Bastian Pastewka, Hamburg 2012

Ich spiele am liebsten Durchschnitt

Wenn Normalität brüllend komisch wird und aus dem Nichts Comedy, dann ist hierzulande meist Bastian Pastewka am Werk. Der Bochumer hat es in geschafft, sich vom Brsikos Schneider der Wochenshow zu emanzipieren und eine eigene Marke zu schaffen. In Serien wie Pastewka (derzeit freitags ab 23 Uhr, Sat.1) oder Filmen wie Mutter muss weg spielt er immer auch ein bisschen sich selbst und tut damit im anschwellenden Wahnsinn ringsum das, was er am besten kann: aus Alltagshandeln Humor gewinnen. Ein Gespräch über die Basis guter Witze und das Potenzial der Normalität, über Eitelkeit, Würde und seine allererste Sexszene.

freitagsmedien: Herr Pastewka, ernsthaft – hatten Sie im Fernsehfilm Mutter muss weg kürzlich allen Ernstes eine Sexszene?

Bastian Pastewka: Sogar meine erste.

Und wie war’s?

Toll!

Weil es Spaß gemacht hat oder weil man Ihnen das noch zutraut?

Ich bin 40 und daher im Grunde nur noch Sexobjekt. Das ist ja bekannt! Aber viel intensiver als die Kuschel-Szene war ja unsere gemeinsame Tanzszene.

Sie können offenbar sogar Tango.

Überrascht Sie das? Ich hab zwar als Teenager die Tanzschule oft geschwänzt, weil ich damals zu unbeweglich war. Aber für die Szene hat’s gereicht. Außerdem haben Rosalie und ich viel geübt.

Hatten Sie keine Angst, bei der Fast-Bett-Szene oder dem Tanz gängigen Schönheitsidealen solcher Einstellungen zu widersprechen?

Ach, es bringt ja nichts, sich schöner machen zu wollen, als man ist. Deshalb nehme ich mir auch immer wieder vor, weniger Sport zu machen, um mehr Zeit zum Essen zu haben. Mich stört im Grunde bereits, morgens am Filmset gleich stundenlang geschminkt zu werden. Diese Fummelei im Gesicht kann ich kaum ertragen. Bei Wolfgang & Anneliese

Ihrer Volksmusikpersiflage mit Anke Engelke.

… bleibt das natürlich nicht aus. Aber in einer Real-Life-Geschichte wie bei Mutter muss weg…

Der mit der Bettzene.

… bin ich dogmatisch: Verschönern oder gar doubeln ist nicht notwendig. Und es macht mir auch keine Angst, wenn Zuschauer sich fragen, wie der mit dieser Wampe und den Runzeln am Hintern eine Sexszene drehen kann. So sehen Menschen halt aus.

Versucht man Sie da vielleicht sogar eher unansehnlicher zu machen, um dem Bild der Normalität, das Sie etwa in Pastewka verkörpern, besser zu entsprechen?

Vielleicht. Denn ein Supermodel kriegt man bei mir mit der besten Maske nicht hin, einen hässlichen Dicken ohne Probleme. Frauen gehen auch ganz gut, weil ich so lange Beine habe. Für meinen Bastian in Pastewka sitze ich zehn Minuten in der Maske. Schneller geht nicht. Ich spiele am liebsten Durchschnitt. Ich liefere mich der Kamera bedingungslos aus.

Ist das ein Mangel an Eitelkeit oder ein Überfluss an Professionalität?

Es ist ein Höchstmaß an Eitelkeit und ein Mindestmaß an Professionalität. Ich verrate Ihnen mein Mantra: „Liebe Regie, liebe Ausstattung, liebe Autoren: Sprecht mit mir! Komplizierte Szenen lösen wir gemeinsam! Ich bin zu allem bereit, wenn es dem Großen Ganzen dient!“ Ich will vorab wissen, was für ein Film es wird, denn am Set selber will ich arbeiten, nicht diskutieren. Außerdem möchte ich es gern nett haben bei der Arbeit; auch wenn ich den anstrengenden Stinkstiefel Pastewka spiele.

Viele glauben, Sie spielen nicht nur da eigentlich sich selbst.

Da ist was dran. Wie jeder Komödiant überzeichne ich das wahre Leben, aber alle Emotionen, die ich spiele, haben irgendwie mit mir zu tun. Auch bei Mutter muss weg, wenngleich sich die Situation, einen Killer auf nahe Verwandte anzusetzen, bei mir nicht aus dem wahren Leben schöpfen ließe. Trotzdem steckt darin viel Humor.

Der entsteht bei Ihnen oft eher aus Leerstellen und Pausen, weniger aus Knalleffekten und aufgerissenen Augen. Wie gewinnt man aus dem Normalen Pointen?

Wenn eine Film-Komödie 90 Minuten lang ist, sollte man günstigstenfalls normal beginnen und dann unauffällig ins grotesk Komische übergehen. Man kann das Publikum mit Normalität anlocken. Wenn man es jedoch gleich zu Beginn an überdrehten Quatsch gewöhnt, ist das Pulver schnell verschossen. Ich hab überhaupt nichts gegen anständige Albernheit; auch mein Publikum freut sich über ein paar zünftige Zoten, was ich erleben durfte, als wir Pastewka im Kino gezeigt haben. Viel wahnsinniger macht mich, wenn Filmemacher sich ständig in ihrem Werk dafür entschuldigen, eine Komödie gedreht zu haben.

Klingt ziemlich deutsch.

Stimmt. Daher mein Appell: Steht zu eurem Genre! Traut euch Humor! Pfeift mal auf Bedeutung, auf Anspruch, History! Komödie ist ganz simpel, wenn man mal einmal den Schalter umgelegt hat.

Ist das auch ein Plädoyer, mehr Komik im Drama zuzulassen.

Unbedingt! Und mehr Klamauk in der Komik. Wichtig ist, dass die Rechnung am Ende aufgeht, dass es stimmig ist. Komik entsteht aus Schmerz, Verlangen, dem Wunsch, zu erreichen, was womöglich misslingt. Deshalb muss jede Komik einen gewissen Ernst enthalten. Ein Muttersöhnchen an sich ist nicht komisch; es muss dagegen angehen. Das Wesentliche ist, diesem Scheitern inmitten des Wahnsinns zuzusehen.

Aber selbst im Wahnsinn sind Sie ein ruhender Pol, der ohne Lärm zum Lachen bringt.

Oh, danke. Ich kenne aber auch kein allemeingültiges Rezept. Humor funktioniert bei mir wie ein guter Soundtrack: Ich mag Pausen. Das Komische liegt im Langsamen. Jeder fragende Blick ist bei mir meist lustiger als ein zappeliges „Was?“. Ich durchforste das jeweilige Drehbuch zunächst nach diesen kleinen Momenten.

Das klingt nun wiederum nach harter Arbeit.

Selbstverständlich. Nichts, was ein fiktionaler Film zeigt, ist spontan entstanden. Es gibt keine Zufälle im Film, höchstens mal originelle Ergänzungen.

Drehbücher sind Gesetzeswerke?

Ich finde ja.

Da darf nichts mehr rein?

Als ich mich bei Pastewka mal unabsichtlich bekleckerte, haben wir das drin gelassen, weil es gepasst hat. Aber wenn so was zur Methode wird, geht es daneben. Unserem Vorbild Curb your Enthusiasm von Larry David wird gern unterstellt, es sei improvisiert. Nix da! Alles gewollt, alles verabredet. Wir machen ja keine Impro-Comedy, wo die Bühne spontan mit dem Publikum interagiert. Das ist die Königsdisziplin. Ach, wie gern würde ich die beherrschen… Wenn das Bonner Improvisationstheater Springmaus aus einem Zuruf Fünfminutensketche macht, weine ich vor Glück. Mir selbst zitterten dagegen schon die Knie, als Sat1 bei mir für die Schillerstraße angefragt hat. Ich wusste genau, bei da würde ich spektakulär scheitern.

Wo bleibt da Ihr Ehrgeiz, neue Fallhöhen auszuloten?

Ich besitze keinen! Ich lese meine Drehbücher und plane, plane, plane. Am Filmset weiche ich zwar gern mal von meinen Vorstellungen ab, kann aber nur vorbereitet in den Tag gehen. Es gibt viele Kollegen, die sagen. „Ich lese nicht das Drehbuch, das Drehbuch liest mich“; ich will das so nicht!

Wie vernünftig…

Tja. Vielleicht liegt es daran, dass ich nie eine Schauspielschule besucht habe. Ich befürchte immer noch, dass irgendwann jemand mit einem Aktenkoffer in der Hand bei mir klingelt und sagt: „Herr Pastewka, hier haben Sie es schriftlich: Sie können das gar nicht richtig, was Sie da tun.“ Richtig gute Schauspieler sind meist gute Komiker; umgekehrt ist das selten. Weil Komödianten eher auf den unmittelbaren Effekt aus sind – das Lachen. Danach suchen sie auch im Schauspiel instinktiv, kriegen es aber nicht, kämpfen dann umso mehr darum und scheitern noch fulminanter. Mir ist das im 1. Teil vom Wixxer so gegangen. Da wollte ich zu viel.

Gibt es einen Unterschied zwischen gewollt komisch und komisch?

Wenn das Gewollte gut ist, nicht. Mir gefällt das versteckt Komische allerdings besser. Wenn ich mich hier in der Hotellobby umsehe, ist es womöglich viel witziger, wenn jemand sich mit merkwürdiger strenger Geste die Haare aus dem Gesicht streicht, als wenn er voll gegen den Türpfosten knallt. Kleinigkeiten interessieren mich, Alltägliches, das Unbeobachtete. Auch, was die Reaktion betrifft. Wenn es etwa irgendwo im Restaurant laut scheppert, dreht sich in schlechter Comedy alles um; in der Realität ist das Gegenteil der Fall; da ist so ein Knall bedrohlich und lässt den Blick sinken. Darin liegt vielleicht sogar die stärkste Komik der Comedy.

Haben Sie eigentlich Probleme mit dem schlechten Image dieses Begriffs?

Ich kann ja nichts gegen ihn tun. Wer auf der Straße fragt, ob jemand Comedy mag, kriegt fast immer ein Nein, gern versehen mit dem Zusatz, in Deutschland gäbe es ohnehin keine Humorkultur blablabla. Diese Leute gucken dann abends „Sketche mit Herbert und Schnipsi“ oder strömen in Comedy-Shows und das sind nicht nur Prolls, die billige Zoten wollen. Dem Publikum zu unterstellen, es hätte keinen oder gar schlechten Humor, ist vermessen.

Aber man kann ihm unterstellen, es reagiert auf billige Fließbandpointen, die ohne Aufwand zum Lachen bringen.

Ich glaube, dass kein Publikum der Welt langfristig auf billige Pointen hereinfällt. Aber es ist einfacher, sich über populäre Comedy-Stars aufzureiben als, sagen wir: über Zoodokumentationen. Eisbär, Affe und Co. oder wie diese Dinger am Nachmittag heißen, sind das Deprimierendste überhaupt. Man sieht traurige Tiere in winzigen Käfigen, denen von noch ärmeren Pflegern mit Shampoo-Allergie das Fell geschoren wird. Das ist schlimmer als jede schwache Comedy, schlimmer sogar als Scripted Reality. Darüber regt sich aber niemand auf, weil die Strahlkraft fehlt, weil es keine Lobby gibt, die mit einstimmt ins Lamento, wie beim Verfall der Humorkultur. Es sind ja nur Tiere…

Das Abendprogramm zieht halt mehr Aufmerksamkeit auf sich.

Und da finde ich bedenkenswert, dass es nicht zu wenig guten Humor gibt, sondern zu wenig Humor insgesamt. Zwischen Tausenden von Krimis und dem Rest aus Show, News und Pilcher-Schmalz gibt es nur ein paar kleine erzählerische Inseln namens Dittsche, Stromberg und Tatortreiniger. Das war’s. Wir haben keinen zu schlechten Humor für’s deutsche Fernsehen, sondern zu schlechtes deutsches Fernsehen für guten Humor.

Liegt das am deutschen Hang, auf alles einzuhacken, was erfolgreich ist?

Unbedingt. Ich rufe allen zu: „Macht es besser! Schreibt Komödien! Schreibt auch albernen Unsinn, aber eben erhobenen Hauptes. Trivial, nicht banal! Bringt uns zum Lachen! Vielen Dank!“

Aber wenn es doch zusehends banal wird, muss man doch auch das anspruchslose Publikum kritisieren dürfen.

Aber die 75.000 Live-Zuschauer bei Mario Barth lachen doch gar nicht unbedingt über jede einzelne Handtaschenpointe, sondern im Chor. Es geht um Wiedererkennung, um ein Stück Vertrautheit. Und um Respekt vor jemandem, der das, was er da vor einer Riesenmenge tut, wirklich beherrscht. Mario Barth ist in seinem Fach ein Könner. Er ist in der Lage, nichts dem Zufall zu überlassen, er stellt sich dem Publikum absolut zur Verfügung. Das ist nicht immer feinsinnig, aber keinesfalls schlecht.

Das Niveau sinkt, wenn einparkende Frauen zum Wesen des Witzes werden.

Nicht automatisch, wenn man aus dem Phänomen einen guten Scherz ableitet. Zugegeben, mich interessiert dieses Thema auch nicht. Aber ist das ein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen und das Publikum zu geißeln? Gehen Sie mal nach England, nach Amerika – da hat Comedy denselben Stellenwert wie Reality, Show und Drama. Bei der Verleihung der Emmy’s in L.A. bekommt jede Rubrik eine ganze Stunde Sendezeit. Beim Deutschen Fernsehpreis findet man seit einigen Jahren nicht mal mehr drei gute heimische Comdeyserien für eine mögliche Nominierung. Die Kategorie „Comedy“ wurde daher abgeschafft.

Nicht zuletzt, weil die guten Stoffe fehlen.

Oder der Mut, ernste Stoffe mit Humor und Homoristen zu versetzen.

Und wenn sich das ändert, sehen wir Sie auch mal in ernsten Stoffen.

Ich hoffe doch. Ich hab mir viel Mühe gegeben, mein Image so zu schärfen, um in Untergang II einen Nazi zu spielen. Aber im Ernst: Ich muss nicht mit meinem Image brechen, um es mir und anderen zu beweisen. Sonst scheitere ich, und zwar zu Recht. Mein Anspruch ist es, Komödie so viel Ernsthaftigkeit zu lassen, dass das Komödiantische erkennbar bleibt. Ich mag diese kleinen Oszillationen zwischen Spaß und Ernst in Mutter muss weg, aber danach freue ich mich auch wieder auf Durchschnitt bis zum Äußersten.

Gibt es dabei eine Form der Selbstentblößung, die Sie nicht bieten würden, etwa eine Sexszene, die übers Anbahnen hinausgeht?

Nö. Schon gar nicht körperlich. Es gibt ja weit entblößendere Dinge, als sich auszuziehen.

Zum Beispiel?

Wenn ich mich verspiele. Wenn ich laute Töne anschlage, wo leise gebraucht werden. Das ist im Ernstfall viel nachteiliger für mich als Person, als halbnackt im Gegenlicht gefilmt zu werden. Vor solchen Fehlern werde ich vielleicht nie gefeit sein. Bitte schreiben Sie: „Pastewka weiß doch auch nichts!“

Interview: Jan Freitag

Slomo-Panik

fragezeichen_1_Wenn sich Menschen fiktional verfolgen, einigen sich Verfolger und Verfolgte nach rasanter Annäherung auf ein filmbares Einheitstempo. Mit Vorliebe in Schrittgeschwindigkeit. Merkwürdig

Das Wort Verfolgung hat auch bei langsamer Aussprache etwas ungeheuer Dynamisches. Und klemmt man dann noch das zusatzbeschleunigte „Jagd“ als Suffix hintendran, tritt es das Gaspedal erst so richtig durch. Wer verfolgt wird, tut folglich gut daran, stets einen gehörigen Sicherheitsabstand zwischen sich und dem Verfolger zu lassen, drückt also gehörig auf die Tube. Obwohl – muss eigentlich gar nicht sein. Denn die meisten Verfolger fahren eigentlich ziemlich gemächlich hinterm Objekt der Begierde her. Zumindest, sobald sie den Abstand von mehreren Kilometern in wenigen Sekunden auf Kirschkernspuckweite eingedampft haben. Merkwürdig.

Hat aber natürlich Gründe, zunächst mal einen rein visuellen. Denn Verfolgungsjagden ohne direkten Blickkontakt lassen sich filmisch schwer dramatisieren, weshalb Opfer plus Täter zugleich ins Bild müssen. Sobald sie es aber sind, also sehr bald, darf der Thrill fürs Publikum natürlich nicht so schnell vorbei sein; schließlich bestehen Filme, in denen Verfolgungsjagden prominent vorkommen, gemeinhin hauptsächlich aus, genau: Verfolgungsjagden. Deshalb werden die endlos auf Kleisterlänge gedehnt, egal ob motorisiert, zu Pferd, Fahrrad oder Fuß. Das bringt Zeit und Action und mündet manchmal in der Absurdität, Verfolgungsjagden in Schrittgeschwindigkeit zu vollführen. Ist aber auch egal, am Ende explodiert ohnehin der Böse.


Blaublutdurst und Hilfsgesuche

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 3.-9. Juni

Dass der Kapitalismus böse ist, dass er nicht nur entfesselt für allerlei Ungerechtigkeit sorgt, dass er also bestenfalls als Pest-Ersatz Cholera taugt, dürfte allen ohne Eigentümlich frei-Abo oder FDP-Parteibuch längst klar sein. Trotzdem ist es auch für Realitätsbewusste ein Schock, wie nach Moritz Bleibtreu weitere Kollegen mit Niveau dem Lockruf des Geldes ins Tal der Würdelosen folgen: Alexandra Maria Lara, Jürgen Vogel, Oliver Korittke – schauspielerisch einst Respektspersonen, jetzt nur noch selbstdarstellerische Raffzähne, die für ein wenig Kohle mehr ihren Ruf an McDonalds verhökern. Wie Markus Lanz die seine ans Kommerzpublikum. Wenn der Moraltalker kommerzielle Knallchargen von Stefan Raab über die Geissens bis Jürgen Drews zu zu Wetten, dass…? nach Mallorca lädt, zeigt sich, dass alle Moralattitüden am Ende doch nur Fassade zur Marktwertsteigerung sind. Immerhin hagelte es dafür mit die 7 Millionen Zuschauern die geringste Reichweite der Sendungsgeschichte.

Dann doch lieber die offen unmoralischen Lockruffolger. Wie Kai Diekmann, der seit einer Woche zurück aus dem Silcon Valley ist. Oder wie der schwarz gewendete Ex-Rotfunk WDR, der vorige Woche die Satire-Sendung Kebekus! zensiert hat. Das enthaltene HipHop-Video der Komikerin mit Vornamen Carolin, das in drastischen Bildern den Klerus aufs Korn nimmt, verletze religiöse Gefühle, hieß es aus Köln, wo man den Clip herausschnitt, weshalb Kebekus vom Einschalten auf Einsfestival abriet. Das ist zwar konsequent, aber kontraproduktiv. Insgesamt zählt der Spartenkanal ja selbst in zensierter Form zum Besseren am Bildschirm. Womit wir wie üblich an dieser Stelle bei RTL wären, das die Fortsetzung von Immer auf die Kleinen powered by Oliver Pocher, dem Entertainer mit der größten Diskrepanz zwischen Willsogern und Bringtesnicht seit Kaiser Nero, noch nicht mal mit Quoten rechtfertigen konnte, sondern allein mit dem Willen, das Nichts endgültig zum Senderauftrag zu machen.

Wobei ihm das ZDF mit diesem Nichts in nichts nachsteht. Dort wurde der Durst nach Blaublut Samstag durch die Hochzeit der schwedischen Thronfolgerinnenschwester mit einem windigen Investmentbanker gestillt. Live. Stundenlang. Und abschließend ist nicht geklärt, ob das Zweite wirklich weniger Kameras nach Stockholm geschickt hat als das Erste bis gestern in deutsche Flutgebiete. Dabei zeigte die ARD bis gestern wirklich jeden Tag nach der Tagesschau einen Brennpunkt und ritt damit ziemlich mutig auf des Messers Schneide zwischen Chronistenpflicht und Übersättigung. Immerhin brachten die Sondersendungen täglich Rekordquoten, die sogar RTL-Aktuell verzeichnete, was beweist: Sachthemen sind gar nicht so massenunwirksam. Vielleicht rufen sich die Verantwortlichen das mal kurz in Erinnerung, wenn sie das nächste Reportageformat für eine Schnulze Richtung Mitternacht verschieben.

Am interessantesten an der Bilderflut von der Wasserflut war jedoch ein Randaspekt: Taglang war auf Fotos und Filmen ertrinkender Städte ein Smart mit pinkem Dach zu sehen, als wäre es das einzig abgesoffene Auto zwischen Inn und Elbe gewesen. Das erinnert an die Bebilderung des zweiten großen Newsthemas der Vorwoche: Zur steuerlichen Gleichstellung Homosexueller. Die wurde ausschließlich mit schwulen Paaren illustriert, als seien lesbische nur ein schmückendes Accessoire heterosexueller Pornos.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 10.-16. Juni

Zumindest gelten Frauen welcher Geschlechterpräferenz auch immer nach wie vor bloß als schmückendes Accessoire heterosexuellen Fernsehens. Da lohnt es, der Frage nachzugehen, warum Tagesschau-Sprecherinnen ihre grundsätzlich langen Haare grundsätzlich über die linke Schulter hängen. Nie rechts, nie beidseitig. Aber keine Sorge: freitagsmedien prüfen, ob neben Judith Rakers und Linda Zervatis auch Susanne Daubner Linksträgerin ist. Zu prüfen wäre auch, ob die ARD das heutige Finale seines Zweiteilers Die Donau aus gegebenem Anlass inhaltlich ändert oder wenigstens dessen Untertitel Lebensader Europas dem Pegelständen anpasst. Keiner Prüfung bedarf es indes, ob Privatsender irgendwann aufhören, vermeintlich gewöhnlichen Menschen durch angeblich sachkundige, besser noch prominente Expertinnen das Leben zu erleichtern. Also schickt Sat1 diesen Mittwosch nach acht erst eine gewisse Julia Leischik auf die Suche nach verschwundenen Angehörigen, dann Silke Kayadelen nach dem perfekten Diätplan und schließlich das Urgestein Barbara Eligmann nach fiesen Vermietern.

Es wird halt gern gesucht im Kommerzfernsehen. Von Oliver Geissen etwa. Seit exakt zehn Jahren sucht der bumsfidele Hamburger Moderator jedes Formats, dessen letzte Hirnzelle doch schon bei zwei auf den Bäumen war, nach Hits jeder Art. Dass auch die 118. Ausgabe der Ultimativen Chart Show, die zum Geburtstag am Freitag nach der erfolgreichsten Single der deutschen Chartgeschichte sucht, als letzte Musiksendung abseits von Schunkelshow und Casting im hiesigen Vollprogramm gilt, hat jedoch nichts mit Musikalität bei RTL zu tun. Eher mit dem Ende anderer Formate und Sender: Alle abgewandert ins Pay-TV, verkommen zum Kuppelkanal oder einfach: mausetot. Mit freundlicher Unterstützung des Internets.

Derlei Sterbehilfe findet in einem Schwerpunkt zum gleichen Thema keine Erwähnung, was den Dienstagabend auf Arte indes kaum uninteressanter macht, dafür umso relevanter. Eine Kombination, die der Sender auch tags zuvor kultiviert. Um 22.40 Uhr läuft Schuld sind immer die anderen, das Regiedebüt von Lars-Gunnar Lotz, in dem ein Gewalttäter seine Reststrafe bei einem früheren Gewaltopfer verbringt, was es erst nach einer Weile bemerkt. Ziemlich psychodramatisch, ziemlich bedrückend, ziemlich gut. Wie die ARD-Reportage Sex – Made in Germany, in der Deutschland um kurz vor elf als unregulierte Metropole des globalen Prostitutiontourismus porträtiert wird.

Nach so viel harter (Spät-)Kost kann man sich ab Donnerstag die tiefgangsgestresste Seele ruhig mal mit etwas Oberflächlichem massieren: Der Arte-Zwölfteiler Odysseus. Nicht intellektuell, aber auch kein RTL2, wo Historienserien vergleichbarer Titel sonst gern laufen. Und dann ist ja auch schon fast Wochenende und Tom Buhrow wechselt vom Chefposten der Tagesthemen auf den des WDR. Bis dahin sollte also geklärt sein, wer ihm Montag ins Hamburger Studio folgt. Das Orakel sagt: Nachtjournal-Gesicht Ingo Zamperoni. Weil der sympathische Deutsch-Italiener für seine Halbzeitbitte im vorigen EM-Halbfinale, „möge der Bessere gewinnen“, einen nationalistischen Shitstorm erntete, wäre ihm der Posten auch zu gönnen, um die Tagesthemen wieder zu dem zu machen, was es mal war: Ein Straßenfeger.

Das war seinerzeit nämlich auch der Tipp der Woche: Das Halstuch, ein schwarzweißer Krimi-Klassiker. 3sat zeigt am Sonntagabend alle drei Teile, die 1962 ein ganzes Land zu Ermittlern gemacht hatte – bis der Kabarettist Wolfgang Neuß den Täter vorm Finale per Zeitungsannonce verriet und zum meistgehassten Deutschen hinter Marx, aber weit vor Hitler wurde. Als Fernsehen noch das Land bewegte…


Reisereportage: Seenlandschaft Lausitz

Lausitz-Ilse2Wasser aufs Teufelswerk

Einst war die Lausitz die Braunkohlegrube der DDR, seit sechs Jahren flutet man den alten Tagbau zur größten künstlichen Seenlandschaft Europas. 2018 soll das waghalsige Mammutprojekt vollgelaufen sein. Zur Halbzeit eine Reportage vom Anfang.

Von Jan Freitag

Als die Lausitz ihre Zukunft feierte, kamen die Indianer. Rainer Müller lacht über seine kleine Metapher. Der PR-Mann lacht überhaupt sehr viel, es klingt stets hoffnungsfroh. Lachend zeigt er auch zur Steilküste von Großräschen, dem Sitz seines Arbeitgebers, der Internationalen Bauausstellung (IBA) im Herzen der Lausitz. Wie die Ureinwohner Amerikas in alten Western hätten sich die Ureinwohner Brandenburgs am Abhang der Braunkohlegrube Meuro im März aufgereiht, zu ihren Füßen ein karstiges Gebiet, das an die Filmkulisse einer Mondlandung erinnert. Es roch also nach Hollywood, als Brandenburgs Umweltminister jenen Hahn aufdrehte, der das frühere Tagbaugebiet in ein Badeparadies verwandeln soll. Ansonsten lag ein Duft aus Brauerei und Brackwasser über dem gigantischen Loch in der Erde. Doch auch wenn nirgends auch nur ein Strauch wächst, sind die blühenden Landschaften hier, an der Grenze zu Sachsen, keine ganz so hohle Phrase: die Lausitz ist bald nasser, als es ihre sorbische Übersetzung hergibt. Die „sumpfigen Wiesen“, sie werden geflutet.

Wo im Frühjahr die Sektkorken knallten, liegt 2018 der Grund des Ilse-Sees. Der Anleger ragt bereits 50 Meter ins Nichts und wo die Indianer standen, tauchen künftig Badegäste ein. Millionenfach, ginge es nach der Lausitzer- und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) und ihrem Vermarkter, kurz IBA. Noch ist es nur eine größere Pfütze, doch mit dem Ilse-See wurde der Schlussakt zur Schöpfung der größten künstlichen Gewässerlandschaft Europas eingeläutet: dem „Lausitzer Seenland“. Die Müritz fände locker darin Platz. Auf hochwertigen Radwegen kann man die entstehende Seenplatte auf Hunderten Kilometern abradeln, ohne je bergauf zu müssen. Vorbei an Naturreservaten, Industriedenkmälern und 30 Gewässern, vernetzt durch 13 schiffbare Kanäle. Vorbei aber auch an den Monumenten des Scheiterns: Lausitzring, Cargolifterhalle, Resultate geplatzter Städtesanierung. Keine Frage – das Hauptrevier des DDR-Tagebaus zwischen Cottbus und Dresden sucht seine Bestimmung und sie lautet meist Tourismus. Andere Branchen sind nicht in Sicht, das einzige Kapital ist die Landschaft. Dennoch fällt der Wandel vom Arbeitsplatz zum Urlaubsort schwer. Deshalb sorgt Rainer Müller nicht nur für Fördermittel oder Eintracht der beteiligten Länder, sondern auch für die Überzeugungsarbeit vor Ort. Viele der zigtausend Exkumpel und ihre Familien, „verspüren an jedem fehlenden Industriedenkmal einen Phantomschmerz“, wie er es ausdrückt. „Die Industrie um uns stirbt schneller als die in uns.“

Es gilt somit, einen Spagat zu üben. Und das gerade dort, wo sich 150 Jahre lang außer den Baggern wenig bewegt hat. Kein Wunder, dass die Lausitzer am Barren der Veränderung ungelenkig wirken. Es bedarf der Vorturner, wagemutiger Unternehmer wie Karin Mietke. „Am anderen Ufer“, die Gastronomin weist mit ausgestrecktem Arm zum Horizont, „planen wir 50 schwimmende Häuser“. Noch wird der Partwitzer See geflutet, aus der Schwarzen Elster, ungefähr dort, wo die Braunkohle vor 30 Jahren das Elternhaus ihres Mannes verschlang wie 500 andere Orte der Region. Doch schon 2009, wenn er seinen Höchststand erreicht, soll der Bau ihrer Feriensiedlung zu Wasser beginnen. Noch ist dort nichts als Sand, Gestein und braunes Wasser. Doch Karin Mietkes Blick reicht weiter. „Das ist unser Masterplan.“ Die Mittvierzigerin, wie ihr Mann selbst im volkseigenen Erdaushub tätig, steht auf den Planken ihres Erfolgs. Sachte schaukelt das erste schwimmende Hotel im Frühlingswind. Der gediegene Containerbau, wirkt etwas verwegen für die ländliche Gegend. Äußerlich kubistisches Holzdesign, im Innern schlichte Effizienz für vier Personen, der Blick von der Terrasse auf den Sonnenuntergang ist märchenhaft. Als Dank für dieses Schmuckstück privater Initiative gab es von der IBA den Titel „Referenzobjekt“. Es soll Nachahmer anlocken und natürlich Gäste. Aus Sachsen, aus Berlin, am Besten aus dem ganzen Land.

Das Wasser unterm doppelstöckigen Appartement ist zwar noch sauer, aber nicht giftig. Eisen aus der Grube färbt den langen Holzsteg braun, Fische gibt es keine und das Baden wird eher geduldet als erlaubt. Doch die Besucher stört das kaum. Das Gästebuch ist voll des Lobes, eine Berlinerin schwärmt vom Heiratsantrag, den Sie an Bord bejahte. Die ersten waren mehrfach da. 500.000 Euro hat Karin Mietke allein in den bebauten Ponton gesteckt, erwirtschaftet aus dem Reiterhof ihres Mannes in Sichtweite. Verglichen mit all den künftigen Investitionen sind das Peanuts. Es geht voran im touristischen Aufbruchsgebiet. Offiziell heißt es „Bergbaufolgelandschaft“ und seine Veredelung zur Seenwelt samt Aufforstung „Melioration“. Für die Verantwortlichen scheint alles nur eine Frage der Zeit. Scheitern? Ausgeschlossen! Dafür stecken zu viel Geld, Zeit und Risiken im Mammutprojekt. Yachthäfen sind geplant, Sportevents, Freizeitparks sowieso und die ganze Bandbreite schwimmender Gasthäuser. In Großräschen entsteht ein Luxushotel und die IBA-Terrassen, ein mondänes Infozentrum mit Restaurant, sind architekturpreisgekrönt. Doch bis von dort aus planschende Kinder zu sehen sind, muss der Charme zerfurchter Erde reichen; noch gibt es stattdessen geführte „Touren zum Mars“. Die Zeit bis zum Anbaden ist lang und Legislaturperioden kurz. Es geht um viel Prestige und stolze Etats. Von neun Milliarden Euro ist die Rede.

Die Bundesländer sind Partner, aber auch Konkurrenten. Mit unterschiedlichen Messlatten zudem. Karin Mietke musste im Genehmigungsverfahren gleich drei Behörden zufrieden stellen. Und während ihr Hotel in Sachsen „Boot“ heißt, nennt sich das Brandenburger Folgemodell – eine Tauchschule samt Beachbar am Gräbendorfer See – „Haus“. Dort ist alles zum Ansturm bereitet, selbst ein Beachvolleybaldfeld gibt es auf dem feinen Sandstrand, auch wenn es bei hohem Wasserstand gespült wird. Bald wird der Extagbau freigegeben, als einer der ersten nach „Dresdens Badewanne“, der Grube Niemtsch, die schon 1973 zum Senftenberger See wurde. Ein Stück Brandenburg für die Sachsen – der IBA sind derlei Befindlichkeiten egal; Wasserhotels nennt sie salomonisch „schwimmende Architektur“. Ob sie tatsächlich Massen anlocken? Für Karin Mietke sind Risiken kein Indikator für Machbarkeit. Ohne Abenteuer, sie streicht sich eine gefärbte Strähne aus der Stirn, „macht’s doch keinen Spaß“. Doch die Grenze zwischen Abenteuer und Illusion ist fließend. Wie in Plessa. Auch am Westrand des Seenlands will man hoch hinaus. Höher als der Schornstein des Braunkohlekraftwerks. Allein sein Erhalt verschlingt mit 1,5 Millionen Euro ein Drittel aller Fördergelder für den Wandel zum Erlebnispark aus Technodisko, Museum, Arbeit. Zur Eröffnung gibt es Wurst und Reden und eine Heimatband mit Heimorgel. Doch gegenüber der Bühne wird er wieder geübt, jener Spagat des Wandels. Ein Teil der riesigen Werkhalle ist saniert, der andere ruiniert, in der Mitte baute die IBA eine Mauer. Zur Sicherheit. Davor stoßen die Illusionen aufeinander, eine trügerische, eine geplatzte: Gewerbe wolle man anlocken, sagt die Projektleiterin feierlich, zur Produktion von Biodiesel etwa. „Hier hab ich gelernt“, flüstert daneben ein Frührentner mit Nelke im Revers, „jetzt ist alles kaputt“. Die meisten Besucher an diesem Maifeiertag sind Entlassene wie er. Wie gesagt: Die Industrie um uns stirbt schneller als die in uns. Und auf dem Weg entstehen Träume vom Ferienparadies mit Tagbauromantik.

Sie speisen sich aus dem Glauben an einen Boom regionaler Reiseziele, den man sich in Zeiten leerer Geldbörsen und des Klimawandels erhofft. Wenn neben Badespaß noch Industriekultur geboten wird – umso besser. Es ist das Nebeneinander von alter Arbeit und neuem Entertainment, aus dem das Gebiet sein Flair bezieht. In Lichterfeld können Urlauber schon bald ihre Zelte unterhalb der ausgedienten Förderbrücke F 60 aufschlagen. Campen unterm Koloss vom Gewicht des Eifelturms, nur länger, dafür liegend. Ein absurdes, aufregendes Ambiente. Auch hier wird geflutet, der Bergheider See. Auch hier sind schwimmende Hotels geplant. Es geht um Landmarken, Wiedererkennungswert, Charakter. Gott, so lautet ein Sprichwort, schuf die Lausitz und der Teufel legte die Kohle drunter. Jetzt, wo sie der Mensch kaum noch braucht, kippt er Wasser drauf und Gott hat seine Lausitz wieder. So hofft man im Seenland.


Heimatliebe, öffentlich-rechtliches Kernthema

Im Baedeker-Rausch

Mit Lust auf Deutschland beweist die ARD seit Dienstag (16.10 Uhr) täglich, in welch kritiklosen Jubelpatriotismus der öffentlich-rechtliche Auftrag bisweilen mündet. Statt Regionalität zu fördern, liefern besonders die Dritten oft bloß bräsige Heimattümelei.

Von Jan Freitag

Fernsehen wirkt manchmal wie Bierwerbung. „Deutschland ist schön“, schwelgte zum Beispiel mal eine aus dem schönen Erding, „seine Landschaften sind typisch, die Bauwerke weltberühmt“. So ähnlich klingt es oft, wenn das Öffentlich-Rechtliche in seinen ersten drei Programmen die Tage bis zur Nacht füllt. So ähnlich klingt es auch, wenn die ARD ab heute den Standort im Ganzen zum Dokutainment-Schauplatz macht. Lust auf Deutschland heißt das neue Stück biederer Blut- und Bodenkunde zu Kaffeezeit. Sechs Wochen lang lässt es je „fünf bekennende Nord- und Südlichter“ täglich „Vielfalt und Bandbreite, die unser Heimatland bietet“ entdecken.

Darauf zwei, drei Weißbier.

Denn wie im Rausch werden die Flachländer André, Jasmina, Jürgen, Frank und Diana wie ihre Gebirgsrivalen Peter, Konny, Gege, Hans und Daniela auf einer Rallye zwischen Glücksburg und Bodensee, Eifel und Eisenhüttenstadt geschickt. Zu erleben gibt es für sie nix als tolle Geschichten toller Menschen toller Gegenden. In dreiviertelstündigen Einzeletappen gilt es für beide Teams nämlich nur, richtig Weißwurst oder Austern zu essen, Kölsch zu sprechen oder Sächsisch, bergzusteigen oder wattzuwandern. Das Ziel ist, Klischees und Vorurteile jeder Art so zu verinnerlichen, um diverse Quizfragen über Land und Leute beantworten zu können.

Es geht also ausschließlich um die schönen Seiten der erstaunlich makellosen Werbespotrepublik Deutschland. Rassismus dagegen, Armut, Verfall, Schuldenfallen, Ungerechtigkeit oder auch nur lange Gesichter werden dem Publikum garantiert nirgends zugemutet, bis sich die zwei Reisegruppen ausgerechnet an der national bedeutsamen Wartburg zum Finale treffen. Immerhin ist das Format aus Sicht von Birgitta Kaßeckert, Redakteurin beim verantwortlichen BR, „ein Stück Heimatkunde zum Wohlfühlen“. Und weil das generell ein Strukturprinzip gebührenfinanzierter Unterhaltung ist, gewinnt man oft den Eindruck, ARZDF seien bisweilen von Fremdenverkehrsämtern gestaltet.

Dafür reicht ein Blick aufs kommende Wochenende: Nach der zünftigen Morgenshow Immer wieder sonntags im Zweiten, kriegen vor allem die Zuschauer der Dritten eine Art freundliche Wurzelbehandlung: Im NDR feiert Mein schöner Land TV den Norden und beim RBB der Musikantendampfer den Osten, das BR-Magazin Bergauf-Bergab besingt den Süden und Das große Hessenquiz die betroffene Region. Und während der MDR quasi 24 Stunden vom 14. Thüringentag schwärmt, verlässt der WDR in seiner Reihe Wunderschön! nur ausnahmsweise mal die Landesgrenzen. Ansonsten wird dort zwischen Rhein und Ruhr allem stets vorbehaltlos gehuldigt.

Bei so viel Lokalpatriotismus im modernisierten Sound der Fünfziger fragt sich allerdings, ob das noch Bundesvaterlandsliebe ist oder schon Kleinstaatsnationalismus. Bayerns Rundfunk, 1964 als erstes Drittes auf Sendung, prügelt seine Doktrin schließlich schon mal live von der Großdemo gegen das Kruzifix-Verbot unters Publikum und der Mitteldeutsche Rundfunk hat sich bekanntlich schon vor Jahren vom seriösen Fernsehen jenseits biederer Trachten- und Ostalgieshows verabschiedet. Dabei hat das Loblied auf die eigene Scholle in Zeiten globaler Entwurzelung durchaus gute Gründe. Die Dritten, sagte Patricia Schlesinger vor einiger Zeit zu einem ähnlichen Thema, sollen Bewohnern „Heimat im positiven Sinne“ bieten. „Lokal fühlen, global denken“, lautet das Credo der NDR-Kulturchefin. Und Anja Görzel vom SWR hielt im selben Zusammenhang den Bezug zum Sendegebiet gar für ein „Alleinstellungsmerkmal“, Heimat und Lokalpatriotismus inklusive. Zumindest, sofern man den „Spannungsbogen zwischen Hightech, Moderne und Tradition schlägt“.

Allzu oft aber bleibt von Stoibers berühmter Dualität aus Laptop und Lederhose nur das traditionelle Beinkleid übrig. Und das, obwohl selbst Landesrundfunkgesetz von den Sendeanstalten allenfalls fordern, die Aspekte Bildung, Unterhaltung, Nachrichten zu liefern. Von Regionalität ist da nie die Rede, von kritikloser schon gar nicht. Im Gegenteil: Als die Dritten Programme gegründet wurden, sollten sie kulturelle Nischen besetzen, die von den Hauptsendern zum Wohle der Massenbefriedigung nicht mehr gefüllt werden konnten.

Umso mehr stellt sich nun die Frage, ob regional verankertes TV wirklich zwingend an Baedeker-Kataloge aus der konfliktscheuen Nachkriegszeit erinnern muss. Ausgabe „Garmisch-Partenkirchen“ zum Beispiel. „Ob Sommer oder Winter“, deliriert der Sprecher zu Beginn von Lust auf Deutschland aus dem Off – „die Bergwelt rund um die Zugspitze ist zu jeder Jahreszeit eine Reise Wert.“ Dass dies bis vor 68 Jahren für Juden, Linke, Homosexuelle und ähnlich ungarmisch-partenkirchenerische Menschen irgendwie nur eingeschränkt galt, womit die Garmisch-Partenkirchener heute nicht so gern behelligt werden, muss man den Zuschauern am Nachmittag ja nicht auch noch erzählen. Da ist Deutschland eben einfach schön.


Christian Redl, Hamburg 2009/13

RedlChristian08RaketeFür Mist bin ich zu alt

Foto: Jim Rakete/photoselection

Seit Jahrzehnten liefert der Schauspieler Christian Redl stille Charakterrollen für Film und Fernsehen, meistens in tragenden Nebenrollen. Als melodramatischer Ermittler einer gefeierten Krimireihe tief im Osten der Republik brilliert der 65-jährige Schleswig-Holsteiner auch mal in einer Hauptrole. Interview mit einem unbekannten Star über seinen Kommissar in Der Tote im Spreewald (z.B. Montag, 20.15 Uhr, ZDF), deutsche Mythen, das quotensüchtige Fernsehen und die Angst vorm Verfall. Interview mit einem unbekannten Star.

freitagsmedien: Herr Redl, in Der Tote im Spreewald heißt es an einer Stelle, „Heimat kann man sich nicht wie Dreck von den Füßen wischen“. Ist das nur Zitat oder auch Appell?

Christian Redl: Beides. Man darf das nicht zu sehr aufladen, aber dieser Heimatbegriff ist ein sehr gestriger mit sehr heutigen Komponenten. Ich denke, man muss seine Heimat erst einmal in Gefahr sehen, um ein Verlustgefühl, ein Erhaltungsbedürfnis, ein Interesse daran zu entwickeln.

Spüren Sie das auch privat?

Überhaupt nicht. Meine Heimat ist meine Hosentasche. Mir ist es Wurscht, wo ich bin, so lange ich da gerne bin.  Heimat ist für mich da, wo ich mich gerade aufhalte.

Die Masse verbindet weit mehr damit.

Ja, es kommt aber drauf an, in welchem politischen Lager man steht. Heimatgefühle an sich sind durchaus natürlich. Wenn sie aber zur nationalistischen Kategorie ausgestaltet werden, zum übergeordneten Zugehörigkeitsbegriff, hab ich damit meine Probleme.

Je größer das Entwurzelungsgefühl, desto größer die Sehnsucht nach Heimat.

Wo Grenzen verschwimmen, Konzerne multinational sind, Menschen den Wohnort wechseln wie ihre Hemden, wo alles haltlos wird, gewinnt der Heimatbegriff ein Stück seiner Wärme zurück. Insofern ist dieser Film zeitgemäß, weil er Menschen zeigt, die handeln, leben, fühlen wie in den Fuffzigern. Darin schwingt ohne Frage eine Sehnsucht nach Überschaubarkeit vergangener Zeiten: zurück zur Natur, zurück zu alten Werten. Nicht ohne Grund ist der Hauptdarsteller dieses Films eigentlich…

Der Wald.

… ganz genau. Er ist Stimmungsspeicher und -lieferant. Erst sind die Bäume da, dann Konflikte.

Fast ein Wagner’sches Element.

Absolut. Wie und womit ist denn unser Wald besetzt? Welche Kraft legt man ihm zugrunde? Welche Mythen, Ängste, Bilder, Albträume, Märchen verbirgt er?

Haben Sie diesen Mystizismus gespürt, als Sie darin gedreht haben.

Das sehe ich wie ein Kameramann: tolle Motive in einer Landschaft, die die Phantasie in alle Richtungen mobilisiert. Wenn man da mit einem technisch hochgerüsteten Filmteam dreht, wird er automatisch entmystifiziert. Das ist wie mit Liebesszenen. Es geht um Inszenierung – den Arm hierhin, die Hand dort hin; das ist alles andere als erotisch. Die Vorstellung, in einer natürlichen Atmosphäre bilde sich eine natürliche Magie, ist purer Romantizismus. Als Anthony Hopkins gefragt wurde, wie er sich auf Hannibal Lector vorbereitet hat, meinte er, es gäbe Kollegen, die das Method Acting so weit trieben, alle Gerüche, Bilder, Emotionen einer Rolle so lange auf sich einwirken zu lassen, bis sie zu etwas Eigenem werden. Er dagegen lerne den Text, gehe zum Set, den Rest überlasse er seiner Phantasie. Das verstehe ich unter schauspielerischer Professionalität.

Kann man dafür veranlagt sein?

Man muss lernen, sich von nichts und niemand irritieren zu lassen. De Niro spielt den Hamlet in einer vollbesetzten U-Bahn, das macht den Superstar aus, nicht seine Gage, nicht die Einspielergebnisse. Es geht um die Fähigkeit, sich selbst im hysterischen Umfeld, konzentrieren zu können. Begabung, sagt Ulrich Tukur, nützt gar nichts, wenn du sie nicht im Griff hast.

Haben Sie sie im Griff?

Mal so, mal so. Ich muss hart arbeiten, um sie zur Wirkung kommen zu lassen.

Was ist mit der Herzog-Kinski-Konstellation zweier Berserker, die aufeinander einprügeln, um spielen zu können?

So funktionieren die wenigsten Charaktere. Wobei der wirklich Irre keineswegs Kinski war, sondern Herzog mit seiner introvertierten Kälte. Er meinte ja ganz ruhig, wenn du das nicht so spielst, schieß ich dich übern Haufen. Gegen den Moment der Wahrhaftigkeit wirkten Kinskis Wutausbrüche wie lächerliches Theater. Diese reale Gefahr im Wahnsinn hat die beiden Antipoden zusammengehalten.

Ihr Spiel ist da anders: reduziert, leise, bedächtig.

Das kommt auf die Rollen an, aber ich persönlich bin eher zurückhaltend – im Leben, wie im Spielen. Ich mag Lino Ventura oder Jean Gabin, die große Stillen des Autorenkinos. Die regeln alles mit ihrer Persönlichkeit, ohne sich mit Attitüden aufzuladen. Sie stellen sich einer Rolle mit ihren Gesten, ihren Stimmen, ihrem Selbst zur Verfügung. Das versuche ich auch, was natürlich manchmal zu Lasten der Wandelbarkeit geht. Die ist nicht jedem gegeben.

Ihnen etwa auch nicht?

Doch, doch, im Theater durchaus. Aber im Fernsehen… Dass ich auch sehr komisch sein kann, kann sich beim Fernsehen offenbar niemand vorstellen. So besetzt man mich einfach nicht. Meine Visage und meine Ausstrahlung signalisieren offenbar das Bild eines Mannes mit krimineller Energie. Nach Vielseitigkeit wird nicht gefragt. Diese eindeutige Physiognomie ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits verdiene ich damit mein Geld, andererseits finde ich mich in einer sehr ernsten, engen Kategorie wieder. Zum Glück hat sich das im Laufe der letzten Jahre verändert; den Bösewicht spiele ich nur noch ab und an.

Und dann in totaler Zurückhaltung.

Darüber hat Michael Caine ein schönes Buch  geschrieben: Weniger ist mehr. Das Entscheidende im Film sei, nicht zu überzeichnen, sondern ein wenig zu untertreiben in Ausdruck und Gestaltung, sehr ökonomisch, sehr dosiert.

Der Trend geht allerdings zum mehr ist mehr.

Dabei hat Fernsehen doch diesen Riesenvorteil, dass ein einziger Blick eine ganze  Geschichte erzählen kann, ein Blick, den man im Theater ab Reihe 5 nicht mehr sieht. Doch das minimalistische Fernsehen hat sich teilweise den Maximalismus der Bühne angeeignet. Paradox!

Meinen Sie, es kommt noch mal eine Phase bedächtigen, doch ausdrucksstarken Fernsehens zurück wie Berlin AlexanderplatzKir Royal, die Dietl-Schule?

Die 80er? Schwer zu sagen. Wir leben in einer Zeit ausgeprägter Konzentrationsunfähigkeit, einer Zeit der Reizüberflutung, in der sich die Menschen millionenfach totlachen, wenn Mario Barth Witze macht. Da kommt mir alles hoch. Da lachen sogar jene, über die auf Stammtisch-Niveau hergezogen wird: Frauen, oft ganz hysterisch. Ziemlich armselig und erbärmlich finde ich das.

Trotzdem neidisch über 70.000 Live-Zuschauer?

Überhaupt nicht, nicht mal aufs Geld. Aber wenn man so will, ist Der Tote im Spreewald da die Konterrevolution, eine kleine, bewusste Antwort auf die grelle, laute Oberflächlichkeit. Und ein Gegenentwurf zu Filmen ohne Überraschungsmomente, mit Dreiecksbeziehungen, die sich zwanghaft duplizieren, so genannten Events wie Luftbrücke oder Sturmflut, mit vorhersehbarer Dramaturgie, die sich den Werbepausen unterordnet. Die Sender befinden sich heute in einem gnadenlosen Wettbewerb, selbst ARD und ZDF nehmen ohne Not neue Ansätze wie Kommissar Süden nach zwei Folgen aus dem Programm oder versenden sie im Nirgendwo. Alles wegen der Quote!

Umso erstaunlicher, dass die bei Geheimnis im Moor gestimmt hat.

Und das, obwohl kein Quotenschauspieler dabei war.

Ist Quote für jene, die sie nicht durch bloße Anwesenheit generieren, ein Schimpfwort?

Nein, aber wenn ein Regisseur dich will, kommt nicht selten der Produzent oder Redakteur und sagt unabhängig aller fachlichen Eignung für die Rolle, er sei mangels Quotenerwartung ungeeignet. Kein Wunder, dass mir nach Tod in der Eifel zur Quote gratuliert wurde, nicht zur Leistung. Das ist wie aufm Viehmarkt; man wird zwangsverpflichtet, sich mit diesen Erwartungen auseinanderzusetzen und ich merke bereits, wie dieses Gift durch meine eigenen Adern fließt. Also Schluss jetzt mit dem Quotenthema.

Sie haben angefangen.

Stimmt, weil alle so fassungslos waren, dass etwas Zurückgenommenes, Leises, Intimes wie Geheimnis im Moor noch Quote bringt. Nur: was machen denn die 5000 Quotenhaushalte, wenn der Fernseher läuft – Zuschauen, Suppekochen, Angelngehen? Das ist alles so ungenau.

Hinzu kommt die Heisenbergsche Unschärferelation, dass die Probanden genau wissen, beim Fernsehen beobachtet zu werden.

Was zweifelsohne zu gezieltem Sehverhalten führt, aber eigentlich will das niemand so genau wissen. Keiner will das Goldene Kalb eingehend untersuchen, geschweige denn schlachten. Der Quoten-Wahn kreiert Existenzen ebenso, wie er sie vernichtet. Wer oben, wer unten steht, entscheidet ein virtueller Wert ohne empirischen Nutzen.

Wie kam es abseits der Quotenfrage zu einem so sperrigen Thema wie einem Krimi mit Minderheiten-Problematik im polnischen Grenzgebiet?

Wahrscheinlich, weil dieser merkwürdige, unheimliche, abgelegene Spreewald so völlig unverbraucht war, ohne komplett unvertraut zu wirken. Dennoch verwendet der Film diese Gegend samt ihrer Minderheit in erster Linie als Folie. Als Schauspieler ist man eigentlich dauernd auf der Suche nach einer Metaebene, auch wenn man selten fündig wird.

Nach einem soziokulturellen Bezug?

Genau. Minderheitenproblematiken in bedrohter Umwelt haben fraglos einen aktuellen Impetus. Aber als Schauspieler bin ich nur Arbeitnehmer, abhängig von Arbeitsbedingungen und dem Drehbuch. Da kann ich dann nur hoffen, dass ein bisschen mehr Sinn und Substanz in einem Landschaftsfilm wie diesem steckt, als in dem Steilküstenkitsch der Marke Pilcher. Die Konflikte der Protagonisten rühren aus der Konfrontation zwischen Tradition und Moderne.

Fürchten Sie im Erfolgsfall zum Fernsehkommissar ohne Rückfahrkarte zu werden.

Im Gegenteil: durch die Krise hat sich auch unsere Arbeitssituation verschlechtert. Die Angebotslage ist für immer mehr Schauspieler äußerst dünn, obwohl es sich langsam bessert. Das zeigt sich bei den Gagen, die inzwischen so gewaltig runtergehen, dass man beim Casting lange vorm ersten inhaltlichen Gespräch zu hören kriegt, wie wenig Geld man zu erwarten hat. Andererseits sinkt die Zahl guter Rollen. Viele Projekte werden aus purem Kostendenken zurückgehalten. Das spüre ich ganz persönlich. Insofern würde ich mich über einen dritten Spreewald-Teil freuen.

Sie waren aber nie ein Vieldreher.

Meine Auswahl orientiert sich weniger an monetären Erwägungen als an der Lebenszeit, die ich mit einer Arbeit verbringe. Wenn ich mich entschließe, mitzuspielen, sollte das Projekt im weitesten Sinne mit Qualität zu tun haben. Für Mist bin ich zu alt.

Wenn auch nicht für RTL-Blockbuster wie Schatzinsel oder Vulkan. Wo ist die Schmerzgrenze?

Wenn sich Charaktere nur aus Plattitüden zusammensetzen. Aber glücklicherweise fragt mich ja auch keiner danach, Pilcher oder irgendwelche seichten Serien zu spielen. So entgehe ich der Gefahr, über meinen Schatten springen zu müssen und doch mal etwas zu drehen, was ich mir lieber verkneifen würde.

Gerade im Alter, wo man nicht mehr so oft gebucht wird.

Ich denke, dass man mich noch eine ganze Weile gebrauchen kann. Auf mich sollte man nicht verzichten. Außerdem hätte ich mir vor 20 Jahren nicht träumen lassen, dass ich mich mit über 60 noch so wohl fühle.

Fürchten Sie sich dennoch vorm Verfall?

Schon, aber er ist ja vorhersehbar und meine Haare sind mir schon mit 19 ausgegangen. Der Kreis schließt sich und irgendwann ist es vorbei. Ich versuche schlicht und einfach, bereit zu sein. Das beugt Hysterie vor. Altern ist eine Frage der gedanklichen und physischen Vorsorge, um von dem unvermeidlichen Ende nicht allzu sehr überrascht zu werden.

Ist man am Ende allein oder gibt es Freundschaften in der Branche?

Ja, wenn man sich der Spielregeln bewusst ist. Aber unter Schauspielern gibt es keine wirkliche Solidarität. Letztlich ist sich jeder selbst der Nächste.

War das mal anders?

Ich habe in den Siebzigern an Mitbestimmungsexperimenten mitgewirkt. Es war der Versuch am Theater in Frankfurt, autoritäre Strukturen zu beseitigen. Drei Direktoren, Beirat, Vollversammlungen – morgens Probe, mittags Sitzung, abends Auftritt, nachts debattieren und trinken. Da wurde alles öffentlich ausgehandelt, selbst Besetzungen. Man musste sich vor versammelter Mannschaft anhören, für den Woyzcek womöglich doch zu wenig Ausstrahlung zu haben. Auch Einflussnahme kann schmerzhaft sein. Das zeigten sich rasch die Grenzen der Mitbestimmung in der Kunst. Wie sagte Werner Herzog: Jeder für sich und Gott gegen alle.

Interview: Jan Freitag

Das Interview ist Ende 2009 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/2.1756/christian-redl-im-gespraech-fuer-mist-bin-ich-zu-alt-1606065.html


Designerbullenbuden

fragezeichen_1_Im Fernsehen gibt’s genau drei Sorten Wohnraum: billige Absteigen, geerbte Villen und Designerlofts. In letzteren wohnen sogar Putzfrauen und Polizisten. Merkwürdig

Heino Ferch spielt gern Filmpolizisten. Gut, er spielt sie nicht wirklich, sondern liefert bloß seine stoische Einheitsmimik in der Kamera ab. Aber Filmpolizistenarbeit ist ja auch wirklich zu hart für freundliche Blicke. So hart übrigens, dass sich Filmpolizisten wie Ferch nach Feierabend nicht wie reale Polizisten und ähnlich unterbezahlter Arbeitnehmer in Mietwohnungen oder Reihenhäusern entspannen, sondern in elitären Lofts von Stararchitekte wie Koolhaas, Gehry, Libeskind, mindestens. Kubische Prachtbauten sind das in gedeckten Farben mit elektronischem Housekeeping zum gediegenen Mobiliar. Nicht schlecht fürs Gehalt angestellter Ermittler.

Aber auch nachvollziehbar. Denn abgesehen davon, dass Villen jeder Art einfach mehr Platz für dreißigköpfige Drehteams bieten, gibt es noch eine Art Gerechtigkeitsgrund. Während der echte Durchschnittsbulle in seiner Laufbahn nämlich statistisch gesehen vielleicht fünfmal die Waffe zieht, hat der fiktionale Durchschnittsbulle oft schon in der Anfangsszene scharf geschossen. In Anschluss wird er dann regelmäßig suspendiert, entführt oder eingeschleust, dazu beschossen, getroffen und dennoch nie befördert. Im widerfahren also Dinge, die ganze Brennpunktkommissariate nicht mal pro Schicht und Jahr schaffen. So viel Ballast auf einer einzelnen Filmermittlerschulter lässt sich der Fernsehstaat eben was kosten. Designervillen for free zum Beispiel, in Miami gern noch mit Ferrari obendrauf. Erst die Arbeit und dann…


Männerwirtschaft und Vaterlandsliebe

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 27.Mai-2.Juni

Die vorige Medienwoche bestätigt mal wieder ein physikalisches Grundgesetz: Energie wird nie verbraucht, sondern nur in andere Zustände verwandelt. Der Nachricht, dass Frederic Meisner auf den Flatscreen zurückkehrt (wenngleich online), folgte nämlich stehenden Fußes die, dass ihn Reinhold Beckmann verlässt (also den zum Fernsehempfang). Während die Exhumierung des Glücksrads soziokulturell eher verzichtbar scheint, stellt das Ende von Beckmanns Talkshow ab 2014 jedoch durchaus einen Verlust dar. So viel im Fernsehen auch geredet wird – donnerstags tut es da ein Gesprächsvirtuose, dem zu Unrecht unterstellt wird, so selbstverliebt wie überflüssig zu sein. Das war er selten. Womit er sich grundlegend von einigen Kollegen unterscheidet.

Andererseits dürfte Beckmanns Abgang die Debatte darum beenden, welcher ARD-Talk denn nun abgeschafft wird. Und damit auch die Gefahr, dass es im beharrlich sexistischen System Stromlinien-TV eine der zwei Frauen trifft. Noch gleichberechtigter hätte es zwar geklungen, wenn Programmchef Volker Herres am Mittwoch nicht verkündet hätte, der Sieger des Intendantencastings im WDR sei „ein Mann, der komplexe und brisante Themen allabendlich kompetent vermitteln kann“, sondern eine Frau. Also Siegerin. Aber das war ohne Kandidatin natürlich kompliziert. So ist es Tom Buhrow, der das größte ARD-Haus fit für die digitale Zukunft machen soll. Eine Aufgabe, so aussichtsarm, dass dem Tagesthemen-Ansager nach Jahren wundersamen Zuwachses am Tag der Verkündung plötzlich das graue Haar büschelweise ausgefallen zu sein schien.

Ebenso wundersam scheint es von dort aus Kai Diekmann ins Gesicht gerieselt zu sein. Mit Hipstervollbart verkündete der Bild-Boss nämlich folgende Kernerkenntnis seines leider doch nicht lebenslangen Praktikums im Silicon Valley : Ab 11. Juni wird sein Blatt im Netz zu 20 Prozent kostenpflichtig sein, langfristig zur Hälfte. Fragt sich, ob man dem Projekt nun Glück oder Pech wünschen soll. Glück, weil es unerlässlich ist, dass die Netzgemeinde journalistisch erstellen Inhalt finanziell zu würdigen lernt. Pech, da Bild.de wie seine gedruckte Mutter nur selten journalistisch erstellten Inhalt liefert, sondern in der Unterhose erdachten Wortmüll. Den hat auch Thomas Thuma abgesondert. Der Ressortleiter Wirtschaft beim seriöseren, aber oft wesensverwandten Spiegel, zeihte die wichtige Initiative ProQuote für mehr Frauen in publizistischen Spitzenpositionen als „Scheinriesinnen bei der Lobbyarbeit in eigener Sache“. Zu blöd, dass er es ausgerechnet in jenem Blatt tat, dass wohl länger auf eine Chefredakteurin warten wird als Germany`s Next Topmodel auf einen Mann mit Siegerinnenkrönchen. Wobei auch dessen Namen wenige Wochen nach dem Gewinn vollends vergessen wäre wie der diesjährige von, na, wie hieß sie noch gleich…

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 3.-9. Juni

Sarah Judith Mettke vielleicht? Nein, das ist die Regisseurin eines Films, der garantiert keiner Zuschauerin aus Heidi Klums Fleischbeschau auf den Bildschirm gerät. Er heißt Transpapa und zeigt den grandiosen Devid Striesow am Donnerstag als Vater, der spät erkennt, im falschen Geschlecht zu leben. Zu sehen, danke ARD, um 23.15 Uhr. Aber die Primetime ist ja auch vom Quiz der Menschen mit Dr. Hirschhausen verstopft, der es ja auch sonst wirklich schwer hat mit prominenten Sendplätzen. Auf denen läuft übrigens zeitgleich Nur eine Nacht, was exakt so bescheuert ist, wie es klingt. Ein Tanzfilm, mit dem sich das ZDF derart berechenbar an die Pro7-Kernzielgruppe unter 14 ranwanzt, dass man MTV plötzlich wieder für einen Musikkanal halten könnte.

Aber natürlich nicht so dämlich, dass es dem, womit die ARD ab morgen sechs Wochen lang die Nachmittage füllt, auch nur annähernd das Wasser reichen könnte. Lust auf Deutschland heißt allen Ernstes, was im Ersten unter Dokutainment firmiert und fortan je fünf „typische Nord- und Südlichter“ durch die Republik schickt, um im Wettstreit zu zeigen, dass zwischen Ostsee und Alpenrand, Rhein und Oder alles, aber auch wirklich alles toll ist. Armut, Gewalt, Verfall oder auch nur Unfreundlichkeit ist also von den Menschen Dutzender Klischeeorte kaum zu erwarten. Heimatduselei ist schließlich das Strukturprinzip des öffentlich-rechtlichen Nachmittags, vor allem in den Dritten.

Um dem zu entkommen, muss man also umschalten auf die Spartenkanäle mit Anspruch und Niveau. Arte zum Beispiel, wo ab Freitag Parade’s End startet, eine Koproduktion von HBO und BBC, die in Doppelfolgen das derzeit ziemlich angesagte TV-Thema Fin de Siècle und wie es sämtliche Traditionen der damaligen Welt über den Haufen warf aufgreift. Die Blaupause für diesen famosen Sechsteiler läuft übrigens ab Donnerstag zuvor bei ZDFneo: Downton Abbey. In der übersetzten Fassung ist der schleichende Untergang eines britischen Adelsgeschlechts nach dem ziemlich plötzlichen der Titanic zwar weit weniger gehaltvoll als im Original. Aber immerhin wird sie zu einer angenehmen Sendezeit (20.15 Uhr) ausgestrahlt, und das ohne Werbepausen. So wie am Mittwoch zuvor eine der wunderbarsten Filmkomödien überhaupt: Be Kind Rewind auf Arte, wo Jack Black einer kaputten Videothek aus der Patsche hilft, indem er mit seinem Kumpel (Mos Def) versehentich gelöschte Filme nachdreht. Weniger romantisch als verstörend, aber nicht minder sehenswert ist Dienstag zuvor an gleicher Stelle Weißes Blut. Die beeindruckende Doku erzählt, wie deutsche Weltkriegswaisen den Buren in Südafrika helfen sollten, eine arische Elite aufzubauen.

Bei so viel schmerzhaftem Realismus ist ein bisschen Fußball zum runterkommen vielleicht nicht das Schlechteste. Wer nach dem DFB-Pokalfinale vom Fernsehfußball also noch immer nicht die Schnauze voll hat vom Fernsehfußball, kann Mittwochabend das Abschiedsspiel für Michael Ballack bei MDR sehen. Oder doch lieber bei echten Tatsachen bleiben, Mr. Dicks zum Beispiel, unser TV-Tipp der Woche, ein virtueller Provokteur bei Eins-Festival, der Mittwoch um 22.35 Uhr bewusst subjektiv polarisiert. Zunächst mit einem Thema, dass eigentlich keiner Polarisierung bedarf: Waffen.


Porträt: Nico Hofmann, teamWorx

nico_hofmannDer Blockbusterschmied

Er ist Deutschlands erfolgreichster TV-Produzent, ein Feingeist mit Gespür für Massengeschmack: Nico Hofmann. Anlässlich des aktuellen Kinoprojektes seiner Filmfabrik teamWorx 5 Jahre Leben über den Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz, zeigen freitagsmedien heute die aktualisierte Version eines ZEIT-Porträts

Foto: teamWorx

Nico Hofmann? Was sagt man dem erfolgreichsten Fernsehproduzenten Deutschlands nicht alles nach! Ein Blockbuster-Fetischist soll er sein, ein Quoten-Fanatiker, einer, der Sendergeld verbrenne wie kein Zweiter und dabei doch nur meist flaches, gefühliges Fernsehen abliefere. Nico Hofmann ist ein Mann für jeden Kritikpunkt. In jedem Fall aber ist er der Mann mit dem Telefon. Auf der Fensterbank seines Büros in Berlin-Mitte steht eine Fotoreihe. Sie zeigt Nico Hofmann am Handy. Immer und immer wieder. Stets auf Empfang. Stets abrufbereit.

Hofmann ist ein Rastloser, ein Getriebener, und er ist der bekennende, kompromisslose, passionierte Liebhaber eines Typs TV mit möglichst vielen Zuschauern.In seinem Büro herrscht Durcheinander. Die Fernsehpreise stehen gedrängt auf einer Vitrine, den Urkunden an der Wand fehlt jede Chronologie, die Plakatgalerie alter Arbeiten hält dem Tempo der nachfolgenden nicht stand. Überall stapeln sich Papier, DVD-Türme, Krimskrams. Ein Rechner fehlt, ein System sowieso. „Privatleben kenne ich gar nicht“, sagt der junge Mann von 53 Jahren. Für eine Familie sei keine Zeit, für Hobbys schon gar nicht. Ein wenig Yoga am Morgen, etwas Jogging im Anschluss, der Körper wirkt durchtrainiert. Ansonsten lebt Hofmann für den Film.

Vor 14 Jahren hat er mit seiner langjährigen Weggefährtin Ariane Krampe und Ufa-Geschäftsführer Wolf Bauer eine Firma gegründet, die das Fernsehen made in Germany weltmarkttauglich machen sollte. TeamWorx heißt sie, bieder mit Television & Film GmbH untertitelt, entstanden als 76-prozentige Tochter der Ufa, des „einzigen deutschen Major-Studios“, wie das Branchenmagazin Cut schwärmt. Auch dank Hofmann. Es wurde eine Erfolgsgeschichte sondergleichen, und daher ist heute schwer zu glauben, dass an ihrem Anfang eine Medienschelte stand. 1995 zeichnete sein Film Der Sandmann die Sensationsgier im Entertainment der Zeit nach, und Hofmann machte daraus eine bittere Kritik am Fernsehen insgesamt. Doch dann prägte niemand anders als er die Ästhetik massenkompatibler TV-Fiktion. Heute überbrückt keiner den kulturellen Graben zwischen An- und Zuspruch mit mehr Selbstbewusstsein als er. Und kaum einer erntet mehr Publikum, mehr Auszeichnungen, mehr Kritik.

Dabei war Der Sandmann neben einem Ausflug zum Tatort nicht nur sein erstes Ausrufezeichen, sondern auch das letzte – als Regisseur. Weil er, angeblich nach dem Besuch eines zugefrorenen Dixi-Klos am Set, genug von Außendrehs und Studiopräsenz hatte, wechselte Hofmann ins Produzentenfach und landete Quotenhit auf Quotenhit, um im Jahr 2006 mit Dresden einen televisionären Epochenwechsel einzuläuten. Seither ist nichts mehr, wie es war. Zehn Millionen Euro verschlang das Weltkriegsmelodram und hob somit die Herstellungskosten deutschen Fernsehens auf Kinoniveau. Finanziell ist nun Achtstelligkeit das Maß aller Dinge, siebenstellige Zuschauerzahlen gelten dabei schon mal als Havarie. Strukturell ist es die internationale Koproduktion, ohne die Großprojekte der Marke teamWorx nicht zu stemmen sind. Dramaturgisch ist es die Historie – auch das geht auf Nico Hofmann zurück.

Seit zehn Jahren komprimiert er deutsche Zeitgeschichte auf 180 Minuten. „Bildung und Unterhaltung“, lautet sein Credo, „lassen sich nicht trennen“. Der Lehrplan ist gut gefüllt. Zuletzt mit einer neuen Hindenburg-Katastrophe und dem furiosen Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter, auch ein Porträt seiner eigenen Eltern, sagt er, der Nachkriegsgeneration. Dazu Bio-Pics von Grzimek bis Rommel. Der Generalfeldmarschall sei ein „glitschiges Thema“, wie der Initiator selbst befindet.

Hofmann polarisiert heute noch genauso gern wie als rebellischer Schulsprecher in Mannheim, der gegen rassistische Biologielehrer aufbegehrte und nach den Stammheimer Suiziden das ganze Gymnasium zum Streitgespräch auf dem Pausenhof bat. „Es gibt ein gewisses missionarisches Moment in meiner Person“, sagt der frühere Leiter evangelischer Jugendgottesdienste, und vielleicht ist es diese Mixtur aus Verführung, Leistungsdenken und Emphase, die noch heute den Nerv seines Auditoriums trifft – und das im Inland wie im Ausland. Da die Sender maximal die Hälfte der Produktionskosten zuschießen, sind Vorabverkäufe heute integraler Bestandteil opulenter TV-Events. Seit sein erster großer Publikumserfolg Der Tunnel in 71 Staaten lief, gehen viele Bestellungen auf Skriptbasis ein. Im Gegenzug besetzt Hofmann seine Großprojekte regelmäßig mit Stars großer Zielmärkte – das fördert den Verkauf bis nach Ostasien und Südamerika.

Was noch wächst, ist die prestigeträchtige Anerkennung im angelsächsischen Raum. Für sein Drama um das torpedierte Kriesgsschiff Laconia gewann er immerhin die BBC als Koproduzentin. Sogar im US-Fernsehen könnte Hofmann Erfolg haben, sagte Hofmanns Freund und Förderer Bernd Eichinger kurz vor seinem Tod. Er sei „besser als andere, weil Nico sein Publikum nicht unterschätzt“. Wenn er nun noch amerikanische Darsteller einsetze und die Sprachbarriere knacke, so Eichinger, sei der Weg frei. Zeitgeschichtsdramen à la Laconia entstehen bereits auf Englisch. Megaproduktionen mit Megathemen: Mogadischu und ein Vulkanausbruch in der Eifel, Helmut Kohl und Rudi Dutschke. Dazu Science-Fiction, Klinikserien, Romantik, Krimis – die Ufa, der Hofmann 2002 seine teamWorx-Anteile abgetreten hat, lässt ihrem Erfolgsmann alle Freiheiten, und die nutzt er weidlich, auf allen Kanälen, öffentlich-rechtlich oder kommerziell, wahllos wie kein Produzent zuvor. Und obgleich er betont, ZDF oder RTL unterscheidbare Looks zu verpassen, macht sein Stil – massive Orchestrierung, zugkräftiges Starensemble, schnulzenflankierte Historisierung – längst alle Sender ein wenig verwechselbarer. Und anspruchsvoller, zumindest was Aufwand, Technik oder Authentizität betrifft.

„Meine eigenen Frühwerke will ich mir heute gar nicht mehr angucken“, sagt Hofmann. Arthaus, Experimente, Studentenzeugs. „Ich komme gar nicht aus dem Blockbuster“, sagte er, aber der Wunsch, „extrem große, nicht bewältigte Themen wie Flucht und Dresden zu machen“, der habe sich rasch nach seinem Abschluss (mit Auszeichnung) an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film 1985 entwickelt. Der Weg vom Kurzfilm zum Mainstream war fließend, heute bekennt er sich ohne Scheu zum Massenfernsehen. Nicht minder offen gesteht er seine Verehrung des meistgehassten Publikumsmagneten im Land: Veronica Ferres. „Sie brauchen gar nicht zu lachen“, bittet er geladene Journalisten beim Galadinner zum zehnjährigen Firmenjubiläum in der Berliner Bertelsmanns-Repräsentanz und kündigt an, „weiterhin jedes Jahr einen Film mit ihr zu drehen“.

Es weht stets eine unergründliche Mischung aus Chuzpe und Freundlichkeit durch seine freien Reden, aus urbaner Schnöseligkeit und provinzieller Kumpelei. Absolut zuverlässig und ehrgeizig nennt ihn Kollege Eichinger, „von einem Arbeitseifer, der manchmal geradezu aberwitzig ist“. Hofmann sei quotenfixiert, „dazu steht er ja auch, wirkt dabei aber nie angespannt oder gestresst“. Eine Duz-Maschine mit fotografischem Namensgedächtnis im Maßanzug, stets ohne Krawatte, makellos frisiert und zutraulich wie ein guter Freund. Dazu ein Typ Liebhaber ohne Zeit für die Liebe. Dabei schwärmt Veronica Ferres: „Niemand im deutschen Film liebt Frauen auf eine respektvollere Weise als Nico Hofmann.“

Schließlich ist er vor allem von ihnen sozialisiert worden. Sein Vater, Bonner Büroleiter der Regionalzeitung Rheinpfalz, war oft abwesend (brachte aber gelegentlich Helmut Kohl zum Essen mit). Gemeinsam mit Schwester und Oma erzog ihn seine Mutter, Redakteurin der FAZ, zu häuslichen Pflichten (und zur Gleichberechtigung). Das prägt. Jedenfalls hat das Medienkind nicht nur deutsche Historie zum Exportschlager gemacht, sondern auch Frauen konsequent zu Heldinnen. Gern in Dreieckskonstellation zwischen zwei schwächeren Kerlen. Das alles sei pure Berechnung, heißt es bei Kritikern oft, pathetisch und redundant, bombastisch, oberflächlich, laut. Das lässt Nico Hofmann nicht kalt. „Mich berührt jede einzelne Kritik“, sagt er und schlägt sodann zurück: Wenn man einmal zwölf Millionen Zuschauer habe, „findet’s das Feuilleton per se nicht gut“.

Trotz oder wegen derlei Dissonanzen füttert er es mit Bröckchen intellektuellen Spartenfernsehens. Allein vier schwierige Theaterverfilmungen hat er auf Arte platziert. Pures Quotengift, das nur realisierbar sei, „weil ich Schauspieler anderer Produktionen unterm Gewerkschaftslohn rüberziehe“. Neben all der Hochglanzware investiert Hofmann auch immer wieder in junge Regisseure. Nicht selten solche, die er in 13 Jahren als Professor für Szenischen Film an der Filmakademie Baden-Württemberg ausgebildet hat, Träger des First Steps Award in spe womöglich, den er mit Bernd Eichinger an Newcomer verleiht. Alles Futter für sein Ego, sein Portfolio, nicht unbedingt fürs Konto. Ein Debütfilm namens Kahlschlag habe ihn drei Jahre seines Lebens und 880.000 Euro gekostet, „ohne einen einzigen Euro Gewinn zu bringen“. Die Bandbreite bildet die Basis seines Selbstverständnisses: zu unterhalten, auf allen Ebenen, in allen Schichten und allen Altersgruppen. Koste es, was es wolle.

So realisiert der humanistisch gebildete Büchernarr fulminant flache RTL-Soaps ebenso wie seriöse Filmbiografien, digitales Popcorn-Fernsehen mit gleicher Lust wie stille Kammerspiele, die x-te Telenovela so beiläufig wie die erste Verfilmung deutscher Afghanistan-Traumata. Hunderte von Produktionen waren es bislang, 25 kommen Jahr für Jahr hinzu, Serienepisoden und PR-Aufträge nicht einberechnet. Branchenintern ist von Umsätzen in dreistelliger Millionenhöhe die Rede, Tendenz natürlich steigend. Wie auch die Zahl der Dependancen: Potsdam, München, Ludwigsburg, Köln, Leipzig. Und das alles mit der kleinen Stieftochter des großen Kintopp, die allem Krisengerede zum Trotz sehr wohl eine Zukunft habe, wie Hofmann meint. „Ich bin beim Fernsehen sehr glücklich“, sagt er, obwohl er vor zwei Jahren einen „starken Impuls“ hin zum Kino verspürt habe. Seit fünf Jahren widmet er sich als Chef der neuen Ufa Cinema verstärkt dem Zelluloid. Dutzende Stoffe sind in der Entwicklung, das Biopic 5 Jahre Leben übers Martyrium des Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz ist grad bundesweit angelaufen und mit den Rechten an Noah Gordons Der Medicus hat Hofmann einen künftigen Kassenschlager im Gepäck. Er beherrscht den Einkauf ebenso wie die Vermarktung seiner Projekte. Nicht umsonst hält der einstige ARD-Programmdirektor Günter Struve seinen Exgeschäftspartner für das „größte Verkaufsgenie seiner Generation“.

Mit dem betriebswirtschaftlichen Beifall kann der Kreative gut leben. Mit der Regiearbeit, dem Drehbuchschreiben früherer Tage hat Hofmann abgeschlossen. „Das schaff ich einfach nicht mehr“, sagt er. Seine Tage hätten auch nur 24 Stunden, und neben den Verhandlungen in aller Welt noch ständig am Set zu stehen, das sprenge jede Belastungsgrenze, Yoga hin, Yoga her. Der fernsehverrückte Cineast Hofmann, der als kleiner Nico von sechs Jahren mit eigener Super-8-Kamera durch die Straßen zog, als Fünftklässler mit 25 Schulfreunden im Team seine ersten Kinderbücher verfilmte und bald darauf in der elterlichen Garage ein Kino eröffnete – er rückt hinter die Kulissen? „Es ist ein Vorurteil, dass Produzenten nicht kreativ sind, sie gehen damit nur nicht so hausieren“, sagt er beim Geburtstagsdinner im Hause Bertelsmann, dem Hauptstadt-Palast des größten Medienunternehmens im Land, das RTL-, Ufa- und teamWorx-Mutter in einem ist. Lässig steht Nico Hofmann da vor der Presse und verkündet in seinem sorgsam gepflegten Heimatdialekt, die offizielle Party finde erst statt, wenn die Band Rosenstolz Zeit für einen Auftritt hätte. Es klingt ein bisschen eitel, aber eben auch ehrlich. TeamWorx heißt gewiss nicht kleckern.

Jan Freitag

Der Text stammt aus der ZEIT: http://www.zeit.de/2008/47/P-Hofmann


Peter Frankenfeld, Showmaster (100)

Der Gesangsmoderatorenkomiker

Es gab eine Zeit, da waren Showmaster noch Grandseigneure mit guten Manieren. Ihr Pionier wäre heute 100 geworden. Eine kleine Eloge auf Peter Frankenfeld, den ersten und letzten Entertainer alter Schule des alten Fernsehens.

Von Jan Freitag

Fernsehen ist gern ein Spiel mit Zahlen: Einschaltquote, Produktionskosten, Senderumsatz, Werbeeinnahmen – je größter desto besser. Insofern sagt diese Zahl mehr aus als das tollste Attribut: 4000. So viele Menschen gaben vor 34 Jahren Willi Julius August Frankenfeldt das letzte Geleit. Eine gewaltige Ziffer für einen so kleinen Friedhof wie den von Wedel bei Hamburg. Es fragt sich jedoch, ob dieser Massenauflauf nicht doch jemand völlig anderem kondolierte als jenem Will, mit ähnlichem Namen zwar, aber doch unvergleichlich. Er lautet Peter, hintendran mit Frankenfeld, allerdings ohne „t“. Es ist ein Pseudonym, das die junge Republik weit mehr geprägt hat als manch echte mit Geburtsurkundenbeleg.

Auch dazu nur kurz eine Zahl. Sie ist etwas kleiner, aber umso eindrücklicher: 100. So viel Prozent befragter Volksschulabsolventen kannten Ende der Fünfziger den ersten Showmaster in Fernsehland. Elvis Presley brachte es auf einen Punkt weniger, Freddy Quinn, seinerzeit der Star schlechthin, gar nur auf 94. Das sagt einiges aus über Peter Frankenfeld, der heute 100 Jahre alt geworden wäre. Noch mehr aber sagt es was übers Fernsehen von gestern wie heute und jene Menschen, die darin von Bedeutung sind und waren. Denn Peter Frankenfeld, der Mann mit dem karierten Sakko, das die Schwarzweißära des Fernsehens kolorierte als gäbe es das längst in Farbe, er war nicht einfach ein Showmaster; der Handwerkersohn aus Kreuzberg war der Inbegriff des jungen Mediums, auf Sendung seit dem zweiten Tag seiner Existenz, ein TV-Inventar bis tief in die Siebzigerjahre wie heute nicht mal ein Thomas Gottschalk. Geschweige denn Markus Lanz. Oder gar Stefan Raab.

Das hat einen Grund, der sich nicht durch öffentlich-rechtliches Monopol oder die formierte Gesellschaft (West) und sedierte Gesellschaft (Ost) allein erklären lässt. Dass ein Kleinbürger wie dieser, der seine drei sperrigen Vorkriegsnamen sehr weitsichtig gegen das populäre Peter der Nachkriegszeit getauscht hatte, zum Superstar aufstieg, lag ja zu allererst daran, dass Fernsehen mal wirklich alle Generationen des Publikums gleichermaßen erreicht hat. Und dass dies auch sieben Jahre nach Hitler noch immer ein wenig nach Führung verlangte, nach klaren Regeln, klarer Sprache, klaren Sitten, im Entertainment zumal, das damals noch treudeutsch Unterhaltung hieß.

Seit Frankenfeld 1952 (ersatzweise) das NWDR-Potpourri „Eine nette Bescherung“ geleitet und zwei Jahre später mit 1:0 für Sie die Fernsehspielshow erfunden hatte, war der zeitlebens skandalfreie Moderator nämlich alles in einem für Zuschauer aller Schichten, Neigungen, Alterskohorten: Der Conférencier und der Clown, der Zirkusdirektor und der Alleinunterhalter, der nette Onkel und gestrenge Herr, der respektable Opa und freche Enkel. Mit hackenschlagendem Diener begrüßte der fragende wie antwortende Tanzgesangsmoderatorenkomiker sein Publikum und nahm es danach mit guten Manieren und zahmen Witzen in den Würgegriff des Varietés, wie es sonst nur wenige konnten: Hans-Joachim Kuhlenkampff, Lou van Burg, Vicco Torriani, Rudi Carrell und auf ostdeutsche Köpfe verteilt Die drei Dialektiker im Kessel Buntes.

Sie waren nicht nur Händler der leichten Abendunterhaltung von nationalem Gewicht, sondern Grandseigneure gewaltiger Conférencen, in denen sich die Fernsehrepublik ihrer seriösen Heiterkeitsbegabung versicherte. Deshalb erhielt ein Peter Alexander, dessen gleichnamige Show ab 1963 mehr als 30 Jahren lang locker die Hälfte der gesamtdeutschen Bevölkerung vorm Röhrenapparat fesselte, den Goldenen Otto der Bravo ebenso wie die Goldene Kamera der Hörzu. Deshalb schaffte es ein Kuhlenkampff aufs Cover von seriöser und Regenbogen-Presse zugleich. Deshalb galt Frankenfeld bis zu seinem Ausstieg bei Musik ist Trumpf 1978 als idealer Entertainer, der eine Show auch ohne thematische Fokussierung über die Sendezeit brachte.

Heute fehlen dazu nicht nur Typen, sondern auch Formate. Das große Samstagabendallerlei ist nur noch als Einerlei mit Volksmusik präsent, dem zuletzt ausgerechnet eine Frau ziemlich lange, meist ziemlich nackte Beine machte: Helene Fischer, das neue Zentralgestirn am Volksschlagerrumpftatahimmel mit prominentem Freund (Florian Silbereisen) und generationenübergreifender Strahlkraft (dank Dauer-PR via ARZDF). Auch Peter Frankenfeld müsste jetzt wahrscheinlich irgendwas mit Wok oder Wetten moderieren. Er könnte wohl auch das.