Kolumne: Hamburgs Olympia-Referendum

1-olympia_suedansicht_3d_a3Wahnsinnsstadt

Es gibt es so viele Gründe gegen Olympia, dass sich Hamburg genauso gut um die Austragung der amerikanischen Basketballliga bewerben könnte. Die Mittendrin-Kolumne Wahnsinnsstadt diesmal zu einem ungeheuer wichtigen Referendum, das eigentlich auch egal ist.

Von Jan Freitag

Am 29. November ist es also so weit, der Wahnsinn hat ein Ende: 1,3 Millionen Bürger und -innen dürfen abstimmen, ob die Olympischen Spiele 2024 nach Hamburg kommen. Gut, genauso könnten sie auch wählen lassen, ob der Klimawandel beendet wird, Gott eine Frau ist oder Günther Jauch am gleichen Tag doch nicht seinen ARD-Talk beendet; aber das sind eher theologische als politische Fragen.

Entscheidend ist, dass den Wahlberechtigten mit einer PR-Kampagne von biblischer Schlichtheit eingebimst wird, den Lauf der Geschichte allein mit Willenskraft zu lenken. Ein Selbstverständnis, der dieser Stadt seit Zeiten sturmumtoster Handelskoggen zueigen ist. Von der Realität hat sich das hanseatische Geltungsbedürfnis bei allem Pragmatismus noch nie aufhalten lassen. Beim Alten Elbtunnel – einst ein Weltwunder – hat das ganz gut geklappt, bei der Elbphilharmonie – jetzt eine Lachnummer – eher weniger, aber egal: Wenn sich das kaufmannsstolze Miniaturwunderland was in den Kopf setzt, wird‘s gemacht. Also ab ins Referendum.

Da hilft nur noch Verwirrung

Für das die Wahnsinnsstadt eine Empfehlung abgibt: Stimmt mit Ja! Wer seinen Gegner nicht besiegen kann, sprach ein mal fetter Fernsehkater, muss ihn verwirren. Und nichts verwirrt Hamburger Großmannssucht mehr als die verflixte Sache mit der Wirklichkeit. In der nämlich gibt es nur Gegenargumente einer erfolgreichen Bewerbung ums Mega-Ereignis, das bis auf Lillehammer noch jede Stadt zum Negativen verändert hat: Von der Fußball-EM im gleichen Jahr, das ein weiteres Megaevent hierzulande praktisch ausschließt, übers professoral kritisierte Nachhaltigkeitskonzept, das dem IOC angesichts der Vergaben an die Umweltfeinde Peking, Rio, Tokio herzlich egal ist, bis zur ungedeckten Finanzierung von 6,2 der 7,4 Milliarden Euro aus öffentlicher Hand, gibt es so viele Gründe gegen Olympia, dass sich Hamburg genauso gut um die Austragung der amerikanischen Basketballliga bewerben könnte.

Womit wir bei der Konkurrenz wären, besonders L.A., das 2024 nach dann 28 Jahren US-Abstinenz turnusmäßig dran wäre und gegenüber Europa nur das Nachsehen hätte, wenn die dortige Stadt einen Namen trüge, den man international mit etwas anderem assoziiert als einem Fleischklopsbrötchen, also Paris oder Rom. So schwer es dem Marketing auch fällt, das angesichts all der Ballermannbesucher aus Deutschlands Schützenfestgürtel zu akzeptieren: außerhalb Nordeuropas ist diese Stadt nahezu unbekannt. Und Fans gediegener Independent-Musik, denen sie dank des Reeperbahn-Festivals doch ein Begriff ist, sind tendenziell eher weniger an Rhythmischer Sportgymnastik interessiert.

Eigentlich nur Formsache

Aber um Gäste mit mehr Anspruch als umgehende Druckbetankung mit Musicalpathos und Promille ging es den Seelenverkäufern der Eventkultur noch nie – weshalb sie ein Werbevideo ohne Frauen gedreht haben und verdrängen, dass Olympische Spiele in der Regel mindestens dreimal teurer werden als kalkuliert; weshalb alle Warnrufe von Elbphilarmonietraumatsierten über die Hafenwirtschaft bis hin zu Umweltschutz und Universität in den Wind geschlagen werden und die Hamburger Presse willfährig faselt, das Referendum sei eigentlich nur Formsache. „So wird Olympia die Stadt verändern“, titelte die Mopo Anfang Oktober. Kein Konjunktiv.

Indikativ!

Also bitte, liebe Wahlberechtigte: Seid gefälligst ebenfalls für die Kandidatur! Mit 100 Prozent Zustimmung in die sichere Niederlage – vielleicht holt das die selbstgerechten Pfeffersäcke ja auf den Boden der Tatsachen zurück. Und falls nicht, falls sie einfach weitermachen wie bisher, könnte ein gelungener Plebiszit Vorbild sein für weitere Abstimmungen über den Größenwahn einer kleingeistigen Stadt. Her mit dem Referendum über Schlagermove, Harley-Treffen und Cruise Days! Wenn diese Stadt schon nicht bekannter werden kann, dann doch wenigstens ein bisschen lebenswerter.


Sons of Settlers, Bill Wells & Aidan Moffat

csm_Cover_Sons-of-Settlers_Album-front_66410c6eeeSons of Settlers

Einen Anfang vom Ende her zu denken, klingt nicht gerade impulsiv. Und wenn dieses Ende auch noch trist ist, sogar deprimierend. “If you feel, the end is near / lay your head by me my dear” singt die Folkrock-Formation Sons of Settlers zum Auftakt ihres Debütalbums und man ist sofort leicht genervt, weil offenbar schon wieder ein paar singende Jammerlappen westlicher Prägung die Tristesse des (meist männlichen) Daseins in Melodramatik ertränken wollen. Dann aber fährt das Auftaktstück I lost myself mit “I now we’re dying / but won’t stop trying” fort und man atmet auf: die singenden Jammerlappen westlicher Prägung stammen aus nicht nur aus der südafrikanischen Diaspora des Singer/Songwritings; sie verpassen dem gefühligen Genre auch eine Portion Lebensmut, der das Ende doch eher vom Anfang her denkt.

Lullabies for the Restless macht vom ersten Lied an Spaß, der auch beim elften nicht endet. Vor allem Gerdus Oosthuizens weiche, aber kräftige Stimme verleiht den Texten viel Selbstbewusstsein, lebensbejahende Gitarren und bisweilen ein fast karibisches Ambiente verhindern trotz atmosphärischer Parallelen gekonnt Vergleiche mit Mumford & Sons oder Coldplay, und vor allem Justin Bosmans Schlagzeug holt drohende Behäbigkeit immer wieder mit zügigem Tempo aus dem Loch. Man sollte also besser nicht in typischer Folk-Stimmung sein für dieses unterhaltsame Debüt. Und dass wir alle mal sterben, ist ohnehin kein Grund zur Trübsal, sondern eine Tatsache, über die man wunderbar aufgewühlte, zugleich tiefenentspannte Musik machen kann. Musik wie diese.

Sons of Settlers – Lullabies for the Restless (Motor Music)

m_1444647524Bill Wells & Aidan Moffat

Dass an Musik dabei gar nicht alles perfekt sein muss, um große Wucht zu entfalten, zeigt der Schotte Bill Wells an der Seite von Aidan Moffat, die ihr fabelhaftes Debütalbum The Most Important Place In The World vom Jahresanfang nun um eine nicht minder fantastische EP erweitern. Sie heißt erstaunlich kryptisch DILF_77 Would Like To Chat und treibt einen virilen Big-Band-Sound vor der windschiefen Stimme her, dass selbst der große deutsche Spaß-Crooner Rocko Schamoni vor Neid erblassen könnte. Die Bläser sind virtuoser, das Arrangement ausgefeilter, der Gesang in seiner brüchigen Absurdität kreativer als vieles, was nostalgischen Sound an die digitale Gegenwart andocken möchte.

Von seinem schottischen Akzent verfeinert, treibt Bill Wells Las Vegas hier herzerfrischend in die Disco und sorgt ohne jeden Anspruch an Vollkommenheit für große Momente des orchestralen Minimal-Sounds. Mal wild und verschroben, mal großspurig und maniriert führt dieses wunderbare Zweierprojekt den zeitgenössischen Pop somit ein paar Lieder lang am eigenen Nasenring durch die Manege und entlockt ihm Melodien, die es eigentlich gar nicht geben dürfte: Zauberrhythmen, an denen man sich kaum satt hören kann. Wer das nicht mag, mag sich selbst nicht. Nur mal so als These.

Bill Wells & Aidan Moffat – DILF_77 Would Like To Chat (Chemical Underground)


Mark Wahlberg: Hollywood & Arbeiterspirit

Ich ziehe mein Ding durch

Madata(1)rk Wahlberg (Foto: ZDF/Alan Markfield) ist erkältet, also kein Handshake, „sorry, Sir“. Dabei hätte man zu gern den Griff des Muskelbergs mit Jungslächeln getestet, der es aus dem Ghetto zur Oscar-Nominierung gebracht hat. In Berlin redet er über einen gefallenen Cop im Politthriller Broken City (Montag, 9. November, 22.15 Uhr, ZDF), der als Detektiv in den Korruptionssumpf des Bürgermeisters (Russell Crowe) gerät. Die Story des aufstehenden Exhelden passt zu Wahlberg, der 1971 als jüngstes von neun Kindern in Boston geboren erst kriminell und dann über den Umweg des rappenden Unterwäschemodels Marky Mark zum Hollywoodstar wurde, der zwischen Goldener Himbeere und Golden Globe pendelt. Bekannt wurde er als Pornostar in Boogie Nights, berühmt als Schatzsucher in Three Kings, zuletzt brillierte er in an der Seite des lebenden Teddys Ted mit miesen Manieren. Nun also ein Drama, das er wie so oft selbst produziert hat

Interview: Jan Freitag

Mark Wahlberg: Schön Sie zu sehen, Sir, ich hoffe, es geht Ihnen besser als mir; ich bin sehr erkältet.

freitagsmedien: Danke, mir geht’s gut. Zumal es ein besonderer Moment ist, den Mann zu treffen, den ich als Jugendlicher so gehasst habe.

Bitte?! Wofür denn?

Weil Sie Anfang der Neunzigerjahre mit ihren Muskelbergen das Gegenteil von süß waren, und alle Mädchen um mich herum Sie trotzdem genau das fanden.

Tja, ich kann gut verstehen, dass es blöd ist, wenn die Mädchen in einem Umfeld ständig von anderen schwärmen, aber das können Sie mir doch nicht persönlich anlasten (lacht).

Keine Sorge, ich weiß ja auch, woran das lag.

Woran?

An ihrem Stirnrunzeln.

Wirklich?

Diese Mischung aus hart und verschmitzt fanden alle niedlich, noch heute – fragen Sie mal all die Journalistinnen vor der Tür, mit denen Sie gerade geredet haben. Wie viele Arten, die Stirn zu runzeln, haben Sie genau?

Oh, da fragen Sie definitiv den Falschen. Ob Sie’s glauben oder nicht: ich verbringe nur wenig Zeit vorm Spiegel, weil ich mich einfach nicht so gern selber sehe. Haben Sie sie gezählt?

In Broken City müssen es Hunderte sein, egal ob Sie nett sind oder sauer, nachdenklich und gelangweilt. Ist das so eine Art Trademark von Ihnen, ein Alleinstellungsmerkmal?

Zumindest kein kalkuliertes. Ich glaube, es gibt viele Schauspieler, auch Nicht-Schauspieler, die besonders bemerkenswerte oder anziehende Eigenschaften an sich herausstellen; so ticke ich nicht, nicht mehr. Ich bin einfach ich und ziehe mein Ding durch; sobald man zu sehr darüber nachdenkt, kriegt man Probleme mit der Selbstwahrnehmung und wird jemand anderes.

Aber es gibt schon Eigenschaften, die Sie als Schauspieler und Mensch kennzeichnen?

Sicher. Als Person versuche ich ein frommer Katholik und guter Ehemann, Vater, Sohn, Freund, Nachbar, Mitmensch zu sein, was mir meistens sogar ganz gut gelingt. Und im Job will ich meine Arbeit einfach in jedem Projekt so gut machen, wie ich kann, um mein Publikum mit interessanten Inhalten zu unterhalten. Wenn das meine Trademarks sind, wäre ich zufrieden.

Zumal es ein seriöseres ist als früher, wo ihr Bodybuilderkörper das wichtigste Markenzeichen war.

Aber selbst da war es kein bewusstes Stilmittel. Ich habe ja im Knast mit Workouts begonnen; wenn man sich dort verteidigen will, ist es ratsam, so stark und eindrucksvoll wie möglich zu sein.

Haben Sie mehr Zeit im Gym verbracht als im Filmstudio?

Schon, denn vom Studio war damals ja noch keine Rede. Es war eine Überlebensstrategie,

Andererseits sehen Sie noch immer aus, als wären Sie gut im Training.

Das hängt davon ab, welche Art von Film ich grad drehe und wie viel Zeit mir abseits davon bleibt. Ich hatte zuletzt ein wirklich hartes Jahr mir vier umfangreichen Rollen, die mich auf unterschiedlichste Weise gefordert haben. Da war überhaupt keine Zeit fürs Training; heute ist der erste Tag der achten Woche zurück an den Hanteln.

Das wissen Sie so genau?

Ja (lacht), aber ich mache das ja nicht mehr, um anderen das Fürchten zu lehren, sondern weil ich es vorziehe, gesund zu leben. So kommt man einfach morgens leichter aus dem Bett und kann mit seinen Kindern mithalten; gerade meine Jungs sind extrem sportlich.

Wie wichtig ist ein durchtrainierter Körper für einen Schauspieler von 41 Jahren?

Das hängt allein von der Rolle ab. Als ich jung war, wollte ich am liebsten Boxer, besser noch Bodybuilder spielen, und zwar mit meinem Körper in der Hauptrolle. Würde ich das heute spielen, wäre der Körper ganz klar in der Nebenrolle, als rein visueller Aspekt. Zumal mich die Welt des Bodybuildings als junger Mann in Kalifornien noch fasziniert hat. Heute sehe ich den Wettbewerbsgedanken weit kritischer, für den man sich Steroide und so Zeug schluckt.

Haben Sie das je selbst getan?

Niemals! Das Zeug bringt dich um, mein Freund. Und die 37.000 Dollar Preisgeld beim Wettbewerb gewinnt nur einer, die anderen müssen weiter schlucken. Ich hab immer ganz klassisch trainiert.

Womit sie es zum Unterhosenmodel gebracht haben. Wann wurden Sie das letzte Mal halbnackt fotografiert wie damals in der Calvin-Klein-Kampagne?

Damals in der Calvin-Klein-Kampagne. Und auch in meinen Filmen muss ich nicht mehr allzu viel zeigen. Mann, Sie sind aber fokussiert auf meinen Körper!

Nur um hervorzuheben, dass Broken City für Ihre Verhältnisse ein völlig unkörperlicher Film ist.

Weil er sich an figuren- und inhaltsgetriebenen Filmen der Siebzigerjahre orientiert – Chinatown, Serpico, French Connection.

Es geht darin um Kriminalität im Regierungsumfeld New Yorks. Macht das den Film zu einem politischen?

Nein, Politik firmiert darin nur als Hintergrundgeräusch. Es ist ein Kriminalthriller, schon deshalb, weil Politik als zentrales Thema auf große Teile des Publikums nicht sonderlich attraktiv wirkt. Schon gar nicht, wenn sie in Botschaften gepackt wird. Die gibt es hier nicht.

Bis auf die unüberhörbare Kritik daran, das Amerika im Sumpf aus Korruption, Habgier und sozialer Kluft zu zerfallen droht.

Mag sein, aber der Film ist da ebenso optimistisch wie ich selbst. Diesen Sumpf trocken zu legen ist zwar ein schwieriger Prozess, aber mit den richtigen Leuten an den nötigen Hebeln kann es funktionieren. Präsident Obama braucht sicher viel mehr als vier weitere Jahre, um die Riesenprobleme, die er nur geerbt hat, in den Griff zu kriegen. Aber ich glaube an die Selbstheilungskräfte der Gesellschaft, solange sich Menschen finden, die es gemeinsam packen wollen.

Und wenn nicht, bedarf es eben des all American heros aus Hollywood, der es regelt.

Sie meinen aber jetzt nicht meine Figur in Broken City oder? Das ist nämlich nur ein Kerl, der sich – obwohl er sich damit in Gefahr bringt – reinwaschen will. Er ist tief gefallen, wieder aufgestanden, nun will er es endlich mal richtig machen.

Sehr amerikanisches Thema, das auch ein bisschen nach Ihrem eigenen Leben klingt.

Da gibt es in der Tat Parallelen, sicher. Ich habe eine Menge Fehler gemacht, gerade als ich jünger war. Da musste ich sehr viel Zeit damit verbringen, all die falschen Entscheidungen von früher wieder auszubügeln. Deshalb kann ich mich wohl mit Billy so gut identifizieren.

Wie viel aus ihrer Jugend in Boston steckt heute noch in Ihnen?

Oh, eine Menge, auch wenn sich zum Glück die besseren Seiten durchgesetzt haben. Trotzdem war die Zeit in Dorchester 20 Jahre lang mein Leben und alles davon ist noch in mir – plus Vernunft. Ich bin als Person, als Erwachsener, als Mann natürlich gereift, aber als Schauspieler kann zugleich aus einem großen Schatz an Lebenserfahrung vor diesem Reifungsprozess schöpfen. Die meisten Schauspieler haben ja nur ihre Techniken und Trainingsmethoden, um sich einer Rolle anzunähern. Wer aus behütetem Elternhaus kommt, erinnert sich da vielleicht, wo er sich als Kind gern versteckt hat; ich erinnere mich an die Straße, das ist gerade für Rollen wie diese hilfreich und gibt diesem kleinen Betrug namens Schauspielerei etwas Aufrichtiges.

Waren Sie je in einer Schauspielschule?

Es gibt grundsätzlich nichts, was ich zur Vorbereitung einer Rolle nicht täte, aber richtig gelernt hab ich das Schauspielen nie.

Hat es Sie damals womöglich gerettet?

Sehr richtig, es hat mich vor dem Abgrund bewahrt. Die Schauspielerei hat meinem Leben eine positive Wende gegeben.

Auch dank Donnie!

Ja, mein Bruder hat mich von der Kante zur Musik gezogen. Aber ich musste schnell versuchen, meinen eigenen Weg zu gehen, denn trotz allen Erfolgs war die Musik für mich Fluch und Segen zugleich. Einerseits gab es meinem Leben eine Richtung, andererseits hat Marky Mark es vielen lange schwerer gemacht, den Schauspieler Mark Wahlberg ernst zu nehmen.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht so früh bei der damals erfolgreichsten Boy Group New Kids On The Block ausgestiegen wären?

Sehr wahrscheinlich das, was ich heute tue, das steckte ja schon damals in mir. Aber ich denke lieber über das nach, was geschehen ist, als das, was hätte geschehen können. Ich weiß ja nicht mal, ob ich noch singen würde. Doch auch ohne Musik gefällt mir mein Leben von heute bestens.

Wie würden Sie das denn bezeichnen – bürgerlich?

Dafür ist mein Blue Color Spirit wohl noch zu ausgeprägt?

Ihr was?

Diese Arbeiterattitüde: der Kerl, dem es nichts ausmacht, sich die Finger schmutzig zu machen, der das kaputte Rohr im Keller selber repariert, der jeden Tag rausgeht, um für sich und seine Familie hart zu arbeiten, zum Abendessen heimzukehren und danach mit den Kindern zu spielen. Ich werde öfter gefragt, mit welchen Schauspielern ich mich identifiziere und nenne da gern Steve McQueen oder Jimmy Cagney, diese unfreiwilligen Mittelklassehelden statt leuchtender Vorbilder, die schöner sind als das Mädchen, um das sie kämpfen. So was kauft mir keiner ab. Ich glaube ich bin eher so der männliche Mann.

Was genau heißt das?

Was es eben ist, mehr ein männlicher als ein weiblicher Mann.

Klingt konservativ.

Nein, es zeigt nur meine praktische Sicht auf die Rolle im Leben. Ich bin ein ganz normaler Mann, der nicht ständig ungewöhnliche Sachen macht, sondern den geraden Weg geht. Das bin ich.

Holen Sie deshalb gerade Ihren Highschool-Abschluss nach?

Unter anderem. Ich möchte nicht, dass ich meinen Kindern bei den Hausaufgaben immer sagen muss: Frag Mami. Ich bin allerdings noch längst nicht fertig, denn es erfordert doch mehr Arbeit, als ich anfangs dachte, aber ich ziehe das jetzt durch. Meine Lebenserfahrung mag mir beruflich helfen, aber wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich lieber zur Schule zu gehen. Man kann nicht alles haben…

Im Beruf dagegen produzieren Sie seit langem Filme, in denen Sie dann selbst Hauptrollen spielen; wollen Sie wie so viele Ihrer Kollegen dazu auch mal Regie führen?

Möglicherweise, aber nicht zwingend mit mir in der Hauptrolle. Regie ist sehr zeitaufwändig. Trotzdem habe ich schon öfter drüber nachgedacht, aber bislang noch kein Drehbuch gefunden, von dem ich das Gefühl hatte, nur ich könne das umsetzen.

Zur Not könnten Sie sich ja ein eigenes schreiben.

Das ist ja noch mehr Arbeit! Nehmen Sie das mit der Arbeiter-Attitüde bitte nicht zu ernst…


Arte-Doku: Bahnhofskinos

Voodoo, Sex und Raimund Harmstorf

Bahnhofskinos gehörten einst zur City wie die Gleise selbst. Doch Mitte der Achtziger fielen sie VHS und RTL zum Opfer, die den Trash des BaLi ins Wohnzimmer holten. Eine Arte-Hommage feiert dieses Cinema Bizarre (Online in der Mediathek), das weit mehr ist, als ein Kuriositätenkabinett.

048647-000_1994116_32_202Von Jan Freitag

An Sex’n’Drugs’n‘Rock’n‘Roll – Ältere müssen sich das erst in Erinnerung rufen, um Jüngeren davon zu berichten – kam man mal nur schwer heran in der frisch zwangsdemokratisierten Republik. Auf Leinwand lief bunte Betulichkeit, am Bildschirm Biedermeier in schwarzweiß. Exzesse waren unschicklich, Homosexualität und freie Liebe gleich ganz verboten, Frau und Kind zu schlagen schon weniger, sofern es daheim erfolgte, was es landauf landab munter tat, im Alkoholdunst einer sternhagelvollen Männerwelt.

Die kampfesmüde, gewaltbereite, sittenstrenge Nachkriegsgesellschaft hatte zweifelsohne ein merkwürdiges Verhältnis zu Befriedigung, Rausch und körperlichem Zwang. In dieser Atmosphäre wurden Ausschweifungen jeder Art zwar gern aus den Augen aus dem Sinn verbannt, allerdings ausgerechnet dorthin, wo es jeder deutlich sehen konnte: Ins Bahnhofskino. Auferstanden aus den Ruinen innerstädtischer Infrastruktur, um Reisenden das Warten zu verkürzen und nebenbei die umliegenden Neubaukomplexe zu finanzieren, wurde in gleisnahen Lichtspielhäusern rund um die Uhr das gezeigt, was Durchschnittsbürgern ansonsten meist verborgen blieb.

Was genau das war, weshalb es die bürgerliche Mitte gleichermaßen abstieß und anzog, wie derart anrüchige Abseiten der ästhetischen Norm inmitten ordentlich gefegter Ortskerne überlebten und was ihr schleichender Tod über unsere Gegenwart zu sagen hat – darüber klärt eine der zauberhaftesten Dokumentationen auf, die das laufende Fernsehjahr bislang zu bieten hatte. Sie heißt Cinema Bizarre und beschreibt das versunkene Reich der Bahnhofs-Lichtspiele, deren Kürzel „BaLi“ einst an kaum einer größeren Haupthaltestellenfassade zwischen Kiel und München, Braunschweig und Köln fehlte. Versehen mit einer Liebe zum Objekt, als säße das Publikum persönlich im samtroten Gestühl.

Und sähe davor obskure Streifen in Endlosschleife, deren Titel allein schon pures Entertainment sind. Die nackten Superhexen vom Rio Amore, Der Totenacker der Knochenmänner, Nackt und zerfleischt – ohne mit der faltigen Wimper zu zucken verliest Gertrud Sonnenberg, die seit 1959 in einem der fünf letzten von ehemals 30 BaLis sitzt, im blauen Kittel das Programm früherer Tage und eröffnet ein quietschbuntes Panoptikum aberwitziger Filmtrashkunst, das weit mehr sein will als nur nostalgisches Kuriositätenkabinett.

Regisseur Oliver Schwehm, der schon mal einen schwarzweißen Thementag auf Arte verantwortet hat und die Hommage Winnetou darf nicht sterben, begnügt sich nämlich nicht mit der Historisierung eines Stücks deutscher Kinogeschichte; gemeinsam mit Kollegen und anderen Cineasten wie Wolfgang Niedecken oder der tabakrauen Tatort-Staatsanwältin Mechthild Großmann, schildert er den Weg von der kriegsversehrten über die formierte zur multimedialen Gesellschaft von heute am Beispiel dieser Schmuddelecken der Aufmerksamkeitsindustrie.

Wie sie vorm Siegeszug des Fernsehens zunächst als unterhaltsames Informationsmedium zwischen Wochenschau und Tierdoku fungierten, mit dem man sich vorm Anschlusszug die Zeit vertrieb. Wie sich beide Genres bald zum „Mondo-Film“ vereinten, der bizarre Randlagen gewöhnlicher Nachrichten zu exotischen Phantasmagorien aus Sodomie, Voodoo und Schamanenkult verdichtet. Wie derart halbdokumentarischer Alltagshorror das Rattenrennen um die Zuschauergunst einläutete, in dem jede Erregungskurve rasch von der nächsthöheren übermalt werden musste – zunächst mit Abenteuer, Action, etwas Grusel. In den zügellosen Sixties ergänzt um Sex- und Gewaltphantasien, die sich ab Mitte der Siebziger immer „härter, brutaler, teilweise fast pervers gegen das Fernsehen stemmten“, wie der Filmhändler Kai Nowak Arte erklärt.

Es war die Zeit der maximalen Sogwirkung des Bahnhofskinos, begleitet vom unaufhaltsamen Niedergang. Denn die Radikalisierung der Extreme, vom augenzwinkernd bewunderten C-Movie-König Uwe Boll wunderbar beiläufig am Beispiel filmtechnisch akkurat zerteilter Köpfe skizziert, sorgte in Form krasser Frauenknast- und Splatterfilme für den endgültigen Abschied vom Mainstream Richtung Nerds, vornehmlich männlichen. Es war also nicht mehr nur zeitgenössischer Gangsterquatsch mit René Weller, Bruce Lee, Raimund Harmstorf, über den sich sein Epigone Ben Becker herrlich biegt vor Lachen und Ehrfurcht. Auch gelegentliche Kunstfilme von Pasolini bis Ferreri konnten das ramponierte Image nicht mehr aufmöbeln. Jetzt waren die Bahnhofskinos endgültig Blut, Kotze, Sperma – und halfen somit ungewollt bei der Glattrasur des Antlitzes deutscher Städte mit.

Als VHS und Privatfernsehen vor rund 30 Jahren die Grundversorgung filmischen Irrsinns ins Wohnzimmer delegierten, nahm ja parallel auch das Fahrt auf, was später Gentrifizierung heißen sollte. Allerorten wurden die Bahnhofsviertel blank geputzt, ein Prozess, der nicht nur architektonisch oft kühne Schalterhallen früherer Jahrzehnte durch seelenlose Shoppingmalls im glasstählernen Einheitslook ersetzte; von den Gleisen aus startete das Milliardenprojekt Aufwertung auch in umliegende Wohnviertel, wo seither alles Trashige geschliffen wird, bis Investorenträume die letzten Ureinwohner aus dem Stadtkern verdrängt hat.

Das ist die traurige, aber wahre Geschichte von Cinema Perverso. Die schaurige, aber schöne hingegen ist ein Film, der hinreißend im ganzen Spektrum kinematografischen Schaffens schwelgt, zwischen „Bummsfilm und Kunstfilm“, wie es der Horrorfilmer Jörg Buttgereit beschreibt. Herzzerreißend nostalgisch, zum Niederknien absurd. Die ganze Welt des Kinos, komprimiert auf 60 Minuten Arte.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-LuisaLùisa – Joanna Newsom

Eine Do-It-Yourself-Attitüde unter den Singer-/Songwritern ist nur wenig revolutionär. Mit ihrem im Mai erschienenen Album Never Own geleitet die Hamburgerin Lùisa diese Einstellung zur eigenen Kunst aber auf ein neues Niveau. Sie schreibt nicht nur ihre Musik und die Texte selber. Auch beim Artwork und ihren beachtenswerten Videos vertraut sie auf die eigene Kreativität oder das Können enger Freunde. Das Ergebnis ist in vielerlei Hinsicht besonders. Es verwundert deshalb kaum, dass Lùisa bei zwei Bieren über eine Platte der außergewöhnlichen Joanna Newsom spricht.

Von Marthe Ruddat 

Lùisa: Ich musste erst einmal darüber nachdenken, welche Platte mich denn besonders beeinflusst hat. Eigentlich gibt es da so einige. Aber die Ys von Joanna Newsom ist schon etwas ganz Besonderes für mich.

freitagsmedien: Gehen wir mal davon aus, dass ich Joanna Newsom nicht kennt. Erzähl doch mal von ihr.

Lùisa: Joanna Newsom ist eine Sängerin und Harfenspielerin aus den USA. Man kann sie so in der New Folk-Ecke ansiedeln. Sie spielt also die Harfe zu ihrem Gesang und schreibt ganz ungewöhnliche Lieder, die manchmal auch 10 Minuten lang sind. Ihre Stimme ist auch sehr ausgefallen, sie klingt wie eine kleine Elfe oder ein Kobold. Ich glaube, dass manche sie deshalb auch nicht mögen. Aber für mich haben ihre außergewöhnlichen Kompositionen irgendwie etwas Kosmisches, etwas, dass mich wieder mit der Welt verbindet.

Ys ist das 2006 erschienene zweite Album von Joanna Newsom. Es ist, wie passend, nach der Legende der versunkenen Stadt Ys in der französischen Bretagne benannt.

In der Vergangenheit hast du schon einmal darüber gesprochen, dass deine Generation oft nicht weiß, wo sie hin gehört und sich verloren fühlt. Um zur Ruhe zu kommen hilft dir also nicht nur deine eigene Musik, sondern auch die Ys?

Genau, das ist etwas, was Never Own auch aufgreift. Dass man versucht das Leben als Ganzes zu sehen und sich nicht in Alltäglichem verliert.

Never Own ist im Mai 2015 erschienen. Mit ihrer rauen Stimme und dem Mix aus Folk, Electro und Pop heimste Lùisa durchweg positive Kritiken ein. Den immer wieder erwähnten Vergleich mit Björk oder PJ Harvey versucht sie locker zu nehmen.

Ich glaube, wir vergessen oft das Wesentliche und definieren uns über Dinge, die uns schlussendlich wieder fragen lassen, ob man wirklich zu dieser Welt marthe-ysdazugehören möchte. Diesbezüglich hat mich die Ys auch spirituell sehr geprägt. Wenn ich die Platte höre, fühle ich mich wieder zugehörig und gut aufgehoben. Vielleicht erdet sie einen sogar ein bisschen.

Ist es das, was für dich gute Musik ausmacht?

Ja schon. Ich habe die Platte das erste Mal gehört als ich so ungefähr 17 war. Mein Bruder hat sie mir gezeigt, und das war wirklich eine prägende Erfahrung. Wenn ich mich frage, was Musik für mich ist, dann ist es etwas berührendes, das tief in die Seele greift. Und genau das tut Joanna Newsom.

Kannst Du das Aussehen der Platte, vielleicht das Cover etwas beschreiben?

Ich weiß das ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau, weil ich im Moment nur die MP3-Version habe. Aber ich hatte mal die Vinyl und die hatte einen geprägten Blumenprint. Wie das Cover aussieht weiß ich leider nicht mehr. Aber dieser Blumenprint ist großartig. Irgendwie wurde dadurch ihr Werk auch noch mit der Haptik verbunden.

Bist du also eher der MP3- oder der Vinyl-Typ?

Das ist schwer zu sagen. Ich habe mir gerade einen neuen Plattenspieler gekauft. Ich hab ja schließlich jetzt auch eine eigene Platte! Aber eigentlich höre ich eher MP3s, weil ich beim Musik hören immer in Bewegung sein muss. Die Ys habe ich früher zum Beispiel viel im Wald gehört. Heute laufe ich halt durch die Stadt. So verbinde ich mit der Musik immer ganz bestimmte Eindrücke.

Würdest Du mir empfehlen, die Ys genau so, bei einem Wald- oder Stadtspaziergang, das erste Mal zu hören?

Also ich habe die Platte vor Kurzem noch einmal gehört und da lag ich auf meinem Bett, hatte das Fenster offen habe mich kopfüber heraus gelehnt. Ich glaube, in so einem Moment sollte man sie das erste Mal hören. Auf keinen Fall so zwischendurch. Man muss sich darauf einlassen können und braucht ein gewisses Bewusstsein. Man knallt sich ja auch nicht mitten am Tag einfach die volle Ladung Drogen rein….

Marthe1…oder Bier. Genau! Das ganze passiert mit einem großen Bewusstsein und jeder trinkt eh nur so viel wie sie oder er mag!

Hast Du ein Lieblingslied auf der Platte?

Hm, das ist wirklich schwer, weil die einfach alle richtig toll sind! Emily ist das erste Lied. Es handelt von Joannas Schwester, die Meteorologin ist. Cosmea ist aber auch toll. Dieser Song hat so etwas Kosmisches, wie ich es schon beschrieben habe. Er ist irgendwie zauberhaft und märchenhaft. Aber alle Lieder von der Platte scheinen nicht von dieser Welt zu sein. Und diese ungewöhnliche Musik mag ich einfach gerne.

Joanna Newsom – Emily

And, Emily, I saw you last night by the river.

I dreamed you were skipping little stones across the surface of the water —

frowning at the angle where they were lost, and slipped under forever,

in a mud-cloud, mica-spangled, likethesky’dbeenbreathing on a mirror.

Anyhow, I sat by your side, by the water.

You taught me the names of the stars overhead, that I wrote down in my ledger —

though all I knew of the rote universe were those Pleiades, loosed in December,

I promised you I’d set them to verse, so I’d always remember

That the meteorite is the source of the light,

And the meteor’s just what we see;

And themeteoroid is a stone that’s devoid of the fire that propelled it to thee.

And themeteorite’s just what causes the light,

And themeteor’s how it’s perceived;

And themeteoroid’s a bone thrown from the void, that lies quiet in offering to thee.

Wenn Du Joanna Newsom treffen würdest, was würdest Du sie fragen?

Oh, das wäre wirklich fantastisch! Ich glaube ich würde sie viele persönliche Dinge fragen und weniger über die Komposition ihrer Musik. Ich hätte eher viele Fragen zu ihrem Werdegang als Musikerin. Sie schreibt ja auch sehr persönliche Texte und erzählt damit ganze Geschichten. Ich verarbeite in meiner Musik ja auch sehr viel Persönliches. Ich hatte zwar noch nie eine besonders negative Erfahrung, aber manchmal ist es nur schwer auszuhalten, sich vor Fremden Menschen dermaßen zu öffnen. Ich würde sie gerne Fragen, wie sie die Balance hält. Wenn man Musiker ist, dann hat man einfach keinen eight-to-five-Job, es gibt keine klare Grenze zwischen Arbeit und Privatleben. Darüber würde ich gerne mit ihr sprechen. Sie ist ja so ungefähr 10 Jahre älter als ich und hat da bestimmt Ahnung.

Du gestaltest deine Arbeit ja auch sehr persönlich, indem du stets mit Freunden und engen Bekannten zusammen arbeitest. Gibt es jemanden, den du nicht persönlich kennst, aber gerne mal mit ins Boot holen würdest?

Ich mag ja elektronische Musik total gerne. Im Moment bin ich total auf Nicolas Jaar hängen geblieben. Ich fände es total cool, mit dem mal ein Feature zu machen. Der dürfte meine Stimme auch zerhacken und reinsamplen, wie er möchte. Aber auch von DJ Koze bin ich ein riesengroßer Fan. Es müssen jetzt gar nicht diese beiden sein, aber ich möchte in Zukunft mehr mit anderen Künstlern zusammen arbeiten. Ich glaube, da können richtig tolle Sachen entstehen.

In der nahen Zukunft tritt Lùisa aber noch als Solokünstlerin auf. Nach ihrer Clubtour kann man sie am 19. November als Support von Oh Land im Molotow auf der Bühne bewundern. Weitere Termine und auch alle Musikvideos gibt’s auf www.listentoluisa.com.


Unterleib & Oberkörper

0-GebrauchtwocheGebrauchtwoche

26. Oktober – 1. November

Das sitzt: 44% aller Befragten einer Forsa-Umfrage stimmen dem Lügenpresse-Gepöbel des Pegida-Packs mehr oder weniger zu. Abgesehen davon, dass die Zahl derer, denen nichtdeutsches Blut innerhalb reichsdeutscher Grenzen per se zuwider ist, noch höher sein dürfte, stellt das unsere Demokratie auf eine harte Probe – die man besteht, indem man Pegidapackfreunde aus eben jener Lügenpresse als Hauptlügner entlarvt. Christoph Biro zum Beispiel, Chef der vulgärpopulistischen Kronen Zeitung, hat in seiner steirischen Ausgabe über Flüchtlinge aller Art gehetzt, die „sich äußerst aggressive sexuelle Übergriffe“ geleistet, ihre Notdurft in Bahnwaggons verrichtet oder kollektiv Supermärkte gestürmt hätten. Interessante These, nur dummerweise erstunken und, genau: erlogen, wie die österreichische Polizei mitteilen ließ.

Da Rassisten jeder Art aber lieber flaschendrehen, um Tat oder Wahrheit zu ermitteln, bleiben solche Schmierenblätter weiterhin Sprachrohre der Dummheit, während kluge Medien wie die Südwest Presse längst auch westlich von Dresden in Hassmails ertrinken, falls sich ein Redakteur mal erdreistet, fremdenfreundlich zu kommentieren. DFB-freundlich kommentiert hingegen Alfred Draxler und zwar so faktenresistent, dass Springers langjähriger Sportsgruppenleiter im Netz als das gedisst wird, was er seit jeher ist: Beckenbauers willfähriger Speichellecker. Man würde der Menschheit wünschen, dass nicht wie vorige Woche geschehen die liebenswert mitfühlende taz ihre Redaktion wegen einer Fliegerbombe räumen müsste, sondern der gesamte Ballermann-Boulevard. Für immer.

Ja, gibt’s denn auch noch good news aus der Medienwelt? Doch: Allegra, einst die einzig kluge Frauenzeitschrift im Land, soll mal wieder aus der Grube gezerrt werden, wo sie Springer lebendig begraben hatte. Außerdem ist seit voriger Woche gewiss: Die Damen (und Herren) der Tagesschau haben einen Unterleib.

0-FrischwocheFrischwoche

2. – 8. November

Bei Jürgen Domian ist das indes weiter nur ein Gerücht. Seit 20 Jahren ist der Kummerkasten bloß hüftaufwärts zu sehen, wenn er die Sorgen seiner Zuschauer ausquatscht. Im Jahr vor seinem Abschied widmet ihm der WDR heute das Porträt Zwischen Tag und Nacht, natürlich zur mondsüchtigen Zeit, 23.15 Uhr.

Zur Geisterstunde also, wo das Böse erwacht, Vampire etwa und Zombies. Am Freitag um 0.25 Uhr, wenn die Kleinsten – denen der KiKa ab Montag (18.15 Uhr) Der kleine Drache Kokosnuss schenkt – im Bett sind, zeigt RTL2 das nächste Untoten-Epos im Fahrwasser des Erfolgsgenres: Z Nation, etwas leichtfüßiger als Walking Dead, manchmal gar lustig, vor allem aber optimistischer – trägt die Hauptfigur doch jenes Antiserum in sich, das beim großen Vorbild außer Sicht ist.

Den Bedarf nach einem Wirkstoff gegen das dauernde Wettbewerbsfernsehen erhöht Dienstag abermals Vox, wo Guido Maria Kretschmer seine letzten 90 freien Minuten räumt, um im Kampfnähen Geschickt eingefädelt den besten Amateurschneider zu ermitteln. Geklaut in England, gelangweilt in Deutschland, Geschlechterklischees für Millionen. Davon ist Lars Kraumes Melodram Meine Schwestern um eine Todkranke (Jördis Triebel), die Mittwoch auf Arte ihre letzten Tage mit Verwandtschaft (Nina Kunzendorf, Lisa Hagmeister) verbringt, weit entfernt. Ein vorurteilsfreier Frauenfilm, also anders als alles, was 365 Tage quasi rund um die Uhr bei der Privatkonkurrenz läuft.

Deshalb findet man dort auch nie Filme wie die Musik-Doku Deutsche Pop Zustände, mit der 3sat um 23.25 Uhr den Themenabend Rechts – extrem – gefährlich beschließt, was drei Stunden zuvor von der Analyse des Prozesses gegen Beate Zschäpe eingeleitet wird. Starker Tobak, gut bekömmlich. Ballaststoffreiche Schonkost verabreicht der NDR in seiner Komödienreihe Nordlichter, die fortan den Donnerstag ab 22 Uhr erheitert. Zum Auftakt: Hanno Olderdissens Spielfilmdebüt Familie verpflichtet, der den homoerotischen Clash der Kulturen wohl zu drastisch fürs ARD-Publikum bebildert.

Das gälte auch für die Farbwiederholung der Woche von 1973: Lady Snowblood, japanische Mangaverfilmung über ein Vergewaltigungsopfer, das im Gefängnis einen Racheengel gebärt, was Quentin Tarantino einst zu Kill Bill inspirierte (Montag, 22.20 Uhr, Arte). In Schwarzweiß dagegen und trotz allem zeitlos schön: die Wallace-Adaption Der Hexer (Freitag, 22.05 Uhr, Sat1Gold) von 1964, aus einer Zeit also, da die Doku der Woche ihr Material sammelte: All you need is Klaus, hinreißendes Porträt (Montagfrüh, 1.10 Uhr, Arte) des Hamburger Beatles-Weggefährten und -bereiters Klaus Voormann.


U3000, The Mighty Stef, The Phantom Sound

cover-belogen-albumU3000

Zoon Politikon ist ein philosophischer Begriff fürs soziale Tier Mensch, übersetzbar mit Gemeinschaftswesen, dem das Kollektiv wichtiger ist als die individuellen Teile. Ein schöner Gedanke, aber irgendwie außer Mode in unserer hyperindividualisierten Zeit, der schon Hamburgs Diskursschule zu politisch ist und andernorts egoistische Angsthasen von AfD bis Pegida gebiert. Mit beidem will auch eine Band aus Hannover nichts zu tun haben, weshalb sich deren Mitglieder im Interview seltsam bereitwillig “Popper” nennen. Ein Begriff, der besonders optisch prima zu den vier hübschen Hipsterpunks passt, denen die Wahlheimat Berlin weiter das Stilbewusstsein schärft.

Dieser Hang zur Hülle ist auch musikalisch Programm. Ihr Debütalbum ist so vollgestopft mit glamourösem Mashup der digitalen Soundkultur, als wäre jeder der kompromisslos gut gelaunten Tracks ein Bekenntnis zum Hedonismus. Klingt für Feuilleton-Ansprüch grausam? Ist es auch! Aber eben auch einfach nur so herrlich verspielt und lustvoll redundant, dass schlichter Textmüll wie Mädchen, tanz mit mir nicht discosexistisch ist, sondern aus der Laune raus in den Sommer geträllert, also irgendwie, nun ja: nett. Manchmal ist es halt angenehm, wenn nicht dauernd politische Herdentiere durch die Boxen stromern, sondern – sagen wir: Primaten, die einfach mal den Tag genießen.

U3000 – Wir haben euch belogen (Freundehaus Recordings)

themightystefcoverThe Mighty Stef

Durchs neue Album von The Mighty Stef stromern hingegen keine Primaten, sondern Pferde. Viele Pferde. Ständig. Schon das wunderber depperte Cover von Year of the Horse zeigt ein Kunstexemplar in 3 D, dahinter hetzen zwei Vollblüter mit Jockeys über den Turf, die Titel lauten schon mal Horse Tranquilizers – es scheint, als verströmten die zwölf Stücke Westernaura. Doch von Country kann keine Rede sein. Die Dubliner klingen zehn Jahre nach ihrem Debüt, wie Editors und Libertines wohl gern noch klängen: pathetisch, nicht larmoyant, brennend statt ausgebrannt.

Das Quartett um Songwriter Stefan Murphy gewinnt dem Britrock abermals jene Kraft ab, die mit Pete Dohertys erstem Drogenentzug versiegte, berserkern aber nicht so wüst in die Harmonien, dass alle Eleganz verlorenginge. Gut, zuweilen verirrt sich das Album wie so oft im Genre zwischen Ohohoh-Chorälen und Liebesgefasel. Abseits solcher Standards jedoch wirkt das Ganze wie eine grandiose Clubnacht auf Absinth. Da jene Pferde, die sie gar nicht reiten, dabei ständig mit ihnen durchgehen, verordnen sie sich das Beruhigungsmittel übrigens selbst.

The Mighty Stef – Year of the Horse (Burning Sands Records)

thephantomsoundThe Phantom Sound

Wer von wem genau jetzt wie durch The Phantom Sound beruhigt werden muss, ist da schon ein bisschen schwerer einzuordnen. Musikalisch nahe am distinguierten New Wave der frühen Roxy Music, verpasst Marisa Schlussels Stimme diesem bemerkenswerten Debüt zuweilen Debbie Harrys leicht gelangweilten, hinreißend schnodderigen Grundton und wirkt dabei ebenso aufgekratzt wie tiefenentspannt. Ein unvergleichlicher Spagat, den vor und nach Blondie kaum eine Band zuwege gebracht hat.

Auch The Phantom Band nähern sich dem nur mit etwas Abstand an. Ihr digital aufgemöbelter Spätpunk klingt bei aller Lässigkeit allerdings oft so herrlich beschwingt und sachlich zugleich, wie es der Pop nur in seiner kreativen Ausdifferenzierungsphase zwischen Flower Power und Techno gelegentlich geschafft hat. Vornehmlich psychedelische, gern mal electroclashige Rock-‘n’-Roll-Riffs im Rücken, erzählt die Kalifornierin mit Wohnsitz London aus dem Hallraum des Studios so beiläufig von Beziehungsbelangen, dass man gar nicht recht merkt, wie einem vieles davon in die Glieder fährt. Also doch eher ein Upper als Downer.

The Phantom Sound – The Phantom Sound (Eigenlabel)

Mehr Infos, Sound und Kommentare bei ZEIT-Online


Alexandra Neldel: Lächeln & Heiraten

rosaIst doch schön!

Sie ist halt so und kann nicht anders: In Einfach Rosa sucht die GZSZ-geschulte Wanderhure Alexandra Neldel (Foto: Iltze Kitshoff/ARD) mal wieder das kleine Glück für sich und andere. Dabei könnte sie mehr – das zeigt präzises Timing gepaart mit authentischer Ausstrahlung im Pilotfilm der ARD-Reihe (30. Oktober, 20.15 Uhr). Wenn die 39-jährige Berlinerin doch nur das Süßliche ließe. Nur: das will sie gar nicht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Neldel, ich muss zu Beginn mal ein Lob loswerden.

Alexandra Neldel: Oh!

In Einfach Rosa stimmt Ihr Timing, das Wechselspiel zwischen Gestik und Mimik, der Ausdruck, fast alles. Kann es sein, dass die ungelernte Filmhilfskraft Alexandra Neldel mittlerweile eine echte Schauspielerin ist?

Vielen Dank. Das lassen wir doch einfach mal so stehen. Danke für das tolle Gespräch, bis zum nächsten Mal (lacht laut). Nein im Ernst, vielleicht hat man mich hier einfach mal so machen lassen, dass es authentisch wirkt. Vielleicht liegt mir auch die Rolle besonders. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur besser geworden.

Sie sind also seit ihrer GZSZ-Zeit gereift.

Das hoffe ich doch!

Dann stellt sich die Frage, warum Ihre Filme nicht mit gereift sind?

Finden Sie? Ich nicht! Wenn man bedenkt, wo ich herkomme, aus der Daily Soap über Pro7-Filme und Verliebt in Berlin bis Wanderhure, Der Minister oder Unschuldig, eine echt anspruchsvolle Serie, sehr düster, für die das Fernsehen damals nur einfach noch nicht bereit war – ich hatte doch echt fast alles dabei.

Aber ist eine Hochzeitsplanerin da kein Rückfall in alte Romanzenrollenmuster einer Zeit, als gerade ein paar Wedding-Planer aus Hollywood kamen, Anfang der Nullerjahre?

Überhaupt nicht. Geheiratet wird immer. Und eine Frau, die den gleichen Typen gleich dreimal vorm Altar sitzen lässt und danach beim Arbeitsamt um einen Gründungszuschuss für eine Hochzeitsplanerin bittet – das ist doch kein gewöhnlicher Ansatz dieses Genres. Außerdem heißt sie nicht wegen der Farbe, wie sie heißt, sondern wegen Rosa Luxemburg.

Ah ja.

Das Dramatische wird mit jedem Fall ausgeprägter, glauben Sie’s mir.

Trotzdem – dachten Sie nicht, als das Drehbuch auf Ihrem Tisch lag, jetzt bieten die mir schon wieder so was Seifiges an, ich will keine Hochzeitsplanerin, ich will eine Totschlägerin?

Warum? Zum einen wurde ich ohne Drehbuch angefragt und fand die Idee sofort toll. Zum anderen hab ich noch massig Zeit, um auf Totschlägerinnen zu warten. Außerdem hab ich fürs ZDF gerade Das Mädchen aus dem Moor gedreht, auch so ein düsterer Krimi. Ich weiß ja, die Leute erwarten von einer seriösen Schauspielerin, dass sie ständig auf der Suche nach großem Anspruch ist. Aber ich habe weder mein Leben noch meine Karriere je so geplant, dass ich ständig Häkchen hinter irgendwas machen musste. Wenn ich auf etwas Bock habe, mach ich es, auch wenn andere etwas anderes von mir verlangen.

Was verlangen Sie denn selbst von sich?

Dass ich mich immer weiter entwickele.

Auch in Richtung harte Kante, weg vom dauernden Lächeln?

Nein, mein Lächeln gehört zu mir, so wie eine gewisse Leichtigkeit, die mir offenbar auch ein bisschen zu liegen scheint. Und wenn die Leute mich so sehen wollen, wie ich spiele – warum sollte ich dann auf Krampf dagegen angehen – damit ich’s allen Mal recht mache? Was hab ich von der megaharten Rolle in einem megakrassen Film, wenn meine Figur darin unglaubhaft wirkt? Ich möchte die Zuschauer gut unterhalten, aber mehr noch, dass sie mir meine Charaktere auch abnehmen.

Machen Sie sich damit nicht vom handelnden Subjekt zum Objekt fremder Ansprüche?

Um das zu beantworten, müsste ich erst mal genau wissen, was genau ich denn wirklich spielen wollen würde! Aber mit so viel Kalkül gehe ich da nicht ran. Wer weiß, was im Januar passiert…

Wurden Sie schon mal davon überrascht, wie viel man Ihnen zutraut, haben es aber dennoch abgelehnt, weil Sie sich darin nicht glaubhaft gefühlt hätten?

Warten Sie mal… Nee, in letzter Zeit nicht. Bei Unschuldig war ich überrascht, da durfte ich ja auch nicht lächeln. Dafür wollten es die Leute auch nicht sehen und ich dachte eine Zeitlang, das läge an mir.

Was die Leute offenbar unheimlich gern sehen, sind Menschen beim Heiraten in weiß. Sonst gäbe es das nicht so oft auf den Freitags- bis Sonntagssendeplätzen. Wie kommt das?

(lacht) Weil eine Hochzeit in Weiß am Ende für Romantik steht und ein Happyend symbolisiert. Ist doch schön!

Aber ist es auch realistisch oder nicht doch die schöne alte Märchenwelt des Schnulzenfernsehens?

Das hängt vom Einzelfall ab, aber bei uns wird gar nicht immer am Ende in Weiß geheiratet. Schon der zweite Film ist da komplizierter. Aber vielleicht macht ja gerade die Tatsache, dass nicht mehr so viel kirchlich geheiratet wird, dessen Reiz beim Publikum aus. Die tauchen in eine schöne Welt ein, die so nicht mehr besteht. Das ist doch legitim, so nach Feierabend.

Wenn Sie die Kontrolle über diesen Film gehabt hätten, sähe ihre Rolle darin so aus wie sie sich jetzt darstellt?

Rosa ist bindungsunfähig, hat ein schlecht laufendes Unternehmen, das ist so wenig happy, dass ich da voll hinter stehen kann.

Sind Sie eigentlich selber verheiratet?

Dazu werde ich Ihnen nichts sagen.

Es gibt von Ihnen ohnehin kaum Klatscherkenntnisse.

Und das wird auch nach unserem Gespräch so bleiben.

Na dann mal rein hypothetisch gefragt: Wenn Sie heiraten würden, wäre dann etwas Weißes dabei?

Ich glaube schon, aber es wäre bestimmt kein Sahnebaiser-Kleid, obwohl – man weiß nie, was kommt…


Arte-Doku: Rammstein in Amerika

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Die herausragende Arte-Doku Rammstein in Amerika (Foto@Guido Karp/ZDF) zeigt den unwahrscheinlichen Siegeszug der erfolgreichsten deutschen Band auf dem schwierigsten Markt für ausländische Künstler und lässt dabei offen, wer da eigentlich wen genau benutzt.

Von Jan Freitag

Chad Smith zählt fraglos zu den Superstars im Milliardenbusiness Rock’n‘Roll. Als Schlagzeuger der rasend erfolgreichen Red Hot Chili Peppers dürfte ihn nach bald drei Jahrzehnten auf den größten Bühnen der Welt also nichts mehr überraschen. Außer vielleicht: Till Lindemann. Den, erzählt dieser Chad Smith, habe er mal gefragt, was es mit all dem Feuer auf sich habe, und drei Antworten erhalten. Erstens, zitiert er den Rammstein-Sänger mit teutonischem Akzent, das des Geistes. Zweitens, sein Lächeln gerät fast spöttisch, das des Herzens. Und drittens, der abgebrühte Profi imitiert das Ganzkörperlachen des Pyromanen aus Ostdeutschland mit der Innbrunst eines bekennenden Fans, „einfach Feuer“. Einfach Feuer?

Am Sehnsuchtsort allen Entertainments, der die Hülle notorisch zum Wesenskern des Inhalts erhebt, ist Feuer nie bloß Feuer, sondern Teil einer Show, von deren Lichtstrahl auch das Sextett realsozialistisch sozialisierter Ex-Punks angesaugt wurde wie Jünger vom Demagogen. Hannes Rossachers Arte-Dokumentation Rammstein in Amerika skizziert daher nicht nur den Weg einer neudeutschen Band mit altdeutschem Gestus zu urdeutscher Sprache dorthin, wo fremde Bands mit fremdem Gestus zu fremder Sprache inakzeptabler sind als Klingonen auf der Enterprise. Rammstein in Amerika ist demnach die Muskelfleisch gewordene Synthese des Unvereinbaren, das zusammenwächst, weil es zusammengehört.

Kollege Smith weiß davon ein Lied zu singen. Iggy Pop übrigens auch, zudem Marilyn Manson, Steven Tyler, Gene Simmons, Moby, Slipknot und wie die erlesenen Platzhalter der Popkultur vor Rossachers Kamera so heißen. Zwischen kindlicher Verblüffung und adulter Hochachtung feiern sie 90 klingende Minuten lang ein Phänomen, das unerklärlich scheint und doch so naheliegend wie der Titel des Films.

Nach Amerika nämlich bricht er 1993 in grobkörnigen Archivbildern auf, als sechs befreite Zonenkinder ein Jahr vor Rammsteins Gründung zufällig zeitgleich die USA bereisen. Als Freiheitstest ins land of the free geplant, geriet der Besuch zur Pilgerfahrt ins Land der Ungläubigen, die bekehrt werden wollten, davon aber noch nichts wussten. In „Rammstein“, erklärt Iggy Pop euphorisch wie ein Junge beim Entdecken der Schokoladenschublade, stecke ja nicht nur das aggressive ram plus steinerner Härte, sondern eine US-Militärbasis, die 1988 in Flammen aufging. „Unser wunder Punkt“, meint der Berlin-Exilant aus Bowies Kreuzberger Tagen. Die Träger des Namens steckten genüsslich die Finger rein. Besser: die Lunte.

Kaum nämlich, dass ihre „Neue Deutsche Härte“ dem amerikanischen Nu Metal Mitter der Neunziger ein teutonisches „R“ über die Riffs gerollt hatte, eroberten die Mecklenburger ihren Bestimmungsort – nein, nicht grad im Sturm. Doch nach dem ersten Auftritt in New York vor 15 Gästen ging es schnell mit dem Auswärtserfolg. Gründe dafür entlockt Regisseur Rosslacher den weltweit erfolgreichsten Popstars aus Deutschland beim entspannten Plaudern auf schwarzen Sofas, wo die angegrauten Veteranen kaum zu sehen sind, so martialisch kleiden sie sich noch als sorgsame Familienväter.

Wobei es ja drei Gründe waren: Feuer (Kopf), Feuer (Herz), Feuer (Feuer). Gepaart mit dem wagnerianisch überfrachtetem Thrill von Sex, Gewalt und Nazikitsch war das Flammeninferno Rammstein besonders live „so extrem, so real“, dass ihr künftiger Agent schon früh gewusst haben will: „Amerika wird das fressen! Und wie. Streng chronologisch macht der Film deutlich, was diesen Appetit westlich des Atlantiks erzeugt, befriedigt und neu entfacht hat. Vom Soundtrack zu David Lynchs Lost Highway über den Kampf der Pyromanen mit örtlichen Brandschutzregeln und einem publikumswirksamen Prozess wegen pornografischer Showelemente bis hin zur US-Tour mit eingeborenen Genre-Göttern wie KoЯn ging es einzig bergauf – bis Rammstein nach 9/11 Zweifel am Land der Träume kamen, das sich nun fast so unfrei anfühlte wie das eigene hinterm Eisernen Vorhang, weshalb die Band ihre zweite Heimat wieder verließ. Für zehn Jahre.

Aber nicht nur dort kühlte der Draht zwischen Publikum und Band merklich ab. Noch immer eine Ikone artifiziellen Kommerzes, hatte das Feuilleton zwei Jahre zuvor erstmals mit der rechter Umtriebe nie unverdächtigen Band gefremdelt, als das Video zum Depeche-Mode-Cover Stripped Leni Riefenstahls Herrenmenschenbilder nutzte. Nach der dritten Platte Mutter schien sich auch ihr Sound abzunutzen, worunter auch die bandinterne Stimmung litt. Das Feuer brannte – zumal auf der Bühne – weiter, doch es wärmte weit weniger. Bis der explizite Porno zur Single Pussy 2009 den Erregungsregler auf Anschlag drehte und Rammstein ein Jahr drauf heim ins Reich des Pop zurückkehrten.

Der Gig im Madison Square Garden, nach 20 Minuten ausverkauft, bildet die dramatische Klammer von Rossachers Film, den Hollywood nicht besser scripten könnte: Aufstieg & Fall, Zweifel & Einsicht, Katharsis & Auferstehung von Helden, deren Heroismus brüchig ist wie im Serienfernsehen dieser Tage – so geht Musikdokumentation für Kinoansprüche. Trotz allen Erfolgs türmt der Regisseur seine Objekte ja nicht nur zu Denkmälern auf, er stutzt sie zwischendurch auf die Größe von Avataren der Aufmerksamkeitsindustrie. Sechs provokante Feuerteufel zum Amüsement einer sittenstrengen, dauererregten, konsumgeilen Gesellschaft. Wie Rammstein, meint Scott Ian von der Metal-Legende Anthrax und lächelt wie zu Beginn Chad Smith, stelle sich Amerika halt Deutschland vor: „Eine gut geölte Maschine.“ Gut, dass Hannes Rossacher offen lässt, wer sie führt.

Der Film ist noch bis Samstag in der Arte-Mediathek zu sehen


Schwarzwaldklinik & Plötzlich Krieg?

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

19. – 25. Oktober

So, der 21. Oktober ist vorüber, ohne dass in Hill Valley oder sonstwo ein De Lorean aus der vergangenen Zukunft mit Michael J. Fox gelandet wäre, wie es sein Sportwagen im Zeitreiseklassiker angezeigt hatte. Noch folgenloser ging tags drauf das zweite Jubiläum der Vorwoche an uns vorbei: Die Schwarzwaldklinik wurde 30, was nicht mal beim ZDF zu programmatischer Würdigung führte, obwohl der Sender damals kollektiv auf dem Grab gehaltvoller TV-Unterhaltung getanzt hatte, wenn die Einschaltquote mal wieder Rekordniveau erreichte.

Seit Wolfgang Rademanns keimfreier Halbgötterserie in 73 Teilen ist das Leitmedium ein anderes – banaler, seniler, völkischer, dümmer, der digitalen Konkurrenz schutzlos ausgeliefert, also nicht mehr zu retten. Das belegt wenig besser als der hektische Kampf gegen die dramaturgische Vormachtstellung importierter Produkte, denen hierzulande selten mehr als Krimikost oder Zeitgeschichte entgegengesetzt wird, gern beides in einem wie zuletzt Blochin, bald Deutschland 83 oder Mitte 2016 Tom Tykwers monumentale ARD-Serie um die Goldenen Zwanziger Jahre in Babylon Berlin.

Das angeblich ehrgeizigste Fernsehprojekt soll jedoch auf der Kippe stehen. Vordergründig, weil die immensen Kosten nicht abschließend gedeckt sind, was hintergründig aufs Dilemma hiesiger Fiktion insgesamt verweist: Wichtiger als gute Bücher für motivierte Darsteller sind Blut, Tränen, Kulisse und die Hauptstadt als Spielort. Während der andernorts auch mal Baltimore, Albuquerque oder New Jersey heißen darf, ist es hierzulande selbst bei ansehnlichen Formaten von KDD bis Weissensee zwingend Berlin. Könnte ja jemand denken, Deutschland bohre dünne Bretter…

0-FrischwocheDie Frischwoche

26. Oktober – 1. November

Dass eher Geschichten und Dialoge statt Gerechtigkeitsdenken und Schauwert für globalen Erfolg sorgen, ist halt noch immer nicht angekommen im Land des ängstlichen Fernsehens für besorgte Bürger, die der Historiker Norbert Frey in den Tagesthemen gerade erfrischend klug als „Bürger“ bezeichnet hat, die uns eher „Sorgen machen sollten“, doch das nur am Rande einer Rückschau, die den Irrsinn von Dresden und anderswo nicht einfach rechts liegen lassen kann.

Wo der hinführen kann, zeigen auch diese Woche nicht nur frische Bilder hartrechter Montagsmärsche besorgniserregender Bürger oder offene Gewalt gegen Volksverräter jeder Art, sondern eine ARD-Doku zum Wochenauftakt: Um 23.45 Uhr stellt Felix Moeller Nazifilme aus dem Giftschrank vor, die der Öffentlichkeit bis heute vorenthalten werden – was sie weit interessanter für Pegida-Fans macht als kommentierte Ausgaben, die das Klima entgiften könnten. Wie leicht es kippt, will Dienstag und Mittwoch um 21.45 Uhr das  Social-Factual-Experiment Plötzlich Krieg? ergründen. Unter zwei Gruppen verschiedener Menschen sät ZDFneo solange Zwietracht, bis es knallt, und zeigt damit, wie zersetzend ungefilterte Propaganda wirkt.

Bei so viel rauer Wirklichkeit ist es erleichternd, mal kurz ins Wolkenkuckucksheim harmloser Unterhaltung abzutauchen. Eigentlich böte sich da mittlerweile der Freitagabend im Ersten an, wo zwar seit einiger Zeit gelegentlich ein zuvor undenkbarer  Realitätssinn Platz findet, der aber immer mal wieder zurückfällt ins Schnulzenschema der Neubauer-Ära. Etwa mit der süßlichen Alexandra Neldel, die in Alles Rosa allen Ernstes eine liebeskranke Wedding-Planerin spielt und im lachhaft sülzigen Pilotfilm der geplanten Reihe gleich mal alles einreißt, was sie sich mühsam an Renommee aufgebaut hat.

Das ist von so präkambrischer Schleimigkeit, dass es eigentlich ins Bahnhofskino gehört. Zur Erinnerung an die sterbenden „BaLis“ voll Monster, Mumien, Mutationen zeigt Arte Samstag (22 Uhr) Oliver Schwehms hinreißende Hommage Cinema Perverso, die mehr ist als ein Kuriositätenkabinett des Trash. Vor ihrem Niedergang im Zuge von VHS & RTL wäre melancholischer Werwolf-Horror wie When Animals Dream aus Dänemark vermutlich dort gelaufen, statt an einem Montag um 23.15 Uhr im NDR. Und auch die farbige Wiederholung der Woche war 1976 ein Kandidat fürs Bahnhofslichtspielhaus: Scorceses Taxi Driver (heute, 20.15 Uhr, Arte), mit dem jungen Robert De Niro und der jüngeren Jodie Foster im New Yorker Rotlichtsumpf. Der schwarzweiße Tipp begibt sich ins Winnipeg von 1933, wobei The Saddest Music in the World (Dienstag, 20.15 Uhr, ZDFkultur) die fiebrige Suche nach dem traurigsten Lied der Erde 2003 in Szene gesetzt hat. Aktueller ist da die Doku der Woche, diesmal ein Samstagabend auf 3sat, der bis morgens früh Stücke der Wiener Staatsoper zeig, darunter Schwanensee und Werther. Warum nicht mal bisschen Hochkultur…