Posted: January 9, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik |
Olli Schulz
Der Alltag als solcher ist prosaisch. Bis zur Rente ist sein Verlauf oft so getaktet, dass Leerlauf als Verlust zu Buche schlägt. Emotional vom Alltag zu erzählen, fällt daher schwer. Alltag hat keine Poesie, er hat Pläne. Es sei denn, Olli Schulz singt davon. Sein Liedermacherpop kündet von nichts anderem als den Sollbruchstellen zwischen Anspruch und Realität, besser: Feelings aus der Asche. So heißt sein neues Soloalbum. Es ist schon jetzt das Beste, was 2015 auf Deutsch gesungen werden wird. Zehn Stücke verdichtet Schulz das Leben so unprätentiös und doch empathisch, dass selbst Textzeilen aus dem Jammertal seiner Alterskohorte optimistisch wirken. “Meine Helden sind alt / meine Träume dahin / Ich weiß nicht wie es aufhört / aber so muss es beginnen.” Der Gesang mag klingen wie Distelmeyer oder Regener, gar Pur und die Prinzen – es klingt stets, wie der Alltag klingen müsste, wäre er ein Gedicht.
Madonna
Madonna hingegen klingt, wie Madonna eben klingt – auch wenn sie sechs Stücke ihres neuen Albums, hüstel, vorab leakt. Was eigentlich das illegale Publizieren geheimer Informationen meint, zeugt bei der Queen Mum of Pop von ebenso purer Berechnung wie der Albumtitel: Madonnas Rebel Heart erschöpft sich ja darin, den Zeitgeist erst zu prägen, dann auszubeuten. So war es zumindest einst. Nun aber prägt Madonna nichts Neues, sie professionalisiert das Alte. Aber wie! Der überfrachtete Elektropop Living For Free zum Beispiel ist so fett produziert, dass die inhaltliche Ebbe unter der Flut an Effekten förmlich verschwimmt. Kirmestechno, Steeldrums, Westerngitarre, Offbeats, Achtziger, Abba-Anklänge und Rihanna-Referenzen – auch in den anderen fünf Tracks muss alles immer in alles hinein, damit keiner auf die Idee kommt, tiefer zu forschen. Etwa, warum am Ende von Bitch, I’m Madonna ein Hund bellt. Klingt super, ändert nichts.
Panda Bear
Klingt nach Tieren, ändert alles: Das gilt indes für Noah Benjamin Lennox. Der Klangbastler aus Baltimore nennt sich ja nicht nur Panda Bear, er durchzieht auch sein neues Album so kreativ mit Geräuschen aus Flora und Fauna, dass man fast vergisst, welche Musik er eigentlich macht. Findige Kritiker haben für die Kunst, griffige Strukturen aus wirren Ergüssen seines Korg zu formen, den Begriff New Weird America erdacht. Und in der Tat: Panda Bear Meets The Grim Reaper erinnert an eine Therapiegruppe in der Klapsmühle, wenn die Samples und Flächen wild durcheinanderwirbeln. Doch wie aus verzerrtem Hundejaulen von Mr. Noah eine Art Stonerpop erwächst, wie Lennox’ Hippiestimme übers japanische Jodeln vonBoys Latin weht, wie digitale Möwen unterm Antibeat von Come To Your Senseshindurch fliegen – braucht Musik keine Struktur. Dann sorgt der pure Aberwitz für Harmonie.
The Munitors
Mit der Harmonie kann man es aber auch zu gut meinen. Während erst der Mut zum Misston wahren Anspruch schafft, kann Wohlklang alle Distinktion ersäufen. Hier in etwa verläuft die Grenze zwischen alternativem Fusionpop und süffigem Indierock oder auch: Jamie T und U2, die in musikalischer Hinsicht beide in The Munitors stecken. Jetzt legt das Quartett aus der Wetterau seine zweite EP vor, statt aus zwei halben eine ganze Platte zu machen, was von einer Inkonsequenz zeugt, die auch ihren Sound prägt. Noch. Denn obwohl die fünf neuen Tracks teils zu gefällig wirken, haut sich die Band seit dem Umzug nach Frankfurt mehr Kanten ins Repertoire. Der Opener Harm etwa enthält sehr spannende Riffs zu angerauten Vocals, was trotz des eher schlichten Englischs rasch ins Ohr dringt und dort eine Weile bleibt. Jetzt müssen die jungen Indierocker nur noch den Mut zu weniger Gitarrensoli und einer LP aufbringen, dann wird was draus. Keine Angst.
Mehr Sound’n’Files’n’Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-01/madonna-olli-schulz-panda-bear-tontraeger
Posted: January 8, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Verschrobene Rollen!
Lisa Wagner, geboren 1979, dürfte auch acht Jahre nach ihrem Durchbruch in der Speed-Dating-Komödie Shoppen nur Eingeweihten ein Begriff sein. Nicht mal der Grimme-Preis für ihre Rolle im Münchner Tatort: Nie wieder frei sein (2010) machte die Pfälzerin wirklich bekannt. Das hat sich allerdings geändert, seit die angesehene Theaterschauspielerin Kommissarin Heller ist. An der Seite des ebenso sperrigen Hans-Jochen Wagner spielt sie auch im dritten Teil am Samstag (ZDF) eine verschrobene Ermittlerin in Hessen. Eine Rollentypus, der Lisa Wagner liegt, wie sie im Interview erzählt.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Wagner, bislang haben Sie in Krimis vor allem Episodenrollen gespielt. Wie fühlt es sich da an, künftig die Hauptfigur einer ganzen Serie zu sein?
Lisa Wagner: Wenn man als Nebendarstellerin nur wenige Tage dreht, muss man extrem auf den Punkt konzentriert sein. Als Hauptdarstellerin hat man da weit mehr Zeit und Raum zur Entfaltung. Die Vorbereitung ist intensiver, der Druck dafür allerdings geringer, da zusätzliche Zeit auch Fehler verzeiht.
Aber steigt dafür nicht die Verantwortung fürs Gesamtprodukt?
Das stimmt, aber ich fühle mich mit wachsender Verantwortung wohler und habe gern Einfluss aufs Ganze.
Sie sind jetzt aber kein Kontrollfreak?
Überhaupt nicht, dann wäre ich beim Film auch völlig fehl am Platze, wo das, was man tut, von 1000 Leuten beeinflusst und nachbearbeitet wird.
Haben Sie über Kommissarin Heller also auch mitbestimmt?
Ich hatte vorm Drehbuch schon zwei, drei Romanvorlagen gelesen, wo die Figur übrigens ganz anders beschrieben ist – eher klein und dick mit großen Brüsten. Körperlich entspreche ich ihr also überhaupt nicht. Deshalb habe ich umso mehr versucht, das Wunderliche an ihr herauszuarbeiten und ihr Eigenheiten zu verpassen. Sie ist auf den ersten Blick gewiss keine Sympathieträgerin und versäumt es oft, ihre Mitmenschen darüber zu informieren, wo sie sich gedanklich gerade befindet. Die Regisseurin hat mich da sehr laufen und entwickeln lassen.
Wodurch Sie sich die Figur so gebastelt haben, wie Sie Ihnen liegt?
Natürlich.
Und das wäre?
Verschrobene Charaktere. Die machen einfach irre Spaß und liegen mir weit mehr als solche Sunshine-Typen. Dass das Leben toll und bunt und leicht ist, fällt mir schwerer darzustellen als die schwierigen, düsteren Seiten. Ich spiele gerne eigensinnige Rollen.
Wie bei Ihrem Durchbruch als Filmschauspielerin in Shoppen, wo Sie eine ungemein seltsame Speed-Daterin spielen.
Genau wie die. Aber Durchbruch ist gut: nach Shoppen hab ich erstmal fast zwei Jahre gar nicht gedreht, weil mir schlicht die Zeit fehlte, so viel, wie ich damals auf der Bühne zu tun hatte. Aber es hat mich schon bekannter gemacht.
Auch berühmter?
Es gab schon viel positive Resonanz, aber berühmt überhaupt nicht, Null.
Das hat sich nach dem Münchner Tatort 2010, wo Ihre Anwältin des Mörders den Grimme-Preis gekriegt hat, vermutlich geändert.
Auch nicht wirklich. Aber das darf auch gerne so bleiben. Denn Popularität hat ihren Preis. Und weil ich lieber über meine Arbeit als meine Person spreche, finde ich es sehr angenehm, nicht auf der Straße erkannt zu werden.
Hat das auch damit zu tun, dass Sie nicht grad das typische Titelblattgesicht haben?
Ganz sicher sogar. Das eröffnet mir enorme Arbeitsmöglichkeiten und ich kann ein wenig der Geheimtipp sein. Das war möglicherweise auch ein Grund dafür, dass ich zum Casting für die Pflichtverteidigerin im „Tatort“ eingeladen wurde. Uwe Ochsenknecht dort auftritt, weiß jeder sofort, oh, der wird bestimmt noch wichtig, Tendenz Täter. Bei mir hat niemand geahnt, dass ich am Ende die Mörderin bin. Für solche Wendungen sind Titelblattgesichter oft eher hinderlich, denke ich. Und Modelfrauen haben es womöglich schwerer, ins seriöse, ernste Fach zu kommen. Wenn ich die Wahl zwischen Qualität und Quantität habe, bevorzuge ich erstere.
Aber beinhaltet nicht gerade eine Krimireihe die Gefahr, letzteres zu liefern?
Diese Gefahr besteht sicher, aber in diesem Fall kann ich sie nicht erkenne. Nach zweieinhalb Jahren gibt es gerade mal zwei Episoden; das ist jetzt nicht allzu quantitativ. Und was die Qualität betrifft, hab ich vollstes Vertrauen in die Drehbücher und vor allem: in meine Kollegen wie Hans-Jochen Wagner.
Schafft so eine Reihe für unregelmäßig beschäftige Freiberufler auch ein Stück materieller Sicherheit?
Die ist zumindest nicht zu verachten. Aber ehrlich: Zu Beginn des Projekts war nicht mal von einem zweiten Teil die Rede.
Und jetzt steht der Drehbeginn des dritten Teils an, bevor der erste überhaupt gezeigt wurde. Woher rührt dieser Vertrauensvorschuss?
Weil wir einfach geil sind! Aber ehrlich: die Vorschusslorbeeren von Seiten des Senders tun uns schon gut. Das ZDF rechnet offenbar mit ausreichend Zuspruch.
Interessiert Sie der?
Selbstverständlich. Ohne Publikum möchte doch niemand schauspielern. Aber ich weiß schon zu differenzieren, von wem Lob und Zuspruch kommen. Und wenn etwas allen gefällt, ist es auch wieder ein bisschen seltsam. Aber das größte Kompliment ist aus meiner Sicht ohnehin, wenn Einsatz und Ergebnis so eklatant auseinanderklaffen wie bei Shoppen – einer Low-Low-Budget-Produktion mit beachtlichen Zuschauerzahlen.
Trotzdem kriegen Sie mit Kommissarin Heller nun einen Fuß in die Tür zum Massenpublikum, den man nicht so ohne weiteres wieder rausziehen kann.
Das stimmt wohl.
Wird das die Angebote an Sie grundlegend verändern?
Keine Ahnung, aber es wäre super. Anfragen sind immer toll, das gibt auch ein Gefühl von Sicherheit. Ich wäre ja bescheuert, fünf Angebote besser zu finden als zehn. Was ich davon annehme, ist eine andere Sache. Aber ich gucke mir alles an. Ich habe zwar noch keine fünf Kinder zu versorgen, aber am Ende muss ich von irgendwas leben.
Posted: January 7, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Differenz und Einklang
Mit seinem Tandem zweier Filme zum Thema Atomkraft will Arte die Filmtraditionen seiner Partnerstaaten zeigen, ohne in Klischees zu verfallen. Der deutsche Thriller Tag der Wahrheit mag dabei ganz anders wirken, wie die französische Komödie Das gespaltene Dorf. Was überwiegt, sind dennoch die Gemeinsamkeiten.
Von Jan Freitag
Anspruchsvolles Fernsehen, auf diesen gemeinsamen Nenner kann man sich einigen, fordert sein Publikum mit dem Ungewöhnlichen, Unverhofften, Unfassbaren. Erfolgreiches Fernsehen dagegen, auch der größere Nenner scheint unumstritten, versorgt seine Zielgruppe mit spannender, emotionaler, konsenstauglicher Unterhaltung. Wirklich gelungenes Fernsehen mit Erfolg und Anspruch dagegen schafft all dies mitunter in einem. Also doppelten Mehrwert, eine Art Zweikomponentenkleber des Entertainments, man könnte es Tandem nennen.
Auf so einem kommt Arte nun zum Jahresauftakt ins Wohnzimmer geradelt. Gemeinsam mit dem SWR haben die Partnerstaaten des deutsch-französischen Kulturkanals zwei Filme zum gleichen Thema gemacht, um „mehr über die Traditionen, Vorzüge und Eigenheiten der Nachbarländer zu erfahren“, wie es Arte-Präsidentin Véronique Cayla und ihr Vize Gottfried Langenstein beschreiben. Es geht ums Reizthema Atomkraft, das beiderseits des Rheins höchst unterschiedlich bewertet wird. Während sich östlich davon mehr als die Hälfte der Bevölkerung für einen Ausstieg ausspricht, ist es im Westen kaum jeder Fünfte. Zugleich allerdings sind die Energiebranchen beider Länder eng miteinander verflochten. Ein Widerspruch, so scheint es. Doch was, fragen Cayla und Langenstein, „könnte vielversprechender für eine spannende Film-Story sein als widersprüchliche Situationen und Charaktere?“.
Vor diesem Hintergrund sind zwei überaus verschieden Fernsehfilme entstanden, in denen es um große Themen wie Wahrheit, Lüge, Macht und Ohnmacht, aber auch um Liebe, Freundschaft, Solidarität. Zum Auftakt inszeniert Tag der Wahrheit unter deutscher Federführung die gewaltsame Besetzung eines störanfälligen Kernkraftwerks nahe der gemeinsamen Grenze. Danach geht Das gespaltene Dorf vorwiegend von Franzosen verantwortet auf Endlagersuche im Dörfchen Saint-Lassou Stelle. Die politische Ausgangslage ist also ähnlich, die filmische Umsetzung schon weniger.
Im Politthriller der Münsteraner Regisseurin Anna Justice geht es nach dem Drehbuch von Johannes Betz (Die Spiegel-Affäre) ernsthaft um den gefeuerten AKW-Arbeiter Kollwein (Florian Lukas), der zwei Jahre nach dem Tod seiner leukämiekranken Tochter den alten Arbeitsplatz mit einer Kernschmelze bedroht, falls die Betreiber nicht öffentlich ihre Schuld gestehen. Unterstützt wird er dabei von Staatsanwältin Marie Hoffmann (Vicky Krieps), die inmitten der Vorbereitungen zum Sturm des Meilers gegen das Vertuschen zahlloser Störfälle ermittelt. Trotz der Hilfe des Polizisten Jean-Luc (Benjamin Sadler) steuert der Kampf gegen die Uhr unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu. Kein Wunder, dass es wenig zu lachen gibt.
Im Gegensatz zum frankophonen Beitrag. Regisseur Gabriel Le Bomin hat sich – mit seinen Co-Autoren Eric Eider und Ivan Piettre – nicht nur eine leichtere Version des strahlenden Sujets geschrieben, er realisiert sie auch strikt komödiantisch. Auf der Suche nach einem Bergwerk zur Endlagerung atomarer Abfälle, reist Ingenieur Antoine (Laurent Stocker) von Paris aus in die idyllische Provinz und erlebt dort sein grünes Wunder. Bürgermeisterin Anne (Katja Riemann) ist nämlich eine eifrige Streiterin für die Umwelt und bläst zum Widerstand gegen den dubiosen Kernkraftkonzern AERA. Weil Stockers Auftraggeber dem klammen Dorf jedoch Geld, Arbeit und Wohlstand verheißen, rasseln die Ideologien mit fröhlichem Schwung aneinander.
Hier Action, dort Humor. Östlich des Rheins die bleischwere Last der Realität, westlich davon in federleichte Lässigkeit verpackt. Aus Deutschland (wie so oft) eine atmosphärisch bedrückende Kriminalstory im Stile von James Bridges prophetischem GAU-Drama Das China-Syndrom kurz vorm Störfall von Harrisburg 1979. Aus Frankreich (wie noch öfter) ein munteres Sozialdrama im Gedenken an Bill Forsyths Heimatschutzposse Local Hero, in der es die geplante Raffinerie eines Ölkonzern 1983 mit ähnlich verschrobenen Bewohnern der schottischen Küste zu tun kriegt.
Die Fahrer des Tandems steuern also in verschiedene Richtungen. Scheinbar. Doch es geht bei dem Projekt keinesfalls nur um Differenzen. Es geht auch um Gemeinsamkeiten. In knapp vier Stunden Action rings ums besetzte AKW biete ihr Film „wenig Raum für typisch Deutsches oder typisch Französisches“, meint die deutsche Regisseurin. Ihr französischer Kollege fügt hinzu, auch bei ihm gebe es statt national geprägter Figuren „Menschen, deren Gedanken und Gefühle wir teilen“.
So sehr sich die Filme also um soziokulturelle Distinktion und Eigenart bemühen, vereint beide doch mehr als sie trennt. Abgesehen von der Vorgabe, zwei originelle, aber unterschiedliche Filme zum gleichen Thema zu drehen, erinnert sich der Gabriel Le Bomin, „gab es kaum Auflagen“. Doch beide Teams, ergänzt Anna Justice, standen von Beginn an in so engem Kontakt, dass sich „ungewöhnlich viele Leute“ über finale Drehbuch- und Schnittfassungen ausgetauscht hätten. Gedreht wurde zudem überwiegend im südbadischen Dreiländereck der französischen Region Limousin. Und da ist noch nicht mal von den Darstellern die Rede.
Denn der französische Starkomiker Laurent Stocker ist ebenso in beiden Filmen zu sehen wie seine deutsch-luxemburgische Kollegin Vicky Krieps. Anders als das beliebte Mitglied der Comédie Française stellt sich die junge Dramatikerin, zuletzt als Holocaustopfer im Kammerspiel Das Zeugenhaus zu sehen, zumindest in Tag der Wahrheit gegen die Machenschaften der Atomwirtschaft. Die kommt im energiewendenden Deutschland schließlich ohnehin spürbar schlechter weg als im kernkraftfrohen Frankreich. Es überrascht daher wenig, dass der Laurent Stocker – als Sicherheitschef und Atomlobbyist – in beiden Filmen auf Seiten der Meiler steht, während die fundamentaloppositionelle Gegnerin des geplanten Endlagers ebenso wie die skeptische Staatsanwältin im Thriller nicht nur von Deutschen gespielt werden, sondern sogar Deutsche sind.
Auch für Krieps Rolle war ursprünglich übrigens Katja Riemann im Gespräch. „Nur wollten die Deutschen mich nicht“, sagt sie lachend. „Im Gegensatz zu den Franzosen“. Mit denen zu drehen unterscheide sich aus Sicht der Charakterdarstellerin wenig. „Filmleute sind überall auf der Welt gleich“, sagt Riemann. Nachdem sie vor 15 Jahren für die Filmbiografie Balzac erstmals in Frankreich vor der Kamera gestanden hatte, sei somit auch diese Erfahrung „fantastisch“ gewesen. Und zwar auch wegen des Themas. Hält Riemann Atomkraft doch für „gefährlich und zu absurd, um überhaupt erfunden zu werden“. Vor allem aber, gehe es sie nicht nur sie persönlich an, „sondern alle“.
Und das deutsch-französische Tandem leistet seinen Beitrag, dass es beiderseits des Rheins wieder mehr wahrgenommen wird. Mit zwei verschiedenen Filmen zum gleichen Sujet: einer zum Lachen, einer zum Fiebern, beide eng verwoben und gerade in Kombination nachhaltig wirksam. Ein filmisches Experiment über das der Kernenergie, nur ohne tödliche Nebenwirkungen. Und trotz hoher Halbwertszeit: Endgelagert werden muss das anspruchsvolle Projekt mit Aussicht auf Erfolg wohl nie.
Donnerstag: Tag der Wahrheit; Freitag: Das gespaltene Dorf, jeweils 20.15 Uhr, Arte
Posted: January 6, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
Monchi & Die Prinzen
Am 23. Januar bringt die gereifte Schülerband Feine Sahne Fischfilet ihr fünftes Album Bleiben oder gehen raus. Und wie immer in den vergangenen Jahren werden wieder Tausende von Fans dabei sein, wenn die sechs Punkrocker auf Tour sind. Die Konzerte in Hamburg und Berlin waren so schnell ausverkauft, dass Zusatzgigs gespielt werden. Grund genug, Sänger Jan Gorkow, genannt Monchi, mal zu fragen, welche Platte einen außergewöhnlichen Einfluss auf ihn hatte. Deshalb hab ich mich bei Wind und Wetter aufs Fahrrad geschwungen und ihn getroffen. Natürlich mit zwei Astra im Gepäck…
Monchi: Boa Bier…Bier mag ich echt nicht so. Nee, ich mag echt gar keinen Alkohol. Ich mag halt echt nur besoffen sein!
Der fleißig Platten verpackende, sehr freundliche Merchandise-Verantwortliche teilt gleich seine Opferbereitschaft mit, Prost also! Trotzdem bleibt die Frage, ob für Monchi der intravenöse Alkohol erfunden wurde oder wie er sonst an seinen Rausch kommt.
Na saufen halt! Ich trink dann auch Bier. Einfach alles zusammen panschen und in den Kopp hauen, so mach ich das!
Achso!
Marthe: Monchi, es geht heute um eine für Dich außergewöhnliche Platte. Welche ist das?
Die Prinzen! Ich glaub die haben so einen Sampler mit ihren besten Songs… Ganz Oben! Den find ich geil!
Ganz Oben von den Prinzen: ein Album von 1997, auf dem alle bis dahin erschienen Hits veröffentlicht wurden. Küssen verboten… Alles nur geklaut … Du musst ein Schwein sein. Also best-of plus ein paar unveröffentlichte Songs.
Als diese Platte rauskam, warst Du ja noch ziemlich jung. Wie wurdest Du auf sie aufmerksam?
Ich hab die jetzt erst bei meinen Eltern im CD-Schrank wieder entdeckt. Da waren so einige CDs, die ich früher gehört habe und geil fand. Meine Eltern hören nicht mehr so CDs, deshalb hab ich sie mir einfach mitgenommen. Früher haben meine Eltern total viel Prinzen gehört. So an Silvester mit ihren Freunden, Wolfgang Petri und die Prinzen halt. Das hab ich immer mitgehört. Ich könnte auch die ganzen Wolfgang Petri Lieder mitsingen. Na ja. Jetzt liegt die CD jedenfalls in unserem Bandbus und da höre ich sie auch wirklich oft, kein Witz!
Oha, und deine Bandkollegen und anderen Mitfahrer beschweren sich da nicht?
Monchi und auch der immer noch eifrig Platten verpackende Merchandise-Mann müssen beide laut lachen…
Nee, ich glaub… äh… na ja, schlussendlich beschweren die sich immer. Wenn ich eine CD geil finde, habe ich kein Problem damit, die fünf Stunden laufen zu lassen. Das heißt aber eigentlich, dass ich nur die Titel laufen lasse, die ich geil finde! Nach dem zweiten oder dritten Mal durchlaufen sind dann spätestens alle angekotzt. Aber ich singe dann ja erst so richtig mit!
Hattest Du denn schon einmal die Gelegenheit deine Lieblingshits live mit zu singen? Also, warst Du schon auf einem Prinzen-Konzert?
Ja! Mein Papa und meine Mutter haben mich öfter mit zu Prinzen-Konzerten genommen. Das hat mich scheinbar auch echt geprägt. Das letzte Mal war ich vor zwei oder drei Jahren oder so auf einem Konzert. Die haben so eine Kirchentour gespielt. Und da waren sie dann in Demmin und da war ich auch. Erst bin ich alleine zum Kirchenkonzert von den Prinzen nach Demmin gefahren und dann nach Neubrandenburg ins AJZ, weil Johnny Mauser da gespielt hat.
Also zuerst der typische A-capella-Gesang der Prinzenin einer Kirche und dann 50 Kilometer fahren um im alternativen Jugendzentrum dem sogenannten Zeckenrapper Mauser zu lauschen. Das ist mal eine Abendgestaltung!
Die Texte von Feine Sahne Fischfilet sind ausschließlich auf Deutsch. Ebenso die Texte der Prinzen. Ist das der einzige Berührungspunkt?
Also mir sind die Texte halt sehr wichtig. Ich will verstehen, was da gesungen wird und deshalb höre ich wirklich sehr, sehr wenig Musik mit englischen Texten. Ich kann halt nicht so gut Englisch und es kommt ja nicht viel rüber, wenn man die Texte nicht versteht. Und insbesondere die alten Alben der Prinzen finde ich halt so geil, weil da auch so politische Songs wie Bombe und so drauf sind:
- Schmierst du an die Wand eine hohle Naziparole, dann möchte ich…
- Wenn du einen ‘Kanacke’ nennst, weil du seine Sprache nicht kennst, dann möchte ich…
- Willst du allen in die Fresse hau’n und bist im Kopf schon ganz braun, dann möchte ich…
- Wenn du dir den Schädel rasierst und im Gleichschritt marschierst, dann möchte ich…
- … dann möchte ich ‘ne Bombe sein.
Und aber auch schöne Lieder, wie zum Beispiel Gabi und Klaus. Ich will halt einfach wissen worum es geht. Aber ansonsten, nee, beeinflusst haben mich die Prinzen sonst nicht so richtig.
Die Prinzen und Feine Sahne Fischfilet auf einer Bühne. Wie klingt das?
Also wenn wir jemals mit denen zusammen spielen, drehe ich am Rad! Ja, also ich würde mich auf jeden Fall freuen! Ich würde meinem Vater sagen: „Vaddern, du hast dir frei zu halten, wir spielen mit den Prinzen! Das wird ne richtig geile Geschichte!“.
Was für eine Vorstellung: Die Prinzen und Feine Sahne Fischfilet auf einer Bühne, eventuell noch gemeinsam einen Hit schmetternd! Und gerade jetzt ist das Bier ist alle…
Marthe Ruddat schreibt, studiert, kellnert, liebt Musik und führt darüber künftig einmal im Monat auf freitagsmedien ihr Zwiegespräch Zwei Bier – eine Platte, bei dem mehr oder weniger prominente Musiker und -innen aus dem erweiterten Raum Hamburg ein Album schildern, das ihr Leben nachhaltig beeinflusst hat.
Posted: January 5, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
29. Januar – 4. Dezember
Nein, es war wirklich nicht das Jahr des Fernsehens. Streamingdienste wie Netflix verbreiten Filme und Serien zu jeder Tages- wie Nachtzeit im Originalton, dass die gute alte Glotze zum Weltempfänger schrumpft. Mit ZDFkultur emigriert bald der einzig öffentlich-rechtliche Kanal mit struktureller Anziehungskraft auf Zuschauer unter 35 ins Netz. Selbst Google, Amazon, Youtube ersetzen das alte Leitmedium mit einer Art Regelprogramm ohne Regel. Kurzum: Anfang 2015 wirkt der klassische Fernseher wie ein Wachkomapatient. Dann aber schwappt der Der Medicus aus dem Kino in die ARD und was geschieht? Fast acht Millionen Leute – ein erheblicher Teil jünger als 35 – schalten um 20.15 Uhr ins Erste und verpassen dem Rentnersender eine Quote wie beim Tatort, was sich wenige Tage drauf bei der seifigen Weltmeisterhuldigung Die Mannschaft gleich noch mal wiederholt.
Einfach unberechenbar, dieses Publikum. Zumindest in dem Fall. Absolut berechenbar war hingegen die Auswertung der Gesamtquoten 2014. Dank politischer Dauerkrisen, Winterspielen und der alles überragenden Fußball-WM stieg der Marktanteil von ARZDF auf gut ein Viertel. Gemeinsam mit Ablegern von Arte über Phoenix bis zu den Dritten (wo der NDR mit bundesweit 2,5 Prozent den Spitzenwert erzielte), schaffen es gebührenfinanzierte Kanäle insgesamt auf knapp die Hälfte des Publikums ab drei Jahren. Es ist zwar kaum zu erwarten, dass dies im sportärmeren 2015 zu halten ist; doch dass RTL nach dem schwächsten Zuspruch seit 1989 oder Pro7, der den langjährigen Zuschauerkrösus dennoch nicht überholen konnte, nennenswert aufholt, ist es noch viel weniger. Dafür wird schon das Internet sorgen.
Die Zukunft hat eben längst begonnen.
Die Frischwoche
5. – 11. Dezember
Auch auf Arte, das diese Woche ein zukunftsweisendes Experiment startet: Der bilinguale Kanal hat zwei Filme zum Thema Atomenergie in Auftrag gegeben, die kulturelle Besonderheiten seiner Partnerländer aufzeigen sollen. Unter deutscher Federführung läuft Donnerstag Tag der Wahrheit mit Florian Lukas, der ein Pannen-AKW besetzt und dabei keine Zeit für heitere Zwischentöne lässt. Ganz im Gegensatz zu Das gespaltene Dorf tags drauf, wo Katja Riemann unter französischer Ägide die Bürgermeisterin eines Grenzdorfs verulkt, dessen Probleme durch ein Endlager unterm idyllischen Ortskern gelöst wären. Hier ein Thriller, da eine Komödie, beides sehenswert. Doch besser fahren würde das Tandem, wenn es beiderseits des Rheins um dieselbe Story ginge. So regiert das Stereotyp: Franzosen können komisch, Deutsche eigentlich nur ernst.
Mit der Sitcom Bettys Diagnose zeigen sie zwar ab Freitag (19:25 Uhr, ZDF), dass es hierzulande – wenngleich mit dem ausgelutschten Thema toughe Krankenschwester (Bettina Lamprecht) vs. selbstgerechter Chefarzt (Maximilian Grill) – sogar am Vorabend leidlich lustig zugehen kann. Hiesige Spezialität bleibt aber das Drama. Etwa der ARD-Mittwochsfilm Nie mehr wie immer, in dem Franziska Walser eine Frau spielt, die an der dunklen Vergangenheit ihres Mannes (Edgar Selge) zu zerbrechen droht. Dass sie ihre Figuren wahrhaft verkörpern, statt bloß zu spielen, liegt dabei nicht nur daran, dass beide auch real ein Paar sind; es hat mit der hiesigen Affinität zur sozialkritischen Seriosität zu tun – die natürlich im Krimi besonders zum Ausdruck kommt. Wie beim Tatort Dortmund, der sich diesmal so wahrhaftig ins rechtsextreme Lager begibt, dass Hydra Pflichtprogramm für alle Pegida-Fans sein sollte. Vielleicht kapieren die so, wo ihr bourgeoiser Alltagsrassismus letztlich endet.
Fast dokumentarische Fiktion, strikt dem Entertainment verpflichtet – das können allerdings auch echte Sachfilme. Etwa Tatort Kreisklasse, mit dem die ARD Mittwoch (22.45 Uhr) die grassierende Gewalt auf den Fußballplätzen unterer Ligen skizziert. Weniger dramatisch, aber ähnlich gehaltvoll: Hier sind die Roboter, eine famose Doku über den globalen Einfluss der Elektro-Pioniere Kraftwerk (Donnerstag, 22.45 Uhr, RBB). Dazwischen rangiert Im Rausch, der Mittwoch um 21.50 auf Arte erkundet, wie die Kulturgeschichte seit 200 Jahren von Drogen beeinflusst wird. Auch 12.378 km Australien des Moderators auf Abwegen Sven Furrer (7., 9., 12. Januar, 20.15 Uhr, 3sat) sind unterhaltsam und lehrreich zugleich wie The Internet’s Own Boy über den gefeierten Online-Aktivisten Aaron Swartz, der 2013 nach jahrelangem Kampf um die Freiheit des Netzes Suizid beging. Leider läuft so was dann tief in der Nische auf ZDFinfo, Dienstag um 1.05 Uhr und Mittwoch, 9.30 Uhr. Aber immerhin.
Dafür schaffen es die Tipps der Woche zur Primetime: Im Zeichen des Bösen (Donnerstag, 22.25 Uhr, 3sat) von 1957 mit dem schwarzweißen Orson Welles als manipulativer Polizeichef. Und von 1975, also schon farbig: Milos Formans Einer flog über das Kuckucksnest, am Sonntag auf Arte.
Posted: January 3, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Arme Nachtigall
Seit Jahren schon fordern Schüler, Eltern, Lehrer, ja selbst Poltik und Wissenschaft einen späteren Unterrichtsbeginn. Als eine der ersten Schulen in Deutschland probiert es das Gymnasium Marienthal im Hamburger Mischbezirk Wandsbek gerade aus – und schwärmt trotz guter Gegenargumente vom Resultat.
Von Jan Freitag
Schule, so weit die Theorie, ist ein Hort des Lernens, der Bildung, von Wissen und Gemeinschaft. Erst hier wird der Mensch zum Menschen. In der Praxis hingegen wird er vorab zum Zombie. Zumindest frühmorgens, so gegen sieben, halb acht, wenn die ersten Bildungsmenschen ausgemergelt das Anstaltsgelände füllen. Man muss gar keine eigenen Kinder im frühaufstehpflichtigen Alter haben, es reicht völlig aus, sich an die eigene Schulzeit erinnern, um dieses Gefühl wachzurufen: Wenn das Weckerklingeln wie Kreissägen in todmüden Ohren schmerzt. Wenn nach der letzten Wende im Kissen die Mutter ruft, erst nett, dann laut, zum Schluss physisch verstärkt: Decke hoch, jetzt aber mal raus aus den Federn, Mathe-Arbeit um acht, wird’s bald?
Jahrzehnte, ach: Jahrhunderte begann landauf landab so der Schultag: müde Augen, miese Laune, reichlich Frust. Schüler, Eltern, Lehrer, Schlaf- wie Bildungsforscher, ja selbst die prinzipientreue Politik – längst mögen sie alle den unzeitgemäßen Beginn an deutschen Schulen beklagen: Unterricht ab acht Uhr gilt seit Rohrstockzeiten als unantastbar. Kein Wunder, dass die ersten Hamburger Schulen nun selbst Hand an den Stundenplan legen. Zum Beispiel in Marienthal.
Seit Sommer beginnt der Tag am dortigen Gymnasium 30 Minuten später. Unterrichtet wird im Nordosten nun erst ab halb neun. Und das, schwärmt Schulleiterin Christiane von Schachtmeyer ausgeschlafen, „finden hier eigentlich alle genial“. Dabei ist die neue Anstoßzeit bloß Teil eines Gesamtkonzeptes, mit dem die Ganztagsschule im Rahmen der G8-Debatte umstrukturiert wird. Spätbetreuung, Themenverdichtung, Nachbereitung, Fächerreduzierung – in einem zweijährigen Diskussionsprozess aller Beteiligten sei vieles auf den Tisch gekommen, „was Stress rausnimmt“, wie es die Direktorin ausdrückt. „Doch den Kindern“, fügt sie lachend hinzu, „war natürlich besonders der spätere Unterrichtsbeginn wichtig.“ Da kann Alina Limniatis nur zustimmen. Weil die 17-Jährige und ihre Mitschüler „wacher sind und aktiver in den Alltag starten“, erzählt die Schülersprecherin aus der Praxis, „ist die Stimmung im Klassenraum deutlich besser“. Das bestätigt auch Sabine Fiegen. Die örtliche Elternratsvorsitzende verweist jedoch darauf, dass sich „wie alle Neuerungen auch dieses Projekt im Laufe der Zeit erst beweisen“ müsse.
Zurzeit läuft am Gymnasium im Mischbezirk Wandsbek – das Hamburgs Schulindex KESS etwas näher an Brennpunkt als Ponyhof einstuft – die Evaluation. Schon jetzt, betont Christiane von Schachtmeyer, reiche allerding ein kurzer Blick in die Gesichter am Morgen. „Wie gut der Biorhythmus mit dem späteren Termin zurechtkommt, sieht man sofort.“ Wissenschaftliche Erkenntnisse hätten bei der neuen Taktung daher nur die Nebenrolle gespielt. Außer Acht lassen kann man sie indes nicht, das weiß auch die Lehrerin für sozialwissenschaftliche Fächer wie Deutsch und PGW.
Ungewolltes Frühaufstehen, darüber herrscht unter Bildungsexperten ebenso Konsens wie unter Entwicklungspsychologen oder Schlafforschern, schadet der schulischen Leistung enorm. Und nicht nur ihr. Konzentrationsmängel, Wachstumsstörungen, Stimmungsschwankungen bis hin zur Depression – zu wenig Schlaf ist gerade für ruhebedürftige Teenager nicht nur tägliches Ärgernis, sondern echtes Risiko. Vor allem Jürgen Zulley, Professor für biologische Psychologie an der Uni Regensburg, trommelt unermüdlich für mehr Rücksichtnahme auf Teenager, deren Pubertät zuweilen sedierender auf den Kreislauf wirkt als Beruhigungsmittel. Acht Stunden sollte ihr Schlaf währen, eine mehr als bei Erwachsenen. Nur: dem steht oft das nächtliche Verhalten Jugendlicher im Wege, die nach der Grundschule zusehends von aufgeweckten Singvögeln zu nachtaktiven Eulen mutieren.
Während Neunjährige nach Erkenntnissen der Verhaltensforscherin Stephanie Crowley von der Rush University Chicago um 21.30 Uhr zu Bett gehen und neun Stunden später erwachen, rückt der Zeitpunkt am Abend alle zwei, drei Jahre eine halbe Stunde vor, ohne morgens kompensiert zu werden. Mit 17 geht das Licht dann nach elf aus, zu spät, um gemeinsam mit dem deutschen Durchschnitt gegen 6.16 Uhr fit in den Arbeitstag zu starten.
Weil die Bereitschaft zum Normverhalten gerade im Rebellionsalter sinkt, weil das Gehirn überdies tagsüber erworbenes Wissen im Tiefschlaf Richtung Langzeitgedächtnis verschiebt, weil Schlafmangel also letztlich „krank, dumm und dick machen“ könne, schlägt Zulley den Marienthaler Lernbeginn als Standard vor. Recht geben ihm diverse US-Studien, deren Schulprobanden dank verlängerter Nachtruhe aufnahmefähiger waren, seltener blau machten und nur in Ausnahmefällen später einschliefen. 8.30 Uhr sei daher keinesfalls das Ende der Weckanzeige, meint Jürgen Zulley und plädiert für die Neun.
Und damit zählt er noch nicht mal zu den radikaleren Stimmen. Der Frankfurter Neurobiologe Peter Spork zum Beispiel geht in seinem viel beachteten Buch „Wake up! – Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft“ zumindest für die Oberstufe noch eine Stunde weiter und weiß sich im Einklang mit skandinavischen Modellen, die sogar individuelle Gleitzeit erproben. Bildungspolitiker sind da naturgemäß weniger radikal. Doch auch Hamburgs Schulsenator Ties Rabe wirbt – zumindest ab Klasse 7 – für 8.45 Uhr. Während Berlins Schüler mindestens eine Dreiviertelstunde früher zum Unterricht müssen, überlässt Hamburg die Entscheidung allein den Konferenzen der 310 staatlichen Allgemeinschulen. Die Autonomie geht so weit, dass die Schulbehörde nicht den blassesten Schimmer hat, welche Schulen ihren Unterreicht bereits verschoben haben. Rabes Rat bleibt also eine reine Empfehlung. Trotzdem zeugt sie vom veränderten Klima einer Debatte, die erst seit kurzem frischer Wind durchweht. Von beiden Seiten.
Schließlich gibt es keinesfalls nur gute Argumente für Langschläfer. Auch Frühaufsteher haben welche, und sie kommen nicht nur von Traditionalisten. Am Berliner John-Lennon-Gymnasium etwa hat vor vier Jahren die Mehrheit der Schüler gegen späteres Lernen votiert, also für mehr Nachmittagsfreizeit. Und wie sein Dienstherr würde Hamburgs Schulbehördensprecher Peter Albrecht den ersten Gong für Teenager zwar ebenfalls erst kurz vor neun läuten lassen. Zum Ausgleich müsse aber jede Schule für Kinder berufstätiger Eltern mit frühem Dienstbeginn „eine Betreuung vor Unterrichtsbeginn sicherstellen“. Das fordert auch der Bildungsforscher Manfred Pretzel, Leiter der deutschen Pisa-Studie, die einen messbaren Zusammenhang zwischen ausreichendem Schlaf und erfolgreichem Lernen konstatiert.
Doch da kann ihn Christiane von Schachtmeyer beruhigen. Die Marienthaler Direktorin bietet einen Frühdienst inklusive kostenlosem Frühstück zur gewohnten Zeit vor acht an. Derzeit nutzen ihn rund 30 Kinder. Zudem sei die halbe Stunde Extraschlaf ein sorgsam austarierter „Kompromiss zwischen Psychologie und Realitätssinn“: Lang genug, um im dunklen Winter bei Tageslicht zur Schule zu gehen, kurz genug, um „Platz zum Stauchen“ des Stundenplans zu lassen, wie sie es nennt.
Statt den Unterricht zulasten des freien Nachmittags en bloc zu verschieben wurde die Mittagspause von 75 auf 60 Minuten gekürzt und der Blockunterricht verdichtet. Auch da gab es zwar Einwände von Lehrer-, Eltern-, Schülerseite, erinnert sich die Verantwortliche an den langwierigen Aushandlungsprozess; problematisch sei etwa der Nahverkehr, dessen Fahrplan nicht ebenfalls, wie die Umstrukturierung in schönstem Konsensdeutsch heißt, „kindgerecht rhythmisiert“ wurde. Anders als in Flächenländern wie Baden-Württemberg, wo zum hergottsfrühen Beginn oft ewige Anreisen hinzukommen, ist das jedoch selbst in den Randbezirken des urbanen Raums ein lösbares Problem.
Und so überwiegt im Gymnasium Marienthal, das wegen seines chinesischen Sprachangebots auch entlegene Schüler anlockt, die Freude über 30 symbolische Minuten mehr Zeit, die nicht nur psychologisch nutzen, sondern ganz real. Selbst Christiane von Schachtmeyer genieße es trotz ihrer 52 Jahre „wie ein Teenager, morgens länger für mich zu haben“. Allerdings ist sie sich nun des Neids ihrer Tochter gewiss. Im nahen Schleswig-Holstein beginnt deren Unterricht eine Dreiviertelstunde früher. Arme Nachtigall.
Der Artikel ist vorab bei Zeit:Hamburg erschienen
Posted: January 1, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Super Vergleiche!
Am Weimarer Ermittler-Team scheiden sich die Tatort-Geister. Fans sehen in Nora Tschirner und Christian Ulmen die Rettung des vergreisenden Formats, Kritiker befürchten nachhaltige Verulkung. Fall zwei Der Irre Iwan steckt am Neujahrsabend irgendwo dazwischen – so wie man zwischen diesem Duo Infernale der Schlagfertigkeit steckt, wenn man sich auf ein Interview mit ihm einlässt. Und dann auch noch im Gehen vom Hotel zum Hamburger Hauptbahnhof…
freitagsmedien: Nora Tschirner und Christian Ulmen, zwei Kinostars aus der Fernsehnische wie sie machen öffentlich-rechtliches Abendprogramm. Das ist eigentlich nicht Ihr Biotop oder?
Nora Tschirner: Schon mal falsch. Unser Biotop ist Unterhaltung und als man uns versichert hat, es würde unterhaltsam, haben wir das nachgeprüft und zugesagt. Fertig. Außerdem kannten wir einen der Autoren.
Christian Ulmen: Ich kannte den, nicht du, Tschirner. Mal lieb bei den Fakten bleiben, ja!
Tschirner: Gut, nachdem Christian sich also für ihn verbürgt hatte, war ich auch dabei. Uns beiden ist nämlich völlig wurscht, wo was ist, also privat oder öffentlich-rechtlich. Nicht wurscht ist uns dagegen, was was ist.
Ulmen: Außerdem habe ich großartige Erfahrungen mit Öffentlich-Rechtlichen gemacht. Ob die nun groß sind, eher klein oder sogar Radio, ist da eigentlich egal, denn empfangbar sind die ja alle
Selbst der Tatort, der altgedienten Schauspielern einst als Preis fürs Lebenswerk verliehen wurde, nicht jüngeren in der Blüte ihrer Karriere?
Tschirner: Selbst der. Aber ernsthaft: Wenn du uns mal ansiehst und das, was wir bislang gemacht haben – hast du dann das Gefühl, wir hätten schon in der Schule getan, was wir cool finden oder erst mal alle anderen gefragt, ob die das cool finden?
Letzteres, ganz klar!
Ulmen (lacht): Hat er Recht.
Tschirner: Richtig. Deshalb haben wir uns erst mal von allen bestätigen lassen, wie lässig der Tatort ist und dann zugesagt.
Ist das denn überhaupt ein Tatort?
Ulmen: Selbstverständlich. Steht ja drauf.
Tschirner: Gegenfrage: was ist Tatort generell? Ich hab das Buch gelesen, fand es unterhaltsam, das war’s. Ob und wie wir das nun vorm Internationalen Etikettenschwindelgerichtshof durchkriegen, wird sich zeigen. Aber wir haben Top-Anwälte.
Ulmen: Nora sagt immer alles, was zu sagen ist. Da kann ich dann nur noch zustimmen. Für mich ist der Tatort nicht viel mehr als ein bekanntes Format mit einer noch bekannteren Titelmelodie.
Tschirner: Und die variieren wir darin zur Genüge. [geht bei Rot über die Ampel]: Kommt, das dürfen wir, wir sind bei der deutschen Fernsehpolizei.
War es bei dieser Hauptrollenbesetzung klar, dass es ein witziger Tatort werden würde?
Ulmen: Es gab vorher keine Spezifikation in ernst oder lustig; es gab nur eine Geschichte, die mal lustig ist und mal ernst, genau wie Noras und mein und wahrscheinlich auch Ihr Leben. Die Fette Hoppe ist abgesehen vom Titel kein Comedy-Tatort, sondern so, wie er ist.
Tschirner: Ich finde noch nicht mal, dass es ein sonderlich witziger ist. Er hat einen besonderen Tonfall, an dem man ihn vielleicht von anderen unterscheiden könnte.
In der Art des Tatort Münster.
Ulmen: In unserer Art. Vergleichen hilft nicht immer, sondern verwirrt eher und wird niemandem gerecht. Außerdem habe ich bis zur Anfrage zu unserem Tatort lange keinen mehr gesehen. Nicht aus Desinteresse oder weil er nicht gefiele, sondern weil er irgendwie meiner Sehgewohnheit abhanden kam, als ich Mitte 20 war. Jetzt ist er wieder da! Heute lade ich mir alles runter, kaufe eine Menge, sehe viel, aber selten im laufenden Fernsehprogramm. Für Fiktion mag ich keine bestimmte Uhrzeit, die hole ich mir runter, wenn ich’s brauche. [Tschirner prustet] Nora, bitte, beachte deinen Humor!
Würden Sie sich eigentlich überhaupt als Humoristen bezeichnen?
Ulmen: Schwer zu sagen. [Ein Kind hält vor Ulmen an, blickt ihm in die Augen, sagt laut Mama und geht vorbei]
Tschirner: Das ist eine Humoristin. Hoffe ich, lieber Christian… Aber so ungern ich mich selber einordne, träfe es das wohl am ehesten; weil ich in diesem Fach am penibelsten, erfahrensten und, ja, am besten bin. Ich halte mich allgemein für eine gute Schauspielerin, aber Humor interessiert mich auch analytisch besonders. Deshalb mache ich das, seit ich vier bin.
Als Klassenclown?
Tschirner: Hab ich versucht, war aber schwierig und ging meist in die Hose. Bei meinem wichtigsten Karriereschritt war ich schon 16, da haben meine Cousins zum ersten Mal über einen Witz von mir gelacht.
Ulmen: War bei mir genauso.
Tschirner: Im Ernst?
Ulmen: Ja. Erst als Noras Cousins über meine Witze gelacht haben, wusste ich: du hast es geschafft.
Tschirner: Witzig. Aber für Frauen ist es vielleicht auch schwerer, mit Humor zu landen. Einfach, weil es so wenige davon gibt, die es wegen ihres Eitelkeitsstockes im Arsch überhaupt mal versuchen. Wir sind eben oftmals lieber niedlich, süß und duftend, als den Inhalt vors Äußere zu stellen, was von der Gesellschaft auch nach Kräften gefördert wird.
Ulmen: Wobei Nora ja nun wirklich niedlich, süß, duftend und dennoch witzig ist. Weibliche Figuren des Humors wie Cindy aus Marzahn oder Marlene Jaschke steigen dagegen sehr bewusst aus der Attraktivitätskiste, um in der männerdominierten Comedy nicht nach anderen Maßstäben bewertet zu werden.
Es gäbe da noch Martina Hill und Anke Engelke.
Ulmen: Stimmt. Aber das war’s dann.
Tschirner: Super Vergleiche, läuft gut für mich.
Läuft es auch im ernsten Fach oder ist das nach ein paar Jahren im Filmhumor irgendwann unbetretbar?
Tschirner: Das würde voraussetzen, dass es mich strategisch in ein „rein ernstes Fach“ zieht. Tut es aber nicht. Mich interessieren gute Drehbücher, und die sind bislang vorwiegend heiter. Komischerweise spiele ich in England und Spanien melancholischere Rollen. [zu Ulmen] Sag mal, liest du Zeitung?
Ulmen: [blättert beim Gehen in der FAZ] Überhaupt nicht.
Tschirner: Hah! Aber ehrlich: Für mich ist das alles eins, hat mit Timing, Tonfall, Ausdruck zu tun, und solange es nicht dieser typisch deutsche Klamauk ist…
Keinohrhasen zum Beispiel.
Tschirner: Moooment! Das war nicht nur Klamauk. Was ich meine, ist dieser Loriot-Humor, der seinen Witz ganz fein am Ernst des Lebens entlang sucht. Davon gibt es bei uns viel zu wenig, weil man hier glaubt, zwischen „alles komisch“ und „alles ernst“ müsse grundsätzlich entscheiden werden. Ziemlich beste Freunde wäre in Deutschland unmöglich. Filme, mit starken Opfern, sympathischen Fieslingen – alles schwierig. Aber Keinohrhasen ist z.B. nicht nur ulkig, da gibt es…
Ulmen: Da haben Sie jetzt ein Fass aufgemacht.
Tschirner: Nee… Ja… Hihihi. Aber ernsthaft – der hatte jawohl Facetten.
Und ein gutes Drehbuch, was hierzulande als größter Mangel gilt. Spielen Sie im Tatort stur nach Vorlage oder ist vieles das, wonach es oft klingt: Improvisation?
Ulmen: Nein, nein – alles vom Blatt gespielt.
Tschirner: Ein gutes Skript inspiriert Schauspieler dazu, an den Schrauben zu drehen. Diesen Vorgang „Improvisation“ zu nennen ginge zu weit.
Ulmen: Aber sie ist schon dabei; in den Stellproben ist da einiges entstanden.
Tschirner: Aber das sind Weiterentwicklungen.
Ulmen: Keine echten Veränderungen.
Wenn man Ihnen so zuhört, scheinen Sie sich nicht nur ewig zu kennen, sondern auch blind miteinander zu funktionieren.
Tschirner: Deshalb kommunizieren wir auch absolut ausgewogen und lassen einander gleichermaßen zu Wort kommen. [Ulmen dreht sich lachend weg] Was?!
Ulmen: Wir können das Timing des anderen gut einschätzen und sagen uns offen, wenn etwas zu ändern ist.
Tschirner: Und wir haben eine große Humorkongruenz.
Ulmen: Humor… was?
Tschirner: Neulich waren wir zum Beispiel gemeinsam bei Dalli Dalli und haben uns die ganze Zeit beeiert. [zu Ulmen] Nee, jetzt geht der auch noch telefonieren. Christian! Wir haben jetzt allerdings keine klassische Freundschaft, eher eine sporadische, dann aber intensive Verbindung, die schon mal zu ewigen SMS-Dialogen führt oder stundenlangen Gesprächen im Wohnwagen, wenn uns irgendwelche Dreharbeiten zusammenschmeißen. Aber wir gehen nicht ständig abends einen trinken und wälzen Probleme.
Sie haben also nicht gleich um ein Gespräch gebeten, wie bescheuert es für vernunftbegabte Wesen ist, für den Regenwaldabholzer McDonalds Werbung zu machen?
Tschirner: Na, zum Glück kommt Christian bis jetzt ganz gut ohne Mutti-Einmischungen von mir über die Runden. [Wieder Richtung Ulmen] Jetzt könnte er mal auflegen oder? Ey, hier ist grad Termin, kein Privatleben.
Das Sie beide im Übrigen sehr gekonnt vor den einschlägigen Medien verbergen.
Tschirner: Ja.
Ist das ein Kampf.
Tschirner: Kampf klingt, als würde man ständig in Kriegsbemalung rumlaufen. Ich betrachte es eher als Sport, manchmal erschöpfend, aber ich bin darin mittlerweile so gut, dass ich easy alle Flanken in den Strafraum Volley abwehre. Deshalb merken langsam selbst die dümmsten Boulevardmedien, dass mit der Tschirner nix läuft. Und wenn sie es doch versuchen, was ich grundsätzlich legitim finde, hab ich halt meine 200.000 Antworten parat.
Ulmen: [kommt zurück] Und das, wo sie so introvertiert ist.
Haben Sie eine generelle Berührungsangst zum Boulevard?
Tschirner: Er hat seine Daseinsberechtigung, aber es gibt Unterschiede im Tonfall, weshalb ich mit Redaktionen ungern rede, sobald sie zur Häme neigen. Häme kann ich nicht ab.
Ulmen: Wer ungefragt fotografiert und intime Momente veröffentlicht, ist ein Sausack und gehört verklagt. Es gibt aber auch Boulevard-Geschichten, die Stil haben und sehr gut unterhalten.
Tschirner: Blöd nur, dass man ihm nicht den kleinsten Finger reichen darf.
Ulmen: Das Absurde juristische Argument geht so: Wer einmal irgendwo in einem Interview eine Bemerkung aus dem Privatleben fallen lässt, der habe seine Intimsphäre zum öffentlichen Interesse gemacht und müsse fortan in kauf nehmen, dass in seinem Privatleben recherchiert und fotografiert würde. Das führt dazu, dass man sich permanent auf die Zunge beißt und tolle, passende Anekdoten aus dem Kinderzimmer zurückhält. Bislang habe ich nicht mal das Geschlecht meines zweiten Kindes verraten. Das nervt. Ich möchte selber entscheiden dürfen, was ich öffentlich mache und was nicht. Wenn du auf einer Gartenparty deinen Nachbarn von deinen Hämorriden erzählst, haben die ja auch nicht das Recht, dir fortan in den Hintern zu fotografieren. Ich würde manchmal gern mehr erzählen.
Zum Beispiel, ob Sie sich schon mal geküsst haben.
Tschirner: Haben wir. Filmisch. Wild rumgeknutscht sogar, in FC Venus.
Ulmen: So, das war’s. Schluss mit den Intimitäten. Und wenn Sie mehr über meine Rolle als Regenwaldabholzer wissen mögen, so sprechen Sie mich nächstes Mal einfach drauf an, so als vernunftbegabtes Wesen und mutiger Journalist.
Sie haben ja ständig telefoniert, als die Frage kam.
Ulmen: Trotzdem entstünde da vielleicht sogar ein Dialog. Jetzt müssen wir aber auch erstmal wieder los. Bis andermal!
Posted: December 31, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Katzen, Götter, Weltherrschaft
Das Fernsehjahr 2014 war mal schön, mal schlimm, also immerhin abwechslungsreich. Ein Rückblick mit Aussicht auf das, was kommt.
Von Jan Freitag
Der Mensch an sich mag Happyends. Vor die Wahl gestellt wird, erst die gute oder schlechte Nachricht zu hören, entscheidet er sich daher stets für letztere, um erstere hernach zu lindern. Auch das Fernsehen funktioniert so. Oder gab’s 2014 eine messbare Anzahl Filme ohne seligen Ausgang? Eben! Wer das TV-Jahr resümieren will, tut also gut daran, mit den schlechten News zu beginnen, was das Medium unerträglich macht und nicht für Um-, sondern Abschaltimpulse sorgt.
Genau das dürfte passiert sein, als das ZDF zum Auftakt Sascha Hehn auf die Traumschiff-Brücke beorderte und Josefine Preuß als Pilgerin in eine öffentlich-rechtliche Kopie der kommerziellen Wanderhure. Als Gebührenzahler dachten da viele, schlimmer könne es nicht kommen. Doch es kam schlimmer, viel schlimmer. Inspector Jury belegte an gleicher Stelle, wie viele Klischees in einen einzigen Serienpiloten passen. Im April machte die ARD Daniela Katzenberger zur Heldin des Mundartkrimis Frauchen und die Deiwelsmilch und vergaß vor der Mediatoren-Serie Paul Kemp, einfach mal mit einem Mediator zu sprechen, wie das Mediatieren überhaupt geht. Das Zweite dagegen vergaß zugleich, dass miese Bücher wie Friesland dank Florian Lukas allein nicht lustig werden. Und bei solch teurer Neuware ist noch nicht mal von Billigkopien die Rede, mit denen viele Kanäle selbige verstopfen. Nach EWG und Dalli, Dalli wurden nun Geld oder Liebe und Am Laufenden Band aus der Gruft gezerrt, was JBK an Einfallslosigkeit aber übertraf, als nicht wie versprochen das Publikum wählte, wer Deutschlands Beste seien, sondern die Präsenz der Prämierten im Studio.
Man könnte noch mehr aufzählen, viel mehr. Jene Fempics zum Beispiel, mit denen Frauen wie der Grundgesetzmutter Selbert oder der Chemikerin Immerwahr Filmdenkmale gesetzt werden sollen, die zu Zeugnissen pathetischer Ödnis gerieten. Man könnte sich den Privaten widmen, die ihren Hang zum dramaturgischen Durchfall mit von Knastarzt, Bachelorette und Henning Baum als Götz von Berlichingen (RTL) bis hin zu Hebammen, Schlikker-Frauen und Wayne Carpendale bei Deal or no Deal (Sat1) bewiesen. Man könnte sich aufregen über Pro7, wo Elton Millionäre wählen ließ, oder Vox, wo Schwarze unter Einsatz rassistischer Stereotypen zu Eisläufern trainiert wurden. Man könnte also permanent klagen – oder endlich zu den guten Nachrichten kommen.
Denn davon gab es auch 2014 genug. Etwa, dass man eine hirntote Serie wie „Fall für zwei“ mit frischem Personal beleben kann, was satirisch auch bei der Anstalt gelang. Oder dass Vox die fremdschamfreie Musikshow Sing my Song gelungen ist. Auch dass Dominik Graf seine Sehenswürdigkeit Die reichen Leichen im BR uraufgeführt hat. Und dass Krimi dank des Theater-Tatorts Im Schmerz geboren, ganz zu schweigen von Roeland Wiesnekker als Täter ohne Opfer in Mörderische Hitze doch überraschen kann. Wenngleich weniger als Francis Fulton-Smith. Wie Kai Wiesinger als Christian Wulff (Sat1) spielte er Franz-Josef Strauß in der Spiegel-Affäre so überzeugend, dass die Realität durch den Bildschirm blickte und sprach: Das bin ja ich!
Charly Hübner als überforderter DDR-Grenzer an der „Bornholmer Straße“, Matthias Brandt als viril scheiternder Präsidentschaftskandidat (Männertreu), Ulrich Tukur als pädophiler Odenwald-Direktor und ein grandioses ZDF-Ensemble im Entnazifizierungskammerspiel Zeugenhaus – sie alle machen Wirklichkeit fiktional so fühlbar, dass die Grenze zur Dokumentation verwischt.
Wenn auch nicht ganz. Dafür sorgte vor allem Arte, wie in der Reportage 24 Stunden Jerusalem, im Weltkriegspuzzle 14 Tagebücher oder im Summer oft the 90s mit Scooter als Moderator eines aberwitzigen Jahrzehnts. Auch die Muttersender zeigten da Bemerkenswertes. Doch so manch famoser Sachfilm à la Putins Spiele legte gleichsam ein Dilemma offen: Um die deutschen Medaillenträume nicht zu stören, lief die fabelhafte Demaskierung des olympischen Irrsinn von Sotschie zur Nacht. Ähnlich war es bei der Fußball-WM, wo die hyperpatriotischen Jubelperser vom schlichten Hasan Salihamidzic über die zappelige Britta Heidemann bis zur devoten Katrin Müller-Hohenstein belegten, dass es ARZDF nie um Sport, sondern bloß Party geht.
Wie gut, dass 2015 keine größere ansteht.
Anstehen tut dagegen der übliche ZDF-Event zum Jahresauftakt, in dem das biedere DDR-Bashing Tannbach ab Sonntag 270 quälende Minuten lang am deutschen Opfermythos bastelt. Mit der medizinischen Multikulti-Serie Sibel & Max könnte dem Zweiten dagegen tags zuvor endlich mal wieder Qualität am Vorabend gelingen. Und ab 20. Februar tritt Moritz Bleibtreu in Schirachs Schuld die würdige Nachfolge Josef Bierbichlers an. Noch was? Ach ja: Nico Hofmanns groß angekündigten Ost-West-Spionage-Achtteiler mit dem patriotischen Deppentitel Deutschland hat sich RTL gesichert, während das ZDF parallel zu Thomas Gottschalks Moderation von 50 Jahre Goldene Kamera am 27. Februar allen Ernstes über die Fortsetzung von Wetten, dass…? diskutiert. Bald darauf dann ermittelt in Nürnberg das 2863. Tatort-Team, ZDFkultur und EinsPlus wandern ins Internet, während der Ableger Neo seine erste Sitcom Im Knast produziert, gefolgt von einer Drama-Serie im US-Stil, die natürlich von der Originalquelle ansehnlicher sein dürfte, was das Breaking-Bad-Sequel Better Call Saul mit Walther Whites aberwitzigem Anwalt belegen dürfte. Bad news gewohnt zuletzt: Nachdem Amazon ab März die postapokalyptische Reihe The After im eigenen Videodienst verbreiten wird, übernimmt Netflix mit der Seriensuperpower des Marvel-Helden Daredevil die Weltherrschaft und sperrt alle Fernseher in dunkle Kellerlöcher. Frohes neues Fernsehjahr!
Posted: December 29, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
22. – 28. Dezember
So, das Medienjahr geht zu Ende, das wie selten eines zuvor im Schatten des Abschieds stand. Abschied von der trügerischen Gewissheit, Nachrichten müssten keine europäischen Kriege mehr vermelden. Abschied auch vom romantischen Glauben, die Tagesschau vermelde nur wirklich Mitteilenswertes wie solche Katastrophen. Und Abschied von vertrauten Begleitern der Abendunterhaltung, die sonderbar unvergänglich erschienen. Drei Namen stehen da stellvertretend fürs Medienjahr: Wladimir Putin, Johann Westhauser und, nein, nicht Markus Lanz, sondern Blacky Fuchsberger.
Der russische Präsident stürzte mit seinem nationalistischen Egotrip auf Krim und Donbass den halben Erdball in die Krise und war daher zu viel, aber völlig zu recht auf dem Bildschirm. Der österreichische Höhlenforscher versetzte mit seinem verpatzten Egotrip in menschenfeindliche Tiefen die halbe Nachrichtenwelt in Aufruhr und war daher zu viel, und das völlig zu unrecht auf dem Bildschirm. Der einstige Showmaster starb einen unspektakulär friedlichen Tod und verlässt den Bildschirm somit für immer.
So wie ein paar andere TV-Monolithen vergangener Epochen: Maximilian Schell und Mareike Carrière, Frank Schirrmacher und Robin Williams, Peter-Scholl Latour und Siegfried Lenz, Udo Reiter und zuletzt einer, der trotz seiner 80 Jahre kein Alter kannte: Udo Jürgens. Umso eifriger überholten sich die Sender mit Nachrufen auf den wohl letzten wahrhaft zeitlosen Entertainer und ernteten dafür auch noch sensationelle Quoten mit Dokumentationen, die erst Wochen zuvor Premiere hatten. Fernsehen, das unbekannte Wesen. Einerseits.
Die Frischwoche
29. Dezember – 4. Januar
Andererseits hat es Seiten, die berechenbarer sind als Silvester, Feuerwerk und Dinner for One zusammen. Tannbach zum Beispiel, der nächste Zeitgeschichtsschinken rund um irgendwas mit Hitler gedreht. Ein Staraufgebot von Nadja Uhl über Lauterbach, Gedeck, Zehrfeld bis hin zu den Nachwuchskräften Henriette Confurius oder Jonas Nay spielt ab Sonntag Nachkriegszeit im geteilten Titeldorf nach. Für einen hohen siebenstelligen Betrag wartet der Dreiteiler wie üblich mit historischer Detailversessenheit auf. Und was zeigt uns das ZDF da? Dramaturgischen Magerquark mit Pilcheraroma. Kein Mut, kein Schwung, kein gar nichts. Nur betuliche Langeweile in authentischer Kulisse. Selten begann das TV-Jahr so bieder.
Und selten ging es so bieder weiter. Auch die lang ersehnte Adaption von Noah Gordons Medicus überrascht Montag/Dienstag im Ersten ja allenfalls mit den migrationshintergründigen Zielgruppenstars Elyas M’Barek und Fahri Yardim an der Seite von Ben Kingsley und einem Hauptdarsteller, der wie stets in solchen Stoffen viel zu glatt ist für seine Zeit. Gute Unterhaltung, zugegeben. Aber drei Minuten nach dem Abspann längst vergessen. Dennoch darf der Blockbuster das, was der ARD-Verantwortliche Volker Herres immer dann aufs Strengste verbittet, wenn man mal eine Doku zur Primetime fordert: Die Sprengung des Programmschemas. Dank des Mittelalterarztes mit Hipsterfrisur fällt der anschließende Sachfilm aus.
Schon aus Protest sollte man daher den ganzen Tag 3sat sehen, wo der Themenabend Hans und Heinz wenigsten konsequent auf Tradition setzt. Genauer: Die Herren Moser und Rühmann, denen der Kanal ab 7.10 Uhr 15 meist schwarzweiße Klassiker widmet. Alternativ könnte man aber auch das tun, was Silvester ohnehin ratsam ist: Nicht fernsehen! An Neujahr gibt es dann ja Gelegenheit, die Kurzabstinenz auszugleichen. Etwa durch den Tatort mit Nora Tschirner und Christian Ulmen als Weimarer Ermittlergespann Dorn/Lessing, das trotz des denkbar doofen Titels Der Irre Iwan am Ende mit einer absurden Groteske überzeugt, wenngleich es dabei schon etwas krude zugeht in Weimar. So viel Witz schafft nicht mal Münster, Ausgabe, geschweige denn das Saarland.
Ansonsten steht die Woche voll im Zeichen patriotischer Klebrigkeit. Beispiel Neujahrsskispringen, das die ARD ab Mittag gewiss wieder zum nationalen Erweckungserlebnis hochjazzt wie den Gewinn der Fußball-WM, dessen filmisches Zeugnis Die Mannschaft am Freitag zur besten Sendezeit belegt, dass Sportreportagen wie Traumschiffe ins Wohnzimmer schippern können. Und Samstag zeigt Eine Liebe für den Frieden mit Birgit Minichmayr als Bertha Suttner an der Seite von Sebastian Koch als Alfred Nobel, wie artig Geschichte daherkommen kann. Dann doch lieber Fiktion wie den schwarzweißen Tipp der Woche (Montag, 23.35 Uhr, Servus): Goldenes Gift, ein Film Noir von 1947 mit Robert Mitchum als Privatdetektiv im Griff der Femme Fatale Jane Greer. Oder auf Arte in Farbe (Dienstag, 20.15 Uhr): Robert Altmans Hollywoodpersiflage The Player, mit 70 Stars von 1992. Auch übersetzt sehenswert.
Posted: December 27, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Der letzte Schrei
Joe Cockers Karriere begann in Woodstock, sie führte ihn bis vors deutsche Fernsehpublikum. Er war der Bauch und die zitternde Hand des europäischen Rhythm and Blues.
Von Jan Freitag
Am Ende bleibt dieser Schrei. Auch ein halbes Jahrhundert später vereint er fast alles, was ein einzelner Ausruf aus voller Brust umfassen kann: Schmerz und Erlösung, Hingabe und Wut, Hilflosigkeit und Trotz. Es war die erste Urschreitherapie der Popmusik, Glaubensbekenntnis ihrer universellen Strahlkraft. Und bis heute erscheint selbst in den Köpfen Spätgeborener rasch ein Bild des Schreienden, dieses Waldschrats mit den Kotelettenbüschen überm verwaschenen Batikhemd. Er sollte zur Ikone werden, ein weißer Sänger, wie ihn der schwarze Blues bis dahin selten erlebt hatte: Joe Cocker. Auf dem heiligen Acker von Woodstock der Geheimtipp unter revoltierenden Stars, kaum 25 Jahre jung, doch mit einer altersweisen Seele, so schien es. Er sang ein Stück der Beatles nach, ach was, er riss dieses With A Little Help From My Friends förmlich aus seinem Herzen und schenkte es den aufgekratzten Blumenkindern wie einen Liebesbeweis.
“Do you need anybody?
I need somebody to love!”
Und das seid Ihr! Und das bin ich!
Dies ist einer der entfesselten, leidenschaftlichsten, brillantesten Live-Auftritte im Poparchiv, und er brennt sich mitten ins kollektive Gedächtnis einer Dreiviertelgeneration. Als die dann älter wird und mit ihr der staksige Zausel mit der verschrobenen Optik, vererbt sie es an die Nachgeborenen. Auch als die längst Techno, Grunge, Rap und Britpop hört, weht der Schrei sonderbar beharrlich durch den Hallraum des kollektiven Gedächtnisses wie Wagners Walkürenritt oder Presleys Tremolo. Er lässt einfach nicht los, niemals, so tief wie er aus dem Magen kommt. 1969 auf einer weltgroßen Bühne in der nordostamerikanischen Provinz. Eine Ewigkeit her.
Dabei ist es nicht gerade schmeichelhaft für einen Künstler, immer und immer wieder auf ein singuläres Frühwerk festgenagelt zu werden, als sei danach nichts mehr gekommen. Schließlich ist danach einiges gekommen, vieles sogar. Eine Weltkarriere, beinahe Kultstatus, auch Lachnummern zuweilen, am Rande der Selbstentblößung, dazwischen aber stets er: der europäische Bauch des Rhythm and Blues, ein Sänger, wie es vor ihm keinen gab und nach ihm kaum je einen geben wird. Jetzt ist er tot, gestorben mit 70 an den Folgen seiner langjährigen Lungenkrebserkrankung, daheim in Colorado, offenbar ganz still und friedlich.
Also irgendwie ganz anders als sein Leben zuvor. John Robert Cocker, das ist zeitlebens die Flamme des musikalischen Feuers aller Generationen, die ihm an den Lippen hängt. Also eigentlich aller Generationen, vom Flower Power über den Eighties Pop bis ins Stammpublikum des ZDF. 1944 geboren in der britischen Stahlkocherstadt Sheffield, verdingt sich der gelernte Gasinstallateur nach Feierabend als Kneipensänger für ein paar Pfund Gage und reichlich Bier obendrauf. Er nennt sich Vance Arnold, spielt als Teenager mal vor den Rolling Stones, entert kurz vor Woodstock mit Marjorine erstmals die Singlecharts und besinnt sich sodann darauf, mit dem Liedgut anderer reichlich Erfolg zu haben. Bis zum Absturz.
Anfang der Siebziger exerziert Joe Cocker, was unter Superstars seinerzeit üblich ist: Er experimentiert nicht mit Drogen, die Drogen experimentieren mit ihm. Nichts, was er nicht in sich schütten, saugen, vermutlich injizieren würde. Nicht wenige seiner zwei Dutzend Platten erscheinen in jener Epoche, doch sie verblassen oft in Echtzeit. Kurz darauf sitzt er sogar im Gefängnis. Irgendwas mit Substanzen, irgendwas mit Gewalt. Ein Konzert platzt. Joe Cocker ist am Boden. Bis ihn ein Duett mit Jennifer Warnes 1981 am schütteren Haar aus dem Sumpf zieht, rauf nach Hollywood, wo Up Where We Belong als Titelsong von Richard Geres Ein Offizier und Gentleman 1983 den Oscar gewinnt und Cocker und Warnes mit einem Grammy geehrt werden.
Fortan zählt der angehende Schmusebarde zum festen Inventar des populärmusikalischen Biedermeier. Nicht nur, weil seine Coverversionen – vom Sixties-Hit Summer in the City über die virile Bluesschnulze You Can Leave Your Hat On bis zum Bierwerbejingle Sail Away – das Bedürfnis nach leidlich gediegenem Schlager befriedigten. Sondern weil Joe Cocker mehr ist als bloß Interpret chartstauglicher Stromliniensongs. Ein halbes Menschenleben lang mimt er den Schatten im Showbiz, die kleine Kante auf der polierten Oberfläche des Hochglanzgeschäfts, ein Fehlbarer mit Riesenerfolgen, und zwar keiner, so raunt man sich zu, der mal einen übern Durst trinkt – nein, ein unverbesserlicher Trinker, den die tödlichste Sucht der Menschheitsgeschichte mit beharrlichem Starrsinn zugrunde richtet. Für die Mehrheitsgesellschaft draußen an den Bildschirmen, vor allem das deutsche Publikum, ist er somit der lebende Beweis, dass ein wenig Schieflage im Leben schon okay ist, solange man seinen Job macht. Ein englischer Harald Juhnke gewissermaßen.
Dabei hat seine markanteste Eigenart, und das ist umso erstaunlicher, gar nichts mit Drogen zu tun hat. Die zitternde Hand ist kein Suchtergebnis, sondern expressive Musikalität. Schon in Woodstock gestikuliert er seinen Auftritt beidhändig mit und gilt nicht ohne Grund als Erfinder der Luftgitarre. Dass Joe Cocker nicht perfekt singen kann und schon gar nicht tanzen, dass er kein Instrument beherrscht, geschweige denn Noten, dass sein Spätwerk besser zu Florian Silbereisen passt als zu verschlammten Kiffern am Eve of Destruction, all dies schadet seiner faszinierenden Karriere nicht. Nach ihrem Ende ist da doch weit mehr als dieser eine Schrei. Der war nur besonders laut.
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