Andres Veiel: Ökozid & Moral

Reise in eigene Vassungslosigkeit

Im bedeutsamen, schmerzhaften, dennoch sehr unterhaltsamen SciFi-Gerichtsdrama Ökozid trägt der vielfach preisgekrönte Regisseur (Blackbox BRD) Anres Veiel (Foto: Karsten Kampf) eine Dystopie über die Klimakrise zur ARD-Themenwoche bei – und arbeitet sich damit auch an seiner eigenen Biografie ab.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Im Gerichtsdrama Ökozid verklagen 31 Staaten Deutschland, weil es sie durch unterlassene Schutzmaßnahmen in die Klimakatastrophe getrieben hat. Ist das eine Dystopie oder bloße Zustandsbeschreibung?

Andres Veiel: Es ist vor allem eine Reise in die eigene Fassungslosigkeit. Bei der Recherche haben wir gelernt, was die Bundesrepublik trotz besseren Wissens auf nahezu jedem Sektor unterlassen hat, um den Klimawandel zumindest zu verlangsamen. Weil ich vom Dokumentarfilm komme, war es uns wichtig, das Courtroom-Drama da nicht nur unterhaltsam zu machen, sondern durch akribische Nachforschungen mit Fakten zu unterfüttern.

Wie kommt man als Filmemacher damit klar, bei der Recherche zu merken, dass wir unsere Chancen eigentlich bereits verspielt haben, die Katastrophe noch abzuwenden?

Indem man sich wie ich mir vor Augen hält, dass es eben noch nicht zu spät ist, aber höchste Zeit. Unser Blick in die Zukunft setzt daher kein dystopisches, sondern ein forderndes Ausrufezeichen, jetzt endlich ernst zu machen mit dem Klimaschutz und verbliebene Gestaltungsspielräume zu nutzen.

Die Klage des Films ist also keine moralische?

Nein, wir prangern die Situation vor allem ökonomisch an. Deutschland hat es ja nachweislich versäumt, in den postfossilen Schlüsseltechnologien führend zu sein, und weiter auf Verbrennung gesetzt. Diese bitteren Fehler rächen sich schon heute, lassen sich aber korrigieren. Und zwar nicht nur für den Wohlstand, sondern globale Gerechtigkeit all denen gegenüber, die am Wenigsten emittieren, aber am meisten leiden.

Womit wir zurück im Gerichtssaal von Ökozid wären.

Genau, auch wenn die Zukunft darin düster wirkt. Stichtag heute liegt sie ja noch vor uns, und für mich als Autor und Regisseur war es da ein guter Weg, Gerichte als Regulative politischen Fehlverhaltens zu nutzen, mehr noch: nachzuweisen, dass die Politik Maßnahmen zum Klimaschutz entgegen nationaler Gesetze und internationaler Verträge aktiv verhindert hat.

Haben Sie entgegen Ihrer Gewohnheit das Stilmittel der Fiktion gewählt, um sich hoffnungsvollere Optionen offenzuhalten, weil die reine Doku zu pessimistisch klänge?

Science-Fiction sorgt da auf jeden Fall für große Freiheiten. Außerdem dreht sich die Welt gerade so schnell, dass ein Blick aus der Gegenwart vom Wesentlichen ablenken würde.

Durch die Covid19-Pandemie?

Zum Beispiel, aber auch versinnbildlicht durch Angela Merkels Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang 2019, die bereits beinhaltet, was wir fiktional erst 15 Jahre später verorten wollten, nämlich das unbedingte Primat der Wissenschaft über die Politik, wie wir es jetzt ja auch mit Corona erleben. Womöglich wird sie sich irgendwann schämen, das als Physikerin erst jetzt öffentlich so deutlich gemacht zu haben.

Sind Sie als Bürger eines Landes, dessen Ressourcenhunger drei Erden bräuchte, Teil des Problems oder der Lösung?

Natürlich war ich bei aller Lösungsorientierung jahrelang Teil des Problems – schon, weil ich ständig auf Festivals geflogen bin, zu Dreharbeiten. Darum habe ich entschieden, Teil der Lösung zu sein, habe kein Auto und fahre wenn möglich Zug. Ohne für mich zu reklamieren, ein Vorbild zu sein: Wenn es nicht bei jedem einzelnen anfängt – wo denn bitte dann? Der Zeigefinger muss auch in die eigene Richtung deuten.

Rührt daher auch ihr berufliches Interesse an den Extremen unserer Zivilisation?

Ja, denn dort ist der mögliche Erkenntnisgewinn einfach größer als im Normalen. Es geht aber nie darum, Menschen unterkomplex vorzuwerfen, was sie Extremes tun, sondern die Mechanismen dahinter von Kompromisszwang über Opportunismus bis Egoismus zu erkennen. Was diesen Film betrifft, zeigt sich der Handlungsdruck am ehesten durch den Blick aufs Extrem.

Hat ihr Abarbeiten am Extremismus, der sich auch in den RAF-Filmen zeigt, etwas mit dem größtmöglichen Kontrast ihrer bodenständig-schwäbischen Herkunft zu tun?

(lacht) Da könnte was dran sein. Ich bin in einer heilen Umgebung mit gepflasterten Einfahrten und akkurat gestutzten Ligusterhecken aufgewachsen, hinter denen die historische Gewalt ein verdrängtes Thema bleibt. Mein Großvater war General im Russlandfeldzug, mein Vater immerhin Offizier, auch mütterlicherseits finden sich solche Spuren. Da stellt sich die Frage, wie man sich damit auseinandersetzt. Ich habe da immer die eigene Verantwortung gesehen, als Aufklärer Dinge ans Licht zu bringen.

Also schon bevor sie Filmemacher wurden?

Viel früher. Meine Mutter zum Beispiel hat sich gut an die Reichskristallnacht erinnert, mein Vater angeblich überhaupt nicht, obwohl beide in derselben Stadt lebten. Hinter diese Widersprüche wollte ich schauen – gar nicht mal so sehr, um sie zu entlarven, sondern zu verstehen, was man nicht mit Verständnis gleichsetzen darf. Ich wollte verstehen, warum ein Wolfgang Grams noch 1985 in den Untergrund ging, ich wollte verstehen, wieso ein Rechtsextremer bei Berlin einen Kumpel umgebrachte, den er kurzerhand zum Juden erklärt hat. Solche Fragen stoßen allerdings auch auf Widerstand und erfassen seismografisch ein Stück Bundesrepublik.

Sind Sie streit-, womöglich gar rauflustig?

Nicht im Sinne, anderen in die Fresse zu hauen; dafür bin ich schon körperlich nicht der Typ und würde gewiss den Kürzeren ziehen. Aber dank der Kraft des besseren Arguments lege ich mich im Zweifel mit jedem an. Auf der Ebene raufe ich sehr gerne.

In welchem Ring tun Sie das denn als nächstes?

Mit dem Klimathema bin ich definitiv noch nicht durch. Wenn man nach Amerika schaut, zu den Energieversorgern und Investmentfonds, die weiterhin massiv auf fossile Brennstoffe setzen, ist noch viel zu enthüllen. Aber auch darüber hinaus werden uns die Themen schon nicht ausgehen, dafür spitzt sich die Krise zu massiv zu. Da möchte ich mit meiner Unruhe, gespeist aus Fassungslosigkeit, gern noch viel mehr Menschen anstecken.


Trump-Turkey & Ökozid-Prozesse

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. November

Und plötzlich war sie da, die Leere. Den Fernseher anzuschalten, und ntv serviert statt Wahlkampfnews wieder Zeitgeschichtshäppchen. ARD & ZDF berichteten nur noch in den Info-Formaten über Amerika. Selbst CNN, acht Tage lang 24/7 treuer Smartphone-Begleiter und in Gestalt des weinenden Kommentators Anthony Kapel van Jones, berichtet nicht mehr 25/7 über die USA im Bann des Regierungswechsels, sondern das andere Weltereignis, wie hieß es noch gleich?

Mit einem Mal also gab es anstelle des fettigen Trash-Futters für Trump-Junkies gehaltvolle Corona-Berichte. Wie gut, dass wenigstens die deutschen Querdenker für Rauschzustände sorgten und in Leipzig Medienleute beschimpft, gar verprügelt haben – was Innenminister Horst Seehofer bei seinem Blankoscheck für die passive Polizei vor Ort natürlich nicht weiter schlimm fand und sein sächsischer Amtskollege Wöller womöglich sogar so richtig gut.

Täten beide nicht im gesitteten Mitteleuropa Dienst an der Politik, sie würden sich wie ihr Geistesbruder wohl härterer Indoktrination zuwenden. Dem Wahnsinnspräsident im Weißen Haus jedenfalls ist der getreue Haus- und Hofhund Fox News ja längst zu journalistisch, also sozialistisch, weshalb er seine Tweets nun bei OANN und Newsmax füttert. Was ungefähr so ist, als würde Alice Weidel das neofaschistische Magazin Compact als Primärquelle durch altfaschistische Ausgaben des Stürmers aus Opas Keller ersetzen.

Wie zuletzt vor 30 Jahren ist Informationspolitik also wieder Kriegspolitik und umgekehrt. Dazu passt, zugegeben auf einer niedrigen Eskalationsstufe, auch die des ultrapopulistischen Profifußballdespoten Karl-Heinz Rummenigge, der unter Ausschluss von Presse und Öffentlichkeit 14 der 18 Erstligisten zum Geheimtreffen nach Frankfurt bat, um die Verteilung der TV-Gelder auszuhandelnd, wobei – Padautz – ausgerechnet jene vier Clubs außen vor blieben, die zart gegen Bayerns Tyrannei aufbegehren.

Na, vielleicht landen die Live-Spiele demnächst ja auch bei solventeren Partnern wie Netflix, das Anfang des Monats zurück in die Zukunft reiste: Während klassische Fernsehsender mehr und mehr zu Mediatheken werden, geht der Streamingdienst in Frankreich testweise linear auf Sendung.

Die Frischwoche

16. – 22. November

Ob dort ein Reality-Format wie Feuer in der Stimme läuft, bei dem der Popstar Pharrell Williams ab Freitag einen Gospelchor in seiner Heimatstadt castet, ist allerdings nicht belegt. Ansonsten aber halten sich die Portale mit Bemerkenswertem zurzeit seltsam zurück. Heute geht TV Now mit Stefan Raabs neuer, aber nicht von ihm, sondern Olaf Schubert und Ralf Möller moderierter Late Night Frisch geröstet online, weshalb es schon zu den Highlights zählt, dass Disney+ Die wahren Helden der Nation ab Freitag zum Spielfilm macht. In der Krimireihe Jeff Jackson, geht es tags zuvor auf 13thStreet schließlich um einen Ermittler in Küstennähe, der – chzepühhh…

Immerhin bietet die Online-Flaute Gelegenheit, mal das analoge Programm zu durchsuchen. Ab Mittwoch etwa leistet Cristina do Rego als Berlinerin Lucie der Vox-Serie Läuft doch! Sozialstunden in Brandenburg ab und entdeckt dort sehr unterhaltsam ihre Selbstlosigkeit. Auf konventionellere, also öffentlich-rechtliche Art kreativ ist zeitgleich der ARD-Film Ökozid, in dem Andres Veiel Deutschlands Versagen im Klimaschutz zu einem schmerzhaft guten Courtroom-Drama verdichtet, bei dem 31 Staaten die Bundesrepublik im Jahr 2034 für ihren Untergang verklagen.

Wie es dazu gekommen sein könnte, zeigt heute Abend ARD-Regisseur Philipp Grieß, der sich auf dem Forschungsschiff Polarstern monatelang auf Expedition Arktis begeben hat. Resultat ist ein bildgewaltiger, niederschmetternder Film über die Verletzlichkeit unseres Planeten. Da wäre das polnisch-französische Nachkriegsmelodram Cold War, parallel bei Arte, fast schon ein entspanntes Ersatzangebot, vergleichbar mit den Wiederholungen der Woche wie Fatih Akins Einwanderer-Psychogramm Solino (Donnerstag, 20.15 Uhr, RBB) von 2002. Und richtiggehend heiter ist der elf Jahre jüngere Tatort: Die Fette Hoppe (Mittwoch, 22.10 Uhr, MDR), dem Debüt von Tschirner/Ulmen als Dorn/Lessing.


Aesop Rock, Luke Titus, Kala Brisella

Aesop Rock

Weißer HipHop, falls er als Kategorie überhaupt zugelassen ist, hat seit jeher ein Akzeptanzproblem, das von Vanilla Ice angefüttert und selbst von den Beastie Boys oder Eminem nie ganz aus den Köpfen gerüttelt wurde. Nonafroamericans müssen sich daher vom Mainstream abheben, um Respekt zu kriegen. Durch Avantgardismus zum Beispiel wie Clipping, Aufsässigkeit wie El-P, Antiattüde wie The Streets oder auch die Fähigkeit, ohne Flow zu rappen.

Das nämlich kultiviert das New Yorker Weißbrot seit bald 20 Jahren und nein, er ist damit nicht sensationell erfolgreich, schafft es aber auch auf der achten Platte ein 21-teiliges Kompendium unterschiedlich angepisster Weltbetrachtungen in einen Sound zu tauchen, bei dem man sich in einem Kellerclub wähnt, der atmosphärisch an Saw erinnert – nur dass man darin wirklich gern gefangen ist.

Aesop Rock – Spirit World Field Guide (Cargo)

Luke Titus

Ob virtuose Schlagzeuger auch gute Bandleader sein können, ohne sich zumindest gedanklich von ihrem Instrument zu verabschieden, ist seit den großen Tagen des Jazz ebenso offen wie die Frage, ob Drums zwingend bloß Hintergrundgeräusche liefern sollten oder auch eigenständig agieren dürfen. Der Schlagzeuger Luke Titus aus Chicago beantwortet sie nach einer Reihe Percussioneinsätze für andere klar mit janeinvielleicht.

Sein Debütalbum Plasma ist nämlich immer dann, wenn es den Rhythmus in den Vordergrund drängelt, kakophonisch und wirr. Sobald Luke jedoch fröhlich in den harmonischen Weiten von HipHop, House, Soul, Electronik herumschlendert und dort Sequenzen seiner verstiegenen Mikropopkultur zusammenklaubt, kriegen die meisten der 13 Stücke eine Art polyphoner Struktur. Und um die geht es Luke Titus. In aller chaotischen Schönheit.

Luke Titus – Plasma (Sooper Records)

Kala Brisella

Die Vergänglichkeit aller, also auch unserer Zeit braucht manchmal nur ein paar wenige, leidlich gereimte Zeilen, um sich ihrer selbst mal bewusst zu werden. “Ist dies mein Ende / oder ein Anfang / ich drive slow durchs Universum / fliege langsam durch das All / es ist ein Wahnsinn / der mich antreibt / ich kann’s nicht sagen ob ich heut noch lange bleib” – so beginnt das neue Album von Kala Brisella und macht deutlich, wohin es will – und wohin eher nicht.

Durchdrungen von funkigen Riffs zu zackigen Drums und Wavebasstupfen, streunern die Berliner*innen Anja Müller, Dennis Deter und Jochen Haker durch ihr Postpunktpopbiotop und machen mit jedem der elf launig dialektischen Songs klar, dass ihre Musik weder neu noch für die Ewigkeit gemacht ist, im Moment allerdings die Realität erträglicher, verständlicher, besser macht.

Kala Brisella – Lost in Labour (Tapete)


Iris Berben: Unwort & Altern

Aufgeben geht nicht

Aufgeben geht nicht

Kaum 70 Jahre alt geworden, ist Iris Berben (Foto: ZDF/Conny Klein) offenbar präsenter als je zuvor im Fernsehen. In der ZDF-Komödie Das Unwort spielt sie heute eine Schulrätin, die mit Antisemitismus konfrontiert ist.

Von Jan Freitag

freitagsmeiden: Frau Berben, haben Sie je zuvor einen so heiklen Film wie Das Unwort gedreht?

Iris Berben: Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, ein derart schweres, ernstes, verletzendes Thema wie Antisemitismus mit solcher Leichtigkeit erzählt zu haben – auch wenn einem das Lachen dabei manchmal wie eine schiefe Gräte im Hals stecken bleibt.

Wobei die Tragikomik im Umgang mit Antisemitismus, an den sich nach und nach weitere Diskriminierungen wie Islamophobie hängen, ja zusehends tragischer als komisch wird.

In der Tat, aber das macht es ja nur noch mehr zum Spiegel unserer Zeit. Und was man dem Film abseits seiner Leichtigkeit unbedingt noch zugutehalten muss: er gibt nie Antworten, schon gar keine einfachen, sondern stellt die Frage aller Fragen: wie gehen wir miteinander um.

Wenn man sich die Protagonisten dieses Kammerspiels anschaut: allzu häufig mit einem eskapistischen Philosemitismus.

Absolut.

Dreht sich Ihnen bei dem der Magen noch mehr um als beim offenen Antisemitismus der beteiligten Muslime, die wenigstens klare Kante zeigen?

Beim Philosemitismus von Devid Striesow als Schulleiter, der einfach seine Ruhe will, wird mit tatsächlich noch ein bisschen schlechter. Ich bin grundsätzlich dafür, Dinge anzusprechen, wie sie sind oder zumindest, wie man sie sieht. Wenn Political Correctness nur dazu dient, die Anwender in Sicherheit zu wiegen, ist sie aus meiner Sicht fehl am Platze. Was unausgesprochen im Raum steht, behindert die Kommunikation heimlich weiter.

Aber was ist denn nun Das Unwort, wegen dem die jüdische Hauptfigur einem Mitschüler, der es ausspricht, die Nase bricht?

Interessanterweise „Jude“, ganz ohne beleidigende Vor- oder Nachsilbe. Nur der Hausmeister Eichmann spricht das Wort einfach mal wertfrei aus, während es bei allen anderen irgendwie toxisch wirkt. Der Film platziert überall Fettnäpfchen, in die alle verlässlich treten, und genau damit fordert er seine Zuschauer auf, mehr über sich selbst nachzudenken. Er holt uns aus der Bequemlichkeitsnische.

Sie eingeschlossen, die ja durch ihre Beziehungen mit zwei Israelis jüdischen Glaubens ganz persönlich mit dem Thema Antisemitismus konfrontiert wurde?

Trotz aller Offenheit schwingt selbst bei mir unterbewusst immer etwas aus dieser Nische mit. Aber durch meine enge Beziehung zu Israel und den Menschen dort, habe ich schon frühzeitig gelernt, damit umzugehen. Ich wurde schließlich in den Sechzigerjahren politisiert, und zwar auch dadurch, dass das Dritte Reich in meiner Schulzeit überhaupt nicht vorkam. Mehr noch: er wurde nicht mal benannt. Als wir 1967 im Internat vom Sechs-Tage-Krieg hörten, wurden alle Fragen danach systematisch abgeblockt. Das hat mich so neugierig gemacht, dass ich ein Jahr später mit 18 erstmals nach Israel gefahren bin.

Führt Sprachlosigkeit bei Ihnen generell zur Sprecheinforderung?

Ach nö. Ich versuche einfach mit dem, was meinem Weltbild von zuhause mitgegeben wurde, das Bestmögliche zu machen. Dazu gehört die Verantwortung, das Wissen um die Schuld unserer Großeltern so zu nutzen, dass sie sich nicht wiederholt. Wenn man sieht, wie der Rechtsradikalismus erneut auf dem Vormarsch ist, muss man das heute mehr denn je einfordern.

Kann ein Film wie dieser das leisten?

Kein Film, kein Stück, ja nicht mal große Literatur kann die Welt verändern. Aber ich glaube, dass jede Ausdrucksform der Kunst Themen anstoßen kann und Diskurse verstärken. Da man sich durch Corona und die Streamingdienste gerade mehr zuhause aufhält, hat besonders das Fernsehen da eine neue Verantwortung, Menschen ins Gespräch zu bringen.

Ist Humor dafür besser geeignet, im Sinne von lacht kaputt, was euch kaputt macht?

Er schafft es zumindest, Ermüdungserscheinungen jener Leute zu unterwandern, die eigentlich nicht schon wieder was vom Dritten Reich hören wollen. Das mit Humor und moderner Sprache zu versuchen, ist nicht gerade ein spezifisch deutsches Phänomen, wirkt aber umso besser – zumal es hier auch noch mit dem zeitgenössischen Phänomen des Mobbings kombiniert wird. Wir müssen Wege finden, das Thema wach zu halten, ohne abzuschrecken. Humor ist da nicht der schlechteste.

Zumal jüdischer Humor selbst dazu in der Lage war und ist, die schrecklichsten Dinge erträglich zu machen.

Was einmal mehr zeigt, dass guter Humor immer aus der Tragik entsteht.

Sind Sie diesbezüglich optimistisch, dass wir die Auferstehung des ausgrenzenden Nationalismus mit Humor und Kultur in den Griff kriegen?

Natürlich, was wäre denn die Alternative? Ich war mir zwischenzeitlich zwar sicher, dass wir im Internet- und Reisezeitalter langsam genug voneinander wissen, um den Hass auszurotten. Das war offenbar eine Illusion. Aber man muss dranbleiben. Aufgeben geht nicht.

Der Imperativ darin klingt jetzt nicht so richtig nach Überzeugung, sondern Pragmatismus…

Ein bisschen ist es auch so, leider. Zurzeit machen wir gesellschaftlich ja eher Rück- als Fortschritte. Wer hätte denn gedacht, dass sich Juden je wieder die Frage stellen, ob es für sie sicher ist, in Deutschland zu leben?

Sind Sie da – Entschuldigung, dass ich darauf anspreche – eigentlich eher altersmilde oder alterswütend?

Wenn ich es mir aussuchen darf, nehme ich Alterswut. Altersmilde ist Stillstand. Aber auch da differenziere ich zwischen Wutbürgerwut und kluger, durchdachter Wut. Die mag ich sehr.

Sie haben um Ihren 70. Geburtstag herum fast zeitgleich vier große Filme im Fernsehen. Waren es jemals mehr?

Ich glaube nicht. Verrückt, oder? Wenn ich daran denke, wir lange die Frauen meiner Generation schon einfordern, dass es mehr Filme geben müsse, in denen wir auch im Alter mehr sind als Mütter, empfinde ich es als großes Geschenk, so differenzierte Rollen zu spielen. Ist ‘ne gute Zeit für ich gerade.

In Nicht tot zu kriegen durften Sie sogar mit einem gut halb so alten heißen Feger wie Murathan Muslu küssen.

Toll, oder?

Und im nächsten Film Altes Land, zwei Wochen nach diesem im ZDF, werden Sie sogar älter geschminkt.

Auf weit über 80, aber das war in der Tat keine neue Erfahrung. Der Film ist auch gar nicht weit vom Unwort entfernt. Auch da geht es um Vertreibung, Zugehörigkeit, Schweigen, nur eben von 1945 bis heute. Das Thema Flucht und Ankunft wird uns wohl niemals loslassen.

Was fühlt sich für Sie besser an – jünger oder älter geschminkt zu werden?

(lacht) Fühlt sich beides interessant an. Jünger geschminkt zu werden geht allerdings bedeutend schneller, das lässt mir morgens eine Stunde mehr Schlaf.


Böhmermann, King & Kyle MacLachlan

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. November

Was für ein gelungenes Bild: Donald Trump, sagte der Amerikanistik-Professor Christoph Ribbat am Samstag im Deutschlandradio, ist wie ein Serienkiller im Horrorfilm: wenn der Kinosaal gerade denkt, er sei endlich besiegt, schnellt seine Hand aus dem Moor. Das lassen wir mal so stehen als Fazit einer Wahlnacht, die sich zur Wahlwoche ausgewachsen hat, locker zum Wahlmonat anschwellen könnte und dabei nicht nur alle Welt, sondern ihre Medien bewegt, nein: schüttelt, alte Gewissheiten inklusive.

Die Ereignisse bei CNN – und ganz besonders dessen Anchor John King – zu verfolgen, war zwar wie immer ein journalistischer Hochgenuss und aus Sicht lückenloser Informationsversorgung unerreicht. Fox News dagegen hat sein (präsidentenhöriges) Publikum mit fast schon seriöser Berichterstattung überrascht und den scheidenden Amtsinhaber gegen sich aufgebracht. Beide blieben übrigens als einzige on air, als sich die Konkurrenz aus einer Rede geschaltet hat, in der Trump unbelegten Wahlbetrug insinuierte.

Nächste Überraschung: RTL. An der Seite seiner ntv-Kollegin Gesa Eberl ging News-Chef Peter Kloeppel Dienstagabend auf Sendung, verlor auch Mittwochmorgen nie die Sachlichkeit im Umgang mit dem Irrsinn und befand sich damit auf dem Niveau von ARZDF, das Jörg Schönenborns widerspenstiger Jackett-Ärmel im Ersten gelegentlich mal senkte, damit aber nicht halb so tief lag war wie Sat1. Der frühere Kohl-Sender berichtete erst um 6 Uhr – nein, nicht so richtig vom Wahlkampf, sondern Influencern auf Malle berichtete.

Lustig auch, wie der Bild-Kanal zum verbalen Boxring erregter Alphamänner wurde, die mit dem verblüffend ruhigen Julian Reichelt um den höchsten Testosteronspiegel stritten. Am lustigsten war aber Jan Böhmermann, dessen Neo Magazin Royal seit Freitag im Zweiten läuft, wo er zwischen heute-show und aspekte sein Talent zur investigativen Komödie beweisen konnte. Eins seiner Spaßobjekte: Michael Wendler, der sich auf Böhmermanns neuem Exklusivkanal Twitter aus dem Kreis intelligenter Wesen verabschiedet hatte – und eben dort nun Abbitte leistet, um bei RTL wieder Geld verdienen zu können, während rechtextreme Querdenker in Leipzig unbehelligt Medienleute verprügeln durften. Schöne neue Welt.

Die Frischwoche

9. – 15. November

Die Frischwoche gerät bei so viel medialer Bedeutsamkeit der gebrauchten fast naturgemäß zur Auflistung:

Montag belegt die ZDF-Komödie Das Unwort mit Iris Berben als Schulaufsicht in einem antisemitischen Streitfall, wie man bitterernste Themen geistreich unterhaltsam macht.

Das genaue Gegenteil zeigt dagegen Kriminalkommissar Nikolas Heldt Mittwoch an gleicher Stelle, wo es auch in Folge 100 auf kindische Art ulkig zugeht.

Parallel versucht sich das Nischenportal SYFY an einer unterhaltsamen Neuinterpretation von Buffy: Wynonna Earp jagt darin die untoten Opfer ihres Ururopas Wyatt.

Im Netflix-Drama Du hast das Leben noch vor dir feiert Sophia Loren tags drauf ihr Comeback als italienische Jüdin, die mithilfe eines Flüchtlingskindes ihre Dämonen besiegt.

Genau 30 Jahre nach Twin Peaks kehrt der wunderbare Agent Dale Cooper Kyle MacLachlan als Theodor D. Roosevelt in der Magenta-Serie Atlantic Crossing zurück,

Ab Freitag zeigt Sky Lovecraft Country über den strukturellen Rassismus der USA in den 50er Jahren auch auf Deutsch, macht die Serie also endlich mal verständlich.

Sonntag dann geht das Netflix-Biopic The Crown in die 4. Staffel mit Auftritt Lady Diana als Kronzeugin einer zusehends entfesselten Aufmerksamkeitsökonomie.

Zugleich geht die nächste ARD-Themenwoche los, deren Titel #wieleben ein bisschen unspezifisch klingt, aber natürlich vor allem auf Corona anspielt.


Frank Joung: Halbe Katoffln & ganze Deutsche

Ich führe biografische Gespräche

Der Berliner Journalist Frank Joung (Foto: William Minke) aus Hannover mit Wohnsitzt Berlin hat koreanische Eltern, keinen Akzent und einen Podcast namens Halbe Katoffl, in dem er sehr erfolgreich mit BIPoC über Rassismus, Kriminalität, Aufstieg oder Religion redet – sofern es sich im Gespräch denn ergibt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frank Joung, wenn Sie selber in Ihrem Gesprächs-Podcast Halbe Katoffl zu Gast wären – was würden Sie sich als erstes fragen?

Frank Joung: Erst einmal würde ich wahrscheinlich um den Personalausweis bitten (lacht). Die „Passkontrolle“ ist die erste Rubrik des Podcasts und die erste nicht ganz ernst gemeinte bürokratische Hürde ins Gespräch. Aber bevor ich auf Aufnahme drücke, frage ich natürlich eher Banales: Wie geht’s? Wie war die Anfahrt? So was.

Um Ihr Gegenüber erstmal vorzuwärmen für heiklere Themen?

Nee, gar nicht. Eher um die Stimmung zu ertasten, die Gemütslage. Am ersten Small Talk lässt sich ja oft einiges ablesen. Ich schaue, wie wir viben, wie gesprächig oder ruhig jemand ist, vielleicht sogar nervös. In meinem Format geht es ja viel um Vertrauen.

Schafft die Tatsache allein, dass Sie beide halbe Katoffln sind, also Menschen mit dem berühmten Migrationsvordergrund, nicht bereits Vertrauen, unter ihresgleichen, quasi?

Ein bisschen schon. Es ist natürlich von Vorteil, dass die Leute den Podcast schon kennen und wissen, worauf sie sich einlassen. Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass es da ein unausgesprochenes Verständnis gibt, meistens zumindest.

Gibt es denn ohne diese Basis, für ganze Katoffln wie mich, Spielregeln oder No-Gos, die man unbedingt beachten sollte im Gespräch mit Menschen, die mittlerweile als BIPoC bezeichnet werden?

Naja, die erste Spielregel ist Respekt. Dass man einer schwarzen Frau nicht in die Haare fasst, ist für mich selbstverständlich. Für viele anscheinend nicht. Ich fände es auch übergriffig, eine Frau direkt nach dem Kennenlernen zu fragen, warum sie ein Kopftuch trägt. Aber auch das machen viele. BIPoC erleben sehr häufig, dass sie nur auf das Äußere oder ihr stereotypisches Bild reduziert werden: Man ist dann der „Asiate“ oder die „Muslimin“.

Aber ist diese Reduktion aufs Vordringliche nicht gar menschlich?

Doch klar. Es geht auch nicht darum, dass man das nicht registrieren oder denken darf. Trotzdem gebieten es Höflichkeit und Anstand, sich mit bestimmten Fragen oder Bemerkungen zurückzuhalten. Mich interessieren die Herkunft und die Geschichte meines Gegenübers auch sehr. Aber manches kann man erst besprechen, wenn man eine gewisse Beziehung zueinander hat. Ich frage Sie ja auch nicht sofort nach Ihrer … Brille.

Oder dem Haarausfall.

Genau (lacht). Im zwischenmenschlichen Miteinander gibt es kein ewiggeltendes Rezept. Es kommt viel auf Zwischentöne an. Und wenn mich Fremde sofort fragen, wo ich eigentlich herkomme, kann ich meist sehr schnell erkennen, aus welcher Motivation heraus das passiert. Da geht’s dann oft nicht um ein wirkliches Interesse an meiner Person, sondern meist darum, mich in eine Schublade einzuordnen.

Ging es Ihnen vor Jahren mit Ihrem Podcast darum, Schubladen jeder Art ganz oder nur ein bisschen länger als üblich geschlossen zu halten?

Ich habe an sich nichts gegen Schubladen. Die haben wir alle. Aber wichtig ist, dass es viel mehr Schubladen gibt, als wir denken. Und dass keine mehr wert ist als die andere. Mir war wichtig, dass es über uns noch andere Geschichten zu erzählen gibt als die vier Kernthemen Rassismus, Kriminalität, sozialer Aufstieg oder Religion. Mir ging es darum, die verschiedenen und vielfältigen Lebensrealitäten und -themen von Halben Katoffln zu zeigen.

Zum Beispiel?

Einfach menschliche Themen: Schule, Familie, Essen, Pubertät.

Liebeskummer.

Ja, das vielleicht auch. Ich führe biografische Gespräche. Darin dreht sich alles um den einen Menschen, der vor mir sitzt. Um seine individuellen Erfahrungen, Erlebnisse und Anekdoten als jemand, der sich in verschiedenen Kulturen bewegt. Man soll die Person kennenlernen und etwas von ihrem individuellen Lebensweg erfahren – und sie nicht als Repräsentant*in einer Nation oder Kultur wahrnehmen.

Haben Sie diese Herangehensweise denn eher als Journalist oder persönlich Betroffener gewählt?

Sie meinen „betroffen“ vom Migrationshintergrund? (lacht) Naja, ich gehe als Frank ins Gespräch und bringe mich persönlich ein, mit meinem individuellen Hintergrund, aber natürlich kann und will ich das Journalistsein nicht ausblenden. In erster Linie soll es ein Gespräch zwischen Menschen sein. Das klingt jetzt vielleicht spirituell-hippiemäßig, aber es ist ja kein klassisches Frage-Antwort-Interview. Jemand erzählt mir freiwillig von seinem Leben. Das weiß ich zu schätzen. Meine Motivation ist da nicht, kritisch zu interfragen, sondern zuzuhören, anzunehmen und das Gesagte nicht zu bewerten.

Hat es in bislang rund 60 Sendungen schon mal eine gegeben, die keine der vier genannten Kernthemen angesprochen hat?

Wahrscheinlich nicht. Natürlich geht es fast immer auch um das Thema Rassismus, um Vorurteile, Diskriminierung und Identitätsfindung – aber in unterschiedlicher Ausprägung. Und vor allem immer eingebettet in die Lebensgeschichte.

Andererseits pochen Menschen, die davon in verschiedener Ausprägung betroffen sind, vielfach darauf, ihre Herkunft in den Medien unsichtbar zu machen. Sibel Kekilli heißt im „Tatort“ daher Sarah und Ingo Zamperonis italienischer Herkunft findet sich nur noch im Nachnamen Vater liefert nur noch den Nachnamen.

Da geht es vor allem darum, dass Halbe Katoffln eben einfach mal eine Sarah spielen oder als Ingo wahrgenommen werden wollen, statt immer die alten Klischees für Sibels und Zamperonis darzustellen, also Putzfrau oder Pizzabäcker, Taxifahrer, Kleingangster. Aber wurde die Realität doch längst von der Fiktion überholt. Ich heiße Frank, spreche perfekt Deutsch, sehe koreanisch aus, aber wie viele Rollen in Deutschland gäbe es, die das abbilden? Andersrum gibt es Menschen, die ausländische Namen haben, aber nichts mehr mit der Kultur der Eltern zu tun haben. Es geht also nicht darum, den Migrationsvorder- oder -hintergrund unsichtbar zu machen oder zu ignorieren, sondern eher das Menschliche, Individuelle herauszustellen.

Ist es eine Illusion, Gleichberechtigung durch Unsichtbarkeit zu erzeugen?

Da sind wir beim Thema Farbenblindheit. Es ist für mich kein Kompliment, wenn mir jemand sagt: Ich sehe gar nicht mehr, dass du asiatisch aussiehst. Ich möchte ja gesehen werden, und zwar so, wie ich bin. Wenn ich als Mann einer Frau sage: Du, ich sehe dich gar nicht mehr als Frau, freut die sich wahrscheinlich auch nicht. Umgekehrt genauso.

Entsteht aus Ignorieren Ignoranz?

Das ist eine Frage der Haltung: Wir sind in manchen Dingen verschieden, sehen unterschiedlich aus, aber verstehen uns trotzdem oder können uns zumindest tolerieren. Ich verlange von niemandem, dass er meine koreanischen Eltern und Hautfarbe ausblendet, im Gegenteil: Ich möchte, dass er das sieht, aber gleichzeitig auch versteht, dass ich in Hannover geboren bin und mich auch deutsch fühle. Manche haben anscheinend immer noch Schwierigkeiten, das miteinander zu vereinbaren. Wie weit die Positionen auseinanderklaffen, hat man auch bei der Debatte um Black Lives Matter erkennen können.

Inwiefern?

Überspitzt gesagt: Während die weiße Mehrheitsgesellschaft darüber diskutieren wollte, ob es überhaupt Rassismus in Deutschland gäbe, wollten Schwarze und andere PoC über strukturellen Rassismus und Critical Whiteness reden. Ich hatte den Eindruck: Wow, wir müssen noch mal ganz von vorne anfangen. Das hat mich echt erschreckt.

Auch desillusioniert?

Nein, denn wir kommen ja trotzdem langsam an den Punkt, dass mehr und mehr Weiße erkennen, Rassismus ist kein Thema von Nichtweißen, sondern uns allen, dass Weiße ihr Weißsein und die damit verbundenen Privilegien reflektieren müssen. Dazu müssen weiße Deutsche jedoch erst mal ihr Weißsein anerkennen. Ich hoffe, dass wir langsam eine gemeinsame Sprache finden können. Schließlich ist es schön, dass wir endlich überhaupt gemeinsam, manchmal sogar richtig unbeschwert darüber reden.

Ist das Ziel Ihres Podcasts demzufolge, für gut informierte Unbeschwertheit zu sorgen?

Für mich ist der Unterhaltungsfaktor enorm wichtig. Es muss Spaß machen, zuzuhören. Daher versuche ich, die Balance zu halten zwischen schweren und leichten Themen. Komik ist Tragik in Spiegelschrift; wir können auch über Geschichten lachen, die an sich nicht lustig sind. Wenn es ein Vertrauensverhältnis gibt, kann ich auch Dinge ansprechen, die womöglich tabuisiert sind und die sich andere nicht trauen würden zu fragen. Ich finde es charmant, dass man auch im beiläufigen Gelaber etwas lernt.

Wobei ein Audioformat ohne zugehöriges Bild da natürlich hilfreich ist…

Unbedingt. Es erleichtert beim Zuhören ungemein, meine Gäste als eigene Charaktere wahrzunehmen, also nicht in Vertretung einer bestimmten Gruppe. Klingt banal, ist aber wichtig. Hier steht mal nicht der Migrationshintergrund im Vordergrund, sondern nur die Persönlichkeiten. Am Ende geht es bei allen Menschen ja um ähnliche Themen: Wer will ich sein und wer bin ich wirklich? Wir alle müssen unsere Identität finden. Nur, dass es Halbe Katoffln oft etwas schwerer haben, weil sie noch einen Extra-Rucksack mitschleppen.

Sind Sie denn philanthropisch genug, um im direkten Gespräch oder Interview bereits ein Heilmittel unserer verlotterten Kommunikation zu erkennen?

Ein offenes, ehrliches Gespräch ist auch auf professioneller Ebene jedenfalls nie verkehrt. Wir sind oft so abgestoßen von anderen Meinungen, Einstellungen, Positionen und Social Media befeuert das Lagerdenken zusätzlich. Aber wenn man sich dann mal so Old School zwei Stunden zusammensetzen würde und miteinander übers Leben redet, ist man vielleicht nicht in allem einer Meinung, aber versteht womöglich besser, wie das Gegenüber zu bestimmten Einstellungen kommt. Bei Halbe Katoffl geht’s um persönliche Erfahrungen und nicht um Meinungen zu bestimmten Themen.

Ging es zu Beginn auch um ein Ertragsmodell, wollten Sie mit dem Podcast als Journalist Geld verdienen?

Da musste ich am Anfang etwas umdenken. Als Journalist bist du es gewöhnt, dich erstmal nur auf den Inhalt zu konzentrieren und das Geldverdienen zu vernachlässigen. Zumindest war das bei mir so. Trotzdem war es wichtig, den Business-Aspekt mit einzubeziehen, weil ich wusste: Wenn der Podcast nicht irgendwann zumindest die Kosten deckt, würde ich ausbrennen.

Und verdienen Sie Geld damit?

Ja.

Wodurch genau?

Es ist ein Mix. Zurzeit läuft eine Sportserie, in Kooperation mit dem Bundesprogramm „Integration durch Sport“ vom Deutschen Olympischen Sportbund. Da spreche ich einmal im Monat mit halbkatoffeligen Sportler*innen. Inhaltlich bin ich aber völlig unabhängig. Dann bekomme ich finanzielle Unterstützung durch Hörer*innen, die Mitgliedschaften bei der Membership-Plattform Steady abschließen können. Und das dritte Standbein ist: Werbung. Habe ich auch schon in den Podcast eingesprochen, finde ich aber am wenigsten attraktiv.

Haben Sie sich Dramaturgie, Interface und Aufbau des Podcast mal von einem Profi erklären lassen?

Am Anfang war ich Teil des Europarat-Programms Diversity Accelerator, Div-A. Da ging es zwar vor allem um mehr Vielfalt in den Medien, aber auch, daraus ein Business zu machen. Als damaliger Chefredakteur des Laufblogs Achim-Achilles.de war ich mit strategischen Fragen schon ganz gut vertraut, aber es war hilfreich, den Podcast gleich als Geschäft zu sehen. Was das Podcasten an sich angeht, habe ich mir das meiste mit viel Recherche selbst angeeignet.

Anders als viele Podcasts ohne prominentes Gesicht war Ihr Ansatz also von Anfang an auf Professionalität und Profitabilität ausgerichtet?

Sagen wir so: ich habe einfach versucht, das so gut wie möglich zu machen, sowohl inhaltlich als auch handwerklich. Das ist der Profitabilität gewiss nicht abträglich.

Hat die Pandemie, in der zum einen das Informationsbedürfnis, zum anderen das Zeitkontingent massiv angestiegen ist, da nochmals für einen Schub gesorgt?

Bei mir sind die Abrufzahlen schon gestiegen. Und generell hatte ich den Eindruck, dass Podcasts in der Shutdown-Phase nur so aus dem Boden schießen. Wahrscheinlich weil es deutlich einfacher ist, ein Audioformat zu produzieren als ein Video. Gerade in Notsituationen wie einer weltweiten Pandemie. Der Podcast-Markt ist demnach definitiv größer, aber auch voller geworden.

Was hatte das für Auswirkungen auf Halbe Katoffl – mehr Traffic, aber weniger Anzeigen oder Spenden?

Interessanterweise ist der finanzielle Support stark gestiegen – zumindest durch die Hörer*innen. Vielleicht auch durch Themen wie Hanau oder Black Lives Matter. Ich spüre auch, dass das generelle Interesse am Podcast-Produzieren gestiegen ist. Das habe ich schon vor der Pandemie gespürt – in den Schulseminaren, die ich manchmal gegeben habe.

Oha, Sie bilden Ihre Konkurrenz von morgen aus?

(lacht) Gewissermaßen. Mir macht das sehr viel Spaß. Es ist toll zu sehen, wie offen, kreativ und spielerisch die Jugendlichen an dieses Medium rangehen.

Als Jahrgang 1976 sind Sie noch knapp vor Digital Natives.

Na ja, so knapp ist das nicht, eher weit vorher (lacht), aber ich gehöre vielleicht zur ersten Generation, die sich an den Umgang mit Computern gewöhnen konnte. Falls das noch jemandem was sagt: Ich hatte schon früh einen Atari 2600 und den Commodore 64, aber nur zum Spielen.

Sie haben mal den Begriff „Ethnien-Hierarchie“ verwendet, der eine Art Vorurteilsranking beschreibt, in dem Menschen asiatischer Herkunft wie Sie als ungefährlich gelten, während arabisches oder afrikanisches Aussehen schneller als bedrohlich gilt.

Stimmt, ich erinnere mich.

Hat sich da für Sie in der Pandemie etwas geändert, als asiatisch aussehende Menschen plötzlich sogar angegriffen wurden, weil sie angeblich das Virus eingeschleppt hätten?

Ich habe durch Corona zum Glück keine zusätzliche Diskriminierung erlebt, weiß aber, dass viele asiatisch gelesene Menschen gerade in der Anfangszeit angefeindet wurden. Der Vorurteilskatalog über Menschen asiatischer Herkunft hat sich jetzt – sarkastisch gesprochen – um einen Aspekt erweitert. Es gab zuvor schon das Image von unhygienischen Märkten und undefinierbarem Essen. Das war aber bislang nur fremd, nie bedrohlich. Bis zur Pandemie.

Erleben Sie als Berliner aus Hannover überhaupt noch Rassismus?

Direkten, offenen Rassismus selten. Da bin ich privilegiert. Wobei der vorwiegende Rassismus ja schon längst nicht mehr mit Springerstiefeln daherkommt, sondern unterschwellig geschieht. Durch Bemerkungen, Kommentare und Blicke am Rande, über die ich hinwegsehen kann, wenn es mir gut geht und weniger leicht, wenn ich schlecht drauf bin. Es sind die kleinen Dinge. Seit ein paar Jahren rufen mir viele ein nĭ hăo zu. Sowas nervt.

Was auch noch Chinesisch ist.

Ja. Soll lustig sein oder so.

Kriegt ein dickeres Fell, wer sich als Journalist beruflich mit der Materie befasst, oder im Gegenteil ein dünneres, weil man sich mit dem selbsterlebten Rassismus womöglich auch noch beruflich befasst?

Durch die intensive, auch theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema und der Vernetzung mit anderen BIPoC-Podcastern, kann ich für mich sagen, insgesamt sensibilisierter fürs Thema zu sein und immer noch dazuzulernen. Insgesamt verstehe ich Wissen als Werkzeug; wer dazulernt, weiß besser mit bestimmten Situationen umzugehen. Es ist natürlich zum Teil frustrierend, zu merken, dass man noch einen langen Weg zu gehen hat, aber dann auch wieder empowernd, wenn das, was du tust, Menschen erreicht.

Haben Sie Vorbehalte gegen ganze Katoffln oder andere halbe Katoffln?

Jeder Mensch hat Stereotypisierungen und Vorurteile im Kopf, auch ich – schon, um sich die Komplexität der Welt zu vereinfachen. Wichtig ist, dass man sich diesen Wunsch eingesteht und versucht, diese Simplifizierungen wieder aufzubrechen. Ich merke das immer, wenn ich mich auf ein Gespräch vorbereite. Natürlich denke ich bei Syrien als erstes an Krieg oder bei Äthiopien an Armut. Das hat ja auch Gründe, sollte aber nur der Anfang sein. Meine Frage ist dann: Was gibt’s da noch? Daher beginne ich die Gespräche immer mit dem Klischee-Check.

Wie funktioniert der?

Indem ich mir sieben klischeehafte Thesen überlege, die mein Gegenüber mit ja oder nein beantwortet. Als Beispiel: Hat jemand einen iranischen Hintergrund lautet eine These: Ihr habt zu Hause Perserteppiche. Oder: Die Leute verwechseln Irak und Iran. Damit arbeite ich meine eigenen Klischees ab. Wenn alle Schubladen offen sind, kann man auch offen darüber reden. Entscheidend ist, dass man eigene Klischees infrage stellt und gewillt ist, sie aufzuweichen.

Reden Sie lieber mit Menschen, die einen ähnlichen kulturellen Hintergrund haben oder ist maximale Differenz fruchtbarer fürs journalistische Ergebnis?

Natürlich spüre ich eine familiäre Nähe zu jemandem mit koreanischem, asiatischem Hintergrund. Andererseits möchte ich unbekannte, neue Erfahrungen, Anekdoten und Geschichten hören. Ein guter Freund von mir hat tibetische Eltern. Er sagt: Oft ist er für Deutsche der erste Mensch mit tibetischem Hintergrund, den sie kennenlernen. Das ist natürlich spannend. Wenn ich mit ihm öffentlich spreche, haben mehr Menschen die Möglichkeit, ihn etwas kennenzulernen. Was ich dabei jedoch unbedingt vermeiden will, ist mir von der Person das Land ihrer Eltern erklären zu lassen.

Da ist man beim entsprechenden Wikipedia-Eintrag besser aufgehoben.

Definitiv.

Sie haben gerade mit dem Rapper Samy Deluxe gesprochen, der prominenter ist als die meisten anderen in ihrem Podcast. Sind Sie anders an ihn herangegangen?

Ich höre Samys Musik seit 20 Jahren und verfolge seine Karriere. Daher war es für mich in jedem Fall etwas Besonderes. Aber ich bin das Gespräch nicht anders angegangen. Er hat es mir aber auch leicht gemacht, weil er sehr offen und entspannt war.

Publizistisch und damit wirtschaftlich hingegen dürfte der Prominenzfaktor eine ganz andere Zugkraft entwickeln.

Klar, Prominenz drückt sich auch in den Zugriffszahlen aus. Aber es gibt ja auch Leute, die der breiten Öffentlichkeit weniger bekannt sind, aber in einer bestimmten Szene total prominent.  Den Skater Denny Pham werden die wenigsten kennen, dabei ist er in seinem Fach einer der besten weltweit. Prominenz ist also relativ.

Dieses Prinzip hat sich der wesensverwandte Podcast Gute Deutsche Ihrer Kollegin Linda Zervakis zu eigen gemacht, über Sie sich öffentlich sehr geärgert hatten.

Weil das Format meinem so stark ähnelt, dass ich der Meinung bin, es wurde schlicht kopiert. Es geht um halbe Katoffln, nur dass sie hier Gute Deutsche heißen. Ich habe den Klischee-Check, die haben den Instagram-Check. Und zum Teil klingt sogar der Begleittext wie 1:1 abgeschrieben. Mit Spotify hängt da ja ein großer Player dahinter.

Das Copyright auf ein Gesprächsformat über Migrationshintergründe wäre allerdings schwer einklagbar!

Ideen werden nachgemacht, so läuft das halt. Trotzdem fand ich es ärgerlich. Viele Podcasts, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen, haben ihren eigenen Dreh gefunden, und es ist das eine, wenn man auf Augenhöhe ist und dann voneinander abguckt. Spotify hat natürlich eine ganz andere wirtschaftliche Ausgangslage als ich.

Kann man sich andererseits nicht sogar ein wenig geschmeichelt fühlen, wenn die große Tagesschau-Sprecherin Zervakis den Podcast des kleinen Frank Joung imitiert?

Weil mir oft gesagt oder geschrieben wurde, das sei ein Kompliment, war ich in der Tat unsicher, ob ich überreagiere. Aber ich mache Halbe Katoffl seit vier Jahren, da steckt viel Herzblut, viel Arbeit drin und war meines Wissens der erste deutschsprachige Podcast, der sich mit diesem Thema beschäftigt.

Das klingt jetzt ein wenig nach gekränktem Stolz…

Es ist eher Verärgerung darüber, dass ein Weltunternehmen mit Geld um sich wirft eine hochskalierte Kopie mit Promis macht, ohne erkennbare Referenz ans erkennbare Vorbild. Außerdem hatte ich anfangs die Sorge, bei Spotify nicht mehr aufzutauchen, weil die nur ihren „Original“-Podcast pushen. Es ist einfach schade, denn am Ende macht „Gute Deutsche“ das, was BIPoC häufig widerfährt: ein großer Player bedient sich aus einer Szene und bereitet es dann massenkompatibel für einen vornehmlich weißen Markt auf.

Zumal Linda Zervakis als Kind der phänotypisch unauffälligen, ökonomisch saturierten Gastarbeiter aus Griechenland in der Ethnien-Hierarchie relativ weit oben stehen?

Das mag sein, aber ich habe nichts persönlich gegen Linda Zervakis. Ich habe nie mit ihr gesprochen. Es ist einfach schade, wie es gelaufen ist – mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Spotify, das muss man sagen, hat auch mit mir gesprochen. Mittlerweile denke ich, Gute Deutsche will was anderes sein als Halbe Katoffl und ist es auch, trotz der sehr ähnlichen Ausrichtung. Ich denke, ich werde noch da sein, wenn die wieder aufhören.

Der Text ist vorab im Medienmagazin journalist erschienen

Sean Connery & Ingo Zamperoni

Die Gebrauchtwoche

26. Oktober – 1. November

Überinterpretation ist die Vorstufe zur Tatsachenverfälschung, aber diese – also erstere – darf man schon mal in Kauf nehmen: kurz, nachdem Gerüchte durchdrangen, der neue 007 könnte coronabedingt vom Kino zu Disney+ oder Netflix wechseln, ist der Ur-Bond-James-Bond Sean Connery gestorben. Da könnte man fast meinen, er sei aus Gram über die Banalisierung des legendären Leinwandstoffes am Flatscreen von uns gegangen. Andererseits: mit 90 darf man selbst dann friedlich einschlafen, wenn man die Lizenz zum Töten besaß.

Deutlich zu früh ist dagegen Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann verschieden, der in Dutzenden Talkshows die Stimme bissiger Vernunft war. Und dass der 66-Jährige unmittelbar vorm Interview der ARD-Sendung Berlin direkt zusammengebrach, verleiht der menschlichen Tragödie fast schon surreale Züge. Nicht nur die Medienrepublik wird den diskurs-, aber nie rauflustigen Sozi vermissen.

Was man gewiss nicht vermisst hätte, wäre die dritte Staffel von Das Boot gewesen, mit dem Amazon die geschichtsklitternde Fernsehversion des cineastischen Sprengstoffs der Achtziger abermals fortsetzen will. Bei Babylon Berlin, dessen Weitererzählung ebenfalls publik wurde, sieht das hingegen schon etwas anders aus. Falls die vierte Staffel qualitativ annähernd an die aktuelle anknüpft, dürfte sie sehenswert werden. Sehenswerter jedenfalls als das Gros der TikTok-Videos, die nach dem Urteil eines US-Gerichts weiterhin unter chinesischer Ägide in Amerika laufen – ob Donald Trump ab Mittwoch nun Präsident ist oder Expräsident.

Die Frischwoche

2. – 8. November

Den Weg dorthin, zeigen uns RTL und ZDF morgen ab 20.15 Uhr bis Mittwochfrüh, während die die ARD erst nach dem sehenswerten Dokudrama Schüsse von rechts um 0.05 Uhr übers Attentat auf Rudi Dutschke richtig in die Wahlberichterstattung einsteigt und ProSieben ab 21.25 Uhr immerhin zwei Stunden lang Wie tickt der Präsident? fragt. Nur Sat1 zeigt statt Interesse an Fernsehen mit politischer Brisanz lieber Trash-TV mit dem Potenzial, Katholiken aufzuschrecken: in der 7. Staffel des Blind-Weddings Hochzeit auf den ersten Blick sollten die die Teilnehmer*innen diesmal live heiraten, ohne sich vorher zu kennen. Das wurde zwar wegen Corona verschoben, die Mein-Riechsalz-Rufe aber kommen dann halt später…

Schon heute Abend schildert Ingo Zamperoni um 20.15 Uhr im Ersten den Riss, der auch durch die Familie des deutsch-italienischen Moderators mit amerikanischer Frau geht. Ein Riss, dessen Ursachen etwa im Sky-Vierteiler The Comey Rule erkennbar werden. Das ZDF gönnt sich derweil noch ein bisschen Ruhe vorm Sturm und zeigt den Wirtschaftspolitkrimi Wiener Blut mit der bemerkenswerten Melika Foroutan als Staatsanwältin im österreichischen Sumpf – eine Frau übrigens, deren betont weibliche Durchschlagskraft perfekt in die Arte-Doku Der neue Feminismus (Freitag, 22.05 Uhr) passt.

Mittwoch zuvor setzt die ARD Doris Dörries bedächtige Kino-Sensation Kirschblüten fort, diesmal plus Dämonen, mit denen Golo Euler in Nachfolge von Elmar Wepper zu kämpfen hat. Freitag drauf startet Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale dann um 23 Uhr im ZDF. Und bemerkenswert ist noch, wie Ethan Hawke als real existierender Gegner der Sklaverei ab Freitag in der Sky-Serie The Good Lord Bird Ende der 1850er Jahre den amerikanischen Bürgerkrieg einleitet, vor dem die USA jetzt ja wieder zu stehen scheinen.

Als Ablenkung empfiehlt sich an gleicher Stelle ein Pop-Up-Channel zum Start des neuen Terminators, in dem die alten Filme der Reihe gezeigt werden – was zu den Wiederholungen der Woche überleitet. Namentlich: Anatomie eines Mordes mit James Stewart als Verteidiger eines Soldaten, der den Vergewaltiger seiner Frau 1959 in schwarzweiß ermordet haben soll (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Staubfarbig dagegen ist das oscarprämierte Meisterwerk No Country for Old Men der Coen-Brüder von 2007 (Mittwoch, 22.35 Uhr, Kabel1). Und der Tatort – klaro: Ein 84er Schimanski um einen Mord im Medienmilieu (Das Haus im Wald), Dienstag um 23.40 Uhr im WDR.


Eels, Common, Mr. Bungle

Eels

Nein, für Hektik, Hass und Übereifer ist grad definitiv nicht die richtige Zeit. Falls sie abgesehen von Impfstoffen und Sedativa für irgendetwas ist, dann unbedingt und ausnahmslos und wirklich dringend: Eels. Seit ihrem Debüt Beautiful Freak von 1996 winden sich die Aale des Folkpop mit samtweicher Geschmeidigkeit durchs Genre und hinterlassen dort gesalbte Seelen, die der Hillibilly-Hipster Mark Oliver Everett auch auf dem 13. Album mit seinem Lagerfeuergesang betupft.

Hier und da verwehende Geigen, hier und da verwitterte Drums, hier und da Riffs von verwegener Durchlässigkeit, singt E, wie er sich nennt, vom Leben einer komplizierten Gefühlswelt, in der irgendwie alles möglich scheint, aber nichts richtig funktioniert. Wie jede seiner Platten kann man Earth to Dora einfach so durchhören und nochmals und nochmals und die Welt wirkt danach ein wenig erträglicher, ohne gut zu sein.

Eels – Earth to Dora (PIAS)

Common

Da für Ruhe, Nachsicht, Understatement aber noch viel weniger die rechte, weil rechtsradikale Zeit ist, macht Lonnie Rashid Lynn aka Common mit seiner neuen Platte A Beautiful Revolution Pt. 1 schon im Titel alles richtig. Der grammy-, emmy-, oscargekrönte Rapper, Actor, Aktivist cremt uns darin schließlich mit sanftem R’n’B ein, dass der Belcanto von Gastsängerin PJ nur so im Ohr zergeht. Doch Obacht: die neun vielschichten Tracks sind Trojanische Pferde.

“They say racism yeah it don’t stop / They talk sexism yeah it don’t stop / Americanism yeah it don’t stop” – so liest er der Klassengesellschaft daheim über Gitarrendrops aus Watte die Leviten und rät den Entrechteten mal ruppig, meist sanft orchestriert “You gotta get that wisdom and get your glock” zu. Wenn Trump seine Milizen in fünf Tagen zum Bürgerkrieg aufruft, wäre das nicht der schlechteste Soundtrack für den Widerstand.

Common – A Beautiful Revolution Pt. 1 (Loma Vista Recordings)

Mr. Bungle

Als Mike Pattons Band Faith No More vor gut 30 Jahren den Grunge erfand, war er noch Teil einer anderen, von der er später sagte, in ihr mache er jene Musik, die ihm wirklich am Herzen liege: Mr. Bungle. Warum genau, blieb kryptisch, denn bis heute war niemand in der Lage, den Stil des verkapselten Postrock-Projektes zu definieren. Wer sich nun allerdings das erste Album seit 1999 anhört, könnte eine Ahnung kriegen, was einst damit gemeint war.

Erweitert um die Thrash-Legenden Dave Lombardo (Slayer) und Scott Ian (Anthrax), reaktiviert das Trio einen Hochgeschwindigkeitsmetal, der sich anhört, als würde darin etwas befreit, das Mike Patton, Trevor Dunn und Trey Pruance seinerzeit avantgardistisch unterdrückt hatten. Kathartischer jedenfalls als das nachjustierte 86er Mixtape The Raging Wrath of the Easter Bunny Demo hat ein Musiker der saturierten Mitte nie geklungen. Ohren auf Durchzug. Abfahrt!

Mr. Bungle – The Raging Wrath of the Easter Bunny Demo (Ipecac Recordings)


Haluk Bilginer: der türkische Weltstar

Alles sehr kompliziert

Haluk Bilginer ist einer der wenigen türkischen Schauspieler von Weltruhm. In der sehenswerten Krimi-Serie Ein guter Mensch spielt er auf Magenta TV einen dementen Racheengel – und ist damit allen Ernstes Hauptdarsteller des ersten türkischsprachigen Formates im deutschen Fernsehen

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Haluk Bilginer, Sie sind Mitte sechzig – wie gut ist da noch Ihr Gedächtnis?

Haluk Bilginer: Mein Gedächtnis funktioniert noch einwandfrei. Aber was war noch mal die Frage? (lacht laut). Sie fragen bestimmt, weil Agâh Bey in Ein guter Mensch an Alzheimer erkrankt ist…

Genau. Was würden Sie tun, wenn Ihre Erinnerungen wie bei ihm zu verschwinden drohen?

Ich hoffe zwar inständig, dass das niemals geschehen wird. Aber sollte es traurigerweise doch soweit kommen, werden mich meine Liebsten hoffentlich jeden einzelnen Tag daran erinnern, wer ich bin und vor allem: wer sie sind.

Haben Sie wie ihre Serienfigur darüber hinaus denn irgendwelche Abrechnungen oder Rachefeldzüge, die dringend noch zu erledigen wären?

Nein, bislang hat es zum Glück noch niemand so weit kommen lassen. Und ich bin auch alles andere als ein rachsüchtiger Typ. Aber wenn es mal jemand drauf anlegt, würde ich vieles daransetzen, die Sache noch bei klarem Verstand und bester Gesundheit zu regeln – wenn auch nicht so gewaltsam wie Agâh Bey.

Ist Ein guter Mensch überhaupt eine Fiktion über jemanden, der die letzten Dinge regelt, oder eher eine Kontemplation über die Bedeutung von Erinnerung allgemein?

Rache und Alzheimer sind dabei definitiv nur Metaphern für den Gedächtnisschwund unserer Gesellschaft im Allgemeinen, diese Geschichtsvergessenheit ist schmerzhaft und gefährlich zugleich. In diesem Sinne handelt die Serie vom ungeheuer wichtigen Versuch, sich der eigenen Vergangenheit, des eigenen Handelns ständig bewusst zu sein, sonst machen wir die gleichen Fehler immer und immer wieder.

Wollen Sie als Schauspieler generell Unterhaltung machen, die das Publikum zum Nachdenken, womöglich gar Lernen anregt?

Unbedingt. Die Kunst – auch das sollten wir nie vergessen – ist zwar stets auch Zerstreuung, also Entertainment und umgekehrt. Aber während wir die Leute unterhalten, sollten wir uns stets bemühen, Dinge über die menschliche Natur oder Gesellschaften zu erzählen, an die sie sich auch erinnern. Etwas, da sie mit zu sich ins Haus ihres Herzens nehmen und dort aufbewahren. Auch, wenn das natürlich nicht mit jeder Serie, jedem Film gelingen kann.

Kennen sie irgendwelche deutschen Filme oder Serien?

Nicht allzu viele, leider. Aber ich kenne Dark und erinnere mich noch gut an Türkisch für Anfänger, diese Comdey aus den Nullern. Ich sehe zwar nicht allzu viel fern, aber generell läuft dort kaum deutsches Fernsehen. Wenn ich etwas davon sehen will, brauche ich also Netflix.

Haben Sie denn gehört, dass „Ein guter Mensch“ trotz der großen Anzahl türkischstämmiger Menschen in Deutschland das allererste Fernsehformat ist, das bei uns im regulären Programm läuft?

Nein. Wirklich? Das hätte ich nicht gedacht. Es sollten definitiv mehr sein. Nicht nur wegen der vielen Türken, die in Deutschland zuhause sind.

Sie reisen seit Jahrzehnen zwischen London und Istanbul hin und her. Können Sie sagen, welches der beiden Ländern nach so langer mehr Ihr Zuhause ist?

Nun ja, die Türkei ist und bleibt natürlich für immer mein Mutterland. Aber ich lebe schon so lange in London, dass es schon ziemlich merkwürdig wäre, wenn ich England nicht zumindest als meine zweite Heimat betrachten würde.

Wie ist gerade für einen Künstler, dessen erste Heimat von einem Mann wie Reccep Tayyip Erdogan regiert wird?

Oh je, wenn wir jetzt anfangen, über Politik zu diskutieren, bräuchten Sie vermutlich eine Sonderausgabe Ihrer Zeitung. Das ist alles sehr kompliziert.

Ich hätte nur gern gewusst, ob Sie sich als Künstler vom zunehmend repressiven System der Türkei beeinträchtigt fühlen und falls ja, wie Sie damit umgehen?

Bitte, lassen Sie uns doch bei Ein guter Mensch bleiben, das bietet doch schon genügend Stoff zum Reden.

Gut, was ist so besonders am türkischen Fernsehen wie diesem, dass davon auch in Deutschland mehr zu sehen sein sollte?

Es gab eine Zeit, da waren türkische Filme durchaus populär in der globalen Kunst- und Alternative-Szene. Nuri Bilge Ceylan zum Beispiel, hat in aller Welt gesammelt.

Die Goldene Palme von Cannes zum Beispiel, 2014 für seinen Film „Winterschlaf“.

Genau. Und ich hatte das Glück, darin die Hauptrolle zu spielen. Daran werde ich mich garantiert für immer erinnern.


Ärztethemen & Hausenhorror

Die Gebrauchtwoche

19. – 25.  Oktober

Nicht die dümmste Idee der Tagesthemen, ihre Freitagsausgabe live von der jugendaffin gereiften Punkband Die Ärzte anrocken zu lassen. Noch klügere Idee des Spiegel, mit Veronika Hackenbroch und Rafaela von Bredow zwei Frauen ins Interview mit der Virologin Sandra Ciesek zu schicken, um misogyne Fragen reflektierter klingen zu lassen. Weniger gute Idee von der Süddeutschen Zeitung, nach einer – zugegeben arg missratenen – Polemik gegen Igor Levit per Entschuldigung zurückzurudern. Geradezu schäbige Idee dagegen, wie ausgerechnet Ulf Poschardt darin einen Verrat am Qualitätsjournalismus erkennt.

Aber gut, Männer mit dunklem Porsche, grauem Haar und weißer Haut wie der Welt-Chef empfinden die Fähigkeit zur Selbstkritik nun mal als sozialistische Schwanzlosigkeit. Nicht nur darin ähnelt Poschardt also Donald Trump, der sich im letzten TV-Duell mit Joe Biden zwar vergleichsweise zahm zeigte, zuvor aber ein Interview mit der CBS-Moderatorin Lesley Stahl abgebrochen hatte, weil sie ihm doof, ergo: kritisch kam. Sollte er am Dienstag nächster Woche doch gewinnen, wird er diese Art Majestätsbeleidigung aber ohnehin verbieten lassen. Und damit auch Filme wie Borat Subsequent Moviefilm.

Überm Untertitel Delivery of Prodigious Bribe to American Regime for Make Benefit Once Glorious Nation of Kazakhstan schafft es Sasha Baron Cohen schließlich exklusiv auf (kauft nicht bei) Amazon Prime, Trumps Schießhund Rudy Giuliani als depperten Sexprotz zu entlarven. Ein anderer Streamingdienst macht derweil andere Schlagzeilen: Nach nur sechs Monaten macht die mobile Video-Plattform Quibi trotz milliardenschwerer Sponsoren mangels Kundschaft schon wieder dicht und hinterlässt, nein, keine Lücke.

Die Frischwoche

26. Oktober – 1. November

Keine zumindest, die der Portalbestand nicht füllen könnte. Ab heute zeigt Universal die Anwaltsserie Burdon of Truth, Freitag folgt der ulkige Superantiheldentrash Utopia bei Prime, zwei Tag später geht dort Nick Frosts Gruselcomedy Truth Seekers in Reihe und zwischendurch die 2. Staffel vom Mandalorian bei Disney+. Alles solide, alles seriös, alles aber nicht halb so laut angekündigt wie die Enttäuschung der Woche: Hausen.

Mit der ersten deutschen Horrorfilmserie will Netflix eigentlich das Genre aufmischen. Dafür hätte den Verantwortlichen des achtteiligen Plattenbau-Grusels allerdings jemand sagen müssen, dass die Dunkelheit gelegentlich der Helligkeit bedarf, um zu schockieren, und selbst Charly Hübner nicht jedes vergeigte Drehbuch adelt. Umso erstaunlicher ist es, wie sehenswert die alte ARD am Dienstag im digitalen Wald wildert. Exit heißt eine hochinteressante Dystopie über Avatare verstorbener Menschen und auch sonst alles, was die nähere Zukunft glaubhaft beängstigend macht.

Das ZDF beschreitet derweil ausgesprochen souverän bekanntes Terrain und zeigt ab Freitag den vierteiligen Nachkriegskrimithriller Shadowplay mit Nina Hoss im zerbombten Berlin von 1946, während Neo ab Donnerstag um 22.15 Uhr eine Late Night mit Ariane Alter startet, was unfreiwillig auf eine info-Doku am Sonntag verweist: 2000er – Jahrzehnt der Spaltung, in dem auch auch die frühere MTV-Moderatorin bekannt wurde und übrigens auch der Mordfall Peggy ereignete, dem Sat1 heute um 20.15 Uhr eine Prime-Time Doku mit dem Untertitel Der Täter ist noch unter uns widmet.

Weil das Gerichtsverfahren fast 20 Jahre nach der ungeklärten Tat am Donnerstag eingestellt wurde, zieht Sat1 den Film vor – und macht ihn so zu einer Art Vorholung der Woche, als Kontrast zu den Wiederholungen der Woche wie Don Camillo und Peppone sowie Don Camillos Rückkehr von 1952/53 (Samstag, 22 Uhr, BR) und tags drauf (20.15 Uhr, Arte) Dead Zone, furiose Steven King-Verfilmung (1983) mit Christopher Walken als Hellseher, der den Atomkrieg verhindern kann.