Das Ende der Geduld: Duldung & Fiktion

Mehr Toleranz für Intoleranz

Seit Sonntag wirbt die ARD-Themenwoche auf allen Kanälen für Erdulden statt Akzeptanz. Das ist oft gönnerhaft – außer im fabelhaften Biopic Das Ende der Geduld mit Martina Gedeck als Jugendrichterin Kirsten Heisig. Heute Abend im Ersten wird Toleranz darin nicht verlogen gepredigt, sondern wirklich debattiert. Auch wenn die echte Juristin zuweilen besser wegkommt, als sie in der Realität womöglich war. 

Von Jan Freitag

Toleranz ist das Gebot der Integrationsstunde. Wer sich modern geben will, liberal und empathisch, betont zwanghaft seine Toleranz für alles, was irgendwie von der Norm abweicht: Behinderte, Homosexuelle, Andersgläubige, Ausländer, die vor allem. Wer tolerant ist, meint es ja gut. Dummerweise ist gut gemeint allzu oft das genaue Gegenteil von gut – weshalb die ARD in ihrer Themenwoche Toleranz selten das Gute feiert. Sondern die hässliche kleine Schwester der Akzeptanz. Wer tolerant ist, nimmt etwas mehr zähneknirschend hin, statt es aufrichtig als gleichwertig anzunehmen. Toleranz trägt den Keim der Verlogenheit weit tiefer in sich als vorgebliche Anteilnahme. Auch deshalb hätte sich Kirsten Heisig sicher mit Stolz als intolerant bezeichnet. Als sie 2008 am Amtsgericht Tiergarten tätig wurde, wollte die Jugendrichterin den herrschenden Umgang mit jungen Kriminellen am Berliner Brennpunkt nicht mehr hinnehmen und wendete die Gesetze daher strikter an als ihre wohlmeinend nachsichtigen Kollegen.

Die ortsübliche Toleranz mit straffälligen Jugendlichen aus Erschöpfung und Personalmangel nebst liberaler Rechtsauffassung ersetzte sie durch Zügigkeit, Härte und viel persönlichem Einsatz. Die erzieherische Wirkung schneller Urteile legte später den Grundstein ihres „Neuköllner Modells“, das bundesweit rasch Vorbildfunktion erlangte. Vom Umfeld allerdings brachte es derlei Rigidität viel Gegenwind, vom Boulevard den Titel „Richterin Gnadenlos“. Und von der ARD nun sogar ein Biopic. Das Ende der Geduld, benannt nach Kirsten Heisigs biografischem Sachbuch, schildert die letzten Wochen im Leben der streitbaren Juristin, die sich im Sommer 2010 inmitten des schwarzrotgoldduseligen Weltmeisterschaftstrubels das Leben nahm. Weniger gnadenlos als pädagogisch setzt sie sich als Corinna Kleist vor allem mit einem arabischen Clan ihres Kiezes auseinander, sucht stets die juristische Konfrontation, bietet kleine Deals für geringere Strafen an, urteilt hart, aber gerecht und gerät somit zu einer Art Lichtblick im trüben Wasser toleranter Verlogenheit. Was wiederum an Martina Gedeck liegt.

Denn wie sie die reale Richterin mit Wahrhaftigkeit füllt, ist – vorsichtig formuliert – eine Sensation. Ihr Gesichtsausdruck vermag es, Nähe und Distanz in einem einzigen Halblächeln zu vereinen. Allein Martina Gedecks Mimik kündet somit ausdrucksstark vom Dilemma zwischen dem tiefen Glauben an den Rechtstaat und dessen Hilflosigkeit im Angesicht anarchistisch entfesselter Bandenkriminalität zu verkünden. Wenn dann noch ihre sonore Stimme hinzukommt, glaubt man als Zuschauer, die echte Richterin zu begleiten, nicht bloß eine Schauspielerin.

Wie sie das haspelnd vorgetragene Gedicht eines abermals verurteilten Punkmädchens ausdruckslos mit „Mach’s gut, ich vertrau dir, komm nicht wieder, ja?“ statt schwülem Pilcher-Gesäusel kommentiert; wie sie der handelsüblichen Kindergeldtirade des Polizisten auf Viertelrundfahrt, „die übernehmen uns durch ihre Fruchtbarkeit“, ein trockenes „Neidisch?“ entgegnet; wie sie einer solchen Vielfachmutter auf die Klage in holpernden Deutsch, „wir brauchen Geld für Turnschuhe“, vors Kopftuch knallt, „Sie brauchen kein Geld, Frau Wahid, Sie brauchen einen Deutschkurs“; wie sie also tolerant bloß im Sinne der rechtlichen Schranken ist und ansonsten ihren Geist sprechen lässt – all dies macht Das Ende der Geduld zu einem bemerkenswerten Film über die Fallstricke der Realität. Trotz allem.

Trotz einiger Klischees liberaler Gutmenschen also, die wie der fabelhafte Jörg Hartmann als Jugendrichter Wachowiak unterm Talar zottelige Geisteskiffer sind, aber bei Konferenzen teuren Wein im Edelrestaurant verkosten. Trotz der Zeichnung libanesischer Gangs als quasi genetisch bedingte Unmenschen vor allem. Und ob Kirsten Heisig wirklich eine derart makellos moralgetriebene Superjuristin wie Corinna Kleist im Film ist, deren angebliche Depression als mögliche Suizidursache einfach mal komplett ausgespart wird, sei mal – schon aus Gründen der Pietät – dahingestellt. Dennoch ist Christian Wagners leiser, aber lautstarker Film eine famose Entzauberung der Scheinidylle bürgerlicher Toleranz zum Wohle von etwas, das dieser Kirsten Heisig zumindest in Form von Corinna Kleist abzunehmen ist: Akzeptanz menschlicher Unterschiede. Ein wenig mehr davon täte auch der ARD-Themenwoche gut.


Schmierseifenbambi & Toleranzgefasel

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10. – 16. November

Tatatatusch! Mit viel Glamour, reichlich Helene Fischer und einem Höchstmaß an Gefühlsduselei wurde Donnerstag live im Ersten der Bunte, pardon: Bambi verliehen und die Gewinner sind … längst schon wieder egal. Irgendwie bedeutsam waren sie schließlich ohnehin nur im Moment des Überreichens, wenn ergriffen Überreichende den Wert des künftigen Staubfängers auf Friedensnobelpreisniveau hochgejazzt haben. Interessanter als der Umstand, dass ein Schmierseifenvertreter wie Francis Fulton-Smith für die Trophäe nur einmal in seiner Karriere irgendetwas (nämlich Franz-Josef Strauß in Die Spiegel-Affäre) einigermaßen anständig machen musste, ist also weniger, wer das äußerlich vergoldete, innerlich wertlose Waldtier für was auch immer künftig in die Vitrine stellen darf, sondern dass Die Bergretter parallel im ZDF mehr ältere Zuschauer fanden als die Werbeshow fürs Klatschmagazin aus dem Hause Burda. Von jüngeren ganz zu schweigen, die sich lieber ein Casting auf Pro7 ansahen als Entertainment ihrer Urgroßeltern.

Aber vielleicht sollten wir mal Toleranz walten lassen. Toleranz mit dem Anspruch Anspruchsarmer ans Leitmedium. Toleranz mit deren Bedürfnis, nach Feierabend daheim oder Kaffee im Seniorenstift, Dinge regelprogrammiert zu kriegen, die den kriselnden Erdball für zwei Stündchen vor der Rüschengardine lassen. Toleranz, dieses spießbürgerliche Wort zähneknirschenden Erduldens statt vorbehaltlos Akzeptierens wird schließlich größer geschrieben als sonst dieser Tage. Die ARD feiert ja samt ihrer Nebenkanäle Woche der Toleranz.

Darin könnte sie nun Toleranz für eine zugehörige Plakatkampagne einfordern, die alles, was es im Sinne des Schwerpunkts zu Tolerieren gilt, erst recht der Ignoranz Intoleranter aussetzt. Was der Blogger Teilzeitnerd wunderbar persifliert, indem er fragt, ob man da nicht auch um Toleranz für Holocaust-Leugner bitten könnte. Oder sagen wir: Wladimir Putin, dessen Pressegesetze so pressefeindlich sind, dass sich CNN nach 34 Jahren bald aus Russland zurückzieht. Aber egal, ob man Schwarze nun als „Belastung oder Bereicherung?“ empfindet und Schwule als „normal oder nicht normal?“ – an sich bereichert die Woche seit Samstag durchaus die Debattenkultur.

TV-neuFrischwoche

17. – 23. November

Wäre das, was zu den Topsendezeiten gezeigt wird, nur nicht oft so piefig. Etwa wenn Christiane Hörbiger Montagabend den verhassten Roma nebenan im ARD-Film Bis ans Ende der Welt erst dann leidlich akzeptiert, als er sein musikalisches Talent offenbar und somit belegt, dass man sich Toleranz in diesem Land mit Leistung erarbeiten muss. Oder wenn uns zwei (selbst)betrügerische Freundinnen am Freitag im ARD-Melodram Die Sache mit der Wahrheit per Holzhammer einbimsen, dass ehrlich doch am längsten währt. Dazwischen gibt es zwar durchaus erhellende Dokus wie Jenseits der Toleranz über entlassene Kapitalverbrecher und ihre Isolation in Freiheit. Allerdings meist zu später Stunde, in diesem Fall Montag um 23.15 Uhr (ARD). Den Höhepunkt gibt es dann aber wieder zur Primetime: Das Ende der Geduld, wo Martina Gedeck am Mittwoch die echte Jugendrichterin Kirsten Heisig bis zum Selbstmord so wahrhaftig spielt, dass über Toleranz wirklich neu gedacht werden muss.

Das hat auch Adnan Maral (bekannt als Vater aus Türkisch für Anfänger) getan, als er für seine ARD-Reportage auf die Suche nach Gewalt im Namen Gottes ging, wobei damit Sonntag vor der Sportschau natürlich islamistische gemeint ist. Doch wie der türkisch-deutsche Schauspieler das umsetzt, ist auch jenseits der Toleranzwoche sehenswert. Wie das, was Arte seit Sonntag im jährlichen Filmfestival zeigt. Alles Sehenswerte aufzulisten, würde den Rahmen sprengen. Hervorzuheben ist aber die deutsch-französische Comic-Verfilmung Huhn mit Pflaumen (Dienstag, 20.15 Uhr) über einen rasend lustigen Iraner, der sich nach dem Verlust von Frau und Geige noch sieben irrwitzige Tage zum Leben gibt.

Wobei Irrwitz ein guter Übergang zum irrwitzigsten Film der hiesigen Filmhistorie ist: Fraktus, der Samstag (21.35 Uhr) als Teil des Arte-Schwerpunkts Godfathers of Techno läuft, zwei Stunden später ergänzt um die Reportage Sound of Belgium, die das Land als Keimzelle repititiver Musik zeigt. Und Donnerstag widmet 3sat dem Irrsinnigen Quentin Tarantino ab 22.35 Uhr unterm Kennwort Kino ein Porträt, gefolgt von seinem Meisterwerk Jackie Brown.

Stichwort Meisterwerk: Den schwarzweißen Tipp der Woche bildet Montagmitternacht Das Blumenwunder, in dem der deutsche Regisseur Max Reichmann 1925 pflanzliches Wachstum in Zeitraffer nachtanzen ließ! Der farbige Wochentipp dagegen ist von 2012: The Deep (Dienstag, 20.15 Uhr, ServusTV), ein isländisches Drama um den realen Fischer Gulli, der vor den Westmännerinseln kentert und überlebt.


Reisereportage: Per Postschiff zum Nordkap

IMG_3485Mehr wäre weniger

Eine Kreuzfahrt mit den Hurtigruten ist weniger eine simple Fahrt zum Nordkap als eine ins Innere seiner Seele. Dass die Schiffe bei aller äußeren Schönheit innerlich eher geschmacklos sind, gehört scheinbar zum Programm: erst an Deck und in den Häfen lernt das Gemüt laufen.

Von Jan Freitag

Mit der Farbe ist das so eine Sache. Was bunt ist, steht für Lebensfreude und Leidenschaft, für Vielfalt, Liebe, solche Sachen. Tristesse dagegen hat keine Farbe; Schwermut ist grau, Einfalt schwarzweiß und der Tod, berichten jene, die ihm mal nah waren, grüße Sterbende mit gleißendem Licht. Soweit die klassische Farbenlehre. Dann aber steht man an Bord der Polarlys und kann kaum genug kriegen von der Ödnis. Dann sieht man in Norwegens winterliche Fjordwelt und sehnt sich auch im Frühling nichts weniger herbei als den Sommer. Denn wenn sich dieses Kreuzfahrschiff, das keines sein will, weil es nur ein Postschiff der Hurtigruten ist, wenn also dieses Arbeitsgerät von 123 Metern die Westküste nordwärts fährt, an jedem Hafen hält, Ladung löscht, Passagiere aufnimmt, normale Norweger zumeist, und weiterfährt Richtung Nordkap, ändert das Auge seine Gewohnheiten.

Und trist wird bunt.

Doch was heißt hier trist, was bunt? Während der Frühling in Deutschland, wo zwei Drittel der Gäste wohnen, gerade alles koloriert, durchmisst die Fähre mit Freizeitabteilung eintönige Landschaften, die noch ihren Winterschlaf halten und gerade deshalb schillernder kaum sein können. Von der Hafenstadt Bergen aus, fast auf dem Breitengrad Islands, startet die Polarlys am Abend eines verhagelten Maitags auf eine der schönsten Seereisen überhaupt. Der regendunkle Mittagshimmel lässt zwar wenig Gutes erahnen für die nächste Woche gen Mitternachtssonne. Doch das ist nur der Schock vorm Ablegen. Und der zweite folgt an Bord.

Im Gegensatz zu dem, was außerhalb der sieben Decks bald folgt, ist das Interieur des Schiffes ein Inferno der Neunziger, als es entstand. Alles daran wirkt ästhetisch überladen wie seinerzeit die Leggings an Frauenbeinen. Bizarre Muster – gern mit Muscheln – fluten jede Faser Teppich, der sich die Bordwand empor zu fressen scheint. Jede Applikation wiederholt sich unablässig wie der stupideste Technobeat jener Jahre. Das ganze Ambiente erinnert an ein Schulterpolster im Blumenblazer. Baujahr 1996 eben, offenbar um Funktionalität bemüht, leider im Zeitgeist gefangen.

Und doch hat das Fegefeuer innenarchitektonischer Geschmacklosigkeit einen höheren Zweck, fast eine Mission: Es liefert den nötigen Kontrast zur Welt da draußen, die sich von Fjord zu Fjord und Ort zu Ort weiter öffnet. Hätte die Einrichtung der Polarlys einen Sound, er läge mittig zwischen Eurodance und Volksmusik. Kaum aber, dass stählerne Deckstüren zentimeterdick verpackte Kreuzfahrer ins Freie entlassen, weicht der kakophonische Lärm einer Symphonie der Stille. Bis aufs leise Tuckern des Schiffsdiesels, der den Ohren anders als auf den schwimmenden Hotelclubs à la Aida den Eindruck vermittelt, wirklich auf dem Wasser zu reisen, herrscht hier völlige Stille. Und sie erzeugt eine innere Ruhe, die man wohl nirgends sonst erlebt.

Das hat viele Gründe. Das Spektakel einer verschrobenen Umwelt, die Norwegens Westrand in Jahrmillionen ausgefranst hat wie eine alte Fahne im Orkan dieser Gegend. Das klärende Licht des immerwährenden Tages, der mit jeder Meile nordwärts tiefer in die Nacht ragt. Dazu völlig unberührter Schnee auf dem steil ansteigenden Festlandschelf, der nicht nur an den Golfstrom leckt, sondern auch an den Seelen der Passagiere. Seltsam geschrumpfte Menschen also, die hier von einer Demut ergriffen werden, als läse der Fels die heilige Messe. „Natur pur“ preisen Reiseführer flankiert von PR-Worten wie faszinierend, traumhaft, einzigartig. Alles korrekt und doch nur die halbe Wahrheit. Das Wesen der schwarzrotweißen Postschiffflotte, die das Leben der Bewohner seit 1893 auf 2700 Küstenkilometern verbindet, es beinhaltet weit mehr als zwei entspannte Wochen bei maritimer Kost und netten Ausflügen zu Sehenswürdigkeiten wie dem spektakulären Geirangerfjord oder Kurztrios mit dem Jetski, Rentierkontakt garantiert. Mehr auch als die dauernde Vorbeifahrt an aberwitzig Schauspielen der Natur. Denn mindestens ebenso bedeutend ist Ørnes, ein Fischerdorf voll emsiger Hafenarbeiter, das nichts mit den betonierten Glasstahlthäfen fernab touristisch verwertbarer Ortskerne zu tun hat, in denen Kreuzfahrer andernorts gern in Reisebusse gekippt werden.

Hier steigt kaum jemand aus, hier steigt Harald zu. Mit Anfang 30 ist er kaum halb so alt wie das Gros der Feriengäste und unterscheidet sich auch dadurch vom Durchschnitt, dass er nicht ständig eine roten Becher für Gratiskaffee in der Hand hält, den die Kreuzfahrer zu Beginn der Reise für 40 Euro kaufen, um im sündteuren Konsumangebot wenigstens diesen Posten zu minimieren. Der wortkarge Industriemechaniker bevorzugt nach Schichtende zwei Dosen Bier, während ihm die Polarlys 200 Kilometer Heimweg nach Bodø spart, von wo aus das Schiff zu den Lofoten übersetzt. Auch die Inselgruppe mag im diffusen Glanz der nächtlichen Sonne verzaubern mit Plakatschönheiten wie dem Trollfjord, der selbst die drei demutsfreien Amerikanerinnen am Panoramafenster kurz zum Schweigen bringen – ihren echten Geist atmet die Reise woanders. In Svolvær etwa, der größten Inselstadt und doch ein Nest mit Dönerbude auf dem Platz, aber  sonst praktisch nichts. Außer einer Atmosphäre zum Niederknien. Wie in Tromsø, kurz vorm Ziel. In dieser Mischung aus Bullerbü-Syndrom und Alltagsrealität kann man sich mental gut vorbereiten auf den nördlichsten Punkt europäischen Festlandes tags drauf.

Beeindruckende Steilküste. 2000 Kilometer zum Pol. Schickes Museum. Nördlichster Supermarkt. Nördlichstes Kino. Nördlichste Toilette, Siedlung, Cafeteria. Alles der Welt. Abgehakt, denn selten war der Weg mehr das Ziel: Eine Reise, bei der selbst grauer Himmel über grauem Meer kunterbunt wird, weil hier nichts künstlich bemalt ist, sondern so ist wie es ist. Eine Reise, auf der mehr weniger wäre.

http://www.hurtigruten.com/de/


Germanfriday: Einstürzende Neubauten, Funny van Dannen

Einstürzende Neubauten

Um aus Geräuschen Musik zu machen, Bedarf es eines gewissen Abstraktionsvermögens. Um aus Abstraktionsvermögen Musik zu machen, bedarf es der strukturierenden Metrik. Um aus Metrik Musik zu machen, bedarf es eines Gefühls für Rhythmus. Um aus Rhythmusgefühl Musik zu machen, bedarf es das Bedürfnis, überhaupt Musik machen zu wollen. Vor allem die ersten drei Schritte bildeten bislang verlässlich jene Grundlage, auf der die Einstürzenden Neubauten Klangkosmen erzeugten, deren Geräuschteppiche zu wahren Symphonien gerinnen konnten. Und weil dem postindustriellen Experimental-Kollektiv schon zu Beginn seines Bestehens vor 35 Jahren auch Schritt 4 am Herzen lag, hat es den Begriff des Musikalischen stetig erweitert, bis mit Silence is Sexy anno 2000 ein Zustand erreicht wurde, der sich eher an Bach misst als am Pop. Seither aber geht der Weg scheinbar Schritt für Schritt zurück. Bis jetzt. Bis LAMENT.

So heißt das neue, nach inoffizieller Schätzung ungefähr 35. Album. Und dafür die Klammer Musik zu benutzen, bedarf schon etwas mehr Abstraktionsvermögen als purer Metrik. Verfolgten Blixa Bargeld, Alexander Hacke und N. U. Unruh seit 1980 spürbar den Ansatz, noch den verwirrendsten Geräuschkaskaden einen Rest von Metrik, Struktur, ja: Melodie zu entlocken, so beschränkt sich LAMENT vollends auf den einzelnen Ton in scheinbar willkürlicher Aneinanderreihung. LAMENT ist so gesehen eher Stockhausen als Punk, eher Cage als Noise, eher Fabrik als Industrial, also nach musiktheoretischem Ermessen immer noch anspruchsvoll; hörbar ist es nicht. Nicht zuhause jedenfalls oder unterwegs. Höchstens live, wenn Einstürzende Neubauten das klanglichen Nichts zur Kunstform erheben. Denn nichts anderes ist LAMENT: Kunst. Musik geht anders.

Einstürzende Neubauten – LAMENT (Mute)

Funny van Dannen

Alles easy, alles gut – wenn man Funny van Dannen wie im Titeltrack seiner neuen Platte Geile Welt beim Singen zuhört, wird all die Schwere ringsum ein wenig leichter. Krisen, Kriege, Magenprobleme – hinfortgepustet wie ein blauer Fleck auf Kinderbeinchen. Funny van Dannen vom westlichsten Rand der Republik braucht nur ein paar Akkorde, um dem Bösen da draußen eins zu Husten, mit Texten, die den Ernst der Welt verlachen, ohne ihn zu negieren. Mit Humor und Gefühl und unglaublich präziser Beobachtungsgabe, die selbst politisch unkorrekte Zeilen wie Auch schwarze lesbische Behinderte können ätzend sein sonderbar statthaft machen. Wichtigste Voraussetzung für dieses Grundverständnis zwischen Sender und Rezipient war allerdings: diese Ruhe. Funny allein auf der Bühne, bei ihm seine Gitarre und dieser Kopf voll kluger Flausen. Geile Welt jedoch ist ein Bandalbum. Und das ist ein kleines Problem.

Denn noch immer sind die Texte darauf von einer lebenssatten Erhabenheit, die das Publikum aufwühlt und beruhigt zugleich. Mit echter Begleitband allerdings, die in Stücken wie Losgehen oder Geld sogar richtig abgeht, wird das lustig-besinnliche Singer/Songerwriting des Wahlberliners irgendwie erdrückt, fast negiert. Gut – Geile Welt hat unverdrossen Funnyeske Preziosen wie Lebensbejahend, in denen er lebensbejahend Fleisch kocht, während ihm seine Kinder gegenüber sitzen und fragen, ob er nicht mal lebensbejahend Hamburger machen könne. Darüber hinaus aber stört das Instrumentelle eher, als dass es die Platte voran brächte. Trotzdem ist auch dieses Album purer van Dannen, sprachlich grandios und auch sonst ziemlich schön. In aller Unruhe.

Funny van Dannen – Geile Welt (JKP/Warner)


Hans-Jochen Wagner: Norm & Ausbruch

Geliebt werden will jeder

Hans-Jochen Wagner ist der vielleicht erfolgreichste Unbekannte im hiesigen Film und Fernsehen. Seit der 45-Jährige 2003 in Stefan Krohmers Sie haben Knut seine erste Hauptrolle hatte, waren grandiose Figuren in tragender Funktion dabei – dennoch verbinden wohl die wenigsten einen Namen mit dem Gesicht des Schwaben. Vielleicht liegt das am hintergründigen Spiel, vielleicht daran, dass seine zweite Heimat noch immer das Theater ist, vielleicht reichen sperrige Filme wie Maren Ades Alle anderen und Episodenfiguren beim Tatort doch nicht für echten Ruhm. Damit kann Wagner allerdings gut leben, wie er im Interview zu seiner ersten Reihenhauptrolle als Ermittler im ZDF-Krimi Kommissarin Heller erzählt, die Samstag endlich in die zweite Runde geht.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Wagner, im Dortmunder Tatort haben Sie zuletzt als pädophiler Familienvater die Gegenseite des Gesetzes gespielt, in Kommissarin Heller stehen sie auf der Guten. Macht das als Schauspieler einen Unterschied?

Hans-Jochen Wagner: Auf welcher Seite des Gesetzes eine Figur steht, ist gar nicht so von Belang. Was eine Figur ausmacht, sind ihre Konflikte. Und bei einem pädophilen Familienvater wie im Tatort liegen die auf der Hand, bei meinem Kommissar Verhoeven muss man die erst suchen. Das ist also im Grunde die spannendere Aufgabe – für mich ebenso wie für die Zuschauer. Handwerklich gibt es – solange ich als Ermittler nicht bloß danach fragen muss, wo der Verdächtige gestern Abend zwischen acht und halb neun war – kaum Unterschiede.

Bleiben Pädophile und Serienkommissare eigentlich noch immer am Darsteller kleben wie einst der Kindermörder Schrott an Fröbe oder Derrick an Tappert?

Nein, denn das hing stark mit einer Zeit zusammen, als Fernsehkommissare noch völlig anderes Gewicht hatten; schon weil sie mangels Alternativprogramm von viel mehr Menschen gesehen wurden. Damals war das Thema von Es geschah am hellichten Tag zudem neu, während Kinderschänder im heutigen Krimi fast schon inflationär gebraucht werden. Es nimmt der einzelnen Tat am Bildschirm ihre Singularität und damit den Schrecken, wenn in jedem zweiten Fernsehfall dadurch Suspense erzeugt wird, dass die Opfer Kinder sind.

Nun – wie in der ersten Folge von Kommissarin Heller ja auch…

Natürlich sind wir da keine Ausnahme, allerdings muss man hier hinzufügen, dass diese Situation schon in dem Roman von Sylvia Roth angelegt war, auf dessen Grundlage diese Folge geschrieben wurde.

Sie haben also nicht das Gefühl, das Format könnte an Ihnen haften bleiben?

Beim Tatort hätte ich die vielleicht, weil da eine ganz andere PR-Maschinerie dranhängt. Unser Format heißt zudem Kommissarin Heller, nicht Verhoeven. Was mir gut gefällt. Aber man sieht ja auch an unserer Besetzung, dass es eher um Geschichten als Gesichter geht. Der Tatort dagegen setzt mittlerweile sehr auf Köpfe.

Til Schweiger hätte es vor zehn Jahren dort nicht gegeben?

Never ever! Lisa und ich funktionieren voll übers Erzählen, nicht über unsere Namen. Ich kriege nun mal keine Homestory in der Bunte, das ist einfach so.

Aber warum ist das überhaupt so? Seit Sie haben Knut vor elf Jahren haben Sie doch regelmäßig Hauptrollen.

Schwer zu sagen. Auch wenn ich eine Weile lang relativ oft Familienväter gespielt habe, bin ich doch so ein wenig als Spezialwaffe ohne festgelegtes Rollenprofil bekannt. Ich würde mich als Schauspieler wandlungsfähig nennen und als Mensch nicht sonderlich exaltiert. Das sorgt für einen vergleichsweise geringeren Wiedererkennungswert, der für echte Stars unerlässlich ist. Mir geht’s um meine Arbeit, die glücklicherweise anerkannt wird.

Rote Teppiche sind eher nichts für Sie?

Doch, nur wissen halt viele Fotografen, wenn ich drauf stehe, nicht meinen Namen. Aber, das lässt sich ja ändern.

Außerdem ist das halt das Schicksal des Schauspielers, der oft an erster Stelle nach den Hauptdarstellern steht wie in Maren Ades Alle anderen.

Das stimmt wohl.

Suchen Sie diese Position auf der Besetzungsliste gezielt?

Ich lehne jetzt nicht aus lauter Bescheidenheit Titelhelden für tragende Nebenrollen ab. Aber als Typ kommt einer wie ich eben eher hintergründig rüber, und zwar selbst dann, wenn ich die Hauptrolle spiele. Andererseits sind Randfiguren zwar wichtig und oft besonders präzise zu spielen, aber der Einfluss, den man mit Hauptfiguren nimmt, ist ungleich größer. Und den möchte fast jeder Schauspieler ausüben, da geht es nicht um Eitelkeit. Besonders am Theater.

Wo Sie scheinbar mindestens genauso zuhause sind wie vor der Kamera.

Ach, das nimmt sich nichts. Beides zu verbinden, ist terminlich nur oft nicht einfach, da gerade Theater ein Höchstmaß an Planung erfordert. Aber es gibt ebenso tolle wie Scheiß-Filme, so wie es tolle wie Scheiß-Inszenierungen gibt. Das Schöne am Film ist allerdings, dass er nach dem Drehen weg ist und fertig. Wenn du ein Theaterstück nicht magst, musst du trotzdem am nächsten Tag wieder damit auf der Bühne stehen. Und dann gute Nacht! Andererseits ist die unmittelbare Resonanz aus dem Publikum unersetzlich, selbst im Kino gibt es Premieren mit Zuschauerdebatte; nach einem Fernsehfilm ruft vielleicht Oma an und sagt, wie’s war.

Tut sie das wirklich?

Nee, Oma lebt nicht mehr. Aber es kann schon mal Verwandtschaft anrufen.

Von der man wenig weiß. Ihr Wikipedia-Eintrag umfasst abseits der Rollen ganze vier Zeilen. Ist das bewusste Informationskontrolle oder Mangel an Berichtenswertem?

Weder noch. Vielleicht muss ich da mal selber nachbessern.

Zum Beispiel wo Sie geboren sind.

Ah, das liefer’ ich nach. Ich bin Schwabe. Wenn mich jemand fragt, rede ich auch über mein Elternhaus, kein Problem.

Nur zu! War das ein künstlerisches?

Nein, schwäbisches Bildungsbürgertum. Mein Vater lebt nicht mehr, war aber Lehrer wie meine Mutter, die jetzt allerdings Kunsttherapeutin ist. Dennoch hat mir nie jemand davon abgeraten, Schauspieler zu werden. Ich selber wollte bei der Ausbildung zunächst mal in die Regie und war auch in der Schule zuvor nie so der Klassenclown. Aber als ich mich für Schauspiel entschieden habe, hat mir niemand Steine in den Weg gelegt. Außer ich mir selbst vielleicht – denn zu Beginn hatte ich Probleme mit dem Angeglotztwerden, später dann damit, mich vor Gefallsucht zu bewahren. Es müssen nicht alle sagen, ich sei grandios gewesen.

Sind Sie etwa nicht Schauspieler geworden, um populär zu werden?

Natürlich steckt in jedem von uns das Bedürfnis, geliebt zu werden. Aber ganz gleich, ob man daran scheitert oder es schafft, kommt fast jedem irgendwann die Erkenntnis, dass dies weniger der Person gilt als der Figur. Berufliche Anerkennung ist mir durchaus wichtig, aber Liebe sollte man besser aus seinem Privatleben schöpfen.

Gibt es nach 20 Jahren als Schauspieler Momente, ein Star sein zu wollen?

Absolut, sonst würde ich lügen. Das hat aber nichts mit Eitelkeit zu tun, denn dadurch würden sich einfach meine Arbeitsmöglichkeiten enorm verbessern. Je höher der Status, desto höher der Einfluss. In einem Job, bei dem man von anderen nicht nur dirigiert, sondern sogar angezogen wird, ist das Gold wert.

Gab es bei Ihnen mal die abschätzige Sicht des Theatermimen aufs profane Fernsehen?

Die gab es schon, aber sie hatte nicht unbedingt mit dem Medium zu tun, sondern mit den Texten, an denen man sich abarbeitet. Am Theater sind das Sachen von Shakespeare bis Jellinek, also meist große Kunst nach dem Eisbergprinzip, wo sechs Siebtel der Geschichte unter der Oberfläche liegen. Beim Fernsehen dagegen steht schon öfter im Drehbuch: Klaus – in Klammern: wütend: ich hasse dich! Darauf Gaby – in Klammern: verzweifelt: verlass mich nicht! So was schafft einen ganz anderen Umgang mit Texten. Das sind eher Schockmomente als Vorbehalte.

Gibt es die trotzdem noch?

Ab und zu, aber das ist kein Dünkel, der Fernsehen als etwas Niederes abstempelt, sondern die Erkenntnis, dass dort die Zwänge größer sind und stärker in Zielgruppen gedacht wird. Mal ehrlich: das Theater hängt auch nicht mehr so am Puls der Zeit. Vorbehalte habe ich also keine.

Hatten Sie die denn mal gegenüber einer Serienfigur?

Nö. Die gab es höchstens für den Vorabend, wo einen die Arbeitsbedingungen wirklich auslutschen. Ich respektiere jeden, der das durchsteht, aber solange ich noch keine Familie zu versorgen habe, kann es mir einzig auf die Qualität ankommen.

Und wenn die bei Kommissarin Heller stimmt, kann man das auch zehn Jahre machen?

Absolut. Gegen Verbindlichkeiten hab ich nichts.

Kommissarin Heller – Der Beutegänger (Samstag, 20.15 Uhr, ZDF)


Altersglühen: Speeddating & Improvisation

Allerbest Ager

Jan Georg Schüttes fabelhafter Mittwochsfilm Altersglühen (20.15 Uhr, ARD) glänzt nicht nur durch improvisierende Topschauspieler beim Senioren-Speeddating (Foto: WDR/Georges Pauly), sondern wirft auch ein wichtiges Schlaglicht auf Liebe jenseit der 66 am Bildschirm. Doch selbst dieses Stück Fernsehen zeigt: da ist noch viel zu tun.

Von Jan Freitag

Best Ager war gestern, Senioren sind das neue Ding. War 40 vor noch nicht allzu langer Zeit die nagelneue 20, kurz darauf abgelöst von der 50, so gibt der demografische Wandel gepaart mit medizinischem Fortschritt, endlos verlängertem Jugendwahn und Fachkräftemangel zusehends der alten Schlagerweisheit Recht: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Inklusive allem, wovon Udo Jürgens 1978 noch dezent schwieg, Sex zum Beispiel, dieser Jugendangelegenheit früherer Tage. Heute jedoch – so macht uns zumindest die Anleitung zu ewiger Glückseligkeit weis – wird er selbst von Greisen praktiziert, variiert, zelebriert. Sex ist alterslos. Kein Wunder, dass der Begriff in diesem ARD-Mittwochsfilm übers Liebesleben reifer Menschen so oft fällt wie altersgemäße Höflichkeitsfloskeln. Exakt 13:29 Minuten ist Altersglühen alt, da spricht ihn ein gewisser Volker Hartmann erstmals aus, gespielt vom 72-jährigen Michael Gwisdek, der sich dem Altern auch optisch mit Basecap überm grauen Dreitagebart widersetzt und somit den Querschnitt der zwölf anderen Hauptfiguren dieses bemerkenswerten Stücks Fernsehen entspricht.

Es geht darin um Speeddating für Senioren. Vor acht Jahren setzte Ralf Westhoffs gefeiertes Kinodebüt Shoppen diesem Instrument zeitgenössischer Partnerschaftsanbahnung ein filmisches Denkmal. Nun ersetzt sein Kollege Jan Gregor Schütte die einsamen Großstädter im besten Hipsteralter durch deren Eltern, ach: Großeltern. Und er tut es auf grandiose Art und Weise. Mit zarten 69 ist Brigitte Janner noch die jüngste im Ensemble, der älteste hingegen (Jochen Stern) war bei Hitlers Machtübernahme bereits fünf und ist mit rüstig nur unzureichend fit umschrieben. Sie alle treffen sich in einer Berliner Villa zu Kennenlernduetten im siebenminütigen Wechsel. Und dass der Regisseur dem fabelhaften Cast von Christina Schorn über Mario Adorf bis hin zu Angela Winkler kein Drehbuch zur Hand gab, dass die 13 Protagonisten ihre Rollen vollständig improvisieren mussten, dass sie den Film zudem an nur einem Tag ohne Unterbrechung gedreht haben – all dies ist noch nicht mal das Bemerkenswerteste am Film. Es ist die schonungslose Offenheit, die daraus erwächst, eine tiefe Wahrhaftigkeit aus dem Innersten der Protagonisten. Denn sie alle mögen ihrer jeweiligen Figur vorab bestimmte Charakterzüge ersonnen und zu einer stimmigen Persönlichkeit verklebt haben: Mit jeder Minute mehr verschmelzen Dichtung und Wahrheit zu einer glaubhaften Liaison.

Und diese Authentizität wirft ein Schlaglicht auf unseren Umgang mit Liebe im Alter, wie es so wohl noch nie zu sehen war. Gut, schon als sich der blutjunge Harold 1971 in die uralte Maude verliebte, war das Tabu greiser Erotik zumindest angekratzt. Christiane Hörbiger durfte vor neun Jahren als Rentnerin Martha auf der Suche nach später Leidenschaft hitzige Bettszenen ohne Double mit Michael Mendl vollführen. Und Michael Dresens Cannes-Beitrag Wolke 9 konstruierte 2008 gar eine betagte Ménage à Trois, die fast pornografische Züge trug. Geriatrische Erotik ist also längst ebenso gesellschaftsfähig wie, sagen wir: Analsex nach der Tagesschau. Doch unter Schüttes Nicht-Regie entwickelt sie sich aus dem Innersten der Darsteller heraus, gewissermaßen natürlich, praktisch als unvermeidbares Resultat altersgemäßer Denk- und Gefühlsprozesse, die zwar von 19 Kameras beeinflusst werden, aber doch irgendwie ehrlich wirken.

Dennoch hat auch dieser puristische Ansatz des Improvisationskünstlers Schütte mit seinem eingeschworenen Team von Ulf Alberts kreativem Schnitt bis zu Carol Burandt von Kamekes pointierter Bildgestaltung  einen Makel, der – wem sonst? – seinem Medium entspringt: Die Senioren sehen einfach zu gut aus. Senta Berger (73) ließe sich auch mit allergrößter Mühe nicht unattraktiv schminken. Victor Choulman (76) könnte locker für Outdoormode Reklame machen, Matthias Habich (74) gräbt jede Falte nur noch ansehnlicheren Ausdruck unters braune Haar, die hinreißende Hildegard Schmahl (74) fällt ohnehin ins Beuteschema halb so alter Kavaliere und auch bei den anderen geht der Verfall zurückhaltend zu Werke. Altersglühen erinnert so ein wenig an die Cover von Apothekenrundschau bis Hörzu, wo die duften Seiten des hohen Alters mit Models illustriert werden, die aussehen wie eisgrau gefärbte Mittvierziger mit Wohnsitz Marbella. Wirklich mutig wäre es also gewesen, eine Schar Schauspieler zu engagieren, die sind, wie man mit mehr als 70 arbeits- wie entbehrungsreichen Jahren eben gemeinhin ist: alt.

Doch die hätten womöglich nicht so lebensecht agiert wie dieses Ensemble. Da Film und Fernsehen besonders von Frauen (aber auch ihren Kollegen) alterslos ansehnliche Optik verlangen, um auch im Alter beschäftigt zu werden, sehen die besten Schauspieler ab 66 nun mal bombig aus. Zum realen Altersglühen ist es also ähnlich weit bis zur körperbehinderten Lesbe mit Migrationshintergrund im Kanzleramt. Immerhin: Bis dahin verkürzen solche Filme die Zeit.


Gummibären & Kometensonden

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3. – 9. November

Kürzel sind toll. Sie komprimieren ganze Zeilen auf Wortlänge und vereinfachen das Leben so ungemein. HSV, LPG, CDU, NSA, ICE, BGB, FAZ usw. auszuschreiben, würde die Dinge ja eher komplizierter machen als klarer. Etwas anders sieht es mit n-tv aus. Offiziell steht es für „News-Television“ und verweist auf den Nachrichtenwert des Gezeigten. Oberflächlich war es auch ziemlich nachrichtenwertig, was eine Dokumentation dort kürzlich über fossile Bodenschätze und ihren Verbrauch in den USA zu sehen war. Doch je länger sie lief, desto mehr vernunftbegabte Zuschauer fragten sich: Müssten da nicht irgendwann Begriffe wie Klimawandel, Emmissionen, auch nur Kohlendioxid fallen? Die Antwort: Nein. Nicht bei der RTL-Tochter. Ob nun wegen all der Autowerbespots dazwischen oder Sympathie für die Tea Party.

Deren Intellekt befindet sich in etwa auf dem Niveau handelsüblicher Gummibärchen, also einem, mit dem die RTL-Gruppe gemeinhin ihr Publikum bedient. Klüger als die Gelatinebomben ist dagegen Michael „Bully“ Herbig. Auch deshalb löst er Thomas Gottschalk nach 24 lukrativen Jahren nun als Testimonial für Haribo ab, kann sich vorher aber noch ein paar Tipps vom Altmeister abholen, wie man dessen Produkte verkaufsfördernd vor der Kamera postiert. Aber vielleicht ist im Werbevertrag ja auch gleich die Nachfolge von Wetten, dass…? Geregelt. Dass es mit der vorletzten Show am Samstag in Graz, die abermals den eklatanten Kompetenzmangel des scheidenden Masters offenbarte, kurz vor Weihnachten wirklich wahrhaftig vorbei sein soll, mag man ja noch immer nicht recht glauben. Zumal das ZDF Anfang 2015 angeblich doch noch mal über ihre Rettung beraten will.

Mit den üblichen Verdächtigen, vermutlich. Ganz oben, wie immer: Jörg Pilawa. Der übernimmt zwar Dezember auch noch die NDR-Quizshow von Alexander Bommes. Aber bevor sein Nachfolger im Dritten nicht 24 Stunden parallel auf allen Kanälen zu sehen ist, so scheint es, könnte sich Jörg Pilawa auch jederzeit auf die Wettcouch setzen. Oder zum Beispiel in einen Hamburger Imbiss, als Schildkrötenersatz neben Ditsche, der im WDR gestern seinen 10. Geburtstag feierte. Obwohl – für einen wie Pilawa ist die Sonntagsanstoßzeit gegen Mitternacht wohl doch zu nischig. Da könnte er ja gleich zu Sky gehen, die im Auftaktquartal 2014 mit 12,3 Millionen Euro zwar erstmals in der Bezahlsendergeschichte ein Plus verzeichnen, aber dennoch weit davon entfernt sind, massenhaft Zuschauer zu haben, wie Pilawa es mag.

TV-neuDie Frischwoche

10. – 16. November

Selbstredend keine Massen wie der Tatort, in dem Boris Aljinovic Sonntag nach 13 Jahren einen dramatischen Abgang als Berliner Kommissar Stark kriegt. Aber ein Vielfaches anderer Sendungen, die in dieser Woche ungerechtfertigt unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen. Der Thementag Komet in Sicht zum Beispiel, mit dem 3sat am Mittwoch die Landung einer Sonder der ESA-Raumfähre Rosetta auf 67P/Tschurjumow-Gerassimenko nach zehn Jahren Anflug um 16.30 Uhr flankiert – voll kreativ kuratierter Dokus, Spielfilme, Reportagen zum Thema Komet.

Der ist gewissermaßen auch Hauptdarsteller eines anderen Schwerpunkts im Spartenprogramm: Als Teil der Retrospektive zum Dogma-Erfinder Lars von Trier läuft Sonntag auf Arte Melancholia, sein Film über einen drohenden Meteoriten-Einschlag, der sich zusehends als Depressionsstudie im Gesicht der famosen Kirsten Dunst entwickelt. Den Auftakt der Werkschau macht Montag (20.15 Uhr) allerdings Triers Meisterwerk Breaking The Waves über ein gelähmtes Unfallopfer, dass seine Frau bittet, ihre Sexualität mit anderen vor ihm auszuleben. Dicht gefolgt von seinem gefeierten Debütfilm Element of Crime von 1984 im Anschluss, der einer bekannten deutschen Popband den Namen lieferte. Etwas weniger dicht gefolgt von der fabelhaften Kurzserie Geister, in der es Mittwoch unter einem Kopenhagener Krankenhaus furchtbar zu spuken beginnt. Arte zeigt den überarbeiteten Director’s Cut mittwochs in vier Doppelfolgen.

Dänische Wochen, könnte man meinen. Ergänzt vom NDR, dessen Erstausstrahlungen skandinavischer Filme heute (23.15 Uhr) mit dem hochgelobten dänischen Gangsterfilm Der Nordwesten langsam zum Montagsmarkenzeichen wird. Komplettiert von ServusTV, das Dienstag um 22.25 Uhr Hijacking zeigt, ein hyperreales Drama vom Borgen-Macher Tobias Lindholm, das die Geschichte eines dänischen Frachters in Piratengewalt erzählt, ohne die Schuldfrage zu klären. Puristisch, fabelhaft, toll gespielt.

Zumindest letzteres kann man auch von Jan Georg Schüttes Komödie Altersglühen sagen. Was explizit nicht am Drehbuch liegt – da keins existiert: Wie so oft gibt der Regisseur seinen Darstellern nur grobe Rollenprofile zu Hand. Und Mario Adorf über Senta Berger bis Michael Gwisdek beim improvisierten Speeddating zuzusehen, ist die reine Freude. Witzigerweise gibt es gleich im Anschluss ebenfalls was zum Thema Tempoflirten, diesmal im Blindtest. Bei Sexy Beasts, der ersten hausgemachten Show von Sixx, erkunden die Probanden innere Wert hinter Horrormasken.

Apropos Horror: Der steht auch an, wenn sich die ARD Donnerstag erneut zum dauerwerbenden Büttel von Burda macht und drei Stunden zur besten Sendezeit die Verleihung des filmisch irrelevanten „Bambi“ überträgt. Dann doch lieber Fernsehen ohne Worte, wie im Tipp der Woche: Abel Gances schwarzweißer Antikriegsstummfilm J’accuse von 1919 (Dienstag, 23,25 Uhr, Arte), aufwändig restauriert und sinfonisch überarbeitet.


25 Jahre Rote Flora: Die Wände der Revolte

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Von Krawalltourismus bis Radical Chic – 25 Jahre nach der Besetzung ist die Rote Flora eigentlich auserzählt. Nur einer ist noch nie so recht zu Wort gekommen: das Gebäude selbst. Freitagsmedien lassen daher pünktlich zum Rückkauf des Gebäudes durch die Stadt mal dessen Wände reden.

Von Jan Freitag

Stein hat eine bemerkenswerte, je nach Sichtweise auch beneidenswerte Eigenschaft, gerade in unserer redseligen Zeit: Er schweigt. Mal laut, mal leise, doch vielfach wortlos. Denkmäler mögen vom Gestern erzählen und Mauern vom Morgen, am Ende aber ist jedes Gespräch mit Gemäuern ein Dialog ohne Antwort. Dann allerdings steht man zwischen diesen Wänden dieses Gebäudes an diesem Platz und der Stein ringsum – er redet nicht nur, er brüllt.

„NEIN HEISST NEIN!“ zum Beispiel, die unmissverständliche, ultimative Abfuhr. In knurrenden Großbuchstaben steht sie im großen Saal links neben der Bühne, über der ein riesiges Transparent 25 Jahre Rote Flora feiert, besser: Die offizielle Besetzung am 1. November 1989, als das frühere Theater durch illegale Aneignung vorm Abriss gerettet wurde. Seither ist es ein steinerner Tinnitus im Ohr der bürgerlichen Gesellschaft, das Grundrauschen der autonomen Idee vom richtigen Leben im Falschen, parolenhaft und wütend. „Nein heißt nein!“

Das ist hier überall zu lesen, oft wörtlich, öfter sinngemäß. Nein heißt nein zur Räumung, nein heißt nein zu Investoren, nein heißt nein zu Bullen, Staat und Kapital. Oder wie am Flügel links der Bühne: nein heißt nein zu Patriarchat, Sexismus, solchen Sachen. Versehen mit Versionen der Ablehnung von „Du bist nicht mein Typ“ über „Ich mag dich, aber…“ bis „Stille“. Was auf dem bröselnden Putz der Flora steht, ist selten achtlos dahin geschmiert. Am Schulterblatt 71, gegenüber der Piazza, von Anwohnern gern Galao-Strich genannt, sind Graffiti oft Regelwerke statt bloß Malereien, mehr Proklamationen als Tags und Pieces. Im Ganzen aber sind sie noch viel mehr: Eine Art schriftliches Gedächtnis sozialer Ermächtigung mit illegalen Mitteln im renditeorientierten Umfeld von Gentrification, Aufwertungspolitik, Marke Hamburg, deren Verwalter die Flora nach langen Streitigkeiten mit dem langjährigen Eigentümer Klausmartin Kretschmer gerade für 820.000 Euro zurückgekauft hat. Finanzsenator Peter Tschentscher versicherte zwar, dass die Rote Flora wie bisher nicht-kommerziell genutzt werden solle, aber seinen Frieden mit der Stadt werden die Besetzer daher dennoch nicht machen.

„Lasst uns die Revolte beginnen“, steht unweit des Nein-Gebots. Die radikale Bitte ist zwar keine 25 Jahre alt, eher zweieinhalb. Sie zeugt aber vom Prozesshaften der Flora ebenso wie vom Ursprung. Aufbegehren ist hier Daseinsgrund, Handlungsdirektive und nur selten im Konjunktiv gehalten. An linksradikaler Wand herrscht der Indikativ, Tendenz Imperativ, Ausrufezeichen sind Standard, häufig zwischen zwei weiteren. So viel Zeit muss hier sein. So viel Zeit kann hier sein. Niemand würde je am Beschriften gehindert. Im Rahmen der Corporate Identity ist alles erlaubt.

Dennoch sind Stil und Ausdruck oft, nun ja, unvollkommen, fast schludrig. Gediegene Streetart bleibt die Ausnahme, selbst Original Banksy‘s, scherzt ein Aktivist beim Aufbau des abendlichen Konzertes, dürften hier achtlos übermalt werden. Ob philosophisch (Wir sind ein Bild der Zukunft) oder türkisch (Allah, Silah, Siyaset, Siktiret). Ob emotional (R.I.P. Oz) oder brachial (ich kotze gleich). Ob restriktiv (Kein Hartalk) oder konstruktiv wie im „Leoncavallo“. So heißt die kubische Bar zwischen Flur und Saal. Gegenüber dem – kein Witz – offenen Kamin wurde ein detaillierter Stadtplan aufgepinselt. Als Orientierungshilfe für Demonstrierende auf Zwischenstopp zum G8-Gipfel in Heiligendamm. Dieser Mai 2007 war ein Wendepunkt dieses an Wendepunkten reichen Gebäudes. Fünf Stunden filzte die verhasste Staatsmacht im Vorfeld den besetzten Bau, angeblich auf der Suche nach Linksterroristen, tatsächlich illegal. So urteilte später der Bundesgerichtshof und verschweißte die Szene, der nach dem Abgang des gnadenlos gescheiterten Ex-Richters Schill ein gemeinsamer Feind abhanden gekommen war, aufs Neue.

Mit sieben Jahren ist das Minatur-Hamburg eins der älteren Graffitis im Haus. Künstlerisch regiert schließlich das Prinzip der Dekonstruktion, dramaturgisch das der politischen Großwetterlage. Die Beschimpfung der GAL als „grüne Hampel“ könnte sich auf die Regierungsbeteiligung der GAL von 1997 beziehen oder der jüngeren vor vier Jahren, ist aber ohnehin kaum noch zu entziffern. Datierbar ist allenfalls der Schriftzug überm Stadtplan anno ‘92, als die damalige Stadtentwicklungssenatorin Müller dem Projekt eins von ebenso zahl- wie folgenlosen Ultimaten zum ordentlichen Vertragsverhältnis gestellt hatte. „Leoncavallo“ beginnt der Gruß an ein besetztes Zentrum in Mailand, „mehrfach von bullen zerstört“. Dass der Schriftzug überlebt hat, dürfte allerdings weniger am nebenstehenden Hinweis „Nicht Täkken“ liegen, sondern am Standort unter der Decke.

Ohne Leiter ist das kaum zu crossen, wie man unter Sprayern sagt. Überhaupt ist der Faktor Höhe das einzige Hindernis zur kreativen Entfaltung. Bis auf ein paar Holzverschalungen, teils Relikte des großen Feuers von 1995, liegt der Anteil unbemalter Flächen im Promillebereich. Selbst ein Stück Mauer auf halber Treppe zum Frauenklo, das den Firnis des „Gesellschafts- und Concerthauses Flora“ von 1888 trägt, brauchte nach der Freilegung kein Jahr, um vollends koloriert zu werden. Wenngleich seltsam unpolitisch. Überhaupt lässt sich das haltungslose Klima außerhalb der Flora auch an den Wänden des ideologisiertesten Gebäudes weit und breit ablesen. Jenseits seiner bekritzelten Haut zeigt der Kapitalismus sein hässlichstes Gesicht. Es toben Krisen, als verdichte sich die Gegenwart zur Dauerkatastrophe. Das gelbe Haus am Schulterblatt ist seit der Kampfansage des Besitzers Klausmartin Kretschmer, sein 370.000-Euro-Schnäppchen auch gegen den Willen von Stadt, Besetzern und Recht zu vergolden, in akuter Räumungsgefahr. Und was geschieht im Innern? Wenig Neues! Zumindest an den Wänden.

Tiraden gegen den Spekulanten im eigenen Haus findet man dort so selten wie Solidaritätsdressen an Griechenland oder frische Revolutionsaufrufe. Links und rechts des Portals ruft die Fassade unverdrossen auf die Barrikaden; von innen aber tut sie es zusehends zur Party. Ein fettes „abi 12“ samt aufgemalter Getränkeliste von Beck’s bis Bionade gibt die Stimmungslage somit besser wieder als manch verblassende Parole. Exakt 25 Jahre nach ihrer Besetzung ist die Rote Flora unfreiwillig Teil der innig bekämpften Marke Hamburg geworden. Nein heißt zwar immer noch nein. Aber nicht mehr so oft. Nicht mehr so laut. Nicht mehr zu allem. Der sprechende Stein bringt es an den Tag.

Der Text ist vorab erschienen unter http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-11/rote-flora-graffiti


Hinnerk Schönemann: Dampfkessel & Ventil

Ich passe gut in Uniform

Ein Theatercafé in Hamburg. Hinnerk Schönemann kommt in Turnschuhen, Jeans und Daunenweste rein und fühlt sich offensichtlich unwohl unter den Kulturbeflissenen der Metropole. Erst als er seine Freundin an den Tisch telefoniert hat, taut er ein wenig auf – und redet über seine Filmrollen, die ihn – oft in Uniform – zu den derzeit besten Schauspielern im Land machen. Heute zum Beispiel in Nord bei Nordwest (ARD, 20.15 Uhr), einer Art Ostseewestern, den erst der Mecklenburger so wirklich sehenswert macht.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Hinnerk Schönemann, in Ihren vielen Rollen spielen Sie auch diesmal wieder die Unscheinbarkeit in Person. Werden Ihnen nur solche Rollen angeboten – unprätentiöse, einfache, normale?

Hinnerk Schönemann: Das würde ich gar nicht mal sagen, aber diese Rollen liegen mir. Ich mag es, wenn sie wie das tatsächliche Leben verlaufen, wo es meistens viel einfacher zugeht als im Film, wo man seine Sätze nach hinten raus schon mal verhaspelt. Film vergrößert die Sprache auf ein unnatürliches Maß, ich bevorzuge es zurückgenommener.

Erden Sie dadurch die unnatürliche Drehbuchvorgaben oder Charaktere

Wenn es sich im Wechsel zwischen Drehbuch, Regie und meinem Spiel ergibt, vielleicht. Situationen, die zu sehr ins Theatralische abgleiten, versuche ich nach Gesprächen mit dem Regisseur wie jetzt Markus Imboden schon ein bisschen runterzuholen. Da haben Markus und ich ein ähnliches Gefühl für die Szene. Wir erden das dann gemeinsam.

Auf ein Niveau von Bodenständigkeit, das Ihnen auch als Mensch entspricht, Ihrer Persönlichkeit?

Mag sein. Privat bin ich ungeheuer bodenständig, das liegt an meiner Herkunft auf dem Land. Unter 70 Einwohnern kann man sich keine Extrawürste erlauben, sag ich mal. Aber trotzdem – die Art wie ich spiele, dieses Rohe, Unperfekte, vor allem in der Sprache, ist eindeutig ein Stilmittel. Das wende ich an, indem ich die Texte vorher nicht allzu intensiv lerne. Ich weiß immer, worum es geht, lasse mir aber die Freiräume, eigene Worte einzufügen, sofern mir ein Regisseur wie Markus dazu die Freiheit lässt. Trotzdem hat es natürlich mit mir zu tun. Auch diese Rolle als Dorfpolizist ist mir näher als manche andere. Darin fühle ich mich wohl.

Ihre Rollen offenbaren immer eine große Unsicherheit im Umgang mit Menschen.

Totale Überforderung. Aber Figuren, die nicht genau wissen, was sie tun, sind auch viel spannender als jene, die alles unter Kontrolle haben und hinterher mit geschwellter Brust davon erzählen. Das Natürliche macht mir auch deshalb mehr Spaß, weil die Zuschauer es besser verstehen, weil es näher an ihnen dran ist. Sonst gehen Sie ins Theater. Fehler, Fehltritte, Lehrstellen gefallen mir gut, gefallen mir sehr gut. Aber selbstverständlich gibt es Filme, für die man exakt den Vorgaben entsprechen muss, auch wenn es mir schwer fällt; Texte auswendig zu lernen liegt mir nicht so. Hier hab ich so um die 70 Prozent gelernt, der Rest ist Improvisation, hab ich ja auch in Ausbildung gelernt.

Wenn man wie Sie nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht – ist das von der Ausbildung bis zur Karriere eher hinderlich oder sogar förderlich?

Na ja, als klassischer Heldentyp mit Titelseitenqualität wächst die Gefahr, Fehltritte zu machen und ein erreichtes Niveau wieder nach unten zu verlassen. Ich muss immer durch mein Schauspiel, weniger durch die Oberfläche glänzen.

Das ist nachhaltiger.

Und man ist mit seinem Äußeren weniger präsent. Es hilft dabei, sich im Hintergrund zu halten, um so über die Nebenrollen nach vorn zu kommen. Im zweiten Glied kann man sich mehr austoben, das kommt mir sehr entgegen. Es macht mir den größten Spaß, wenn nicht alle Augen auf mich gerichtet sind, Hauptrollen stehen mir zu sehr im Fokus.

Haben Sie sich in diesem Film dann unwohl gefühlt? Schließlich ruhen alle Augen nur auf Ihnen?

Nein, nein. Das habe ich eher auf diese großen Sat.1-Schinken bezogen. Wenn ich da ständig der Titelheld wäre, würde mir das nicht gefallen. Diese Art Präsenz brauche ich gar nicht. Mit Hintergrund meine ich auch, hintergründig zu agieren. Und weil ich weiß, dass das bei einem Autor wie Holger Karsten Schmidt stets der Fall ist, müsste ich mir dessen Drehbuch gar nicht durchlesen, da würde ich so mitspielen. So eine Rolle ist ein Sechser im Lotto, der absolute Hauptgewinn. Auch in Markus Imbodens Mörderische Erpressung hatte ich das Gefühl, etwas Großes zu machen, ohne groß zu sein. Da war ich auch so ein kleiner Dorfpolizist.

Bevor Sie zur Dauerhauptdarsteller wurden,  hatten Sie in knapp 50 Filmen fast ausschließlich Nebenrollen und viele davon in Uniform.

Hauptrollen sind gar nicht unbedingt bedeutender als die kleineren. Der Wahnsinn war zum Beispiel mein Kurzauftritt in Das Leben der anderen. Da bin ich sogar nur eingesprungen für jemanden, für zwei Tage. Da hab ich mir gesagt: na klar, guck dir das mal an. Und das hat mich eigentlich zuerst mal überfordert. Die waren alle schon total eingespielt und ich komm da reingeschneit und hab gleich eine große Szene, soll einen Witz erzählen, den ich überhaupt nicht witzig fand und mir noch nicht mal merken konnte. Das Drehen an sich war aber nicht so, dass ich es jederzeit wieder machen würde; viel zu gehetzt alles. Und ich hatte auch regelrecht Angst vor dem Film.

Sprichwörtlich oder wirklich Angst?

Nein, wirklich. Weil einen jeder angesprochen hat und meinte, boah wie toll und was du da drin gemacht hast. Wahnsinn. Deshalb hab ich den Film erst eineinhalb Jahre später durch Zufall mal gesehen und hab mich dann so darüber gefreut, diese Szene gemacht zu haben. Die Arbeit war okay, aber das Ergebnis war so toll – das hätte ich nicht gedacht. Es ist ein bisschen konzentrierter Hinnerk Schönemann.

Der sich jetzt ein bisschen als Oscargewinner fühlt?

Nee, Quatsch, überhaupt nicht. Ich habe nicht wirklich gearbeitet an diesem Film, mein Beitrag war kleiner, den Ruhm sollen andere einstreichen.

Ihrer rührt dagegen vor allem von Polizeirollen her. Verselbständigt sich so was?

Ich krieg auch andere Rollen angeboten, aber ich passe unglaublich gut in Uniform auf den Bildschirm. Die Leute wollen junge Polizisten sehen, die nicht zu abgehoben sind, aber auch ein wenig durchgeknallt. Aber ich weiß, dass ich ganz genau ab jetzt, wo Sie das fragen, aufpassen muss, wie viele ich davon noch annehme.

Dabei symbolisieren Streifenhörnchen besser als jeder andere Charakter ein Stück bundesrepublikanischer Normalität.

(Lacht) Streifenhörnchen, genau, damit konnte ich bisher gut leben, nun ist bald mal Schluss. Gute nehme ich weiter an. Selbst ganz normale Polizisten müssen ja irgendwas Ungewöhnliches haben, um ihre Normalität bemerkenswert zu machen.

Und Polizist werden wollten Sie nie?

Nie, auch wenn es Spaß macht, sie zu spielen.

Was sie immer ein wenig wie ein Dampfkessel machen. In vielen ihrer Rollen drohen sie jeden Moment zu explodieren.

So halte ich meine Energie aufrecht. Außerdem bin ich von Natur aus, also biologisch, ein hyperaktiver Typ, ich habe mein Leben lang gezappelt. Das kann ich beim Spielen einerseits nutzen, andererseits damit kompensieren, weil ich das Gefühl habe, zu arbeiten.

Muss man sie bremsen.

Absolut.

Mit welcher Technik.

Ganz einfach: einfach sagen. Ich stehe nicht kurz vor der Explosion, ich bin bloß energiegeladen, weil ich viel anbiete für meine Rolle, viel investiere. Man muss mich nicht im Zaum halten.

Nutzen Sie all die asiatischen Kampfsportarten, die Sie praktizieren als Ventil?

Hab ich mal, aber eher in der Schulzeit. Heute merke ich allerdings noch, was in mir steckt, weil ich zum Beispiel überhaupt kein Langschläfer bin, nach halb sieben, sieben bin ich nicht hoch, obwohl ich noch gar kein Kind habe; hätte ich aber gerne… Aber ich gehe auch früh zu Bett, nicht nach zwölf. Ich muss immer unterwegs sein, stundenlang im Sessel zu hocken und zu lesen ist nichts für mich. Ich hab mir in meinem Mecklenburger Heimatdorf einen Hof gekauft und baue mir den aus, das liegt mir mehr als rumsitzen.

Ein richtiges Landei?

Total. Und hundertprozentig norddeutsch. Jetzt weiß ich erst, was Heimat ist. In der Stadt fühle ich mich jedenfalls unwohl. Ich hab da zwar gewohnt und studiert und dachte, das gehört einfach dazu, bis ich gemerkt habe, dass das nicht stimmt. Ich brauche die Stadt nicht, ich gehöre aufs Land, weil ich es liebe, allein zu sein. Nicht einsam. Ich genieße es, körperlich zu arbeiten, da hab ich meinen Trecker und kann alles machen, noch keine Landwirtschaft, erst mal das Land urbar machen, bauen, baggern, das geht alles mit meinem Trecker.

Was ist Ihnen an der Stadt so unangenehm?

Die vielen Menschen. Mittlerweile hab ich wirklich ein großes Problem mit Ansammlungen. Drehen, Interviews geben – das ist Teil der Arbeit, das kann ich akzeptieren, aber ich habe allergrößte Probleme, mich einfach so auf einen Kaffee zu treffen und zu reden; Smalltalk liegt mir überhaupt nicht. Ich verkrampfe mich und will nach Hause, das gibt mir nichts und zuhause liegt immer noch so viel Arbeit, dass ich gar keine Zeit für so was hab. Das ist kein Genuss. Ebenso wenig wie zu feiern. Ich war noch nie ein Partytyp, selbst Geburtstag hab ich immer ausgelassen, weil ich keinen Spaß daran habe Leute zu bewirten und zu unterhalten.

Das klingt bei ihrem Beruf ziemlich problematisch.

Da ist es seltsamerweise genau umgekehrt. Da kann ich einen Schalter umlegen, das ist Arbeit und da brauche ich Publikum, ein Team, das mich beobachtet, da kann ich sogar andere mit Humor unterhalten. Aber sobald Drehschluss ist, ist das alles weg. Selbst das Bier hinterher, kann man an einer Hand abzählen, wenn ich förmlich mitgezogen wurde. Bei der Arbeit kann ich mich hinter einer Rolle verstecken.

Traumrolle?

Mit Leander Haußmann, eine große tragende Rolle mit ihm. Oder Detlef Buck. Am besten beide zusammen, das träume ich seit meiner Schulzeit. Komischerweise war es schon immer mein Gefühl, wir würden gut zusammen passen. Aber vielleicht klappt es dann gerade nicht. Wenn sich zwei Komiker unterhalten, kann es ja auch ganz schön traurig sein.


Bornholmer Straße: Mauerfallfilm & Hübner

Befehl!

Der famose ARD-Film Bornholmer Straße (5. November, 20.15 Uhr) ist gewiss eines der besten Stücke Aufarbeitung des Mauerfalls vor 25 Jahren. Das liegt am tragikomischen Drehbuch, mehr aber noch an Charly Hübner als zweifelnd resoluter Grenzer, den es angeblich genau so in der Realität gab. Und das ist fast noch schwerer zu glauben als der Spießersozialismus selbst.

Von Jan Freitag

Das Aussehen, so lautet eine Grundregel filmischer Attraktivitätsverteilung, hängt maßgeblich von der Geisteshaltung ab. Um in 90 Minuten möglichst wenig Zeit mit Charakterzeichnung zu vergeuden, zeichnet man lieber an der äußeren Kontur. Die Guten sehen daher meist super aus, die Bösen dagegen, nun ja, eher Scheiße. Ein DDR-Grenzübergang zum Beispiel, in einer kühlen Herbstnacht vor 25 Jahren: Nervös beobachtet die Wachmannschaft eine anschwellende Menschenmenge, die ohne Visum von Ost- nach Westberlin wollen, und wie sehen sie aus, die uniformierten Schießhunde des sinkenden Schiffes? Wie Trottel!

Die Körper zu linkisch, die Haare zu bieder, die Brillen zu groß, die Blicke zu dumpf – die gesamte Schlagbaumbesatzung ist eine hyperbürokratische Karikatur ihrer Selbst, allesamt Fratzen der Tyrannei, demaskiert von der wankenden Mauer daneben. So stellt sich das gesamtdeutsche Fernsehen zum Jubiläum der Wiedervereinigung den Systemfeind vor. Noch ein Klischeestück über die Wendezeit, noch mehr fiese Realsozialisten im Kampf mit aufrechten Bürgern – mit dieser Feststellung könnte man es bewenden lassen, abschalten oder einnicken und rasch vergessen.

Fertig.

Doch so einfach ist es nicht. Die ARD mag das Vorurteil des falschen Lebens im Falschen abermals nach Schema F wie Fremdscham kostümieren – abgesehen vom Äußeren fiktionalisiert „Bornholmer Straße“ die Realität einer historischen Nacht am Rande der Brillanz. Christian Schwochows Film liefert mit das Beste, was zum 9. November 89 samt Folgen bislang gedreht wurde. Und das hat zwei gleichrangige Gründe. Der erste steht im Drehbuch der Eltern des Regisseurs. Das Familienprodukt von der Ferieninsel Rügen entwickelt nämlich als erster Film zum Thema glaubhaft Empathie für die Täter, ohne ihre Handeln zu verharmlosen. Das Schlüsselwort lautet: Befehl. Je mehr die bewaffneten Grenzer innerlich vorm wachsenden Mob im Neonlicht ihres Postens kapitulieren, je absurder ihnen das Exekutieren überkommener Gesetze im Lichte von Günther Schabowskis berühmter Pressekonferenz („unverzüglich“) erscheint, je heftiger sie ihre aufkeimende Angst in hilfloses Paragrafenreiten kleiden, desto häufiger verweisen sie auf ihre Vorgesetzten. Gern ohne Prädikat und Objekt: Befehl. Punkt.

Dieser betutlich-biedere, ketterauchend-ignorante, moosgrün-staubige Kadavergehorsam macht Bornholmer Straße zu weit mehr als bloß einer weiteren Fiktion des diktatorischen Ernstfalls vor realem Hintergrund. Weder bloß Tragödie noch bloß Komödie, die das System aus SED, FDJ, NVA wechselweise verulkt oder überzeichnet, um ernsthafte Diskurse zu vermeiden. Es ist eine wahrheitsgemäß groteske Darstellung hierarchischen Verhaltens insgesamt, eine mal sehr lustige, mal mehr ergreifende Studie gesunden Menschenverstands am Krankenbett der Unlogik. Die Protagonisten mögen dabei bis in die höchsten Dienstgrade handelnde Akteure des Legalen, aber Illegitimen sein – als in dieser Nacht lange nach der Moral auch noch das Recht kippt, werden sie selbst zu Opfern. Opfern der Geschichte, Opfern der Zukunft.

Und die verkörpert, zweiter Grund, niemand so hinreißend wie Charly Hübner. Sein tapsig resoluter Oberstleutnant Harald Schäfer schwankt so fabelhaft zwischen Macht und Ohnmacht, Wut, Verzweiflung, Loyalität und Trotz, als stünde der echte Harald Schäfer am Set, jener Chef vom Dienst, der damals kurz vorm Gewaltausbruch den Grenzbaum hochzog. Dafür braucht der 41-Jährige wie bei Mecklenburgern üblich nicht viele Worte; ihm reichen kleine Gesten, die mehr sagen als ein ganzer Abend RTL. Wie sein schweigsam brodelnder Kommissar Bukow im Polizeiruf schürzt Hübner im Konfliktfall oft nur die Lippen und betrachtet den Lauf der Dinge wie von außen, hilflos und zweifelnd, doch voller Verantwortungsgefühl: für seine Grenze, die jener Schäfer seit 25 Jahren sichert. Für das System, hier symbolisiert von einem grandios zerfließenden Ulrich Mattes als Oberst Hartmut Kummer. Für seine Untergebenen von Milan Peschel über Rainer Bock bis Frederick Lau. Letztlich auch für die Menge, deren Zorn zusehends gerechter wirkt. Auch sie ist übrigens erstaunlich unfotogen. Wenn selbst die Guten scheiße aussehen dürfen, macht ein guter Film noch mehr richtig.