Reportage: Bad Kleinen, 20 Jahre danach

Bad_Kleinen_Gleis_4Das Schweigen am Gleis

Bad Kleinen, Gleis 4. Foto: Dr. Mattias Kreutz

Vor genau 20 Jahren starben am Bahnhof von Bad Kleinen ein Polizist und ein RAF-Terrorist. Ob einer davon förmlich exekutiert wurde, ist im Zuge einer gewaltigen Pannen- und Verdunkelungsserie der staatlichen Einsatzkräfte noch immer ungeklärt – heute, wie vor zehn Jahren, als diese Reportage in mehreren deutschen Tageszeitungen erschienen ist. Zum traurigen Jubiläum eines Tages, der wie kaum ein zweiter fürs bundesrepublikanische Dilemma von Sicherheitsbedürfnis und Repression steht, dokumentieren die freitagsmedien die Stimmung im Ort, zehn Jahre danach

Von Jan Freitag

Ein Tag im Frühsommer. „Da, ein Hubschrauber“. Christian Poppe zeigt nach oben. „Wie damals.“ Von seiner Terrasse aus genießt er einen herrlichen Blick zum Schweriner See. Der 60-Jährige hatte vor zehn Jahren einen Logenplatz, als erst Geballer vom Bahnhof herüberwehte und dann Polizeihelikopter kreisten. Am 27. Juni 1993, als 44 Schüsse, zwei Tote und mehrere Verletzte Bad Kleinen aus seiner Idylle rissen. Eine kurze Zeit des Erwachens, dann schlummerte das Provinznest weiter. Auch jetzt scheint die Sonne durch eine löchrige Wolkendecke. Christian Poppe blinzelt. Doch die beiden Sonntage könnten unterschiedlicher kaum sein. Und es scheint fast, als scheue der Ort im Herzen Mecklenburgs jeden Hinweis auf das größte Ereignis seiner 825-jährigen Historie. Wer nach Zeugnissen der Schießerei zwischen dem RAF-Mitglied Wolfgang Grams und der GSG 9 sucht, muss sich schon unter den 3197 Bewohnern umhören. Es gibt kein Mahnmal für den Grenzschützer, der tödlich getroffen auf Bahnsteig 3/4 zusammenbrach. Keine Tafel verweist auf den mutmaßlichen Selbstmord von Wolfgang Grams.

Doch, sagt Siegfried Friese, ein Denkmal existiert. Der Bürgermeister bückt sich zu einem verbogenen Gitterstab. „Hier ist eine Maschinengewehrsalve gelandet.“ Die Strebe im Geländer „haben wir erhalten“. Er schwenkt nach rechts. „Und da lag die Blutlache vom, wie hieß er noch?“. Newrzella, Michael, 25, vermutlich von Grams erschossen, als dieser im Fliehen auf sieben Verfolger feuerte. Friese fuchtelt mit den Armen: Patronenhülsen, überall. Doch die Menschen im Dorf sind der Fragerei überdrüssig. Bad Kleinen? Da war doch was … Seit jenem Tag läuten im kollektiven Gedächtnis die Glocken. Wie bei Lichtenhagen, Gladbeck, Ramstein. Immerhin schwinde das Interesse, sagt ein Bewohner. Die ersten Wochen aber stand der Ort unter Belagerung – die Welt hatte ihre Augen auf ein Fleckchen Erde geworfen, von dem nur wenige wissen, in welchem Bundesland es liegt. Noch aufregender als das Ereignis selbst „waren die Tage danach, als hier vermummte Gestalten marschierten“, berichtet Apotheker Poppe über linke Protestdemos. Der damalige Bürgermeister Hans Kreher glaubte gar, „Bad Kleinen wird zum Wallfahrtsort für Linksextreme“. Zum Walhalla derjenigen, die der Theorie vom Mord an einem Staatsfeind anhängen. Die Akten sind geschlossen, doch das letzte Urteil ist keineswegs der Weisheit letzter Schluss. „Wir wissen schlichtweg nicht“, verkündete ein Richter 1998 am Landgericht Bonn, „was genau passiert ist“. Fall erledigt. Seither, sagt Hans Kreher, „ist alles ruhig“.

So ruhig wie vorigen Sonntag in diesem Dorf, das im Grunde nur aus Bahnhof besteht. Auf Bahnsteig 3/4 herrscht rheinisches Stimmgewirr, als um kurz vor halb zwei der Sonderzug nach Köln hält. Zehn Jahre zuvor betrat da gerade Birgit Hogefeld, dritte RAF-Generation, mit dem später als V-Mann enttarnten Klaus Steinmetz das Café auf der Plattform gegenüber. Stets im Visier von 35 Beamten der GSG 9 und 19 des BKA. Auf Bahnsteig 3/4 berlinert es laut, als um 14 Uhr der Regionalexpress gen Hauptstadt einfährt. 1993 holte Hogefeld da gerade Grams vom Zug ins frühere Mitropa-Restaurant. Es gab Würzfleisch. Auf Bahnsteig 3/4 ist es still, als um drei der Zug nach Lübeck einrollt. So still mag es auch gewesen sein, als sich das Trio in die Unterführung aufmachte.

Das ist ein Bahnhofstunnel wie viele andere. Ausgeleuchtet von einer Neonröhre und fahlem Tageslicht. Wer hier eintaucht, kann den Lärm abgefeuerter Schusswaffen erahnen: Eine mächtige Halle, ein guter Resonanzkörper. Grams, Hogefeld, Steinmetz schlenderten ihr entgegen, um 15 Uhr15, als der Zugriff erfolgte. Hogefeld ging ins Netz, nicht aber Grams, bis dahin nur wegen Paragraf 129a, Bildung einer terroristischen Vereinigung, gesucht. Laut Polizeiversion wurde er zehn Sekunden später zum Mörder. Auf Bahnsteig 3/4, wo Joanna Baron einen Logenplatz hatte. Sie wünscht sich indes, sie wäre nie dort gewesen. „Ich habe alles hinter mir, bitte!“ Durch die Luke ihres Kiosks, so gab sie einst zu Protokoll, hat die 44-Jährige Grams’ Hinrichtung beobachtet – durch Diener des Staates. Joanna Baron wurde von Polizei, Politik und Justiz demontiert. Dass niemand einen Suizid bezeugte, Spuren verschwanden, Videos lückenhaft waren, ist Teil der Legende.Urda Klein (55) lässt das kalt. Sechs Tage die Woche steht sie an Joanna Barons altem Arbeitsplatz. Der Kiosk ist noch der alte, Kaffee 1,10. Der Rummel von ’93, sagt sie, „interessiert im Dorf keinen“. Anschlussreisende dagegen schon eher. „Eine Bockwurst, und sagen sie: War hier nicht mal … „Die Leute fragen immer, jeden Tag.“ Seit 1995, als sie den Pachtvertrag abschloss.

„Das Ganze war ja eher so eine Wessi-Angelegenheit“, meint Ex-Bürgermeister Kreher. „Arbeitslosigkeit, das hat die Leute interessiert“. Auch heute sucht jeder Sechste einen Job, alte Betriebe sind abgewickelt, der Bahnhof ist marode. Er war mal der größte Arbeitgeber im Ort. Auch Urda Klein hat die Bahn den Vertrag gekündigt. Von der „Sache mit dem Terroristen“ haben die Jugendlichen, die am Bahnhof abhängen, gehört. Mehr nicht. Jessica (15) will einen Film fürs örtliche Jugendfernsehen drehen. Über einen Tag im Frühsommer, zehn Jahre danach. Dann ist Ruhe, wahrscheinlich für immer.

http://www.tagesspiegel.de/politik/schweigen-am-gleis/426252.html


Oli Geissen, RTL-Moderator

Der Alleswegmoderierer

Kaum zu glauben, aber wahr: Die Hamburger Radioquasselstrippe Oli Geissen moderiert seit genau zehn Jahren ein RTL-Format, das sich trotz Sender, Moderator und Stil zur letzten echten Musiksendung im deutschen Vollprogramm gemausert hat: Die ultimative Chart Show. Zum Geburtstag der Ranglistensause ein Porträt des vielleicht seltsamsten Lila-Laune-Bärs im Privatfunk

Von Jan Freitag

Wer einen Raum so betritt wie dieser Mann, der hat nicht bloß gesundes Selbstvertrauen, es suppt ihm förmlich aus jeder Pore. „Moin, Moin zusammen“, sagt, nein: ruft Oliver Geissen durchs Separee einer Hamburger Spielbank und nimmt jeden einzelnen Gast kurz fest in den Blick. „Alles gut?“, ruft, nein: johlt er mit weit geöffnetem Armen hinterher und meint das natürlich strikt rhetorisch. Alles gut! Was nach einer Frage ans knappe Dutzend Gäste seines kleinen Jubiläums-Dinners klingen mag, ist schließlich reines, unverblümtes, kompromissloses Eigenlob eines Moderators, den es eigentlich nicht geben sollte. Von einer Show, die es eigentlich nicht geben dürfte. Mit einem Erfolg, der nun wirklich vollends unfassbar ist: Denn dieser braungebrannte Brusthaarentblößer mit dem vielen Bling Bling am Körper, er leitet seit zehn Jahren Die ultimative Chart Show. Und das grenzt an ein Wunder. Besser: an mehrere.

Als die Rankingshow von allem, was musikalisch Mainstream ist, Ende Mai 2003 auf Sendung ging, war der gelernte Radioreporter für seriöse Abendunterhaltung im Grunde verbrannt. Das Jahrzehnt zuvor hatte er den geladenen Nebenerwerbsproleten ja an 1807 Nachmittagen von Promiskuität über Sexsucht bis wechselnde Bettgeschichten alles entlockt, was knallt. Kein allzu seriöses Bewerbungsschreiben für die Primetime; aber Olli, wie ihn alle nur nennen, war ja auch bei keinem seriösen Sender beschäftigt, sondern bei RTL, das sich seinerzeit nur mühsam vom Ruf des Tittenkanals befreite.

Also ließ man ihn 2002 Die 80er Show moderieren, noch nicht ultimativ, aber zehn Folgen lang mit ultimativ guten Quoten. Sechs Millionen, bei der Zielgruppe sogar mehr als Wer wird Millionär vorab – das schaffte sonst nichts Serielles. Bald wühlte – Wunder zwei – auch die Konkurrenz so fleißig in der Pophistorie, das daraus eine Retrowelle wurde. Und auf der schwamm niemand erfolgreicher als Geissen, womit wir beim letzten Wunder wären: Olis zappelige Nummernrevue verkaufsstarker Rock-, Pop-, Party-, Netz-, Radio-, Cover-, Welt-, Deutsch- oder Siebziger- bis Neunzigerhits samt One-Hit-Wonder brachte es bislang nicht nur auf 117 Ausgaben; genau genommen ist sie die letzte echte Musiksendung im Vollprogramm. MTV? Seit Jahren kostenpflichtig! VH1? Längst Geshichte! ARD? Sendet Schlager. Viva? Sendet nicht mal mehr die!

In dieser Klangleere sorgt abseits von Raabs TV total ausgerechnet die Chart Show des gelernten Dudelfunkreporters Geissen für etwas, das einst stilbildend war fürs Medium: Videos und Livemusik. Und das liegt auch am Moderator. Der hat schließlich alle Instanzen kommerzieller Unterhaltung so frei von Tiefgang durchlaufen, dass ihm der RTL-Entertainer zur zweiten Haut geworden ist. Nach seinem Weg vom Leistungssport (Fußball, Football) übers Radio hin zum Nachwuchsreporter beim ZDF vor fast 20 Jahren, ist der Wuschelkopf mit den dicken Tränensäcken im Knautschgesicht notorisch auf Sendung – erst als Live-Moderator bei Big Brother, später als Pseudo-Moderator seiner Trashtalks, weiter als Musik-Moderator der Chart Show, nebenbei als Robert-Lembke-Imitator bei Es kann nur e1nen geben. Und stets gelingt dem Schnellschnacker aus Hamburg ein seltsamer Spagat: Präsent zu sein, ohne Präsenz zu zeigen.

Geissen ist eine Moderationsmaschine mit Start- und Stopptaste, die man überall hinstellt, wo Massengeschmack werbewirksam bedient wird. Die Kunst daran: man merkt ihm seine Teilnahmslosigkeit kaum an. „Mein Lieber“, begrüßt er schon mal einen Gast, „bist ja hier rübergekommen, und du … du hast eben im Filmchen gesagt, du hast immer davon geträumt ein … ein … ein Star, ein Popstar zu werden“. So klingt es oft im Plausch mit seinem Sofastammpersonal von halbnackten Showmiezen wie Sonya Kraus über halbkluge Muskelprotze wie Ralf Möller bis halbwitzige Comediens wie Cindy aus Marzahn, deren Qualifikation mit Ausnahme des ewigen Dieter M. Stein bestenfalls darin beruht, was der Moderator von sich selbst behauptet: „Ich kann kein Instrument spielen, habe aber eine riesige Leidenschaft für Musik.“

Er spricht all das auch zur Vorstellung der vierstündigen Geburtstagsausgabe „Die erfolgreichste Single der deutschen Chart-Geschichte“ aus, als säße er vor Publikum im Studio statt Journalisten in der Spielbank: Spontan, locker, zappelig, ohne Punkt und Komma. Der Oli eben. Haare strubbelig, Schnauze kodderig, Grinsen großartig. Mit gerade mal 43 Jahren hat sich dieses Moderator gewordene Spaßfernsehen also zur Topmarke eines ganzen Genres gemacht. Im Rudel der Marco Schreyls und Jochen Schropps gibt Oli Geissen also den Lila-Laune-Leitwolf und lacht sich wohl innerlich schlapp übers viele Geld, das er mit gesendetem Nichts nebst einer PR-tauglichen Liebe zur Schauspielerin Christina Plate verdient. „Du darfst nicht stören und du muss zuhören“, lautet sein Moderationscredo hinterm Erfolg. Dass beides auf ihn nicht zutrifft, macht seine Karriere so besonders.

Der Text ist erschienen in der Berliner Zeitung: http://www.berliner-zeitung.de/medien/10-jahre-rtl-chart-show-die-moderationsmaschine-feiert-jubilaeum,10809188,23299344.html


CT “Matula” Gärtner, Frankfurt 2008/13

Es gibt ein Leben vor dem Tod

Claus Theo Gärtner, 1943 als Kaufmannssohn in Berlin geboren, sammelte in Oberhausen Erfahrungen am Kindertheater, bevor er nach allerlei Gelegenheitsjobs rund um die Bühne mit 23 Jahren sein Rollendebüt gab. Ende der Sechziger wechselte er zum Fernsehen und erhielt 1972 für seine Rolle im Thriller Zoff den Bundesfilmpreis als bester Nachwuchsschauspieler. Nach diversen Episoden- und Nebenrollen folgte an der Seite seines alten Freundes Günther Strack 1981 der Durchbruch als Josef Matula in Ein Fall für zwei. Damit ist mittlerweile Schluss, aber es gibt ja Wiederholungen wie Freitag, 20.15 Uhr, im ZDF. Und die freitagsmedien, mit einem Interview aus der Zeit, als Matula noch seine Lederjacke trug…

freitagsmedien: Herr, Matula, Verzeihung, Herr Gärtner…

Claus Theo Gärtner: (lacht) Ach, da gewöhnt man sich dran.

Wissen Sie oft Josef Matula bislang verprügelt wurde?

Die genaue Zahl weiß ich nicht, aber es waren einige Male. Ich glaube, das ZDF führt darüber sogar Statistik.

Mehr als 40 Mal, dazu ein Dutzend Mal verhaftet und neun Mal entführt.

Das kommt hin.

Entspricht das dem Bild, Matula sei die Hand der Serie und der Anwalt das Hirn?

Man könnte das so vereinfacht ausdrücken, besser wäre aber: jeder Deutsche braucht einen Chef.

Sind Sie das nicht längst selbst?

Mittlerweile vielleicht. Mit dem Günter Strack war das ein väterliches Verhältnis, mit Rainer Hunold ein brüderliches. Komischerweise war das Team von Georg Althammer und Karl Heinz Willschrei als alternder Detektiv mit einem jungen Anwalt geplant. Da hat die Hauptabteilung Fernsehspiel gesagt: gute Idee, aber wir machen das umgekehrt. Zuerst waren der Produzent und sein Drehbuchautor zu Tode betrübt und jetzt ist es so, wie sie es ursprünglich haben wollen.

Das ZDF folgte dem alten Denken, der Chef hat jünger zu sein, als sein Angestellter.

Tja.

Was fasziniert das Publikum so sehr am unkonventionellen Ermittlertypus, der das Recht im Zweifel zum Wohle des Rechts beugt?

Matula ist ja eine Kunstfigur, die sich alles leisten kann. Vielleicht, weil das authentischer wirkt und am Ende auch für Gewöhnung sorgt. Man kennt die Charaktere, Freitagabend ist Lessing- und Matula-Zeit.

Oder Sonntag, wo ein Schimanskis robuste Art am besten ankam.

Ich glaube, das liegt daran, weil viele gern so wären – ein bisschen antiautoritär, ein bisschen flippiger, als man es sich leisten kann.

Könnte das an einer unterbewussten Rebellion gegen deutschen Bürokratismus liegen.

Sehr reizvolle Idee, oder?

Das passt zu ihrer Rebellenzeit.

Als 68er sowieso. Es steckt eben viel von mir im Matula. Es ist zwar alles gespielt, aber die Gestaltung der Figur ist ja keine historische Vorlage, sondern ein Stück erdachtes Papier. Da gibt es viele Freiheiten, die ich nutze. Ich habe jeden Einfluss auf die Serie. Es gibt mittlerweile 90 bis 100 Autoren, aber wir haben einen roten Faden und eine bestimmte Sprache Matulas, die sich nicht in jedem Film ändert. Es ist die Sprache der Straße und ich stelle mir auch keinen Rotwein in den Kühlschrank.

Sind sie selber ein Haudegen?

Schon, aber nicht in dem Maße. Wenn ich die Lederjacke ausziehe, bin ich wieder Claus Theo Gärtner.

Laut ZDF verkörpert Matula das Volk.

Sicher, es ist eine Volksfigur.

Sind Jeans und Lederjacke dafür Pflicht?

Hilfreich, aber bei ihm ist das eher eine Sache des Geldmangels. Wenn er jetzt auf einmal im Anzug rumlaufen würde, wäre das doch eine langweilige Konstellation. Matula als Schlipsträger… (lacht) Der soziale Unterschied zwischen ihm und dem Anwalt soll ja spürbar werden; der macht die gewisse Spannung aus.

Wie wichtig ist sein Singledasein?

Eine Frau würde nur stören. Wir müssen in 60 Minuten den Plot erzählen und das könnten wir kaum, wenn wir nebenbei die Geschichte einer Frau, Freundin, Geliebten unterbringen müssten.

Bei der Jubiläumsfolge hätten sie 30 Minuten mehr dafür gehabt.

Tja, da kann man etwas präziser und epischer erzählen, aber die Fernbedienung droht immer.

Sie sind bald 70 – wann droht eine so kernige Figur unglaubwürdig zu werden?

In dem Moment, wo sie gebrechlicher wird und man die Körperlichkeit türken muss. Ich mache aber im Grunde noch alles selber und was ich kann, kann auch der Matula. Ich sage den Autoren aber manchmal, Leute, da muss es eine intelligentere Lösung geben für den Matula, als dass er gleich jemanden auf die Nase haut.

Der Legende nach haben Sie 1981 im Bierkeller auf einen Zettel geschrieben: „100 Folgen, okay CTG“.

Was heißt Legende.

Welche Zahl würden Sie knappe 300 Folgen später noch draufschreiben?

Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich das zig Jahre mache, wäre es nicht zu diesem Vertrag gekommen. Es ging damals um sechs oder acht Folgen. Bis zum ersten Drehtag hat Georg Altheimer ein Jahr lang auf mich eingeredet wie auf einen kranken Gaul, weil ich damals an der Berliner Schaubühne war und nicht mit Fernsehurlaub kommen konnte. Nach sechs Folgen ging das auch noch gleichzeitig mit dem Theater. Ich flog morgens nach Frankfurt, drehte, flog abends zurück nach Berlin und spielte, aber als es dann zehn Folgen wurden, ging das nicht mehr. Aber dann hatte ich als Ausgleich mein geliebtes Hobby Motorsport und das wäre am Theater auch wieder nicht gegangen.

Was ist für Sie wichtiger: Die Serie oder ihre Autorennen?

Meine Serie! Autorennen war immer ein Hobby, wenn ich auch das Glück hatte, schöne Werksautos fahren zu dürfen, aber ich war ja nie Profi.

Hatten Sie eigentlich je Angst davor, auf Matula festgelegt zu sein?

Ich habe mal mit Götz George einen Film gedreht, da bin ich kein Detektiv. Matula war ja eine freiwillige Festlegung und ich kann nicht mehr spielen als diese zehn Filme, auch nicht, um mir und anderen zu beweisen, dass ich noch drei mache, bei denen ich nicht Matula bin. Das habe ich 25 Jahre am Theater bewiesen. Die Zeit fehlt mir einfach, es gibt ja noch ein Leben vor dem Tod.

Zuletzt haben Sie sogar selber Regie geführt. Woran merkt man, dass Ein Fall für zwei Claus Theo Gärtners Handschrift trägt?

Das merkt man nicht, Fachleute, Feinschmecker vielleicht, die kennen meine Vorlieben, aber es gibt nichts Typisches von Claus Theo Gärtner. Mich interessieren nicht so die ungeheuren Actiongeschichten, wo brennende Benzinfässer durch die Luft fliegen, eher schon kleine psychologische, kammerspielartige Aspekte mit wenigen, aber guten Schauspielern.

Und damit ist jetzt nach 300 Folgen Schluss.

Ja, ich habe mir gedacht, nach 30 Jahren habe ich eine größere Pause verdient

Verschwinden Sie dann ganz hinter die Kamera?

Vielleicht, sofern mir als Schauspieler nichts mehr angeboten wird. Vielleicht mach ich aber auch erstmal längeren Urlaub.

Eine Weltreise? Sie gelten ja als Weltenbummler.

Ja, das werde ich wohl wieder machen.


Superlativismus

fragezeichen_1_Der Superlativ ist Fernsehens größter Freund. Ständig sind alle auf der Jagd nach dem Höher, Schneller, Weiter – und zwar grundsätzlich „aller Zeiten“. Merkwürdig

Erst kürzlich wurde an dieser Stelle zur Frage, warum schlechte Schauspieler wie Christine Neubauer beliebter sind als gute, die These vom Sog des Mittelmäßigen zur Antwort geboten. Widerlegt werden könnte sie jedoch vom Sog des Superlativs. Denn besonders das Fernsehen ist ja ständig auf Weltrekordjagd. Und nicht nur das: Falls irgendwer irgendwas ist/macht/kann, was sonst keiner je war/tat/konnte, fügen die Superlativverwalter gern „aller Zeiten“ an. Das ist nicht nur grammatikalisch seltsam.

Der Superlativ gilt nämlich auch ohne Zeitachse immer, überall. Aus der Bestenliste rutscht er nur bei entsprechender Einschränkung, der Höchste/Schnellste/Weiteste im Kreis Ostwestfalen-Lippe zu sein etwa oder im Jahr 2013. Aber bei der Superlativhatz geht es eben nicht um sprachliche Korrektheit, sondern Ausschaltimpulse in der Leistungsgesellschaft. Wer im medialen Sperrfeuer nur das Zweitbeste liefert, fällt fix aus der Aufmerksamkeitsspanne leicht abzulenkender Durchschnittszuschauer, also der meisten. Second place is first loser – da kann das Alleinstellungsmerkmal gar nicht intensiv genug ausgedrückt werden. Also: Dass Christine Neubauer die schlechteste gut bezahlte Schauspielerin ist, reicht der breiten Masse an Betonung nicht aus. Für alle verständlich muss es also heißen: Sie ist die schlechteste gut bezahlte Schauspielerin weltweit aller Zeiten überhaupt und bis in alle Ewigkeit. Erst so kapiert’s am Ende auch bei RTL jeder.


Markus Lanz, wettender Talkhost

Anständig alt werden

Wer dieser Tage auf Markus Lanz rumhackt, sollte sich vor Augen halten, was er zumindest ein bisschen besser kann als Samstagabendshows: Seine Talkshow im ZDF, seit 500 Folgen, obwohl es auch da ständig um um Wetten, dass…? geht, irgendwie

Die Welt von heute ist eine Zahlenwelt. Algorithmen sorgen für Wissen und binäre Codes für Kommunikation. Von Sieg bis Niederlage, gut bis mies, von „weiter so“ bis „geht nicht mehr“ lässt sich alles exakt beziffern. In dem Licht muss man auch diese beiden sehen: 500 und 6,7 Millionen. Erstere wirkt bescheiden, nach Hartz-IV und Pauschalurlaub, ist aber Ausdruck eines Erfolgs. Letztere dagegen atmet Rendite, Reichtum, Villenviertel, kennzeichnet aber den Abstieg. Womit bewiesen wäre: Über Wohl und Wehe einer Zahl entscheidet nicht die Größe allein.

Davon kann Markus Lanz zurzeit ein Lied singen. Elf Tage vor jener Show, die stolze 500 Folgen seinen Namen trägt, servierte ihm das Publikum jener Show, über der ein anderer schwebt, die tiefste Quote überhaupt. Keine sieben Millionen Zuschauer bei Wetten, dass…? – die hätte ein Gottschalk selbst ohne Wetten geschafft, die musste nicht mal ein Lippert erdulden, die waren auch beim Antritt des Neuen kaum denkbar. Und so waidwund geschissen, pardon: -schossen, wie Markus Lanz ob der aberwitzig missratenen Mallorca-Ausgabe durch den Shitstorm alter wie neuer Medien watet, dürfte es kein Trost sein, dass abseits des letzten TV-Lagerfeuers nur Tatorte und Fußballspiele höheren Zuspruch ernten.

Also die 500.

Eine imposante Zahl, Balsam für die Moderatorenseele. 500 Folgen Markus Lanz hat Markus Lanz seit 3. Juni 2008 geleitet, Zuschauerschnitt stabil über 1,5 Millionen. Und das nicht zehnmal zur Familienzeit, sondern dreimal die Woche gen Mitternacht. So oft hatte der dialekt- wie kantenfreie Südtiroler alles vor sich sitzen, was von Rang und namenlos ist: Wähler und Politiker. Hollywoodstars und Couchpotatoes. Funktionäre samt ihrer Opfer. Objekte, Subjekte, Sessel an Sessel. Unbekannten, die 35 Jahre zu Unrecht im Knast gesessen hatten, begegnet er mit großer Zurückhaltung, den Weltgestalter Tony Blair dagegen fragt Lanz, ob er Katholik geworden sei, „um die Sache mit dem Irak besser beichten zu können“. Das passt nicht zum Klischee vom geschmeidigen Streber, nicht nur. Findet auch Lanz und sagt es auch. „Ich war doch derjenige, der Roland Koch die wirklich harten Fragen stellt“.

Weil da was dran ist, waren 500 mal 75 Minuten Lanz also nicht die schlechtesten 625 Stunden der letzten fünf Jahre Fernsehen. Aber waren es deshalb gute? Dazu mal keine Zahl, sondern ein Zwiegespräch vom Juni. Bis zur Bundestagswahl wolle er jeden grünen Spitzengrünen fragen: „Ist es denkbar, mit den Schwarzen zu koalieren“, so ging der Ex-Radio-, Ex-RTL-, Ex-Kochshow-, Ex-alles-mögliche-Moderator den spitzesten aller Grünen mit der lanztypischen Klappmesserpose an. Dass weder CDU noch FDP bei Betreuungsgeld oder Vermögensabgabe mitmachen, hielt Jürgen Trittin gegen. Dann ging es los.

Lanz: „Ich glaube, die sagen ja.“

Trittin: „Öhhh.“

„Was ist, wenn die ja sagen, Herr Trittin?“

„Sehen Sie, Sie können auch behaupten.“

„Im Ernst jetzt, wenn die ja sagen.“

„Ich kann mir viel vorstellen, aber dass die CDU sich vier Jahre selbst verleugnet…“

„Aber Sie müssen ja mit Angela Merkel klarkommen.“

„Ich habe bewusst dieses Beispiel gewählt, weil ich wie viele der Auffassung bin, dass die Bundeskanzlerin ein gutes Berufsverständnis hat.“

„Jetzt waren Sie kurz davor, Angela Merkel ein Kompliment zu machen.“

„Nein.“

„Doch.“

„Das ist ein Kompliment.“

„Aber man hätte das noch netter formulieren können.“

Stakkato, Raubtierspannung, Stirnrunzeln im Dauerwechsel mit Zurückhaltung, Nähe, Empathie – so schmeckt das Tiroler Emotionsallerlei aus fünf Minuten Verhör mit den Großen und fünf Minuten Gefühl für die Kleinen seit jeher. Diese lächelnde Dauerpose im engen Zweiteiler macht Markus Lanz zum Robin Hood von Flatscreen Forrest, seine Interviews zum Pingpong aus privater Gefühlsduselei und öffentlich-rechtlicher Sachlichkeit. Das zeigt sich auch im Gespräch um ihn selbst. Dann spricht der drahtige Mittvierziger gern vom „Arsch“, in den er sich bei einer Südpolarexpedition fürs Zweite treten musste, um zwei Atemzüge später „anständig alt zu werden“ als größere Herausforderung zu nennen, verglichen mit minus 40 Grad.

Vielleicht wirkt Markus Lanz darum nie ganz locker, nie ganz Gottschalk: Stets wirkt er um Kurskorrektur seines Kuschelimages bemüht, ohne es ganz zu verleugnen. Früher hätte er über die Sinnlosigkeit, Vorurteile zu bekämpfen, gesagt: „Da stehe ich drüber.“ Heute sagt er: „Es nervt!“ Fragt sich, ob es Wetten, dass…? bald so tut, dass dessen Exmoderator in spe den geordneten Rückzug auf die kleine Bühne antritt: bisschen Publikum, bisschen Attacke, bisschen Kuscheln mit Raub- wie Beutetieren, aufgezeichnet nach Karteikartenlage. „Kennst du drei Leute, die dich einfach nicht ausstehen können?“, fragt Karl Lagerfeld zur Jubiläumssendung. Um nicht bald „alle“ antworten zu müssen, sollte Markus Lanz das tun, was er am besten kann: Markus Lanz.

Von Jan Freitag

Der Text ist auch in der Berliner Zeitung erschienen: http://www.berliner-zeitung.de/medien/markus-lanz-raubtier-auf-dem-sprung,10809188,23418634.html


Klaus Maria Brandauer, Hamburg 2013

Wir lügen und täuschen

Seit 40 Jahren gilt Klaus Maria Brandauer, 1943 als Klaus Georg Steng im Salzkammergut geboren, als einer der besten Schauspieler deutscher Zunge und seit gut 30 als einer der international bekanntesten. Nach seiner Jugend am deutschen Ufer des Bodensees wurde Brandauer Anfang der Siebziger zum gefeierten Bühnenstar, bevor er 1981 als Hendrik Höfgen in István Szabós Kinoerfolg Mephisto auch die Leinwand eroberte. Es folgten Hollywoodfilme wie Jenseits von Afrika, für den er eine Oscar-Nominierung erhielt, der Bond-Bösewicht Largo (Sag niemals nie) oder das Biopic Georg Elser, wo er 1989 erstmals selbst Regie führte. Wegen seiner exaltierten Spielweise extremer Charaktere wird der vielfach preisgekrönte Charakterdarsteller seit jeher ebenso gefeiert wie kritisiert. Zum 70. Geburtstag wiederholt der SWR am Samstag (20.15 Uhr) das Drama Die Auslöschung vom April, wo er so glaubhaft einen Alzheimer-Kranken spielt, dass man förmlich miterkrankt.

 

freitagsmedien: Herr Brandauer, es ist wenig charmant, aber bei einem Film, der sich mit der Alterskrankheit Alzheimer beschäftigt, kommt man ums Thema Altern nicht herum.

Klaus Maria Brandauer: Ach, damit habe ich kein Problem.

Mit dem Altern oder mit dem Drüberreden?

Mit dem Drüberreden. Altern tue ich natürlich wie alle anderen nicht sonderlich gern, aber ein Problem habe ich damit nicht gerade.

Merkt man dennoch mit fast 70 Jahren, dass der Kopf manchmal hakt?

Ach der hakt schon länger, seit Jahrzehnten, würde ich sogar sagen. Das ist ja nicht nur eine Sache des Alters. Aber ich werde Ihnen nicht den Gefallen tun, am Beispiel des Films meine eigenen Zerfallsprozesse zu thematisieren. Nur so viel: Ich fühle mich sicher nicht mehr so wie mit 18 und das macht mir durchaus etwas aus.

Bleibt der Verlust aller geistigen Fähigkeiten, die sie im Film „Die Auslöschung“ verkörpern, also abstrakt als etwas, das Sie persönlich nicht betrifft?

Nein, das ist sogar sehr konkret. Alles, was uns im Leben ausmacht, was uns Spaß macht und erhält wird zwar über die Hypophyse gesteuert, darüber aber liegt, tief im Gehirn, das Häubchen der Erinnerung. Und wer sich nicht mehr an sein Leben erinnert, hört auf, zu existieren, was jedoch vor allem für die Umgebung ein Problem darstellt, die sich dafür fremd geniert. Ansonsten aber kann ich über dieses Krankheit wenig sagen.

Haben Sie sich nicht mit Krankheitsverläufen kundig gemacht für Ihre Rolle?

Nein, ich habe niemanden mit dieser Krankheit in meiner Familie und mich auch sonst – wie ich es bei fast jeder Rolle halte – nicht tiefer mit dem Filmthema auseinandergesetzt, sondern in meiner eigenen Vorstellungskraft danach gesucht, wie es sich anfühlt, wenn man langsam ausrinnt.

Sie sind also ein Method Actor, der seine Rollen aus der eigenen Persönlichkeit speist?

Method Acting – haha! Da kann ich nur lachen. Ich habe ja nicht mal eine Methode, hatte ich nie. Denn obwohl ich kilometerweise Bücher über Schauspielerei, Kunst, über alles gelesen habe, bleibt jede Figur, mit der ich mich beschäftige, wie eine geflickte Vase: Aus der Ferne betrachtet mag sie schön sein, doch es ist die Aufgabe des Schauspielers – wie übrigens im Leben insgesamt – so nah heranzugehen, dass die Sprünge sichtbar werden. Und das kann ich durchaus aus mir selbst schöpfen.

Aber ein bisschen Vorbereitung kann doch bei so einem so sensiblen Thema nicht schaden.

Mag sein, aber ich behandle jede meiner Szene in jedem meiner Filme wie eine Uraufführung. Aus. Selbst am Theater, wo Texte immer und immer wieder reproduziert werden, gehe ich an jedes Stück so heran, als würde ich es das erste Mal lesen. Das war bei diesem hier nicht anders. Wobei es gar kein Krankheitsfilm ist.

Sondern?

Eine hinreißende Liebesgeschichte. Ich treffe noch mal eine Frau! Und verliebe mich neu! In dem Alter! Donnerwetter! Das ist doch fantastisch, lass uns nicht über Krankheit reden…

Also ist, wie zu vermuten wäre, die Liebesgeschichte gar kein Vehikel um über Alzheimer zu erzählen, sondern umgekehrt – Alzheimer ein Vehikel für die Liebesgeschichte?

Ich will weder Botschaften versenden noch Vehikel benutzen, auch deshalb erscheine ich so selten auf dem Bildschirm. Die Beschäftigung mit einem Text mag meine eigenen Ansichten ändern oder bestätigen, gar meine Lebensqualität verbessern; wenn andere das Resultat zu Gesicht kriegen, soll es vor allem bestmöglich unterhalten. Un-ter-hal-ten! Wenn sie sich über den Inhalt auch noch Gedanken machen, umso besser.

Worüber wäre das?

Etwa unser Umgang mit Krankheit. Wir pflegen lieber ein Klischee der Erlösung als das Leben davor zu würdigen. Dabei ist es viel zu fantastisch, um es vom Ende her zu denken. Auch in dem Bewusstsein, dass es irgendwann endet, oft abrupter, als man denkt. Ich bitte alle Menschen und mich selber auch: Sagt nicht am Ende eines Daseins, der Tod habe ihm etwas erspart. Der Film heißt zwar „Die Auslöschung“, aber er feiert das Leben.

Und Ihr Alzheimerkranker tut das bis zum Ende?

Es ist nie schön, so krank zu sein, dass mit letalem Ausgang zu rechnen ist. Aber man kann es sich entsprechend aller Einschränkungen ja so lebenswert wie möglich machen. Und das tut dieser Ernst wie auch sein Umfeld. Denn was ist der Tod? Wann er eintritt, ist schwer zu beweisen, doch so lange wir atmen, leben wir. Aber jetzt sind wir schon wieder bei der Krankheit – ich möchte bei der Liebesgeschichte bleiben.

Nur zu!

Mich interessiert daran, was Leute wirklich unter Liebe verstehen. Man sagt das so rasch daher und liebt sogar Pudding. Im wahren Sinne des Wortes bedeutet Liebe, für einen anderen da zu sein, aber im Alltag wird er zusehends als Deal behandelt. Auch Ehen, die auf Abkommen statt Hingabe basieren, können toll sein, keine Frage, aber die Liebe in diesem Film besteht um ihrer Selbst Willen, kompromisslos und schön. Denn wahre Liebe kann auch die sein, die nicht erwidert wird.

Aber glauben Sie denn, irgendein Zuschauer wird am Ende sagen: schöne Liebesgeschichte statt tragischer Sterbensgeschichte?

Es ist meine Hoffnung, dass die Menschen begreifen, wie sehr Liebe unter Druck noch wachsen kann.

Hätten Sie dafür auch die andere Seite gespielt, als gesunder Mann einer Kranken?

Selbstverständlich. Und ich hätte wie bei jeder Figur alles daran gesetzt, dem Betrachter das Gefühl zu vermitteln, ich spiele nicht, ich bin diese Figur, immer mit dem Anspruch: Hat der Film unterhalten, hat er berührt, hat er was gebracht?

Die Antwort lautet: Dreimal Ja. Aber welche Rolle ist – im Leben wie im Film – schwerer zu spielen: Die des Betroffenen oder seines Umfelds?

Das klingt jetzt so nach der Frage nach Opfer und Täter. Nur so viel: Es ist für beide kein Honigschlecken.

Ist es das umso weniger für einen Intellektuellen wie Ernst, der sich vor allem über seinen Geist definiert oder ließe sich die Geschichte auch mit einem bildungsfernen Fabrikarbeiter erzählen?

Bei dem ließe sich der Verlust einer Hand sicher stimmiger in seinen Konsequenzen erzählen als der des Geistes, aber wenn dieser Unfall als Anbahnung eine Demenzerkrankung gezeichnet wird, wäre die Geschichte auch dort erzählbar.

Nur anspruchsvoller, weil schwerer vermittelbar.

Nein, nur anders. An meinem Stammtisch daheim im Salzkammergut gibt es fantastische Unterhaltungen mit ganz einfachen Leuten. Oder gehen Sie in die nächste Kneipe und beginnen ein Gespräch – Sie werden sich wundern! Intellekt manifestiert sich nicht in Bildung, sondern in Neugierde. Ich hätte also als ungebildeter Alzheimer-Patient weder elegante Anzüge getragen noch gewundene Reden über Malerei gehalten, aber unterschätzen Sie nicht die Intellektualität des so genannten gemeinen Volkes.

Das Sie jedoch selten spielen. Liegen Ihnen die distinguierten, exaltierten Figuren mehr – die Mephistos, Neros und Dantons, Bond-Bösewichte, Blender und Professoren?

Das mag den Anschein haben, aber ich verfahre nach dem Motto, jedes Leben, egal in welcher Zeit, sollte hochinteressant sein, jeder Mensch, egal in welcher Struktur, ausgeprägt individuell. Da habe ich das Privileg eines Berufes, in dem dieser Anspruch spielerisch ausgelebt werden kann. Aber mal ehrlich: Ich bin noch nie auf etwas gekommen, auf das zuvor niemand anderes bereits gekommen wäre. Alles, was ich spiele, bin und rede, hab ich irgendwo gelernt, erlebt oder aufgeschnappt. Ich habe nichts erfunden, nichts erschaffen, bin aber in einer Art Religion tätig: im Künstlerischen, im Kreativen, im Nachdenken, im Lesen, im Singen, im Tanzen, im Bewegen, im Atmen, ich bin gern dabei. Ich bin gern dabei.

Heißt „dabei“ auch „darin“? Sieht man im Film also nur die Rolle oder auch den Brandauer dahinter?

Sie sehen nur mich und nichts von mir. Wenn Sie mich im Film erleben, habe ich den größtmöglichen Einfluss darauf genommen, kann aber trotzdem dahinter verschwinden. Wie hat Mozart es ausgedrückt: Spiel auch das, was du nicht komponiert hast, so, dass jeder glaubt, du wärst es gewesen. Darum ist Tür und Tor geöffnet, dass wir manipulieren, lügen, täuschen, dass man am Ende unsicher ist, wer das da auf der Bühne eigentlich ist: Der Schauspieler oder seine Figur. Aber so sehr jeder Film auch manipuliert, manipuliert er auch immer mich als Darsteller. Film ist die größtmögliche Manipulation, deshalb haben ihn sämtliche Despoten des Filmzeitalters auch sofort für ihre Interessen missbraucht.

Ohne Machtanspruch versucht er aber doch wie dieser hier eher aufzurütteln oder?

Das wäre nett, aber nur als Dreingabe der Unterhaltung. Ich bin ja kein Religionsstifter. Es geht ja ohnehin nicht um mich.

Das spricht nicht für Ihre sprichwörtliche Eitelkeit, wie Sie Ihnen zuletzt die FAZ vorgehalten hat.

Ja, es gibt nur mich allein, ich bin eitel und die anderen sieben Milliarden nicht… Aber ernsthaft: in einem Punkt bin ich wirklich ungeheuer eitel: Ich will das beste Drehbuch, die besten Stücke, die besten Mitspieler, den besten Regisseur, die beste Produktion, die besten Bedingungen, denn ich spiele keine Rollen, ich spiele Stücke, sonst mach ich es nicht. Nur deshalb kann ich fast immer vertreten, was ich tue.

Gab es je etwas in Ihrem Werk, wo das nicht ging?

Natürlich. Auch ich hatte anfangs eine schwierige Phase, wo ich erst an meine Familie, dann an die Güte denken musste. Aber ich habe das ungeheure Glück, meinen Beruf fünf Jahrzehnte lang recht bewusst gestalten zu dürfen. Wenn’s denn überhaupt ein Beruf ist.

Ist es denn keiner?

Wahrscheinlich doch. Aber am liebsten hätte ich daraus keinen gemacht, sondern einfach nebenher weitergelebt als Klaus Maria Brandauer.

Wobei Sie so gar nicht heißen.

Das hat einen einfachen Grund: Meine Großmutter hieß Maria Fischer und hat einen Hans Brandauer geheiratet, so dass meine Mutter als Mädchennamen Maria Brandauer hatte, die dann einen Herrn Steng geheiratet hat, weshalb ich Klaus Georg Steng war. Weil aber meine Mutter, als mein Vater in Gefangenschaft war, sich so um mich bemüht hat und ich auch in der Schule der Brandauer Klausi war, blieb es dabei. Kein Künstlername, keine Manipulation.

Interview: Jan Freitag

Neubaueritis

fragezeichen_1_Während in anderen Ländern Shakespeare-Mimen und Ex-Kinderstars am beliebtesten sind, mag das hiesige Publikum vor allem Laiendarsteller wie Christine Neubauer. Merkwürdig

Die deutsche Zunge verfügt ja durchaus über äußerlich telegene Schauspieler von außergewöhnlicher Brillanz: Ludwig Trepte oder Martin Brambach zum Beispiel, Sandra Borgmann, Margarita Broich – um nur ein paar zu nennen. Sie alle jedoch sind weit weniger beliebt, weit weniger präsent, weit schlechter bezahlt als ausgewiesene Laienschauspieler mit Zwei-Mimiken-Gesicht wie Veronica Ferres (mütterlich/kämpferisch), Til Schweiger (treudoof/böse), Jürgen Vogel (böse/treudoof), Christine Neubauer (lasziv/tough), die vor allem. Was nach schreiender Ungerechtigkeit klingt, dem Untergangslied des Abendlandes, hat indes logische Gründe.

Der erste, arglose: brillante Mimen stellen sich ohne Hungersnot selten für schlechte Filme selten zur Verfügung, weshalb sie auf den Hauptsendeplätzen selten zu sehen sind. Der zweite, soziologische: das Publikum macht sich gern mit der eigenen Mittelmäßigkeit gemein, weshalb die Quote gewordene Inkompetenz Christine Neubauer, die auch nach 30 Fernsehjahren wie im Grundkurs Schultheater agiert, so derart mies spielt, dass der Durchschnittszuschauer seine eigene Durchschnittlichkeit kurz mal vergisst. Der dritte, deprimierende Grund aber ist die wachsende Intellektuellenfeindlichkeit. Was klug ist, gebildet, belesen, scheint ihr zusehends suspekt. Je dämlicher man in diesem debilen Umfeld daherkommt, desto größer die Chance auf Anerkennung von geistig unten. Vorteil Neubauer.


Schöne Moderatoren und fröhliche Downies

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 10.-16. Juni

Manchmal muss man nicht bloß über den eigenen Tellerrand blicken, um klarer (fern) zu sehen, sondern gleich über den ganzen Tisch, besser noch: das Esszimmer hinaus. Es ist Dienstag voriger Woche, 23 Uhr 11, als bei den drei öffentlich-rechtlichen Sendern des griechischen Rundfunks ERT die Lichter ausgehen und bei den 19 Radiokanälen der Ton. Mitten im Programm, nur Stunden nach der Ankündigung und 75 Jahren on air. Schlimm genug. Doch den 2700 Angestellten werden nicht nur die Jobs gekündigt, sondern zugleich das Internet in der Senderzentrale – als gehe es Regierungschef Samaras darum, neben 300 Millionen Euro Kosten auch noch die Würde der Staatsjournalisten einzusparen. Das Kalkül ist ein ordnungspolitisches, wie es deutsche Parteikonservative ebenfalls pflegen: Deren Ideologie propagiert zwar neben weitreichender polizeilicher, militärischer, juristischer Eingriffe in alle Lebensbereiche die flächendeckende Überwachung aller – aus Wirtschaft und Medien allerdings solle sich der Staat möglichst raushalten, was natürlich rein gar nichts mit den Interessen ökonomischer Verbündeter zu tun hat.

Im Falle Athens ist daran allerdings bemerkenswert, dass sich gegen die ERT-Schließung ein nationaler Proteststurm erhebt. Und das, obwohl deren Programme nicht annähernd die öffentlich-rechtliche (Rest-)Qualität in Deutschland erreichen und erwiesenermaßen verschwenderisch erstellt werden. Sicher, die Streiks und Demos haben auch mit oppositionellem Symbolismus zu tun, aber ebenso mit der Erkenntnis, staatliches Fernsehen erfülle nicht bloß einen Sendauftrag, sondern einen demokratischen. Allerdings keinen dezidiert patriotischen, was die ARD nicht davon abhält, seit Dienstag seine Doktrin von Heimatliebe durchs Nachmittagsprogramm zu blasen. Doch auch da macht das Publikum nicht mit und straft Lust auf Deutschland so konsequent mit Missachtung, dass schon wieder Schluss ist mit dem Friede-Freude-Eierkuchen-Nationalismus zu Kaffee und Kuchen.

Schluss ist ab 2014 übrigens ebenso mit der Mallorca-Version von Wetten, dass…?. Offiziell, weil das ZDF die Konkurrenz der Fußball-WM fürchtet, tatsächlich wohl eher, da es sich und Markus Lanz den erwartbaren Shitstorm vom Juni 2013 ersparen will. Aber es gab auch gute News für die geplagte Showmasterseele: einer Umfrage der kritischen Kulturzeitschrift Auf einen Blick zufolge ist Markus Lanz der schönste Moderator im deutschen Fernsehen. Vor seinen Nachfolgern in spe: Günther Jauch, Kai Pflaume, Jörg Pilawa, einem gewissen Gottschalk, ja selbst Florian Silbereisen. Nicht zur Wahl stand dagegen Rolf Kleine. Der ist indes weder Moderator noch im Fernsehen, sorgt aber künftig dafür, dass ein anderer genau da gut aussieht. Peer Steinbrück nämlich, der die langjährige Dreckschleuder des Drecksblatts Bild in sein Wahlkampfteam berief, jenen Parlamentskorrespondent also, der sich von Kurnaz (http://www.bildblog.de/2033/was-bild-nicht-am-fall-kurnaz-interessiert/) bis Griechen (http://www.bildblog.de/16969/haeme-kleine-wills-wissen/) darauf spezialisiert hat, Hetze in schlechten Journalismus zu verpacken und gleich zu Beginn seiner PR-Tätigkeit für den SPD-Kandidaten mit einem rassistischen Facebook-Eintrag gegen Philipp Rösler auffiel.

So wird das nix mit einem Biopic für den Exkanzler Steinbrück im Jahr 2046. Dafür kommt 2014 nach den abgedrehten für Kohl und Adenauer Peers Ziehvater zu Fernsehehren: Teamworx hat ein Filmporträt Helmut Schmidts angekündigt, was angesichts der gefallenen Emporkömmlinge von Guttenberg über Wulff bis Maizière und Hoeneß den Bedarf nach noch älteren Helden belegt.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 17.-23. Juni

Die neuen kennt schließlich keine Sau mehr, außer sie guckt tageweise Kommerz-TV. Oder kennt irgendwer die Teilnehmer der neuen Freitagsshow Die Pool Champions – Promis unter Wasser bei RTL? Sie heißen Melanie Müller, Konny Reimann, Lina van de Mars, Jan Kralitschka, Antonia aus Tirol, Caroline Noeding, Massimo Sinató, Magdalena Brzeska oder Thomas Drechsel, müssen – was sicher rein zufällig an das Turmspringen von Stefan Raab erinnert – irgendwelche tollen Sachen im Schwimmbecken machen, und wer lückenlos zuordnen kann, welcher dieser Berühmtheiten im Fernsehen auswandert, moderiert, tanzt, turnt, kandidiert, singt, seifenopert oder einfach nur scharf aussieht, kriegt eine Gastrolle in der geplanten freitagsmedien-Soap Gute Seife, schlechte Seife mit Christine Neubauer als intrigante Hornhautraspel und Kai Pflaume als sympathischer Duschvorhang.

Wenn er denn Zeit hat, der Kai. Nächste Woche nämlich muss die Kuppelmutter der Sat1-Nation ja erst mal in die Lachtherapie mit Trägern des Down Syndrom, denen die Mutation Trisomie 21 einst das Stigma „schwierig“ zur Bezeichnung „mongoloid“ verpasste, in Pflaumes Reportagereihe Zeig mir deine Welt ab Mittwoch aber immer gut drauf sind. Pflaumes Versuch, sechs etwas andere Menschen in ihrem recht gewöhnlichen Alltag zu zeigen, ist dabei zwar löblich. Aber zwei, drei Misstöne, ach was: ein einziger hätte der Informationspflicht bei allem Entertainment schon genüge getan. So bleibt das Format wie der dramaturgisch gleich gelagerte ARD-Film So wie du bist um einen verliebten Downie zuvor in seiner heiteren Horizontverengung doch belanglos.

Ganz im Gegensatz zur heutigen ARD-Verfilmung des Tellkamp-Bestsellers Der Turm, eine Wiederholung zwar vom Frühjahr, aber eine sehenswerte. Oder zum fraglos erhellenden und aller Säkularisierung zum Trotz noch immer nötigen Arte-Themenabend 100 Tage Papst tags drauf, was das ZDF am Donnerstag unter 100 Tage Franziskus zu später Stunde (23.15 Uhr) nachholt. Ganz im Gegensatz aber auch zur aberwitzigen Sitcom Wilfred, mit der Pro7 ab heute mal wieder zeigt, dass der Kaugummikanal zwar weniger ernstzunehmen ist als ein FDP-Spitzenkandidat an der Hotelbar, dafür aber ungleich lustiger. Denn die Geschichte um den depressiven Ryan (Elijah Wood), der sich nach versemmeltem Suizidversuch mit einem menschlichen Plüschhund rumplagt, den dummerweise nur er nicht als Tier erkennt, ist wirklich brüllend komische Fernsehunterhaltung. Was man von Schlag den Star (Matze Knop) am Samstag nun wirklich nicht sagen kann. Und ob das Promiduell danach besser wird, daruf könnte der Titel einen Hinweis geben: Clash! Boom! Bang! Schönen Dank, Privatfernsehen!

Ob der auch für Team Walraff: Reporter Undercover gebührt?. Zum Auftakt der Reportagereihe geht es heute (21.15 Uhr) ins Reich der Billiglöhne, und wer Walraff kennt, weiß: Das könnte sogar bei RTL was werden. Und wer den Tatort Konstanz kennt, weiß: Eva Matthes wird ihn auch Sonntag vermasseln. Umso wichtiger wird der TV-Tipp der Woche: Das Satireviertelstündchen Tagesschaum, mit – erstmals seit 15 Jahren Bildschirmabstinenz – Friedrich Küppersbusch, Montag, Dienstag, Donnerstag ab 23.15 Uhr im WDR und auf http://www.youtube.com/user/TagesSchaum auch online.


Tupac 2Pac Shakur, 42

Ein Comic-Leben

Sonntag wäre Tupac Shakur, Künstlerkürzel 2Pac, 42 Jahre alt geworden. Wäre. Hätte der Gangsta-Rapper seine aggressiven Texte nicht auch real gelebt. Ein leich akutalisiertes Porträt, das seinerzeit in der FR erschienen ist, fast 20 Jahre nach 2Pacs Tod und sieben nach einem bemerkensewerten Comic über sein Leben

Von Jan Freitag

Im HipHop, so hört man oft, ist alles Inszenierung: Die Gewalt, das Potenzgehabe, aller Ghetto-Ethos, ja selbst der Tod. „My only fear oft Death is coming back reincarnated“, steht auf dem Arm von Tupac Shakur: Sterben ist soweit okay, sofern er nur endgültig ist. So lautet also auch die Attitüde des Gangsta-Rappers. Und von denen war 2Pac schließlich der größte. Annähernd zwei Jahrzehnte ist es her, dass die muskelbepackte Ikone des delinquenten, brutalen, aufsässigen, dabei jedoch zutiefst lyrischen, anteilnehmenden und empathibegabten Sprechgesangs auf offener Straße erschossen wurde. Wie es dazu kam, das erzählt neben all den Platten, Gedichtsammlungen und Texten vom gefallenen Poeten, den Fotobänden, Biografien, Theorien und Filmen über ihn auch ein Comic. Ausgerechnet, selbstverständlich.

Der Mann mit PR-tauglichem Künstlerkürzeln war ja schon zu Leben dem Jenseits so nahe wie dem Diesseits, getrieben von todesverachtender Ruhmsucht. Sie wurde in jeder Hinsicht befriedigt, sie machte ihn zum Erfolgreichsten seiner Branche, zum millionenschweren Vorzeige-Outcast. Und das war er nicht wegen seiner Musik; die war allenfalls guter Durchschnitt, kaum provozierender jedenfalls als das Werk seiner Kollegen; er war es, weil wohl nie zuvor jemand derart gezielt im Rampenlicht auf seine postmortale Karriere hingearbeitet hat. „Live fast, die young“ – 2Pac hat die alte Parole des späten Rock’n’Roll mit nur 25 Jahren vollendet. Und das nicht bloß, indem er wie ihre Erfinder The Who gelegentlich beim Auftritt das Schlagzeug zerlegt, sondern alles: Menschen, Konventionen, Moral Gesetze, geschriebene wie ungeschriebene, vor allem aber: sich selbst. „Keinen Platz in der zivilisierten Gesellschaft?“, kommentierte er seinerzeit den entsprechenden Vorwurf von George Bushs Vizepräsidenten Dan Quayle, „dann scheiß ich auf die zivilisierte Gesellschaft“. Bis zum Exodus.

Denn 2Pacs Werdegang war ein Mix aus Attitüde und Überzeichnung, aus echter Wut und ihrem marktgerechtem Ausleben, aus Brooklyn, dem Ort seiner Geburt, und Las Vegas, wo er aus einem fahrenden Auto heraus erschossen wurde. So gesehen taugt natürlich kein Medium besser zur Darstellung seines Werdegangs als ein Comic. Zu seinem 42. Geburtstag sei also nochmals an Death Rap erinnert, wie ihn der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf zum 10. Todestag leicht pathetisch betitelt. Mit penibler Strichführung, sehr kontextbewusst und bewusst brutal, wie es die Szene von Southeast-LA bis Aggro-Berlin gern konstruiert. Ein Leben in Bildern, waffenstarrend, blutig, aggressiv. Männergewalt, Frauenerniedrigung, Weißenhass, harte Jungs, böse Cops und der videoerprobte Code vom afroamerikanischen Bling Bling, jener teils grotesken Zurschaustellung von Muskeln, Geld und dicken Autos als Insignien des besiegten Ghettos – Death Rap ist wie ein Glossar aller Klischees aus einem Vierteljahrhundert HipHopHistory. Die Polizisten sind stiernackig, ihre Opfer körperbetont, Frauen bloß Sexobjekte (oder Mutter), geweint wird nie, aufgegeben nur im Kugelhagel.

Doch schon im Vorwort zerlegt der Popkultur-Kritiker Nick Hasted das dichtmaschige Fangnetz aus Absonderung, Fluchtwegsuche und Sackgassen in seine historischen Elemente und fügt sie zur Gegenwartskultur der USA zusammen. Michael Jackson, O.J. Simpson oder ein Mike Tysen seien nun mal die wahren Helden afroamerikanischen Selbstwertgefühls, schreibt Hasted, nicht die wenigen, die dem immerwährenden Abstieg ohne Basketball oder Schnellfeuergewehr in der Hand entkommen sind und schon gar nicht der ehrliche Angestellte mit Häuschen in Suburbia. Aus jeder Liedzeile über Tits’n’Guns’n’Ghettolife, über willige Bitches, phallische Pistolen und beherrschte Häuserblocks, auf HipHop-Covers oft gekennzeichnet durch das verlockende Parental Advisory: Explicit Lyrics, quillt Gesellschaftskritik, die nicht sonderlich an Argumente glaubt. Das mag der europäischen Mittelschicht so übertrieben vorkommen wie die Videos selbst, aber Death Rap zeigt das in einer kontrastierten Farbigkeit, die wohl nur diesem Medium derart plakativ zur Verfügung steht.

Dabei hält sich das Autorentrio von Death Rap nur als Applikation mit Klischees auf. Den groben Rahmen bilden Rassentrennung, Repression, Ausschluss. Zu Tode kommen bei ihnen nicht nur ein prominenter Gangsta-Rapper, sondern auch der Nation of Islam-Führer Malxom X, ein unbeteiligter schwarzer Jugendlicher oder der drogensüchtige Schmusesänger Marvin Gaye. Die Täter – Schwarze, Weiße, Väter, Verschwörer, Unbekannte – werden symbolisiert durch den erzählenden Raben Jim Crow, Synonym für gesetzlich zementierte Rassentrennung made in USA. Doch Flameboy, Barnaby Legg und Jim McCarthy, die für Schwarzkopf auch Kurt Cobains und Eminems Leben nachgezeichnet haben, deuten Segregation ebenso als Geschäftsmodell. Für und wider die (weiße) Kundschaft, für und wider das (weiße) Establishment, für und wider den (schwarzen) Bruderfeind. „Zwischen der 27. und Vermont gibt es keine zivilisierte Gesellschaft“, fügt 2Pac seiner Replik auf den Republikaner Quayle hinzu. Er steht dabei vorm Graffito einer erleuchteten Madonna. „Behaltet eure zivilisierte Gesellschaft bei euch im Haus für weiße Jungs und verpisst euch aus unserem Hood.“

Integration, so lautet die Botschaft drei Jahre vor dem ersten schwarzen Präsidenten, ist gescheitert, die gegenseitige Skepsis zu groß, alle Gräben zu tief. Auch untereinander, vor allem da: Death Rap erzählt primär vom HipHop-Krieg zwischen West- und Ostküste. Schuld an den Fronten ist die bekannte Reaktionskette von ghettoisierter Chancenlosigkeit über Knasterfahrung bis hin zum Mangel an unbescholtenen Vorbildern. Und sie mündet in der Überbetonung schwarzer Popkultur. „Wer nichts hat“, schreibt Jennifer McLunie in ihrem brillanten Essay HipHop Betrays Black Woman, „hat ja immer noch seinen Körper“. Und der wird gestählt, befriedigt, geplündert, präsentiert, beschossen, tätowiert, bis jeder Inhalt dahinter verschwimmt.

Auch 2Pac war so gesehen vor allem Projektionsfläche, seine Haut bedruckt wie eine Litfasssäule, eine Hülle ganz im Sinne des Public Enemy-Sängers Chuck D, Rap sei das CNN der Schwarzen. Auf Tupacs Sixpack prangt folglich Thug Life, übersetzbar mit Gangsterleben und Akronym für The Hate U Give Little Infants, Fuck Everybody. Darüber die Black Unity-Parole 50 Niggaz, mit Schnellfeuergewehr, versteht sich. Und neben Dutzenden anderer Tätowierungen der Panterkopf am Oberarm als Referenz an seine Mutter, der Black Panther-Aktivistin Afeni Shakur, die ihn erst intellektuell stählte, dann politisch und später mit in den Cracksumpf zog. Bereits auf dem Cover von Death Rap steht die Fleischbeschau im Mittelpunkt: Ein Leib mit ausgestrecktem Mittelfinger und Knarre in der tief sitzenden Hose, im Rücken Gefängnisgitter. Es ist eine selbstreferenzielle Show aus Macht und Muskeln, aus denen 2Pac Seite für Seite mehr blutet, bis der Leib drum herum in einem finalen Drive-by-Shooting stirbt. Ein Schicksal, das das Genre seit den Tagen der ersten authentischen Gangster-Rapper von NWA bis Run DMC kommerziell befeuert, seit das weiße Establishment, so geht die passende Verschwörungstheorie, zu Beginn der Neunzigerjahre Drogen in die schwarzen Viertel geschleust hat.

So werden sie alle zu Opfern: 2Pacs Rivale Notorious B.I.G., Jam Master J von Run DMC, Ol’Dirty Bastard aus dem berüchtigten Wu Tang Clan oder drei Fünftel der Crossover-Rapper Bodycount – abgeknallt, verelendet, ausgebrannt, aber weiter höchst erfolgreich. „Indem sie sich früh verabschieden“, schreibt Penny Stallings in ihrer Prominenzbetrachtung Flesh and Fantasy, „ersparen uns die Stars die Peinlichkeit, mit ansehen zu müssen, wie sie in Vergessenheit geraten“. Der Rock’n’Roll-Tod des Clubs der 27-Jährigen deutet die Kulturwissenschaftlerin so geradezu als Gefallen am Publikum. Zumindest macht er ein bisschen unsterblicher. Vom toten 2Pac wurden doppelt so viele Platten herausgebracht wie vom lebenden, digital aufbereitet verkaufen sie sich bis heute prächtig. Der postmortale Kult um ihren Sohn nahm solche Ausmaße an, dass seine Mutter die Verwertungskette mit allen Mitteln zu stoppen versucht. Auch, weil zunehmend Zweifel an deren Echtheit aufkommen. Das Online-Magazin zyn.de hält die Wahrscheinlichkeit, Tupac Shakur habe derart große Teile seines Lebenswerkes nicht veröffentlicht, für ähnlich groß, wie „auf dem Mond intelligentes Leben zu finden“.

Ebenso undenkbar ist, dass eine der unzähligen Biografien über 2Pac besser an seine Existenz heranreichen könnte als Death Rap. Das Dasein des Ghetto-Elvis, wie ihn der Kulturwissenschaftler Michael Dyson nennt, war eben ein echtes Comic-Leben.

2Pac Shakur – Death Rap. Sein Leben als Comic – Schwarzkopf & Schwarzkopf, 96 Seiten, 19,90 Euro


Martin Wuttke, Theater-Wolf auf Tatort-Jagd

Der stille Berserker

Seit fünf Jahren ermittelt Martin Wuttke am Tatort Leipzig. Sonntag folgt mit Die Wahrheit stirbt zuletzt bereits sein 17. Fall an der Seite von Simone Thomalla. Dabei fühlt sich der 51-jährige Theaterschauspieler im Fernsehen eigentlich alles andere als wohl und ist auch im Kino ein unbeschriebenes Blatt. Begegnung mit einem Bühnenberserker auf Filmabwegen

Von Jan Freitag

Es gleicht einem Bild wie aus dem Kriegswinter: Den Kragen hochgeschlagen, streift Martin Wuttke durchs Foyer. Die Hand am Hals wie ein Schal, die andere über der Brust wie zum Schutz zurrt er den aschgrauen Mantel zusammen, als herrschen Minusgrade im Hamburger Edelrestaurant. Hager, fahrig, das dünne Haar streng nach hinten gekämmt – wer den Schauspieler bei der Präsentation seiner Rolle im neuen Leipziger Tatort sieht, kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Martin Wuttke ist der ideale Ermittler. Wie ein einsamer Wolf stromert er allerdings nicht nur hier, in einem Hamburger Nobelrestaurant  mit Elbblick, durch die Menschenreihen und meidet scheinbar jeden Kontakt, stets auf irgendeiner imaginären Suche nach irgendwas. Nein, genauso kennt man den Theatervirtuosen aus seinen wenigen Filmrollen, so spielt er Joseph Goebbels in Margarethe von Trottas Rosenstraße, so gibt er den Stasi-Offizier Erwin Hull in Volker Schlöndorffs Die Stille nach dem Schuss, so verkörpert er auch seinen Andreas Keppler, den introvertierten Sonderling neben der quirlig-strahlenden Simone Thomalla, das Ermittlerduo im Leipziger Tatort, mittlerweile fünf Jahre nach dem spröden Sachsenduo Kain und Ehrlicher.

„Ich weiß, dass ich manchmal sehr beobachtend wirke“, erklärt er frühmorgens im Hotel, dasselbe düstere Äußere wie tags zuvor unter Leuten. Auch introvertiert, bedächtig, abwesend wirke er gelegentlich. „Aber meistens langweile ich mich einfach nur, eigentlich bin ich sehr gesellig.“ Jetzt lächelt er, das passiert ihm selten, im Film wie im Leben. Ob er mal so richtig aus sich raus komme, den Panzer der Stille verlasse? Er zündet sich die x-te Zigarette an: „Wenn ich erwache, kann ich richtig aufblühen.“ Und auf der Bühne, da sei er sogar „das krasse Gegenteil“. Die Bühne, Martin Wuttkes Feuchtbiotop oder besser: sein Gehege. Denn wenn einer die Symbiose von Theatralik und Alltagsverhalten vollzogen hat, dann der Gelsenkirchener Mime mit dem gefurchten Gesicht, dem die berühmten Bretter nur dann die Welt bedeuten, wenn er auf ihnen steht. „Ich gehe ungern ins Theater“, sagt da allen Ernstes Anfangsfünfziger, der seit 1995 Brechts Arturo Ui spielt, viele Hundert Mal bereits. Der nach seiner Ausbildung in Bochum an den renommiertesten Sprechbühnen tätig war und nach Heiner Müllers Tod kurzzeitig die Intendanz des Berliner Ensembles innehatte, der zweimal zum Schauspieler des Jahres gekürt noch immer so viel im Kleinen spielt, dass er unerkannt durch die Hauptstadt laufen kann.

Damit dürfte jetzt Schluss sein. Der Tatort ist eine Popularisierungsmaschine. Wenn man dann noch die beiden zweitdienstältesten Kommissare ersetzt, wird eine Hypothek daraus. Auch deshalb will er die Rolle ein wenig mit sich selbst auffüllen, wie er es nennt. Sein Arbeiten verlaufe ja ähnlich pedantisch, bisweilen eigenbrötlerisch wie das seines künftigen Alter Ego. Und so wenig man über den zweifachen Vater Wuttke weiß, so wenig solle man auch über den geschiedenen Kommissar Keppler wissen. „Krimis werden hierzulande immer mehr zu Gesellschaftsromanen.“ Nächste Zigarette. „Das will ich ein wenig zurückbauen.“ In Richtung Marlowe, Cottan, Detektive ohne Mütter, Hobbys, Biografien.

Das klingt fast nach Rebellion in einem Genre, das dem Privatleben der Protagonisten den gleichen Platz einräumt wie ihren Fällen. Doch Aufruhr ist Martin Wuttke eher fremd. Die Schule mit 16 verlassen zu haben, lag eher daran, dass der Halbwaise mit hart arbeitendem Vater dort erfolglos einen Familienersatz gesucht hatte. Und das Theater könne nichts mehr bewegen, ihr fehle das übergeordnete Projekt, das Sendungsbewusstsein der Achtziger, das Subversive der Vorjahrzehnte. Bleibt das Fernsehen. Ein „Super-Medium“, wie es der TV-Neuling Wuttke nennt, „weil es Inhalte so breit vermittelt“. Und nun also sein Medium, solange es Instrumente zur Verfügung stellt, „die ich für mich nutzen kann“, statt ihn selbst zu instrumentalisieren. „Noch benutze ich den Tatort“, sagt er. Das Gegenteil würde ihn nervös machen, aber keinen Revolutionsimpuls auslösen. Höchstens Fluchtinstinkte.

Oder akribisches Hineinarbeiten. Noch so eine Parallele zu Andreas Keppler, der den Ort des Mordes schon mal räumen lässt, um dort mit ihm und sich allein zu sein, nicht auf der Suche nach Beweisen, sondern Atmosphären, einer Art Aura, nach Ruhe, die er auch abends beim Rotwein in der Pension findet. „Ich schätze die unverbindliche Freundlichkeit anonymer Hotels“, sagt Keppler durch Wuttke hindurch, „keiner ist recht daran interessiert, was einer macht“. Diese Vertrautheit der Fremde nomadisierender Schauspieler überträgt er auf auch seine neue Figur. „Man wird in gewisser Weise asozial“, er schweigt lange, „aber das kann ich durchaus genießen“. Eigentlich müsste man ihn einen Kauz nennen. Bleiben wir bei Eigenbrötler: Auf der Bühne genial, im Fernsehen ungewöhnlich. Aber bei Martin Wuttke dreht sich so was schnell mal um.

Der Text ist in ähnlicher Form in der FAZ erschienen: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tatort-novize-martin-wuttke-er-schlaegt-den-kragen-hoch-1542215.html