Bryan Cranston: Breaking & Bad
Posted: December 11, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentOttonormalverbrecher
Seit vorigem Freitag läuft endlich die letzte Staffel von Beaking Bad und klärt die Frage, ob ein sympathischer Schwerverbrecher wie Walter White darin überleben darf. Sein Darsteller Bryan Cranston ist da skeptisch.
Von Jan Freitag
Kinder gehen gar nicht. Seit das Privatfernsehen die Sehgewohnheiten vor fast drei Jahrzehnten nachhaltig radikalisiert hat, lässt sich der gemeine Fernsehzuschauer zwar nur noch mühsam schocken. Pornografie, Gewaltexzesse, Werbeflut, selbst Vergewaltigungen rauschen ja längst durchs Publikum hindurch wie atomare Strahlung – irgendwie giftig, aber kaum merklich. Wenn allerdings Kinder betroffen sind von der Verrohung am Flatscreen, der mal eine Bildröhre war, regt sich doch noch etwas im Gewissen.
Sogar bei Breaking Bad.
Am Freitag, den 13., eine Woche nach dem heutigen Start der letzten Staffel einer TV-Serie, die nicht wenige als beste aller Zeiten betrachten, erwischt es nämlich mal wieder einen Minderjährigen. Gezielter Schuss ins Herz. Von einem Profi, so eiskalt wie berechnend. Denn es geht wie so oft ums Überleben. „Er oder wir“, erklärt der Mörder seinen entsetzten Komplizen, warum es zwingend nötig war, den minderjährigen Zeugen einer ihrer vielen Verbrechen vom Motorrad zu schießen. Und Walter White, jener todkranke Chemielehrer aus New Mexiko, der sich beim Serienstart entscheidet, seine Familie vorm eigenen Exitus durchs Kochen illegaler Drogen zu versorgen, er nennt dazu drei nüchterne Handlungsoptionen: Den Killer zu feuern, zu beseitigen oder zu behalten. „Ich bin für Möglichkeit drei.“
So tickt Breaking Bad seit nunmehr fünf Jahren. Mit dieser Mischung aus bürgerlichen Bedenken und krimineller Energie hat Vince Gilligans Meisterwerk weltweit für Furore gesorgt. Und besonders Bryan Cranston ist in 62 Folgen vom soliden Darsteller gewöhnlicher TV-Formate wie Malcolm Mittendrin oder Diagnose Mord zum Superstar des globalen Serienfernsehens gewachsen. Fast 50 Jahre alt musste der spröde Kalifornier also werden, um mit seinem bieder diabolischen Walter White nicht nur dreimal den Emmy als bester Hauptdarsteller zu gewinnen, sondern nichts weniger als Filmgeschichte zu schreiben.
Beides sieht man ihm allerdings keinesfalls an, als er zur Vermarktung des Serienfinales in ein Londoner Luxushotel bittet. Oberhemd, Jeans, Pullover, akkurater Vollbart, offenes Lächeln, „nice to see you“ – Bryan Cranston ist exakt jener All-American-Guy, der in seinem späten Durchbruch peu à peu zum All-American-Gangster wird. „Der die größtmögliche Entwicklung durchmacht, die unser Land zulässt“, wie es Cranston, der es als Scheidungskind aus armen Verhältnissen selber bis nach oben geschafft hat, fühlbar stolz auf sein Werk ausdrückt. Ein typischer Mittelklassmann mit Mittelfrau, Mittelklassewagen, Mittelklassehaus, der den Wunsch lebt, „aufzusteigen bei gleichzeitiger Erkenntnis, dass letzteres in Amerika zusehends unmöglich ist“. Das mache Breaking Bad so interessant. „Denn Walt steigt tatsächlich auf!“ Und wie! „Aus der Mittel direkt in die Upper Class!“ Klingt wie ein Märchen, aber Cranston Grinsen leitet die entscheidende Frage nach dem Erfolgsgeheimnis der Serie ein: „Ist er darin glücklicher?“
Ist er nicht.
Denn in der letzten Staffel, die der Pay-TV-Kanal AMC betriebswirtschaftlich klug in zwei Teile gesplittet hat, wird Walter White zwar endgültig zum Gangsterboss; seine spießbürgerliche Kleinstadtidylle mit einem Pool, zwei Kindern und einer Menge Hypotheken, das also, wofür er den Weg in die Unterwelt überhaupt gegangen ist: ein Trümmerfeld, blutgetränkt zudem. Da sei es „schwer vorstellbar“, Cranston sucht bei seiner Agentin im Zimmereck nach Zustimmung für so viel Vorschusswissen, „dass sein Leben nach dem Finale einfach normal weitergeht“. Im Produktionsland selbst wollten Ende September sagenhafte zehn Millionen Leute im allerletzten Teil sehen, was genau der Hauptdarsteller damit meint. Es war Rekord für ein kostenpflichtiges Angebot, das gleich mal die sorgsam lancierte Neuigkeit nach sich zog, es würde doch eine Fortsetzung geben – wenngleich ohne Walt, Jessie, Hank, Skyler, den derzeitigen Stars. Stattdessen mit Saul Goodman, dem windigen Anwalt der Bösen.
Das allerdings wäre nicht mehr die brillante Story von Aufstieg und Fall einer ganzen Klasse, die – wie Cranston meint – nicht ganz ohne Zufall im Knall der platzenden Immobilienblase angelaufen ist; es wäre ein schlichtes Spin-Off mit der Chance, alte Fans ein wenig länger an die Geschichte zu binden. Eine Idee wie Breaking Bad selbst dagegen, das gilt sogar im Licht dramaturgischer Überraschungen wie Homeland oder Lilyhammer, wird sich so schnell nicht wiederholen lassen. Das Höchstmaß dessen nämlich, was Cranston „Manipulation“ nennt: Der Gesellschaft so unterhaltsam, so geschickt vor allem den Spiegel vorzuhalten, dass selbst ein väterlicher Verbrecher wie Walter White „bis tief in die 4. Staffel für viele noch als Good Guy“ gilt. Doch keine Sorge: in der 5. denkt das nicht mal mehr der Ottonormalverbrecher selbst.
Dokumentarreihe: Geliebte Feinde
Posted: December 5, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentZiemlich beste Feinde
Seit Montag zeigt Arte in seiner Dokumentarreihe Geliebte Feinde täglich um 19.30 Uhr (und zu jeder Zeit in der Mediathek http://www.arte.tv) zehn Teile lang, was Deutsche und Franzosen eigentlich gegeneinander haben. Vor allem aber: was daran bloß nationalistisch geprägtes Machtgehabe ist.
Von Jan Freitag
Historische Unwahrheiten haben meist eine ziemlich hohe Halbwertszeit. Das von der Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland zum Beispiel: Schon immer, hieß es lange Zeit, seien sich die zwei Nachbarstaaten spinnefeind gewesen. Selbst jetzt, da aus der alten Rivalität fast innige Freundschaft zu werden scheint, gelten mit dem neuen Kuschelkurs Jahrhunderte, ach Jahrtausende des Zankens, Haderns, Kriegeführens überwunden. Alles Unsinn? Fals alles Unsinn! Das behauptet zumindest eine Dokumentarfilmserie, die dem deutsch-französischen Verhältnis gründlich auf den Zahn fühlt.
Denn siehe da: Viele Gegensätze zwischen den nur vermeintlich so gegensätzlichen Völkern, vermeldet der Zehnteiler Geliebte Feinde auf Arte, sind nichts als sorgsam geschürte Ressentiments, politische Erfindungen mithin. Überwiegend entstanden im anschwellenden Nationalismus des 19. Jahrhunderts, der den Gedanken konsistenter Völker in festen Landesgrenzen erst hoffähig, dann zum guten ton, schließlich zur Staatsdoktrin machte. Genährt von Napoleon Bonaparte, dessen Okkupation überhaupt erst half, aus dem Flickenteppich rivalisierender Fürstentümer im Osten einen leidlich kompakten Verbund namens „Deutsches Reich“ zu formen. Ignorierend, dass Frankreich zuvor eher England grundlegend feindlich gegenüber stand, zumal Deutschland damals – wenn überhaupt – deckungsgleich mit Preußen war, das ohnehin fast nur Gegner kannte.
Trotzdem gedeiht das ewige Gerede vom Erbfeind bis heute prächtig im Kanon wirkmächtiger Klischees. Dass französische Bräuche, Dichter, Denker, Speisen, die gesamte Zivilisation jahrelang prägend waren fürs deutsche Selbstverständnis, dass unser Wortschatz vollgestopft mit Frankismen jeder Art ist, dass der germanische Adel bis zu seiner Entmachtung parlierte, nicht sprach, dass nicht nur Nietzsche alle Literaten außer ein paar Parisern (und ihm selbst, versteht sich) für Idioten hielt und Deutschlands geistige Elite der Eroberer Napoleon für einen ordnungsstiftenden Heilsbringer – alles gern vergessen.
Da ist es erfrischend, von den fünf verschiedenen Autoren der Miniserie mit den üblichen Spielszenen zum verfügbaren Archivmaterial zu erfahren, dass die deutsch-französischen Beziehungen eben nicht erst seit Konrad Adenauer friedlicher wurden und die Pariser Verträge von 1963 weniger Anbahnung, als Aussöhnung waren. Und Annette Frier als Germania sowie Antonia Rendinger als Marianne präsentieren das auch genau mit jener Leichtigkeit, die dem Prozess der Entspannung entspricht. Bei aller weltpolitischen Relevanz zwischen Karl dem Großen und Charles de Gaulle, Revolutionen und Weltkriegen, geht es schließlich auch um die Gegensätze des Alltags: vom Weingraben über die Weißbrotmauer bis hin zur Kinogrenze quasi.
Das wirft die Frage auf, wie weit es mit der franko-germanischen Freundfeindschaft denn kulturell gediehen ist? Was sich die Nachbarn im Kleinen zu geben haben? Am Bildschirm zum Beispiel? Womit man schnell beim ausstrahlenden Sender selbst wäre: Arte. Das Gemeinschaftsprogramm ist ja schon qua Statut und Auftrag beiden Bevölkerungen verpflichtet. Und er hat dabei in den vergangenen 21 Jahren Außergewöhnliches geleistet. Bestand das französische Kulturangebot im deutschen Fernsehen auf den prominenten Sendeplätzen bis dato vornehmlich aus Ulk von Louis de Funès bis Jean Paul Belmondo und eher zu nächtlicher Stunde mal aus anspruchsvollem Film Noir bis Nouveau, so gelangten plötzlich französische Serien wie zuletzt Odysseus oder Seconde Chance zu deutschen Ohren. Dazu Reportagen und Dokumentationen, ja selbst Magazine und Nachrichten. Umgekehrt bekam Romy Schneider, rechts des Rheins einst als „Franzosenflittchen“ verpönt, Kollegen zur Seite, die auch links des Rheins gut ankamen: Daniel Brühl zum Beispiel, in Frankreich hochgeschätzt, Sebastian Koch, Hannelore Elsner, Benjamin Sadler, die Liste ließe sich leicht erweitertn.
Dennoch ist noch eine Menge zu tun. Denn anders als angloamerikanisches Fernsehen führt das französische bei uns ein ebensolches Nischendasein wie umgekehrt das deutsche in Frankreich. Sicher, Ziemlich beste Freunde war auch in hiesigen Kinos ein Renner, für die Mundartkomödie Willkommen bei den Scht’is erdachten sich deutsche Übersetzer sogar ein eigenes Ideom und die Zeichentrickserie Es war einmal… ist seit Langem ein Dauerbrenner im Kinderprogramm. Insgesamt aber stammt jenseits von Arte nur ein Bruchteil des Programms vom jeweiligen Nachbarn. Daran wird auch Geliebte Feinde nichts ändern. Quel dommage.
Claudia Michelsen: Schauspiel & Realität
Posted: November 28, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentPorzellan und Granit
Ohne Glitzerrollen und eitles Getue hat sich Claudia Michelsen ins erste Glied des deutschen Films gespielt. Warum sie dort hingehört, hat sie erst gestern im famosen Melodram Grenzgang bewiesen, aber auch in der Tellkamp-Verfilmung Der Turm, die der WDR am Samstag wiederholt
Von Jan Freitag
Wahre Schönheit, so sagt man, bedarf ein paar kleinerer Makel. Claudia Michelsen besitzt davon gleich mehrere. Ihre Nase hat diesen kleinen Höcker, der sie für Frauenmagazine im Grunde unabbildbar macht. Auch die Augen sind nicht ganz harmonisch, der Mund scheint ebenfalls leicht schief geraten, das ganze Gesicht weist eine leichte Unwucht auf. Schön ist sie ja, gar bildschön, aber eben nicht titeltauglich. Eigentlich. Dass es sie dennoch gerne mal auf Deckblättern diverser Zeitschriften rund um Fernsehen, Glamour, Pesonality verschlägt, muss also andere Gründe haben.
Gründe wie gestern in Grenzgang, wo die 44-Jährige wie schon im grandiosen Fernsehmelodram Und dennoch lieben wir auf gleichem Kanal oder in der versierten Tellkamp-Verfilmung Der Turm kurz darauf auf atemberaubende Weise zeigt, wie gewisse Schauspielerinnen aus gewiss guten Filmen besondere machen, besser: wie besonders diese hier mit ihrer unnachahmlichen Mischung aus Empathie und Distanz, Leidenschaft und Gelassenheit fernstehtaugliche Rührstücke zu vielschichtigen Dramen adelt, die auch auf der Leinwand bestehen könnten. In allen drei Filmen wie in so manchem zuvor tut sie es als augenscheinlich sprödes, unterschwellig jedoch höchst attraktives Mauergewächs, das Claudia Michelsen auf sehr subtile Weise zwischen Austrocknung und neu Erblühen bewässert.
Wie die Mutter zweier Töchter (vom Schauspielerkollegen Anatol Taubman) der Verzweiflung zwischen Trotz und Abwehr ein Gesicht verleiht; wie sie langsam bricht, ohne durchzubrechen, und aufsteht, ohne sich wirklich grade zu mache; wie sie als nahezu einzige Schauspielerin im fiktionalen Primetimefilm sogar in flachen Schuhen begehrenswert sein darf und ihre strickjackenbewehrte Normalität doch wie eine Monstranz vor sich her trägt – das ist einzigartig, zumal im Fernsehen, diesem Medium, das im Grunde viel zu klein ist für eine wie sie. Das sie allerdings dennoch Jahr für Jahr mit mehreren Beiträgen bereichert.
Seit die Absolventin der Berliner Schauspielschule Ernst Busch 1989 erstmals vor die Kamera trat und parallel „aus politischer Erwägung“, wie sie betont, aufrührerisches Osttheater spielte, seit der Mauerfall den „revolutionären Impuls der Bühne“ in den „Leerlauf banaler Unterhaltung“ riss, Claudia Michelsen legt in solchen Momenten selbst Fremden bekräftigend die Hand aufs Knie, seither spielt sie alles Mögliche: Tatort-Episoden und Historienschinken, TV-Melodramen, US-Produktionen, Kinderfilme, selbst eine Serienkommissarin (Flemming). Auch ein Abstecher in Richtung Hollywood war dabei. Doch je älter, reifer, je besser und bekannter die einstige Max-Ophüls-Preisträgerin wird, desto häufiger sind es eben stille Filme mit Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Nicht, dass dies eine bewusste Entscheidung wäre. „Aber dieses Erwachen“, sagt sie dann, „dieses Gegenangehen“, es fasziniere sie schon.
Und so erwachen ihre Figuren regelmäßig aus seltsam wattierten Wohlstandswelten. Als Mutter einer Ausreißerin in Sieben Tage, als Frau eines DDR-kritischen, aber geölt mitlaufenden Schwerenöters in Der Turm, zuletzt als Frau zwischen Nebenbuhlerin und Ehe im ARD-Film Und dennoch lieben wir oder nun eben in der hessischen Provinz-Studie Grenzgang, wo sie mit einem anderen Großstadtflüchtling (Lars Eidinger) verbissen um ein Stück Geborgenheit im räumlich-sozialen Abseits kämpft. Fast ausnahmslos wirken diese Charaktere in Werken zur besten Sendezeit, fast immer öffentlich-rechtlich und zusehends mit Claudia Michelsen auf dem ersten Rang der weiblichen Besetzungsliste.
So selten wie möglich begibt sich die gebürtige Dresdnerin dort allerdings in Zonenrollen. Auch aus Angst vor falschen Bildern. „Es gibt ja nicht die eine Sicht auf die eine DDR“, erklärte sie diese Scheu zum Start vom Turm im vorigen Frühjahr. Zumal ihre „Berührungspunkte“ zum System „eher Freunde und Bekannte, die Stasi-Kontakte hatten“ waren als eigene Kontakte. „Ich bin die Glücksgeneration, knapp 20 als die Mauer fiel“. Und falls sie sich doch mal vom Klischee besetzen lässt, DDR lasse sich am besten DDR-sozialisiert verkörpern, wird daraus garantiert ein preisgekröntes Vorzeigedrama wie 12 heißt: ich liebe dich, wo sie sich als Stasihäftling in ihren Verhörer verliebt. Auch so eine Geschichte vom Zerbrechen und Aufwachen. Claudia Michelsen Paradedisziplin, die sie nicht sucht, aber findet. Auf die man sie geradezu buchen könnte. Aber eigentlich kann sie fast alles.
Gätjen & Co: Hoffnungen & Enttäuschungen
Posted: November 21, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentAusgestrahlt
Das Fernsehen ist voller Karrierehoffnungen. Auch Steven Gätjen oder Oli Geissen waren mal welche. Heute moderiert der eine leicht ölig Eventshows wie Stefan Raabs Turmspringen (diesen Samstag), der andere gelangweilt Chartshows (fast jeden Freitag). Inhaltlich banal, finanziell erfolgreich, jenseits früherer Träume von Relevanz – damit sind beide nicht allein.
Von Jan Freitag
TV-Karrieren haben was Hybrides. Gerade im Moderatorenfach verläuft zwischen Anspruch und Erfolg, Seriosität und Ruhm ein breiter Graben. Den Spagat drüber hinweg schaffen eigentlich nur die Schmidts, Jauchs, Gottschalks. Auch Anke Engelke und Matthias Opdenhövel kommen durchaus schichten-, geschlechter-, gar altersübergreifend an. Doch schon die Talkonkels von Kerner bis Lanz polarisieren so wie Moderationsfassaden der Marke Marco Schreyl, der vom Castingpöbel vergöttert, keinem Fernsehpleb ins Haus käme. Welcher RTL-Gucker hat andererseits je von Klaus Kleber gehört, welcher GZSZ-Fan von Francis Fulton-Smith?
Gut, auch ohne Visum zur anderen Seite lässt es sich diesseits der Gräben leben. Doch in der Nische zu stecken, geduldet von Millionen, gehasst vom Rest, hat etwa Oliver Geissen, der seit 16 Jahren wegmoderiert, was ihm das Massenmedium übrig lässt, kaum gewollt. Man sieht ihm die geplatzte Illusion einer nachhaltigen Karriere in jeder Ultimativen Chartshow, an. Einst als echter Entertainer gehandelt, langweilt er sich selbst noch mehr als die Zuschauer. Das Gleiche gilt – sogar mehr noch – für Steven Gätjen. Geboren in Phoenix, volontiert in Hamburg, studiert in LA, auf der Liste seriöser Redaktionen – für den 31-Jährigen Doppelsprachler leuchtete was am TV-Himmel. Tief darunter macht er heute nur privates Müllfernsehen à la Sommermädchen, das bei Schlag den Raab immerhin lukratives Müllfernsehen ist. Und so erscheint sein hoffnungsvoller Laufbahnbeginn doch nur ziemlich kurzes Wetterleuchten.
Und damit ist er keineswegs allein:
Pilotin, blond, schlagfertig, Pressdekolletee – im Grunde bringt Sonja Zietlow viel für solide Unterhaltungsbekanntheit mit. Kultiviert aber bloß noch ihren Zynismus im Dschungelcamp und wartet in der Billigshow Die 10… nur noch darauf, sich bei den 10 verschleudersten Moderatorinnen auf Platz 4 nennen zu müssen.
Ehrlich – Birgit Schrowange galt Ende der 80er im WDR als neue Dagmar Berghoff, gilt heute aber eher als neue Marianne von Michael. Glaubt wohl selber, der Promi-Unrat, den sie in Extra oder Life! runterleiert, besäße so was wie Sinn. Weil dem nicht so ist, bleibt ihr relevantester Medienbeitrag: ein Sohn mit Markus Lanz
Schon mit Ende 20 ein gefragter ZDF-Außenpolitiker, kommt Normen Odenthal auch mit Anfang 40 nicht über Nachtjournale, Mittagsmagazine, Frühstücksfernsehen hinaus. Wurde bei letzterem sogar vom unsäglichen Wulf Schmiese ersetzt. So bleibt der Nachwelt vor allem die putzige Schreibweise seines Vornamens erinnerlich.
Mann, war die schön, Mann, war die klug, Mann, war die kühl. 1988 hat sich Dr. Privatfunk eine neue Mrs. Nachrichten kreiert: Maria Gresz. Sah so die Zukunft der Politmagazine aus? Nein, aber die Gresz ist exakt so blond wie damals. Und sie nuschelt auch wie einst, nur von Spiegel TV zu Spiegel TV belangloseres Zeugs.
Noch so ein öffentlich-rechtliches Talent. Steffen Hallaschka war frisch volljährig, als er im HR gutes Radio machte. Mit Mitte 20 machte er bei 3sat gutes Jugendfernsehen. Um die 30 ging er zu Polylux, sogar Arte. Jetzt oberhalb der 40, sieht aus wie immer, leitet das politfreie Politmagazin Stern TV und hofft weiter aufs heute-journal.
Cherno Jobatey kennt man. Ist das nicht der Farbige vom Morgenmag in Turnschuhen? Ja! Er war aber auch Stipendiat, Politologe, Zeit-Autor, Showmaster (Verstehen Sie Spaß), Schauspieler (Isch kandidiere), ein Vorbild vieler Migranten. Nach 20 Jahren ist er immerhin noch: der Farbige vom Morgenmag in Turnschuhen.
Als Susanne Kronzucker ZDF-Auslandskorrespondentin wurde, galt die 20-Jährige als Erbin ihres Vaters Dieter, kam aber über RTL-News nie hinaus. Immerhin machte sie ab 2007 das emanzipierte Magazin Mona Lisa. Mit annähernd 50 ist die Ex-Vorzeigefrau dem Vernehmen nach Mutter, und ihr Mann, ein Anwalt, verdient das Geld.
Kennt noch wer Caroline Beil, Carsten Spengemann, Susan Stahnke? Erstere galt als extrem variabel, bis sie nur noch Soaps machte. Letztere verließ die Tagesschau vergebens für eine Hollywoodkarriere. Mittlerer klaute lieber einen Ring, als weiter DSDS zu moderieren. Was sie alle heute eint? Besuche im Dschungelcamp.
Aktenzeichen XY: Aufklärung & Denunziation
Posted: November 14, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentUnter Generalverdacht
Zum 12. Mal hat das ZDF gestern mutig Menschen, die sich mutig dem Verbrechen entgegenstellen, mit dem XY-Preis prämiert. Doch was im Kern ein guter Ansatz ist, verfährt wie die Sendung insgesamt nach dem Grundsatz: Besser ein falsch Beschuldigter zuviel als ein freier Täter. Aus Anlass der diesjährigen Verleihung zeigen die freitagsmedien heute ein Porträt der Sendung aus Zeiten, als Wolfgang Schäuble noch für Recht und Ordnung zuständig war.
Von Jan Freitag
Rudi Cerne ist ein gebranntes Kind. Es war im Jahr 1978, als ein Klima der Hysterie den Verbrecherjäger des ZDF ins Fadenkreuz der Ermittler trieb. „Auf einem Flughafen bin ich irrtümlich verhaftet worden“, erinnert sich der heutige Moderator von Aktenzeichen XY … ungelöst. 30 Jahre später auf dem sicheren Terrain des Ludwig-Erhard-Hauses in Berlin. Ein „zappeliger Polizist“, habe den amtierenden deutschen Eiskunstlaufmeister mit Christian Klar verwechselt. Jetzt kann er darüber lachen: „Der hatte doch mehr Angst vor mir als ich vor ihm.“
Tja, so war das eben damals, rund um den Deutschen Herbst. Es herrschte eine Atmosphäre diffuser Phobien vor allem und jedem. Wer Gitanes rauchte, galt als verdächtig, wer BMW fuhr ohnehin, wer irgendwie aus der Rolle erst recht – und sei es durch bloße Ähnlichkeit mit dem Bösen. Bei Rudi Cerne war es die optische Übereinstimmung mit dem Passbild eines gesuchten Terroristen. Kleiner Kollateralschäden, sagen die einen, Pech gehabt. Ergebnis politischer Panikmache, die anderen, ein Vergehen namens Generalverdacht.
Cerne gehört zweifellos zu ersteren, denn der Journalist scheut auch mit 50 Jahren das Feuer falscher Verdächtigungen nicht. „Bei so einem schrecklichen Verbrechen müssen wir keine Statistiken bedienen“, kommentiert er entsprechend die Vergabe des XY-Preises 2008 durch Wolfgang Schäuble. Zum siebten Mal prämierte damit ein Bundesinnenminister zivilcouragierte Bürger, die irgendwie dem Verbrechen trotzen. Fünf davon werden in der heutigen Sendung von Aktenzeichen XY vorgestellt: Ein Sportlerduo, das zwei Kinderschänder überführt, eine 44-Jährige, die in einer Straßenschlägerei interveniert, und eine Spaziergängerin, die ein Mädchen vor ihrem Vergewaltiger gerettet hat.
Diese drei Fälle wählte eine zehnköpfige Jury aus Kriminalisten, Sicherheitsdiensten, Versicherern und dem ZDF unter 100 Vorschlägen aus. Eine seltsame Gewichtung, betrachtet man die deutsche Straflandschaft: zwei pädophile Missbräuche bei einer Körperverletzung – macht 66,66 Prozent der Auszeichnungen, obwohl diese (zweifellos furchtbare Tat) einen kaum messbaren, zumal rückläufigen Anteil an der Kriminalstatistik aufweist. Ob diese Unwucht nicht vor allem Stammtische befriedigt und sich inhaltlich auf dem Niveau der Bild-Zeitung bewegt? „Nein, nein“, antwortet da Rudi Cerne. Es läge an der Medienvielfalt, dass bestimmte Taten stärker in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, „ganz sicher nicht am Zweiten Programm“.
Ganz sicher?
Beispiel sexueller Missbrauch. Während seine Zahl in 15 Jahren um 22 Prozent sank, tippten 89 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage auf massive Steigerung. Ähnlich sieht es bei Mord aus: statt des Rückgangs um zwei Fünftel, glaubten die Teilnehmer im Schnitt an eine fast ebenso große Zunahme. War sexuelle Nötigung im Spiel, betrug die Verschätzung satte 475 Prozent. Der Kommunikationsforscher George Gerbner erklärte das als „Kultivierungstheologie“: TV-Zuschauer denken nicht nur, die Flut an Fernsehverbrechen sei real; sie halten sogar Berufsgruppen, die im Film häufig morden, für krimineller. Arme Zahnärzte.
Und ob die nun tatverdächtig sind oder doch eher stoppelbärtige Kiezgestalten – mindestens 40 Prozent aller vorgestellten Fälle, rühmt sich die XY-Redaktion, wurden seit 1967 im Anschluss an die sinistren Nachstellungen, schwarzweißen Fahndungsfotos und präsentierten Tatwerkzeuge aufgeklärt. Davon abgesehen, dass der enorme Überhang an Gewalt- und Kapitalverbrechen – vornehmlich in Kombination mit sexueller Gewalt gegen Kinder – den Eindruck erweckt, wir leben in einem Land der Mörder und Vergewaltiger, bleibt offen, wer zu Unrecht verdächtigt wird und wer gezielt denunziert. Schon 1970 druckte Die Zeit eine Liste fälschlich Verhafteter vom vermeintlichen „Hertie- Knacker“ über eine Frau, die mehrmals zu Unrecht des Betrugs bezichtigt wurde, bis hin zu einem Landarbeiter, der sich verdächtig machte, während der Sendung aufgesprungen zu sein. Und dieses Frühjahr ging der Fall zweier Deutscher durch die Presse, deren Foto versehentlich als das eines amerikanischen Serienmörder-Pärchens gezeigt wurde.
Es gibt Suizide in U-Haft, revidierte Urteile, zerstörte Renommees zuhauf, Rudi Cerne aber sagt, es könne schon mal zu Verwechslungen kommen und fragt: „Soll man lieber einen Täter laufen lassen, als ein paar mal daneben zu liegen?“ Genau das ist die Kardinalfrage bürgerlicher Übernahme exekutiver Hoheitsaufgaben und Kern des ausufernden Sicherheitsstaates, den Formate wie XY befeuern. Gesellschaftlich bleibt sie heiß diskutiert, beim ZDF gilt sie als beantwortet: Selbstzweifel kennt man dort nicht, der Vorwurf von Böll bis zur „Vereinigung sozialdemokratischer Juristen“, die Sendung sei Denunziantenfernsehen für Spießer wird mit fast 600 gefassten Mördern und Millionen treuer Fans gekontert. Und die die aktuellen Preisträger belegen ja, dass die Inkaufnahme übler Nachrede mit 10.000 Euro und einem Händedruck von Minister Schäuble honoriert werden kann.
Welche Blüten das treibt, zeigt der Film zur Tat, in dem sich die prämierten Michael Pieper und Peter Dahnke selber spielen. Beim Training in einem Kasseler Badesee fielen den beiden Triathleten zwei Männer an der Seite kleiner Jungen auf, „die deren Großeltern sein konnten“. Ach was… Dass die sich am Ende tatsächlich als Triebtäter herausstellten, ist eine Sache und das Eingreifen aller Ehren Wert. Dass ältere Männer mit potenziellen Enkeln an der Hand per se als dubios gelten eine andere. „Natürlich geht immer mal etwas schief“, sagte Law-and-Order-Mann Schäuble in seiner Laudatio und lobte Eduard Zimmermann, der unsere Gesellschaft lebenswerter gemacht habe. Zumindest für jene, die nicht versehentlich ins falsche Visier geraten.
http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2027304/XY-Preis-2013
Peter Behrens: Trio-Drummer und Autobiograf
Posted: November 6, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Ich bin Rentner
Foto: Moritz Thau
Peter Behrens hat seine Biografie geschrieben. Was für Kenner eine Topmeldung ist, muss man Außenstehenden kurz erklären: Behrens, das ist der Drummer von TRIO, die Ursprungsband der Neuen Deutschen Well. Und er hat eine Menge zu erzählen
Von Jan Freitag
Es gibt Produkte, die sind so untrennbar mit der äußeren Erscheinungsform verbunden, dass jede Änderung irritiert. Als VW seinen Käfer auf Beegle trimmte, verstörte das die Kundschaft noch mehr als Meg Ryans Schlauchbootlippen oder Crystal-Coke. Kein Wunder, dass dieser Greis von 66 Jahren mit Trilby überm aschgrauen Haar für stilles Entsetzen sorgt, wie er da im Eck eines Hamburger Bahnhofscafés sitzt. Stattliche Teile der Menschheit haben schließlich ein anderes Bild von Peter Behrens im Kopf, mit roten Hosenträgern, weißem Shirt und dunkler Moritztolle. Doch das, zeigt sich 30 Jahre später, ist längst Geschichte. Hier sitzt die Gegenwart vom Trommler der NDW-Band TRIO und sie hat viel hinter sich, seit Da Da Da
Eine Frage, die bei Ihrem Leben keine Höflichkeitsfloskel ist: Wie geht’s?
Peter Behrens: Jetzt wieder wunderbar.
Wieder, weil es mal anders war.
Ganz anders. Ich war unten und zwar eine Weile. Kokain, Alkohol, Schulden, Arbeitslosigkeit – das volle Programm. Aber als mich Klaus Marshall anrief.
Ein völlig unbekannter Lehrer aus Soest.
… und meinte, du hast eine großartige Vergangenheit, magst du mir die nicht erzählen – da merkten wir, Mensch, da kann man doch ein Buch draus machen.
Die Autobiografie stand gar nicht am Anfang?
Nein, eher am Ende. Vor einem Jahr ging’s dann los mit der Recherche und ich musste mir erstmal bei Google Gedächtnisstützen suchen; was war in dem und dem Jahr – klick, klick, klick. So was merkt man sich ja nicht mal ohne Alkohol.
Und wer hat das dann aufgeschrieben?
Ich hab zwar Sport und Germanistik auf Lehramt studiert, aber langes Schreiben liegt mir nicht und meine Tippfähigkeiten sind eine Katastrophe. Klaus schreibt, ich denke.
Klaus Marschall, Lehrer aus dem Westfälischen. Weit weg also von Behrens’ Heimat Wilhelmshaven und doch ein Katzensprung verglichen mit der Achterbahnfahrt, die der Drummer dem Ghostwriter diktiert hat. Geboren als Sohn eines amerikanischen GI, landete Peter im friesischen Waisenhaus. Danach wurde er von zwei Bundesbahnern adoptiert, die ihn streng auf eine Beamtenlaufbahn hin erzogen. Schon der junge Behrens entzog sich dieser Option jedoch durch die Musik. Sie führte ihn über Schul-, Schlager- und Krautrockbands 1980 per Zeitungsannonce zu Stephan Remmler und Kralle Krawinkel aus Großenkneten. Ob die Geburt von TRIO im Rückblick Glück war oder Pech? Behrens zuckt die Achseln. Dass Dreiviertel der 270 Buchseiten vor allem davon handeln, spricht für beides.
Sie sind mit TRIO hoch gestiegen und tief gefallen. War das Buch da eine Art Therapie?
Ja. Ich hatte ständig mit dem Schicksal gehadert, denn nach dem Ende bin ich in ein langes tiefes Tal geraten, von dessen Mitte aus betrachtet die Berge immer unerreichbarer wurden.
Und dieser Berg hieß TRIO.
Das war der Mount Everest meines Lebens. Ist er bis heute. Deshalb haben wir von TRIO uns alle, egal wie schlecht es mir selbst ging, auch immer gegen all die Angebote entschieden, die Gruppe wiederzubeleben. Wir haben Geschichte geschrieben, von den Texten übers Entertainment bis hin zum Minimalismus, und ein Denkmal sollte man nicht anpinkeln.
Zumindest sollte man es nicht durch Mehrzweckhallen der Provinz schleifen.
Stimmt. Wir wollten ja noch Underground sein, als es in die Charts ging und waren ebenso vom eigenen Erfolg überrascht wie die Zuschauer der Hitparade, die plötzlich Spaß an uns gefunden hatten. Das konnte keiner der Beteiligten so richtig fassen.
Hat Sie der Erfolg abgeschreckt?
Eher verunsichert. Anfangs fand ich die Streicheleinheiten noch ganz schön, durch Wilhelmshaven zu gehen und hinter mir zu hören, ey, das ist doch Peter Behrens. Mit der Zeit wurde das aber zu viel. Und mit Turaluraluralu, unserem letzten Hit, war die Grenze auch musikalisch überschritten. Kralle und ich dachten, so einen Kack spielen wir nicht. Das war eher so Remmlers Ding.
Remmler. Im Buch sagt Behrens selten Stephan zum Sänger. Man sei im Guten auseinander gegangen, doch während er mit Gitarrist Kralle so gut befreundet blieb wie mit NDW-Größen von Spliff bis Ideal, brach der Kontakt zum Schlagerstar in spe ab. Leider, sagt Behrens heute und stochert im Kartoffelsalat mit Knackwurst. Sein Blick gerät fast so leer, wie es der ausgebildete Clown vor TRIO auf der Mailänder Artistenschule gelernt hat. Diese Teilnahmslosigkeit wurde sein Markenzeichen.
War Ihre Rolle, war TRIO als Ganzes ein Kunstprodukt?
Nein. Jeder hatte zwar seine Rolle: Kralle das Landei, Stefan der Dandy, ich der Clown; aber da war nichts aufgesetzt, unser Zirkus war echt. Auf der Artistenschule hatte ich gelernt, dass das Stoische genau mein Ding ist; darauf gründet der Minimalismus von TRIO, doch das Ruhige, Zurückhaltende entspricht auch meinem Naturell. Ich musste mich nicht groß verstellen. Sowohl die Show als auch die Musik kamen aus mir selbst.
Machen Sie noch welche?
Nicht wirklich. Manchmal werd ich gefragt, ob ich als Schlagzeuger live einspringen kann, man verlernt das ja nicht.
Fehlt Ihnen was?
Nein.
Ehrlich?
Ja.
Warum?
Ach, Wilhelmshaven ist ja nun keine Musikhochburg, wo sich Musik ständig aufdrängt.
Peter Behrens ist jetzt spürbar geschafft, seine Stimme wird dünner, der Blick trüb. Die Jahre ganz unten haben ihn mehr Kraft gekostet als jene oben zwischen Wetten, dass…? und Japantournee. Sein Buch mag fröhlich von der alten Zeit erzählen, in Anekdoten von einer Wahrsagerin schwelgen, die ihm eine Schriftstellerkarriere prophezeite, oder dem „fünften Beatle“ Klaus Voormann, der ihr mit der Entdeckung von TRIO zuvorkam. Von durchgebrachten Millionen, durchzechten Nächten mit Falco, vom „Schnee, auf dem wir talwärts fahren“ – wie der kleine Mann mit dem zerlebten Gesicht indes die Zigarette zum Abschalten bereit hält, da wird deutlich: Er sehnt sich mehr nach Ruhe als dem Ruhm von einst.
Ist es eigentlich Bodenständigkeit, dass Sie nahe Ihrer Geburtsstadt leben?
Nein, das hat sich so ergeben. Und wenn das mit dem Buch klappt, würde ich auch gern wieder eine Weile in Hamburg leben. Oder noch besser: In Wien. Da haben wir einen Fanclub, der mich ein, zweimal im Jahr einladen. Außerdem ist die Stadt großartig.
Und was machen Sie dann da?
Nix.
Wie nix?
Na nix. Bisschen was mit Freunden machen macht mich schon zufrieden. Ich bin Rentner. Und ich vermisse auch nichts von früher. Schon gar nicht den Stress.
Dr. Kleist – Superarzt, Supermann, Supervater
Posted: October 31, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDer Halbgott von Eisenach
Seit nunmehr zehn Jahren lautet das Synonym für lieblos inszeniertes, inhaltlich anspruchsloses, konservativ ideologisches Fernsehen: Dr. Kleist. Am Dienstag ging das ARD-Märchen vom kernigen Alltagshelden Francis Fulton-Smith als perfekter Arzt, Gatte, Vater, Mensch in die 5. Staffel und wieder fragt sich: Warum tun sich das viele Millionen vernunftbegabter Zuschauer Woche für Woche an?
Von Jan Freitag
Das Fernsehen gilt bekanntlich als Seismograph des Zeitgeistes. Wenn eine Patientin also im Idyll ihres Einzelzimmers nicht weiß „wie ich Ihnen danken soll, Herr Doktor“, worauf der entgegnet, es sei doch viel wichtiger, „dass Sie mehr Zeit auf sich verwenden“, dann wissen wir: Da läuft gerade ein Heimatfilm der piefigen Fünfzigerjahre. Zu dumm, dass dieser hier ein halbes Jahrhundert später spielt, Teil einer aktuellen Fernsehserie ist und viel, viel ernster gemeint ist als je zuvor. Mit dem Zeitgeistseismographen ist das eben so eine Sache.
Denn Dr. Kleist rettet, heilt, liebt und managt im Hier und Jetzt. Und das seit nunmehr 65 Folgen. In der 1. wollte die Hauptstadtklinik des ARD-Arztes für den leidigen Profit 20 Betten streichen, was der Charmeur mit Kanten sodann lautstark anprangerte. Ins betuliche Eisenach setzte er sich aber nicht deshalb ab, sondern weil seine Frau bei einem Unfall starb, nachdem er noch fix einem Suizid vom Krankenhausdach (an einer Hand) vereiteln durfte. So fing vor sieben Jahren alles an, zwischen Berliner Hölle und Thüringer Himmel.
Seither ist Familie Dr. Kleist ein Quotenkrösus, den auch in Staffel V locker sechs Millionen Anspruchslose verfolgten werden, ein Zuschauermagnet wie das gänzlich geschmacklose Leipziger Krankenhausallerlei In aller Freundschaft. Dabei galt das Genre 2004 als klinisch halbtot. Von St. Angela über Bergdoktor bis zu den Stefanies und Onkel Docs lief das Haltbarkeitsdatum des TV-Arztes ab, während halbrealer Zynismus und Heiterkeit von Dr. House bis Doctor’s Diary noch auf sich warten lassen sollten. Der Streit um Gesundheitsreform und Praxisgebühr aber, sagte der damalige ARD-Programmchef Günter Struve einst zum Start, sorge für Bedarf nach einem Doktor wie dem aus Eisenach. Nicht gerade, so Dr. Struve, weil sein Titelgenosse Dr. Kleist derlei Probleme angemessen fiktionalisiere. Nein – weil sich der Mensch im Mediziner nicht in „politische Theorie verstrickt, sondern eine Praxis aufmacht, um konkret zu helfen“.
In ihr vereinigt der Internist nicht nur alle Attribute des multifunktionellen Altruisten, ist also nicht nur Kenner und Könner aller sozialen wie fachlichen Gebiete – der fürsorglich-kantige Heldendarsteller Francis Fulton-Smith macht seine Figur zum Allheilmittel sämtlicher Wehwehchen einer Gesellschaft, die sich nach emotional-kompetenter Führung sehnt. Sein Doktor bündelt die Sehnsüchte seiner Patienten, indem er Bürokraten (also auch Politiker) hasst, Menschen (also auch Zuschauer) liebt und die Familie (also uns alle) vergöttert.
In dieser Welt sind Kinder gütig lenkbar, Väter sensible Zupacker, Mütter erfolgreiche Instinktwesen und Wolken am Himmel Boten lösbarer Probleme. Denn die gibt es in jeder Episode, die Verbotene Liebe heißen und Endlich vereint, Familienglück oder auch mal – huiuiui – Tödliche Gefahr. Sie handeln von den Sollbruchstellen bürgerlicher Ideale, von Unfällen, Streits und Gefahren, die im Panorama der Wartburg dräuen, jenes nationale Erweckungsmonument in einer gottlosen Zeit. Gut, dass der Problemlöser Christian heißt.
Seine Sogwirkung lässt sich allerdings nicht nur mit Eskapismus erklären, der Fernsehflucht vom Alltag; bei Familie Dr. Kleist sucht das Publikum die Beherrschbarkeit einer Zeit, als Ehefrauen den Titel des Gatten trugen, gepaart mit einer Gegenwart, in der Schulrektorinnen unter 40 volljährige Söhne haben, deren Drogenkonsum im Mehrgenerationenpatchworkhaus besiegt wird. Als gäbe es eine Resettaste, die das Böse von der Festplatte der Moderne löscht. Auf die drückt man auch in ähnlich antagonistischen Formaten wie der baugleichen Nonnensause Um Himmels Willen im fiktiven Kloster Kaltenthal, die seit zehn Jahren sensationelle Zuschauerzahlen verbucht. Zumindest bei Senioren, wo auch Dr. Kleist am innigsten geliebt wird.
Auch in seiner aktuellen Staffel dürfte also Christians neue Frau irgendwann in weiß geheiratet werden und nie ferngesehen, dafür im Auto per Freisprechanlage telefoniert, also Verantwortung getragen für Mensch, Natur, das Großeganze, vor allem aber die Familie. Zwischendurch wird es um Liebe, Zank, Versöhnung, Wehwehchen gehen die sehr wahrscheinlich in einer Art von Finale kulminieren, das einst eine frühere Staffel beendet hat. Als Christian Kleist darin erfährt, Großvater zu werden, kriegt seine blutjunge Tochter sofort den genregemäßen Heiratsantrag vom werdenden Papa, bis die blutjunge Oma in spe alias Christina Plate sagt: „Ich freu mich auf das Baby, es wird in einer glücklichen Familie groß werden.“
In dieser Komplexität hat das vermeintlich Gute wohl nie existiert. Im Fernsehen jedoch bündelt es sich in einem Arzt, der selbst beim Fremdgehen moralisch makellos bleibt, da er eben ein ganzer Kerl ist, der Schwächen zeigt und seinem besten Freund „ich liebe dich“ ins Gesicht sagen kann. So ist er, der moderne Mann. „Rufen Sie mich an“, bat er die Patientin im Pilotfilm. Ach hätten wir doch die Nummer.
Hermann Joha – RTL-Sprengwart & Stuntman
Posted: October 24, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDer Sprengmeister
Dass die Kölner Firma ActionConcept 20 Jahre alt wird, liegt an der RTL-Serie Alarm für Cobra 11, die mittlerweile in mehr als 100 Ländern läuft. Und an Hermann Joha. Der Ex-Stuntman hat deutsche Action weltweit konkurrenzfähig gemacht. Und sein Unternehmen zu einem der Weltmarktführer in Sachen Special Effects, vor allem, weil sein Topprodukt um eine gänzlich sinnfreie, aber stets explosive Autobahnpolizei heute in die 23. Staffel geht.
Von Jan Freitag
Bäääng! Einführung. Booom! Füllhandlung. Baaammm! Auflösung. Die wöchentliche Dosis Cobra 11 ist in der Regel schnell erklärt: Eine Explosion zu Beginn, etwa zwei in der Mitte, mindestens drei am Ende, dazwischen nur das Nötigste an Sinn und Verstand zum Maximum an Blut, Schweiß und Testosteron – es ist nicht grad die Quintessenz intelligenten Fernsehens, was die fiktive Autobahnpolizei ab heute auch in Staffel 23 (in Worten: dreiundzwanzig!) abliefert. Aber wer will denn schon so was, bei RTL? Hermann Joha jedenfalls will es nicht. Der Produzent will Entertainment, Spaß. Und Erfolg. Darum klingt es auch ziemlich ernst, wenn er sein Topprodukt „die geilste Achterbahn am Abend“ nennt, einen „Rummelplatz“. Trotz all der Raserei, Inhaltsleere und mimischen Tristesse ist Alarm für Cobra 11 nämlich ein Bombengeschäft. 21 Jahre nach der Gründung seiner Firma ActionConcept, läuft die Serie schließlich in gut 100 Ländern und hat Special Effects made in Germany somit global wettbewerbsfähig gemacht. Alles dank Hermann Joha: Herz, Hirn, Leber, Niere eines Genres, das es vor ihm im Grunde gar nicht gab. Kein Wunder. Joha ist vom Fach.
Denn als der Unterfranke das Fernsehen 1992 erstmals mit brennenden Autos versorgte, war er selbst noch Stuntman, der Autorennen fuhr, Helikopter flog, Motorenartistik betrieb, kurz: all das tat, was zum Kern von Cobra 11 wurde. Er sei durchaus ein „Adrenalin-Junkie“, wie der 53-Jährige einräumt, „aber kein Draufgänger“. Was zählt, sei das kontrollierte Risiko mit Restnervenkitzel. Das durfte er erstmals im RTL-Film Der Clown unter Beweis stellen. 1997 besorgte Joha dessen „Second Unit“, die parallel zur Hauptkamera das Drumherum bebildert: Karambolagen vor allem, Unglücke, alles was knallt. Und der hemdsärmelige, aber perfektionistische Joha war darin so versiert, dass sein erster Blockbuster gemeinsam mit dem zeitgleich produzierten Cobra 11-Pilotfilm 20 Millionen Zuschauer erreichte. „Wir hatten plötzlich zwei Serien, die von Null auf 100 explodiert sind“. Mit seriellen Prügelarien wie Lasko oder Actionkrachern der Marke Turbo und Tacho ging es dann – abgesehen von einem Knick in der Internetblase – nur bergauf.
Doch ohne Cobra 11, das weiß auch Joha, wäre sein Unternehmen „eher klein und übersichtlich“. Der Umsatz würde deutlich unter 30 Millionen rutschen, die Mitarbeiterzahl weiter sinken und RTL womöglich seine Beteiligung abstoßen. Dem Fernsehen bliebe so zwar Oliver Pocher als ernst gemeinten Schauspieler erspart, der zum Auftakt der neuen Staffel sogar sterben darf. Aber eben auch eine echte Attraktion. Denn die kleine GmbH ist nicht nur auf 140 Märkten aktiv, sondern hat 2012 auch zum siebten Mal in Hollywood den Taurus World Stunt Award gewonnen, eine Art TV-Oscar der Actionszene, wie üblich für Cobra 11. Dennoch dreht die Werbekrise auch beim Hauptabnehmer RTL an der Kostenschraube – auch wenn Hermann Joha, der Berufsjugendliche mit ergrauter Fönfrisur, lieber von „Budget-Optimierung“ spricht, „ohne an production value einzubüßen“. Aber kürzer treten muss man auch in Köln-Hürth, wo vieles entsteht, was im Privatfernsehen kracht, scheppert, fliegt und brennt. Auf rund 25.000 Quadratmetern Fläche fertigt das „Full-Service Produktionsunternehmen für Action-Formate“ vollständige Filme bis zur Endabnahme. Hier liegen zu Spitzenzeiten 800 Lohnsteuerkarten und Weihnachten noch immer an die 100 im Büro, wie Joha den Personalstand schildert. Hier entstehen Serienbeiträge, die in der Herstellung schon mal den doppelten Minutenpreis einer Tatort-Folge kosten. Und ganz in der Nähe ist die Firma Hauptkundin der größten Filmautobahn Deutschlands.
Die „Film + Test Location“ Aldenhoven ist ohne Zweifel Johas liebster Arbeitsplatz, Garant des „Fun-Faktors“ seiner Ware, wie er immer wieder betont. 2300 Meter kontrollierte Raserei auf vier Spuren, Standstreifen, Nothaltebucht, Parkplatz inklusive. Ein Eldorado fiktionaler Beschleunigung, auch wenn Joha selber nicht mehr ins Cockpit steigt. Ob er noch mal mehr machen möchte, als ab und an eine Kleinrolle im eigenen Film zu besetzen – ein wenig Action unter eigener Regie vielleicht? „Um Gottes Willen“, sagt da das kinderlose Arbeitstier. Jetzt lacht er doch. Man wird halt ruhiger, jenseits der 50. Aber auch im Arte-Alter seien für Dialogfilme andere zuständig. Obwohl er die Liebesschnulze „Pretty Woman“ locker zwanzigmal gesehen habe und Sergio Leones grandios ereignisloses „Spiel mir das Lied vom Tod“ als „Mutter aller Filme“ bezeichnet, bleibt der Sprengmeister des deutschen Fernsehens ein unverbesserlicher Action-Fan, der lieber Fachbücher liest als schwere Romanstoffe. „Du wirst immer nur in einer Sache wirklich gut“, so lautet sein Credo. Und auch wenn es nicht jedem Feuilletonisten passt: Im Actionfach ist es Hermann Joha. Fast konkurrenzlos. „Cobra 11“ sei dank. Oder besser: ist schuld.
JBK: Superstar & Labermaschine
Posted: October 16, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDie Plaudertaschen
Heute Abend moderiert Johannes B. Kerner nach seinem umstrittenen Wechsel zu Sat1 erstmals seit vier Jahren wieder im ZDF. Mit Die Große Zeitreise-Show entfernt er sich allerdings noch weiter von dem, was er beherrscht wie nur wenige im Land, ja nicht mal Reinhold Beckmann: Talkshow. Eine Ehrenrettung zweier viel gescholtener Sündenböcke der Fernsehverdrossenheit.
Von Jan Freitag
Adjektivierte Nachnamen sind selten nett zu ihrem Träger. Quisling’sche Züge etwa spricht man Menschen zu, die wie der norwegische Politiker, Vorname Vidkun, im 2. Weltkrieg ihr Land verrieten. Bushism ist längst ein verbaler Inbegriff des Bösen. Auch Sadisten meinen es wie der exzessive Marquis selten gut mit ihrer Umwelt. Und dann gibt es die Kernerisierung. Mit ihr, so heißt es, kippt man gefühlsduseligen Medienmüll vom Tiefgang einer Balsaholzplatte auf die Bildschirme. Das Synonym heißt Beckmannismus.
Da ist es mal an der Zeit, etwas grade zu rücken: Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann machen nur ihre Arbeit! Keine intellektuell hochtrabende, keine investigativ grabende, keine allzu nachhaltige, gewiss. Aber ihre Gespräche im öffentlich-rechtlichen Programm funktionieren im Grunde wie handelsübliche Tageszeitungen: Etwas Politik vorn, ein Pflichtteil Ökonomie danach, dazu Kultur, Show, Sport und was fürs Herz. So begrüßt Beckmann alles, was zwischen Pfarrer, Boxer, Minister, Sänger und Hartzer denkbar ist.
Es sind bunte Personensträuße voll individueller Brüche, Exzentrik und Eitelkeit, so boulevardtauglich wie relevant, je nach Perspektive. Solchen Leuten bot auch, sagen wir: die linksliberale Frankfurter Rundschau vor ihrem Untergang Raum, wenngleich mit anderer Gewichtung. Klar, dass auch Johannes B. Kerner die Konversation gern mit der Suche nach Befindlichkeiten eröffnetet. Eine persönliche Frage vorweg, heißt das dann bei ihm, „wie geht’s Ihnen eigentlich?“, während Beckmann forscht, ob es seinem Gegenüber heute besser gehe gestern. Kein Einstieg für Politologen, aber fraglos ein Eisbrecher. Denn was folgt, ist oft sachliches Ertasten von Motiven, Folgen, Emotionen. Persönlich eben.
Und darum geht’s doch in der Aufmerksamkeitsökonomie moderner TV-Unterhaltung, der auch die Tagesschau anheim fällt, wenn sie aus einem afrikanischen Krisengebiet meldet, unter den 50.000 Flüchtlingen seien viele Kinder. Wie überraschend… Vor dem Weihnachtsurlaub jedenfalls rechnete bei Beckmann erst Wolfgang Clement mit der SPD ab, dann sein Widersacher Franz Müntefering wiederum mit dem Parteiaustreter, den er – das Zitat rauschte hörbar durch Deutschlands Blätterwald – mit Oscar Lafontaine verglich. Man mag ihm also eine geleckte Arroganz vorwerfen, wie sie die Pro7-Satire Switch auf geradezu geniale Weise persifliert; als Talker zählt Beckmann zum Einfühlsamsten überhupt.
So wie Kollege Kerner. Gut, in seiner aktiven Zeit beim ZDF kuschelte er 2008 eher mit dem Typ Till Schweiger oder Florian Silbereisen. Letzterem versicherte er zum Einstieg gar freundlich, nichts gegen Volksmusik zu haben. Aber das talkende Arbeitstier begrüßte an jährlich bald 150 Abenden auch durchschnittlich drei, vier Gäste pro Sendung, manchmal mehr. Das können kaum durchweg soziokulturelle Alphatiere sein wie ein Michael Schumacher, der ihn fraglos zu einer Homestory lud, der der Restboulevard seit Jahren vergebens nachhechelt. Gut, man könnte bei so einger Gelegenheit ruhig mal nach ökologischer Verantwortung der Formel 1 fragen oder dem Thema Vorbildfunktion für Raser; aber die 1998 zeitgleich gestartete Sabine Christiansen hat er mit seiner Plauderei längst überlebt.
Und sie werden ohne Zweifel noch den einen oder die andere hinter sich lassen. Denn die Quasseltaschen von ARD und ZDF befinden sich mit ihrem Fokus aufs Innere der Befragten ohne das Äußere zu ignorieren exakt zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sehgewohnheiten. Frei von der selbst verordneten Distanz hier oder kommerziellem Seelenstriptease dort. Dabei stand, seit Dietmar Schönherr 1973 mit Je später der Abend das US-erprobte Genre auch hierzulande einführte, seine Gefälligkeit doch stets im Mittelpunkt.
Abgesehen von extremen Rändern wie dem Presseclub hüben oder Oliver Geissen drüben, ging es allerorten vornehmlich um den Menschen hinter der Nachricht. Und als die Talkshow Mitte der Neunziger mit über 60 Formaten vom Heißen Stuhl über Late-Night-Shows bis hin zu Regionaltalks der Dritten die Kanäle geflutet hatte, war ihr Zenit bereits erreicht. Eskalation als Methode fand fortan eher nachmittags statt, während das gehaltvollere „Gerede“ (Schönherr) Richtung Mitternacht rückte, wo die immer gleichen Politprofis die immer gleichen Themen vor den immer gleichen Gastgeber(inne)n diskutieren – auch (und gerade) beim hoch gelobten Talktriumvirat Plasbergillnermaischbergerwill.
Wenn die FAZ dem „meist zahnlosen“ Kerner nach Eva Hermans legendärem Abgang aus seier Sendung also einst ankreidete, er wolle dreimal im Jahr „demonstrieren, dass er auch kraftvoll zubeißen kann“, sei ihr eine Ausgabe von – sagen wir: 3 nach 9 ans Herz gelegt. In der dienstältesten Talkshow wird Woche für Woche alles Mögliche getan – außer zubeißen. Wer Beckmann dennoch eitles Einerlei vorwirft, sollte sein 267-seitiges Gespräch mit Loki Schmidt (Erzähl doch mal von früher) lesen. Darin zeigt er wie kein Zweiter, wo sich Gefühl und Fakten zu treffen vermögen.
Kernersierung mag ja wie Beckmannismus zu Recht als Synonym leichter Kost dienen – mit ihrem Talkgestus hatte das weit weniger zu tun als mit ihrer Showattitüde. Wenn JBK also heute wieder was moderiert, das die Lieblosigkeit öffentlich-rechtlicher Abendunderthaltung bereits im Titel trägt, sollte man sich kurz vor Augen halten, dass es das System Fernsehen ist, dem diese talentierten Fragesteller den Zahn erlegen sind. Auch deshalb hat Kerner das Talken gelassen, auch deshalb macht Beckmann 2014 Schluss. Man wird erst merken, wenn sie weg sind, was das Medium an ihnen hatte.
Nils Koppruch: Sänger und Maler
Posted: October 8, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Ohne Worte
Vor einem Jahr ist das Unfassbare, vor allem unfassbar Traurige passiert: Nils Koppruch ist gestorben, plötzlich und unerwartet. Der Sänger, dessen Band Fink dem Country ein deutsches Gesicht ohne Cowboyhutpeinlichkeit gegeben hat, riss eine Riesenlücke in unzählige Lebensläufe und seinen Stadtteil St. Pauli. Zum Todestag bringen freitagsmedien einen Nachruf, der damals bei Zeit-Online erschienen ist
Von Jan Freitag
Man würde jetzt gern hören, was er selbst dazu sänge. Wenn es denn eines Requiems bedürfte, dann – bitteschön – sollte es doch von ihm stammen, ein Abschiedslied mit jener unnachahmlich näselnden Stimme, die so nonchalant vom Ernst der Lage in deren heiteren Momente mündet und zurück. Ein butterweiches, sanft kratzenes Timbre, das der Boheme im Prekariat in aller Lässigkeit den richtigen Tonfall verpasst, irgendwo zwischen Langeweile, Hoffnung und Zynismus. Man würde Nils Koppruch also fragen, ob er diesen Nachruf vertonen könnte. Aber Nils Koppruch ist tot.
Nicht musikalisch – diese Prophezeiung hat er in zwei Jahrzehnten Musik des Öfteren mit eigenen Mitteln widerlegt. Nein, physisch, so schwer das zu glauben sein mag. Nils Koppruch ist tot, und mit ihm starb einer der ganz wenigen, jedenfalls einer der ganz großen Singer/Songwriter deutscher Sprache überhaupt. Es wäre nun übertrieben pathossatt, von einer Lücke zu sprechen, die er hinterlässt. Der globale Pop lässt Leerstellen nicht lange ungeschlossen. Aber an dieser Stelle muss schon gesagt werden: Nils Koppruch hat in seiner kleinen Nische Musikgeschichte geschrieben, die ohne ihn womöglich unbesetzt bleibt.
Denn er hat, wenn man so will, der hiesigen Indieszene die Schlichtheit zurückgegeben, ohne sie zu trivialisieren. Als er 1996 in seiner Geburtsstadt Hamburg Fink gründete, hierzulande die erste Band, die Country nicht als putziges Zitat im Schlager verankerte, sondern als proletarisches Statement im Pop, da dachte er selbst noch, „das machen nur Nazis und Arschgeigen“. Genau darin jedoch erkannte Nils Koppruch nicht nur eine Fallhöhe, die ihn reizte, sondern gleichsam eine Bodenständigkeit, die sich wohltuend von der Hamburger Schule seiner unmittelbaren Nachbarschaft abhob.
Mit Mundharmonika, Banjo und Lagerfeuerlyrik schuf dieser sprachgewandte Zausel, dessen Zauseligkeit schon Ausdruck einer Haltung des Understatements war, als die Hipsterbeardos von heute noch nicht mal Bartwuchs hatten, einen zerzausten „Gegenentwurf zum elitären Cliquending“, wie er es erst kürzlich umschrieb. „Mit einem antiintellektuelleren Gestus, der sich nicht aus der verarbeiteten Sekundärliteratur speist“, sondern aus dem Herzen eines Mittelschichtenkinds, das mit gewissem Herkunftsstolz in der Stimme von seinen Wurzeln berichtet.
Arbeiter, Weber, Handwerker – das klang unterbewusst noch ein bisschen stolzer, als er davon im gebrauchten Zweiteiler zu Turnschuhen zwischen uralten Instrumenten in seinem vollgerümpelten Proberaum am Rande des Schanzenviertels erzählte. Dort saß der 48-Jährige noch vor wenigen Wochen neben seinem ungleich jüngeren Gesangspartner, dem Großgrundbesitzersohn Gisbert zu Knyphausen. Beide hatten gerade ihre musikalische Verpaarung zum Folkduo Kid Kopphusen mit einem respektablen Debütalbum gefeiert. Doch während der eine, der mit dem blauen Blut, 33 Jahre alt, erzählte, er könne nach vier Jahren im Geschäft von den Tantiemen zweier Alben bereits seine Mietmusiker gut bezahlen, erklärte der andere, der mit den alten Instrumenten und grauen Fusseln, auch nach sechs Fink- und zwei Soloalben würde die Musik kaum seine Unkosten decken.
„Es gibt Touren, da komme ich nach Hause, ohne einen Cent verdient zu haben“, erzählte er in breitem Hamburger Slang. Nur: er klang dabei nie traurig, nicht mal trotzig, bloß realistisch. Dazu passten seine buschigen Augenbrauen, die sich so herzzerreißend zum Koppruch-Dach zwischen Ernüchterung, Optimismus und Scheißegal schließen konnten. Was soll das Lamento?, sagte das fröhliche Stirnrunzeln darüber – ich hab ja noch die Malerei. „Ohne meine Bilder“, sagte Nils Koppruch, „könnte ich nicht davon leben“.
Umso erstaunlicher, dass das mit denen so gut klappt. In Fachkreisen nennt man sie wohl Art Brut, unter Fachfremden irgendwas mit Dada, er selbst sprach von „Outsider-Art von Künstlern, die das nicht machen, weil sie es gelernt haben, sondern weil sie es machen müssen“. Er musste also. Und es ging ihm auch hier ihm ums Rohe, Unfertige. Keine Stromlinie, kein Expertenstatus, kein Marktgeschreie, und doch derart viel Erfolg, sogar zählbaren, in 100 Ausstellungen und prominenter Kundschaft. Dass er unterm Pseudonym SAM schon lange vor der Musik tätig war, wissen nur wenige, doch Koppruch sagte auch: „Falls ich mit Musik mehr verdienen würde, würde ich weniger malen“. Um noch mehr Zeit mit all den Projekten und Kollaborationen zu verbringen, seine Cash-Interpretationen und Benefizkonzerte, seine sprachliche Poesien zu simplen Melodien. All dies zeugt von einem Unruhigen mit Frau und Kind, dem die Brotlosigkeit seiner Kunst nicht die Kunst verleidet, sondern die Ruhe.
Dabei wollte Nils Koppruch Schriftsteller werden. Sogar einen Roman hat er begonnen, „so dick“, seine Hände gingen schulterbreit auseinander, „totaler Stuss heute“, aber immerhin ein Ausdruck. „Das kannst du posthum veröffentlichen lassen“, sagte sein Freund Gisbert neben ihm und lachte. Dann wird es Zeit, denn Nils Koppruch ist tot, er starb gestern in Hamburg und ja, er hinterlässt eine Lücke. Nein, viele Tausend Lücken.