ZDFneo: Nischensender mit Niveau
Posted: July 25, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Fernsehverweigererfernsehen
ZDFneo ist Deutschlands bester Sender, so gut, dass ihn fast keiner sehen will. Deshalb ging die neue Chefin vor genau einem Jahr auf Werbetour. Die Botschaft: Zwischen Pest und Cholera ist noch Platz. Das Resultat: Das Programm ist besser denn je, die Quote so niedrig wie immer.
Von Jan Freitag
Gutes Fernsehen ist manchmal wie ein kluger Mensch mit Marotten: Ein bisschen skurril, ein bisschen gewöhnlich, bisweilen schwer erträglich, meist aber sehr interessant, also kaum auszurechnen. Eine Wundertüte. ZDFneo zum Beispiel ist bei aller Klugheit voller Marotten und gerade deshalb so gut. Der digitale Ableger des Zweiten Programms zeigt Dokus für die breite Masse wie Terra X und Reportagen aus dem Abseits wie Wild Germany. Er kocht Abgehangenes wie Lafer, Lichter, Lecker! auf und bereitet Frisches zu wie Das Kneipenquiz. Er sendet Seniles wie Die Wicherts von nebenan als letztes und Sensationelles wie Mad Men als erstes. Er ist in einem Wort: Widersprüchlich.
Das schreit förmlich nach einer widersprüchlichen Senderchefin. Nach Simone Emmelius. Distinguiert ist sie und promoviert, zugleich jedoch goldbehangen und grell geschminkt. Trotz ihrer 54 Jahre wirkt sie blutjung, kann allerdings auch steinalt erscheinen in ihrer öffentlich-rechtlichen Gremienerfahrung. Das qualifiziert sie für kaum etwas besser als den jugendlichen Ableger des Greisenfernsehens aus Mainz. Ihn zu erklären fällt allerdings nicht grad leicht. Sabine Emmlius versucht es trotzdem. ZDFneo sei eine „öffentlich-rechtliche Programmalternative für 25- bis 49-Jährige“, die man mit allem „außer Trash und Langeweile unterhalten, verblüffen, informieren“ wolle.
Und in der Tat: Seit dem Start am 1. November 2009 hat sich der Spartenkanal reichlich Respekt erarbeitet. Schließlich ist ZDFneo gemeinsam mit seiner digitalen Schwester ZDFkultur nicht nur das Beste, was derzeit frei empfangbar ist, es ist erfüllter Staatsauftrag pur: relevant, lehrreich, spannend. Sehenswert. Umso erstaunlicher, dass Emmelius drei Monate nach Amtsantritt eigens nach Hamburg reist, um der Medienstadt mal den Stellenwert ihres Arbeitgebers darzulegen. ZDFneo mag nämlich noch so tolles Fernsehen liefern – sehen will die Jugendsektion im Mainzer Altenheim kaum jemand. „Es werden mehr“, beteuert die Literaturwissenschaftlerin. Aber was ist schon ein halbes Prozent im Gesamtmarkt, was sind 0,9 im digitalen? Praktisch nichts.
Und eine Menge. Denn der studierten Volkswirtin Simone Emmelius geht es gar nicht so sehr ums Geschäft, sondern um „Köpfe, Formate, Genres“. Um unbekannte Gesichter wie den Sieger des TVLabs Teddy Teclebrhan oder das MTV-Gewächs Palina Rojinksi, aber auch bekanntere wie Benjamin von Stuckrat-Barre. Mit Perlen wie der Lebenssinnsendung Herr Eppert sucht…oder Manuel Möglichs Reportagereihe Wild Germany. In Genres, die es durchaus schon gab, nur eben nicht so. Dennoch: Um 30 Millionen Euro Jahresetat zu rechtfertigen, muss ZDFneo Masse sein und Nische, beides in einem und nichts zu sehr. Übertriebene Vergleichbarkeit mit dem Zweiten, präzisiert Simone Emmelius, „wäre die Pest“, überzogene Abstraktion „die Cholera“. Um den Altersschnitt der Zuschauer unter die magischen 49 zu drücken, will man von der Zentrale „eine gewisse Mainstreamigkeit“ lernen. Mit dem Strom fließen will man nicht.
Dieses Dilemma hat sogar einen Namen, besser zwei: Joko & Klaas. Mit Turnschuh, Schlips und Schlagfertigkeit sind die Herren Winterscheid und Heufer-Umlauf echte Aushängeschilder. Es sind aber auch große Jungs mit entsprechenden Manieren, die sich vornehmlich beim Plastikkanal ProSieben austoben. Simone Emmelius fühlt sich dennoch „im Reinen mit den beiden“. Ihr Hybrid aus albernem Abistreich und echter Late-Night neoParadise sorgte schließlich bis Anfang des Jahres – bevor es bei die Kommerkonkurrenz als Cirkus Halli Galli schlecht kopierte – für Strahlkraft ins Privatpublikum, also für Youtube-Klicks und Mediathek-Zugriffe.
Das wäre die frische Seite. Auf der abgehangenen werden schon mal die Altlasten des Hauptsenders versendet, derzeit die letzten Folgen der Telenovela „Spuren im Sand“, kürzlich das reanimierte Rateshowrelikt Die Pyramide. Ganz abgesehen von SOKO, Die 2, solchen Sachen. All dies wird indes durch neue Zutaten im Fernsehallerlei angereichert. Das Kneipenquiz etwa mit dem Dittsche-Sidekick Jon Flemming Olsen, eine englische Adaption, aber eine gute. Wie Sarah Kuttners Magazin Bambule, ein bisschen wie Polylux, nur besser.
Sein Medium neu erfinden, das weiß auch Simone Emmelius, kann selbst ZDFneo nicht. Aber mit Leben füllen. Dafür begibt sich die Reportagereihe German Angst auf die Spur hiesiger Befindlichkeiten und das Wissensformat Wie werde ich… auf die der beruflichen Träume. Es gibt reihenweise grandiose Importe jenseits des Mainstreams, zurzeit etwa Lena Dunhams gefeierte US-Serie Girls, die sich gängigen Dramaturgie- und Schönheitsidealen ebenso widersetzt wie die grandiosen Antisuperhelden Misfits. Es gibt eine Dokusoap namens Junior Docs übers harte Leben Hamburger Assistenzärzte, sogar eine eigene Familienserie ist geplant, Tendenz Sitcom. Was tut man nicht alles für ein Prozent Marktanteil.
Oliver Pocher: Sichtbares Moderations-Nichts
Posted: July 18, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
In der Messlattenfalle
Sind das etwa Pubertätspickel? Foto: http://www.promiflash.de
Oliver Pochers Humor an dem begabter Komiker zu messen ist ähnlich unfair, wie Wolkenkratzer mit Wellblechhütten zu vergleichen. Besser, man misst ihn an seinen eigenen Ansprüchen, die er in Deppenformaten von Pro7 ebenso klar unterlaufen darf wie an der Seite von Harald Schmidt, als Talkgast bei Günther Jauch, Sidekick der Sportschau oder morgen (19. Juli, 20.15 Uhr) als Moderator von Der große SAT.1-Führerschein-Test 2013. Ein unvollständiges Protokoll des Scheiterns.
Von Jan Freitag
Wer wissen will, wie Fernseh-Comedy funktioniert und scheitert zugleich, muss sich nur eine unlängst vergangene Fußball-EM ins Gedächtnis rufen. Nach Live-Spielen der ARD versuchte Oliver Pocher, den Turnierverlauf humoristisch zu begleiten und es misslang ihm so herzlich, dass man darüber eigentlich schweigen sollte. Den Krawallkomödianten zu verreißen, hat bis auf Bild und Pro7 schließlich jeder längst getan, nicht selten im Tonfall abendländischer Untergangsphantasien: Oli, der Totengräber deutscher Hochkultur, Oli, der Beleg ethischer Verwahrlosung des Privatfernsehens, Oli, die Bankrotterklärung öffentlich-rechtlichen Relevanzbestrebens. Es ist en vogue, auf den kleinen Niedersachsen mit der großen Klappe rumzuhacken.
Wenn der unflätige Exsidekick Harald Schmidts also heute mal wieder irgendwas Sinnloses mit Promis moderieren darf, sollte man ihn also weniger an objektiven Ansprüchen messen als den eigenen: Konventionen sprengen, ohne sich zu schonen; auf den Putz hauen, ohne Schamgefühle zu entwickeln; schlagfertig sein, ohne zu zögern; juvenil eben, nicht infantil. Keine kabarettistischen Tugenden zwar, aber Indizes eines Humors, der Mario Barth Olympiastadien füllen hilft und ein paar Gleichgesinnte immerhin die Bankkonten. Nur: Barth findet tatsächlich witzig, wer latent frauenfeindlich tickt. Bully Herbig, wer auf Tuntenparodien steht. Den Maddin, wem Grimassenhumor liegt. Selbst Gaby Köster amüsiert jene, die Mundart als Selbstzweck sehen. Und Oli? Der ist laut.
Zumindest, solange man ihn unbehelligt lässt. Wem seine Beißbereitschaft, die gandenlose Hemmungslosigkeit bis zur vollständigen Selbstentblößung fehlen, kann ihm kein Paroli bieten, nicht vor laufender Kamera. Ansonsten sieht Pocher blass aus. Man kann es ein Dilemma nennen, wenn jemand die Messlatte hochlegt und dann ständig reißt. Aber er steckt in einer Menge Dilemmata. In Fallen, die er sich selbst stellt. Hier ist eine Auswahl:
Die Dreistigkeitsfalle
Wird jemand obszöner als er, verstummt Oliver Pocher. Als Lady Bitch Ray ihn mit vaginalen Sudelwortattacken zur Late-Night attackiert, schweigt der Frechdachs seine Unterlegenheit in Sachen Krawallhumor einfach aus und errötet wie ein Schulbub. Besser ist Pocher, wenn er einer Journalistin auf einer Pressekonferenz den USB-Stick aus dem Computer zieht und eine burschikose PR-Dame öffentlich auslacht. Aber wehe dem, der seine Arbeit kritisiert – ihm kommt der Oli gleich klassistisch: Wer sein Gegröle nicht mag, ist ein elitärer Spaßverächter. Austeilen ist seine große Stärke, Einstecken weniger.
Die Schlagfertigkeitsfalle
Charlotte Roche sagt ebenfalls in der ARD, mit ihrem Buch Feuchtgebiete habe sie „Muschis für Pocher und Hämmorhoiden für Schmidt“ liefern wollen. Die Retourkutsche überlässt Oli einem Harald in schlagfertiger Hochform („den Titel wollten wir für die Sendung, aber da saßen Marianne und Michael schon drauf“); Oli selbst, der Stand-up-Praktikant, wie ihn die taz nennt, stammelt nur zustimmend.
Die Konfrontationsfalle
Als Mark Medlock ihm bei einer Preis-Verleihung auf Viva im Frühling zubrüllt, er sei nicht sein Geschmack, „aber hör in Zukunft auf mit deinen Scheißschwulenwitzen“, tut Oli beharrlich, als hätte er ihn akustisch nicht verstanden, um sodann eine homophobe Zote zu reißen. Niederlage nach Punkten gegen einen Kurzzeitpromi, der eigentlich auf gleicher Wellenlänge funkt („zum Abspritze geil“). Wenn Mangel an menschlicher Größe auf Selbstüberschätzung trifft…
Die Vorbildfalle
Oliver Pocher spielt sein Vorbild Otto Waalkes bei dessen Geburtstagsgala auf RTL nach und schafft es, der Sketch-Kopie nicht eine persönliche Note hinzuzufügen. Bei anderen hieße das vielleicht Respekt, bei ihm nur Tiefenschärfedefizit.
Die Persiflagefalle
Im deutschen Nationalteam kann Oli ausschließlich Kevin Kuranyi persiflieren, weil der Bartträger ist und lispelt. Jürgen Knopp kann er auch – indem er beim Torjubel wild herumhüpft. Versucht er sich an konturärmeren Charakteren wie Jogi Löw, sagt selbst sein Intimus Harald Schmidt, das sei erbärmlich und beweist durch beharrlich entsetztes Dreinblicken, dass er sich Pocher nur in die Show geholt hat, um bei untergehender Sonne der Kultur einen längeren Schatten zu werfen.
Die Zielgruppenfalle
In seinem EM-Schunkellied Bringt ihn heim fällt ihm nichts Besseres als Zeilen ein wie „Bitte lieber Fußballgott/lass uns heute nicht im Stiiich/denn wir wollen den Pokal/alles andere wollen wir niiicht“. Da beweist ein Xavier Naidoo mehr Esprit im Umgang mit dem plebejischen Thema. Immerhin reicht es für Platz 8 der Pöbelcharts und satte Tantiemen.
Die Kontinuitätsfalle
In der Bayern-WG, bei EM-Pocher und zwischendurch gar in der Sportschau erhält er die Chance, eine Art komödiantischer Kontinuität zu entwickeln. Ergebnis: Oli simuliert den Franzosen Ribéry mit bulgarischem Akzent, läuft gegen Laternen, brüllt verschreckte Kind mundtot und ruft unablässig Ohhh. Oder er erklärt als eine Art Lukas Podolski den Kölner Geißbock für schwul. Der Rest ist – Rumgrölen.
Die Relevanzfalle
Als Oliver Pocher kürzlich die erstaunliche Ehre zuteil wurde, sich in der Talkshow Günther Jauch zum Fall Uli Hoeneß zu äußern, wozu ihn mangels Fußballsachverstand einzig die Moderation stupider Privatfernsehcastings für Amateurkicker qualifizierte, offenbarte er seine Inkompetenz mit entwaffnend schlichten Antworten wie „Da kann ich, wie gesagt, nicht viel zu sagen, aber ich würde sagen…“ – worauf er dann doch lieber nichts sagte. Nichts jedenfalls von Belang für die spannende Debatte.
Soviel zur Bestandsaufnahme. Der gut verdienende Komödiant Oliver Pocher ist ein selbsterklärter Christ und ausgebildeter Versicherungskaufmann von 35 Jahren aus Hannover, ein sympathischer Kerl mit etwas jungen, aber oft hübschen Freundinnen, ein eloquenter Entertainer für Bravo-Shows, also durchaus geeignet für eine Beamtenlaufbahn im Comedybiz. Jetzt warten wir nur noch auf die erste echte Pointe, auf einen Witz, auf Esprit, Charme oder wenigstens gute Unterhaltung. Es lohnt sich, der Oli hat Talent. Und er ist ja noch jung.
Sex on the TV: Erotik im Fernsehen
Posted: July 11, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt 2 Comments
Längst jugendfrei
Vor 20 Jahren knackte das Privatfernsehen mit Sexsendungen und Softpornos noch allerlei Konventionen. Heute gibt es statt genuiner Erotikformate Beischlaf im Vorabendprogramm, moralische Grenzen überschreiten eher die Sommermädchen auf Pro7. Und wenn ZDFneo heute Heiße Nächte ankündigt, werden die eher witzig als hitzig, nicht zuletzt dank der famosen US-Serie Girls.
Von Jan Freitag
Wenn es um Sex geht, ist die Schwelle der Erregung variabel. Als Sünderin Hildegard Knef 1951 im Kino ihre Brüste entblößte, kochte das Bürgertum noch vor sittlichem Eifer. Als 16 Jahre später der ARD-Report auch nachrichtlich erstmals blank zog, blieben Proteste bereits auf Bayerns Bibelgürtel beschränkt. Als Ingrid Steeger 1973 barbusig Klimbim machte, empörte sich grad noch der Klerus. Und als RTL Mitte der 80er seinen Trieben freien Lauf ließ, blieb die Kritik endgültig ästhetischer Natur.
Kein Wunder, dass ein Themenschwerpunkt wie Heiße Nächte da keinen mehr echt erregt. Warum auch? Das Schlüpfrige an der Reportage-, Doku- und Filmreihe bei ZDFneo erschöpft sich schließlich schon zum Auftakt „Heiß und Fettig!“ darin, dass Moderator Thilo Mischke bei seinem mehrteiligen Streifzug durch die Welt des Beischlafs ständig „Ficken“ sagen darf. Komödien wie Amy’s Orgasmus“ zeigen sodann vom eigenen Titel wenig. Und die famose Serie Girls mag vom Lotterleben New Yorker Praktikantinnen handeln – kopuliert wird eher andeutungsweise als offen.
Und das ist ja schon mal bemerkenswert. Einerseits nämlich haben einst als „Tittenkanäle“ verschriene Sender wie RTL mit Tutti Frutti und Lederhosenzoten vor gut zwei Jahrzehnten den Weg für explizite Bettszenen am öffentlich-rechtlichen Vorabend geebnet. Andererseits scheint der Bedarf danach im Internetzeitalter wieder zu sinken. Magazine wie M und Sexy Follies filmten sich Ende der 80er noch von Pornoset zu Swingerclub, offen sichtbare Paarakrobatik wurde zum Standard selbst harmloser Filme, während nachts Perspektiven jugendgefährdender Streifen liefen, die mit Zweitkameras zur TV-Verwertung gedreht wurden. Porno light eben. Doch diese Zeiten sind passé.
RTL mag weiter als irgendwie dumpf gelten – Anzügliches läuft dort kaum. Die letzte Beanstandung liegt 20 Jahre zurück, Erika Berger ist 73 und Dailytalks über Windelfetischisten, für die Sat1 einst Bußgelder kassierte, sind mangels Quote Geschichte. Da Pornographie laut einem BGH-Urteil von 1969 die Funktion ihrer Darsteller reißerisch und kontextfrei zu austauschbaren Lustobjekten reduziert, erregen folglich andere Sendungen Anstoß: turbosexistische Zuchtstationen wie Sommermädchen etwa oder Germany’s Next Topmodel.
Nachdem das Fernsehen den Sog des Aktes also erst angedeutet, dann ausgebeutet und bald zu Tode gesendet hat, ist dies die jüngste Stufe körperlicher Bereitstellung: Formate vom gediegenen ZDF-Kopfkino Erotic Tales bis hin zur Sexshoptour Wa(h)re Liebe auf Vox waren im Kern Akte der Emanzipation, die beide Geschlechter gleichermaßen zu Sexobjekten gemacht haben; Pro7 dagegen mag die Fleischbeschau seiner bulimischen Stöckelschuhherden als Teil weiblicher Unabhängigkeit verkaufen – in Wahrheit liefert Gestütsleiterin Heidi Klum nur eine fernsehgerechte Form der Prostitution.
Aus Sicht des Vereins „Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen“ (FSF), 1994 im Zuge der Kritik an Sex und Gewalt im Privatfunk gegründet, ist das jedoch eher eine Geschmacksfrage, also weniger zu beanstanden als allzu unverblümter Sex. Der seine Sogwirkung aus Sicht von Volker Herres ohnehin eingebüßt hat. „Kopulationsakrobatik mit Hintergrundstöhnen im Fernsehen“, so der ARD-Programmchef, „hat einen Ermüdungseffekt“. Entscheidend für wahre Erotik sei die Inszenierung, etwa bei ästhetischen Reihen wie den Sommernachtsphantasien im ZDF oder der US-Serie Californication (RTL2). Hier wird Beischlaf in allen Facetten praktiziert, ohne ihn wirklich zu zeigen.
Und genau das ist es auch, was Heiße Nächte auf ZDFneo sehenswert macht. Denn zu sehen ist, was der Kopf draus macht, nicht was hineingepresst wird. Die Art und Weise zum Beispiel, wie Hauptdarstellerin Lena Dunham ihren angenehm unmodellierten Leib in der global gefeierten HBO-Serie Girls einsetzt, ist durch die Mixtur aus vulgär und dezent begehrenswerter als Heidis „Mädels“ je sein werden. Dafür muss man gar nicht allzu viel davon sehen.
Sex am Bildschirm, sagt schließlich selbst der alte Aufklärungspapst Oswald Kolle, sei doch mittlerweile „total out.“ Und es mag „in vielen Serien harte Sexszenen“ geben, wie die Medienforscherin Joan Bleicher weiß; als „Aufmerksamkeitsfaktor“ sei Erotik ins Internet abgewandert. Wer braucht dort folglich Softpornos, wenn in Christine Neubauers Schmonzetten eifrig geschnakselt wird; und wer braucht RTL, wenn youporn Hardcore ohne Schranken liefert. Bei den meisten Sendern bemängelt die Kommission für Jugend- und Medienschutz allenfalls noch den Teletext. Im Programm dagegen suchen die Privaten laut Joan Bleicher neue Tabus. Als Beispiel nennt sie Scripted Reality wie Eltern auf Probe. Wer so anstößiges Fernsehen hat, braucht sich über Sex darin nicht aufzuregen.
Oli Geissen, RTL-Moderator
Posted: July 4, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDer Alleswegmoderierer
Kaum zu glauben, aber wahr: Die Hamburger Radioquasselstrippe Oli Geissen moderiert seit genau zehn Jahren ein RTL-Format, das sich trotz Sender, Moderator und Stil zur letzten echten Musiksendung im deutschen Vollprogramm gemausert hat: Die ultimative Chart Show. Zum Geburtstag der Ranglistensause ein Porträt des vielleicht seltsamsten Lila-Laune-Bärs im Privatfunk
Von Jan Freitag
Wer einen Raum so betritt wie dieser Mann, der hat nicht bloß gesundes Selbstvertrauen, es suppt ihm förmlich aus jeder Pore. „Moin, Moin zusammen“, sagt, nein: ruft Oliver Geissen durchs Separee einer Hamburger Spielbank und nimmt jeden einzelnen Gast kurz fest in den Blick. „Alles gut?“, ruft, nein: johlt er mit weit geöffnetem Armen hinterher und meint das natürlich strikt rhetorisch. Alles gut! Was nach einer Frage ans knappe Dutzend Gäste seines kleinen Jubiläums-Dinners klingen mag, ist schließlich reines, unverblümtes, kompromissloses Eigenlob eines Moderators, den es eigentlich nicht geben sollte. Von einer Show, die es eigentlich nicht geben dürfte. Mit einem Erfolg, der nun wirklich vollends unfassbar ist: Denn dieser braungebrannte Brusthaarentblößer mit dem vielen Bling Bling am Körper, er leitet seit zehn Jahren Die ultimative Chart Show. Und das grenzt an ein Wunder. Besser: an mehrere.
Als die Rankingshow von allem, was musikalisch Mainstream ist, Ende Mai 2003 auf Sendung ging, war der gelernte Radioreporter für seriöse Abendunterhaltung im Grunde verbrannt. Das Jahrzehnt zuvor hatte er den geladenen Nebenerwerbsproleten ja an 1807 Nachmittagen von Promiskuität über Sexsucht bis wechselnde Bettgeschichten alles entlockt, was knallt. Kein allzu seriöses Bewerbungsschreiben für die Primetime; aber Olli, wie ihn alle nur nennen, war ja auch bei keinem seriösen Sender beschäftigt, sondern bei RTL, das sich seinerzeit nur mühsam vom Ruf des Tittenkanals befreite.
Also ließ man ihn 2002 Die 80er Show moderieren, noch nicht ultimativ, aber zehn Folgen lang mit ultimativ guten Quoten. Sechs Millionen, bei der Zielgruppe sogar mehr als Wer wird Millionär vorab – das schaffte sonst nichts Serielles. Bald wühlte – Wunder zwei – auch die Konkurrenz so fleißig in der Pophistorie, das daraus eine Retrowelle wurde. Und auf der schwamm niemand erfolgreicher als Geissen, womit wir beim letzten Wunder wären: Olis zappelige Nummernrevue verkaufsstarker Rock-, Pop-, Party-, Netz-, Radio-, Cover-, Welt-, Deutsch- oder Siebziger- bis Neunzigerhits samt One-Hit-Wonder brachte es bislang nicht nur auf 117 Ausgaben; genau genommen ist sie die letzte echte Musiksendung im Vollprogramm. MTV? Seit Jahren kostenpflichtig! VH1? Längst Geshichte! ARD? Sendet Schlager. Viva? Sendet nicht mal mehr die!
In dieser Klangleere sorgt abseits von Raabs TV total ausgerechnet die Chart Show des gelernten Dudelfunkreporters Geissen für etwas, das einst stilbildend war fürs Medium: Videos und Livemusik. Und das liegt auch am Moderator. Der hat schließlich alle Instanzen kommerzieller Unterhaltung so frei von Tiefgang durchlaufen, dass ihm der RTL-Entertainer zur zweiten Haut geworden ist. Nach seinem Weg vom Leistungssport (Fußball, Football) übers Radio hin zum Nachwuchsreporter beim ZDF vor fast 20 Jahren, ist der Wuschelkopf mit den dicken Tränensäcken im Knautschgesicht notorisch auf Sendung – erst als Live-Moderator bei Big Brother, später als Pseudo-Moderator seiner Trashtalks, weiter als Musik-Moderator der Chart Show, nebenbei als Robert-Lembke-Imitator bei Es kann nur e1nen geben. Und stets gelingt dem Schnellschnacker aus Hamburg ein seltsamer Spagat: Präsent zu sein, ohne Präsenz zu zeigen.
Geissen ist eine Moderationsmaschine mit Start- und Stopptaste, die man überall hinstellt, wo Massengeschmack werbewirksam bedient wird. Die Kunst daran: man merkt ihm seine Teilnahmslosigkeit kaum an. „Mein Lieber“, begrüßt er schon mal einen Gast, „bist ja hier rübergekommen, und du … du hast eben im Filmchen gesagt, du hast immer davon geträumt ein … ein … ein Star, ein Popstar zu werden“. So klingt es oft im Plausch mit seinem Sofastammpersonal von halbnackten Showmiezen wie Sonya Kraus über halbkluge Muskelprotze wie Ralf Möller bis halbwitzige Comediens wie Cindy aus Marzahn, deren Qualifikation mit Ausnahme des ewigen Dieter M. Stein bestenfalls darin beruht, was der Moderator von sich selbst behauptet: „Ich kann kein Instrument spielen, habe aber eine riesige Leidenschaft für Musik.“
Er spricht all das auch zur Vorstellung der vierstündigen Geburtstagsausgabe „Die erfolgreichste Single der deutschen Chart-Geschichte“ aus, als säße er vor Publikum im Studio statt Journalisten in der Spielbank: Spontan, locker, zappelig, ohne Punkt und Komma. Der Oli eben. Haare strubbelig, Schnauze kodderig, Grinsen großartig. Mit gerade mal 43 Jahren hat sich dieses Moderator gewordene Spaßfernsehen also zur Topmarke eines ganzen Genres gemacht. Im Rudel der Marco Schreyls und Jochen Schropps gibt Oli Geissen also den Lila-Laune-Leitwolf und lacht sich wohl innerlich schlapp übers viele Geld, das er mit gesendetem Nichts nebst einer PR-tauglichen Liebe zur Schauspielerin Christina Plate verdient. „Du darfst nicht stören und du muss zuhören“, lautet sein Moderationscredo hinterm Erfolg. Dass beides auf ihn nicht zutrifft, macht seine Karriere so besonders.
Der Text ist erschienen in der Berliner Zeitung: http://www.berliner-zeitung.de/medien/10-jahre-rtl-chart-show-die-moderationsmaschine-feiert-jubilaeum,10809188,23299344.html
Markus Lanz, wettender Talkhost
Posted: June 20, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt 1 CommentAnständig alt werden
Wer dieser Tage auf Markus Lanz rumhackt, sollte sich vor Augen halten, was er zumindest ein bisschen besser kann als Samstagabendshows: Seine Talkshow im ZDF, seit 500 Folgen, obwohl es auch da ständig um um Wetten, dass…? geht, irgendwie
Die Welt von heute ist eine Zahlenwelt. Algorithmen sorgen für Wissen und binäre Codes für Kommunikation. Von Sieg bis Niederlage, gut bis mies, von „weiter so“ bis „geht nicht mehr“ lässt sich alles exakt beziffern. In dem Licht muss man auch diese beiden sehen: 500 und 6,7 Millionen. Erstere wirkt bescheiden, nach Hartz-IV und Pauschalurlaub, ist aber Ausdruck eines Erfolgs. Letztere dagegen atmet Rendite, Reichtum, Villenviertel, kennzeichnet aber den Abstieg. Womit bewiesen wäre: Über Wohl und Wehe einer Zahl entscheidet nicht die Größe allein.
Davon kann Markus Lanz zurzeit ein Lied singen. Elf Tage vor jener Show, die stolze 500 Folgen seinen Namen trägt, servierte ihm das Publikum jener Show, über der ein anderer schwebt, die tiefste Quote überhaupt. Keine sieben Millionen Zuschauer bei Wetten, dass…? – die hätte ein Gottschalk selbst ohne Wetten geschafft, die musste nicht mal ein Lippert erdulden, die waren auch beim Antritt des Neuen kaum denkbar. Und so waidwund geschissen, pardon: -schossen, wie Markus Lanz ob der aberwitzig missratenen Mallorca-Ausgabe durch den Shitstorm alter wie neuer Medien watet, dürfte es kein Trost sein, dass abseits des letzten TV-Lagerfeuers nur Tatorte und Fußballspiele höheren Zuspruch ernten.
Also die 500.
Eine imposante Zahl, Balsam für die Moderatorenseele. 500 Folgen Markus Lanz hat Markus Lanz seit 3. Juni 2008 geleitet, Zuschauerschnitt stabil über 1,5 Millionen. Und das nicht zehnmal zur Familienzeit, sondern dreimal die Woche gen Mitternacht. So oft hatte der dialekt- wie kantenfreie Südtiroler alles vor sich sitzen, was von Rang und namenlos ist: Wähler und Politiker. Hollywoodstars und Couchpotatoes. Funktionäre samt ihrer Opfer. Objekte, Subjekte, Sessel an Sessel. Unbekannten, die 35 Jahre zu Unrecht im Knast gesessen hatten, begegnet er mit großer Zurückhaltung, den Weltgestalter Tony Blair dagegen fragt Lanz, ob er Katholik geworden sei, „um die Sache mit dem Irak besser beichten zu können“. Das passt nicht zum Klischee vom geschmeidigen Streber, nicht nur. Findet auch Lanz und sagt es auch. „Ich war doch derjenige, der Roland Koch die wirklich harten Fragen stellt“.
Weil da was dran ist, waren 500 mal 75 Minuten Lanz also nicht die schlechtesten 625 Stunden der letzten fünf Jahre Fernsehen. Aber waren es deshalb gute? Dazu mal keine Zahl, sondern ein Zwiegespräch vom Juni. Bis zur Bundestagswahl wolle er jeden grünen Spitzengrünen fragen: „Ist es denkbar, mit den Schwarzen zu koalieren“, so ging der Ex-Radio-, Ex-RTL-, Ex-Kochshow-, Ex-alles-mögliche-Moderator den spitzesten aller Grünen mit der lanztypischen Klappmesserpose an. Dass weder CDU noch FDP bei Betreuungsgeld oder Vermögensabgabe mitmachen, hielt Jürgen Trittin gegen. Dann ging es los.
Lanz: „Ich glaube, die sagen ja.“
Trittin: „Öhhh.“
„Was ist, wenn die ja sagen, Herr Trittin?“
„Sehen Sie, Sie können auch behaupten.“
„Im Ernst jetzt, wenn die ja sagen.“
„Ich kann mir viel vorstellen, aber dass die CDU sich vier Jahre selbst verleugnet…“
„Aber Sie müssen ja mit Angela Merkel klarkommen.“
„Ich habe bewusst dieses Beispiel gewählt, weil ich wie viele der Auffassung bin, dass die Bundeskanzlerin ein gutes Berufsverständnis hat.“
„Jetzt waren Sie kurz davor, Angela Merkel ein Kompliment zu machen.“
„Nein.“
„Doch.“
„Das ist ein Kompliment.“
„Aber man hätte das noch netter formulieren können.“
Stakkato, Raubtierspannung, Stirnrunzeln im Dauerwechsel mit Zurückhaltung, Nähe, Empathie – so schmeckt das Tiroler Emotionsallerlei aus fünf Minuten Verhör mit den Großen und fünf Minuten Gefühl für die Kleinen seit jeher. Diese lächelnde Dauerpose im engen Zweiteiler macht Markus Lanz zum Robin Hood von Flatscreen Forrest, seine Interviews zum Pingpong aus privater Gefühlsduselei und öffentlich-rechtlicher Sachlichkeit. Das zeigt sich auch im Gespräch um ihn selbst. Dann spricht der drahtige Mittvierziger gern vom „Arsch“, in den er sich bei einer Südpolarexpedition fürs Zweite treten musste, um zwei Atemzüge später „anständig alt zu werden“ als größere Herausforderung zu nennen, verglichen mit minus 40 Grad.
Vielleicht wirkt Markus Lanz darum nie ganz locker, nie ganz Gottschalk: Stets wirkt er um Kurskorrektur seines Kuschelimages bemüht, ohne es ganz zu verleugnen. Früher hätte er über die Sinnlosigkeit, Vorurteile zu bekämpfen, gesagt: „Da stehe ich drüber.“ Heute sagt er: „Es nervt!“ Fragt sich, ob es Wetten, dass…? bald so tut, dass dessen Exmoderator in spe den geordneten Rückzug auf die kleine Bühne antritt: bisschen Publikum, bisschen Attacke, bisschen Kuscheln mit Raub- wie Beutetieren, aufgezeichnet nach Karteikartenlage. „Kennst du drei Leute, die dich einfach nicht ausstehen können?“, fragt Karl Lagerfeld zur Jubiläumssendung. Um nicht bald „alle“ antworten zu müssen, sollte Markus Lanz das tun, was er am besten kann: Markus Lanz.
Von Jan Freitag
Der Text ist auch in der Berliner Zeitung erschienen: http://www.berliner-zeitung.de/medien/markus-lanz-raubtier-auf-dem-sprung,10809188,23418634.html
Martin Wuttke, Theater-Wolf auf Tatort-Jagd
Posted: June 13, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDer stille Berserker
Seit fünf Jahren ermittelt Martin Wuttke am Tatort Leipzig. Sonntag folgt mit Die Wahrheit stirbt zuletzt bereits sein 17. Fall an der Seite von Simone Thomalla. Dabei fühlt sich der 51-jährige Theaterschauspieler im Fernsehen eigentlich alles andere als wohl und ist auch im Kino ein unbeschriebenes Blatt. Begegnung mit einem Bühnenberserker auf Filmabwegen
Von Jan Freitag
Es gleicht einem Bild wie aus dem Kriegswinter: Den Kragen hochgeschlagen, streift Martin Wuttke durchs Foyer. Die Hand am Hals wie ein Schal, die andere über der Brust wie zum Schutz zurrt er den aschgrauen Mantel zusammen, als herrschen Minusgrade im Hamburger Edelrestaurant. Hager, fahrig, das dünne Haar streng nach hinten gekämmt – wer den Schauspieler bei der Präsentation seiner Rolle im neuen Leipziger Tatort sieht, kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Martin Wuttke ist der ideale Ermittler. Wie ein einsamer Wolf stromert er allerdings nicht nur hier, in einem Hamburger Nobelrestaurant mit Elbblick, durch die Menschenreihen und meidet scheinbar jeden Kontakt, stets auf irgendeiner imaginären Suche nach irgendwas. Nein, genauso kennt man den Theatervirtuosen aus seinen wenigen Filmrollen, so spielt er Joseph Goebbels in Margarethe von Trottas Rosenstraße, so gibt er den Stasi-Offizier Erwin Hull in Volker Schlöndorffs Die Stille nach dem Schuss, so verkörpert er auch seinen Andreas Keppler, den introvertierten Sonderling neben der quirlig-strahlenden Simone Thomalla, das Ermittlerduo im Leipziger Tatort, mittlerweile fünf Jahre nach dem spröden Sachsenduo Kain und Ehrlicher.
„Ich weiß, dass ich manchmal sehr beobachtend wirke“, erklärt er frühmorgens im Hotel, dasselbe düstere Äußere wie tags zuvor unter Leuten. Auch introvertiert, bedächtig, abwesend wirke er gelegentlich. „Aber meistens langweile ich mich einfach nur, eigentlich bin ich sehr gesellig.“ Jetzt lächelt er, das passiert ihm selten, im Film wie im Leben. Ob er mal so richtig aus sich raus komme, den Panzer der Stille verlasse? Er zündet sich die x-te Zigarette an: „Wenn ich erwache, kann ich richtig aufblühen.“ Und auf der Bühne, da sei er sogar „das krasse Gegenteil“. Die Bühne, Martin Wuttkes Feuchtbiotop oder besser: sein Gehege. Denn wenn einer die Symbiose von Theatralik und Alltagsverhalten vollzogen hat, dann der Gelsenkirchener Mime mit dem gefurchten Gesicht, dem die berühmten Bretter nur dann die Welt bedeuten, wenn er auf ihnen steht. „Ich gehe ungern ins Theater“, sagt da allen Ernstes Anfangsfünfziger, der seit 1995 Brechts Arturo Ui spielt, viele Hundert Mal bereits. Der nach seiner Ausbildung in Bochum an den renommiertesten Sprechbühnen tätig war und nach Heiner Müllers Tod kurzzeitig die Intendanz des Berliner Ensembles innehatte, der zweimal zum Schauspieler des Jahres gekürt noch immer so viel im Kleinen spielt, dass er unerkannt durch die Hauptstadt laufen kann.
Damit dürfte jetzt Schluss sein. Der Tatort ist eine Popularisierungsmaschine. Wenn man dann noch die beiden zweitdienstältesten Kommissare ersetzt, wird eine Hypothek daraus. Auch deshalb will er die Rolle ein wenig mit sich selbst auffüllen, wie er es nennt. Sein Arbeiten verlaufe ja ähnlich pedantisch, bisweilen eigenbrötlerisch wie das seines künftigen Alter Ego. Und so wenig man über den zweifachen Vater Wuttke weiß, so wenig solle man auch über den geschiedenen Kommissar Keppler wissen. „Krimis werden hierzulande immer mehr zu Gesellschaftsromanen.“ Nächste Zigarette. „Das will ich ein wenig zurückbauen.“ In Richtung Marlowe, Cottan, Detektive ohne Mütter, Hobbys, Biografien.
Das klingt fast nach Rebellion in einem Genre, das dem Privatleben der Protagonisten den gleichen Platz einräumt wie ihren Fällen. Doch Aufruhr ist Martin Wuttke eher fremd. Die Schule mit 16 verlassen zu haben, lag eher daran, dass der Halbwaise mit hart arbeitendem Vater dort erfolglos einen Familienersatz gesucht hatte. Und das Theater könne nichts mehr bewegen, ihr fehle das übergeordnete Projekt, das Sendungsbewusstsein der Achtziger, das Subversive der Vorjahrzehnte. Bleibt das Fernsehen. Ein „Super-Medium“, wie es der TV-Neuling Wuttke nennt, „weil es Inhalte so breit vermittelt“. Und nun also sein Medium, solange es Instrumente zur Verfügung stellt, „die ich für mich nutzen kann“, statt ihn selbst zu instrumentalisieren. „Noch benutze ich den Tatort“, sagt er. Das Gegenteil würde ihn nervös machen, aber keinen Revolutionsimpuls auslösen. Höchstens Fluchtinstinkte.
Oder akribisches Hineinarbeiten. Noch so eine Parallele zu Andreas Keppler, der den Ort des Mordes schon mal räumen lässt, um dort mit ihm und sich allein zu sein, nicht auf der Suche nach Beweisen, sondern Atmosphären, einer Art Aura, nach Ruhe, die er auch abends beim Rotwein in der Pension findet. „Ich schätze die unverbindliche Freundlichkeit anonymer Hotels“, sagt Keppler durch Wuttke hindurch, „keiner ist recht daran interessiert, was einer macht“. Diese Vertrautheit der Fremde nomadisierender Schauspieler überträgt er auf auch seine neue Figur. „Man wird in gewisser Weise asozial“, er schweigt lange, „aber das kann ich durchaus genießen“. Eigentlich müsste man ihn einen Kauz nennen. Bleiben wir bei Eigenbrötler: Auf der Bühne genial, im Fernsehen ungewöhnlich. Aber bei Martin Wuttke dreht sich so was schnell mal um.
Der Text ist in ähnlicher Form in der FAZ erschienen: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tatort-novize-martin-wuttke-er-schlaegt-den-kragen-hoch-1542215.html
Heimatliebe, öffentlich-rechtliches Kernthema
Posted: June 6, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentIm Baedeker-Rausch
Mit Lust auf Deutschland beweist die ARD seit Dienstag (16.10 Uhr) täglich, in welch kritiklosen Jubelpatriotismus der öffentlich-rechtliche Auftrag bisweilen mündet. Statt Regionalität zu fördern, liefern besonders die Dritten oft bloß bräsige Heimattümelei.
Von Jan Freitag
Fernsehen wirkt manchmal wie Bierwerbung. „Deutschland ist schön“, schwelgte zum Beispiel mal eine aus dem schönen Erding, „seine Landschaften sind typisch, die Bauwerke weltberühmt“. So ähnlich klingt es oft, wenn das Öffentlich-Rechtliche in seinen ersten drei Programmen die Tage bis zur Nacht füllt. So ähnlich klingt es auch, wenn die ARD ab heute den Standort im Ganzen zum Dokutainment-Schauplatz macht. Lust auf Deutschland heißt das neue Stück biederer Blut- und Bodenkunde zu Kaffeezeit. Sechs Wochen lang lässt es je „fünf bekennende Nord- und Südlichter“ täglich „Vielfalt und Bandbreite, die unser Heimatland bietet“ entdecken.
Darauf zwei, drei Weißbier.
Denn wie im Rausch werden die Flachländer André, Jasmina, Jürgen, Frank und Diana wie ihre Gebirgsrivalen Peter, Konny, Gege, Hans und Daniela auf einer Rallye zwischen Glücksburg und Bodensee, Eifel und Eisenhüttenstadt geschickt. Zu erleben gibt es für sie nix als tolle Geschichten toller Menschen toller Gegenden. In dreiviertelstündigen Einzeletappen gilt es für beide Teams nämlich nur, richtig Weißwurst oder Austern zu essen, Kölsch zu sprechen oder Sächsisch, bergzusteigen oder wattzuwandern. Das Ziel ist, Klischees und Vorurteile jeder Art so zu verinnerlichen, um diverse Quizfragen über Land und Leute beantworten zu können.
Es geht also ausschließlich um die schönen Seiten der erstaunlich makellosen Werbespotrepublik Deutschland. Rassismus dagegen, Armut, Verfall, Schuldenfallen, Ungerechtigkeit oder auch nur lange Gesichter werden dem Publikum garantiert nirgends zugemutet, bis sich die zwei Reisegruppen ausgerechnet an der national bedeutsamen Wartburg zum Finale treffen. Immerhin ist das Format aus Sicht von Birgitta Kaßeckert, Redakteurin beim verantwortlichen BR, „ein Stück Heimatkunde zum Wohlfühlen“. Und weil das generell ein Strukturprinzip gebührenfinanzierter Unterhaltung ist, gewinnt man oft den Eindruck, ARZDF seien bisweilen von Fremdenverkehrsämtern gestaltet.
Dafür reicht ein Blick aufs kommende Wochenende: Nach der zünftigen Morgenshow Immer wieder sonntags im Zweiten, kriegen vor allem die Zuschauer der Dritten eine Art freundliche Wurzelbehandlung: Im NDR feiert Mein schöner Land TV den Norden und beim RBB der Musikantendampfer den Osten, das BR-Magazin Bergauf-Bergab besingt den Süden und Das große Hessenquiz die betroffene Region. Und während der MDR quasi 24 Stunden vom 14. Thüringentag schwärmt, verlässt der WDR in seiner Reihe Wunderschön! nur ausnahmsweise mal die Landesgrenzen. Ansonsten wird dort zwischen Rhein und Ruhr allem stets vorbehaltlos gehuldigt.
Bei so viel Lokalpatriotismus im modernisierten Sound der Fünfziger fragt sich allerdings, ob das noch Bundesvaterlandsliebe ist oder schon Kleinstaatsnationalismus. Bayerns Rundfunk, 1964 als erstes Drittes auf Sendung, prügelt seine Doktrin schließlich schon mal live von der Großdemo gegen das Kruzifix-Verbot unters Publikum und der Mitteldeutsche Rundfunk hat sich bekanntlich schon vor Jahren vom seriösen Fernsehen jenseits biederer Trachten- und Ostalgieshows verabschiedet. Dabei hat das Loblied auf die eigene Scholle in Zeiten globaler Entwurzelung durchaus gute Gründe. Die Dritten, sagte Patricia Schlesinger vor einiger Zeit zu einem ähnlichen Thema, sollen Bewohnern „Heimat im positiven Sinne“ bieten. „Lokal fühlen, global denken“, lautet das Credo der NDR-Kulturchefin. Und Anja Görzel vom SWR hielt im selben Zusammenhang den Bezug zum Sendegebiet gar für ein „Alleinstellungsmerkmal“, Heimat und Lokalpatriotismus inklusive. Zumindest, sofern man den „Spannungsbogen zwischen Hightech, Moderne und Tradition schlägt“.
Allzu oft aber bleibt von Stoibers berühmter Dualität aus Laptop und Lederhose nur das traditionelle Beinkleid übrig. Und das, obwohl selbst Landesrundfunkgesetz von den Sendeanstalten allenfalls fordern, die Aspekte Bildung, Unterhaltung, Nachrichten zu liefern. Von Regionalität ist da nie die Rede, von kritikloser schon gar nicht. Im Gegenteil: Als die Dritten Programme gegründet wurden, sollten sie kulturelle Nischen besetzen, die von den Hauptsendern zum Wohle der Massenbefriedigung nicht mehr gefüllt werden konnten.
Umso mehr stellt sich nun die Frage, ob regional verankertes TV wirklich zwingend an Baedeker-Kataloge aus der konfliktscheuen Nachkriegszeit erinnern muss. Ausgabe „Garmisch-Partenkirchen“ zum Beispiel. „Ob Sommer oder Winter“, deliriert der Sprecher zu Beginn von Lust auf Deutschland aus dem Off – „die Bergwelt rund um die Zugspitze ist zu jeder Jahreszeit eine Reise Wert.“ Dass dies bis vor 68 Jahren für Juden, Linke, Homosexuelle und ähnlich ungarmisch-partenkirchenerische Menschen irgendwie nur eingeschränkt galt, womit die Garmisch-Partenkirchener heute nicht so gern behelligt werden, muss man den Zuschauern am Nachmittag ja nicht auch noch erzählen. Da ist Deutschland eben einfach schön.
Peter Frankenfeld, Showmaster (100)
Posted: May 30, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDer Gesangsmoderatorenkomiker
Es gab eine Zeit, da waren Showmaster noch Grandseigneure mit guten Manieren. Ihr Pionier wäre heute 100 geworden. Eine kleine Eloge auf Peter Frankenfeld, den ersten und letzten Entertainer alter Schule des alten Fernsehens.
Von Jan Freitag
Fernsehen ist gern ein Spiel mit Zahlen: Einschaltquote, Produktionskosten, Senderumsatz, Werbeeinnahmen – je größter desto besser. Insofern sagt diese Zahl mehr aus als das tollste Attribut: 4000. So viele Menschen gaben vor 34 Jahren Willi Julius August Frankenfeldt das letzte Geleit. Eine gewaltige Ziffer für einen so kleinen Friedhof wie den von Wedel bei Hamburg. Es fragt sich jedoch, ob dieser Massenauflauf nicht doch jemand völlig anderem kondolierte als jenem Will, mit ähnlichem Namen zwar, aber doch unvergleichlich. Er lautet Peter, hintendran mit Frankenfeld, allerdings ohne „t“. Es ist ein Pseudonym, das die junge Republik weit mehr geprägt hat als manch echte mit Geburtsurkundenbeleg.
Auch dazu nur kurz eine Zahl. Sie ist etwas kleiner, aber umso eindrücklicher: 100. So viel Prozent befragter Volksschulabsolventen kannten Ende der Fünfziger den ersten Showmaster in Fernsehland. Elvis Presley brachte es auf einen Punkt weniger, Freddy Quinn, seinerzeit der Star schlechthin, gar nur auf 94. Das sagt einiges aus über Peter Frankenfeld, der heute 100 Jahre alt geworden wäre. Noch mehr aber sagt es was übers Fernsehen von gestern wie heute und jene Menschen, die darin von Bedeutung sind und waren. Denn Peter Frankenfeld, der Mann mit dem karierten Sakko, das die Schwarzweißära des Fernsehens kolorierte als gäbe es das längst in Farbe, er war nicht einfach ein Showmaster; der Handwerkersohn aus Kreuzberg war der Inbegriff des jungen Mediums, auf Sendung seit dem zweiten Tag seiner Existenz, ein TV-Inventar bis tief in die Siebzigerjahre wie heute nicht mal ein Thomas Gottschalk. Geschweige denn Markus Lanz. Oder gar Stefan Raab.
Das hat einen Grund, der sich nicht durch öffentlich-rechtliches Monopol oder die formierte Gesellschaft (West) und sedierte Gesellschaft (Ost) allein erklären lässt. Dass ein Kleinbürger wie dieser, der seine drei sperrigen Vorkriegsnamen sehr weitsichtig gegen das populäre Peter der Nachkriegszeit getauscht hatte, zum Superstar aufstieg, lag ja zu allererst daran, dass Fernsehen mal wirklich alle Generationen des Publikums gleichermaßen erreicht hat. Und dass dies auch sieben Jahre nach Hitler noch immer ein wenig nach Führung verlangte, nach klaren Regeln, klarer Sprache, klaren Sitten, im Entertainment zumal, das damals noch treudeutsch Unterhaltung hieß.
Seit Frankenfeld 1952 (ersatzweise) das NWDR-Potpourri „Eine nette Bescherung“ geleitet und zwei Jahre später mit 1:0 für Sie die Fernsehspielshow erfunden hatte, war der zeitlebens skandalfreie Moderator nämlich alles in einem für Zuschauer aller Schichten, Neigungen, Alterskohorten: Der Conférencier und der Clown, der Zirkusdirektor und der Alleinunterhalter, der nette Onkel und gestrenge Herr, der respektable Opa und freche Enkel. Mit hackenschlagendem Diener begrüßte der fragende wie antwortende Tanzgesangsmoderatorenkomiker sein Publikum und nahm es danach mit guten Manieren und zahmen Witzen in den Würgegriff des Varietés, wie es sonst nur wenige konnten: Hans-Joachim Kuhlenkampff, Lou van Burg, Vicco Torriani, Rudi Carrell und auf ostdeutsche Köpfe verteilt Die drei Dialektiker im Kessel Buntes.
Sie waren nicht nur Händler der leichten Abendunterhaltung von nationalem Gewicht, sondern Grandseigneure gewaltiger Conférencen, in denen sich die Fernsehrepublik ihrer seriösen Heiterkeitsbegabung versicherte. Deshalb erhielt ein Peter Alexander, dessen gleichnamige Show ab 1963 mehr als 30 Jahren lang locker die Hälfte der gesamtdeutschen Bevölkerung vorm Röhrenapparat fesselte, den Goldenen Otto der Bravo ebenso wie die Goldene Kamera der Hörzu. Deshalb schaffte es ein Kuhlenkampff aufs Cover von seriöser und Regenbogen-Presse zugleich. Deshalb galt Frankenfeld bis zu seinem Ausstieg bei Musik ist Trumpf 1978 als idealer Entertainer, der eine Show auch ohne thematische Fokussierung über die Sendezeit brachte.
Heute fehlen dazu nicht nur Typen, sondern auch Formate. Das große Samstagabendallerlei ist nur noch als Einerlei mit Volksmusik präsent, dem zuletzt ausgerechnet eine Frau ziemlich lange, meist ziemlich nackte Beine machte: Helene Fischer, das neue Zentralgestirn am Volksschlagerrumpftatahimmel mit prominentem Freund (Florian Silbereisen) und generationenübergreifender Strahlkraft (dank Dauer-PR via ARZDF). Auch Peter Frankenfeld müsste jetzt wahrscheinlich irgendwas mit Wok oder Wetten moderieren. Er könnte wohl auch das.
Afrika, Elend oder Urlaub
Posted: May 23, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentStöhnen hilft
Das Fernsehen zeigt Afrika gern als Himmel oder Hölle. Komödien wie Buschpiloten küsst man nicht und Schnulzen wie Stürme in Afrika wollen vor allem ein leichtes Bild des Kontinents vermitteln und landen damit zielsicher im Klischeegewitter.
Von Jan Freitag
Glutrot steigt die Sonne über Afrika. Es ist flirrend und fremd, schön und exotisch. Und dann erwacht die Wüste zum Leben: eine Giraffe, zwei Nashörner, drei Antilopen – kaum vier Minuten dauert die TV-Komödie Buschpiloten küsst man nicht, da war von Elefant über Strauß bis Flusspferd die prospekttaugliche Fauna des Kontinents bereits im Bild. Und als die sehr blonde Alexandra Neldel sodann aus einer Propellermaschine steigt, um den hilfsbedürftigen Kontinent mit Rollkoffer an der Hand als Ärztin zu heilen, zischelt neben dösenden Löwen gar eine Klapperschlange.
Klapperschlange?
Die gibt es zwar einzig und allein in Amerika, aber wenn deutsche Sender in Afrika drehen, geht es eben nicht um Fakten, es geht um Thrill, Romantik, Stereotypen. Deshalb wimmelt es auch am Samstag in der heiteren ARD-Romanze Stürme in Afrika nur so vor tollen Tieren und irren Pflanzen, freundlichen Schwarzen und ein bisschen Sex auf Safari. Aus Sicht des Unterhaltungsfernsehens von öffentlich-rechtlich bis Sat1 sorgen die lästigen Nachrichten schließlich schon mehr als genug für den elenden Teil des Erzählenswerten. Am Bildschirm firmiert Afrika folglich nur in zwei Aggregatszuständen: als Schlachtfeld oder Reiseziel, ausgebeutetes Gesetzlosenland wie Freitag im Actiondrama Blood Diamond auf Pro7 oder eben tags darauf im Ersten, wo die weißen Europaflüchtlinge ihr Exil unter schwarzen Bewohnern genießen, die ihnen stets zudiensten sind. Ein Mittelweg existiert nur nachts und bei Arte; kein Wunder, dass sich Binyavanga Wainaina in Zynismus flüchtet. „Zeigen Sie nie das Bild eines modernen Afrikaners“, rät der Kenianische Literat den Medien. Besser seien „Kalaschnikows, hervortretende Rippen, nackte Brüste“. Und nicht vergessen: Der Erdteil mag 53 Staaten haben, im Titel reicht „Afrika“.
Wenn Christine Neubauer also Meine Heimat Afrika besingt, meint die ARD Namibia. Wenn das ZDF ins alte Deutschsüdwest reist, ist die SOKO Leipzig Verloren in Afrika. Katja Flint erlebt ihre Stürme in Afrika, nicht am Kap, wo Wolke Hegenbarth unlängst vor Diamantenjägern Im Brautkleid durch Afrika hetzte. Man fährt im Traumschiff nach Botswana, folgt Sophie Schütt nach Afrika – wohin mein Herz mich trägt und Alexandra Neldel nach Simbabwe, wo ihre schöne wie gescheite Ärztin Maria (!) lieber Eingeborenen hilft (!!) und Buschpiloten (!!!) küsst, als mit ihrem Einserabschluss (!!!!) daheim Karriere zu machen.
Es ist das typische Primetime-Epos vom guten Europäer, der den armen Süden retten will. Die heile Welt wird darin zwar durchaus mal bedroht. Aber nur von einzelnen, versteht sich, von schwarzen Schafen, nie vom System im Ganzen. Und nur bis zum Happyend. Versprochen! Denn Afrika ist die perfekte Projektionsfläche für Fernweh plus Romantik. Und weil sich das Publikum nach Feierabend, Jobsuche oder Frühschoppen lieber berieseln als belehren lässt, taugt der Kontinent nur dann zur Hauptsendezeit, wenn die Probleme so simpel sind wie ihre Lösung. So lässt auch öffentlich-rechtliche Unterhaltung aufgeblähte Babybäuche ebenso beiseite wie Agrarprojekte äthiopischer Fraueninitiativen. Für derart differenzierte Blicke muss man schon die letzten Reportageplätze zur Nacht einschalten – obwohl es den 28 Korrespondenten deutscher Medien schwer fällt, ein vielschichtiges Afrika-Bild zu zeichnen; schließlich sind sie im Schnitt für 33 Länder zuständig und kriegen nur späte Programmplätze.
Gleich nach der Tagesschau zählen dagegen weiße Identifikationsfiguren, gern Mediziner, alle attraktiv. Und falls Kriegelendhunger doch mal im Hauptfilm landet, dann auf der sicheren Seite. Iris Berbens Auswandererepos Afrika, mon Amour etwa spielt zu einer Zeit, da Farbige noch Neger waren und macht es sich somit leicht: Die Kolonialära zu schildern, befreit die Filmemacher unterm Deckmantel historischer Chronistenpflicht vom Aufklärungsdruck. Wer hielt Schwarze damals nicht für Wilde? Heute hält man sie für kläglich bis süß. Die schneeweißen, gern auch strohblonden Wohlstandseindringlinge aus dem Norden treffen da vor allem Ureinwohner, die ihre putzigen Bräuche in fließendem Deutsch auf Augenhöhe pflegen. Im Grunde sind Afrikaner also die gleichen Ausstellungsstücke wie bei Carl Hagenbecks Völkerschauen: holzschnittartig, hilfebedürftig, hübsch anzuschauen. Selbst sachliche Medien, klagt der zuständige Botschafter im Auswärtigen Amt Matthias Mülmenstedt, „würdigen die positiven Entwicklungen zu wenig“. Ein Teufelskreis: Ständig von Korruption oder HIV zu berichten, schrecke Investoren ab.
Und Zuschauer. So gibt es Afrika nur als Ort der Extreme oder Verliebten: im Film als Paradies mit Mängeln, im Bericht als Mangel im Paradies. Den Autoren Revisionismus vorzuwerfen, ginge aber zu weit. Eher dramaturgische Nachlässigkeit zum Wohle der Unterhaltung. Da hilft nur Binyavanga Wainainas Rat: „Stöhnen ist gut.“
Niveaufilm, spät versendet
Posted: May 16, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Je später der Abend…
ARD und ZDF zeigen viele ihrer anspruchsvollen Filmimporte und -debüts spätnachts, während um 20.15 Uhr Zeit für leichte Stoffe ist. Ein Überblick der Mutlosigkeit zum durchaus mutigen FilmDebüt im Ersten, das ab heute um 22.45 Uhr sehenswerte Erstarbeiten junger Regisseure wie Sibel Kekilli als Die Fremde bietet.
Von Jan Freitag
Es gibt Tage, da zeigt die schöne neue Medienwelt ihr wahres Gesicht. Tage, an denen öffentlich-rechtliches Fernsehen der Privatkonkurrenz nicht mehr bloß ähnelt, sondern gleicht. Ein Wochenende zum Beispiel, April, beliebiges Jahr: Karfreitag zeigt das ZDF, sagen wir: den oscargekrönten Historienfilm There Will Be Blood, zwei Abende drauf das britische Drama Lewis, während die ARD zwischendurch mit der Gaunerkomödie Bruchreif und Ostermontag mit der Hochhuth-Verfilmung Der Stellvertreter glänzt.
Großes Bildschirmkino, könnte man denken. Und doch wenig mehr als ein Armutszeugnis. Denn die vier sehenswerten Filme liefen um elf oder später! Und wo sollten Sie auch laufen – zur besten Sendezeit verstopften neben all der Kriminalödnis fast zwanghaft Christine Neubauer und Rosamunde Pilcher die Kanäle. Seit jeher werden Erstausstrahlungen von Flags of Our Fathers bis Capote Richtung Geisterstunde verdrängt und selbst auf den seltenen Rückzugsorten von Montag bis Mittwoch bleibt für Qualitätsware zusehends die anbrechende Tiefschlafphase.
Senderauftrag – gute Nacht!
Also läuft das wichtige FilmDebüt im Ersten, das talentierten Regisseuren die Chance auf einen Platz im Hauptprogramm gewährt, im Grunde erst, wenn es zeitlich langsam endet. Sibel Kekilli muss als Die Fremde folglich bis 22.45 Uhr auf all jene warten, die am kommenden Tag besser keine frühen Termine haben, Lohnarbeit oder so. Ganz ähnlich verhält es sich, wenn das ambitionierte SommerKino im Ersten seine TV-Premieren zwar offensiv bündelt, aber defensiv versteckt. Programmchef Volker Herres mag zu Recht einwenden, die FSK verbiete bei mancher Kinoperle frühere Ausstrahlungen. Doch die Altersgrenze der grandiosen Gangstergroteske Brügge sehen … und sterben? ist ja kaum weniger geheimnisvoll als die Spätschiene für den jugendfreien Rest.
Was sich auch im ZDF zeigt. Dort starten die erotisch gemeinten Sommernachtsphantasien sommers stets weit nach zehn. Die „2. Primetime“ ist eben nur ein programmplanerischer Euphemismus für „irgendwie noch sichtbar“, aber nicht mehr richtig wichtig. Wenn der bürgerlich finanzierte, staatlich bestellte Rundfunk mit dem Import niveauvoller Produkte soziokulturelle Bedeutsamkeit suggeriert, muss das vertrackte Zeugs ja nicht auch noch zur publikumsfreundlichen Sendezeit laufen. Gut, das Sehverhalten mag sich verschoben haben, die Fokussierung auf den Gong der Tagesschau noch aus eine Ära linearer Berufsbiografien heimkehrender Väter stammen, die nach dem Abendbrot im Kreise der Lieben einen von drei Kanälen schauen, bis das Testbild rauscht. Einschaltkurven selbst beliebter Formate wie Wer wird Millionär belegen, dass sich der Start des gemütlichen Fernsehabends Richtung Nacht verschiebt. Aber gleich mitten hinein?
Das Problem ist wie üblich die Quote. Die Berücksichtigung jeder Festplattenrecorder-Aufnahme entlastet die Sender vom Druck, den Lebensrhythmus des Publikums in die Sendekonzepte einzubeziehen. Was bleibt, ist der unbedingte Wunsch zur Masse zu Lasten der Klasse. Stimmt schon, sagt ZDF-Spielfilmchef Norbert Himmler, „wir müssten uns in der Primetime gelegentlich mehr trauen“. Wie zum Jahrestag von 9/11 etwa, wo sogar das sperrige Entführungsdrama Flug 93 mal zur ersten Primetime laufen kann. Doch auch sein Arbeitgeber müsse „strukturell wettbewerbsfähig bleiben“. Diese Arithmetik fehlenden Mutes und soziokultureller Resignation klaut ausländischer Fiktion jenseits von Serie und Blockbuster peu à peu attraktive Sendezeiten. Wie am Freitagabend im Ersten, der vor seiner bräsigen Volkstümlichkeit als Rückzugsort importierter Filmkreativität galt.
Noch schwerer hat es der heimische Film von Rang, was zuletzt die ZDF-Reihe Bodybits erleben musste. Die Filmexperimente zur digitalen Welt von morgen liefen ebenso gegen Mitternacht wie all die wunderbaren Kleinen Fernsehspiele und damit noch später als das Filmdebüt im Ersten. Zum Wohl der Regisseure, wie es gern heißt, die angeblich fürchten, im kommerziellen Konkurrenzdruck unterzugehen. Seltsam nur, dass die Betroffenen vom Bundesverband der Fernseh- und Filmregisseure bis zur Schauspielervereinigung BFFS per Petition einen „wöchentlichen Sendetermin für deutsche Kinofilme in der Hauptsendezeit“ fordern, um das kulturelle Schaffen im Land „dem breiten Publikum nahe zu bringen“.
Besonders in der ARD, klagt auch Norbert Simon von der IG Rundfunkgebührenzahler, „ist es mittlerweile ein Normalzustand, Filme die was taugen, nachts zu senden.“ Kein Abend scheint mehr vor Schnulzen, Shows und Sport gefeit, während zum Beispiel Tilda Swintons Oscarvorstellung in Michael Clayton einst nächtens erfolgte – obwohl sie ebenso massentauglich wie starbesetzt und vor allem teuer im Ankauf sind. Für große Hollywood-Streifen, sagt Himmler, „geht das auch mal in die Millionen“.
Dass man es zur Unzeit versendet, spricht Bände übers Verantwortungsgefühl bei denen, die dazu per Staatsvertrag verpflichtet sind. Mit Verweis auf „Partnerkanäle wie 3sat und Arte, mit Reichweiten von 99 Prozent“ (Himmler), zu denen sich der Zuschauer „mit dem Wahlzettel der Fernbedienung“ (John de Mol) vermeintlich „frei entscheiden“ könne (Volker Herres), begräbt man jeden Versuch, sein Publikum auch zur reichweitenstärksten Zeit mehr zu fordern. Sonst hätte ZDFneo ja messbare Zuschaueranteile. Wie umschrieb der Medienexperte Stefan Niggemeier den Spartenkanal so schön? „Fernsehen für Leute, die nicht mehr fernsehen.“ Sondern nachts vielleicht einfach schlafen.