Das Molotow & Hamburgs Clubsterben
Posted: February 1, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentClubkulturkampf
Am Popstandort Hamburg wird noch jeder kleine Kellerclub planiert, sobald die große Eventkultur mehr Rendite verheißt. Das Ende des Molotow ist da nur die nächste Etappe zur Ballermannisierung der einst wichtigsten deutschen Musikstadt. Ein Abgesang.
Von Jan Freitag
Vielleicht ist es ja hier, das Epizentrum eines Bebens, das die Subkulturen ganzer Stadtlandflussgebiete hinwegfegt. Vielleicht dreht sich das Auge eines Sturms, der das trübe Sein des Undergrounds unterm Schein glitzernder Massenevents begräbt, hinter dieser Hauswand. Sie steht zwischen zwei Institutionen der Reeperbahn und somit für vieles, was die Stadt so toll, so furchtbar macht. Zwischen zwei Häusern des Schmidt-Theater ragt die pinkweiße Fassade empor. Hamburger Gründerzeit, stolze Architektur. Doch statt des Etagenclubs Cocoon, der im umliegenden Aberwitz für etwas Off-Art gesorgt hatte, ist dahinter nun – nichts. Nur Wiese, Abfall, Ödnis. Wie in der frischen Baulücke am benachbarten Rockschuppen Docks, der vor allem Flatrate-Partys veranstaltet. Symbolischer geht’s kaum.
Denn Hamburg – die Pop- und Beatles-Stadt, die Rock-, Punk- und Schul-, die Brotedelayblumfeldzitronenschamonibegemann-Stadt der 1000 Läden, Schuppen, Kaschemmen, wie sie Christoph Twickels gleichnamiger Interviewband rühmt – dieses Hamburg ist mindestens hinfällig, zusehends hirntot, demnächst verblichen? Es mag Zweckpessimismus sein, den subkulturellen Untergang am Elbestrand nur laut genug beklagen, damit er doch nicht erfolgt. Aber nun wurde gleich neben der trügerischen Hausattrappe ein weiterer Grabstein der lokalen Independentkultur gesetzt: Dort wo das berühmte Molotowjungen Bands von Vampire Weekend über die White Stripes bis zu The Hives eine erste Bühne bot, entsteht die nächste Edelimmobilie fürs ortsübliche Plastikentertainment. Kurz vor Weihnachten wurden die umkämpften Esso-Häuser wegen angeblicher Einsturzgefahr geräumt und das Molotow gleich mit. In einer Nacht- und Nebelaktion. Nach 25 Jahren.
Das könnte man so hinnehmen. Clubs kommen, Clubs gehen wie die Gäste darin, und bevor eine Band namens Metallica das Docks vor 20 Jahren den „verdammt besten Klub der Welt“ nannte, befand sich darin das verdammt älteste Kino im Land. Städte sind Orte dauernder Veränderung. Wie Bodenversiegelung und Frühstau ist ihr Umbau ein urbanes Strukturmerkmal. Doch Hamburg macht keinen Wandel durch, „Hamburg ist hermetisch“, wie es Tino Hanekamp ausdrückt. „Eine verkaufte Stadt, wo nichts Wildes mehr wachsen kann“. Er muss es wissen.
Mitte des vorigen Jahrzehnts, als es noch Restluft, Raum und Mietpreise gab, um im Strasscollier der Massenbespaßung echte Perlen zu fischen, hat der Mittdreißiger Kiezinstitutionen wie das famose Uebel & Gefährlich eröffnet. Doch wo Hanekamp das elektroalternative Clubtriumvirat aus Phonodrome, Click und Echochamber noch ohne größeren Widerstand um die plüschig-illegale Weltbühne erweitern konnte, steht nun eine Privatklinik. Die Liste der Streichungen ließe sich fortführen. Das Kir, in dem die Sisters of Mercy ihre Weltkarriere starteten: Wohnblock. Onkel Pö, wo der deutsche Jazzrock bis in die Achtziger Selbstbewusstsein tankte: Kettenrestaurant. Powerhouse, Spielfeld berühmter DJs: Luxushotel. Madhouse, das Disco-Denkmal in Citynähe: Edelkaufhaus. Hafenklang-Exil, Off-Art-Eldorado auf Zeit: IKEA. Und die nächsten auf der Abschussliste: Astrastube, Fundbureau, Hasenschaukel, die gerade auf einer trotzigen Verleihungsparty den Hamburger Clubaward gewann. Ja selbst das gute alte Logo scheint in Gefahr. Das Siechtum, wie Hanekamp es nennt, geht weiter. Doch das größte Loch, meint Sven Herwig, „reißt das Molotow“.
Und auch er muss es wissen. Wenn aufstrebende wie etablierte Bands mittlerer Kategorie einen Ort für 300 Gäste suchten, war der Club erste Adresse. „Das fehlt jetzt“, sagt Herwig in seiner Dependance des britischen Beggars-Labels, an dessen Wänden goldene Schallplatten von Adele zeigen, wie Indie funktioniert: Masse finanziert Klasse. Das war in Hamburg nicht anders, früher. Durch die Planierung mittelkleiner Hallen à la Molotow und mittelgroßer wie der Ernst-Merck-Halle fehlen jedoch die Kapazitäten knapp über Punkrock im Störtebeker für 100 Leute und klar unter der O2World.
Einst war die Clubszene stolz, dass Blockbuster von Turner bis Cocker mangels Großhalle einen Bogen um Hamburg machten; jetzt, erklärt Hanekamp, gehen coole Band „notgedrungen nach Leipzig oder Berlin, weil es hier keine neuen Räume für Clubs mit experimentellerem Ansatz gibt“. War Hamburg früher oft Pflichttermin, belegen viele Booker die Stadt heute nur, wenn sie günstig auf der Route liegt. Das ist längst nicht immer der Fall. Offenbar pfeift da also einer etwas im Wald, wenn Andi Schmidt tapfer verkündet, sein Club mache auf der Suche nach Alternativen „nur Pause“. Die tapfere Mischung aus Idealismus und Zuversicht, mit der der ergraute Idealist das chronisch klamme Molotow seit 20 Jahren leitet, könnte allerdings an Grenzen stoßen. Bislang galt für maximal 350 Gäste eine Konzession mit dem lässigen Brandschutz aus Eröffnungszeiten; für diese Zahl bräuchte er 2014 gleichwohl weit mehr Platz – ohne auch nur einen Cent mehr Miete zahlen zu können. Da hilft eigentlich nur noch, was Kollege Hanekamp fordert: Hausbesetzungen. „Am besten in all die leeren Bürogebäude.“ Da müsse man rein. Wie einst seine Weltbühne in ein altes Kaufhaus.
Doch auch das wäre derzeit luxussaniert, bevor das erste Transparent aus dem Fenster hängt. Und ein Ausweichen in andere Viertel scheitert entweder an den Anwohnern, die selbst zwischen Kiez und Schanze den Radical Chic mögen, aber abends in Ruhe fernsehen wollen. Oder am Publikum, das in Hamburg scheinbar bequemer ist als andernorts. Wer aus Sicht von Sven Herwig in den angesagten Vierteln wohnt, „sieht schon die Markthalle als Provinzclub“. Weil vielen also schon der Weg zum früheren Hardrocktempel am Hauptbahnhof zu weit ist, sterben mit den Kiezbühnen die der ganzen Stadt.
Hamburg hatte nie den Schwabinger Glamour, nie die Kreuzberger Strahlkraft, keinen Bowie, Moroder, Mercury. Hamburg war stets alternative Wühlarbeit zwischen Hanseatenstolz und Nischenkultur. Bis in die Neunziger öffnete sich schon irgendein Fenster, falls mal ein altes verrammelt wurde. Es war „wie in Ost-Berlin“, schwelgt der Pudel-Club Betreiber Schorsch Kamerun in Erinnerungen, „nur mit mehr Puffs“. Doch so sehr das offizielle, blankgeputzte, gefahrengebietsichere Pfeffersäckehamburg auch mit Rotlicht und Blaulicht, Kiez und Party, Reeperbahnfestival und Gängeviertel wirbt, so wenig versteht es das Wesen der Clubkultur. Seit jeher. Schon der berühmte Starclub wurde „mit allen Mitteln bekämpft“, wie Andi Schmidt weiß. Und heute? Liegt die Wahrheit bei Wikipedia. Musicals füllen da unterm Stichwort Hamburg ein eigenes Kapitel. Clubs finden sich dort keine.
Der Text ist bei ZEIT-Online erschienen unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2014-01/hamburg-clubsterben-gentrifizierung
Kitzbühel: Die Königin der Streif
Posted: January 25, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Miss Kitz
Kitzbühel ist Signe Reisch! Ohne deren Familie wäre das Herz des alpinen Sports noch heute ein Dorf, der Zielhang des weltgrößten Skirennens gehört zu ihrem Hotel, nun ist sie sogar Tourismuschefin. Eine Begegnung mit der mächtigsten Frau des Tiroler Winters.
Von Jan Freitag
Mausefalle, Hausbergkante, Lärchenschuss – es gibt Worte, die lösen selbst in Wintersportmuffeln etwas aus. Und dann erst diese: Kitzbühel, Hahnenkamm, Streif. Wen das kalt lässt, stammt offenbar aus Wüstenregionen. Wobei selbst dort noch viele kennen dürften, wohin Signe Reisch mit großer Geste zeigt. „Da oben kommen sie ums Eck“. Traverse, Rechtsschwung, Zielschuss, „direkt auf uns zu“. Es braucht zwar noch etwas Phantasie, um sich hier, auf sattgrünem Gras, das weltwichtigste Skirennen vorzustellen. Doch es endet jedes Jahr vor Signe Reischs Füßen, an ihrem Hotel, dem Rasmushof. Mit 120 Sachen! Die kleine Frau mit den strammen Waden lacht durch den ganzen Körper. „So schnell bin nicht mal ich.“
Dabei fährt wohl keiner sonst die Strecke so oft wie sie. Mit 57 Jahren fällt ihr das Gehen zwar zusehends schwer, das sagt sie selber. Doch auf den Brettern, die auch ihre Welt bedeuten, rast die Anwohnerin auch Steilpassagen rasant zu Tal. Und das jeden Morgen, sobald die Schneekanonen feuern. Mit dem ersten Lift geht’s rauf und in vier Minuten Fahrt hinunter, zweimal sogar. Frühsport vor der eigenen Haustür. Schließlich ist es ihre Streif, irgendwie. Auch, wenn sie das so nicht sagt. Na ja, so sagt sie es, „uns gehört ein Teil des Zielhangs“. Wenn Signe Reisch wollte, wär’s rasch vorbei mit der Streif. Nur: warum sollte sie wollen? So wie das Rennen vom Rasmushof profitiert, profitiert der vom Rennen. „Eine win-win-Situation“. Wieder zeigt ihr Arm bergan, zur stilisierten Gams rechts der Piste, dem Logo Kitzbühels, jenem Ort, der ohne ihre Familie ein anderer wäre. Für diese These braucht man nur durch den Ort zu gehen, vom Rasmushof an Hermann-Reisch-Saal und Reischfeld vorbei zum Hermann-Reisch-Weg, rechts auf die Franz-Reisch-Straße zur Altstadt, wo man Reisch Bar und Sporthotel Reisch zur Linken auf die Kanzleien von Klaus und Roland Reischs stößt. Kitzbühel ist Reisch-Reich, das spürt man überall.
Und gegründet hat es, wenn man so will, Signe Reischs Urgroßvater Franz. Vor 120 Jahren importierte der spätere Bürgermeister das erste paar Skier ins Dorf. Es war die Geburt der größten Manege im Schneezirkus. All die Helden-, Reise-, die Promigeschichten – ohne ihn und seine Nachfahren gäbe es keinen Skisport, ohne Skisport keine Streif, ohne Streif kein „Kitz“, nicht in dieser Form. So lautet hier die Gleichung. „Ach Gott“, winkt Signe Reisch ab, doch was sie dann sagt, sagt viel aus über ihr Selbstbild: „Hätte Steve Jobs das iPhone nicht erfunden, hätt’s irgendwann ein andrer getan“. Klingt bescheiden. Doch ein Vergleich zum Apple-Gründer, das bedarf einiger Chuzpe, mancher würde sagen: Arroganz. Hinter vorgehaltener Hand gar: Größenwahn. Und vorgehaltene Hände gibt es viele in Kitzbühel. Aber dass sie kritische Worte dämpfen, spricht ja bereits für die Größe des Namens. Reisch wird ja im selben Atemzug mit den Sailers genannt, den Hinterseers, den Ortsgranden eines grandiosen Orts.
Kein Wunder, dass die Attribute anschwellen, fragt man, wer für Kitzbühel besonders wichtig sei. „Die Familie hat enorme Bedeutung“, sagt der Bürgermeister und lächelt fein in seiner Kanzlei am Rande der Altstadt. „Ganz ernorm“, steigert der Schumacher die Relevanz der Sippe. Auch der junge Buchhändler, die wichtige Skiclubsprecherin, der rührige Tourismusobmann, die kritische Lokalblattchefin – alle stimmen ein: Was „die Signe“ am Rande Tirols darstellt, was sie bewegt, sei schon, genau: enorm. Das weiß sie selber. Sie spricht es sogar aus. Offen, laut, oft hart, aber herzlich. Eine Stunde Abendessen in ihrem urigen Viersternehaus gleicht einem Schnellkurs in touristischer Durchschlagskraft. Wo sonst der Stammtisch tagt, wechseln sich Businessprech und Heimatbegriffe, „Alleinstellungsmerkmale“ und „unser aller Erbe“ ab. Das heißt Kitzbühel. Vor allem aber heißt es Reisch: Uropa Franz – „Imker, Kaufmann, ein Visionär“, Sohn Hermann – „was der für den Fremdenverkehr bewegt hat!“, Klaus Reisch – „der Papa“, wie sie den Anwalt von 84 Jahren nennt, „Kitzbühels Doyen“: von all denen habe sie das Gen geerbt, sich stets grade zu machen. Als eins von sieben Geschwistern mit nur einer Zahnbürste ebenso wie als Gastronomin in einer Männerdomäne. In einem Männerland. In Tirol.
„Darauf bin ich schon stolz“, sagt sie bei Tofugeschnetzeltem und erzählt vom elterlichen Gasthof, den sie seit 1974 zur noblen Ganzjahresdestination mir 59 Zimmern gemacht hat. Sie erzählt vom Museum, das sie 2001 nach zehn Jahren neu eröffnen ließ, von Hausaufgaben, die sie fürs Unternehmerdiplom der Hoteliersvereinigung kriegt, vom Newsletter, den sie pflegt, von Gremien, Präsidien, Vereinen, denen sie vorsitzt. Und wie sie beim Aufzählen eine Angestellte bittet, „den Vorhang da, Gesine, den machst noch mal“, und das „Bitte“ bei allem Wohlwollen schwer nach „Zackzack“ klingt, da fragt sich: Geht es Signe Reisch um Macht oder Einfluss? Letzteres, betont sie ernst. „Weil man ersteres erzwingen muss.“ Einfluss könne man sich nehmen. Jetzt hat sie wieder zugegriffen. Der Tourismusverband wählte seinen Obmann, Signe Reisch wollte, dass es eine Obfrau wird, dass es also nicht Christian Harisch bleibt, dass eine gewinnt, die anders als ihr Hotelierkollege beide Seiten des Fremdenverkehrs „a bissl zusammenführt“: Platzhirsche und Neulinge, Familienbetriebe und Kettenhäuser. Die Rasmushöfe und Kempinskis oder Arosas mit ihren Luxussuiten. In denen sieht Signe Reisch zwar heute durchaus eine Chance für Kitzbühel. Eins davon nennt sie jedoch beharrlich „Russenhotel“.
Das kommt an: Weil ihr das Herz auf der Zunge liegt und die Zukunft am Herzen, weil sie konservativ ist und kosmopolitisch, weil Signe Reisch das handbemalte Barockfassaden-Kitzbühel von einst, als Weihnachten einige Hundert Gäste kamen, ebenso vertritt wie jenes Glas-Stahl-Kitzbühel von heute, das ganzjährig Hochsaison feiert, wird Tirols Touristenmagnet nun von ihr repräsentiert, der neuen Obrau, Signe Reisch. Bevor dieses Hybrid zwischen Jetset und Bauernstolz vom streng frisierten Kraftpaket im Businessdirndl repräsentiert wurde, hatte es allerdings „den Papa in Kenntnis gesetzt“. Natürlich. „Aber der fand’s gut“. Sagt die Signe. Und die Leute? Vermitteln die übliche Mixtur aus Nähe und Distanz zur einflussreichsten Frau weit und breit. Barbara Thaler, Sprecherin des Streif-Veranstalters, schiebt statt zu sprechen den Bildband „100 Jahre Kitzbüheler Ski Club“ über den Schreibtisch. „Das ist ein anderes Kapitel“, sagt der alteingesessene Schumacher Herbert Haderer in seiner rustikalen Werkstatt. „Na ja…also…werd’n ma seh’n“, sagt der älter eingesessene Schneider Franz Prader zwischen Fotos mit Weltstarwidmung und Windjacken für 8700 Euro. „An der Verdrängung kleiner Läden wie unserem kann auch sie nix ändern“, sagt Alteingesessenenenkel Oliver Haertel im letzten Buchladen am Platze und nennt als Beispiel die Schließung der Metzgerei Fuchs, wo sich das Dorf morgens zum Schwatz traf und mittags zur Vesper. „Signe ist schon recht“, sagt Elisabeth Pöll vom Kitzbüheler Anzeiger, „die ist qualifiziert und stets im Hotel anzutreffen“.
Aber ob sie vermittelt, dass Kitzbühel für alle da ist? Ausgerechnet Signe Reisch, die im Zielhang sommers einen Golfplatz betreibt und den fünften Stern nur aus Trotz nicht mehr will? Die ihre Balkone mit Zielblick auch beim 73. Hahnenkammrennen für Leute à la Bernie Ecclestone reserviert und kulinarisch mit dem „Red Bull“ versorgt, das dem früheren Skilehrer der Reischs Dietrich Mateschitz angeblich den Namen seiner Brause lieferte? Die einen Mangel an Diplomatie einräumt und so dynastisch denkt, dass ihre Ehe, wie sie freimütig erzählt, auch an mangelnder Hingabe ihres Manns für die Hotelkarriere der drei Kinder gescheitert sein soll? Meistens herrscht da Ratlosigkeit. Ein Zustand, den Signe Reisch meidet. Der Sonntag erwacht, ein herrlicher Morgen, für sie ist es einer wie immer. „I bin scho mit dem Papa ummi ganga“, ruft sie vom 9. Loch, wo nun das VIP-Zelt steht, zum Hotel. Die Außendeko brauche noch Feinschliff, trägt sie zwei Schülern auf. Den Bäumen fehle Farbe, dem Boden Licht. „Macht’s ihr des?“ Klingt fast wie eine Bitte.
Reisereportage: Thaipusam/Malaysia
Posted: January 18, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Entspanntes Schmerzensfest
Dieser Tage ereignet sich im südasiatischen Raum wie jedes Jahr Erstaunliches: Millionen Hindus danken ihren Göttern am Thaipusam mit einem blutigen Ritual. Und nirgends lässt sich das wichtigste Fest der Weltreligion unverfälschter erleben als auf Penang, Malaysias Wellnessoase.
Von Jan Freitag
Normalerweise kennt Malaysia keine Jahreszeiten. 365 Tage im Jahr herrscht die gleiche drückende Hitze, nicht mal Regenzeiten verändern das Klima in Äquatornähe. An diesem Tag aber ist die Luft über der kleinen Insel Penang hoch oben im Norden noch ein wenig schwüler, ihre Hauptstadt scheint förmlich zu dampfen und das hat einen Grund. Besser Tausende: Räucherstäbchen. Inmitten einer endlosen Prozession entzündet Raja eine Handvoll davon und streckt sie hinauf zur Statue Subras auf dem geschmückten Festwagen. Der Sohn von Gott Shiva thront über allen, von bunt behängten Ochsen gezogen, die breite Jalan Utama hinunter zum Regierungssitz. Es ist Subras Ehrentag und Hindus wie Raja danken es ihm mit Früchten, Qualm und Kokosnüssen. Zwei Millionen, so heißt es, werden dieser Tage im ganzen Land zu Boden geschleudert, um sich symbolisch vom Schlechten des Jahres zu lösen. Auch Raja hat eine geknackt, wenngleich nicht für sich. „Ich habe für meinen kranken Vater gebeten, jetzt geht es ihm besser“, sagt der junge Hindu. Dann tanzt er barfuss über den kochenden Asphalt, die Hände stets am Kavadi. Das trutzige Gestell aus Holz, Stahl und Farben lastet schwer auf den Schultern, doch das ist gut so. Der Schmerz ist sein Opfer.
Und das größte steht Raja erst bevor. Morgen, beim Thaipusam, dem Geburtstag von Murugam, Gott der Wünsche und des Dankes. Jedes Frühjahr versammeln sich unzählige Hindus in den Straßen Südasiens, um das Wertvollste darzubringen, was sie geben können: ihr Leid. Dass es vor allem Einheimische sind, Pilger, deren Verwandte, die auf vor Malaysias Westküste feiern, ist für die wenigen Touristen vor Ort ein wahrer Segen. Nirgends erlebt man das wichtigste Fest des Hinduismus unverfälschter als hier. In den Metropolen ist es ein Event, zigtausendfach durchlitten und millionenfach bestaunt. Doch nur auf Penang ist das Sehenswürdige am qualvollen Ritual die Würde selbst, nicht ihre bloße Optik.
Wie gut, dass man sich als Außenstehender so überaus angenehm darauf einstimmen kann. Denn Penang ist nicht nur eine Hochburg des Thaipusam, sondern auch der Entspannung. Nirgends liegen Wohl und Wehe näher beieinander als hier und jetzt. Jede Herberge in der brodelnden Vielvölkerstadt Georgetown hat einen eigenen Spa-Bereich, auch niedrigklassige Häuser bieten Beautysalons und chinesische Heilmedizin an. Und die ganz großen wie das edle Rasa Sayang vor den Toren Georgetowns, in diesem Jahr trotz einer Speisekarte aus aller Herren Länder, verschwenderischem Wasserverbrauch und fast absurdem Überfluss zum nachhaltigsten Hotel Asiens gewählt, kommen wie ein einziger Wellnessbereich daher – gediegene Poolwelten, mobile Masseure und Gratisschampus inklusive.
Was für eine Entwicklung am „Ende der Welt“, wie Einheimische die Grenzregion zu Thailand lange nannten. Denn früher, erzählt Shamsul, „gab es hier im Sumpf Krokodile, an Land Kopfjäger, auf dem Meer Piraten und in der Luft Malaria“. Wie die meisten Reiseleiter der Gegend beherrscht auch Shamsul viele Sprachen und erklärt damit die Gegenwart seiner Heimat voller Stolz. Schließlich war die Vergangenheit keineswegs lebens-, geschweige denn sehenswert. Als der Fremdenverkehr Einzug hielt, in den Siebzigerjahren, regierte der Beton, ein Hochhausinferno des Billigtourismus für Malaysier. Erst vor einigen Jahren, erzählt Shamsul, während sich am Straßenrand die Affen tummeln, habe sich Penang zum First-Class-Ziel Malaysias gemausert. Ein kostspieliges zwar, aber für derart lückenlosen Fünfsterneservice und westliche Geldbeutel sogar erschwinglich. Und wie bereitet man sich wohl besser auf ein Schmerzensfest wie Thaipusam vor als faul und verwöhnt am indischen Ozean zu dösen. Was morgen kommt, wird selbst für Zuschauer hart genug. Es ist ein Feuerwerk für die Sinne.
Am Tag der Tage zieht ein Brodem aus Schweiß, Rauch, Gewürzen und warmer Milch durch Georgetown, doch Raja riecht nichts. Überall wird gefeiert, gesungen, gebetet, doch er hört nichts. Dass Merkwürdigste aber ist, dass er auch nichts zu spüren scheint. Rund 50 Kilo wiegt sein Kavadi, ein quietschbuntes Pfauennest mit Diskokugeln im Schnabel und Subra in Alu, zwei Meter hoch, gehalten von dürren Metallspießen – in Rajas Haut! Es schmerzt schon beim Anblick, doch Raja schweigt. „Ich habe keine Angst“, sagt er leise, bevor ihm eine bleistiftdicke Lanze durch die Wangen gestoßen wird, „der Schmerz gibt mir Kraft“. Ein Helfer will ihmWasser über die blutende Zunge gießen. Raja winkt ab: Keine Linderung auf diesem, seinem Weg.
Im Zug Tausender Pilger läuft er die 5000 Meter hoch zum Wasserfalltempel, dem Ziel der endlosen Prozession, um dort für seine Götter zu tanzen und ihnen Milch aus silbernen Krügen zu spenden. Doch zunächst mal muss er mal hinkommen, gebremst von einem Dutzend Haken in seinem Rücken mit Seilen, an denen sein Bruder wie wild zieht. „Vel Vel“, so schreit ihn die Menge in Trance. Vel ist Tamilisch für jene Lanze, die Murugan der Legende nach im Kampf gegen das Böse erhielt. Eine Ewigkeit später ragt sie nun aus Rajas Gesicht und erhöht seine Qualen. Vel Vel, immer wieder die aufmunternde Liturgie – anders ist die steile Treppe nicht zu ertragen, nicht für die zähesten Männer, nicht für die wenigen Frauen. In Kuala Lumpur mag das Fest prächtiger sein und damit der Andrang größer; auf Penang ist es am härtesten. So hart, dass die Selbstkasteiung im hinduistischen Kernland Indien längst verboten ist. Auch das lockt Hindus aus aller Welt nach Penang. Je stärker der Schmerz, desto größer der Dank.
Es ist ein faszinierendes Erlebnis. Die Wunden der Teilnehmer bluten nur selten und kaum, dass sie von den Kavadis, Haken, Spießen befreit wurden, kehrt das Leben zurück in die geschundenen Körper. Raja ist fort, untergetaucht im Menschenmeer, einem elektrisierenden Volksfest. Er hat es geschafft, bis zum nächsten Thaipusam, seinem sechsten. Nun darf er entspannen, all die Schmerzen und 40 Tage Askese in den Gliedern. Nach vielen Stunden der Hitze ist das auch für Zaungäste nötig. Die Eindrücke eines Jahres an nur einem Tag im Kopf verarbeiten sich bei einer Strandmassage für den Gegenwert einer Schachtel Zigaretten am besten. Manchmal muss man sich auch von den Strapazen anderer erholen.
Am nächsten Morgen zum Beispiel, beim gemeinsamen Thai Chi im Rasa Sayang mit Master Hue. Um diese Zeit misst die Luft noch beinah frische 24 Grad, weniger als das quallenreiche Meer in Wurfweite, und der chinesische Lehrer zeigt, was die fernöstliche Kampfkunst aus Menschen machen kann. Trotz seiner 72 Jahre stößt der kleine Chinese einen stämmigen Engländer mit zwei Fingern fort, immer wieder, so sehr sich der Schüler auch wehrt. Nur umgekehrt bewegt sich nichts. Es ist der Frühsport des New Age und Master Hue erzählt von Wilma aus Deutschland, die es jedes Jahr für Monate nach der Stoppuhr zelebriert: halb acht Schwimmen, danach Frühstück, um zehn Liege reservieren, zwei Stunden später Mittag, vor dem Kaffee eine Runde Golf auf dem Hoteleigenen Neun-Loch-Platz, Strand, Abendessen, Cocktails, Nachtruhe und alles wieder von vorn.
Mehr als die Hälfte der Gäste aus Europa, Amerika, Australien verlassen ihre Hotels nur selten, klagt Suleiman Abdul Rahman, der Manager des Rasa Sayang. Selbst in die zahllosen Food-Center der Stadt mit ihren vielen Restaurants aller Geschmacksrichtungen verliert sich kaum mal ein Tourist, um die vielfältigen Spezialitäten zu probieren oder einfach ein bisschen am Leben der Einheimischen teilzuhaben. All-inclusive kann auch ein Hindernis der Begegnung sein. Deshalb nimmt sich Mr. Suleiman fürs nächste Jahr vor, „unsere Feste viel besser zu vermarkten“. Thaipusam am 8. Februar ebenso wie das chinesische Neujahr zwei Wochen zuvor. Die mehrtägige Party der größten Minderheit stellt mit seinen Myriaden von Girlanden, Feuerwerken und Straßenumzügen sogar das Schmerzensfest der Hindus in den Schatten. Penang versteht es eben nicht nur zu leiden, sondern auch zu feiern.
Reportage/Kommentar: Auf der Gefahreninsel
Posted: January 12, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage 1 Comment
Spaß in der Gefahrenzone
Es wird viel diskutiert über Hamburgs Gefahrengebiet, über gestürmte Polizeiwachen, staatliche Repression und autonome Gewalt. Doch was macht es eigentlich mit den Menschen, die in der Sonderrechtszone leben? Erfahrungsbericht eines Bewohners und der zugehörige Kommentar im Deutschlandfunk, der dort heute morgen um 6.05 Uhr lief, aber als Audiofile abhörbar ist.
Von Jan Freitag
KOMMENTAR
Hamburg brennt. Lichterloh, sagt die Politik. Lebensgefährlich, schreibt der Boulevard. Ordnungswidrig, sekundiert die Polizei. Ein riesiges Areal zwischen Schanzenviertel und Reeperbahn auch nur zu betreten, sei also ein Risiko. Weshalb Politik, Polizei und Presse nach vermeintlich linken Attacken auf Polizeistationen in großer Eintracht vorangetrieben haben, was Hamburg juristisch einzigartig macht in Deutschland: Ein Gefahrengebiet. Acht Hektar, auf denen Grundrechte außer Kraft sind und Kontrollen ohne Anlass, Leibesvisitationen, selbst Platzverweise möglich. Kurzum: eine Notstandszone nach Polizeiermessen. Unablässig, unbefristet. Ukrainische Verhältnisse in Hamburg-Mitte.
Seit Ende voriger Woche patrouilliert die Staatsmacht in doppelter Hundertschaftsstärke und dass nicht durch ein Bürgerkriegsgebiet, sondern normale Wohnviertel mit normalen Menschen im normalen Alltag. Kein Wunder, dass die mobilisierungsfähige Hamburger Linke da nicht stillhält. Und auch, dass die Bewohner missmutig bis genervt auf den Generalverdacht krimineller Energien ihrer selbst samt Freunde, Nachbarn, Gäste reagieren, überrascht wenig.
So vollzieht sich seit acht Tagen vor allem im Amüsierviertel St. Pauli, wo gut 50.000 Leute leben, Abend für Abend das gleiche Schauspiel: Zwischen Spielplätzen und Straßenstrich, Krämerläden, Kneipen, Clubs sammeln sich jene Menschen, vor denen die Menschheit angeblich geschützt werden soll, um gegen diesen Schutz aufzubegehren. Und sie tun das meist friedlich, fröhlich sogar, oft kreativ. Mit Klobürsten statt Knüppeln, mit gigantischen Kissenschlachten und Kindern auf den Schultern.
Sicher, sie tun das auch im Verbund mit Autonomen, Demotouristen und, ja, Chaoten, denen politisches Understatement eher wesensfremd ist. Ideologisierte Rebellen, die bei jeder größeren Zusammenkunft instinktiv ihre Parolen von Feuer, Flamme, Bullenstaat skandieren und nebenbei Silvesterrestbestände verfeuern. Aber das Gros der Protestierenden sorgt diesmal für eine Atmosphäre, die bereits zur Verkleinerung des Gefahrengebiets geführt hat. Doch auch drei kleinere Gefahreninseln lassen mit jeder Minute ihrer Existenz eine Erkenntnis reifen, die das Wesen, das Selbstverständnis dieses Staates und seiner Institutionen betrifft.
Der martialische Daueraufmarsch seiner Ordnungskräfte, gepanzert wie beim Castortransport, nicht selten unzugänglich wie eine Horde Hooligans vorm Hassspiel, zeigt sich nämlich nicht als exekutive Reaktion auf sicherheitsrelevante Umstände. Nein: Die Polizei bastelt sich diese Umstände selbst, wirkt somit quasi legislativ, macht Politik, anstatt ihr zur Durchsetzung zu verhelfen. Sie schafft durch eine Art institutionalisierter Dauerdemonstration in der willkürlich gefassten Gefahrenzone exakt jene Sicherheitsgefährdung, die sie doch eigentlich einzudämmen vorgibt.
Das ist ganz im Sinne des konservativen Staatsrechtler Carl Schmitt. Für den war nur jene Regierung wirklich souverän, die den Ausnahmezustand beherrscht. In Hamburg geht die Polizei, aufgestachelt von journalistisch halbseidenen Sensationsblättern, angetrieben vom zusehends autoritär agierenden SPD-Senat, sogar noch einen Schritt weiter und erklärt den hausgemachten Ausnahmezustand zur Grundlage seiner selbst. Subtiler hätte auch Thomas Hobbes’ Leviathan kaum seine Macht gesichert.
Um nicht missverstanden zu werden: Gezielte Angriffe auf den Staat sind nicht nur juristisch inakzeptabel; als Rechtstaat darf, ja muss er sie sogar etwas weniger dulden als die auf seine Bürgerinnen und Bürger. Schon weil es die Grundfesten des Systems betrifft, seinen Wesenskern. Dass auch der Rechtstaat mit Härte reagiert, wenn Polizeistationen attackiert und Beamte dabei aufs Schwerste verletzt werden, ist da konsequent. Nur: wer die Verhältnismäßigkeiten nicht verletzt, sondern ad absurdum führt, wer zivile Gewalt mit uniformierter Willkür bis hin zu bewusst lancierten Falschmeldungen über den Ablauf linker Attacken beantwortet, der nutzt den Ausnahmezustand nicht zur Ordnung, sondern manipuliert sie zum eigenen Machterhalt.
Hamburg brennt nämlich gar nicht. Was gelegentlich heißer brennt, als der Staat hinnehmen muss, ist der Protest gegen eine Politik der sozialen Kälte, der Vertreibung, der Ellbogengesellschaft – ausgefochten mit dem Schlagwerkzeug aus Geld, Kontakten, Besitz, dem Recht der Wohlhabenden, Einflussreichen. Dass auch ein sozialdemokratischer Senat dieses Feuer mit allen legalen Mitteln zu löschen hat, ist Teil des demokratischen Prozesses. Es selber zu legen, eher nicht.
TEXT
Das erste Opfer des Krieges, heißt es, ist die Wahrheit. Und Hamburg hat Krieg, Bürgerkrieg. Sagen die einen, sagen die anderen, und meinen damit sehr verschiedene Dinge. Womit wir beim Thema wären. Denn seit kurz vor Weihnachten der ortsübliche Kampf um die Rote Flora zur blutigen Schlacht eskalierte, seit gar Polizeiwachen angegriffen wurden und der Adventseinkauf behindert, sind acht Hektar des vermeintlich offenen Tors zur Welt eine Festung. Genauer: ein Gefahrengebiet. So heißt die hanseatische Spezialform des lokalen Ausnahmezustands auf Zeit, in dem dank polizeilicher Sonderbefugnisse Recht und Ordnung herrschen soll. Beteuert die Politik. Oder in der beides dank polizeilicher Willkür außer Kraft ist. Entgegnen deren Gegner.
Dann wollen wir doch mal sehen.
Da drüben stehen sie an diesem milden Montagabend fernab von Reeperbahn, Schanzenviertel, den Brennpunkten temporärer Gewalt: Acht Bereitschaftspolizisten inmitten des Wohnviertels. Und sie warten auf, ja was eigentlich? Besoffene? Randalierer? Terroristen? „Wir warten auf gar nix“, sagt ein Zugleiter mit der Jeanschiffre 501 am Helm und grinst argloser, als sein Ganzkörperpanzer suggeriert; Sicherheit für das Schill-Erbe Gefahrenzone heißt offenbar zunächst: Sicherheit für die Sicherheitskräfte.
Aber es hat ja auch geknallt, fünf Minuten zuvor. Ein Böller, dann noch einer. Nichts Neues nach Neujahr, aber St. Pauli ist halt Danger Zone, wie ein Transparent vom Balkon gegenüber verkündet und um Blauhelme fleht; da werden Silvesterreste schon mal kriminalisiert wie die Menschen in toto. Denn das Amüsierviertel, Außenstehende wie die regierende SPD vergessen das zuweilen, ist bewohnt. Dicht sogar. Von 50.000 Menschen. Fleißige wie faule, nette und nicht so nette, geburtsdeutsche und gefühlsdeutsche, reiche, arme – alles dabei. Und nun leben sie, wie der Autor, im Risikoraum. Der ist selbst in Hamburg nicht ungewöhnlich, wo das juristisch bedenkliche Notstandsgebiet seit 2005 mehr als 40 Mal eingerichtet wurde – wenngleich meist nur für Stunden und das auf engem Raum. Dieses hier indes reicht von der Elbe übers Schanzenviertel bis zum Bahnhof Altona und zwar unbefristet. Es umfasst Supermärkte und Diskotheken, Spielplätze und Puffs, umschließt den Alltag und das Leben. Durchdringt es. Und nicht nur viele der 82.000 Bewohner sind, sagen wir mal: irritiert davon, beim samstäglichen Brötchenholen mit Kleinkind auf dem Arm drei Polizeitransporter im Schritttempo zu sehen, Seitenscheibe runter, scharfer Blick, weiter geht die Spähfahrt. Wir sind irritiert, beim Sonntagsbummel durchs Quartier von 400 Kontrollen allein am ersten Wochenende zu hören. Wir sind des Weiteren irritiert, abends auf dem Weg zur Stammbar ein Spalier bewaffneter Stormtroopers durchschreiten zu müssen, deren breites Kreuz nur unbereitwillig schwenkt, um Passanten passieren zu lassen.
Kurzum: Viele der Generalverdächtigen sind bis zum Hass auf jede Uniform irritiert von der Erklärung des heimischen Mikrokosmos zum Hot Spot des Verbrechens. Weil das letzte Opfer des Krieges aber bekanntlich der Humor ist, suchen sie ihr Heil oft in einer Art heiterer Renitenz. Zum Beispiel weißes Pulver (ideal: Natron) in klarsichtiger Tüte direkt vor den Gefahrenzonenwächtern gegen Geldbündel tauschen (soll angeblich zu beachtlicher Humorlosigkeit vieler Freunde/Helfer geführt haben). Beliebt auch: Wasserflasche mit Taschentuch im Hals. Klobürstenstab (weiß) aus Kapuzenpulli (schwarz) blicken lassen. Mit erhobenen Händen rote Ampeln ignorieren. Gemeinsam durchs Kriegsgebiet flanieren.
Schade, dass derart filigraner Widerstand die Rechnung ohne den ideologischen Wirt mit begrenzter Fähigkeit zum Understatement macht. Just als eine bunte Schar Kiezbewohner zwischen Bioladen, Apotheke und Spielplatz testen will, wie die Polizei auf friedliche Gruppenbewegung reagiert, kommt schon ein Trupp Autonome und brüllt irgendwas mit „Feuer“, „Flamme“, „Repression“. Noch zwei Böller dazu – fertig ist der Polizeikessel in Echtzeit.
„Bei 150 Leuten ist das kein Spaziergang, sondern Aufzug“, übersetzt der freundliche Jeansnummernbeamte das Lautsprecherknarzen vom Einsatzfahrzeug nebenan. Da bedürfe es eines Demonstrationsleiters, „sonst ist hier Schluss.“ Wegen der Ordnung. Und vielleicht, um für etwaige Schäden zu haften. Das nämlich hatte seine Gewerkschaft nach den jüngsten Vorfällen gefordert und gleich noch draufgelegt: Höre die Zivilgewalt gegen die Staatsgewalt nicht auf, sei Schusswaffengebrauch möglich. Anlass für die verbale Aufrüstung waren Angriffe auf Polizeistationen, die für eine Welle der Solidarität gesorgt hatte – selbst in der künftigen Gefahrenzone. Der allerdings hat nun ausgerechnet die Polizei ein Stück ihrer Rechtfertigung entzogen. Sprecher Mirko Streiber nämlich verlegte den Kieferbruch eines Beamten beim angeblichen Sturm Vermummter auf die Davidwache nachträglich 200 Meter nördlich ins Wohngebiet. Bisschen verschätzt, kann ja mal passieren, und die Überwachungskamera – leider, sorry, der Datenschutz – habe auch nicht aufgezeichnet. Es ist aber auch vertrackt mit dem Rechtstaat in einem Viertel voller Staatsfeinde, die der Boulevard von Bild bis Morgenpost Tag für Tag zum wilden Mob paramilitärischer Chaoten hochjazzt.
Die allerdings sitzen nach zwei Tagen voller Kontrollen, Platzverweisen, Gewahrsam-, gar Festnahmen nicht in konspirativen Kellern und planen den Umsturz, sondern an den Tresen und trinken sich ihr Stigma lustig. In einer Nachbarschaftskneipe namens Otzentreff etwa analysieren Gäste zu Molotow-Cocktail-Shots für 1,50 und Polizisten aus den Boxen, was vor der Tür abgeht, bis die Danger Zone wieder Wohngebiet sein darf. Bis das dauernde Blaulicht vor den Butzenscheiben erlischt. Erst morgens machen die Kriegsparteien mal Pause. Selbst als auf der Reeperbahn die umkämpften Esso-Häuser geräumt werden, ist kein Polizei zu sehen. Bis zur Dämmerung. Die Fenster der Drogerie sind noch vom letzten Kampftag kaputt, die des SPD-Büros gar verrammelt, da spielen die Hüter ihrer Wahrheiten abermals Katz und Maus. Am alternativen Kunstprojekt Park Fiction sammeln sich die Anwohner zum Spaziergang mit Elbblick und sind, wie so oft, irritiert, wenn martialische Einsatzpolizisten höflich mit „Moin“ grüßen, wer immer sie passiert. Um „20 Uhr 23“, der Lautsprecher ist da korrekt, ist sogar eine Demoleiterin gefunden und es geht los, Richtung Kiez. Kurz darauf kracht ein Böller. Bürgerkrieg im Gefahrengebiet, das jetzt Gefahreninseln heißt, Schlachtfeld St. Pauli. Das zweite Opfer dieses Krieges ist die Nachtruhe.
KOMMENTAR
Feature: Selbstzensur beim Tatort
Posted: January 5, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentIm Realitätsasyl
Von Jan Freitag
Reportage: In der Kinderkonsumhölle
Posted: December 21, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentThe Colour Rosa
Auch dieses Jahr geraten beim Weihnachtseinkauf viele Eltern in die Krieger- und Prinzessinnenfalle: Sie nehmen, was das Marketing ihnen unterjubelt, und erfüllen somit deren Rollenklischees. König Kunde wird zum Konsumopfer
Von Jan Freitag
Die drei großen „M“ der Weiblichkeit kommen nie zu früh. Auf dem Speicher, so geht die Kaufhaus-Legende, hat Barbie einen „magischen Glitzerschrank“ entdeckt, in dem sich alles um Make-up, Mode, Modelzukunft dreht. Per Knopfdruck können „Girls die Outfits und Accessoires ihrer Puppen verzieren“. Statt Tristesse echte Hingucker – erst der „Glitterizer“, so scheint es, bringt Licht ins triste Leben kleiner Prinzessinnen.
Hersteller nennen diese Anleitungen zum Rollenstudium für Dreijährige aufwärts gern „Traum in Pink“, Feministinnen wohl eher Inferno in allen Rosatönen. Es steht unweit dem blutroten, tarnfarbenen, anthrazitdüsteren für Jungen auf der anderen Seite des Mittelgangs. Da, wo noch für Windelträger die „Ära der Finsternis“ mit Mutanten Marke Gormiti beginnt, den „Transformers“ von „Lego oder „Ben 10 Alien Force DNA Heroes“. Im Weihnachtsgeschäft quellen die Kaufhäuser davon über, bis an die Zähne munitioniert, martialisch, muskulös. Doch die Ausweitung der Kampfzone im Kinderzimmer endet beim Y-Chromosom: Mädchen haben hier nichts zu suchen.
Damit sich keins verirrt, zieht der bundesweit größte Spielzeughändler Toys R Us einen Schutzwall: „Barbies Traumvilla“. Edelküche, Whirlpool, Himmelbett – was die Mutti von morgen so braucht. Trotz 199 Euro ist das dreistöckige Ungetüm auf einer der 57 knallbunten, sehr lauten, tannenzweigfreien, fast identischen Filialen irgendwo in Deutschland plötzlich ausverkauft. Raunen, Flüche, eine Frau protestiert laut. Offenbar laut genug: acht Minuten später wird der Spaß wieder hochgestapelt. Fest gerettet!
Ob Karstadt, Supermarkt oder Toys R Us: auch in diesem Jahr macht die Branche rund 50 Prozent ihrer Umsätze in den Wochen vor Weihnachten, stets entlang der Demarkationslinie: Hier die Jungszone voller Krieger, Alien-Invasoren und Monstertrucks; da die der Mädchen mit exakt zwei Themen: Mutterschaft und wie man sich den passenden Kerl dafür angelt. „Hast du den Zettel für Bill?“, ruft ein Vater über die rosa Mauer aus Traumvillen und lenkt den Einkaufswagen zu den Battle Strikers Metal XS2, während seine Frau für Klein-Sylvie zum Barbie Schönheitsstudio rollt, mit dem „Du Dich und Deine Freundinnen zu kleinen Prinzessinnen stylest“, wie es aus einem der Flatscreens röhrt. Konsumopfer König Kunde.
Der Handel delegiert jede Verantwortung für eine förderliche und spaßige Spielmixtur auf den Markt, dessen Konkurrenzdruck nun mal das volle Sortiment erfordere. Und auf die Erziehungsberechtigten natürlich. Nur: Mit dem ersten Spekulatius hageln auf kommerziellen Kinderkanälen stündlich bis zu 60 Werbespots aufs Zielpublikum nieder, unterbrochen durch Fiktion, die von „Hannah Montana“ über die Disney-Welt bis „Power Rangers“ bloß Reklame fürs eigene Merchandisings ist. Wenn Mama und Papa da abschalten, verstärkt die Trotzphase den Bedarf nur weiter. Zugleich macht die Industrie mit PR im dreistelligen Millionenbereich die Schutzbefohlenen von einst zu „Tweens“ oder „Pre-Teens“, was nicht nur spaßorientierter, sondern konsumtauglicher klingt als das biedere „Kinder“.
Kein Wunder, dass Erwachsene bei selbstbewussten „Kids“ mit einer Kaufkraft von zwei bis drei Milliarden Euro ein Imageproblem haben. In deren Spielwelten kommen sie wie in den lizenzgebenden Filmen und Serien wenn überhaupt, dann als nützliche Idioten vor, die in der Realität „eine repressive und freudlose Welt durchsetzen“, wie die US-Soziologin Juliet Schor in der „Zeit“ beklagt. So erinnert der Kampf ums Kinderzimmer an den der Finanzkrise. Die Spielzeugindustrie, schrieb das Magazin weiter, „bietet etwas potenziell Schädliches an, privatisiert die Gewinne und sozialisiert die Risiken“.
Die sind spürbar. Weil man mit „Disney Princess Rapunzel Schlossturm“ passend zum Kinostart eben Rapunzel im Schlossturm spielt, büßen die Spieler kreative Energie fürs Urteilsvermögen ein. Die Welle mechanischer Spielsachen, denen Kindergarten-Erfinder Friedrich Fröbel schon vor 200 Jahren die „Fröbelgaben“ Kugel, Zylinder, Würfel entgegensetzte, ist zur Flut geschwollen – und wir reden noch nicht mal von Nintendo und PC… Produzenten können noch so auf die Modelleisenbahn von einst verweisen – der Spieltrieb wird zusehends entmündigt.
Spielen im Jahr 2013 heißt Spielen nach Drehbuch. Besser: zwei davon: Prinzessin für Mädchen, Actionheld für Jungen. Die proben aus Sicht des Kinderpsychologen Dietmar Langer auch im Kriegsspiel soziales wie manuelles Geschick, sofern sie „emotional sicher gebunden“ sind; ab Herbst aber, mahnt der Rostocker Verbraucherschützer Matthias Wins, „werden Kinder und Eltern von Botschaften überhäuft, denen angeblich genau zu entnehmen ist, was für Jungen und Mädchen unterm Weihnachtsbaum liegen soll“. Darum empfiehlt er unabhängigen Rat. Stiftung Warentest etwa gebe Auskunft, „welches Spielzeug unter pädagogischen Gesichtspunkten eine Empfehlung verdient“.
Aber wer fragt schon nach, gerade im Weihnachtsstress, gerade in überladenen Spielzeugabteilungen großer Kaufhäuser, gefangen in der „Prinzessinnenfalle“, wie Psychologen das Dilemma festgelegter Spielszenen nennen. „For Girls Only“ steht auf dem Karton einer Kulleraugenpuppe mit Kuschelpferd. Nicht, dass jemand daneben greift.
Reportageinterview: Karl Ludwig Schweisfurth
Posted: November 30, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentSchmecken, fühlen, riechen
Bis Karl Ludwig Schweisfurth vor 30 Jahren nach einem Fasterlebnis über Nacht zum Biobauern wurde, war er Europas größter Fleischfabrikant. Sein „reformiertes Handwerk“ will seither nicht nur Nutztieren ihre Würde zurückgeben, sondern auch den Menschen, die sie verarbeiten. Eine Begegnung mit einem Bekehrten
Von Jan Freitag
Wer Karl Ludwig Schweisfurth daheim trifft, kann kaum glauben, dass hier ein Pionier deutschen Industriefleischs lebt. Wie aus der Zeit gefallen wirkt sein sanierter Katen im oberbayrischen Glonn. Der Weg dorthin führt über einen Hof, wie er auf Milchtüten kaum schöner sein könnte: Bienen surren übers Blumenbeet, eine Katzen streunt hindurch, Efeu umrankt das Haus, aus dem der weißhaarige Mann mit Strickpulli und Filzhut tritt, ein Miniaturkotelett über der Krempe. Wäre es keine Anstecknadel, das Fleisch stammte fraglos von seligen Schweinen, denn Karl Ludwig Schweisfurth hat seiner Vergangenheit schon 1984 abgeschworen. Damals wird aus dem Fabrikanten ein Bauer und aus dem Milliardär ein Missionar, aus Massenproduktion „reformiertes Handwerk“ und aus Herta-Wurst Öko-Ware. Karl Ludwig Schweisfurth stellt grünen Tee auf den rustikalen Küchentisch, gleich neben ein paar historische Schlachtmesser. „Ich liebe Fleisch“, er lacht, „sofern ich weiß, wo es herkommt“. Und hier, wo Schweisfurth vor 27 Jahren die „Herrmannsdorfer Landwerkstätten“ voll artgerechter Tiere, klarer Prinzipien und guter Vorsätze gründete, weiß er es genau.
freitagsmedien: Herr Schweisfurth, Sie sind vom Saulus der Fleischindustrie zum Paulus des „reformierten Handwerks“ geworden. Was genau ist da passiert?
Karl Ludwig Schweisfurth: Eine Rückbesinnung auf bewährte Handwerkskunst mit moderner Technik. Das Wissen des Meisters, überliefert von Generation zu Generation, statt bloß Erkenntnisse einer Lebensmittelwissenschaft, die vor meiner Zeit noch gar nicht existiert hat. Ich will weg von der automatisierten Tötungsindustrie, in der Hackfleisch eine Woche haltbar gemacht wird. Das hätte ich noch vor zehn Jahren für Utopie gehalten.
Halten Sie es heute für umkehrbar?
Ich will das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen. Aber während Hühner von Bauernhöfen verschwinden und sich die Zahl der Schweine in den letzen zehn Jahren halbiert hat, schlachten große Fleischfabriken 25.000 Schweine täglich und 25.000 Hühner pro Stunde. Aber nicht durch Schlachter, sondern verlängerte Werkbänke, die bloß einen Handgriff ausüben. Ich gebe ihm sein Handwerk zurück, um zum Wesentlichen, zu Ethik, Moral, sich selbst zurückzukehren. Die Würde des Tieres bedingt die des Menschen und umgekehrt, da setze ich Handwerk gegen die Lidlisierung des Konsums und seiner Befriedigung.
An der Sie ja nicht unschuldig sind.
In den ersten 30 Jahren meines Berufslebens habe ich die Automation der Fleischverarbeitung an vorderster Front gefördert und dem technischen Fortschritt mit Begeisterung gehuldigt.
Hätte es ohne Sie überhaupt eine deutsche Fleischindustrie gegeben?
Ganz sicher, ich war nur wie in so vielem der erste. Auch ohne mein Zutun wäre handwerkliches Wissen verschüttet worden. Von Warmfleischschlachtung übers Abhängen bis hin zum dörflichen Schlachtfest als soziales Ereignis. Damit ging der Schlachter als Experte verloren. Er wurde vom eigenen Beruf entmündigt. Und zwar im Kampf gegen den einen Feind.
Den Mangel.
Genau. Es gab nach 1945 zwei Sorgen: Nie wieder Krieg, nie wieder Hunger! Das waren auch die Maxime meines Handelns.
Das Land liegt in Trümmern, als der Metzgerlehrling vom westfälischen Herten aus erst den elterlichen Betrieb, bald die ganze Branche umwälzt. Voll Elan besucht er die Schlachthöfe in Chicago, doch was Upton Sinclair 1903 angeekelt zum Buch Der Dschungel trieb, treibt den jungen Schweisfurth zum Fortschrittsgläubigen. Aus dem Inferno von sozialem Elend, hygienischem Desaster und verachtetem Tier importiert er das Fließband ins Wirtschaftswunderland. Schweifurth macht aus der Metzgerkette einen Konzern, er führt die Vakuumverpackung ein, das Mindesthaltbarkeitsdatum, die Inhaltskennzeichnung. Herta wächst, Herta expandiert, 1964 auch ins Ausland. Schweisfurth ist ganz oben. Erst Anfang der Achtziger, als seine drei Kinder ergrünen, kommen ihm Zweifel. „Papa, wie lebst du eigentlich?“, fragen sie. Ja wie? „Ich habe keine Schuldgefühle“, sagt Schweisfurth als alter Biobauer und haut bei jeder Silbe auf den Tisch. „Menschen machen Fehler“. Bambam. „Es war eine Pionierzeit“. Bambambambam. Und sie hat nicht nur die Lebensmittelherstellung verändert, sondern auch die Arbeitsbedingungen.
Was kann der Biobauer Schweisfurth seinen Fließbändern von einst heute abgewinnen?
Herta war qualitativ absolut Spitze. Nicht nur, weil wir die neueste Technik hatten, auch wegen des sozialen Klimas. Während die Branche immer steriler wurde und die Fabriken lebloser, habe ich Kunst in die Fabrikhallen gehängt und Fenster mit Blick ins Grüne eingebaut.
War das nicht bloß ein Feigenblatt?
Nein, anständige Arbeitsbedingungen liegen mir seit jeher am Herzen. Deshalb tu ich was für meine Leute und sorge dafür, dass die Fabriken nicht nur zweckmäßig, sondern schön sind.
Ist das Ihre Form der Corporate Social Responsibility?
Den Gedanken hatte schon mein Vater lange, bevor der Begriff entstand. Trotz der automatisierten Abläufe lag Herta ein guter Umgang mit dem Personal am Herzen, das Wort der Meister wurde hoch gehalten; es waren Respektspersonen und ich kannte jede mit Namen. Aber sie haben eben arme Schweine aus intensiver Haltung am Fließband verarbeitet.
Hat ihre Technologiegläubigkeit seither gelitten?
Die Maschine sollte dem Menschen dienen, aber es ist längst umgekehrt. Und wo einmal eine Maschine steht, kommt nie wieder ein Mensch hin. Nur in meinem Metier gelingt es manchmal, Bauern mit Handwerkern zu regionalen Gemeinschaften zusammenzubringen, in denen noch keine industrielle Automation herrscht.
Für andere Branchen gilt das nicht?
Autos und Handys werden doch besser maschinell produziert, aber in Teilen der Wirtschaft halte ich die Rückkehr zu verstehbarer, humaner Tätigkeit für möglich. Unsere 25 Metzger töten auch stundenlang Tiere, sind aber keine Räder einer Maschine, sondern Herz und Hirn. Spezialisierungen finden auch hier statt, aber jeder, ob Geselle oder Meister, kann im Prinzip alles. Wir beschäftigen 140 Leute, alles stolze Handwerker, ihrer fünf Sinne gewahr. Das nenne ich CSR.
Welchen Einfluss nehmen Sie noch?
Da mein Sohn Karl das Unternehmen leitet, rede ich zwar nicht ins Tagesgeschäft rein, setze aber noch immer all meine Kraft daran, dass es in 20 Jahren weiter Bauern, Metzger, Bäcker, Käser gibt. Dass unser Weg gezielt übers Bewusstsein der Lebensmittelhandwerker führt, ist heutzutage geradezu innovativ.
Was sie innovativ nennen, gilt am Markt als Standortnachteil, vor allem überteuert.
Im agroindustriellen System ist mit Innovation stets technische Innovation gemeint, zu selten soziale und kulturelle. Wie wir Landwirtschaft betreiben, das hat mit dem lateinischen Wortursprung colere, also wohnen, pflegen, verehren, nichts mehr zu tun. Da hilft ein Buch wie Tiere essen von Jonathan Safran Foer, das sogar einen Fleischesser wie mich zum Nachdenken bringt. Ich bin Vegetarier, sobald ich nicht weiß, wo mein Essen herkommt.
Wer Visionen hat, empfahl einst Bundeskanzler Schmidt Schmidt, soll zum Arzt gehen. Karl Ludwig Schweisfurth hat eine Vision, als er während des jährlichen Fastens erwacht und seiner zweiten Frau Dorothee sagt, „wir fangen noch mal ganz von vorn an“. Männer um die 50 spüren manchmal diesen Drang nach Brüchen: Neue Liebe, alte Zöpfe – Wege aus der Midlifecrisis sind vielfältig. Doch mit so großer Klinge wie Schweisfurth kann wohl nur ein Metzger ins Leben schneiden. Mit 54, kaum zwölf Monate nach dem Fastenerlebnis, verkauft er sein Wurstimperium, mit 5000 Mitarbeitern und 1,6 Milliarden Mark Umsatz Europas größtes, an Nestlé. Vom Erlös erwirbt er 1984 ein altes Gut, 40 Kilometer östlich von München, wo bald darauf die Schweisfurth-Stiftung zur Förderung seiner Ideale entsteht. Ein Vierteljahrhundert später führt ihr Gründer seelenruhig Gäste durch die Stallungen, begrüßt die Verkäuferin im quirligen Hofladen mit Vornamen, lädt zum Kotelett ins gutseigene Restaurant, stapft durch knöcheltiefen Morast. „Dreck ist Leben“, ruft er und schildert den Traum der symbiotischen Landwirtschaft, wo Mensch und Tier eine Einheit bilden, kein Wirtsverhältnis. 1000 neue Herrmannsdörfer – das ist seine neue Vision.
Im Rahmen der Expo 2000 ist schon das zweite Herrmannsdorf gescheitert.
Das hat wehgetan. Ich wollte zu perfekt sein, aber man muss scheitern können, um zu lernen. Fang ruhig mal klein an, bescheiden. Wachsen kann man immer noch.
Ihr Sohn Georg, Gründer der Bioladen-Kette Basic, hat es mit dem Wachstum übertrieben und eine Kooperation mit Lidl vereinbart.
Und da hat Karl gesagt, wenn dieser Geist bei Basic einzieht, liefere ich nicht mehr. Das war richtig, weil Lidl seine Lebensmittel zwar wie andere Discounter produzieren lässt, aber wie Schlecker auf dem Drogeriemarkt zudem eine extrem aggressive Preispolitik auf dem Rücken der Mitarbeiter betreibt. Der Druck bei Lidl gehört zu den härtesten. Lebensmittelchemisch ist da alles in Ordnung, sozial weniger.
Trotzdem hat auch Lidl Ökoprodukte im Regal.
Schon. Aber Industriebio mag ökologische Mindeststandards einhalten – die Methoden sind geprägt vom agroindustriellen System: Arbeitsteilung, Automation, Masse. Da finde ich die Hofladenecken bei Edeka nachhaltiger, auch wenn die Waren nicht biologisch entstehen.
Regionale sind wie biologische Waren weiter Nischenprodukte. Macht es einen Überzeugungstäter wie Sie nicht verrückt, dass die Masse wieder besseren Wissens isst?
Den Spruch, Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun, müsste man heute umdrehen: Herr vergib ihnen, denn sie tun nicht, was sie wissen.
Das klingt missionarisch.
Wer was verändern will, kommt zum Missionieren, ob er will oder nicht. Aber ich verkünde keinen Glauben, das ist der Unterschied. Ich verkünde den gesunden Menschenverstand.
Kurz nach der Fleischindustrie verlässt Karl Ludwig Schweisfurth auch die Kirche. Weil sie ihm zu anthropozentristisch sei. Vom Katholizismus zum Buddhismus bekehrt, geht er nach erstmal in den Himalaya. Abschalten, Loslassen. Schon immer war der 83-Jährige ein Mann großer Schritte und tiefer Schnitte. Sein reformiertes Handwerk ist wohl nicht sein letzter.
Reise: Surfen vor Irland
Posted: November 16, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentBeifang im Schnee
Vier Surfer, eine alte Feuerwehr, 13 Boards und ein windsicherer Herbsttrip nach Irland – eigentlich war für vier Norddeutsche alles für den perfekten Surfurlaub gerichtet. Eigentlich.
Von Jan Freitag
Wer solche Bedingungen hat, flüchtet sich schon mal ins Philosophische. „Wir sind immer auf der Suche nach dem großen Fisch“, Christian Tesche krault sich versonnen im Kinnbart, „und dabei kriegen wir eine Menge Beifang ins Netz“. Er sagt das mit viel Bedacht. Das ist nicht immer die Art des bekennend einfach gestrickten Mecklenburgers. Wie gesagt – die Bedingungen müssen Gedankenspiele zulassen. Gerade bei Surftrips in die Ferne, gerade, wenn die Erwartung groß, die Realität jedoch ernüchternd ist. Und die Erwartungen an eine Reise nach Irland, vier Surfer, ein Journalist und eine ausgebaute Feuerwehr mit 13 Boards auf dem Dach, sind natürlich enorm.
Kein Wunder, mitten im stürmischen Herbst. Und an der rauen Atlantikküste, versichern alle Wetterexperten, ist die Windgarantie fast einklagbar. Dazu dank Golfstrom mildes Klima und herrliches Licht. Ein Surfertraum in grün. Leider sieht die Realität etwas anders aus: Kaum ein Lüftchen, unzuverlässiges Wasser, dafür viel Regen und Temperaturen nah am Gefrierpunkt. Da wird Beifang, wie Christian Tesche ihn definiert, besonders wichtig. Wellenreiten zum Beispiel, mehr aber noch Land und Leute, Kultur, Natur, alles pur. „Durchs Surfen komm ich an die schönsten Orte der Welt“, sagt der exzentrische Künstler. Und die irische Westküste zählt ohne Zweifel dazu.
Um sie sehen zu können, muss Sören Klement zunächst mal putzen. Er ist wie jeden Morgen als erster erwacht und die Scheiben des Daimlers sind wie jeden Morgen beschlagen, dass es nur so tropft. „Es hat geschneit“, ruft er plötzlich in den dunstigen Innenraum und die Mitreisenden wählen im Geiste die Nummer der nächsten Psychiatrie. Zwei Tage später wird ihnen ein Einheimischer mit Brett unterm Arm erzählen, ansonsten lasse er im Oktober außer Neopren nur T-Shirts an seine Haut und dann das: Die zierlichen Berge im Rücken des Küstenorts Easky tragen weiße Kappen. Immerhin – es gibt Wellen!
Die Gruppe schält sich aus ihren Schlafsäcken, begräbt alle Hoffnungen, dass fünf schlafende Männer einen Sechs-Meter-Bus vor der Außentemperatur bewahren und steht einen Kaffee später am Ufer. Wie verrückt prügelt die Flut Ozeanwogen zum Strand. Dumm nur, dass es fast völlig windstill ist. Noch am Abend zuvor waren Sören und Matze Wellenreiten. Im Dunkeln. Als Aufwärmtraining für den heutigen Windsurf sozusagen. Dachten sie wenigstens. Drei Tage lang sind sie nun schon auf Spotsuche. Und das nach ebenso langer Anreise von Rostock, Hamburg, Cuxhaven über Harwich und Wales Richtung irische Westküste. Drei Tage auf den geräumigen Fähren der DFDS-Seaways oder im schwerfällig knatternden 508er, nur kurz unterbrochen von einem Ritt im kühlen walisischen Kanalwasser von Fresh Water West und zwei Guinness im Pub an der Landstraße. 70 Stunden bis zum Surfhimmel – die Donagal Bay unweit der nordirischen Grenze. 70 weitere auf der Suche nach einem anderen, manchmal durch Schneematsch. „Die letzten zehn Tage waren hier einfach perfekt.“ Die Worte des Windsurfshopbesitzers der Bezirkshauptstadt Sligo dröhnen dem Quartett noch immer in den Ohren. Das zermürbt die gelassensten Norddeutschen. Der Weg ist eben nicht immer das Ziel.
Immerhin, im Internetcafé nebenan gibt es bessere Nachrichten. Olaf, mit 36 der Senior der Reisegruppe, hält triumphierend den Ausdruck hoch. „Guck dir die Isobaren an“, jubelt der eher stille Kieler mit 22 Jahren Surferfahrung. Dicht wie eine LP-Rille liegen die Luftdrucklinien über Irlands Westen. „Ab morgen wird’s gut und Samstag geht es richtig rund“, interpretiert er die Daten. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Doch erst mal liegt die gute Laune im Sterben. Donegal Bay samt Topspot Tullan Beach, die sonst so windsichere Sligo Bay, eine idyllische Bucht am Aughris Head, auch Easky, das irische Surfmekka und Sitz der Irish Surf Association – alles wunderhübsch gelegen, voll feinstem Beifang, doch alle wollen aufs Wasser. Allen voran Matze Bade. Der schwarzgelockte Holsteiner, dem man eine Reihe seiner 28 Jahre nicht ansieht. Sonst eine schier unerschütterliche Frohnatur sitzt er frierend im Bus und mault. „Wir haben hier den perfekten Spot und eine 8-Beaufort-Ansage für Samstag und statt die zu catchen checken wir heute aufwändig einen Spot mit fünf und die sind auch noch sketchy.“
So lautet die Übersetzung seines Unmuts darüber, dass die anderen trotz akzeptabler Bedingungen mal wieder noch bessere anpeilen. Ein Mehrheitsbeschluss. Demokratisch korrekt. Aber auch meteorologisch? Auf dem Weg zur Killala Bay, noch so ein Tipp aus dem Surfshop, treffen sie ein echt irisches Original. Speckiger Sturmmantel, lange Haare, Vollbart, Gummistiefel. Nur seine Herkunft kratzt am Klischee. „Tolle Bucht hier“, sagt der emigrierte Hamburger inmitten alter Fischerboote. Angenehm ruhig, keine Touristen, gute Wellen. Aber zum Windsurfen, das weiß der 40-Jährige, seit es ihn 1984 eigens dafür nach Irland verschlug, „müsst ihr noch weiter“. Auf die Halbinsel The Mullet, um genau zu sein. Dann geht alles sehr schnell: Abfahrt gen Westen, 50 holprige Kilometer Secondary Road, Ankunft kurz vor der Dämmerung und die Nase in den Wind. Es frischt auf. Endlich! Dann geht es noch schneller. Alles runter vom Dach. Alles. In wenigen Minuten schrumpft die Wagenhöhe von knapp vier auf gut zwei Meter. Keine halbe Stunde später ist der letzte in der Brandung. „Ich hab noch nie so fix aufgeriggt“, keucht Olaf nach gewonnenem Kampf mit seinem 5,3er Segel, dem klammen Neopren und läuft zum Strand.
Ihn erwarten vielleicht fünf Windstärken. Matze, der beste unter vier Könnern, macht daraus ein paar schöne Sprünge. „Auf den kannst du dich verlassen“, lobt Sören, der surfende Pressefotograf aus Rostock, und blickt etwas wehmütig auf das, was ihm grad entgeht. Hohes Tempo ins Abendrot zum Beispiel. Oder Christians vielleicht beste Welle seiner 29 Jahre. Er hat es gerade selbst gemerkt, so spitz fegt sein Schrei durch die kalte Luft. Ein kurzes Geburtstaggeschenk, aber ein schönes. Und nicht das letzte. Ein weiteres kommt von den Einheimischen, die tags drauf zum Wellenreiten herbei strömen. Surfen, das ist am Atlantik wie Skifahren in der Schweiz. Und noch ein Unterschied zu Deutschland: Der Frauenanteil ist enorm. Die Hälfte auf dem arktisch kühlen Wasser ist, grob geschätzt, weiblich. Und am Wochenende – Stichwort 8 Beaufort – treffen sie sich alle genau dort zum Windsurfwettbewerb, wo gerade Sörens Feuerwehr parkt. Auf der Westseite zum Freestyle, auf der Ostseite zum Supercross. „Hier ist einer der besten Windsurfspots in Irland“, schwärmt Dave, der wie so viele hier jeden Abend von der Arbeit zum Strand fährt. Ein Traum: Board statt Büro in Minuten, aus dem Blaumann in den Neo. Schade nur, dass die Außentemperatur weiter gegen Null tendiert.
So ähnlich übrigens, wie die Trefferquote der Wettervorhersagen. Denn (natürlich) herrscht am Samstag fast Flaute – das nervt die irischen Teilnehmer kaum weniger als die außer Konkurrenz surfenden Deutschen. „Ich fang gleich an zu trinken“, kündigt Matze schon mittags an und kann von Glück reden, es nicht getan zu haben. Gegen Abend frischt es auf. Am zweiten Tag lautet das Motto erneut: Erst der Contest, dann das Vergnügen. Denn mit der Dämmerung kommt der Sturm. Und nach dem Sturm die Party. Mittendrin: die vier „courageous germs“, die für die beste Welle im Zweifel die Klippen rasieren und einen Wagen bewohnen, der den Locals als Landefahrzeug feindlicher Invasionstruppen vorkommen muss. „Die denken doch, hier steigen gleich zehn Leute aus“, mutmaßt Sören lachend über die Surfboardparade auf dem Dachgepäckträger.
Das ausgediente Mehrzweckfahrzeug einer bayerischen Ortsfeuerwehr, mit Baudatum 1975 sogar zwei Jahre älter als Sören, sein Besitzer, scheint das Halbinselgespräch zu sein. So ist wenigstens bei der Frage nach dem Weg zu spüren. Kein Wunder – außen signalrot mit zwei stattlichen Strahlern vorn und achtern, innen skurrile Typen: Matze Bade, optisch irgendwo zwischen Tom Hanks und Mehmet Scholl, Topsurfer und wandelnder Dresscode auf der einen Seite, viel beschäftigter Ingenieur und Bausparer auf der anderen. Daneben, fast einen Kopf größer, Olaf Barth, irgendwie sein Gegenteil. Gerade im Neopren mit Kappe erinnert der zweifache Vater mit Wohnsitz Postbus an die Nihilisten bei Big Lebowsky, schneidet aber statt Zehen ab lieber Surfboards zu. Auf Rädern – eines gediegenen Zirkuswagens – lebt auch Autofreak Sören Klement, der dank blonder Mähne, Zahnpastalächeln und unerschöpflicher Energie jeden Surferbildband schmücken würde. Abzüglich des Arbeitseifers trifft das auch auf Christian Tesche zu, daheim an der Ostsee sein Nachbar. Ein Freund bizarrer Bärte, hübscher Frauen und großer Steine, die er unentwegt an Irlands Stränden sammelt, um sie auf seinem Hof bei Rostock in rostigen Stahl zu schweißen.
In jeder Ecke des überladenen Wagens liegen sie herum. Glattgewaschene Findlinge, Kunstwerke in spe. Doch was die Restbesatzung erst nervt, wird nach der nächsten Weiterfahrt plötzlich nützlich – als Ballast. Es stürmt. Land unter an der Südküste. Das schlimmste Unwetter seit mindestens 60 Jahren, titeln die Zeitungen. Das geilste Wetter seit mindestens sechs Tagen, jubeln die Surfer. Red Strand, Ownachincha – beste Spots bei Nordostwind. Und weiter östlich, am Galley Head und Old Beach, unterhalb von Cork, wird es beinahe zu heftig. „Absolut hardcore“, meint Matze und kämpft bei heftigen Böen mit dem Segel. An Land wackelt der Wagen wie bei einem Erdbeben. Auf dem Wasser bricht Olafs Mast, sein Gesicht macht Bekanntschaft mit einer Riesenwelle und schwillt linksseitig auf Kiwigröße an. Es beginnt die Zeit der 1000 Reißverschlüsse: Segel- und Boardbag, Wasch- und Reparaturbeutel, Foto- und Videotasche, Jacken und Neos – alles bleibt auf Standby.
Vor allem die Bademode. Weil manche Spots zu heftig, andere zu kabbelig sind, geht es im Wagen hin und her. Wie üblich. Doch die Hoffnung hat gesiegt: Vorsorglich bleiben die Anzüge am Leib. Bei den Fahrten über geflutete Landstraßen, durch dicke Regenfronten, wird auch im Wageninnern die Luft greifbar. Immerhin, Christian kriegt sein drittes Geburtstagsgeschenk: die erste Dusche seit bald zwei Wochen. Das vierte folgt sogleich, schon auf dem gedehnten Rückweg zur Fähre. Ardmore, ein perfekter Windsurftag bei strahlendem Sonnenschein und kräftigem Nordostwind. Das Wasser ist hier schon nicht mehr richtig offener Atlantik und noch nicht wirklich Irische See, die Stimmung ist noch nicht Abreise, aber auch nicht mehr so recht Urlaub. Die Stahlkiste auf dem Dach, einst prall gefüllt mit Wurst und Fleisch, ist jedenfalls ebenso leer wie der Schrank mit den Spaghettibeständen. Also wird es abends im Pub wehmütig. Geschichten von früher, von den schönsten Orten der Welt, von völlig windstillen Trips in den Neuseeländischen Surferhimmel, gigantischen Kuppen vor Hawaii und Südafrikas legendären Rechtshänderwellen, von den Freundinnen daheim und der drohenden Lohnarbeit machen mit jedem neuen Bier etwas melancholischer die Runde. „Eigentlich war es doch richtig geil, oder“, bittet Sören um Zuspruch für seine immense Vorbereitung.
Auf jedem Fall! Und wie!, folgen die anderen. Nur das Gruppenleben im Bus, fügt Matze bierselig hinzu, „war manchmal so stressig wie auf’m Boot.“ Es fehle nur das Geschaukel. Dafür gab es am Ende doch noch tolle Surftage. Und reichlich Beifang.
Der Text ist in der SURF erschienen: http://www.surf-magazin.de/reisen/irland/irland-roadtrip/a609.html
Report: Reporter in Politik, PR & Wirtschaft
Posted: November 9, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Wechselwähler
Die Journalistin Susanne Gaschke hat den sicheren Redakteursposten bei der soliden Zeit gegen das Kieler Bürgermeisterinnenamt getauscht – und ist krachend gescheitert. Doch anders als früher ist der Weg zurück in ihren Lehrberuf durchaus möglich, wie ein Blick in die Branche zeigt. Dort wechseln Journalisten oft fleißig zwischen Presse, Wirtschaft, Politik und PR – wie das Beispiel des Wirtschaftsreporters Michael Inacker zeigt. So oft, dass diese Reportage vom vorigen Jahr schon wieder überholt ist, weil Inacker längst wieder vom Handelsblatt fort Richtung Berichtsgegenstand war.
Von Jan Freitag
Wenn Michael J. Inacker seine Karriere beschreibt, bedient er sich bei Hermann Hesse. Jedem Anfang, zitiert der Wirtschaftsjournalist den Literaten, „wohnt ein Zauber inne“. Und weil Michael J. Inacker diesen Zauber förmlich sucht, weil er auch mit 48 nach vorn blickt, „weil mir Verändern, Entwickeln, Neubeginnen liegt“, deshalb fängt Michael J. Inacker öfter neu an. Doch was heißt öfter – sein Berufsweg gleicht einem Dauerstart. Vorletzte Abfahrt: Handelsblatt.
Der Rang des stellvertretenden Chefredakteurs im Hauptstadtbüro war nur die jüngste vieler Stationen eines langen Publizistenlebens. Nur waren sie mitnichten alle: publizistisch. Nach acht Jahren beim Rheinischen Merkur und Welt am Sonntag wurde der promovierte Politikwissenschaftler 1998 erstmals für die Industrie tätig. Bis 2006 hatte er bei DaimlerCrysler vom Planungsstab des Vorstands bis hin zur Direktion für Politik und Außenbeziehungen stets Leitfunktionen inne, unterbrochen nur von einer vierjährigen Aufbauhilfe beim Sonntagsableger der FAZ, „mein journalistisches Gesellenstück“, wie er es nennt. Nach weiteren drei Jahren als Ressortchef der Wirtschaftswoche folgte dann die PR-Abteilung der Metro AG, bis er im alten Verlag sein neues Zuhause fand, aus dem er allerdings im September wieder auszog, nach dem eine neuerliche Rückkehr zum Handelsriesen aus Düsseldorf scheiterte.
Michael J. Inacker ist also das, was man einen Wandler zwischen zwei Welten nennt. Einen Botschafter, wie er es ausdrückt, „um das Nichtwissen beider Seiten voneinander zu mildern“. Mit etwas mehr Skepsis kann man ihn allerdings durchaus als Lobbyisten bezeichnen, der frei von Berichterstattungsobjekt zu -subjekt und vice versa flottiert. Damit repräsentiert Michael J. Inacker im Organismus der Kommunikation einen Zelltyp, dessen Membranen zusehends durchlässig werden.
Denn nicht nur im Zuge der Krise alter Medien gehören Übertritte gelernter Reporter ins Marketing von Wirtschaft und Politik zur Branche wie das Praktikum. Dafür muss man nur die Nahtstellen zwischen PR und Presse lesen. In den Personalienrubriken von Kontakter über Horizont bis Werben & Verkaufen gehen die Karrieren munter vom Massenmedium für wöchentliche Produkttests (Focus) zum zuständigen Fachmagazin (Stiftung Warentest), vom Managementreporter der FAZ zum Managersprecher von Air Berlin, von der SPD-nahen FR in den SPD-geführten Berliner Senat. Doch das Personalkarussell dreht sich eben nicht mehr nur in eine Richtung.
Das Handelsblatt-Gewächs Daniel Goffart etwa kehrte nach vier Jahren Arbeit für den Telekom-Vorstand zurück ins Hauptstadtbüro seines Exarbeitgebers. Cornelia Eyssen viele ihrer fast 60 Jahre an der Spitze diverser Frauenmagazine, landete nach einem Schwenk zur Bogner GmbH bei der freundin. Zwischen WAZ, dpa und nun die Chefredaktion der Schwäbische Zeitung schob sich in Hendrik Groths Vita die Repräsentanz von ThyssenKrupp in Südamerika. Und demnächst kehrt der Springer-Zögling Bela Anda nach sechs Jahren beim Finanzdienstleister AWD heim zur Bild, die er als Sprecher Gerhard Schröders neben „BamS und Glotze“ zur Hauptquelle erfolgreichen Regierens erklärt hatte.
Abstecher auf die andere Seite sind offenbar nicht mehr jene Sackgassen, vor denen die Platzhirsche der Redaktionen so lange gewarnt haben. Sie kommen eher als begründbare Ausflüge daher: Der Reiz des Neuen, Abstand vom Alten, ein schöner Exkurs, besser bezahlt zudem und kaum schlechter beleumundet. Trotzdem gelten sie weiterhin als „Frontwechsel“, eine Form des Verrats also, moralisch bedenklich. Zweifel, die ein Alphatier wie Michael J. Inacker weder an sich noch seine Laufbahn heran lässt. Innerhalb der ethischen Grundlagen unseres Gemeinwesens, hebt er an, diene die Ökonomie nun mal dem Ganzen. „Deshalb kann ich kein moralisches Defizit darin erkennen, meine Arbeitskraft einem Industrieunternehmen zur Verfügung zu stellen.“ Ein gewissenhafter Reporter sei dort als Netzwerker, Agendasurfer, Einzelkämpfer schließlich aus drei Gründen gut aufgehoben: „Erstens kann er ums Eck zu denken, zweitens Stimmungen erkennen, drittens mit der Kraft des Arguments leiten.“ Kompetenzen die in verschachtelten, strategisch denkenden, zumal großen Firmen hilfreich seien.
Aber was bitte schult, umgekehrt, Journalisten dort für die Rückkehr? Michael J. Inacker lehnt sich weit zurück in seinem Übergangsbüro beim Handelsblatt. Und ein bisschen lächelt er dabei wie neben ihm Hans Albers: Selbstgewiss, jovial. „Nur Lumpen sind bescheiden“, steht auf dem schwarzweißen Poster mit Ufa-Star, und für den lebenden Maßanzugträger darunter dürfte es mehr sein als bloß ein Filmzitat. „Sie kriegen Feinschliff bei der Menschenführung“, behauptet er von sich und anderen, „sie lernen, irgendwann auch mal zu entscheiden, sie lernen an der Quelle, wie die Wirtschaft tickt.“ Das prägt. Dauerhaft.
Auch danach steckte die Visitenkarte des Handelskonzerns sichtbar auf seinem Schreibtisch, mittig zwischen Familienfotos, Porscheschlüssel und FAZ. Darin nun keine Symbolik zu verorten, fällt schwer. Denn die Nähe aus alter und neuer Verantwortlichkeit ist Gegenstand einer berufsethischen Debatte, die noch eher leidenschaftslos geführt wird. Dass Journalisten medienferne PR-Abteilungen jeden Typs bevölkern wie Skifahrer den Lift rauf zur Piste, ist schließlich gängige Praxis; dass sie diesen Lift indes ab und an auch abwärts nehmen – darüber begann die Branche erstmals lauter zu debattieren, als sich vor zwei Jahren zwei besonders bekannte Wedler an der Bergstation begegneten.
Im Frühling 2010 wurde der Leiter des Bundespresseamtes Ulrich Wilhelm Intendant des Bayerischen Rundfunks, während zugleich der Nachrichtenmoderator Steffen Seibert seinen Posten beim ZDF mit dem des Sprechers von Angela Merkel tauschte. Ein früherer Fernsehjournalist kehrt nach fast 20 Jahren politischer Exekutive zurück in seinen medialen Lehrbetrieb, ein aktueller Fernsehjournalist folgt ihm ins Marketing der christlich-liberalen Regierungskoalition – ein bizarres Stühlerücken im Schaufenster der Medienrepublik. Mit einer bemerkenswerte Komponente.
Denn Seiberts Wechsel, Motive und Eignung für die Aufgabe im Kanzleramt wurden weit hitziger diskutiert als Wechsel, Motive und Eignung seines Vorgängers für die Aufgabe beim BR. Ob der langjährige Stoiber-Intimus mit CSU-Parteibuch die Distanz zur alten Garde wahren würde, wurde zwar thematisiert; der Spiegel empfand Wilhelms „Karrieresprung“ als „durchaus anstößig“. Doch als der Stern den „Drehtüreffekt“ als „skandalös“ beschrieb, ging es um Seiberts Wechsel vom „Mainzelmann zum Merkelmann“ (Süddeutsche). Dessen Loyalität gegenüber der Kanzlerin wurde hörbarer bezweifelt als die des alten Kanzler-Sprechers zum BR. Es ging um Kompetenz, weniger ums Ethos.
Als allerdings publik wurde, dass das ZDF dem Frauenschwarm Seibert bei Nichtgefallen der Politik ein Rückkehrrecht zubilligte, kam die Frage der Moral doch auf. Man müsse sich schon entscheiden, so der Vorwurf. Ganz oder gar nicht. Wer einmal auf der anderen Seite steht, so die These, verliert jede kritische Distanz, mithin die ethische Grundlage vorurteilsfreier Recherche. „Sicher, der Weg zurück ist seltener“, hält mit Ferdinand Knauß ein Journalist gegen, dem beide Seiten bekannt sind, und verweist auf all die Exkollegen hinterm Sprecherpult der Bundespressekonferenz, die sich genau zu überlegen hätten, welche Inhalte und Personen sie fortan vertreten. „Aber man verkauft beim Wechsel in Wirtschaft und Politik doch nicht seine Seele!“
Schon gar nicht Knauß selbst, den die Auflösung seines Wissensressorts beim Handelsblatt Anfang 2010 ins Bundesministerium für Bildung und Forschung spülte. Nach 16 Monaten BMBF-PR zieht es den 38-Jährigen indes dorthin, wo sein Herz schlägt, wie er es nennt, wo es stets schlug: Journalismus. Als Kommentator von Wirtschaftswoche-Online, auf Bitte seines neuen Vorgesetzten Roland Tichy, der seinerseits in 30 Jahren Berufserfahrung fleißig zwischen Kanzleramt, Zeitungen, Marketing und Medienpolitik changierte. Für Ferdinand Knauß sind das unverdächtige Karriereetappen, sinnvolle gar. „Ich habe im Ministerium viele Einsichten und Erkenntnisse gewonnen“. Dann klingt er fast feierlich: „Übrigens auch in Bezug auf den Journalismus.“ Eher Draufsicht als Einsicht, involviert, aber distanziert. Horizonterweiterung. Und was passiert, falls er nun übers alte Ministerium berichten soll? „Sie werden in der nächsten Zeit nichts von mir übers BMBF oder Annette Schavan lesen!“ Das verstehe sich von selbst.
„Ich habe eine Meinung zu dem, was in meinen alten Unternehmen passiert“, räumte auch Michael J. Inacker ein, als er noch fürs Handelsblatt schrieb. Da er aber ohnehin für Politik zuständig ist, „setze ich mein Wissen nicht für eine Berichterstattung darüber ein“. Inacker klingt dabei sehr gelassen. Wer ansonsten den Weg zurück antritt, verbittet sich jeden Generalverdacht der Voreingenommenheit bisweilen aufs Schärfste. Geradezu respektlos findet es zum Beispiel Marc-Oliver Hänig, „solche Wechsel stets moralisch in Frage zu stellen.“ Fast die Hälfte seiner 40 Jahre habe er für die WAZ gearbeitet, erst frei, dann als Volontär, zuletzt fest angestellt, ein Feuilletonist durch und durch. Dass er nach zweijähriger Etappe als Sprecher von „RUHR.2010“ wieder im alten Job ist, nur bei der Bild in Essen, „so etwas kann und muss jeder mit sich selbst ausmachen“. Zumindest, sofern er im Nachhinein „gewissenhaft genug ist, andere über seinen alten Arbeitgeber berichten zu lassen“. Außerdem habe er mit der europäischen Kulturhauptstadt eine gute Sache vertreten. „Keine Tütensuppen, geschweige denn Waffen.“
Selbst die würde Michael J. Inacker gegebenenfalls vertreten, in einer sozialen Marktwirtschaft, deren freiheitlich demokratische Grundordnung nun mal wehrhaft sei. Das sei eine Frage der persönlichen, nicht der Standesmoral. Informationen suchen oder dosieren, Fragen stellen oder beantworten? Der Gedanke, die Gräben zwischen Marketing und Medien seien zu breit, um sie kreuzweise zu überqueren, erscheint seltsam überholt. Das Verkaufen journalistischer Inhalte hat sein despektierliches Potenzial verloren, seit Finanzinvestoren vom TV-Sender bis zum Lokalblatt alles übernehmen, was Rendite verspricht. Wo Gewinn kein Randaspekt verlegerischen Handelns mehr ist, sondern Wesensinhalt, wirkt Ziffer 6 des Pressekodexes, „Journalisten und Verleger üben keine Tätigkeiten aus, die die Glaubwürdigkeit der Presse in Frage stellen könnten“, folglich so alt, wie er ist, aus einer Zeit also, da das Internet noch rein militärisch genutzt wurde.
Spätestens, als sogar die politisch korrekte FR 2007 aufs Tabletformat mit Tratschteil umstellte, hat das Boulevardprinzip als Selling-Proposition auch die letzte Bastion nüchterner Berichterstattung erfasst. Und wenn es auch in der Presse zusehends um Absätze geht – warum bitte nicht mit guten Verkäufern? Pressesprecher und Redakteure, weiß Michael J. Inacker, „kennen ihre Riten und Gebräuche, Bedürfnisse und Vorlieben“, die Zwänge, den Konkurrenzdruck. Das helfe beiden Seiten. Es mag in einer ökonomisch verflochtenen Welt zwar bedenklich sein, dass Wirtschaftsjournalisten am muntersten hin und her pendeln. Ebenso bedenklich ist es, in ernsten Ressorts zum Makel zu machen, was bei Sportlern im Reporterrang zum Einstellungskriterium wird: Insiderwissen, praktische Kompetenz.
Eins aber unterscheidet etwa den moderierenden Exeistänzer Rudi Cerne grundlegend von schreibenden Exsprechern wie Michael J. Inacker: Die aktuelle Station ist rein biologisch wohl die letzte. Auch für Journalisten gebe es zwar einen point of no return, meint der neue, alte Wissenschaftsredakteur Knauß: „Wenn sie die Institutionen durchlaufen.“ Unternehmerisch Richtung Verwaltung, politisch Tendenz Verbeamtung. Grundsätzlich aber bestehe jene Exit-Option fort, die sich ein Steffen Seibert sogar schriftlich geben ließ.
Die Merkelkollaboration scheint also auch für den Nachrichtenmann das zu sein, was viele Kollegin darin sehen: Episode. Nach all den Jahren Feuilleton etwa wollte Marc-Oliver Hänig „einfach mal raus“. Doch auch als RUHR.2010-Sprecher habe er „nie aufgehört, Journalist zu sein“. Sein Intermezzo am freien Markt sieht Hänig somit als Frischluftzufuhr. Wie so viele. Cornelia Eyssen schwärmt noch heute von ihrer Flexibilität beim Modehaus Bogner, dem Glück, „eine Ausstellung zu organisieren“, statt vom Büro aus die Berichte anderer darüber zu koordinieren. Auch Zeit-Herausgeber Michael Naumann war es leid, „ein Dekorationsstück“ zu sein. „Wie Waldorf & Stadler.“ Als ihm Hamburgs SPD anbot, sich als Bürgermeisterkandidat „im politischen Prozess für ein Land zu engagieren, dem ich große patriotische Zuneigung entgegenbringe“, griff der einstige Kulturstaatssekretär zu – und nutzte die Niederlage zum Neubeginn: Als Chefredakteur des Cicero schrieb Naumann künftig wieder mehr als Leitartikel und war seinem Beritt weit näher als vor der politischen Eskapade.
Oft sind es indes arbeitsfernere Gründe, die Journalisten zurück auf Los führen. Nicht das Geld; wer heimkehrt in den Schoß der Medien, nimmt meist Gehaltseinbußen in Kauf. Da sich einer wie Michael J. Inacker „in beiden Welten gleich wohl“ fühlt, steckte somit etwas anderes hinter seiner letzten Volte, eine Art familiärer Pragmatismus. „Bei der Metro bin ich täglich stundenlang von Düsseldorf zu meinen Kindern gependelt.“ Die Fahrt von seinem Berliner Handelsblatt-Büro, das nun vom früheren Spiegel-Mann Thomas Thuma geleitet wird, dauerte nur Minuten.
Reisereportage: Monument Valley, Arizona
Posted: November 2, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Das Tal der Filme
Der Weg von Tuscon ins Munument Valley ist nicht nur eine Reise durch die Schönheiten Arizonas, sondern auch eine in die Historie Hollywoods.
Von Jan Freitag
Eine Landschaft wie ein Filmmuseum. Dort drüben, Dennis Tsosie zeigt nach Osten, „lief Forrest Gump in den Sonnenaufgang“. Weiter westlich, sein Arm schwingt durchs Tal, „ist Michael J. Fox lang geritten“. Und überall, jetzt dreht sich der ledergegerbte Navajo lachend im Kreis, „überall John Wayne“. Das Monument Valley ist ein geschichtsträchtiger Ort und Dennis Tsosie führt Menschen aus aller Welt hinein, durch die Heimat seiner Vorfahren, eines der schönsten Naturdenkmäler überhaupt, zwischen Utah und Arizona gelegen. Würde man nicht die Kälte des Winters so in den Gliedern spüren wie die Freiheit in der Nase – man wähnte sich vor einem Gemälde.
Eines, das wohl jeder schon mal gesehen hat, diese steil aufragenden Felsen inmitten des Nichts. Den linken Handschuh und den rechten, Merrick’s Butte, der Elefant, das Kamel. All die schmalen Bergekuppen auf breitem Sockel dienten bereits als Kulisse vieler berühmter Western und weil jeder von ihnen so unverwechselbar ist, tragen sie die Namen ihrer Formen. Am Totempfahl etwa, meint Dennis, musste Clint Eastwood mal hochklettern. Ganz Arizona scheint ein einziger Drehort zu sein. Phoenix, die Hauptstadt, das museale Sedona im Herzen des sonnigen Bundesstaats, Flaggstaff weiter nördlich, das Cowboyhutsatte Eisenbahnernest an der alten Route 66 – wer von den Old Tuscon Movie Studios mit ihren künstlichen Häuserzeilen im Südosten aus die schnurgeraden Highways hinauf Richtung Grand Canyon fährt, reist durch eine Art virtueller Videothek, wo Hollywood so gern seine Außenaufnahmen macht. Die bizarren Steinformationen des Monument Valley aber atmen Zelluloid aus jedem Körnchen Wüstensand. Nicht mal an den Niagarafällen standen so häufig Kameras wie in jenem Tal, das geologisch gesehen gar keines ist.
Einer hat sie besonders oft aufgestellt, am liebsten auf einem flachen Vorsprung mit Blick übers ganze Terrain. Es wurde nach ihm benannt: John Ford’s Point. Der größte aller Westernregisseure hat die Gegend zur Attraktion gefilmt und dort den Topstar des Genres erschaffen. In der Goulding’s Lodge kann man seine Streifen an der Rezeption leihen und hinterher aus dem Zimmerfenster sehen, wo John Wayne vorbei reiten durfte, immer und immer wieder, Film für Film, meist im Kreis, so fotogen ist das Panorama. Frühaufsteher dürfen mit einem Kaffee in der Hand vom eigenen Balkon aus erleben, wie sich die Sonne hineinleckt in die Ebene, den nächtlichen Nebel über die Monumente drückt und in orangefarbenes Licht taucht. Dann rast mit etwas Fantasie die Postkutsche auf ihrer „Höllenfahrt nach Santa Fe“ über rote Erde. Oder Dennis Hopper auf seinem Chopper. Auch Easy Rider entstand zum Teil nur einen Steinwurf von der Lodge entfernt.
Es ist das markanteste Motel der Umgebung und selbst ein beliebter Drehort, mit seinen pittoresken Holzhütten, vor denen John Wayne als „Teufelsgeneral“ 1949 seine Kavallerie zum Ritt durchs Indianergebiet sammelte. In einem ist ein Museum voller Originalrequisiten, Filmplakate, Erinnerungen an die große Zeit des Kintopp untergebracht. Als John Ford hier seine Crew anleitete, für die nächste Klappe des nächsten Films, einem von gut 50 im Valley. Es sind weniger geworden, weniger Western zumindest, dafür mehr Road-Movies à la Thelma und Louise, die zum Finale in den benachbarten Grand Canyon stürzen. Die Werbeindustrie schaut öfters vorbei – Marlboro, Autos, Parfüm. Und Britney Spears tanzt im Video überm Lake Powell am Westrand des Tals, als sie noch niedlich war. „Es ist ruhiger geworden“, sagt Matt vom Weatherford Hotel in Flaggstaff, 160 Meilen südwestlich. Früher, als im Valley kaum mehr stand als die runden Lehmhütten der Navajo, hätten John Ford und Sam Peckinpah, ihre Darsteller oder Rex Allen, der singende Cowboy, noch lange in der historischen Herberge im Saloonstil residiert. Doch 1999 ließ sich Will Smith für Wild Wild West schon kaum noch blicken. Und Forrest Gump? „We’re the dog poop town“, erzählt Matt grinsend über jene Szene vor der Hoteltür, wo Tom Hanks in Hundemist tritt. Das war’s.
So hängt ein bisschen Wehmut über dem Filmset Arizona, der von seiner Vergangenheit zehrt. Auch Dennis Tsosie schwelgt im Gestern, wenn er Besuchern vom Land seiner Väter erzählt, die als Statisten, Helfer, Führer am Drehen mitverdienten. Vom Ford’s Point, wo das Objektiv so oft nach einem Mann suchte, blickt er hinter sich. „Siehst du die drei Spitzen?“, fragt der Ureinwohner lächelnd, „das W steht für Wayne“. Und das J für John? Er lacht. „Gone with the Wind…“