Reise: Thailand/Isaan
Posted: July 20, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentEile und Weile
Thailand ist ein Land der Widersprüche. Und nirgends werden sie schöner deutlich als in der unerschlossenen Region Isaan im Nordosten, der bettelarmen, touristisch erfrischend unerschlossenen Kornkammer am Mekong.
Von Jan Freitag
Wenn Tao von Comicstars redet, klingt es selten freundlich. „Das ist doch Micky Maus“, sagt er dann mit abfälliger Geste und zeigt auf Thailands spätindustrielle Substanz: Beton. Für sie hat Tao zumeist nur Spott übrig und er spottet oft auf dieser langen Fahrt, den Mekong hinauf durch den Isaan, die gemächliche, grünschattierte, bezaubernde, urwüchsige, bettelarme Kornkammer des Landes, oben im Nordosten. Eigentlich gibt es daran wenig zu bemängeln, gäbe es da nicht die religiösen Touristenattraktionen. An ihnen lässt Tao oft kein gutes Haar.
Nicht dass er gotteslästerlich wäre oder Atheist gar, nein. Der massige Reiseleiter mit dem faustgroßen Buddha-Amulett vor der Brust ist ein zutiefst frommer Mensch, wie seine Landsleute insgesamt. Aber diese Tempelanlage in Ufernähe ist selbst für die duldsame Frohnatur zu viel. „Wie in Disneyland“, mäkelt er an den goldglänzenden Rekonstruktion des historischen Wat Phra That Phanom, das immerhin einen Brustbeinknochen des Religionsstifters beherbergen soll, herum. So wie er zuvor schon über die großstädtischen Urlaubergruppen mit ihren krächzenden Plastikmegafonen in der geheiligten Ruinenanlage Phi Mai lästerte oder über jene Klöster im staatsreligiösen Land, die sich als Herbergen hergeben – für Tagesgäste. Thailands Umgang mit Kulturdenkmälern ist in der Tat leicht pragmatisch, doch dieser Tempel an der Grenze zu Laos, der Legende nach kurz auf Buddhas Tod errichtet und spirituell höchst bedeutsam, ist seit seiner Restaurierung ein wahres Kitschinferno. Dabei hätte der Isaan solche Mätzchen gar nicht nötig.
Es ist eine der schönsten Gegenden Südasiens, touristisch noch unerschlossen, ganz anders als der Schmelztiegel Bangkok oder die endlosen Sandstrände im Süden. Gelegen auf der Khorat-Hochebene zeigt sich der sommers staubtrockene Isaan zur Regenzeit als ein Naturreservat von beeindruckender Vielfalt. Eine prall gefüllte Schatzkiste der längst vergangenen Khmerkultur zudem und ein Beleg dafür, mit welchem Tempo sich der Agrarstaat auf dem Weg in die Zukunft bewegt. Er ist feiner asphaltiert als manch deutsche Bundesstraße und wären da nicht die monsungetränkten Felder ringsum, die gemütlich kreuzenden Wasserbüffel, die sakralen Bauten – man könnte sich glatt auf einer wähnen. Das hat auch mit Tao zu tun. Im pfälzischen Restakzent eines vierjährigen Auslandsstudiums erklärt der gelernte Elektrotechniker seine alte, neue Welt und verkörpert sie gleichermaßen wie kaum ein zweiter, diese sonderbare Mischung aus Eile und Weile, Aufbruch und Tradition, aus westlichem Effizienzdenken und buddhistischer Kontemplation, aus überladenen Horden rasender Zweitakter und Betelnusskauenden Lebenskünstlern am Straßenrand.
Alles liegt dicht beieinander. Hat man die ewige Rushhour Bangkoks auch nur fünf Minuten hinter sich gelassen und fährt auf der Schnellstraße Richtung Nordosten, die amerikanische GIs 1968 zur Truppenversorgung in den Tropenwald schlugen, spürt man sofort den Ruhepuls des Landes. Nur einmal noch, in der grauen Millionenstadt Korat, dem Tor zum Isaan, wallt die Unruhe kurz auf, dann herrscht eine dunstige, arbeitsame, schwüle Gelassenheit, die nur dort unterbrochen wird, wo viele Menschen auf einem Fleck herumwuseln. Meistens sind es nur wenige. Viele, zu viele sind es in der Tempelruine Phanom Rung nahe Kambodscha, dem Auftakt der Rundfahrt. Mit ihren drachengesäumten Freitreppen gleicht sie dem berühmten Angkor Wat jenseits der Grenze und wird erst langsam zum globalen Fotomotiv. Hier merken Europäer noch, was es heißt, abgelegene Gegenden zu bereisen. Als Langnase wird man zwischen den restaurierten Mauern unversehens selbst zur Sehenswürdigkeit unter der quirligen Schar Einheimischer, die dem Heiligtum ihre Pflichtbesuche abstatten wie Moslems der Kaaba. Und mittendrin im knipsenden, plappernden Gewusel eine Schar Gläubiger, die dem Gott Wishnu im stillen Gebet Blattgold zwischen die Stierhörner reiben, als seien sie allein mit sich und der Statue. Zwei Geschwindigkeiten, auch hier, im Kleinen.
Sie begleiten den Mekong bis zur Quelle. Mal kriecht er braun und träge zum Golf, mal reißt die Strömung alles mit sich, so energisch, dass die Flüchtlinge aus dem kommunistischen Laos kaum eine Chance haben in ihren maroden Holzbooten. Es ist an Dekadenz kaum zu überbieten, den Grenzpatrouillen aus dem Edelhotel mit Pool dabei zuzusehen, wie sie das Wasser mit Scheinwerfern absuchen. Auch das ist Teil des Widerspruchgewirrs am Mekong, der Mutter aller Flüsse, wie ihn die Thai nennen. Doch noch ist übertriebener Luxus im Isaan eher Ausnahme als Regel. Wer die Tropen sucht und dafür weder Diktatur noch Turbokapitalismus ertragen möchte, wer Komfort jenseits von Backpackerrustikalität und Fünfsterneluxus will, ohne sich dabei mit devoten Dienstboten oder xenophoben Muffelköpfen zu umgeben, der wird im Isaan bestens versorgt. Die Menschen wirken aller Entbehrung zum Trotz so zufrieden, wie es westliches Anspruchsdenken nie zuließe und läge nicht das bettelarme Laos in Sichtweite, man wäre mit sich auf gediegener Fernreise völlig im Reinen.
In Chong Mek scheint es fast, als räche sich Laos beim aufstrebenden Nachbarn für diese Diskrepanz mit einem Grenzübergang, der an Hässlichkeit nicht zu überbieten ist. Vor dem gezackten Steinungetüm in Veilchenlila zeigt sich das ländliche Thailand, wenn es sich sammelt. Ein Brodem aus totem Vieh, dampfenden Garküchen, Schweiß und Gewürzen durchzieht den verwirrenden Markt des Ortes. „Taste, is good“, ruft die runzlige Verkäuferin im lindgrünen Pumaimitat und zeigt auf einen Sack Chilis. Sekunden später lacht ein Dutzend Stände; der ein oder andere mag schon probiert haben und hinterher Feuer gespuckt. Diese Fröhlichkeit, die dem Fremden selbst im abgelegensten Dorf entgegenströmt, ist sprichwörtlich für die Menschen des Isaan. So wie ihr stolzes Hilfsbedürfnis oder jene ausgeglichene Lässigkeit, mit der ein 86-jähriger Mönch von Khong Chiam den Besichtigungswünschen weit gereister Gäste in seinem unaufgeräumten Tempel nachkommt, tief im Osten, wo der Mun River den Mekong trifft. Viele Thai sind kontaktfreudig, wissbegierig, improvisationsfähig wie Samay, ein greiser Mekongkapitän, der mit seiner geschweißten Symbiose aus verschrotteter Tupolew und marodem Fischerboot Händler zur laotischen Hauptstadt schippert und unablässig redet und lacht und bohrt. Und sie sind fernsehsüchtig, gesellig, spielwütig wie Tao, der jede Info zum Quiz adelt. „Wer ist Reinkarnation Wishnus?“, fragt er auf der Fahrt zum Grenzort Nong Khai im Westen. Tao hebt stolz die Nase: „Der König!“. Galerist ist der 39-Jährige schon gewesen, Akademiker und Gastronom, ein urbaner Typ mit Bildung, Polohemd, Digicam, aber auf Gott und König, da lässt er nichts kommen. Das ist hier gute Sitte und Bürgerpflicht.
Das Reich erinnert an eine geografische Frau im Spiegel. Bhumipol, der weltweit dienstälteste Monarch, prangt samt Familie an Gangways, Kreuzungen und Brücken, in Fluren, Schlafzimmern und Büros, stets in Regenbogenfarben, überlebensgroß. Und dazwischen die lokale Spielart des Gartenzwergs: bonbonfarbene Miniaturtempel vor jeder Haustür. Wie gesagt: Thailand ist Kitschland, nur hat der Kitsch hier Tradition, seit die Khmer den Isaan vor 900 Jahren mit Tempeln pflasterten, deren Erhalt nun mit Goldfarbe, Beton und Nippeshandel betrieben wird. Der Rückweg gen Süden treibt ihn nochmals zu unfassbarer Blüte: im Skulpturenpark von Wat Khaek unweit der imposanten Bergwelt rings um Loei, wo man die Götter vor 30 Jahren zu Dutzenden in turmhohe Betonskulpturen gegossen hat. Darunter verblasst selbst die absurdeste Eigenart thailändischer Gastlichkeit: Crazy Busses, quietschbunt besprühte Doppeldecker, in denen Karaoke gesungen wird wie überall im Land. Bei schalem Bier, die Boxen nach draußen gerichtet, am Mittwochmorgen. Ein paar Kilometer zuvor, wo sich die Hochebene vom Mekong trennt, fragte ein Bauer, ob die deutschen Besucher Japaner seien. Im Isaan, so scheint es, wäre selbst Micky Maus einfach nur ein Fremder.
Anreise
LTU fliegt sechsmal die Woche nonstop ab Düsseldorf sowie dreimal ab Berlin und München nach Bangkok. Der Preis in der Economy-Class beträgt ab 249 Euro pro Flug inklusive aller Gebühren. Von Bangkok in den Isaan reist man individuell günstig per Mietwagen. Der Berliner Reiseveranstalter Geoplan Touristik GmbH organisiert zudem Rundreisen in den Nordosten.
Info: www.geoplan-reisen.de; www.thailandtourismus.de
Oliver Pocher: Sichtbares Moderations-Nichts
Posted: July 18, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
In der Messlattenfalle
Sind das etwa Pubertätspickel? Foto: http://www.promiflash.de
Oliver Pochers Humor an dem begabter Komiker zu messen ist ähnlich unfair, wie Wolkenkratzer mit Wellblechhütten zu vergleichen. Besser, man misst ihn an seinen eigenen Ansprüchen, die er in Deppenformaten von Pro7 ebenso klar unterlaufen darf wie an der Seite von Harald Schmidt, als Talkgast bei Günther Jauch, Sidekick der Sportschau oder morgen (19. Juli, 20.15 Uhr) als Moderator von Der große SAT.1-Führerschein-Test 2013. Ein unvollständiges Protokoll des Scheiterns.
Von Jan Freitag
Wer wissen will, wie Fernseh-Comedy funktioniert und scheitert zugleich, muss sich nur eine unlängst vergangene Fußball-EM ins Gedächtnis rufen. Nach Live-Spielen der ARD versuchte Oliver Pocher, den Turnierverlauf humoristisch zu begleiten und es misslang ihm so herzlich, dass man darüber eigentlich schweigen sollte. Den Krawallkomödianten zu verreißen, hat bis auf Bild und Pro7 schließlich jeder längst getan, nicht selten im Tonfall abendländischer Untergangsphantasien: Oli, der Totengräber deutscher Hochkultur, Oli, der Beleg ethischer Verwahrlosung des Privatfernsehens, Oli, die Bankrotterklärung öffentlich-rechtlichen Relevanzbestrebens. Es ist en vogue, auf den kleinen Niedersachsen mit der großen Klappe rumzuhacken.
Wenn der unflätige Exsidekick Harald Schmidts also heute mal wieder irgendwas Sinnloses mit Promis moderieren darf, sollte man ihn also weniger an objektiven Ansprüchen messen als den eigenen: Konventionen sprengen, ohne sich zu schonen; auf den Putz hauen, ohne Schamgefühle zu entwickeln; schlagfertig sein, ohne zu zögern; juvenil eben, nicht infantil. Keine kabarettistischen Tugenden zwar, aber Indizes eines Humors, der Mario Barth Olympiastadien füllen hilft und ein paar Gleichgesinnte immerhin die Bankkonten. Nur: Barth findet tatsächlich witzig, wer latent frauenfeindlich tickt. Bully Herbig, wer auf Tuntenparodien steht. Den Maddin, wem Grimassenhumor liegt. Selbst Gaby Köster amüsiert jene, die Mundart als Selbstzweck sehen. Und Oli? Der ist laut.
Zumindest, solange man ihn unbehelligt lässt. Wem seine Beißbereitschaft, die gandenlose Hemmungslosigkeit bis zur vollständigen Selbstentblößung fehlen, kann ihm kein Paroli bieten, nicht vor laufender Kamera. Ansonsten sieht Pocher blass aus. Man kann es ein Dilemma nennen, wenn jemand die Messlatte hochlegt und dann ständig reißt. Aber er steckt in einer Menge Dilemmata. In Fallen, die er sich selbst stellt. Hier ist eine Auswahl:
Die Dreistigkeitsfalle
Wird jemand obszöner als er, verstummt Oliver Pocher. Als Lady Bitch Ray ihn mit vaginalen Sudelwortattacken zur Late-Night attackiert, schweigt der Frechdachs seine Unterlegenheit in Sachen Krawallhumor einfach aus und errötet wie ein Schulbub. Besser ist Pocher, wenn er einer Journalistin auf einer Pressekonferenz den USB-Stick aus dem Computer zieht und eine burschikose PR-Dame öffentlich auslacht. Aber wehe dem, der seine Arbeit kritisiert – ihm kommt der Oli gleich klassistisch: Wer sein Gegröle nicht mag, ist ein elitärer Spaßverächter. Austeilen ist seine große Stärke, Einstecken weniger.
Die Schlagfertigkeitsfalle
Charlotte Roche sagt ebenfalls in der ARD, mit ihrem Buch Feuchtgebiete habe sie „Muschis für Pocher und Hämmorhoiden für Schmidt“ liefern wollen. Die Retourkutsche überlässt Oli einem Harald in schlagfertiger Hochform („den Titel wollten wir für die Sendung, aber da saßen Marianne und Michael schon drauf“); Oli selbst, der Stand-up-Praktikant, wie ihn die taz nennt, stammelt nur zustimmend.
Die Konfrontationsfalle
Als Mark Medlock ihm bei einer Preis-Verleihung auf Viva im Frühling zubrüllt, er sei nicht sein Geschmack, „aber hör in Zukunft auf mit deinen Scheißschwulenwitzen“, tut Oli beharrlich, als hätte er ihn akustisch nicht verstanden, um sodann eine homophobe Zote zu reißen. Niederlage nach Punkten gegen einen Kurzzeitpromi, der eigentlich auf gleicher Wellenlänge funkt („zum Abspritze geil“). Wenn Mangel an menschlicher Größe auf Selbstüberschätzung trifft…
Die Vorbildfalle
Oliver Pocher spielt sein Vorbild Otto Waalkes bei dessen Geburtstagsgala auf RTL nach und schafft es, der Sketch-Kopie nicht eine persönliche Note hinzuzufügen. Bei anderen hieße das vielleicht Respekt, bei ihm nur Tiefenschärfedefizit.
Die Persiflagefalle
Im deutschen Nationalteam kann Oli ausschließlich Kevin Kuranyi persiflieren, weil der Bartträger ist und lispelt. Jürgen Knopp kann er auch – indem er beim Torjubel wild herumhüpft. Versucht er sich an konturärmeren Charakteren wie Jogi Löw, sagt selbst sein Intimus Harald Schmidt, das sei erbärmlich und beweist durch beharrlich entsetztes Dreinblicken, dass er sich Pocher nur in die Show geholt hat, um bei untergehender Sonne der Kultur einen längeren Schatten zu werfen.
Die Zielgruppenfalle
In seinem EM-Schunkellied Bringt ihn heim fällt ihm nichts Besseres als Zeilen ein wie „Bitte lieber Fußballgott/lass uns heute nicht im Stiiich/denn wir wollen den Pokal/alles andere wollen wir niiicht“. Da beweist ein Xavier Naidoo mehr Esprit im Umgang mit dem plebejischen Thema. Immerhin reicht es für Platz 8 der Pöbelcharts und satte Tantiemen.
Die Kontinuitätsfalle
In der Bayern-WG, bei EM-Pocher und zwischendurch gar in der Sportschau erhält er die Chance, eine Art komödiantischer Kontinuität zu entwickeln. Ergebnis: Oli simuliert den Franzosen Ribéry mit bulgarischem Akzent, läuft gegen Laternen, brüllt verschreckte Kind mundtot und ruft unablässig Ohhh. Oder er erklärt als eine Art Lukas Podolski den Kölner Geißbock für schwul. Der Rest ist – Rumgrölen.
Die Relevanzfalle
Als Oliver Pocher kürzlich die erstaunliche Ehre zuteil wurde, sich in der Talkshow Günther Jauch zum Fall Uli Hoeneß zu äußern, wozu ihn mangels Fußballsachverstand einzig die Moderation stupider Privatfernsehcastings für Amateurkicker qualifizierte, offenbarte er seine Inkompetenz mit entwaffnend schlichten Antworten wie „Da kann ich, wie gesagt, nicht viel zu sagen, aber ich würde sagen…“ – worauf er dann doch lieber nichts sagte. Nichts jedenfalls von Belang für die spannende Debatte.
Soviel zur Bestandsaufnahme. Der gut verdienende Komödiant Oliver Pocher ist ein selbsterklärter Christ und ausgebildeter Versicherungskaufmann von 35 Jahren aus Hannover, ein sympathischer Kerl mit etwas jungen, aber oft hübschen Freundinnen, ein eloquenter Entertainer für Bravo-Shows, also durchaus geeignet für eine Beamtenlaufbahn im Comedybiz. Jetzt warten wir nur noch auf die erste echte Pointe, auf einen Witz, auf Esprit, Charme oder wenigstens gute Unterhaltung. Es lohnt sich, der Oli hat Talent. Und er ist ja noch jung.
Reportage: Schanzenwasserturmhotel
Posted: July 12, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentZu Gast bei Feinden
Genau sechs Jahre ist es her, dass im denkmalgeschützten Wasserturm am Rande des Hamburger Schanzenviertels ein Luxushotel eröffnet hat. Einer der ersten Gäste war ausgerechnet freitagsmedien-Reporter Jan Freitag, der zuvor gegen den Bau demonstriert hatte. Heute ist der Widerstand längst verebbt, nicht aber jene Gentrifizierung, die viele Projektgegner auch dank des H2Otels im Krisenjahr 2007 befürchtet hatten.
Von Jan Freitag
Die lassen mich gar nicht erst rein. Als ich vor der Tiefgarage warte, kriecht leiser Verfolgungswahn in mich hinein. Schließlich stand ich ganz in der Nähe gepanzerten Polizeireihen gegenüber, als das schönste Industriedenkmal Hamburgs zum umstrittensten Hotelprojekt der Republik wuchs: Dem Mövenpick im Schanzenpark. Sie sollten es schützen, Tag für Tag, vor mir und anderen Demonstranten. Das war Anfang 2005, beim Baubeginn.
Und nun sitze ich im billigen Kleinwagen vor der fertigen Nobelherberge und zögere, als mich eine Frauenstimme durchs Mikrofon hereinflötet. Ich glaube, erkannt zu werden. Überall. Zwischen parkenden BMW-Limousinen, im kahlen Treppenhaus, auf dem Weg zur Rezeption, beim Feind. Welch ein Unsinn, aber im linksalternativen Schanzenviertel herrscht diffuses Misstrauen, seit die Investoren vor zehn Jahren zugaben, was jeder ahnte: Der Wasserturm, in Teilen 140 Jahre alt, im Ganzen seit 1961 ungenutzt, erhält kein Mischkonzept aus Arbeit und Gemeinnutz wie vereinbart, sondern vier Sterne. Und das inmitten der letzten größeren Grünanlage vor Ort.
Sie wirkt ferner denn je, als ich ein langes Förderband vom Souterrain zur Empfangshalle empor gleite. Ich bin drin, in der „Höhle des Möven“, wie Gegner spotten. Es tropft aus verborgenen Boxen, die akustische Untermalung dessen, was denkmalschützerisches Minimum und atmosphärisch stimmig ist. Unter pyramidenförmigen Lichtschächten dominieren Wasserkunst und Wellenformen aus der Ursuppe des Turms, Fotos all seiner Epochen, Reservate früherer Bausubstanz. Ein Schiffshorn dröhnt – maritimes Flair sells, gerade an der Waterkant.
Auch wenn die Erkenntnis schmerzt: das Hotel ist von kühner Schönheit. Kreuzgangartig führt das Klinkergemäuer zu den Liften. Sein meterdickes Betonfundament wurde nur durchbrochen, nicht beseitigt, nicht überall. Der Stil ist schlicht, Typ Design-Hotel, die höchste Kategorie Kunst am Gasthofbau. Vielleicht wäre elitär treffender. Nebenan steht das Wort für Strukturwandel, sozialen Kahlschlag und Vertreibung.
Dagegen geht ein „Netzwerk zum Erhalt des Schanzenparks“ vor, zusammen mit Anwohnern, Sympathisanten, Autonomen, mit Leuten wie mir, friedfertigen und gewalttätigen. Der Turm ist das Ziel. Abseits der Demos gab es 15 Anschläge, mit Steinen, Farbe, Bolzenschneider. Der Staatsschutz ermittelte gegen eine „kriminelle Vereinigung“, erfolglos. Kein Wunder, dass der erste Gast einzog, als sich der Protest vor Jahresfrist einem anderen Luxushotel widmete: in Heiligendamm. Die Eröffnungsparty fiel trotzdem aus.
Kathrin Wirth-Ueberschär lächelt, das ist ihr Job. „Soft Openings“ statt grandioser Premierenpartys seien durchaus üblich, sagt die Hotelsprecherin. Im blumigen Kostüm verkauft sie die Investition von rund 50 Million Euro als Gewinn für alle und alle seien eingeladen, den 60-Meter-Koloss zu betreten. Natürlich nicht die 17 Wohnetagen, hinauf zur Turmsuite. Es sei denn, man hat 990 Euro übrig. Und eine Chipkarte, ohne die der Fahrstuhl gar nicht erst startet. Aber das Restaurant, die Lobby, eine Bar seien öffentlich. „Wir wollen gute Nachbarn sein.“ Ärger schreckt Kunden ab wie der Bauzaun zur ebenerdigen Hotelterrasse.
Mittlerweile ist er weg und wir glauben mal, dass ich auch im Kapuzenpulli mit rotschwarzem Stern rein gekommen wäre, nicht termingerecht im gediegenen Zweiteiler. Anzugträger sind es jedenfalls nicht, die polizeiliche Platzverweise erhalten, viele Hundert bereits, noch immer. Frau Wirth-Ueberschär lächelt: „Da müssen Sie das Bezirksamt fragen.“ Und der Investor zahle ja eine Million an soziale Initiativen, eine Art finanzielle Ausgleichspflanzung für die Privatnutzung öffentlichen Raums, den sogar Gerichte beanstanden. Selbst im Viertel gibt es Rückhalt fürs Projekt, und tragfähige Alternativen fallen auch mir nicht ein, nur Zuschussgeschäfte, doch davon hält der wirtschaftsliberale Senat [damals: Schwarz-Schill] herzlich wenig.
Soziale Teilnutzung, wie mit jenem Architekten vereinbart, der den städtischen Besitz 1990 für eine Mark kaufte? Wohnraum? Leerstand, vulgo: Verfall? Ein Luxushotel mag ja ethisch bedenklich sein, betriebswirtschaftlich war es das nie, zumal Büros für Broker oder Werber kaum besser gepasst hätten. Ein idyllischerer Standort für Sternehäuser ist dagegen zwischen City, Szene, Messe undenkbar. Durch mein Gaubenfenster im 14. Stock kann ich ihn überblicken.
Von oben sind die Sorgen da unten kleiner und die Polizei unsichtbar. Wo sie unablässig patrouilliert, habe ich oft gelegen. Dort spielte das Viertel Frisbee, ein Freiluftkino Filme, das Leben im Freien. Jetzt scheinen Grillfeste am Fuße eines Hotels mit beheizten Geländern und Lifestylemagazinen auf 226 Zimmern, die Gucci-Gartenschaufelsets für 700 Euro anbieten, nicht nur mir utopisch. Die Betreiber vermarkten das Nebeneinander indes als PR-Gag wie den Park, ihren Garten. Das Alleinstellungsmerkmal liegt nicht im Service, der Sauna oder gediegenen Möbeln, es steckt in den drei A: Ambiente, Ausblick, Aggression. Die Gegner sagen: der Nutzung; die Nutzer sagen: ihrer Gegner.
Als mich tief in der Nacht ein Lautsprecher auffordert, das Hotel sofort zu verlassen, denke ich an sie. Ein Anschlag? „Es gibt ja viele, die das Hotel hier nicht wollen“, murmelt ein Evakuierter im Park und sieht zum Gebüsch. Auch ich erwarte irgendwie, dass gleich einer raus hüpft und mich beschimpft. Schlimmer: erkennt. Als Gast eines Hotels, das ich ästhetisch zwar durchaus zu schätzen weiß, strukturell aber ablehne.
So bin ich doch froh, bald wieder ins Bett zu dürfen. Es war bloß Feueralarm, ein falscher dazu. Gar nichts los also. Die noble Eleganz meines Zimmers wirkt nach der Rückkehr allerdings noch schizophrener als zuvor. Beim Duschen mit Blick über Hamburg denke ich an Wasserwerfer, die uns fixiert haben, damals, im Januar. „Das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“, steht in die Glastür zum Fitnessstudio graviert, „ist die Erinnerung“. Kunst kann so wahr sein.
Sex on the TV: Erotik im Fernsehen
Posted: July 11, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt 2 Comments
Längst jugendfrei
Vor 20 Jahren knackte das Privatfernsehen mit Sexsendungen und Softpornos noch allerlei Konventionen. Heute gibt es statt genuiner Erotikformate Beischlaf im Vorabendprogramm, moralische Grenzen überschreiten eher die Sommermädchen auf Pro7. Und wenn ZDFneo heute Heiße Nächte ankündigt, werden die eher witzig als hitzig, nicht zuletzt dank der famosen US-Serie Girls.
Von Jan Freitag
Wenn es um Sex geht, ist die Schwelle der Erregung variabel. Als Sünderin Hildegard Knef 1951 im Kino ihre Brüste entblößte, kochte das Bürgertum noch vor sittlichem Eifer. Als 16 Jahre später der ARD-Report auch nachrichtlich erstmals blank zog, blieben Proteste bereits auf Bayerns Bibelgürtel beschränkt. Als Ingrid Steeger 1973 barbusig Klimbim machte, empörte sich grad noch der Klerus. Und als RTL Mitte der 80er seinen Trieben freien Lauf ließ, blieb die Kritik endgültig ästhetischer Natur.
Kein Wunder, dass ein Themenschwerpunkt wie Heiße Nächte da keinen mehr echt erregt. Warum auch? Das Schlüpfrige an der Reportage-, Doku- und Filmreihe bei ZDFneo erschöpft sich schließlich schon zum Auftakt „Heiß und Fettig!“ darin, dass Moderator Thilo Mischke bei seinem mehrteiligen Streifzug durch die Welt des Beischlafs ständig „Ficken“ sagen darf. Komödien wie Amy’s Orgasmus“ zeigen sodann vom eigenen Titel wenig. Und die famose Serie Girls mag vom Lotterleben New Yorker Praktikantinnen handeln – kopuliert wird eher andeutungsweise als offen.
Und das ist ja schon mal bemerkenswert. Einerseits nämlich haben einst als „Tittenkanäle“ verschriene Sender wie RTL mit Tutti Frutti und Lederhosenzoten vor gut zwei Jahrzehnten den Weg für explizite Bettszenen am öffentlich-rechtlichen Vorabend geebnet. Andererseits scheint der Bedarf danach im Internetzeitalter wieder zu sinken. Magazine wie M und Sexy Follies filmten sich Ende der 80er noch von Pornoset zu Swingerclub, offen sichtbare Paarakrobatik wurde zum Standard selbst harmloser Filme, während nachts Perspektiven jugendgefährdender Streifen liefen, die mit Zweitkameras zur TV-Verwertung gedreht wurden. Porno light eben. Doch diese Zeiten sind passé.
RTL mag weiter als irgendwie dumpf gelten – Anzügliches läuft dort kaum. Die letzte Beanstandung liegt 20 Jahre zurück, Erika Berger ist 73 und Dailytalks über Windelfetischisten, für die Sat1 einst Bußgelder kassierte, sind mangels Quote Geschichte. Da Pornographie laut einem BGH-Urteil von 1969 die Funktion ihrer Darsteller reißerisch und kontextfrei zu austauschbaren Lustobjekten reduziert, erregen folglich andere Sendungen Anstoß: turbosexistische Zuchtstationen wie Sommermädchen etwa oder Germany’s Next Topmodel.
Nachdem das Fernsehen den Sog des Aktes also erst angedeutet, dann ausgebeutet und bald zu Tode gesendet hat, ist dies die jüngste Stufe körperlicher Bereitstellung: Formate vom gediegenen ZDF-Kopfkino Erotic Tales bis hin zur Sexshoptour Wa(h)re Liebe auf Vox waren im Kern Akte der Emanzipation, die beide Geschlechter gleichermaßen zu Sexobjekten gemacht haben; Pro7 dagegen mag die Fleischbeschau seiner bulimischen Stöckelschuhherden als Teil weiblicher Unabhängigkeit verkaufen – in Wahrheit liefert Gestütsleiterin Heidi Klum nur eine fernsehgerechte Form der Prostitution.
Aus Sicht des Vereins „Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen“ (FSF), 1994 im Zuge der Kritik an Sex und Gewalt im Privatfunk gegründet, ist das jedoch eher eine Geschmacksfrage, also weniger zu beanstanden als allzu unverblümter Sex. Der seine Sogwirkung aus Sicht von Volker Herres ohnehin eingebüßt hat. „Kopulationsakrobatik mit Hintergrundstöhnen im Fernsehen“, so der ARD-Programmchef, „hat einen Ermüdungseffekt“. Entscheidend für wahre Erotik sei die Inszenierung, etwa bei ästhetischen Reihen wie den Sommernachtsphantasien im ZDF oder der US-Serie Californication (RTL2). Hier wird Beischlaf in allen Facetten praktiziert, ohne ihn wirklich zu zeigen.
Und genau das ist es auch, was Heiße Nächte auf ZDFneo sehenswert macht. Denn zu sehen ist, was der Kopf draus macht, nicht was hineingepresst wird. Die Art und Weise zum Beispiel, wie Hauptdarstellerin Lena Dunham ihren angenehm unmodellierten Leib in der global gefeierten HBO-Serie Girls einsetzt, ist durch die Mixtur aus vulgär und dezent begehrenswerter als Heidis „Mädels“ je sein werden. Dafür muss man gar nicht allzu viel davon sehen.
Sex am Bildschirm, sagt schließlich selbst der alte Aufklärungspapst Oswald Kolle, sei doch mittlerweile „total out.“ Und es mag „in vielen Serien harte Sexszenen“ geben, wie die Medienforscherin Joan Bleicher weiß; als „Aufmerksamkeitsfaktor“ sei Erotik ins Internet abgewandert. Wer braucht dort folglich Softpornos, wenn in Christine Neubauers Schmonzetten eifrig geschnakselt wird; und wer braucht RTL, wenn youporn Hardcore ohne Schranken liefert. Bei den meisten Sendern bemängelt die Kommission für Jugend- und Medienschutz allenfalls noch den Teletext. Im Programm dagegen suchen die Privaten laut Joan Bleicher neue Tabus. Als Beispiel nennt sie Scripted Reality wie Eltern auf Probe. Wer so anstößiges Fernsehen hat, braucht sich über Sex darin nicht aufzuregen.


