John de Mol: Milliardär & Medienberserker

Der Maulwurf

Er tut es wieder, er kann nicht anders: Menschen in ein Haus stopfen, Kameras an und sehen, was passiert. Mit Newtopia lässt John de Mol Ende Februar die nächste Ladung Reality-TV aufs Publikum los, über die heftig gestritten wird. Diesmal sollen Freiwillige unter Dauerbeobachtung eine Lebensgemeinschaft im brandenburgischen Nirgendwo errichten. Aus dem Anlass dokumentieren freitagsmedien ZEIT-Porträt des globalen Produzenten aus Holland, der Wer wird Millionär? über uns gebracht hat und Big Brother.

Von Jan Freitag

Wer weiß, wie oft John de Mol diese Geschichte erzählt hat. Eine Anekdote, die mehr über Europas erfolgreichsten Fernsehmacher aussagt als jedes Dossier, jedes seiner unzähligen TV-Formate. Ende der Achtziger, die Privatsender waren noch jung, habe er an einer roten Ampel gewartet, daheim im holländischen Hilversum, das Autoverdeck offen. Es muss ein Sommertag gewesen sein, „als zwei Verliebte vorbeikamen, die so unterschiedlich waren, als ob sie gar nicht zueinander passen“.

John de Mol überlegte, wo sie sich wohl das erste Mal getroffen haben mögen – und plötzlich war die Idee der Traumhochzeit geboren, Keim einer internationalen Medienkarriere sondergleichen. Bis dahin war der Mittdreißiger vor allem auf seinem Hausmarkt am Ejsselmeer aktiv gewesen. Doch mit seiner Schwester Linda vor der Kamera machte er die Heiratsshow bald zum erfolgreichen Exportartikel. Und es sollten noch viele globale Ikonen des Emotainments folgen, wie de Mols Metier genannt wird. Unterhaltung mit Gefühl sagen die einen, Verblödung mit System die anderen. In jedem Fall ein gute Geschäft.

John de Mol sind beide Sichtweisen herzlich egal, das rufen seine Worte, alle Gesten, der ganze Auftritt in die Welt hinaus. „Fernsehen ist Timing, Bauch, Emotion und Konzept“, erklärt der Programmentwickler und fügt noch ein wesentliches Kriterium hinzu: reine Geschmackssache. Selbstsicher lehnt er sich mit tief geknöpftem Hemd in seinem opulenten Büro zurück und verschränkt die Arme hinterm Kopf. Timing, Bauch, Emotion, Konzept haben den Holländer nicht nur zum Milliardär gemacht, sondern zu einem der wichtigsten TV-Produzenten unserer Tage, auch wenn seine Blütezeit bereits hinter ihm zu liegen schien.

Sieben Jahre, um genau zu sein. Damals hatte er die Anteile seines Medienkonzerns Endemol für Aktien im Wert von 5,5 Milliarden Euro an den Telekommunikationsriesen Telefónica verkauft. Dass er sie jetzt zurück erwarb, erinnert dramaturgisch an all die Seifenopern, denen seine Art des Fernsehens den Weg geebnet hat: Liebe aus Leidenschaft, Ehe im Überschwang, Zuwachs aus Prinzip, Trennung im Streit, Versöhnung aus Sehnsucht.

Im Sommer 2000 trennte sich de Mol nicht von Endemol, sondern zunächst nur vom börsennotierten Firmenteil, der Entertainment Holding. Ein Akt der Befreiung für den Mann der Praxis. Dank Telefónica war er die Last der bürokratischen Verantwortung los. Erst mit dem Multi aus Madrid im Rücken, betont der selbsternannte Think Tank, hatte er genügend Zeit fürs Kreative, seine Kernkompetenz in Endemols Portfolio aus Telefonie, Internet, Entertainment, Vermarktung und Mobilfunk. Doch selbst als Chief Creative Officer wurde ihm das berichtspflichtige Unternehmenskorsett bald zu eng. Er spricht vom „Luxusgefängnis“, voller Shareholder, aber ohne Esprit. Nach vier Jahren verließ er Vorstand und bald auch Firma, sein Baby, wie er es nennt. Es war ein schwerer Schritt, „aber wenn ich einmal aufs falsche Pferd gesetzt habe, folge ich der Alarmglocke“.

In die mediale Bedeutungslosigkeit, so dachten viele. Denn während Formate von Big Brother über Nur die Liebe zählt bis hin zum unverwüstlichen Wer wird Millionär weiterhin globale Topquoten erzielten, zog sich ihr Erfinder, Macher, Weltverbreiter ins betuliche Holland zurück. Wenngleich mit neuen Perspektiven: Nur Monate nach seinem Deal war die Blase des Neuen Marktes geplatzt und hatte neben Millionen Spekulationsverlierern auch diesen Gewinner hinterlassen: de Mol.

Mit gewachsenem Vermögen gründete er im Sommer 2005 den TV-Sender Talpa. 200 Millionen Euro flossen angeblich in die Mischung aus Livemagazinen, Quiz- oder Talkshows, Filmlizenzen, Serien und Fußballübertragungsrechte. Dennoch lief Talpa schleppend an und auch nach der zwischenzeitlichen Umbenennung in Tien blieb ihm die Zielgruppe der 20- bis 49-Jährigen oft fern. Zu sehr mit Schriftkram beschäftigt, hatte sich John de Mol einen neuen Knast gebaut, nur weniger luxuriös. Immerhin nutzte er die Zeit, seine Netze in andere Gewässer zu werfen. Er stockte seine Anteile am Telefonkonzern Versatel auf und erwarb weitere an Medienkonzernen, Technologiefirmen, einem Sportwagenhersteller und Manchester United. Eine Expansion in alle Richtungen.

Umso erstaunlicher, mit wie wenig Getöse er nun auf den zweitgrößten Fernsehmarkt zurückkehrt, nach Deutschland, wo Endemol von Köln aus aktiv ist. Es ist nach Leo Kirch das zweite Mediencomeback 2007, nur stiller, so wie John de Mol es mag, der nach Auskunft eines Vertrauten karitativ umfassend tätig ist, ohne groß drüber zu reden. Gänzlich eigennützig kaufte er dagegen im September Endemol zurück, marktgerecht für zuletzt über eine Milliarde Euro Jahresumsatz, günstig im Vergleich zur einstigen Kaufsumme. Gut 2,6 Milliarden Euro gingen für 75 Prozent der Aktien an Telefónica, dessen Chef César Alierta nie so warm mit der Tochtergesellschaft geworden war wie sein Vorgänger. Und schon gar nicht wie ihr Gründer. Anfang 2007 erwarb de Mols milliardenschwerer Investmentfond Cyrte die ersten fünf Prozent und holte für den Rest durchaus umstrittene Partner ins Boot: Silvio Berlusconis Sendergruppe Mediaset und die Investmentbank Goldman Sachs steuerten je ein Drittel zum Kaufpreis bei. Und weil er die Börse „Gift fürs kreative Geschäft“ nennt, nahm man es vom Parkett. Endemol ist wieder da, auch wenn es nie weg war. Nicht aus John de Mols Herz.

Denn glaubt man dem Modellathleten im Vorruhestandsalter, dreht sich darin alles um Fernsehen. „Mein Kopf hat nie Ferien. Er ist 24 Stunden täglich, 365 Tage im Jahr bei der Arbeit.“ Ein Energiebündel, das sein Gegenüber im Gespräch unablässig fixiert. Ein „fantastischer kreativer Geist“, wie ihn der frühere RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler fast ehrfürchtig nennt, „so radikal und kühn, dass radikale und kühne Dinge entstehen.“ Stets auf der Suche nach Abnehmern neuer Ideen, Adressaten seiner Botschaften vom erfolgreichen, ergo richtigen Fernsehen. „Eine Mischung aus Kaufmann und Missionar“, hat ihn der Chef des Europäischen Medieninstituts Jo Groebel nach dem Verkauf genannt. Jetzt darf de Mol wieder weniger Manager sein, dafür umso mehr Verkünder seiner Ideale vom Entertainment. Es ist das der Masse, das einzige gültige Kriterium, wie er betont. „Wenn sie einschaltet, hab ich meinen Job richtig gemacht.“

Da kann es kein Zufall sein, dass de Mol übersetzt Maulwurf heißt. Wie das ungeliebte Säugetier untergräbt er seit über 30 Jahren die Gärten der Zuschauer, hinterlässt seine Spuren im Grün und lässt sich freiwillig nicht vertreiben. Sogar sein neues Standbein Talpa ist nach diesem Prinzip benannt, diesmal auf Latein. John de Mol wühlt gern im Boden des Massenfernsehens und will sein Geld wieder vornehmlich damit verdienen, weniger mit Investmenttätigkeiten. Sein Beruf ist ihm Berufung, seit jeher. Bereits als Schüler streute er seinen Stil unters Volk. Er jobbte beim Radio, verdingte sich nach der Schule als DJ, trug Kabel fürs Fernsehen, schnitt Fußballberichte und tat somit das Gegenteil dessen, was seine Eltern von ihm erwarteten. „Sie wollten, dass ich studiere, am liebsten Jura“. Der volljährige Johannes Hendrikus Hubert aber machte nicht mal Abitur, ein bisschen aus Rebellion, ein bisschen aus Überzeugung. Wie gesagt: Ein Mann der Praxis.

Und sicher kein Befehlsempfänger. 1979 verließ er das Auftragsfernsehen, um sein eigenes zu gründen. Die John de Mol Produkties fertigten billige Spielshows, Soaps oder Low-Budget-Musikfernsehen und fluteten auch Deutschland mit „Traum- und Tränengeschichten“, wie die FAZ klagte. Sie passten genau ins Konzept Helmut Thomas. „Der Wurm soll nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch“, lautet das Motto des damaligen RTL-Chefs und Linda de Mol war sein Lieblingsköder. Ihretwegen importierte er die Traumhochzeit 1992 nach Köln und sicherte ihrem Bruder im Gegenzug eine Abnahmegarantie künftiger Formate zu. „Ein wirklich harter Knochen, der um jede Mark gekämpft hat“, erinnert sich Thoma an die Partnerschaft. „Er hatte diese sehr spezielle Form holländischen Humors, ganz anders als so viele deutsche Eisenbeißer“. Erst beim Geschäftlichen hörte der Spaß auf. „Aber wir haben immer einen Kompromiss gefunden“.

Der Exklusivvertrag, Output-Deal genannt, hatte noch Bestand, nachdem de Mols Firma zwei Jahre später mit der seines Konkurrenten Joop van den Ende zu Endemol verschmolzen war. Erst 1996 löste er ihn auf und auch wenn RTL sein Premiumpartner blieb (und wohl ewig bleibt), war der Weg auf alle Kanäle nun frei. Nichts anderes hat er je gewollt, nichts anderes will er heute. „Mein Job ist, Formate zu erfinden, die überall laufen können“, sagt er bei der Führung durch seine Firmenzentrale. Schon der Weg dorthin geht vorbei an Luxusvillen mit Luxusautos vor Luxusgärten. In Hilversums Vorort Laren wohnt Hollands Erfolg. Er regiert auch im Büro seines großen Medienmagnaten: Fernsehpreise hier, Fernsehfotos dort, Bilder mit Gönnern, Freunden, Kollegen, Prominenz. Dazwischen immer wieder de Mols Sohn aus erster Ehe. Und Linda, überall Linda.

„Wäre sie nicht meine Schwester, wir wären trotzdem Freunde“, sagt der erklärte Familienmensch über sein Einfallstor in den europäischen Markt. Ihr Einfluss hallt noch immer nach. Das ZDF plant mit der Traumhochzeit, Sat1 und RTL stehen längst im Terminkalender, die Kontakte, de Mol lächelt, „werden wieder wärmer“. Und auch wenn es dabei um viel Bekanntes geht, wenn gerade zum achten Mal Big Brother läuft und seine uralte 100.000 Mark Show eine neue Titelwährung erhält, geht John de Mols Blick nach vorn. Dank seiner Senderbeteiligungen in Holland wird das kleine Land wieder zum Testfeld für die Welt.

Ein Team von 40 Leuten grübelt in L.A., London, Laren über Ideen, von denen die Schubladen des Firmenhirns angeblich überquellen. Produziert von Talpa, probiert RTL Holland Formate aus und lässt sie von Endemol weltweit verbreiten, stilistisch lokalen Gewohnheiten angepasst, aber mit einheitlichem Grundgerüst. Die Dienstwege sind kurz: Sein alter Neuerwerb sitzt nur wenige Autominuten von Talpa entfernt, einem schicken Neubau mit Koi-Karpfen in den Zierteichen der Empfangshalle und gläsernen Büros, soweit das Auge reicht. Hier kümmern sich zwei Dutzend Mitarbeiter allein ums Operative. John de Mol will nur einmal die Woche mit der Endemol-Führung telefonieren und ansonsten permanent brüten: Über neuen Konzepten, auch wenn sie gern alten Maschen ähneln.

Eines davon – Der Goldene Käfig – ist eine Hardcorevariante seines Exportschlagers Big Brother, heftig umstritten, wie so vieles aus seiner Denkstube. Wenn John de Mol davon redet, wird am deutlichsten, wie der attraktive Jazzliebhaber und vielsprachige Fußballfan tickt. Ob Fernsehen Verantwortung habe, einen Erziehungsauftrag gar? Er überlegt erstmals länger als Sekundenbruchteile. Zum Teil, sagt er leise, „denn wer sich im Käfig schlecht benimmt, fliegt raus, wie im richtigen Leben“. Er zeigt zur Fernbedienung auf seinem Altar mit der üppigen Bilddiagonale: „Fernsehen ist das demokratischste Medium und der Wahlzettel liegt dort“. Es sind Intellektuelle, sagt der Bürger des Pisa-Gewinners mit saurem Gesicht, die glauben beurteilen zu können, was gutes Fernsehen ist.

Das aber sei keine Wissenschaft, also unberechenbar und wer ihm ein Attribut voranstellen wolle, solle dies anhand technischer Parameter tun: Gutes Licht, guter Ton, gute Skripte. Ansonsten steht von Verzeih mir bis Big Diet alles unterm Verdikt der Quote, vulgo Masse. Den simplen Inhalt von Deal or No Deal etwa, Geldkoffer auszuwählen, hält de Mol beinah für eine Offenbarung. „Als alle dachten, Gameshow sei tot, kam ich mit einer neuen und hatte Riesenerfolg.“

Seine Begeisterungsfähigkeit ist legendär. Als vor neun Jahren das Video einer Sendung namens Who Want’s To Be A Millionaire auf seinem Schreibtisch landete, so heißt es, hätte sich de Mol glatt vor die Tür der kleinen Produktionsfirma gelegt, um die Rechte zu kriegen. Er schaffte es auch so und streute das Quiz über den ganzen Globus. So wie Big Brother, jenes Zugpferd repetitiven Formatentertainments, das aus einem „holländischen Jungen von der Straße“, wie ihn sein Weggefährte Joop van den Ende nennt, den weltgrößten unabhängigen Fernsehproduzenten machte. 1985, als John de Mol Moderatoren eher managte als sie zu erfinden, schrieb Neil Postman in seiner Kulturanalyse Wir amüsieren uns zu Tode, bald werde sich alles in Unterhaltung auflösen. Keiner bestätigt die These besser als John de Mol. Und keiner hat damit größeren Erfolg.


Reisereportage: Kulturhauptstadt Mons

001_Alhambra © Kmeron_HD sur demandeBelgische Plattentektonik

Große Städte bewerben sich kaum noch als Kulturhauptstadt Europas. Umso emsiger putzen sich kleinere fürs ganzjährige PR-Event heraus – und gewinnen wie das belgische Mons zuweilen sogar an Reiz. Dafür stehen die kommenden zwölf Monate voll außergewöhnlicher Kunst, Musik, Literatur und Theatralik, mehr aber noch die Entdeckung des bestehenden Angebots. Wie im famosen Musikclub Alhambra.

Von Jan Freitag

Pommes und Pralinen, Bürokratie und Bier, ein Weltkrieg, zwei Sprachen und dann dieser Perverse namens Dutroux – wer an Belgien denkt, landet flugs bei einem deftigen Stereotypen-Menü, dem nicht so leicht zu entkommen ist. Wenn man ihm denn entkommen will. Catherine Stilmant will nicht. „Ach, die meisten Klischees mag ich ganz gern“, sagt Walloniens Kulturbeauftragte in Brüssel und heftet ein herzliches Lachen an ihre Solidarität für alkoholschwangere Hausmannskost zu jeder erdenklichen Tageszeit oder die nationale Streitkultur. „Das gehört doch zu Belgien wie…“ – Catherine Stilmant zögert. Wie… Ja, wie was? „Wie das hier!“ Sie weitet die langen Arme, als gälte es ihre Heimatstadt zu umarmen.

Wie Mons also. Eine kleine Stadt südwestlich von Brüssel, die das architektonische Chaos unseres Nachbarlandes zur Kunstform erhebt. In der verspielter Jugendstil an nüchternen Kubismus und trutzige Neogotik grenzt, als lägen dazwischen nicht Jahrhunderte Baugeschichte. Wo Baustellen weniger für Übergang stehen als Zustand. Dauerzustand. Mons hat keine Baustellen, Mons ist eine Baustelle, und wenn Baustellen keine mehr sind, steht nebenan bald das nächste Gerüst. Die Caesarenfestung der Hochantike mag eine der ältesten Siedlungen weit und breit sein, Klosterstadt im Frühmittelalter, Bergbaubezirk im Spätkapitalismus, fast 2000 Jahre gewachsen, geschrumpft, konsolidiert, also im Grunde fertig – kaum beginnt sich der Rest des Kontinents mal für Walloniens Perle mit dem pittoresken Ortskern zu interessieren, grassiert der Veränderungswahn.

Wie in jeder Kulturhauptstadt Europas.

Was die Europäische Union vor 30 Jahren erfand, um am Beispiel einzelner Orte ihre Vielfalt zu feiern, ist allerdings zur entfesselten Umwälzung fester Struktur mutiert. Konnten sich Metropolen von Athen über Dublin bis Stockholm anfangs noch mit ihrem Bestand präsentieren und daran touristisch gedeihen, meiden die überlaufenen Ballungsräume längst den PR-Wirbel um einen Status, der oft mehr kostet als nutzt. Kein Wunder, dass sich nun eher regionale Hunderttausenderorte um den Status bewerben. Großdörfer wie Mons oder das tschechische Pilsen.

Was ein Jahr Kulturkapitale bewirkt, ist seit der Verkündung vom ortsüblichen Glockenturm aus zu sehen, der anstelle des römischen Kastells einen furiosen Blick über die Kräne im Schornsteingewimmel der Altstadt gewährt. Oder die Rue de Nimy runter zum Univiertel, wo sich der frische Kulturhauptstadtregierungswürfel so fremd wie freundschaftlich an die Stadtvillen früherer Epochen schmiegt. Und natürlich am Grande Place, der zwischen altem Rathaus und entstehender Touristeninfo scheinbar tiefer gepflügt wird als es Napoleon zwei Tagesmärsche nördlich bei Waterloo tat.

Aufbau, Abriss, Umbau – seit die Holzstadt 1691 auf ein Verdikt Ludwigs XIV. hin für den Brandschutz planiert und versteinert wurde, kommt sie nicht mehr zur Ruhe. Bis der 1. Weltkrieg hier mit dem letzten Schuss ausklang, ging viel vom blauen Dolerit verloren, aus dem halb Mons neogotisch wiedererrichtet wurde. Und dann starb vor 60 Jahren auch noch die Zeche Grand Hornu. Vernachlässigung, Leerstand, Zweckbau – mit dem Abschied der Industrie gewann Mons zwar ein Weltkulturerbe, verlor aber Arbeit. Und Aura. Catherine Stilmant zuckt mit den Achseln und wiederholt, was irgendwie charmanter klingt als Aufbau, Abriss, Umbau: „Cité sous construction“.

Wie am Bahnhof. Dort ist kurz vor Silvester noch viel mehr in Bewegung als anderswo, aber noch viel weniger vollendet. Für längst pulverisierte 150 Millionen Euro Kalkulation sollte der geschwungene Wachbetonorganismus Hundertausende Besucher empfangen. Mittlerweile hofft Spaniens Toparchitekt Santiago Calavatra auf eine Eröffnung im Herbst, wenn Mons bereits wieder auf Provinzniveau schrumpft. Wäre da nicht ein Weltstar. Nördlich der Schienen hat Daniel Libeskind sein raumschiffartiges Congress-Zentrum im Brachland gelandet, als wolle er einer Weltstadt Würde verleihen. Dabei ist es nur die Randlage eines Städtchens in der Senke des Flusses Henne, das sich den Drachen Dou Dou als Maskottchen hält und einen Eisenaffen an der Rathauswand. Dabei ist es nur Mons. Nur Mons? „Unterschätzen Sie uns bloß nicht!“, rät, nein: fleht Pascal Goosens und hat auch etwas dafür zu bieten.

Gut die Hälfte seiner 52 Jahre zählt er zur belgischen Avantgarde. Vor einem Jahr nun ist der ergraute DJ in seine Heimatstadt zurückgekehrt, um ihr, sagt Goosens, „etwas zurückzugeben“: Das „Alhambra“. Bis zu 500 Gäste strömen seither ins alte Kino am Markt, wenn die erste Liga der elektronischen Clubkultur anreist. Das helfe mehr noch als das „Little Silicon Valley“ am Ortsrand mit seinen gut 100 Startups nebst der nationalen Google-Zentrale, „junge Leute hier zu halten“.

Zur Seite steht ihm der schwule Bohemien Elio di Rupo, der gerade als Ministerpräsident zurückgetreten ist, um sich wieder aufs Bürgermeisteramt seiner Heimatstadt zu konzentrieren. Zur Seite steht ihm aber mehr noch eine Kulturszene, die es in Deutschland abseits der Metropolen nur selten gibt. Das Kunstmuseum BAM ist baulich wie inhaltlich ebenso kühn wie die Kunsthochschule am Marché Aux Herbes vorbei, der sich allabendlich mit Studenten füllt. Am Fuß des Belfrieds steht eine futuristische Jugendherberge, deren Gäste nur einige Minuten bis zur 800 Quadratmeter mächtigen Theaterbühne des Le Manège brauchen, sorgsam eingehegt in den historischen Stall. Es gibt Bars und Kneipen, deren Lässigkeit – wenn schon nicht an Berlin, so doch ans fünfmal größere Bremen erinnert. Das Arcobaleno beherbergt die Poetryslam-WM. Vor der Open Stage des Bateau Ivre drängeln sich Dienstagnacht Rastas, Hipster, Partypeople, um direkt am Grande Place zu feiern.

„Und wenn sie besoffen sind“, meint Pascal Goosens, „können Sie einfach die Straße runter direkt ins Alahmbra rollen“. Oder ins L’Excelsior, ältestes Café am Platz, durch deren Tischreihen halstätowierte Beardo-Kellner in gestärkten Schürzen wuseln wie überall, wo es urban wird. Eine Stadt in Bewegung eben, dessen schwuler Bürgermeister Elio di Rupio für ein Jahr unter internationaler Beobachtung, danach wieder mehr für sich. Und trotzdem irgendwie weltläufig.

www.mons2015.eu

Den Text und weitere Infos auch unter http://www.zeit.de/reisen/2015-01/mons-belgien-kulturhauptstadt-europas


Reportage: Früherer Schulbeginn in Hamburg

Arme Nachtigall

Seit Jahren schon fordern Schüler, Eltern, Lehrer, ja selbst Poltik und Wissenschaft einen späteren Unterrichtsbeginn. Als eine der ersten Schulen in Deutschland probiert es das Gymnasium Marienthal im Hamburger Mischbezirk Wandsbek gerade aus – und schwärmt trotz guter Gegenargumente vom Resultat.

Von Jan Freitag

Schule, so weit die Theorie, ist ein Hort des Lernens, der Bildung, von Wissen und Gemeinschaft. Erst hier wird der Mensch zum Menschen. In der Praxis hingegen wird er vorab zum Zombie. Zumindest frühmorgens, so gegen sieben, halb acht, wenn die ersten Bildungsmenschen ausgemergelt das Anstaltsgelände füllen. Man muss gar keine eigenen Kinder im frühaufstehpflichtigen Alter haben, es reicht völlig aus, sich an die eigene Schulzeit erinnern, um dieses Gefühl wachzurufen: Wenn das Weckerklingeln wie Kreissägen in todmüden Ohren schmerzt. Wenn nach der letzten Wende im Kissen die Mutter ruft, erst nett, dann laut, zum Schluss physisch verstärkt: Decke hoch, jetzt aber mal raus aus den Federn, Mathe-Arbeit um acht, wird’s bald?

Jahrzehnte, ach: Jahrhunderte begann landauf landab so der Schultag: müde Augen, miese Laune, reichlich Frust. Schüler, Eltern, Lehrer, Schlaf- wie Bildungsforscher, ja selbst die prinzipientreue Politik – längst mögen sie alle den unzeitgemäßen Beginn an deutschen Schulen beklagen: Unterricht ab acht Uhr gilt seit Rohrstockzeiten als unantastbar. Kein Wunder, dass die ersten Hamburger Schulen nun selbst Hand an den Stundenplan legen. Zum Beispiel in Marienthal.

Seit Sommer beginnt der Tag am dortigen Gymnasium 30 Minuten später. Unterrichtet wird im Nordosten nun erst ab halb neun. Und das, schwärmt Schulleiterin Christiane von Schachtmeyer ausgeschlafen, „finden hier eigentlich alle genial“. Dabei ist die neue Anstoßzeit bloß Teil eines Gesamtkonzeptes, mit dem die Ganztagsschule im Rahmen der G8-Debatte umstrukturiert wird. Spätbetreuung, Themenverdichtung, Nachbereitung, Fächerreduzierung – in einem zweijährigen Diskussionsprozess aller Beteiligten sei vieles auf den Tisch gekommen, „was Stress rausnimmt“, wie es die Direktorin ausdrückt. „Doch den Kindern“, fügt sie lachend hinzu, „war natürlich besonders der spätere Unterrichtsbeginn wichtig.“ Da kann Alina Limniatis nur zustimmen. Weil die 17-Jährige und ihre Mitschüler „wacher sind und aktiver in den Alltag starten“, erzählt die Schülersprecherin aus der Praxis, „ist die Stimmung im Klassenraum deutlich besser“. Das bestätigt auch Sabine Fiegen. Die örtliche Elternratsvorsitzende verweist jedoch darauf, dass sich „wie alle Neuerungen auch dieses Projekt im Laufe der Zeit erst beweisen“ müsse.

Zurzeit läuft am Gymnasium im Mischbezirk Wandsbek – das Hamburgs Schulindex KESS etwas näher an Brennpunkt als Ponyhof einstuft – die Evaluation. Schon jetzt, betont Christiane von Schachtmeyer, reiche allerding ein kurzer Blick in die Gesichter am Morgen. „Wie gut der Biorhythmus mit dem späteren Termin zurechtkommt, sieht man sofort.“ Wissenschaftliche Erkenntnisse hätten bei der neuen Taktung daher nur die Nebenrolle gespielt. Außer Acht lassen kann man sie indes nicht, das weiß auch die Lehrerin für sozialwissenschaftliche Fächer wie Deutsch und PGW.

Ungewolltes Frühaufstehen, darüber herrscht unter Bildungsexperten ebenso Konsens wie unter Entwicklungspsychologen oder Schlafforschern, schadet der schulischen Leistung enorm. Und nicht nur ihr. Konzentrationsmängel, Wachstumsstörungen, Stimmungsschwankungen bis hin zur Depression – zu wenig Schlaf ist gerade für ruhebedürftige Teenager nicht nur tägliches Ärgernis, sondern echtes Risiko. Vor allem Jürgen Zulley, Professor für biologische Psychologie an der Uni Regensburg, trommelt unermüdlich für mehr Rücksichtnahme auf Teenager, deren Pubertät zuweilen sedierender auf den Kreislauf wirkt als Beruhigungsmittel. Acht Stunden sollte ihr Schlaf währen, eine mehr als bei Erwachsenen. Nur: dem steht oft das nächtliche Verhalten Jugendlicher im Wege, die nach der Grundschule zusehends von aufgeweckten Singvögeln zu nachtaktiven Eulen mutieren.

Während Neunjährige nach Erkenntnissen der Verhaltensforscherin Stephanie Crowley von der Rush University Chicago um 21.30 Uhr zu Bett gehen und neun Stunden später erwachen, rückt der Zeitpunkt am Abend alle zwei, drei Jahre eine halbe Stunde vor, ohne morgens kompensiert zu werden. Mit 17 geht das Licht dann nach elf aus, zu spät, um gemeinsam mit dem deutschen Durchschnitt gegen 6.16 Uhr fit in den Arbeitstag zu starten.

Weil die Bereitschaft zum Normverhalten gerade im Rebellionsalter sinkt, weil das Gehirn überdies tagsüber erworbenes Wissen im Tiefschlaf Richtung Langzeitgedächtnis verschiebt, weil Schlafmangel also letztlich „krank, dumm und dick machen“ könne, schlägt Zulley den Marienthaler Lernbeginn als Standard vor. Recht geben ihm diverse US-Studien, deren Schulprobanden dank verlängerter Nachtruhe aufnahmefähiger waren, seltener blau machten und nur in Ausnahmefällen später einschliefen. 8.30 Uhr sei daher keinesfalls das Ende der Weckanzeige, meint Jürgen Zulley und plädiert für die Neun.

Und damit zählt er noch nicht mal zu den radikaleren Stimmen. Der Frankfurter Neurobiologe Peter Spork zum Beispiel geht in seinem viel beachteten Buch „Wake up! – Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft“ zumindest für die Oberstufe noch eine Stunde weiter und weiß sich im Einklang mit skandinavischen Modellen, die sogar individuelle Gleitzeit erproben. Bildungspolitiker sind da naturgemäß weniger radikal. Doch auch Hamburgs Schulsenator Ties Rabe wirbt – zumindest ab Klasse 7 – für 8.45 Uhr. Während Berlins Schüler mindestens eine Dreiviertelstunde früher zum Unterricht müssen, überlässt Hamburg die Entscheidung allein den Konferenzen der 310 staatlichen Allgemeinschulen. Die Autonomie geht so weit, dass die Schulbehörde nicht den blassesten Schimmer hat, welche Schulen ihren Unterreicht bereits verschoben haben. Rabes Rat bleibt also eine reine Empfehlung. Trotzdem zeugt sie vom veränderten Klima einer Debatte, die erst seit kurzem frischer Wind durchweht. Von beiden Seiten.

Schließlich gibt es keinesfalls nur gute Argumente für Langschläfer. Auch Frühaufsteher haben welche, und sie kommen nicht nur von Traditionalisten. Am Berliner John-Lennon-Gymnasium etwa hat vor vier Jahren die Mehrheit der Schüler gegen späteres Lernen votiert, also für mehr Nachmittagsfreizeit. Und wie sein Dienstherr würde Hamburgs Schulbehördensprecher Peter Albrecht den ersten Gong für Teenager zwar ebenfalls erst kurz vor neun läuten lassen. Zum Ausgleich müsse aber jede Schule für Kinder berufstätiger Eltern mit frühem Dienstbeginn „eine Betreuung vor Unterrichtsbeginn sicherstellen“. Das fordert auch der Bildungsforscher Manfred Pretzel, Leiter der deutschen Pisa-Studie, die einen messbaren Zusammenhang zwischen ausreichendem Schlaf und erfolgreichem Lernen konstatiert.

Doch da kann ihn Christiane von Schachtmeyer beruhigen. Die Marienthaler Direktorin bietet einen Frühdienst inklusive kostenlosem Frühstück zur gewohnten Zeit vor acht an. Derzeit nutzen ihn rund 30 Kinder. Zudem sei die halbe Stunde Extraschlaf ein sorgsam austarierter „Kompromiss zwischen Psychologie und Realitätssinn“: Lang genug, um im dunklen Winter bei Tageslicht zur Schule zu gehen, kurz genug, um „Platz zum Stauchen“ des Stundenplans zu lassen, wie sie es nennt.

Statt den Unterricht zulasten des freien Nachmittags en bloc zu verschieben wurde die Mittagspause von 75 auf 60 Minuten gekürzt und der Blockunterricht verdichtet. Auch da gab es zwar Einwände von Lehrer-, Eltern-, Schülerseite, erinnert sich die Verantwortliche an den langwierigen Aushandlungsprozess; problematisch sei etwa der Nahverkehr, dessen Fahrplan nicht ebenfalls, wie die Umstrukturierung in schönstem Konsensdeutsch heißt, „kindgerecht rhythmisiert“ wurde. Anders als in Flächenländern wie Baden-Württemberg, wo zum hergottsfrühen Beginn oft ewige Anreisen hinzukommen, ist das jedoch selbst in den Randbezirken des urbanen Raums ein lösbares Problem.

Und so überwiegt im Gymnasium Marienthal, das wegen seines chinesischen Sprachangebots auch entlegene Schüler anlockt, die Freude über 30 symbolische Minuten mehr Zeit, die nicht nur psychologisch nutzen, sondern ganz real. Selbst Christiane von Schachtmeyer genieße es trotz ihrer 52 Jahre „wie ein Teenager, morgens länger für mich zu haben“. Allerdings ist sie sich nun des Neids ihrer Tochter gewiss. Im nahen Schleswig-Holstein beginnt deren Unterricht eine Dreiviertelstunde früher. Arme Nachtigall.

Der Artikel ist vorab bei Zeit:Hamburg erschienen


Joe Cocker: Coverkönig & Luftgitarre

Der letzte Schrei

Joe Cockers Karriere begann in Woodstock, sie führte ihn bis vors deutsche Fernsehpublikum. Er war der Bauch und die zitternde Hand des europäischen Rhythm and Blues.

Von Jan Freitag

Am Ende bleibt dieser Schrei. Auch ein halbes Jahrhundert später vereint er fast alles, was ein einzelner Ausruf aus voller Brust umfassen kann: Schmerz und Erlösung, Hingabe und Wut, Hilflosigkeit und Trotz. Es war die erste Urschreitherapie der Popmusik, Glaubensbekenntnis ihrer universellen Strahlkraft. Und bis heute erscheint selbst in den Köpfen Spätgeborener rasch ein Bild des Schreienden, dieses Waldschrats mit den Kotelettenbüschen überm verwaschenen Batikhemd. Er sollte zur Ikone werden, ein weißer Sänger, wie ihn der schwarze Blues bis dahin selten erlebt hatte: Joe Cocker. Auf dem heiligen Acker von Woodstock der Geheimtipp unter revoltierenden Stars, kaum 25 Jahre jung, doch mit einer altersweisen Seele, so schien es. Er sang ein Stück der Beatles nach, ach was, er riss dieses With A Little Help From My Friends förmlich aus seinem Herzen und schenkte es den aufgekratzten Blumenkindern wie einen Liebesbeweis.

“Do you need anybody?
I need somebody to love!

Und das seid Ihr! Und das bin ich!

Dies ist einer der entfesselten, leidenschaftlichsten, brillantesten Live-Auftritte im Poparchiv, und er brennt sich mitten ins kollektive Gedächtnis einer Dreiviertelgeneration. Als die dann älter wird und mit ihr der staksige Zausel mit der verschrobenen Optik, vererbt sie es an die Nachgeborenen. Auch als die längst Techno, Grunge, Rap und Britpop hört, weht der Schrei sonderbar beharrlich durch den Hallraum des kollektiven Gedächtnisses wie Wagners Walkürenritt oder Presleys Tremolo. Er lässt einfach nicht los, niemals, so tief wie er aus dem Magen kommt. 1969 auf einer weltgroßen Bühne in der nordostamerikanischen Provinz. Eine Ewigkeit her.

Dabei ist es nicht gerade schmeichelhaft für einen Künstler, immer und immer wieder auf ein singuläres Frühwerk festgenagelt zu werden, als sei danach nichts mehr gekommen. Schließlich ist danach einiges gekommen, vieles sogar. Eine Weltkarriere, beinahe Kultstatus, auch Lachnummern zuweilen, am Rande der Selbstentblößung, dazwischen aber stets er: der europäische Bauch des Rhythm and Blues, ein Sänger, wie es vor ihm keinen gab und nach ihm kaum je einen geben wird. Jetzt ist er tot, gestorben mit 70 an den Folgen seiner langjährigen Lungenkrebserkrankung, daheim in Colorado, offenbar ganz still und friedlich.

Also irgendwie ganz anders als sein Leben zuvor. John Robert Cocker, das ist zeitlebens die Flamme des musikalischen Feuers aller Generationen, die ihm an den Lippen hängt. Also eigentlich aller Generationen, vom Flower Power über den Eighties Pop bis ins Stammpublikum des ZDF. 1944 geboren in der britischen Stahlkocherstadt Sheffield, verdingt sich der gelernte Gasinstallateur nach Feierabend als Kneipensänger für ein paar Pfund Gage und reichlich Bier obendrauf. Er nennt sich Vance Arnold, spielt als Teenager mal vor den Rolling Stones, entert kurz vor Woodstock mit Marjorine erstmals die Singlecharts und besinnt sich sodann darauf, mit dem Liedgut anderer reichlich Erfolg zu haben. Bis zum Absturz.

Anfang der Siebziger exerziert Joe Cocker, was unter Superstars seinerzeit üblich ist: Er experimentiert nicht mit Drogen, die Drogen experimentieren mit ihm. Nichts, was er nicht in sich schütten, saugen, vermutlich injizieren würde. Nicht wenige seiner zwei Dutzend Platten erscheinen in jener Epoche, doch sie verblassen oft in Echtzeit. Kurz darauf sitzt er sogar im Gefängnis. Irgendwas mit Substanzen, irgendwas mit Gewalt. Ein Konzert platzt. Joe Cocker ist am Boden. Bis ihn ein Duett mit Jennifer Warnes 1981 am schütteren Haar aus dem Sumpf zieht, rauf nach Hollywood, wo Up Where We Belong als Titelsong von Richard Geres Ein Offizier und Gentleman 1983 den Oscar gewinnt und Cocker und Warnes mit einem Grammy geehrt werden.

Fortan zählt der angehende Schmusebarde zum festen Inventar des populärmusikalischen Biedermeier. Nicht nur, weil seine Coverversionen – vom Sixties-Hit Summer in the City über die virile Bluesschnulze You Can Leave Your Hat On bis zum Bierwerbejingle Sail Away – das Bedürfnis nach leidlich gediegenem Schlager befriedigten. Sondern weil Joe Cocker mehr ist als bloß Interpret chartstauglicher Stromliniensongs. Ein halbes Menschenleben lang mimt er den Schatten im Showbiz, die kleine Kante auf der polierten Oberfläche des Hochglanzgeschäfts, ein Fehlbarer mit Riesenerfolgen, und zwar keiner, so raunt man sich zu, der mal einen übern Durst trinkt – nein, ein unverbesserlicher Trinker, den die tödlichste Sucht der Menschheitsgeschichte mit beharrlichem Starrsinn zugrunde richtet. Für die Mehrheitsgesellschaft draußen an den Bildschirmen, vor allem das deutsche Publikum, ist er somit der lebende Beweis, dass ein wenig Schieflage im Leben schon okay ist, solange man seinen Job macht. Ein englischer Harald Juhnke gewissermaßen.

Dabei hat seine markanteste Eigenart, und das ist umso erstaunlicher, gar nichts mit Drogen zu tun hat. Die zitternde Hand ist kein Suchtergebnis, sondern expressive Musikalität. Schon in Woodstock gestikuliert er seinen Auftritt beidhändig mit und gilt nicht ohne Grund als Erfinder der Luftgitarre. Dass Joe Cocker nicht perfekt singen kann und schon gar nicht tanzen, dass er kein Instrument beherrscht, geschweige denn Noten, dass sein Spätwerk besser zu Florian Silbereisen passt als zu verschlammten Kiffern am Eve of Destruction, all dies schadet seiner faszinierenden Karriere nicht. Nach ihrem Ende ist da doch weit mehr als dieser eine Schrei. Der war nur besonders laut.

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Reportage: Hamburger Kahlschlag

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Sobald Investoren Rendite verheißen, zerstört Hamburg sein steinernes Gedächtnis durch öde Baukastenarchitektur. Ein Beispiel ist Eppendorf, wo grad der vorletzte Rest dörflicher Struktur vorm Abriss steht. Unser Autor Jan Freitag begab sich an den Ort seiner Kindheit – und kehrt deprimiert zurück

Von Jan Freitag

Erinnerung ist ein launisches Wesen. Ob sie freudig stimmt, melancholisch oder deprimiert – das entscheiden oft ein paar Meter Fußweg. Als ich nach Jahren, ach: Jahrzehnten zurück ins Viertel meiner Kindheit kehre, öffnet sich sofort mein Herz: Das Brauhaus am Markt, allen Ernstes – es steht noch! Ein winziger Giebelbau aus Zeiten, da Eppendorfs dritte Silbe noch Ortsbeschreibung war statt bloß Stadtteilname, er ragt wie eine Trutzburg nostalgischer Beharrlichkeit aus dem Verkehrschaos ringsum.

„Anno 1881“ ist in den Türbalken graviert, eine Zahl wie Donnerhall im neubauseligen Hamburg, die sogar noch tief stapelt. Dass dieses Relikt, einst Droschkenstation, längst Gaststätte, noch viel älter ist, war mir früher gar nicht klar. Es wäre mir auch egal gewesen; kindliche Erinnerung bemisst sich ja in Tagen, nicht Epochen. Aber nun, wo selbst jene drei Kastanien unversehrt davor stehen, die der Pizzeria zuletzt den italienischen Namen verpasst hatten, wird mir doch warm ums Herz. Vorerst.

Doch dann trete ich näher, und mit jedem Schritt wandelt sich schöne Erinnerung in Zweifel, bis mir die Realität wie ein Faustschlag in die Magengrube fährt: Das „Tre Castagne“, wo ich meine allererste Pizza aß und mal neben Otto Waalkes saß, ist dicht. Mehr noch: der äußerlich malerische Gebäudekomplex ist innerlich ruiniert: Türen verriegelt, Fenster kaputt, ein Balken hängt aus der Decke. 235 Jahre konnten Wandel, Krieg und Brandgefahr dem Fachwerk wenig anhaben. Im Gegenteil. Statt die Grundfesten zu erschüttern, wurde erweitert. Hier ein Erker, da ein Anbau, wechselnde Besitzer, gewandelte Gastronomie, was mir als Brauhaus in Erinnerung war, ist heute: Abbruchreif!

Schlimmer noch: Abbruchbereit!

Davon zeugen renitente Worte am Stein des Anstoßes. „Kein Abriss!“, steht auf einem Schaufenster. Daneben fordert ein Schild, das „Dorf in Eppendorf“ zu belassen, was einer auf dem Bürgersteig mit „Altes Brauhaus bleibt“ bekräftigt. Bei soviel Empathie wird mir zweierlei klar: Es regt sich Widerstand gegen die Kahlschlagkultur. Und zwar selbst im alsternahen Wohlstandsrefugium, das als Synonym vollendeter Gentrifizierung dient. Wenn es selbst inmitten der Gründerzeitpracht Protest bis hin zur Sachbeschädigung von Gehwegen gibt, geht es nicht nur um ein Haus. Es geht um mehr.

Also beschließe ich, den Spuren meiner Kindheit nachzugehen. An jene Orte, wo sie sich vor 40 Jahren vorwiegend abspielte: Straßen, Parks, Innenhöfe, draußen eben. Kurzum: ich mache mich auf den Weg durchs Eppendorf des 21. Jahrhunderts, um bei einem Abstecher ins 20. die Spuren des 19. zu finden. Doch trotz warmer Gefühle, die überall aufwallen, wird es keine schöne Reise. Es wird eine, die in Hamburgs Filetstück bitterböse verdeutlicht, wie die reiche Stadt ihr steinernes Gedächtnis planiert, sobald es zweckdienlich erscheint. Wie die Abrissbirnen durch historisch gewachsene Strukturen fegen, als seien Deutschlands Stadtkerne nicht längst „fertig gebaut“, was Elke Pahl-Weber, Professorin für Stadtplanung an der TU Berlin, mit der Forderung verbindet, sich weniger mit Erweiterung und Neubau zu befassen, als mit „Weiterentwicklung und Qualitätssicherung des Bestandes“.

Schreiten wir also zur Bestandsaufnahme.

Links runter zur Erikastraße, 1899 nach der Heideblüte des umliegenden Hochmoors benannt. Zuvor hieß sie Feldweg und war auch einer, wie sich der ganze Randbezirk seines ländlichen Charakters erst richtig entledigte, als ich in der Erikastraße 68, drei Etagen überm Fischladen meiner Mutter, aus vollen Windeln das neue Jahrzehnt anschrie. 1970 gab es im Südteil meines kastaniengesäumten Heimatpflasters noch echtes Handwerk, eine Schmiede gar und pro Nahrungsgruppe zwei Einzelhändler. Zwischen fünfgeschossigen Belegen bürgerlicher Fin-de-Siècle-Herrlichkeit hatte Eppen noch wirklich sein Dorf. Und mittendrin meine Schule, benannt nach ihrem Schüler Wolfgang Borchert, wo ich, so wurde mir beim Klassentreffen der Fußballlegende versichert, im gleichen Klassenraum saß wie Uwe Seeler.

Im Krieg war das, als auch meine Blocks ein paar Bomben abbekam. Effizienter als die Briten indes waren die Bagger. In der Querstraße, benannt nach den Geschwistern Scholl, machen sie seit 40 Jahren nach und nach Platz für die ganze Hässlichkeit des Instantwohnens. Auch schräg gegenüber der Schule haben sie 2012 eine Schneise der Ödnis in die leerspekulierte Substanz geschlagen und durch Blockfassaden ersetzt. Schnörkellos, makellos, seelenlos. Schlimmer ging es allenfalls auf der anderen Straßenseite zu: der süße Terrassenflachbau, wo ich Timmy & Tina als Dreikäsehoch Vogelfutter kaufte: weg! Ebenso das gelbe Einfamilienhaus samt seiner türkischen Bewohner, die einst wie so viele Gastarbeiter scharenweise ins billige Eppendorf gezogen waren. Wo sie lebten, arbeiteten, bei und unter uns waren, ist nun alles Alte fort und mit neuem Kalkül verfüllt, der sich in all die Freiflächen fraß. „Verdichtung“, heißt das auf Investorianisch.

Und als wäre das zu wenig der Kränkung des lokalen Gedächtnisses, tauften die Eigner den aseptischen Komplex aus 67 Luxusappartements zum ortsüblichen Quadratmeterpreis von 5000 Euro aufwärts „Eppendorf Village“. Immerhin der Name verweist aufs Dorfaroma meiner Kindheit, das peu à peu der Real-Estate-Economy zum Opfer fällt. Wo früher Wurst und Milchwaren, Uhren, Schuhe, Obst, Zigarren über die Theke gingen, ist es nun: Lifestyle. Überfluss statt Grundversorgung, verteilt auf ein halbes Dutzend Designshops, wenngleich der erste schon wieder den Makler bemüht.

Edel gewandet sind sie, die Village People, fein eingerichtet, also eng am Vorurteil vom Schnöselviertel. Als ich aufs Lokstedter Gymnasium wechselte, gab es das noch nicht. 1980 rümpfte meine reichen Mitschüler die Nase über den Jungen aus dem Arbeiterquartier voll leibhaftiger Migranten und zotteliger Studenten, die sich im uralten „Borchers“ oder der „Palette“ – verrauchte Spelunken, in denen unweit von Thälmanns Geburtshaus die DKP tagte, womöglich gar die RAF. Der stellte hier 1979 ein so brachiales Polizeiaufgebot nach, dass auf unserem Nachbardach ein Geschütz stand. Es ging so wild zu in Eppendorf, dass das betuliche Abendblatt 1971 die Verdrängung kleiner Geschäfte „durch Boutiquen und Pubs im English-Style“ beklagte. Neben denen wurde kurz darauf eine Fälscherwerkstatt ausgehoben und vor unserer Tür stand ständig ein Amischlitten mit Pelzmantelfahrer.

Um dieser Ära nachzuspüren, muss man den Ring 2 queren, der Hamburgs ältestes Dorf zweiteilt: die proletarische Rotklinkerzone im Westen, im Osten gutbürgerliche Schnörkelfassendidylle. Rings um die Martini-Kirche, wo ich getauft, konfirmiert, zivilisiert wurde, wachsen anstelle der wunderschönen Sozialstation wuchtige Neubauten über die Bäume des UKE-Parks. Aber nach zwei Stunden Eppendorf schockt mich das längst nicht mehr so wie das, was Hakim Raffat erzählt.

In einem verdichteten Hof, wo die Polizei residierte und mein Kindergarten, schreibt der Historiker am Geschichtsbewusstsein seiner neuen Heimat, die dem Flüchtling 1969 Afghanistan ersetzte. Zwischen Aktenbergen und den Büchern übers Viertel aus seiner Feder malt der Stadtteilarchivar ein düsteres Bild. In den Siebzigern hätten Makler den verpönten Altbau rehabilitiert. Seither, 66 Jahre alte Fäuste treffen sich vor der Brust, wirken zwei Kräfte gegeneinander: „Investoren und ihre Gegner.“ Gegner wie die Bürgerinitiative Wir sind Eppendorf. Wie gut 5000 Unterzeichner einer Petition zum Erhalt des Brauhauses. Wie Raffat selbst. Oft sind es erbitterte Gegner.

Ein Gang durch sein Revier ist daher kein Spaziergang, sondern Anklage. Schritt für Schritt. Bis auf einen schäbigen Rest, mahnt er vorm Fachwerkhaus nahe der alten Johanniskirche, wo vor 300 Jahren die Postkutsche hielt und nun ein Italiener kocht, „ist die dörfliche Struktur kaputt“. Das „Wills Palais“ von 1770 mit seinen Goldapplikationen, die Schlosserei am Markt, dazu ein abgebrannter Katen im Rotklinkererbe der Brüder Gerson, die zwischen zwei Weltkriegen den sozialen Wohnungsbau nach Eppendorf holten, „das war’s.“

Doch so wichtig es sei, epochale Gebäude ohne Nutzwert als Kontrastmittel, Erinnerungsanker zu erhalten – die echte Gefahr, so Raffat, gehe vom Abbruch der nächsten Generation aus: Intakte, aber niedrige Gründerzeithäuser wie am Brauhaus, deren Höhe gewinnbringend verdoppelt werden soll. „Flächenmaximierung.“ Noch so ein Investmentwort. Den drei windschiefen Häuschen gegenüber, eins davon denkmalgeschützt, gibt Raffat noch 20 Jahre. Dann wird gebaut.

Dabei ist die Idee, wachsende Metropolen könnten sich museale Areale wie die nördliche Erikastraße leisten, wo das 19. Jahrhundert aus jeder Gaube grüßt, was für Träumer. Wäre Hamburg über deren Traufhöhe nie hinausgekommen, wüchse die Stadt so in die Breite, dass im Alten Land kein Bauernhof mehr stünde. Als Eppendorf vor rund 100 Jahren gen Himmel wuchs, beklagten die „Hamburger Nachrichten“, dass die „schlichten und gemütlichen Landhäuser“, nun „der Neuzeit zum Opfer“ fielen. Erinnerungen sind eben Kinder ihrer Zeit. Doch seit die Neoklassik der Stadt ihre Stempel aufgedrückt hat und später die „Operation Gomorrha“, folgen Veränderungen selten demografischen Zwängen. Bauen, sagt Marthe Friedrichs, „schafft eben keine Werte mehr, sondern Handelsware“. Um jeden Preis.

Die imposante Frau von 68 Jahren ist ungehalten, wenn sie davon spricht, und sie kann sehr ungehalten sein, geht es um Eppendorf. Das, sagt sie garniert mit salonunfähigem Vokabular, „ist auf Wasser gebaut“. Buchstäblich. Ihr Heimatviertel sei aufgeschüttetes Hochmoor, kanalisiertes Alsterschwemmland, Tidehub inklusive, „windelweich unterm Asphalt“. Früher seien Bauherren klug genug gewesen, flach zu unterkellern. Und jetzt? Vorm Brauhaus, dem die Kabarettistin nach der Schließung ihrer Bühneninstitution „Mon Marthe“ ums Eck alle Aufmerksamkeit kriegt, schüttelt Friedrichs theatralisch den Kopf. Sie zeigt über den Marktplatz. „Heute passiert so was.“

So was, das sind die „Eppendorfer Höfe“. Ein betonfrischer Wohnklotz, der von  Füssen bis Flensburg die Städte dominiert. Hier indes wird er umrahmt von betörender Neoklassik, die nun ihrerseits bestandsgefährdet sei. Dank der Höfe. Sagt Friedrichs und lacht böse. Als deren Baugrube voll lief, sei das Grundwasser so gestiegen, dass es nun die Nachbarsubstanz schwächt. Sie holt Fotos von handbreiten Rissen, lang wie Springseile, aus der Tasche. So schaffe man, „uups“, Argumente für den nächsten Abriss, der weitere Tiefbauten nach sich zieht. Ein Schneeballeffekt.

Den das Bezirksamt bestreitet. Dessen Chef Harald Rösler hält das Erdreich des Viertels für „sicher“ und zitiert ein Gutachten der Stadtentwicklungsbehörde. Da den Eppendorfer Höfen zudem nichts Erhaltenswertes gewichen sei, fügt Kulturbehörden-Sprecher Enno Isermann hinzu, sei der Abbruch auch aus Sicht des Denkmalschutzes nicht zu beanstanden, der sich nur an Recht und Gesetz halte. Dass dessen Mitarbeiter „mit vollem Herzen auf Seiten der Altbausubstanz“ sind, wie er beteuert, ist jedoch mitunter anzuzweifeln.

Von Eppendorfs 550 Denkmälern ist das Gros hochgeschossig, also kaum aufwertbar. Was durch Abriss Platz gewönne, fehlt dagegen auffallend oft auf der Liste. Darunter die bezaubernde Mühle am Haynspark. Und weil es so oft verändert wurde, dass nach Isermanns Dafürhalten die „rechtlich vorgegebenen Anforderungen an ein Denkmal – möglichst authentisch bewahrter originaler Zustand – nicht mehr erfüllt wird“, auch das alte Brauhaus. Selbst Milieuschutz nach §172 Baugesetzbuch, der Altbau in den Kontext der Umgebung setzt, greife nicht. Die Bürgerinitiative klammert sich daher längst an die Schutzwürdigkeit der Kastanien. Bislang ergebnislos.

Eisiger Wind fegt durchs Dorf, als ich es letztmalig besuche. Jeden Samstag demonstriert dort eine Schar Unbeugsamer gegen das Unausweichliche. Mit der Diskursbereitschaft einer Dampfwalze schleudert ihr der Bezirksamtschef entgegen, „der Bauvorantrag wird nicht zurückgenommen“. Doch die Wir-sind-Eppendorfer verteilen unverzagt Flyer, sammeln Unterschriften, trommeln für Sanierung. Sie würde Millionen kosten. Der Vorschlag eines Mitglieds, Holsten könne darin doch eine Showbrauerei betreiben, klingt daher so liebenswert wie weltfremd. Trotzdem fühlt es sich – pardon, Presserat – richtig an, dass auch ich für den Erhalt unterschreibe. Hier geht es ja auch um meine Erinnerung. Die schert sich erstmal nicht um Machbarkeitsstudien. Und sie endet auch nicht an Eppendorfs Grenze, die ich längst hinter mir gelassen habe.

Wenn man sich der nähert, die Landstraße südwärts an der Jugendstilpracht ihrer Abzweigungen vorbei. Wenn man ins Generalsviertel zu den Falkenried-Terrassen biegt, deren Rettung jeden Bürgerprotest gegen andere Abrisspläne rechtfertigt. Wenn man also Eimsbüttel erreicht. Dann ist zu sehen, was Laissez Faire dem steinernen Gedächtnis antut. Mit jedem Meter dünnt der Gründerzeitstolz aus, und mit dem Alter der Gebäude sinkt das architektonische Niveau. Ich drehe mich nochmals um, blicke ins Viertel meiner Kindheit und überlege, ob ich es wiedersehen will, wenn das Brauhaus die Büchse der Pandora weiter öffnet. Eher nicht. Schöne Erinnerungen sind mir lieber.


Club-Mausoleum: Onkel Pös Carnegie Hall

onkelpoe-540x304Eppendorfs Höllentor

Diskos sterben, Konzerthallen schließen – jetzt landen Sie im Club-Mausoleum, mit dem ZEIT-Online und freitagsmedien an den Wandel der Hamburger Musikkultur erinnern. In Folge 1 geht es ums legendäre Onkel Pös Carnegie Hall (Foto: Hardy Schiffler/Jazzarchiv), die vor vier Jahrzehnten den damaligen Ruf Eppendorfs als Hamburgs Szenehochburg prägte.

Von Jan Freitag

Es gibt ein Wort, das gerne fällt, wenn Hamburgs snobistische Seiten beklagt werden: Eppendorf. Spätgeborenen muss man daher kurz etwas vor Augen führen. Als St. Pauli noch wilder Westen war und die Flora ein Kaufhaus, galt das Altbauviertel als kreativer Zweitkiez, versehen mit jenem Radical Chic, der heute zur Schanze zählt. Und ungefähr da, wo jetzt sorgsam manikürte Anwaltsgattinnen dem gängigen Vorurteil nach mit 1.200-Euro-Kinderwagen überflüssigen Lifestyle shoppen, hatte das Szenequartier seine Schaltzentrale: Das 1970 am Lehmweg eröffnete Onkel Pö – aus Sicht der Musikwelt ein himmlischer Ort. Aus Sicht der Anwohner eher Sündenpfuhl.

Doch die Hölle ist erkaltet, das Antlitz aufgehübscht, ihre Fensterfront geputzt. Das war bis vor 30 Jahren anders. Ringsum dominierte verwitterter Vorkriegsbau. Es gab viel Migration, noch mehr Kleinbürger, sogar echte Arbeiter. Die DKP hielt in den Kneipen des Viertels, unweit von Ernst Thälmanns Geburtshaus, Parteitreffen ab. Abseits der Villen mit Alsterblick passte das Publikum des Pö also gut ins Straßenbild. Ich kann mich noch erinnern, an dieser Institution der Siebziger vorbeigegangen zu sein, tagsüber, wenn der kalte Rauch der Nacht herausdrang und Bierladungen hineingeschleppt wurden. Der Club wirkte verboten und war es wohl auch, sonst hätte mich meine Mutter nicht stets so schnell an der tiefschwarzen Fassade mit dem feuerroten Höllentor vorbeigezogen. Das “Onkel” im Namen klang da gleich weniger nach dem netten von nebenan als dem bösen im Park. Selbst die Fenster ließen kein Licht durch, verklebt wie sie waren.

Umso mehr befiel mich in seiner Nähe eine Ahnung vom Sog, den “Onkel Pös Carnegie Hall”, wie bauchig schwarze Beatnik-Buchstaben über dem Eingang verkündeten, auf Ältere als mich, aber jüngere als meine Eltern ausübte. Diese langhaarigen Zwischenwesen verstanden wohl auch die seltsamen Chiffren vor der Tür: Vince Weber, Pat Metheny, OMD, viele Namen mit Worten wie Band, Trio, Jazz oder “Der Geheimtipp aus New York” dahinter. Wie 1981. Bei einem gewissen Tom Waits. Immerhin – Hannes Wader kannte ich. Heute hier, morgen dort, meine Mutter pfiff das oft beim Kochen. Aber der Rest? Geheimnisvoll. Ergo: riskant. Also: wollte ich da nicht rein. Oder gerade. Aber das war Träumerei, deren Erfüllung folgerichtig eine Zweckentfremdung war. Zwölfjährige führt man ja nicht in angesagte Clubs, um sie clubmäßig zu bespaßen. Peter, mein Nachbar, meinte allerdings, da spiele Otto! Waalkes! Den müsse man aus der Nähe gesehen haben. Meinte Peter.

Und plötzlich stand ich nicht nur vorm Höllentor, ich durchschritt es. Eigentlich war ein Samstagabend nach acht keine Zeit für Minderjährige, aber wenn meine Eltern mal aus waren, teilten sie mir Peter zu. Und mit Peter war ich sogar schon im Borchers gewesen, das mit der DKP, tiefrote Politkneipe mit Schultheiß vom Fass. Heute gibt es da Thunfischcarpaccio für die Kreativwirtschaft. Mein Alter hinderte mich jedenfalls in beiden Fällen nicht am Zutritt. Schwerer war es, durch die anderen Barrieren zu kommen: Schall. Rauch. Menschen. An die 150 passten der Sage nach ins Fundament des Gründerzeithauses, aber es war eher das Doppelte auf halb so viel Raum, aus Sicht eines Halbwüchsigen. Der sah gegenüber der Zugangsschleuse nur wippende Scheitel statt der winzigen Bühne, die gern mal elfköpfige Combos beherbergte.

Wer spielte, blieb ein Geheimnis. Otto sitze am Schlagzeug, sagte Peter. Und Udo, also Lindenberg, sänge. Das Wort Jam-Session fiel und der Name Helen Schneider. Die war mir bekannt. Dass ich Otto gehört, gar gesehen hatte, kann ich also nicht behaupten. Aber mein Bauch sagt noch heute, bei etwas Großem dabei gewesen zu sein. Legendären Abenden wie jenem wenige Jahre zuvor, als ein Al Jarreau am dritten Tag seines deutschen Debüts bis fünf Uhr früh alle 20 Minuten das Publikum durchtauschte, damit all die Wartenden draußen was vom künftigen Weltstar hätten.

Es waren solche Aufläufe, die dem Club das Aus bescherten und damit der Partyzone Eppendorf insgesamt. Das Einsickern harter Töne, als Gründer Peter Marxen, der jeden einzelnen Abend an der Theke verbracht haben soll, seine Carnegy Hall an den Rocker Holger Jass übergab, taten ein Übriges. Jedenfalls machte sie 1985 zu, nachdem die Baupolizei verstärkten Sound der Statik wegen verboten hatte. Für mich brach eine Welt zusammen, obwohl ich nur einmal wieder im Pö war. Zumindest fast. 1985 war das, bei einer Band namens Latin Quarter. Leider war sie zu angesagt, um alle Wartenden reinzukriegen. Ich blieb also draußen. Aber ums Drinnen ging’s auch gar nicht, es ging um Struktur. Das Pö war eine Trutzburg subversiver Kultur, bevor nebenan eine Modeboutique nach der nächsten eröffnete und Hamburgs ältestes Dorf zum gründerzeitprotzigen Handelsplatz standesbewusster Eliten verkam. In seiner früheren Schaltzentrale gibt‘s statt Subkultur und Flaschenbier nur Lounge-Gefühl und Chai-Latte. Und das Höllentor? Perlweiß. Darüber steht jetzt “mama”, Systemgastronomie mit Pizza, Pasta und Lounge. Oh Gott!

Mehr pics’n’files’n’kommentare: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-11/onkel-poes-carnegy-hall-hamburg


Tango-Reportage: Tanzpuristen & Experimente

Ist das noch Tango?

Tangowerk des argentinisch-berlinischen Soundbastlers NHOAH  (R.O.T. Records) mag Puristen untanzbar erscheinen, dem geschlossenen System Tango fügt es erstaunliche Nuancen hinzu. Nun erscheint der zweite Teil. Dafür haben die freitagsmedien den ersten Teil mal mit Experten durchgetanzt.

Von Jan Freitag

Wenn auch nur der geringste Zweifel bestehen sollte, wo man gerade ist, wenn es eines Beleges für den tänzerischen Puritanismus dieser piekfeinen Kaste geben könnte, wenn ästhetische Traditionsverhaftung ein Gesicht bräuchte – hier zeigt es seine Kleider. Der samtschwarze Dreiteiler, das Hemd halb offen, den Kragen hoch, unterm Hosenschlag elegante Budapester, was sonst. Dazu ein Moustache wie aus uralten Bogart-Filmen, mitsamt dem passenden Gesichtsausdruck, so distinguiert wie selbstgewiss, mit diesem unwiderstehlichen Anflug von Arroganz: Ivano Bertazzo lebt, atmet, er ist Tango. Und der Mann mit dem Namen wie dieser Tanz selbst, er lebt, atmet, ist die Bewegung gewordene Emotion an einem Ort, der nahezu perfekt scheint für ein kleines Hörexperiment. Denn so wenig, wie man hinter der faden Rotklinkerfassade in Wurfweite von Tabledanceschuppen und Kiezgaudi auf St. Pauli die plüschige Eleganz des Tanzstudios La Yumba erwartet, so wenig erwarten die fünf Tangoversessenen um Ivano von einer Platte, auf der man den Tango erst eine Weile suchen muss, auch wenn sie ihn im Titel trägt: Tangowerk.

Es ist die Kompilation, mehr ein Projekt des Produzenten, Soundtüftlers und Songschreibers NHOAH, der in Berlin und Buenos Aires Künstler jeder Art zur Interpretation der argentinischsten aller Ausdrucksformen gebeten hat, von HipHop über Rock bis Electrotrash oder Pop. Diese Aneignung ausgerechnet von Ivano Bertazzo und fünf Klangkonservativen testhören, testtanzen zu lassen, auf einem improvisierten Tangoabend, in Fachkreisen Milonga genannt, stellt NHOAHs Werk auf eine harte Probe. Sie scheitert, so viel vorweg. Und gelingt, was keinesfalls ein Widerspruch ist. Umgeben von roten Säulen, Salongestühl, einem schweren Piano und noch schwereren Kronleuchtern schweben drei Paare aufs gewachste Parkett, zwischen erfahren und frisch dabei, versiert und ambitioniert. Es geht um Tango Argentino, trotz aller Einflüsse und Mixturen. Die Mutter des Tanzes, seine Keimzelle. Der Rest, sagt Mitbesitzer Kay Schmidt, sei europäischer Standard. Sport mithin. Wettkampf. „Ganz witzig.“ Aber kein Tango.

Und One More Kiss, das erste von 14 Stücken, eine Interpretation des Wiener Jazzcrooners Louie Austen, der noch im Rentenalter alle Mauern einzureißen bereit ist? Die Duos mühen sich sichtbar zum leidlich klassischen Auftaktstück durch den Spiegelsaal. Wir wollen, sendet ihre Gestik, die Mimik; fühlen tun wir nicht. Nichts. „Nett“, meint Kays Tanzpartnerin Constance, die schillerndste, nach dem Ausfaden. „Zu sportlich“, pflichtet Ivanos Tanzpartnerin Angela, die erfahrendste, bei. „Auf einer Milonga steh’ ich dafür nicht auf“, gibt sich Juans Tanzpartnerin Mariana, die jüngste, kritisch.

Da wird klar: Diese Variante des Tango Nuevo, Astor Piazollas Modernisierungsversuch der Fünfziger, bald erweitert auf eine Art Bastard-Tango, der sich drei Jahrzehnte später auch hierzulande eine Rückbesinnung zu den Wurzeln entgegenstellte, sie hat es hier nicht leicht. Noch vorm Refrain von If You Go feat. Headvoice löst sich die lächelnde Toleranz in lachenden Protest. Abbruch! Beim australischen Performance-Künstler ist Tango in der Tat nur Sample, Versatzstück in einem Marsch wie von Frank Farian, eher Derrick-Soundtrack als Bewegungsimpuls. Geht das jetzt so weiter? In seinen Abendgarderoben lässt das Sextett mit 65 Jahren Tanzerfahrung kurz die Schultern sinken.

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Und erhebt sie sodann beim ersten Takt von Tuyo Soy, einem Traditional des argentinischen Orchesterleiters Chino Laborde. „Ah, Tango“, haucht Kay und lässt Constanzes blumiges Kleid vor Schwung flattern. Dass Tango umso schneller, versierter, akrobatischer wird, je getragener die Melodie erklingt, ist für Laien eher kryptisch, erfährt im Tangowerk aber ein ums andere Beweiswunder. Denn die HipHop-Varianten Tanto und Amanece En El Oce des Rappers El Topo aus Buenos Aires mögen ihre Würdigung als kreativer Ansatz erfahren, führen aber zur energetischen Stagnation, die beim rockigen Dancing On The Volcano oder dem technoiden Lost In Weltschmerz von MIA-Sängerin Mieze Katz zum Stillstand geraten.

Vieles auf der Platte klingt wie Tango, nutzt ihn aber nur für andere Zwecke, beutet ihn aus. Und das lassen die Leute von La Yumba nicht mit sich machen. Ob Ich Dir Treu Sein Kann von den Berlin Comedian Harmonists erinnert an Max Raabe, Weimarer Republik, alte Zeiten, bleibt aber zu hart, so der Tenor, zu deutsch. „Ist das denn noch Tango?“, fragt Sängerin Ina Viola Blasius in 1-2-3 rhetorisch. Das Parkett antwortet mit Distanz, Einzeltanz, der Höchststrafe im Metier. Bestenfalls als Cortina verwendbar, dem Pausenfüller zwischen zwei Liedern. Und AUA, wieder diese Blasius, wieder Headvoice? Nicht so schlecht, heißt es. Aber der Unernst…

Dem zu widerstehen gilt im Tango als Kardinaltugend. The Waltz mag zwar mit Dreivierteltakt aus der Art fallen – als Intermezzo tauge er für jede Milonga. Und dann Si Te Puedo Ser Fiel von Karina Beorlegui: „Wunderbar“, ist da gar zu hören; kein anderes Lied darf bis zum Ende ausklingen. Ein Desaster? Nein, ein Ausbruchsversuch. NHOAH mag Puristen die Hüfte lähmen, dem Genre fügt es Nuancen hinzu, die es nötig hat, die es verstohlen sucht, die es kräftig durchlüftet. Mit Tango zum Hören. Um die Gemeinde zum Tanzen zu bringen, bedarf es schließlich keiner Neuinterpretationen; der Fundus ist übervoll, sein Bestand unerschöpflich. Gerade deshalb aber braucht Tango Grenzgänger, Grenzgänge. „Nichts für mich“, sagt Ivano Bertazzo und richtet die Hemdsärmel. Aber ungewöhnlich, spannend. Mehr kann man im geschlossenen System Tango nicht erwarten.


Reisereportage: Per Postschiff zum Nordkap

IMG_3485Mehr wäre weniger

Eine Kreuzfahrt mit den Hurtigruten ist weniger eine simple Fahrt zum Nordkap als eine ins Innere seiner Seele. Dass die Schiffe bei aller äußeren Schönheit innerlich eher geschmacklos sind, gehört scheinbar zum Programm: erst an Deck und in den Häfen lernt das Gemüt laufen.

Von Jan Freitag

Mit der Farbe ist das so eine Sache. Was bunt ist, steht für Lebensfreude und Leidenschaft, für Vielfalt, Liebe, solche Sachen. Tristesse dagegen hat keine Farbe; Schwermut ist grau, Einfalt schwarzweiß und der Tod, berichten jene, die ihm mal nah waren, grüße Sterbende mit gleißendem Licht. Soweit die klassische Farbenlehre. Dann aber steht man an Bord der Polarlys und kann kaum genug kriegen von der Ödnis. Dann sieht man in Norwegens winterliche Fjordwelt und sehnt sich auch im Frühling nichts weniger herbei als den Sommer. Denn wenn sich dieses Kreuzfahrschiff, das keines sein will, weil es nur ein Postschiff der Hurtigruten ist, wenn also dieses Arbeitsgerät von 123 Metern die Westküste nordwärts fährt, an jedem Hafen hält, Ladung löscht, Passagiere aufnimmt, normale Norweger zumeist, und weiterfährt Richtung Nordkap, ändert das Auge seine Gewohnheiten.

Und trist wird bunt.

Doch was heißt hier trist, was bunt? Während der Frühling in Deutschland, wo zwei Drittel der Gäste wohnen, gerade alles koloriert, durchmisst die Fähre mit Freizeitabteilung eintönige Landschaften, die noch ihren Winterschlaf halten und gerade deshalb schillernder kaum sein können. Von der Hafenstadt Bergen aus, fast auf dem Breitengrad Islands, startet die Polarlys am Abend eines verhagelten Maitags auf eine der schönsten Seereisen überhaupt. Der regendunkle Mittagshimmel lässt zwar wenig Gutes erahnen für die nächste Woche gen Mitternachtssonne. Doch das ist nur der Schock vorm Ablegen. Und der zweite folgt an Bord.

Im Gegensatz zu dem, was außerhalb der sieben Decks bald folgt, ist das Interieur des Schiffes ein Inferno der Neunziger, als es entstand. Alles daran wirkt ästhetisch überladen wie seinerzeit die Leggings an Frauenbeinen. Bizarre Muster – gern mit Muscheln – fluten jede Faser Teppich, der sich die Bordwand empor zu fressen scheint. Jede Applikation wiederholt sich unablässig wie der stupideste Technobeat jener Jahre. Das ganze Ambiente erinnert an ein Schulterpolster im Blumenblazer. Baujahr 1996 eben, offenbar um Funktionalität bemüht, leider im Zeitgeist gefangen.

Und doch hat das Fegefeuer innenarchitektonischer Geschmacklosigkeit einen höheren Zweck, fast eine Mission: Es liefert den nötigen Kontrast zur Welt da draußen, die sich von Fjord zu Fjord und Ort zu Ort weiter öffnet. Hätte die Einrichtung der Polarlys einen Sound, er läge mittig zwischen Eurodance und Volksmusik. Kaum aber, dass stählerne Deckstüren zentimeterdick verpackte Kreuzfahrer ins Freie entlassen, weicht der kakophonische Lärm einer Symphonie der Stille. Bis aufs leise Tuckern des Schiffsdiesels, der den Ohren anders als auf den schwimmenden Hotelclubs à la Aida den Eindruck vermittelt, wirklich auf dem Wasser zu reisen, herrscht hier völlige Stille. Und sie erzeugt eine innere Ruhe, die man wohl nirgends sonst erlebt.

Das hat viele Gründe. Das Spektakel einer verschrobenen Umwelt, die Norwegens Westrand in Jahrmillionen ausgefranst hat wie eine alte Fahne im Orkan dieser Gegend. Das klärende Licht des immerwährenden Tages, der mit jeder Meile nordwärts tiefer in die Nacht ragt. Dazu völlig unberührter Schnee auf dem steil ansteigenden Festlandschelf, der nicht nur an den Golfstrom leckt, sondern auch an den Seelen der Passagiere. Seltsam geschrumpfte Menschen also, die hier von einer Demut ergriffen werden, als läse der Fels die heilige Messe. „Natur pur“ preisen Reiseführer flankiert von PR-Worten wie faszinierend, traumhaft, einzigartig. Alles korrekt und doch nur die halbe Wahrheit. Das Wesen der schwarzrotweißen Postschiffflotte, die das Leben der Bewohner seit 1893 auf 2700 Küstenkilometern verbindet, es beinhaltet weit mehr als zwei entspannte Wochen bei maritimer Kost und netten Ausflügen zu Sehenswürdigkeiten wie dem spektakulären Geirangerfjord oder Kurztrios mit dem Jetski, Rentierkontakt garantiert. Mehr auch als die dauernde Vorbeifahrt an aberwitzig Schauspielen der Natur. Denn mindestens ebenso bedeutend ist Ørnes, ein Fischerdorf voll emsiger Hafenarbeiter, das nichts mit den betonierten Glasstahlthäfen fernab touristisch verwertbarer Ortskerne zu tun hat, in denen Kreuzfahrer andernorts gern in Reisebusse gekippt werden.

Hier steigt kaum jemand aus, hier steigt Harald zu. Mit Anfang 30 ist er kaum halb so alt wie das Gros der Feriengäste und unterscheidet sich auch dadurch vom Durchschnitt, dass er nicht ständig eine roten Becher für Gratiskaffee in der Hand hält, den die Kreuzfahrer zu Beginn der Reise für 40 Euro kaufen, um im sündteuren Konsumangebot wenigstens diesen Posten zu minimieren. Der wortkarge Industriemechaniker bevorzugt nach Schichtende zwei Dosen Bier, während ihm die Polarlys 200 Kilometer Heimweg nach Bodø spart, von wo aus das Schiff zu den Lofoten übersetzt. Auch die Inselgruppe mag im diffusen Glanz der nächtlichen Sonne verzaubern mit Plakatschönheiten wie dem Trollfjord, der selbst die drei demutsfreien Amerikanerinnen am Panoramafenster kurz zum Schweigen bringen – ihren echten Geist atmet die Reise woanders. In Svolvær etwa, der größten Inselstadt und doch ein Nest mit Dönerbude auf dem Platz, aber  sonst praktisch nichts. Außer einer Atmosphäre zum Niederknien. Wie in Tromsø, kurz vorm Ziel. In dieser Mischung aus Bullerbü-Syndrom und Alltagsrealität kann man sich mental gut vorbereiten auf den nördlichsten Punkt europäischen Festlandes tags drauf.

Beeindruckende Steilküste. 2000 Kilometer zum Pol. Schickes Museum. Nördlichster Supermarkt. Nördlichstes Kino. Nördlichste Toilette, Siedlung, Cafeteria. Alles der Welt. Abgehakt, denn selten war der Weg mehr das Ziel: Eine Reise, bei der selbst grauer Himmel über grauem Meer kunterbunt wird, weil hier nichts künstlich bemalt ist, sondern so ist wie es ist. Eine Reise, auf der mehr weniger wäre.

http://www.hurtigruten.com/de/


25 Jahre Rote Flora: Die Wände der Revolte

flora2-540x304Talking Walls

Von Krawalltourismus bis Radical Chic – 25 Jahre nach der Besetzung ist die Rote Flora eigentlich auserzählt. Nur einer ist noch nie so recht zu Wort gekommen: das Gebäude selbst. Freitagsmedien lassen daher pünktlich zum Rückkauf des Gebäudes durch die Stadt mal dessen Wände reden.

Von Jan Freitag

Stein hat eine bemerkenswerte, je nach Sichtweise auch beneidenswerte Eigenschaft, gerade in unserer redseligen Zeit: Er schweigt. Mal laut, mal leise, doch vielfach wortlos. Denkmäler mögen vom Gestern erzählen und Mauern vom Morgen, am Ende aber ist jedes Gespräch mit Gemäuern ein Dialog ohne Antwort. Dann allerdings steht man zwischen diesen Wänden dieses Gebäudes an diesem Platz und der Stein ringsum – er redet nicht nur, er brüllt.

„NEIN HEISST NEIN!“ zum Beispiel, die unmissverständliche, ultimative Abfuhr. In knurrenden Großbuchstaben steht sie im großen Saal links neben der Bühne, über der ein riesiges Transparent 25 Jahre Rote Flora feiert, besser: Die offizielle Besetzung am 1. November 1989, als das frühere Theater durch illegale Aneignung vorm Abriss gerettet wurde. Seither ist es ein steinerner Tinnitus im Ohr der bürgerlichen Gesellschaft, das Grundrauschen der autonomen Idee vom richtigen Leben im Falschen, parolenhaft und wütend. „Nein heißt nein!“

Das ist hier überall zu lesen, oft wörtlich, öfter sinngemäß. Nein heißt nein zur Räumung, nein heißt nein zu Investoren, nein heißt nein zu Bullen, Staat und Kapital. Oder wie am Flügel links der Bühne: nein heißt nein zu Patriarchat, Sexismus, solchen Sachen. Versehen mit Versionen der Ablehnung von „Du bist nicht mein Typ“ über „Ich mag dich, aber…“ bis „Stille“. Was auf dem bröselnden Putz der Flora steht, ist selten achtlos dahin geschmiert. Am Schulterblatt 71, gegenüber der Piazza, von Anwohnern gern Galao-Strich genannt, sind Graffiti oft Regelwerke statt bloß Malereien, mehr Proklamationen als Tags und Pieces. Im Ganzen aber sind sie noch viel mehr: Eine Art schriftliches Gedächtnis sozialer Ermächtigung mit illegalen Mitteln im renditeorientierten Umfeld von Gentrification, Aufwertungspolitik, Marke Hamburg, deren Verwalter die Flora nach langen Streitigkeiten mit dem langjährigen Eigentümer Klausmartin Kretschmer gerade für 820.000 Euro zurückgekauft hat. Finanzsenator Peter Tschentscher versicherte zwar, dass die Rote Flora wie bisher nicht-kommerziell genutzt werden solle, aber seinen Frieden mit der Stadt werden die Besetzer daher dennoch nicht machen.

„Lasst uns die Revolte beginnen“, steht unweit des Nein-Gebots. Die radikale Bitte ist zwar keine 25 Jahre alt, eher zweieinhalb. Sie zeugt aber vom Prozesshaften der Flora ebenso wie vom Ursprung. Aufbegehren ist hier Daseinsgrund, Handlungsdirektive und nur selten im Konjunktiv gehalten. An linksradikaler Wand herrscht der Indikativ, Tendenz Imperativ, Ausrufezeichen sind Standard, häufig zwischen zwei weiteren. So viel Zeit muss hier sein. So viel Zeit kann hier sein. Niemand würde je am Beschriften gehindert. Im Rahmen der Corporate Identity ist alles erlaubt.

Dennoch sind Stil und Ausdruck oft, nun ja, unvollkommen, fast schludrig. Gediegene Streetart bleibt die Ausnahme, selbst Original Banksy‘s, scherzt ein Aktivist beim Aufbau des abendlichen Konzertes, dürften hier achtlos übermalt werden. Ob philosophisch (Wir sind ein Bild der Zukunft) oder türkisch (Allah, Silah, Siyaset, Siktiret). Ob emotional (R.I.P. Oz) oder brachial (ich kotze gleich). Ob restriktiv (Kein Hartalk) oder konstruktiv wie im „Leoncavallo“. So heißt die kubische Bar zwischen Flur und Saal. Gegenüber dem – kein Witz – offenen Kamin wurde ein detaillierter Stadtplan aufgepinselt. Als Orientierungshilfe für Demonstrierende auf Zwischenstopp zum G8-Gipfel in Heiligendamm. Dieser Mai 2007 war ein Wendepunkt dieses an Wendepunkten reichen Gebäudes. Fünf Stunden filzte die verhasste Staatsmacht im Vorfeld den besetzten Bau, angeblich auf der Suche nach Linksterroristen, tatsächlich illegal. So urteilte später der Bundesgerichtshof und verschweißte die Szene, der nach dem Abgang des gnadenlos gescheiterten Ex-Richters Schill ein gemeinsamer Feind abhanden gekommen war, aufs Neue.

Mit sieben Jahren ist das Minatur-Hamburg eins der älteren Graffitis im Haus. Künstlerisch regiert schließlich das Prinzip der Dekonstruktion, dramaturgisch das der politischen Großwetterlage. Die Beschimpfung der GAL als „grüne Hampel“ könnte sich auf die Regierungsbeteiligung der GAL von 1997 beziehen oder der jüngeren vor vier Jahren, ist aber ohnehin kaum noch zu entziffern. Datierbar ist allenfalls der Schriftzug überm Stadtplan anno ‘92, als die damalige Stadtentwicklungssenatorin Müller dem Projekt eins von ebenso zahl- wie folgenlosen Ultimaten zum ordentlichen Vertragsverhältnis gestellt hatte. „Leoncavallo“ beginnt der Gruß an ein besetztes Zentrum in Mailand, „mehrfach von bullen zerstört“. Dass der Schriftzug überlebt hat, dürfte allerdings weniger am nebenstehenden Hinweis „Nicht Täkken“ liegen, sondern am Standort unter der Decke.

Ohne Leiter ist das kaum zu crossen, wie man unter Sprayern sagt. Überhaupt ist der Faktor Höhe das einzige Hindernis zur kreativen Entfaltung. Bis auf ein paar Holzverschalungen, teils Relikte des großen Feuers von 1995, liegt der Anteil unbemalter Flächen im Promillebereich. Selbst ein Stück Mauer auf halber Treppe zum Frauenklo, das den Firnis des „Gesellschafts- und Concerthauses Flora“ von 1888 trägt, brauchte nach der Freilegung kein Jahr, um vollends koloriert zu werden. Wenngleich seltsam unpolitisch. Überhaupt lässt sich das haltungslose Klima außerhalb der Flora auch an den Wänden des ideologisiertesten Gebäudes weit und breit ablesen. Jenseits seiner bekritzelten Haut zeigt der Kapitalismus sein hässlichstes Gesicht. Es toben Krisen, als verdichte sich die Gegenwart zur Dauerkatastrophe. Das gelbe Haus am Schulterblatt ist seit der Kampfansage des Besitzers Klausmartin Kretschmer, sein 370.000-Euro-Schnäppchen auch gegen den Willen von Stadt, Besetzern und Recht zu vergolden, in akuter Räumungsgefahr. Und was geschieht im Innern? Wenig Neues! Zumindest an den Wänden.

Tiraden gegen den Spekulanten im eigenen Haus findet man dort so selten wie Solidaritätsdressen an Griechenland oder frische Revolutionsaufrufe. Links und rechts des Portals ruft die Fassade unverdrossen auf die Barrikaden; von innen aber tut sie es zusehends zur Party. Ein fettes „abi 12“ samt aufgemalter Getränkeliste von Beck’s bis Bionade gibt die Stimmungslage somit besser wieder als manch verblassende Parole. Exakt 25 Jahre nach ihrer Besetzung ist die Rote Flora unfreiwillig Teil der innig bekämpften Marke Hamburg geworden. Nein heißt zwar immer noch nein. Aber nicht mehr so oft. Nicht mehr so laut. Nicht mehr zu allem. Der sprechende Stein bringt es an den Tag.

Der Text ist vorab erschienen unter http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-11/rote-flora-graffiti


Reisereportage: Klettersteig Hochkönig

Hochkönig - Anstieg HochkönigsjodlerDrahtseilakt

Risiko war gestern. Heute kraxelt man entspannt an fest verankerten Stahltrossen die Alpen hinauf. Längst schießen Klettersteige wie Pilze aus der alpinen Felswand. Ist das wirklich Bergsteigen Light? Nicht am Hochkönig.

Von Jan Freitag

Dieser Ausblick: Im Osten der flächig aufragende Hochkönig, im Osten sein spitzer Gipfelnachbar Hochseiler, das Steinerne Meer in Sicht, weiß überzuckert, grüngrau geädert, von Schäfchenwolken umwickelt – ein Herzensöffner, der für vieles entschädigt. Für die Anstrengung und die Versagensangst, für die brennenden Muskeln, zitternden Knie, geschundenen Finger, eigentlich für alles. Sogar für diesen Irrtum.

Klettersteige, kriegt man vorab von allen zu hören, die im Fels die reine Lehre predigen, das sei doch kein echter Alpinismus. Klettersteige, sagt selbst Gerald, „der Gerry“, dessen Nachname im Berg nichts zählt, „das ist für Könner manchmal eher Micky Maus“; Klettersteige, den Eindruck gewinnen auch Laien am ersten Haken, das ist ja gar nicht so schwer. Ist es doch. Und irgendwie nicht. Denn nach dem Einstieg mag bald die Erschöpfung anklopfen und irgendwann ein Signal ans Gehirn: Aufgabe. Doch spätestens oben, die letzte Kuppe in Griffweite, mündet das Wechselbad der Gefühle in Euphorie, etwas Großes vollbracht zu haben.

Dabei beginnt es zunächst ganz klein, unterm höchsten Berchtesgadener Gebirgsstock. Genau genommen beginnt sie 36 Stunden zuvor, im Alpinpark Dienten am Fuße des Hochkönig. Übungsprogramm für Untrainierte, Aufwärmphase, „Vertrauen zum Fels kriegen“, meint Gerry. „Und zum Material.“ Denn das spielt in dieser Teilkaskoversion des Bergsteigens eine Hauptrolle. Nervenkitzel war das Mantra des Singleurlaubs früherer Tage und leidlich lukrativ für die Region. Erst gepaart mit Sicherheit aber wird er familientauglich und somit Garant für eine ungewisse Zukunft. In der Ära von Schneearmut und Klimawandel wird die Sommersaison schließlich zur neuen Stoßzeit; da muss der Fremdenverkehr Alternativen zum winterlichen Wedeln entwerfen. Und findet ihn vor der eigenen Nase.

Auf deren Höhe zeigt Gerry das Werkzeug der alpinen Zukunft im Fels seiner Heimat: Ein gewundenes Stahlseil an kräftigen Eisenhaken, die unterarmlang und zeigefingerdick alle drei Meter tief in die Wand getrieben und mit 2-Komponenten-Kleber fixiert werden – „das hält euch alle auf einmal“. Und locker zehn weitere Anfängergruppen, 5000 Kilo insgesamt. Es ist ein stählerner Vertrauensvorschuss, an dem man sich gleich doppelt vertäut. Nach dem Partnercheck, versteht sich: Gegenseitig prüfen die Zweierteams Gurte, Knoten, Winde, Karabiner, Seile und übt das Pendeln in Falllinie, den Hub aus beiden Beinen, die Schonung der Arme. Safety geht vor Thrill, Helm ist Pflicht. Also doch Vollkasko? „Nein“, ruft Gerry und sein etwas lautes Lachen verrät den Geschäftsmann im kreuzehrlichen Bergführer: „Wenn du runter fällst, fällst du runter, und das tut weh.“

Aber man falle eben doch nur ein wenig, bis sich das dehnbare Seil vorm Bauchnabel strafft und so denn Absturz dämpft. Zwei Meter, maximal drei. Nicht schön, aber auch nicht nötig. Denn anders als in der Seilschaft ist man im Steig zwar auf sich allein gestellt, hat aber bei Bedarf stets die Hand an der Trosse. „Da passiert nix“, betont der wettergegerbte Fünftagebartträger mit den sehnigen Armen, rät im Fall des Absturzes aber doch: „Nicht abstürzen!“ Dafür probt die Schar Neulinge. Erst mit Seil, um den Stein zu spüren, dann am Stahl, um den Steig zu spüren, zwischendurch am Staudamm, um das Abseilen zu spüren, zuletzt im Hochseilgarten, um die Höhe zu spüren.

Doch am Morgen drauf spürt man erstmal nur die Kälte am Grandlspitz. Wie Quellwasser kriecht sie durchs Fleece. Der Tag ist jung, die Kleidung auf Gipfelfrische geschichtet, 2307 Meter hoch liegt das Ziel, doch bis da ist es noch weit. Erst kommt der Zustieg, zwei Stunden aufwärts bis zum Einklinken. Schon das kostet Körner. Und Nerven. Wer sich den ungesicherten, bisweilen bloß hüftbreiten Schotterpfad indes vor Augen hält, links steil den Berg hinauf, rechts steil zu Tal hinab, der verliert ein bisschen Angst vor den 170 Höhenmetern, die es im Klettersteig zu überwinden gilt. Kategorie B, zum Schluss gar D, eine Stufe vor professionell. Kaum zu glauben, dass die Skala noch weiter reicht.

Denn es ist steil. Ab elf brennt die Sonne. Arme und Beine brauchen zunehmend Pausen. Aber wie sagte Gerry eingangs: „Die Alternative heißt Helikopter.“ Eine teure. Also weiter, die letzten 30 Meter mit Extraseil gesichert, um sich mal hängen zu lassen; wer will schon die makellose Sturzstatistik trüben? Und mit jedem Meter zum Ziel, wo eine furioser Panoramablick jede Mühe – auch des zweistündigen Abstiegs – rechtfertigt, wird man sich der Schizophrenie des Steiges bewusster: Dem Drang, frei zu klettern, dem Zwang, am Draht zu bleiben; dem Glauben, diesem Berg zu trotzen, der Erkenntnis, das könne ja jeder.

Neun Klettersteige hat die Region, zwei davon am Hochkönig, wo der Naturschutz Baugrenzen setzt. Trotzdem erreicht die Zahl der Aufstiege auch hier bald die 1000 pro Jahr. Zu wenig sagen viele, die den leichteren Gipfelsturm als Demokratisierung des Elitensports loben. Zu viel entgegnen jene, die Verhältnisse wie im Südtiroler Klettermekka Arco fürchten, wo der Fels wie käsiger Marmor sei: perforiert, geglättet von Abertausend Haken und Händen. Bei uns, sagt Gerry und meint das positiv, „ist’s so rau, dass die Finger bluten“. Bei ihm, fügt er Tirolerisch hinzu, „wird’ nix zerklettert“.

Berge gibt’s ja genug. Und meist herrsche Stille. Am Grandlspitz, doch auch in den leichten Steigen kann man ihn also spüren: Den Geist des Kletterns, allein mit sich und dem Fels. Nun ja, und einem fingerdicken Stahlseil.

Infos Hochkönig:

http://www.hochkoenig.at/de

www.almhof.co.at