Diana Amft, Männersucherin
Posted: August 29, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDie Frau fürs Nette
Korkenzieherlocken, Alltagschaos, Männersuche – das Filmleben von Diana Amft. Foto: RTL/Christiane Pausch
Die Wahlkölnerin Diana Amft erinnert an eine berühmte Solingerin in jungen Jahren: Bisschen naiv, bisschen chaotisch, sehr naiv, sehr sehr weiblich und sehr sehr sehr blond. Noch reicht das nur für durchaus charmante RTL-Serien wie Doctor’s Diary oder ganz neu Christine. Perfekt war gestern (donnerstags, 21.15 Uhr, RTL). Aber Veronica Ferres hat ja auch mal kleiner angefangen…
Von Jan Freitag
Diese blauen Augen, der helle Teint, das lockige Haar, ihre ganze offensive, fast aufdringliche Weiblichkeit – ein bisschen naiv, ein bisschen verrucht, ein bisschen selbstbewusst, ein bisschen, tja – blond. Diana Amft ist schlecht zu bewahren vor diesem machtvollen, perfiden, zentnerschweren Vergleich: Veronica Ferres. Es ist so ungerecht. Und doch so nahe liegend. Denn, Diana Amft, die Hausmeistertochter aus Gütersloh, steht auf ihrer Karriereleiter da, wo Veronica Ferres, die Kohlenhändlertochter aus Solingen, nach Superweib, Schtonk und Rossini stand: An der Schwelle einer großen Schauspiellaufbahn ohne schauspielerische Finesse – begehrenswert, robust und noch ziemlich sympathisch. Vom Zuschauer gemocht, vom Feuilleton verschmäht, die nette Chiffre argloser Abendunterhaltung, überhäuft mit leichten Schmunzel- und Schmachtrollen, in ewiger Wartehaltung auf Anspruchsvolleres, ein Filmversprechen auf nicht ganz so langen Beinen.
Das zeigt sie seit geraumer Zeit immer wieder, dieses überraschend selbstironische Spiel mit den Stereotypen ihres Kapitals und Fluch in einem: dem eigenen Körper. Zuletzt etwas in der Degeto-Klamotte Liebe und andere Delikatessen, als erfolgreiche Werberin namens Franka, die von Männerintrigen getroffen über den Jobverlust ins eigene Geschäft als Gastronomin stolpert – immer auf der Suche nach dem Traumboy, immer etwas unbeholfen, zickig und verspielt, hyperromantisch, aber realitätsbewusst, also ziemlich nah dran an dem, was Durchschnittsdeutsche von modernen Frauen erwarten: Kerle, Karriere, Kinderwunsch, alles zeitgleich und möglichst klaglos mit viel Erotik, viel Spaß und viel Demut vor der gesellschaftlichen Rollenzuweisung. Feminine Selbstausbeutung im 21. Jahrhundert. Und genau das liefert sie ab heute bei RTL auch in Christine. Perfekt war gestern als – richtig – moderne Frau mit Männer-, Karriere-, Kinderwunsch
Nun spielt Diana Amft diese Multifunktionsfrau meist mit großem Humor und gewaltiger Freude. Man würde ihr Rollen wie diese also durchaus abkaufen, wäre da nicht das übliche Paarungsrevier, von Nörglern „Schmonzette“ getauft: heitere Verwicklungsgeschichten von A(RD) bis Z(DF) und dazwischen reichlich Sat.1. Über Fräulein Amft scheint darin stets die Filmsonne, Hindernisse werden frohgemutes beiseite geräumt, das Gute bringt alles Böse bezaubernd zur Strecke und liegt sich zum Geigenfinale kollektiv in den Armen. Der Freitagabend eben, zumal im Ersten, ein Märchen – wie ihr eigener Weg ins berufliche Fach. „Wenn das so märchenhaft gewesen wäre“, sagt die Mittdreißigerin mit dem scheuen Augenaufschlag des alterslosen Wildfangs und nestelt sich am viel zu engen Dekollete herum, „hätte mich ja ein Prinz geheiratet“. Aber so ganz fern von dem war Dennis Gansel ja nicht. Vor zwölf Jahren hat der Regisseur die junge Diana als noch jüngere Inken im belanglosen, aber immens erfolgreichen Teenyquatsch Mädchen, Mädchen an die Spitze besetzt. Das hat ihr zwar einige Türen zugeschlagen, wie sie bekennt, „aber auch viele geöffnet“. Ein rasanter Kaltstart, von Null auf Ulknudel, immerhin.
Vorher nämlich war alles andere alles andere als glatt gelaufen in ihrem Leben. Die renommierte Essener Volkwangschule hatte die Videothekengehilfin aus der westfälischen Provinz abgelehnt. Ein Rückschlag für den Kinderwunsch, Schauspielerin zu werden. Doch er steckte so tief in ihr, dass sie mehr mit der Jury als sich selbst haderte: „Ich dachte, die freuen sich wie Bolle, dass ich endlich komme“, erzählt die Wahl-Kölnerin beim Interview in einem Hamburger Luxushotel, das ihr sichtlich überteuert vorkommt, „und dann schmeißen die mich in der ersten Runde raus“. Naiv, nennt sie das heute, nicht arrogant. Denn das Ziel war ja klar, der Weg dorthin auch, nur ihr Tempo musste gedrosselt werden. Mit etwas mehr Gelassenheit im Rücken nahem sie die nächste Schauspielschule auf, in München. Es folgten filmische Gehversuche auf niedrigem Niveau – Freischwimmerrollen, zum Lachen vor allem, seichtes Zeugs, Romanzenzeugs, Pubertätszoten mit Titeln wie Unschuldige Biester, Knallharte Jungs oder Eine Liebe auf Mallorca. Bis, ja bis RTL ihrem Kindheitstraum endlich echte Nahrung gab: Doctor’s Diary. Mit großer Hingabe spielte sie dort ein energisches Vollweib im Kampf mit – da haben wir’s wieder: Kerlen, Karriere, Kinderwunsch und diesmal ein paar Kilos dort zu viel, wo sie nur die gehässigen Spürhunde perfektionierter Oberflächenästhetik verorten.
Doch BMI hin, Kurven her: Ihre Gretchen Hase war lustig, voll Esprit, überdreht, nie albern und bisweilen gar tiefgründig. Es hagelte Lob, Preise – und Drehbücher. Diana Amft ist besser gebucht denn je. Davon zeugen zwei Hauptrollen in zwei Wochen, beide banal, aber Visitenkarten auf dem Weg zur ersten Garde. Auf den Spuren der Ferres: geliebt vom Publikum, gehasst von der Kritik. Für Neid auf Kolleginnen wie Felicitas Woll, die nach Mädchen, Mädchen eine steile Leiter ins seriösere Fach erklomm, ist Diana Amft allerdings „zu ausgeglichen“, wie sie selbst sagt. „Ich sehe die Schauspielerei buddhistisch: ein Kelch der Möglichkeiten.“ Noch steht er außer Reichweite, wie einst bei Veronica Ferres.
Gladbeck: 25 Jahre Geiseldrama
Posted: August 21, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDas öffentliche Verbrechen
Vor 25 Jahren hielt die Geiselnahme von Gladbeck das Land in Atem. Auch, weil Dieter Degowski, Hans-Jürgen Rösner und ihre Gefangenen nicht nur 54 Stunden von der Polizei, sondern auch von einer Pressemeute verfolgt wurden. Rückblick auf einen Sündenfall
Von Jan Freitag
Jung sieht Frank Plasberg aus, sein Schnauzer ist zeitgemäß und das Mikro schmucklos. Doch er hält es schon mit jener drängelnden Lässigkeit, die ihn noch heute kennzeichnet. Kaum zu glauben, dass der harte, aber faire Talkshowhost im August 1988 Akteur einer echten Katastrophe der Medienkultur war. „Es hatte was von einem geordneten Verfahren“, schildert Plasberg, wie er sich beim Geiseldrama von Gladbeck vor 25 Jahren artig in die Reihe enthemmter Reporter zum Interview mit Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner samt ihrer zwei Gefangenen einreihte.
Es war ein journalistischer Sündenfall.
Die Disziplin der Presse war schließlich das einzig Geordnete in diesen 54 Stunden zwischen einem Bankraub und seinem blutigen Ende. Ansonsten herrschte das blanke Chaos: Polizisten ohne Konzept, Politik ohne Einfluss und Medien ohne Ethos machten den Fall zum „spektakulärsten Verbrechen der Nachkriegszeit“, wie es Bremens damaliger Innensenator Bernd Meyer beschreibt, „sowohl von der kriminellen Energie als auch von der Öffentlichkeitswirkung her“.
In der Tat. Denn das erste fast vollständig gefilmte Verbrechen der Bundesrepublik, im Osten nur eine Randnotiz wert, war mit drei Toten und zweimal lebenslang nicht nur besonders spektakulär; erstmals standen in der Mediengesellschaft die Medien selbst derart im Fokus der Kritik. Nicht einzelne Genres wie der Boulevard oder einzelne Magazine wie der Stern, sondern die ganze Branche. Und ohne das Flugunglück von Ramstein zehn Tage nach dem Ende der Geiselnahme hätte es vielleicht gar einen Reinigungsprozess gegeben. So aber ersetzte eine Sensation die andere und es blieb bei der Ergänzung des Pressekodexes um die Selbstverpflichtung, künftig kein „Werkzeug von Verbrechern“ mehr zu sein. Als sei das zuvor eine Option gewesen.
Das war es nicht. Zu undenkbar schien ein Fall wie Gladbeck: Rasende Reporter zwischen Verfolgten und Verfolgern, interviewte Bankräuber beim Fliehen, Kidnapper als Fernsehstars – eine Situation, zu absurd, um untersagt zu werden. Dann aber ruft Hans Meiser in der besetzten Bank an und fragt, welches Fluchtauto gefordert sei. Dann heftet sich ein Pressemob ans Heck und behindert die Polizei. Dann sagt der Desperado Rösner vor laufenden Kameras, „ich scheiß’ auf mein Leben“, und 13 Millionen Zuschauer sind live dabei.
Eine Topquote für eine Bombenshow. Erst 1985 hatte Neil Postman gemutmaßt, im kommerziellen TV-Zeitalter gehe alles in Unterhaltung auf, da lieferte ein Gangster-Event den Beleg. Gladbeck trieb den Journalismus tief ins Entertainment und vermengte wie nie zuvor Nähe mit Relevanz, Teilhabe mit Erkenntnis. „Wir waren wie berauscht“, gestand Udo Röbel vom Kölner Express 2008 in besagter Dokumentation, warum er das Fluchtauto vom Beifahrersitz aus zur Autobahn lotste. Ein Eingriff, den der spätere Bild-Chef an gleicher Stelle damit rechtfertigte, alle seien „geil auf die Story“ gewesen. So geil, dass ein dpa-Reporter auf Verfolgungsjagd selbst angeschossen zur News wurde und Radioreporter Plasberg sein Mikro so dicht unter Entführernasen hielt, dass das SEK ringsum nur deshalb nicht zugriff, weil wohl irgendein Reporter, wie deren Einsatzleiter Spiegel TV zu Protokoll gab „versucht hätte, das entscheidende Foto zu machen“.
Diese Verquickung von Subjekt und Objekt wurde zwar nicht erst im August 1988 geboren, gewann aber damals eine Strahlkraft, ohne die weder Leserreporter von Bild bis Stern noch Regenbogenpromis von Wulff bis Guttenberg denkbar sind. Und wenn die Tagesschau Berichte mit Bildern aus Köln garniert, wo die Täter kurz vorm Showdown eine Art Pressekonferenz in der Fußgängerzone abhielten, heiligt das Mittel einen bestimmten Zweck: Emotion durch Nähe. Andererseits schloss die Spitzenmeldung seinerzeit mit einer Medienkritik, die noch während der Geiselnahme von Presserat bis Polizeigewerkschaft geübt wurde.
Was folgte, war eine heilsame Debatte. Denn auch wenn der Boulevard zusehends mit seinen Themen verschmilzt, hat sich die seriöse Presse nie mehr so grotesk gemein mit den ihren gemacht wie damals. Und falls doch, fließt die Grenze zur Vereinnahmung. Beim Grubenunglück in Borken hielt man zwei Monate zuvor über den Hessischen Rundfunk Kontakt in den Schacht, was neben tollen O-Tönen die Rettung von sechs Kumpels mit sich brachte. Interviewte Nazis am Lichtenhagener Sonnenblumenhaus durften sich vier Jahre später zwar vor selbst inszenieren, sorgten aber auch für Gegenmobilisierung. Und in Gladbeck wog man die Entführer mit falschen Radiomeldungen über planlose Verfolger in Sicherheit und erfuhr beim Interview von Rösners schwerer Kindheit.
Es ist die Grundsatzfrage nach dem Mehrwert des Illegitimen. Vor Gericht beantwortet sie das Verbot illegal beschaffter Beweise, der Journalismus aber lässt offen, ob und wie man Kritik mit dem Kritisierten bebildern darf. Weil die Erregungsgesellschaft jedoch nicht Zaudern noch Moral duldet, nimmt das Image des Journalismus mit jeder Grenzübertretung, jedem Skandal um des Skandals Willen weiteren Schaden. Weil Gladbeck gezeigt habe, „was passiert, wenn der Jagdtrieb mit Journalisten durchgeht“, sagte Frank Plasberg vor zwei Jahren reuig, „würde ich das heut nicht mehr machen“. Das Publikum riete ihm wohl etwas anderes. Als der NDR mal Die bewegendsten TV-Momente wählen ließ, landete das Geiseldrama auf Platz 13 – hinter Lady Di’s Beerdigung. Aber vor ihrer Hochzeit.
Text, pics, Kommentare: http://www.zeit.de/kultur/film/2013-08/gladbeck-geiseldrama-medien
Borgia, erfolgreiches Blockbusterfernsehen
Posted: August 15, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentShakespeare trifft Tarantino
Der fiese Sohn (Mark Ryder) und seine fast so fiese Tochter (Isolda Dychauk) – die Fernseh-Borgias sind schon eine finstere Sippe.
Kostümfernsehen boomt so sehr, dass sich das ZDF im Vorjahr sechs 100-minütige Teile über ein mittelalterliches Papstgeschlecht geleistet hat. Die sensationellen Quoten der ersten Staffel von Borgia (Wiederholung zurzeit donnerstags, 23.15 Uhr) haben gezeigt: es hat sich gelohnt. So sehr, dass – noch bevor die zweite Staffel Ende September anläuft – bereits die dritte in Arbeit ist.
Von Jan Freitag
Kaum ein Wort beschreibt die Welt von heute besser als Netzwerken. Dank ihr können dabei alle mit allem irgendwie in Kontakt treten, um den Kernwährungen der Globalisierung unter die Arme zu greifen: Macht, Ansehen, Profit. Nun klingen Begriffe wie Netzwerk verteufelt aktuell, nach Internetboom, Nullerjahre und FDP, Facebook, Bill Gates und Billigflieger. Wie sehr der falsche Klang jedoch unserer Arroganz im Umgang mit dem Vergangenen entspringt, die rückblickend – wenn nicht wie üblich Krieg war – so spießig, lahm, öde also gestrig wirkt, zeigte derzeit eine internationale Koproduktion im ZDF.
In sechs Teilen erzählt Borgia den erfolgreichsten Netzwerker seiner Zeit, der globalisierten Frühphase des Kapitalismus. Die Titelfigur aber, Vorname Rodrigo, ist weder Börsenguru noch Mafiaboss oder Präsident, sondern das Oberhaupt eines Adelsgeschlechts an der Schwelle vom gottesfürchtigen Mittelalter zur geldfürchtigen Neuzeit. Mit Blut, Schweiß und Tränen in toller Kulisse, schildert der dreifache Emmy-Gewinner Tom Fontana die Geschichte der mächtigsten Familie im Vatikan des 15. Jahrhunderts. Wie Rodrigo Borgia (John Doman) seine Verwandten, Vertrauten, selbst Gegner so versiert an die Hebel der Macht verteilt, bis er zum Papst gekrönt wird und die Borgias als Alexander VI. zur höchsten Blüte führt.
All dies sind Zutaten eines Fernsehmonuments von 600 Minuten Länge, mit 25 Millionen Euro teurer als der Etat europäischer Königshäuser und fast so verwurzelt im ganzen Kontinent: 126 Schauspieler aus 18 Nationen haben Sprechrollen, darunter die Deutsche Isolda Dychauk als Rodrigos wichtige Tochter Lukrezia oder Andrea Sawatzki als ihre Ziehmutter. Rund 4000 Statisten kommen an Drehorten wie Prag oder dem originalgetreuen Nachbau der Sixtinischen Kapelle zum Einsatz, ganz zu schweigen von digitaler Technik, Special Effects und 157 Litern Kunstblut. Staffel 2, die am 30. September im ZDF startet, war sogar nochmals um ein Sechstel teurer, von der dritten, noch aufwändigeren, die derzeit in Prag entsteht, ganz zu schweigen.
Doch das allein ist es nicht, was Borgia so beeindruckend macht. Die opulente Ausstattung, der dauergespannte Handlungsbogen, alle Authentizität des restaurierten Spätmittelalters brennen die Macht der Bilder erst durch die Sprache ins Zuschauerhirn, eine realistische Theatralik zwischen pathossatt verspielt und jetztzeitig derb. „Ich scheiße auf Rom und pisse auf Neapel“ – als Hörspielsequenz könnte Rodriko Borgia damit die Antagonisten seines Erfolgs meinen, aber eben auch italienische Hooligans oder Konkurrenten der Schwerindustrie. In karmesinroten Mantel, ein fürstliches Schloss dahinter aber, atmet die Szene das Aroma leibhaftiger Renaissance. Also der ganz großen Bühne.
Und die hat Konjunktur. Weltweit gute Einschaltquoten für europäische Mehrteiler wie Napoleon von 2002 oder sechs Jahre später Krieg und Frieden zeigen aus Sicht von Produzent Jan Mojto, „dass das Publikum historische Stoffe auch dann will, wenn sie komplex sind.“ Es wolle vor allem die riesigen Ränkespiele, Schlachtfelder, Alphatiere beim Auf- wie Abstieg zusehen, ergänzt Autor Fontana. „Wir leben in Zeiten der Angst, Extreme und Unsicherheiten.“ Da sei es doch beruhigend, anderen dabei zuzusehen, „wie sie das in ihrer Zeit gemeistert haben“. Tatsächlich aber faszinieren selbst die realistischsten Historienschinken und glaubhaftesten Filmdynastien erst durch eine Hintertür ins Märchenhafte. So wie die gefeierte HBO-Serie Rom füttert auch Borgia unsere Lust am Bösen, ohne ihre Konsequenzen wirklich fürchten zu müssen. Ist ja doch bloß Antike, Mittelalter, lange her. Und Rodrigo Borgia gibt vor über 500 Jahren einen JR Ewing ab, der wie in Dallas dann doch zu abgehoben, irreal, zu künstlich wirkt, um wahr zu sein.
Die verstörend spürbare Horrorreihe Saw dagegen, eine unprätentiös frontale Verbrechersaga wie die Sopranos oder das heruntergekommene Baltimore der fantastischen Krimiserie The Wire dagegen finden auch deshalb vor allem auf DVD statt, weil dem Durchschnittszuschauer die dunkle Seite der Macht im Lichte der Wirklichkeit gar nicht so lieb ist. Auch deshalb hat Borgia in Deutschland, vor allem aber in Italien und Frankreich Quotenrekorde gebrochen. Und das, obwohl die Reihe hier in sechs spielfilmlangen Teilstücken läuft statt wie andernorts verteilt auf zehn Abende. Unter der Regie von Regisseur Oliver Hirschbiegel (Der Untergang) gleitet die Kostümschlacht nämlich zu Beginn stets am Rande der Überzeichnung, tritt aber selten drüber.
Die Fieberkranke, die zur Heilung von einer Hexe mit Schweinekot beschmiert wird; der Sohn, der einem Widersacher aus dem Nichts das Ohr abschlägt; sein Bruder, der sich selbst zur Sühne kreuzigt; Papa Rodrigo, der sein sexuelles Ego ähnlich bildgewaltig pflegt wie sein politisches; dazu Udo Kier als Papst Innozenz VIII., der eineinhalb Stunden so grotesk durch den ersten Teil stirbt, dass ihm am Ende selbst eine weibliche Brust nicht mehr helfen kann – all dies pendelt permanent zwischen Shakespeare und Tarantino. Und beides geht bekanntlich immer.
Da ist es kein Wunder, dass die 2. Staffel in Arbeit ist, noch bevor die 2. gezeigt hat, ob sich das auch gelohnt haben wird. Das ZDF jedenfalls hat noch keine Abnahmegarantie gegeben. Einerseits. Andererseits ist Zuversicht geboten, wenn das europäische Produkt selbst nach Amerika verkauft wurde. Und das, obwohl dort zeitgleich eine eigene weit ruhigere Version mit Jeremy Irons als Rodrigo Borgia entstanden ist. Ein Machtpolitiker, der zwei sündhaft teure Hochglanzproduktionen zugleich verträgt – das schafft außer ihm eigentlich nur noch Adolf Hitler.
Thomas Roth, Tagesthemen-Moderator
Posted: August 8, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentHochamtsflaggschiffkapitän
Der weißhaarige Thomas Roth steht wie kaum ein Zweiter seiner Branche für Kompetenz und Seriosität im deutschen Nachrichtenwesen. Seit Montag nun moderiert der frühere Feldreporter auf mehreren Kontinenten die ehrwürdigen Tagesthemen. Eine Begegnung in Hamburg.
Von Jan Freitag
Whitehead ist ein respektvoller Begriff. Whitehead nennt man in den USA jene Journalisten, deren ergrautes Haar zum weißen Helm gealtert Seriosität ausstrahlt, Würde und Kompetenz. Einem Whitehead glaubt das Publikum, es sorgt für Vertrauen, Whiteheads sind auch hierzulande Leuchttürme im bewegten Flachwasser neuer Medien und Anker in die alten. Zur Vervollständigung ihrer Autorität tragen sie gern Oberlippenbart, und falls die Herkunft schwäbisch ist – man würde ihnen Gebrauchtwagen auch unbesehen abkaufen.
Thomas Roths stammt aus Heilbronn. Sein Schnäuzer ist so weiß wie das Haar drüber, und wenn der 61-Jährige die Stimme hebt, im charmanten Brummton des altgedienten Nachrichtenprofis, viele würden ihm da fast alles abkaufen. Die Tagesthemen zum Beispiel, Roths neuer Arbeitsplatz und doch so viel mehr. Es ist eine Art Hochamt aktueller Berichterstattung, in leitender Funktion seit 1978 moderiert von Monolithen wie Klaus Bednarz, Wolf von Lojewski, Ernst-Dieter Lueg, Sabine Christiansen, Ulrich Wickert. Kaliber, deren Namen bisweilen den Nachhall von Altbundeskanzlern haben.
Und nun also Thomas Roth.
Bei seiner offiziellen Vorstellung als neuer Anchor dieses altehrwürdigen Formats, stilecht in einem Luxushotel mit Alsterblick, bevorzugt er zwar das weniger weihevolle Wort „Flaggschiff“; doch wie dieser notorische Krawattenträger da mit Manschettenknöpfen, polierten Schuhen und randloser Brille auf der Bühne, seiner Bühne sitzt; wie er sich mit der verstörend kurz berockten NDR-Kollegin Inka Schneider beim – so heißt das im Ersten Programm, wenn es gleichsam sachlich und locker zugehen soll: Podiumsgespräch, die Bälle zuspielt; wie er sich breit macht im Sessel und kerzengerade zugleich; wie er manchmal ein leicht einschüchterndes Lachen hinters etwas große Lächeln schiebt, ansonsten aber stets die Contenance wahrt, ernsthaft bleibt, verbindlich wirkt; wie er sich also mit dem Selbstwertgefühl eines ereignisreichen TV-Lebens im Scheinwerferlicht sonnt – da wirkt alles, als habe sich Chefredakteur Kai Gniffke keinen Moderator gesucht, sondern anfertigen lassen. Nicht nach Schema F, aber passgenau.
Denn Thomas Roth, das zeigt er hier vorm sendenden, schreibenden, funkenden Kollegium der Freien Medien- und Tagesschau-Stadt Hamburg, ihm passen jene ziemlich großen Schuhe, die seinem Vorgänger Tom Buhrow oft ein bisschen klein schienen, womöglich besser. Das liegt sicher auch an körperlicher Größe, ein paar Zentimeter weniger nur als die des langen Ingo Zamperoni, der ebenfalls im Gespräch für den Posten hier nur zu Gast ist bei der Inthronisation des Neuen. Besonders aber liegt es an der Größe seiner Karriere: Volontariat beim SWR, ab 1988 ARD-Korrespondent in Südafrika, sodann Studioleiter Moskau, Chefredakteur des Hauptstadtstudios, zuletzt unser weißhaariger Hauptberichterstatter vom Whitehead-Eldorado New York. Allesamt keine Flachetappen im Massenspurt, eher Bergankünfte der höchsten Kategorie oder um im privaten Lieblingssport des selbsternannten Teamplayers zu bleiben: Achter mit Steuermann. Roth am Steuer, Roth am Schlag, Roth überall, versteht sich.
Dass er dennoch zurückhaltend, beinahe bescheiden umgeht mit den eigenen Meriten, auch das hat ein bisschen mit der Farbe seiner Haare zu tun, den besseren Manieren der alten Schule vielleicht, mit Taktgefühl und Etikette. Den Traum vom Studiojob Tagesthemen, sagt der erfahrene Feldreporter, habe er nie geträumt, „doch jetzt sei es einer“. Und den gehe er mit Verantwortungsbewusstsein an, vor allem aber „großer Demut“. Einer Demut, „so altmodisch das klingt“, auf jenem Stuhl zu sitzen wie seinerzeit – bei dem Namen senkt der selbstgewisse Thomas Roth allen Ernstes kurz die Stimme: Hans-Joachim Friedrichs.
Er war es schließlich, der seinen aktuellen Epigonen zum Fernsehalphatier von heute gemacht hat. Schon schwer erkrankt, hat „Mr. Tagesthemen“ schlechthin den zwischenzeitlichen WDR-Hörfunkdirektor für den ersten Hans-Joachim-Friedrichs-Preis vorgeschlagen – was die Jury nach dem Tod des Stifters schwerlich ablehnen konnte. Von ihm hat er womöglich auch den Anspruch geerbt, dass die Nachrichten der ARD bei aller neuen Lockerheit im dualen System weiter vor allem eins zu sein hätten: Seriös. „Die Grundfarbe ist Sachlichkeit“, so sieht es Roth. So wollen es ja auch die Zuschauer, fügt er hinzu und wie zur Bestätigung: „Ich bleibe wie ich bin.“ Nur eben fortan an der Spitze der Tagesthemen, dem Flaggschiffhochamtsachter der Nachrichtenrepublik, unter strenger Beobachtung aller, die auf Fernsehen noch etwas geben.
Was er ihnen am Ende der Sendung mit auf den Weg gebe? Ein Markenzeichen wie Wicherts „Ihnen eine geruhsame Nacht“ oder Buhrows „morgen ist ein neuer Tag“ zum Beispiel? „Ich bin da noch im Denkprozess“, meint Roth vor der Premiere am Montag, dieser „Highspeedversion“ in der Halbzeitpause eines profanen DFB-Pokalspiels. Nach dem Denkprozess entschied er sich für “kommen Sie gut durch die Nacht”. Nicht profan, nicht aufgeregt, seriös, doch durchaus mit dem Anspruch zu unterhalten. Thomas Roth eben.
Der Text ist Freitag im Berliner Tagesspiegel erschienen
Martina Hill: Parodistin und Knallerfrau
Posted: August 1, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentSchlank, blond, krass
In der Sat1-Sketchshow Knallerfrauen (ab Freitag, 2. August, 22.50 Uhr) ist Martina Hill mal ganz sie selbst, statt Sonya Kraus, beweist also nachhalztig, dass sie weit mehr kann als Parodieren anderer in Switch Reloaded. Zum Beispiel derb sein. Und zwar richtig.
Von Jan Freitag
Gut, man braucht schon einen Hang zu derbem Humor, um über Witze mit Frauen zu lachen, die auf Partys lautstark ihren Slip suchen. Mit Frauen, die öffentlich furzen, im Supermarkt Melonen kugelstoßen oder brüllend durch den Park laufen, weil der Kaffee zu kalt ist. Die Kopfsalat als Pompon benutzen, Wurst als Schlagstock und Babys als Feudel. Witze mit Frauen also, die plump sind, laut sind, böse sind, taktlos sind, unflätig sind und meist alles in einem. Man muss folglich eher grob gestrickt sein, um Knallerfrauen lustig zu finden, die neue Sat1-Sketchcomedy.
Vielleicht reicht es aber, wenn man jemanden lustig findet, den lustig zu finden nicht schwer fällt: Martina Hill. Seit gerade mal fünf Jahren ist sie im ulkigen Fernsehfach daheim und bereits eine der wenigen Leuchten. Anderseits sind fünf Jahre in dem Metier eine Menge, um ohne Soloshow tätig zu sein. So gesehen folgt es dem Gesetz des Marktes, dass Deutschlands schönste gute Komödianten mit 37 Jahren endlich auch allein zeigen darf, was sie kann. Im Grunde ist Knallerfrauen zwar ein Spaßformat wie viele: Mit argen Zoten, schlüpfrigem Inhalt und wenig Sinn, voller Klischees, Schenkelklopfern und Fremdschammomenten als heiterem Kernbestand. Wie im Durchlauferhitzer Comedy üblich, der selbst die alte Scheibenwischer-Bühne für pappeflache Possenreißer freigibt, den Antispaßvogel Oli Welke zum Träger seriöser Preise macht und Kurt Krömers einzige Pointenressource (Berliner Schnauze) mit öffentlich-rechtlichen Sendeplätzen adelt. Es wäre also auch in dieser halben Stunde ab 22.15 Uhr wenig mehr als Stromlinie zu erwarten, stünde da nicht diese, pardon: Knallerfrau im Zentrum. Und nur sie.
Seit 2007 verkörpert Martina Hill ja in der Pro7-Parodie Switch Reloaded diverse Figuren des realen TV-Lebens und ist dabei oft echter als die Originale. Heidi Klum und Anja Kohl, Gundula Gause und Ina Müller, Bill Kaulitz und Katja Burkard, Sonya Kraus oder in der heute-show Bettina Schausten – nach wenigen Jahren im Geschäft schien die gelernte Radiosprecherin ihre Berufung beim Kopieren anderer gefunden zu haben. Das tat auch Not. Denn als Teil dämlicher Serien wie Cobra 11, schlechter Filme (Schwer verknallt) oder der fulminant gescheiterten Parodie C.I.S., dessen Witz schon im Piloten irgendwo zwischen Mario Barth und Buster Keaton verendet, schien ihre Karriere abseits von Switch festzustecken.
Umso mehr erstaunt es, wie „die pure Marina Hill“ (Martina Hill) nun beim Schwesterkanal Sat1 funktioniert. In knapp zwei Dutzend Sketchen pro Folge „spiele ich ganz normale Frauen in ziemlich alltäglichen Situationen“, wie sie selbst schildert. Solche, die ihrem Bräutigam bei der Hochzeit auf den Kopf kotzen oder sich nachts per Defibrillator am Bett fit fürs schreiende Baby machen. Es sind nicht grad Frauen wie du und sie, aber es sind handelnde Frauen, Frauen der Tat also, die nicht immer komisch sind, aber ihr Tun so selbstverständlich und siegesgewiss vollführen, dass sie zu etwas werden, was in der Haut dieser Berlinerin ohne Schnauze leicht verstörend wirkt: männlich. Schließlich ist die spät berufene Schauspielerin, der erst mit Ende zwanzig die erste Rolle zuteil wurde, ein Privatfernsehbild von einem Weib: Groß, blond, schlank, schön, sexy und stets bereit zum Minirock. Ergo: die Essenz dessen, was der Mainstream unter femininer Attraktivität verbucht. Grad das macht „Knallerfrauen“ so relevant, obwohl es so mit Stereotypen spielt.
Denn auch die Hill weiß um ihre Attribute, die sie in 106 Charakteren, verteilt auf 220 fertige Sketche, so oft zur Schau stellt, wie es die Branchengesetze erfordern. Hinter all der nackten Haut zu hohen Hacken zeigt sich aber ein Übermut, der jede Eitelkeit im Mimikchaos erstickt. Komik, erklärt sie ihren Beruf und klingt dabei mal unsicher, mal selbstbewusst, wie ganz normale Frauen, „entsteht über den Faktor Überraschung“. Und das komme bei attraktiven Menschen mit Mut zur Hässlichkeit sogar mehr zur Geltung. Der Zuschauer jedenfalls, glaubt sie, schaue durchs Äußere hindurch, „wenn ein Komödiant den Bezug zu seinem inneren Kind herstellt“. Martina Hill kann das. Vielleicht kann sie es auch, weil Otto Waalkes ihr „Kindheitskomiker“ war, Didi Hallervorden ein früher Held wurde und Anke Engelke ein später. Weil sie „eine Prise derben Slapstick“ mehr schätzt als politisches Kabarett, das sie erst noch lernen will. Weil sie nicht über alles Witze machen muss, aber über alles lachen dürfen will. Weil sie ihre körperlichen Grenzen ebenso sucht, findet, aber nicht übertritt wie die des Geschmacks. „Schockieren war nie mein Ansatz.“ Verletzungen sind ihr zuwider. „Ich will unterhalten.“ Mehr nicht. Bei Knallerfrauen gelingt das schon mal ganz gut. Luft nach oben bleibt trotzdem.
ZDFneo: Nischensender mit Niveau
Posted: July 25, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Fernsehverweigererfernsehen
ZDFneo ist Deutschlands bester Sender, so gut, dass ihn fast keiner sehen will. Deshalb ging die neue Chefin vor genau einem Jahr auf Werbetour. Die Botschaft: Zwischen Pest und Cholera ist noch Platz. Das Resultat: Das Programm ist besser denn je, die Quote so niedrig wie immer.
Von Jan Freitag
Gutes Fernsehen ist manchmal wie ein kluger Mensch mit Marotten: Ein bisschen skurril, ein bisschen gewöhnlich, bisweilen schwer erträglich, meist aber sehr interessant, also kaum auszurechnen. Eine Wundertüte. ZDFneo zum Beispiel ist bei aller Klugheit voller Marotten und gerade deshalb so gut. Der digitale Ableger des Zweiten Programms zeigt Dokus für die breite Masse wie Terra X und Reportagen aus dem Abseits wie Wild Germany. Er kocht Abgehangenes wie Lafer, Lichter, Lecker! auf und bereitet Frisches zu wie Das Kneipenquiz. Er sendet Seniles wie Die Wicherts von nebenan als letztes und Sensationelles wie Mad Men als erstes. Er ist in einem Wort: Widersprüchlich.
Das schreit förmlich nach einer widersprüchlichen Senderchefin. Nach Simone Emmelius. Distinguiert ist sie und promoviert, zugleich jedoch goldbehangen und grell geschminkt. Trotz ihrer 54 Jahre wirkt sie blutjung, kann allerdings auch steinalt erscheinen in ihrer öffentlich-rechtlichen Gremienerfahrung. Das qualifiziert sie für kaum etwas besser als den jugendlichen Ableger des Greisenfernsehens aus Mainz. Ihn zu erklären fällt allerdings nicht grad leicht. Sabine Emmlius versucht es trotzdem. ZDFneo sei eine „öffentlich-rechtliche Programmalternative für 25- bis 49-Jährige“, die man mit allem „außer Trash und Langeweile unterhalten, verblüffen, informieren“ wolle.
Und in der Tat: Seit dem Start am 1. November 2009 hat sich der Spartenkanal reichlich Respekt erarbeitet. Schließlich ist ZDFneo gemeinsam mit seiner digitalen Schwester ZDFkultur nicht nur das Beste, was derzeit frei empfangbar ist, es ist erfüllter Staatsauftrag pur: relevant, lehrreich, spannend. Sehenswert. Umso erstaunlicher, dass Emmelius drei Monate nach Amtsantritt eigens nach Hamburg reist, um der Medienstadt mal den Stellenwert ihres Arbeitgebers darzulegen. ZDFneo mag nämlich noch so tolles Fernsehen liefern – sehen will die Jugendsektion im Mainzer Altenheim kaum jemand. „Es werden mehr“, beteuert die Literaturwissenschaftlerin. Aber was ist schon ein halbes Prozent im Gesamtmarkt, was sind 0,9 im digitalen? Praktisch nichts.
Und eine Menge. Denn der studierten Volkswirtin Simone Emmelius geht es gar nicht so sehr ums Geschäft, sondern um „Köpfe, Formate, Genres“. Um unbekannte Gesichter wie den Sieger des TVLabs Teddy Teclebrhan oder das MTV-Gewächs Palina Rojinksi, aber auch bekanntere wie Benjamin von Stuckrat-Barre. Mit Perlen wie der Lebenssinnsendung Herr Eppert sucht…oder Manuel Möglichs Reportagereihe Wild Germany. In Genres, die es durchaus schon gab, nur eben nicht so. Dennoch: Um 30 Millionen Euro Jahresetat zu rechtfertigen, muss ZDFneo Masse sein und Nische, beides in einem und nichts zu sehr. Übertriebene Vergleichbarkeit mit dem Zweiten, präzisiert Simone Emmelius, „wäre die Pest“, überzogene Abstraktion „die Cholera“. Um den Altersschnitt der Zuschauer unter die magischen 49 zu drücken, will man von der Zentrale „eine gewisse Mainstreamigkeit“ lernen. Mit dem Strom fließen will man nicht.
Dieses Dilemma hat sogar einen Namen, besser zwei: Joko & Klaas. Mit Turnschuh, Schlips und Schlagfertigkeit sind die Herren Winterscheid und Heufer-Umlauf echte Aushängeschilder. Es sind aber auch große Jungs mit entsprechenden Manieren, die sich vornehmlich beim Plastikkanal ProSieben austoben. Simone Emmelius fühlt sich dennoch „im Reinen mit den beiden“. Ihr Hybrid aus albernem Abistreich und echter Late-Night neoParadise sorgte schließlich bis Anfang des Jahres – bevor es bei die Kommerkonkurrenz als Cirkus Halli Galli schlecht kopierte – für Strahlkraft ins Privatpublikum, also für Youtube-Klicks und Mediathek-Zugriffe.
Das wäre die frische Seite. Auf der abgehangenen werden schon mal die Altlasten des Hauptsenders versendet, derzeit die letzten Folgen der Telenovela „Spuren im Sand“, kürzlich das reanimierte Rateshowrelikt Die Pyramide. Ganz abgesehen von SOKO, Die 2, solchen Sachen. All dies wird indes durch neue Zutaten im Fernsehallerlei angereichert. Das Kneipenquiz etwa mit dem Dittsche-Sidekick Jon Flemming Olsen, eine englische Adaption, aber eine gute. Wie Sarah Kuttners Magazin Bambule, ein bisschen wie Polylux, nur besser.
Sein Medium neu erfinden, das weiß auch Simone Emmelius, kann selbst ZDFneo nicht. Aber mit Leben füllen. Dafür begibt sich die Reportagereihe German Angst auf die Spur hiesiger Befindlichkeiten und das Wissensformat Wie werde ich… auf die der beruflichen Träume. Es gibt reihenweise grandiose Importe jenseits des Mainstreams, zurzeit etwa Lena Dunhams gefeierte US-Serie Girls, die sich gängigen Dramaturgie- und Schönheitsidealen ebenso widersetzt wie die grandiosen Antisuperhelden Misfits. Es gibt eine Dokusoap namens Junior Docs übers harte Leben Hamburger Assistenzärzte, sogar eine eigene Familienserie ist geplant, Tendenz Sitcom. Was tut man nicht alles für ein Prozent Marktanteil.
Oliver Pocher: Sichtbares Moderations-Nichts
Posted: July 18, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
In der Messlattenfalle
Sind das etwa Pubertätspickel? Foto: http://www.promiflash.de
Oliver Pochers Humor an dem begabter Komiker zu messen ist ähnlich unfair, wie Wolkenkratzer mit Wellblechhütten zu vergleichen. Besser, man misst ihn an seinen eigenen Ansprüchen, die er in Deppenformaten von Pro7 ebenso klar unterlaufen darf wie an der Seite von Harald Schmidt, als Talkgast bei Günther Jauch, Sidekick der Sportschau oder morgen (19. Juli, 20.15 Uhr) als Moderator von Der große SAT.1-Führerschein-Test 2013. Ein unvollständiges Protokoll des Scheiterns.
Von Jan Freitag
Wer wissen will, wie Fernseh-Comedy funktioniert und scheitert zugleich, muss sich nur eine unlängst vergangene Fußball-EM ins Gedächtnis rufen. Nach Live-Spielen der ARD versuchte Oliver Pocher, den Turnierverlauf humoristisch zu begleiten und es misslang ihm so herzlich, dass man darüber eigentlich schweigen sollte. Den Krawallkomödianten zu verreißen, hat bis auf Bild und Pro7 schließlich jeder längst getan, nicht selten im Tonfall abendländischer Untergangsphantasien: Oli, der Totengräber deutscher Hochkultur, Oli, der Beleg ethischer Verwahrlosung des Privatfernsehens, Oli, die Bankrotterklärung öffentlich-rechtlichen Relevanzbestrebens. Es ist en vogue, auf den kleinen Niedersachsen mit der großen Klappe rumzuhacken.
Wenn der unflätige Exsidekick Harald Schmidts also heute mal wieder irgendwas Sinnloses mit Promis moderieren darf, sollte man ihn also weniger an objektiven Ansprüchen messen als den eigenen: Konventionen sprengen, ohne sich zu schonen; auf den Putz hauen, ohne Schamgefühle zu entwickeln; schlagfertig sein, ohne zu zögern; juvenil eben, nicht infantil. Keine kabarettistischen Tugenden zwar, aber Indizes eines Humors, der Mario Barth Olympiastadien füllen hilft und ein paar Gleichgesinnte immerhin die Bankkonten. Nur: Barth findet tatsächlich witzig, wer latent frauenfeindlich tickt. Bully Herbig, wer auf Tuntenparodien steht. Den Maddin, wem Grimassenhumor liegt. Selbst Gaby Köster amüsiert jene, die Mundart als Selbstzweck sehen. Und Oli? Der ist laut.
Zumindest, solange man ihn unbehelligt lässt. Wem seine Beißbereitschaft, die gandenlose Hemmungslosigkeit bis zur vollständigen Selbstentblößung fehlen, kann ihm kein Paroli bieten, nicht vor laufender Kamera. Ansonsten sieht Pocher blass aus. Man kann es ein Dilemma nennen, wenn jemand die Messlatte hochlegt und dann ständig reißt. Aber er steckt in einer Menge Dilemmata. In Fallen, die er sich selbst stellt. Hier ist eine Auswahl:
Die Dreistigkeitsfalle
Wird jemand obszöner als er, verstummt Oliver Pocher. Als Lady Bitch Ray ihn mit vaginalen Sudelwortattacken zur Late-Night attackiert, schweigt der Frechdachs seine Unterlegenheit in Sachen Krawallhumor einfach aus und errötet wie ein Schulbub. Besser ist Pocher, wenn er einer Journalistin auf einer Pressekonferenz den USB-Stick aus dem Computer zieht und eine burschikose PR-Dame öffentlich auslacht. Aber wehe dem, der seine Arbeit kritisiert – ihm kommt der Oli gleich klassistisch: Wer sein Gegröle nicht mag, ist ein elitärer Spaßverächter. Austeilen ist seine große Stärke, Einstecken weniger.
Die Schlagfertigkeitsfalle
Charlotte Roche sagt ebenfalls in der ARD, mit ihrem Buch Feuchtgebiete habe sie „Muschis für Pocher und Hämmorhoiden für Schmidt“ liefern wollen. Die Retourkutsche überlässt Oli einem Harald in schlagfertiger Hochform („den Titel wollten wir für die Sendung, aber da saßen Marianne und Michael schon drauf“); Oli selbst, der Stand-up-Praktikant, wie ihn die taz nennt, stammelt nur zustimmend.
Die Konfrontationsfalle
Als Mark Medlock ihm bei einer Preis-Verleihung auf Viva im Frühling zubrüllt, er sei nicht sein Geschmack, „aber hör in Zukunft auf mit deinen Scheißschwulenwitzen“, tut Oli beharrlich, als hätte er ihn akustisch nicht verstanden, um sodann eine homophobe Zote zu reißen. Niederlage nach Punkten gegen einen Kurzzeitpromi, der eigentlich auf gleicher Wellenlänge funkt („zum Abspritze geil“). Wenn Mangel an menschlicher Größe auf Selbstüberschätzung trifft…
Die Vorbildfalle
Oliver Pocher spielt sein Vorbild Otto Waalkes bei dessen Geburtstagsgala auf RTL nach und schafft es, der Sketch-Kopie nicht eine persönliche Note hinzuzufügen. Bei anderen hieße das vielleicht Respekt, bei ihm nur Tiefenschärfedefizit.
Die Persiflagefalle
Im deutschen Nationalteam kann Oli ausschließlich Kevin Kuranyi persiflieren, weil der Bartträger ist und lispelt. Jürgen Knopp kann er auch – indem er beim Torjubel wild herumhüpft. Versucht er sich an konturärmeren Charakteren wie Jogi Löw, sagt selbst sein Intimus Harald Schmidt, das sei erbärmlich und beweist durch beharrlich entsetztes Dreinblicken, dass er sich Pocher nur in die Show geholt hat, um bei untergehender Sonne der Kultur einen längeren Schatten zu werfen.
Die Zielgruppenfalle
In seinem EM-Schunkellied Bringt ihn heim fällt ihm nichts Besseres als Zeilen ein wie „Bitte lieber Fußballgott/lass uns heute nicht im Stiiich/denn wir wollen den Pokal/alles andere wollen wir niiicht“. Da beweist ein Xavier Naidoo mehr Esprit im Umgang mit dem plebejischen Thema. Immerhin reicht es für Platz 8 der Pöbelcharts und satte Tantiemen.
Die Kontinuitätsfalle
In der Bayern-WG, bei EM-Pocher und zwischendurch gar in der Sportschau erhält er die Chance, eine Art komödiantischer Kontinuität zu entwickeln. Ergebnis: Oli simuliert den Franzosen Ribéry mit bulgarischem Akzent, läuft gegen Laternen, brüllt verschreckte Kind mundtot und ruft unablässig Ohhh. Oder er erklärt als eine Art Lukas Podolski den Kölner Geißbock für schwul. Der Rest ist – Rumgrölen.
Die Relevanzfalle
Als Oliver Pocher kürzlich die erstaunliche Ehre zuteil wurde, sich in der Talkshow Günther Jauch zum Fall Uli Hoeneß zu äußern, wozu ihn mangels Fußballsachverstand einzig die Moderation stupider Privatfernsehcastings für Amateurkicker qualifizierte, offenbarte er seine Inkompetenz mit entwaffnend schlichten Antworten wie „Da kann ich, wie gesagt, nicht viel zu sagen, aber ich würde sagen…“ – worauf er dann doch lieber nichts sagte. Nichts jedenfalls von Belang für die spannende Debatte.
Soviel zur Bestandsaufnahme. Der gut verdienende Komödiant Oliver Pocher ist ein selbsterklärter Christ und ausgebildeter Versicherungskaufmann von 35 Jahren aus Hannover, ein sympathischer Kerl mit etwas jungen, aber oft hübschen Freundinnen, ein eloquenter Entertainer für Bravo-Shows, also durchaus geeignet für eine Beamtenlaufbahn im Comedybiz. Jetzt warten wir nur noch auf die erste echte Pointe, auf einen Witz, auf Esprit, Charme oder wenigstens gute Unterhaltung. Es lohnt sich, der Oli hat Talent. Und er ist ja noch jung.
Sex on the TV: Erotik im Fernsehen
Posted: July 11, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt 2 Comments
Längst jugendfrei
Vor 20 Jahren knackte das Privatfernsehen mit Sexsendungen und Softpornos noch allerlei Konventionen. Heute gibt es statt genuiner Erotikformate Beischlaf im Vorabendprogramm, moralische Grenzen überschreiten eher die Sommermädchen auf Pro7. Und wenn ZDFneo heute Heiße Nächte ankündigt, werden die eher witzig als hitzig, nicht zuletzt dank der famosen US-Serie Girls.
Von Jan Freitag
Wenn es um Sex geht, ist die Schwelle der Erregung variabel. Als Sünderin Hildegard Knef 1951 im Kino ihre Brüste entblößte, kochte das Bürgertum noch vor sittlichem Eifer. Als 16 Jahre später der ARD-Report auch nachrichtlich erstmals blank zog, blieben Proteste bereits auf Bayerns Bibelgürtel beschränkt. Als Ingrid Steeger 1973 barbusig Klimbim machte, empörte sich grad noch der Klerus. Und als RTL Mitte der 80er seinen Trieben freien Lauf ließ, blieb die Kritik endgültig ästhetischer Natur.
Kein Wunder, dass ein Themenschwerpunkt wie Heiße Nächte da keinen mehr echt erregt. Warum auch? Das Schlüpfrige an der Reportage-, Doku- und Filmreihe bei ZDFneo erschöpft sich schließlich schon zum Auftakt „Heiß und Fettig!“ darin, dass Moderator Thilo Mischke bei seinem mehrteiligen Streifzug durch die Welt des Beischlafs ständig „Ficken“ sagen darf. Komödien wie Amy’s Orgasmus“ zeigen sodann vom eigenen Titel wenig. Und die famose Serie Girls mag vom Lotterleben New Yorker Praktikantinnen handeln – kopuliert wird eher andeutungsweise als offen.
Und das ist ja schon mal bemerkenswert. Einerseits nämlich haben einst als „Tittenkanäle“ verschriene Sender wie RTL mit Tutti Frutti und Lederhosenzoten vor gut zwei Jahrzehnten den Weg für explizite Bettszenen am öffentlich-rechtlichen Vorabend geebnet. Andererseits scheint der Bedarf danach im Internetzeitalter wieder zu sinken. Magazine wie M und Sexy Follies filmten sich Ende der 80er noch von Pornoset zu Swingerclub, offen sichtbare Paarakrobatik wurde zum Standard selbst harmloser Filme, während nachts Perspektiven jugendgefährdender Streifen liefen, die mit Zweitkameras zur TV-Verwertung gedreht wurden. Porno light eben. Doch diese Zeiten sind passé.
RTL mag weiter als irgendwie dumpf gelten – Anzügliches läuft dort kaum. Die letzte Beanstandung liegt 20 Jahre zurück, Erika Berger ist 73 und Dailytalks über Windelfetischisten, für die Sat1 einst Bußgelder kassierte, sind mangels Quote Geschichte. Da Pornographie laut einem BGH-Urteil von 1969 die Funktion ihrer Darsteller reißerisch und kontextfrei zu austauschbaren Lustobjekten reduziert, erregen folglich andere Sendungen Anstoß: turbosexistische Zuchtstationen wie Sommermädchen etwa oder Germany’s Next Topmodel.
Nachdem das Fernsehen den Sog des Aktes also erst angedeutet, dann ausgebeutet und bald zu Tode gesendet hat, ist dies die jüngste Stufe körperlicher Bereitstellung: Formate vom gediegenen ZDF-Kopfkino Erotic Tales bis hin zur Sexshoptour Wa(h)re Liebe auf Vox waren im Kern Akte der Emanzipation, die beide Geschlechter gleichermaßen zu Sexobjekten gemacht haben; Pro7 dagegen mag die Fleischbeschau seiner bulimischen Stöckelschuhherden als Teil weiblicher Unabhängigkeit verkaufen – in Wahrheit liefert Gestütsleiterin Heidi Klum nur eine fernsehgerechte Form der Prostitution.
Aus Sicht des Vereins „Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen“ (FSF), 1994 im Zuge der Kritik an Sex und Gewalt im Privatfunk gegründet, ist das jedoch eher eine Geschmacksfrage, also weniger zu beanstanden als allzu unverblümter Sex. Der seine Sogwirkung aus Sicht von Volker Herres ohnehin eingebüßt hat. „Kopulationsakrobatik mit Hintergrundstöhnen im Fernsehen“, so der ARD-Programmchef, „hat einen Ermüdungseffekt“. Entscheidend für wahre Erotik sei die Inszenierung, etwa bei ästhetischen Reihen wie den Sommernachtsphantasien im ZDF oder der US-Serie Californication (RTL2). Hier wird Beischlaf in allen Facetten praktiziert, ohne ihn wirklich zu zeigen.
Und genau das ist es auch, was Heiße Nächte auf ZDFneo sehenswert macht. Denn zu sehen ist, was der Kopf draus macht, nicht was hineingepresst wird. Die Art und Weise zum Beispiel, wie Hauptdarstellerin Lena Dunham ihren angenehm unmodellierten Leib in der global gefeierten HBO-Serie Girls einsetzt, ist durch die Mixtur aus vulgär und dezent begehrenswerter als Heidis „Mädels“ je sein werden. Dafür muss man gar nicht allzu viel davon sehen.
Sex am Bildschirm, sagt schließlich selbst der alte Aufklärungspapst Oswald Kolle, sei doch mittlerweile „total out.“ Und es mag „in vielen Serien harte Sexszenen“ geben, wie die Medienforscherin Joan Bleicher weiß; als „Aufmerksamkeitsfaktor“ sei Erotik ins Internet abgewandert. Wer braucht dort folglich Softpornos, wenn in Christine Neubauers Schmonzetten eifrig geschnakselt wird; und wer braucht RTL, wenn youporn Hardcore ohne Schranken liefert. Bei den meisten Sendern bemängelt die Kommission für Jugend- und Medienschutz allenfalls noch den Teletext. Im Programm dagegen suchen die Privaten laut Joan Bleicher neue Tabus. Als Beispiel nennt sie Scripted Reality wie Eltern auf Probe. Wer so anstößiges Fernsehen hat, braucht sich über Sex darin nicht aufzuregen.
Oli Geissen, RTL-Moderator
Posted: July 4, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDer Alleswegmoderierer
Kaum zu glauben, aber wahr: Die Hamburger Radioquasselstrippe Oli Geissen moderiert seit genau zehn Jahren ein RTL-Format, das sich trotz Sender, Moderator und Stil zur letzten echten Musiksendung im deutschen Vollprogramm gemausert hat: Die ultimative Chart Show. Zum Geburtstag der Ranglistensause ein Porträt des vielleicht seltsamsten Lila-Laune-Bärs im Privatfunk
Von Jan Freitag
Wer einen Raum so betritt wie dieser Mann, der hat nicht bloß gesundes Selbstvertrauen, es suppt ihm förmlich aus jeder Pore. „Moin, Moin zusammen“, sagt, nein: ruft Oliver Geissen durchs Separee einer Hamburger Spielbank und nimmt jeden einzelnen Gast kurz fest in den Blick. „Alles gut?“, ruft, nein: johlt er mit weit geöffnetem Armen hinterher und meint das natürlich strikt rhetorisch. Alles gut! Was nach einer Frage ans knappe Dutzend Gäste seines kleinen Jubiläums-Dinners klingen mag, ist schließlich reines, unverblümtes, kompromissloses Eigenlob eines Moderators, den es eigentlich nicht geben sollte. Von einer Show, die es eigentlich nicht geben dürfte. Mit einem Erfolg, der nun wirklich vollends unfassbar ist: Denn dieser braungebrannte Brusthaarentblößer mit dem vielen Bling Bling am Körper, er leitet seit zehn Jahren Die ultimative Chart Show. Und das grenzt an ein Wunder. Besser: an mehrere.
Als die Rankingshow von allem, was musikalisch Mainstream ist, Ende Mai 2003 auf Sendung ging, war der gelernte Radioreporter für seriöse Abendunterhaltung im Grunde verbrannt. Das Jahrzehnt zuvor hatte er den geladenen Nebenerwerbsproleten ja an 1807 Nachmittagen von Promiskuität über Sexsucht bis wechselnde Bettgeschichten alles entlockt, was knallt. Kein allzu seriöses Bewerbungsschreiben für die Primetime; aber Olli, wie ihn alle nur nennen, war ja auch bei keinem seriösen Sender beschäftigt, sondern bei RTL, das sich seinerzeit nur mühsam vom Ruf des Tittenkanals befreite.
Also ließ man ihn 2002 Die 80er Show moderieren, noch nicht ultimativ, aber zehn Folgen lang mit ultimativ guten Quoten. Sechs Millionen, bei der Zielgruppe sogar mehr als Wer wird Millionär vorab – das schaffte sonst nichts Serielles. Bald wühlte – Wunder zwei – auch die Konkurrenz so fleißig in der Pophistorie, das daraus eine Retrowelle wurde. Und auf der schwamm niemand erfolgreicher als Geissen, womit wir beim letzten Wunder wären: Olis zappelige Nummernrevue verkaufsstarker Rock-, Pop-, Party-, Netz-, Radio-, Cover-, Welt-, Deutsch- oder Siebziger- bis Neunzigerhits samt One-Hit-Wonder brachte es bislang nicht nur auf 117 Ausgaben; genau genommen ist sie die letzte echte Musiksendung im Vollprogramm. MTV? Seit Jahren kostenpflichtig! VH1? Längst Geshichte! ARD? Sendet Schlager. Viva? Sendet nicht mal mehr die!
In dieser Klangleere sorgt abseits von Raabs TV total ausgerechnet die Chart Show des gelernten Dudelfunkreporters Geissen für etwas, das einst stilbildend war fürs Medium: Videos und Livemusik. Und das liegt auch am Moderator. Der hat schließlich alle Instanzen kommerzieller Unterhaltung so frei von Tiefgang durchlaufen, dass ihm der RTL-Entertainer zur zweiten Haut geworden ist. Nach seinem Weg vom Leistungssport (Fußball, Football) übers Radio hin zum Nachwuchsreporter beim ZDF vor fast 20 Jahren, ist der Wuschelkopf mit den dicken Tränensäcken im Knautschgesicht notorisch auf Sendung – erst als Live-Moderator bei Big Brother, später als Pseudo-Moderator seiner Trashtalks, weiter als Musik-Moderator der Chart Show, nebenbei als Robert-Lembke-Imitator bei Es kann nur e1nen geben. Und stets gelingt dem Schnellschnacker aus Hamburg ein seltsamer Spagat: Präsent zu sein, ohne Präsenz zu zeigen.
Geissen ist eine Moderationsmaschine mit Start- und Stopptaste, die man überall hinstellt, wo Massengeschmack werbewirksam bedient wird. Die Kunst daran: man merkt ihm seine Teilnahmslosigkeit kaum an. „Mein Lieber“, begrüßt er schon mal einen Gast, „bist ja hier rübergekommen, und du … du hast eben im Filmchen gesagt, du hast immer davon geträumt ein … ein … ein Star, ein Popstar zu werden“. So klingt es oft im Plausch mit seinem Sofastammpersonal von halbnackten Showmiezen wie Sonya Kraus über halbkluge Muskelprotze wie Ralf Möller bis halbwitzige Comediens wie Cindy aus Marzahn, deren Qualifikation mit Ausnahme des ewigen Dieter M. Stein bestenfalls darin beruht, was der Moderator von sich selbst behauptet: „Ich kann kein Instrument spielen, habe aber eine riesige Leidenschaft für Musik.“
Er spricht all das auch zur Vorstellung der vierstündigen Geburtstagsausgabe „Die erfolgreichste Single der deutschen Chart-Geschichte“ aus, als säße er vor Publikum im Studio statt Journalisten in der Spielbank: Spontan, locker, zappelig, ohne Punkt und Komma. Der Oli eben. Haare strubbelig, Schnauze kodderig, Grinsen großartig. Mit gerade mal 43 Jahren hat sich dieses Moderator gewordene Spaßfernsehen also zur Topmarke eines ganzen Genres gemacht. Im Rudel der Marco Schreyls und Jochen Schropps gibt Oli Geissen also den Lila-Laune-Leitwolf und lacht sich wohl innerlich schlapp übers viele Geld, das er mit gesendetem Nichts nebst einer PR-tauglichen Liebe zur Schauspielerin Christina Plate verdient. „Du darfst nicht stören und du muss zuhören“, lautet sein Moderationscredo hinterm Erfolg. Dass beides auf ihn nicht zutrifft, macht seine Karriere so besonders.
Der Text ist erschienen in der Berliner Zeitung: http://www.berliner-zeitung.de/medien/10-jahre-rtl-chart-show-die-moderationsmaschine-feiert-jubilaeum,10809188,23299344.html
Markus Lanz, wettender Talkhost
Posted: June 20, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt 1 CommentAnständig alt werden
Wer dieser Tage auf Markus Lanz rumhackt, sollte sich vor Augen halten, was er zumindest ein bisschen besser kann als Samstagabendshows: Seine Talkshow im ZDF, seit 500 Folgen, obwohl es auch da ständig um um Wetten, dass…? geht, irgendwie
Die Welt von heute ist eine Zahlenwelt. Algorithmen sorgen für Wissen und binäre Codes für Kommunikation. Von Sieg bis Niederlage, gut bis mies, von „weiter so“ bis „geht nicht mehr“ lässt sich alles exakt beziffern. In dem Licht muss man auch diese beiden sehen: 500 und 6,7 Millionen. Erstere wirkt bescheiden, nach Hartz-IV und Pauschalurlaub, ist aber Ausdruck eines Erfolgs. Letztere dagegen atmet Rendite, Reichtum, Villenviertel, kennzeichnet aber den Abstieg. Womit bewiesen wäre: Über Wohl und Wehe einer Zahl entscheidet nicht die Größe allein.
Davon kann Markus Lanz zurzeit ein Lied singen. Elf Tage vor jener Show, die stolze 500 Folgen seinen Namen trägt, servierte ihm das Publikum jener Show, über der ein anderer schwebt, die tiefste Quote überhaupt. Keine sieben Millionen Zuschauer bei Wetten, dass…? – die hätte ein Gottschalk selbst ohne Wetten geschafft, die musste nicht mal ein Lippert erdulden, die waren auch beim Antritt des Neuen kaum denkbar. Und so waidwund geschissen, pardon: -schossen, wie Markus Lanz ob der aberwitzig missratenen Mallorca-Ausgabe durch den Shitstorm alter wie neuer Medien watet, dürfte es kein Trost sein, dass abseits des letzten TV-Lagerfeuers nur Tatorte und Fußballspiele höheren Zuspruch ernten.
Also die 500.
Eine imposante Zahl, Balsam für die Moderatorenseele. 500 Folgen Markus Lanz hat Markus Lanz seit 3. Juni 2008 geleitet, Zuschauerschnitt stabil über 1,5 Millionen. Und das nicht zehnmal zur Familienzeit, sondern dreimal die Woche gen Mitternacht. So oft hatte der dialekt- wie kantenfreie Südtiroler alles vor sich sitzen, was von Rang und namenlos ist: Wähler und Politiker. Hollywoodstars und Couchpotatoes. Funktionäre samt ihrer Opfer. Objekte, Subjekte, Sessel an Sessel. Unbekannten, die 35 Jahre zu Unrecht im Knast gesessen hatten, begegnet er mit großer Zurückhaltung, den Weltgestalter Tony Blair dagegen fragt Lanz, ob er Katholik geworden sei, „um die Sache mit dem Irak besser beichten zu können“. Das passt nicht zum Klischee vom geschmeidigen Streber, nicht nur. Findet auch Lanz und sagt es auch. „Ich war doch derjenige, der Roland Koch die wirklich harten Fragen stellt“.
Weil da was dran ist, waren 500 mal 75 Minuten Lanz also nicht die schlechtesten 625 Stunden der letzten fünf Jahre Fernsehen. Aber waren es deshalb gute? Dazu mal keine Zahl, sondern ein Zwiegespräch vom Juni. Bis zur Bundestagswahl wolle er jeden grünen Spitzengrünen fragen: „Ist es denkbar, mit den Schwarzen zu koalieren“, so ging der Ex-Radio-, Ex-RTL-, Ex-Kochshow-, Ex-alles-mögliche-Moderator den spitzesten aller Grünen mit der lanztypischen Klappmesserpose an. Dass weder CDU noch FDP bei Betreuungsgeld oder Vermögensabgabe mitmachen, hielt Jürgen Trittin gegen. Dann ging es los.
Lanz: „Ich glaube, die sagen ja.“
Trittin: „Öhhh.“
„Was ist, wenn die ja sagen, Herr Trittin?“
„Sehen Sie, Sie können auch behaupten.“
„Im Ernst jetzt, wenn die ja sagen.“
„Ich kann mir viel vorstellen, aber dass die CDU sich vier Jahre selbst verleugnet…“
„Aber Sie müssen ja mit Angela Merkel klarkommen.“
„Ich habe bewusst dieses Beispiel gewählt, weil ich wie viele der Auffassung bin, dass die Bundeskanzlerin ein gutes Berufsverständnis hat.“
„Jetzt waren Sie kurz davor, Angela Merkel ein Kompliment zu machen.“
„Nein.“
„Doch.“
„Das ist ein Kompliment.“
„Aber man hätte das noch netter formulieren können.“
Stakkato, Raubtierspannung, Stirnrunzeln im Dauerwechsel mit Zurückhaltung, Nähe, Empathie – so schmeckt das Tiroler Emotionsallerlei aus fünf Minuten Verhör mit den Großen und fünf Minuten Gefühl für die Kleinen seit jeher. Diese lächelnde Dauerpose im engen Zweiteiler macht Markus Lanz zum Robin Hood von Flatscreen Forrest, seine Interviews zum Pingpong aus privater Gefühlsduselei und öffentlich-rechtlicher Sachlichkeit. Das zeigt sich auch im Gespräch um ihn selbst. Dann spricht der drahtige Mittvierziger gern vom „Arsch“, in den er sich bei einer Südpolarexpedition fürs Zweite treten musste, um zwei Atemzüge später „anständig alt zu werden“ als größere Herausforderung zu nennen, verglichen mit minus 40 Grad.
Vielleicht wirkt Markus Lanz darum nie ganz locker, nie ganz Gottschalk: Stets wirkt er um Kurskorrektur seines Kuschelimages bemüht, ohne es ganz zu verleugnen. Früher hätte er über die Sinnlosigkeit, Vorurteile zu bekämpfen, gesagt: „Da stehe ich drüber.“ Heute sagt er: „Es nervt!“ Fragt sich, ob es Wetten, dass…? bald so tut, dass dessen Exmoderator in spe den geordneten Rückzug auf die kleine Bühne antritt: bisschen Publikum, bisschen Attacke, bisschen Kuscheln mit Raub- wie Beutetieren, aufgezeichnet nach Karteikartenlage. „Kennst du drei Leute, die dich einfach nicht ausstehen können?“, fragt Karl Lagerfeld zur Jubiläumssendung. Um nicht bald „alle“ antworten zu müssen, sollte Markus Lanz das tun, was er am besten kann: Markus Lanz.
Von Jan Freitag
Der Text ist auch in der Berliner Zeitung erschienen: http://www.berliner-zeitung.de/medien/markus-lanz-raubtier-auf-dem-sprung,10809188,23418634.html