Club-Mausoleum: Posemuckel (1980-92)

Kleinkleckersdorfdisco

Cocktails kippen, Italo-Pop hören, Frauen anbaggern: Das Club-Mausoleum holt diesmal das Posemuckel aus der Gruft, ein Kneipenkonglomerat nahe der Alster, das in den Achtzigern erstaunlich viele Hamburger nicht gekannt haben wollen, obwohl es immer brechend voll war.

Von Jan Freitag

Die Achtziger, ein diffuses Jahrzehnt. Viel ambivalenter jedenfalls, als es das 36. Revival seit 1990 gemeinhin suggeriert. Die Achtziger, das war ja eine Ära der aseptisch distanzierten Wave-Disco ebenso wie des septisch biederen Emailleschilderwald-Ambientes. Neonlichtdurchzuckte Einzeltanzfabriken koexistierten vergleichsweise harmonisch neben heillos überfrachteten Schankstuben in Gelsenkirchener Barock. Es gab die ersten Technokeller, die letzten Rockschuppen, die lässigen Discos am Übergang. Es gab Läden für Goths oder Popper, Hippies und Punker, Soul-Kids oder Rocker. Und es gab das Posemuckel.

Falls es das wirklich gab.

Mit dem Posemuckel verhielt es sich nämlich wie mit dem westfälischen Festland-Atlantis Bielefeld: Über die Existenz des Kneipendorfes am Binnenalsterfleet konnte letztlich nur gemutmaßt werden. Kaum jemand wollte schließlich je dort gewesen sein. Im Posemuckel waren allenfalls Freunde von Freunden entfernter Bekannter, die dann auch noch schamlos leugneten, je dort gewesen zu sein. Was den Zweifel daran nährte, dass sich unter Hamburgs teuerster Konsumzone etwas anderes als gut gefüllte Warenlager umliegender Edelboutiquen befänden, die ab 1980 wie Schulterpolster aus den Einkaufspassagen jener Jahre wuchsen. Posemuckel, das war zur These menschenleerer Innenstädte nach Einbruch der Dunkelheit die Antithese eines vitalen Nachtlebens, deren Synthese ausgerechnet nach einem polnischen Dorf benannt wurde, das hierzulande rasch zum Synonym für Pampa wie Kleinkleckersdorf oder JottWeDe geriet: Podmokle Małe, zu deutsch: Klein Posemuckel.

Doch um jedweder Verschwörungstheorie das Brackwasser abzugraben: So wie es das 458-Seelen-Nest nahe der alten DDR-Grenze gibt, gab es auch den hanseatischen Kneipenkomplex in Rathausnähe. Mehr noch: es war gigantisch, weiträumig, verwinkelt wie das Tunnelsystem der Vietkong, fast ebenso dunkel, nur weitaus bevölkerter. Die unterirdische Gaststättenlandschaft nämlich, deren Vorkommen so gern dementiert wurde, war besonders am Wochenende derart brechend voll, dass die Menschentraube davor selbst im Winter, der seinen Namen damals noch wirklich verdient hatte, bis weit über die angrenzende Bleichenbrücke hing.

Und ich weiß, wovon ich rede, auch ich stand einmal darin und begehrte Einlass in Hamburgs meistgehasster, meistgeliebter Partylocation eines Jahrzehnts, das zusehends unangenehm wurde: selbstgefällig, schlageresk, überfönt, die Rick-Astley-Achtziger halt. Doch wie jeder Bundfaltenhosenträger wurde auch ich irgendwann, es muss etwa 1987 gewesen sein, vom Lord Voldemort der erwachenden Eventkultur angesaugt wie durch blutige Kriegsbilder oder fiese Autounfälle. Einmal mit eigenen Augen sehen, was alle Welt so hassliebt. Gut, detailliertere Erinnerungen hat mein halbwissenschaftlicher Eigenversuch nicht ins Langzeitgedächtnis kodiert. Aber ein bisschen ist dennoch hängengeblieben.

Die Unübersichtlichkeit vor allem, das unfassliche Durcheinander, ein Chaos aus 13 vorwiegend bürgerlichen Bierschenken mit Discocharakter, verteilt aufs tiefgaragengroße Untergeschoss vom „Kaufmannshaus“ genannten Altbau drüber, den zahllose Säulen auf Abstand hielten, um die sich Unmengen eher stinknormaler Leute scharten, als sei oben gerade jener 3. Weltkrieg ausgebrochen, der den bierseligen Hedonismus des anwesenden Mainstreams im Zeitalter der Ostermärsche und Hausbesetzungen noch zu rechtfertigen hatte. Deren Stammpersonal war hier allerdings so rar wie Stil und Geschmack.

Innenarchitektonisch gestaltete sich das Posemuckel rings um den zentralen Bierbrunnen ja irgendwo zwischen Hafen-Pinte, Pupasch und Peepshow. Musikalisch wurde es mit den zeitgenössischen Mittelschichtscheußlichkeiten von Italo-Disco über Chart-Sülze bis Schweine-Rock und den wiedererblühenden Schlager beschallt, zu denen auf mehreren Dancefloors weniger getanzt als bemüht rhythmisch gedrängelt, besser: gebaggert wurde. Denn unterm Einfluss des Hitti Hitti genannten Longdrinks unbekannter Zusammensetzung (Jägermeister war wohl drin) galt das Posemuckel eingangs der Technoepoche als analoger Aufreißschuppen schlechthin, der nicht nur über eine eigene Währung namens Posemuckel-Taler verfügte, sondern über Straßennamen, Regierungsmitglieder, eine Zeitung. So weit der vernebelte Volksglaube.

Die Realität entzauberte ihn jedoch an einem einzigen Samstagabend als das, was seien Ruf bis zur kollektiven Verleugnung seiner bloßen Existenz ruiniert hatte: Ins Posemuckel ging, wer fürs Madhouse zu gesittet daherkam, fürs Trinity zu schnauzbärtig, fürs Mojo zu banal, fürs Top Ten zu alt, fürs Café Keese zu jung und für die frische Konkurrenz von Tempelhof bis Subito zu konservativ. In den Ecken fern des zentralen Ballermann-Pultes spielten die DJs zwischen den notorischen Mikro-Texten zwar schon mal Soul, als er noch nicht ausnahmslos auf Vinylsingles ohne Coverbedruck verabreicht wurde, doch das waren elaborierte Ausnahmen vom Abschleppservice Posemuckel, der die Partystadt um nicht mehr als einen fahlen Mythos bereicherte, die Innenstadt sei auch nach Ladenschluss noch lebenswert.

Das ist sie nicht, sie ist täglich ab zehn Uhr abends zum Sterben verurteilt, wie nicht nur die architektonisch verunstaltete Bleichenbrücke belegt, wo die Stadt vor 35 Jahren begann, echtes Leben durch überdachte Passagen zu ersetzen. Mit einem tageslichtlosen Omakneipen-Konglomerat als Feigenblatt vermeintlicher Vitalität. Falls es denn existierte.

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Barotti, Jean-Michel Jarre, St. Germain

200014Barotti

Barotti, lehrt uns das allwissende Online-Lexikon Wikipedia, war mal ein Gewichtsmaß für Nelken auf den Molukken. Als Künstlername ist diese Adaption daher ziemlich, nun ja, speziell; das Gewürz ist ja irgendwie noch abseitiger als jene indonesische Inselgruppe, wo man es in Barotti wiegt. Da könnte man natürlich viel mutmaßen, warum sich ein Berliner Elektrofrickler namens Marco ebenfalls Barotti nennt, aber der heißt einfach so, stammt also vermutlich von Italienern ab, was allerdings ziemlich egal ist – aus dem unendlichen Studioarchipel der Hauptstadt steigt sein Debütalbum auf wie ein vulkanisches Eiland aus dem Meer: langsam, heiß, zischend und überhaupt nicht mediterran. So in etwa fühlt sich Rising an, wenn es entspannt den Boxen entschwingt.

Es ist ein digitales Flächenarrangement von so großer Breite, Tiefe und Höhe, dass Barottis Hauptstadtnachbarin Peaches völlig zu recht urteilt: “This ist not Techno, this is an opera.” Gut, am Ende ist es allein schon deshalb beides, weil kaum ein Ton der neun Stücke abseits der samtenen Vocals analog erzeugt sein dürfte. Doch das reduziert Bombastische ist schon unverkennbar, wenn man sich von Never Talk Again in einem Bond-Streifen der Sechziger katapultieren lässt, während uns About To Change gleich darauf in den New Wave der Achtziger zieht. Rising ist eine technoide Rundreise an die verschiedenen Pulse der Zeit, deren Sound hier frei flottieren darf.

Barotti – Rising (Gomma)

jmjJean-Michel Jarre

Dennoch hat natürlich jede Musik – das gilt für Buddy Holly, Beethoven oder Bon Jovi im Besonderen ebenso wie für Beat, Wave, Punk ganz allgemein – doch irgendwie ihre Zeit. Vor 20 Jahren etwa glitzerte der gefällige Synthiepop von Air so belanglos schön, wie es nur die späten Neunziger ins wund geravete Partypublikum tröpfeln konnten. Kein Wunder, dass die zwei Franzosen nie an ihr Frühwerk anknüpfen konnten. Trotzdem versuchen sie es jetzt mit Electronica 1, das … Moment! Die Platte ist ja gar nicht von Air, sie ist von Jean Michel Jarre, der seine Zeit weitere zwei Jahrzehnte zuvor hatte, als ihm nicht weniger gelang, als den Pop vollsynthetisch zu revolutionieren.

Wie würdelos wirkt es da, wenn der Veteran mit 67 andere reproduziert, auch wenn er es Kollaboration nennt, für die er neben seinen jüngeren Landsleuten allerlei Künstler von Moby über Tangerine Dream bis Lang Lang gewonnen hat, die mit ihm zusammen angeblich Reminiszenzen an die Stile aller Beteiligten kompiliert haben. Und auch, wenn hartgesottene Fans hier bestens mit klassischem JMJ versorgt werden: Das Ergebnis klingt in den besseren Passagen wie Gebrauchtware mit etwas frischem Lack drüber, in den mieseren verklebt JMJ das zeitgemäße Pathos von Oxygène mit Kirmespop aus dem Hitbaukasten und macht damit nicht nur ein Stündchen unserer Lebenszeit zunichte, sondern auch ein Stück Erinnerung an alte Zeiten. Es waren nicht die schlechtesten. Bis jetzt.

Jean-Michel Jarre – Electronica 1 (Sony)

GermaincoverSt. Germain

Um wie viel respektabler kehrt da ein Landsmann nach 15 Jahren Studiopause zurück, dessen Künstlername zwischen Jarre und Air zur Chiffre dafür geriet, was als French House gefeiert wurde: St. Germain. Mit seiner kongenialen Bläsercombo im Rücken ist Ludovic Navarre ein Weltreisender des Electropop, der auf seinen Streifzügen gern achtlos am Wegesrand herumliegendes Zeugs aufliest und aktualisiert. Blues, Jazz, Chanson und nun also, auf dem vierten Album, die Rhythmen Afrikas. Das machen St. Germain zwar ebenso wenig als erste wie als beste, aber sie machen es mit einer tanzbaren Nonchalance, die vielen ethnografischen Jägern & Sammlern fehlt.

Ein Jahrzehnt hat der experimentierfreudige Kauz des Clubsounds in Ghana, Mali, Nigeria nach anschlussfähigem Material gesucht und ein elegant groovendes Afrobeatkompendium gefunden, das schon im zweiten Stück ziemlich gut klarmacht, wo es letztlich hinwill: Dank der kratzenden Stimme von Mahawa Doumbia mäandert Sittin‘ Here mit einer Lässigkeit den Äquator westwärts über die bruttigen Südstaaten ins abgewrackte Motown, dass kein wildes Getier mehr durch die gute alte Weltmusik stromert, sondern wunderbare Beats.

St Germain – St. Germain (Warner)

Zwei der drei Reviews sind vorab bei ZEIT-Online erschienen


Ina Weisse: Bettszenen & Bilderbuchbeziehung

marie-findet-den-verlorenen-ring-v-l-n-r-marie-und-ayla-100-_v-standard644_70205bDas Leben ist auf Sand gebaut

Mit ihrem eindringlichen Spiel hat sich Ina Weisse (Foto: WDR/Conny Klein) zu einer der großen Charakterdarstellerinnen des deutschen Films gemausert. Im ARD-Drama Ich will dich spielt die 47-Jährige heute Abend eine Architektin, die von der Liebe einer Freundin aus dem heterosexuellen Idyll ihrer Ehe mit zwei Kindern und Villa-Projekt gerissen wird. Ein Interview über die Macht des Begehrens, Küssen vor der Kamera, die Brüchigkeit stabiler Lebensverhältnisse und wie es ist, unterm eigenen Mann zu drehen.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Weisse, so leid es mir tut – das Thema ihres neuen Filmes ums lesbische Coming-Out einer glücklich verheirateten Frau macht ein paar Regenbogen-Fragen fast unumgänglich…

Ina Weisse: Aha….

Wie oft haben Sie in 20 Jahren vor der Kamera Männer geküsst?

Oft.

Und waren darunter auch richtig handfeste Bettszenen?

Natürlich. Aber eigentlich reichen Andeutungen aus, das ist viel interessanter. Man muss im Film nicht immer alles auserzählen. Obwohl es manchmal natürlich wichtig sein kann.

In Ich will Dich scheint es wichtig gewesen zu sein…

Ja, schon. Hier musste man weiter gehen, physisch und psychisch. Die Liebesszenen haben wir am Ende noch mal nachgedreht, damit sie intensiver werden.  Wir mussten da erst mal rausfinden, wie weit man gehen kann. Und dann ist es eine Gradwanderung, dass es nicht pornographisch erscheint, sondern wirklich aus einer inneren Notwendigkeit heraus erzählt wird. Wir haben zusammen mit dem  Regisseur Rainer Kaufmann eine Art Choreografie entwickelt, die man beim Spielen im Hinterkopf hatte und dann auch wieder vergessen musste. Aber Liebesszenen sind natürlich immer heikel, nicht nur weil da fünf Leute mit einer Kamera um das Bett herumstehen und einen beobachten.

Heikel im Sinne einer besonders großen Hemmschwelle, die zu überwinden ist?

Ja. Die Überwindung der Scham ist manchmal schon schwierig. Letztlich ist es aber immer eine Frage der Konzentration auf die Figur.

Wächst diese Konzentrationsfähigkeit mit zunehmender Erfahrung?

Das würde ich so sagen.

Tritt irgendwann Gewöhnung ein?

Nein. Das wäre auch schade. Sonst ist ja keine Offenheit und Neugierde für anderes mehr da.

War diese Situation denn anders oder haben Sie zuvor schon mal im Film eine Frau geküsst?

Ich glaube nicht. Aber das weiß ich jetzt gar nicht genau.  Ehrlich gesagt, finde ich das jetzt auch nicht so ein großes Thema, wenn sich zwei Frauen küssen. Für mich geht es in dem Film weniger darum, dass sich eine Frau in eine andere Frau verliebt; es handelt sich nicht explizit um ein homosexuelles Thema.

Sondern?

Mich interessiert die Obsession. Das Psychogramm einer Leidenschaft. Ob Mann oder Frau ist erst einmal sekundär. Dass eine Person, die in einem festen Umfeld lebt, mit Ehe und Kindern und einem Beruf, die eigentlich ganz froh zu sein scheint, plötzlich einer anderen Person über den Weg läuft und ihr verfällt, alles über Bord wirft, gar nicht anders kann als dieser Leidenschaft nachzugehen, das finde ich interessant. Die Beschreibung, wie Marie es erst nicht wahrhaben will, dass sie sich verliebt hat, wie sie zögert, sich zurückzieht, dann wieder abwägt – dieses Hin und Her der Gefühle empfand ich als sehr nachvollziehbar.

Bezeichnet Rainer Kaufmann seinen Film deshalb als einen über die Macht des Begehrens?

Begehren trifft es viel besser als Liebe. Begehren ist hier wie eine Krankheit. Es kann jedem passieren.

Ihnen also auch?

Natürlich.

Ist Ihre Existenz schon mal so radikal auf die Probe gestellt worden, wie die Ihrer Filmfigur Marie?

Vielleicht. Und weil so ein Zustand im Grunde jeden treffen kann, ist es auch gut, dass die Geschichte nicht in einer kaputten, sondern in einer äußerlich intakten Beziehung spielt.

Selbst wenn sie im Falle von Marie eine Bilderbuchbeziehung zu sein scheint mit gutem Ehemann, wohlgeratenen Kindern, tollem Beruf und künftiger Traumvilla?

Alles kann Risse bekommen. Wobei das natürlich die Frage aufwirft, wie intakt die Beziehung wirklich ist. Das stellt sich erst am Ende raus. Nachdem der Film zu Ende ist.

In den vergangenen Jahren haben Sie häufiger unter der Regie Ihres Mannes Matti Geschonneck gearbeitet. Ist das ein anderes Arbeiten als mit Kollegen, die Ihnen weniger vertraut sind?

Ja, schon. Der Weg der Verständigung ist kürzer. Trotzdem sind wir bei der Arbeit nicht ein Paar, sondern Regisseur und Schauspielerin; wer nicht weiß, dass wir zusammen sind, würde es bei der Arbeit nicht vermuten. Ich könnte es mir anders auch nicht vorstellen.

Sie führen selbst seit einiger Zeit Regie und haben 2008 mit Der Architekt einen vielbeachteten Film gedreht. Hätten Sie dieses Drehbuch hier genauso umgesetzt, wie es nun zu sehen ist?

Jeder entwickelt seine eigene Bildsprache nach einer Vorlage. Bei jedem Regisseur sähe der Film anders aus. So, wie der Film jetzt da ist, finde ich ihn sehr schön.

Wenn Sie es doch kurz täten – hätten Sie es zum Beispiel auch im Milieu der kreativen Oberschicht angesiedelt?

Warum nicht?

Weil es etwas irritiert, dass Beziehungsgeschichten im deutschen Film meist von Reichen verkörpert werden und für die Unterschicht nur Sozialdramen um Gewalt und Armut übrigbleiben.

Grundsätzlich hätte dieser Stoff natürlich genauso gut in einem anderen Milieu funktioniert, er könnte überall stattfinden, zumindest da, wo die gesellschaftlichen Werte nicht vollkommen anders sind.

Hätten Sie sich unter eigener Regie denn auch dafür besetzt?

Nein. Beim Spielen denke ich in die Figur hinein. Und bei der Regiearbeit schaue ich mir das von außen an. Der ständige Wechsel von innen nach außen wäre ziemlich aufreibend.


Das Dienstagsgeheimnis

fragezeichen_1_Stuhlgangdrangkontrollwahn

Das Leben besteht nicht nur aus Action, sondern auch aus reichlich Alltag. Die Notdurft zum Beispiel. Komisch, dass sie am Bildschirm dennoch so selten verrichtet wird.

Ob Vince Vega Schuld ist, dass die gemeine Notdurft in Film & Fernsehen so selten zu sehen ist? Profaner Stuhlgang war fiktional jedenfalls selten zuvor (und danach) so fatal wie für den sympathischen Killer, den Quentin Tarantino in Pulp Fiction einst beim „Kacken“, wie John Travolta gesagt hätte, vom Klo schießen ließ. Fast scheint es, als sei sein erbärmlicher Abort-Abgang eine Art self fulfilling profecy für fiktionale Formate insgesamt, wie böse es enden kann, wenn man Stuhlgang und ähnliche Ausscheidungsprozesse nicht wie üblich dezent von Bildschirm und Leinwand verbannt.

Dass dies bis auf Ausnahmen ansonsten der Fall ist, hat viel mit Rücksichtnahme aufs zivilisationsbedingte Tabu sichtbarer Exkremente zu tun, die als Requisite selbst im sittengelassenen Sexshop nur verstohlene Ecken ausstatten. Schließlich bedarf es bei so anrüchigen Szenen nicht mal des viel gepriesenen Geruchsfernsehens, um förmlich aus dem Flatscreen zu stinken, und wer will so was schon haben im Wohnzimmer. Dass Darsteller ihr Geschäft eher abseits der Kamera verrichten, ist aber auch – kein Scherz – eine Frage der Technik. Selbst geräumige Bäder sind nämlich schlichtweg meist zu klein für vielköpfige Drehteams und ihr Equipment.

Das ist auch der Grund, warum weit weniger pikantes Toilettengebaren von Zahn- bis Bartpflege im Verhältnis zu jener Zeit, die täglich darauf verwendet wird, fiktional strukturell unsichtbar bleibt. Und es ist der Grund, warum Vince Vegas elendiger Tod aus der Flucht eines langen Flurs gefilmt wurde. Wie ein Fanal: Zu eng hier drin, war nur ein Versucht, bitte nicht wiederholen!


Showplatzhirsche & Entertainmentmüll

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

12. – 18. Oktober

Man kann es beklatschen, man kann es beklagen, ändern kann man es nicht: Mit den letzten zwei Platzhirschen Gottschalk und Raab wird der Unterhaltungswald so arm an Zwölfendern, dass nur noch Kleinvieh vom Schlage Silbereisens herum hüpft. Und nun verlässt ihn auch noch einer, der das Lagerfeuer der Republik seit 25 Jahren schürt: Gregor Gysi. Gut, im Nebenhaupterwerb ist der haupthaupterwerbliche Jurist Politiker; erinnerlich bleibt er jedoch vor allem als Inventar diverser Talkshows, wo er gestern sehr hilfreich gewesen wäre, um dem präfaschistoiden Amoklauf des AfD-Hetzers Höcke etwas mehr entgegenzusetzen als Günther Jauchs Kuschelkurs. Ein Tagesschauberker, der die Debattenkultur bei aller Kritik um etwas bereicherte, das Gysis Kollegen so fremd ist der AfD Gehirn: Selbstironie.

Die ist schon lang keine Kernkompetenz nachwachsender TV-Pflanzen mehr – was im Herbst 2016 kaum besser werden dürfte, wenn der Kulturkanal von ARZDF online geht. Eigentlich keine schlechte Idee, würde zum Ausgleich neben Eins Plus nicht auch ZDFkultur vom Bildschirm verschwinden, der letzte frei empfangbare Kanal mit Musik abseits von Oper und Schlager. Es wird ein schwarzer Tag für die Popkultur mit mehr Anspruch als Volks- und Hochkultur, wenn die öffentlich-rechtliche Zielgruppe unter 50 vollständig ins Netz wandert.

Dorthin also, wo sich Erstaunliches ereignet: Bild.de blockt bald Ad-Blocker genannte Programme zur automatischen Reklameausblendung mit Ad-Block-Blockern, denen die ewige Aufrüstungsspirale menschlicher Konflikte fraglos Ad-Block-Blocker-Blocker entgegensetzt, wogegen einem Konzern wie Springer schon was einfallen wird; vielleicht ja gemeinsam mit seinem Fuckbuddy RTL, dessen anspruchsvollstes Format Bauer sucht Frau dank Springers Dauerberichterstattung mal wieder sechs Millionen Zuschauer erreichte.

0-FrischwocheDie Frischwoche

19. – 25. Oktober

Ganz so viele dürften es bei der versauten kleinen Senderschwester nicht sein, wenn sie am Mittwoch Filmgeschichte bebildert: Pünktlich zum 21. Oktober 2015, an dem Marty McFly vor 26 Jahren Zurück in die Zukunft flog, zeigt RTL2 den zweiten Teil der rasend erfolgreichen Saga, die eigentlich Spaceman from Pluto oder so heißen sollte. Kabel 1 hingegen sollte besser Kabel 1888 heißen, angesichts des reaktionären Entertainmentmülls, der dem Privatsender zeitgemäß erscheint: Die Heimwerker-Dokusoap Mein Mann macht das! feiert die Geschlechtermuster von vorvorgestern ab Montag so hingebungsvoll, dass als Fortsetzung nur noch Mein Mann schlägt mich, aber ich hab’s auch verdient fehlt. Die CSU sähe gewiss kollektiv zu…

Mittwoch dagegen dürfte sie geschlossen abschalten, wenn ein lesbisches Abenteuer Ina Weisse als Mutter des ARD-Films Ich will dich aus ihrer bürgerlichen Architektenidylle reißt. Noch realistischer als das sehenswerte, aber leicht artifizielle Familiendrama ist die 3sat-Doku zu einem Thema, mit dem sich die Protagonisten reicher Wattewelten nie plagen müssen: Der Mietreport, Freitag (20.15 Uhr), Untertitel Wenn Wohnen unbezahlbar wird. Ein bisschen betroffener dürfte sich die Oberschicht da von Todschick (Dienstag, 20.17 Uhr) fühlen, worin Arte Die Schattenseiten der Mode, vor allem deren Produktionsbedingungen beleuchtet, und zwar nicht nur bei KiK, sondern auch bei Edelmarken.

Mittig zwischen Fiktion und Wirklichkeit steht die Fake-Doku Öl (Mittwoch, 22.45 Uhr, ARD), wo sich zwei Reporter auf die Spur der geheimen DDR-Förderung begeben – was während des Drehens von der Wirklichkeit eingeholt wurde, als Regisseur Niki Stein an Mecklenburgs Ostsee auf echte Öl-Sucher des US-Konzerns Halliburton stieß. Was Dichtung, was Wahrheit ist, wird aber nirgends lustiger ad absurdum geführt als bei Bernd Stromberg. Zum Serienfinale feiert die Belegschaft des selbstgerechten Versicherungsvertreters in Kinolänge auf Pro7 Firmenjubiläum, was so verstörend echt wirkt, wie die fünf Staffeln zuvor.

Warum serielle Juwelen dieser Güte partout nicht im Ersten Programm zu finden sind, darüber können Netz und Publikum am Montag um 21 Uhr debattieren, wo sich der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor und WDR-Intendant Tom Buhrow 90 Minuten lang – moderiert von Sandra Maischberger – der Kritik stellen. Bis sich was ändert, müssen wir uns aber wohl doch mit den Wiederholungen der Woche begnügen, in schwarzweiß Professor Mamlock, ein jüdischer Arzt, der erst stillhält und dann untergeht, mit dem die DDR der BRD kurz vorm Mauerbau bewies, wie man den Faschismus im Film (Montag, 23.40 Uhr, MDR) klug verarbeitet. Ebenso klug, weniger zeitgeschichtlich, dafür in Farbe: Hexenkessel von 1973 mit Robert de Niro und Harvey Keitel als Mafia-Zöglinge in New York (Montag, 22.25 Uhr, Arte). Und der Dokutipp zum Schluss: Die Arte-Reportage Rammstein in Amerika (Samstag, 21.45 Uhr) gefolgt von ihrem umjubelten Konzert im Madison Square Garden.


Klaus Marschall: Augsburger Puppenkiste

klaus2Der Strippenzieher

Als Klaus Marschall (Foto: Augsburger Puppenkiste) noch auf allen Vieren durchs Marionettentheater seiner Eltern krabbelte, kannte jedes Kind im Land die Augsburger Puppenkiste. Seit er sie leitet, sind die Holzpuppen zwar zusehends vom Bildschirm verschwunden, aber längst lukrative Global Player des Guten, Schönen, Wahren im digitalen Zeitalter. Porträt eines echten Überzeugungstäters.

Von Jan Freitag

Falls der Himmel ein Dachgeschoss hat – so könnte es aussehen. Durchs Heiliggeist-Kloster im Augsburger Stadtkern geht man rauf ins kollektive Gedächtnis aller Nachkriegsgenerationen: Ein schummrig beleuchteter Schaukasten beherbergt das Sams samt Taschenbier. Ein paar Schritte weiter reitet Lord Schmetterhemd durch die Wüste. Don Blech, Kater Mikesch, Urmel – hier hängen sie an ihren Fäden, als komme das Fernsehen weiter aus Röhren. Und da drüben, in voller Pappmachépracht: Lummerland, Lukas, Jim Knopf. Kindheitsträume hinter Glas, ein Stockwerk voller Erinnerungen.

Klaus Marschall ist schon oft hinaufgegangen, ins hauseigene Museum des berühmtesten Puppentheaters der Republik. Er kennt jeden Holzkopf, jede Requisite, jedes noch so kleine Detail. Und doch kriegt auch der Theaterdirektor hier oben das Kinderstrahlen kaum aus seinem grauen Fünftagebart. „Des ist ja ned nur die Geschichte unseres Hauses“, schwärmt er im bauchigen Ton seiner Heimatstadt, „es ist auch meine eigene“.

Schließlich kennt niemand die Augsburger Puppenkiste besser als ihr Geschäftsführer mit den hellwachen Augen. Und das will was heißen, bei einer Bühne, deren handgeschnitztes Personal mehr Bürger über 40 vor Augen haben dürften als so manchen Bundesminister. Deren Kollegen waren 1961 noch von Konrad Adenauer ernannt worden, als Klaus Marschall hineingeboren wurde ins aufstrebende Provinztheater, das 13 Jahre nach der Zerstörung im Krieg gerade mit der Muminfamilie den Durchbruch im Fernsehen gefeiert hatte. Es war der Beginn eines goldenen Zeitalters für beide – die Puppenkiste und ihren späteren Chef.

Denn parallel zur Geburt des Erben produzierte die Puppenkiste Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Die nachproduzierte Farbversion von 1976 fegte nicht nur bei der Erstausstrahlung die Straßen leer, sie gilt bis heute als Meilenstein zeitloser Familienunterhaltung. Wer Emma nie im Frischhaltefolienmeer gesehen hat, ist entweder im Funkloch aufgewachsen oder bei Technikhassern. Noch heute verkauft sich die Marionettenversion von Michael Endes Bestseller gut, das Fernsehen spart nicht an Wiederholungen. Nur an einem Ort hat sie keiner je gesehen: In der Augsburger Puppenkiste.

Die nämlich trennt Bühne und Kamera seit schwarzweißen Zeiten strikt. Da das pittoreske Kreuzgewölbe im Herzen der nordbayrischen Stadt fürs raumgreifende TV-Format ungeeignet war, wurde schon das weit simplere Peter und der Wolf 1953 aus einem Hamburger Luftschutzbunker gesendet. Umgekehrt taugen die üppig ausstaffierten Serien nicht für den Saal. „Statt 40 verschiedener Kulissen wie am Bildschirm, müsste Jim Knopf live mit drei bis vier auskommen“, meint Klaus Marschall, „da wären die Zuschauer zu Recht enttäuscht“. Dramaturgisch lassen sich Film und Theater also kaum vereinbaren. Wirtschaftlich sieht das ein wenig anders aus.

Nicht zuletzt dank jahrzehntelanger Präsenz im Hessischen Rundfunk ist aus dem berühmten, aber winzigen Bretterverschlag eine Großbühne globaler Kleinkunst geworden. Und auch, seit nicht mehr jedes Jahr ein neues Holzensemble zu nationaler Bekanntheit kommt, sprudeln solide Einnahmen aus Ticketverkauf, Merchandising, Gastronomie ins denkmalgeschützte Haus. Wie Brunnenbach und Brunnenlech, die sich direkt unter Marschalls verwinkeltem Büro im grandiosen Renaissance-Bau vereinen, rauschten sie jedoch meist auch gleich wieder hindurch. Heute wie damals. „Wenn mein Vater Anschaffungen machte“, erinnert er an die Zeit des Generationenwechsels, „ging er zur Sekretärin und fragte, ob noch Geld da ist“. Beschauliche Zeiten. Ohne Spielkonsolen und Privatfernsehkonkurrenz.

Heute dagegen – ein Internet, 200 Kanäle und Milliarden Touchscreens später – könne sich ein rentabler Kulturbetrieb mit 26 Vollzeitkräften und zwei Millionen Umsatz so kreative Buchhaltung nicht mehr leisten. Deshalb hat der gelernte Dekorateur ohne betriebswirtschaftliche Ausbildung schon als einfacher Mitarbeiter „nächtelang Vierjahrespläne erstellt“. 1992 dann, frisch mit der Leitung betraut, hat er dann rasch Abläufe gestrafft, Investitionen strukturiert, Löhne erhöht, also auch am Arbeitsmarkt für Konkurrenzfähigkeit gesorgt und zudem Tourneen organisiert, „um die Marke international bekannt zu machen und Kapazitäten auszulasten“.

Gab es bei Vater Hanns-Joachim 350 Vorstellungen im Jahr, inszeniert der Filius ein Drittel mehr – 120 Gastspiele von Japan über Amerika bis in Arabiens Wüste inklusive. Die Zahl der Sitzplätze ist auf 212 gestiegen und damit Einnahmen, Personalgröße, Sponsorengelder, Fördermittel. Dafür arbeitet Klaus Marschall sechs, manchmal sieben Tage, oft bis in die Nacht. Wenn er danach mal mit seiner Frau essen gehe, „besprechen wir geschäftliche Dinge, für die vorher keine Zeit war“. Ganze zwei Sommerwochen, wenn sich das Paar in ein italienisches Bergdorf zurückzieht, ist er mal unerreichbar.

Mit dem Eifer eines Nachlassnehmers, der sich des Erbes wert erweisen will, kniet er somit in einer Aufgabe, die so alt ist wie der Chef selbst. Oma Oehmichen nahm das Wickelkind bereits mit in die hauseigene Werkstatt, wo sie wie später ihre Tochter im Akkord Puppen schnitzte. Kaum groß genug zum Rechnen half er später an Tür und Kasse aus, um mit zwölf das erste Mal von den Hausaufgaben ins Theater gerufen zu werden. „Als ein Puppenspieler krank wurde“, erinnert er sich in seinem museumsartigen Büro voller Rundbögen und Krimskrams aus aller Welt ans Jahr 1973, „bin ich ins Taxi gestiegen und eingesprungen“.

Wenngleich nicht grad ins eiskalte Wasser. „Ich hatte ja schon mein eigenes Theater“, er zeigt auf den historischen Dielenboden: „Aus Opas Keller.“ In Altenheimen und Kindergärten führte er damals Geschichten seines Bücherregals auf, aus Spaß, aber auch Veranlagung. Da war also kein Zwang, nur Überzeugung – die ersterem allerdings rasch nahe kommt, wenn daraus Existenzen erwachsen, Verpflichtungen. Zum 25. Firmenjubiläum hatte er seine erste Sprechrolle, Der gestiefelte Kater, als Küchenjunge, klein, doch unersetzbar. Von da an war Marschall aus dem Familienbetrieb nicht wegzudenken. Dass er nach der Bundeswehr fest einstieg und zehn Jahre später an die Spitze auf, schien genetisch kodiert. Und als er kurz darauf seinen älteren Bruder Jürgen als Schnitzer ins Team holte, war das Generationenprojekt vollendet. Vorerst: Bald arbeiteten neben seiner Frau auch zwei der drei Kinder mit.

Nach dem Willen des Intendanten, Geschäftsführers, Aushilfspuppenspielers, Ersatzschreiners, „oft Mädchen für alles“ helfen sie dabei, die Puppenkiste als das zu erhalten, was sie ist: ein familiärer Mittelständler, untadelig kreditbelastet, staatlich bezuschusst, nicht defizitfinanziert, also solide wie immer, seit Klaus Marschall die Fäden führt. Eine halbe Million stecken Land und Kommune jährlich in die Puppenkiste. Doch angesichts der gut 70 Euro, mit denen jedes Ticket der 700 deutschen Sprechbühnen im Schnitt subventioniert wird, sind Marschalls 5,32 pro Karte nicht nur bescheiden, sondern eine glänzende Investition.

Augsburg ohne Puppenkiste, das wäre ja wie Bayern ohne München, und weil sie ohne den obersten Strippenzieher ähnlich undenkbar scheint, schwärmt der Oberbürgermeister vom „wunderbaren und verdienten Botschafter“ seiner Stadt, fast so bekannt wie die Fugger, nur weniger elitär. „Immer wenn wir uns begegnen“, fügt Kurt Gribl hinzu, „erlebe ich Klaus Marschall als bodenständigen, heimatverbundenen Menschen“, kompetent, zuverlässig, „immer gut drauf“. Ein bisschen wie der örtliche FCA, dessen Team jede Saison im Theater des leidenschaftlichen Clubfans vorstellig wird und zurzeit mit bodenständigen, heimatverbundenen Fußballern jene Liga stürmt, die etwas höher von echten Großkonzernen dominiert wird.

Bayern, Wolfsburg, Leverkusen – abseits des Sports hießen ihre Unterhaltungsäquivalente Apple, Pixar, PS5. Namen, bei denen die Frohnatur erstmals aus der Haut fährt. Die milliardenschweren Player globalen Hochglanzentertainments, klagt Marschall im abgewetzten Sofa aus Zeiten dreier Fernsehprogramme, „ersticken alle Phantasie mit keimfreier Perfektion“. Seine bis zu 40 Mitarbeiter hingegen „erwecken lebloses Holz zum Leben“. Das verlange dem Publikum bei allem Spaß auch was ab, statt es mit Megapixxeln zu sedieren. Und keinesfalls nur Kindern.

Vor zehn Jahren, meint er mit wedelnden Händen, „haben Eltern ihren Nachwuchs oft nur als Alibi mitgebracht“. Nun zählt sein Theater auch für Erwachsene zur Hochkultur. Gerade am Abend, wenn Marschall wie sein Großvater normale Stücke aufführen lässt, nur eben mit Marionetten. Ein paar Hundert von knapp 5000 hängen hinter der Bühne. In Jeans klettert der Mittfünfziger behände auf ein Spielpodest und holt einige vom Haken: Steinalte wie Kasperl, bei dem sein Herz spürbar aufgeht. Brandneue wie Gregor Gysi, Teil eines Kabarettstücks mit 120 Puppen. Protagonisten allesamt, die Grimms Märchen ebenso mit Leben füllen wie Wagners Nibelungenring, von dem Klaus Marschall derzeit träumt.

Im Hof läuten die Glocken der Spitalskirche, als er seiner Hoffnung Ausdruck verleiht, das Theater werde auch auf Bildschirm und Leinwand wieder präsenter. Schließlich ging Ende der Neunziger eine Million Zuschauer in die Kinoversion von Monty Spinnenratz. Mit den Rundfunkanstalten der Umgebung sei man längst in Verhandlungen. Marschalls Stimme hebt sich abermals leicht: „Die Menschen sehnen sich nach was Echtem, Greifbarem“. Auch darum ist seine Puppenkiste so unverwüstlich wie die Figuren im Museum. Gut, es gebe Wellen, sagt Marschall. Privat, geschäftlich. Sein Salär bemesse sich am Schuldendienst. „Und unser Etat ist immer auf Kante genäht“, besonders, wenn wie jüngst die Tonanlage Ersatz braucht.

Dann aber springen wie so oft lokale Sponsoren ein. Die Platzauslastung liegt unverdrossen nahe 100 Prozent. Zwei Jahre in Folge warfen jüngst Gewinn ab. Und Pacht verlange Augsburg auch künftig nicht für ihre Räume aus dem 17. Jahrhundert. Die Puppenkiste mag den Himmel im Obergeschoss haben – weil ihr alle wohlgesonnen sind, ist sie auch auf Erden erfolgreich.

Der Artikel ist vorab in der ZEIT erschienen


Enno Bunger, Princess Century, El Vy

Enno_Bunger_Fluessiges_Glueck_CoverEnno Bunger

Wer seiner dritten Platte nach zwei mäßig erfolgreichen Vorgängern einen ironiefreien Werbezettel mit Merchandising zur eigenen Person beilegt, ist entweder konsumkrank oder größenwahnsinnig, womöglich beides. Ungeachtet der Frage jedoch, wer sich für acht Euro einen Edelstahl-Flachmann mit Künstlernamen drauf kauft oder den ähnlich bedruckten Turnbeutel für zwei weniger, kann man hier mal feststellen: Selbst wenn der selbstpromotete Enno Bunger ein Problem mit seinem Ego oder dem Kaufverhalten hat – wer derart schöne Lieder zu derart betörenden Harmonien mit derart lyrischer Alltagsprosa vorträgt, darf abseits des musikalischen Mehrwerts gern ein wenig über die Stränge schlagen.

Flüssiges Glück, so heißt der zehnteilige Jingle zur Produktwerbung, ist von so hinreißender Eleganz, dass Electropop dafür viel zu niedrigschwellig klingt. Es ist klassisches Singer/Songwriting mit den Mitteln der Hipsterdisco. Zurückhaltend, fast scheu singt der friesische Barpianist aus dem Hallraum seiner Generation Jahrgang 1986 von der permanenten Sinnsuche, dem zwangsläufigen Scheitern, dass man “noch lange nicht schön” sei, “nur weil man gut aussieht”, aber auch vom kaputten Licht am Ende des Tunnels, rassistischer Polizei, was seine Alterskohorte so ins Gemüt lässt, wenn sie mal an andere denkt. Das erreicht in fast jedem Moment klavierbegleitet das Herz. Man kann es kaufen. Auf Platte. Sollte man auch.

Enno Burger – Flüssiges Glück (PIAS)

princessPrincess Century

Kaufen kann man natürlich auch die neue Platte von Maya Postepski aka Austra, deren eklektischer Synthiepop allerdings alles Mögliche macht, nur nicht sonderlich zu Herzen gehen. Kein Problem: Unter ihrem Projektnamen Princess Century macht die Kanadierin ja auch keine wohltemperierte Liedermachermusik, sondern mit das Feinste, was zeitgenössische Electronica zwischen artifiziell und aseptisch zustande bringt, weshalb auch ihr drittes Album namens Progress zwar durch und durch digital erstellt ist, aber irgendwie doch eine sonderbare Organik erzeugt.

Stücke wie Sunscreen zum Beispiel klingen oberflächlich wie vollsynthetische Klangkonstrukte aus dem Großrechner, entfalten dabei aber eine Atmosphäre wie die Kinderfilmsoundtracks der 70er von Christian Bruhn. Diese Art nostalgischer Wärme bauen Sunrise 100/Last Disco, mehr aber noch Rosé im Anschluss so versiert aus, dass man sich beim Hören schnell mal wie auf Leinwand fühlt, hineingezogen in kinetische Erzählungen der späten Achtzigerjahre à la Tron. Selten nur wirken programmierte Töne so visuell, fast greifbar wie die von Princess Century.  Man muss das schon mögen, diese Distanz zwischen Sound und Ohr, dann aber überwindet sie sich quasi selbst.

Princess Century – Progress (Paper Bag Records)

elvy-coverEl Vy

Irgendeine wie geringe Distanz zwischen Sound und Ohr ist bei Matt Berninger so fern der Vorstellungskraft wie seine Teilnahme in einer Grindcoreband. Der singende Kopf des amerikanischen Indierock-Ensembles The National sorgt schließlich schon durch sein geschmeidiges Organ dafür, dass alle Zuhörer im Raum vor Andacht völlig erstarren, ohne allzu seifig eingelullt zu werden. Und dieses stimmliche Sedativum ist nun gar von so herausragender Wirksamkeit, dass er im Nebenprojekt El Vy nun sogar die multiinstrumentale Schlagader der ungleich sperrigeren Kollegen von Menomena, Brent Knopf, unterbringt.

http://www.clipfish.de/musikvideos/video/4248719/el-vy-im-the-man-to-be/

In den verspielteren Momenten klingt ihr Debütalbum Return to the Moon zwar etwas abseitiger als alles, was The National so treiben; doch auch hier sorgt Berningers Klangkörper für eine Wärme, die nicht selten hypnotisch mit Knopfs umherschlendernden Bass und der teils peitschenden Orgel harmoniert. Man muss sich gelegentlich eine milde Ohrfeige verpassen, um dabei die Augenlider hochzuhalten; dann aber entfaltet dieses Soloprojekt das, was Berningers Bariton verheißt: Tiefe.

El Vy – Return to the Moon (4AD); mehr dazu auf Zeit-Online


Rudi Cerne: Christian Klar und XY ungelöst

CerneZwischen Sport und Mord

Aktenzeichen XY … ungelöst ist der Dauerbrenner des ZDF. Gestern feierte Eduard Zimmermanns Sendung die 500. Ausgabe seit 1967. Ein Interview mit seinem Nachfolger Rudi Cerne (Foto: ZDF) über Denunziationsfernsehen, Cold Cases und wie er selbst mal falsch verdächtigt wurde, das aber völlig okay fand.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Rudi Cerne, Sie kennen das Zitat „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“?

Rudi Cerne: Ja, ich weiß aber nicht, von wem es ist.

Angeblich Hoffmann von Fallersleben, immerhin Texter der deutschen Nationalhymne. Wer anderen etwas Böses will, schwingt da mit, braucht sie also bloß zu diskreditieren. Fühlen Sie sich und Ihre Sendung da angesprochen?

Nein, ganz und gar nicht. Die Ermittler gehen Hinweisen bei XY äußerst behutsam nach. Wenn eine Person mit einem Fall in Verbindung gebracht wird, wird sehr genau überprüft. Erst dann, also bei begründetem Verdacht gehen die Ermittlungen los.

Wie viele Hinweise kriegt Ihre Sendung denn nach 500 Folgen in fast 50 Jahren so pro Fall?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Im Fall der weltweit gesuchten Madeleine McCann waren es 1000 Anrufe, von denen wollten aber auch schon vor der Sendung einige ihre Betroffenheit zum Ausdruck bringen. Eduard Zimmermann hätte das „nicht sachdienlich“ genannt, aber wir freuen uns, denn es zeigt, dass XY auch anderes bewirkt. Im Durchschnitt erreichen uns 150 bis 200 Anrufe pro Sendung.

Dennoch wird ihr Format damit vielfach förmlich identifiziert. Im Spiegel war mal von „Staatsbürgerkunde für Denunzianten“ die Rede.

Witzigerweise hat ein Leser diesen Satz 2008 zu Ihrem Beitrag über den XY-Preis geschrieben, während andere die Tendenz des Artikels kritisierten; auch das gehört zur Wahrheit! Dazu ein paar Fakten: In 13 Jahren, die ich XY moderiere, ist mir nicht ein Fall bekannt, in dem jemand auf falsche Hinweise hin Opfer eines Justizirrtums wurde. Öffentlichkeitsfahndung ist ein probates Mittel der Verbrechensaufklärung, und da sind wir für die Polizei der erste Ansprechpartner, auch wenn es um Cold Cases geht, also Fälle, die lange zurückliegen. Da ist uns schon sehr oft die Aufklärung gelungen.

Zum Beispiel?

Eine Frau aus Königswinter galt fünf Jahre als vermisst, bis der Fall 2008 auf Initiative der Tochter wieder aufgerollt wurde. Fünf Jahre später erhielt XY den entscheidenden Hinweis, dass Sigrid Paulus von ihrem Ehemann umgebracht wurde. Der Täter meinte hinterher, er sei erleichtert gewesen, weil er selbst nicht die Kraft zu einem Geständnis hatte. Das war in jeder Hinsicht ein Erfolg unserer Sendung.

Wie erklären Sie sich, dass er schon seit fast 50 Jahren anhält?

Nicht nur das – wir sind eines der wenigen Fernsehformate, dessen Quote sogar zulegt, zuletzt auf 5,3 Millionen im Schnitt und sehr stark bei jüngeren Zuschauern.

Wegen der Aufklärungsrate, dem Thrill, dieser frühen Form von Interaktivität?

Es gibt viele Aspekte, die alle zum Erfolg beitragen. Die Filme sind natürlich professioneller geworden und werden von Regisseuren gedreht, die auch für SoKo oder Tatort arbeiten. Hinzu kommt, dass wir keine Geschichten erfinden, sondern Realität abbilden; das bewegt die Zuschauer, denn die Vorstellung, dass ein gefährlicher Straftäter weiter frei herumläuft, ist schon ziemlich gruselig. Die Hoffnung, dass der Täter schnell gefasst wird, liegt mit 40 Prozent relativ hoch und macht die Relevanz der Sendung aus.

Hat Aktenzeichen XY Ihre eigene Sicht auf Kriminalität verändert?

Gar nicht. Ich bin ein vorsichtiger Mensch, kein ängstlicher, und schlafe nachts nach wie vor gut. Auch im Wissen, dass sich Verbrechen nicht lohnt. Haben Sie mal von Lolita Brieger gehört?

Nie.

Auch sie galt als vermisst, 29 Jahre lang. Als wir 2011 den Fall  aufnahmen, glaubte keiner, dass XY noch helfen kann. Aber wir bekamen den Hinweis eines Mitwissers, durch den Lolita Briegers Leiche gefunden und der Fall endlich geklärt werden konnte.

So sehen typische XY-Fälle aus: Mord & Totschlag, Einbruch & Raub, Vergewaltigung & Gewaltexzesse. Erweckt die Auswahl nicht den falschen Eindruck, schwerste Verbrechen nähmen permanent zu?

Was meinen Sie denn?

Während die Zahl solcher Delikte in den Augen befragter Bürger permanent ansteigt, geht sie laut Kriminalstatistik seit Jahren zurück. Dank der Flut von Kapitalverbrechern und Kinderschändern am Bildschirm, wird den Menschen eine Gefahrenlage suggeriert, zu der auch XY beiträgt.

Die Behauptung, dass die Menschen nicht zwischen Film und Realität unterscheiden können, würde ich so nicht teilen. Laut Kriminalitätsentwicklung 2014 lagen die  polizeilich registrierten Straftaten insgesamt bei knapp über sechs Millionen. Seit 2009 erstmalig ein Anstieg.

Der vorwiegend auf Betrugskriminalität, besonders im Internet, zurückzuführen ist.

Gut, aber XY nimmt ohnehin nur solche Kapitaldelikte auf, bei denen wir helfen sollen und können. Dass wir uns bei Film- und Studiofällen ausschließlich an Fakten halten, ist selbstverständlich.

Da heiligt der Zweck die Mittel?

Wir können die Öffentlichkeit nur zur Mithilfe mobilisieren, wenn die Emotionen der Zuschauer geweckt werden. Dabei sind wir so zurückhaltend wie möglich. Straftäter tauchen oft in der Masse unbescholtener Bürger unter; kein Wunder, wenn es da mal zu Verwechslungen kommt. Ich selbst bin da, Sie wissen das sicher, ein gebranntes Kind.

Als Sie mit dem Terroristen Christian Klar verwechselt wurde.

Genau. Da stand ich natürlich unter Strom und hatte ein ziemlich mulmiges Gefühl. Aber ich habe den Anweisungen Folge geleistet, was ich jedem nur empfehlen kann.

Aber hatten Sie im Anschluss kein Gefühl von Willkür und Polizeistaat, nachdem man Sie zu Unrecht mit der Waffe bedroht und festgenommen hatte?

Überhaupt nicht. Die machen ihren Job.  Zum einen hatte ich fortan eine fantastische Story zu erzählen. Zum anderen hatte ich so kurz nach dem „Deutschen Herbst“ Verständnis für solche Kontrollen. Meine Festnahme beruhte übrigens auf der „Denunziation“ einer Person, der meine ja tatsächlich vorhandene Ähnlichkeit mit Christian Klar aufgefallen war.

Gibt es zwischen diesem Dezembertag 1978 und ihrem Dienstantritt bei XY 2002 eigentlich eine rote Linie, hat er ihr Interesse am Verbrechen geweckt?

Nein (lacht), Null. Die Zeit des RAF-Terrorismus fand ich bedrückend. Ich habe allerdings schon damals Krimis von Die Straßen von San Francisco bis Kojak verschlungen, obwohl mir als Leistungssportler nicht sehr viel Zeit dafür blieb.

Sind Sie beim Blick auf Ihr bisheriges Leben eher Eiskunstläufer, Sportmoderator oder Verbrecherjäger?

Von allem ein bisschen. Der größte Luxus meines Lebens ist ja, dass ich zwischen sehr verschiedenen Polen wechseln darf. Scherzhaft ausgedrückt: Ich pendle zwischen Sport und Mord. Gegensätzlicher kann es nicht sein und das ist sehr reizvoll. Bei meiner Entscheidung für XY mögen einige die Nase gerümpft haben, aber im Rückblick ist dieser, wie ich finde: wichtige Job heute für mich mehr wert als eine Goldmedaille.

War denn der Wandel seinerzeit so gewaltig?

Es geht, schließlich sind auch Eiskunstläufer Darsteller im Showbusiness. Auch da gab es mal eine glückliche Fügung. Als ich während Holiday on Ice verletzt war, fragte mich der Veranstalter, ob ich nicht moderieren könnte. Das klappte ganz gut, schon weil man beim Eiskunstlaufen lernt, mit einem Lächeln hinzufallen, was im Fernsehen sehr nützlich sein kann.

Hinzufallen scheint angesichts des Erfolgs von XY aber eher unwahrscheinlich oder?

Mit Hinfallen meine ich eher, Rückschläge einzustecken. Zwischendurch waren die Quoten auch mal nicht so rosig. Das gehört mittlerweile der Vergangenheit an. Aber es stimmt schon – ich kann das noch eine Weile weitermachen. Nach der Sendung ist vor der Sendung.

Die hat Ihr Vorgänger Eduard Zimmermann insgesamt 30 Jahre moderiert, Sie mittlerweile aber auch schon 13. Ist das noch immer sein Format oder schon Ihrs?

Ich will Ihnen mal ein Beispiel nennen. Während einer Radiosendung meinte die Moderatorin zu mir, schön Sie mal live zu sprechen, ich durfte das früher nie gucken. Als ich fragte, wann das war, meinte sie, als ich moderierte. Eduard Zimmermann kannte sie gar nicht. Das zeigt noch lange nicht, dass es meine Sendung ist, aber dass die Zuschauer mich damit identifizieren. Und das macht mich schon ein bisschen stolz.

Schwebt Eduard Zimmermann dennoch weiter ein wenig über Ihnen?

Ich würde eher sagen, dass er mir ein großartiges Erbe zu verwalten gab. Dafür bin ich ihm und dem ZDF sehr dankbar.


Gomorrha: Serienfiktion & Wirklichkeit

051628-001-A_gomorrha1_01-1442458150342Sterben auf Abruf

 

Als Gomorrha (donnerstags, 21 Uhr, Arte) auf Grundlage von Roberto Savionos Bestseller entstand, hat die Serie kriminell befreite Zonen wie Neapel perfekt bebildert (Foto: Emanuela Scarpa/ZDF). Dass die Gewalt auf den Straßen zurzeit brutaler ist als auf dem Bildschirm, erschüttert sogar den berühmten Autor im Untergrund, wie er vom Untergrund aus im exklusiven freitagsmedien-Interview betonte – tut der Qualität aber keinen Abbruch.

Von Jan Freitag

Wer erfolgreich Fernsehen machen will, hält sich gern an Spielregeln, die Gesetzeskraft entfalten. Anschlussfähige Protagonisten dürfen auf ihrem holprigen Weg zum Happyend allenfalls kurz mal die Seite des Guten verlassen, wo sie auf Antagonisten treffen, denen das Antagonistische schon optisch aus allen Poren dringt. Was Drama, Action, Gefühl, Humor betrifft, sollte Fiktion der Realität aber auch sonst ein Stück weit vorauseilen, sofern sie auf Topquoten zielt. Am Bildschirm, lautet das Prinzip, ist nicht weniger, sondern mehr mehr. Weil viel eben doch viel hilft, hat Liebe also ein wenig leidenschaftlicher zu sein als im wahren Leben. Hass rasender. Spaß lustiger. Gewalt blutiger. Alles irgendwie intensiver. So gesehen begeht Gomorrha einen Fernsehgesetzesbruch.

Zum Glück. Die italienische Mafia-Serie mag nämlich so krass sein, so schonungslos roh, fast barbarisch, dass die Brutalität oft unerträglich ist. Dummerweise jedoch zeigt sich Neapels Wirklichkeit jenseits der Filmstudios zurzeit noch viel viel schlimmer. Und das will einiges heißen: Die Geschichte des Camorra-Killers Ciro, der seinem Clan-Chef Don Pietro mit allen Mitteln die Vorherrschaft im neapolitanischen Bandenkrieg zu sichern versucht, ist von geradezu diabolischer Abgründigkeit. Sie zeigt sich schon in der ersten Szene. Während Ciro den Kanister eines geplanten Brandanschlags gegen die verfeindeten Contes mit Benzin füllt, diskutiert er in aller Seelenruhe die Facebook-Aktivitäten der pubertierenden Kinder seines väterlichen Komplizen Attilio (Antonio Milo), der ein paar Autominuten später jenes Feuer entfacht, das seine Opfer am Esstisch überrascht, wo Mama Conte ihrem Sohn grad das Rauchen verbietet und dem Herrgott sodann für die hausgemachte Pasta dankt.

So dialektisch geht es alle zwölf Teile zu, die Arte ab heute in Doppelfolgen zeigt: Je entfesselter die geschätzt 50 Familienbanden der Mafiametropole im Kampf um Ehre, Macht und Drogen Auge um Auge, Zahn um Zahn verrechnen, desto absurder erscheint die bürgerliche Normalität, in der das große Schlachten vonstatten geht. Wobei diese Kontrastprogramm beileibe kein neues Phänomen ist: Die Dualität zwischen Gott und Teufel, Alltag und Verbrechen, Ordnung und Exzess prägte schon die Sopranos oder Breaking Bad – beide bereits zu Drehzeiten Legenden horizontal erzählten Fernsehens, die das Medium nachhaltig auf Kinoniveau gehoben und nebenbei den Typus des Schwerstkriminellen heldentauglich gemacht haben.

Zum Sympathieträger taugt auch Ciro, dank seiner erstaunlichen Überlebensfähigkeit „Der Unsterbliche“ genannt. Marco D’Amore spielt ihn ja nicht bloß als skrupellosen Handlanger des selbstherrlichen Don Pietro (Fortunato Cerlino), sondern als mitfühlenden Skeptiker mit Dackelblick und Familie, der den Verbrecher in sich immer wieder dekonstruiert. So ähnlich funktionieren auch die organisiert kriminellen TV-Kollegen Tony Soprano und Walther White – mit einem Unterschied: Trotz aller Authentizität sind es reine Kunstfiguren. In „Gomorrha“ hingegen wirkt alles echt.

Autor ist schließlich Roberto Saviano, der für den gleichnamigen Weltbestseller über die Mafia-Strukturen seiner Heimatstadt vor neun Jahren abtauchen musste und seither unter Polizeischutz im Verborgenen lebt. Nach Matteo Garrones Spielfilmversion des Dokumentarstoffes von 2008, verantwortet der 36-Jährige nun also auch die Serie und glaubt, das „kompromisslos realistische“ Ergebnis könnte „sowohl inhaltlich als auch dramaturgisch mit den besten Serien weltweit mithalten“. Und in der Tat: Anders als mehr oder minder realistische Fiktionen von Coppolas Pate bis zum 80er-Epos Allein gegen die Mafia kommt die erbarmungslose Wucht archaischer Stammesriten hier ohne publikumswirksame Romantik aus. Das Leben der Camorristi ist selten glamourös, sondern im besten Falle tragisch. Und ihre Stadt? Ein Höllenloch!

Das gesetzlose Neapel von Regisseur Stefano Selima, ein Slum ohne Wellblechhütten, ertrinkt selbst dort, wo das Gangstergeld sitzt, in Dreck, Verfall und Apathie. Die Plattenbauten gleichen Favelas. Drogen werden durch Einschusslöcher vertickt. Statt Schule trainieren Kinder Clangebräuche. Und wo es mal ein wenig glänzt, ist es der protzige Bling Bling stilunsicherer Mobster, die glauben, wenn ihr Plasmaschirm im barocken Blattgoldrahmen läuft, sei Monte Carlo näher als die Müllkippe vor der Tür. Selbst genreübliche Sexszenen, die ähnlich gestrickte Thriller sonst um ein wenig körperliche Wärme ergänzen, fehlen hier fast vollends. Das Leben im Sündenpfuhl ist ein Sterben auf Abruf.

Umso furchtbarer, dass die Serie dennoch auf einer Eskalationsstufe verharrt, die von der Gegenwart längst wieder überholt wurde. Nachdem sich die Lage in Neapel – auch infolge der weltweiten Beachtung des Buches – durch zahllose Verhaftungen alter Clanbosse entspannt hatte, wird die Stadt seit kurzem von einer beispiellosen Gewaltwelle blutjunger „Babygangs“ erschüttert, deren Brutalität jenseits aller Ehrencodizes selbst Insider überrascht. Erschrocken befürchtet Saviano einen „Camorra-Krieg“, der „nicht mehr allein den tradierten Mechanismen folgt, sondern einer Strategie des Terrors“. So detailliert Gomorrha das Dilemma einer kriminell befreiten Zone, deren Abstieg unablässig den Boden weiterer Rechtlosigkeit nährt, auch skizziert: Die Realität hat ihre Fiktionalisierung also längst überholt. Der Relevanz dieser herausragenden Serie allerdings tut das trotz dieser Differenz keinen Abbruch und ihrer Unterhaltsamkeit trotz miserabler Synchronisation schon gar nicht. Viel besser war europäisches Festlandfernsehen selten. Und deutsches noch nie.


Immer Hitler & Aktenzeichen XY

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

5. – 11. Oktober

Na da kann sich der digitale Springinsfeld LeFloid vielleicht doch noch mal was bei den analogen Althasen abgucken: Am Mittwoch zeigte Anne Will zwar noch lange nicht, wie man im Interview mit Spitzenpolitikern kontrovers Kante zeigt; falls der junge Youtuber beim Multitasking versehentlich auf einen klassischen Bildschirm gelandet ist, konnte er der ausgebildeten Journalistin aber immerhin dabei zusehen, dass zum gehaltvollen Kanzlerinnen-Interview mehr gehört als schiefe Basecap, viele Follower und das Wörtchen „absolut“ in Heavy-Rotation.

Nun haben wir aber auch genug nachgetreten auf ein Mediengewächs, das ja doch einiges richtig machen muss angesichts seiner exorbitanten Zahl an Fans, und wenden uns dem zu, was immer IMMER I!M!M!E!R! für größtmögliche Quoten, vulgo: Erregung sorgt: Hitler. So gesehen ist es bemerkenswert, dass der nicht nur im Kino grad zurück ist, sondern 2017 auch im Fernsehen. Als Titelfigur einer Serie, die Deutschlands Zeitgeschichtsmogul Nico Hofmann gemeinsam mit dem ebenfalls revisionistischer Umtriebe gänzlich unverdächtige Jan Mojto produziert. Ein bisschen bedenklicher ist da schon, dass der Mehrteiler übers Leben des Gröfaz vor der Machtübernahme von niemand seriöserem als RTL gesendet wird.

Angesichts der erstaunlichen Güte des Vorwendeagentendramas Deutschland 83 Ende November muss man zwar nicht unbedingt das Allerschlimmste befürchten; das zweitschlimmste ist aber ja auch nicht wirklich angenehm. Na lassen wir uns mal überraschen. So wie vom 1000. Tatort, dessen Ermittler gerade bekannt gegeben wurden: Maria Furtwänglers Charlotte Lindholm – zeitgenössisch verpartnert mit Axel Milberg als Kiels Kommissar Klaus Borowski. Es wird um irgendwas mit Afghanistan-Veteranen, Eifersucht, Rache gehen und soll in Anlehnung an den ersten Fall fast 50 Jahre zuvor Taxi nach Leipzig heißen, in dem Ur-Kommissar Trimmel 1970 noch die innerdeutsche Grenze übertrat.

0-FrischwocheDie Frischwoche

12. – 18. Oktober

Zuvor aber freuen wir uns, dass mit dem Dortmunder Team beinahe alle aktuellen Mörderjäger aus der Sommerpause zurück sind. Unter der Regie von Dror Zahavi, der den erschütternden Abgang von Assistentin Franziska aus Kölns Tatort zum traumatischen Erlebnis machte, stirbt in Kollaps ein kleines Mädchen an Kokain, das es aus der Sandkiste fischt, was zeigt: Man kann Kinder unterhaltsam zu Krimiopfern machen, ohne gleich die schwere Moralkeule sexueller Gewalt zu schwingen.

Das tut Aktenzeichen XY … ungelöst am Mittwoch im ZDF schon zum 500. Mal in 48 Jahren. Ein verstörendes Jubiläum, vermittelt Rudi Cernes Erbe des Formatvaters Eduard Zimmermann doch bis heute den Eindruck, Schwerverbrechen von Raubmord bis Kindesmissbrauch seien auf dem Vormarsch, was die polizeiliche Kriminalstatistik seit Jahren mit rückläufigen Zahlen widerlegt. Dem anhaltenden Erfolg des langlebigsten Denunziationsformats des Fernsehens allerdings tut das keinen Abbruch.

Eines der wenigen Verbrechen, die zurzeit geradezu sprunghaft ansteigen, dürfte dagegen auch zum Jubiläum nicht in einem der beängstigenden Einspielfilme nachgestellt werden: rassistische Gewalt, gern gegen Asylunterkünfte, die derzeit so häufiger brennen wie zuletzt 1938 Synagogen. Um über die Hintergründe aufgeklärt zu werden muss man demnach etwas länger aufbleiben, am Montag bis 22.45 Uhr, wenn das Erste Die Front der Fremdenfeinde dokumentarisch beleuchtet. Doch auch zur ARD-Primetime geht es um Abgründe der Republik, diesmal allerdings für eine Deutsche: Christiane Hörbiger, die der plötzliche Tod ihres heimlich verschuldeten Mannes aus der adretten Hamburger Mietwohnung in Windeseile unter die Brücke treibt. Das ist alles gut gemeint, aber viel zu konstruiert, weshalb Auf der Straße abermals zeigt, dass 90 Minuten selten zur schlüssigen Erzählung komplexer Einzelschicksale taugen.

Das wäre dann ein weiteres Argument für horizontale Serien, von denen diese Woche keine neue aufhorchen ließe. Bis auf Braunschlag um den Kabarettisten Robert Palfrader als windigen Bürgermeister einer österreichischen Kleinstadt, was ab Sonntag (20.15 Uhr, 3sat) aber weniger durch Dramaturgie als Aberwitz glänzt. Das dafür umso strahlender. Wie die schwarzweiße Wiederholung der Woche mit Marlene Dietrich in ihrem US-Durchbruch Schanghai-Express von 1932 als Passagierin eines Luxus-Zugs nach Peking (Montag, 22 Uhr, Arte). Der Farbtipp ist diese Woche noch gar nicht so alt, aber schon darum ratsam, weil der Bayerische Rundfunk Der blinde Fleck (Dienstag, 20.15 Uhr) zeigt. Zu reaktionäreren Zeiten hätte der Strauß-Sender die kritische Wiederaufnahme des Oktoberfestattentats garantiert nicht gezeigt. Bleibt noch die Doku der Woche: Kein Weg zurück (Dienstag, 22.25 Uhr, 3sat), ein deutscher Film über einen jungen Juden, der aus Jerusalems orthodoxer Gemeinschaft aussteigt und plötzlich spürt, was es heißt, zwischen zwei Fronten zu stehen.