Borgia: Geschichte & Bombast
Posted: October 2, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentUnterm Sperrholzdom
Der Überraschungserfolg des Fernsehjahres 2011 geht in die 2. Staffel: Neben viel Sex’n’Crime’n’Dramadrama glänzt die europäische Mammutproduktion Borgia seit Montag im ZDF wieder vor allem durch detailverliebte Kulissen. Ein Setbesuch in Prag
Von Jan Freitag
Das dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte, es endet an einem furchtbaren Ort. Bücher werden längst gedruckt, da Vinci versachlicht Gottes Werk, Amerika ist entdeckt, die Aufklärung steht vor der Tür – hier aber versinkt alles in infernalischem Gestank. Selbst vornehm beschuhte Füße waten durch Schlamm, Kot und Fäulnis. Der zerlumpte Pöbel ringsum pisst aufs Pflaster, isst bloß Unrat, vergisst alle Regeln. Wer diese Szenerie sieht, wähnt sich ganz real am Übergang vom Mittelalter zur Renaissance – wären nur die Umstehenden des römischen Marktplatzes nicht so auffällig tätowiert, hingen da keine Scheinwerfer von stählernen Gerüsten, käme der wabernde Dunst vom regennassen Boden im Sonnenschein, statt aus leise tuckernden Nebelmaschinen nebenan.
Geschichtsfernsehen ist seit langem eine globale Schlacht detailversessene Kulissenbastler. Doch in den Prager Barrandov-Studios, wo einst Pan Tau entstand und Amadeus, gerät historische Authentizität quasi zur Leitwährung. Und ihr Schatzmeister heißt: Tom Fontana. „Korrektheit ist neben der Story unser wichtigstes Pfund“, sagt der renommierte TV-Produzent aus New York am Rande des originalgetreuen Nachbaus vom Petersplatz. Dem gewaltigsten Drehort seines wichtigsten Produkts, das ihn längst in den Traum verfolge, selbst unter die Dusche: Borgia.
Vor zwei Jahren lief die 1. Staffel der Biografie des mächtigsten Geschlechts seiner Zeit, das der christlichen Welt vor 500 Jahren einen Stempel aufdrückte wie zuvor nur das der Staufer oder die Medici im benachbarten Florenz danach. Und dieses opulente Familienepos, dramaturgisch Sopranos oder Dallas, ästhetisch eher Petersen und Emmerich, war dabei nicht nur ein zehnstündiges Lehrstück in Sachen seriellen Bombasts, sondern das „absolute Highlight 2011“, wie das ZDF seinen Anteil der 25 Millionen Euro Herstellungskosten verteidigt: ein Quotenhit, verkauft an 85 Länder, erfolgreich bis in die USA, wo zugleich eine ähnliche Version des Oscar-Gewinners Neil Jordan entstand. Dieser Triumph, daran lässt sein Landsmann Fontana keinen Zweifel, liege auch am Drehort.
Denn in Prag sind die Bedingungen ideal, da gibt es reichlich Fachleute mit dem nötigen Know-how für die originalgetreue Nachbildung der Petersplatzes, da warten sorgsam kostümierte Komparsen im Schatten der gewaltigen Sperrholzkonstruktion auf ihren Einsatz. Und weil das Preis-Leistungs-Verhältnis so günstig ist, entsteht lange vor Ausstrahlung der zweiten Staffel bereits die dritte, zu der Hunderte stiller Helfer für schmale 700 Kronen Tagesgage ihr Scherflein Glaubwürdigkeit beitragen.
Wobei es mit der so eine Sache ist. TV-Dramen wie dieses haschen ja vor allem Effekte. Wenn sich Papst-Sohn Cesare Borgia (Mark Ryder) in der Fortsetzung also peu à peu zum Herrscher der Heiligen Stadt intrigiert und dabei unablässig tötet, vögelt, finster dreinblickt, geht es zu unablässig dröhnender Musik vor allem um krachende Bilder. Überliefertes Wissen bis hin zur exakten Form des Käses, den ein gewisser Michelangelo bei den aktuellen Dreharbeiten auf dem falschen Pflaster kauft, mag also durchaus zum guten Ton der Boombranche zählen; wenn sich der Künstler kurz darauf mit einem ebenso berühmten Zeitgenossen prügelt, wird das reale Ereignis den Erfordernissen der Primetime, nun ja: leicht angepasst.
„Leonardo da Vinci hat ihm wirklich mal die Nase gebrochen“, betont Autor Fontana, der allein für dieses Projekt 350 Bücher durchstöbert hat, „aber in Florenz, nicht Rom“. Alles mithin irgendwie verbrieft, sagt der Macher erfolgreicher Serien von Copper über Homicide bis Oz mit schönstem Hollywoodgrinsen, „aber wir müssen die kleinen Goldklumpen historischer Authentizität natürlich ausschmücken“. Es geht um Schauwert. Um Massentauglichkeit. Weltweit. Schließlich hat die neue Staffel fünf Millionen Euro mehr verschlungen als die alte, von der entstehenden ganz zu schweigen – da muss das Ergebnis in möglichst vielen Ländern funktionieren, um sich zu rechnen.
Aber weltweit gute Einschaltquoten für europäische Mehrteiler wie vor elf Jahren Napoleon oder zuletzt Krieg und Frieden zeigen aus Sicht von Produzent Jan Mojto, „dass das Publikum historische Stoffe auch dann will, wenn sie komplex sind.“ Es wolle vor allem die riesigen Ränkespiele, Schlachtfelder, Alphatiere beim Auf- wie Abstieg zusehen, ergänzt Autor Fontana. „Wir leben in Zeiten der Angst, Extreme und Unsicherheiten.“ Da sei es doch beruhigend, anderen dabei zuzusehen, „wie sie das in ihrer Zeit gemeistert haben“.
Tatsächlich aber faszinieren selbst die realistischsten Historienschinken und glaubhaftesten Filmdynastien erst durch eine Hintertür ins Märchenhafte. So wie die gefeierte HBO-Serie Rom füttert auch Borgia“ unsere Lust am Bösen, ohne ihre Konsequenzen wirklich fürchten zu müssen. Ist ja doch bloß Antike, Mittelalter, lange her. Und Rodrigo Borgia gibt vor über 500 Jahren einen JR Ewing ab, der wie in Dallas dann doch zu abgehoben, irreal, zu künstlich wirkt, um wahr zu sein.
Die verstörend spürbare Horrorreihe Saw dagegen, eine unprätentiös frontale Verbrechersaga wie die Sopranos oder das heruntergekommene Baltimore der fantastischen Krimiserie The Wire dagegen finden hierzulande auch deshalb vor allem auf DVD statt, weil dem Durchschnittszuschauer die dunkle Seite der Macht im Lichte der Wirklichkeit gar nicht so lieb ist. So gesehen könnte Borgia nach den europaweiten Quotenrekorden auch in der 2. Staffel durchstarten. Und das, obwohl die Reihe abermals in sechs abendfüllenden Teilstücken läuft statt wie andernorts verteilt auf zehn Abende, und dabei zudem stets am Rande der Überzeichnung balanciert.
Filmevents dieser Bauart funktionieren eben offenbar nur mit einer Monsterwelle an Sex’n’Crime’n’Dramadrama, die nun erneut jede der 600 Minuten flutet, bis Blut, Schweiß, Sperma förmlich vom Flatscreen spritzen. Und zwar so energisch, dass das ZDF 25 Minuten herausschneiden ließ. Aber keine Sorge: der Rest ist saftig genug. Ebenso wichtig wie ein Maximum an – historisch selbstredend belegbarer – Körperlichkeit, wie Tom Fontana beschwört, ist allerdings ein Casting, das allen Zielmärkten ausreichend Rechnung trägt. Der Wire-Star John Doman beliefert als Rodrigo Borgia erneut den amerikanischen, Assumpta Serna als seine mächtige Mätresse den spanischen, Mark Ryder als gemeinsamer Sohn den britischen. Und aus Deutschland: Isolda Dychauk als durchgehend bedeutsame Papst-Tochter Lukrezia oder Victor Schefé, dessen Zeremonienmeister Johann Burckhardt nur scheinbar eine Nebenrolle spielt.
Tatsächlich sorgt seine Figur für die schriftliche Überlieferung der ganzen Epoche und somit für den nötigen Kitt in die Gegenwart. „Ich bin das Gedächtnis der Serie“, sagt der versierte Bühnenmime in Birkenstocksandalen zwischen zwei Drehterminen und freut sich spürbar über seine Relevanz. „Erst im Nachhinein ist ja vieles verfälscht worden.“ Durch Päpste und Puristen, Kaiser, Kirchenfürsten und ein bisschen durch Tom Fontana – den alten neuen Herrscher des Historienevents.
Schwule im Fernsehen: langsam Mainstream
Posted: September 26, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentQueer as TV
Trotz hartnäckiger Klischees und Bully Herbig kommen Schwule langsam an im Stromliniefernsehen. Davon zeugte vor zwei Jahren nicht zuletzt der Tatort: Mord in der ersten Liga (Dienstag, 22 Uhr, NDR). Trotzdem zeigt nicht nur die Ausblendung lesbischer Lebensentwürfe, dass es bis zur queeren Gleichberechtigung am Bildschirm noch ein Stück hin sein dürfte.
Von Jan Freitag
Etwas Nettes übers Fernsehen zu sagen, ist nicht sonderlich en vogue. Ihm gar Lernfähigkeit, Randgruppenaffinität oder Weitsicht zu unterstellen, sorgt für feuilletonistisches Kopfschütteln. Schwer angesagt ist TV-Bashing, Knüppel aus dem Sack, rauf aufs Leitmedium. Schließlich gilt es (nicht ganz zu unrecht) als massenhaft, quotenfixiert, stromlinienförmig, dazu ziemlich gestrig und bisweilen sehr, sehr dumm. Da sollte man mal ein freundliches Wort übers digitale Lagerfeuer verlieren. Denn das Fernsehen, es emanzipiert sich – langsam natürlich, eher unterschwellig, aber deutlich fühlbar – zumindest von einer Altlast: seiner Homophobie.
Genau 40 Jahre, nachdem sich der Bayerische Rundfunk Rosa von Praunheims Milieustudie Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt oaus dem Gemeinschaftsprogramm der ARD geschaltet hat und weitere vier Jahre – schockgefrostet über Jürgen Prochnows Männerkuss – auch aus Wolfgang Petersens Film Die Konsequenz, findet auch im CSU-Land längst das ganze Spektrum homosexueller Lebensformen am Bildschirm statt. Und zwar so sehr, dass die Subkultur in Film, Serie und Werbung zunehmend als Teil der Hochkultur erscheint. Mehr noch – am Flatscreen dürfen sie sogar ziemlich gewöhnliche Leute sein, mit normalen Bedürfnissen, Gewohnheiten, Macken. Und normal heißt hier nicht wie soziokulturell bisher üblich, besser als andersartig, sondern der Normierung durch lang anhaltende Praxis entsprechend. Die durchaus bemerkenswerte Sat.1-Komödie All you need is love mit dem sagenhaft dämlichen Untertitel Meine Schwiegermutter ist ein Mann etwa handelt von gleichgeschlechtlichem Heiraten in der heteronormativen Provinz und Homosexualität, das zeigt sich dort zwischen ein paar unvermeidlichen Klischees, dient nicht mehr nur zur Konterkarierung heterosexueller Normalität, sondern eher umgekehrt der Offenlegung bürgerlicher Intoleranz.
Und das war vor gar nicht allzu langer Zeit noch fast undenkbar auf einem Kommerzkanal wie diesem. Fast ein Vierteljahrhundert nach dem berühmten Zungenkuss zweier Männer in der Lindenstraße des linksliberalen Fernsehweltverbesserers Hans W. Geissendörfer aus dem stockkonservativen Augsburg nämlich, war das Bild der anderen sexuellen Identität, die nur allzu gern als sexuelle Orientierung diffamiert wird, eine zutiefst verklemmte. Noch vor vier Jahren belegte der immense Erfolg von „Bully“ Herbigs Schwulenwitzen in Spielfilmlänge, dass sich zum Lachen der Typus Tunte offenbar am besten eignet. Und debile Sitcoms à la Bewegte Männer sorgten ebenso wie der ProSieben-Ulk Andersrum mit Heinz Hönig und Rolf Zacher als überdrehtes Tuckenpaar besonders für dreierlei: Fremdscham, Spott und Hohngelächter. Ob vom Band im Studio oder aus chauvinistischen Mackerkehlen daheim. Schwule taugten eben vor allem fürs Amüsement heterosexueller Abwehrreflexe. Den Betroffenen dürfte das Lachen noch heute im Halse stecken.
Doch die erbärmlichsten Zeiten scheinen langsam passé. In Telenovelas, Seifenopern, Alltagsromanzen und Filmen mit Anspruch kommen Homosexuelle längst besser weg als früher. Falls überhaupt, denn in immer mehr Formaten wird ihr Liebesleben nur am Rande thematisiert, während der explizite Outing-Streifen, die Travestie-Show, das Szene-Porträt dem (leider gescheiterten) Klientelkanal TIMM vorbehalten bleibt oder Hochglanzserien wie The L-Word und Queer as Folk. Wie mainstreamtauglich schwul im Fernsehen mittlerweile ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass im Tatort: Mord in der ersten Liga vor zwei Jahren sogar ein Profifußballer aus Hannover queer sein durfte (dafür allerdings sterben musste). Im Breiten-TV nähern sich Männer, die Männer lieben, also dem höchsten aller emanzipatorischen Ziele: Unsichtbarkeit, ohne sich verstecken zu müssen.
Davon ist die artverwandte, doppelt diskriminierte weibliche Seite noch ein Stück entfernt. Lesben kommen im Fernsehen kaum vor. Im Gegenteil: eine offensiv geoutete Darstellerin wie Ulrike Folkerts wartet auch nach fast 25 Jahren Tatort auf so etwas wie ein aktives Liebesleben und wenn sie andernorts doch mal eins haben darf, wird sie schwanger wie einst in der pappflachen Sat.1-Komödie Liebe in anderen Umständen. Und so bleibt die wundervolle Rosalie aus der ARD-Serie Berlin, Berlin doch eine Ausnahme: Gebildet, freundlich, attraktiv, ökonomisch prekär, emotional suchend, eine Mittzwanzigerin eben wie aus der Kreuzbergfibel. Keine betont männliche „Butch“ der Marke Walter aus dem RTL-Frauenknast, wie sie bis dato – wenn überhaupt – in Film und Fernsehen zu sehen war; keine betont weibliche „Femme“, wie sie die Medien – wenn überhaupt – pflegen. Weder hässlich und schroff noch bildschön und erfolgreich also. Für soviel Emanzipation ist das Fernsehen offenbar doch noch nicht reif.
Marco Schreyl, RTL-Alleswegmoderierer
Posted: September 19, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentHübsche Nacktschnecke
Das TV-Gewächs Marco Schreyl ist der Prototyp harmlosen, aber erfolgreichen Kommerzfernsehens schlechthin. Lausbubencharmant und kantenfrei moderiert der 39-Jährige alles grinsend weg, was ihm RTL vor die hübsche Nase setzt. Und weil das so generationenübergreifend ankommt, darf er jetzt sogar öffentlich-rechtlich einen Preis verleihen: die grenzenlos irrelevante Goldene Henne von Superillu und MDR (25. September, auch im RBB).
Von Jan Freitag
Das deutsche Fernsehen ist von einer tiefen Bitternis erfüllt. Allerorten geht sie um, die Frage, wie bitter es denn sei. Wie bitter, die Meisterschaft in drei Minuten vergeigt zu haben oder wegen eines Eigentors abzusteigen. Wie bitter genau, Zero Points aus France zu kriegen, aber zwölf Punkte aus Flensburg. Das Interview als Handwerksstück reduziert sich am Bildschirm zusehends auf diesen Fragetypus; man könnte ihn zu verifizierende Attributivannahme nennen, eine Art Skalierungsgesuch im Single-Choice-Dialog. Sein Großmeister heißt Marco Schreyl.
Als Moderator von Deutschland sucht den Superstar hat er die Wie-Frage perfektioniert. „Wie wichtig ist dir das“, drang er in den späteren Gewinner Mark, nachdem der gerade Pathossatt beteuert hatte, für seinen Voten Vater zu singen. „Wie sehr lieben Sie Ihre Tochter“, presste er aus Lisas Vater heraus, als die ihre Elternliebe beschwor. „Wie schön war dieses Lied für dich“, begann sein Verhör mit Martins Schwester nach dessen Beteuerung, sie sei ihm das Wichtigste. In Schreyls Welt spielen Antworten keine Rolle. Er gibt sie allesamt vor.
Und warum sollte es auch mehr sein. Marco Schreyl ist jene Fassade, die das Fernsehen, zumal privat verantwortet, sucht. Deshalb hat ihn RTL vor zwei Jahren dem ZDF abgekauft und zum Sendergesicht ausgebaut. Vom Altenheim ins Irrenhaus, kommentierte Harald Schmidt den Wechsel. Fünf Jahre lang hatte das „Moderatorentalent“, wie ihn der Tagesspiegel mal nannte, zuvor das Nachmittagsmagazin hallo deutschland präsentiert, recht gehaltvollen Boulevard also. Marco Schreyl sagt lieber: „Journalistischen Boulevard. Er meint es verteidigend.
Schreyl hat also seine Selbstachtung nicht in Mainz vergessen, jenes Berufsethos, das sich der Erfurter 1997, gerade mal 23, in der MDR-Nachrichtenredaktion erarbeiten musste. Es machte ihn zu einem Hoffnungsträger und war für sein Portfolio im Zweiten mitverantwortlich: Boulevard, Boxen, Der Große Preis, Königshochzeit – wenig, das man dem ausgebildeten Sportkommentator nicht zutraute. Man nennt so was Allzweckwaffe, eine attraktive zudem, die das Publikum 2002 zum „Schönsten Moderator Deutschlands“ kürte.
Vielleicht war das ein Titel zu viel. RTL jedenfalls griff zu und machte aus Schreyl die hübsche Rampensau von heute, eine telegene Frontfigur ohne den Ballast kritischer Wissbegier, kreuzbraver Ausdruck leichter Abendunterhaltung. Ihr Credo heißt Nettigkeit. „Ich halte vom ständigen Runtergemache herzlich wenig“, erklärt er und klingt dabei so arglos wie einer, der lieber Tabu spielt als Monopoly. Seine Aufgabe sei es, „nett, verbindlich und als Gastgeber vor allem charmant zu sein“. Kein Wunder, dass er sich bei Alfredissimo zu deutscher Hausmannskost bekannte. Kein Wunder auch, dass er gern für PR-Events von BMW bis Gerolsteiner gebucht wird.
Denn Schreyl lächelt immer, redet flüssig und sagt nie was Zweckfremdes. „Vielleicht haben sie jetzt eine Vorstellung davon“, leitete der Nachfolger des Skisprungexperten Jauch beim früheren Skisprungsender RTL von einem Gespräch über Skisprungbrillen zur Finanzierung teurer Skisprungübertragungen über, „und vielleicht haben Sie ja eine Vorstellung davon, wie viele von diesen Maskottchen in unserem Nissan versteckt sind“. Kommerz verdängt Kompetenz. Welches Weblog, welches Forum man auch liest, kaum jemand lässt ein gutes Haar an Schreyl. „RTL-Foltermeister“ heißt es da, öde, unvorbereitet, langweilig. Nur selten wird er als einer der Besten seiner Zunft geadelt. Außer von Mukoviszidose e.V. Da ist Schreyl Botschafter. Ob er beim Studium der Sprechwissenschaften gelernt habe, „wie man viel und lange sinnloses Zeug redet“, fragt dagegen das Medienportal loovt.de.
Die Antwort lautet: Nein, so funktioniert Fernsehen in der Primetime. Die Show der Merkwürdigkeiten etwa sahen mal 21 Prozent der 14- bis 49-Jährigen. Sie geben sich samt der Anspruchslosen anderer Semester offenbar zufrieden mit den Stichwortgebern unterfordernden Massenentertainments. Wie Marco Schreyl. Ob Superstar-, Verbraucher- oder Sportshow – der 39-Jährige erinnert in seiner Harmlosigkeit an die gemeine Nacktschnecke: ein reines Futtertier unkomplizierter Konsumenten, im Auftreten leicht schleimig, aber unschädlich. Und dreht man sich nur kurz mal um, ist auch schon alles voll von ihnen.
Schließlich hält sich jeder Privatsender seine Aushängeschilder: Daniela Katzenberger ist Vox und Vox ist Daniela Katzenberger. Sat1 hat Oliver Pocher assimiliert, Sky Harald Schmidt und Pro7 gleich ein ganzes Team (Raab, Kraus, Joko und Klaas) während sich Schreyl diesen Rang bei RTL mit Oliver Geissen und Günther Jauch teilt. Sie alle stehen für Spaß ohne Risiko und Nebenwirkungen. Marco Schreyl nennt es „journalistische Unterhaltung“ und beziffert deren Verbreitung auf „fast die Hälfte im deutschen Fernsehen“. Was bitter wäre. Wie bitter, müsste man ihn fragen lassen. Also wie bitter genau. In Bittermaßen bitte, ein Bit vielleicht. Marco Schreyl will es genau so. Er könnte es besser.
Jan-Gregor Kremp, Zartrüpel
Posted: September 11, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDer Gangster und sein Jäger
Jan-Gregor Kremp war lange Zeit auf kriminelle Figuren abonniert. Jetzt wird der Schauspieler mit kaum 50 Jahren der neue Alte und zeigt damit: eigentlich kann er alles. Das beweist der kantige Ruhrpottler morgen in der neuen Staffel, die zwar keine Quadratur des Fernseheis ist, aber allemal besser als seine Vorgänger.
Von Jan Freitag
Die Sache mit dem Alter muss man dem ZDF wohl doch noch mal erklären. Wer alt ist, wird es ja nicht durch Reife oder Make-up allein. Alt ist man an Jahren, und die hinterlassen Spuren im Kalender des Lebens, dem Gesicht. Wenn einer „Der Alte“ heißt, sollte das also tief blicken lassen – in Falten, in der Haut. Nur: richtig tief sind bei Jan-Gregor Kremp allenfalls die Augenringe.
Aber warum spielt der ziemlich junge, ziemlich lässige, ziemlich alles Mögliche außer alte Schauspieler dann bloß den ältesten aller TV-Kommissare im Land? Weil das Attribut „für Chef im Sinne von Weisungsbefugnis steht“, beschreibt Jan-Gregor Kremp seine neue Rolle als „Der Alte“. Weil es eine Floskel sei, um Hierarchien zu kennzeichnen. Und weil man mit fast 50 „jedem die Führungsrolle abnimmt“.
Wobei man Jan-Gregor Kremp eigentlich alles abnimmt, seit er 1991 vom Staatstheater Hannover vor die Kamera wechselte und nach kleineren Rollen mit einer kaum größeren für Furore sorgte: in Detlef Bucks „Wir können auch anders“. Sein Wegelagerer machte ihn bekannt, er stempelte ihn aber auch ab. Denn in der Folge spielte der unrasierte Charakterkopf mit der Aura zwischen Melancholie, Skrupellosigkeit und Trotz meist Schurken.
Kremp wurde der Ganove vom Dienst, durchaus liebenswert in seiner flapsigen Art, tendenziell heimtückisch. Der massige Typ aus dem Ruhrpott beherrscht schließlich wie kein Zweiter das Prinzip Druckkessel: ein Charmeur mit schönen Augen, doch ein Millibar zuviel, und… Der ideale Verbrecher also. Mit dem passenden Gesicht. Sagt sein Träger. „Das taugt halt gut für Verbrecher“, er klingt dabei nicht genervt. Warum auch: „Mit meiner Visage kann man noch viel mehr anfangen“. Das hätten auch die Produzenten irgendwann verstanden.
Und so spielt er trotz Visage, trotz Druck, trotz Image bald auch diesseits des Gesetzes alles Mögliche. Er spielt Travestieclubbetreiber („Mein Vater, die Tunte“) und Buchhalter („Weihnachten im September“), er spielt Köche („Die Quittung“), Krankenpfleger („Kammerflimmern“), Kapitäne („Untergang der Pamir“) und seit 2004, dem Einstieg als hessischer „Polizeiruf“-Ermittler, sogar den Gegenpol der Gangster. In Serie. Von da an, Kremp lacht, „fragt man eher, warum es ständig Polizisten sind“. Seine Antwort: Alles zu seiner Zeit.
Zeit also für die Nachfolge der ewig grauen Alten von Schlage eines Siegfried Lowitz? Dieser Typ Beamter, der selbst im Farbfernsehzeitalter schwarzweiß wirkte, führte die Mordkommission München II, als der kleine Jan-Gregor noch Gymnasiast im Rheinland war. Zum Familienvater gereift, könnte Erwin Kösters Epigone Richard Voss jetzt zum weißköpfigen Alte-Assi Michael Ande Papa sagen. Verrückte Fernsehwelt.
Die allerdings Veränderung noch weniger als Stagnation. „Ich musste mich schon anpassen, um die Figur nicht neu zu erfinden“, sagt Kremp und füllt sie daher in der Auftaktfolge „Königskinder“ nicht mit Druck, aber Empathie, „mal ruppig, dann humorvoller.“ So erklärt der komikbegabte Kremp den drögen Serienoldie, dem er etwas mehr Leichtigkeit, besser: Beweglichkeit verpassen will, jedenfalls Leidenschaft, gar Liebe. Schließlich wird Voss trotz befristeten Verträgen sein neues Alter Ego. Unvermeidbar. Fortlaufende Figuren haben das so an sich.
Angst davor? Vor Festlegung? Nein, beruhigt Kremp sich und andere. Eine Krimiserie werde seinen Spielraum eher erweitern als einschränken. Für Musik etwa, die er Anfang der Achtziger in Köln studiert und am Salzburger Mozarteum verfeinert hat. Kremp spielt Trompete und Klavier, er singt und rockt, ist solo auf Tour und könne das mit neun Alten im Jahr weit besser planen.
Überhaupt: Pläne. Die Gangstervisage Kremp mag es da sicher. Mit gut 50, sagt seine Kollegin Johanna Gastorf, sei es wichtig, sich anständig zu benehmen und nicht mehr positionieren zu müssen. Mit fast 50, stimmt ihr Mann Jan-Gregor Kremp zu, „muss ich nicht mehr dauernd vortanzen, um zu zeigen, was ich kann“. Nicht das einzige, was das völlig unglamouröse Schauspielerpaar vereint. Beide mimen oft Seite an Seite, beide haben einen Stall voller Geschwister, beide lieben ihr Haus im Essener Grüngürtel mit Hund, beide mögen Applaus als „Nahrungsbestandteil des Künstlers“, wie Kremp einräumt, beide „hassen den roten Teppich“, wie Gastorf einschränkt. Beide sind Kämpfer – sie gegen das Branchendiktat unbedingter Schönheit, er gegen sieben Schauspielschulabsagen, die ihn nicht vom achten Anlauf abhielt. Und beide haben kein Problem mit all den Jahren, die bereits hinter ihnen liegen. Eher schon mit dem, was nur noch bleibt, um andere Ziele zu verwirklichen.
Das Alter, da ist dem ZDF also zuzustimmen, bleibt eben doch, was man draus macht. Bei Jan-Gregor Kremp muss es eine Menge sein: Der Produzent hatte ihn schon vor zehn Jahren als Lowitz-Erben im Visier, noch keine 40. Kremp hatte keine Zeit. Schade eigentlich.
Veronica Ferres, waidwundes Muttertier
Posted: September 5, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentWaidwund in der Restidylle
Das Arte-Drama Mein Mann, ein Mörder (Freitag, 20.15 Uhr) ist selten berechenbar – trotz und wegen Veronica Ferres als kämpferisches Mutter, die sie nicht zum ersten Mal spielt, aber besser denn je.
Von Jan Freitag
Augen, so heißt es, sagen manchmal mehr als Worte. Mit einem Wimpernschlag können sie Verzagtheit ausdrücken und Hoffnung, Hilflosigkeit, Freude, Trauer, Wut, oft in so rascher Folge, dass ein einziger Blick alles vereinigt, was gelungene Melodramen ausmacht. Veronica Ferres beherrscht diesen Blick, sie hat ihn perfektioniert, er ist ihr Markenzeichen.
Wenn sie ihn also in Mein Mann, ein Mörder vor der besten Freundin ausbreitet, wenn sie Vera (Ulrike Kriener) das stetig brechende Herz ausschüttet, dabei zugleich weint und lächelt, wenn ihre vor Wut und Trotz ganz kleinen Augen den Raum doch füllen – dann zeigt Veronica Ferres ihre Kernkompetenz, mit der sie auch hier 90 Minuten in wenigen Sekunden erklären kann. So ist auch dieser Film ein Paradebeispiel dessen, was so viele an Veronica Ferres ablehnen, was aber noch viel mehr an ihr mögen. Was ihr jüngeres Werk von Marco W. über die Patin bis zur Frau vom Checkpoint Charlie, mehr aber noch die echte Frau dahinter zur innigsten Hassliebe vor den Flachbildschirmen der Nation macht.
Denn die Ferres, wie man Stars mit dem Attribut „Diva“ gern umschreibt, spielt was sie immer spielt, aber sie spielt es grandios. Die außergewöhnliche Ferres nämlich ist die eher gewöhnliche Minette Frei, deren Nachname täuscht. Eine attraktive, sanft alternde Übersetzerin und Mutter zweier wohlgeratener Kinder, schönes Heim, viel Kultur, finanziell sorglos, alles in Ordnung – würde ihr Mann sie nicht betrügen. Mit einer Jüngeren, versteht sich. Und nicht zum ersten Mal, Minette weiß das. Also spioniert sie Paul nach bis ins billige Hotelzimmer nach, kontrolliert sein Handy, folgt ihm sogar ins Liebesnest nach Prag, stets auf der Suche nach einer Wahrheit, die peu à peu in eines der vielleicht bizarrsten Happyends der Fernsehgeschichte mündet.
Bis dahin aber bebildert der Nachwuchsregisseur Lancelot von Naso das uralte Drama um Liebe, Eifersucht, Leidenschaft, Trotz und Trost in so ruhigen Kamerafahrten durchs Innenleben der deutschen Mittelstandsehe, dass Mein Mann, ein Mörder in aller Zurückgenommenheit fast in Gefahr zu geraten droht, ein eher betuliches Sittengemälde bürgerlicher Befindlichkeiten zu werden. Es wird geredet und geschwiegen. Pausenlos. Und Oliver Thiedes unaufdringliche, fast lautlose Musik aus dem Hintergrund trägt ihr übriges zur reduzierten Aura bei. Doch immer dann, wenn das fragile Gefüge wachsender Kinder und schwindender Hingabe allzu leise implodiert, sorgt der zweite Hauptdarsteller für Schwung: Ulrich Noethen.
Das jüngste von fünf Kindern einer schwäbisch-bayerischen Pfarrersfamilie kann vom Grimmschen Märchenkönig über Kästners Nonkonformist Justus Bökh bis Heinrich Himmler fast alles so glaubhaft spielen, dass es gelegentlich schmerzt. Seit er vor 18 Jahren als Arzt mit asiatischer Katalogfrau in Dominik Grafs Tatort: Frau Bu lacht brillierte, ist seine Paraderolle allerdings eine andere: der Saubermann mit fleckiger Weste. Kein Wunder also, dass der Schauspieler mit dem unscheinbaren Dutzendgesicht sogar die emotionale Tristesse der Familie Frei zum Glänzen bringt, seinen Paul besonders, dieser promiske Familienmensch um die 50, beruflich erfolgreich, leidlich attraktiv, aber unbeirrbar selbstsicher. Ein guter Mann fürs anspruchsreduzierte Wechseljahredasein mit Opern-Abo und getrennter Kasse. Kein Traumprinz, aber bei allen Schwächen im Zweifel verlässlich. So scheint es. Bis ihm seine neueste Affäre, lolitahaft gespielt von Esther Zimmerling, einen Strich durch die Rechnung macht und verschwindet. Spurlos. Dass ein Mord im Raum steht, suggeriert schließlich schon der Filmtitel. In der Eingangsszene wird er dann schnell konkret, als eine Frau schreiend vom Fenstersims in die Tiefe stürzt.
Was sich daraus entspinnt, ist jedoch kein Krimi, die Polizei tritt nicht auf, selbst das Opfer fehlt. Keine Spur von Tatort also, auch wenn bald Erpressung, Schwarzgeldkonten, gar etwas Verfolgungsaction ins Spiel geraten. Nein, wenn etwas gejagt wird, sind es nicht Mörder, sondern Ängste, statt Tätern also höchstens Geborgenheit im drohenden Verfall einer Institution namens Familie. Auf die Frage ihrer Freundin, ob sie ihn behalten will, zuckt das Opfer Minette nur mit den Schultern und nimmt die Witterung des Täters auf, der so vom Jäger zur Beute wird, was er später, als ihm die Handlung entgleitet, ins Gegenteil umdreht.
Es ist ein ständiges Wechselspiel des Nachstellens. Und es bringt immer neue Vexierbilder vermeintlicher Schuld wie Unschuld hervor. Dass darin freilich immer ein tieferer Sinn steckt, liegt auch in Lancelot von Nasos dritter gemeinsamer Arbeit mit seinem Stammautoren, mit dem er vor vier Jahren bereits das preisgekrönte Langfilmdebüt Waffenstillstand gemacht hat. Nicht zuletzt Kai-Uwe Hasenheits versiertes Drehbuch nämlich liefert dem Film jene Fallstricke menschlicher Beziehungen, die Oliver Hoese dann so ausstattet, dass darin die bürgerliche Mitte in ihrer ganzen Verletzlichkeit sichtbar wird. Der verbissene Kampf um Harmonie und Restidylle beim gemeinsamen Abendessen mit Rotwein, Schultagberichten und Geplauder wirkt vor allem deshalb so authentisch, weil Produzent Hubertus Meyer-Burckhardt das Ambiente bewusst Geld und Geist atmen lässt, ohne wie in vergleichbaren Melodramen permanent Luxus auszustellen. Mein Mann, der Mörder spielt nicht in einer Designervilla von Rem Kolhaas, sondern im gediegenen Chaos eines teilsanierten Münchner Altbaus. Reichtum light, aber real.
In ihm könnten die Charaktere tun, was ihnen das hiesige Fernsehen oft versagt: agieren, spielen, sich entwickeln, statt bloß tolle Kulissen zu dekorieren. So wird dieser Film am Ende zu dem, was er sein soll: Ein Ferres-Film, so wie jeder Film mit Veronica Ferres einer ist. Ein Noethen-Film, so wie jeder Film mit ihm einer wird. Vor allem aber ein Ensemblestück, das den Beteiligten die bekannten Stärken abverlangt, ohne ins Klischee tradierter Rollenprofile abzugleiten. Die Ferres mag dabei ihr gewohntes Habitat des waidwunden Muttertiers mit Courage beackern; sie tat es selten besser als in Mein Mann, ein Mörder. Dafür reicht ihr oft nur ein Augenblick.
Der Text ist in der Septemberausgabe des Arte-Magazins erschienen
Diana Amft, Männersucherin
Posted: August 29, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDie Frau fürs Nette
Korkenzieherlocken, Alltagschaos, Männersuche – das Filmleben von Diana Amft. Foto: RTL/Christiane Pausch
Die Wahlkölnerin Diana Amft erinnert an eine berühmte Solingerin in jungen Jahren: Bisschen naiv, bisschen chaotisch, sehr naiv, sehr sehr weiblich und sehr sehr sehr blond. Noch reicht das nur für durchaus charmante RTL-Serien wie Doctor’s Diary oder ganz neu Christine. Perfekt war gestern (donnerstags, 21.15 Uhr, RTL). Aber Veronica Ferres hat ja auch mal kleiner angefangen…
Von Jan Freitag
Diese blauen Augen, der helle Teint, das lockige Haar, ihre ganze offensive, fast aufdringliche Weiblichkeit – ein bisschen naiv, ein bisschen verrucht, ein bisschen selbstbewusst, ein bisschen, tja – blond. Diana Amft ist schlecht zu bewahren vor diesem machtvollen, perfiden, zentnerschweren Vergleich: Veronica Ferres. Es ist so ungerecht. Und doch so nahe liegend. Denn, Diana Amft, die Hausmeistertochter aus Gütersloh, steht auf ihrer Karriereleiter da, wo Veronica Ferres, die Kohlenhändlertochter aus Solingen, nach Superweib, Schtonk und Rossini stand: An der Schwelle einer großen Schauspiellaufbahn ohne schauspielerische Finesse – begehrenswert, robust und noch ziemlich sympathisch. Vom Zuschauer gemocht, vom Feuilleton verschmäht, die nette Chiffre argloser Abendunterhaltung, überhäuft mit leichten Schmunzel- und Schmachtrollen, in ewiger Wartehaltung auf Anspruchsvolleres, ein Filmversprechen auf nicht ganz so langen Beinen.
Das zeigt sie seit geraumer Zeit immer wieder, dieses überraschend selbstironische Spiel mit den Stereotypen ihres Kapitals und Fluch in einem: dem eigenen Körper. Zuletzt etwas in der Degeto-Klamotte Liebe und andere Delikatessen, als erfolgreiche Werberin namens Franka, die von Männerintrigen getroffen über den Jobverlust ins eigene Geschäft als Gastronomin stolpert – immer auf der Suche nach dem Traumboy, immer etwas unbeholfen, zickig und verspielt, hyperromantisch, aber realitätsbewusst, also ziemlich nah dran an dem, was Durchschnittsdeutsche von modernen Frauen erwarten: Kerle, Karriere, Kinderwunsch, alles zeitgleich und möglichst klaglos mit viel Erotik, viel Spaß und viel Demut vor der gesellschaftlichen Rollenzuweisung. Feminine Selbstausbeutung im 21. Jahrhundert. Und genau das liefert sie ab heute bei RTL auch in Christine. Perfekt war gestern als – richtig – moderne Frau mit Männer-, Karriere-, Kinderwunsch
Nun spielt Diana Amft diese Multifunktionsfrau meist mit großem Humor und gewaltiger Freude. Man würde ihr Rollen wie diese also durchaus abkaufen, wäre da nicht das übliche Paarungsrevier, von Nörglern „Schmonzette“ getauft: heitere Verwicklungsgeschichten von A(RD) bis Z(DF) und dazwischen reichlich Sat.1. Über Fräulein Amft scheint darin stets die Filmsonne, Hindernisse werden frohgemutes beiseite geräumt, das Gute bringt alles Böse bezaubernd zur Strecke und liegt sich zum Geigenfinale kollektiv in den Armen. Der Freitagabend eben, zumal im Ersten, ein Märchen – wie ihr eigener Weg ins berufliche Fach. „Wenn das so märchenhaft gewesen wäre“, sagt die Mittdreißigerin mit dem scheuen Augenaufschlag des alterslosen Wildfangs und nestelt sich am viel zu engen Dekollete herum, „hätte mich ja ein Prinz geheiratet“. Aber so ganz fern von dem war Dennis Gansel ja nicht. Vor zwölf Jahren hat der Regisseur die junge Diana als noch jüngere Inken im belanglosen, aber immens erfolgreichen Teenyquatsch Mädchen, Mädchen an die Spitze besetzt. Das hat ihr zwar einige Türen zugeschlagen, wie sie bekennt, „aber auch viele geöffnet“. Ein rasanter Kaltstart, von Null auf Ulknudel, immerhin.
Vorher nämlich war alles andere alles andere als glatt gelaufen in ihrem Leben. Die renommierte Essener Volkwangschule hatte die Videothekengehilfin aus der westfälischen Provinz abgelehnt. Ein Rückschlag für den Kinderwunsch, Schauspielerin zu werden. Doch er steckte so tief in ihr, dass sie mehr mit der Jury als sich selbst haderte: „Ich dachte, die freuen sich wie Bolle, dass ich endlich komme“, erzählt die Wahl-Kölnerin beim Interview in einem Hamburger Luxushotel, das ihr sichtlich überteuert vorkommt, „und dann schmeißen die mich in der ersten Runde raus“. Naiv, nennt sie das heute, nicht arrogant. Denn das Ziel war ja klar, der Weg dorthin auch, nur ihr Tempo musste gedrosselt werden. Mit etwas mehr Gelassenheit im Rücken nahem sie die nächste Schauspielschule auf, in München. Es folgten filmische Gehversuche auf niedrigem Niveau – Freischwimmerrollen, zum Lachen vor allem, seichtes Zeugs, Romanzenzeugs, Pubertätszoten mit Titeln wie Unschuldige Biester, Knallharte Jungs oder Eine Liebe auf Mallorca. Bis, ja bis RTL ihrem Kindheitstraum endlich echte Nahrung gab: Doctor’s Diary. Mit großer Hingabe spielte sie dort ein energisches Vollweib im Kampf mit – da haben wir’s wieder: Kerlen, Karriere, Kinderwunsch und diesmal ein paar Kilos dort zu viel, wo sie nur die gehässigen Spürhunde perfektionierter Oberflächenästhetik verorten.
Doch BMI hin, Kurven her: Ihre Gretchen Hase war lustig, voll Esprit, überdreht, nie albern und bisweilen gar tiefgründig. Es hagelte Lob, Preise – und Drehbücher. Diana Amft ist besser gebucht denn je. Davon zeugen zwei Hauptrollen in zwei Wochen, beide banal, aber Visitenkarten auf dem Weg zur ersten Garde. Auf den Spuren der Ferres: geliebt vom Publikum, gehasst von der Kritik. Für Neid auf Kolleginnen wie Felicitas Woll, die nach Mädchen, Mädchen eine steile Leiter ins seriösere Fach erklomm, ist Diana Amft allerdings „zu ausgeglichen“, wie sie selbst sagt. „Ich sehe die Schauspielerei buddhistisch: ein Kelch der Möglichkeiten.“ Noch steht er außer Reichweite, wie einst bei Veronica Ferres.
Gladbeck: 25 Jahre Geiseldrama
Posted: August 21, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDas öffentliche Verbrechen
Vor 25 Jahren hielt die Geiselnahme von Gladbeck das Land in Atem. Auch, weil Dieter Degowski, Hans-Jürgen Rösner und ihre Gefangenen nicht nur 54 Stunden von der Polizei, sondern auch von einer Pressemeute verfolgt wurden. Rückblick auf einen Sündenfall
Von Jan Freitag
Jung sieht Frank Plasberg aus, sein Schnauzer ist zeitgemäß und das Mikro schmucklos. Doch er hält es schon mit jener drängelnden Lässigkeit, die ihn noch heute kennzeichnet. Kaum zu glauben, dass der harte, aber faire Talkshowhost im August 1988 Akteur einer echten Katastrophe der Medienkultur war. „Es hatte was von einem geordneten Verfahren“, schildert Plasberg, wie er sich beim Geiseldrama von Gladbeck vor 25 Jahren artig in die Reihe enthemmter Reporter zum Interview mit Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner samt ihrer zwei Gefangenen einreihte.
Es war ein journalistischer Sündenfall.
Die Disziplin der Presse war schließlich das einzig Geordnete in diesen 54 Stunden zwischen einem Bankraub und seinem blutigen Ende. Ansonsten herrschte das blanke Chaos: Polizisten ohne Konzept, Politik ohne Einfluss und Medien ohne Ethos machten den Fall zum „spektakulärsten Verbrechen der Nachkriegszeit“, wie es Bremens damaliger Innensenator Bernd Meyer beschreibt, „sowohl von der kriminellen Energie als auch von der Öffentlichkeitswirkung her“.
In der Tat. Denn das erste fast vollständig gefilmte Verbrechen der Bundesrepublik, im Osten nur eine Randnotiz wert, war mit drei Toten und zweimal lebenslang nicht nur besonders spektakulär; erstmals standen in der Mediengesellschaft die Medien selbst derart im Fokus der Kritik. Nicht einzelne Genres wie der Boulevard oder einzelne Magazine wie der Stern, sondern die ganze Branche. Und ohne das Flugunglück von Ramstein zehn Tage nach dem Ende der Geiselnahme hätte es vielleicht gar einen Reinigungsprozess gegeben. So aber ersetzte eine Sensation die andere und es blieb bei der Ergänzung des Pressekodexes um die Selbstverpflichtung, künftig kein „Werkzeug von Verbrechern“ mehr zu sein. Als sei das zuvor eine Option gewesen.
Das war es nicht. Zu undenkbar schien ein Fall wie Gladbeck: Rasende Reporter zwischen Verfolgten und Verfolgern, interviewte Bankräuber beim Fliehen, Kidnapper als Fernsehstars – eine Situation, zu absurd, um untersagt zu werden. Dann aber ruft Hans Meiser in der besetzten Bank an und fragt, welches Fluchtauto gefordert sei. Dann heftet sich ein Pressemob ans Heck und behindert die Polizei. Dann sagt der Desperado Rösner vor laufenden Kameras, „ich scheiß’ auf mein Leben“, und 13 Millionen Zuschauer sind live dabei.
Eine Topquote für eine Bombenshow. Erst 1985 hatte Neil Postman gemutmaßt, im kommerziellen TV-Zeitalter gehe alles in Unterhaltung auf, da lieferte ein Gangster-Event den Beleg. Gladbeck trieb den Journalismus tief ins Entertainment und vermengte wie nie zuvor Nähe mit Relevanz, Teilhabe mit Erkenntnis. „Wir waren wie berauscht“, gestand Udo Röbel vom Kölner Express 2008 in besagter Dokumentation, warum er das Fluchtauto vom Beifahrersitz aus zur Autobahn lotste. Ein Eingriff, den der spätere Bild-Chef an gleicher Stelle damit rechtfertigte, alle seien „geil auf die Story“ gewesen. So geil, dass ein dpa-Reporter auf Verfolgungsjagd selbst angeschossen zur News wurde und Radioreporter Plasberg sein Mikro so dicht unter Entführernasen hielt, dass das SEK ringsum nur deshalb nicht zugriff, weil wohl irgendein Reporter, wie deren Einsatzleiter Spiegel TV zu Protokoll gab „versucht hätte, das entscheidende Foto zu machen“.
Diese Verquickung von Subjekt und Objekt wurde zwar nicht erst im August 1988 geboren, gewann aber damals eine Strahlkraft, ohne die weder Leserreporter von Bild bis Stern noch Regenbogenpromis von Wulff bis Guttenberg denkbar sind. Und wenn die Tagesschau Berichte mit Bildern aus Köln garniert, wo die Täter kurz vorm Showdown eine Art Pressekonferenz in der Fußgängerzone abhielten, heiligt das Mittel einen bestimmten Zweck: Emotion durch Nähe. Andererseits schloss die Spitzenmeldung seinerzeit mit einer Medienkritik, die noch während der Geiselnahme von Presserat bis Polizeigewerkschaft geübt wurde.
Was folgte, war eine heilsame Debatte. Denn auch wenn der Boulevard zusehends mit seinen Themen verschmilzt, hat sich die seriöse Presse nie mehr so grotesk gemein mit den ihren gemacht wie damals. Und falls doch, fließt die Grenze zur Vereinnahmung. Beim Grubenunglück in Borken hielt man zwei Monate zuvor über den Hessischen Rundfunk Kontakt in den Schacht, was neben tollen O-Tönen die Rettung von sechs Kumpels mit sich brachte. Interviewte Nazis am Lichtenhagener Sonnenblumenhaus durften sich vier Jahre später zwar vor selbst inszenieren, sorgten aber auch für Gegenmobilisierung. Und in Gladbeck wog man die Entführer mit falschen Radiomeldungen über planlose Verfolger in Sicherheit und erfuhr beim Interview von Rösners schwerer Kindheit.
Es ist die Grundsatzfrage nach dem Mehrwert des Illegitimen. Vor Gericht beantwortet sie das Verbot illegal beschaffter Beweise, der Journalismus aber lässt offen, ob und wie man Kritik mit dem Kritisierten bebildern darf. Weil die Erregungsgesellschaft jedoch nicht Zaudern noch Moral duldet, nimmt das Image des Journalismus mit jeder Grenzübertretung, jedem Skandal um des Skandals Willen weiteren Schaden. Weil Gladbeck gezeigt habe, „was passiert, wenn der Jagdtrieb mit Journalisten durchgeht“, sagte Frank Plasberg vor zwei Jahren reuig, „würde ich das heut nicht mehr machen“. Das Publikum riete ihm wohl etwas anderes. Als der NDR mal Die bewegendsten TV-Momente wählen ließ, landete das Geiseldrama auf Platz 13 – hinter Lady Di’s Beerdigung. Aber vor ihrer Hochzeit.
Text, pics, Kommentare: http://www.zeit.de/kultur/film/2013-08/gladbeck-geiseldrama-medien
Borgia, erfolgreiches Blockbusterfernsehen
Posted: August 15, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentShakespeare trifft Tarantino
Der fiese Sohn (Mark Ryder) und seine fast so fiese Tochter (Isolda Dychauk) – die Fernseh-Borgias sind schon eine finstere Sippe.
Kostümfernsehen boomt so sehr, dass sich das ZDF im Vorjahr sechs 100-minütige Teile über ein mittelalterliches Papstgeschlecht geleistet hat. Die sensationellen Quoten der ersten Staffel von Borgia (Wiederholung zurzeit donnerstags, 23.15 Uhr) haben gezeigt: es hat sich gelohnt. So sehr, dass – noch bevor die zweite Staffel Ende September anläuft – bereits die dritte in Arbeit ist.
Von Jan Freitag
Kaum ein Wort beschreibt die Welt von heute besser als Netzwerken. Dank ihr können dabei alle mit allem irgendwie in Kontakt treten, um den Kernwährungen der Globalisierung unter die Arme zu greifen: Macht, Ansehen, Profit. Nun klingen Begriffe wie Netzwerk verteufelt aktuell, nach Internetboom, Nullerjahre und FDP, Facebook, Bill Gates und Billigflieger. Wie sehr der falsche Klang jedoch unserer Arroganz im Umgang mit dem Vergangenen entspringt, die rückblickend – wenn nicht wie üblich Krieg war – so spießig, lahm, öde also gestrig wirkt, zeigte derzeit eine internationale Koproduktion im ZDF.
In sechs Teilen erzählt Borgia den erfolgreichsten Netzwerker seiner Zeit, der globalisierten Frühphase des Kapitalismus. Die Titelfigur aber, Vorname Rodrigo, ist weder Börsenguru noch Mafiaboss oder Präsident, sondern das Oberhaupt eines Adelsgeschlechts an der Schwelle vom gottesfürchtigen Mittelalter zur geldfürchtigen Neuzeit. Mit Blut, Schweiß und Tränen in toller Kulisse, schildert der dreifache Emmy-Gewinner Tom Fontana die Geschichte der mächtigsten Familie im Vatikan des 15. Jahrhunderts. Wie Rodrigo Borgia (John Doman) seine Verwandten, Vertrauten, selbst Gegner so versiert an die Hebel der Macht verteilt, bis er zum Papst gekrönt wird und die Borgias als Alexander VI. zur höchsten Blüte führt.
All dies sind Zutaten eines Fernsehmonuments von 600 Minuten Länge, mit 25 Millionen Euro teurer als der Etat europäischer Königshäuser und fast so verwurzelt im ganzen Kontinent: 126 Schauspieler aus 18 Nationen haben Sprechrollen, darunter die Deutsche Isolda Dychauk als Rodrigos wichtige Tochter Lukrezia oder Andrea Sawatzki als ihre Ziehmutter. Rund 4000 Statisten kommen an Drehorten wie Prag oder dem originalgetreuen Nachbau der Sixtinischen Kapelle zum Einsatz, ganz zu schweigen von digitaler Technik, Special Effects und 157 Litern Kunstblut. Staffel 2, die am 30. September im ZDF startet, war sogar nochmals um ein Sechstel teurer, von der dritten, noch aufwändigeren, die derzeit in Prag entsteht, ganz zu schweigen.
Doch das allein ist es nicht, was Borgia so beeindruckend macht. Die opulente Ausstattung, der dauergespannte Handlungsbogen, alle Authentizität des restaurierten Spätmittelalters brennen die Macht der Bilder erst durch die Sprache ins Zuschauerhirn, eine realistische Theatralik zwischen pathossatt verspielt und jetztzeitig derb. „Ich scheiße auf Rom und pisse auf Neapel“ – als Hörspielsequenz könnte Rodriko Borgia damit die Antagonisten seines Erfolgs meinen, aber eben auch italienische Hooligans oder Konkurrenten der Schwerindustrie. In karmesinroten Mantel, ein fürstliches Schloss dahinter aber, atmet die Szene das Aroma leibhaftiger Renaissance. Also der ganz großen Bühne.
Und die hat Konjunktur. Weltweit gute Einschaltquoten für europäische Mehrteiler wie Napoleon von 2002 oder sechs Jahre später Krieg und Frieden zeigen aus Sicht von Produzent Jan Mojto, „dass das Publikum historische Stoffe auch dann will, wenn sie komplex sind.“ Es wolle vor allem die riesigen Ränkespiele, Schlachtfelder, Alphatiere beim Auf- wie Abstieg zusehen, ergänzt Autor Fontana. „Wir leben in Zeiten der Angst, Extreme und Unsicherheiten.“ Da sei es doch beruhigend, anderen dabei zuzusehen, „wie sie das in ihrer Zeit gemeistert haben“. Tatsächlich aber faszinieren selbst die realistischsten Historienschinken und glaubhaftesten Filmdynastien erst durch eine Hintertür ins Märchenhafte. So wie die gefeierte HBO-Serie Rom füttert auch Borgia unsere Lust am Bösen, ohne ihre Konsequenzen wirklich fürchten zu müssen. Ist ja doch bloß Antike, Mittelalter, lange her. Und Rodrigo Borgia gibt vor über 500 Jahren einen JR Ewing ab, der wie in Dallas dann doch zu abgehoben, irreal, zu künstlich wirkt, um wahr zu sein.
Die verstörend spürbare Horrorreihe Saw dagegen, eine unprätentiös frontale Verbrechersaga wie die Sopranos oder das heruntergekommene Baltimore der fantastischen Krimiserie The Wire dagegen finden auch deshalb vor allem auf DVD statt, weil dem Durchschnittszuschauer die dunkle Seite der Macht im Lichte der Wirklichkeit gar nicht so lieb ist. Auch deshalb hat Borgia in Deutschland, vor allem aber in Italien und Frankreich Quotenrekorde gebrochen. Und das, obwohl die Reihe hier in sechs spielfilmlangen Teilstücken läuft statt wie andernorts verteilt auf zehn Abende. Unter der Regie von Regisseur Oliver Hirschbiegel (Der Untergang) gleitet die Kostümschlacht nämlich zu Beginn stets am Rande der Überzeichnung, tritt aber selten drüber.
Die Fieberkranke, die zur Heilung von einer Hexe mit Schweinekot beschmiert wird; der Sohn, der einem Widersacher aus dem Nichts das Ohr abschlägt; sein Bruder, der sich selbst zur Sühne kreuzigt; Papa Rodrigo, der sein sexuelles Ego ähnlich bildgewaltig pflegt wie sein politisches; dazu Udo Kier als Papst Innozenz VIII., der eineinhalb Stunden so grotesk durch den ersten Teil stirbt, dass ihm am Ende selbst eine weibliche Brust nicht mehr helfen kann – all dies pendelt permanent zwischen Shakespeare und Tarantino. Und beides geht bekanntlich immer.
Da ist es kein Wunder, dass die 2. Staffel in Arbeit ist, noch bevor die 2. gezeigt hat, ob sich das auch gelohnt haben wird. Das ZDF jedenfalls hat noch keine Abnahmegarantie gegeben. Einerseits. Andererseits ist Zuversicht geboten, wenn das europäische Produkt selbst nach Amerika verkauft wurde. Und das, obwohl dort zeitgleich eine eigene weit ruhigere Version mit Jeremy Irons als Rodrigo Borgia entstanden ist. Ein Machtpolitiker, der zwei sündhaft teure Hochglanzproduktionen zugleich verträgt – das schafft außer ihm eigentlich nur noch Adolf Hitler.
Thomas Roth, Tagesthemen-Moderator
Posted: August 8, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentHochamtsflaggschiffkapitän
Der weißhaarige Thomas Roth steht wie kaum ein Zweiter seiner Branche für Kompetenz und Seriosität im deutschen Nachrichtenwesen. Seit Montag nun moderiert der frühere Feldreporter auf mehreren Kontinenten die ehrwürdigen Tagesthemen. Eine Begegnung in Hamburg.
Von Jan Freitag
Whitehead ist ein respektvoller Begriff. Whitehead nennt man in den USA jene Journalisten, deren ergrautes Haar zum weißen Helm gealtert Seriosität ausstrahlt, Würde und Kompetenz. Einem Whitehead glaubt das Publikum, es sorgt für Vertrauen, Whiteheads sind auch hierzulande Leuchttürme im bewegten Flachwasser neuer Medien und Anker in die alten. Zur Vervollständigung ihrer Autorität tragen sie gern Oberlippenbart, und falls die Herkunft schwäbisch ist – man würde ihnen Gebrauchtwagen auch unbesehen abkaufen.
Thomas Roths stammt aus Heilbronn. Sein Schnäuzer ist so weiß wie das Haar drüber, und wenn der 61-Jährige die Stimme hebt, im charmanten Brummton des altgedienten Nachrichtenprofis, viele würden ihm da fast alles abkaufen. Die Tagesthemen zum Beispiel, Roths neuer Arbeitsplatz und doch so viel mehr. Es ist eine Art Hochamt aktueller Berichterstattung, in leitender Funktion seit 1978 moderiert von Monolithen wie Klaus Bednarz, Wolf von Lojewski, Ernst-Dieter Lueg, Sabine Christiansen, Ulrich Wickert. Kaliber, deren Namen bisweilen den Nachhall von Altbundeskanzlern haben.
Und nun also Thomas Roth.
Bei seiner offiziellen Vorstellung als neuer Anchor dieses altehrwürdigen Formats, stilecht in einem Luxushotel mit Alsterblick, bevorzugt er zwar das weniger weihevolle Wort „Flaggschiff“; doch wie dieser notorische Krawattenträger da mit Manschettenknöpfen, polierten Schuhen und randloser Brille auf der Bühne, seiner Bühne sitzt; wie er sich mit der verstörend kurz berockten NDR-Kollegin Inka Schneider beim – so heißt das im Ersten Programm, wenn es gleichsam sachlich und locker zugehen soll: Podiumsgespräch, die Bälle zuspielt; wie er sich breit macht im Sessel und kerzengerade zugleich; wie er manchmal ein leicht einschüchterndes Lachen hinters etwas große Lächeln schiebt, ansonsten aber stets die Contenance wahrt, ernsthaft bleibt, verbindlich wirkt; wie er sich also mit dem Selbstwertgefühl eines ereignisreichen TV-Lebens im Scheinwerferlicht sonnt – da wirkt alles, als habe sich Chefredakteur Kai Gniffke keinen Moderator gesucht, sondern anfertigen lassen. Nicht nach Schema F, aber passgenau.
Denn Thomas Roth, das zeigt er hier vorm sendenden, schreibenden, funkenden Kollegium der Freien Medien- und Tagesschau-Stadt Hamburg, ihm passen jene ziemlich großen Schuhe, die seinem Vorgänger Tom Buhrow oft ein bisschen klein schienen, womöglich besser. Das liegt sicher auch an körperlicher Größe, ein paar Zentimeter weniger nur als die des langen Ingo Zamperoni, der ebenfalls im Gespräch für den Posten hier nur zu Gast ist bei der Inthronisation des Neuen. Besonders aber liegt es an der Größe seiner Karriere: Volontariat beim SWR, ab 1988 ARD-Korrespondent in Südafrika, sodann Studioleiter Moskau, Chefredakteur des Hauptstadtstudios, zuletzt unser weißhaariger Hauptberichterstatter vom Whitehead-Eldorado New York. Allesamt keine Flachetappen im Massenspurt, eher Bergankünfte der höchsten Kategorie oder um im privaten Lieblingssport des selbsternannten Teamplayers zu bleiben: Achter mit Steuermann. Roth am Steuer, Roth am Schlag, Roth überall, versteht sich.
Dass er dennoch zurückhaltend, beinahe bescheiden umgeht mit den eigenen Meriten, auch das hat ein bisschen mit der Farbe seiner Haare zu tun, den besseren Manieren der alten Schule vielleicht, mit Taktgefühl und Etikette. Den Traum vom Studiojob Tagesthemen, sagt der erfahrene Feldreporter, habe er nie geträumt, „doch jetzt sei es einer“. Und den gehe er mit Verantwortungsbewusstsein an, vor allem aber „großer Demut“. Einer Demut, „so altmodisch das klingt“, auf jenem Stuhl zu sitzen wie seinerzeit – bei dem Namen senkt der selbstgewisse Thomas Roth allen Ernstes kurz die Stimme: Hans-Joachim Friedrichs.
Er war es schließlich, der seinen aktuellen Epigonen zum Fernsehalphatier von heute gemacht hat. Schon schwer erkrankt, hat „Mr. Tagesthemen“ schlechthin den zwischenzeitlichen WDR-Hörfunkdirektor für den ersten Hans-Joachim-Friedrichs-Preis vorgeschlagen – was die Jury nach dem Tod des Stifters schwerlich ablehnen konnte. Von ihm hat er womöglich auch den Anspruch geerbt, dass die Nachrichten der ARD bei aller neuen Lockerheit im dualen System weiter vor allem eins zu sein hätten: Seriös. „Die Grundfarbe ist Sachlichkeit“, so sieht es Roth. So wollen es ja auch die Zuschauer, fügt er hinzu und wie zur Bestätigung: „Ich bleibe wie ich bin.“ Nur eben fortan an der Spitze der Tagesthemen, dem Flaggschiffhochamtsachter der Nachrichtenrepublik, unter strenger Beobachtung aller, die auf Fernsehen noch etwas geben.
Was er ihnen am Ende der Sendung mit auf den Weg gebe? Ein Markenzeichen wie Wicherts „Ihnen eine geruhsame Nacht“ oder Buhrows „morgen ist ein neuer Tag“ zum Beispiel? „Ich bin da noch im Denkprozess“, meint Roth vor der Premiere am Montag, dieser „Highspeedversion“ in der Halbzeitpause eines profanen DFB-Pokalspiels. Nach dem Denkprozess entschied er sich für “kommen Sie gut durch die Nacht”. Nicht profan, nicht aufgeregt, seriös, doch durchaus mit dem Anspruch zu unterhalten. Thomas Roth eben.
Der Text ist Freitag im Berliner Tagesspiegel erschienen
Martina Hill: Parodistin und Knallerfrau
Posted: August 1, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentSchlank, blond, krass
In der Sat1-Sketchshow Knallerfrauen (ab Freitag, 2. August, 22.50 Uhr) ist Martina Hill mal ganz sie selbst, statt Sonya Kraus, beweist also nachhalztig, dass sie weit mehr kann als Parodieren anderer in Switch Reloaded. Zum Beispiel derb sein. Und zwar richtig.
Von Jan Freitag
Gut, man braucht schon einen Hang zu derbem Humor, um über Witze mit Frauen zu lachen, die auf Partys lautstark ihren Slip suchen. Mit Frauen, die öffentlich furzen, im Supermarkt Melonen kugelstoßen oder brüllend durch den Park laufen, weil der Kaffee zu kalt ist. Die Kopfsalat als Pompon benutzen, Wurst als Schlagstock und Babys als Feudel. Witze mit Frauen also, die plump sind, laut sind, böse sind, taktlos sind, unflätig sind und meist alles in einem. Man muss folglich eher grob gestrickt sein, um Knallerfrauen lustig zu finden, die neue Sat1-Sketchcomedy.
Vielleicht reicht es aber, wenn man jemanden lustig findet, den lustig zu finden nicht schwer fällt: Martina Hill. Seit gerade mal fünf Jahren ist sie im ulkigen Fernsehfach daheim und bereits eine der wenigen Leuchten. Anderseits sind fünf Jahre in dem Metier eine Menge, um ohne Soloshow tätig zu sein. So gesehen folgt es dem Gesetz des Marktes, dass Deutschlands schönste gute Komödianten mit 37 Jahren endlich auch allein zeigen darf, was sie kann. Im Grunde ist Knallerfrauen zwar ein Spaßformat wie viele: Mit argen Zoten, schlüpfrigem Inhalt und wenig Sinn, voller Klischees, Schenkelklopfern und Fremdschammomenten als heiterem Kernbestand. Wie im Durchlauferhitzer Comedy üblich, der selbst die alte Scheibenwischer-Bühne für pappeflache Possenreißer freigibt, den Antispaßvogel Oli Welke zum Träger seriöser Preise macht und Kurt Krömers einzige Pointenressource (Berliner Schnauze) mit öffentlich-rechtlichen Sendeplätzen adelt. Es wäre also auch in dieser halben Stunde ab 22.15 Uhr wenig mehr als Stromlinie zu erwarten, stünde da nicht diese, pardon: Knallerfrau im Zentrum. Und nur sie.
Seit 2007 verkörpert Martina Hill ja in der Pro7-Parodie Switch Reloaded diverse Figuren des realen TV-Lebens und ist dabei oft echter als die Originale. Heidi Klum und Anja Kohl, Gundula Gause und Ina Müller, Bill Kaulitz und Katja Burkard, Sonya Kraus oder in der heute-show Bettina Schausten – nach wenigen Jahren im Geschäft schien die gelernte Radiosprecherin ihre Berufung beim Kopieren anderer gefunden zu haben. Das tat auch Not. Denn als Teil dämlicher Serien wie Cobra 11, schlechter Filme (Schwer verknallt) oder der fulminant gescheiterten Parodie C.I.S., dessen Witz schon im Piloten irgendwo zwischen Mario Barth und Buster Keaton verendet, schien ihre Karriere abseits von Switch festzustecken.
Umso mehr erstaunt es, wie „die pure Marina Hill“ (Martina Hill) nun beim Schwesterkanal Sat1 funktioniert. In knapp zwei Dutzend Sketchen pro Folge „spiele ich ganz normale Frauen in ziemlich alltäglichen Situationen“, wie sie selbst schildert. Solche, die ihrem Bräutigam bei der Hochzeit auf den Kopf kotzen oder sich nachts per Defibrillator am Bett fit fürs schreiende Baby machen. Es sind nicht grad Frauen wie du und sie, aber es sind handelnde Frauen, Frauen der Tat also, die nicht immer komisch sind, aber ihr Tun so selbstverständlich und siegesgewiss vollführen, dass sie zu etwas werden, was in der Haut dieser Berlinerin ohne Schnauze leicht verstörend wirkt: männlich. Schließlich ist die spät berufene Schauspielerin, der erst mit Ende zwanzig die erste Rolle zuteil wurde, ein Privatfernsehbild von einem Weib: Groß, blond, schlank, schön, sexy und stets bereit zum Minirock. Ergo: die Essenz dessen, was der Mainstream unter femininer Attraktivität verbucht. Grad das macht „Knallerfrauen“ so relevant, obwohl es so mit Stereotypen spielt.
Denn auch die Hill weiß um ihre Attribute, die sie in 106 Charakteren, verteilt auf 220 fertige Sketche, so oft zur Schau stellt, wie es die Branchengesetze erfordern. Hinter all der nackten Haut zu hohen Hacken zeigt sich aber ein Übermut, der jede Eitelkeit im Mimikchaos erstickt. Komik, erklärt sie ihren Beruf und klingt dabei mal unsicher, mal selbstbewusst, wie ganz normale Frauen, „entsteht über den Faktor Überraschung“. Und das komme bei attraktiven Menschen mit Mut zur Hässlichkeit sogar mehr zur Geltung. Der Zuschauer jedenfalls, glaubt sie, schaue durchs Äußere hindurch, „wenn ein Komödiant den Bezug zu seinem inneren Kind herstellt“. Martina Hill kann das. Vielleicht kann sie es auch, weil Otto Waalkes ihr „Kindheitskomiker“ war, Didi Hallervorden ein früher Held wurde und Anke Engelke ein später. Weil sie „eine Prise derben Slapstick“ mehr schätzt als politisches Kabarett, das sie erst noch lernen will. Weil sie nicht über alles Witze machen muss, aber über alles lachen dürfen will. Weil sie ihre körperlichen Grenzen ebenso sucht, findet, aber nicht übertritt wie die des Geschmacks. „Schockieren war nie mein Ansatz.“ Verletzungen sind ihr zuwider. „Ich will unterhalten.“ Mehr nicht. Bei Knallerfrauen gelingt das schon mal ganz gut. Luft nach oben bleibt trotzdem.