joha ist vom Fach.

Denn als der Unterfranke das Fernsehen 1992 erstmals mit brennenden Autos versorgte, war er selbst noch Stuntman, der Autorennen fuhr, Helikopter flog, Motorenartistik betrieb, kurz: all das tat, was zum Kern von Cobra 11 wurde. Er sei durchaus ein „Adrenalin-Junkie“, wie der 53-Jährige einräumt, „aber kein Draufgänger“. Was zählt, sei das kontrollierte Risiko mit Restnervenkitzel. Das durfte er erstmals im RTL-Film Der Clown unter Beweis stellen. 1997 besorgte Joha dessen „Second Unit“, die parallel zur Hauptkamera das Drumherum bebildert: Karambolagen vor allem, Unglücke, alles was knallt. Und der hemdsärmelige, aber perfektionistische Joha war darin so versiert, dass sein erster Blockbuster gemeinsam mit dem zeitgleich produzierten Cobra 11-Pilotfilm 20 Millionen Zuschauer erreichte. „Wir hatten plötzlich zwei Serien, die von Null auf 100 explodiert sind“. Mit seriellen Prügelarien wie Lasko oder Actionkrachern der Marke Turbo und Tacho ging es dann – abgesehen von einem Knick in der Internetblase – nur bergauf.

Doch ohne Cobra 11, das weiß auch Joha, wäre sein Unternehmen „eher klein und übersichtlich“. Der Umsatz würde deutlich unter 30 Millionen rutschen, die Mitarbeiterzahl weiter sinken und RTL womöglich seine Beteiligung abstoßen. Dem Fernsehen bliebe so zwar Oliver Pocher als ernst gemeinten Schauspieler erspart, der zum Auftakt der neuen Staffel sogar sterben darf. Aber eben auch eine echte Attraktion. Denn die kleine GmbH ist nicht nur auf 140 Märkten aktiv, sondern hat 2012 auch zum siebten Mal in Hollywood den Taurus World Stunt Award gewonnen, eine Art TV-Oscar der Actionszene, wie üblich für Cobra 11. Dennoch dreht die Werbekrise auch beim Hauptabnehmer RTL an der Kostenschraube – auch wenn Hermann Joha, der Berufsjugendliche mit ergrauter Fönfrisur, lieber von „Budget-Optimierung“ spricht, „ohne an production value einzubüßen“. Aber kürzer treten muss man auch in Köln-Hürth, wo vieles entsteht, was im Privatfernsehen kracht, scheppert, fliegt und brennt. Auf rund 25.000 Quadratmetern Fläche fertigt das „Full-Service Produktionsunternehmen für Action-Formate“ vollständige Filme bis zur Endabnahme. Hier liegen zu Spitzenzeiten 800 Lohnsteuerkarten und Weihnachten noch immer an die 100 im Büro, wie Joha den Personalstand schildert. Hier entstehen Serienbeiträge, die in der Herstellung schon mal den doppelten Minutenpreis einer Tatort-Folge kosten. Und ganz in der Nähe ist die Firma Hauptkundin der größten Filmautobahn Deutschlands.

Die „Film + Test Location“ Aldenhoven ist ohne Zweifel Johas liebster Arbeitsplatz, Garant des „Fun-Faktors“ seiner Ware, wie er immer wieder betont. 2300 Meter kontrollierte Raserei auf vier Spuren, Standstreifen, Nothaltebucht, Parkplatz inklusive. Ein Eldorado fiktionaler Beschleunigung, auch wenn Joha selber nicht mehr ins Cockpit steigt. Ob er noch mal mehr machen möchte, als ab und an eine Kleinrolle im eigenen Film zu besetzen – ein wenig Action unter eigener Regie vielleicht? „Um Gottes Willen“, sagt da das kinderlose Arbeitstier. Jetzt lacht er doch. Man wird halt ruhiger, jenseits der 50. Aber auch im Arte-Alter seien für Dialogfilme andere zuständig. Obwohl er die Liebesschnulze „Pretty Woman“ locker zwanzigmal gesehen habe und Sergio Leones grandios ereignisloses „Spiel mir das Lied vom Tod“ als „Mutter aller Filme“ bezeichnet, bleibt der Sprengmeister des deutschen Fernsehens ein unverbesserlicher Action-Fan, der lieber Fachbücher liest als schwere Romanstoffe. „Du wirst immer nur in einer Sache wirklich gut“, so lautet sein Credo. Und auch wenn es nicht jedem Feuilletonisten passt: Im Actionfach ist es Hermann Joha. Fast konkurrenzlos. „Cobra 11“ sei dank. Oder besser: ist schuld.


JBK: Superstar & Labermaschine

Die Plaudertaschen

Heute Abend moderiert Johannes B. Kerner nach seinem umstrittenen Wechsel zu Sat1 erstmals seit vier Jahren wieder im ZDF. Mit Die Große Zeitreise-Show entfernt er sich allerdings noch weiter von dem, was er beherrscht wie nur wenige im Land, ja nicht mal Reinhold Beckmann: Talkshow. Eine Ehrenrettung zweier viel gescholtener Sündenböcke der Fernsehverdrossenheit.

Von Jan Freitag

Adjektivierte Nachnamen sind selten nett zu ihrem Träger. Quisling’sche Züge etwa spricht man Menschen zu, die wie der norwegische Politiker, Vorname Vidkun, im 2. Weltkrieg ihr Land verrieten. Bushism ist längst ein verbaler Inbegriff des Bösen. Auch Sadisten meinen es wie der exzessive Marquis selten gut mit ihrer Umwelt. Und dann gibt es die Kernerisierung. Mit ihr, so heißt es, kippt man gefühlsduseligen Medienmüll vom Tiefgang einer Balsaholzplatte auf die Bildschirme. Das Synonym heißt Beckmannismus.

Da ist es mal an der Zeit, etwas grade zu rücken: Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann machen nur ihre Arbeit! Keine intellektuell hochtrabende, keine investigativ grabende, keine allzu nachhaltige, gewiss. Aber ihre Gespräche im öffentlich-rechtlichen Programm funktionieren im Grunde wie handelsübliche Tageszeitungen: Etwas Politik vorn, ein Pflichtteil Ökonomie danach, dazu Kultur, Show, Sport und was fürs Herz. So begrüßt Beckmann alles, was zwischen Pfarrer, Boxer, Minister, Sänger und Hartzer denkbar ist.

Es sind bunte Personensträuße voll individueller Brüche, Exzentrik und Eitelkeit, so boulevardtauglich wie relevant, je nach Perspektive. Solchen Leuten bot auch, sagen wir: die linksliberale Frankfurter Rundschau vor ihrem Untergang Raum, wenngleich mit anderer Gewichtung. Klar, dass auch Johannes B. Kerner die Konversation gern mit der Suche nach Befindlichkeiten eröffnetet. Eine persönliche Frage vorweg, heißt das dann bei ihm, „wie geht’s Ihnen eigentlich?“, während Beckmann forscht, ob es seinem Gegenüber heute besser gehe gestern. Kein Einstieg für Politologen, aber fraglos ein Eisbrecher. Denn was folgt, ist oft sachliches Ertasten von Motiven, Folgen, Emotionen. Persönlich eben.

Und darum geht’s doch in der Aufmerksamkeitsökonomie moderner TV-Unterhaltung, der auch die Tagesschau anheim fällt, wenn sie aus einem afrikanischen Krisengebiet meldet, unter den 50.000 Flüchtlingen seien viele Kinder. Wie überraschend… Vor dem Weihnachtsurlaub jedenfalls rechnete bei Beckmann erst Wolfgang Clement mit der SPD ab, dann sein Widersacher Franz Müntefering wiederum mit dem Parteiaustreter, den er – das Zitat rauschte hörbar durch Deutschlands Blätterwald – mit Oscar Lafontaine verglich. Man mag ihm also eine geleckte Arroganz vorwerfen, wie sie die Pro7-Satire Switch auf geradezu geniale Weise persifliert; als Talker zählt Beckmann zum Einfühlsamsten überhupt.

So wie Kollege Kerner. Gut, in seiner aktiven Zeit beim ZDF kuschelte er 2008 eher mit dem Typ Till Schweiger oder Florian Silbereisen. Letzterem versicherte er zum Einstieg gar freundlich, nichts gegen Volksmusik zu haben. Aber das talkende Arbeitstier begrüßte an jährlich bald 150 Abenden auch durchschnittlich drei, vier Gäste pro Sendung, manchmal mehr. Das können kaum durchweg soziokulturelle Alphatiere sein wie ein Michael Schumacher, der ihn fraglos zu einer Homestory lud, der der Restboulevard seit Jahren vergebens nachhechelt. Gut, man könnte bei so einger Gelegenheit ruhig mal nach ökologischer Verantwortung der Formel 1 fragen oder dem Thema Vorbildfunktion für Raser; aber die 1998 zeitgleich gestartete Sabine Christiansen hat er mit seiner Plauderei längst überlebt.

Und sie werden ohne Zweifel noch den einen oder die andere hinter sich lassen. Denn die Quasseltaschen von ARD und ZDF befinden sich mit ihrem Fokus aufs Innere der Befragten ohne das Äußere zu ignorieren exakt zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sehgewohnheiten. Frei von der selbst verordneten Distanz hier oder kommerziellem Seelenstriptease dort. Dabei stand, seit Dietmar Schönherr 1973 mit Je später der Abend das US-erprobte Genre auch hierzulande einführte, seine Gefälligkeit doch stets im Mittelpunkt.

Abgesehen von extremen Rändern wie dem Presseclub hüben oder Oliver Geissen drüben, ging es allerorten vornehmlich um den Menschen hinter der Nachricht. Und als die Talkshow Mitte der Neunziger mit über 60 Formaten vom Heißen Stuhl über Late-Night-Shows bis hin zu Regionaltalks der Dritten die Kanäle geflutet hatte, war ihr Zenit bereits erreicht. Eskalation als Methode fand fortan eher nachmittags statt, während das gehaltvollere „Gerede“ (Schönherr) Richtung Mitternacht rückte, wo die immer gleichen Politprofis die immer gleichen Themen vor den immer gleichen Gastgeber(inne)n diskutieren – auch (und gerade) beim hoch gelobten Talktriumvirat Plasbergillnermaischbergerwill.

Wenn die FAZ dem „meist zahnlosen“ Kerner nach Eva Hermans legendärem Abgang aus seier Sendung also einst ankreidete, er wolle dreimal im Jahr „demonstrieren, dass er auch kraftvoll zubeißen kann“, sei ihr eine Ausgabe von – sagen wir: 3 nach 9 ans Herz gelegt. In der dienstältesten Talkshow wird Woche für Woche alles Mögliche getan – außer zubeißen. Wer Beckmann dennoch eitles Einerlei vorwirft, sollte sein 267-seitiges Gespräch mit Loki Schmidt (Erzähl doch mal von früher) lesen. Darin zeigt er wie kein Zweiter, wo sich Gefühl und Fakten zu treffen vermögen.

Kernersierung mag ja wie Beckmannismus zu Recht als Synonym leichter Kost dienen – mit ihrem Talkgestus hatte das weit weniger zu tun als mit ihrer Showattitüde. Wenn JBK also heute wieder was moderiert, das die Lieblosigkeit öffentlich-rechtlicher Abendunderthaltung bereits im Titel trägt, sollte man sich kurz vor Augen halten, dass es das System Fernsehen ist, dem diese talentierten Fragesteller den Zahn erlegen sind. Auch deshalb hat Kerner das Talken gelassen, auch deshalb macht Beckmann 2014 Schluss. Man wird erst merken, wenn sie weg sind, was das Medium an ihnen hatte.


Nils Koppruch: Sänger und Maler

400px-Fink_nilskoppruchOhne Worte

Vor einem Jahr ist das Unfassbare, vor allem unfassbar Traurige passiert: Nils Koppruch ist gestorben, plötzlich und unerwartet. Der Sänger, dessen Band Fink dem Country ein deutsches Gesicht ohne Cowboyhutpeinlichkeit gegeben hat, riss eine Riesenlücke in unzählige Lebensläufe und seinen Stadtteil St. Pauli. Zum Todestag bringen freitagsmedien einen Nachruf, der damals bei Zeit-Online erschienen ist

Von Jan Freitag

Man würde jetzt gern hören, was er selbst dazu sänge. Wenn es denn eines Requiems bedürfte, dann – bitteschön – sollte es doch von ihm stammen, ein Abschiedslied mit jener unnachahmlich näselnden Stimme, die so nonchalant vom Ernst der Lage in deren heiteren Momente mündet und zurück. Ein butterweiches, sanft kratzenes Timbre, das der Boheme im Prekariat in aller Lässigkeit den richtigen Tonfall verpasst, irgendwo zwischen Langeweile, Hoffnung und Zynismus. Man würde Nils Koppruch also fragen, ob er diesen Nachruf vertonen könnte. Aber Nils Koppruch ist tot.

Nicht musikalisch – diese Prophezeiung hat er in zwei Jahrzehnten Musik des Öfteren mit eigenen Mitteln widerlegt. Nein, physisch, so schwer das zu glauben sein mag. Nils Koppruch ist tot, und mit ihm starb einer der ganz wenigen, jedenfalls einer der ganz großen  Singer/Songwriter deutscher Sprache überhaupt. Es wäre nun übertrieben pathossatt, von einer Lücke zu sprechen, die er hinterlässt. Der globale Pop lässt Leerstellen nicht lange ungeschlossen. Aber an dieser Stelle muss schon gesagt werden: Nils Koppruch hat in seiner kleinen Nische Musikgeschichte geschrieben, die ohne ihn womöglich unbesetzt bleibt.

Denn er hat, wenn man so will, der hiesigen Indieszene die Schlichtheit zurückgegeben, ohne sie zu trivialisieren. Als er 1996 in seiner Geburtsstadt Hamburg Fink gründete, hierzulande die erste Band, die Country nicht als putziges Zitat im Schlager verankerte, sondern als proletarisches Statement im Pop, da dachte er selbst noch, „das machen nur Nazis und Arschgeigen“. Genau darin jedoch erkannte Nils Koppruch nicht nur eine Fallhöhe, die ihn reizte, sondern gleichsam eine Bodenständigkeit, die sich wohltuend von der Hamburger Schule seiner unmittelbaren Nachbarschaft abhob.

Mit Mundharmonika, Banjo und Lagerfeuerlyrik schuf dieser sprachgewandte Zausel, dessen Zauseligkeit schon Ausdruck einer Haltung des Understatements war, als die Hipsterbeardos von heute noch nicht mal Bartwuchs hatten, einen zerzausten „Gegenentwurf zum elitären Cliquending“, wie er es erst kürzlich umschrieb. „Mit einem antiintellektuelleren Gestus, der sich nicht aus der verarbeiteten Sekundärliteratur speist“, sondern aus dem Herzen eines Mittelschichtenkinds, das mit gewissem Herkunftsstolz in der Stimme von seinen Wurzeln berichtet.

Arbeiter, Weber, Handwerker – das klang unterbewusst noch ein bisschen stolzer, als er davon im gebrauchten Zweiteiler zu Turnschuhen zwischen uralten Instrumenten in seinem vollgerümpelten Proberaum am Rande des Schanzenviertels erzählte. Dort saß der 48-Jährige noch vor wenigen Wochen neben seinem ungleich jüngeren Gesangspartner, dem Großgrundbesitzersohn Gisbert zu Knyphausen. Beide hatten gerade ihre musikalische Verpaarung zum Folkduo Kid Kopphusen mit einem respektablen Debütalbum gefeiert. Doch während der eine, der mit dem blauen Blut, 33 Jahre alt, erzählte, er könne nach vier Jahren im Geschäft von den Tantiemen zweier Alben bereits seine Mietmusiker gut bezahlen, erklärte der andere, der mit den alten Instrumenten und grauen Fusseln, auch nach sechs Fink- und zwei Soloalben würde die Musik kaum seine Unkosten decken.

„Es gibt Touren, da komme ich nach Hause, ohne einen Cent verdient zu haben“, erzählte er in breitem Hamburger Slang. Nur: er klang dabei nie traurig, nicht mal trotzig, bloß realistisch. Dazu passten seine buschigen Augenbrauen, die sich so herzzerreißend zum Koppruch-Dach zwischen Ernüchterung, Optimismus und Scheißegal schließen konnten. Was soll das Lamento?, sagte das fröhliche Stirnrunzeln darüber – ich hab ja noch die Malerei. „Ohne meine Bilder“, sagte Nils Koppruch, „könnte ich nicht davon leben“.

Umso erstaunlicher, dass das mit denen so gut klappt. In Fachkreisen nennt man sie wohl Art Brut, unter Fachfremden irgendwas mit Dada, er selbst sprach von „Outsider-Art von Künstlern, die das nicht machen, weil sie es gelernt haben, sondern weil sie es machen müssen“. Er musste also. Und es ging ihm auch hier ihm ums Rohe, Unfertige. Keine Stromlinie, kein Expertenstatus, kein Marktgeschreie, und doch derart viel Erfolg, sogar zählbaren, in 100 Ausstellungen und prominenter Kundschaft. Dass er unterm Pseudonym SAM schon lange vor der Musik tätig war, wissen nur wenige, doch Koppruch sagte auch: „Falls ich mit Musik mehr verdienen würde, würde ich weniger malen“. Um noch mehr Zeit mit all den Projekten und Kollaborationen zu verbringen, seine Cash-Interpretationen und Benefizkonzerte, seine sprachliche Poesien zu simplen Melodien. All dies zeugt von einem Unruhigen mit Frau und Kind, dem die Brotlosigkeit seiner Kunst nicht die Kunst verleidet, sondern die Ruhe.

Dabei wollte Nils Koppruch Schriftsteller werden. Sogar einen Roman hat er begonnen, „so dick“, seine Hände gingen schulterbreit auseinander, „totaler Stuss heute“, aber immerhin ein Ausdruck. „Das kannst du posthum veröffentlichen lassen“, sagte sein Freund Gisbert neben ihm und lachte. Dann wird es Zeit, denn Nils Koppruch ist tot, er starb gestern in Hamburg und ja, er hinterlässt eine Lücke. Nein, viele Tausend Lücken.


Borgia: Geschichte & Bombast

Unterm Sperrholzdom

Der Überraschungserfolg des Fernsehjahres 2011 geht in die 2. Staffel: Neben viel Sex’n’Crime’n’Dramadrama glänzt die europäische Mammutproduktion Borgia seit Montag im ZDF wieder vor allem durch detailverliebte Kulissen. Ein Setbesuch in Prag

Von Jan Freitag

Das dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte, es endet an einem furchtbaren Ort. Bücher werden längst gedruckt, da Vinci versachlicht Gottes Werk, Amerika ist entdeckt, die Aufklärung steht vor der Tür – hier aber versinkt alles in infernalischem Gestank. Selbst vornehm beschuhte Füße waten durch Schlamm, Kot und Fäulnis. Der zerlumpte Pöbel ringsum pisst aufs Pflaster, isst bloß Unrat, vergisst alle Regeln. Wer diese Szenerie sieht, wähnt sich ganz real am Übergang vom Mittelalter zur Renaissance – wären nur die Umstehenden des römischen Marktplatzes nicht so auffällig tätowiert, hingen da keine Scheinwerfer von stählernen Gerüsten, käme der wabernde Dunst vom regennassen Boden im Sonnenschein, statt aus leise tuckernden Nebelmaschinen nebenan.

Geschichtsfernsehen ist seit langem eine globale Schlacht detailversessene Kulissenbastler. Doch in den Prager Barrandov-Studios, wo einst Pan Tau entstand und Amadeus, gerät historische Authentizität quasi zur Leitwährung. Und ihr Schatzmeister heißt: Tom Fontana. „Korrektheit ist neben der Story unser wichtigstes Pfund“, sagt der renommierte TV-Produzent aus New York am Rande des originalgetreuen Nachbaus vom Petersplatz. Dem gewaltigsten Drehort seines wichtigsten Produkts, das ihn längst in den Traum verfolge, selbst unter die Dusche: Borgia.

Vor zwei Jahren lief die 1. Staffel der Biografie des mächtigsten Geschlechts seiner Zeit, das der christlichen Welt vor 500 Jahren einen Stempel aufdrückte wie zuvor nur das der Staufer oder die Medici im benachbarten Florenz danach. Und dieses opulente Familienepos, dramaturgisch Sopranos oder Dallas, ästhetisch eher Petersen und Emmerich, war dabei nicht nur ein zehnstündiges Lehrstück in Sachen seriellen Bombasts, sondern das „absolute Highlight 2011“, wie das ZDF seinen Anteil der 25 Millionen Euro Herstellungskosten verteidigt: ein Quotenhit, verkauft an 85 Länder, erfolgreich bis in die USA, wo zugleich eine ähnliche Version des Oscar-Gewinners Neil Jordan entstand. Dieser Triumph, daran lässt sein Landsmann Fontana keinen Zweifel, liege auch am Drehort.

Denn in Prag sind die Bedingungen ideal, da gibt es reichlich Fachleute mit dem nötigen Know-how für die originalgetreue Nachbildung der Petersplatzes, da warten sorgsam kostümierte Komparsen im Schatten der gewaltigen Sperrholzkonstruktion auf ihren Einsatz. Und weil das Preis-Leistungs-Verhältnis so günstig ist, entsteht lange vor Ausstrahlung der zweiten Staffel bereits die dritte, zu der Hunderte stiller Helfer für schmale 700 Kronen Tagesgage ihr Scherflein Glaubwürdigkeit beitragen.

Wobei es mit der so eine Sache ist. TV-Dramen wie dieses haschen ja vor allem Effekte. Wenn sich Papst-Sohn Cesare Borgia (Mark Ryder) in der Fortsetzung also peu à peu zum Herrscher der Heiligen Stadt intrigiert und dabei unablässig tötet, vögelt, finster dreinblickt, geht es zu unablässig dröhnender Musik vor allem um krachende Bilder. Überliefertes Wissen bis hin zur exakten Form des Käses, den ein gewisser Michelangelo bei den aktuellen Dreharbeiten auf dem falschen Pflaster kauft, mag also durchaus zum guten Ton der Boombranche zählen; wenn sich der Künstler kurz darauf mit einem ebenso berühmten Zeitgenossen prügelt, wird das reale Ereignis den Erfordernissen der Primetime, nun ja: leicht angepasst.

„Leonardo da Vinci hat ihm wirklich mal die Nase gebrochen“, betont Autor Fontana, der allein für dieses Projekt 350 Bücher durchstöbert hat, „aber in Florenz, nicht Rom“. Alles mithin irgendwie verbrieft, sagt der Macher erfolgreicher Serien von Copper über Homicide bis Oz mit schönstem Hollywoodgrinsen, „aber wir müssen die kleinen Goldklumpen historischer Authentizität natürlich ausschmücken“. Es geht um Schauwert. Um Massentauglichkeit. Weltweit. Schließlich hat die neue Staffel fünf Millionen Euro mehr verschlungen als die alte, von der entstehenden ganz zu schweigen – da muss das Ergebnis in möglichst vielen Ländern funktionieren, um sich zu rechnen.

Aber weltweit gute Einschaltquoten für europäische Mehrteiler wie vor elf Jahren Napoleon oder zuletzt Krieg und Frieden zeigen aus Sicht von Produzent Jan Mojto, „dass das Publikum historische Stoffe auch dann will, wenn sie komplex sind.“ Es wolle vor allem die riesigen Ränkespiele, Schlachtfelder, Alphatiere beim Auf- wie Abstieg zusehen, ergänzt Autor Fontana. „Wir leben in Zeiten der Angst, Extreme und Unsicherheiten.“ Da sei es doch beruhigend, anderen dabei zuzusehen, „wie sie das in ihrer Zeit gemeistert haben“.

Tatsächlich aber faszinieren selbst die realistischsten Historienschinken und glaubhaftesten Filmdynastien erst durch eine Hintertür ins Märchenhafte. So wie die gefeierte HBO-Serie Rom füttert auch Borgia“ unsere Lust am Bösen, ohne ihre Konsequenzen wirklich fürchten zu müssen. Ist ja doch bloß Antike, Mittelalter, lange her. Und Rodrigo Borgia gibt vor über 500 Jahren einen JR Ewing ab, der wie in Dallas dann doch zu abgehoben, irreal, zu künstlich wirkt, um wahr zu sein.

Die verstörend spürbare Horrorreihe Saw dagegen, eine unprätentiös frontale Verbrechersaga wie die Sopranos oder das heruntergekommene Baltimore der fantastischen Krimiserie The Wire dagegen finden hierzulande auch deshalb vor allem auf DVD statt, weil dem Durchschnittszuschauer die dunkle Seite der Macht im Lichte der Wirklichkeit gar nicht so lieb ist. So gesehen könnte Borgia nach den europaweiten Quotenrekorden auch in der 2. Staffel durchstarten. Und das, obwohl die Reihe abermals in sechs abendfüllenden Teilstücken läuft statt wie andernorts verteilt auf zehn Abende, und dabei zudem stets am Rande der Überzeichnung balanciert.

Filmevents dieser Bauart funktionieren eben offenbar nur mit einer Monsterwelle an Sex’n’Crime’n’Dramadrama, die nun erneut jede der 600 Minuten flutet, bis Blut, Schweiß, Sperma förmlich vom Flatscreen spritzen. Und zwar so energisch, dass das ZDF 25 Minuten herausschneiden ließ. Aber keine Sorge: der Rest ist saftig genug. Ebenso wichtig wie ein Maximum an – historisch selbstredend belegbarer – Körperlichkeit, wie Tom Fontana beschwört, ist allerdings ein Casting, das allen Zielmärkten ausreichend Rechnung trägt. Der Wire-Star John Doman beliefert als Rodrigo Borgia erneut den amerikanischen, Assumpta Serna als seine mächtige Mätresse den spanischen, Mark Ryder als gemeinsamer Sohn den britischen. Und aus Deutschland: Isolda Dychauk als durchgehend bedeutsame Papst-Tochter Lukrezia oder Victor Schefé, dessen Zeremonienmeister Johann Burckhardt nur scheinbar eine Nebenrolle spielt.

Tatsächlich sorgt seine Figur für die schriftliche Überlieferung der ganzen Epoche und somit für den nötigen Kitt in die Gegenwart. „Ich bin das Gedächtnis der Serie“, sagt der versierte Bühnenmime in Birkenstocksandalen zwischen zwei Drehterminen und freut sich spürbar über seine Relevanz. „Erst im Nachhinein ist ja vieles verfälscht worden.“ Durch Päpste und Puristen, Kaiser, Kirchenfürsten und ein bisschen durch Tom Fontana – den alten neuen Herrscher des Historienevents.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/1415454#/beitrag/video/1970538/Borgia—Folge-1-der-zweiten-Staffel


Schwule im Fernsehen: langsam Mainstream

Queer as TV

Trotz hartnäckiger Klischees und Bully Herbig kommen Schwule langsam an im Stromliniefernsehen. Davon zeugte vor zwei Jahren nicht zuletzt der Tatort: Mord in der ersten Liga (Dienstag, 22 Uhr, NDR). Trotzdem zeigt nicht nur die Ausblendung lesbischer Lebensentwürfe, dass es bis zur queeren Gleichberechtigung am Bildschirm noch ein Stück hin sein dürfte.

Von Jan Freitag

Etwas Nettes übers Fernsehen zu sagen, ist nicht sonderlich en vogue. Ihm gar Lernfähigkeit, Randgruppenaffinität oder Weitsicht zu unterstellen, sorgt für feuilletonistisches Kopfschütteln. Schwer angesagt ist TV-Bashing, Knüppel aus dem Sack, rauf aufs Leitmedium. Schließlich gilt es (nicht ganz zu unrecht) als massenhaft, quotenfixiert, stromlinienförmig, dazu ziemlich gestrig und bisweilen sehr, sehr dumm. Da sollte man mal ein freundliches Wort übers digitale Lagerfeuer verlieren. Denn das Fernsehen, es emanzipiert sich – langsam natürlich, eher unterschwellig, aber deutlich fühlbar – zumindest von einer Altlast: seiner Homophobie.

Genau 40 Jahre, nachdem sich der Bayerische Rundfunk Rosa von Praunheims Milieustudie Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt oaus dem Gemeinschaftsprogramm der ARD geschaltet hat und weitere vier Jahre – schockgefrostet über Jürgen Prochnows Männerkuss – auch aus Wolfgang Petersens Film Die Konsequenz, findet auch im CSU-Land längst das ganze Spektrum homosexueller Lebensformen am Bildschirm statt. Und zwar so sehr, dass die Subkultur in Film, Serie und Werbung zunehmend als Teil der Hochkultur erscheint. Mehr noch – am Flatscreen dürfen sie sogar ziemlich gewöhnliche Leute sein, mit normalen Bedürfnissen, Gewohnheiten, Macken. Und normal heißt hier nicht wie soziokulturell bisher üblich, besser als andersartig, sondern der Normierung durch lang anhaltende Praxis entsprechend. Die durchaus bemerkenswerte Sat.1-Komödie All you need is love mit dem sagenhaft dämlichen Untertitel Meine Schwiegermutter ist ein Mann etwa handelt von gleichgeschlechtlichem Heiraten in der heteronormativen Provinz und Homosexualität, das zeigt sich dort zwischen ein paar unvermeidlichen Klischees, dient nicht mehr nur zur Konterkarierung heterosexueller Normalität, sondern eher umgekehrt der Offenlegung bürgerlicher Intoleranz.

Und das war vor gar nicht allzu langer Zeit noch fast undenkbar auf einem Kommerzkanal wie diesem. Fast ein Vierteljahrhundert nach dem berühmten Zungenkuss zweier Männer in der Lindenstraße des linksliberalen Fernsehweltverbesserers Hans W. Geissendörfer aus dem stockkonservativen Augsburg nämlich, war das Bild der anderen sexuellen Identität, die nur allzu gern als sexuelle Orientierung diffamiert wird, eine zutiefst verklemmte. Noch vor vier Jahren belegte der immense Erfolg von „Bully“ Herbigs Schwulenwitzen in Spielfilmlänge, dass sich zum Lachen der Typus Tunte offenbar am besten eignet. Und debile Sitcoms à la Bewegte Männer sorgten ebenso wie der ProSieben-Ulk Andersrum mit Heinz Hönig und Rolf Zacher als überdrehtes Tuckenpaar besonders für dreierlei: Fremdscham, Spott und Hohngelächter. Ob vom Band im Studio oder aus chauvinistischen Mackerkehlen daheim. Schwule taugten eben vor allem fürs Amüsement heterosexueller Abwehrreflexe. Den Betroffenen dürfte das Lachen noch heute im Halse stecken.

Doch die erbärmlichsten Zeiten scheinen langsam passé. In Telenovelas, Seifenopern, Alltagsromanzen und Filmen mit Anspruch kommen Homosexuelle längst besser weg als früher. Falls überhaupt, denn in immer mehr Formaten wird ihr Liebesleben nur am Rande thematisiert, während der explizite Outing-Streifen, die Travestie-Show, das Szene-Porträt dem (leider gescheiterten) Klientelkanal TIMM vorbehalten bleibt oder Hochglanzserien wie The L-Word und Queer as Folk. Wie mainstreamtauglich schwul im Fernsehen mittlerweile ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass im Tatort: Mord in der ersten Liga vor zwei Jahren sogar ein Profifußballer aus Hannover queer sein durfte (dafür allerdings sterben musste). Im Breiten-TV nähern sich Männer, die Männer lieben, also dem höchsten aller emanzipatorischen Ziele: Unsichtbarkeit, ohne sich verstecken zu müssen.

Davon ist die artverwandte, doppelt diskriminierte weibliche Seite noch ein Stück entfernt. Lesben kommen im Fernsehen kaum vor. Im Gegenteil: eine offensiv geoutete Darstellerin wie Ulrike Folkerts wartet auch nach fast 25 Jahren Tatort auf so etwas wie ein aktives Liebesleben und wenn sie andernorts doch mal eins haben darf, wird sie schwanger wie einst in der pappflachen Sat.1-Komödie Liebe in anderen Umständen. Und so bleibt die wundervolle Rosalie aus der ARD-Serie Berlin, Berlin doch eine Ausnahme: Gebildet, freundlich, attraktiv, ökonomisch prekär, emotional suchend, eine Mittzwanzigerin eben wie aus der Kreuzbergfibel. Keine betont männliche „Butch“ der Marke Walter aus dem RTL-Frauenknast, wie sie bis dato – wenn überhaupt – in Film und Fernsehen zu sehen war; keine betont weibliche „Femme“, wie sie die Medien – wenn überhaupt – pflegen. Weder hässlich und schroff noch bildschön und erfolgreich also. Für soviel Emanzipation ist das Fernsehen offenbar doch noch nicht reif.


Marco Schreyl, RTL-Alleswegmoderierer

Hübsche Nacktschnecke

Das TV-Gewächs Marco Schreyl ist der Prototyp harmlosen, aber erfolgreichen Kommerzfernsehens schlechthin. Lausbubencharmant und kantenfrei moderiert der 39-Jährige alles grinsend weg, was ihm RTL vor die hübsche Nase setzt. Und weil das so generationenübergreifend ankommt, darf er jetzt sogar öffentlich-rechtlich einen Preis verleihen: die grenzenlos irrelevante Goldene Henne von Superillu und MDR (25. September, auch im RBB).

Von Jan Freitag

Das deutsche Fernsehen ist von einer tiefen Bitternis erfüllt. Allerorten geht sie um, die Frage, wie bitter es denn sei. Wie bitter, die Meisterschaft in drei Minuten vergeigt zu haben oder wegen eines Eigentors abzusteigen. Wie bitter genau, Zero Points aus France zu kriegen, aber zwölf Punkte aus Flensburg. Das Interview als Handwerksstück reduziert sich am Bildschirm zusehends auf diesen Fragetypus; man könnte ihn zu verifizierende Attributivannahme nennen, eine Art Skalierungsgesuch im Single-Choice-Dialog. Sein Großmeister heißt Marco Schreyl.

Als Moderator von Deutschland sucht den Superstar hat er die Wie-Frage perfektioniert. „Wie wichtig ist dir das“, drang er in den späteren Gewinner Mark, nachdem der gerade Pathossatt beteuert hatte, für seinen Voten Vater zu singen. „Wie sehr lieben Sie Ihre Tochter“, presste er aus Lisas Vater heraus, als die ihre Elternliebe beschwor. „Wie schön war dieses Lied für dich“, begann sein Verhör mit Martins Schwester nach dessen Beteuerung, sie sei ihm das Wichtigste. In Schreyls Welt spielen Antworten keine Rolle. Er gibt sie allesamt vor.

Und warum sollte es auch mehr sein. Marco Schreyl ist jene Fassade, die das Fernsehen, zumal privat verantwortet, sucht. Deshalb hat ihn RTL vor zwei Jahren dem ZDF abgekauft und zum Sendergesicht ausgebaut. Vom Altenheim ins Irrenhaus, kommentierte Harald Schmidt den Wechsel. Fünf Jahre lang hatte das „Moderatorentalent“, wie ihn der Tagesspiegel mal nannte, zuvor das Nachmittagsmagazin hallo deutschland präsentiert, recht gehaltvollen Boulevard also. Marco Schreyl sagt lieber: „Journalistischen Boulevard. Er meint es verteidigend.

Schreyl hat also seine Selbstachtung nicht in Mainz vergessen, jenes Berufsethos, das sich der Erfurter 1997, gerade mal 23, in der MDR-Nachrichtenredaktion erarbeiten musste. Es machte ihn zu einem Hoffnungsträger und war für sein Portfolio im Zweiten mitverantwortlich: Boulevard, Boxen, Der Große Preis, Königshochzeit – wenig, das man dem ausgebildeten Sportkommentator nicht zutraute. Man nennt so was Allzweckwaffe, eine attraktive zudem, die das Publikum 2002 zum „Schönsten Moderator Deutschlands“ kürte.

Vielleicht war das ein Titel zu viel. RTL jedenfalls griff zu und machte aus Schreyl die hübsche Rampensau von heute, eine telegene Frontfigur ohne den Ballast kritischer Wissbegier, kreuzbraver Ausdruck leichter Abendunterhaltung. Ihr Credo heißt Nettigkeit. „Ich halte vom ständigen Runtergemache herzlich wenig“, erklärt er und klingt dabei so arglos wie einer, der lieber Tabu spielt als Monopoly. Seine Aufgabe sei es, „nett, verbindlich und als Gastgeber vor allem charmant zu sein“. Kein Wunder, dass er sich bei Alfredissimo zu deutscher Hausmannskost bekannte. Kein Wunder auch, dass er gern für PR-Events von BMW bis Gerolsteiner gebucht wird.

Denn Schreyl lächelt immer, redet flüssig und sagt nie was Zweckfremdes. „Vielleicht haben sie jetzt eine Vorstellung davon“, leitete der Nachfolger des Skisprungexperten Jauch beim früheren Skisprungsender RTL von einem Gespräch über Skisprungbrillen zur Finanzierung teurer Skisprungübertragungen über, „und vielleicht haben Sie ja eine Vorstellung davon, wie viele von diesen Maskottchen in unserem Nissan versteckt sind“. Kommerz verdängt Kompetenz. Welches Weblog, welches Forum man auch liest, kaum jemand lässt ein gutes Haar an Schreyl. „RTL-Foltermeister“ heißt es da, öde, unvorbereitet, langweilig. Nur selten wird er als einer der Besten seiner Zunft geadelt. Außer von Mukoviszidose e.V. Da ist Schreyl Botschafter. Ob er beim Studium der Sprechwissenschaften gelernt habe, „wie man viel und lange sinnloses Zeug redet“, fragt dagegen das Medienportal loovt.de.

Die Antwort lautet: Nein, so funktioniert Fernsehen in der Primetime. Die Show der Merkwürdigkeiten etwa sahen mal 21 Prozent der 14- bis 49-Jährigen. Sie geben sich samt der Anspruchslosen anderer Semester offenbar zufrieden mit den Stichwortgebern unterfordernden Massenentertainments. Wie Marco Schreyl. Ob Superstar-, Verbraucher- oder Sportshow – der 39-Jährige erinnert in seiner Harmlosigkeit an die gemeine Nacktschnecke: ein reines Futtertier unkomplizierter Konsumenten, im Auftreten leicht schleimig, aber unschädlich. Und dreht man sich nur kurz mal um, ist auch schon alles voll von ihnen.

Schließlich hält sich jeder Privatsender seine Aushängeschilder: Daniela Katzenberger ist Vox und Vox ist Daniela Katzenberger. Sat1 hat Oliver Pocher assimiliert, Sky Harald Schmidt und Pro7 gleich ein ganzes Team (Raab, Kraus, Joko und Klaas) während sich Schreyl diesen Rang bei RTL mit Oliver Geissen und Günther Jauch teilt. Sie alle stehen für Spaß ohne Risiko und Nebenwirkungen. Marco Schreyl nennt es „journalistische Unterhaltung“ und beziffert deren Verbreitung auf „fast die Hälfte im deutschen Fernsehen“. Was bitter wäre. Wie bitter, müsste man ihn fragen lassen. Also wie bitter genau. In Bittermaßen bitte, ein Bit vielleicht. Marco Schreyl will es genau so. Er könnte es besser.


Jan-Gregor Kremp, Zartrüpel

Der Gangster und sein Jäger

Jan-Gregor Kremp war lange Zeit auf kriminelle Figuren abonniert. Jetzt wird der Schauspieler mit kaum 50 Jahren der neue Alte und zeigt damit: eigentlich kann er alles. Das beweist der kantige Ruhrpottler morgen in der neuen Staffel, die zwar keine Quadratur des Fernseheis ist, aber allemal besser als seine Vorgänger.

Von Jan Freitag

Die Sache mit dem Alter muss man dem ZDF wohl doch noch mal erklären. Wer alt ist, wird es ja nicht durch Reife oder Make-up allein. Alt ist man an Jahren, und die hinterlassen Spuren im Kalender des Lebens, dem Gesicht. Wenn einer „Der Alte“ heißt, sollte das also tief blicken lassen – in Falten, in der Haut. Nur: richtig tief sind bei Jan-Gregor Kremp allenfalls die Augenringe.

Aber warum spielt der ziemlich junge, ziemlich lässige, ziemlich alles Mögliche außer alte Schauspieler dann bloß den ältesten aller TV-Kommissare im Land? Weil das Attribut „für Chef im Sinne von Weisungsbefugnis steht“, beschreibt Jan-Gregor Kremp seine neue Rolle als „Der Alte“. Weil es eine Floskel sei, um Hierarchien zu kennzeichnen. Und weil man mit fast 50 „jedem die Führungsrolle abnimmt“.

Wobei man Jan-Gregor Kremp eigentlich alles abnimmt, seit er 1991 vom Staatstheater Hannover vor die Kamera wechselte und nach kleineren Rollen mit einer kaum größeren für Furore sorgte: in Detlef Bucks „Wir können auch anders“. Sein Wegelagerer machte ihn bekannt, er stempelte ihn aber auch ab. Denn in der Folge spielte der unrasierte Charakterkopf mit der Aura zwischen Melancholie, Skrupellosigkeit und Trotz meist Schurken.

Kremp wurde der Ganove vom Dienst, durchaus liebenswert in seiner flapsigen Art, tendenziell heimtückisch. Der massige Typ aus dem Ruhrpott beherrscht schließlich wie kein Zweiter das Prinzip Druckkessel: ein Charmeur mit schönen Augen, doch ein Millibar zuviel, und… Der ideale Verbrecher also. Mit dem passenden Gesicht. Sagt sein Träger. „Das  taugt halt gut für Verbrecher“, er klingt dabei nicht genervt. Warum auch: „Mit meiner Visage kann man noch viel mehr anfangen“. Das hätten auch die Produzenten irgendwann verstanden.

Und so spielt er trotz Visage, trotz Druck, trotz Image bald auch diesseits des Gesetzes alles Mögliche. Er spielt Travestieclubbetreiber („Mein Vater, die Tunte“) und Buchhalter („Weihnachten im September“), er spielt Köche („Die Quittung“), Krankenpfleger („Kammerflimmern“), Kapitäne („Untergang der Pamir“) und seit 2004, dem Einstieg als hessischer „Polizeiruf“-Ermittler, sogar den Gegenpol der Gangster. In Serie. Von da an, Kremp lacht, „fragt man eher, warum es ständig Polizisten sind“. Seine Antwort: Alles zu seiner Zeit.

Zeit also für die Nachfolge der ewig grauen Alten von Schlage eines Siegfried Lowitz? Dieser Typ Beamter, der selbst im Farbfernsehzeitalter schwarzweiß wirkte, führte die Mordkommission München II, als der kleine Jan-Gregor noch Gymnasiast im Rheinland war. Zum Familienvater gereift, könnte Erwin Kösters Epigone Richard Voss jetzt zum weißköpfigen Alte-Assi Michael Ande Papa sagen. Verrückte Fernsehwelt.

Die allerdings Veränderung noch weniger als Stagnation. „Ich musste mich schon anpassen, um die Figur nicht neu zu erfinden“, sagt Kremp und füllt sie daher in der Auftaktfolge „Königskinder“ nicht mit Druck, aber Empathie, „mal ruppig, dann humorvoller.“ So erklärt der komikbegabte Kremp den drögen Serienoldie, dem er etwas mehr Leichtigkeit, besser: Beweglichkeit verpassen will, jedenfalls Leidenschaft, gar Liebe. Schließlich wird Voss trotz befristeten Verträgen sein neues Alter Ego. Unvermeidbar. Fortlaufende Figuren haben das so an sich.

Angst davor? Vor Festlegung? Nein, beruhigt Kremp sich und andere. Eine Krimiserie werde seinen Spielraum eher erweitern als einschränken. Für Musik etwa, die er Anfang der Achtziger in Köln studiert und am Salzburger Mozarteum verfeinert hat. Kremp spielt Trompete und Klavier, er singt und rockt, ist solo auf Tour und könne das mit neun Alten im Jahr weit besser planen.

Überhaupt: Pläne. Die Gangstervisage Kremp mag es da sicher. Mit gut 50, sagt seine Kollegin Johanna Gastorf, sei es wichtig, sich anständig zu benehmen und nicht mehr positionieren zu müssen. Mit fast 50, stimmt ihr Mann Jan-Gregor Kremp zu, „muss ich nicht mehr dauernd vortanzen, um zu zeigen, was ich kann“. Nicht das einzige, was das völlig unglamouröse Schauspielerpaar vereint. Beide mimen oft Seite an Seite, beide haben einen Stall voller Geschwister, beide lieben ihr Haus im Essener Grüngürtel mit Hund, beide mögen Applaus als „Nahrungsbestandteil des Künstlers“, wie Kremp einräumt, beide „hassen den roten Teppich“, wie Gastorf einschränkt. Beide sind Kämpfer – sie gegen das Branchendiktat unbedingter Schönheit, er gegen sieben Schauspielschulabsagen, die ihn nicht vom achten Anlauf abhielt. Und beide haben kein Problem mit all den Jahren, die bereits hinter ihnen liegen. Eher schon mit dem, was nur noch bleibt, um andere Ziele zu verwirklichen.

Das Alter, da ist dem ZDF also zuzustimmen, bleibt eben doch, was man draus macht. Bei Jan-Gregor Kremp muss es eine Menge sein: Der Produzent hatte ihn schon vor zehn Jahren als Lowitz-Erben im Visier, noch keine 40. Kremp hatte keine Zeit. Schade eigentlich.


Veronica Ferres, waidwundes Muttertier

Waidwund in der Restidylle

Das Arte-Drama Mein Mann, ein Mörder (Freitag, 20.15 Uhr) ist selten berechenbar – trotz und wegen Veronica Ferres als kämpferisches Mutter, die sie nicht zum ersten Mal spielt, aber besser denn je.

Von Jan Freitag

Augen, so heißt es, sagen manchmal mehr als Worte. Mit einem Wimpernschlag können sie Verzagtheit ausdrücken und Hoffnung, Hilflosigkeit, Freude, Trauer, Wut, oft in so rascher Folge, dass ein einziger Blick alles vereinigt, was gelungene Melodramen ausmacht. Veronica Ferres beherrscht diesen Blick, sie hat ihn perfektioniert, er ist ihr Markenzeichen.

Wenn sie ihn also in Mein Mann, ein Mörder vor der besten Freundin ausbreitet, wenn sie Vera (Ulrike Kriener) das stetig brechende Herz ausschüttet, dabei zugleich weint und lächelt, wenn ihre vor Wut und Trotz ganz kleinen Augen den Raum doch füllen – dann zeigt Veronica Ferres ihre Kernkompetenz, mit der sie auch hier 90 Minuten in wenigen Sekunden erklären kann. So ist auch dieser Film ein Paradebeispiel dessen, was so viele an Veronica Ferres ablehnen, was aber noch viel mehr an ihr mögen. Was ihr jüngeres Werk von Marco W. über die Patin bis zur Frau vom Checkpoint Charlie, mehr aber noch die echte Frau dahinter zur innigsten Hassliebe vor den Flachbildschirmen der Nation macht.

Denn die Ferres, wie man Stars mit dem Attribut „Diva“ gern umschreibt, spielt was sie immer spielt, aber sie spielt es grandios. Die außergewöhnliche Ferres nämlich ist die eher gewöhnliche Minette Frei, deren Nachname täuscht. Eine attraktive, sanft alternde Übersetzerin und Mutter zweier wohlgeratener Kinder, schönes Heim, viel Kultur, finanziell sorglos, alles in Ordnung – würde ihr Mann sie nicht betrügen. Mit einer Jüngeren, versteht sich. Und nicht zum ersten Mal, Minette weiß das. Also spioniert sie Paul nach bis ins billige Hotelzimmer nach, kontrolliert sein Handy, folgt ihm sogar ins Liebesnest nach Prag, stets auf der Suche nach einer Wahrheit, die peu à peu in eines der vielleicht bizarrsten Happyends der Fernsehgeschichte mündet.

Bis dahin aber bebildert der Nachwuchsregisseur Lancelot von Naso das uralte Drama um Liebe, Eifersucht, Leidenschaft, Trotz und Trost in so ruhigen Kamerafahrten durchs Innenleben der deutschen Mittelstandsehe, dass Mein Mann, ein Mörder in aller Zurückgenommenheit fast in Gefahr zu geraten droht, ein eher betuliches Sittengemälde bürgerlicher Befindlichkeiten zu werden. Es wird geredet und geschwiegen. Pausenlos. Und Oliver Thiedes unaufdringliche, fast lautlose Musik aus dem Hintergrund trägt ihr übriges zur reduzierten Aura bei. Doch immer dann, wenn das fragile Gefüge wachsender Kinder und schwindender Hingabe allzu leise implodiert, sorgt der zweite Hauptdarsteller für Schwung: Ulrich Noethen.

Das jüngste von fünf Kindern einer schwäbisch-bayerischen Pfarrersfamilie kann vom Grimmschen Märchenkönig über Kästners Nonkonformist Justus Bökh bis Heinrich Himmler fast alles so glaubhaft spielen, dass es gelegentlich schmerzt. Seit er vor 18 Jahren als Arzt mit asiatischer Katalogfrau in Dominik Grafs Tatort: Frau Bu lacht brillierte, ist seine Paraderolle allerdings eine andere: der Saubermann mit fleckiger Weste. Kein Wunder also, dass der Schauspieler mit dem unscheinbaren Dutzendgesicht sogar die emotionale Tristesse der Familie Frei zum Glänzen bringt, seinen Paul besonders, dieser promiske Familienmensch um die 50, beruflich erfolgreich, leidlich attraktiv, aber unbeirrbar selbstsicher. Ein guter Mann fürs anspruchsreduzierte Wechseljahredasein mit Opern-Abo und getrennter Kasse. Kein Traumprinz, aber bei allen Schwächen im Zweifel verlässlich. So scheint es. Bis ihm seine neueste Affäre, lolitahaft gespielt von Esther Zimmerling, einen Strich durch die Rechnung macht und verschwindet. Spurlos. Dass ein Mord im Raum steht, suggeriert schließlich schon der Filmtitel. In der Eingangsszene wird er dann schnell konkret, als eine Frau schreiend vom Fenstersims in die Tiefe stürzt.

Was sich daraus entspinnt, ist jedoch kein Krimi, die Polizei tritt nicht auf, selbst das Opfer fehlt. Keine Spur von Tatort also, auch wenn bald Erpressung, Schwarzgeldkonten, gar etwas Verfolgungsaction ins Spiel geraten. Nein, wenn etwas gejagt wird, sind es nicht Mörder, sondern Ängste, statt Tätern also höchstens Geborgenheit im drohenden Verfall einer Institution namens Familie. Auf die Frage ihrer Freundin, ob sie ihn behalten will, zuckt das Opfer Minette nur mit den Schultern und nimmt die Witterung des Täters auf, der so vom Jäger zur Beute wird, was er später, als ihm die Handlung entgleitet, ins Gegenteil umdreht.

Es ist ein ständiges Wechselspiel des Nachstellens. Und es bringt immer neue Vexierbilder vermeintlicher Schuld wie Unschuld hervor. Dass darin freilich immer ein tieferer Sinn steckt, liegt auch in Lancelot von Nasos dritter gemeinsamer Arbeit mit seinem Stammautoren, mit dem er vor vier Jahren bereits das preisgekrönte Langfilmdebüt Waffenstillstand gemacht hat. Nicht zuletzt Kai-Uwe Hasenheits versiertes Drehbuch nämlich liefert dem Film jene Fallstricke menschlicher Beziehungen, die Oliver Hoese dann so ausstattet, dass darin die bürgerliche Mitte in ihrer ganzen Verletzlichkeit sichtbar wird. Der verbissene Kampf um Harmonie und Restidylle beim gemeinsamen Abendessen mit Rotwein, Schultagberichten und Geplauder wirkt vor allem deshalb so authentisch, weil Produzent Hubertus Meyer-Burckhardt das Ambiente bewusst Geld und Geist atmen lässt, ohne wie in vergleichbaren Melodramen permanent Luxus auszustellen. Mein Mann, der Mörder spielt nicht in einer Designervilla von Rem Kolhaas, sondern im gediegenen Chaos eines teilsanierten Münchner Altbaus. Reichtum light, aber real.

In ihm könnten die Charaktere tun, was ihnen das hiesige Fernsehen oft versagt: agieren, spielen, sich entwickeln, statt bloß tolle Kulissen zu dekorieren. So wird dieser Film am Ende zu dem, was er sein soll: Ein Ferres-Film, so wie jeder Film mit Veronica Ferres einer ist. Ein Noethen-Film, so wie jeder Film mit ihm einer wird. Vor allem aber ein Ensemblestück, das den Beteiligten die bekannten Stärken abverlangt, ohne ins Klischee tradierter Rollenprofile abzugleiten. Die Ferres mag dabei ihr gewohntes Habitat des waidwunden Muttertiers mit Courage beackern; sie tat es selten besser als in Mein Mann, ein Mörder. Dafür reicht ihr oft nur ein Augenblick.

Der Text ist in der Septemberausgabe des Arte-Magazins erschienen