Posted: December 6, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Eppendorfs Höllentor
Diskos sterben, Konzerthallen schließen – jetzt landen Sie im Club-Mausoleum, mit dem ZEIT-Online und freitagsmedien an den Wandel der Hamburger Musikkultur erinnern. In Folge 1 geht es ums legendäre Onkel Pös Carnegie Hall (Foto: Hardy Schiffler/Jazzarchiv), die vor vier Jahrzehnten den damaligen Ruf Eppendorfs als Hamburgs Szenehochburg prägte.
Von Jan Freitag
Es gibt ein Wort, das gerne fällt, wenn Hamburgs snobistische Seiten beklagt werden: Eppendorf. Spätgeborenen muss man daher kurz etwas vor Augen führen. Als St. Pauli noch wilder Westen war und die Flora ein Kaufhaus, galt das Altbauviertel als kreativer Zweitkiez, versehen mit jenem Radical Chic, der heute zur Schanze zählt. Und ungefähr da, wo jetzt sorgsam manikürte Anwaltsgattinnen dem gängigen Vorurteil nach mit 1.200-Euro-Kinderwagen überflüssigen Lifestyle shoppen, hatte das Szenequartier seine Schaltzentrale: Das 1970 am Lehmweg eröffnete Onkel Pö – aus Sicht der Musikwelt ein himmlischer Ort. Aus Sicht der Anwohner eher Sündenpfuhl.
Doch die Hölle ist erkaltet, das Antlitz aufgehübscht, ihre Fensterfront geputzt. Das war bis vor 30 Jahren anders. Ringsum dominierte verwitterter Vorkriegsbau. Es gab viel Migration, noch mehr Kleinbürger, sogar echte Arbeiter. Die DKP hielt in den Kneipen des Viertels, unweit von Ernst Thälmanns Geburtshaus, Parteitreffen ab. Abseits der Villen mit Alsterblick passte das Publikum des Pö also gut ins Straßenbild. Ich kann mich noch erinnern, an dieser Institution der Siebziger vorbeigegangen zu sein, tagsüber, wenn der kalte Rauch der Nacht herausdrang und Bierladungen hineingeschleppt wurden. Der Club wirkte verboten und war es wohl auch, sonst hätte mich meine Mutter nicht stets so schnell an der tiefschwarzen Fassade mit dem feuerroten Höllentor vorbeigezogen. Das “Onkel” im Namen klang da gleich weniger nach dem netten von nebenan als dem bösen im Park. Selbst die Fenster ließen kein Licht durch, verklebt wie sie waren.
Umso mehr befiel mich in seiner Nähe eine Ahnung vom Sog, den “Onkel Pös Carnegie Hall”, wie bauchig schwarze Beatnik-Buchstaben über dem Eingang verkündeten, auf Ältere als mich, aber jüngere als meine Eltern ausübte. Diese langhaarigen Zwischenwesen verstanden wohl auch die seltsamen Chiffren vor der Tür: Vince Weber, Pat Metheny, OMD, viele Namen mit Worten wie Band, Trio, Jazz oder “Der Geheimtipp aus New York” dahinter. Wie 1981. Bei einem gewissen Tom Waits. Immerhin – Hannes Wader kannte ich. Heute hier, morgen dort, meine Mutter pfiff das oft beim Kochen. Aber der Rest? Geheimnisvoll. Ergo: riskant. Also: wollte ich da nicht rein. Oder gerade. Aber das war Träumerei, deren Erfüllung folgerichtig eine Zweckentfremdung war. Zwölfjährige führt man ja nicht in angesagte Clubs, um sie clubmäßig zu bespaßen. Peter, mein Nachbar, meinte allerdings, da spiele Otto! Waalkes! Den müsse man aus der Nähe gesehen haben. Meinte Peter.
Und plötzlich stand ich nicht nur vorm Höllentor, ich durchschritt es. Eigentlich war ein Samstagabend nach acht keine Zeit für Minderjährige, aber wenn meine Eltern mal aus waren, teilten sie mir Peter zu. Und mit Peter war ich sogar schon im Borchers gewesen, das mit der DKP, tiefrote Politkneipe mit Schultheiß vom Fass. Heute gibt es da Thunfischcarpaccio für die Kreativwirtschaft. Mein Alter hinderte mich jedenfalls in beiden Fällen nicht am Zutritt. Schwerer war es, durch die anderen Barrieren zu kommen: Schall. Rauch. Menschen. An die 150 passten der Sage nach ins Fundament des Gründerzeithauses, aber es war eher das Doppelte auf halb so viel Raum, aus Sicht eines Halbwüchsigen. Der sah gegenüber der Zugangsschleuse nur wippende Scheitel statt der winzigen Bühne, die gern mal elfköpfige Combos beherbergte.
Wer spielte, blieb ein Geheimnis. Otto sitze am Schlagzeug, sagte Peter. Und Udo, also Lindenberg, sänge. Das Wort Jam-Session fiel und der Name Helen Schneider. Die war mir bekannt. Dass ich Otto gehört, gar gesehen hatte, kann ich also nicht behaupten. Aber mein Bauch sagt noch heute, bei etwas Großem dabei gewesen zu sein. Legendären Abenden wie jenem wenige Jahre zuvor, als ein Al Jarreau am dritten Tag seines deutschen Debüts bis fünf Uhr früh alle 20 Minuten das Publikum durchtauschte, damit all die Wartenden draußen was vom künftigen Weltstar hätten.
Es waren solche Aufläufe, die dem Club das Aus bescherten und damit der Partyzone Eppendorf insgesamt. Das Einsickern harter Töne, als Gründer Peter Marxen, der jeden einzelnen Abend an der Theke verbracht haben soll, seine Carnegy Hall an den Rocker Holger Jass übergab, taten ein Übriges. Jedenfalls machte sie 1985 zu, nachdem die Baupolizei verstärkten Sound der Statik wegen verboten hatte. Für mich brach eine Welt zusammen, obwohl ich nur einmal wieder im Pö war. Zumindest fast. 1985 war das, bei einer Band namens Latin Quarter. Leider war sie zu angesagt, um alle Wartenden reinzukriegen. Ich blieb also draußen. Aber ums Drinnen ging’s auch gar nicht, es ging um Struktur. Das Pö war eine Trutzburg subversiver Kultur, bevor nebenan eine Modeboutique nach der nächsten eröffnete und Hamburgs ältestes Dorf zum gründerzeitprotzigen Handelsplatz standesbewusster Eliten verkam. In seiner früheren Schaltzentrale gibt‘s statt Subkultur und Flaschenbier nur Lounge-Gefühl und Chai-Latte. Und das Höllentor? Perlweiß. Darüber steht jetzt “mama”, Systemgastronomie mit Pizza, Pasta und Lounge. Oh Gott!
Mehr pics’n’files’n’kommentare: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-11/onkel-poes-carnegy-hall-hamburg
Posted: December 5, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik |
Billy hält die Erde an
Das neunte Album der Smashing Pumpkins reicht (natürlich) nicht an die großen Zeiten der Band heran, als sie die Grenze zwischen Gefühl und Härte sprengten – was den freitagsmedien aber herzlich egal ist. Weil die Band das Leben ihrer Fans auch so schon zum Besseren gewendet hat. Eine Liebeserklärung.
Von Jan Freitag
Das musikalische Gedächtnis ist eine Festung. In Jahrzehnten gefüllt mit den Soundtracks des Lebens, sichern hohe Mauern den Erinnerungsbestand. Was sich im Innern befindet, schafft es da ebenso schwer nach draußen wie Neues hinein. Popveteranen tun daher gut daran, ihr begleitendes Publikum mit wohl dosierter Aktualität zu behelligen. Altgediente Fans wollen Evergreens. Und so sehr selbst anspruchsvollere von Fortentwicklung faseln – am Ende muss das zehnte Album immerzu den Keim vom ersten verpflanzen. Ich weiß wovon ich rede. Ich bin da besonders streng. Ob ich nun will oder nicht.
Zum Glück das hat einer, der mir besonders am Herzen liegt, begriffen: Billy Corgan. Acht Platten hatten seine Smashing Pumpkins bis 2012 gemacht und dabei, wechselnde Musiker zur Seite, mehrfach Abzweige vom gewohnten Pfad genommen. Wo anfangs brachial die Gitarren krachten, surrten irgendwann verstiegene Keyboards. Wo das Schlagzeug symphonisch Akzente setzte, tat es bald ein Drumcomputer. Und wo eine wirkliche Band agierte, blieb irgendwann nur noch Corgan übrig, der allerletzte Kürbiskopf, Halbgott meiner frühen Musikentwicklung, optisch zusehends Nosferatu, fachlich unverdrossen genial. Und als würde er dem gerecht werden wolle, mir persönlich also, legt der Kopf, Bauch, Geist, Archivar und Nachlassverwalter in Personalunion auf der neuen Platte Monuments Of An Elegy gleich mal los, als wäre nichts gewesen, in all den Jahren unserer Beziehung.
Tiberius heißt das Auftaktstück. Es klingt, wie etwas klingt, das klingt, wie es klingen sollte, um Leute wie mich glücklich zu machen. Nach ein paar Synthietropfen semmelt ein elaboriertes Trommeln unter Corgans Schreddergitarre, als sei nichts gewesen, seit ich mir die erste, die zweite, neunte, überhaupt jede Platte der Pumpkins unbesehen, ungehört gekauft habe wie Butter zum Brot. Und wenn Corgans melancholisches Näseln darüber hinweg weht mit seiner tausendfach geäußerten Bitte, mehr ein Flehen, ihm nicht weiter weh zu tun in dieser schmerzhaften Zeit, dann ist es zurück, das Gefühl meiner späten Jugend, als diese Band alles in mir verändert hat, was sich aus zwei Boxen verändern lässt.
Es war eine komplizierte Zeit für jemanden meines Alters und Geschmacks, eingangs der Neunziger, im drohenden Advent der Boygroups, Raver und Britpopper. Mir waren grad The Melvins, Sonic Youth, das Debütalbum namens Bleach einer unbekannten Band namens Nirvana in die klangliche Verwirrung eines frisch gebackenen Ex-Teenagers mit Affinität zu gesunder Härte gehagelt. Seltsam distinguiert wummerte es zwischen Radio-Pop und MTV-Mosh im Schädel. Und ich ließ es wummern. Alternativlos, so schien es.
Mit Guns ‘N Roses zum Beispiel, denen das junge Musikfernsehen das Prollige, nicht aber Bombastische ausgetrieben hatte. Dann Metallica, die ihren drolligen Hair-Metal akkurater frisiert einer Grunge-Kur unterzogen. Räudiger Rock, der Ton im Unterbewusstsein meines Distinktionsbedürfnisses, wurde endlich salonfähig. Und doch blieb da eine emotionale Leerstelle, die nicht mal Eddy Vedder zu stopfen wusste. Also suchte ich. Und wartete. Und suchte weiter. Und fand. Eben: Die Smashing Pumpkings.
Kurz vorm Durchbruch der CD suchten große Jungs wie ich jede freie Minute analog im Plattenladen nach dem einen, alleinigen, alles verändernden Vinyl. Zum Angeben, zum Eintauchen, für die Ewigkeit. Leider war nicht ich es, der fündig wurde, sondern ein Freund, der immer noch ein paar Stunden länger am MK2 von Michelle verbrachte, damals der wichtigste Rillendealer Hamburgs. Dort die Gish zu hören, kam einer Offenbarung gleich. Corgan und James Iha droschen darauf in die Saiten, als sei Dezibel der neue Dollar. Der Drumpapst Jimmy Chamberlin war für den Trommelnovizen Jan Freitag nicht weniger als eine Heiligenerscheinung. Ganz zu schweigen von D’Arcy, einer Bassistin, die als Frau noch recht einsam war auf der Rockbühne jener Jahre. Ihrer aller Androgynität war für den selbstbildsuchenden Abiturienten schon Herausforderung genug. Und Billy Corgan sanft dazu sanft, aber kräftig über die Schwierigkeiten eines Männerlebens im Grabenkampf zwischen Rollenzuweisung und Selbstverortung, dass jedes Geschlechterbild in mir wankte, ohne es zu negieren. All dies machte, kein Scherz, einen besseren Menschen aus mir.
Über Jahre. Das sanftere Siamese Dream, das epische Mellon Collie, selbst das distanzierte Adore – nie war mir vollends klar, ob solche Platten meine Persönlich formten oder nur orchestriert haben. Schon weil die Antwort darauf offen ist, konnten weder Chamberlins drogenbedingter Rauswurf noch alle Mitgliederwechsel nach der Reunion 2005 samt einer miserablen (Zeitgeist) und einer gelungenen (Oceania) Platte meine je Liebes schmälern. Es gab ja immer noch den Bestand in meinem Plattenregal, der zu oft benutzt wurde, um mint zu sein. Und es gab die Hoffnung, dass Corgan trotz Anzug und Pamela Andersens Ex-Lover Tommy Lee am Schlagzeug wieder Platten macht, die sich Gebrauchsspuren verdienen.
Monuments To An Elegy dürfte eher unbenutzt bleiben. Eine paar Stücke reanimieren zwar gekonnt, was die Pumpkins einst abhob von Grunge, Progressive, Emocore, wo man sie halt so einzuordnen versuchte: Das brettharte One And All, das schöne Monuments, das vielseitige Anti-Hero – alles Referenzen an Zeiten, da Corgan meine Welt anhalten konnte mit seiner exaltierten Liebeslyrik. Der Rest aber verseift textlich wie sprachlich oft im Beliebigen und driftet wie das grässliche Run2Me ab Richtung Schlagerpop. Trotzdem landet auch diese Platte in meiner Sammlung. Hinter Oceania, vorm nächsten, das nicht mehr und nicht weniger muss, als die Erinnerungen einer unverwüstlichen Liebe beizeiten aufzufrischen. Meine Festung ist ja gut gefüllt mit dem besten, was Rockmusik je vorgebracht hat für große Jungs auf der Suche nach sich selbst. Dankeschön, Billy.
Smashing Pumpkins – Monuments Of An Elegy (Martha’s Music/BMG); mehr Pics’n’Files’n’Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2014-12/smashing-pumpkins-album
Posted: December 4, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Es gab nie einen Plan
Am Samstag steckt der Nikolaus etwas Neues in den Stiefel: Eine Pro7-Show mit Joko & Klaas, in dem sich die großen Jungs Winterscheidt & Heufer-Umlauf mal nicht gegenseitig piesacken, sondern andere. Mein bester Feind ist dabei auch ein Versuch, die zwei Hoffnungen des deutschen Formatfernsehens für die sieche Familienshow jenseits von Raab und Pilawa zu testen. Ein Gespräch über Individualität, Körperlichkeit, Erwachsenwerden und warum sie nicht Wetten, dass…? gemacht haben.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Joko, Klaas – ihr zählt zum begehrtesten Personal des deutschen Fernsehens, gerade um junge Zuschauer vom Internet vor den Bildschirm zu kriegen. Zurzeit macht ihr eure Wettkämpfe dafür sogar rund um die Welt auf Pro7 – was kann da eigentlich noch kommen?
Klaas: Ich glaube, nachdem man drei Jahrzehnte in Deutschland gelebt hat, wird es Zeit, darüber hinaus Herausforderungen zu suchen. Und da wird es in jedem Land welche geben. Aber stimmt schon – danach müssen wir langsam mal inhaltlich werden.
Womöglich auch mal getrennt? Ihr seid als Paar förmlich verwachsen – seid ihr als Individuen denkbar?
Klaas: Nicht nur das – wir sind auch als Individuen buchbar; das sollten Interessenten durchaus wissen. Es geht also auch getrennt, aber wir wollen es im Moment nicht anders und sind auch nicht schicksalhaft zueinander geraten, sondern sehr bewusst. Ich fühle mich, als sei ich in einer Band.
Besser Boygroup.
Klaas: Von mir aus auch das.
Joko: Nur ohne Instrumente; ich bin nämlich nicht sonderlich instrumentalisch.
Dafür immer bestens frisiert.
Joko: Selbstverständlich.
Klaas: Es war jedenfalls ein gute Entscheidung, zusammen zu arbeiten. Solange es Spaß macht.
Joko: Es war ja auch eine Entwicklung, die uns zusammengeführt hat, kein Casting..
Klaas: Höchstens ein Reste-Casting.
Joko: Klaas war bei Viva, ich bei MTV, und wir waren so ein Überbleibsel dessen, was mal als Großes und Ganzes im Musikfernsehen geplant war. Die Redaktion von MTV Home hat nach Gemeinsamkeiten im Programm geforscht, die etwas Neues ergeben könnten und ist dabei auf uns gestoßen. Dabei war es zunächst das Format, das uns interessierte, weniger der jeweils andere.
Mittlerweile habt ihr eine sehr körperliche Art der Doppelmoderation entwickelt. Ist für euch überhaupt noch eine ereignislose Gesprächssituation denkbar?
Joko: Absolut. Neo Paradise...
Das Pro7 fast 1:1 als Cirkus Halligalli übernimmt.
Joko: …ist zu 80 Prozent unkörperlich.
Klaas: Es ist, auch wenn ich das nicht gern so nenne, fast eine Late-Night-Situation mit zwei Gästen: viel Gelaber und Atmosphäre. Wenn wir aus dem Studio kommen, checken wir zwar schon mal die Grenzen des anderen ab, aber auch beim Duell um die Welt werden die Belastungen eher psychischer Natur sein als physischer. Da geht es viel um Perspektiverweiterung. Ich finde es interessant, in Länder zu reisen und Dinge zu entdecken, von denen ich nicht mal eine Ahnung habe.
Trotzdem ist das Körperliche, der Contest ein Wesensmerkmal eurer Shows. Ist das eine Privatfernsehgeburt oder Teil eurer Persönlichkeiten?
Joko: Weder noch. Es gab nie einen Plan, an dessen Anfang die Frage stand, was für uns beide am Besten funktioniert. Es ist die Mischung aus Prozess und Veranlagung. Menschen neigen grundsätzlich dazu, sich zu messen, und wir waren die richtigen Kandidaten zur richtigen Zeit, um das fürs Fernsehen kompatibel zu machen. Der Bessere sein zu wollen ist ein Wesensmerkmal des Mediums. Den Gedanken spielen wir jetzt auf Weltebene aus. Da wird man sehen, wer von uns es ist, Klaas.
[Klaas: grinst gelassen]
Das Feuilleton etikettiert diese Art Unterhaltung allerdings nicht als Quintessenz sozialen Miteinanders, sondern als infantilen Quatsch. Seht ihr die Gefahr, eher in der Schiene Elton vs. Simon statt, sagen wir: Roche & Böhmermann festzustecken?
Klaas: Ich glaube, Roche & Böhmermann ist eine klassische Talkshow. Teile daraus gibt es hier und da auch bei uns. Aber wenn man die Vorgabe hat, Show ohne Talk zu machen, sollte man sich nicht an Gesprächsrunden messen. Und ganz ehrlich: wenn man auf irgendwas nicht festgelegt werden will, macht man halt etwas anderes.
Ist das so einfach?
Klaas: Das nicht, zumal ich nicht bestimmen kann, wie es das Publikum findet. Aber wir haben schon eine Verhandlungsposition, in der am Ende ich selbst entscheide, etwas zu tun oder zu lassen. Zur Not, mit der Konsequenz, dass etwas nicht mehr geht. Aber ohne Position zu beziehen, kann man nichts machen, was einem Spaß macht, sondern nur Bedürfnisse befriedigen. Auch wenn es das Publikum womöglich nicht mehr goutiert. Es gibt Schlimmeres, als nicht mehr im Fernsehen zu sein.
Wenn also keiner euer juveniles Konzept sehen will, für etwas Erwachseneres aber die Zuschauerakzeptanz fehlt, würdet ihr die Exit-Option aus dem Fernsehen wählen?
Klaas: Das ist, wie gesagt, eine Frage der Verhandlungsposition, auch mit den Zuschauern. Trotzdem: Wenn nicht, dann nicht. Das Schöne ist doch, dass etwa unsere wöchentliche Sendung in der Regel nicht mehr ist, als eine Ideensammlung der vorangegangenen Woche. Ein Konzept kann ich dahinter noch immer nicht entdecken, das entlastet uns von Erwartungen und gibt uns die Möglichkeit, mit unserer Sendung zu wachsen. Bei 17 Meter folgst du als Moderator der Sendung, bei einer Personalityshow folgt die Sendung uns. Es gibt da keinen Veränderungsdruck.
Joko: Außerdem machen wir noch gar nicht so lange miteinander Fernsehen, sondern erst seit ein paar Jahren. Fühlt sich zwar länger an…
Klaas: Fühlen sich schöne Sachen nicht eher kürzer an? Egal… Und so alt sind wir auch noch nicht, dass man schon abschließende Bewertungen unserer Karrieren vornehmen müsste.
Einen Abschluss hätte die Rettung von Wetten, dass…? werden können.
Klaas: Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen halt selbst Zwerge lange Schatten. Aber mal ehrlich – so eine richtige Diskussion mit dem ZDF hat darüber nie stattgefunden, und wir können uns natürlich nur auf der Grundlage eines ausgehandelten Konzeptes für eine Sache entscheiden. Weil es das nie gab, stellte sich die Frage, ob wir es machen, auch nie richtig. Obwohl wir uns natürlich geehrt gefühlt haben, dafür überhaupt in Frage zu kommen.
Joko: Man hätte sich auch keinen Gefallen getan, auf Wolke 7 darüber nachzudenken, diese große Show machen zu können. So konkret ist es nie geworden.
Fragen wir also mal hypothetisch: Wärt ihr eher wegen eurer jugendlichen Frische eingekauft worden oder wegen eurer mutmaßlichen Kompetenz?
Klaas: Antworten wir also mal hypothetisch: Wenn man im ZDF-Kosmos jemanden sucht, der relativ jung ist, in seinen eigenen Formaten mit deutschen und internationalen Stars zu tun hat, hier und da auch mal eine Band begrüßt und spielerisch, humorvoll, unterhaltsam, aber eben auch mal ernsthaft an die Sendung herangeht, hätte man schon auf uns stoßen können.
Joko: Jetzt können wir weiter etwas anderes machen. Auch schön oder?
Was macht ihr denn, noch mal hypothetisch, in einem halben Jahr?
Klaas: Ach komm! Das ist nicht hypothetisch, das ist prophetisch. Was machst du in einem halben Jahr?
Ich sitze vermutlich auf demselben Stuhl.
Joko: Wenn wir auch noch sitzen, wo wir es jetzt tun, ist doch alles gut.
Klaas: Wir wären jedenfalls in der undynamischsten Branche, wenn wir das heute schon wüssten.
Joko: Das ist ein bisschen wie bei Zurück in die Zukunft II, wo Michael J. Fox zurück in die Gegenwart kehrt, die ja eigentlich wieder Zukunft ist, in der 400 Sender parallel laufen und man ist einfach einer davon.
Gibt es dann überhaupt noch Fernsehen wie es sich heute präsentiert?
Klaas: Da müssten wir jetzt Kulturgeschichte vorgreifen. Ich glaube, Fernsehen wird sich strukturell verändern, langsamer, als es prognostiziert wird, aber unaufhaltsam. Dennoch wird es in drei Jahren nicht nur TV-Streams auf dem iPad geben, alle liefern nur noch on-demand und Internet ist das neue Fernsehen. Die Gleichzeitigkeit von beiden wird noch eine ganze Weile anhalten. Und grundsätzlich wird auch die Ansprache ans Publikum beibehalten, wenn auch auf einem anderen Plateau.
Posted: December 3, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Der Mann am Hintergrund
Ob Hollywood oder TV-Drama, großes Kino oder ganz kleines Schnulzencaro – Hanns Zischler glänzt in tragenden Nebenrollen ebenso wie als zurückhaltende Hauptfigur. Im erstaunlich ansehnlichen ARD-Freitagsfilm Stille Nächte spielt er diesmal seltsamerweise beides. Doch auch die Tragikomödie ist irgendwie nur Mittel zum Zweck eines Intellektuellen, sich seine Intellektualität auch leisten zu können muss.
Von Jan Freitag
Nein, das Wort Nebenrolle hat keinen schönen Klang. Selbst die besten Hauptdarsteller sind ohne Begleitung zwar weitestgehend arbeitsunfähig, aber neben liegt eben doch leicht abseits vom Fokus. Und welcher Akteur im Rampenlicht will da schon hin? Hanns Zischler will! „Stimmt schon“, sagt der Schauspieler mit hundertfacher Nebenrollenerfahrung, „ich stehe in der Besetzungsliste oft an vierter Stelle“. Aber das, sagt ruhig wie immer, sei kein Verharren auf halber Treppe zum großen Erfolg, sondern eine Frage der Ökonomie. Der betriebswirtschaftlichen – „schließlich haben Schauspieler lange Durststrecken ohne Arbeit“. Und der dramaturgischen – „schließlich ist niemand entbehrlich“. Weder im Film noch auf der Bühne. „Man muss in jeder Rolle geistesgegenwärtig sein“. Ob an erster oder vierter Stelle der Besetzungsliste.
Im ARD-Freitagsfilm Stille Nächte ist er diesmal irgendwas in der Mitte. Obwohl sich Filmsohn (Matthias Koeberlin) schon vor einer Ewigkeit von seiner Frau (Katharina Schüttler) getrennt hat, feiern beide Jahr für Jahr gemeinsam mit den (Schwieger-)Eltern Weihnachten, nichtsahnend, dass die längst davon wissen. Weil aber auch Hanns Zischler und Katharina Thalbach als Paul und Clara längst nicht alle (unangenehmen) Wahrheiten auf den Tisch packen, entspinnt sich daraus eine ziemlich charmante Tragikomödie um Sinn und Unsinn kleiner wie großer Lügen unter Menschen, denen man nahe steht. Und auch hier vollbringt Hanns Zischler das Kunststück, präsent und gleichsam unauffällig zu sein, den Film zu tragen und zu unterwandern in einem. Es ist die Fähigkeit des geborenen Nebendarstellers.
„Supporting Act“ nennt man solche Randfiguren, die wie ein Gustav Peter Wöhler, Alexander Held oder Stephan Kampwirth nur auffielen, wenn sie ausfielen. Uneitle Diener am Ganzen, überwiegend im Hintergründ tätig und doch handelnd wie die erste Garde. Zischlers „verschwiegenes Gesicht“, wie der Stern mal schrieb, erzeugt ohne viel Getöse eine Präsenz, die jeder Hauptrolle würdig wäre. Er habe nur auf dem Sofa gelegen und wenig gesagt, meinte der französische Weltstar Jeanne Moreau mal über eine gemeinsame Theaterarbeit, „aber er war großartig“. Diese Reduktion, mit der er nun sogar das furchtbare Drehbuch von Christiane Sadlo alias Inga Lindström mit etwas Leben füllt, hat ihn international bekannt gemacht. Steven Spielberg engagierte ihn 2005 gar für sein Terror-Drama München. In tragender Nebenrolle, versteht sich.
So spielte sich der Nürnberger von 67 Jahren seit seinem Debüt in frühen Werken von Wim Wenders durch Film und Fernsehen, nicht unbemerkt, aber jenseits aller Verwertbarkeitskriterien des Boulevards. Mehr noch als ein guter Schauspieler ist Hanns Zischler dabei ein würdevoller. Mit der zunehmenden Karstigkeit seines eisgrauen Kopfes spielt er den harten Vermieter in Die fetten Jahre sind vorbei so versiert wie den Gutsherren im Vertreibungsdrama Die Flucht und hebt jeden Bildschirm auf Kino-Niveau.
Dabei sei das Fernsehen „nur eine Briefmarke“, zitiert er den großen Produzenten Gyula Trebitsch. „Es sehnt sich nach Leinwand, kommt aber nur auf einen Meter Diagonale“. Und Zischler meint das nicht inhaltlich. Denn solange der kleine Flatscreen dem großen Kino nicht „nachhechelt wie ein eifersüchtiges Kind“, sei ihm manch ambitionierter Zweiteiler lieber als cineastische Beliebigkeit. Hauptsache, er könne sich darin auf seine Art entfalten. Wobei Entfaltung übertrieben klingt: In beiden Formaten nutzt Zischler ja oft bloß einen Gesichtsausdruck, diese „vertrauenerweckende Männlichkeit, die jeder modischen Attitüde trotzt und sympathisch altmodisch auftritt“, wie das Lexikon des deutschen Films schreibt. Sie verleiht ihm etwas Berechenbares, zugleich aber auch Unerklärliches, und vielleicht nimmt ihm ja genau das die Hauptrollentauglichkeit. „Was nicht schnell erklärt werden kann“, erklärt er die Mechanismen des Mediums, „wollen wir nicht“, Das hänge mit dem Sendeauftrag zusammen. Er lacht bissig: „Ein wunderbares Wort, wie aus dem neuen Testament.“
Doch Zischler, ein schauspielernder Intellektueller und angesehener Filmkritiker, der mit Begriffen wie „ideosynkratisch“ oder „Kinematografie“ jongliert, mehrere Fremdsprachen spricht, singt und Klavier spielt, dessen Essay Kafka geht ins Kino von französischen Kritikern als bestes fremdsprachliches Buch übers Kino gewählt wurde – er meint es gar nicht böse. Fernsehen müsse sich nur auf seine Stärken besinnen: Reportage, Sport, Serie, Mehrteiler. Und hin und wieder mal seichte Fernsehkost wie Wilde Wellen. .ein ZDF-Vierteiler, der vor ein paar Jahren so viele Grenzen des anspruchsvollen Geschmacks unterlief, dass man sich Sorgen um Zischlers Zurechnungsfähigkeit machen musste. Am Ende aber zeigte sich: Einem wie ihm kann selbst das nicht schaden.
Stille Nächte – Freitag, 5. Dezember, 20.15 Uhr, ARD
Posted: December 1, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
24. – 30. November
Und Wagemut lohnt sich doch, selbst wenn er nicht allen gefällt: Beim Fernsehfilm-Festival Baden-Baden bekam der grandiose Tatort: Im Schmerz geboren vorige Woche den Preis der Jury und 3sat-Zuschauer. Die Begründung allerdings hinterlässt dann doch einen schalen Beigeschmack: Ulrich Tukur als Racheobjekt des grundbösen Ullrich Matthes sei etwas, „das man nie vergisst“. Einprägsamkeit als Auszeichnungsbasis – da hätte es früher wohl etwas mehr bedurft. Relevanz, Aussage, solche Sachen. So steht der Verdacht im Raum, das theatralische Gemetzel sei preiswürdig, weil er mal was anderes bietet als Hausmannskost.
Weshalb wir kurz über den großen Teich schalten. In New York nämlich gewann der zugegeben grandiose Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter am Montag den Emmy, immerhin die weltweit bedeutendste TV-Trophäe, Kategorie Miniserie. Nur ist es trotz aller Güte eben doch so, dass Teamworx sein Langzeitprojekt zu irgendwas mit Hitler gemacht hat, was heimischen Produktionen nach wie vor maximale Aufmerksamkeit garantiert.
Aber gut. Man kann sich Aufmerksamkeit auch stumpfer erkaufen. Mit Übertragungen von großmotorigen Autorennen zum Beispiel. RTL hat damit in den vergangenen zwei Jahrzehnten regelmäßig Rekordquoten geholt, zu Schumis Zeit mehr als zehn Millionen Zuschauer. Die aktuelle Saison nun schloss trotz des Finales mit deutscher Beteiligung nicht mal halb so hoch ab. Das könnte man als Läuterungsprozess eines benzinsüchtigen Volkes von Rasern werten, denen die debile Kreisfahrt langsam auf den umweltbewussten Wecker geht. Wahrscheinlich aber es aber profanere Gründe, Programmfragmentierung und Internet etwa. Vielleicht hat Bild aber auch einfach nicht genug Reklame gemacht für seinen geistesverwandten Geschäftspartner RTL.
Womöglich, weil man dort damit beschäftigt war, sich darüber zu beklagen, dass ihr Godfather Axel C. Springer einst vom BND bespitzelt wurde. Das grenzt ja nun mindestens an Majestätsbeleidigung.
Die Frischwoche
1. – 7. November
Und wäre somit ein Fall für die ServusTV-Reihe Wo Grafen schlafen, wo es allerdings auch diesen Donnerstag zur besten Sendezeit um österreichische Adlige geht. Schade. Aber um die Freundschaft wieder zu vertiefen, könnte Günther Jauch ja zunächst mal Kai Diekmann am Sonntag zum RTL-Jahresrückblick mit dem akademischen Titel Menschen Bilder, Emotionen laden. Falls der Boulevard-Berserker da nicht schon neben den Hitzlspergers, Dietls, Campinos auf der Couch von Markus Lanz sitzt, der 2014 bereits zwei Tage zuvor zur besten Sendezeit bilanziert. Zumal das ZDF am Samstag drei Stunden lang Werbung macht fürs Ballermannblatt, wenn es dessen Kampagne Ein Herz für Kinder wie jedes Jahr zum Anlass nimmt, sich ans Bild-Publikum zu wanzen. Ach, es ist ein einziges Geben und Nehmen im Adventsprogramm.
Gegeben wird dem Publikum zum Beispiel viel Wissenswertes, wenn 3sat seinen 30. Geburtstag Montag und Dienstag jeweils ab sechs in der Früh mit ganztägigen Schwerpunkten zum Thema Wissenschaft feiert, wo wir von der Relativitätstheorie bis zur Nahrung (We Feed the World, Dienstag, 20.15 Uhr) mehr von der Welt erfahren, als uns manchmal lieb sein dürfte.
Gegeben wird dem Publikum obendrein natürlich Schotty, der ab Mittwoch im NDR wieder als Tatortreiniger unterwegs ist. Dazu die deprimierend faszinierende Arte-Doku Kill Zone, in der Helmar Büchel am Dienstag (20.17 Uhr) dem Waffenwahn Amerikas auf den Grund geht. Oder tags zuvor fünf nach Mitternacht Christina Schiewes Spielfilm Be My Baby über eine Frau mit Down-Syndrom. Zum Auftakt der ZDF-Reihe Barrierefrei erfährt diese Nicole viel klebrige Toleranz, bis sie die Normbürger mit ihrer Schwangerschaft schockt.
Womit wir beim Nehmen wären. Obwohl dieser Actionblödsinn oberflächlich unterhaltsam sein mag, stiehlt Henning Baum den Zuschauern als Götz von Berlichingen Donnerstag auf RTL wertvolle Lebenszeit. Gleiches tut ab Dienstag bis kurz vor den ersten Krokussen wieder Biathlon. Und ob Maria Furtwängler nach zwei Jahren Pause als Kommissarin Lindholm mit neuer Assistentin (Bibiana Beglau) am Tatort Niedersachen gibt oder nimmt, wird sicher heiß diskutiert. Das Thema Massentierhaltung ist jedenfalls gewohnt zeitgemäß.
Ganz anders als Margarete von Trottas Meisterwerk Hannah Arendt im Anschluss im Ersten, mit Barbara Sukowa als brillante Philosophin. Ganz anders auch als die Tipps der Woche, in denen es ein paar Jahre rückwärts geht. Heute Schwarzweiß in Wolfgang Petersens Schwulendrama Die Konsequenz (EinsFestival, 20.15 Uhr), aus der sich Bayerns Rundfunk 1977 natürlich ausklinkte, als Jürgen Prochnow darin erstmals am Bildschirm einen Mann küsste. Anschließend in Farbe: Good Will Hunting (3sat) mit Matt Damon als kompliziertes Mathegenie von 1997, der so gut ist, dass man es sogar synchronisiert erträgt.
Posted: November 29, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Ist das noch Tango?
Tangowerk des argentinisch-berlinischen Soundbastlers NHOAH (R.O.T. Records) mag Puristen untanzbar erscheinen, dem geschlossenen System Tango fügt es erstaunliche Nuancen hinzu. Nun erscheint der zweite Teil. Dafür haben die freitagsmedien den ersten Teil mal mit Experten durchgetanzt.
Von Jan Freitag
Wenn auch nur der geringste Zweifel bestehen sollte, wo man gerade ist, wenn es eines Beleges für den tänzerischen Puritanismus dieser piekfeinen Kaste geben könnte, wenn ästhetische Traditionsverhaftung ein Gesicht bräuchte – hier zeigt es seine Kleider. Der samtschwarze Dreiteiler, das Hemd halb offen, den Kragen hoch, unterm Hosenschlag elegante Budapester, was sonst. Dazu ein Moustache wie aus uralten Bogart-Filmen, mitsamt dem passenden Gesichtsausdruck, so distinguiert wie selbstgewiss, mit diesem unwiderstehlichen Anflug von Arroganz: Ivano Bertazzo lebt, atmet, er ist Tango. Und der Mann mit dem Namen wie dieser Tanz selbst, er lebt, atmet, ist die Bewegung gewordene Emotion an einem Ort, der nahezu perfekt scheint für ein kleines Hörexperiment. Denn so wenig, wie man hinter der faden Rotklinkerfassade in Wurfweite von Tabledanceschuppen und Kiezgaudi auf St. Pauli die plüschige Eleganz des Tanzstudios La Yumba erwartet, so wenig erwarten die fünf Tangoversessenen um Ivano von einer Platte, auf der man den Tango erst eine Weile suchen muss, auch wenn sie ihn im Titel trägt: Tangowerk.
Es ist die Kompilation, mehr ein Projekt des Produzenten, Soundtüftlers und Songschreibers NHOAH, der in Berlin und Buenos Aires Künstler jeder Art zur Interpretation der argentinischsten aller Ausdrucksformen gebeten hat, von HipHop über Rock bis Electrotrash oder Pop. Diese Aneignung ausgerechnet von Ivano Bertazzo und fünf Klangkonservativen testhören, testtanzen zu lassen, auf einem improvisierten Tangoabend, in Fachkreisen Milonga genannt, stellt NHOAHs Werk auf eine harte Probe. Sie scheitert, so viel vorweg. Und gelingt, was keinesfalls ein Widerspruch ist. Umgeben von roten Säulen, Salongestühl, einem schweren Piano und noch schwereren Kronleuchtern schweben drei Paare aufs gewachste Parkett, zwischen erfahren und frisch dabei, versiert und ambitioniert. Es geht um Tango Argentino, trotz aller Einflüsse und Mixturen. Die Mutter des Tanzes, seine Keimzelle. Der Rest, sagt Mitbesitzer Kay Schmidt, sei europäischer Standard. Sport mithin. Wettkampf. „Ganz witzig.“ Aber kein Tango.
Und One More Kiss, das erste von 14 Stücken, eine Interpretation des Wiener Jazzcrooners Louie Austen, der noch im Rentenalter alle Mauern einzureißen bereit ist? Die Duos mühen sich sichtbar zum leidlich klassischen Auftaktstück durch den Spiegelsaal. Wir wollen, sendet ihre Gestik, die Mimik; fühlen tun wir nicht. Nichts. „Nett“, meint Kays Tanzpartnerin Constance, die schillerndste, nach dem Ausfaden. „Zu sportlich“, pflichtet Ivanos Tanzpartnerin Angela, die erfahrendste, bei. „Auf einer Milonga steh’ ich dafür nicht auf“, gibt sich Juans Tanzpartnerin Mariana, die jüngste, kritisch.
Da wird klar: Diese Variante des Tango Nuevo, Astor Piazollas Modernisierungsversuch der Fünfziger, bald erweitert auf eine Art Bastard-Tango, der sich drei Jahrzehnte später auch hierzulande eine Rückbesinnung zu den Wurzeln entgegenstellte, sie hat es hier nicht leicht. Noch vorm Refrain von If You Go feat. Headvoice löst sich die lächelnde Toleranz in lachenden Protest. Abbruch! Beim australischen Performance-Künstler ist Tango in der Tat nur Sample, Versatzstück in einem Marsch wie von Frank Farian, eher Derrick-Soundtrack als Bewegungsimpuls. Geht das jetzt so weiter? In seinen Abendgarderoben lässt das Sextett mit 65 Jahren Tanzerfahrung kurz die Schultern sinken.
http://vimeo.com/53933446
Und erhebt sie sodann beim ersten Takt von Tuyo Soy, einem Traditional des argentinischen Orchesterleiters Chino Laborde. „Ah, Tango“, haucht Kay und lässt Constanzes blumiges Kleid vor Schwung flattern. Dass Tango umso schneller, versierter, akrobatischer wird, je getragener die Melodie erklingt, ist für Laien eher kryptisch, erfährt im Tangowerk aber ein ums andere Beweiswunder. Denn die HipHop-Varianten Tanto und Amanece En El Oce des Rappers El Topo aus Buenos Aires mögen ihre Würdigung als kreativer Ansatz erfahren, führen aber zur energetischen Stagnation, die beim rockigen Dancing On The Volcano oder dem technoiden Lost In Weltschmerz von MIA-Sängerin Mieze Katz zum Stillstand geraten.
Vieles auf der Platte klingt wie Tango, nutzt ihn aber nur für andere Zwecke, beutet ihn aus. Und das lassen die Leute von La Yumba nicht mit sich machen. Ob Ich Dir Treu Sein Kann von den Berlin Comedian Harmonists erinnert an Max Raabe, Weimarer Republik, alte Zeiten, bleibt aber zu hart, so der Tenor, zu deutsch. „Ist das denn noch Tango?“, fragt Sängerin Ina Viola Blasius in 1-2-3 rhetorisch. Das Parkett antwortet mit Distanz, Einzeltanz, der Höchststrafe im Metier. Bestenfalls als Cortina verwendbar, dem Pausenfüller zwischen zwei Liedern. Und AUA, wieder diese Blasius, wieder Headvoice? Nicht so schlecht, heißt es. Aber der Unernst…
Dem zu widerstehen gilt im Tango als Kardinaltugend. The Waltz mag zwar mit Dreivierteltakt aus der Art fallen – als Intermezzo tauge er für jede Milonga. Und dann Si Te Puedo Ser Fiel von Karina Beorlegui: „Wunderbar“, ist da gar zu hören; kein anderes Lied darf bis zum Ende ausklingen. Ein Desaster? Nein, ein Ausbruchsversuch. NHOAH mag Puristen die Hüfte lähmen, dem Genre fügt es Nuancen hinzu, die es nötig hat, die es verstohlen sucht, die es kräftig durchlüftet. Mit Tango zum Hören. Um die Gemeinde zum Tanzen zu bringen, bedarf es schließlich keiner Neuinterpretationen; der Fundus ist übervoll, sein Bestand unerschöpflich. Gerade deshalb aber braucht Tango Grenzgänger, Grenzgänge. „Nichts für mich“, sagt Ivano Bertazzo und richtet die Hemdsärmel. Aber ungewöhnlich, spannend. Mehr kann man im geschlossenen System Tango nicht erwarten.
Posted: November 27, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Meine Nasenhaarschneider
Wigald Boning ist eine der skurrilsten Figuren des Fernsehhumors, was er als einer der Doofen an der Seite von Olli Dittrich sogar ziemlich erfolgreich in Blödelschlager übersetzte. Und jetzt macht der 47-jährige Niedersachse auch noch, nun ja, ernsthafte Musik. Auf eigenem Label veröffentlicht er gemeinsam mit dem Multiinstrumentalisten Roberto Di Gioia den zweiten Teil seiner halb ulkigen, halb sachlichen Genre-Exegese Hobby, diesmal zum Thema: New Wave. Ein Gespräch über klingende Bild-Schlagzeilen, die Bürde der Prominenz und warum er französische Poststrukturalisten im Original liest.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Boning, wie viel Ernst steckt im Plattenprojekt Hobby?
Wigald Boning: So ernst, wie es nur ernst gemeint sein kann. Roberto und ich waren uns einig, dass uns die erste Lebenshälften auf diese eine große umfangreiche nie enden wollende Tat vorbereitet hat, eine Art privaten, musikalischen Kölner Dom zu bauen. Das haben wir jetzt begonnen. Als ich vor zehn Jahren ein Flötensolo auf einer von Robertos Platten eingespielt hatte, haben wir schon gemerkt, dass sich da etwas zusammenfügt und das ernst gemeinte Jazzalbum Jet Set Jazz gemacht. Mit allem, was uns danach an Ideen in den Sinn kam, sind wir allerdings bei Plattenfirmen gescheitert.
Trotz des prominenten Namens?
Da darf man Prominenz nicht überschätzen. Wenn ich ein Revival der Doofen machen würde, hätte mein Name vielleicht einen Effekt, aber so nicht. Wir waren am Scheideweg, aufzugeben oder das Projekt auf eigene Rechnung zu machen. Ohne mich als Opfer darstellen zu wollen, sind wir von der kalten Realität quasi dazu gezwungen worden, ins Risiko zu gehen. Dann haben wir per Handschlag beschlossen, 100 Alben zu machen. Als eigene Chefs können wir es uns jetzt erlauben, eine Bilanz erst in zehn Jahren zu ziehen, aber schon jetzt ist eine Flamme spürbar, die uns von Album zu Album tragen wird.
Bei Verwertbarkeit keine Rolle spielt?
Ja. Spaß ist der entscheidende Faktor, ob uns beiden die Musik gefällt. Wir müssen uns überzeugen können. Der Rest ist reine Grundlagenforschung mit der Frage: Wer soll das hören?
Gute Frage…
Die aber nach reiner praktischer Anwendbarkeit klingt, so als würde sich ein theoretischer Physiker fragen, ob seine Forschung mal in einem Haushaltsgerät zum Einsatz kommt. Wenn man am Beginn jedes Gedankens immer an die Praxis denkt, statt der Fantasie freien Lauf zu lassen, gäbe es heute womöglich noch nicht einmal das Rad, geschweige denn Musik.
Spielen Sie bei der alle Instrumente selber oder haben mit fremder, auch digitaler Hilfe?
Ich spiele sämtlich Blasinstrumente, am besten Flöte und Saxofon, am schlechtesten Fagott, aber selbst das reicht für Effekte. Den Rest liefert Roberto.
Selbst die Punkbretter der vertonten Bild-Schlagzeilen?
Da ist nichts gesampelt, sondern von Roberto handgespielt.
Darf man sich das als einen einzigen Spaß vorstellen?
Eher als goldene Momente. Die Kürze ist ein faszinierender Teil der Musik, darüber habe ich sogar eine Abiturarbeit geschrieben, über die kurzen Orchesterstücke von Anton Webern. Ich habe schon als Jugendlicher gerne John Zorn und Arto Lindsay gehört, etwa als Die Tassen in der Bremer Schauburg, ein legendäres Konzert in den Achtzigerjahren, wo kein Stück länger als 30 Sekunden war. Kürze fand ich immer gut, hatte damit aber zuletzt wenig zu tun, auch weil es sich kommerziell in Zeiten von i-Tunes schlecht vermarkten lässt. Der Druck auf dem Ventil war also ebenso groß wie der Spaß, der dabei rausgekommen ist.
Darf ich mir das Berufsleben des Wigald Boning ohnehin als einzigen Spaß vorstellen?
Es gibt in jedem Komikerleben Momente, wo der Spaß in Arbeit mündet. Aber ernsthaft: Bei aller Seriosität, die Humor gerade im Fernsehen erfordert, bin ich stets bemüht, den Spaß nie zu verlieren. Sonst fände es das Publikum nicht lustig. Von Irrwegen, Humor ohne den eigenen Spaß zu erzeugen, habe ich mich gottlob längst abgewandt.
Sind Sie durch und durch Komiker?
Falls durch und durch „immerfort“ heißt, nicht. So wie jeder, der nur ernst ist, bald traurig wirkt, tut es auch jeder, der nur lustig sein will. Ich sehe mich aber gar nicht als Komiker, sondern bin durch Zufall genau dann ins Fernsehen geraten, als die Comedy-Welle gerade durchs Land zu schwappen begann. Selbst da war das Lustige jedoch nur lustig, wenn es mit professionellem Ernst grundiert ist. Bei Hobby zum Beispiel ist es so, dass viele Aspekte daran durchaus humoristisch sind, aber von so großer Sachlichkeit begleitet, dass wir noch gar nicht wussten, wie wir bei unserem Tournee-Auftakt in Offenbach überhaupt auftreten werden.
Wie humoristisch sind Sie als Person?
Da muss auch ich mir vieles erarbeiten. Um lustig falsch Tuba zu spielen, muss man das Instrument richtig gut beherrschen.
Entspricht der Wigald Boning des Fernsehens seiner realen Vorlage?
Ich versuche die Differenz gering zu halten – das ist stressfreier, glaubwürdiger und gesünder. Es ist schließlich schwer, gegen eigene Empfindungen anzuarbeiten, so als würden Sie sich die Hand quetschen und müssten sogleich Heiterkeit verströmen. Das wird nix.
Ist an Ihnen also weniger Inszenierung als man meint?
Ich habe beispielsweise privat eher selten Kunstrasenanzüge getragen, es ist aber auch nicht alles Inszenierung an mir, so wenig, wie mein Privatleben humorfrei ist.
In dem Sie nebenbei Extremsportler sind.
Na ja, Extremsportler… Ich hatte als Zivi mit einem Mann zu tun, der nach einem Schlaganfall mit 86 noch mal gehen lernen wollte. Das ist Extremsport. Ich sehe mich ja auch deshalb nicht als Extremsportler, weil der sich in Grenzsituationen bringt, bei denen die Möglichkeit besteht, sie nicht zu packen. Ich dagegen bin mir bei allem, was ich anpacke, sicher, es auch zu Ende zu bringen. Da regiert das Sicherheitsdenken. Einzig bei Hobby ist das Ende völlig offen, aber es geht ja auch nicht ums Überleben.
Wie beim Sammeln von Einkaufszetteln und Nasenhaarschneidern.
In der Tat. Meine Nasenhaarschneider füllen eine Vitrine, da brauche ich demnächst die zweite. Und über Einkaufszettel hab ich sogar ein Buch mit dem Titel Butter, Brot und Läusespray. Was Einkaufszettel über uns verraten geschrieben, wollte damit schon mal aufhören, ging aber nicht. Deshalb scanne ich weiter Parkplätze und Supermärkte ab.
Und betreiben was – eine Konsumgesellschaftsethnologie?
Gewissermaßen. Es gibt da viele spannende Aspekte. Weil man sie meistens zum einmaligen Eigengebrauch schreibt, ist man anders als beim Tagebuch gänzlich unverstellt, das lässt unendlich viele Interpretationen bis hin zum Familienstand des Einkäufers zu. Richtig spannend wird es aber erst, wenn die Einkaufszettel für andere verfasst sind. Steht da „3 Bier“ und in Klammern „mehr nicht“ mit drei Ausrufezeichen, sagt das eine Menge übers Verhältnis des Verfassers zum eigentlichen Einkäufer aus.
Auch darin steckt aber natürlich wieder ein humoristisches Element.
Schon.
Wurde Ihnen das in die Wiege gelegt?
Na ja, mein Vater war im Hauptberuf Bankkaufmann und als ich klein war, FDP-Politiker. Weil das gar nicht so witzig klingt, hat mich das vielleicht umso mehr humoristisch geprägt.
Waren Sie denn schon in der Klasse der Clown?
Gar nicht. Eher ein ernsthafter junger Mann, der sich bis heute einbildet, ernstlich am Unterrichtsstoff interessiert gewesen zu sein. Mein Traumberuf war ja lange Zeit Lehrer. Später wollte ich sogar mal Philosophie studieren, aber dazu hätte ich ein Latinum gebraucht und ich bin von Natur aus etwas faul und vielleicht am Ende doch nicht ernst genug.
Und warten Sie jetzt, wo Sie als Komiker etabliert sind, auf die große ernste Rolle?
Ich kann das jederzeit machen, wenn ich will. Hobby ist dafür der Beweis, so heiter das bisweilen ist. Aber eine ernste Rolle, ich weiß nicht. Ich bewundere Kollegen, die das geschafft haben, Dieter Hallervorden zum Beispiel. Beneiden tue ich ihn aber nicht. Da suche ich mir lieber meine Nische wie die Einkaufszettel-Sammelei und träume davon, ein Buch zu schreiben, dessen Grundgedanke an die Ernsthaftigkeit der Alltagsmythen von Roland Barthes heranreicht.
Sie lesen französische Poststrukturalisten?
Im Original sogar! Ist aber gar nicht so schwer und ich kannte das Buch vorher auf Deutsch.
Was war der ernsteste Moment Ihres Lebens?
Wirklich schwierig war mein Zivildienst in der individuellen Schwerstbehindertenbetreuung. Da war ich als 18-Jähriger ernsthaft überfordert. Von den späteren möchte ich lieber schweigen.
Wigald Boning & Roberto Di Gioia – New Wave (Hobby Musik/Good To Go/ Groove Attack)
Posted: November 26, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Zu schön, um gut zu sein
Mit Kommissar Dupin hat es den deutschen Krimi im April mal wieder ins Ausland gezogen. Heute ermittelt Pasquale Aleardi zum zweiten Mal als Pariser Exilant in der fremdsprachigen Bretagne – und macht das abermals gar nicht mal schlecht.
Von Jan Freitag
Wenn leise die Meereswellen wippen und dazu mal skandinavisches, mal mediterranes Flair durchs Bild weht. Wenn fremdländische Menschen fremdländische Riten pflegen und ihr akzentfreies Deutsch mit „Monsieur le commissaire“, „Merci“ oder „Madame“ begleiten. Wenn also alles exotisch ist und gleichsam nichts – dann dreht das hiesige Fernsehen seine Krimis mal wieder außerhalb der Landesgrenzen. Nach all den Laurentis, Brunettis, LaBréas und zuletzt dem Britischen Jury ermittelt nun also ein gewisser Georges Dupin nach dem Besteller des Jean-Luc Bannalecs in der Bretagne, jenem karstig-schönen Horn Frankreichs im wilden Atlantik. Die Leute rings um den strafversetzten Kommissar aus Paris machen maue Witze, tragen mediokre Kleidung, kochen miefende Fischsuppe, sind insgesamt nur mäßig spannend und tun somit alles, was den hochnäsigen Exilanten auf die Palme bringt. Also auch uns, das Publikum. Es ist zum Davonlaufen. Aber auch zum Abschalten?
Nein! Und das liegt einzig und allein an einem: Pasquale Aleardi. Der Schweizer mit dem hinreißend schönen Äußeren zwischen Latin Lover, Frauenversteher und Finanzjongleur verleiht seiner ersten ernstzunehmenden Serienrolle in zwei Jahrzehnten Schauspielerei eine entspannte Leichtigkeit, die selten ist auf solchen Sendeplätzen. Und das will was heißen. Denn wie so viele Fälle im deutschen Krimi jenseits vom Tatort ist auch dieser hier in seiner dramaturgischen und darstellerischen Schlichtheit fast bemitleidenswert.
Ging es im ersten Fall vor um einen – gähn – Erbstreit, in dem ein – schnarch – reicher Hotelier von – chhhrrr – gierigen Verwandten ums Leben gebracht wurde, weil es da was Tolles zu vererben gibt, diesmal wertvolle Kunst, so handelt Bretonische Brandung von drei angespülten Leichen mit Betäubungsmitteln im Blut, was bald auf irgendwas mit touristischen Großimmobilien im Naturschutzgebiet zu tun hat. Dazu werden auch diesmal allerlei regionale Normklischees verhandelt, die Protagonisten gucken stets, wie es ihrer Verstrickung in den Fall entspricht, und jeder kriegt dazu seinen kleinen Running-Gag: Die Hauptfigur (Dupin) rast dauernd in die Radarfalle und hasst jene Provinz, die er bewohnt. Inspektor Kadeg (Jan Georg Schütte) lacht als einziger über die eigenen Witze. Kollege Riwal (Ludwig Blochberger) ist ein Streber mit Streberbrille. So wird alles brachial auf Serientauglichkeit gebogen.
Dazwischen aber gibt es immer wieder diese kleinen Momente lässiger Nonchalance, mit der Pasquale Aleardi seine Verhöre vornimmt, den Notizblock traktiert, eine Landschaft erkundet, die ihm fremd, aber nicht unsympathisch scheint. Was abermals beweist, wie lieblos dieser talentierte Züricher von 42 Jahren besetzt wird. Gelegentlich darf der Sohn griechisch-italienischer Gastarbeiter zwar sein Gespür für die dezenten Töne im überdrehten Miteinander zeigen; dann spielt er einen glaubhaften Revoluzzer in Stefan Krohmers Dutschke oder ein israelisches Terroropfer in Dror Zahavis München 72. Meist gibt er dann aber doch die leicht exotischen Liebhabertypen in leicht debilen Filmen mit Titeln voller „Herz“ und „Liebe“ und „Männer“, die irgendwie irgendwas sind, meist etwas zu männlich.
Das kann man mal machen; schlechte Filme zu drehen ist für den prekären Beruf des Schauspielers betriebswirtschaftlich ja immer noch besser als gar keine Filme zu drehen. Und mit diesen hier beweist die frühere ARD-Schmalstullenfabrik Degeto, dass ihr Anspruch unter neuer Führung langsam ein bisschen übers sture Versendung dämlicher Liebesschnulzen hinausgeht. Doch bei kaum einem anderen Darsteller dieser Kategorie zwischen A- und B-Promi ist das Dilemma attraktiver Optik spürbarer als bei Kommissar Dupin alias Pasquale Aleardi. Kein Wunder, dass er mit Ermittlerfreundin Esther Zimmering und Annika Blendl als Assistentin Nolwenn zwei Schönheiten zur Seite bekommt, an denen er seinen süßen Dackelblick trainieren darf. Und das gleich in Serie. Seinem Portfolio bekommt das sicher gar nicht so schlecht. Seinem Anspruch, endlich ernster genommen zu werden als seiner Hülle eher weniger.
Posted: November 23, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Gebrauchtwoche
18. – 23. November
Nein, die Woche, die war, war nicht grad die Woche der Wahrheit, bekanntlich das erste Opfer des Kriegs. Zunächst stellte das Erste im Rahmen von Günther Jauchs Talkshow zwar allerlei kluge Fragen an Wladimir Putin, der seine eigentümliche Sicht der Weltdinge allerdings nahezu unwidersprochen absondern durfte. Dann ging sein Propagandakanal Russia Today als TD-deutsch online, was der Wahrheitsfindung über humanistisch gesinnte Rotarmisten im Kampf gegen ukrainische Faschisten endlich auch hierzulande Vorschub leistet. Und zwischendurch erschien ein Youtube-Video, das die Rettung eines syrischen Mädchens unter Assads Scharfschützenbeschuss zeigt, was sich jedoch als Fake entpuppte, inszeniert von einem Norweger in Malta, der damit aufs weltweite Los armer Kinder aufmerksam machen wolle.
Na wenigstens beweist das Unterhaltungsprogramm seine unverbrüchliche Liebe zur Wahrhaftigkeit. Das lässt sich wunderbar an der Fernsehwerbung ablesen, wo ungeachtet von Emanzipation, Bildung, Intelligenz und ähnlich lästigen Hindernissen maskuliner Wesensentfaltung unverdrossen Frauen die Wäsche machen, während Männer mit Buddys Bier trinken und rohes Fleisch äsen. Neokonservatismus der Woche: In Spots von Obi über Check 24 bis Media Markt dekorieren sich unansehnliche Kraftprotze mit blutjungen Models, die sich ums Make-up kümmern, während ihre Göttergatten nach der Jagd am Blockhaus zimmern.
Und so einen rückständigen Mist sehen sich dann bis zu 87 Prozent aller Europäer an, die laut einer Studie täglich fernsehen (wenn auch nicht mehr auf Apparaten der Marke Metz, der Mittwoch als letzter deutscher Hersteller nach Grundig oder Nordmende Insolvenz angemeldet hat). Das haben die Vereinten Nationen zu einem wiederkehrenden Ereignis am vorigen Freitag ermittelt: Den Weltfernsehtag, an dem die UNO seit 1996 „eine bessere Welt gestalten“ will.
Frischwoche
24. – 30. November
Das unterscheidet die Weltregierung zwar meist von denen, die diesem Ziel das entsprechende Programm beisteuern. Doch mitunter decken sich Anspruch und Wirklichkeit auf fast gespenstische Weise. Heute zum Bespiel zeigt das ZDF, was es gefühlt tausendmal gezeigt hat: akribisch kostümiertes Historytainment zu irgendwas mit Hitler. Doch die kammerspielartige Sachbuchverfilmung Das Zeugenhaus tut dies auf fabelhafte, vor allem fabelhaft dezente Art. Und das liegt nicht nur an den grandiosen Darstellern von Matthias Brandt über Rosalie Thomass und Iris Berben bis Edgar Selge, sondern daran, wie aberwitzig die Wirklichkeit dahinter ist: In so einer Villa wurden 1945 Zeugen von Anklage und Verteidigung der Nürnberger Prozesse einquartiert, also Opfer wie Täter. Heraus kommt ist ein Glanzstück geschichtlichen Entertainments.
Das gibt es zeitgleich auf Arte gleich mehrfach zu bestaunen. Im Rahmen seines Filmfestivals (das praktisch jeden Abend dieser Woche vorbehaltlos zu empfehlen ist) läuft da um 20.15 Uhr das ukrainische Melodram „Verwundete Erde“ über ein Liebespaar, das die Atomkatastrophe von Tschernobyl schicksalhaft verbindet und trennt. Dicht gefolgt vom deutsch-französischen Drama Captive, das ebenfalls nach realen Motiven die Entführung einer Entwicklungshelferin auf den Philippinen fiktionalisiert. Gänzlich irreal, dafür wunderbar irre ist die TV-Premiere des Horrorfilms Excision (Freitag, 23.05 Uhr, 3sat), der augenscheinlich ein blutiger Vorstadttrip des Außenseiters Pauline ist. Dahinter steckt allerdings ein groteskes, aber kluges Drama übers Pubertieren. Mit Ex-Pornostar Traci Lords als Mutter.
Was sonst in der Woche steckt? Neben dem zweiten Teil der grandiosen Krimireihe München Mord am Samstag im ZDF vor allem: Musik. Weniger ratsame wie bei Markus Lanz, der Grönemeyers neuem Album Dienstag (22.45 Uhr) eine zweistündige Dauerwerbesendung schenkt. Eher ratsame wie Mumford & Sons in Concert, der die Neofolkband auf Tour begleitet und zeigt, woher ihr unfassbarer Erfolg rührt. Sehr ratsame wie Sound of Heimat, der den neuseeländischen Saxofonisten Hayden Chisholm 30 Minuten später im WDR auf skurrile Reise durch Deutschlands Volksklänge schickt. So richtig ratsam ist dann auch der schwarz-weiße Tipp der Woche: 1925 begab sich die US-Dokumentation Moana (heute, 0:00 Uhr, Arte) auf die Spur samoanischer Riten und Gebräuche, was 90 Jahre später wie eine Überdosis psychoaktiver Substanzen wirkt – und damit dem farbigen Wochentipp recht nahe kommt: Sons of Norway (Freitag, 20.15 Uhr, EinsFestival), wo der norwegische Hippiesohn Nikolaj nach erstmaligem Hören der Sex Pistols unbedingt Punk werden will.
Posted: November 20, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Wie ein Hooligan
Für alle Digital Natives und sonstwie später Geborenen: es gab da mal einen Sender namens MTV, der hat das Fernsehen mit Musikvideos revolutioniert, lange bevor es das Internet gab. Sein berühmtester Moderator hieß Ray Cokes, dessen Sendung Most Wanted von jedem Teenager, der was auf sich hielt, vergöttert wurde. Bis, ja bis seine Karriere mit einem Wutanfall endete. Auf der Reeperbahn. Jetzt hat der englische Ex-VJ seine Autobiografie geschrieben – und spricht ausgerechnet dort darüber, wo er 1996 seinen Job verlor und elf Jahre wieder in die Spur geriet.
Interview: Jan Freitag
Ray Cokes, ein Interview am Rande der Reeperbahn, mit Blick auf den Spielbudenplatz – das ist schon ein besonderer Ort für Sie oder?
Ray Cokes: Absolut, einer der besondersten sogar. Genau hier wurde mein altes Leben, wie es war, beendet. Hier hat aber auch ein neues begonnen. Am Ende hatte ich auf der Reeperbahn mein Happyend, und wissen Sie was? Ich liebe Happyends. Deswegen bin ich trotz allem glücklich, wie alles gelaufen ist.
Wie ist es denn gelaufen?
Als ich hier 1996 auf der Bühne stand und die Toten Hosen nicht wie angekündigt gekommen sind, sondern nur auf der Leinwand zu sehen waren, hab ich mich wie ein Hooligan verhalten. Die Leute waren aufgebracht und ich hatte zu viel Angst vor ihnen, um kontrolliert zu reagieren. Das war das Ende meiner Karriere bei MTV. Aber vor fünf Jahren habe ich exakt an der gleichen Stelle die Chance gekriegt, wieder auf einer deutschen Bühne zu sein, was im Musikgeschäft ein ungemein wichtiger Ort ist. Besonders in einer Stadt wie Hamburg.
Klingt nach dem Stoff eines klassischen Dramas.
Deshalb habe ich auch meine Memoiren so aufgebaut, ein ungeheuer befreiender Akt in drei Akten. Im ersten steigt der Protagonist auf, im zweiten fällt er tief, im dritten rappelt er sich hoch. Die Reeperbahn stand da am Ende des ersten und am Beginn des zweiten Aktes. Denn so tief ich darauf gefallen bin – nach einer Zeit der Verwundung habe ich hier neues Selbstvertrauen gefunden. Ein bisschen wie Hollywood.
Oder Shakespeare.
(lacht) So weit würde ich nicht gehen, aber am gleichen Ort unterzugehen und aus der Asche wieder aufzustehen – das ist doch absolut filmreif. Vielleicht hätte ich dieses Buch auch ohne die Reeperbahn irgendwann geschrieben, aber dann wäre es bloß ein Buch über MTV Most Wanted gewesen, einen spannenden Musiksender und mich mittendrin. So wurde es die Erzählung meines Lebens.
Obwohl die meisten Leser vermutlich vor allem der MTV-Teil darin interessiert.
Das stimmt. Musiker sagen ja immer wieder: Mein Song gehört nicht mir…
Sondern der Plattenfirma.
(Lacht) Das ist das zynische Besitzverhältnis, damn it. Nein: dem Publikum! Die Zuschauer von damals, das erlebe ich auf allen Reisen, sind wirklich berührt von dieser Zeit. Der Sender und alle Leute darin hat ihnen echt was bedeutet, besonders Teenagern. Weil das für eine Autobiografie nicht ausreicht, war jetzt das Problem, die Zeit davor und danach so spannend zu schreiben, wie es sich der MTV-Teil von ganz alleine tut. Das war für den Perfektionisten in mir, der allenfalls mal schlechte Popsongs schreibt, eine Riesenlast. Mein Herausgeber hat mir einen Ghostwriter angeboten, aber den wollte ich nicht. Erster Fehler. Dann fragte er, wie lange ich brauche. Ich: sechs Monate. Zweiter Fehler. Aber nach eineinhalb Jahren habe ich gemerkt, wie befreiend das Schreiben der eigenen Memoiren ist, fast wie eine Therapie.
In der Sie zum Beispiel über so intime Dinge wie Ihre Depression sprechen.
Und dann auch noch vor Wildfremden! Menschen, die eine völlig andere Wahrnehmung von mir haben. Wissen Sie, es kann mir passieren, dass ich mal irgendwo auf einer Party den DJ spiele, also jetzt nicht im Sinne von Mixen, sondern zwei iPods nebeneinander, und es kommt jemand an und sagt, Man, du bist doch Ray Cokes. Ich verkaufe Villen auf Ibiza, die hier kostet fünf Millionen, und weil ich es liebe, was du getan hast, gebe ich sie dir für zwei. Wenn ich ihm dann sage, dass ich kaum 2000 habe, sagt er nur: Ach kommt, zehn Jahre MTV – du musst doch Multimillionär sein! Mein öffentliches Bild passt nicht immer zur Realität.
Trifft das etwa auch auf den fröhlichen, schlagfertigen, anarchischen Moderator zu, ist das gar nicht dieser Ray Cokes?
Doch, doch. Ich hatte nie eine Maske auf, ich war kein Schauspieler, ich bin ein Entertainer, dessen Lautstärke nur auf eine Stufe gestellt wurde, die jenseits der Kamera wohl ein Fall für die Klapsmühle gewesen wäre. Heute, im Alter, muss ich dafür etwas mehr Energie aufwänden; damals kam das voll aus mir selbst, purer Ray Cokes. Sogar der Reeperbahn-Vorfall war ich, das war keine Show, kein Ausbruch.
Trotzdem verändert so ein Leben im Rampenlicht auch den Menschen dahinter oder?
Schon, aber ich mache den Job mehr als die Hälfte meines Lebens, seit ich 27 bin. Diese Zeit lässt sich nicht vom Rest meines Daseins abkoppeln. Um ihn machen zu können, braucht man ein gewisses Ego, sonst kommst du im Showbiz unter die Räder. Aber wenn ich nachdenke – und ich denke viel nach –, spüre ich mittlerweile Ängste und Sorgen, die ich früher nicht hatte. Es sind die Sorgen eines Mannes, der oft antriebslos war und zu viel Zeit mit Videospielen verbrachte. So gesehen entspreche ich nicht mehr ganz den Stereotypen echter Bühnenstars.
Meinen Sie damit die gesamte Zeit von 1996 bis 2009?
Nein, ich hatte zwischendurch sechs erfolgreiche Jahre im französischen Fernsehen, aber zwei Jahre nach der Sache mit der Reeperbahn und ein Jahr vorm Neubeginn steckte ich in einem ziemlichen Loch. Ich musste mich mit PR-Moderationen über Wasser halten, die in der Krise zudem immer schlechter bezahlt wurden. Aber solche Zeiten machen dich ja auch stärker, ich hätte sie mir nicht gewünscht, möchte sie aber auch nicht missen. Man lernt zum Beispiel, dass die guten Freunde auch bei dir sind, wenn du nicht mehr auf tollen Partys bist. Und man lernt, sich aufs Wesentliche zu besinnen. Bei mir ist das sicher keine Jury eines Tanzwettbewerbs im Privatfernsehen, die man mir schon angeboten hat. Ich will etwas mitteilen: echte, relevante Musik präsentieren wie auf dem Reeperbahnfestival oder meine Biografie schreiben, das erste greifbare Produkt, das ich in meinem Leben zustande gebracht habe.
War MTV Most Wanted nicht Ihr Produkt?
Doch, schon. Aber ein flüchtigeres als ein Buch. Dennoch: MTV gab uns damals die Macht, 60 Millionen Haushalte in Europa zu erreichen, ohne irgendwelche Formatvorgaben zu machen. Bis auf mich waren alle VJs jung, jedenfalls zehn Jahre jünger als ich, es gab kaum ein Budget – so wird man kreativ und interessant. Wir hatten wirklich Narrenfreiheit, haben sie genutzt und die Kollegen aus Amerika, die dort schon fünf Jahre MTV gemacht haben, fragten verwundert: Was ist denn das für ein Typ da bei euch? Zu alt, zu wenig Musik, er macht alles nur kaputt, schmeißt ihn raus! Da hatte ich Glück, dass mein Boss uns machen ließ, solange wir nicht sexistisch, rassistisch oder beleidigend waren. Dennoch gab es ständig Briefe der Regierung, wann künstlerische Freiheit angeblich in Respektlosigkeit umgeschlagen sei. Diese Linie haben wir öfter mal berührt.
Auch überschritten?
Nein, dafür bin ich auch nicht der Typ. Und mir war bewusst, dass das Überschreiten 50.000 Pfund gekostet hätte, im Wiederholungsfall gar die Lizenz. Da war ich sehr wachsam. Und die Fans gaben uns ja das Gefühl, alles richtig zu machen – das konnte man an den Abertausenden Briefen und Faxen sehen.
Faxen?
Ja, diese futuristischen Telefone mit Papier. Sehen Sie – das waren echt unglaubliche Zeiten! Vielleicht die letzten, wo Fernsehen noch den Zuschauern gehörte und denen, die sie unterhalten haben. Keinen Shareholdern. Das hat MTV so besonders gemacht. Und genau deshalb war mir so wichtig, mit meinem Buch nichts zu zerstören. Das einzige, was ich je bewusst zerstört habe, war meine eigene Karriere, als ich auf der Reeperbahn durchgedreht bin. Trotzdem finde ich es unfair, wenn man zehn erfolgreiche Jahre auf fünf schwache Minuten reduziert.
Wie erklären Sie sich eigentlich, dass da ein Ottonormalverbraucher mit wenig Haar, gebügelten Hemden und ein paar Jahren zu viel auf dem Buckel so ein Teenystar werden konnte?
Schwer zu sagen, aber ich war wohl sowas wie ein dreister Onkel auf dem Familienfest, eine Art schwarzes Schaf, das anders ist, aber lustig und dabei nett, statt gehässig. Man muss sich das mal vorstellen: Hinter MTV stand damals einer der größten Sender und seine erfolgreichste Sendung wird von einem Haufen Idioten gemacht. Das schafft, selbst wenn man älter und weniger hip ist als andere, eine Verbindung mit normalen Menschen da draußen. Denen ich – abgesehen davon – Radiohead, Arnold Schwarzenegger, Take That ins Studio geholt hab. Ich war ein Sonderling, aber ein unterhaltsamer.
Heute ist MTV kostenpflichtig, Viva musikfrei, VH1 tot – gibt es etwas zu beklagen oder ist es einfach der Lauf der Dinge, dass Musikfernsehen ins Internet emigriert ist?
Ach wissen Sie, wenn ich meinen 16-jährigen Nichten und Neffen erzähle, dass man früher eine Woche auf seine Lieblingssendung im Fernsehen warten musste, erklären sie das doch für verrückt. Für die ist Fernsehen Vergangenheit. Mir selbst ist es egal, auf welchem Bildschirm gute Musik läuft, solange man den Menschen dahinter wirklich begegnen kann, statt nur ihr Produkt zu konsumieren. Dafür kämpfe ich, aber es ist ein Kampf für meine Generation, nicht für die Teenager von heute. Für die habe ich in den Neunzigern gekämpft. Und zehn Jahre lang nicht verloren.
Ray Cokes – My Most Wanted Life (432 Seiten, bebildert, deutsch/englisch, handsignierte Erstauflage, Schwarzkopf & Schwarzkopf)