BĘÃTFÓØT, Dÿse, Weil
Posted: September 17, 2021 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentBĘÃTFÓØT
Das Einfrieren der vergangenen 18 Monate, dieses sedierte Warten auf Tauwetter, unterbrochen nur vom Gebrüll halb- bis hartrechter Realitätsverweigerer und gelegentlichem Startkregengewitter, der anderthalbjährige Stillstand also hat den Vernunft- und Empathiebegabten von uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie wichtig Eskalation ist. Ausrasten, Selbstentfesslung, am besten bei der passenden Party – die ein Plattendebüt nun mit dem zugehörigen Soundtrack versorgt: BĘÃTFÓØT. Was genau das israelische Trio aus Tel Aviv macht?
Alles! Etikettiert mit Garagenacidpunk und bei Bedarf noch einer ganzen Reihe weiterer Attribute von Big Beat über Triphop bis Elektrotrash. Als hätten Alec Empire, The Prodigy und Skrillex ihr gesamtes Equipment auf ein Hochhaus geschleppt und von dort auf einen Plattenbausiedlungsrave gekippt, beschleunigen Udio Naor, Adi Bronicki, Nimrod Goldfarb ihr selbstbetiteltes Debüt vom ersten bis 13. Track mit irren Samples, wirren Synths und androgynisiertem Scooter-Geshoute, bis/dass es scheppert. Bruder Puder – was für ein Fanal!
BĘÃTFÓØT – Beatfoot (Life & Death)
Dÿse
Und weil sich Stillstand zuletzt wie Sterben anfühlte, weil Unruhe grad die Lösung vieler Probleme zu sein scheint, weil wir alle jetzt echt einfach mal genug Monotonie, Gleichklang, Eintönigkeit hinter uns haben, geht es an dieser Stelle um das musikalische Gegenteil von alledem und damit die beste DIY-Noise-Band aller Zeiten, mindestens. Schlagzeuger Jarii und Gitarrist Andrej, die gelegentlich klingen wie sechs Gitarristen und zwölf Schlagzeuger, veröffentlichen heute ihr erstes Album seit vorvorvorpandemischer Zeit und wir sagen an dieser Stelle einfach mal Danke Dÿse.
Danke für eure jazzig verschrobenen Mathrock-Sinfonien, die den hirninternen Rechner verlässlich runter- und wieder rauffahren. Danke für euer selbstironisches Pathos, das alle Virtuosität mit Gaga-Poesie erdet. Danke für euren Humor, der die zugehörige Tour hoffentlich bald wieder zur Punkrockcomedysauna macht. Danke für den Tinnitus, den man sich beim nächsten Konzert im Hafenklang redlich verdient haben wird. Danke, so dermaßen hochkomplexe Musik im Mitgefühl heiterer Gelassenheit verabreicht zu kriegen. Danke für die Widergeburt.
Dÿse – Widergeburt (Cargo)
Weil
Mit dem singenden Schauspieler Anton Weil könnte man sich abgesehen vom Standort Berlin nun wirklich nicht weiter von Dÿse und BĘÃTFÓØT entfernen. Wenigstens wenn sich die Oberfläche des neuen Sterns am regenverhangenen Düsterpophimmel über den Hintergrund seines Debütalbums schiebt. Durchweg angedickt mit kleckerndem Autotune und melodramatischem Trap, klingt Groll seltsam berechenbar nach Chartsattitüde, ein bisschen Gangsterrap ohne Knarre, Sexismus und Mackergehabe. Wären da nicht die Texte.
Mit Zeilen wie “auf jeden ersten Mai folgt ein weiterer zweiter Mai / an dem es gleich scheiße bleibt”, also: “egal, viel Steine ich auch schmeiß / alles bleibt hier gleich” bringt Weil das Lebensgefühl seines Kreuzberger Heimatkiezes zum Ausdruck, zumindest all jener, die sich vom Bundestagswahlkampf wenige Kilometer und doch Lichtjahre entfernt nicht einlullen lassen. Groll ist das, wonach es klingt: unzureichend betäubte Wut über die Verhältnisse, angemessen vertont mit kriechenden Beats und zähfließender Poesie. Zum Runterkommen, zum Aufbrausen.
Weil – Groll (Broken Hearts Club)
1 Pimmel & 3 Trielle
Posted: September 13, 2021 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
6. – 12. September
Es war ein kleiner Schritt für Cathy, aber ein großer für die Menschheit: Der Verband sozialer Wettbewerb hatte das It-Girl, als Gattin von Mats Hummels doppelt (selbst)vermarktbar, wegen offensichtlicher Schleichwerbung angezeigt. Könnte es sein, fragte sich der kleine Verein aus Berlin, dass die große Influencerin aus Dortmund mit ihrem ständigen Product Placement für alles, was (si selber) reich und sexy macht, etwa Einkünfte ver-, aber nicht als solche kennzeichnet?
Gibt’s ja gar nicht – gab ein BGH-Urteil der digitalen Oberflächenbrigade recht. Sofern die (natürlich zufällig) drapierten Lifestyle-Marken in vielen ihrer Posts nicht geldwert bezahlt werden, dürfen Cathy & Konsumkonsorten ihre Follower geistig wie materiell weiter vermüllen. Gut, positiv gewendet läuft das Web dadurch nicht mehr nur vor Unflat über. Zum Beispiel jenem, Andy Grote online 1 Pimmel zu nennen, weil er Feiern im Lockdown öffentlich verurteilte, nur um sich kurz darauf selber heimlich mit 30 Gästen zu verlustieren.
Schon okay, könnte man meinen: Wir alle sind pandemiemüde. Wäre der Partyhengst nicht Hamburgs Innensenator, der die Pimmel-Injurie anzeigte, worauf ein Staatsanwalt Donnerstagmorgen um sechs die Wohnung eines Familienvaters (besser: die seiner Ex-Freundin) durchsuchen ließ und Grotes Seelenheil damit höher gewichtet als Artikel 13 GG. Seither ist er nicht nur das Gespött aller Kanäle; selbst die Washington Post berichtet davon. #pimmelgate steht im Twitter-Ranking zudem auf 1 und damit die Frage im Raum, ob einige gleicher sind als andere.
Hätte der Beleidiger bloß eine von Grotes SPD-Kolleginnen Drecksfotze genannt oder aufgerufen, Grüne zu hängen – nach einschlägiger „Recht“-Sprechung wäre es von der Meinungsfreiheit gedeckt. Bleibt die Frage, warum ein Polizist den Senator zur Anzeige einer so drolligen Beschimpfung gedrängt und damit den Kneipenwirt denunziert hatte. Denunziation – ein Wort, dass CSU-General Markus Blume Bayerns grüner Fraktionschefin Katharina Schulze am Mittwoch, also Tage nur, nachdem Rezo seine Union erneut nach Strich und Faden demontiert hatte, vor die Talkshowfüße warf.
Keine so gute Idee. Sandra Maischberger entlarvte seinen Ärger über ein baden-württembergisches Onlineportal für Steueranzeigen nämlich nicht nur als digitalisierungsfeindlich; sie hielt ihm ein baugleiches Portal in Blumes Freistaat entgegen, worauf der CSU-Denunziant fast verstummte. Das hätte man übrigens auch Jan Böhmermann gewünscht, als er in einem Anflug bräsiger Cancel-Culture forderte, Corona-Querköpfen von Kekulé bis Streeck Talkverbot zu erteilen. Verstummen, das wäre auch beim gestrigen ARZDF–Triell gelegentlich schön gewesen – so konfus, wie Maybrit Illner und Oliver Köhr den Hahnenkampf von Laschet und Scholz zuweilen moderiert haben.
Die Frischwoche
14. – 19. September
Das dürfte nächsten Sonntag nicht mal der dritte und letzte Dreierdisput beim journalistisch selbstverzwergten Sat1 mit dem journalistisch selbstbewussten Schwesterkanal Pro7 noch unterbieten. Aber vielleicht wird es heute ja ein wenig strukturierter, wenn die ARD das Spitzenpersonal von FDP, CSU, AfD und Linke parallel zum Auftakt des neuen Pro7-Magazins Zervakus & Opdenhövel.Live im Vierkampf nach dem Triell aufeinanderhetzt. Morgen folgt im ZDF-Wahlforum dann noch Klartext, Herr Scholz, Donnerstag komplettiert von Klartext, Frau Baerbock, Mittwoch unterbrochen in der ARD-Wahlarena mit Armin Laschet.
Während die Privatsender wieder in den Ablenkungsmodus billiger Unterhaltung von Bauer sucht Frau bis Biggest Loser verfallen, suggerieren die öffentlich-rechtlichen zumindest kurz, die Primetime ließe sich mit relevanter Information bespielen. Zentraler sind und bleiben dort jedoch auch dieser Tage Krimi-Reihen wie Die Jägerin (Dienstag, ZDF) oder Nord bei Nordwest (Donnerstag, ARD). Bei den Streamingdiensten zentraler sind dagegen mittlerweile Dokus wie eine, die am Mittwoch echt überrascht: Schumacher.
Anders als bei RTL vergöttert Netflix das Leben der verunglückten Benzinschleuder nämlich nicht, sondern analysiert es analysiert. Was der fünfteiligen Terror-Rekonstruktion Turning Point zugleich über die islamistischen Anschläge auf Pentagon und World Trade Center vor 20 Jahren gelingt, die gemeinsam mit der deutschen Guantanamo-Doku Slahi und seine Folterer vom investigativen SZ-Reporter John Goetz belegt, wie nachdrücklich 9/11 den Werte-Kompass demokratischer Nationen wie die USA durcheinander (oder womöglich auch nur ins rechte Lot) gebracht hat.
Weniger dramatisch, weniger politisch, und doch ähnlich sehenswert ist dagegen die lang ersehnte Fortsetzung der erwachsenen Teeny-Serie Sex Education ab Freitag auf Netflix. Am Abend zuvor zeigt das ZDF derweil online first das Serien-Sequel von Dieter Hallervordens Mein Freund, das Ekel, wofür man besser Nonstop Nonsens gemocht haben sollte. In der ARD-Mediathek sucht Oli Schulz tags drauf den Sound of Germany. Und auch Arte geht mit seiner südafrikanischen Drama-Serie Hopeville um einen Alkoholiker und seinen Sohn parallel zunächst mal ins Netz.
Ralf Schmitz: Punchline & Paar Wars
Posted: September 9, 2021 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Krieg unter Paaren
Comedian Ralf Schmitz (Foto: Boris Breuer) entwickelt sich gerade zum Beziehungsexperten. Nach der RTL-Datingshow Take Me Out moderiert er nun Paar Wars bei Sat1. Ein Gespräch über Alltagskomik, Katzenfimmel, Paartherapie und ob er mal Kanzler werden will.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Schmitz, der Name Ihrer neuen Sat1-Beziehungsshow Paar Wars klingt ganz schön martialisch.
Ralf Schmitz: Jetzt, wo Sie’s sagen.
Ist das nur eine tolle Punshline oder ernst gemeint?
Beides. Es ist ein Krieg unter Paaren, aber im humoristischen Sinne. Die kämpfen schon richtig gegeneinander ums Preisgeld, aber auch untereinander um Teamfähigkeit, Stressresilienz, Verständnis, Vertrauen. Wer all das mitbringt, kommt weiter – in der Show wie in der Beziehung.
Klingt wie eine paartherapeutische Mischung aus Ulla Kock am Brinks 100.000-Mark-Show und Jürgen von der Lippes Geld oder Liebe?…
Ach, Ähnlichkeiten gibt es im Showgeschäft immer wieder, aber diese hier sind ja doch ganz schön lang her, um nicht uralt zu sagen. Paare mussten sich im Fernsehen schon oft unter Beweis stellen, allerdings häufig eher akrobatisch. Bei uns offenbaren Paare, ob und was sie sich vormachen, voneinander wissen oder nur zu wissen glauben. Es geht also um Klischees, aber auch Überraschungen und ist daher keine Paartherapie mit Tiefenanalyse, sondern eine Beziehungsshow mit Humor.
Spätestens da käme dann Ralf Schmitz ins Spiel, der als Comedian Expertise in Sachen Alltagskomik mitbringt und als Moderator die RTL-Show Take Me Out moderiert.
Moderierte. Ich habe mich entschlossen, ein paar Formate wie dieses hier gemeinsam mit Sat1 und meinem Team zu entwickeln, und Take Me Out deshalb kürzlich beendet. Mir ist ja immer sehr wichtig, Menschen vor der Kamera auf Augenhöhe kennenzulernen. Es könnte also sein, dass die Verantwortlichen mich als spontanen, freundlichen, schlagfertigen Komiker mit Stand-up- und Paarshow-Erfahrung wollten, aber das müsste man die fragen.
Was außerdem hilfreich sein kann, sind – um mal von hinten durch die Brust ins Auge ein bisschen Gossip abzufragen – persönliche Beziehungserfahrungen…
(lacht) netter Versuch!
Bislang schaffen Sie es gut, Ihr Privatleben abgesehen von Ihrem Katzenfimmel vollständig aus der Öffentlichkeit herauszuhalten.
Katzenfimmel?! (lacht laut) Das hat sich noch niemand getraut, super.
Immerhin sind Sie 2008 mit einem Buch über ihre Katze durch alle Talkshows getingelt.
Trotzdem bin ich kein Freak mit 18 Stück, aber in der Tat ein katzenaffiner Mensch.
Sind Sie denn auch ein frauenaffiner Mensch und können bei der Moderation ein wenig aus dieser Lebenserfahrung schöpfen?
Nicht mehr oder weniger als andere Menschen mit mehreren Beziehungen im Leben, aber natürlich trägt man den privaten Kosmos als Komiker immer auch ein bisschen mit rein ins Berufliche. Für mich zum Beispiel war es in Beziehungen stets wichtig, das Gespräch zu suchen, Kompromisse, Fehler zu akzeptieren und authentisch zu bleiben, sich und der Partnerin nichts vorzumachen. Als Kandidat meiner eigenen Show wären das schon mal ganz gute Voraussetzungen.
Würden Sie die denn dann tendenziell gewinnen, Ihrem hohen Anspruch als Moderator also auch selber genügen?
Mit einigen meiner bisherigen Partnerinnen vermutlich schon. So wahnsinnig viele Beziehungen hatte ich gar nicht, aber mit der ersten wäre das womöglich schwieriger. Die Show wäre jedenfalls ein guter Gradmesser.
Obwohl sie nicht müde werden, den paartherapeutischen oder zumindest -analytischen Ansatz hervorzuheben, bleibt sie am Ende aber doch leichte Unterhaltung. Gibt es dafür, angesichts der katastrophalen Situation in aller Welt, gute und schlechte Zeiten?
Ich finde ja, aber gute Unterhaltung, egal ob leicht oder schwer, hat immer ihre Berechtigung. In guter Zeit sowieso, weil sie das Lebensgefühl widerspiegelt. In schlechter Zeit sogar noch mehr, weil sie für ein paar Stunden die Möglichkeit zum Abschalten schafft. Das darf man nicht unterschätzen.
Meinen Sie, das Angebot des Fernsehens steuert die Nachfrage der Zuschauer diesbezüglich bewusst?
Oh, das setzt zum einen voraus, dass es das Fernsehen gäbe. Zum anderen sind die Prozesse von der Idee bis zur Ausstrahlung einer Fernsehsendung viel zu lang, um auf aktuelle Befindlichkeiten reagieren zu können. Eine Spendengala wie die, bei der ich auf Sat1 für die Flutopfer mitgeholfen habe, ist da was anderes; das geht als direkte Antwort spontan. Aber das dank der Katastrophen und Krisen in aller Welt jetzt plötzlich mehr oder weniger Unterhaltung entsteht, glaube ich nicht. Trotzdem ist gutes Entertainment auch als Antwort auf den grassierenden Zynismus überall gerade wichtiger denn je.
Wie ist es denn mit Ihnen als Komiker: Empfinden Sie angesichts der Welt am Abgrund das Bedürfnis, ihr lustiges Alltagsallerlei um etwas Politik zu erweitern?
Das kann ich nicht ausschließen, aber jeder muss letztlich das tun, was in ihm steckt. Und es gibt bereits genügend ganz wunderbare Kabarettisten, Satiriker, auch ein paar Comedians, die das hervorragend können. Ich sorge eher für die Auszeit vom Abgrund, da liegt mein Talent. Wer weiß – wenn es mich irgendwann kitzelt und ich es mir zutraue, werde ich vielleicht auch mal politischer. Momentan aber gucke ich den Menschen lieber aufs Herz als ins Gewissen. Ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen, Gott bewahre…
Loriot!
Der hat auch lieber den Menschen beim Menschsein zugesehen als es politisch zu analysieren.
Wobei seine Kunst darin bestand, den Leuten durch scheinbar harmlose Beschreibung ihre bürgerlichen Abgründe aufzuzeigen.
Unter anderem. Abzüglich seiner Einzigartigkeit möchte ich das auch.
Stichwort Berufsperspektiven: In letzter Zeit haben Komiker in Ländern wie Island, Italien, der Ukraine sogar politisch Karriere bis hoch zum Staatspräsidenten gemacht. Wäre das was für Sie?
(lacht) Spannende Idee, aber nein. Das ist nix für mich. Wir alle denken ab und zu, wenn man mich nur ließe, dann… Abgesehen von mangelnden Nehmerqualitäten, bestünde mein Problem aber schon darin, dass ich dazu neige, Dinge zügig umsetzen zu wollen. Nicht hektisch, wohlgemerkt, auch wenn ich so rede; aber schnell und vor allem gründlich. Das ist der politischen Entscheidungsfindung fremd. Bei all den Stöcken, die einem in der Politik zwischen die Beine geworfen werden, hätte ich außerdem nach drei Jahren einen Herzinfarkt. Damit wäre ja auch niemandem gedient.
Weidels Lindner & Yardims SaFahri
Posted: September 6, 2021 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
30. August – 5. September
Vor der Fernsehdebatte ist nach der Fernsehdebatte ist in der Fernsehdebatte ist drei Wochen vor der Bundestagswahl Fernsehdauerdebatte. Nachdem es beim RTL-Triell nur einen Sieger, besser: eine Siegerin gab, nämlich die sehr souveräne Pinar Atalay, wandert der Fernsehdebattenzirkus weiter zur ARD-Wahlarena, heute mit Annalena Baerbock, Dienstag mit Olaf Scholz, am 15. dann – also weit näher am Stichtag – mit Armin Laschet, der dafür am Donnerstag parallel zur Sat1-Schulimitationsgaudi Kannste Kanzleramt im ZDF Klartext reden soll und dabei von allerlei Talkshows zum selben Thema umrahmt werden.
Dieses politische Sperrfeuer kann durchaus hochinteressant werden wie Christian Sievers’ Sechserdebatte im ZDF, bei der sich die Spitzenkräfte aller prozentuell aussichtsreichen Parteien zuletzt deutlich lebendiger gezankt hatten als ihre Kanzlerkandidat*innen zuvor. Wobei auffiel, wie oft Christian Lindner und Alice Weidel einer Meinung waren. Einer Meinung war offenbar auch der Bertelsmann-Vorstand und Leitung von CEO Thomas Rabe, der grad Verblüffendes verkündete: die künftige RTL-Führung nämlich besteht aus Stephan Schäfer und Matthias Dang aus dem Hause des neuen Lovers Gruner + Jahr.
Das allein ist wenig überraschend; beide haben die Verlagshierarchien von Grund auf durchlaufen. Interessanter ist da schon ihr mutierter Chromosomensatz. „Der Kahlschlag beim Führungspersonal“, klagt ein offener Brief von ProQute Medien angesichts der neuen, alten Männermacht on top, „betraf bei RTL vor allem Frauen“. Es sei absurd, „dass Medien diverser gemacht werden müssen“, führen die Kritikerinnen fort, und hier „passiert im wahrscheinlich bald größten journalistischen Unternehmen Deutschlands das Gegenteil“. Da drängt sich also der Verdacht auf, die geplanten 100 Millionen Euro Einsparungen nach der Zusammenlegung ab 1. Januar könnte mehrheitlich Frauen betreffen.
Manchmal und wirklich nur in Momenten zynischer Entgleisung klänge es fast schon wünschenswert, die Erde wäre ein Raumschiff, das auf der Rückreise von Exoplaneten versehentlich außerirdische Monster transportiert, die nach und nach das männliche Personal dezimieren, bis ihm die letzte Frau an Bord den Garaus macht. Klingt schwer nach Alien, ist also Science-Fiction, verdient ab Freitag aber neue Beachtung.
Die Frischwoche
6. – 12. September
Dann nämlich zeigt Sky seine Eigenproduktion Memory, in der die bemerkenswerte Entstehungsgeschichte des für viele vielleicht besten Zukunft-Thrillers aller Zeiten dokumentiert. Nie zuvor und selten danach wurde futuristische Klaustrophobie erschreckender inszeniert als 1977 von Ridley Scott. Neueren Datums und daher mit mehr Digitaleffekten als Kulissenschieberei funktioniert das Spin-off der American Horror Story im Plural, also Stories, ab Mittwoch bei Disney+.
Irritierend realistisch und doch artifiziell ist SaFahri. Rätselfüchse erkennen womöglich schon am Titel, wen Sky da ab Donnerstag auf eine Expedition zu den vier Elementen im Zeichen von Umweltzerstörung und Klimawandels schickt. Na? Genau: Fahri Yardim. Weil der nun mal eher Ulknudel als Forscher ist, aber sehr schlagfertig staunen kann, ist der Vierteiler zwar eher drollig als lehrreich. Aber vielleicht werden so ja ein paar Querdenker auf die Abbiegespur von Verstand und Fakten umgeleitet. Vielleicht glotzen sie aber doch auch bloß Giovanni Zarella in seiner gleichnamigen Volksschlagersause, Premiere Samstag im ZDF, wer weiß.
Für vernunftbegabtere Zuschauer ohne Geschmack läuft dort Montag und Dienstag das Mafia-Drama Im Netz der Camorra mit Tobias Moretti. Leider badet Regisseur Andreas Prochaska den Zweiteiler so pathetisch in Konventionen, dass selbst in Actionszenen die Füße einschlafen. Ganz anders ein Achtteiler für vernunftbegabtere Zuschauer mit Geschmack beim Ableger Neo: In Trigonometry vermischt die BBC eine maximal diverse Dreier-WG zur Menage à Trois, die allerhand über unsere Gesellschaft erzählt.
Weil Netflix die Pressefreiheit eher weniger wertschätzt und Fernsehkritiker*innen nach Gutsherrenart, also sehr willkürlich, mit Ansichtsmaterial füttert, sollte man dessen Formate eigentlich ignorieren, aber der deutsche Actionthriller PREY mit David Kross und Hanno Koffler ab Freitag ist eh nicht weiter der Rede wert.
Heide Keller: Beatrice & Ungeduld
Posted: September 1, 2021 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt | 1 CommentIch habe eben Humor
Heide Keller, besser bekannt als Traumschiff-Chefstewardess Beatrice – auf dem ZDF-Foto aus den 80ern zwischen den damals noch völlig unbekannten Robert Redford und Stewart Granger – ist mit 81 gestorben. Erinnerung an einen Superstar des Regenbogenfernsehens – in Gestalt eines Interviews zu ihrem Rückzug vom Traumschiff vor vier Jahren.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Keller, auf ihrer letzten Fahrt mit dem Traumschiff sagt Beatrice zu Käpt‘n Victor, der Job habe ihr nur Freude gebracht, deshalb wolle sie aufhören, bevor er zur Belastung wird. Spricht da Heide Keller auch ein bisschen selbst durch ihre größte Rolle?
Heide Keller: Genau das ist auch meine Meinung, deshalb sagen wir es beide zugleich.
Ich selbst hab Ihre Jungfernfahrt vor 36 Jahren noch im Frotteeschlafanzug gesehen und kann mir die Sendung ohne Beatrice gar nicht vorstellen.
Ach, das höre ich gern, da freue ich mich.
Können Sie sich ein Traumschiff ohne Beatrice denn vorstellen?
Das kann ich. Nach 37 Jahren Arbeit an dieser Reihe blicke ich ja auf eine sehr glückliche, erfüllte Zeit zurück. Aber man muss auch wissen, wann etwas vorbei sein sollte. Ich kenne den Plan des ZDF, dieses Vorzeigeprodukt noch möglichst lange weiter zu drehen, und wünsche ihm auch ohne mich allzeit gute Fahrt und immer ‘ne Handbreit Wasser unterm Kiel.
Wer könnte denn Ihren Part übernehmen?
Erster Vorwurf, Herr Freitag. Ich bin streng, das weiß ich, aber das sollte man wissen. Als neues Mitglied der Stammbesatzung kommt Barbara Wussow hinzu, eine sehr gute und erfahrene Schauspielerin.
Aber ja nicht als Chefstewardess – darauf zielte die Frage ab.
Nein, als Direktorin des Hotels an Bord. Beatrice, also die Chefstewardess, bleibt unbesetzt. An ihrer Stelle wurde ein kleiner Sockel mit Trikot hingestellt. Verstehen Sie was ich meine?
Vermutlich nicht, dass nun ein kleiner Sockel mit ihrer Uniform im Gang steht?
Natürlich nicht, das war ein Witz. Ich habe eben Humor und bin berühmt für meine Pointen. Der einzige, der diese hier verstanden hat, war bislang Herr Kerner. Man muss schon richtig hinhören. Frau Keller ist alt und streng.
War Barbara Wussow denn schon als Passagier an Bord?
Einmal, ja. Ich weiß aber nicht mehr wann und in welcher Folge.
Wissen Sie noch, wer Ihr allererster Gesprächspartner in der allerersten Folge war?
Der erste Satz, der jemals fürs Traumschiff gesprochen wurde, war meiner, morgens um acht auf Barbados zu Maria Sebaldt: Wo wollte ihr Mann denn hin? Aber wir haben ja nicht chronologisch gedreht, von daher könnte ich im Film zunächst mit jemand anderem geredet haben.
Walter Richter, damals zugleich der allererste „Tatort“-Kommissar Trimmel.
Und bei uns der Gewinner eines Fernsehquiz.
Ein Mann aus der Unterschicht, der sich im Urlaubsdomizil der Oberschicht spürbar unwohl fühlt. Das ist heutzutage kaum mehr vorstellbar oder?
In der Tat. Diesen Glamour gibt es ja heute nicht mehr. Leider. Durch die vielen Ozeanwohnblocks ist die Kreuzfahrt als Ereignis fast ausgestorben. Ich weiß gar nicht, was es mit einer Schiffsreise zu tun haben soll, im Hochhaus um die Welt zu schippern. Deshalb freut es mich auch so, dass das ZDF für die Produktion ein echtes Schiff mit richtigem Bug finden konnte. Es heißt ja Traumschiff, nicht Traumklotz.
Sie trauern der Exklusivität des Kreuzfahrens nach?
Ich versuche grundsätzlich, möglichst wenigen Dingen nachzutrauern. Alles hat seine Zeit. Unsere war diesbezüglich sehr besonders; und es gibt ja noch ein paar Schiffe unserer Art.
Andere Passagiere der ersten Stunde trugen Namen wie Josef Meinrad, Bruni Löbel, Günter Lamprecht, Ursula Monn, Manfred Krug, Wolfgang Kieling, Monika Peitsch, Ivan Desny – alles seinerzeit Superstars mit Bühnenerfahrung. Warum fahren von denen heute so wenige mit?
Weil es die gar nicht mehr gibt. Jeder, der mal in irgendeiner Soap drei Sätze gesagt hat, bezeichnet sich selbst als Star. Und dass die wenigen, die diesen Titel wirklich verdienen, nicht mitmachen, liegt vermutlich daran, dass der Markt mit Massenware, vor allem Krimis, überschwemmt wird. Da fehlt vielen schlicht die Zeit. Außerdem werden Schauspieler längst wie Wegwerfware behandelt. Wenn einmal die Quote nicht stimmt, wird das Format eingestellt.
Haben Sie sich je so behandelt gefühlt?
Nie. Ich hatte das Glück, dass zwischen mir und der Fernsehwelt, in der die Entscheidungen getroffen werden, immer ein Mensch dazwischen war, der alles von uns Schauspielern ferngehalten hat.
So wie Sie die Lage schildern…
Wenn Sie intelligent wären, würden Sie mich jetzt fragen, welcher Mensch das war?
Ach, die Antwort von eben klang, als hätte es an ihrer Seite immer Menschen gegeben, die sich um Sie persönlich bemüht hätten, nicht ein bestimmter.
Natürlich war es ein bestimmter. Und zwar Wolfgang Rademann.
Der dem deutschen Fernsehen auch die Schwarzwaldklinik geschenkt hat.
Genau der. Rademann war derjenige, der immer dafür gesorgt hat, dass all der Mist hinter den Kulissen nie bis zu uns Darstellern vorgedrungen ist.
Künstlerisch hat ihm das Feuilleton stets vorgeworfen, das Publikum mit leichter Kost zu unterfordern.
Das lag aber nicht an Wolfgang Rademann, sondern einem Großteil sogenannter Journalisten, die es nicht mitkriegen, wenn etwas lustig ist. Weil lustig als Gegenteil von gut gilt. Als Dieter Hallervorden mit „Honig im Kopf“ Preis um Preis gewonnen hat, war das Erstaunen daher groß. Komik hat was mit Können zu tun; das können viele Journalisten, aber auch Schauspieler nicht beurteilen. Als sei Unterhaltung minderwertig… Kein geringerer als Berthold Brecht hat doch mal gesagt: Theater ist in erster Linie Unterhaltung. Das war meine Antwort.
Wobei die Kritik weniger dem Humor galt als der Ausblendung aller Probleme, die sich nicht bis zum Käpt’ns-Dinner lösen lassen.
Ach wissen Sie, es gibt doch auch Märchen. Deshalb heißt die Serie auch nicht Realitätsschiff oder Problemschiff oder Konfliktschiff, sondern Traumschiff. Wir erzählen Träume. Wer das nicht versteht, soll abschalten und weiter Krimis gucken.
Als Harald Schmidt von Journalisten ohne Ahnung gefragt wurde, warum er sich das Traumschiff antue, sagte er sinngemäß, weil er sonst nirgends beim Arbeiten Urlaub machen könne und umgekehrt.
Gute Antwort.
Wohin verreist man, wenn man wie Sie schon jeden Hafen der Welt angelaufen hat?
Dorthin, wo ich gerne bin. Wie jedermann. Im Sommer nach Italien oder Frankreich oder an die Nordsee. Lange Flüge mache ich nicht mehr.
Haben Sie je privat eine Kreuzfahrt unternommen?
Habe ich auch mal.
Gerät man als Chefstewardess mit jahrzehntelanger Berufserfahrung da nicht in so eine Art Arbeitsmodus und betrachtet das Schiff durch die Augen der Kamera?
Nein, wenn ich privat bin, bin ich privat. Auf Reisen bin ich doch keine Kritikerin.
Beenden Sie nach ihrem Abschied vom Traumschiff eigentlich auch ihre Schauspielkarriere insgesamt?
Den Gefallen werde ich Ihnen nicht tun. Ich beende eine wunderbare Phase meines Lebens, das damit hoffentlich noch lange nicht zu Ende ist. Meine Hoffnung ist eine Rolle, in der ich endlich mal so alt sein darf, wie ich bin.
Dafür alles Gute, Frau Keller.
Danke. Und verzeihen Sie meine Ungeduld.
Baerbocks Winnetou & Tschirners Antwort
Posted: August 30, 2021 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
23. – 29. August
Was in diesem Fall aber nicht an den Moderatoren lag. Gut, Pinar Atalay und Peter Kloeppel haben der Grundhaltung ihres Arbeitgebers gemäß Olaf Scholz Sonntagabend über 109 Minuten hinweg dreimal so oft unterbrochen wie Armin Laschet und den Unionskandidaten auch sonst öfter ungeschoren gelassen (was sie allerdings mit ARD-Chefredakteur Oliver Köhr gemeinsam hatten, der seinen Sommergast Markus Söder kurz zuvor mit jeder Sozialismus-Polemik davonkommen ließ). Ansonsten war ihr Auftritt maximal souverän.
Damit haben sie sich minimal von der Anschlussanalyse unter Leitung von, kein Witz: Regenbogen-Reporterin Frauke Ludowig, unterschieden. Während die Schwarze Tanz-Jurorin Motsi Mabuse voll auf Seiten Baerbocks war, schlug sich der weiße Millionär Günther Jauch noch viel voller auf die von Armin Laschet, derweil beide mit Micky Beisenherz (Moderator), Louisa Dellert (Influencerin), Nikolaus Blome (Salon-Zyniker) beherzt auf Scholz eindroschen. Überhaupt – Blome: einst neoliberalkonservative Kampfsau der Bild, bei RTL durchaus präsidial im Ton.
Das passt perfekt zur Seriositätsoffensive der Privatsender. Nach einer Woche verblüffend gehaltvoller Interviews mit klarer Kante gegen alles links der FDP, fiel die Kritik an Bild TV nach einer Sendewoche da eher durchwachsen aus. Was ProSiebenSat1 mit abgekauftem ARZDF-Personal auf die Beine stellt, steht indes noch aus. RTL extra dagegen scheitert bislang furios am eigenen Anspruch, dem zurückgebliebenen ARZDF-Personal auch nur im Abspann Konkurrenz zu machen. Mit Pensionären wie Jan Hofer…
Apropos: während Schauspieler*innen wie Benedict Cumberbatch oder Suzanne von Borsody den Gender Pay Gap kritisieren, kritisiert Dieter Hallervorden lieber das Gendern. Damit befindet er sich in Gesellschaft grauer Alpharüden wie Heiner Lauterbach, die mit der Moderne ja grundsätzlich fremdeln – und das übrigens auch dürfen. Schließlich ist es ein Privileg des Alters, an der Vergangenheit zu hängen.
Die Frischwoche
30. August – 5. September
Das Privileg Todgeweihter hingegen ist es, der Welt alle Sympathie zu entziehen. Kida Khodr Ramadans Krebs-im-Endstadium-Patient Nabil murrt sich Dienstagabend deshalb sehr glaubhaft durch die erste Viertelstunde des ARD-Dramas In Berlin wächst kein Orangenbaum, bevor sein Regiedebüt den Tonfall wechselt. Denn zurück in Freiheit lernt der Polizistenmörder seine 17-jährige Tochter kennen und mit ihr die Lebensfreude. Das ist zwar nicht frei von Klischees, aber sehr real anrührend.
Zum Glück gilt das nicht für The Handmaid’s Tale, die am Donnerstag bei Magenta TV in die 4. Staffel geht. Zu absurd ist die misogyne Dystopie, zu verstörend, aber eben auch unverdrossen brillant. Das sagen Krimi-Fans ebenfalls über den britischen Vierteiler Guilt um einen innerfamiliären Todesfall mit Folgen, zeitgleich (22 Uhr) bei Arte. Für Comedy-Fans empfehlenswert ist zwei Tage zuvor Only Murders in the Building auf Disney+ von und mit dem unverwüstlichen Steve Martin um drei New Yorker True-Crime-Fans, die zehn Folgen lang plötzlich Real-Crime erleben.
Am Sonnabend sucht Nora Tschirner im Arte-Infotainment Die Antwort auf fast alles von Wissenschaft über Kultur bis Tralala, seit Douglas Adams bekanntlich die 42. Und am Abend zuvor startet der sehr sympathische Ralf Schmitz bei Sat1 sogenannte Paar Wars, die ein bisschen an Linda de Mol bei der 100.000-Mark-Show erinnern. Neo zeigt dienstags ab 23.45 Uhr die queere Comedy The Drag on Us, Starzplay sonntags die RomComSerie Live Life. Und dann steuern wir fast schon aufs nächste Triell zu, also Entertainment, das wir mit Armin Laschets Bitte beenden, er wolle von Olaf Scholz nur drei Worte hören: „Nicht mit der Linken.“
Hofer blödelt & Mädel liefert
Posted: August 23, 2021 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
16. – 22. August
Die groß angekündigte, personell fremdgespeiste Nachrichtenoffensive deutscher Privatsender ist seit Monaten zumindest brancheninternes Gesprächsthema Nr. 6-7. Mit allerlei Abwerbungen öffentlich-rechtlicher Journalist*innen (zuzüglich Matthias Opdenhövel) wollen Vollprogramme wie RTL und ProSieben (zuzüglich Sat1) ja künftig den Platzhirschen von Tagesschau oder heute Konkurrenz machen. Gute Idee! Aber die Umsetzung?
Nun ja…
Als RTL Direkt Anfang voriger Woche nach dem heute-journal, also parallel zu den Tagesthemen auf Sendung ging, war das Bemerkenswerteste daran die fehlende Krawatte von Jan Hofer – schon, weil der eben kein Moderator, sondern Ansager ist und mit seinem Studiogast Annalena Baerbock herzlich wenig anzufangen wusste. Schlimmer noch: während Marietta Slomka im echten Interview mit einem Bundeswehr-Insider über die Lage in Afghanistan zu Tränen gerührt war, schaltete der reaktivierte Rentner zu einem Komiker und machte das Infotainment-Format mit Talkshowelementen endgültig zur Farce.
Einer Farce mit Ausbaupotenzial immerhin, aber der westlich verordneten Katastrophe am Hindukusch mit so wenig Empathie und Kompetenz entgegenzutreten, das war schon ein veritables Armutszeugnis. Zumal es Hofers dortige Kolleg*innen sind, die mit einem Berufsverbot der Taliban sogar noch gut bedient wären, tendenziell aber doch eher ums nackte Überleben kämpfen. Womit wir, über Umwege, bei seiner kaiserlichen Heiligkeit, Georg Friedrich Prinz von Preußen sind, den man nun gerichtsfest „klagefreudig“ nennen darf.
Klagefreudigklagefreudigklagefreudig.
Der Hohenzollern-Zögling kämpft verbissen darum, die nationalsozialistische Vergangenheit seiner Sippe so kleinzureden, dass er all jene Reichtümer zurückerhält, die sie auf Leichenbergen geknechteter Untertanen erwirtschaften konnte. Dass auch der nächste Versuch, die Berichterstattung darüber zu behindern, abgewiesen wurde, dürfte ihn aber bei seinem Feldzug gegen Presse- und Meinungsfreiheit nicht weiter stören.
Die Frischwoche
30. August – 5. September
Wenn der standesbewusste Preußenprinz fernsieht, dürfte er morgen statt Tagesthemen oder RTL Extra also lieber also lieber Disney und SWR einschalten. Ersterer zeigt um 20.15 Uhr das Adelsfest Victoria, die junge Kaiserin, in dem der Hochadel prächtig wegkommt, letzteres holt (23.15 Uhr) die Schwarzweißromanze Ein Herz und eine Krone aus der Mottenkiste. Und das ZDF kommt schon deshalb nicht für Georg Friedrich infrage, weil es statt der üblichen Königshausdoku die Politikdoku Volksparteien ohne Volk zeigt.
Besser dürfte ihm da eine Serienoffensive von TVNow gefallen. Der RTL-Dienst streamt ab Donnerstag die erste von drei Kostümserien aristokratischer Glanzzeiten namens Belgravia. Sechs Teile lang geht es darin um dynastische Liebesfragen im London nach der Niederlage Napoleons geht. Noch früher und damit noch spekulativer, aber auch noch aufregender wühlt die dritte Staffel der Sky-Serie Britannia ab morgen in der englischen Geschichte. Womit der klagefreudig Fritz vermutlich weniger anfangen kann, ist die Dokumentationsreihe Fight for Power, in der die Schwarze Basketball-Legende Kareem Abdul-Jabbar auf History Play durch amerikanische Protestbewegungen der vergangenen 100 Jahre reist.
Geliefert mit Bjarne Mädel als prekärer Paketbote mit pubertierendem Sohn (Freitag, 20.15 Uhr, Arte) dagegen dürfte zu sozialkritisch sein, weshalb ihm dies empfohlen sei: Staffel 1 der dunklen Amazon-Komödie Kevin Can F*** Himself über weibliche Selbstermächtigung, die Disney-RomCom Vacation Friend um seltsame Mexiko-Urlauber oder die sechsteilige Sky-Satire The White Lotus aus einem Luxusresort auf Hawaii, alles freitags. Abends zuvor startet joyn+ Staffel 4 der Fremdschäm-Komödie Jerks mit Fahri Yardim & Christian Ulmen als Fahri Yardim & Christian Ulmen. Noch was? Nein. Denn dass die Journalismus-Simulation Bild nun eine TV-Lizenz hat, muss ja wohl eine Fake-News à la Springer sein…
Martin Gore, Tropical Fuck Storm, Villagers
Posted: August 20, 2021 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentMartin Gore
Wenn Bandlegenden fremdgehen, gibt es meist nur zwei Durchbruchsvarianten: maximale oder minimale Distanz zum Hauptwerk. Mike Patton macht seit vielen Jahren ersteres und klingt in keinem seiner Sideprojekte ansatzweise nach Faith No More. Karl Barthos macht ähnlich lang letzteres und klingt dabei genau wie Kraftwerk. Martin Gore wählt dann doch den Zwischenweg. Schon mit seiner Kollaboration MCMG hat der Keyboarder den Sound von Depeche Mode auf Minimal House gebürstet. Jetzt bringt er sein drittes Soloalbum heraus, und es klingt ein bisschen, als hätte man Dave Gahan geknebelt in heißes Wachs geworfen und beim Zappeln aufgenommen.
Zu nostalgischem Kellerclub-Industrial der späten Achtzigerjahre, schwitzt Martin Gore rustikalen Techno aus, als sei er auf einer der ersten Love-Parades hängengeblieben. Es muss allerdings gutes Zeugs gewesen sein, denn besonders die reduzierten Hallsequenzen überm treibenden Beat entfalten ungeheure Sogwirkung. Ursächlich sind dafür Elektroniker von JakoJako über Jlin bis Chris Liebing, denen er Remixe widmet, die mit Depeche Mode alles und nichts zu tun haben. Deren Ideenreichtum ist spürbar, mangels Gesang aber leicht vereinsamt – und dennoch tanzbar.
Martin Gore – The Third Chimpanzee (Mute)
Tropical Fuck Storm
Ob man den Namen eines Musiklabels buchstäblich auf dessen Bands anwenden sollte, sei mal dahingestellt, aber dass die australischen Harmonie-Zerstörer Tropical Fuck Storm ihr neues, viertes Album nun ausgerechnet bei Joyful Noise veröffentlichen, ist schon bemerkenswert. Dabei passt der zweite Namensteil noch wie Eisenträger auf Wellblech. Das Quartett aus Melbourne mit dem Drones-Gründer Garreth Liddiard an der Gitarre, macht ja seit Jahren schon eine Art Noise, der bis zum Tinnitus Schmerzgrenzen auslotet. Aber freudebringend?
Für Fans dystopischen Antipops auf jeden Fall! Der zottelige Hahn im Drahtkorb der Soundforscherinnen Fiona Kitschin, Lauren Hammel und Erica Dunn schreibt schließlich Stücke von so überfrachteter Gerissenheit, dass krasser Krautrock perfekt mit Punk Blues und Alternative Jazz disharmoniert. Deep States, das sich inhaltlich ziemlich originell mit den Abgründen zeitgenössicher Politik und Kultur befasst, mag zwar nichts für den Sommernachmittag im Schrebergarten sein. Nur – wer will das auch schon…
Tropical Fuck Storm – Deep States (Joyful Noise)
Villagers
Stichwort Sommernachmittag, Stichwort Schrebergarten, Stichworte Disharmonie und Abgründe: Wenn an einer Platte nichts zusammenzupassen scheint und doch alles ineinander übergeht wie Emulisionen aus Saft und Sahne – dann sind wir schnell beim irischen Singer/Songwriter Conar O’Brian und seiner absolut hinreißenden Folkpopband Villagers. Als würde er mit einer Kreuzfahrtschiff-Kapelle Zappa interpretieren, planscht die Band im Flachwasser des Easy Listening und wühlt es dennoch gehörig auf.
Schließlich fläzt sich das halbe Dutzend Bandmitglieder auf einer Bläserluftmatratze voller Saxofon-Kissen aus dem Höllenpfuhl der Achtzigerjahre, schmiert quietschbunte Keyboard-Cocktails mit öligen Orgeltupfen ein und fettet sogar noch den kratzigen Schmusegesang des Taktgebers so nach, dass Sommernachtmittage im Schrebergarten plötzlich sehr erstrebenswert scheinen. Mit dem richtigen Soundtrack. Diesem hier: Fever Dreams.
Vilagers – Fever Dreams (Domino)
Fritz Wepper: Schwiegersohn & Grantler
Posted: August 19, 2021 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentHumor ist auch Selbstironie
Er ist Harry Klein und dessen Parodie, verhinderter Hollywoodstar und Schnulzenschauspieler, ewiger Schwiegersohn, alternder Dickschädel und für kurze Zeit angeblich rechtsradikal. Fritz Wepper (Foto ARD/Barabara Bauriedl) war schon immer von Vorurteilen bedroht, die er sich nicht selten selbst eingebrockt hat. Beim Gespräch über ältere Rollenprofile und falsche Ehrendoktorwürden aber zeigte er sich vor 15 Jahren aufgeschlossen und freundlich. Die Dokumentation eines alten Interviews zum 80. Geburtstag.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Wepper, Sie waren bis ins hohe Erwachsenenalter hinein auf den Typ juveniler Traumschwiegersohn abonniert, bis Sie plötzlich auf alternde Grantler und Dickköpfe gebucht wurden.
Ein bisschen. Das erklärt sich aus der professionellen Sicht des Schauspielers; man nennt es Charakterfach.
Das Fernsehen erweckt insgesamt den Eindruck, als übernähmen alternde Darsteller vor allem den halsstarrigen Part einer Geschichte.
Ich empfinde das nicht ganz so, aber wenn ich den lieben Gott oder den Teufel spielen sollte, dann doch lieber den Teufel. Nicht aus Sympathie For The Devil, der Förster vom Silberwald wäre mir jedoch zu glatt. Beim Faust würde mich der Mephisto mehr reizen. Es gibt Helden oder Bösewichter, dazwischen bewegt sich das klassische Theaterfach älterer Figuren mit mehr Lebenserfahrung als die Schwiegersöhne von damals. Das ist reizvoll, weil sie innerhalb der Geschichte Entwicklungen durchmachen. Sei es eine Läuterung, sei es ein Erfahrungsgewinn, meistens ausgelöst von Partnern oder in diesem Fall der Tochter.
Dickköpfigkeit ist also keine Frage des Alters, sondern der Biografie.
So würde ich das sehen. Ich habe ja im Film ein fortgeschrittenes Alter und stehe von einem Tag auf den anderen ohne Beruf da. Ein leidenschaftlicher Gärtner, der mit den Händen denkt, gern wachsen sieht und plötzlich von einem Großmarkt des amerikanischen Systems verdrängt wird. Das entspricht der Situation von vier Millionen Menschen in unserem Land. Wobei sich ja ein Silberstreif am Horizont abzeichnet. Dennoch zeigt sich, dass nicht jeder unbedingt seines Glückes Schmied ist und so ein sozialer Absturz in einer spätkapitalistischen Phase ist gar nicht so einfach.
Das spricht gegen den Titel Ein unverbesserlicher Dickkopf.
Der Titel ist okay, aber unverbesserlich klingt zu starrhalsig und Dickkopf zu stumpf, beschreibt er doch nur die Richtung der Figur, die ja ihre Chancen nutzt, dazuzulernen. Wenn man mit dem Kopf durch die Wand will, tut es spätestens bei der ersten Berührung weh.
Sie haben sich selbst als sturköpfig bezeichnet, weil sie im Gespräch – etwa mit Ihrer Tochter – gern auf ihrer Position beharren.
Aber das heißt ja nicht unbedingt stur. Unterschiedliche Ansichten sind nichts Verwerfliches; ein Herz und eine Seele zu sein, erklärt sich nicht darin, dieselben Gedanken zu denken, gerade wenn es sich um zwei Generationen handelt. Eltern verhalten sich zum Beispiel anders zu ihren Kindern als Großeltern, bei aller Liebe. Bei meiner Großmutter hätte ich im Bereich des Verträglichen alles tun können. Wie bei Freunden, wo man einen Riesenkredit hat, ihn aber gar nicht abhebt, ohne Druck, ohne erhobenen Zeigefinger. Eltern müssen strenger sein und ich bin immer noch das Kind meiner Mutter und nicht Fritz, sondern Fritzi. Die ist zwar 88 aber das bleibt so.
Eltern hassen Großeltern oft für deren Nachsicht mit den Enkeln.
Bei uns ist das nicht so und es ist ja auch kein Konkurrenzunternehmen. Meine Tochter geht einmal in der Woche mit meiner Mutter zum Essen und das finde ich als Vater toll. Deshalb sehe ich mich nicht als Dickkopf, wenngleich es wenig schmeichelhaft ist, sich belehren zu lassen. Auch im Alter bin ich lernfähig, wie im Golf, wo man sich immer verbessern kann.
Vor über 30 Jahren hatten Sie mal die Gelegenheit, sich beruflich zu verbessern: Nach der Rolle Cabaret stand Ihnen der Weg nach Hollywood offen.
Ich hatte eine Einladung zur Oscar-Verleihung und mein TV-Produzent hat mich nicht fahren lassen, was ich ihm heute noch übel nehme. Aber es gab eine Nachlese. Die MCA, Amerikas größte Agentur, eigentlich acht Anwälte, haben mir ein Stück am Broadway und zwei Filme angeboten. Das war im Mai 1972 und ich sagte, ich hätte noch einen Vertrag für dieses Jahr und eine Option aufs nächste. Ich bin so doof, ich halte meine Verabredungen immer ein, und die sagten nur: Okay, forget it. Das war der härteste Satz, den ich in meinem Berufsleben je hören musste. Damals war ich 31 und wäre selbst in dem Bewusstsein gern nach Hollywood gegangen, dass man keine Hauptrollen kriegt und meistens den Deutschen spielt.
Bereuen Sie es heute?
Nein, denn es war wie es war. Und echten Mutterwitz kann man ohnehin nur zuhause spielen. Auch die Körpersprache muss genetisch angewölft sein. Ich hätte nie an Walther Matthau und Jack Lemmon herangereicht.
Dafür muss man Muttersprachler sein.
Es ginge auch mit deutschem Akzent, aber die Selbstsicherheit, die professionelle Gelassenheit, kannst du nur bringen, wenn du dir der Mittel, deines Handwerks sicher bist. Die Sprache zu betonen, zu ironisieren, dafür musst du deiner Sprache absolut mächtig sein. Das ist eine Mentalitätsfrage.
Denken Sie heute manchmal an damals?
Ja, jetzt wo Sie es sagen (lacht). Nein, ich wache nicht nachts auf und grüble. Das ist abgehakt, auch wenn es eine knallharte Lektion bleibt: Forget it, kalt formuliert, aber that’s New York und die Branche und nicht drum rum geredet. Hier kriegst du ja den Mund manchmal nicht auf, weil dir so viel Honig um den Bart geschmiert wurde. Und ein bisschen mitspielen durfte ich danach ja auch noch.
Gab es andere Dinge, die Sie bereut haben. Etwa, so lange im Serienfach zu bleiben?
29 Jahre, um genau zu sein. Nein, denn ich hab ja zwischendurch was anderes gemacht. Außerdem gibt es viele Krimiformate, aber anscheinend haben wir die Frage, wo waren Sie letzte Nacht, besser gefragt als andere, sonst wären wir mit Derrick nicht in 102 Länder verkauft worden. Es gibt eben phänomenale Konstellationen wie mit dem Autor Herbert Reinecker. Es gab unlängst eine Fritz-Wepper-Nacht auf Premiere.
Ist nicht wahr?
Doch, mit Zwei Brüder, Derrick und der Persiflage von Harald Schmidt – Harry, hol schon mal den Wagen. Irrsinnig schmeichelhaft. Ich hab festgestellt, dass solche Serien eine ungemeine Präsenz bringen. Kollegen wie mein Bruder machen tolle Einzelfilme, aber diese Präsenz kriegt man sonst nirgends. Und dann ich hatte später auch noch großes Glück mit Um Himmels Willen, womit ich den Spagat geschafft habe von Harry zu Wöller, das war ein glücklicher Umstand. Es gibt in Deutschland Worte wie Häme und Neid, da kann ich mich doch glücklich schätzen, weiter gemacht zu haben.
Letzte Reue-Frage: Haben sie es bereut, kürzlich die Ehrendoktorwürde einer fiktiven Deutschen Nationalakademie mit Satzungspassagen aus Mein Kampf und dem NPD-Programm angenommen zu haben, die in Wahrheit das Magazin Tempo verliehen hatte.
Nein, denn das war eine ganz linke Nummer. Ich habe ja das Anschreiben gar nicht gelesen, sondern nur beim dazugehörigen Anruf gesagt, mich geehrt zu fühlen, so eine Würde angetragen zu bekommen. Das war Vorspiegelung falscher Tatsachen, die vor Gericht gehört. Wenn es da nicht einige Namen gegeben hätte, mit denen ich mich nicht verbünden wollte, hätte ich eine Gemeinschaftsklage vorgeschlagen. Eine ganz üble Falle, wodurch diese Zeitschrift womöglich sogar PR erzielt hat.
Müssen Sie sich nicht eine gewisse Unachtsamkeit und Nachlässigkeit vorwerfen?
Hören Sie, es war ein fünf Seiten langer Brief, der zudem zuvor telefonisch abgefangen wurde. Und so eine Doktorwürde klingt natürlich erst mal, obgleich ich skeptisch war. Es gab keine inhaltliche Auseinandersetzung, sondern nur eine Terminabsprache. Ich möchte mal Sie in so einem Fall erleben. Bei einem Terminvorschlag lese ich nicht fünf Seiten.
Hat die Sache Ihrem Ruf geschadet?
Nein, das war ein Rohrkrepierer. Was die sich erhofft haben, war verwerflich und hat nicht mal den Charme von Vorsicht Kamera, man müsste fast sagen: Vorsicht Presse!
Nun gut, der Gedanke dahinter war ja eher: Vorsicht Rechtsradikale! Sind wir da wirklich aufmerksam genug…
Aber das soll man doch bitte nicht auf diese Art herausfinden. Mit der Unwahrheit zu arbeiten ist nie sehr ruhmreich. Jeder fällt schließlich mal auf irgendwas rein. Wir sind da alle anfällig und da soll mir bloß keiner einen Strick draus drehen. Ich bin alles andere als rechtsradikal.
Sind Sie denn selbstkritisch? Der Zeichentrickversion von Derrick, dem Sie Ihre Stimme geliehen haben, gilt als Misserfolg.
Das empfinde ich nicht so. Ich war bei zwei Premieren dabei und es gab herzliches Gelächter und lang anhaltenden Applaus. Und dann muss man die Entstehungsgeschichte sehen: wir mussten unsere Texte sprechen, bevor die Bilder da waren, dann haben wir nochmals drüber gesprochen, bis es erneut gepolisht wurde. Aus dieser Perspektive war der Film ein Erfolg. Dass das erwartet große Publikum nicht kam, war etwas anderes. Kino ist eben nicht gleich Fernsehen, und viele, die Derrick gemocht haben, wollten ihn nicht verunglimpft sehen. Wir, Tappert und ich, hatten Abstand und Humor genug, uns zu karikieren.
War das der endgültige Abschied von Derrick?
Nein, das war die letzte Folge. Und mit viel Wehmut verbunden. Erinnern Sie sich an die Darstellung in Samstag Nacht? Horst Tappert meinte zu mir, Fritz, wir werden da verunglimpft, da meinte ich, Horst, wir werden wahrgenommen! Humor ist auch Selbstironie. Meine Mission des Humors, über den man trotzdem lacht, ist erfüllt.
Sebastian Kurz & Die Schläfer
Posted: August 16, 2021 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
9. – 15. August
Querdenkende, das hat Geradeausdenkende im ersten Pandemiesommer ebenso fasziniert wie erschüttert, können beim Volkssturm bedeutender Gebäude ganz schön viel Wirbel hervorrufen. Während sie die Objekte ihrer kleinen Machtübernahme auf der Reichstagstreppe tatsächlich ein bisschen ins Schwitzen gebracht hatten, herrscht nach der neuesten Besetzungsaktion allenfalls heitere Gelassenheit.
Anfang voriger Woche wollte ein Häuflein argumentationsresistenter Impfgegner*innen das Hauptquartier der honorigen BBC in London erobern, landete allerdings fünf Meilen davon entfernt in einem verwaisten Verwaltungsgebäude und pöbelten entsprechend vor verschlossener Tür. Klingt lustig, ist lustig, aber trotz und wegen der Dusseligkeit natürlich auch ein weiterer Beleg dafür, wie sehr die Pressefreiheit unter rechtem Beschuss steht. Teilweise regierungsamtlich.
In Österreich zum Beispiel ließ der angehende Autokrat Sebastian Kurz einen ORF-Direktor installieren, der zwar kein offizielles ÖVP-Parteibuch im Maßanzug hat. Seinem Ministerpräsidenten dürfte Roland Weißmann dennoch auch künftig treu ergeben sein und damit das fördern, was der leiwande Basti besonders mag: Servile Hofberichterstattung anstatt kritischem Journalismus. Obwohl – dafür brauchen deutsche Medien keine Regierungsintervention, im Gegenteil.
Die moralisch biegsame Bild hat ihr Rückgrat gerade ganz freiwillig Richtung rechtsaußen versteift und in Gestalt einer Titelseite („Wir wollen EINIGKEIT und RECHT und FREIHEIT“) fürs Ende aller Corona-Maßnahmen gefochten, das Dreiviertel aller Bundesbürger ablehnen. Wie nie zuvor hat der Springer-Verlag damit (vermutlich) unbezahlte Wahlkampfwerbung für die AfD geschaltet. Jener Partei also, die Deutschlands Demokratie gerne Diktatur schimpft, schlimmer als einst im Osten.
Die Frischwoche
16. – 22. August
Wie es dort wirklich zuging, belegt ein Blick auf den besten Neustart der Fernsehwoche. Ab Donnerstag zeigt Arte in Dreifachfolgen Die Schläfer, eine Dramaserie aus Tschechien, in der zwei Dissidenten den Albtraum stalinistischer Abwehrgefechte kurz vorm Mauerfall am eigenen Leib zu spüren bekommen. Ihr sechsteiliger Dreifrontenkrieg im erodierenden Ostblock ist allerdings nicht nur lehrreich, sondern auch sehenswert.
Das gilt eher aktuell als historisch auch für die norwegische Coming-of-Age-Serie Nudes, Untertitel: Nackt im Netz. Die ARD zeigt den Zehnteiler übers Phänomen, unser Privatleben für alle Welt sichtbar online auszubreiten, morgen ab 22.50 Uhr am Stück. Im Nachbarland spielt derweil die erste Staffel des deutsch-schwedischen Spionage-Thrillers Hamilton (montags, 22.15 Uhr ZDF) mit dem Untertitel für Doofe Undercover in Stockholm. Ohne Untertitel erbaulich scheint dagegen das belgisch-französische Krimikomödienformat Die Wache mit dem sehr unterhaltsamen Benoit Poelvoorde werden.
Das gänzlich unkomische, aber hochinteressante Terrorismus-Szenario Am Anschlag dagegen spielt ab Donnerstag (ZDF-Mediathek) in Wien, während die True-Crime-Fiktion Dr. Death um einen realexistierenden Scharlatan zeitgleich bei TV Now in den USA beheimatet ist. True Crime ohne Fiktion liefert Sky parallel mit der zehnteilige Doku-Reihe Exhumed um Morde, die erst durch Ausgraben der Opfer gelöst werden. Na ja. Oh ja, ist man dagegen immer geneigt zu sagen, wenn Nicole Kidman irgendwo mitmacht.
Bei der Amazon-Serie 9 Perfect Strangers aber kommt das schauspielerische Talent der Oscarpreisträgerin als New-Age-Coach ab Freitag nicht so recht zur Geltung. Ob die ähnlich tolle Sandra Oh in der #MeToo#BLM-Serie Die Professorin zur Geltung kommt, würde man an dieser Stelle ebenso gern sagen – allerdings gab es von Netflix wie so oft vorab nichts zu sehen. Und so darf man heute am meisten auf das neue Nachrichtenmagazin RTL Direkt gespannt sein, in dem Jan Hofer um 22.15 Uhr den Tagesthemen Konkurrenz macht.


