Reportage: Bad Kleinen, 20 Jahre danach
Posted: July 5, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Das Schweigen am Gleis
Bad Kleinen, Gleis 4. Foto: Dr. Mattias Kreutz
Vor genau 20 Jahren starben am Bahnhof von Bad Kleinen ein Polizist und ein RAF-Terrorist. Ob einer davon förmlich exekutiert wurde, ist im Zuge einer gewaltigen Pannen- und Verdunkelungsserie der staatlichen Einsatzkräfte noch immer ungeklärt – heute, wie vor zehn Jahren, als diese Reportage in mehreren deutschen Tageszeitungen erschienen ist. Zum traurigen Jubiläum eines Tages, der wie kaum ein zweiter fürs bundesrepublikanische Dilemma von Sicherheitsbedürfnis und Repression steht, dokumentieren die freitagsmedien die Stimmung im Ort, zehn Jahre danach
Von Jan Freitag
Ein Tag im Frühsommer. „Da, ein Hubschrauber“. Christian Poppe zeigt nach oben. „Wie damals.“ Von seiner Terrasse aus genießt er einen herrlichen Blick zum Schweriner See. Der 60-Jährige hatte vor zehn Jahren einen Logenplatz, als erst Geballer vom Bahnhof herüberwehte und dann Polizeihelikopter kreisten. Am 27. Juni 1993, als 44 Schüsse, zwei Tote und mehrere Verletzte Bad Kleinen aus seiner Idylle rissen. Eine kurze Zeit des Erwachens, dann schlummerte das Provinznest weiter. Auch jetzt scheint die Sonne durch eine löchrige Wolkendecke. Christian Poppe blinzelt. Doch die beiden Sonntage könnten unterschiedlicher kaum sein. Und es scheint fast, als scheue der Ort im Herzen Mecklenburgs jeden Hinweis auf das größte Ereignis seiner 825-jährigen Historie. Wer nach Zeugnissen der Schießerei zwischen dem RAF-Mitglied Wolfgang Grams und der GSG 9 sucht, muss sich schon unter den 3197 Bewohnern umhören. Es gibt kein Mahnmal für den Grenzschützer, der tödlich getroffen auf Bahnsteig 3/4 zusammenbrach. Keine Tafel verweist auf den mutmaßlichen Selbstmord von Wolfgang Grams.
Doch, sagt Siegfried Friese, ein Denkmal existiert. Der Bürgermeister bückt sich zu einem verbogenen Gitterstab. „Hier ist eine Maschinengewehrsalve gelandet.“ Die Strebe im Geländer „haben wir erhalten“. Er schwenkt nach rechts. „Und da lag die Blutlache vom, wie hieß er noch?“. Newrzella, Michael, 25, vermutlich von Grams erschossen, als dieser im Fliehen auf sieben Verfolger feuerte. Friese fuchtelt mit den Armen: Patronenhülsen, überall. Doch die Menschen im Dorf sind der Fragerei überdrüssig. Bad Kleinen? Da war doch was … Seit jenem Tag läuten im kollektiven Gedächtnis die Glocken. Wie bei Lichtenhagen, Gladbeck, Ramstein. Immerhin schwinde das Interesse, sagt ein Bewohner. Die ersten Wochen aber stand der Ort unter Belagerung – die Welt hatte ihre Augen auf ein Fleckchen Erde geworfen, von dem nur wenige wissen, in welchem Bundesland es liegt. Noch aufregender als das Ereignis selbst „waren die Tage danach, als hier vermummte Gestalten marschierten“, berichtet Apotheker Poppe über linke Protestdemos. Der damalige Bürgermeister Hans Kreher glaubte gar, „Bad Kleinen wird zum Wallfahrtsort für Linksextreme“. Zum Walhalla derjenigen, die der Theorie vom Mord an einem Staatsfeind anhängen. Die Akten sind geschlossen, doch das letzte Urteil ist keineswegs der Weisheit letzter Schluss. „Wir wissen schlichtweg nicht“, verkündete ein Richter 1998 am Landgericht Bonn, „was genau passiert ist“. Fall erledigt. Seither, sagt Hans Kreher, „ist alles ruhig“.
So ruhig wie vorigen Sonntag in diesem Dorf, das im Grunde nur aus Bahnhof besteht. Auf Bahnsteig 3/4 herrscht rheinisches Stimmgewirr, als um kurz vor halb zwei der Sonderzug nach Köln hält. Zehn Jahre zuvor betrat da gerade Birgit Hogefeld, dritte RAF-Generation, mit dem später als V-Mann enttarnten Klaus Steinmetz das Café auf der Plattform gegenüber. Stets im Visier von 35 Beamten der GSG 9 und 19 des BKA. Auf Bahnsteig 3/4 berlinert es laut, als um 14 Uhr der Regionalexpress gen Hauptstadt einfährt. 1993 holte Hogefeld da gerade Grams vom Zug ins frühere Mitropa-Restaurant. Es gab Würzfleisch. Auf Bahnsteig 3/4 ist es still, als um drei der Zug nach Lübeck einrollt. So still mag es auch gewesen sein, als sich das Trio in die Unterführung aufmachte.
Das ist ein Bahnhofstunnel wie viele andere. Ausgeleuchtet von einer Neonröhre und fahlem Tageslicht. Wer hier eintaucht, kann den Lärm abgefeuerter Schusswaffen erahnen: Eine mächtige Halle, ein guter Resonanzkörper. Grams, Hogefeld, Steinmetz schlenderten ihr entgegen, um 15 Uhr15, als der Zugriff erfolgte. Hogefeld ging ins Netz, nicht aber Grams, bis dahin nur wegen Paragraf 129a, Bildung einer terroristischen Vereinigung, gesucht. Laut Polizeiversion wurde er zehn Sekunden später zum Mörder. Auf Bahnsteig 3/4, wo Joanna Baron einen Logenplatz hatte. Sie wünscht sich indes, sie wäre nie dort gewesen. „Ich habe alles hinter mir, bitte!“ Durch die Luke ihres Kiosks, so gab sie einst zu Protokoll, hat die 44-Jährige Grams’ Hinrichtung beobachtet – durch Diener des Staates. Joanna Baron wurde von Polizei, Politik und Justiz demontiert. Dass niemand einen Suizid bezeugte, Spuren verschwanden, Videos lückenhaft waren, ist Teil der Legende.Urda Klein (55) lässt das kalt. Sechs Tage die Woche steht sie an Joanna Barons altem Arbeitsplatz. Der Kiosk ist noch der alte, Kaffee 1,10. Der Rummel von ’93, sagt sie, „interessiert im Dorf keinen“. Anschlussreisende dagegen schon eher. „Eine Bockwurst, und sagen sie: War hier nicht mal … „Die Leute fragen immer, jeden Tag.“ Seit 1995, als sie den Pachtvertrag abschloss.
„Das Ganze war ja eher so eine Wessi-Angelegenheit“, meint Ex-Bürgermeister Kreher. „Arbeitslosigkeit, das hat die Leute interessiert“. Auch heute sucht jeder Sechste einen Job, alte Betriebe sind abgewickelt, der Bahnhof ist marode. Er war mal der größte Arbeitgeber im Ort. Auch Urda Klein hat die Bahn den Vertrag gekündigt. Von der „Sache mit dem Terroristen“ haben die Jugendlichen, die am Bahnhof abhängen, gehört. Mehr nicht. Jessica (15) will einen Film fürs örtliche Jugendfernsehen drehen. Über einen Tag im Frühsommer, zehn Jahre danach. Dann ist Ruhe, wahrscheinlich für immer.
http://www.tagesspiegel.de/politik/schweigen-am-gleis/426252.html
Oli Geissen, RTL-Moderator
Posted: July 4, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDer Alleswegmoderierer
Kaum zu glauben, aber wahr: Die Hamburger Radioquasselstrippe Oli Geissen moderiert seit genau zehn Jahren ein RTL-Format, das sich trotz Sender, Moderator und Stil zur letzten echten Musiksendung im deutschen Vollprogramm gemausert hat: Die ultimative Chart Show. Zum Geburtstag der Ranglistensause ein Porträt des vielleicht seltsamsten Lila-Laune-Bärs im Privatfunk
Von Jan Freitag
Wer einen Raum so betritt wie dieser Mann, der hat nicht bloß gesundes Selbstvertrauen, es suppt ihm förmlich aus jeder Pore. „Moin, Moin zusammen“, sagt, nein: ruft Oliver Geissen durchs Separee einer Hamburger Spielbank und nimmt jeden einzelnen Gast kurz fest in den Blick. „Alles gut?“, ruft, nein: johlt er mit weit geöffnetem Armen hinterher und meint das natürlich strikt rhetorisch. Alles gut! Was nach einer Frage ans knappe Dutzend Gäste seines kleinen Jubiläums-Dinners klingen mag, ist schließlich reines, unverblümtes, kompromissloses Eigenlob eines Moderators, den es eigentlich nicht geben sollte. Von einer Show, die es eigentlich nicht geben dürfte. Mit einem Erfolg, der nun wirklich vollends unfassbar ist: Denn dieser braungebrannte Brusthaarentblößer mit dem vielen Bling Bling am Körper, er leitet seit zehn Jahren Die ultimative Chart Show. Und das grenzt an ein Wunder. Besser: an mehrere.
Als die Rankingshow von allem, was musikalisch Mainstream ist, Ende Mai 2003 auf Sendung ging, war der gelernte Radioreporter für seriöse Abendunterhaltung im Grunde verbrannt. Das Jahrzehnt zuvor hatte er den geladenen Nebenerwerbsproleten ja an 1807 Nachmittagen von Promiskuität über Sexsucht bis wechselnde Bettgeschichten alles entlockt, was knallt. Kein allzu seriöses Bewerbungsschreiben für die Primetime; aber Olli, wie ihn alle nur nennen, war ja auch bei keinem seriösen Sender beschäftigt, sondern bei RTL, das sich seinerzeit nur mühsam vom Ruf des Tittenkanals befreite.
Also ließ man ihn 2002 Die 80er Show moderieren, noch nicht ultimativ, aber zehn Folgen lang mit ultimativ guten Quoten. Sechs Millionen, bei der Zielgruppe sogar mehr als Wer wird Millionär vorab – das schaffte sonst nichts Serielles. Bald wühlte – Wunder zwei – auch die Konkurrenz so fleißig in der Pophistorie, das daraus eine Retrowelle wurde. Und auf der schwamm niemand erfolgreicher als Geissen, womit wir beim letzten Wunder wären: Olis zappelige Nummernrevue verkaufsstarker Rock-, Pop-, Party-, Netz-, Radio-, Cover-, Welt-, Deutsch- oder Siebziger- bis Neunzigerhits samt One-Hit-Wonder brachte es bislang nicht nur auf 117 Ausgaben; genau genommen ist sie die letzte echte Musiksendung im Vollprogramm. MTV? Seit Jahren kostenpflichtig! VH1? Längst Geshichte! ARD? Sendet Schlager. Viva? Sendet nicht mal mehr die!
In dieser Klangleere sorgt abseits von Raabs TV total ausgerechnet die Chart Show des gelernten Dudelfunkreporters Geissen für etwas, das einst stilbildend war fürs Medium: Videos und Livemusik. Und das liegt auch am Moderator. Der hat schließlich alle Instanzen kommerzieller Unterhaltung so frei von Tiefgang durchlaufen, dass ihm der RTL-Entertainer zur zweiten Haut geworden ist. Nach seinem Weg vom Leistungssport (Fußball, Football) übers Radio hin zum Nachwuchsreporter beim ZDF vor fast 20 Jahren, ist der Wuschelkopf mit den dicken Tränensäcken im Knautschgesicht notorisch auf Sendung – erst als Live-Moderator bei Big Brother, später als Pseudo-Moderator seiner Trashtalks, weiter als Musik-Moderator der Chart Show, nebenbei als Robert-Lembke-Imitator bei Es kann nur e1nen geben. Und stets gelingt dem Schnellschnacker aus Hamburg ein seltsamer Spagat: Präsent zu sein, ohne Präsenz zu zeigen.
Geissen ist eine Moderationsmaschine mit Start- und Stopptaste, die man überall hinstellt, wo Massengeschmack werbewirksam bedient wird. Die Kunst daran: man merkt ihm seine Teilnahmslosigkeit kaum an. „Mein Lieber“, begrüßt er schon mal einen Gast, „bist ja hier rübergekommen, und du … du hast eben im Filmchen gesagt, du hast immer davon geträumt ein … ein … ein Star, ein Popstar zu werden“. So klingt es oft im Plausch mit seinem Sofastammpersonal von halbnackten Showmiezen wie Sonya Kraus über halbkluge Muskelprotze wie Ralf Möller bis halbwitzige Comediens wie Cindy aus Marzahn, deren Qualifikation mit Ausnahme des ewigen Dieter M. Stein bestenfalls darin beruht, was der Moderator von sich selbst behauptet: „Ich kann kein Instrument spielen, habe aber eine riesige Leidenschaft für Musik.“
Er spricht all das auch zur Vorstellung der vierstündigen Geburtstagsausgabe „Die erfolgreichste Single der deutschen Chart-Geschichte“ aus, als säße er vor Publikum im Studio statt Journalisten in der Spielbank: Spontan, locker, zappelig, ohne Punkt und Komma. Der Oli eben. Haare strubbelig, Schnauze kodderig, Grinsen großartig. Mit gerade mal 43 Jahren hat sich dieses Moderator gewordene Spaßfernsehen also zur Topmarke eines ganzen Genres gemacht. Im Rudel der Marco Schreyls und Jochen Schropps gibt Oli Geissen also den Lila-Laune-Leitwolf und lacht sich wohl innerlich schlapp übers viele Geld, das er mit gesendetem Nichts nebst einer PR-tauglichen Liebe zur Schauspielerin Christina Plate verdient. „Du darfst nicht stören und du muss zuhören“, lautet sein Moderationscredo hinterm Erfolg. Dass beides auf ihn nicht zutrifft, macht seine Karriere so besonders.
Der Text ist erschienen in der Berliner Zeitung: http://www.berliner-zeitung.de/medien/10-jahre-rtl-chart-show-die-moderationsmaschine-feiert-jubilaeum,10809188,23299344.html
Markus Lanz, wettender Talkhost
Posted: June 20, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt 1 CommentAnständig alt werden
Wer dieser Tage auf Markus Lanz rumhackt, sollte sich vor Augen halten, was er zumindest ein bisschen besser kann als Samstagabendshows: Seine Talkshow im ZDF, seit 500 Folgen, obwohl es auch da ständig um um Wetten, dass…? geht, irgendwie
Die Welt von heute ist eine Zahlenwelt. Algorithmen sorgen für Wissen und binäre Codes für Kommunikation. Von Sieg bis Niederlage, gut bis mies, von „weiter so“ bis „geht nicht mehr“ lässt sich alles exakt beziffern. In dem Licht muss man auch diese beiden sehen: 500 und 6,7 Millionen. Erstere wirkt bescheiden, nach Hartz-IV und Pauschalurlaub, ist aber Ausdruck eines Erfolgs. Letztere dagegen atmet Rendite, Reichtum, Villenviertel, kennzeichnet aber den Abstieg. Womit bewiesen wäre: Über Wohl und Wehe einer Zahl entscheidet nicht die Größe allein.
Davon kann Markus Lanz zurzeit ein Lied singen. Elf Tage vor jener Show, die stolze 500 Folgen seinen Namen trägt, servierte ihm das Publikum jener Show, über der ein anderer schwebt, die tiefste Quote überhaupt. Keine sieben Millionen Zuschauer bei Wetten, dass…? – die hätte ein Gottschalk selbst ohne Wetten geschafft, die musste nicht mal ein Lippert erdulden, die waren auch beim Antritt des Neuen kaum denkbar. Und so waidwund geschissen, pardon: -schossen, wie Markus Lanz ob der aberwitzig missratenen Mallorca-Ausgabe durch den Shitstorm alter wie neuer Medien watet, dürfte es kein Trost sein, dass abseits des letzten TV-Lagerfeuers nur Tatorte und Fußballspiele höheren Zuspruch ernten.
Also die 500.
Eine imposante Zahl, Balsam für die Moderatorenseele. 500 Folgen Markus Lanz hat Markus Lanz seit 3. Juni 2008 geleitet, Zuschauerschnitt stabil über 1,5 Millionen. Und das nicht zehnmal zur Familienzeit, sondern dreimal die Woche gen Mitternacht. So oft hatte der dialekt- wie kantenfreie Südtiroler alles vor sich sitzen, was von Rang und namenlos ist: Wähler und Politiker. Hollywoodstars und Couchpotatoes. Funktionäre samt ihrer Opfer. Objekte, Subjekte, Sessel an Sessel. Unbekannten, die 35 Jahre zu Unrecht im Knast gesessen hatten, begegnet er mit großer Zurückhaltung, den Weltgestalter Tony Blair dagegen fragt Lanz, ob er Katholik geworden sei, „um die Sache mit dem Irak besser beichten zu können“. Das passt nicht zum Klischee vom geschmeidigen Streber, nicht nur. Findet auch Lanz und sagt es auch. „Ich war doch derjenige, der Roland Koch die wirklich harten Fragen stellt“.
Weil da was dran ist, waren 500 mal 75 Minuten Lanz also nicht die schlechtesten 625 Stunden der letzten fünf Jahre Fernsehen. Aber waren es deshalb gute? Dazu mal keine Zahl, sondern ein Zwiegespräch vom Juni. Bis zur Bundestagswahl wolle er jeden grünen Spitzengrünen fragen: „Ist es denkbar, mit den Schwarzen zu koalieren“, so ging der Ex-Radio-, Ex-RTL-, Ex-Kochshow-, Ex-alles-mögliche-Moderator den spitzesten aller Grünen mit der lanztypischen Klappmesserpose an. Dass weder CDU noch FDP bei Betreuungsgeld oder Vermögensabgabe mitmachen, hielt Jürgen Trittin gegen. Dann ging es los.
Lanz: „Ich glaube, die sagen ja.“
Trittin: „Öhhh.“
„Was ist, wenn die ja sagen, Herr Trittin?“
„Sehen Sie, Sie können auch behaupten.“
„Im Ernst jetzt, wenn die ja sagen.“
„Ich kann mir viel vorstellen, aber dass die CDU sich vier Jahre selbst verleugnet…“
„Aber Sie müssen ja mit Angela Merkel klarkommen.“
„Ich habe bewusst dieses Beispiel gewählt, weil ich wie viele der Auffassung bin, dass die Bundeskanzlerin ein gutes Berufsverständnis hat.“
„Jetzt waren Sie kurz davor, Angela Merkel ein Kompliment zu machen.“
„Nein.“
„Doch.“
„Das ist ein Kompliment.“
„Aber man hätte das noch netter formulieren können.“
Stakkato, Raubtierspannung, Stirnrunzeln im Dauerwechsel mit Zurückhaltung, Nähe, Empathie – so schmeckt das Tiroler Emotionsallerlei aus fünf Minuten Verhör mit den Großen und fünf Minuten Gefühl für die Kleinen seit jeher. Diese lächelnde Dauerpose im engen Zweiteiler macht Markus Lanz zum Robin Hood von Flatscreen Forrest, seine Interviews zum Pingpong aus privater Gefühlsduselei und öffentlich-rechtlicher Sachlichkeit. Das zeigt sich auch im Gespräch um ihn selbst. Dann spricht der drahtige Mittvierziger gern vom „Arsch“, in den er sich bei einer Südpolarexpedition fürs Zweite treten musste, um zwei Atemzüge später „anständig alt zu werden“ als größere Herausforderung zu nennen, verglichen mit minus 40 Grad.
Vielleicht wirkt Markus Lanz darum nie ganz locker, nie ganz Gottschalk: Stets wirkt er um Kurskorrektur seines Kuschelimages bemüht, ohne es ganz zu verleugnen. Früher hätte er über die Sinnlosigkeit, Vorurteile zu bekämpfen, gesagt: „Da stehe ich drüber.“ Heute sagt er: „Es nervt!“ Fragt sich, ob es Wetten, dass…? bald so tut, dass dessen Exmoderator in spe den geordneten Rückzug auf die kleine Bühne antritt: bisschen Publikum, bisschen Attacke, bisschen Kuscheln mit Raub- wie Beutetieren, aufgezeichnet nach Karteikartenlage. „Kennst du drei Leute, die dich einfach nicht ausstehen können?“, fragt Karl Lagerfeld zur Jubiläumssendung. Um nicht bald „alle“ antworten zu müssen, sollte Markus Lanz das tun, was er am besten kann: Markus Lanz.
Von Jan Freitag
Der Text ist auch in der Berliner Zeitung erschienen: http://www.berliner-zeitung.de/medien/markus-lanz-raubtier-auf-dem-sprung,10809188,23418634.html
Tupac 2Pac Shakur, 42
Posted: June 14, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage 1 CommentEin Comic-Leben
Sonntag wäre Tupac Shakur, Künstlerkürzel 2Pac, 42 Jahre alt geworden. Wäre. Hätte der Gangsta-Rapper seine aggressiven Texte nicht auch real gelebt. Ein leich akutalisiertes Porträt, das seinerzeit in der FR erschienen ist, fast 20 Jahre nach 2Pacs Tod und sieben nach einem bemerkensewerten Comic über sein Leben
Von Jan Freitag
Im HipHop, so hört man oft, ist alles Inszenierung: Die Gewalt, das Potenzgehabe, aller Ghetto-Ethos, ja selbst der Tod. „My only fear oft Death is coming back reincarnated“, steht auf dem Arm von Tupac Shakur: Sterben ist soweit okay, sofern er nur endgültig ist. So lautet also auch die Attitüde des Gangsta-Rappers. Und von denen war 2Pac schließlich der größte. Annähernd zwei Jahrzehnte ist es her, dass die muskelbepackte Ikone des delinquenten, brutalen, aufsässigen, dabei jedoch zutiefst lyrischen, anteilnehmenden und empathibegabten Sprechgesangs auf offener Straße erschossen wurde. Wie es dazu kam, das erzählt neben all den Platten, Gedichtsammlungen und Texten vom gefallenen Poeten, den Fotobänden, Biografien, Theorien und Filmen über ihn auch ein Comic. Ausgerechnet, selbstverständlich.
Der Mann mit PR-tauglichem Künstlerkürzeln war ja schon zu Leben dem Jenseits so nahe wie dem Diesseits, getrieben von todesverachtender Ruhmsucht. Sie wurde in jeder Hinsicht befriedigt, sie machte ihn zum Erfolgreichsten seiner Branche, zum millionenschweren Vorzeige-Outcast. Und das war er nicht wegen seiner Musik; die war allenfalls guter Durchschnitt, kaum provozierender jedenfalls als das Werk seiner Kollegen; er war es, weil wohl nie zuvor jemand derart gezielt im Rampenlicht auf seine postmortale Karriere hingearbeitet hat. „Live fast, die young“ – 2Pac hat die alte Parole des späten Rock’n’Roll mit nur 25 Jahren vollendet. Und das nicht bloß, indem er wie ihre Erfinder The Who gelegentlich beim Auftritt das Schlagzeug zerlegt, sondern alles: Menschen, Konventionen, Moral Gesetze, geschriebene wie ungeschriebene, vor allem aber: sich selbst. „Keinen Platz in der zivilisierten Gesellschaft?“, kommentierte er seinerzeit den entsprechenden Vorwurf von George Bushs Vizepräsidenten Dan Quayle, „dann scheiß ich auf die zivilisierte Gesellschaft“. Bis zum Exodus.
Denn 2Pacs Werdegang war ein Mix aus Attitüde und Überzeichnung, aus echter Wut und ihrem marktgerechtem Ausleben, aus Brooklyn, dem Ort seiner Geburt, und Las Vegas, wo er aus einem fahrenden Auto heraus erschossen wurde. So gesehen taugt natürlich kein Medium besser zur Darstellung seines Werdegangs als ein Comic. Zu seinem 42. Geburtstag sei also nochmals an Death Rap erinnert, wie ihn der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf zum 10. Todestag leicht pathetisch betitelt. Mit penibler Strichführung, sehr kontextbewusst und bewusst brutal, wie es die Szene von Southeast-LA bis Aggro-Berlin gern konstruiert. Ein Leben in Bildern, waffenstarrend, blutig, aggressiv. Männergewalt, Frauenerniedrigung, Weißenhass, harte Jungs, böse Cops und der videoerprobte Code vom afroamerikanischen Bling Bling, jener teils grotesken Zurschaustellung von Muskeln, Geld und dicken Autos als Insignien des besiegten Ghettos – Death Rap ist wie ein Glossar aller Klischees aus einem Vierteljahrhundert HipHopHistory. Die Polizisten sind stiernackig, ihre Opfer körperbetont, Frauen bloß Sexobjekte (oder Mutter), geweint wird nie, aufgegeben nur im Kugelhagel.
Doch schon im Vorwort zerlegt der Popkultur-Kritiker Nick Hasted das dichtmaschige Fangnetz aus Absonderung, Fluchtwegsuche und Sackgassen in seine historischen Elemente und fügt sie zur Gegenwartskultur der USA zusammen. Michael Jackson, O.J. Simpson oder ein Mike Tysen seien nun mal die wahren Helden afroamerikanischen Selbstwertgefühls, schreibt Hasted, nicht die wenigen, die dem immerwährenden Abstieg ohne Basketball oder Schnellfeuergewehr in der Hand entkommen sind und schon gar nicht der ehrliche Angestellte mit Häuschen in Suburbia. Aus jeder Liedzeile über Tits’n’Guns’n’Ghettolife, über willige Bitches, phallische Pistolen und beherrschte Häuserblocks, auf HipHop-Covers oft gekennzeichnet durch das verlockende Parental Advisory: Explicit Lyrics, quillt Gesellschaftskritik, die nicht sonderlich an Argumente glaubt. Das mag der europäischen Mittelschicht so übertrieben vorkommen wie die Videos selbst, aber Death Rap zeigt das in einer kontrastierten Farbigkeit, die wohl nur diesem Medium derart plakativ zur Verfügung steht.
Dabei hält sich das Autorentrio von Death Rap nur als Applikation mit Klischees auf. Den groben Rahmen bilden Rassentrennung, Repression, Ausschluss. Zu Tode kommen bei ihnen nicht nur ein prominenter Gangsta-Rapper, sondern auch der Nation of Islam-Führer Malxom X, ein unbeteiligter schwarzer Jugendlicher oder der drogensüchtige Schmusesänger Marvin Gaye. Die Täter – Schwarze, Weiße, Väter, Verschwörer, Unbekannte – werden symbolisiert durch den erzählenden Raben Jim Crow, Synonym für gesetzlich zementierte Rassentrennung made in USA. Doch Flameboy, Barnaby Legg und Jim McCarthy, die für Schwarzkopf auch Kurt Cobains und Eminems Leben nachgezeichnet haben, deuten Segregation ebenso als Geschäftsmodell. Für und wider die (weiße) Kundschaft, für und wider das (weiße) Establishment, für und wider den (schwarzen) Bruderfeind. „Zwischen der 27. und Vermont gibt es keine zivilisierte Gesellschaft“, fügt 2Pac seiner Replik auf den Republikaner Quayle hinzu. Er steht dabei vorm Graffito einer erleuchteten Madonna. „Behaltet eure zivilisierte Gesellschaft bei euch im Haus für weiße Jungs und verpisst euch aus unserem Hood.“
Integration, so lautet die Botschaft drei Jahre vor dem ersten schwarzen Präsidenten, ist gescheitert, die gegenseitige Skepsis zu groß, alle Gräben zu tief. Auch untereinander, vor allem da: Death Rap erzählt primär vom HipHop-Krieg zwischen West- und Ostküste. Schuld an den Fronten ist die bekannte Reaktionskette von ghettoisierter Chancenlosigkeit über Knasterfahrung bis hin zum Mangel an unbescholtenen Vorbildern. Und sie mündet in der Überbetonung schwarzer Popkultur. „Wer nichts hat“, schreibt Jennifer McLunie in ihrem brillanten Essay HipHop Betrays Black Woman, „hat ja immer noch seinen Körper“. Und der wird gestählt, befriedigt, geplündert, präsentiert, beschossen, tätowiert, bis jeder Inhalt dahinter verschwimmt.
Auch 2Pac war so gesehen vor allem Projektionsfläche, seine Haut bedruckt wie eine Litfasssäule, eine Hülle ganz im Sinne des Public Enemy-Sängers Chuck D, Rap sei das CNN der Schwarzen. Auf Tupacs Sixpack prangt folglich Thug Life, übersetzbar mit Gangsterleben und Akronym für The Hate U Give Little Infants, Fuck Everybody. Darüber die Black Unity-Parole 50 Niggaz, mit Schnellfeuergewehr, versteht sich. Und neben Dutzenden anderer Tätowierungen der Panterkopf am Oberarm als Referenz an seine Mutter, der Black Panther-Aktivistin Afeni Shakur, die ihn erst intellektuell stählte, dann politisch und später mit in den Cracksumpf zog. Bereits auf dem Cover von Death Rap steht die Fleischbeschau im Mittelpunkt: Ein Leib mit ausgestrecktem Mittelfinger und Knarre in der tief sitzenden Hose, im Rücken Gefängnisgitter. Es ist eine selbstreferenzielle Show aus Macht und Muskeln, aus denen 2Pac Seite für Seite mehr blutet, bis der Leib drum herum in einem finalen Drive-by-Shooting stirbt. Ein Schicksal, das das Genre seit den Tagen der ersten authentischen Gangster-Rapper von NWA bis Run DMC kommerziell befeuert, seit das weiße Establishment, so geht die passende Verschwörungstheorie, zu Beginn der Neunzigerjahre Drogen in die schwarzen Viertel geschleust hat.
So werden sie alle zu Opfern: 2Pacs Rivale Notorious B.I.G., Jam Master J von Run DMC, Ol’Dirty Bastard aus dem berüchtigten Wu Tang Clan oder drei Fünftel der Crossover-Rapper Bodycount – abgeknallt, verelendet, ausgebrannt, aber weiter höchst erfolgreich. „Indem sie sich früh verabschieden“, schreibt Penny Stallings in ihrer Prominenzbetrachtung Flesh and Fantasy, „ersparen uns die Stars die Peinlichkeit, mit ansehen zu müssen, wie sie in Vergessenheit geraten“. Der Rock’n’Roll-Tod des Clubs der 27-Jährigen deutet die Kulturwissenschaftlerin so geradezu als Gefallen am Publikum. Zumindest macht er ein bisschen unsterblicher. Vom toten 2Pac wurden doppelt so viele Platten herausgebracht wie vom lebenden, digital aufbereitet verkaufen sie sich bis heute prächtig. Der postmortale Kult um ihren Sohn nahm solche Ausmaße an, dass seine Mutter die Verwertungskette mit allen Mitteln zu stoppen versucht. Auch, weil zunehmend Zweifel an deren Echtheit aufkommen. Das Online-Magazin zyn.de hält die Wahrscheinlichkeit, Tupac Shakur habe derart große Teile seines Lebenswerkes nicht veröffentlicht, für ähnlich groß, wie „auf dem Mond intelligentes Leben zu finden“.
Ebenso undenkbar ist, dass eine der unzähligen Biografien über 2Pac besser an seine Existenz heranreichen könnte als Death Rap. Das Dasein des Ghetto-Elvis, wie ihn der Kulturwissenschaftler Michael Dyson nennt, war eben ein echtes Comic-Leben.
2Pac Shakur – Death Rap. Sein Leben als Comic – Schwarzkopf & Schwarzkopf, 96 Seiten, 19,90 Euro
Martin Wuttke, Theater-Wolf auf Tatort-Jagd
Posted: June 13, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDer stille Berserker
Seit fünf Jahren ermittelt Martin Wuttke am Tatort Leipzig. Sonntag folgt mit Die Wahrheit stirbt zuletzt bereits sein 17. Fall an der Seite von Simone Thomalla. Dabei fühlt sich der 51-jährige Theaterschauspieler im Fernsehen eigentlich alles andere als wohl und ist auch im Kino ein unbeschriebenes Blatt. Begegnung mit einem Bühnenberserker auf Filmabwegen
Von Jan Freitag
Es gleicht einem Bild wie aus dem Kriegswinter: Den Kragen hochgeschlagen, streift Martin Wuttke durchs Foyer. Die Hand am Hals wie ein Schal, die andere über der Brust wie zum Schutz zurrt er den aschgrauen Mantel zusammen, als herrschen Minusgrade im Hamburger Edelrestaurant. Hager, fahrig, das dünne Haar streng nach hinten gekämmt – wer den Schauspieler bei der Präsentation seiner Rolle im neuen Leipziger Tatort sieht, kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Martin Wuttke ist der ideale Ermittler. Wie ein einsamer Wolf stromert er allerdings nicht nur hier, in einem Hamburger Nobelrestaurant mit Elbblick, durch die Menschenreihen und meidet scheinbar jeden Kontakt, stets auf irgendeiner imaginären Suche nach irgendwas. Nein, genauso kennt man den Theatervirtuosen aus seinen wenigen Filmrollen, so spielt er Joseph Goebbels in Margarethe von Trottas Rosenstraße, so gibt er den Stasi-Offizier Erwin Hull in Volker Schlöndorffs Die Stille nach dem Schuss, so verkörpert er auch seinen Andreas Keppler, den introvertierten Sonderling neben der quirlig-strahlenden Simone Thomalla, das Ermittlerduo im Leipziger Tatort, mittlerweile fünf Jahre nach dem spröden Sachsenduo Kain und Ehrlicher.
„Ich weiß, dass ich manchmal sehr beobachtend wirke“, erklärt er frühmorgens im Hotel, dasselbe düstere Äußere wie tags zuvor unter Leuten. Auch introvertiert, bedächtig, abwesend wirke er gelegentlich. „Aber meistens langweile ich mich einfach nur, eigentlich bin ich sehr gesellig.“ Jetzt lächelt er, das passiert ihm selten, im Film wie im Leben. Ob er mal so richtig aus sich raus komme, den Panzer der Stille verlasse? Er zündet sich die x-te Zigarette an: „Wenn ich erwache, kann ich richtig aufblühen.“ Und auf der Bühne, da sei er sogar „das krasse Gegenteil“. Die Bühne, Martin Wuttkes Feuchtbiotop oder besser: sein Gehege. Denn wenn einer die Symbiose von Theatralik und Alltagsverhalten vollzogen hat, dann der Gelsenkirchener Mime mit dem gefurchten Gesicht, dem die berühmten Bretter nur dann die Welt bedeuten, wenn er auf ihnen steht. „Ich gehe ungern ins Theater“, sagt da allen Ernstes Anfangsfünfziger, der seit 1995 Brechts Arturo Ui spielt, viele Hundert Mal bereits. Der nach seiner Ausbildung in Bochum an den renommiertesten Sprechbühnen tätig war und nach Heiner Müllers Tod kurzzeitig die Intendanz des Berliner Ensembles innehatte, der zweimal zum Schauspieler des Jahres gekürt noch immer so viel im Kleinen spielt, dass er unerkannt durch die Hauptstadt laufen kann.
Damit dürfte jetzt Schluss sein. Der Tatort ist eine Popularisierungsmaschine. Wenn man dann noch die beiden zweitdienstältesten Kommissare ersetzt, wird eine Hypothek daraus. Auch deshalb will er die Rolle ein wenig mit sich selbst auffüllen, wie er es nennt. Sein Arbeiten verlaufe ja ähnlich pedantisch, bisweilen eigenbrötlerisch wie das seines künftigen Alter Ego. Und so wenig man über den zweifachen Vater Wuttke weiß, so wenig solle man auch über den geschiedenen Kommissar Keppler wissen. „Krimis werden hierzulande immer mehr zu Gesellschaftsromanen.“ Nächste Zigarette. „Das will ich ein wenig zurückbauen.“ In Richtung Marlowe, Cottan, Detektive ohne Mütter, Hobbys, Biografien.
Das klingt fast nach Rebellion in einem Genre, das dem Privatleben der Protagonisten den gleichen Platz einräumt wie ihren Fällen. Doch Aufruhr ist Martin Wuttke eher fremd. Die Schule mit 16 verlassen zu haben, lag eher daran, dass der Halbwaise mit hart arbeitendem Vater dort erfolglos einen Familienersatz gesucht hatte. Und das Theater könne nichts mehr bewegen, ihr fehle das übergeordnete Projekt, das Sendungsbewusstsein der Achtziger, das Subversive der Vorjahrzehnte. Bleibt das Fernsehen. Ein „Super-Medium“, wie es der TV-Neuling Wuttke nennt, „weil es Inhalte so breit vermittelt“. Und nun also sein Medium, solange es Instrumente zur Verfügung stellt, „die ich für mich nutzen kann“, statt ihn selbst zu instrumentalisieren. „Noch benutze ich den Tatort“, sagt er. Das Gegenteil würde ihn nervös machen, aber keinen Revolutionsimpuls auslösen. Höchstens Fluchtinstinkte.
Oder akribisches Hineinarbeiten. Noch so eine Parallele zu Andreas Keppler, der den Ort des Mordes schon mal räumen lässt, um dort mit ihm und sich allein zu sein, nicht auf der Suche nach Beweisen, sondern Atmosphären, einer Art Aura, nach Ruhe, die er auch abends beim Rotwein in der Pension findet. „Ich schätze die unverbindliche Freundlichkeit anonymer Hotels“, sagt Keppler durch Wuttke hindurch, „keiner ist recht daran interessiert, was einer macht“. Diese Vertrautheit der Fremde nomadisierender Schauspieler überträgt er auf auch seine neue Figur. „Man wird in gewisser Weise asozial“, er schweigt lange, „aber das kann ich durchaus genießen“. Eigentlich müsste man ihn einen Kauz nennen. Bleiben wir bei Eigenbrötler: Auf der Bühne genial, im Fernsehen ungewöhnlich. Aber bei Martin Wuttke dreht sich so was schnell mal um.
Der Text ist in ähnlicher Form in der FAZ erschienen: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tatort-novize-martin-wuttke-er-schlaegt-den-kragen-hoch-1542215.html

