Fontaines D.C., Chemical Brothers

Fontaines D.C.

Ob Punk’s so rein popkulturell musikalisch betrachtet wirklich dead is, ist schon längst keine rein quantitative Fragen des physischen Überlebens einer antiquierten Stilrichtung mehr, sondern eine eher eine qualitative der Definition. So unterhaltsam, ausgefuchst und rüde zeitgenössischer Hardcore oftmals sein mag – mit dem Label Punkrock, der ihm oft übergestülpt wird, hat er in der Regel wenig zu tun. Dafür ist er schlichtweg oft zu virtuos. Im Grunde gilt das auch für Fountaines D.C., die fünf Dubliner haben jedoch etwas, das andere nicht haben: Grian Chatten.

Der Sänger und Songwriter des Quintetts aus dem Arbeiterviertel The Liberties legt ein so wunderbar monochromes Nölen übers Debütalbum Dogrel, dass die elf Stücke scheinbar alle gleich klingen – gleich angepisst, gleich gelangweilt, gleich aufmüpfig. Durchs Gitarrengeschredder von Conor Curley und Carlos O’Connell zu Tom Colls geradlinigen Tempodrums wirken die Kommentare auf Gentrifizierung, Katholizismus, Bigotterie und den Versuch, in diesem Meer der Ignoranz zu schwimmen, allerdings wie Schnappatemübungen des Durchhaltevermögens. Endlich ein Punkrock, der diese Bezeichnung verdient.

Fontaines D.C. – Dogrel (Partisan Records)

Hype der Woche

Chemical Brothers

Sie sind noch da, unverwüstlich, unverdrossen energisch, einfach nicht totzukriegen: The Chemical Brothers. Dabei hatte ihr technoider Breakbeat-Hardcore die eurodancesedierte Welt bereits Mitte der Neunziger so brachial tanzbar auf kommende Verwerfungen vorbereitet, dass die Twin Towers scheinbar im Sound der Block Rockin’ Beats eingestürzt sind. Heute nun erscheint ihr neuntes Album, und wie einst auf Exit Planet Dust oder Dig Your Own Hole entfachen Stücke von Gravity Drops bis Mad As Hell bereits im Titel das Feuer früherer Tage. Die Tonlage legt aber doch eher Eve of Destruction fest. Der Opener überzieht den gewohnten Drum’n’Bass mit einem Schmelz von fast housiger Lässigkeit und auch sonst schalten Tom Rowlands und Ed Simons auf No Geography (Universal) zwei Gänge zurück auf Big Beat mit vielfach fast melodischer Tiefenschärfe. Trotzdem bleibt auch das siebte Nummer-1-Album in spe die Antwort der Disco aufs Chaos vor der Clubtür: tanzt die Katastrophe einfach weg! Für ein paar Stunden wirkt das bestens.


G. Rubenbauer: Lebenswerk & Reporterpreis

Das Zumüllen mit Zahlen nervt

Ehrungen fürs Lebenswerk fühlen sich oft nach Ende an. Weil Gerd Rubenbauer (Foto: firo sportphoto/Augenklick) schon zehn Jahre im Ruhestand ist, nahm er den Sportjournalistenpreis zuletzt in Hamburg jedoch gelassen zur Kenntnis. Ein Interview mit dem Münchner Veteranen des Fernsehsport (vorab auf DWDL) über alte Hasen und junge Hüpfer, die Liebe zum Radio und den Hass auf Statistik.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Rubenbauer, Sie haben 40 Jahre das Sportgeschehen in aller Welt kommentiert.

Gerd Rubenbauer: Das kommt hin.

Und im Anschluss die vergangenen zehn Jahre zumindest aufmerksam beobachtet.

Eine ziemlich lange Zeit.

Was machen Sportberichterstatter im Fernsehen heute anders als zu Ihrer Zeit?

Ach, es hat früher schon solche und solche gegeben und gibt heute solche und solche. Interessanterweise kann ich meinen Beruf aber jetzt viel besser beurteilen als in meiner aktiven Zeit. Wenn ich vor zehn Jahren über Olympische Spiele berichtet habe, kriegte ich mit viel Mühe ein wenig von anderen Kernsportarten mit, war aber ansonsten auf das fixiert, worüber ich berichte. So gefangen wie damals in meiner Disziplin bin ich heute zum Glück nicht mehr.

Mit welcher Folge?

Alles zu sehen, was öffentlich-rechtlich, privat oder kostenpflichtig gezeigt wird. Ich bin vom eingeengt begeisterten Kommentator zum uneingeschränkt begeisterten Zuschauer geworden. Wenn ich sehe, wie das Produkt Fußball von Sky inszeniert oder wie man in unserer Sprache sagt: verkauft wird, ist das super.

Gilt das für alle Sportarten?

Leider nein. Wer wie Sky Geld verdienen muss, interessiert sich naturgemäß stärker für Fußball, während das olympische Gesamtpaketweiter bei ARD, ZDF und Eurosport landet. Wer wie ich dort hineingeboren wurde, hat sich daher nie nur als Fußballreporter verstanden. Wir waren Sportreporter. Alle. Diese Breite vermisse ich heute manchmal bei den Jüngeren. Was aber noch einen anderen Grund hat.

Welchen?

Die Ausbildung. Aus meiner Sicht sollte jeder Fernsehsportreporter beim Radio begonnen haben, es ist das Nonplusultra. Nichts schult die Augen besser als fürs Hören zu kommentieren. Du musst in Windeseile aus Worten Bilder machen, die alle auch ohne selbst zu sehen verstehen. Deshalb habe ich mich mein Leben lang immer am meisten über die Reaktionen von Blinden gefreut, denen ich das Spiel ohne überflüssige Sprüche, nur dank präziser Beschreibungen nähergebracht habe.

Aber sind am Bildschirm nicht eher Sprüche als Beschreibungen gefragt?

Absolut. Umso mehr stört es mich senderübergreifend, wenn mir als Zuschauer das erklärt wird, was ohnehin zu sehen ist.

Aber genau das tun jüngere Kollegen doch, indem sie das reine Beschreiben von Spielzügen durch Emotionen ersetzen.

Das war zu meiner Zeit nicht anders, ich habe mich auch dank meines süddeutschen Naturells emotional anstecken lassen und wurde für meine Begeisterung nicht selten kritisiert.

Aber es gab doch auch Kommentatoren, die in sonorem Tonfall geschildert haben, wer gerade wem den Ball zuspielt, und wenn ein Tor fiel, klang das wie ein Amtsvermerk.

Da haben Sie Recht, aber nochmals: es gibt und gab solche wie solche. So gesehen hat sich im Grunde nur eins an meinem Beruf grundlegend verändert, und ich beklage das sehr: ein Übermaß an Statistik. Dieses Zumüllen mit Zahlen nervt mich unglaublich, manchmal mitten im Spielzug. Furchtbar!

Ist das auch Geschmackssache?

Nein, das Publikum teilt zu großen Teilen diese Kritik, das weiß ich aus vielen Reaktionen. Fragen Sie mal, wer sich am Tag nach dem Spiel an Statistiken erinnert und wer an Analysen? Ich kenne niemanden, der ersteres im Gedächtnis behält. Interessiert abgesehen von seltenen Ausnahmen halt kein Schwein.

Aber welche Motivation steckt denn aus Ihrer Sicht hinter dieser Zahlenwut?

Vielleicht der Wunsch, als besonders fachkundig zu gelten. Aber das kommt kaum mal rüber. Ich wünsche mir da den Mut, das Live-Erlebnis plastisch zu machen. Ein guter Kommentator muss engagiert, kompetent und emotional sein, aber auch so kritisch, dass er sein Temperament zügelt, sobald es der Wettkampf nicht wert ist.

Dummerweise würde das bedeuten, dass man im Milliardengeschäft Profisport sein teuer bezahltes Produkt schlechtredet…

In der Tat, das ist ein echtes Problem. Ich war früher ja genauso gefährdet, in die eine oder die andere Richtung zu überspannen. Trotzdem denke ich, dass man zwar auch zu euphorisch sein kann, aber zu kritisch, geht den Zuschauern mehr auf die Nerven.

Parteilichkeit ist also erlaubt?

In der Bundesliga auf keinen Fall, und auch bei einem Länderspiel sollte die Bewertung sachlich bleiben. Trotzdem darf und soll man seine Freude über ein gutes Spiel der eigenen Mannschaft zeigen. Wichtig ist, dass die Gratwanderung zwischen eigener Zuneigung und objektiver Einschätzung gelingt.

Ist Ihnen diese Objektivität je komplett flöten gegangen?

Ja, aber es ist dann meist gelungen, mir innerlich auf die Zunge zu beißen. Beim WM-Finale in Italien 1990 habe ich 90 Minuten lang gedacht, wenn die Argentinier, die meist nur durch Fouls aufgefallen sind, jetzt durch irgend so einen Glückstreffer gewinnen, beiß ich mir, pardon, in den Arsch. Aus Angst vor solcher Ungerechtigkeit macht man das Spiel vielleicht hier und da etwas besser, als es tatsächlich ist, das hat es gewiss gegeben. Aber auch als Reporter fiebert man mit, ist doch logisch.

Hören Sie sich manchmal alte Rubenbauer-Kommentare an?

Höchstens zufällig.

Und sagen Sie dann tendenziell, gut gemacht oder um Gottes Willen?

Teils, teils. Wie jeder Mensch, der sich in früherer Vergangenheit sieht. Aber selbst, wenn etwas misslungen war: Der Zuschauer verzeiht dir einiges, sofern du mit Herz, Hirn, Sachverstand dabei warst.

Wie lautet da denn der Ratschlag des alten Hasen an junge Hüpfer, objektive Euphorie nicht in kritikloses Hochjubeln abgleiten zu lassen?

Genau über dieses Abgleiten nicht nachzudenken, also freien Lauf lassen. Je mehr Erfahrung man gerade im Alter hat, desto natürlicher klingt es dann.

Kann man sich nach 50 Jahren intensiver Sportbeschäftigung eigentlich einfach vor den Fernseher setzen und das Ereignis genießen oder beginnt man da automatisch Inszenierung, Technik, Kollegen zu bewerten?

In keiner Weise, denn erstens weiß ich, wie schwer der Job für alle ist, und finde zweitens, dass ihn die meisten wirklich gut machen.

Gibt es jemanden von den jüngeren, den Sie besonders wertschätzen?

Natürlich, etliche. Einige davon habe ich ja selbst als Coach geschult, aber ich werde den Teufel tun, einzelne herauszuheben.

Sie selbst erhalten in ein paar Stunden den Sportjournalistenpreis fürs Lebenswerk. Fühlt man sich da wirklich geehrt oder auch ein wenig beerdigt?

Ich fühle mich durchaus geehrt, aber mein großartiger Kollege Harry Valérien hat mal zu mir gesagt, Bursch, wennst Preise fürs Lebenswerk kriegst, weißt du, jetzt geht’s nimmer lang. Da fragst du dich schon: nutzen sie da nur die Chance, bevor du geistig und körperlich gebrechlich wirst, oder meinen die das ernst? Andererseits ist so ein Preis auch Anlass, diese 40 Jahre in dem Beruf mal Revue passieren zu lassen. Die meisten davon fand ich ja schon faszinierend und viele Momente unvergesslich.

Zum Beispiel?

Ach, da gab es so viele. Als ich den Abfahrer Franz Klammer mal heulend in der Wachshütte getroffen habe oder erlebt, wie aggressiv, aufbrausend, jähzornig Franz Beckenbauer bei seiner ersten WM als Trainer 1986 zu Journalisten war und wie gelassen, umgänglich, nett vier Jahre später beim Sieg in Italien. Das bleibt ebenso haften wie die wunderbaren Winterspiele von Lillehammer 1994, als die Olympische Bewegung zum vielleicht letzten Mal für Sportler, Publikum und Journalisten ganz bei sich selbst war.

Haben Sie Hoffnung, dass sich das nochmals wiederholen kann?

Ich bin da eher skeptisch.


Sturm der Liebe & Schwarzwaldniveau

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. April

Wer je bei Galileo miterleben musste, wie ProSieben-Moderator Aiman Abdallah gewissenlose Sauereien wie Billigfernflüge oder Wintererdbeeren als good news gepriesen hat, müsste zwar vorsichtig sein, wenn es gute Nachrichten im leichten Fach gibt, aber diese hier sind echt bemerkenswert: Das ZDF stellt nach 109 Folgen in 14 Jahren Der Kriminalist ein und die Jugendabteilung Neo nach 6.042.924 Folgen in 140 Jahren Inspector Barneby. Das Erste dagegen kippt bedenkenlos den soziokulturell bedeutsamen Dauerbrenner Lindenstraße vom Sender, gibt aber 400 neue Folgen Rote Rosen und Sturm der Liebe in Auftrag, was ungefähr so deprimierend ist wie die Tatsache, dass der Bauer-Verlag ein Rätselmagazin namens PILAWA mit richtig großen Buchstaben herausbringt.

Aber all dies wäre kaum der Rede wert, hätte sich das Massenfernsehen nicht so willenlos der Lächerlichkeit preisgegeben, als es Greta Thunberg zuvor eine Goldene Kamera für Klimaschutz verliehen hat. Klingt nobel. Doch wie die Schülerin der anwesenden Filmbranche auf dem Podium eigenes Versagen vorwarf und dafür aasigen Applaus erntete, wie sie das Ende fossiler Vergeudung auch im Showbiz forderte und später zusehen musste, wie – kein Witz – ein SUV als Goodie verschenkt wurde, wie sich die ganze Veranstaltung somit in zynischem Irrsinn auflöste, das brachte die Verlogenheit der vielfliegenden, designtragenden, ressourcenintensiven Branche gut auf den Punkt.

Vielleicht ist es da doch keine so schlechte Idee, dass Facebook den Platzhirschen mit der angekündigten Eröffnung eines Nachrichtenkanals weiter Dampf macht. Von den Privatsendern ist diesbezüglich weniger zu erwarten; schon, weil die sich lieber mit Streamingportalen messen wollen, wie der neue RTL-Chef Thomas Rabe nach dem angeblich freiwilligen Rückzug von Gruppen-CEO Bert Habets – als erste Amtshandlung verkünden ließ.

Die Frischwoche

8. – 14. April

Ob das was nützt, wenn selbst schwedische Netflix-Eigenproduktionen wie das sechsteilige Amoklauf-Psychogramm Quicksand ganz ohne Nordic Noir-Sterotypen fesseln oder die amerikanische Dramedy Ein besonderes Leben ab Freitag einen schwulen Behinderten jenseits aller Klischees zur Hauptfigur macht? Im ZDF läuft dagegen ein Zweiteiler mit – steht zu befürchten: Reihenpotenzial. Vor lauter Suspense heißt er Schwarzwaldkrimi und schafft es Montag plus Mittwoch, selbst gute Schauspielerinnen wie Jessica Schwarz dank des bescheuerten Drehbuchs auf Seifenoperniveau zu drücken.

Parallel dazu gelingt es Sat1 heute um 20.15 Uhr unverhofft gehaltvoll, die weit weniger begabte Sonja Gerhardt als Staatsanwältin im Justizdrama Ein ganz normaler Tag gegen jugendliche Gewaltkriminalität kämpfen zu lassen. Und wo wir vorhin schon kurz beim Thema Nordic Noir waren: Das schwedische Gesellschaftsdrama Stockholm Requiem spielt am Sonntag (22.15 Uhr, ZDF) im jüdischen Viertel der Hauptstadt und ist nicht nur sehr dicht, sondern unter Lisa Ohlins Regie sehr weiblich inszeniert, ohne von Liebe, Lifestyle, Trallala zu handeln.

Doch was immer die Woche von Ranga Yogeshwars extrem lehrreicher KI-Reportage Der große Umbruch (Montag, 22.45 Uhr, ARD) über Shahak Shapiras achtteilige Stand-up-Premiere Shapira Shapira (Dienstag, 23.15 Uhr, Neo) und Joachim Gaucks Spurensuche 30 Jahre Mauerfall drei Stunden zuvor im ZDF bis hin zum mehrtägigen Arte-Schwerpunkt zur HipHop-Kultur ab Freitag, 21.45 Uhr, mit der US-Doku Rize und N.E.R.D. in Concert prägt: es steht im Schatten von – nein, nicht Mario Barth, der Mittwoch auf RTL diesmal unter anderem Jürgen Vogel und Dieter Nuhr dazu bringt, ihre Seele an den populistischen Brachialkomiker zu verlieren; alles spitzt sich auf Game of Thrones zu, dessen letzte Staffel von Sonntag um drei Uhr an scheibchenweise auf Sky verabreicht wird.

Gegen das Finale der erfolgreichsten Serie von heute verblassen sogar die Wiederholungen der Woche wie die erfolgreichste Serie der Neunziger Bay Watch, deren 243 Folgen ab Mittwoch um 15.55 Uhr mit 350 neuen Songs bei Nitro laufen. Oder Franics Ford Coppolas Director’s Cut von Apocalypse Now Redux, der Freitag um 22 Uhr auf 3sat mit 190 Minuten fast so lang ist wie Harry Potters Stein der Weisen bei Sat1. Wobei davon natürlich fast eine Stunde auf Werbung entfällt. Reklamefrei ist dagegen der Zeuge der Anklage (Montag, 20.15 Uhr, Arte) in Schwarzweiß von 1942 mit Cary Grant als Ex-Sträfling in einer stilbildenden Ménage à Trois mit einem Jura-Professor und der schönen Nora (Jean Arthur). Buchstäblich ohne Unterbrechung läuft natürlich auch der Tatort, in diesem Fall Fall Nr. 999 Borowski und das gefallene Mädchen von 2016 (Freitag, 22 Uhr, ARD), als Axel Milberg noch mit der wunderbaren Sibel Kekilli in Kiel ermittelte.


L’Impératrice, Shana Cleveland, Ratso

L’Impératrice

Wer sich wirklich hingebungsvoll mit Musik beschäftigt, sei es als Fan, sei es als Experte, der träumt ja eigentlich immerzu von diesem einen Moment, in dem ein Debütalbum die allerersten Töne verbreitet und sofort im Herzen andockt, ohne melodramatisch zu sein, und im Hirn, ohne verkopft. Dem französischen Sextett L’Impératrice gelingt genau dies mit dem erstaunlichen Opener von Matahari, einem furiosen Erstlingswerk, das hoffentlich Zweit- bis Xlingswerke nach sich zieht.

Wie Regentropfen plöddert ein repititives Elektro-Geklimper darin über einen Air-artigen Bass, bevor hinterm Vorhang sphärischer Jarre-Avancen Todd Terje aus der Synthie-Disco blinzelt. Und auch die elf Stücke danach sind so hinreißende Avancen an den Frenchpop der frühen Neunziger mit funkigen Siebzigereinsprengseln, dass nicht mal die englischen Übersetzungen von Flore Benguiguis ursprünglich französischem Vanessa-Paradis-Gesang stört. L’Impératrice heißt übrigens Herrscherin. Wir sind bereit zur Unterwerfung!

L’Impératrice – Matahari (microqlima)

Shana Cleveland

Shana Cleveland dagegen will offenbar nichts und niemand beherrschen. Dafür verhallt ihr Gesang viel zu fragil im Wüstensand, den das Solodebüt des Gitarren-Genies aufwirbelt. Wer es nicht weiß, würde demnach kaum ahnen, dass die Kalifornierin nebenbei den rauen Ton der Surfpunkband La Luz angibt. Zwischen psychedelischen Lagerfeuerriffs und einem seltsam verträumten Grundraunen unterm irisierenden Westernsound scheint Shana Cleveland förmlich zu verschwinden.

Tatsächlich aber bleiben die schüchternen, leicht mondsüchtigen Berichte aus dem Innersten ihrer Seele und dem Äußeren der Welt ringsum von so unüberhörbarer Präsenz, dass selbst die vielen grandiosen Gastmusiker auf Night of the Worm Moon wie Will Sprott, Abbey Blackwell und Kristian Garrard scheinbar ergriffen in den Hintergrund treten, während sich im Vordergrund eine neue Welt im gleißenden Licht von Amerikas Süden eröffnet.

Shanna Cleveland – Night of the Worm Moon (Sub Pop)

Ratso

Kann es für den Durchbruch je zu spät sein, sagen wir – knietief im Rentenalter, also jenseits der 66? Wer sich das erstaunlicherweise wirklich allererste Solo-Album des erfahrenen Studiomusikers Larry Sloman anhört, dürfte seinen Jugendwahn diesbezüglich kurz überdenken. Mit stolzen 70 Jahren hat der frühere Kollaborateur großer Legenden von Bob Dylan über Leonard Cohen bis Lou Reed sein eigenes Debüt erstellt und durchaus altersgerecht Stubborn Heart genannt. Eine gewisse Sturheit im Herzen ist schließlich unerlässlich, wenn man sich vom Schaukelstuhl nochmals in den Pop-Zirkus wagt.

Doch was heißt hier Pop?! Weil juvenile Musik für einen Mann dieser Reife gewiss würdelos wäre, hat Ratso, wie er sich nennt, eine Art existenzialistischen Kaffeehaus-Soul entwickelt, der zwar durch und durch nostalgisch ist, aber nie rückwärtsgewandt. Ein bisschen im Stile von Nick Cave, der im wunderbar geschmeidigen Our Lady Of The Night die Vocals beisteuert, erzählt Sloman mit Märchenonkelstimme vom Leben der letzten sieben Jahrzehnte und unterlegt es mit dem reduzierten Großstadtfolk seiner New Yorker Heimat, in der sogar mal die E-Gitarre jault. Nicht modern, aber zeitlos schön.

Ratso – Stubborn Heart (Lucky Number)


Patrick Dempsey: Dr. Shepherd & H. Quebert

Ich bin glücklich, aber hungrig

Obwohl er mehr als zwei Drittel seines Lebens vor Kameras steht, wird Patrick Dempsey (Foto: MGM) auf Dr. Shepherd in Grey’s Anatomy reduziert. Da könnte Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert auf der RTL-Plattform TVNow für Abhilfe sorgen. Ein Gespräch mit dem 53-jährigen Schauspieler aus Maine über Selbstwahrnehmung, Äußerlichkeiten, Achtsamkeit und was er vom Autorennen fürs Leben lernt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Mr. Dempsey, Sie spielen Ihre Serien-Figur Harry Quebert mit Mitte 30 und Ende 60. Ist das nicht ein etwas großer Zeitsprung für ein und denselben Schauspieler?

Jack Dempsey: (lacht) Es war anfangs auch für mich überraschend, dass Jean-Jacques Annaud dieses Wagnis eingehen wollte. Andererseits macht gerade der Zeitsprung die Wirkung des Charakters aus. Zumal die Leute von der Maske einen sehr guten Job gemacht haben, der für mich zwar ein Experiment war, aber auch eine ganz neue Erfahrung für meine Selbstwahrnehmung. Außerdem ist die Aussicht, mit so einem Regisseur zu drehen, viel zu verlockend, um wegen Äußerlichkeiten abzusagen.

Und es hat sich gelohnt?

Unbedingt! Unter Jean-Jacques muss man praktisch nicht proben. Wurde eine Szene doch mal wiederholt, dann wegen technischer Gründe. Mit ihm zu arbeiten ist gleichermaßen spontan und effizient. Mit so viel Raum zur Improvisation habe ich noch nie gearbeitet. Auch die intensiven Gespräche mit einem Regisseur waren mir neu. Und zwar nicht nur übers Drehbuch, sondern das Leben insgesamt, seine Dynamik, wie wichtig es beim Blick nach vorn ist, auch mal zurückzublicken. Das hat meine Altersspanne seltsam natürlich erscheinen lassen.

Wo Sie mit Anfang 50 exakt in der Mitte beider Charaktere stehen – was war herausfordernder: den älteren oder den jüngeren Harry Quebert zu spielen?

Den jüngeren. Es dauerte zwar viel länger, als mich älter zu machen (lacht), aber ich hatte so mehr Zeit, mich damit auseinanderzusetzen. Außerdem lieb ich es, mich hinterm Makeup zu verstecken. Wohler gefühlt habe ich mich allerdings als älterer Harry, weil sich erst da zeigt, dass er sein Leben lang Geheimnisse mit sich herumträgt. Komplexe Charaktere zu spielen ist anspruchsvoller als nur romantische Figuren. Die waren bei mir zwar auch selten anspruchslos, aber dieser macht schon deshalb mehr Spaß, weil unklar bleibt, ob er Täter oder Opfer ist.

Mögen Sie die Figur unabhängig von der Frage auch persönlich?

Sonst würde ich ihn nicht spielen! Man muss Figuren moralisch verteidigen können, um sie glaubhaft zu machen. Mitgefühl und Sympathie sind da unerlässlich. Aber das fiel mir in diesem Fall auch wirklich leicht. Ich verrate angesichts des enormen Erfolgs, den die Romanvorlage auch in Europa hatte, nicht zu viel, wenn ich sage, dass er bei all seinen Fehlern zu Unrecht beschuldigt wird. Diesen Kampf ums eigene Bild in der Öffentlichkeit kann ich gut nachvollziehen.

Weil auch ihr eigenes Bild umkämpft ist?

Wie meinen Sie das?

Ihr Management bat vorm Gespräch, keine Fragen über Grey’s Anatomy oder Ihre Karriere als Rennfahrer zu stellen. Das klingt, als wäre Ihnen beides unangenehm…

Ach, das meinten die nur, weil es vor allem um die Serie gehen soll. Denn ehrlich: Wie kann ich nicht über Dinge sprechen, die mich so prägen wie Grey’s Anatomy und besonders Autorennen. Teamwork, Vertrauen, dieses Miteinander hat mein gesamtes Leben positiv verändert und mich damit zu einem besseren Vater, Menschen, Mann und Künstler gemacht. Ich hatte lustigerweise grad heute Morgen ein Gespräch mit meiner Frau, in dem klar wurde, wie viel von dem, was ich von meinen Mechanikern lerne, sich aufs alltägliche Leben anwenden lässt. Dafür bin ich ungeheuer dankbar.

Haben Rennfahrer und Schauspieler generell oder nur in Ihrem Fall Schnittstellen?

Weil sich beide mental extrem auf den Punkt konzentrieren müssen, gilt das grundsätzlich. So wie der Schauspieler lernen muss, im öffentlichen Raum privat zu agieren, ist jeder Meter auf der Rennstrecke wie ein Take, den es exakt in diesem einen Moment unter Druck zu bewältigen gilt.

Es geht Ihnen auf dem Asphalt also gar nicht um den Kick der Beschleunigung?

Wichtiger ist mir die Achtsamkeit im Auftrag eines Teams.

Wer Sie so übers Rennen reden hört, könnte meinen, nach fast 40 Jahren als Schauspieler seien Ihnen längst andere Dinge wichtiger.

Schauspielen ist mir immer noch ungemein wichtig, ich lege nur mehr als früher Wert darauf, was genau ich mit wem mache. Auch deshalb wende ich mich zusehends dem Produzieren zu.

Zum Beispiel?

Unter anderem eine Dokumentation über den amerikanischen Rennfahrer Hurley Haywood, die nächste Woche rauskommt. Darüber hinaus genieße ich es aber mit zunehmendem Alter, Zeit mit meiner Familie zu verbringen, und investiere viel davon in meine Krebsstiftung. Je älter ich werde, desto wichtiger ist es mir, nicht nur gesund zu bleiben, sondern multidimensional zu denken.

Bezieht sich das auch darauf, im Schauspiel variabler zu werden, womöglich mehr Komödien oder Bad Guys zu spielen?

Dummerweise hängt das immer stark von den Büchern und Regisseuren ab. Ich suche allerdings mehr als früher Aufgaben, die mich herausfordern. Ich bin zwar glücklich, aber immer noch hungrig.


Urheberrecht & Grimmepreise

Die Gebrauchtwoche

25. – 31. März

Also gut, Artikel 13 heißt jetzt 17 und die 15 fortan 11 oder so ähnlich, aber insgesamt wurde das neue Urheberrecht nach entfesselter Debatte mit verblüffend deutlicher Mehrheit verabschiedet. Im Gegensatz zum parallel beschlossenen, völlig realitätsfernen Aus der Zeitumstellung, wurde das Europäische Parlament also nicht vom PR-flankierten Populismus der Straße umgestimmt. Trotzdem hinterlässt der Streit um die gesetzlich verordnete Selbstkontrolle profitgieriger Tech-Konzerne Spuren – und das nicht nur, weil der Kontinent kurz vor der Abstimmung erkennen musste, wie schwer die Welt zu erklären ist, wenn Wikipedia mal einen Tag offline ist.

Für die Rechte der Kreativen am eigenen Werk – ob nun Film, Theater, Fernsehen, Literatur, Musik oder auch nur ein kleines YouTube-Video mit Copyright – bedeutet der Urheberschutz nun ein Stück Sicherheit vor Ausbeutung, für Millionen Lifestyle-Influencer mit Schleichwerbevertrag keine – im Einzelfall durchaus wünschenswerte – Kanalschließung und fürs Internet im Ganzen auch nicht die flächendeckende (Selbst-)Zensur. Wobei die mit Blick auf RTL gelegentlich ganz wohltuend wäre. Mario Barths AfD-Spot gegen Dieselfahrverbote hat nämlich nicht dazu geführt, dass er von jenem Sender fliegt, den er sich seltsamerweise weiter mit dem ansehnlichen Team Wallraff teilt, dessen vorige Sendung mal wieder politische Konsequenzen hatte. Im Gegenteil.

Während Heinrich Breloers famoses ARD-Dokudrama Brecht am Mittwoch sogar noch weniger Zuschauer hatte als ZDFneo mit einer Wilsberg-Wiederholung, gewann Mario Barths zynische Aufklärungssimulation von rechts auch dank der vorangegangenen Medienschelte von links Zuschauer hinzu. Deren Gesamtzahl will Netflix-Chef Reed Hastings übrigens nur gelegentlich mal veröffentlichen. Immerhin hat er der Süddeutschen Zeitung aber versichert, langfristig keinen Live-Sport zu zeigen. Ob das eine gute Nachricht ist, darf man angesichts des Deutschen Sportjournalistenpreises, der am Montag in Hamburg verliehen wurde, skeptisch sein. Unter den Prämierten befand sich nämlich keine Frau. Einzig Laura Wontorra und Claudia Neumann schafften es in zwei der elf Kategorien auf den dritten Platz.

Die Frischwoche

1. – 7. April

Die wichtigere Branchentrophäe wird allerdings ohnehin erst diesen Freitag verliehen: Der Grimme-Preis. Weil es beim Festakt nicht um Form, sondern Inhalt geht, berichtet davon jedoch wie immer nur 3sat – und das auch nur als Konserve, in der um 22.25 Uhr Bad Banks, Böhmermann, Beat oder Catch! ausgezeichnet werden. Den Fang-mich-Ulk, der parallel auf Sat1 in Runde 3 der aktuellen Staffel geht, kann man mögen, darf man hassen, immerhin ist er aber mal kein Format, das uns die Fragilität des Planeten mit ressourcenfressendem Großaufwand vor Augen hält. Zeitgleich zur ungeheuer aufwändigen ARD-Tierreportage Wilde Dynastien startet heute Abend der Zehnteiler One Strange Rock, in dem ZDFinfo die Erde (leider ohne den Originalkommentar von Will Smith) von Grund auf analysiert. Am Freitag zieht Netflix mit Alestair Fothergills Naturschauspiel Unser Planet nach.

Das ist wie alle romantisierenden Geo-Dokus natürlich total schön fotografiert, lenkt uns damit aber doch bloß vom individuellen Zerstörungspotenzial jedes einzelnen Zuschauers ab. Dabei ist Fußball am Ende noch immer das beste Autosedativum. Die ARD verabreicht es uns ab Dienstag mal wieder zwei Abend in höchster Dosis, wenn sie vier der acht Viertelfinalisten des DFB-Pokals zeigt, zu denen – WTF! – erstmals seit 275 Jahren nicht der FC Bayern bei seinem weltbewegenden Heimspiel gegen Heidenheim zählt. Wie man hört, wurde Programmdirektor Volker Herres dafür bereits zum Rapport an die Säbener Straße zitiert.

Ums Zitieren geht es auch in der herrlichen Provinzgroteske Größer als im Fernsehen. Unter Christoph Schnees (Mord mit Aussicht) Regie, versucht die arme Lisa (Janina Fautz) ihren Erbhof am Freitag um 20.15 Uhr auf Arte an Investoren zu verscherbeln, was jedoch nur gelingt, wenn sie einen Schlagerstar dazu bringt, nackt vor Oma zu singen. Mal wieder um einen Serienkiller geht es in der Sky-Serie Absentia ab Donnerstag. Nachdem sie sechs Jahre verschwunden war, taucht die FBI-Agentin Emily Byrne (Stana Katić) wieder in Boston auf und jagt fortan zehn Teile lang mit der Düsternis ihrer Abwesenheit im Gepäck den Täter. Und vor den Wiederholungen der Woche. unbedingt im Kalender notieren: Charly Hübners Dokumentardebüt Wildes Herz, dass der Schauspieler seinem Kumpel Jan “Monchi” Gorkow, dessen Punkband Feine Sahne Fischfilet beharrlich gegen die Nazis ihrer mecklenburgischen Heimat anrockt.

In Der Augenzeuge von 1980 bauscht der blutjunge William Hurt Montag (21.55 Uhr, Arte) einen Todesfall zum Mord auf, um Sigourney Weaver als blutjüngere TV-Reporterin zu beeindrucken, was heute (21.55 Uhr, Arte) voll in die Hose geht. Nachkoloriert, also eigentlich schwarzweiß: Als Teufelshauptmann eskortiert John Wayne in John Fords Westernlegende am Freitag um 22.45 Uhr im BR zwei Frauen durchs Monument Valley, was auch 70 Jahre später noch ungemein fesselnd ist. Wie das holländisch-belgische Psychodrama (Donnerstag, 22.25 Uhr) um den Eremiten Borgman (2013), der das bürgerliche Idyll einer Familie infiltriert. Irritierend. Den Tatort-Tipp Niedere Instinkte am Mittwoch um 22.05 Uhr im MDR empfehlen wir hier hingegen vor allem, weil es 2015 endlich der letzte von 21 Fällen mit Manfred Wuttke und Simone Thomalla war.


Palina Rojinksi: Podkinski & Yo! MTV Raps

Wie eine Instagram-Story

Palina hier, Rojinski dort – die rothaarige Moderatorin russischer Herkunft mausert sich zur Allzweckwaffe gehobenen Trash-Entertainments. Und jetzt reanimiert der frühere Sidekick von Joko & Klaas auch noch eine Legende: Yo! MTV Raps. Ein Interview mit der Moderatorin übers Musikfernsehen von früher bis heute und was das HipHop-Magazin für ihr eigenes Leben bedeutet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Palina Rojinski, als 1995 nach sieben Jahren die letzte Ausgabe Yo! MTV Raps lief, waren Sie gerade mal ein Jahr älter als die Sendung und erst kurz zuvor aus Russland nach Deutschland gezogen.

Palin Rojinski: Drei Jahre, um genau zu sein.

Was verbinden Sie da mit einer Musiksendung, die bereits Geschichte war, bevor Sie sie sehen konnten?

Oh, einiges. Schon weil ich sehr jung begonnen habe, dieselbe Musik zu hören. Meine Jugend war HipHop, meine Gegenwart ist HipHop, mit HipHop verbinde ich demnach ein Lebensgefühl, das sich schon damals in der Sendung wiederfand und hoffentlich jetzt wiederfinden wird.

Sind Sie denn eher der Oldschool-Typ oder offen für neue Entwicklungen?

Ich bin vor allem alive, deshalb mag ich Oldschool, aber auch Neuausrichtungen wie Trap oder Cloud-Rap. Außerdem finde ich es toll, dass darin mittlerweile so viele Frauen mitmischen und sich das Genre langsam in eine ausbalanciertere Richtung entwickelt.

Ist das Ihre Kernqualifikation für die Neuauflage dieser Legende – ein weiblicher Fan zu sein, der Leidenschaft mitbringt und die weibliche Seite des HipHop repräsentiert?

Beides, aber nicht ausschließlich. Es ist ja nicht so, dass ich mir jeden Morgen mein Update auf nerdigen Rap-Seiten hole, um auf dem neuesten Stand zu sein. Und dass ich die Show mit MC Bogy in einer gemischten Doppelspitze moderiere, ist angemessen zeitgemäß.

Soll das nur zeitgemäß oder auch emanzipiert sein?

Ich nenne es nicht Emanzipation, sondern Balance. Ohne Frauen gibt’s keine Kinder, ohne Männer aber auch nicht.

Sie gehörten einst selbst zur MTV-Familie, in der Sie mit Joko & Klaas MTV Home moderiert haben. Fühlt es sich zehn Jahre später da wie eine Heimkehr an?

Weil sich beim Sender, aber auch im Fernsehen insgesamt so viel verändert hat, fühlt es sich eher nicht so an. Aber obwohl ich nicht nach Hause komme, freut es mich total, dass ich mit Anfang dreißig wieder in meinem Jugendzimmer herumspringen kann. Auch wenn HipHop genauso erwachsen geworden ist wie ich. Wenn man sich die Szene ansieht, sind viele Künstler, die auch schon über 40 sind und trotzdem Nummer-1-Alben produzieren.

Die stammen wie Yo! MTV Raps aus einer Zeit als – wie Oli Schulz zurückblickt – Musik noch richtig groß war, während das Musikfernsehen längst richtig klein ist. Welche Relevant hat die Neuauflage auf einem Kanal, von dessen Existenz die meisten vermutlich gar nichts mehr wissen, da für die Popkultur?

Eine große. Denn Yo! MTV Raps bietet der Musik mal wieder eine prominente Plattform, auf der jene Rapper, die man sonst nur von Spotify oder Deezer kennt, live spielen. Pro Sendung gibt es zwei solcher Auftritte. Außerdem sollen bei uns Musikvideos laufen, die einem nicht nur von Youtube empfohlen werden. Ansonsten kennen Fernsehen und Internet entweder Videos oder Konzerte oder Interviews. Bei uns ist alles kompakt beisammen, in einer ausgewogen schönen Mischung. Wie eine Instagram-Story, bloß als Fernsehendung.

Das heißt, Yo! MTV Raps orientiert sich am Ursprung Ende der Achtziger, nicht dem Ende Mitte der Neunziger, als die Show bloß Clips kompiliert hat?

Ja eher. Es ist eine neue eigene Show mit altem Namen, die sich an der Musik orientiert und an sonst nichts.

Könnte sie das einst wirklich weltbewegende Musikfernsehen damit reanimieren und in Konkurrenz zu Spotify oder Deezer für die Jugendkultur wieder bedeutsam werden?

In Konkurrenz zu irgendwas definitiv nicht, nein. Eher ergänzend. Man darf nicht vergessen, dass nahezu alle Rekorde, die im Bereich der Videozugriffe grad gesprengt werden, irgendwie mit HipHop zu tun haben – und obwohl weder von den Machern noch den Nutzern womöglich allzu viele MTV gesehen haben, wollen wir auch für jene da sein, die damit aufgewachsen sind. Ich sehe uns als eine Art Jugendzentrum, dessen Angebot gleichermaßen für die Jugendlichen und die Sozialarbeiter gemacht ist.

Erweitern Sie mit dieser Sendung auch ein wenig Ihr Portfolio?

Inwiefern?

Voriges Jahr haben Sie eine Reportage-Reihe zur Fußball-WM in Russland gemacht, jetzt ein eigenes Musik-Magazin, dazu einen Podcast…

Schön, dass Sie den erwähnen. Er heißt Podkinski und ist eine Spielwiese mit Prominenten, die so gut zu mir passen, dass ich eine Stunde auf Spotify mit denen quatschen, aber auch spielen kann.

Spielen heißt?

Eine Art Seelenstrippoker. Ich glaube, es war Platon, der gesagt hat, man lerne den Menschen durch eine Stunde Spielen besser kennen als in einem Jahr Gespräche. Das nehme ich als Inspiration und meine Gäste sehr intim und spielerisch unter die Lupe. Das sind dann Leute wie Fahri Yardim, Guido Maria Kretschmer, Stefanie Giesinger, Nura oder Oli Schulz. Sehr bunte Mischung. So wie ich.

Eine Mischung, die abgesehen von Guido Maria Kretschmer nach Freundeskreis klingt.

Lustigerweise ist das mein ältester Bekannter.

Zurück zur Portfolio-Erweiterung. Gibt es so was wie eine Kernkompetenz, die sich bei Ihren Tätigkeiten herausschält oder sind Sie für alles zu haben?

Sagen wir so: Ich bin für alles zu haben, was auch mich unterhält; nur dann steckt genügend Neugier und Interesse dahinter, um die Zuschauer mit auf diese kleine Reise nehmen zu können. Meine Kernkompetenz ist demnach, dass man an meiner Seite die Welt entdecken kann.

Bislang hatten Sie das allerdings häufig als Sidekick anderer getan.

Ich bin ein Teamplayer, muss also nicht zwingend alleine im Rampenlicht stehen. Ich würde mich aber auch nicht als ständigen Sidekick bezeichnen; das war ich vor vielen Jahren bei MTV Home. Oder worauf zielt die Frage ab?

Die Branche sucht händeringend nach jungen, aber erfahrenen Showmastern, die die ganz große Fernsehbühne bespielen können. Kämen Sie dafür infrage?

Auf jeden Fall. Aber ehrlich gesagt sind in dem Moment in dem ich das mache mein eigener Podcast oder Yo! MTV Raps für mich richtig schöne große Bühnen und ich gebe alles von mir. Da fühle ich mich wohl und weiß auch keine andere Show, die ich jetzt unbedingt machen wollen würde. Die Branche hat sich gefühlt auch verändert, ein Podcast der früher vielleicht unter ferner liefen irgendwo versauert ist, hat jetzt mehr Zuhörer als je zuvor und wird super aufwändig und qualitativ hochwertig produziert. Die Kanäle sind mehr geworden es gibt nicht mehr nur die eine Samstag-Abendshow. Es macht nur Sinn sich da breiter aufzustellen und ich liebe diese Diversität sehr.

Die Größe einer Bühne bemisst sich bei Ihnen also nicht in Quadratmetern oder Quote, sondern?

Dass ich darauf bereit bin, alles, was von mir dazu gehört und innovativ ist, hineinzugeben.


Heinrich Breloer: Dokudramen & Brecht

Es wird eine lange Nacht!

Seit mehr als 40 Jahren ist Heinrich Breloer (Foto: Overmann/WDR) einer der einflussreichsten Filmemacher im Land. Mit seinem Dokudrama Brecht schließt sich heute ein Kreis: Schon 1978 porträtierte er den großen Dramatiker, im Ersten erweckt der 77-Jährige sein früheres Vorbild heute mit Tom Schilling und Burghart Klaußner zum Leben. Ein Interview mit dem Regisseur über neun Jahre Vorbereitung auf Brecht, was uns der Dichter heute noch zu sagen hat und warum auch Geschichte Gefühle braucht.   

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Breloer, vielleicht ist da was an uns vorbeigegangen, aber Bertolt Brecht feiert im März weder Geburts- noch Todestag oder sonst ein Jubiläum. Warum dann jetzt dieses ausschweifende Biopic?

Heinrich Breloer: Weil der Film Ergebnis einer intensiven Beschäftigung ist, die bereits vor neun Jahren begonnen hat. Ein Problem dabei war, vertraglich alles zu regeln, falls wir irgendein Copyright berühren. Außerdem musste ein Stück entwickelt werden, das die beteiligten Sender im Rahmen der Sparmaßnahmen auch finanzieren können.

Was genau war denn so teuer?

Unter anderem, dass Brecht nach dem Reichstagsbrand ins Exil ging. Um Brechts Zeit in der Schweiz, Paris, Dänemark, Schweden, Finnland, Moskau und den USA nicht darstellen zu müssen, machen wir einen recht großen Sprung in die Nachkriegszeit, wo Burghart Klaußner vorm Ausschuss für unamerikanische Umtriebe versichert, „I was never a member of the communist party“. Dieser Satz führt uns dann zurück nach Deutschland, also in den Film.

Weil ein fließender Übergang von Tom Schilling als junger auf Burghart Klaußner als alter Brecht unglaubwürdig gewesen wäre?

In jedem Fall schwierig. Außerdem gibt es über Brechts Zeit in Amerika kaum bewegte Bilder. Ich habe zwar welche gefunden, auf denen dieser kleine Mann ein sehr dickes Auto besteigt oder am Schreibtisch von seiner Freundin gefilmt wird; ansonsten fehlt sie im Zweiteiler. Das ist aber nicht gravierend; wir erzählen das Leben halt weiter, wenn er nach der Rückkehr mit dem Berliner Ensemble ein Stück befreites Land zwischen Ost und West erschafft.

Darüber erzählt die Dokumentation im Anschluss?

Nochmals interessante 52 Minuten lang.

Und das, nachdem der Zweiteiler am Stück vorweg läuft!

Es wird eine lange Nacht! Aber das wird dieser Figur ja auch gerecht.

Was hat sie der Gegenwart übers nostalgische Element zeitgeschichtlicher Unterhaltung hinaus noch zu geben, dass ihr ein ganzer Abend gewidmet wird?

Zum einen unglaublich schöne, kluge, lehrreiche Gedichte. Und dann die Dramen, in denen ja wichtige Fragen gestellt werden, die uns heute umtreiben. Mutter Courage, wie verhältst du dich zu Krieg, Pazifismus, zur Rüstungsindustrie? Oder im Galilei nach Verantwortung der Wissenschaft für ihre Erfindungen; damals die Atombombe, jetzt künstliche Intelligenz.

Und Ihnen persönlich?

Brecht hat mich fast mein Leben lang fasziniert. Ich habe seine erste große Liebe schon 1976 für meinen Film Bi und Bidi in Augsburg getroffen.

Im Grunde arbeiten Sie also seit damals am Zweiteiler?

Schon. Damals habe ich erstmals erlebt, welch starken Eindruck der junge Brecht auf Freunde und seine Geliebten gemacht hat. Schon als Schüler stellte er sich für ein Foto vor dem Theater in eine Nische unter Schiller und sagte „Ich komme gleich nach Goethe. Ich bin das letzte Genie der deutschen Sprache.“ Und sie haben es ihm geglaubt. Als junger Filmemacher stand ich bewundernd vor dieser Selbstinszenierung; gut dreißig Jahre später konnte ich nun zeigen, was hinter dieser Chuzpe stand, wie viel alter Brecht im jungen steckt und umgekehrt.

Und dafür ist ein Dokudrama nach wie vor am geeignetsten?

Ja, denn das Dokumentarische liegt wie eine zweite Spur über den Spielszenen und sorgt dafür, dass diese unlenkbare, eigensinnige, zutiefst dialektische, ständig kämpfende Figur nicht nur nostalgisch historisiert, sondern in den Kontext seiner, aber auch unserer Zeit eingeordnet wird. Brechts appellierender Glaube an die Kraft der Vernunft, das Recht auf Zweifel, den Mut zum Widerstand und Willen zur Wahrheit – all dies ist auch heute von höchster Aktualität.

Sein Medium war jedoch das Theater, von dem damals gesellschaftspolitisch größtmögliche Wucht ausging, während es nun ein hochkulturelles Nischenprodukt ist. Lässt sich die Bühne als Medium aufs Fernsehzeitalter übertragen?

Wenn man sich vor Augen hält, dass ich in den Sechzigerjahren viel von ihm gelernt und auf mein Wirken fürs Fernsehen übertragen konnte, ja. Durch ihn sind wir zum kritischen Denken gekommen, was sich auch in dieser Arbeit wiederfindet.

Aber verglichen mit dem Internet ist das das Fernsehen seinerseits ein schrumpfendes Medium.

Es ist aber noch immer ganz gut im Geschäft. Und das Dokudrama als Darstellungsform, um Fiktion und Realität dialektisch gegenüberzustellen, ohne es moralisch zu bewerten, ist dem Brecht’schen Theater durchaus nachempfunden.

War die Form des Dokudramas, das Sie hierzulande quasi erfunden haben…

Na ja, sagen wir, mit weiterentwickelt.

War es demnach die beste oder einzige Form, sich Brechts Widersprüchen zu nähern?

Es war die griffigste und hat sich gewissermaßen natürlich entwickelt. Ein Denkmal lebendig zu machen, ohne es einzureißen, kommt für mich weder ohne Dokumentation noch Inszenierung aus. Zumal kein Filmmaterial seiner aufgewühlten Jugend existiert.

Ihr letztes großes Projekt Buddenbrooks war ein reiner Spielfilm. Den haben Sie hier nicht in Erwägung gezogen?

Doch. Aber wenn Spielszenen auf die Sekunde genau klug kalkuliert auf Dokumente prallen, kann im Kopf des Zuschauers etwas  Neues Drittes entstehen, das so allein im Dokument und im Spiel nicht vorhanden  ist. Und das wirkt intensiver und länger als pure Erzählung. Ganz ähnlich hat Brecht ja auch selber gearbeitet. Die berühmte Verfremdung.

Klug kalkuliert, heißt in diesem Fall auch: sehr emotional. Warum führen Sie den jungen Brecht als verliebten Teenager ein?

So beginnt der Spaziergang mit Paula am sommerlichen Lech. Aber das andere, die Angst vor dem Verlust, der unromantische Kampf um die Macht über dieses Mädchen – auch das ist in dieser ersten Liebesszene angelegt.

Dennoch scheint sein Liebesleben auch Zucker fürs breite Publikum zu sein…

Na, wenn das mein Hauptziel gewesen wäre, hätte ich davon doch viel mehr berichtet. Dass er in seiner Entwicklung, die Jahr für Jahr aufwärts geht, von einer Frau zur nächsten wechselt, bis er teilweise drei gleichzeitig hat, muss halt erzählt werden, um Brecht zu verstehen. Aber da habe ich mich sogar zurückgehalten; sein Liebesleben hat Zumutungen bis hin zu Selbstmordversuchen erzeugt. Das kommt bei uns gar nicht vor.

Sein Zeitgenosse Theo Lingen, erwähnt im Film: Brecht wolle besitzen, und zwar auch Menschen.

Genauso war’s.

Wird diese Lichtgestalt des deutschen Theaters damit auch ein wenig entzaubert?

Nein. Aber wir sind erstmals dabei, wie sie als Person handelt, denkt, fühlt und dabei ängstlicher, schüchterner, verletzlicher, manchmal auch opportunistischer und kleiner ist, als viele denken. Brecht wird bei uns vom Dichter und Denker auch zum leidenschaftlichen Menschen.

Ist dieser Mensch ein anderer als der, den Sie für Ihre Doku Bi und Bidi in Augsburg 1976 kennengelernt haben?

Aber sicher.

Und hat sich damit ein Kreis für Sie geschlossen, der Ihr gesamtes Schaffen umschließt?

Das könnte man so sagen, aber endgültig kennengelernt habe ich ihn trotzdem nicht. Als ich die Schauspielerin Regine Lutz im Film frage, ob Sie Brecht kenne, überlegt sie sehr lang – was in Dokumentationen höchst eindrücklich ist, wenn man die richtigen Fragen stellt – und sagt dann: Er kannte mich, und zwar sehr gut. Ihn konnte man nicht kennen.

Gibt es dennoch Brecht in einem Wort?

Höchstens in vier: Schauen Sie diesen Film!


Barths Ignoranz & Himmels Willen

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. März

Als Debattenbeitrag getarnte Ignoranz ist ein Megatrend der modernen Mediengesellschaft. Im Internet wird er durch Kampfbegriffe wie Upload-Filter befeuert, mit denen die PR-Strategen der Tech-Giganten von Facebook bis Google User in Wallung lügen. Im Fernsehen sind es seit neuestem, nun ja, „Komiker“. Acht Tage, nachdem Mario Barth zum Thema Feinstaub und Fahrverbote bewiesen hat, wie AfD-gespeist seine Dummdreistigkeit ist, zog Dieter Nuhr nach. Donnerstag riet er den Zuschauern von Nuhr im Ersten, mehr T-Shirts aus Sweat Shops zu kaufen statt Verzicht fürs Klima zu üben. Dessen Wandel, gegen den freitags weltweit Schüler die Schule schwänzen, ist aus Sicht der elitären Ulknudel nur mit noch mehr Konsum zu retten.

Was beim RTL-Populisten Barth schon bedenklich, weil rasend schnell digital verbreitet war, wurde durch den angeblichen „Satiriker“ Nuhr nun vollends irre. Wenn selbst Entertainer, die formell zu Empathie und Logik fähig sind, ihr besseres Wissen verraten, dann ist das einst so honorige Fernsehkabarett wohl endgültig auf dem Weg zur gesendeten Bild. Anfang der Woche war es allerdings doch noch einmal das Original, dem die eigene Macht so wichtig war, dass es als einziges Medium von Belang die unsäglichen Bilder des rechtsextremen Terroranschlags von Christchurch geteilt hat.

Während es selbst brachiale Boulevard-Blätter wie die Hamburger Morgenpost vorzogen, schwarze Titelseiten zu drucken, sorgte das Springer-Sturmgeschütz dafür, dass der Attentäter sein Ziel maximaler Aufmerksamkeit auch wirklich erreicht. Aber gut – Chefredakteur Julian Reichelt würde gewiss auch Fotos seiner toten Mutter posten, wenn’s nur Clicks brächte. Oder auch Live-Streams aus Thomas Gottschalks Dickdarm. Warum der hier als Beispiel dient? Weil er nach DWDL-Recherchen 2020 ein Revival von Wetten, dass…? moderieren wird, was ein paar Tage, nachdem er im Interview mit Deutschlandradio Kultur beteuert hatte, unsterblich zu sein.

Die Frischwoche

25. – 31. März

Damit dürfte dann auch klar sein, wer nächstes Jahr um diese Zeit das kriegt, wofür das ZDF am Samstag wieder mal zweieinhalb Stunden kostbarer Primetime vergeudet: Die Goldene Kamera. Dabei hat ausgerechnet das Zweite in dieser Woche zwei sehr bemerkenswerte Ausstrahlungen im Angebot. Am Montag läuft dort der bemerkenswerte Justizthriller Gegen die Angst, in dem Nadja Uhl sehr glaubhaft gegen Berliner Clan-Gangster ermittelt. Und am Sonntag wird das heute-journal von 15 auf 30 Minuten verlängert. Klingt marginal, ist in Zeiten grassierender Dummheit, die auch der künftige Faktencheck bei Facebook durch dpa-Journalisten nicht lindern dürfte, ein weithin hörbares Zeichen öffentlich-rechtlicher Verantwortung.

Von der ist dann tags drauf aber schon wieder wenig zu spüren, wenn uns das Erste die 18. Staffel Um Himmels Willen beschert. Dann doch lieber tags drauf Runde 15 von Grey’s Anatomy auf ProSieben oder parallel dazu die ARD-Ausstrahlung von Heinrich Breloers episch schönem Biopic Brecht, das zuvor allerdings schon auf Arte gelaufen ist. Dort also, wo zeitgleich das wunderbare Filmporträt Paula läuft, mit der wunderbaren Carla Juri als stilbildende Malerin Modersohn-Becker. Der BR würdigt tags zuvor eine Kunstfigur der anderen Art: Um 22.30 Uhr wird dort das One-Bestseller-Wonder Patrick Süskind mit der Hommage Duft & Distanz gewürdigt.

Bevor wir hier nochmals eindringlich davor warnen, am Mittwoch Mario Barth deckt (Steuerbetrug) auf zu sehen oder besser: Menschen mit Moral dazu ermutigen, Barths Helfershelfer wie den Schauspieler Hendrik Duryn, den Moderator Florian König und den Fiskus-Kontrolleur Reiner Holznagel zur Rede zu stellen, wie sie sich mit dem populistischen Intelligenzverächter derart gemein machen können, freuen wir uns aber aufrichtig über ein paar Wiederholungen der Woche.

Zuallererst und immer wieder sehenswert: The Blues Brothers (Sonntag, 20.15 Uhr, 3sat) von 1980 mit der vielleicht legendärsten Autoverfolgung aller Zeiten. Gefolgt von der legendären Literatur-Verfilmung Der dritte Mann, in dem der noch legendärere Hauptdarsteller (Orson Welles) zur endlegendären Filmmusik (Anton Karas) durchs Wien der unmittelbaren Nachkriegszeit jagt. Nur unwesentlich niedriger auf der Legendenskala steht Volker Schlöndorffs Roman-Adaption Die Blechtrommel von 1979 (Samstag, 22.50 Uhr, RBB). Auch aus Deutschland, wieder schwarzweiß, aber 40 Jahre jünger: Michael Hanekes Meisterwerk Das Weiße Band (Donnerstag, 22.25 Uhr) über die Spießbürgerhybris am Vorabend des 1. Weltkriegs. Und auch der alte Tatort verhandelt ethische Fragen seiner Zeit: In Salzleiche (Montag, 22 Uhr, RBB) ermittelte Charlotte Lindholm 2008 einen Leichenfund im Atomklo Gorleben.


Lafawndah, Jayda G

Lafawndah

Wer mythisch irgendwie aufgewühlt ist und seine Erregung zu Kunst verarbeitet, neigt gemeinhin dazu, die eigene Überwältigung auf andere zu übertragen. Von den Religionsschinken des Mittelalters bis zum Gospel der Gegenwart erwächst aus Spiritualität verlässlich großes Melodrama. Auch die amerikanische Musikerin Lafawndah ist von irgendeinem Geist beseelt und bläst es mit dem emotionalen Klangmobiliar ihrer persisch-ägyptischen Ursprünge auch noch vollmundig raus.

Zum Glück jedoch macht ihr wunderbares Debütalbum Ancestor Boy dabei nicht den Fehler irgendwen zu irgendwas bekehren zu wollen. Die folkloristisch angehauchte, großstädtisch durchproduzierte Ethno-Electronica ihrer 13 abwechslungsreichen Stücke nimmt uns lieber ohne viel Überzeugungsfuror mit in ihre Welt großspuriger Pop-Arrangements, die sie mit kraftvoll-verstörendem Gesang im M.I.A.-Stil unterwandert. So hinreißend also kann Kirchenmusik sein, wenn ihr Altar die Disco ist.

Lafawndah – Ancestor Boy (Concordia)

Jayda G

In der Disco hat sich zweifelsohne auch der weibliche DJ Jayda G einen Schrein errichtet. Sie ist davon allerdings nicht spirituell erbaut oder sonst wie entrückt, sondern ärgert sich darüber, dass auf dem Dancefloor ringsum die Männer so intensiv manspreaden, bis alle Frauen an den Rand einer Tanzfläche verschwunden sind, die zudem kaum noch den freiheitlichen Geist früherer Epochen atmet, sondern nur noch der Selbstdarstellung dient. Nach dreijährigem Aufenthalt in Berlin hat die Kanadierin aus ihrem Ärger nun ein Manifest in Plattenform gemacht, das manchmal leicht gemächlich, bei genauerem Hinhören aber energisch um Aufmerksamkeit bittet.

Passenderweise heißt ihr Debütalbum denn auch Significant Changes. Es ist eine Sammlung sorgsam reduzierter, beizeiten minimaler, aber meistens recht tiefgründig groovender House-Tracks, die von Jaydas Stimme mal feengleich unterwandert, mal neunzigerfunky überlagert werden. Und weil das Ganze bei Ninja Tune erscheint, darf man sich sicher sein, dass all die eingerührten Beats und Samples dem Mainstream mindestens so fern sind wie viele der Texte. Schon cheezy manchmal, aber sehr, sehr schön.

Jayda G – Significant Changes (Ninja Tune)