Birgit Schrowange: Extra & Abschied

Man lässt ständig irgendwas los

Als Moderatorin des RTL-Magazins Extra hat Birgit Schrowange (Bild: RTL) den Boulevard 1994 neu erfunden. 25 Jahre und 1500 Sendungen später hat sie den Staffelstab melodramatischer Anteilnahme nun an Nazan Eckes übergeben – auch, weil sie mit fast 62 kürzer treten will. Ein Gespräch über Privatsphäre, Dschungelcamp, Helmut Thoma und was aus all der Zeit haften geblieben ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Schrowange, herzlichen Glückwunsch!

Birgit Schrowange: Äh, wozu genau?

Sie heiraten bald Ihren Verlobten Frank Spothelfer.

Oh, danke schön.

Anders als viele Kollegen machen Sie Ihr Privatleben publik. Kommt diese Transparenz von Herzen oder ist sie eine Reminiszenz an Ihren Beruf als Boulevardmoderatorin?

Ach, ich bin doch schon seit 40 Jahren eine öffentliche Person und werde 30 davon gefragt, wann ich denn nun endlich mal heirate. Trotzdem hat die Offenheit natürlich Grenzen.

Welche zum Beispiel?

Meinen Sohn, den ich seit jeher aus der Öffentlichkeit heraushalte. Darüber bin ich auch sehr froh. Obwohl, mittlerweile ist er ein so kluger, schöner Mann – da würde ich ihn schon gern mal mit auf den roten Teppich nehmen. Für mich gehört er halt dazu. Doch weder ich noch mein Freund würden so weitgehen wie Boris Becker und ein Kamerateam zum Traualtar lassen.

Ins Dschungelcamp würden Sie also nicht gehen?

Für kein Geld der Welt! Ich hab mich trotz einiger Angebote ja auch nicht für den „Playboy“ ausgezogen.

Verlangt der Markt, also das Publikum, von Moderatoren, die ihrerseits in die Privatsphäre anderer vordringen, dennoch größere Bereitschaft, mehr von sich selber preiszugeben als sagen wir: Nachrichtensprecher?

Absolut. Deshalb kann jemand, die wie ich im Boulevard tätig ist, schwerer völlig zu machen. Und weil ich nie etwas zu verbergen hatte, hab ich auch gar kein Problem damit, mich an seine Spielregeln zu halten. Aber wenn Paparazzi meinem Sohn aufgelauert haben, musste ich trotzdem die eine oder andere Zeitschrift verklagen.

Haben Magazine wie Extra, das den Boulevard vor 25 Jahren hierzulande mitgeprägt hat, aus Ihrer Sicht die Grenzen der Privatheit Prominenter verschoben?

Nein, denn Prominente machen wir fast gar nicht, Sie verwechseln uns da mit einem People-Magazin wie Exklusiv!. Frauke Ludowig würde uns was husten, wenn wir in ihrem Revier wildern. Haben sie „Extra“ überhaupt schon mal gesehen?

Klar! Und da gibt es unter anderem Aufarbeitungen eigener Sendungen wie Dschungelcamp oder DSDS, in denen Prominenz eine wichtige Rolle spielt.

DSDS kommt fast nie bei uns vor und über die Prominenz der Dschungel-Kandidaten könnte man jetzt streiten. Wenn wir über so etwas berichten, dann als Cross-Promotion vorangehender Sendungen, in denen es äußerst selten mal um Prominente geht. Wir machen eher Schicksalsgeschichten ganz normaler Leute wie die aus einem Kinderhospiz in Olpe, wo ich gleich hinfahre, und geben Themen eine Öffentlichkeit, über die sonst wenig berichtet wird.

Bezeichnen Sie sich demnach als Journalistin, womöglich gar Reporterin, oder doch als Moderatorin?

Also ich bin gern unterwegs, gehe auf Menschen zu und brenne für emotionale Geschichten. Gleichzeitig drehe ich selten selber welche. Deshalb kann man mich als Moderatorin mit journalistischen Aufgaben bezeichnen.

Sie machen den Beruf seit 1981 und sind die meisten Zeit davon auf dem Boulevard tätig. Wie hat sich die Branche, wie hat sich Ihr aktuelles Genre in dieser Zeit verändert?

Sehr, sowohl technisch als auch inhaltlich! Als ichanfing, gab es ja noch TV-Ansagerinnen wie mich. Und das war im Wesentlichen auch die Hauptaufgabe von Frauen in dieser reinen Männerwelt. Ich kann mich deshalb noch gut an den Aufschrei erinnern, als Barbara Dickmann 1979 die Tagesthemen moderiert hatte. Da sind wir heute zum Glück ein Stück weitergekommen. Auch RTL, das allerdings schon früh auf Frauen gesetzt hat, etwa mit Ulrike von der Groeben als Sportmoderatorin.

Sie sind dort in einer Zeit hingewechselt, als RTL Marktführer war und vom legendären Helmut Thoma geleitet wurde…

Aber schon längst nicht mehr das Schmuddelimage der Anfangszeit hatte. Dafür gab es viel mehr Geld und Quoten. Heute sind die Mittel knapper, der Markt ist zersplitterter, die jungen Leute gucken kaum noch lineares Fernsehen, mit Netflix und Amazon gibt es neue Konkurrenten – man kann die damalige Zeit mit heute überhaupt nicht mehr vergleichen.

Hat die frühere Marktmacht von RTL für Sie als Moderatorin mit sich gebracht, mehr wagen zu können, sich nicht ständig in Formatgrenzen zu bewegen?

Ja, wir konnten uns früher mehr trauen und auch mehr investieren. Ich erinnere mich an den Fall eines amerikanischen Serienmörders, der in den USA zum Tode verurteilt war. Da bin ich mit Frank Hoffmann, meinem damaligen Redaktionsleiter…

… und bis Anfang des Jahres Geschäftsführer.

… hingefahren und mit einer monothematischen Sendung zurückgekommen. Einfach los, vor Ort schauen, was daraus wird, und gegebenenfalls alles in die Tonne kloppen – das wäre heutzutage unmöglich.

Auch wegen der gesunkenen Aufmerksamkeitsspanne des Publikums?

Vermutlich. Man hat sich aber auch damals ein Stück weit den Zuschauern angepasst und am Quotenverlauf beobachtet, welche Beiträge gut liefen, welche weniger. Wie hat Dr. Thoma so schön gesagt: Der Wurm muss nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch.

Was für ein Chef war Helmut Thoma verglichen etwa mit Anke Schäferkordt?

Ach Gott, darüber möchte ich ausgerechnet jetzt, wo ich bei RTL aufhöre, nicht mehr reden.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Ausgaben von Extra Sie moderiert haben?

Fast 1500, meine ich.

Gibt es da Sendungen, Momente, auch Begegnungen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Viele sogar. Einer war, als ich Natascha Kampusch nach ihrer Befreiung exklusiv interviewt habe. Spannend war es auch, als wir Monica Lewinsky in New York besucht haben. Am Ende hängen gute Geschichten aber nie an großen Namen. Erst Montag hatte ich eine junge Frau im Studio, die ihren schwerkranken Vater pflegt, seit sie acht Jahre alt ist. Acht! Und das ist kein Einzelschicksal in Deutschland. Das war ebenso eindrücklich wie Besuche im Drogenmilieu oder bei Flüchtlingen. So was berührt einen emotional schon sehr.

Wird man da mit den Jahren nicht abgebrühter?

Ich kann einiges ab, aber besonders, wenn Kinder beteiligt sind, fasst es einen immer noch an. Andererseits war Extra schon immer eine bunte Wundertüte, in der es neben Schicksalsgeschichten auch mal leicht und lustig zugehen kann. Diese Mischung war mir stets wichtig.

Warum machen Sie dann gerade jetzt damit Schluss?

Weil mir eine innere Stimme seit drei Jahren schon flüstert, dass ich den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören nicht verpassen solle – und mit dem 25. Geburtstag ist der für mich erreicht. Nach 40 Jahren im Beruf, möchte ich ein bisschen kürzer treten, mehr Zeit für mich haben, andere Sachen machen. Mein Ziel war es immer, dass man mich nicht aus dem Studio raustragen muss. Ich werde nächstes Jahr 62, da ist es ein großartiger Moment, zu sagen: danke RTL! Ich hatte eine großartige Zeit, aber jetzt ist es Zeit zu gehen.

Können Sie generell gut loslassen?

Ja, schließlich lässt man ständig irgendetwas los. Man lässt los von der Kindheit, man lässt los von der Jugend, man lässt los von den Eltern, man lässt los von den Kindern, man lässt los von der Schönheit. Wer das nicht akzeptieren kann, verkrampft am Leben.


Uwe Kockisch: Comm. Brunetti & Stasi-Kupfer

Die Ruhe selbst

Seit mehr als 20 Jahren zählt Uwe Kockisch bereits zum Kernbestand des Fernsehpersonals – trotz und wegen seiner Rolle als Commissario Brunetti (Bild: Nicolas Maack/Degeto) nach den Krimiromanen von Donna Leon, die Weihnachten mit der 26. Folge im Ersten zu Ende ging. Ein Abgesang.

Von Jan Freitag

Uwe bleibt ganz ruhig, obwohl: das tut er ja selbst dann, wenn es spürbar in ihm brodelt. Vor ihm im Wasser treibt die Leiche eines Bekannten, mit dem er eben noch angeregt übers Böse der Welt diskutiert hatte. Uwe mochte diesen Imker, auch wenn er das nicht so richtig zeigen konnte – schon weil eigentlich keine seiner Filmrollen Gefühle so richtig zeigen darf. Diese Gefühlsunterdrückung ist geradezu ihr Markenzeichen, sie macht ihn ja gewissermaßen zur Marke, diesen Uwe, der große Grübler des deutschen Fernsehens.

Doch jetzt hat es sich ausgegrübelt.

Denn mit einer Fahrt Richtung Horizont hat Uwe, Nachname Kockisch, jenes Gewässer, in dem die Leiche des geselligen Imkers, Vorname Davide, vor sich hin dümpelt, endgültig verlassen. Es ist die Lagune von Venedig, ein bezaubernd schönes Biotop – wäre da nicht der Mensch an sich. Ein zerstörerisches, abgründiges, zutiefst selbstsüchtiges Wesen, mit dem es Uwe Kockisch seit Oktober 2003 als Commissario Brunetti in aller brodelnden Ruhe zu tun bekam. Nach der 22. von insgesamt 26 Folgen „Donna Leon“ endet also eine ARD-Reihe, in der er einst den atmosphärisch ähnlich introvertierten Joachim Król als Hauptdarsteller mit neuem Gesicht zur alten Figur beerbt hatte.

Nicht, dass es dem Krimi an Publikumsresonanz mangeln würde; die Einschaltquoten waren bis zuletzt wie an fast jedem Donnerstagabend im Ersten hervorragend. Die vorletzte Episode im April etwa haben annähernd sechs Millionen Zuschauer gesehen, und hätte RLT parallel dazu nicht ein zugkräftiges Fußballspiel übertragen – es wären gewiss noch deutlich mehr gewesen. Umso interessanter müsste es sein, Uwe Kockischs Abschiedsmotive von ihm persönlich zu erfahren. Weil er das vereinbarte Interview jedoch unmittelbar vorm Termin – womöglich aus Angst vor kritischen Fragen – ohne Erklärung abgesagt hat, kann man darüber nur spekulieren. Der wichtigste Grund bedarf allerdings keiner Zeugenaussage: Commissario Brunetti ist auserzählt. Seit langem schon.

Auch sein letzter Fall treibt daher wie die Leiche des Bienenzüchters (Hermann Beyer) in einer kruden Story voll gestanzter Charaktere, die in der Regel keine dramaturgische, sondern allenfalls Platzhalter-Funktion haben. Nur leidlich von einem Burnout genesen, soll der ausgebrannte Ermittler eigentlich auf der Laguneninsel Sant’Erasmo regenerieren, wird durch den gewaltsamen Tod des biografisch verbundenen Imkers, der bereits Brunettis Vater kannte, jedoch zur Arbeit genötigt. Im Fall eines vermeintlichen Umweltskandals ringen sodann brutale Wasserschutzpolizisten (Anton Spieker) und dubiose Umweltanwälte (Suzanne von Borsody), aasige Unternehmer (Roman Knižka) oder bullige Bauern (Paul Faßnacht) um eine Art Klischeehoheit, in der sich jeder Gemütszustand zu 100 Prozent im Gesichtsausdruck spiegelt und auch sonst alles den Regeln leichtverständlicher Fiktion folgt.

Gut, dass alles nicht allzu schlüssig, aber immerhin ein bisschen anders als insinuiert, also einigermaßen überraschend endet, ist in allen 23 Leon-Verfilmungen unter Rothemunds Regie Teil des Spanungsprinzips. Aber um Logik geht es bei Krimireihen wie dieser ohnehin nur am Rande. Dazwischen geht es ums Geschäft. Und das hat kaum jemand so geprägt wie Uwe Kockisch alias Guido Brunetti. Erst seit seinem Dienstantritt ergießt sich ja ein nie versiegender Strom hiesiger Darsteller auf den Bildschirm, die im Ausland Einheimische jeder Herkunft spielen und dabei wie Deutsche klingen oder noch absurder: Österreicher. Der erste Epigone war 2006 an gleicher Stelle Henry Hübchens Triester Commissario Laurenti, bevor ihm Der Kommissar und das Meer Walter Sittler ein Jahr drauf fürs ZDF aufs schwedische Gotland folgte.

Was alle drei eint, ist dabei ein angenehm reserviertes, vielfach arg melodramatisches, aber vergleichsweise authentisches Spiel vorm Poster-Ambiente aufgeräumter Drehorte, die dem Publikum gleich zweierlei boten: Reisetipps ohne Reue plus Identifikation mittels Sprache. Während sich die Kulissen oft auf Sehenswürdigkeiten reduziert, reden alle Schauspieler darin schließlich stets geschliffen Hochdeutsch oder werden entsprechend (mies) synchronisiert. Spätestens, als Francis Fulton-Smith – natürlich unter Sigi Rothemund Regie – erst den Pariser Kommissar LaBréa und danach dessen Athener Kollegen Richter zur Abziehfolie nationaler Klischees machte, klang das dann nur noch lächerlich. Erfolgreich war es trotzdem.

Wenn Deutsche nun von Tel Aviv bis Lissabon, von Barcelona bis Island unter Deutschen auf Deutsch ermitteln, entsteht daraus fast zwangsläufig artifizielles Erklärbärfernsehen für Begriffsstutzige, bei dem sich jeder Protagonist ungefragt mit Wohnort, Name, Beruf vorstellt und fies aus der Wäsche guckt, falls er was auf dem Kerbholz hat. Warum sich der achtbare Uwe Kockisch das die vergangenen 16 von mittlerweile fast 70 Jahren angetan hat, hätte man ihn da wie gesagt gern selbst gefragt. Aber wer ihm letztmals dabei zusieht, kann sich im Meer der Ödnis wenigstens  am Zufluss seiner Ruhe erfreuen.

Es ist ein gleichermaßen trauriges und kämpferisches Spiel, mit dem er einst sogar den Stasi-General Kupfer in Weissensee zum Sympathieträger machte. Dank dieser Hybris zählte der gescheiterte Republikflüchtling schon im Osten zu den Großen seiner Branche und schaffte auch den Übergang ins gesamtdeutsche Fernsehen. Schön, dass er dort nun wieder mehr Zeit für bessere Rollen hat.


Silbereisen: Schlagershow & Lächelfassade

In Florians Spaßhölle

Wenn Florian Silbereisen wie jedes Jahr um diese Zeit zu den Schlager-Champions im Ersten lädt, macht die Wahrhaftigkeit kurz Pause, aber genau damit Millionen von Menschen bis zur Verzückung glücklich. Ein Ortsbesuch unter Klatschpappen, Schnulzenstars und Mienenspielen im ausverkauften Berliner Velodrom.

Von Jan Freitag

Das Land des Lächelns – samstagabends im Ersten liegt es öfter mal fernab von Japan. Genauer: im Berliner Velodrom, wenn sich darin wie jedes Jahr Anfang Januar die Schlagerelite trifft. Hier lächeln alle, hier herrscht der Frohsinn, hier ist auch dessen König zuhause: Florian Silbereisen. Umso erstaunlicher ist es da, wenn er mal nicht lächelt. Dann nämlich, wenn ein Dutzend Kameras an Drähten, Kränen, Männerhänden kurz nicht auf ihn samt seiner Bombenlaune gerichtet ist, sondern auf einen seiner vielen Schlager-Champions.

So heißt das denkbargrößte Defilee der richtig leichten Muse im öffentlich-rechtlichen Programm. Und mittendrin wie so oft Florian Silbereisen, Deutschlands Unterhaltungswerktätiger schlechthin – auch wenn die meiste Arbeit hier, im Plattenbauosten der Hauptstadt, seit
Tagen andere machen. Hunderte von Technikern und Ausstattern, Showgestaltern und Security-Schränken, Klatschpappenverteilern und natürlich die Planeten des blonden Zentralgestirns der Volksschlagerbranche von A wie Andrea Berg bis Z wie Ben Zucker.

Während der Flori knappe drei Stunden vorm Großen Fest der Besten kurz mal mit bierernstem Blick sein minutenschnell ausverkauftes TV-Reich inspiziert, spucken blickdicht verblendete Luxuslimousinen den Hofadel des LED-Königs in die Tiefgarage vom Velodrom. Matthias Reim kommt mit Sohn, DJ Ötzi mit Kippe, Stefan Mross mit Braut, Andrea Bocelli mit Hund, Lucas Cordalis mit Katze(nberger) und absolut alle mit der Fähigkeit, auf dem Roten Teppich ein Betonlächeln unters Makeup zu tackern, das im perlweiß im Blitzlichtgewitter von drei Dutzend professionellen und der doppelten Anzahl Hobby-Fotografen strahlt.

So geht das Prozedere Benz für Benz von einer Jagdfanfare eines Spielmannszugsangekündigt fast in Traumschiffepisodenlänge weiter. Auf Howard Carpendale folgt Kerstin Ott  folgt Thomas Anders folgt Mary Roos folgt Roland Kaiser folgt Marianne Rosenberg folgt Semino Rossi alles, was Schlagerrang und Namen hat in eine Monsterhalle, die derweil vom versierten Warmupper Kevin vorgeheizt wird. Dabei braucht die Mehrzahl der 9533 zahlenden Besucher spätestens nach der zweiten Maß Berliner Kindl für 11 Euro vielleicht nüchterne Fahrer nach dem Abpfiff, aber kaum Motivation zum Abdrehen. Die Stimmung ist schon lange vorm Anpfiff so siedend, dass es den Flori kaum noch gebraucht hätte zum Anheizen. Aber dann kommt er doch und brüllt euphorisch „Wie geil ist das denn?!“ ins Meer ulkiger Hüte und leuchtender Brillen auf Menschen wirklich aller Alters- und immerhin einigen der sozialen Schichten mit erstaunlicher Tätowierungsdichte.

Wann die Partymeute zu klatschen habe („sobald ich raufkomme“) und wann besser nicht („wenn ich runtergehe“), gibt er ihnen noch bis zum kollektiven Countdown mit auf den Weg – dann herrscht plötzlich: Stille.  Volle fünf Minuten, am Ende der „Tagesschau“ vermutlich gerade vom Bericht über die australische Buschbrandhitze bis zum Winterfrühling  swetter daheim. Temperaturmäßig dazwischen explodiert dann physisch wie emotional endlich ein gewaltiges Feuerwerk, als Silbereisen zur Schlagersause brüllt und dabei ohne jeden Zweifel in seinem Element ist.

Er wird sich fortan volle 200 Minuten auch ohne Teleprompter kaum verhaspeln und dennoch nichts von Bedeutung sagen. Er wird die Stimmung der Zuschauer ringsum der kruzifixförmigen Bühne spüren wie ein Seismograph und bis hoch in die rappelvollen Oberränge Frohsinn verbreiten. Er wird Mailfragen der Fans verlesen und über jede Antwort lachen. Kurzum: Er wird die perfekte Illusion einer impulsiven Veranstaltung liefern, an der viele Hundert Handlanger so eingehend gefeilt haben, bis vom kleinsten Licht bis Ross Anthonys Tränen nach dessen Ode an den verstorbenen Vater nichts dem Zufall überlassen wird.

Als das Publikum an der richtigen Stelle von Giovanni Zarellas Version des Mitgröl-Songs Wahnsinn kollektiv den Refrain nachsingt, erfahren die Fernsehzuschauer also nicht, dass die in der Halle den Einsatz zuvor sorgsam geübt hatten. Und als Florian Silbereisen Andreas Gabaliers Bruder fragt, ob er den Berlinern in aller Schnelle das Jodeln beibringen könne, hat Kevin natürlich auch das eingeübt, aber hey: wenn Roland Kaiser von einer leibhaftigen Band begleitet schmachtet, er wolle „mit offenem Herzen der Wahrheit ins Auge sehen“, geht es hier um alles, aber sie gewiss nicht. Es geht um Gemeinschaft in Luftschlössern, die Stefan Mross bald mit seiner zukünftigen Frau bewohnt, der er bei Silbereisens Adventsfest der 100.000 Lichter bestimmt völlig unvorbereitet einen Heiratsantrag gemacht hat.

Und jetzt? Stehen die zwei Turteltauben beim Flori auf der Bühne und versichern sich geigenumflort ihrer ewigen Liebe – wobei dem Moderator nur darum die Mimik gefriert, weil sich die Kameras dem Sturm zweier Windmaschinen im Kleid von Stefans Zukünftiger widmen. Klingt zynisch? Ist es auch! Aber eben auch Showbiz at it’s best, bei dem sich der gravitätische Roland Kaiser freiwillig aus dem Rampenlicht schubsen lässt, weil die Pyrotechniker darin halt den nächsten Kracher vorbereiten. Eine gutgeölte Spaßmaschine, in der zwar jeder Text auf riesigem Laufband mitläuft, aber niemand hinsieht, weil vom Teeny bis zum Greis eh alle alles auswendig können. Alles.

Am Ende gipfelt die Glückseligkeit im Medley von Andrea Berg, das ein blasser Mittelstufenschüler am Bühnenrand mitsingt als sei es globaler Pop – dann stürmen all die Besten nochmals das gigantische Bühnenkreuz unterm gigantischeren Hallendach und es ist wieder vorbei. Spots aus, Licht an. Auch Floris Lachen stirbt in Echtzeit, als sei nichts gewesen. Bis Mitte März zumindest, wenn er – wie sein melodramatisches Tremolo locker fünfmal verkündet hatte – erneut die ARD-Bühne stürmt und lacht und scherzt und fragt und kumpelt und singt und mit alldem nur aufhört, falls niemand hinsieht. So ist das Spiel. Im Berliner Velodrom, Samstagabend, ARD-Primetime, spielt es jeder gerne mit.


Aiming for Enrike, The Chap, Mint Mind

The Chap

Warum ein Krümel, wenn man das ganze Brot haben kann, warum ein Keks, wenn man die ganze Konditorei haben kann, warum ein Äffchen, wenn man den ganzen Zoo haben kann, und warum ein Plattenregal, wenn man The Chap haben kann. Wer es in den letzten 20 Jahren nicht bemerkt hat, weil das englische Quintett mittlerweile acht Platten lang unterm Radar allgemeiner Aufmerksamkeit feinen Radau macht: The Chap ist gar keine Band, sondern Dutzende davon. Und jede geiler als die andere.

Da wäre in Bring Your Dolphin, Opener der neuen Platte Digital Technology, ein irisierender Minimal Wave. Da wäre kurz darauf der zauberhafte Noisepop Pea Shore, gefolgt vom experimentellen Inditronic I Am The Emotion, bevor I Recommend You Do The Same in dronigen Psychobeat abdriftet, den das schrille Merch in die Abgründe des Digital Hardcore überführt, wo der Ethno-Alternative Toothless Fuckface den Weg zurück ins Licht weist. Was für ein tolles Krümeläffchenplattenregal.

The Chap – Digital Technology (staatsakt)

Aiming For Enrike

Da ist es nur schwer zu glauben, dass es sogar noch vogelwilder geht. Aber es geht. Etwa beim digitalanalogen Dadapop-Ensemble Aiming For Enrike. Im Kern erinnert das Quartett aus Norwegen zwar ein wenig an das Berlin-Londoner Pendent The Chap, nur dass die Tracks allesamt so wirken, als wären es im Studio ungefähr doppelt so viele gewesen, die man – um kein Doppelalbum machen zu müssen – einfach übereinander gestapelt und leicht hochgepitcht hat.

Was insofern erstaunlich ist, als der Vorgänger von Music For Working Out angeblich noch chaotischer war. Einerseits. Andererseits ist der hochenergetische Elektromathrock strukturiert genug für kontrollierte Bewegungsabläufe im Club und erinnert dabei an den französischen Gitarrenfreak Matthieu “M” Chedid. Auch das geordnete Durcheinander der technonostalgischen Keyboardkanonaden von Erlend Mokkelbost und Simen Følstad Nilsen, denen die Drums von Tobias Ørnes Andersen gehörig Feuer unterm Hintern machen, ist vielleicht wirr, aber nie verwirrend. Ein fabelhaftes Album zum Durchdrehen.

Aiming For Enrike – Music For Working Out (Pekula Records)

Mint Mind

Dagegen wirken Mint Mind fast schon geerdet – was einiges heißen will. Auch das Nebenprojekt des rührigen Tocotronic-Gitarristen Rick McPhail ist ja weiter von gewöhnlich entfernt als Helene Fischer von kreativ. Dennoch wirkt der oberflächlich konfuse Psychorock auch auf dem zweiten Album seiner Drittband untergründig vielfach sorgsam ausgefeilt. Tief in der Geschichte des DIY-Garagensounds zwischen Seattle und New York verwurzelt, gibt es von Thoughtsicles demnach satt aufs Trommelfell.

Geschreddert von McPhails halligen Alltagserzählungen aus dem Hallraum urbaner Disruptionen von zu viel Schnaps (Alcoholicity) bis zu wenig Verbindlichkeit (Love A Good Queue) und noch viel zu viel weniger politische Kultur (A Road Best Traveled), sägt sich das Tio aus Hamburg zurück in den Surfrock der Sixties und über den Punk der Siebziger zurück zur Gegenwart, wo das alles ungemein frisch, aber angemessen angepisst klingt.

Mint Mind – Thoughtsicles (Upper Rooms)


Uli Edel: Bahnhof Zoo & singende Metzger

Vom Writer’s zum Director’s Room

Filme wie Christiane F. oder Letzte Ausfahrt Brooklyn haben Uli Edel (Foto 3.v.l.: Zeitlinger/ARD) um die Welt gebracht. Für den ARD-Dreiteiler Der Club der singenden Metzger (zu sehen in der ARD-Mediathek) kehrt er zurück zu seinen badisch-amerikanischen Auswandererwurzeln. Ein Gespräch über alte und neue Heimaten, deutsche Wurst in L.A. und warum er unbedingt Serien machen will.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Edel, Der Club der singenden Metzger spielt in Ihrer Heimat vor rund 100 Jahren; ist das insofern auch ein autobiografischer Film?

Uli Edel: Autobiographisch ist das soziale Milieu, aus dem ich und die Hauptfigur kommen. Vor 30 Jahren bin ich wie er nach Amerika ausgewandert. Wir kommen tatsächlich beide aus dem Schwarzwald, er aus einer schwäbischen Region, ich aus dem südlich gelegenen Baden. Mit diesen Menschen bin ich aufgewachsen und sind mir daher sehr vertraut.

Haben Sie Vorfahren, die zur selben Zeit ausgewandert sind wie die Protagonisten Ihres Films?

Ja, sogar einige – nach Amerika, Kanada und noch in den 70er Jahre nach Australien. Persönliche Bezüge sind bei mir offenbar nicht selten.

Das war für Sie als Sohn einer Hoteliersfamilie ja schon beim Mehrteiler Adlon im ZDF vor 6 Jahren der Fall…

Genau. Meine Eltern hatten zwar kein Erste Klasse-Haus am Brandenburger Tor, sondern einen Landgasthof, der aber auch als Familienbetrieb geführt wurde, wie das Adlon.

Sorgen persönliche Bezüge bei Ihnen für größere Emotionalität als abstraktere Stoffe?

Hemingway hat einmal übers Schreiben gesagt, dass der Autor die Dinge, über die er schreibt, auf die eine oder andere Weise erlebt haben muss, um darüber wirklich berichten zu können. Ich wollte unseren geschichtlich belasteten Heimatbegriff wieder auf das zurückführen, was er mir ursprünglich bedeutete, nämlich mit einem bestimmten Ort und dessen Menschen emotional verbunden zu sein. In diesem Film wird etwas durch alte, deutsche Volkslieder vermittelt, mit denen sich die singenden Metzger ein Stück Heimat in die Fremde holen. Als ich die Lieder auswählte, ist mir erst klargeworden, wie zeitlos schön manche dieser Lieder sind.

Haben Sie in der Ferne auch von der Heimat gesungen, um an sie erinnert zu werden?

Ich glaube nicht.

Und deutsche Wurst gegessen?

In Hollywood gibt es tatsächlich sehr gute deutsche Metzger und ich weiß, wer von ihnen die beste Blut- und Leberwurst macht. Auch mein Kontakt zur Deutschland ist nie wirklich abgebrochen, weil ich viele amerikanische Produktionen in Europa gedreht habe und deshalb meiner Familie und alten Freunden nah war. Selbst dieser Film, der in Dakota spielt, wurde nicht dort, sondern in Kroatien gedreht. Aber seit den Dreharbeiten daran habe ich einen zweiten Wohnsitz in Berlin und bin überrascht, wie begeistert selbst meine amerikanische Frau von der Stadt ist.

Kann man den Club der singen Metzger angesichts des Themas Flucht vor materieller Not als Kommentar auf die Flüchtlingskrise lesen?

Soll man sogar. Bei mir ist es allerdings umgekehrt. Da sind Deutsche, die vor der Armut in ihrer Heimat fliehen und ihr Glück auf einem ihnen fremden Kontinent suchen. Die Autorin der Buchvorlage zum Film, Louise Erdrich, ist selbst Amerikanerin, genauer Lakota Indianerin mit deutschen Vorfahren. Sie beschreibt diese Menschen mit größtem Respekt und in all ihrer Würde, mit der sie sich in der Fremde zu behaupten versuchen.

Zollt die bisweilen blumige, gefühlige Art, wie Sie diesen Respekt bildsprachlich umsetzen, dabei auch ein bisschen dem Freitagssendeplatz im Ersten kurz nach Weihnachten Tribut?

Dass der Film kurz nach Weihnachten gezeigt werden soll, wurde von der ARD erst festgelegt, nachdem er längst abgedreht war und ihnen vorgeführt wurde.

Louise Erdrich erzählt die Geschichte ihres ausgewanderten Großvaters. Wie nah bleibt der Film am Vorbild?

Bis hin zur frappierenden Ähnlichkeit von Jonas Nay mit Louise Erdrich‘s Großvater, der als junger Metzgermeister tatsächlich nach dem ersten Weltkrieg nach North Dakota ausgewandert ist. Dennoch müssen Adaptionen immer auch etwas vorsortieren.

Die FAZ warf Ihnen mal vor, beim Sortieren nutzen Sie Geschichte wie bei den Nibelungen oft als Konfetti, von dem man eine Handvoll aus dem Beutel nimmt und ins Publikum wirft.

Ich erinnere mich. Der Kritiker bezog sich dabei fälschlicherweise nur aufs Nibelungen-Lied, was nicht die Vorlage meines Films war. Von der Siegried-Sage sind ja sechzehn Versionen überliefert, aus denen ich meine Geschichte erzählte. Dass der Kritiker sie als Konfetti bezeichnet, verrät natürlich, dass er diese Quellen überhaupt nicht kannte. Selbst die Version von Richard Wagner war ihm offenbar unbekannt.

Dennoch: ist die Geschichte der deutschen Auswanderung in diesem Fall nur eine Art Steinbruch, aus dem Sie sich bedienen, um eine Liebesgeschichte zu erzählen?

Die Geschichte des jungen Fidelis Waldvogel, der von zwei unterschiedlichen, aber explizit starken Frauen geliebt wird, steht im Mittelpunkt. Der Roman beschreibt einen Zeitraum von 40 Jahren. In dem dreistündigen Film erzähle ich davon aber drei Jahre. Hätte ich den Roman vollständig verfilmen wollen, wären 20 Stunden rausgekommen. Da muss man sich entscheiden und vor allem: disziplinieren.

Oder eine Serie drehen.

Sie sagen es! Es ist aber schon ein Phänomen, wie begierig der Fernsehzuschauer auf lange Erzählformen wurde. Da nähert sich die Serie heute dem gedruckten Buch. Dort liest man fünfzig oder hundert Seiten, legt es weg, und kann es nicht erwarten am nächsten Tag weitere fünfzig oder hundert Seiten zu lesen. Dasselbe passiert jetzt beim Schauen von Serien.

Stand eine Serie der singenden Metzger zur Debatte?

Diese Geschichte hat sich am besten in drei Stunden erzählen lassen.

Warum haben Sie eigentlich noch nie eine Serie gemacht?

Habe ich ja, aber immer einzelne Episoden. In den USA ist es üblich, Serien von verschiedenen Regisseuren drehen zu lassen. Teilweise sogar gleichzeitig, wie ein Pingpongspiel, wie Tom Tykwer und seine zwei Regiekollegen etwa Babylon Berlin gedreht haben.

Vom Writer’s Room zum Director’s Room.

Das haben Sie schön ausgedrückt.

Aber reizt es Sie nicht, mal eine Serie alleine zu verantworten?

Aus einigen meiner Kinofilme werden grad lange Serien vorbereitet, Wir Kinder vom Bahnhof Zoo wird sogar schon gedreht. Nochmal die Regie bei einem meiner alten Projekte zu übernehmen, die ich schon einmal inszeniert habe, ist nicht sehr spannend. Ich konzentriere mich lieber auf neue Herausforderungen wie Der Friedrichstadt Palast, den ich grad vorbereite. Es ist eine Geschichte um das größte Revue-Theater Europas.


Ausgeladene Gauleiter & kitschige Metzger

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. Dezember

Nein, sagte ZDF-Chefredakteur Peter Frey sinngemäß in einem Zeit-Streitgespräch, öffentlich-rechtliche Sender seien weder links noch grün oder gar versifft, nähmen sich aber ab sofort die Freiheit, Bernd Höcke kein Podium für seine faschistoiden Herrenrassefantasien zu geben. Der Blut-und-Boden-Fanatiker werde fortan also nicht mehr in Talkshows des Zweiten Deutschen Fernsehens eingeladen. Als Zuschauer wäre Thüringens selbsterklärter Gauleiter in spe jedoch höchst willkommen – würde er den Altersschnitt des ZDF mit seinen 1047 Jahren doch beachtlich senken.

Wobei das Erste da um keinen Tag drunter liegt, im Gegenteil – fehlt ihm doch ein Zielgruppenanker wie Jan Böhmermann, der mit seiner elaborierten Frechheit nicht nur tief in die Generation Z hineinwirkt, sondern bis über die Schmerzgrenze hinaus haltungsstark ist. Das sieht man daran, dass er gegen das Teilverbot seines Schmähgedichts gegen den Blut-und-Boden-Fanatiker Recep Tayyip Erdoğan nun vors Bundesverfassungsgericht zieht. Zum Dank, steckt das Zweite sein Neo Magazin Royal ab Herbst zwar gewiss Richtung Geisterstunde, aber das hätte es dann ja mit Oli Dittrich gemeinsam.

Dessen Boulevard-Abrechnung FRUST – das Magazin wie die neun Eigenanalysen des WDR zuvor erst kurz vor Freitag in der ARD zu sehen war – und damit abermals zeigte, dass sie Selbstkritik doch lieber versteckt, als verbreitet. Zur Ehrenrettung sei die Programmpolitik aber mit Pro7 verglichen, das unterm eskapistisch-debilen Titel We Love 2019 aufs rundum katastrophale Jahr zurückblickt. Wobei es ja auch für den Privatsender selbst nichts Gutes verheißt – glaubt man zumindest dem Bericht des Manager-Magazins, Max Conze würde die angeschlagene Sendergruppe mit großem Ego und Berlusconis Hilfe in die Pleite reiten. Schwer zu sagen, ob die mediale Vielfalt daran schaden nähme.

Die Frischwoche

30. Dezember – 5. Januar

Das gilt auch für zwei prägnante Demissionen der Woche. Denn wenn die unverwüstlich Birgit Schrowange heute um 23.15 Uhr nach 25 Jahren das RTL-Magazin Extra verlässt, geht zwar eine Ära des dualen Systems zu Ende, aber gewiss keine, der man aus journalistischer Sicht auch nur fünf Sekunden hinterher trauern sollte. Ähnliches gilt für Uwe Kockisch, dessen Commissario Brunetti 2002 den Reisekatalogkrimi-Boom im Ersten begründet hatte, Mittwochabend aber letztmals dramaturgische Ödnis mit klischeehafter Figurenzeichnung kombiniert.

Andererseits entpuppt sich das Licht am Ende des Tunnels oft als herannahender Zug – oder Florian Silbereisen, der tags drauf Sascha Hehn auf der Kommandobrücke des Traumschiffs ablöst und damit zeigt, dass die Seniorenunterhaltung im ZDF immer noch ein wenig tiefer sinken kann. Nur unwesentlich höher steckt das Erste mit der Spätwesternschmonzette Club der singenden Metzger fest. Geschlagene drei Stunden lang macht Uli Edel aus der biografisch geprägten Literaturvorlage um Deutsche mit ulkigen Vornamen wie Fidelis (Jonas Nay) und Delphine (Aylin Tezel), die nach dem 1. Weltkrieg nach Amerika auswandern, ein konventionelles Stück Historytainment von erschütternder Kitschigkeit.

Damit könnte man zu den Wiederholungen der Woche überleiten, die neben Feuerzangenbowle und Sissi natürlich auch das baugleiche Feiertagsritual Winnetou bereithält. Wollen wir aber nicht. Stattdessen zwei neue Tipps: in der joyn-Serie Dignity wird die berüchtigte Kolonia Dignidad um den Altnazi Paul Schäfer (Devid Striesow) porträtiert, wobei der Fokus nicht auf der faschistoiden Unterdrückungsmechanik liegt, sondern darauf, was sie mit Menschen macht. Und als Reminiszenz an den Chromosomensatz des Weihnachtsmanns: Real Man, eine anderthalbstündige Doku, mit der Arte am Sonntag um 22.15 Uhr männliche Klischees seziert und wie sie mit der Gegenwart klarkommen. Ansonsten: fernsehfreien Rutsch ins neue Jahr, die Kolumne kehrt am 6. Januar zurück.


Eidinger/Möhring: West of Liberty & 25 km/h

Ich telefoniere nicht mal gern

Lars Eidinger und Wotan Wilke Möhring zählen schon lange zu den Superstars der deutschen Filmszene, im Agenten-Zweiteiler West of Liberty (als internationale Serienfassung in der ZDF-Mediathek) spielten sie kürzlich erstmals gemeinsam tragende Hauptrollen. Ein Doppelinterview über Whistleblower und Agenten, moderne Helden, wahrhaftige Fiktion und warum man Tim Burton nicht absagt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Eidinger, Herr Möhring – Sie beide haben in Ihrer Karriere bislang äußerst unterschiedliche Genres gespielt. War schon mal eine Agentenserie dabei?

Wotan Wilke Möhring: Ein bescheuerter Agentenfilm, ganz am Anfang. So einen Untergrund-Thriller hatte ich dagegen noch nie. Kriegt man bei uns auch nicht oft angeboten.

Lars Eidinger: Im Ausland schon eher. Mein größter Traum ist es, einmal den Bösewicht im James Bond zu spielen.  Wobei ich gehört habe, dass der nächste 007 eine Frau sein soll. Vielleicht bewerbe ich mich dann lieber als Bond-Boy.

Möhring: Der im Einteiler aus dem Wasser steigt, geil.

Sagt man einem Drehbuch, auf dem „Agententhriller“ steht, sofort zu, weil das so außergewöhnlich und aufregend ist?

Möhring: Solche Begriffe stehen da in der Regel ja nicht drauf. Es sei denn damals, als ich für RTL Old Shatterhand spielen sollte.

Eidinger: Da stand „Western“ drauf?

Möhring: Nee, aber bei Winnetou ist das ja klar und hat mich sofort gepackt.

Eidinger: Liest du eigentlich auch erstmal nur deine Passagen oder das ganze Buch von vorne nach hinten?

Möhring: Auch erstmal nur meine. Schon um zu wissen, ob der überhaupt irgendwas in der Geschichte zu melden hat und mit welchem Aufwand.

Eidinger: Bei mir Stand „Whistleblower“ im Anschreiben. Ein moderner Held.

Möhring: Der für seine Vorstellung von Wahrheit alles gibt.

Darf man sowas Traumrolle nennen oder ist das gar keine Kategorie, in der Schauspieler denken?

Eidinger: Mir war das vorher nicht bewusst, aber im Nachhinein ist es schon eine Traumrolle. Auch, weil sie so kammerspielartig an einem Ort spielt. Normalerweise ist man dauernd zwischen Drehorten unterwegs; hier war ich fast durchgehend in einem Studio in Malmö – und hatte nahezu keine Spielszenen mit Partnern.

Möhring: Außer im zweiten Teil, wo wir uns zum einzigen Mal wirklich begegnen.

Kommt dieses Kammerspiel dem Theater näher als im Film üblich?

Eidinger: Das physische Spiel auf engstem Raum? Ja. Ich habe schon das Gefühl, dass ich, wenn es körperlich wird, von meinen Erfahrungen auf der Bühne profitiere.

Möhring: Wobei sich die Klaustrophobie des Whistleblowers auch ohne Bühnenerfahrung sofort erschließt. Sein Wesen besteht ja quasi in der selbstgewählten Isolation.

Eidinger: Das sah man auch an dem verwahrlosten Zustand, in dem Julian Assange aus der Botschaft abgeführt wurde. Bei West of Liberty fiel dazu mir Platons Höhlengleichnis ein und wie sich die Wahrnehmung verändert, wenn man im wahrsten Sinne des Wortes nur Schatten der Ereignisse sieht. Der Mensch braucht ein leibhaftiges Gegenüber, sonst ist er verloren.

Und ein digitales Netzwerk reicht dafür nicht?

Möhring: Nicht, um sich seiner wahrhaftigen Existenz zu versichern. Sonst bleibst du ein Avatar deiner Fantasie. Deshalb kommuniziere ich nach wie vor extrem haptisch. Als Vater von drei Kindern weiß ich eben, wie wichtig spürbare Berührung ist. Und du, Lars?

Eidinger: Weil ich Leuten am liebsten gegenübersitze, telefoniere ich nicht mal gern. Aber in West of Liberty trifft die gefilterte Kommunikation ohne echten Kontakt den Kern dessen, wogegen Lucien Gell angetreten ist: Sich von der Manipulation durch Medien zu befreien – ganz gleich ob digital oder analog und selbst beim Hörensagen. Wenn man am Tatort eines Verkehrsunfalls zehn Zeugen befragt, bekommt man zehn unterschiedliche Beschreibungen der Ereignisse. Das macht die Serie zum Appell, Informationen grundsätzlich zu hinterfragen.

Aber auch anfällig für die populistische Kernthese der Lügenpresse.

Eidinger: Im Gegenteil: Die Skepsis macht im Umgang mit Populismus sogar ausgesprochen hellhörig und sensibel. Nur so wird ersichtlich, ob man durch die subjektive Sicht einer Quelle manipuliert wird.

Möhring: Schließlich filtern wir sogar die eigene Kommunikation. Ich hab grad gelesen, dass es in Sozialen Netzwerken kaum noch ungefilterte Informationen gibt. Profilbilder sind ebenso gefiltert wie Biografien, der Schein entwickelt sich zum Sein. Meine Schwester ist Professorin für Journalistik und rät ihren Studenten daher, jede Quelle mit der nächsten zu überprüfen, weil es schlicht keine gibt, die zweifelsfrei unabhängig, gar objektiv ist. Jede Wahrheit braucht Skepsis und je größer die Wahrheit, desto größer sollte sie sein.

Und wie wahrhaftig ist die ZDF-Serie?

Eidinger: Zumindest sosehr, dass sie jedem Zuschauer ermöglicht, eine eigene Haltung zum Thema einzunehmen. Es gibt darin weder schwarz noch weiß, richtig oder falsch, alle Figuren sind extrem ambivalent, kein Whistleblower ist bloß gut, kein CIA-Agent bloß schlecht, aber alle sind dazu fähig, das große Ganze durch ihr Handeln zu beeinflussen. Wie sagst du am Ende noch so schön?

Möhring: Die Mauer ist nicht gefallen, sie wurde von Menschen zum Einsturz gebracht?

Eidinger: Genau. Das gilt doch für jedes noch so komplexe System. Nehmen Sie die Brände im Amazonas: Wir können 1000 entrüstete Bilder posten. Oder wir hören auf Fleisch zu essen, für das der Regenwald brandgerodet wird. Um diese Verantwortung jedes Individuums geht es im Grunde auch in der Serie und um das Potenzial jedes einzelnen von uns.

Möhring: Dass Politik, Wirtschaft und Geheimdienste so verstrickt sind, wie wir es zeigen, könnte also Anlass zur Resignation sein. Aber irgendwo taucht halt doch immer wieder eine Greta Thunberg oder ein Edward Snowdon auf, deren selbstloser Idealismus zeigt, wie viel jeder und jede einzelne tun kann.

Der Idealismus ihrer Figuren ist dagegen wie im Fall des desillusionierten CIA-Spitzels Ludwig Licht erloschen oder wie in dem von Lucien Gell übersteigert. Hätten sie beide beides spielen können oder passt das so schon am besten?

Möhring: Das passt jedenfalls nicht so wie Faust aufs Auge, dass es nicht auch andersrum gegangen wäre.

Eidinger: Ludwig Licht hätte ich auch gern gespielt.

Merkt man den Filmen an, dass die Hauptverantwortlichen, also Buch und Regie, Frauen sind?

Möhring: Vielleicht ein bisschen daran, dass der einzig echte Held am Ende eine Heldin ist. Aber ob es eine Art weiblicher Kraft gibt, übersteigt meine Fantasie. Die Frage ist immer, ob es einen guten oder einen schlechten Kapitän gibt, und Barbara Eder war ein guter.

Eidinger: Ich höre schon oft von Frauen in dem Beruf, wie schwer es ihnen teilweise von Seiten der Männer gemacht wird und wie viel mehr Widerstände sie zu überwinden haben. Bei Barbara Eder hatte ich das Gefühl, dass ihr das gelingt und sie sich gut dagegen behaupten kann.

Möhring: Das ist aber keine weibliche oder männliche, sondern fachliche und menschliche Stärke.

Hatten Sie abgesehen von 25 Km/h voriges Jahr eigentlich schon mal miteinander gedreht?

Möhring: Nicht dass ich wüsste, und da haben wir auch nur Tischtennis gegeneinander gespielt.

Eidinger: Stimmt. Da hatte Wotan eine eher kleine Rolle, jetzt ist es umgekehrt. Das entspricht auch meinem Ideal, dass wie in einem Theaterensemble mal der eine, dann die andere groß spielt und man sich so gegenseitig stützt.

Möhring: Zumal man in Nebenrollen viel mehr aufs Gas treten kann, während Hauptrollen moderater angelegt sind. Es darf nur nie um Hierarchien, sondern das Ergebnis gehen.

Eidinger: Oder man darf wie ich in Dumbo mitspielen. Die Rolle war zwar winzig, aber ich will den Schauspieler sehen, der eine noch so kleine Rolle ausschlagen würde, wenn er die Möglichkeit hat mit Danny DeVito unter der Regie von Tim Burton zu spielen.


Hohe Hacken & Zwei Päpste

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. Dezember

Fernsehfußball, das war mal die Zusammenfassung dreier Samstagsspiele in der Sportschau, alle zwei Jahre EM- oder WM-Partien mit deutscher Beteiligung, dazu Finalrunden im DFB- und Europapokal – das war’s am Röhrenbildschirm. Und heute? Zählt die Übertragung jeder Minute aller Wettbewerbe wie Wasser, Brot und Strom zur Grundversorgung. Allerdings zu Luxusgüterpreisen. Nur so ist zu erklären, dass fürs milliardenalimentierte ZDF beim Wettbieten um die Champions League nur die zeitnahe Zusammenfassung der übrigbleibt. Doch was heißt nur…

Aus öffentlich-rechtlicher Sicht ist es erstaunlich, dass überhaupt etwas von der Eliteliga frei zugänglich bleibt. Schließlich hat selbst der grenzenlos kaufkräftige (kauft nicht bei) Amazon-Kanal Prime im Poker mit dem neureichen Portal DAZN nur ein Dienstagsspiel abgekriegt, während der Platzhirsch Sky sogar ganz leer ausging. Die Transferperiode der späten Neunziger, als Fußball noch mehrheitlich ein Sport, kein Shareholder-Investment war, ist demnach genauso vorbei wie die Zeit der SMS.

Voriges Jahr nämlich, so erklärte die Bundesnetzagentur, haben die Deutschen insgesamt 8,9 Milliarden Kurznachrichten verschickt. Klingt viel, waren aber 14 Prozent weniger als 2017 und damit so wenig wie zuletzt 1999, als Simsen noch nicht im Duden stand und überhaupt einiges in der menschlichen Kommunikation anders war, was keineswegs gleichzusetzen ist mit „schlechter“. Seinerzeit nämlich rückten Reklame und Fiktion gerade ab vom Leitbild der Hausfrauenehe, weshalb Männer plötzlich die Wäsche und Frauen Karriere machen durften.

Schöne emanzipierte Zeit.

Wenn man nämlich heute fernsieht, regiert wieder das Klischee fürsorglicher, attraktiver Frauen, die – falls sie doch mal beruflich Erfolg haben – wie die weiblichen Charaktere der ARD-Filme Der König von Köln oder Der beste Papa der Welt selbst im Wald- und Wieseneinsatz High Heels tragen, was angesichts beider Charaktere so realistisch ist wie Badelatschen im Schützengraben und den reaktionären Standard deutscher Mainstreamunterhaltung gut zum Ausdruck bringt: Frau hat in jeder Lebenslage attraktiv zu sein. Fertig.

Die Frischwoche

16. – 22. Dezember

In einer Zeit, die geständige Pussy-Grabber ins Weiße Haus trägt, macht folglich auch Andrea Sawatzki im 4. ZDF-Einsatz der Familie Bundschuh optisch auf Sexbomb, während Axel Milberg als ihr gleichreifer Mann jenseits körperlicher Verfügbarkeit agieren darf. Ähnliches gilt für die ARD-Filme Geschenkt! (Mittwoch) und Harter Brocken (Donnerstag), von RTL ganz zu schweigen, der seine Kandidatinnen am Dienstag ins Finale den oberflächlichen Bachelor in Paradise schickt.

Wie emanzipiert ist es da, am Freitag um 20.15 Uhr auf der Literatur-Verfilmung Das Löwenmädchen auf Arte beizuwohnen, dessen Titelfigur erfolgreich gegen frauenfeindliche Konventionen im Fin de Siècle kämpft. Förmlich umgekehrt wird das reaktionäre Geschlechterverhältnis, wenn Männer in der britischen Komödie Swimming with Men am Donnerstag auf ServusTV aus sozialer Not Wasserballett machen. Nicht ganz so emanzipiert, aber durchaus eindrücklich unter sich sind der Schöpfung vermeintliche Herren in den anderen Filmtipps der Woche.

Allen voran: Die zwei Päpste. Das brillante Biopic von Benedikt XVI. und Franziskus I. entbehrt ab Freitag auf Netflix zwar jeder Grundlage; wie Anthony Hopkins und Jonathan Pryce ihre Stellvertreter Christi jedoch in einen zweistündigen Disput um die Zukunft der katholischen Kirche treiben, ist auch ohne Frauen glaubhaft. Gleich ganz mit sich allein ist Matt Damon zeitgleich auf Pro7 als gestrandeter Astronaut Der Marsianer. Und immerhin einen Mitspieler haben Jürgen Vogel und Franco Nero in der bisweilen unfreiwillig komischen Ötzi-Nachstellung Der Mann aus dem Eis, heute auf Arte.

Das leitet nach dem kurzen Dokumentartipp The Invisible Line, mit dem der Spartenkanal Crime das Zustandekommen der Terror-Dystopie Die Welle skizziert, schon dem Titel nach die Wiederholungen der Woche ein. Zum Beispiel den Historienklassiker Cleopatra von 1963 mit Elizabeth Taylor am Freitag um 22.55 Uhr im BR als ebendie. Und auf gleichem Kanal reist der Tatort am Dienstag zurück in die Ursprünge von Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec zum 400. Reihenfall Schwarzer Advent von 1998.


Moon Bros, Dirty Projectors, Throbbing Gristle

Moon Bros.

Es gibt Gründe, kurz vor Weihnachten kein Album rauszubringen. Die wichtigsten: Das Publikum ist auch musikalisch in Feststimmung und legt in der Regel, zweitens, nur dann mal Schallplatten auf den Gabentisch, wenn es sich um Mainstreamsuperstars handelt. Für Moon Bros. gilt weder das eine noch das andere – und doch irgendwie beide zugleich. Denn das Lagerfeuerprojekt von Matthew Schneider mag zwar alternative sein, klingt in seiner warmen Westernhaftigkeit aber so massenkompatibel, dass es prima unter jeden Weihnachtsbaum Arizonas passt.

 

Mit vielschichtigem Folkpicking, gelegentlich hindurchwehender Steelguitar und einer Mundharmonika, die sich immer wieder wie ein Schwarm Vögel auf die Stromleitung darüber hockt, klingt der begleitete Solist aus Chicago genau, wie der Titel seiner neuen Platte: The Easy Way Is Hard Enough. Die verschrobene Leichtfüßigkeit seiner Arrangements wirkt zwar, als habe Neil Young ein bisschen am Soundtrack von Löwenzahn gefeilt; zugleich aber sind die sieben meist instrumentalen Stücke so virtuos und dabei gefühlvoll, dass sie auch unterm Christbaum funktionieren. So als alternative Alternative.

Moon Bros. – The Easy Way Is Hard Enough (Cargo)

Dirty Projectors

Und weil die Tage vor Weihnachten so arm an Neuveröffentlichungen sind, kann man ausnahmsweise mal ein Live-Album empfehlen. Wobei “Live” hier nicht im Sinne von “Konzertmitschnitt vor Publikum” zu verstehen ist. Denn im Rahmen der Domino Documents Sessions hat sich der Singer/Songwriter Dave Longstreth mit einer Reihe befreundeter Musiker*innen ins Manhattener Studio PowerStation gestellt und die Songs der letzten Tournee seines Hauptprojektes Dirty Projectors live-on-tape eingespielt.

Das Ergebnis ist ein akrobatischer Kopfstand mit Bodenhaftung. Sind karibisch angehauchte Funk- und Pop-Elemente sonst eher Teilaspekte des rockigen Sounds der Dirty Projectors, dreht sich das Verhältnis in Sing The Melody um. Schon das ulkig kratzende Right Now klingt mit viel Soul und etwas Kazoo zum Auftakt, als würde Pharrell Williams mit Ween den alten James Brown covern. Spätestens, wenn überm Motown-Gesang von That’s A Lifestyle plötzlich die Prince-Gedächtnis-Gitarre jault, sind wir allerdings zurück in Longstreths Independent – und gehen mit einem Lächeln ins neue Jahr.

Dirty Projectors – Sing The Melody (Domino)

Reissue der Woche

Throbbing Gristle

Damit dieses Lächeln nicht zu weihnachtlich wird, unterwandern wir jeden Anflug von Festtagslaune mal mit der Unterwanderung tradierter Hörgewohnheiten schlechthin: einer digital überarbeiteten Fassung dreier Spätwerke des dystopischen Antipopkollektivs Throbbing Gristle, für die sich Chris Carter, Peter Christopherson, Genesis P-Orridge und Cosey Fanni Tutti 23 Jahre nach dem Ende ihres legendären Projektes nochmals ins Studio begeben. Nun würden viele gewiss sagen, Part Two: The Endless Not, TG Now und A Souvenir of Camber Sands waren doch schon 2004 zu krank, um aufs Publikum losgelassen zu werden. Stimmt ja auch. Trotzdem sind solche Reissues (PIAS) die perfekte Antwort auf weihnachtliche Hirnsedierung und mindestens als Wachmacher schwer zu empfehlen.


Tilo Jung: junge Naivität & alte Streitlust

Allerlei Rumgeschwurbel

Mit seiner streitlustigen Interviewtechnik gilt Tilo Jung (Foto: Jan Michalko) als Guerillero der Hauptstadtjournalisten. Dafür spricht der Erfolg seines Blogs jung & naiv, aber auch die regelmäßigen Wortwechsel in der Bundespressekonferenz. Hier ist der zweite Teil des Gespräches mit dem Mittdreißiger aus Mecklenburg über die Zukunft des Journalismus und überhaupt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Aus deinem Grundvertrauen ins öffentlich-rechtliche Fernsehen, das ausgerechnet jene digital natives konsequent meiden, die mit der Umsonstkultur des Internets aufgewachsen sind, also selten zu den ein Prozent freiwilligen Zahlern gehören, spricht ein bemerkenswerter Optimismus. Bist du ein Philanthrop?

Nein, aber aus der Erfahrung unseres eigenen Modells, das in den vergangenen fast fünf Jahren gut funktioniert hat, bin ich gleichermaßen Optimist und Realist. Ich habe nämlich noch keinen einzigen Grund dafür gefunden, warum das nur bei uns klappen sollte und nicht auch bei anderen, die zum Beispiel mit dem Medium Podcast gerade Riesenerfolge feiern.

Genau wie du. Warum lädt der altehrwürdige Presseverband DJV zum 70. Geburtstag eigentlich einen halb so alten digitalen Bilderstürmer auf sein Jubiläumspodium, der mit klassischen Medien, insbesondere denen auf Papier, kaum noch zu tun hat?

Das hat man mir auch nicht gesagt. Ich habe mich aber schon deshalb sehr darüber gefreut, weil ich als DJV-Mitglied, das mit diesem Verband nicht allzu zufrieden ist, damit die Gelegenheit kriegt, seine Kritik mal im Kreis des Vorstands kundzutun.

Es geht also eher um Streit als Selbstbeweihräucherung?

Ich hab meine Vorrecherchen noch nicht gestartet, nehme mir aber vor, alles anzusprechen, was ich in meiner Tätigkeit nebenbei negativ vom DJV wahrgenommen habe. Denn der muss sich aus meiner Sicht ändern, vielleicht auch in personeller Hinsicht. Das Versagen, das er der Politik vorgeworfen hat, gibt es ohne Frage auch im Journalismus bis hoch in die Führungsebenen des DJV. Das werde ich anprangern, denn es liegt ja in unserer Hand, etwas zu ändern. Sonst blamieren wir uns als Branche weiter. Ich bin gespannt, ob die anderen auf dem Podium das reflektieren. Wenn nicht, wird es ein lustiger Abend.

Gehst du eigentlich auch an deine Interviews und die Besuche der Bundespressekonferenz generell mit einer gewissen Streitlust heran?

Nein, denn anders als beim DJV, wo ich meine Meinung präsentiere, leiste ich als Blogger journalistische Arbeit und informiere etwa in der BPK darüber, wie die Bundesregierung informiert. Daraus kann dann jeder seine eigenen Schlüsse ziehen. Interessanterweise sehen die Leute in exakt demselben Ereignis schließlich oft völlig verschiedene Sachen. Deshalb gehe ich da nicht aufklärerisch rein, sondern nehme die Aufgabe wahr, durch meine Fragen zu zeigen, was die Bundesregierung freiwillig preisgibt und was nicht.

Ist es für dich in jeder Sitzung aufs Neue ein Lernprozess, wie politische Kommunikation funktioniert, oder bist du da mittlerweile so abgebrüht, alles zu verstehen?

Sagen wir mal so: ich finde das immer noch spannend, bin von Grund auf neugierig und habe mir dabei ein Stückchen Naivität bewahrt. Andererseits weiß ich durchaus um die Einzigartigkeit unserer Sendung und habe darin gelernt, mit welcher Art Fragen die Grenze der Bundesregierung, über ihr eigenes Handeln Auskunft zu erteilen, aufgezeigt werden kann. Ich komme ja gerade aus der heutigen Sitzung.

Worum ging es da?

Um das deutsche CO2-Budget und ob es für die Bundesregierung eigentlich eine relevante Größe ist, wie viel Treibhausgase genau wir noch verbrauchen dürfen.

Und?

Das kann sich jeder natürlich selbst ansehen und seine Schlüsse draus ziehen, aber nach allerlei Rumgeschwurbel war die Antwort: Nee, eigentlich nicht. In diesem Fall war der Mangel an druckreifen Antworten fast schon amüsant, aber manchmal ist er auch einfach nur traurig.

Nimmst du es nicht billigend in Kauf, dass diese Art der Vorführung politischer Kommunikationsunfähigkeit zu weiterer Politikverdrossenheit führt?

Nein, denn ich unterscheide da deutlich zwischen Politik- und Politiker- oder Parteienverdrossenheit. Erstere gibt es aus meiner Sicht nicht, letztere schon. Und da finde ich es einerseits absolut förderlich, wenn deren Kommunikationsverhalten zwischen Propaganda und PR von der Bevölkerung erkannt und abgelehnt wird. Denn das ist schädlich und muss bekämpft werden, weil es in einer Demokratie des 21. Jahrhunderts schlicht nichts zu suchen hat.

Und andererseits?

Traue ich unseren Zuschauerinnen und Zuschauern zu, dass sie die Politik von diesen Repräsentanten gut unterscheiden können. Wenn die Sendung also irgendetwas fördert, ist es Regierungsverdrossenheit; und damit habe ich persönlich überhaupt kein Problem.

Kannst du dich erinnern wie viele dieser Interviews und Konferenzen du mittlerweile hinter dir hast?

Also die langen Interviews sind ja durchnummeriert, da komme ich gemeinsam mit denen im Podcast auf mehr als 500. Und bei rund 100 Bundespressekonferenzen im Jahr waren das sicher an die 400.

Und da gibt es keinerlei Ermüdungseffekte?

Nein, im Gegenteil, mir macht fast jede einzelne davon noch immer Spaß.

Damit dürftest du im politischen Berlin allein dastehen…

Na ja, bis auf zwei, drei andere… Ein Abnutzungseffekt träte dann ein, wenn mir die Motivation fehlen würde. Aber wenn du meine Interviews siehst, wirst du erkennen, dass sie sich von den ersten bis zu den aktuellen grundlegend unterscheiden, aber eines gemeinsam haben: dass ich mich dabei nie langweile. Wenn ich zum zweiten Mal mit Sahra Wagenknecht rede oder zum dritten Mal mit Gregor Gysi, ergäbe es ja auch keinen Sinn, dieselben Fragen nochmal zu stellen. Bislang finde ich immer neue Wege, zu fragen – und das gilt auch für die Regierungspressekonferenzen. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass es bislang niemanden gibt, der außer mir diese Arbeit macht.

Würdest du dich als dein eigener Kunde ausschließlich mit jung und naiv übers Geschehen der deutschen Politik informieren?

Nein! Denn wie eine Quelle allein generell nicht ausreicht, wäre es sogar gefährlich, sich nur über uns zu informieren. Wissen muss immer plural entstehen. Deshalb würde ich mindestens fünf, sechs weitere Medien empfehlen. Aber jung und naiv ist eine gute, tiefergehende, ruhige Ergänzung – und das ist auch das Feedback von 99 Prozent aller Menschen, die uns zusehen.

Welche Medien nutzt du selber?

Alle.

Auch klassisches Papier.

Ja, wenn auch keine Tageszeitungen mehr, von denen ich eher pdf-Dateien lese. Ich habe die Le Monde Diplomatique abonniert, meine Lieblingszeitung. Dazu das Katapult-Magazin, ein Journalismus-Start-up aus Greifswald, das mich auch als Mecklenburger interessiert. Außerdem lese ich je eine Wochenzeitung, die ich aber alle drei Monate wechsle.

Das heißt, du hegst keinen Dünkel gegen Papiermedien, nutzt nur digitale regelmäßiger?

Gegen bestimmte Papiermedien hege ich sehr wohl einen Dünkel und hoffe, dass sie sehr bald sterben. Aber das hat nichts mit dem Verbreitungsweg zu tun.

Du selbst hast als Teenager zuletzt in einer analogen Tageszeitungsredaktion gearbeitet.

Mit 15, als Schülerpraktikant beim Nordkurier aus Neubrandenburg, bei dem ich danach noch sechs Jahre als freier Reporter weitergemacht habe. Weil ich damals anders als die Redakteure alle Freiheiten der Welt hatte und nur zu den Terminen geschickt wurde, zu denen ich wollte, hat es mir damals zwar aufgezeigt hat, wie schön es ist, Journalist zu sein, aber auch, dass ich nie fest in einer Tageszeitungsredaktion arbeiten will.

Auch, weil du damals schon gespürt hast, dass dieses Medium keine Zukunft hat, oder dass du in diesem Medium keine Zukunft hast?

Weder noch. Ich bin nämlich der Meinung, dass die Tageszeitung auf lokaler Eben sehr wohl eine Zukunft hat. Selbst meine Eltern, die sich nicht allzu sehr für Bundespolitik interessieren, haben immer noch den Nordkurier abonniert, um zu wissen, was in ihrer eigenen Stadt los ist. Außerdem bin ich überzeugt, dass Lokalredaktionen weiter eine super Anlaufstelle für den journalistischen Nachwuchs ist, um diesen Beruf from the bottom zu lernen. Ich habe zwar generell Probleme damit, wenn sich die Politik zu sehr ins Private einmischt, aber wenn der Lokaljournalismus vorm Untergang stünde, müsste ihn der Staat deshalb irgendwie retten.

Vom Kohlepfennig gewissermaßen zum Zeitungscent.

Wie auch immer man das nennt, aber die Zeitung muss auch ausgedruckt bei Oma Erna und meiner Mutter landen. Dafür ist allerdings unbedingt notwendig, dass die Arbeit mit Hingabe erledigt wird. Man merkt Texten nämlich schnell an, ob sie aus Interesse am Thema verfasst wurden oder bloßer Pflichterfüllung. Und weil mir bei vielen meiner Kollegen seinerzeit die Leidenschaft fehlte, habe ich zwischenzeitlich auch mit dem Journalismus aufgehört. Ist aber anders gelaufen. Jetzt glaube ich wieder an ihn.

Hat dich der DJV ein Stück weit auch für diesen Optimismus eines jungen, erfolgreichen Online-Journalisten zu seiner Jubiläumsfeier eingeladen?

Keine Ahnung, aber falls der DJV eine Kommission zur Rettung des Journalismus einsetzen will, wäre ich bereit, darin mitzuwirken. Ich bin aber auch kein Zauberer.

Was du bist, ist mittlerweile 34. Wie lange kannst du deine Plattform dann eigentlich noch jung und naiv nennen?

Bis ich meine Frau geheiratet und ihren Namen angenommen habe. Innerlich bin ich nämlich noch immer ein Kind.