Medienmedien & Schneeweihnacht

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. Dezember

Namen machen Moderne. Fast ein halbes Leben, nachdem der bislang letzte Rundfunkstaatsvertrag verabschiedet wurde und zeitgleich zur News, mit Klaas Heufer-Umlaufs Late Night Berlin habe ein Pro7-Format erstmals mehr Total Video Viewtime, also abgerufene Minuten über alle Plattformen hinweg, als die lineare Ausstrahlung am Montag, haben sich die 15 Ministerpräsidenten (darunter zwei Frauen) auf einen Nachfolger geeinigt, der ab Herbst seinen Titel ändert und damit (anders als die Frauenquote deutscher Regierungschefs) ein Stück Richtung Zukunft rückt. Schließlich berücksichtigt der künftige Medienstaatsvertrag, dass sich vor allem junge Menschen kaum noch von Fernsehen oder Radio informieren oder berieseln lassen und nimmt dafür gar nicht mehr allzu neue Kommunikationsmittel in die Pflicht.

Soziale Plattformen, YouTube, selbst die Sprachassistentin Alexa müssen sich dann Regeln unterwerfen, Lizenzgebühren entrichten, also Verantwortung tragen. Das gilt besonders für Tech-Giganten wie Facebook, die Medienintermediäre werden also Medienmedien, die Medien medial vermitteln. Wie gut, werden Larry Page und Sergey Brin da womöglich sagen, dass sie mit dieser Schuldigkeit nichts mehr zu tun haben. Beide Google-Gründer wechseln schließlich vom Vorstand in den Aufsichtsrat des Mutterkonzerns Alphabet und überlassen das operative Geschäft ihrem Nachfolger Sundar Pichai.

Es könnte der letzte CEO mit einer Art Ethos sein. Denn man muss ja kein Misanthrop sein, um Populisten, gar Diktatoren am Horizont zu sehen, die sich dank unbegrenzter Mittel oder Machtbefugnisse Medienintermediäre erkaufen oder anderweitig aneignen und der Demokratie damit endgültig den Saft freier Meinungsbildung abdrehen. In einer solchen Zukunft würde der MDR dann nicht die Zusammenarbeit mit dem Pegida-Kabarettisten Uwe Steimle beenden, der öffentlich-rechtliche Sender „gelenkt“ und Deutschland „besetzt“ nennt. Was allerdings definitiv jedes politische System überdauern dürfte, ist – klar – der Tatort.

Pünktlich zum 50. Geburtstag im nächsten Jahr dann mit Jasna Fritzi Bauer, Luise Wolfram und dem Dänen Dar Salim (Game of Throne) als neue Ermittler in Bremen. Davon gänzlich unbeeindruckt, gibt es jedoch immer noch mehr und mehr und mehr und mehr und mehr Kommissare jeder Herkunft, Natur und Güte am Bildschirm bis in alle Ewigkeit.

Die Frischwoche

9. – 15. Dezember

Ab heute im ZDF zum Beispiel Kommissar Danowski (Milan Peschel), der mit einer ganzen Reihe psychischer Störungen und seiner Kollegin Meta (Emily Cox) zur Seite (angeblich ungewöhnliche) Mordfälle in – oder wie beim Auftakt Blutapfel – unter Hamburg löst. Oder am Donnerstag zur gleichen Zeit, wenn das Erste zum dritten Mal Miriam Stein und Hary Prinz als – verrückt! – total verschiedene LKA-Beamten der österreichischen Reihe Steirerkreuz Todesfälle klären lässt.

Da atmet man doch glatt mal erleichtert durch, dass Rainer Bock Mittwoch an selber Stelle ganz ohne Leichen den König von Köln als rheinischer Strippenzieher spielt, der den korrupten Kölsche Klüngel leider nur teilweise, aber durchaus unterhaltsam persifliert. Richtig überraschend wird es dann sogar, wenn der vielseitige Schauspieler am Sonntag drauf die Hauptfigur von Weihnachten im Schnee gibt. Der denkbar bescheuertste Titel kann nämlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem ZDF hier ein ebenso anrührender wie tiefgründiger Familienfilm zur Scheinheiligkeit festlicher Bräuche gelungen ist.

Parallel dazu schafft es übrigens Pro7, seine Kernkompetenz jugendaffinen Bubblegum-Entertainments in einen relativ gelungenen Psychothriller zu packen. Nach vorheriger Häppchen-Auswertung im Internet, strotzt Schattenmoor zwar nur so vor Effekthascherei. Die mysteriösen Ereignisse in einem Internat, liefern der Zielgruppe unter 30 allerdings sehr souveräne Fernsehunterhaltung – und ähneln damit dem einzig nennenswerten Streaming-Produkt der Woche: Staffel 2 des spanischen Renaissance-Krimis Die Pest, ab Mittwoch auf Sky.

Vor den Wiederholungen der Woche aber noch kurz einen Dokutipp von zeitgemäßer Relevanz: Dienstag (20.15 Uhr) skizziert 1979 – Ursprung der Gegenwart ein wegweisendes Jahr, das mit der Rückkehr von Neoliberalismus, Islamismus und Chinas Macht die Weichen für unsere Gegenwart gestellt hat, religiös vertieft von Der Schah und der Ayatollah im Anschluss. Ein Jahrzehnt früher spielt Zeit des Erwachens (Montag, 20.15 Uhr, Arte), die Verfilmung von Oliver Sachs‘ Psychiatrie-Studie um Patienten wie Robert de Niro, die Robin Williams als idealistischer Arzt 1990 aus dem Dämmerschlaf befreite. Zum Niederknien ist Helmut Berger als flamboyant-entrückter Ludwig II von 1972 (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte). Und beim Tatort machen wir morgen (22 Uhr) im NDR nochmals Bekanntschaft mit dem Akronym von Kommissar Murot, das Ulrich Tukur im Auftaktfall Wie einst Lilly 2010 aufs Gemüt drückt.


Stereolab, Drive Moya, Speedy Wunderground

Stereolab

Wenn etwas klingt, wie es klingt, weil es irgendwie schon immer so klingt, zugleich aber nie klang, wie es den Anschein erweckte, also irgendwie Klangbetrug war, dann sind wir ziemlich schnell bei Sterolab. Tim Gane und Lætitia Sadier machen schließlich seit 1990 einen Sound, der auch damals schon seltsam aus der Zeit gefallen, aber zugleich hypermodern war. Und ihn zu beschreiben, fällt heute, wo das Indiepop-Duo längst zur mehrköpfigen Band angewachsen ist, kaum leichter.

Das erst Album seit neun Jahren, insgesamt Nummer 11, ist nostalgisch wie eh und je. Mit seinen Syntie-Flächen und Spinett-Samples, dem lässigen Sixties-Appeal plus wirre Dada-Attitüge, erinnert Margerine Eclipse zu Sadiers windschiefem Engelsgesang jedoch flattert es hinreißend zwischen futuristischem Barock und antiquierter Electronica hin und her, überzuckert mit swingender Eleganz, untergraben von existenzialistischer Harmonieabkehr.  Stereolab werden halt immer ins Ohr laufen wie Honig und sich dort leicht verkanten.

Stereolab – Margerine Eclipse (Warp Records)

Drive Moya

Ach nee, schon wieder Österreich? Das Seltsame an der schier endlosen Schwemme flamboyanter bis vogelwilder Musik aus der Alpenrepublik, ist ja gar nicht so sehr die hohe Qualität, sondern deren Unermesslichkeit – als sei jeder dritte Österreicher bereits ein Popstar. Auf dem Weg dorthin ist nun das nächste Konglomerat kreativer Jungs um den Gitarristen und Sänger Christian “Juro” Jurasovich entstanden, der zuvor in Gruppen wie Mimi Secue tätig war.

Sein Wiener Trio Drive Moya macht im Hochgebirge der Kreativität aber was Neues: Krautgaze, einen getragenen Postrock im Stile der Neunziger, der seine Fuzzgitarren so flächig auswalzt, dass hinter der Kurve zum Emocore Sonic Youth und Teenage Fanclub Richtung Noise spazieren. Zum Beispiel, wenn Stücke wie The End nicht frei von Doors-Avancen Töne zersägen wie im Tortureporn-Keller und dabei doch manchmal geschmeidig sind wie Chartsgedudel. Muss Bergluft gut tun!

Drive Moya – The Light We Lost (Noise Appeal)

Speedy Wunderground

Kompilationen sind immer ein bisschen schwierig zu empfehlen, weil sie ja kein genuin kreiertes Werk einzelner Bands oder Künstler*innen sind, sondern eben einfach bunte Tüten. Aber was heißt “einfach” – die vierte Kompilation des Londoner Indie-Labels Speedy Wunderground ist mit bunt fast schon farblos umschrieben. Auf Year 4 flicht Gründer Dan Carey nämlich einen Blumenstrauß britischer Newcomer, deren Beiträge allesamt bislang nur auf 7# erschienen sind und fast schon zu schön, um wahr zu sein.

Vom düsteren Wave-Noise der Scottibrains über Squids harmonisches Britrockgeschrammel The Dial bis All We Are, einem Seitenprojekt von Alex Kapranos, dem sein Hauptprojekt Franz Ferdinand zumindest in den Vocals aus jeder Zeile springt, hat alles darauf Eigenständigkeit und fügt sich doch im Umfeld acht verschiedener Bands zu einem Panorama, das abermals aufzeigt, was alternative Musik von der Insel dem westlich gelegenen Festland voraus hat: komplett unangestrengte Nonchalance selbst dann, wenn es ruppig wird. Ach UK…

Speedy Wunderground – Year 4 (Speedy Wunderground)


Tilo Jung: junge Naivität & alte Streitlust

Ich bin meine eigene Zielgruppe

Mit seiner streitlustigen Interviewtechnik gilt Tilo Jung (Foto: Jan Michalko) als Guerillero der Hauptstadtjournalisten. Dafür spricht der Erfolg seines Blogs jung & naiv, aber auch die regelmäßigen Wortwechsel in der Bundespressekonferenz. Ein – wegen der Länge zweigeteiltes – Gespräch mit dem Mittdreißiger aus Mecklenburg über die Zukunft des Journalismus und überhaupt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Jung, Tilo – die Frage, ob wir uns duzen, wird anders als in Interviews unter Kollegen üblich, bei dir nicht ausgehandelt, sondern vorausgesetzt. Wird in deiner journalistischen Praxis eigentlich irgendjemand von dir auch gesiezt?

Tilo Jung: Klar, aber nicht in meinen eigenen Interviews meiner eigenen Sendung, da gelten anders als in Pressekonferenzen wie hier meine eigenen Regeln. Und eine davon ist es, sich zu duzen.

Gab es da in bislang knapp 500 Ausgaben je Widerspruch?

Klar. Wolfgang Thierse, relativ am Anfang. Der wurde offenbar von seinem Team nicht ausreichend informiert, ist empört darüber, dass ohnehin schon viel zu viel geduzt werde, aufgestanden und hat das Interview abgebrochen, bevor es überhaupt begonnen hatte. Ich sitze halt oft großen Egos gegenüber.

Zum Beispiel?

Peer Steinbrück. Der wollte sich als Kanzlerkandidat auch nicht von mir duzen lassen, konnte sich aber auch nicht dagegen wehren. Dadurch entstand eine Loriot-artige Situation, in der er mich weiter gesiezt hat, nach fünf Minuten jedoch plötzlich aufs Du umgeschwenkt ist. Und Sigmar Gabriel, der sich als damaliger Außenminister auch nicht duzen lassen wollte. Dem musste ich allerdings nur erzählen, wer sich vor ihm noch geziert hatte.

Nämlich?

Erika Steinbach zum Beispiel. Und Steffen Seibert.

Mit dem Sie sich mehrmals die Woche bei der Bundespressekonferenz streiten. Was zu meiner ersten Sachfrage führt: Wo befinden wir uns gerade?

Eben im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin, einer altehrwürdigen Institution der Bundespolitik, die ich vor etwa fünf Jahren noch gar nicht kannte, geschweige denn deren Bedeutung und ihre Möglichkeiten für mich.

Und wer bist du?

Ich bin Tilo Jung und hauptberuflicher Hauptstadtjournalist, der allerdings nicht auf Papier, sondern in diesem Internet veröffentlicht.

Warum beginnst du all deine Interviews mit diesen zwei Fragen, deren Antwort dir doch stets wohlbekannt sein dürfte oder anders formuliert: Warum senkst du deine Vorkenntnis künstlich ab?

Damit ich den Zuschauer abholen kann. Mich stört es einfach, dass Journalistinnen und Journalisten im politischen Gespräch so tun, als wären sie auf demselben Level ihrer Gesprächspartner. Wir sollten bei unserer Aufgabe nie die grundlegende Informationsvermittlung vergessen. Deshalb versuche ich in meinen Interviews, durchschnittlich Ahnungslose zu verkörpern, denn das sind wir im Zweifel ja alle, je konkreter es in der Politik zugeht. Das senkt die Schwelle, sich das Gespräch von Anfang bis Ende anzusehen.

Aber steckt darin nicht auch ein Stück weit Koketterie mit vermeintlicher Unwissenheit, eine Art Anbiederung oder schlimmer noch – stilistischer Manierismus?

Nein, denn es ist bezogen aufs „wo“ angesichts der wechselnden Drehorte unserer Interviews unerlässlich und hat bezogen aufs „wer“ zudem psychologische Auswirkungen auf den Gast, für den es ungewohnt sein dürfte, so etwas gefragt zu werden. Als ich ganz früh in der Reihe, Folge 17 oder so, Wolfgang Kubicki auf dem FDP-Parteitag gefragt habe, wer er ist, war sein Ego von dieser Frage sichtbar gekränkt – so was triggert mich enorm. Und es sagt einiges aus über die Selbstwahrnehmung vieler Politiker versus Fremdwahrnehmung der Öffentlichkeit.

Klingt andererseits aber auch ein wenig nach Sendung mit der Maus für Erwachsene.

Finde ich nicht. Jung und naiv ist ja kein Erklär-Format; davon gibt es ja schon genug im öffentlich-rechtlichen Journalismus. Mir geht es darum, die Schwelle senken, sich mit politischer Diskussion auseinanderzusetzen – und zwar jenseits der klassischen Talkshow, die aus meiner Sicht mehr Drama als Debatte ist. Selbst Anne Will sagte mir in meiner Sendung, dass es in ihrer um Inszenierung gehe.

Und das tut es bei dir nicht?

Im Gegenteil. Ich möchte das, was ich auf meinem Bildungsweg nicht gelernt habe, nämlich mich mit Menschen, die womöglich nicht meiner Meinung sind, in Eins-zu-eins-Situationen wirklich auseinanderzusetzen. Damit wollte ich lernen, auch Menschen, die ich politisch vielleicht ablehne, als Personen interessant zu finden. Das gab es aus meiner Sicht früher mehr. Mein Vorbild ist da Günther Gaus, der in den Sechziger- und Siebzigerjahren von gegenseitigem Interesse geprägte Fernseh- und Radiointerviews geführt hat. Auch Reinhold Beckmann hat das mal probiert, mich persönlich damit aber nicht angesprochen. Ich dachte mir also, bevor ich immer nur über den Mangel meckere, behebe ich ihn selbst.

Mit Erfolg?

Ich glaube zumindest, einen Weg gefunden zu haben, mit dem ich auch junge Leute fürs politische Gespräch interessiere. Im Vergleich zu den paar Sekunden Redezeit in der Tagesschau oder Minuten in den Tagesthemen, kann ich mir nämlich alle Zeit der Welt nehmen, um Leuten wirklich zuzuhören. Dass viele Journalistinnen und Journalisten das nicht mehr tun, ist ja eins der Geheimnisse, die ich in den vergangenen Jahren entschlüsseln konnte. So wie du deine Fragen akkurat aufgeschrieben hast, klemmen auch die meisten Kolleginnen und Kollegen an ihrem Katalog.

Ach, ich bin da flexibel…

Vielleicht. Aber generell ist es doch so, dass die Redaktion vom Reporter erwartet, fünf vorbereitete Themen in kurzer Zeit abzuarbeiten; da bleibt für Nachfragen selten Zeit. Wenn die Kamera bei Interviews von, sagen wir: Bettina Schausten mal auf sie zoomt, sieht man, wie sie bei den Antworten permanent aufs eigene Manuskript schaut. Und das Schlimme ist: die Politikerinnen und Politiker wissen das ganz genau und sondern erstmal ihre Talking Points ab, also das, worum es ihnen geht, nicht den Fragestellenden. Mit diesem Automatismus räume ich schon deshalb auf, weil ich keine Zeitbeschränkung habe.

Folgen deine Interviews damit einer Art erzieherischem Ideal, wieder mehr dem Impuls der Neugierde zu folgen?

Also erzieherisch war dieser Impuls nie. Er ist ebenso wie das Duzen evolutionär entstanden. Das war nicht so geplant, sondern hat sich mit allerlei Glücks- und Zufällen eher so ergeben, hatte aber den Effekt, Interesse an der Ausführlichkeit des politischen Gesprächs zu wecken. Mich kann man zwar nicht nachmachen, aber ich merke schon, dass andere Medien sich wieder auf längere Interviews einlassen, etwa im Podcast der Zeit, wo sie dann schon mal zwei, drei Stunden dauern.

Ist es dir denn zumindest unterschwellig ein Anliegen, die Gesprächskultur aktiv zu beeinflussen, wenn nicht gar positiv zu verändern?

Ich will da weder Pionier noch Vorturner oder gar Messias sein, und es liegt mir auch fern, zu sagen, macht es alle so, wie ich es mache. Ich war zwar einer der ersten, wenn nicht der erste ausschließliche Blogger in der Bundespressekonferenz. Zum Vorbild tauge ich deshalb noch lange nicht, merke aber, was aktuell erfolgreich ist und erreiche damit Hunderttausende von Leuten. Um das zu analysieren, bin ich zwar der Falsche, aber es muss dafür Gründe geben.

Vielleicht deine Zielgruppe, die zwar zu jung ist, um den neugierigen Interviewer Günter Gaus noch zu kennen, aber alt genug, um die Verlautbarungsgespräche im journalistischen Mainstream zu entlarven?

Ich halte nichts vom Marketingdenken in Zielgruppen, aber Jung und naiv ist in der Tat ein Angebot für 18- bis 35-Jährige, also uns selber. Ich bin daher meine eigene Zielgruppe, würde mir aber sehr wünschen, auch Jüngere zu erreichen. Nur – die hören eher Leuten wie LeFloyd oder Rezo zu, während ich nichts erkläre, sondern nur Fragen stelle. Mein Format setzt voraus, dass sich die Zuhörer ihre Meinung im eigenen Kopf bilden. Das finde ich viel faszinierender als in der Talkshow, wo man sich als Zuschauer eine von fünf Haltungen aussucht und damit in der eigenen bestärkt wird. Meinen Umgang mit politischer Willensbildung finde ich da bei aller Bescheidenheit erwachsener. Aber was war noch mal die Frage.

Welchen Einfluss die Zielgruppe auf deinen Erfolg hat.

Weil der Begriff „Zielgruppe“ langsam überholt ist, einen geringen. Zumal ich jeden Tag sehr süße Post von Omas kriege, die unser Programm ebenfalls regelmäßig abgucken und fragen, warum es so was nicht öfter im Fernsehen gibt. Und wenn ich mir als zuschauerfinanziertes Medium die Überweisungen des Crowdfundings ansehe, fällt schon auf, dass die Vornamen eher selten nach unter 30 klingen. Wir werden mehrheitlich von Jüngeren geguckt, aber von älteren bezahlt.

Birgt die Finanzierung durchs Crowdfunding nicht die Gefahr, vom Goodwill der User abhängiger zu sein als bei geschalteter Werbung, die sich relativ wertfrei an Zahl und Alter der User orientiert?

Für den Anzeigenkunden ganz sicher nicht, aber dieses Werbe- und Marketingdenken ist mir auch völlig egal.

Es ging bei der Frage auch nicht um 1000-Kontakt-Preise für Werbebanner, sondern angesichts der enormen Kosten, die jung und naiv allein schon logistisch hat, das Risiko, zahlenden Kunden nach dem Mund zu reden, also nachfrageorientierten Journalismus anzubieten?

Das sind sehr gute Fragen, die ich befürchtet habe. Bevor wir uns selbstständig gemacht und durch Dauercrowdfunding finanziert haben, liefen wir auf Plattformen wie Joyce oder Krautreporter und wurden dafür regelmäßig bezahlt. Einfach nur die Bundespressekonferenz abzufilmen und abends ins Netz zu stellen – dafür spendet kein Medium. Wobei spenden so nach Gemeinnützigkeit klingt.

Vielleicht: einen Beitrag leisten.

Genau. Eine Paywall war angesichts der öffentlichen Inhalte von vorneherein ausgeschlossen. Da hier zwei Menschen dreimal die Woche je vier, fünf Stunden allein für die BPK-Berichte arbeiten, wollten wir deshalb probieren, ob sich dieser Aufwand durch Crowdfunding finanzieren lässt. Und weil es unser Angebot sonst nirgendwo gab, hat das schon nach einem Monat so gut geklappt, dass wir seit mittlerweile viereinhalb Jahren so gut davon leben können, um schlechte Monate kompensieren zu können. Manchmal sogar mehr, als bei Festanstellungen.

Glaubst du denn, dass Crowdfunding langfristig dazu in der Lage ist, freien Journalismus im Netz für die Anbieter einträglich zu machen?

Nur, wenn man damit einen Mangel behebt, also was wirklich Besonderes macht. Meine Erfahrung ist da: man muss den Leuten schon was bieten, was sie anderswo nicht kriegen. Niemand zahlt freiwillig für etwas, das er einen Click weiter umsonst bekommt. Ohne Nützlichkeit kein Einkommen; von gelegentlichem Goodwill kann niemand leben. Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht nur ein politischer Mensch, sondern sogar ziemlich linksgrünversifft bin. Trotzdem kriegen wir nachweislich auch Geld von Leuten mit konservativer Sicht – weil wir denen was geben, was sie wollen, ohne es woanders zu kriegen.

Zahlen die Leute auch spontan nach einzelnen Beiträgen, also quasi als pay-per-view?

Gibt’s immer wieder. Wenn wir virale Hits haben, kommt schon mal Geld aus unbekannter Ecke.

Weil aber nun mal nicht jeder Freelancer die eine weltexklusive, zugkräftige Idee hat – worin siehst du die Chancen der Finanzierbarkeit des freien Qualitätsjournalismus im Netz, wenn die Presse bis auf ein paar Platzhirsche und Coffeetable-Magazine dorthin abgewandert sein wird?

Da fehlt mir zunächst mal die Definition des Qualitätsjournalismus. Mache ich, machst du einen?

Wenn er fakten-, sach-, rechercheorientiert ist und damit der Zivilgesellschaft als relevantes Informationsmedium dienen will und kann, schon.

Aber das würde die Bild-Zeitung doch auch von sich behaupten, die zwar keinen Qualitätsjournalismus macht, damit aber auch im Netz sehr erfolgreich ist. Deshalb müssen wir von der Logik wegkommen, Erfolg in Zugriffen zu messen. Wir wissen doch alle, dass intellektuell anspruchsvoller Inhalt seltener geklickt wird als Bullshit. Deshalb verfahren wir danach, intellektuellen Anspruch als Bullshit zu tarnen, damit er geklickt wird.

Das ist die Zustandsbeschreibung. Was wäre der Ausweg?

Dass wir uns aus der Abhängigkeit von Werbung befreien, also den kommerziellen Aspekt beseitigen. Werbefinanzierter Journalismus führt zwangsläufig zu den Clickhuren des Boulevards. Die Zukunft liegt daher in Abo-Modellen, Bezahlschranken, pay first, read later, oder wie bei uns: Inhalt für alle, den ein Prozent der User bezahlt. Das gilt für jung und naiv ebenso wie für meinen Podcast, reicht aber bislang aus. Umso mehr sollten wir versuchen, die 99 Prozent Nichtzahler durch Qualität zu den Zahlern von morgen zu machen. Dabei muss ich allerdings anmerken, ein großer Fan des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu sein. Mit deren Angebot bin ich zwar absolut unzufrieden, aber vom gebührenfinanzierten Modell überzeugt.

Das Interview ist vorab im Medienmagazin journalist erschienen

International Emmys & Humorpopulisten

Die Gebrauchtwoche

25. November – 1. Dezember

Ob die Segregation der International Emmys eine Art kultureller Apartheid im Geiste amerikanischer Selbstherrlichkeit oder angesichts der kommerziellen Überlegenheit des Entertainments made in USA einfach angemessen ist: als Christian Schwochows Finanzthriller Bad Banks ebenso wie Jannis Niewöhner als Hauptdarsteller des Technothrillers Beat nominiert wurde, hat das schon für Aufregung am Fernsehnebenschauplatz Deutschland gesorgt. Dass es für beide nichts mit der wichtigsten TV-Trophäe geworden ist, wäre allerdings leichter erträglich, hätten die Veranstalter nicht schon beim ersten Preis versehentlich den der besten Dramaserie am Ende aus dem Umschlag gezogen.

Im angereisten ZDF-Team um den Crown-Regisseur war die Luft daher gleich zu Beginn der Party raus. Aber wenn es schon keine Schauspielpreise gibt, verleihen wir hiermit den des populistischsten Komikers an: Dieter Nuhr. Ein Bericht der Kieler Nachrichten, er habe Greta Thunberg mit Hitler/Stalin verglichen, wird zwar dementiert; wie der als Kabarettist getarnte Comedian den bedingungslosen Wohlstand seiner hellhäutigen Geschlechtsgenossen reiferen Alters (um die Phrase vom alten weißen Mann zu variieren) stets publikumswirksam gegen Fridays for Future in Stellung bringt – das ist schon den Goldenen Gauland wert. Oder wahlweise einen Alice Urbach.

Den würde Sibel Kekilli auch gern an jene Medien verleihen, die sie dauernd zur Heimat ihrer Großeltern befragen „Das ist für mich Rassismus“, kommentierte die Schauspielerin Versuche, sie wegen ihres Migrationshintergrundes zur Expertin in Türkei-Fragen zu machen und kündigte gar juristische Schritte an. Immerhin spielt sie 15 Jahre nach Gegen die Wand meist Deutsche oder – wie in der finnischen Thriller-Serie Bullets ab Dienstag bei RTL Crime – allenfalls mal eine tschetschenische Terroristin.

Die Frischwoche

2. – 8. Dezember

In Woche 1 nach dem Ende der Gelddruckmaschinenserie The Big Bang Theory läuft sie jedoch unter ferner liefen. Ganz vorne laufen schließlich Portalformate der gehobeneren Art wie Noah Baumbachs Marriage Story. Freitag zertrümmert das Soziogramm einer scheiternden Ehe auf Netflix alles, was bislang zum Thema Scheidung gedreht wurde, mit einer Eleganz zum Niederknien. Ähnliches gilt abzüglich der Eleganz auch für den tschechischen Achtteiler Wasteland, mit der Magenta TV tags zuvor ein sterbendes Dorf an der polnischen Grenze skizziert. Das ist nicht nur ausgesprochen präzise erzählt, sondern hat auch den besten Vorspann der Seriengeschichte.

Damit kann die stylische Sky-Serie Jett mit Carla Cugino als sexy Meisterdiebin freitags zwar nicht dienen, aber optisch ansprechend ist der italienische Neunteiler schon. Was er mit der Staffel 3 von Marvellous Mrs. Maisel, ab Freitag auf (kauft nicht bei) Amazon teilt. Aber um zu zeigen, dass nicht alles, was kostenpflichtig sichtbar auch sehenswert ist, folgt die explizite Warnung: Wenn History ab Donnerstag zum Schlachter-Casting The Butcher lädt, in dem Profis aus den USA sechs Folgen lang von Rind bis Python Kadaver zerlegen, wanzt sich der Bezahlkanal aus der A+E-Gruppe so berechenbar an Trumps Kernwählerschaft ran, dass nicht nur Vegetarier das kalte Kotzen kriegen.

Wenn es statt fiktional real wird, ist man demnach im linearen Programm immer noch besser aufgehoben. Heute Abend um 0.15 Uhr zum Beispiel reist Marie Wilkes preisgekrönte ZDF-Doku AGGREGAT durch Städte, Redaktionen, Parlamente, um die Lage im Land nach Silvester 2015 zu erkunden. Das Ergebnis ist ein imposantes Panorama sozialer Wirklichkeiten und ihrer Wahrnehmungsunterschiede. Sehenswert ist auch die Geschichte eines Abends, mit der der NDR seit einiger Zeit das Talkshowgenre um tiefsinnige Trinkgelage bereichert. Wenn sie Oli Schulz Freitag im Altenheim erzählt, fehlen zur Geisterstunde zwar Prominente, aber nicht die Tragikomik.

Bevor die Hamburger Kinderkrimiserie Pfefferkörner am Samstag um 8.25 Uhr Folge 200 feiert, doch noch ein öffentlich-rechtlicher Filmtipp: Mittwoch (22.55 Uhr) zeigt Arte 1000 Arten, Regen zu beschreiben, in dem sich Louis Hofmann (Dark) am 18. Geburtstag 85 Minuten vor seinen Eltern (Bibiana Beglau, Bjarne Mädel) im Zimmer verbarrikadiert, ohne ins Bild zu rücken. Zu oft im Bild war jahrzehntelang John Wayne, der die Wiederholungen der Woche eröffnet. Als Teufelshauptmann (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) schuf er 1949 zwar einen seiner vielen Westernklassiker; die anschließende Doku Amerika um jeden Preis porträtiert ihn allerdings als sexistischen Neonazi.

Das exakte Gegenteil war neun Jahre später das schwarzweiße Gefängnisdrama Flucht in Ketten (Montag, 20.15 Uhr, Arte), in dem ein Schwarzer (Sidney Poitier) und ein Weißer (Tony Curtis) den Rassismus jener dunklen Jahre kritisieren. Frei von Politik durfte 2013 Die fette Hoppe (Montag, 21.45 Uhr, HR) sein, den Einstieg von Nora Tschirner und Christian Ulmen in den Weimarer Tatort. Auch mal okay.


JPD, Goldroger, Robbie Williams

JPD

Ist ja immer klein bisschen peinlich, wenn Debütalben als lang ersehnt angekündigt werden, weil ja niemand als Label, Künstler, Mutti und ein paar Kumpel ein Erstlingswerk wirklich ersehnen, aber auf das von Julian Philipp David alias JPD durfte man schon mit angemessener Sehnsucht warten. Jetzt ist es nach reichlich Digitalgeraune, zwei EPs und ziemlich gefeierten Festivals raus, heißt Auf den großen Knall und ernsthaft – der ist es auch geworden.

Der HipHopster aus Mannheim kreiert einen nahezu perfekten Mix aus melodischen Raps und Soundideen, die in Stücken wie Striche münden, das von Gitarrenpicks zerstochen an Tinnitus im Whirlpool erinnert, während durch Der Wald im Anschluss philosophische Earcatcher wie “Spieglein, Spieglein an der Wand / sag, wer hat das meiste Flaschenpfand im Land” fließen, denen JPDs warmer Sprechgesang Tiefe und Kraft verleiht. Klar, Vergleiche sind oft so blöd wie die Phrase vom ersehnten Debütalbum, aber hiert trifft Casper auf AnnenMayKantereit und doch klingt es unvergleichlich.

JPD – Auf den ganz großen Knall (Popup Records)

Goldroger

Ach, was wäre der HipHop für ein wunderbares Biotop, wenn doch nur der HipHop nicht wäre. Dieser Gestus, diese Selbstverliebtheit, das ganze Getue um Skills und Realness und Blingbling oder auch mal Blingblingscheißefinden – wäre es nicht schön, wenn sich der Rap mal wieder mehr um Sprechgesang und weniger die Stilistik drumherum drehen würde? Vielleicht hilft es da ja, ein Quereinsteiger zu sein. Wie Goldroger. Vor ein paar Jahren aus Fremdgenres wie Ska, Punk, Dancehall in den lukrativeren Musikstil gepoppt, macht er dort denkbar unlukrativen Rap für Leute mit Geschmack, aber ohne Hand im Schritt.

Gut, ein paar handelsübliche Gesten kann sich auch der Junge aus Köln, bürgerlich Sebastian, nicht verkneifen. Aber die dezent, fast trancig instrumentierten Stücke seiner halben zweiten Platte Diskman Antishok, deren zweiter Teil Anfang nächsten Jahres folgt, erinnern angenehm an die Popdandys Bilderbuch, während sein Flow viel von T der Bär hat, also einem Deutschrapper, der gar kein Deutschrapper sein will, sondern Songwriter ohne Gesang. “Ja ich weiß, doch / manche tätowieren sich ihren eigenen Namen, um zu beweisen / sie sind da, ja um sich zu zeigen, dass es sie einst einmal gab” – so uneitel ist Goldroger auch musikalisch.

Goldroger – Diskman Antishok (Irrsinn)

Hype der Woche

Robbie Williams

Ach Robbie, du alte Rampensau! Normalerweise kriegt man bei jedem Weihnachtsalbum im Regal berechnender Publikumsverarschung das kalte Kommerzkotzen – besonders, wenn Helene Fischer daran beteiligt ist. Doch nicht mal die schafft es mit ihrem lausig lasziven Duett Santa Baby, Williams’ The Christmas Present (Sony) in die Liste festlicher Selbstbereicherung zu bringen – dafür versprüht Robbies Weihnachtskompendium viel zu viel Esprit. Dabei besteht ungefähr die Hälfte der 27 Lieder aus Eigenkompositionen, mit denen schon ganz andere Kaliber als dieser gescheitert sind; wie die Klassiker von Let It Snow bis Winter Wonderland jedoch, sind auch viele der neuen Stücke irgendwie – nun ja: Robbie: dick aufgeblasen, aber leidenschaftlich und inspiriert. Ob es dafür Gaststars wie Jamie Cullum, Rod Stewart oder gar den Boxer Tyson Fury gebraucht hätte? Tja, geht halt auch um Geld. Davon abgesehen ist dieses Weihnachtsalbum echt mal hörenswert.


Thilo Mischke: Uncovered & ISIS-Fronten

Die Welt ist ein abgefuckter Ort

Thilo Mischke (Foto: Pro7) berichtet seit Jahren so kompetent und emotional, statt neunmalklug und gefühlsduselig aus Krisenherden in aller Welt, dass man glatt selbst seinen Auftraggeber vergessen könnte: ProSieben. Dort besuchte er nun zur besten Sendezeit Deutsche an der ISIS-Front (abrufbar in der Mediathek). Ein Gespräch über Gefahren, Unabhängigkeit, Abstumpfungseffekte und warum Kinderaugen nicht immer berechnend sind.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Thilo Mischke, im ProSieben Spezial Deutsche an der IS-Front sprechen Sie von der Angst, verletzt zu werden oder getötet. War dieses Gefühl eher abstrakt oder ganz konkret?

Thilo Mischke: Wir haben Uncovered mal gestartet, damit man diese Frage irgendwann nicht mehr stellen muss. Alles, was uns passiert, ist die Realität. Vor drei Monaten, als sich der türkische Einmarsch in Syrien bereits deutlich abgezeichnet hat, war also auch meine Todesangst dort nicht gespielt, sondern immanent.

Wie sind Sie damit als Reporter umgegangen, der sich regelmäßig in gefährliche Situationen begibt, diese hier aber nicht so kennt wie erfahrene Korrespondenten vor Ort?

Ich mache seit mindestens zehn Jahren Auslandsjournalismus, der mich für verschiedene Medien in unterschiedlich gefährliche Situationen führt. Von daher weiß ich, worauf ich mich einlasse und kann auf einiges an Erfahrung zurückgreifen. Ich habe mal einen Kurs über den Umgang mit Krisensituationen besucht; doch im IS-Gebiet war in der Vergangenheit die Lage so unübersichtlich, dass kaum noch Journalisten von dort berichten, und falls doch, die Berichte nicht immer verlässlich waren.

Was man an der Skepsis über Jürgen Todenhöfers Interview mit angeblichen IS-Kämpfern vor drei Jahren gesehen hat…

Da wollte ich bewusst keine Namen nennen. Aber wir waren beim Thema Angst…

Ist die für Sie eher Motor oder Hindernis Ihrer Arbeit?

Sie ist vor allem ein natürlicher Überlebensmechanismus, um Fehler zu vermeiden und die Aufmerksamkeit hochzuhalten. Kollegen, die schon lange an einem Ort sind, reden von einer gewissen Abgefucktheit. Das macht die Arbeit gefährlich, weil man denkt, einem kann schon nichts passieren. So wie Ärzte oft denken, sie sind unfehlbar, meinen ja auch Kriegsjournalisten schnell, sie seien unverwundbar. Von daher bin ich ganz froh, mir meine Angstfähigkeit erhalten zu haben. Krieg ist keine Extremsportart, und ich bin auch kein Adrenalin-Junkie.

Es gibt bei Ihnen keinerlei Gewöhnungs-, gar Abstumpfungseffekte?

Doch, aber in Abstufungen innerhalb der Abstumpfung. Als wir vor vier Jahren geplant hatten, in den Kongo zu fahren, meinte ich: Auf keinen Fall! Mittlerweile waren wir nicht nur dort, sondern auch in Kabul und nun Syrien. Ich würde das als Fähigkeit, Risiken einschätzen zu können, bezeichnen. Eine Form der Abstumpfung ist allerdings, dass ich früher schon vor dem Abflug dieses Pockern im Herzen hatte. Jetzt stellt sich das erst ein, wenn wir vor Ort Gefahrenstufe Gelb erreichen. Mittlerweile wirkt nicht mehr das ganze Land bedrohlich, sondern nur noch einzelne Gebiete oder Situationen.

Erfahrung gleich Abstumpfung…

… gleich emotionale Verrohung.

Gibt es im Rahmen dieser Verrohung Platz für so etwas wie die Lust am Thrill der Gefahr?

Eine gewisse Abenteuerlust lässt sich nicht bestreiten. Obwohl ich bestimmte Herausforderungen durchaus mag, auch um zu sehen, was ich mir zutrauen kann und will, sind sie aber nie die Motivation, hinzufahren. Und seit ich mit 13 Journalist werden wollte, gab es für mich auch nie thematische Grenzen. Deshalb berichte ich ebenso gern über Videospiele oder Wandern in der Sächsischen Schweiz wie Krisengebiete.

Nicht die kleinste Präferenz?

Ich kann ausschließen, was mich nicht interessiert.

Zum Beispiel?

Sport zum Beispiel. Oder tagesaktuellen, Politikjournalismus. Den kann ich einfach nicht. Natürlich interessiere ich mich für Politik, aber darüber berichten, das können andere besser. Und mir fehlt dafür auch die Geduld. Außerdem bin ich einfach gerne im Ausland.

Wo Sie allerdings als einreisender Reporter stets der Gefahr des embedded journalism ausgesetzt sind, also von den Gruppen vor Ort, mit denen sie unterwegs sind, instrumentalisiert zu werden…

Embedded journalism ist in der Tat kritisierungswürdig. Voriges Jahr in Mali mussten wir erleben, wie schwer es ist, objektiv zu berichten, wenn man Teil des Berichtsgegenstands wird. Das haben wir erst umgangen, als wir uns von der Bundeswehr getrennt haben und allein unterwegs waren. Die Perspektive des würde ich demnach nur wieder einnehmen, wenn mich die Bundeswehr in extrem gefährliche Regionen einlädt. Aber weil auch da ein Gefühl der Manipulation bliebe, versuchen wir uns so wenig wie möglich einbetten zu lassen.

Aber ist man nicht bereits eingebettet, wenn man sich wie in der ISIS-Reportage über mehrere Tage in die Strukturen der Widerstandskämpfer einbinden lässt?

Eingebettet ja, aber nicht abhängig. Wobei vollständige Unabhängigkeit generell eine der Unwahrheiten des Journalismus ist. Natürlich habe ich im Volontariat gelernt, wie wichtig Objektivität ist, und versuche sie auch so weit wie möglich zu erreichen. Aber wie soll man objektiv bleiben, wenn der Leiter eines Einsatzes, bei dem vielleicht Menschen sterben, deine Hand streichelt, um dich zu beruhigen? Das geht nicht – ist aber auch Teil des Konzepts von Uncovered.

Inwiefern?

Insofern wir nicht die Position des allwissenden Profis einnehmen, der alles weiß und meistert.

Sie bewahren sich also eine Naivität, die Korrespondenten womöglich nicht mehr haben?

Ja.

Und dringen sprichwörtlich wie in unbekannte Regionen vor wie ein weißes Blatt Papier, das vor Ort beschriftet wird?

Ich glaube, genauso arbeitet ein Großteil der Journalisten weltweit.

Aber ist ein langjähriger Korrespondent mit Netzwerk und Know-how am Ende nicht doch qualifizierter für Reportagen entlegener, auch gefährlicher Orte als Journalisten, die für einen Bericht auftauchen und danach wieder abdampfen?

Seltsame Frage, denn zum einen gehe ich vielleicht naiv, aber nie unvorbereitet dorthin. Zum anderen haben auch Korrespondenten, die irgendwie Relikte einer nicht vernetzten Welt sind, ihren Stützpunkt in irgendeiner Hauptstadt, poppen wie ich für fünf Tage in der Provinz auf, und kehren dann in die Safe Zone ihrer Gated Community zurück. Natürlich gibt Unterschiede – Sprachkenntnisse zum Beispiel oder ein tieferes Verständnis der regionalen Kultur. Aber sobald man ein gutes Team hat, spielt das fürs Publikum kaum eine Rolle.

Wie wichtig ist der Zuschnitt dieses Publikums für die journalistische Herangehensweise – berichten Sie in Uncovered mit zielgruppengerechten Methoden und Stilmitteln?

Ich glaube, Formate wie unsere könnten sehr gut auch in ARD oder ZDF laufen, aber deren Formate nicht umgekehrt bei ProSieben.

Ah, ja?

Dafür sind sie einfach zu konservativ. Man kann das gut am Auslandsjournal sehen, das wir ja alle lieben. Da wird zwar manchmal durchaus was Modernes ausprobiert, aber stets innerhalb der Regeln, die seit 4000 Jahren gelten. ProSieben hat keine Regeln – weder inhaltlich noch visuell. Wenn ein junger Stammzuschauer dann was sehr Sachliches im Weltspiegel sieht, fragt er sich womöglich: was fühlt der Journalist eigentlich?

Privatfernsehen heißt also mehr Emotionalität?

Das hat nichts mehr mit Privatfernsehen, sondern modernerem Journalismus zu tun.

Aber führt dieser modernere Journalismus nicht dazu, dass Deutsche an der ISIS-Front arg plakativ mit Kindern endet, die das Publikum mit dem Holzhammer ergreifen?

Ich würde eher sagen, dass der klassische Journalismus zu dieser zynischen Frage führt.

Es ist doch kein Zynismus, sondern Beobachtung, zu kritisieren, dass Kinder in den Medien zur Emotionalisierung verwendet werden, was hier darauf zuläuft, die letzten zehn Minuten als dramatische Zuspitzung ausschließlich mit denen zu füllen!

Gegenfrage: Hätten Sie die Kinder weggelassen?

Natürlich nicht, aber ich hätte sie eher als Teilaspekt der Terror- und Flüchtlingsmisere in Syrien eingestreut, als am Ende geballt zur Quintessend allen Leids zu inszenieren.

Dass Abdullah am Ende kommt, hat keinen psychologisierenden Effekt, und dahinter steckt auch kein emotionales Konzept. Aber aus der Erfahrung vieler Krisenreportagen, finde ich das Gefühl, mit den unschuldigsten Opfern rauszugehen, die stärkste Aussage. Dramaturgisch ist es absolut legitim, was besonders hängenbleiben soll, ans Ende zu packen; das ist weder ein Trick noch Realitätskitsch, sondern Wahrnehmung. Der Ernst dieses Kindes hat auch mich sprachlos gemacht.

Was hat dieser Einsatz sonst noch mit Ihnen gemacht – emotional, aber auch beruflich?

Ich bin in erster Linie besser informiert daraus hervorgegangen, weil er wie jede meiner Reportagen das eigene Schwarzweißdenken beeinflusst. Wie fast jeder Mensch, verlasse auch ich mich ja auf meine Schubladen. Obwohl ich dem Islamismus schon in verschiedenster Form begegnet bin, war der IS für mich zunächst ein Begriff. Wenn man dann die Menschen dahinter trifft, mit ihren Ängsten, Gefühlen und Lügen, werden Begriffe lebendig und IS-Mitglieder anders, als die Bild das möchte, von Schergen zu Personen. In Schubladen zu denken, ist immer einfacher, aber wer meine Arbeit vor und nach dieser Reportage durchsiebt, findet am Ende immer eines: Toleranz.

Was bedeutet die für Sie?

Menschen immer erstmal auf mich zukommen zu lassen, um mit ihnen zu sprechen – egal ob Opfer oder Täter, Taxifahrer oder Politiker.

Völlig unvoreingenommen?

Na ja, ich habe trotzdem meine Haltungen, und wenn mir ein nachweislicher Terrorist wie Martin Lemke gegenübersitzt, bin auch ich ihm gegenüber nicht unvoreingenommen. Einer Sympathisantin aber, die ich im Flüchtlingslager getroffen habe, ist tatsächlich das weiße Blatt, von dem wir gesprochen haben.

Kann die nächste Reportage emotional eigentlich noch härter für Sie werden als diese?

Was heißt härter? Ich weiß nicht, ob es eine posttraumatische Belastungsstörung war oder einfach Traurigkeit, aber als wir diesen Film vertont haben, bin ich in Tränen ausgebrochen. Die Welt ist ein abgefuckter Ort.

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen

Freiwald & ISIS-Front

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. November

Fernsehen, das sind zunächst mal Bilder und dann erst Töne, Sound und Stimmen. Wenn von letzteren eine für immer verstummt, könnte das also kaum der Rede wert sein. Das ist es aber nicht – sofern sie jemandem wie Walter Freiwald gehört. Sein ulkiges Organ aus dem Hintergrund belanglos ulkiger RTL-Shows hat die Hochphase des Privatfernsehens schließlich so geprägt wie Tutti Frutti, heiße Stühle oder Softpornos zur Nacht. Schon lange allerdings, bevor er in der vorigen Woche nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben ist, hatten die anfangs so umwälzenden Kommerzkanäle viel ihrer Innovationskraft verloren.

Heute gibt es zwar kreative Ausreißer; die aber finden vornehmlich bei kleineren Ablegern wie Vox oder Pro7 statt, während von Sat1 und RTL kaum noch neuer Inhalt zu hören, geschweige denn sehen ist. Wo deren Kernkompetenzen jetzt liegen, hat die Verleihung der Eyes & Ears Awards vor acht Tagen gezeigt. Insgesamt 44 dieser Preise haben allein die drei Sender mit RTL davor abgeräumt, davon 21. erste Plätze. Die Prämierten vom Bachelor über Love Island bis Krasse Schule zeigen aber schon, dass sie eher keine ganz so hellen Ruhmesblätter sind – bei E&A geht es schließlich vor allem um „Design, Promotion, Marketing“, also die Fähigkeit, mit visuellen Reizen viel Geld zu machen.

Diese Konkurrenz haben ARZDF also womöglich weniger im Blick als die der inhaltlich starken Streamingportale, wenn sie wie angekündigt nun ihre Mediatheken besser verlinken – wenngleich zunächst mal nur im Browser, nicht auf den Apps. Und auch nur für ausgewählte Sendungen wie Weltspiegel oder heute-show. Ob das auch fürs Neo Magazin Royale gilt, wird sich erst noch zeigen. Wer allerdings Jan Böhmermanns halbstündige Abrechnung mit dem Entnazifizierungsversuch der völkermörderischen Hohenzollern-Kaiser gesehen hat, weiß spätestens jetzt, dass er längst zu den politisch wichtigsten Moderatoren Deutschlands gehört.

Die Frischwoche

25. November – 1. Dezember

Interessanterweise gilt das auch für einen, den man in dieser Reihe weniger erwarten würde: Thilo Mischke. Seit ein paar Jahren reist der risikofreudige Journalist für seine Presenter-Reportagen Uncovered in Krisengebiete rund um den Globus. Und dafür räumt Pro7 Dienstag nun sogar die Primetime frei, wenn Mischke Deutsche an der ISIS-Front in Syrien und Irak aufspürt. Das ist natürlich oft aufdringlich pseudonaiv, nähert sich dem Konfliktherd aber mit einer spürbar glaubhaften Empathie und ist damit echt gutes Infotainment. Dass dies auch für Arte gilt, bedarf zwar keiner weiteren Erwähnung; aber die ungeheuer aufrüttelnde Langdoku Wie krank ist Homo-Heilung über den Irrsinn heteronormativer Machtausübung muss hier trotzdem extra hervorgehoben werden.

Abgesehen von Staffel 2 der Provinzpolitikposse Hindafing, die Dienstag (20.15 Uhr) von Arte zum BR wechselt, oder der exzellenten Sky-Serie Der Pass, in der Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek Sonntag ab 10 Uhr in der Mediathek und um 22.15 Uhr im ZDF einen Ritualmörder durchs Gebirge jagen, spielt die fiktionale Musik bei Portalen statt Sendern. Etwa mit dem Familiendrama Zeit der Geheimnisse, in dem Christiane Paul und Corinna Harfouch drei Filme lang die Weihnachtszeit zum Selbsterfahrungstrip machen. An selber Stelle läuft ab Mittwoch nach oscartauglicher Kinokurzauswertung Martin Scorseses Mafia-Meisterwerk The Irishman mit de Niro, Pacino, Joe Pesci als, nun ja, de Niro, Pacino, Joe Pesci.

Tags drauf startet auf der Pro7-Plattform joyn der achtteilige Liebesthriller The Pier von Haus des GeldesShowrunner Álex Pina, was beim Amazon-Kanal Starzplay am Freitag mit zehn Folgen der Zukunftsdystopie The Feed beantwortet wird. Und heute bereits startet die düstere Fantasyserie His Dark Materials auf Sky. Wenn das ZDF dieser Serienflut ab Sonntag das plätschernde Remake der Trapp-Familie entgegensetzt, ist also eigentlich schon alles gesagt über anstehende Programm – bis auf die Wiederholungen der Woche.

Für die sorgt auch mal Amazon Prime mit allen 80 Episoden des bellizistischen Achtzigerjahre-Klassikers Airwolf. Außerdem natürlich Arte, das heute um 20.15 Uhr Fred Zinnemanns legendären Schwarzweißwestern High Noon von 1952 mit Gary Cooper als Einzelkämpfer wiederholt. Viel jünger, aber nicht viel weniger gut: das zeitgenössische Soziogramm Du bist dran (Freitag, 21.45 Uhr, One) in dem Mann (Lars Eidinger) wie Frau (Ursina Lardi) 2013 an moderner Rollenverteilung scheiterten. Und heute um 21.45 Uhr kann man sich Uwe Jansons Tatort aus der Pharmabranche Schleichendes Gift mit dem Hauptstadtteam Ritter/Stark von 2007 nochmals im RBB ansehen.


Christian Schwochow: Bad Banks & The Crown

Es war wie im Paradies

Der Deutsche Christian Schwochow durfte an einer britischen Netflix-Serie mitarbeiten, die schon vor ihrer 3. Staffel legendär war: The Crown. Ein Interview mit dem Regisseur von Serien wie Bad Banks über gemachte Nester, kreative Freiräume, lebendige Filmfiguren und was das Biopic der Queen mit dem Brexit zu tun hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schwochow, wenn ein Regisseur die neue Staffel einer erfolgreichen Serie wie The Crown mitgestalten darf – legt er sich ins gemachte Nest oder baut ein ganz neues?

Christian Schwochow: Durch den Erfolg der ersten zwei Staffeln von The Crown war das Nest von Peter Morgan, einem der besten Drehbuchautoren der Welt, und seinem sehr eingespielten Team natürlich schon mehr oder weniger fertig gemacht.

Aber?

Der Qualitätsanspruch ist sehr hoch. Es geht bei jedem Arbeitsschritt um Perfektion. Und die erzielt man nicht, indem man sich auf Erfolgen ausruht, sondern durch unablässige Weiterentwicklung. Peter Morgan sucht nie Erfüllungsgehilfen, sondern Partner.

Innerhalb des historischen und dramaturgischen Korsetts gab es also kreative Freiräume?

Viele sogar. Nachdem wir intensiv über meine Folgen, das Casting, die Schauspieler geredet hatten, konnte ich auch mithilfe des Kameramanns, den ich selbst mitgebracht hatte, die Ästhetik erweitern. Uns war zwar klar, dass wir die Grammatik von The Crown bedienen, aber trotzdem gab es viel Raum für meine Art zu erzählen. Es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, die Bildsprache und Inszenierungsweise in Frage zu stellen.

Warum nicht?

Weil wir dann womöglich genau das verändert hätten, was ich an der Serie so liebe. Insofern war die Erfüllung bestimmter Gesetze auch keine Bürde für mich.

Aber welche genau hat man sich denn vom deutschen Regisseur erhofft, der eine urbritische Institution darstellt?

Einen anderen Blick auf eine Monarchie vielleicht, die ihre Königin mit Privilegien überhäuft und gleichsam in einem Käfig gefangen hält. Für solche Freiheitsverluste bringe ich als Ostdeutscher, der in einer Diktatur groß geworden ist, womöglich eine besondere Sensibilität mit. Zum einen waren die Macher oft verblüfft über meine Sicht der Dinge, zum anderen haben sie ihre eigene auch dadurch erweitert, dass ich ständig Verständnisfragen zu Land und Leuten hatte. Das erweitert für alle den Horizont.

Man muss das Leben in einer Monarchie also gar nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben, um glaubhaft davon zu erzählen?

Nein, aber das gilt ganz grundsätzlich. Wenn man als Regisseur autobiografische Bezüge zur jeweiligen Arbeit bräuchte, könnte ich über viele Themen ja keine Filme machen. Vor „Bad Banks“ hatte ich schließlich auch nie irgendwas mit der Finanzbranche zu tun. Weil ich mich mit Haut und Haar hineingeworfen habe, ist aber trotzdem was dabei rausgekommen. Und das gilt hoffentlich auch für The Crown.

Umso mehr, als die Arbeitsbedingungen in England gewiss besser sind als hierzulande…

Sensationell sogar! Ich bin schon vier Monate vor Drehbeginn nach London gezogen, habe viel gelesen, Zeitzeugen getroffen, Experten befragt, fast schon journalistisch gearbeitet. Vor allem aber gab es eine Rechercheabteilung mit Topleuten, die alles wissen und falls nicht, alles herausfinden. Es war wie im Paradies.

Haben diese paradiesischen Zustände vor allem mit Geld zu tun, von dem pro Folge ja mehr investiert wurde als bei jeder Netflix-Serie zuvor?

Auch, klar. Schließlich wissen Netflix und Sony genau, dass man eine Serie im Buckingham Palace nicht mit gewöhnlichen Budgets erzählen kann. In England merkt man aber auch Projekten, die am Ende weit günstiger sind als The Crown, oft an, wie viel Personal, Zeit und Mittel bereits in die Drehbuchentwicklung gesteckt werden. Dieser Qualitätswahnsinn steht anders als bei uns über allem. Toll!

Aber nehmen Sie diesen Wahnsinn jetzt nicht mit in die nächste deutsche Produktion und machen ihr das Leben schwer?

Ich könnte mir schon vorstellen, bestimmte Qualitätskriterien an Personal und Material fortan deutlicher zu machen als zuvor. Aber meine Ansprüche waren diesbezüglich auch in Deutschland stets hoch, sie finden durch die Arbeit an The Crown nur noch mehr Bestätigung. Auch wenn man hier nie ein solches Budget zusammenkriegt, könnte es also härter werden mit mir.

Mit so einem Referenzprojekt im Gepäck dürfte ihre Verhandlungsposition aber auch deutlich gestärkt sein.

Schon. Aber weil ich bereits durch die tolle Erfahrung mit Bad Banks ein inhaltliches Level erreicht habe, unter dem ich nicht mehr arbeiten kann und will, wird es trotz der besseren Verhandlungsposition nicht leichter, Projekte zu finden, die auch nur annähernd so vielschichtig und so gut entwickelt sind wie The Crown.

Das dabei eher an House of Cards als klassische Königshausserien erinnert. Geht es in der parlamentarischen Monarchie wirklich so intrigant zu?

Aus den Sechzigerjahren, die wir in dieser Staffel erzählen, leben jedenfalls noch genug Zeitzeugen, die das bestätigen. Natürlich sind, gerade was die Privatsphäre der Queen betrifft, oft Lücken mit Interpretation zu füllen. Aber wenn Sie die britische Politik von heute betrachten, wirkt The Crown doch fast harmlos. Das Ausmaß boshafter Schlammschlachten ist damals wie heute also sehr realistisch.

Ist die Analogie zur Verrohung des Königreichs im Zuge des Brexit demnach gewollt?

Kalkül steckte zwar nicht dahinter, aber seit ich im Juli vier Monate nach dem Zuschlag für zwei Folgen nach London gekommen bin, machte jede Nachricht vom Brexit deutlicher, wie Geschichte sich doch wiederholt. Und als wir bemerkten, wie viel die Verschwörung um Lord Mountbatten, von der ich zuvor noch nie was gehört hatte, mit uns und unserer heutigen Zeit zu tun hat, haben wir natürlich nach Analogien von Vergangenheit und Gegenwart gesucht.

Eine der vornehmsten Aufgaben historischer Fiktion.

Genau. Auch um uns und dem Publikum zu ermöglichen, Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.

Verändert es die Arbeit, wenn historische Fiktion von lebendigen Personen handelt?

Es macht definitiv demütiger. Vor allem, was die Genauigkeit betrifft. Bei uns im Team arbeitet deshalb Major David, der 35 Jahre im Buckingham Palace für die Queen tätig war und fast alle Menschen in ihrem Umfeld kennengelernt hat. Durch ihn und andere Berater können wir sehr an der Realität erzählen. Olivia Colman standen wie allen anderen ein Movement- und Vocal-Coach zur Seite, mit dem sie bis ins Detail Gesten, Mimik, Sprache der Queen studiert hat. Obwohl viel Hollywood in The Crown steckt, fühlt es sich daher sehr wahrhaftig an.

Aber kann Akribie nicht zu einer Verbissenheit führen, die der Erzählung schadet?

Im Gegenteil: je besser die Vorbereitung ist, desto freier kannst du erzählen. Und das gilt sogar für all jene Episoden und Begebenheiten, von denen selbst in England kaum jemand weiß – geschweige denn ich als Deutscher.

Ist es aus ihrer Sicht vorstellbar, dass jemand aus England umgekehrt ein Biopic über Nationalheiligtümer wie, sagen wir: Helmut Schmidt oder Thomas Gottschalk dreht?

(lacht) Also davon abgesehen, dass sich in England vermutlich keiner für Thomas Gottschalk interessiert, ist dieser Perspektivwechsel nicht nur denkbar, sondern überaus wünschenswert.

Welche Figur der Zeitgeschichte würde Sie persönlich denn interessieren?

Weil ich gerade zweimal historisch gearbeitet habe, würde mich zunächst mal eine frei erfunden der Gegenwart interessieren.

Schreiben Sie sich die im Zweifel selber oder warten lieber auf Angebote?

Witzigerweise entwickle ich da tatsächlich gerade selber etwas mit den Produzenten von The Crown.

Sagen aber vermutlich nicht, worum genau es sich dabei handelt.

Genau, sorry.


Doppelpässe & Rampensäue

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. November

Wenn sich die Mächtigen vom Penthaus unter den Wolken ins soziale Tiefgeschoss begeben, empfindet der Pöbel das oft als Anteilnahme oder schlimmer noch: Ehrerbietung. Man konnte das gut am – na ja, relativ reichen, verglichen mit Bayern München aber bitterarmen Thomas Helmer sehen, als Uli Hoeneß beim Doppelpass auf Sport1 anrief, um mehr Respekt für den FCB einzufordern. Während seine Majestät Uli I. am Telefon teils namentlich die Talkrunde des Moderators beschimpfte, reagierte Helmer mit einer Zahnlosigkeit, die andere Speichelleckerei zum revolutionären Akt macht. Der Kotau gipfelte darin dass Hoeneß eine Einladung zur nächsten Sendung mit den Worten quittierte, das käme drauf an, „welche Qualität sonst noch eingeladen wird“, worauf der Ex-Bayer buckelte: „Wir sind bemüht und lernfähig.“

Obwohl er damit vor laufender Kamera seine eigenen Gäste beleidigte, ist von Eigenkritik des Senders nichts überliefert. Schöne neue feudale Welt des Sportjournalismus, in der es statt Gesprächs- nur noch Geschäftspartner gibt… Ob sich das ändert, wenn der Haushaltsausschuss des Bundestags ab 2020 die Zustellung von Tageszeitungen mit bis zu 40 Millionen Euro subventioniert, bleibt da ebenso abzuwarten wie die Folgen von Holger Friedrichs Stasi-Vergangenheit auf Inhalte der Berliner Zeitung, die der verlegerische Quereinsteiger kürzlich erworben hat. Tatsache aber ist, dass Medien, insbesondere am Bildschirm und nicht nur im Fußball, ein Problem mit Alphatieren haben.

Beispiel Pro7. Das Travestie-Casting Queen of Drags geht dort zwar weit verantwortungsvoller mit Diversität um als befürchtet, nicht aber Jurychefin Heidi Klum, der es auch in dieser Show um eins allein geht: ihren Kontostand.  Das teilt sie allerdings mit den ganz großen Unterhaltungs- und Techkonzernen, die nun auch im Streaming mitmischen. Wobei die erste AppleTV-Serie For All Mankind um sexy Astronautinnen im Space Race mit Russland fast noch flacher ist als die Schmonzette The Morning Show mit Jennifer Aniston und Reese Witherspoon an gleicher Stelle. Zumindest qualitativ dürfte das Platzhirschen wie Netflix also kein Kopfzerbrechen bereiten.

Die Frischwoche

18. – 24. November

Im Gegensatz dazu, was Vox abermals mit vergleichsweise wenig Geld, aber viel Chuzpe zustande bringt. Ab Mittwoch spielt Jasna Fritzi Bauer für die Kreativschmiede von RTL eine verkrachte Schauspielerin von 30 Jahren, die dank ihrer kindlichen Optik als Undercover-Cop in einer Schule eingesetzt wird. Rampensau ist von der ersten Minute an so hingebungsvoll inszeniert, gefilmt, vor allem aber gespielt, dass man von der vielschichtigen Geschichte um Männermacht und Frauenrevolte kaum genug kriegen kann.

Das Gegenteil gilt für die Agenten-Serie West of Liberty, in der Wotan Wilke Möhring ab Sonntag im ZDF sechs Folgen lang als verkrachter DDR-Spion ein Nachwendeleben als bester Gast seiner billigen Kneipe mit der Jagd nach einen Whistleblower (Lars Eidinger) auffrischt. Das ist auch dank der beiden Hauptdarsteller noch nicht mal schlecht gemacht, aber so konventionell, dass es vom Bildschirm staubt. Nichts anderes hätte man auch von der ARD-Reihe Bonusfamilie erwartet. Doch das Frauenteam um Regisseurin Jana Filip inszeniert ab Mittwoch nach schwedischem Vorbild eine Patchworksituation, die zwar sehr seifig beginnt, ein wenig klischeehaft bleibt, aber mit zunehmender Dauer Eigensinn und Würde der Figuren wahrt.

Wenn die ARD von beidem auch im Entertainment Restbestände hätte, würde sie sich die Übertragung des Bambi am Donnerstag sparen. So aber schenkt sie dem Regenbogenverlag Burda abermals drei Stunden Werbung in der werbefreien Zeit. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen Hermann Vaskes Doku Why we are creative ansehen, wo 3sat heute um 22.25 Uhr dem Antrieb künstlerischer Gestaltungskraft nachspürt. Ebenfalls sachlich sehenswert: Kleine Germanen, womit Arte tags drauf um 20.15 Uhr Kinder in der rechtsextremen Szene beobachtet, denen ein spezielles Comeback gewiss besser täte als Nazi-Propaganda: 28 Jahre nach der letzten Originalfolge und weitere 32 nach der ersten des Sandmännchens kehrt die DDR-Legende Pittiplatsch am Donnerstag in die Vorschulsendung zurück.

Ähnlich lang her ist die erste Wiederholung der Woche, wobei Joseph Vilsmaiers Versuch, die Schlacht um Stalingrad 1993 schonungslos nachzustellen, in einer dubiosen Wehrmachtsexkulpation endet, die man sich Dienstag (20.15 Uhr) irritiert auf Nitro ansehen kann. Noch älter ist die schwarzweiße Wiederholung Der Vagabund und das Kind, Charlie Chaplins erster Langfilm von 1921 (Mittwoch, 21.40 Uhr, Arte. Und der Tatort Ausgelöscht blendet Dienstag (20.15 Uhr, BR) ins Jahr 2011 zurück, als Bibi Fellner (Adele Neuhauser) noch die neue Assistentin von Kommissar Eisner (Harald Krassnitzer) war.


Jo Goes Hunting, TOY

Jo Goes Hunting

Der Begriff des Showrunners ist vom Fernsehen noch nicht so richtig ins Musikgewerbe vorgedrungen – und das, obwohl in Zeiten sinkender Tonträgerabsätze immer mehr Herstellungsarbeit an den Kreativen hängenbleibt. Jimmi Jo Hueting ist so ein Allesverantwortlicher seines vogelwilden Indiepop-Projektes Jo Goes Hunting. Als Sänger sorgt der Holländer aus Rotterdam für Texte, als Strippenzieher für die Produktion, als Schlagzeuger zudem fürs Taktgefühl. Und weil Drummer sowieso oft leicht einen an der Klatsche haben, klingt das Ergebnis entsprechend.

Nach dem Debütalbum 2018 ist der Nachfolger nämlich nicht nur deutlich digitaler als Come, Future, er dekonstruiert Strukturen, Melodik, Harmonielehre auch nochmals hemmungsloser als damals. Front Row ist dabei allerdings ein eklektisches Durcheinander von tieferem Sinn, dass vieles vom Aberwitz im Kreisel wirrer Klangeskapaden zentrifugiert, bis daraus eine Art Krautrockelectronica mit Ethnosynthifunk-Elementen wird. Viel besser beschreiben lässt sich dieses Chaos nur mit sprachlicher Knotenmacherei, aber hören – so viel ist sicher – sollte man es besser nicht nüchtern, dann aber dauernd.

Jo Goes Hunting – Front Row (Backseat)

TOY

Wer wen in der Kunst mal zu was inspiriert hat und warum genau, ist vielfach bloß nachjustierte Post-PR, mit der im besseren Fall Images erzeugt werden, im schlechteren marketingbewusstes Gewäsch. Wenn aber die britische Postpunk-Band TOY behauptet, von Amanda Lear beeinflusst zu sein, ist man nach kurzer Verwirrung, wer zur Hölle das denn sei, ernsthaft angetan von der Idee, dass die LGBTQ-Ikone der discolibertären Siebziger fünf missgelaunte Shoegazer aus Brighton tatsächlich zu irgendwas angeregt haben könnte. Wenn man nämlich das Cover ihres/seines Smashhits Follow Me auf dem fünften TOY-Album hört, wächst zusammen, was zusammen gehört.

Auf Songs of Consumption kompiliert die Band um Sänger und Gitarrist Tom Dougall ja acht Stücke, die angeblich wegweisend für sie sind und waren. Darunter neben Amandas Emanzipationshymne auch ziemlich unterschiedliches Zeug wie Down on the Street von den Stooges oder Serge Gainsbourgs Lemon Incest. Die Interpretationen sind dabei oft erstaunlich werkgetreu. Aber wenn dabei durch Cousin Jane von den Troggs ein verhuschtes Spinett flattert oder Soft Cells Fun City mit tropfenden Bass-Samples unterlegt wird, erweisen TOY ihren Vorbildern auf verspielte Art Reminiszenz. Und wer da wen oder was konsumiert, bleibt so dunkel wie die Blicke der Band.

TOY – Songs of Consumption (Tough Love Records)