Georg Restle: Rückgrat, Hass & Monitor Teil 2
Posted: October 17, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Wehret der Normalisierung!
Nachdem er es in einem Kommentar der Tagesthemen gewagt hatte, Verbindungen der AfD ins rechtsextreme Lager anzuprangern, erhielt Georg Restle (Foto: Fulvio Zanettini/WDR) nicht nur den üblichen Shitstorm, sondern konkrete Morddrohungen. Zweiter Teil des Interviews mit dem Leiter des ARD-Magazins Monitor über Hass im Netz und was er mit dem Journalismus unserer Zeit anstellt.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Sie haben die Pressefreiheit nicht erwähnt, obwohl besonders die im Fadenkreuz der parlamentarischen und außerparlamentarischen Rechten steht. Haben Sie die Befürchtung, dass sie irgendwann ernstlich in Gefahr gerät?
Georg Restle: Natürlich ist auch die Pressefreiheit in Gefahr. Dazu müssen wir ja nur auf die europäischen Vorbilder der AfD wie Viktor Orbán in Ungarn schauen, der kritische Medien aufkauft oder schließen lässt. Dass AfD-Vertreter hierzulande vom „Ausmisten“ der Verlage oder Rundfunkanstalten sprechen, zeigt überdeutlich: Diese Leute sind die größten Feinde der Pressefreiheit. Es gibt da aber einen Prozess, den ich für mindestens so bedenklich halte – damit meine ich das ständige journalistische Zurückweichen vor menschenverachtenden und freiheitsfeindlichen Positionen im Rahmen einer falsch verstandenen Ausgewogenheit.
Inwiefern falsch verstanden?
Je mehr wir den Raum öffnen für solche Ideologien, umso mehr tragen wir dazu bei, dass sie sich in der Mitte der Gesellschaft breit machen. Man sagt ja oft „Wehret den Anfängen!“ Dabei sind wir über diesen Punkt längst hinaus. Es müsste heißen: „Wehret der Normalisierung“. Denn es ist nicht normal, wenn Menschendie Würde abgesprochen wird, nur weil sie keine Deutschen sind; es ist nicht normal, wenn sich gerade in diesem Land ein völkischer Nationalismus wieder ausbreitet; und es ist schon gar nicht normal, wenn Journalisten, die ihren Job machen, dafür ins Visier von rechtsextremistischen Gewalttätern geraten.
Bereitet Ihnen das denn Sorge oder bleibt Ihr Kopf auch da kühl?
Sowohl als auch. Aber ich habe in der Tat große Sorge, dass sich immer mehr Menschen an diese Grenzverschiebungen gewöhnen und den Halt verlieren, den uns zumindest die Grundwerte unserer Verfassung oder die Lehren unserer Vergangenheit geben sollten. Trotzdem will ich mir die Zuversicht nicht nehmen lassen, dass dieser Prozess noch umgekehrt wer den kann.
Auch, indem wir einer Partei, die rechnerisch weniger als zehn Prozent der Menschen in diesem Land parlamentarisch vertritt, weniger Raum im öffentlichen Diskurs gewähren als bislang?
Wer sagt, die AfD sei die größte Oppositionspartei im Bundestag, dem antworte ich, dass es selten zuvor eine kleinere größte Oppositionspartei gegeben hat. Unabhängig davon: Wenn ich mir den wachsenden Einfluss des völkisch-nationalistischen Flügels der AfD mit direkter Verbindung zu „Identitären“ und anderen Rechtsextremisten betrachte, kann es doch nicht ernsthaft unsere Aufgabe sein, dieser Partei allein entsprechend des Anteils ihrer Parlamentssitze auf allen Kanälen Reichweite einzuräumen. Von einer rein arithmetischen Verteilung der Aufmerksamkeit halte ich ohnehin wenig. Als Journalisten sollte es uns doch um Relevanz gehen. Oder wollen wir künftig auch den gefährlichsten Blödsinn verbreiten, nur weil ein Politiker gerade mal wieder rechnerisch dran ist? Darum kann es doch nicht gehen!
Aber doch auch um Einfluss im öffentlichen Diskurs.
Ja, und den versucht die AfD geradezu kampagnenartig auszuweiten. Interessanterweise ausgerechnet dadurch, dass sie mehr Präsenz in den von ihnen verhassten öffentlich-rechtlichen Medien einfordert. Aber wir sind unabhängige Journalisten und hoffentlich geübt darin, politische Einflussversuche auf unsere Berichterstattung quantitativ wie qualitativ zurückzuweisen, ganz gleich von welcher Partei sie kommen.
Aber?
Dabei dürfen wir nicht über jedes Stöckchen springen, das uns etwa die AfD hinhält. Jüngstes Beispiel ist das Düsseldorfer Rheinbad, wo sie angesichts angeblich marodierender Banden nordafrikanischer Migranten quasi den nationalen Notstand ausgerufen hat – jenseits aller Fakten.
Und selbst seriöse Medien riefen mit.
Ja, und auch das finde ich eine besorgniserregende Entwicklung. Hier wurden die ersten Polizeimeldungen viel zu schnell und viel zu unkritisch übernommen. Mein Eindruck ist, dass sich immer mehr Kollegen und Kolleginnen durch Kampagnen vom rechten Rand treiben lassen, um sich bloß nicht dem Vorwurf auszuliefern, man habe hier irgendwas verharmlost oder verschwiegen. Damit machen sie sich aber oft nur zum Werkzeug solcher Kampagnen.
Und bringen anders als früher selbst einzelne Straftaten von Vergewaltigung bis Mord in die Tagesschau, sofern sie nur einen Migrationshintergrund haben.
Ich glaube, wir müssen wieder selbstbewusst zur Frage zurückkehren, was wirklich relevant ist, statt uns von denjenigen treiben zu lassen, die vor allem über die Sozialen Medien Masse simulieren. Aus dieser Spirale müssen sich alle Journalistinnen und Journalisten, nicht nur wir öffentlich-rechtlichen, befreien. Die vorhersehbare Kritik aus diesem Lager muss man dann aushalten. Was umso leichter fällt, je sicherer wir uns unserer journalistischen Kriterien sind. Ansonsten bringen wir die Pressefreiheit selbst in Gefahr.
Glauben Sie, diese Gefahr beinhaltet, dass auch hierzulande bald Journalisten Ihrer Arbeit zum Opfer fallen wie es voriges Jahr weltweit mehr als 80 Mal geschehen ist?
Wenn man sich anschaut, wie die Gewaltbereitschaft innerhalb der rechtsextremistischen Szene zunimmt, halte ich es keinesfalls für ausgeschlossen, dass sich auch in Deutschland irgendwann jemand durch die andauernde Hetze gegen „die Medien“ animiert fühlt, zur Tat zu schreiten. Soweit Rechtsextremisten uns als Teil eines von ihnen verhassten Systems wahrnehmen, das sie gewaltsam stürzen wollen, sehe ich hier tatsächlich eine wachsende Bedrohung.
Eine andere Gefahr für die Pressefreiheit besteht weniger in unmittelbarer Gewalt, sondern mittelbar darin, dass Populisten aller Lager wie in Ungarn oder der Türkei ihren Einfluss geltend machen und kritische Stimmen schlicht aufkaufen. Sehen Sie diese Gefahr auch in Deutschland?
Ich sehe uns von Entwicklungen wie in Ungarn oder der Türkei weit entfernt. Aber es gibt ja noch eine andere Entwicklung: Wir erleben gerade, dass in Ländern wie Österreich eine Partei wie die FPÖ längst ihre eigenen „Nachrichten“-Kanäle aufbaut – mit einigem Erfolg. Grotesk, dass das von deren Anhängern als unabhängiges Medium begriffen wird. Daran wird deutlich, wie absurd und verlogen die Medienkritik aus dieser Ecke ist. Das gilt aber auch für Deutschland, wo unabhängiger Journalismus ganz gezielt in Misskredit gebracht wird. Dass ausgerechnet ein regierungskritisches Magazin wie Monitor auch von Vertretern der AfD regelmäßig als „regierungshörig“ verunglimpft wird, zeigt, dass es diesen Kritikern schlicht um die Verbreitung ihrer eigenen Propaganda geht und sonst nichts.
Aber was muss, was können Politik und Gesellschaft denn tun, um dieser Sorge entgegenzuwirken, Hass und Hetze also den Nährboden zu entziehen?
Von der politischen Seite brauchen wir ein viel klareres Bekenntnis zur Pressefreiheit als bisher. Und da geht es nicht nur um Angriffe aus dem Umfeld der AfD. Die Entwicklung der vergangenen Jahre waren gesetzgeberisch nicht gerade von einer Stärkung unseres Berufsstandes geprägt, wenn ich nur an die Novellierungen der diversen Polizeigesetze in Bayern und anderen Bundesländern denke. Abgesehen von der rein rechtlichen Lage gehört dazu aber auch, die Bedeutung der Pressefreiheitoffensiver zu würdigen und dabei auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als kontroversen, streitbaren, pluralistischen und meinungsfreudigen Garant für Freiheit und Demokratie zu stärken. Hier liegt es allerdings auch an uns Journalistinnen und Journalisten, die Bedeutung unseres Programmauftrags herauszustellen. Mit Grabenkämpfen zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Journalisten ist jedenfalls niemandem gedient. Der Demokratie am wenigsten.
Und die Zivilgesellschaft?
Erkennt hoffentlich, wie wichtig ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der seinen Auftrag ernst nimmt, für eine freiheitlich verfasste Gesellschaft ist.
Das wäre der grundsätzliche Umgang mit Gefahren vom extremistischen Rand. Gibt es dagegen auch Patentrezepte, wie man persönlich damit umgeht? Anders ausgedrückt: was empfehlen Sie Kollegen, die sich in einer ähnlichen Bedrohungslage befinden und bei Ihnen Rat suchen?
Am wichtigsten ist es zunächst, Betroffenen klar zu machen, wie klein die Zahl derer ist, von denen solche Hetze und solche Bedrohungen ausgehen. Man darf die Lautstärke einer kleinen Minderheit da nicht mit der Mehrheit verwechseln. Es gibt Erkenntnisse, nach denen gerade mal fünf Prozent der User für einen großen Teil aller Kommentare in den Sozialen Medien verantwortlich sind. Die weitaus leisere Mehrzahl der Menschen hält unsere Arbeit überwiegend für absolut notwendig. Deshalb sage ich Kolleginnen und Kollegen mit ähnlichen Erfahrungen wie meinen immer wieder: Lasst euch von diesen Lautsprechern nicht beeindrucken. Und: Die Hetze mag persönlich formuliert sein, letztendlich gilt der Angriff aber nicht der Person sondern der Presse- und Meinungsfreiheit.
Leichter gesagt als getan…
In der Tat. Und deshalb sage ich ebenso deutlich, dass die Abneigung der von uns Kritisierten zu unserem Job eben auch dazugehört. Wem es in der Küche zu heiß wird, sollte besser kein Koch werden; ein dickes Fell gehört ebenso zu unserem Beruf wie Wahrheitsliebe oder journalistisches Handwerk. Eine Erfahrung habe ich allerdings auch gemacht habe: Je weniger man sich vom Hass einschüchtern lässt, desto eher geben die Hetzer auf. Man sollte auch nicht auf jeden Schrott reagieren.
Und wenn Betroffene diese Gelassenheit nicht hinkriegen, statt Ratschlägen also einfach Trost brauchen?
Da hilft dann kein Berufsethos, sondern nur noch Empathie. Schließlich kann ich gut nachvollziehen, wie heftig ein Shitstorm beziehungsweise hate speech gerade auf diejenigen wirkt, die damit wenig bis keine Erfahrung haben. Und ich kann es niemandem verübeln, der sich dem nicht permanent aussetzen will. Trotzdem bleibt Gegenhalten für uns alle der einzig richtige Weg. Wer immer weiterzurückweicht, kann irgendwann nicht mehr in den Spiegel sehen. Und das wünsche ich weder uns noch der Gesellschaft.
Helfen die Verlage und Funkhäuser ihren Mitarbeitern genug, um mit der gegenwärtigen Situation klarzukommen?
Da gibt es definitiv Nachholbedarf. Die Schulung im Umgang mit Hasskampagnen und Bedrohungen sollte frühzeitig auf allen Ebenen verbessert werden. Im Grunde müsste das sogar Teil der journalistischen Ausbildung sein; gerade in den sozialen Medien reicht es schon lange nicht mehr aus, nur coolen oder relevanten Content zu produzieren, man muss auch lernen, wie man mit Reaktionen darauf professionell umgeht.
Gibt es – etwa beim WDR – bereits Überlegungen, analog zu Gleichstellungsbeauftragten Shitstorm-Beauftragte zu installieren?
Es gibt beim WDR ja immerhin eine Social-Media-Beauftragte, die die Redaktionen bei Bedarf berät und für den WDR Hasspostings gegebenenfalls anzeigt. Solche Beratungen sind umso wichtiger, weil ich in der letzten Zeit ein wachsendes Maß an Verunsicherung in den Redaktionen wahrnehme. Am Ende geht es hier auch um journalistische Qualität: Denn wenn wir uns von Anfeindungen beeindrucken lassen, hat das natürlich auch Auswirkungen auf unsere Berichterstattung.
Gibt es in diesem Beruf eigentlich auch so etwas wie ein „Viel-Feind-viel-Ehr-Denken“?
Das mag es geben, aber wir bei Monitor und auch ich persönlich halten wenig davon. Wir berichten nicht, um uns Feinde zu machen, sondern um auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen. Es geht uns um präzise Kritik an den herrschenden Verhältnissen und nicht um Konfrontation um der Konfrontation willen. Dass der Kritiker nicht überall willkommen ist, schon gar nicht bei denen, die kritisiert werden, ist dabei eine wenig überraschende Erkenntnis.
Dieses Entgegenstellen, so haben Sie schon mehrfach betont, ist ein Kampf für werteorientierten Journalismus. Was genau kann man sich darunter vorstellen?
Ich wehre mich mit diesem Begriff gegen eine falsch verstandene Vorstellung von Neutralität und Ausgewogenheit. Aus meiner Sicht ist einer der größten Fehler, den wir machen können, extremistische oder rassistische Äußerungen als Ausdruck von Meinungsvielfalt wahrzunehmen und uns damit aktiv an einer Entwertung unserer Grundwerte zu beteiligen.
Sie machen sich also, anders als Hanns Joachim Friedrichs mal gefordert hat, durchaus mit einer guten Sache gemein?
In diesem Sinne ja. Schon weil er im Umkehrschluss ganz sicher nicht gemeint hat, dass wir uns mit einer schlechten Sache gemein machen sollten. Und sei es nur dadurch, indem wir ihren Protagonisten das Feld überlassen.
Döpfners Rechtsruck & Losers Optimierung
Posted: October 14, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Frischwoche
7. – 13. Oktober
Als der außerparlamentarische Rechtsextremismus die parlamentarische Vorarbeit am Mittwoch in den antisemitischen Terroranschlag von Halle verwandelt hat, musste man unwillkürlich an einen Witz der heute-show denken. Dort jubelte die AfD über einen, der angeblich von Islamisten verübt worden war, bevor die Linke darüber frohlockte, dass der Täter doch ein Deutscher gewesen sein soll. Witzig. Und ähnlich entlarvend wie Oli Welkes Kollege Jan Böhmermann, der den Synagogen-Angreifer in den Kontext der Radikalisierung im Land stellte und twitterte: Alles Einzeltäter since 1933. Witzig. Und ganz schön boshaft.
Dabei war der mediale Grundton ansonsten eher nüchtern. Die Sondersendungen aller Kanäle waren selbst auf RTL erstaunlich ausgewogen, bei aller gebotenen Zurückhaltung aber auch fast schon defensiv in der Bewertung des offensichtlich rechen Hintergrunds mitsamt Tatgeständnis und -Video, das überdies dank wirksamer Schutzmechanismen so selten hochgeladen und verlinkt wurde, dass der schäbige Versuch eines Welt-Artikels von Springer-Chef Döpfner, die Verantwortung für Halle Willkommenskultur und Political Correctness, statt rechter Ideologie in die Schuhe zu schieben, aus dem Chor der Seriosität hervorstach wie ein Pickel auf reiner Haut.
Umso erstaunlicher ist es, dass der Gesprächspartner im ZDF-Morgenmagazin zum Thema zwei Tage darauf ausgerechnet AfD-Sprecher Jörg Meuthen war, dessen Partei das versuchte Massaker theoretisch unterfüttern half. Wer übrigens bei allem glaubhaften Entsetzen ebenfalls einen Anflug von Erleichterung verspüren dürfte, ist die CDU/CSU, denen der Anschlag von Halle dazu verholfen hat, dass sich Öffentlichkeit und Medien ein paar Tage lang nicht dem politischen Totalversagen in Sachen Klimakrise widmen müssen. Einem Entertainer wie Disney ist all dies aber ohnehin völlig Wumpe.
Ganz im Gegenteil zum Konkurrenzkampf beim Streaming, den der weltgrößte Unterhaltungskonzern künftig mit einer eigenen Plattform forciert. Um dort möglichst bald die Alleinherrschaft zu übernehmen, verbannt er vorsorglich schon mal Werbung für den Mitbewerber Netflix von allen Disney-Kanälen. Wem das vermutlich mal gar nichts ausmachen wird, ist – Netflix. Dort bietet man nämlich einfach weiterhin Serien an, die Disney fortan vermutlich mit Superhelden, Superhelden und vielleicht noch ein paar Superhelden zu besiegen versucht.
Die Gebrauchtwoche
14. – 20. Oktober
Ab Freitag zum Beispiel Living with Yourself. Der ehemalige Ant-Man Paul Rudd spielt darin einen Loser, der nach einer mysteriösen Wellness-Therapie plötzlich auf die optimierte Version seiner selbst trifft und fortan mit dem Klon um die Deutungshoheit über sein verkorkstes Leben kämpft. Dass gute Serie auch öffentlich-rechtlich geht, zeigt heute das ZDF heute kurz nach Mitternacht mit der liebenswerten Urban-Young-Adult-Snippet-Show Fett und Fett um den altjungen Möchtegernhipster Jaksch von und mit Jakob Schreier, der sein Alkoholproblem zum Lifestyle-Gadget umdeutet und damit fünf Stunden am Stück lustige Großstadtsequenzen durchläuft.
Dazu muss man sagen, dass die Serie zuvor online gelaufen ist – wie die sensationelle Fortpflanzungsdystopie The Handmaid’s Tale auf der digitalen Plattform Hulu, bevor sie am Freitag um 22 Uhr – endlich – im Free-TV von Tele 5 landet. Apropos landen: Die dokumentarische Fiktionalisierung amerikanischer UFO-Sichtungen der früheren Nachkriegszeit von Zukunftsrückreiseexperten Robert Zemeckis läuft ab Dienstag auf der Basis offizieller Regierungsakten beim Videoportal TV Now. Beim Muttersender RTL geht dagegen tags drauf der sexistischste Populistenversteher im Fernsehland erneut auf Tauchtour durchs Wutbürgerbecken und macht sich in Mario Barth deckt auf unter anderen an die Ökobilanz von E-Autos, was gut zu seiner rettet-den-Diesel-Kampagne passt.
Fast noch schlimmer könnte da die lausige Idee von ZDFneo zu sein, ab heute, 18.35 Uhr, im Dinner Date Kuppel- und Kochshow miteinander zu kombinieren. Auweia. Wenden wir uns lieber den Spielfilmen zu. Zum Beispiel Danny Boyles herausragendes Biopic Steve Jobs mit Michael Fassbender als Digitalpionier. Warum es morgen erst zur Geisterstunde läuft, bleibt allerdings das Geheimnis des ZDF. Die ARD dagegen zeigt am Freitag auf dem Degeto-Sendeplatz nach der Tageschau Meine Nachbarn mit dem dicken Hund – ein erstaunlich feinsinniges reife-Frauen-am-Rande-des-Nervenzusammenbruchs-Porträt mit Johanna Gastorf und Katharina Maria Schubert, das allerdings auch nicht so innovativ ist, um nicht gut zu den Wiederholungen der Woche überleiten zu können.
Etwa Himmel ohne Sterne (Montag, 20.15 Uhr, Arte), Helmut Käutners deutschdeutsches Grenzdrama von 1955 in angemessen schwarzweißer Tristesse und wie bei Helmut Käutner üblich: trotz Melo und Drama ohne Pathos. Direkt gefolgt von der deutschdeutschen Grenzliebeskomödie Sonnenalle von 1998 mit unterhaltsam braunbunter Leichtigkeit und wie bei Leander Haußmann üblich präzise vorm Abgrund der Klamotte. Ohne Humor, aber mit soziokultureller Bedeutung bleibt der Tatort-Tipp Mord in der Ersten Liga mit Maria Furtwängler, die am Mittwoch (22 Uhr) im SWR zwischen Hooligans und schwulen Fußballern ermittelt, was 2011 leider nicht ungewohnter war als heute.
Rikas, Golden Dawn Arkestra, Kummer
Posted: October 11, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Rikas
Wer würde nicht, Hand aufs Herz, auch gern mal die Katastrophenlage vor der Tür vergessen und sich einfach mit dem Langstreckenflieger first class auf die Bahamas verkrümeln, um – Pina Colada zur Linken, Lovetoy zur Rechten – dem karibischen Eskapismus deluxe zu frönen, statt freitags gegen die Apokalypse zu demonstrieren oder noch anstrengender: an der Siegessäule Haupverkehrsadern zu besetzen? Aber weil das natürlich nur die Dümmsten unter den Ignoranten unserer absurden Welt machen, muss man sich andere Wege zur kleinen Realitätspause suchen. Zum Beispiel die der Fluchthelfer Rikas.
Die ehemalige Schülerband aus der metabürgerlichen Feinstaubhölle Stuttgart kredenzt auf ihrem Debütalbum Showtime einen zuckrig süßen Popcocktail, der uns irgendwo zwischen Friedrich Sunlight und Paul Simon, Laid Back und Phoenix so unwiderstehlich in die Hängematte zieht, dass der PR-Slogan “Swabian Samba” Substanz erhält. Wenn wattierte Funkgitarren zu englischem Gaga-Nonsens durch die Feuchtgebiete ethnisch angedickter Strandpartysounds wehen, rutscht einem der nächste Terroranschlag kurz den Buckel runter und hinterlässt uns fröhlich sediert wie MDMA auf Sekt Mate. Tschüss Wirklichkeit, bin gleich wieder da.
Rikas – Showtime (Sony)
Golden Dawn Arkestra
Die Wirklichkeit unserer Gegenwart verabschiedet sich auch aus dem neuen Album des texanischen Golden Dawn Arkestra – wenngleich auf kantigere Art und Weise wie bei den Rikas. Für Darkness Falls on the Edge of Time hat sich das Kollektiv von bis zu 20 Musiker*inne*n aus Austin zwar ebenfalls auf Spurensuche im musikalischen Überall begeben, ist dabei jedoch weniger im Funk fündig geworden als auf dem staubigen Asphalt eines Roadmovies der späten Siebziger, das ein paar durchgeknallte Japaner scheinbar mit ein paar noch durchgeknallteren Hippies auf amerikanischen Highways eingespielt haben.
Schon die Single-Auskopplung Mama Se: Fiebrige Westernriffs tropfen über hypnotischen Chorgesang, als sei beides auf der Flucht voreinander und gleichsam auf der Jagd. Und der verschwitzte Dunst, den das Kleinorchester bei seinen viel umjubelten Live-Auftritten erzeugt, wabert auch aus der Box, wenn Allo Allo Boom im Anschluss den Postpunk der frühen Achtziger mit Bigbandpop vom Anfang dieses Jahrtausends, in die sich zwischendurch immer wieder peitschende Bläsersequenzen und afrikanische Rhythmen mischen. Nostalgie als Soundtrack des Wahnsinns. Herrlich!
Golden Dawn Arkestra – Darkness Falls on the Edge of Time (13 A Records)
Kummer
Was der deutsche HipHop braucht, um aus dem Klammergriff von gernegroß und gerneklein, Gangsta-Arroganz und Alternative-Gestus zu kommen? Die Antwort ist unterkomplex: Weniger Machismo und Autotune, mehr Bedeutung und Felix Brummer. Der – so sagt man das eben: charismatische Sänger der Chemnitzer Rockband Kraftklub hat nämlich ein Solo-Album aufgenommen, das allen Ernstes dazu geeignet ist, dem hiesigen Sprechgesang frische Luft in die diesigen Hallräume zu blasen.
Es heißt KIOX, ist angeblich zunächst nur im gleichnamigen Pop-up-Store seiner gespaltenen Heimastadt zu kriegen und von einer empathischen, selbstreflexiven, konsumkritischen, aufwühlenden Wut, mit der man wirklich noch Herzen und Hirne bewegen kann. Umringt von minimalistischen Samples, dunklen Drones, bisschen Trap, bisschen R’n’B lautet das Versprechen des Openers Nicht die Musik, “ich mach Rap wieder weich / ich mach Rap wieder traurig”. Das tut er mit vielschichtig präziser Poesie und viel Gefühl für inneren Aufruhr mit Außenwirkung.
Kummer – KIOX (Beat the Rich)
Georg Restle: Monitor, Hass & Rückgrat Teil 1
Posted: October 10, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Wehret der Normalisierung!
Nachdem er es in einem Kommentar der Tagesthemen gewagt hatte, Verbindungen der AfD ins rechtsextreme Lager anzuprangern, erhielt Georg Restle (Foto: Fulvio Zanettini/WDR) nicht nur den üblichen Shitstorm, sondern konkrete Morddrohungen. Ein zweigeteiltes Interview mit dem Leiter des ARD-Magazins Monitor über Hass im Netz und was er mit dem Journalismus unserer Zeit anstellt.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Restle, sind Sie ein ängstlicher Typ?
Georg Restle: Nein.
Nie gewesen?
Jedenfalls nicht im beruflichen Zusammenhang. Sonst hätte ich weder in Russland, geschweige denn für Monitor arbeiten können. Das schließt sich aus.
Sind Sie denn wenigstens ein vorsichtiger Typ?
Vorsichtig dort, wo es angebracht ist. In diesem Beruf gehört es ja dazu, sich jede Umgebung, in der man tätig ist, sehr genau anzuschauen, auch um mögliche Risiken minimieren zu können.
Hat sich durch die Ereignisse vom Juli, als Sie infolge eines Tagesthemen-Kommentars Morddrohungen erhalten haben, daran irgendetwas geändert?
Ängstlicher bin ich dadurch jedenfalls nicht geworden, solche Einschüchterungsversuche beeindrucken mich relativ wenig. Natürlich gibt es ein paar Sicherheitsvorkehrungen mehr. Ich achte bei öffentlichen Auftritten jetzt etwas aufmerksamer aufs Publikum und schaue mir unbekannte Personen, die sich mir nähern, etwas genauer an. Das würde ich aber eher erhöhte Aufmerksamkeit als Angst oder Vorsicht nennen.
Verändert die erhöhte Aufmerksamkeit dennoch etwas an Ihrem Leben?
Nicht spürbar. Wer wie ich seit mehr als 20 Jahren für ein Magazin wie Monitor arbeitet, hat diesbezüglich ein dickes Fell. Ich habe ja auch zuvor schon Morddrohungen erhalten und weiß aus dieser Erfahrung heraus recht gut einzuschätzen, was in den sozialen Medien blanker Unsinn ist und was ich möglicherweise ernster zu nehmen habe. Wenn ich mir jeden Hasspost zu Herzen nehmen würde, könnte ich diesen Job nicht auf Dauer machen. Deshalb nehme ich die meisten davon auch eher als Ansporn, weil es deutlich macht, dass wir dieser gesellschaftlichen Verrohung etwas entgegensetzen müssen.
Galt die Bedrohung wie bei der Frankfurter Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz im Zusammenhang mit dem NSU-Prozess denn auch Ihrer Familie?
Nein, es geht da bislang ausschließlich um meine Person. Allerdings wurde in der Vergangenheit auch die Redaktion von Monitor schon häufiger angefeindet und bedroht.
Die allerdings bei einem Magazin wie diesem, das sich politisch seit jeher meinungsstark exponiert, Anfeindungen von rechts gewohnt sein sollte…
Ach, nicht nur von rechts. Anfeindungen haben wir schon von vielen Seiten bekommen, sei es von Regierungsvertretern, von organisierten Windkraftgegnern oder aufgebrachten Landwirten. Auch wenn wir über die Menschenrechtslage in der Türkei berichten, gibt es immer wieder Hetzkampagnen aus der AKP-Gemeinde. Und wenn wir kritisch über die AfD-Vereinnahmung von Russlanddeutschen berichtet haben, gab es große Anfeindungen aus dieser Community. Allerdings haben die aktuellen Drohungen eine ganz andere Qualität.
Besteht diese Qualität in der Masse, der Wortwahl oder ihrer Glaubhaftigkeit?
Ganz sicher in der Wortwahl, aber auch in der Glaubhaftigkeit. Das sieht man schon an der Professionalität der Verschlüsselung und in der Bezugnahme auf andere Fälle. Schließlich ist bekannt, dass der Absender der jüngsten Morddrohung früher schon Kommunalpolitiker wie Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker bedroht hat…
Die kurz vor ihrer Wahl ja tatsächlich Opfer eines rechtsextremen Angriffs wurde.
Ebenso wie der Bürgermeister von Altena. Zum anderen wissen wir, dass die permanente Anheizung des politischen Klimas ihren Widerhall findet in den Echokammern gewaltbereiter Rechtsextremisten. Und das mit Folgen: Beispiele wie die Anschläge von Christchurch oder München zeigen, wie aufgeputschte Debatten in den einschlägigen Chatrooms auch Terrorakte nach sich ziehen können. Bei mir kommt hin zu, dass ich regelmäßig und sehr deutlich auch von Politikern der AfD ins Visier genommen werde, was in den Filterblasen ihrer Klientel den Eindruck verstärkt, es gäbe eine Art Widerstandsrecht gegen mich – als Vertreter eines Systems, das überwunden werden muss. Das vergrößert die Gefährdungslage in gewisser Weise. Und auch der Sound hat sich verändert.
Inwiefern?
Allgemein sowieso, da müssen Sie nur mal in meine Kommentarspalten schauen. Aber auch sehr konkret: Insofern, als in den Morddrohungen heute die zur Verfügung stehenden Waffen präzise benannt oder auch Bezüge zum Mord an Walter Lübcke hergestellt werden. Zwar wurde mir für unsere Berichterstattung schon häufiger die Pest an den Hals gewünscht, aber was da jetzt geschieht, ist auf jeden Fall abgründiger als alles bisher Dagewesene.
Sehen die Ermittlungsbehörden das genauso und ermitteln entsprechend intensiver als früher?
Weil ich in der Vergangenheit sehr zurückhaltend damit war, solche Drohungen zur Anzeige zu bringen, kann ich das für meinen Fall nicht sagen. Jetzt war es ja der WDR, der Anzeige erstattet hat und damit an die Öffentlichkeit gegangen ist. Was ich im Übrigen schon deshalb absolut richtig finde, weil dadurch öffentlich wird, wie sehr Journalisten und Journalistinnen mittlerweile ins Fadenkreuz genommen werden. Und da geht es nicht nur um mich, sondern um zahlreiche Kollegen und Kolleginnen, die seit Jahren zum Thema Rechtsextremismus recherchieren. Allgemein gesprochen habe ich allerdings nicht den Eindruck, dass die Sicherheitsbehörden die neue Dimension der Gefährdung auf dem Schirm, geschweige denn im Griff haben.
Worin besteht diese Dimension genau?
In der Radikalisierung auf mehreren Ebenen: Zunächst eine fortschreitendeGewaltbereitschaftinnerhalb der rechtsextremistischen Szene, besonders deutlich zu beobachten im Darknet, wo alle Hemmungen fallen. Dazu die Radikalisierung im politischen Raum, die sich auch durch die Verbindungen der AfD weit hinein ins rechtsextremistische Lager zeigt, wo die Grenzen zum Rechtsterrorismus zusehends verschwimmen. Ich würde mir wünschen, dass die Sicherheitsbehörden dieser neuen Entwicklung Rechnung tragen; ob das bereits ausreichend der Fall ist, sehe ich allerdings skeptisch.
Woher rührt Ihre Skepsis da?
Es macht mich schon misstrauisch, wenn Sicherheitsbehörden davon sprechen, es gäbe keine gesteigerte Gefährdung durch Todes- oder Feindeslisten, ohne dass sie Erkenntnisse darüber haben, wer sich hinter den anonymen Absendern solcher Listen überhaupt verbirgt. Dazu kommen die jüngsten Erkenntnisse über rechtsextremistische Netzwerke innerhalb der Polizei. Das ist ein nicht zu unterschätzendes Sicherheitsrisiko – auch für die Betroffenen. Wie kann ich denn darauf vertrauen, dass sicherheitsrelevante persönliche Daten hier nicht in falsche Hände geraten?
Hat sich da durch den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke nicht etwas geändert? Seither ist doch flächendeckend von einer Zäsur die Rede.
Das stimmt, dass davon die Rede ist. Ich bin zwar weit davon entfernt zu behaupten, die Sicherheitsbehörden seien insgesamt auf dem rechten Auge blind. Solange aber kein ernsthafter Aufklärungs- und Ermittlungswille gegenüber den rechten oder gar rechtsextremen Netzwerken in den eigenen Reihen erkennbar ist, bleibt die Zäsur für mich vor allem eine rhetorische.
Und woran liegt das aus Ihrer Sicht?
Darüber könnte man jetzt lange philosophieren. Am Ende aber bleibt – 20 Jahre nach dem Beginn der NSU-Mordserie – die Erkenntnis, dass Polizeiarbeit im rechtsextremistischen und -terroristischen Milieu alles andere als eine Erfolgsgeschichte ist. Insoweit bleibe ich skeptisch. Aber man soll die Hoffnung nie aufgeben. „The proof of the pudding is the eating”, wie meine Vorgängerin bei Monitor, Sonia Mikich, immer sagte – wir werden sehen.
Bleibt Ihr Pudding vorm Essen denn ein rein juristischer oder fließt die Bedrohung Ihrer Person auch in die redaktionelle Arbeit beim WDR mit ein?
Redaktionell spielt die Geschichte für uns keine Rolle, weil persönliche Betroffenheit für uns noch nie ein journalistisches Relevanz-Kriterium war. Aber selbstverständlich schauen wir ganz allgemein auch weiterhin darauf, inwieweit die Zivilgesellschaft durch solche Bedrohungen stärker unter Druck gerät und ob Sicherheitsbehörden auf diese Bedrohungslage angemessen reagieren. Das hätten wir aber auch ohne meine persönliche Betroffenheit getan. Ich bin ja nur einer von vielen, möchte also gar nicht so sehr im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Wenn die Berichterstattung über meine Geschichte durch andere Medienallerdings dazu dient, anderen Mut zu machen und sich nicht unterkriegen zu lassen, hat sie schon etwas gebracht. Denn wenn wir uns einschüchtern ließen, hätten die Angstmacherschon gewonnen. Das darf nicht sein.
Und beinhaltet das, dass WDR und Monitor ihr Publikum auch über den weiteren Verlauf der Ermittlungen auf dem Laufenden halten, die Sache also zum Gegenstand der Berichterstattung machen?
Wie gesagt: Ich habe kein Interesse daran, hier Gegenstand der Berichterstattung zu sein. Viel wichtiger finde ich es, dass Journalisten immer wieder neu darüber nachdenken, wie wir mit dem gesellschaftlichen Rechtsruck – und damit auch der AfD – umgehen. Darüber wird in den Verlagen und Redaktionen zwar schon sehr lange und sehr kontrovers diskutiert. Durch die zunehmende Radikalisierung der AfD stellt sich nun aber noch dringlicher die Frage, inwieweit wir einer Partei eine Bühne geben wollen, die von der rechtsextremistischen Szene als ihr parlamentarischer Arm betrachtet wird.
Sind die Reaktionen auf Ihren Kommentar diesbezüglich sogar eine Art Motivation für Sie – jetzt erst recht?
Ich halte Trotzreaktionen für keine gute Idee, wenn es um journalistische Berichterstattung geht. Damit würden wir Gefahr laufen, uns am Ende auf das Niveau derer zu begeben, die uns derzeit so haltlos kritisieren. Stattdessen sollten wir auch weiterhin nüchtern und klar analysieren, was am rechten Rand dieser Gesellschaft gerade passiert. Deshalb warne ich davor, Berichterstattung aus persönlichen Beweggründen in die eine oder die andere Richtung kippen zu lassen. Was wir gerade am wenigsten gebrauchen können, ist Schaum vor dem Mund.
Der Rechtsextremismus ist also noch nicht so gravierend wie die Klimakatastrophe, in deren Angesicht uns Greta Thunberg geraten hat, endlich mal in Panik zu geraten?
Was heißt „nicht gravierend“ – der Rechtsextremismus ist gravierend, ohne Frage. Aber genauso wenig, wie ich von Angst getrieben bin, halte ich Panik für einen guten Ratgeber. Dazu besteht auch kein Anlass – trotz der großen Gefahren durch den Rechtsextremismus. Noch vertraue ich auf die Abwehrmechanismen der Mehrheitsgesellschaft. Insoweit sind wir von Weimarer Verhältnissen weit entfernt. Was wir uns allerdings bewusst machen sollten: Wie fragil unsere elementaren Grundrechte sind, seien es die Menschenwürde, die Meinungs- oder die Religionsfreiheit. Und dass wir diese – gerade als öffentlich-rechtliche Journalisten – offensiver verteidigen müssen.
Fortsetzung: 17. Oktober
Das Interview ist vorab im Medienmagazin journalist erschienen
The Walking Dead: untot & unendlich
Posted: October 9, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt | Leave a comment
Fortsetzungsgemetzel
Nach insgesamt 5600 Minuten in neun Jahren geht The Walking Dead (Foto: FOX/Sky) in die zehnte Staffel. Kurz bevor Breaking Bad am Freitag mit El Camino sein nächstes Spin-off auf Netflix kriegt und auch sonst alles bis zum Erbrechen ausgelutscht wird, was Erfolg am Bildschirm hatte, wird es also Zeit für den Appell, das Zombiegemetzel endlich mal ausbluten zu lassen. Es hat sich auserzählt.
Von Jan Freitag
Da grunzen sie also wieder und beißen, vermodern sichtbar und sind als Wasserleichen noch etwas ekliger, aber irgendwie noch immer dieselben Zombies, mit denen Film und Fernsehen uns seit – ja, seit wann eigentlich die Zeit stiehlt? Wenn die Murdoch-Tochter FOX heute bei Sky die 10. Staffel The Walking Dead zeigt, dehnt sich die Comic-Adaption um acht auf 139 Episoden aus. Und wer sich den Kampf der Menschen mit Untoten, vor allem aber sich selbst ansieht, dürfte zusehends ratlos sein, warum die Serie einfach kein Ende nimmt. Nach 5600 Minuten seit 2010 haben wir die Kernaussage des Showrunners Frank Darabont nämlich verstanden, großes Bingewatcher-Ehrenwort.
Falls die Apokalypse in Gestalt lebloser Monstren ohne Mitgefühl, gar Moral über uns hereinbricht, werden wir selber zu Bestien, okay. Bestien, die gnadenlos nach Macht streben oder wenigstens der Befriedigung sadistischer Triebe. Wie in den ersten neun Staffeln wiegt uns auch Nummer 10 diesbezüglich zwar anfangs in Sicherheit: das Böse jeder Art ist besiegt, der Endzeit-Tyrann Negan geflohen, ein neuer nicht in Sicht. Da können sich die Wohlgesinnten um Carol, Michonne und Daryl scheinbar aufs Wesentliche konzentrieren. Doch wie eine Kohorte Überlebender in römischer Formation zu Trainingszwecken skelettierte Ungeheuer köpft, wird rasch deutlich: TWD, wie Fans die Serie nennen, kreist um sich selbst, je weiter sie sich von Robert Kirkmans Graphic Novel und dem Ursprung des Genres entfernt.
Als Bela Lugosis White Zombie den karibischen Voodoo-Kult 1932 leinwandtauglich machte, waren die Untoten eher melancholische Geister als hirnsüchtige Beißer. Seit den Sechzigern dann kommentierten die gefühlskalten Kannibalen der Splatter-Könige George A. Romero und Peter Jackson erstmals die konsumsedierte, technikgläubige, kriegslüsterne Klassengesellschaft, deren Mitglieder gern in Industriebrachen oder Einkaufszentren ausgeweidet wurden. Mit dem Blockbuster I am Legend oder Marvin Krens deutscher TV-Produktionen Rammbock wurde der Handlungsrahmen zwar schon im vorigen Jahrzehnt erweitert; doch erst Kirkman und Darabont schminkten die Gesellschaftskritik mit Schauwert für Horrorfans zur Menschheitskritik von relevanter Tragweite um. Zumindest fünf, sechs Staffeln lang.
Dann aber begann der Schlagabtausch Mensch vs. Monster, Zivilisation gegen Barbarei zügig zu ermüden. Das Böse wurde stetig böser, seine Gewalt selbstreferenzieller, weshalb die Guten selbst oben auf der Besetzungsliste zwar dezimiert wurden, aber ständig hoffnungsvollen Zuwachs hatten. Und genau hier zeigt sich der gehende Tod von seiner plumpsten Seite. Wenn eines im Personalkarussell nämlich sicher ist, dann dass sämtliche Frauen darin bildschön sind und gleich nach ihrer Modelkarriere in Echtzeit zu todesmutigen Marines mutieren. Dass die siedend heiße Nadia Hilker nun von der Neben- zur Hauptfigur wird, dürfte da eher weniger an ihrer Arbeit im deutschen Vorabendfernsehen zu tun haben. Effekthascherei deluxe für die Generation Men’s Health.
Klar, wenn die kleine Tochter des (ausgestiegenen) Rick wie afrikanische Kindersoldaten stoisch Untote zerhackt als seien es Moorhühner, klingt das postapokalyptische Drama noch immer nach präapokalyptischer Sozialkritik. Der Rest aber bleibt zutiefst narzisstisch – eine Wesenseigenschaft, lehrt uns das Weiße Haus tagtäglich, die wenig Raum für Besinnung bietet. Zum Spin-off Fear of the Walking Dead auf Amazon hat AMC daher für 2020 eins mit zwei Teenagern im Zentrum angekündigt. Oberfiesling Negan kriegt ebenso wie sein Ex-Gegner Rick eine Handvoll eigener Spielfilme. Und ob das Original wirklich endet, hängt von Einschaltquote ab. In den USA ist sie zwar auf weniger als ein Drittel der Topwerte in Staffel 5 abgesackt, aber angesichts der Vielfalt des Senderangebots noch immer solide. Es droht uns also die ewige Apokalypse. Herr, lass bitte kein Hirn regnen! Zumindest nicht auf Serienzombies…
Leichtathletikstille & The Laundromat
Posted: October 6, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
30. September – 6. Oktober
Und dann kam ein Moment bedrückender Stille, den nur die letzten Fernsehkameras erlebt haben. Hoch überm heruntergekühlten Stadion des Glutofens Doha betrat der Hochspringer Mutaz Essa Barshim die Siegerehrungstribüne, um seine frisch errungene Goldmedaille in Empfang nehmen – und wurde ungekrönt auf den Boden der Realität zurückgeholt: Das Stadion war sogar noch leerer als sonst bei einer Leichtathletik-WM, deren Übertragung sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen von solch sportfeindlichen Austragungsorten künftig zweimal überlegen sollte.
Wo sie aber nun mal schon in die Wüste sind, haben die ZDF-Reporter das Ganze sehr treffend als Farce bezeichnet und wie ihre ARD-Kollegen den Tonfall auch insgesamt angemessen angepisst gehalten. Kaum auszudenken, derlei Sportgroßereignisse würden wie die Olympischen Spiele wegen exorbitant steigender Übertragungspreise künftig nur noch bei den Privatsendern laufen. Denn bei denen würde kein Kommentator (Kommentatorinnen am Mikro sind dort abseits vom Fußball selten) würde auch nur ein abschätziges Wort übers eigene Werbepausenpremiumprodukt verlieren.
Rein journalistisch betrachtet, müsste man ProSiebenSat1 Media also nicht lange nachweinen, wenn sich die Gerüchte bestätigen, der frühere Dax-Konzern stecke wirtschaftlich in Schwierigkeiten. Medienpolitisch betrachtet allerdings bedeutet die Schieflage des jüngsten Platzhirsches am TV-Markt, der sich dank branchenfremder Vorstände zum Gemischtwarenladen verzettelt zu haben scheint, nichts Gutes für die Zukunft traditioneller Medien. Und das gilt umso mehr mit Blick auf das, was bei Axel Springer passiert. Der Mehrheitseigner KKR drillt den alten Pressekonzern gerade mit unerbittlich renditesüchtiger Strenge auf Wachstum und entlässt dafür nicht nur – vorerst – Hunderte von Mitarbeiter*inne*n, sondern kratzt auch an den Stammmarken Welt, gar Bild.
Die Frischwoche
7. – 13. Oktober
Aber gut, dem Qualitätsjournalismus wäre das gewiss eher förderlich als abträglich. Schließlich zeigt die Netflix-Produktion The Laundromat ab Freitag nach kurzer (oscarförderlicher) Kinoauswertung, wie wichtig seriöse Zeitungen fürs zivilisierte Miteinander sind. Steven Soderberghs brillante Aufarbeitung der Panama Papers mit Meryl Streep als resolutes Opfer der Reichenbereicherer Mossack/Fonseca, denen Gary Oldman und Antonio Banderas eine angemessen menschheitsverachtende Schmierigkeit verpassen, zeigt eindrücklich, was wachsame Medien wie die Süddeutsche Zeitung fürs Gemeinwohl leisten. Kleines Gadget am Rande: SZ-Reporter Bastian Obermayer hat einen kleinen Auftritt.
In der Fernsehunterhaltung jedoch sind es gerade eher neue Medien, die anspruchsvolles Programm bieten. Während das Erste sein Stammpublikum am Donnerstag um 20.15 Uhr abermals mit einer Krimireihe unterfordert, in der Lina Wendel als Die Füchsin eine Privatdetektivin mit Stasi-Vergangenheit spielt, und das Zweite am Sonntag ein Leipziger Quartett ins Meer der Ermittler wirft, liefern die Streamingdienste sehr viel besseres Entertainment. Netflix etwa Mittwoch mit der Castingshow Rhythm & Flow, in der HipHop-Stars wie Cardi B oder T.I. den nächsten Super-Rapper suchen. Oder zwei Tage später El Camino, ein Spielfilm-Spinoff von Breaking Bad, wo es um Walther Whites Partner Jesse Pinkman geht.
Die zehnte Staffel Walking Dead, ab heute auf Sky, hätte man sich zwar langsam mal sparen können. Nicht verpassen sollte man hingegen Prost Mortem, ab Mittwoch beim Spartenkanal 13th Street. Im Zentrum des deutsch-österreichischen Vierteilers steht Doris Kunstmann als Wirtin, die den mysteriösen Tod ihres Ehemanns dadurch aufklären will, alle Verdächtigen zum kollektiven Absturz in die eigene Kneipe einzuladen – und das ist dank des Ensembles von Janina Fautz bis Simon Schwarz mit viel schwarzem Humor in zwei Doppelfolgen echt sehenswert. Wenngleich auf andere Art als die Wiederholungen der Woche.
Bei denen nämlich ist Fritz Langs schwarzweißes Spätwerk Lebensgier, mit dem Fritz Lang Emile Zolas Roman Der Totschläger 1954 aus Frankreich in die USA verlegt hatte, wo Glenn Ford heute (21.45 Uhr) auf Arte zwischen die Fronten eines verfeindeten Ehepaars gerät. Zwischen ganz andere Fronten geraten Quentin Tarantinos Inglorious Basterds 15 Minuten später auf Nitro von 2009. Und der Tatort dieser Woche heißt Mein Revier (Donnerstag. 20.15 Uhr, WDR). Der zweite Fall vom misanthropischen Kommissar Faber (Jörg Hartmann) spielte 2012 im Dortmunder Zuhältermilieu.
O.T.T.O., Velvet Volume, D I I V
Posted: October 4, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
O.T.T.O.
Kennt noch irgendwer Franz Lambert? Mehr als 100 Platten hat er in mittlerweile 50 Jahren eingespielt, und jede davon ist ein kleines Wundwerk wortloser Redseligkeit. Legendar, wie der Hesse allein mit sich und seiner Hammondorgel Klangteppiche wob, die zu mit dem Publikum zu sprechen scheinen. Ebenso legendär ist es allerdings, wie biedermeierblöde sie dabei meist klangen. Als Messlatte für gediegen verstiegenen Instrumentalpop taugt Franz Lambert also nur bedingt. Es sei denn, er rührt noch The Alan Parsons Project mit einer Prise Air unter.
Dann nämlich klingt der Sound verstaubter Heimmorgeln mit Synthybegleitung, die unwesentlich jünger sind als Franz Lamberts Karriere, ungefähr wie das Over The Top Orchestra, kurz: O.T.T.O. Denn auf ihrem elektrisierend pulsierenden Debütalbum gleichen Namens zaubern die zwei süddeutschen Nostalgiker Alexander Arpeggio und Cid Hohner Soundgespinste aus dem Vintagepark, der schwer nach klassischer Retromusik aus der Zukunft klingt oder noch treffender: dem Soundtrack eines SciFi-B-Movies der Siebziger, zu dem sich 2019 famos swingen lässt.
O.T.T.O. – Over The Top Orchestra (bureau-b)
Velvet Volume
Von den drei Schwestern Velvet Volume gibt es dagegen von Anfang an ziemlich aufs Mett. Und das auf eine Art, die zwar ebenso wie O.T.T.O. sehr nostalgisch klingt, aber doch zwei, drei Jahrzehnte jünger. Schließlich wurzelt das Debütalbum des dänischen Trios spürbar in den Neunzigern, als Postpunk mit Grunge zu einer rabiaten Form des Alternative-Rock verschwammen, den die Riot Grrrls jener Tage um viel feministische Sozialkritik erweitert haben.
Die Special Edition von Look Look Look! inklusive zweier Bonustracks ist zwar etwas weniger politisch als ihre Vorfahrinnen von Sleater-Kinney bis Team Dresch; ihr Furor allerdings klingt ebenso virtuos wütend. Dass sich Velvet Volume dank der bauchgrummelnd verzerrten Gitarre von Sängerin Noa zu Natajas grungig verzögerten Drums spielend an den Bühnenmackern jener Tage messen lassen können, ist da schon keiner Erwähnung mehr wert. Ein virtuos ruppiges Hardcore-Album.
Velvet Volume – Look Look Look! (Network Music)
D I I V
Gleiches Zeitalter, ähnlicher Ansatz, nur von männlicher Seite: Auf ihrem mittlerweile dritten Longplayer mischen die Kalifornier D I I V flächig aufgerauten Rock mit Engelsstimmen und taugen damit exakt so zur Verstörung tradierter Stereotypen von Geschlecht und Zuschreibung wie Velvet Volume, nur halt mit mutiertem Chromosmensatz. Im Geschredder zweier Gitarren erinnert Zachary Cole Smiths Gesang schwer an Teenage Fanclub. Doch mit Referenzen allein ist D I I V nicht ausreichend beschrieben.
Dafür verschwimmen die zehn monochromen Tracks von Deceiver zu oft im Durcheinander dissonanter Töne, die bisweilen einfach nicht recht zueinander passen wollen und gerade dadurch oft hypnotische Kraft entfalten. In Stücken wie Lorelei oder Blankenship driftet der Sound dann manchmal fast ins Noisige ab, bis die Saiten schreien. Alles in allem ein Album von schiefer Geradlinigkeit, die gleichermaßen mitreißt und sediert.
D I I V – Deceiver (Cargo Records)
Extra-Ausgaben & Wende-Zeiten
Posted: September 30, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
23. – 29. September
Wenn die in den USA die Emmy Awards verteilt werden, ereignet sich seit 2012 das immer gleiche Spiel: Ein paar nominierte Serien und Filme aus dem englischsprachigen Raum werden für gefühlt ein paar Tausend Preise vom Hauptdarsteller bis zum künstlerischen Anspruch nominiert und am Ende gewinnt – Game of Thrones fast alles alleine. Weil das selbst bei den vergangenen drei, vier Staffeln, die das Niveau der vorherigen deutlich unterschreiten, so war, hätte es also auch am 22. September Hauptpreise hageln müssen. Tat es natürlich auch. Nur nicht so vollumfänglich wie zuletzt.
Von 32 möglichen Emmys räumte GoT also immerhin zwölf ab und war damit am erfolgreichsten. Die Konkurrenz von Chernobyl (10) über The Marvelous Mrs. Maisel (8) bis hin zu Fleabag (6) war dem Krösus allerdings dicht auf den Fersen. Das wirft die Frage auf, wer wohl nächstes Jahr abräumen wird, aber auch, warum grandiose Serien wie Bodyguard, Sharp Objects komplett leer ausgegangen sind und all die herausragenden Formate aus dem skandinavischen, französischen und dank Bad Banks diesmal ja auch deutschen Sprachraum weiterhin an der Katzentisch der International Emmys abgeschoben werden. In der globalisierten Fernsehwelt ist diese Trennung schließlich ebenso überkommen wie, sagen wir: ein klassisches Charterurlaubsunternehmen der Marke Thomas Cook
Dass es angesichts der Buchungsmöglichkeiten im Internet oder – noch viel virulenter – dem Klimawandel überhaupt noch Touristen zum Strandrösten in alle Welt geflogen hat, war demnach völlig anachronistisch. Für sämtliche Medien bis hin zur seriösen Tagesschau aber kein Grund, nicht in Extra-Ausgaben darüber zu berichten. Freilich meist ohne jeden Hinweis darauf, wie das Prinzip Bummsbomber nach Bangkok die Zukunft dieses Planeten verspielt. Da zeigt sich: Selbst noch so kritischen Medien ist ein Arbeitsplatz am Ende tausendmal mehr wert als das Menschheitsthema Klimakrise.
Die Frischwoche
30. September – 6. Oktober
Das übrigens wird nicht nur am Bildschirm, aber besonders dort derzeit von zwei anderen Sujets aus der Primetime verdrängt: Sport und Wende. Während ARD und ZDF seit Freitag bis tief in die Nacht über die Leichtathletik-WM aus Doha berichten, wo angesichts der sengenden Hitze vor gemietetem Publikum alles Mögliche, aber gewiss keine Leichtathletik-WM stattfinden sollte, begeht das Fernsehen praktisch rund um die Uhr den 30. Jahrestag des Mauerfalls.
Obwohl die Privatsender kaum Sendezeit dafür verschwenden, dem Ereignis auch nur nebenbei zu gedenken, würde es an dieser Stelle zu weit gehen, alles aufzuzählen, was dazu öffentlich-rechtlich 24/7 läuft. Von daher nur eine kleine, vorwiegend fiktionale Auswahl: Mit Andreas Kleinerts eindringlicher Rückblende Palast der Gespenster und Werner Herzogs britischen Filmporträt Gorbatschow liefert wie üblich Arte am Dienstag ab 20.15 Uhr die dokumentarischen Highlights. Das Erste dagegen zeigt am Mittwoch mit Wendezeit einen deutsch-deutscher Doppelagenten-Thriller mit Petra Schmidt-Schaller in der Hauptrolle, während das ZDF tags drauf um 22 Uhr Matti Geschonneks Adaption von Eugen Ruges Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts mit Bruno Ganz als überzeugtem SED-Kader, dessen Sohn politisch unverhofft aus der Art schlägt.
Parallel dazu wiederholt 3sat erst beide Teile von Uwe Tellkamps Der Turm – die man angesichts des harten Rechtsrucks ihres Verfassers sieben Jahre später sicher mit anderen Augen sieht. Und Donnerstag laufen an gleicher Stelle alle drei Folgen Der gleiche Himmel von 2017 mit Tom Schilling als Romeo-Agent nacheinander. Großes, opulentes, topbesetztes und durchaus relevantes Geschichtsfernsehen made in germany, das bereits auf die Wiederholungen der Woche hindeutet. Zuvor aber noch drei aktuelle Tipps.
Seit kurzem glänzt Katrin Bauerfeind in Frau Jordan stellt gleich auf Joyn angenehm staubig als Gleichstellungsbeauftragte eines mittelständischen Unternehmens. Heute zeigt Arte (22.10 Uhr) Philippe Garrels schwarzweiße Hommage an den französischen Film Noir Liebhaber für einen Tag mit seiner eigenen Tochter in einer Dreiecksbeziehung zwischen ihrem Filmvater und dessen Filmfreundin. Ab morgen moderiert Jessy Wellmer um 23 Uhr gemeinsam mit ihrer Kollegin Eva-Maria Lemke den neuen ARD-Talk Hier spricht Berlin. Freitag bis Samstag zeigt Neo ab 22 Uhr jeweils vier Teile der zweiten Staffel des dänischen Politthrillers Countdown Copenhagen. Und hier ist dann älteres Zeug zur guten Unterhaltung.
Montag um 0:00 Uhr (HR): Vertigo – Aus dem Reich der Toten, Hitchcocks Meisterwerk von 1958 mit James Stewart, der sich Kim Novak nach dem Ebenbild seiner verstorbenen Frau gestaltet und dabei in einen psychedelischen Strudel. Auch schon wieder 28 Jahre alt: Schtonk, (Mittwoch, 22 Uhr, Nitro), Helmut Dietls sensationelle Verballhornung der Hitler-Tagebücher von 1991 mit nahezu allem, was das Fernsehen seinerzeit an Stars aufzubieten hatte. Und unser Tatort-Tipp heißt diesmal Der tiefe Schlaf (Montag, 21.45 Uhr, HR) mit Fabian Hinrichs im einmaligen Intermezzo als Assistent von Batic und Leitmayr.
Moon Duo, Stefanie Schrank
Posted: September 27, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Moon Duo
Und wenn das Leben da draußen mal wieder ruckelt und rumpelt, wenn die Welt aus den Fugen und alles durcheinander geraten ist, wenn Katastrophe auf Katastrophe folgt, von der jede für sich schon alles umzustürzen droht, was gewohnt und lieb gewonnen schien – dann hilft es womöglich, sich in ein abgelegenes Flussbett zu legen, gen Himmel zu blicken und vom Wasser umspült der Seele zuzuhören, ob darin noch ein wenig Platz für Besinnung ist. Falls allerdings gerade kein Fluss zur Hand ist: einfach in den Sessel setzen, zurücklehnen und das neue Album vom Moon Duo hören.
Zum siebten Mal nämlich hat die Psychoanalytikerin Sanae Yamada aus Portland mit Ripley Johnson aus Tönen Flüsse gemacht und aus Geräuschen eine Art von Rhythmus, der dank flächiger Synths und krautiger Gitarren zum hintergründig verwehenden Gesang eher nach Studio als Natur klingt. Zugleich ist er jedoch von einer beschwingt organischen Tiefe, als würden Pink Floyd in einer Waldhütte 70s-Funk interpretieren. Sicher – für den urbanen Zeitgeist klingt Stars Are The Light nicht nur vom Titel her arg esoterisch; dieses Gefühl kontern die acht percussionumschmeichelten Tracks aber mit viel Groove im Ethnopop. Fließpop deluxe.
Moon Duo – Stars Are The Light (Cargo)
Stefanie Schrank
Nicht erst seit Jennifer Rostock wissen Fans von geschmeidigem Indiepop mit politisch korrekter Attitüde: ein bescheuerter Bandname schützt nicht vor kluger Musik. Wenn die Bassistin Stefanie Schrank nun also aus dem Schatten der Kölner Kapelle Locas in Love an den Bühnenrand tritt, mag man erstmal kurz aufstöhnen vor diesem kollektivvergessenen Alleingang. Dann allerdings fliegt ein elektroalternatives Geplucker und Gesummse aus der Box, über das sich Stefanie Schrank als “Mutter von Luke Skywalker und Vater von Norman Bates” vorstellt, und ihr Debütalbum Unter der Haut eine überhitzte Fabrik kriegt sofort spürbar Gewicht.
“Don’t take the money / es ist nicht, was du brauchst / don’t go for the gold / bleib lieber zu Haus” singt sie mit butterweich kratzender Kneipengesprächsstimme in Nothing is Lost, bezeichnet sich sodann schon mal als Katze von Jesus – und die verspielte Welt durcheinanderwirbelnder Sounds und Samples erzeugt sogar dann eigensinnigen Wohlklang, wenn dazu plötzlich ein Saxofon-Solo übers geschmeidige Chaos poltert. Mithilfe des Düsseldorfer Synthiebastlers Lucas Croon von Stabil Elite hat Stefanie S. damit ein Stück der Neunziger in die Gegenwart geholt, ohne damit nostalgisch oder selbstreferenziell zu wirken. Ein Debüt von kunstvoller Eleganz.
Stefanie Schrank – Unter der Haut eine überhitzte Fabrik (staatsakt)
Interviewabbruch & Höllentalflucht
Posted: September 23, 2019 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
16. – 22. September
Einst Wolfgang Bosbach, zuletzt Rainhard Grindel, zwischendurch Alice Weidel und jetzt ihr Standartenführer Bernhardiner Höcke – scheinempört Interviews abzubrechen ist nicht ungewöhnlich, aber weiterhin der Rede wert. Den Abbruch allerdings mit der offenen Drohung ans ZDF zu beenden, das werde nach der Machtergreifung Konsequenzen haben, war ebenso neu wie Gerhard Schröders Move, ein Gespräch mit RTL abzubrechen, weil ihm der Gossipsender eine – huch! – Gossipfrage – „also, jetzt ist Schluss!“ – gestellt hatte.
Immerhin ist der Altkanzler etwas zu alt, um noch politisch echt folgenschwer zu drohen. Obwohl – er könnte ja den Einmarsch der Roten Armee seines Kumpels Putin veranlassen. Ist also trotzdem Vorsicht geboten bei arschgefickten Drecksfotzenpolitiker wie – nein, das geht jetzt sogar weiter als der Postillion erlaubt. Obwohl. Nein. Ist aus Sicht des Berliner Amtsgerichts ja völlig okay, Staatsmänner aufs Übelste zu beschimpfen. Oder gilt das am Ende vielleicht doch nur für Staatsfrauen wie Renate Künast?
Jan Böhmermann fiele dazu jetzt gewiss etwas ungemein Kluges, Böses, Beißendes ein. Zumindest bis Dezember. Dann nämlich geht sein Neo Magazin Royale in eine neunmonatige Zwangspause, um auf den Wechsel ins Hauptprogramm des ZDF vorbereitet zu werden. Vermutlich ja, um dann endlich das außergewöhnliche Niveau von Carmen Nebel zu erreichen oder dem Fernsehgarten oder den fortwährenden, endlosen, selbstgenügsamen Sportübertragungen. Obwohl – damit es ab 2014 womöglich vorbei, wenn die Telekom gehörige Teile der Fußball-EM überträgt. Angesichts der Schlichtheit des öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsfernsehens ist es erstaunlich, dass dort immer noch Entertainment wie Bad Banks entsteht, die gerade für den International Emmy Award (nicht zu verwechseln mit den Emmys, von denen Game of Thrones gestern abermals ein paar mehr abgeräumt hat) nominiert wurde.
Die Frischwoche
23. – 29. September
Andererseits dominiert im deutschen Unterhaltungsfunk immer noch, was das ZDF heute Abend ohne den geringsten Anflug von Ironie Flucht durchs Höllental betitelt. Zur Primetime tut Bergdoktor Hans Sigl darin, was Hans Sigl besser mal bleiben ließe: er simuliert Actionkino auf Vorabendniveau, was in etwa so glaubhaft ist, wie die mittlere Explosionen auf Cobra 11. Wäre das ZDF mutig, würde es auf diesem Sendeplatz die 90minütige Doku Hambi über den Kampf um den Hambacher Wald bringen, aber das läuft natürlich erst um Mitternacht.
Gleiches gilt für die nette, aber am Ende doch harmlose Provinzkomödie Gloria, die schönste Kuh meiner Schwester. Dagmar Manzel kriegt darin am Freitag zur besten Sendezeit im Ersten als kämpferische Bäuerin Dauerbesuch von ihrem Bruder (Axel Prahl) und kämpft mit ihm gemeinsam um Anerkennung, Liebe, Zukunft in einem Osten, der erstaunlicherweise ganz ohne AfD auskommt. Hintergründige Belanglosigkeit – immer noch besser als Nachts baden. Maria Furtwängler äfft darin am ARD-Mittwoch einen Ex-Popstar auf Sinnsuche mit so viel Anglizismen nach, dass man die Verantwortlichen zur Strafe ein Jahr in der Praxis Dr. Kleist kasernieren sollte.
Authentischer macht es Netflix. Ab Freitag beleuchtet Skylines dort das Geschäft mit dem HipHop am Schauplatz Frankfurt mit Schauspielern statt Rappern in den Hauptrollen. Relevant und unterhaltsam. Wie an gleicher Stelle The Politician mit Ben Platt als Elitenzögling, der auf seinem lang geplanten Weg ins Weiße Haus zunächst mal die High School regieren will – eine Art Coming of House of Cards mit Stars wie Gwyneth Paltrow oder Jessica Lang. Und 80 Jahre nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs macht die BBC daraus eine Dramaserie. Hierzulande ist World on Fire ab Sonntag auf TVNow zu sehen. All sowas bespricht künftig am letzten Freitag des Monats um 21 Uhr die Talkshow Seriös auf One. Zum Auftakt dieser Serienversion vom Literarischen Quartett diskutieren Ralf Husmann, Annette Hess und Kurt Krömer mit Moderatorin Annie Hoffmann über Formate wie The End of the F…ing World oder Der Pass.
Dienstag zuvor enthüllt der französische Filmemacher Jérôme Sesquin aber noch um 20.15 Uhr, wie Katar mit Millionen für Europas Islam den Religionskrieg anheizt. Und weil das Gebot der Ausgewogenheit gilt, zeigt Arte im Anschluss, wie die schiitische Hisbollah im Libanon an Macht gewinnt. Die Wiederholungen der Woche sind dagegen artifizieller: Der HR zeigt Montag um Mitternacht Alfred Hitchcocks brillanter Frühversuch, Frauen wie Tippi Hedren als Safeknackerin Marnie mit anderen Filmeigenschaften als Häuslichkeit und Liebreiz auszustatten, während Stanley Kubricks Antikriegsdrama Full Metal Jacket (Mittwoch, 20.15 Uhr, K1) von 1987 fast schon zu real um wahr zu sein ist.