Karnevalswitze & Kostüm-Kitsch

Die Gebrauchtwoche

25. Februar – 3. März

Die Revolution ist vertagt. Zumindest teilweise. Das hyperrealistische Netflix-Drama Roma hat vor acht Tagen zwar drei der zehn nominierten Oscars geholt, darunter mit dem für die beste Regie ein Schwergewicht. Nur als bester fremdsprachiger Film prämiert worden zu sein, war aus Sicht des Streamingdienstes am Ende aber eine Enttäuschung – auch wenn selbst das angesichts der symbolischen Kino-Auswertung unter Cineasten für Wehklagen sorgt.

Dem steht ein Jubelgeschrei der ARD gegenüber, die Anfang April 12 von 17 Grimme-Preisen in allen wichtigen Kategorien erhält – bis auf die prestigeträchtige Serie, wo das ZDF mit Bad Banks triumphiert, dazu Amazons Beat und leicht überraschend: Hackerville von Turners Spartenkanal TNT. Käme das Netflix-Melodram Pose um eine schwarze Transfrau, die ihre Wohnung im kapitalismus- und aidsumtosten New York der 80er zum Heim für gleichermaßen benachteiligte Kinder macht, aus Deutschland – der Grimme-Preis 2020 wäre schon jetzt vergeben. Schon toll, wie randständig Serienhelden mittlerweile sein dürfen.

Vielleicht eignet sich in diesem Spektrum bald ein Journalist zur Serienfigur, etwa aus dem Nachlass des Pressepatriarchen Alfred Neven DuMont. Kurz nach dessen Tod schlagen seine Nachfolger das milliardenschwere Erbe in Stücke und trennen sich offenbar von allen Regional-Blättern, darunter der Kölner Stadt-Anzeiger am Stammsitz, wo 1626 die Keimzelle der Mediengruppe entstand. Darauf ein zünftiges Alaaf in die Karnevalsmetropole, die in den nächsten zwei Tagen nochmals auf Hochtouren feiert.

All die Festumzugs- und Prunksitzungsübertragungen, mit denen ARZDF und Dritte ihr Märzprogramm verstopfen, wollen wir an dieser Stelle trotzdem nicht empfehlen. Und den missglückten Doppelnamen-Witz des ortsansässigen Komikers Bernd Stelter, für den er bei einer Faschingssause im Ersten minutenlang von einer Zuschauerin im Saal attackiert wurde, kann man leider nicht mehr sehen, weil ihn der WDR aus seiner Mediathek gestrichen hat.

Die Frischwoche

4. – 10. März

Widmen wir uns also einer unfreiwillig lustigen Produktion: Bella Germania. Mit dem Dreiteiler zeigt das ZDF ab Sonntag zur besten Sendezeit, dass es sich auch 2019 für reaktionären Kostümkitsch im Stil der 50er nicht zu dämlich ist. Angeblich soll die Literaturverfilmung um italienische Gastarbeiter von einst die „Flüchtlingskrise“ von heute kommentieren. Tatsächlich ist die Schmonzette ein pünktchenkleidsüßes Heimatfilmrelikt, das durch einen Sprachsalat, in dem Einwanderer untereinander Deutsch mit italienischem Akzent reden, hart an der Lächerlichkeit wandelt. Dringende Bitte: Lieber ein Glas Honig löffeln, als damit Lebenszeit zu vergeuden.

Denn wenn schon Klischees, dann von Michael Kessler verabreicht. An gleicher Stelle porträtiert der famose Alltagsparodist im Lichte der Europa-Wahl Ziemlich beste Nachbarn, genauer: Russland, Italien und England, wo er drei Dienstage lang um 20.15 Uhr Stereotypen auf den Prüfstand stellt. Die verlieren zwar in der Regel nicht dadurch an Kraft, dass man auf ihnen herumreitet. Aber Kessler ist halt ein glaubhafter Analyst bürgerlicher Befindlichkeiten. Was über Umwege auch für Jan Georg Schütte gilt. Nachdem der Regisseur die Darsteller von Altersglühen und Wellness für Paare ohne Drehbuch in Speeddating oder Eheberatung geschickt hat, bittet er sein Star-Ensemble am ARD-Mittwoch nun zum Klassentreffen.

Wie sich Charly Hübner, Jeanette Hain, Fabian Hinrichs oder Nina Kunzendorf durchs 25. Abi-Jubiläum improvisieren – das ist erneut großes Stand-up-Theater. Grad im Vergleich zur gescripteten Scheinrealität von vier Paaren, die Pro7 parallel getrennt auf eine Temptation Island schickt, wo sie acht Teile lang der Verlockung durch baggernde Nebenbuhler trotzen. Eine Art Anti-Bachelor also. Nur nach Drehbuch. Also Null Improvisation, sondern Publikumsverarschung. Aber gut – wer nicht verarscht werden will, kann stattdessen gute Unterhaltung schauen. Setz Rogens Zehnteiler Black Monday zum Beispiel, ab Sonntag auf Sky. Ein schillerndes Potpourri des turbokapitalistischen Amerika nach dem Börsencrash 1987.

Spannend wäre am gleichen Tag um 22.05 Uhr auch das Arte-Porträt des Hollywood-Regisseurs Elia Kazan, der mit Filmen wie Endstation Sehnsucht Geschichte schrieb, dann aber in der antikommunistischen McCarthy-Hetze Ära eher schäbig agierte. Da vorweg sein Klassiker Jenseits von Eden von 1955 läuft, sind wir auch schon mitten in den Wiederholungen der Woche. Etwa mit zwei schwarzweißen Evergreens der rothaarigen Rita Hayworth aus den Vierzigern, die Arte heute im Rahmen seines Schwerpunkts Unabhängig, weiblich, stark zeigt: Gilda und Die Lady von Schanghai. Kein Weltkino, aber zeitlos lustig ist der Ruhrpott-Klamauk Bang Boom Bang (Samstag, 20.15 Uhr, SRTL) mit Oliver Korittke als Kleinganove im aberwitzigsten Raubzug der Komödiengeschichte von 1999. Der Tatort-Tipp ist dieses Mal eine Erstausstrahlung: Eva Löbau und Hans-Joachim Wagner sind im Schwarzwald-Fall Für immer und dich schlicht zu grandios für eine Gebrauchtwarenempfehlung.


Káryyyn, Louis Jucker, Quentin Sauvé

Káryyyn

Wenn einer Musik die innere Zerrissenheit der Komponistin anzuhören ist, ohne melodramatisch zu sein, muss schon etwas dran sein an dieser Wirrnis. Die Kalifornierin KÁRYYYN mit drei Y in Großbuchstaben und Wurzeln in Syrien, war nach einer Reise ins Heimatland ihrer Ahnen innerlich so zerrissen, dass sie nach der Sterbebegleitung zweier Familienmitglieder im schwer umkämpften Aleppo förmlich in Fetzen lag. Umso verblüffender ist es da, wie akkurat dieser Scherbenhaufen nach Káryyyns Umzug übers Cherry Valley nach Berlin vor zwei Jahren plötzlich klingt.

Ihr irritierend schönes Debütalbum The Quanta Series, das sie dort mit Frank Wiedemann produziert hat, ist ein so aufgeräumtes Durcheinander elektronischen Dreampops, dass man sich glatt darin verlieren könnte – wäre das scheinbare Chaos verhallender Flächen und sägender Samples nicht viel zu aufregend, um sich vollends fallen zu lassen. Ein bisschen wie einst Kate Bush auf einer Überdosis David Lynch reist Káryyyn durch ihr verborgenes Selbst und hilft uns mit elf verschroben disharmonischen Traumabewältigungen dabei, ins eigene vorzudringen. Und das ist ebenso tröstlich wie aufwühlend.

KÁRYYYN – The Quanta Series (PIAS)

Louis Jucker

Und weil ohnehin nichts langweiliger ist als die Gewohnheit entlang begradigter Asphaltstraßen, feiern wir hier gleich mal den nächsten großen Wurf kakophonischer Schönheit. Der Deutsch-Schweizer Louis Jucker, ehemals Schlagzeuger der Mathrock-Band The Ocean, hat sich dem Vernehmen nach in eine Hütte am Nordrand der norwegischen Zivilisation begeben und dort im Alleingang sein fünftes Solo-Album aufgenommen, das unglaublicherweise noch ein bisschen unzugänglicher ist als alle vorigen dieses Popzerstörers.

Denn Kråkeslottet  wie der Untertitel The Crow’s Castle im ortsüblichen Idiom heißt, klingt in der Tat wie Musik aus dem Krähenschloss. Mit unfassbar viel Gefühl fürs Unerwartbare, verknüpft Jucker seine Field Recordings mit folkloristischen Instrumenten bis hin zur skandinavischen Zither zu einer poetischen Sinfonie, über die sich sein zurückgenommenes Gitarrenspiel ebenso wie der blechern verhallende Gesang wie eine warme Decke im polaren Winter legt. Das ist fast immer zutiefst ergreifend und dennoch robust genug, um weiterhin als Alternative durchzugehen.

Louis Jucker – Kråkeslottet (The Crow’s Castle) (Hummus Records)

Quentin Sauvé

Ach, weißer Mann, du arme Wurst. Wenn dir weiße Frauen nicht grad die jahrtausendealte Alleinherrschaft mit so was Dreistem wie Gleichberechtigung oder dem Wunsch nach körperlicher Unversehrtheit vermiesen, stellst du dich gern mal mit deiner allein Gitarre an den Rand riesiger Bühnen und singst davon, als Eremit deiner Gefühle vom Meer des Kummers umgeben zu sein und Einsamkeit zu trinken, bis du ersäufst in dieser Sackgasse. Auch Quentin Sauvé berichtet im Opener seines Debütalbums aus einer Dead End, die ihn zum Wahnsinn treibt, und man denkt instinktiv: herrje, noch so ein larmoyanter weißer Folkpoet. Wie Instinkte doch täuschen können!

Denn so viel er seinen Weltschmerz auch mit Leichenbitterstimmte intoniert: Whatever It Takes ist ein Werk von hinreißend glaubhafter Emotionalität. Und die zerfließt allein schon schon deshalb nicht im Selbstmitleid, weil der 30-jährige Franzose sie wie zuvor in seiner Hardcore-Band Birds in Row begleitet nur von dieser unverzerrt schrillen Gitarre und ein paar Effektgeräten zersägt, als sei er die Wiedergeburt des wesensverwandten Billy Bragg und seiner gefühligen Wut aufs Schweinesystem. Im neunten Stück Disapper zum Beispiel begleitet sie den herzzerreißenden Gesang nicht, sie schreddert ihn in einer noisigen Kakophonie. Nur: das klingt weder aggressiv noch pathetisch, sondern einfach nur traumhaft trotzig und wunderschön.

Quentin Sauvé – Whatever It Takes (icorruptrecords)


Sprachgeschütze & Profitprüfer

Die Gebrauchtwoche

25. Februar – 4. März

Kultur, wer wüsste das besser als Linguisten, ist Sprache und Sprache Kultur. Da verwundert es wenig, dass die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling von der kalifornischen Berkeley University Worte findet, mit denen sich das Erste im Kampf um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wappnen sollte oder besser: mit welchen nicht. Auf 89 Seiten riet Wehling der ARD, populistische Wortgeschütze wie „Staatsfunk“ bis „Lügenpresse“ nicht dadurch aufzuwerten, dass man sie selber verwende. Gewiss, das Prinzip des Framing ist keinesfalls unumstritten. Noch unumstrittener jedoch ist, dass jemand, der von Lügenpresse faselt, damit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bekämpfen will. Das gilt dann natürlich auch für jene, die Wehlings Studie mit „Umerziehung“ à la Orwell kommentiern – obwohl das, um den Wettstreit der Wahrheitsfeinde nicht mitzuspielen, an dieser Stelle ja eigentlich gar nicht erwähnt werden sollte.

Aber wenn selbst die Bild mal wieder ihren Kampagnen-Journalismus aus der Epoche Kai Diekmanns betreibt… Was allerdings fraglos auch damit zu tun hat, dass die relativ moderate Ex-Chefredakteurin Tanit Koch vom absolut rauflustigen Kettenhund Julian Reichelt abgelöst wurde, der das Balkenblatt wieder gen Pegida rückt. Nachdem sie an dieser meterdicken Wand aus Testosteron, Moschus und Männerstolz abgeprallt ist, wechselt sie nun jedoch zur RTL-Gruppe und wird Geschäftsführerin des „Nachrichtensenders“ n-tv. Klingt nach gutem Kompromiss.

Derweil dreht das Personalkarussell auch anderswo, und gewiss nicht immer zum Besten der Sender. Thomas Hitzlsperger etwas verlässt „voller Dankbarkeit“, wie er es ausdrückt, die ARD zum VfB, womit dem Ersten fortan ein beispiellos kompetenter, vor allem: sympathischer Fußballexperte fehlt. Derweil kündigt der BR an, Hindafing fortzusetzen, was eine mindestens ebenso gute Nachricht ist, wie das geplante Sequel von Der Pass auf Sky, denn beides belegt eindrucksvoll, wie grandios deutsche Serien sind, wenn sie sich was trauen.

Die Frischwoche

5. – 11. März

Das hatte sich zweifellos auch ZDFneo vorgenommen, als man die Serie Dead End um Antje Traue als sperrige Forensikerin zu drehen begann. Morbide Leichenfledderei hatte schließlich auch bei Six Feet Under gut geklappt. Was Regisseur Christopher Schier aus dieser Vorlage am Standort brandenburgische Provinz macht, spottet den Vorbildern jedoch so sehr, dass man besser die DVDs der Originale aus dem Keller holt. Besser machen es mal wieder die Streamingdienste, namentlich: Sky. Dort startet am Freitag die deutsche Katastrophendystopie 8 Tage. So lange dauert es darin, bis ein Meteorit ebenfalls in Brandenburg die Erde trifft. Nach Peter Kocylas Idee machen die Regisseure Stefan Ruzkowitzky und Michael Kummenacher daraus ein starbesetztes Panoptikum menschlicher Überlebensstrategien zwischen Empathie und Anarchie, die das Publikum acht Teile in seinen Bann zieht. Richtig gelungen. Und mit einem Preis für die umweltschonende Dreharbeiten ausgezeichnet, was man ja auch mal erwähnen darf.

Viel zu selten erwähnt wird hingegen die Tatsache, wie die Welt so von vier Firmen unter sich aufgeteilt wird, dass ein Meteoriteneinschlag kaum verheerender sein könnte. Nachdem am Wochenende bereits die Süddeutsche große darüber berichtet hatte, klärt die Recherche-Gemeinschaft aus WDR und NDR heute um 22.45 Uhr im Ersten über Die unheimliche Macht der Berater auf. Sie heißen pwc, KPMG, Deloitte Ernst & Young und firmieren bei nahezu allen Konzernen und Regierungen als Wirtschaftsprüfer und -berater, was in etwa so ist, als würde ein Anwalt im Prozess auch Richter sein. Das macht diese vier Gesellschaften mithilfe der Bundesregierung und sämtlicher DAX-Unternehmen für nahezu alles mitverantwortlich, was Staat und Menschen in aller Welt für den Profit weniger spaltet.

Wiedervereint sind dagegen zweieinhalb Stunden früher im ZDF Petra Schmidt-Schaller und Ulrike C. Tscharre als Ex-Paar, das sich in Maris Pfeifers Psychokrimi Getrieben durch zwei Morde näherkommt und dabei entfremdet. Noch spannender wäre es aus indes gewesen, wenn das Zweite die Sendezeit mit dem Kleinen Fernsehspiel Onkel Wanja getauscht hätte, das vier Stunden später an gleicher Stelle läuft. Anna Martinetz verlegt Tschechows Gesellschaftsstück über die Frage nach Tun und Lassen vom Fin de Siècle in die krisenhafte Gegenwart und ersetzt Gutsbesitzer durch Finanzmarktjongleure. Gewagt, aber interessant. Ebenso interessant wie der Umstand, dass die Montagsfilme diesmal ganz in der Hand von Frauen sind – was gut zum Themenschwerpunkt Unabhängig, weiblich, stark passt, mit dem Arte ab Sonntag bemerkenswerte Frauen feiert.

Den Anfang macht Coco Chanel im Biopic Der Beginn einer Leidenschaft von 2009 mit Audrey Tautou als Modezarin, gefolgt vom Dokumentar-Porträt Die Revolution der Eleganz. Auf ganz andere Art stilsicher ist hingegen der unvergleichliche Humphrey Bogart in der schwarzweißen Wiederholung der Woche. Wie immer formvollendet nimmt die Hauptfigur des Krimidramas An einem Tag wie jeder andere (Montag, 22.05 Uhr, Arte) von 1955 eine gewöhnliche Familie als Geisel und stößt dabei selbst an seine Grenzen. Exakt 32 Jahre später kam vor 32 Jahren Brian De Palmas Mafia-Epos Die Unbestechlichen (Freitag, 22.25 Uhr, 3sat) mit Kevin Kostner und Sean Connery auf der Jagd nach Al Capone ins Kino. Erst 2015 landete dort Andreas Dresens fabelhafte Literaturverfilmung Als wir träumten (Sonntag, 23.35 Uhr, ARD) um ostdeutsche Jugendliche, die fatal an der Wiedervereinigung scheitern. Und aus demselben Jahr stammt auch der heutige Tatort: Grenzfall (22 Uhr, RBB), den Bibi und Moritz teilweise in Tschechien lösen.


Ove, Bilderbuch, Soybomb

Ove

Wer es versteht, das verflogene Lebensgefühl längst vergangener, wehmütig verklärter Zeiten in gute Musik zu verwandeln, also weder nach Eskapismus der Achtziger noch Hedonismus der Neunziger, sondern nostalgisch und zugleich gegenwärtig klingt, wer also Musik von gestern für heute macht und dabei ein bisschen auch das Morgen im Blick hat – der kriegt dafür wahlweise einen Plattenvertrag bei Tapete Records oder Lob vom Feuilleton, aber ganz selten beides. Zuletzt hatten das Moritz Krämer und Friedrich Sunlight geschafft, während die wunderbaren Theodor Shitstorm zwar auf anderem Label veröffentlichen, aber ähnlich liebenswert sind. Ist allerdings alles schon etwas her. Weshalb es schwer Zeit wird für: Ove.

Ove, Nachname Thomsen, ist ein Junge aus Ostfriesland, der mit vier Freunden Pop macht, der so verschroben nach Sandstrand mit Blick aufs Industriegebiet klingt, als träfen sich Bilderbuch an Manfred Krugs Grab zum Kiffen. Der Opener ihres 3. Albums etwa erzählt von Anders & Annegret Andersen, die umweht von karibischen Samples und fuzzigen Riffs Aale auf Amrum verkaufen. Und auch sonst geht es um Belanglosigkeiten von solch hinreißender Eleganz, dass die Frage kurz in den Hintergrund rückt, ob man jetzt nicht eigentlich gegen den Klimawandel aufstehen müsste. Muss man. Und mit Zeilen wie “Ich muss raus, raus, raus, raus / wie’n wackelnder Milchzahn” gibt Ove sogar das Kommando. Vorher aber tanken wir zehn Stücke Kraft mit Abruzzo, dann scheint am Horizont auch wieder die Sonne.

Ove – Abruzzo (Tapete)

Bilderbuch

Ach, und wo wir grad beim Thema sind: die Geistesverwandten der schmissigen Wahlhamburger sind auch wieder so aktiv geworden, wie es eskapistischer Hedonismus gerade noch so gestattet. Bilderbuch bringen die Fortsetzung ihres fünften Albums Mea Culpa mit dem unfassbar grandiosen Titel Vernissage my Heart heraus und vorweg: Es ist nicht ganz so unfassbar grandios wie fast alles, was die vier Anti-Stil-Ikonen aus Wien zuvor gemacht haben. Dass bereits aus dem allerersten, gitarrensoloumtosten, inhaltsleer gehaltvollen Hallgesang von Maurice Ernst allerdings mehr Funken und Esprit strömen als sich in den weltweiten Charts derzeit zusammen findet, spricht da umso mehr für Bilderburch.

Einen Stil dafür zu benennen, fällt besonders am österreichischen Standort des musikalischen Aberwitzes wie immer schwer. Alles steckt darin und nichts, Heavy Rock und French-House, Schlager und Punk, Electronica und viel Funk natürlich, Achtziger und Siebziger, Neunziger und irgendwie auch längst die 2020er, aber alles so feindosiert aufgeblasen, dass jede Festlegung ein Vergehen am bedingungslosen Willen zum Mash-up wäre. Denn wenn vollsynthetische Fanfaren durch Mr. Supercool fegen und Prince-Gitarren über den Titeltrack, dann wissen wir: die wollen, die können, die machen alles so durcheinander, dass der Begriff “Struktur” einer neuen Definition bedarf. Sie heißt Bilderbuch.

Bilderbuch – Vernissage My Heart (Maschin Records)

Soybomb

Und die gute Nachricht gleich hinten dran: Bilderbuch, Ove, Friedrich Sunlight oder Manfred Krug R.I.P. und wie die futuristischen Nostalgiker des Pop alle heißen, sie sind nicht allein. Immer wieder blitzt etwas Neues auf im expandierenden Kosmos glamouröser Unterhaltungsmusik. Sterne zum Beispiel wie Soybomb. Die drei Schweizer, angeblich ausnahmsweise mal nicht in den bekannten Großstädten von Zürich bis Bern zuhause, sondern eher alpin umhügelt und ländlich, sie machen keyboardunterwanderten Balladenpop mit einer Lässigkeit, die jedes Felsmassiv ringsum zum Bröseln bringt. Ihr Debüt-Album Jonglage ist demnach die Platte der Woche.

Allein schon das mittige Soy el Bombo del Alma – Orchesterpunk mit so viel Witz und Leichtigkeit im Durcheinander, dass man beim Hören so aufgewühlt wird wie durch enodorphinaktive Partydrogen. Oder wahlweise dahin schmilzt wie das Softeis, mit dem sich das Trio im fantastischen Video zu Someone’s Got the Best of Me im Sommer auf einem Jahrmarkt stellt. Nichts an diesem Debüt ist dringlich, weil alles halt einfach so dahinfließt. Dennoch steckt darin der Kern einer spätjugendlichen Befreiungsstrategie, die in der vermeintlichen Substanzlosigkeit Erlösung sucht – und findet. Zum eigenen Nutzen – und unserem. Anhören, mittanzen, wegdösen, aufwachen, weitermachen. Das kann nur Pop, der den Moment feiert.

Soybomb – Jonglage (recordJet)


Charité: Dorothee Schön & Thor-Wiedemann

Zwei-Personen-Writers-Room

Nach dem Erfolg der 1. Staffel, verlagern Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann (Foto: Ufa) die ARD-Serie Charité ab heute (19. Januar, 20.15 Uhr) von 1888 ans Ende des 2. Weltkriegs. Ein vorab bei DWDL erschienenes Interview mit den Autorinnen über sympathische Nazis, Professor Sauerbruch, weibliche Filmteams und welche Ärztin für Staffel 3 in Frage kommt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Schön, Frau Thor-Wiedemann, wenn Filme früher im Nationalsozialismus gespielt haben, gab es unter aufrechten Normalbürgern maximal zwei, drei echte Nazis. In der 2. Staffel Charité sind es nicht nur mehr, sondern teils echte Sympathieträger.

Sabine Thor-Wiedemann: Aber ihre Weltanschauung wie die der anfangs überzeugten Nationalsozialistin Anni ist ja keineswegs sympathisch. Wer Nazis nur als eindimensionale Unmenschen zeigt, macht es sich zu leicht.

Dorothee Schön: Edle Widerstandskämpfer gegen fiese Nazis – eine solche Erzählung birgt die Gefahr, stereotyp zu sein.

Thor-Wiedemann: Und wie das System von ganz gewöhnlichen Menschen getragen wurde, ist eine Realität, die das Fernsehen inzwischen durchaus differenziert erzählen kann. Was uns daran interessiert, ist der Entwicklungsprozess unserer oft jungen Figuren. Den macht jede in den sechs Folgen durch – zum Guten wie zum Schlechten.

Schön: Im Krieg haben die Menschen zuallererst damit gekämpft, ihren Alltag zu bewältigen. Die überwiegende Mehrheit hatte weder den Willen zum Heldentum noch zur Täterschaft.

Aber das war vor 15 Jahren ja nicht anders, als Täter in Die Flucht oder Dresden vor lauter Opfern die Ausnahme blieben. Gibt es einen Bewusstseinswandel, der sich auch in der Fiktionalisierung des NS ausdrückt?

Schön: Heute interessieren uns mehr die Grautöne, weniger das Schwarzweiße. Dafür ist Ferdinand Sauerbruch ein gutes Beispiel. 1954 war er Held eines Kinofilms, der ihn erfolgreich als väterlichen Halbgott in Weiß zeichnet – unberührt vom Dritten Reich. Verdrängung war den Deutschen damals ein kollektives Bedürfnis.

Thor-Wiedemann: Weil die Schuld damals auf möglichst wenige Schultern verteilt werden sollte, war die Mehrheit der Figuren im Film hochanständig.

Schön: Erst seit den Sechzigern hat man diese Art Schuldverteilung hinterfragt, doch irgendwann ist das Pendel in Belastungseifer umgeschlagen. So wie man anfangs nur das Gute in Sauerbruch gesehen hatte, wollte man plötzlich nur noch das Schlechte sehen. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

Was in Charité allerdings dahingehend kippt, dass er weniger als regimetreuer Opportunist, sondern zweifelnder Moralist dargestellt wird.

Thor-Wiedemann: Die Serie spielt nach 1943, als Sauerbruch innerlich längst mit dem Regime gebrochen hatte. Als Deutschnationaler hatte er deren Machtübernahme 1933 zwar in einem offenen Brief begrüßt; anders als 45 Prozent der Ärzteschaft war er aber nie Parteimitglied. Als ihm bewusst wurde, was mit den Juden geschieht, hat er dagegen opponiert, ebenso gegen die systematische Tötung Behinderter. Mit den Attentätern des 20. Juli war er befreundet, seine Familie entsprechend gefährdet. Wahr ist aber auch, dass die Ehrungen und Ämter, die ihm die Nazis verliehen haben, seiner Eitelkeit schmeichelten.

Schön: Da wir es uns mit der Ambivalenz dieser Figur nie leicht gemacht haben, fordern wir auch das Publikum dazu heraus abzuwägen – etwa durch Oberarzt Adolphe Jung, der Sauerbruch im 2. Teil stellt all jene kritischen Fragen zum Regime stellt, für die er sich auch später rechtfertigen muss.

Thor-Wiedemann: Sauerbruch war ein echtes Alphatier, das sich gern mit Orden und Titeln geschmückt und es genossen hat, ein weltbekannter medizinischer Star zu sein.

Schön: Aber er hatte eben auch andere Seiten: Mut, Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Patienten, egal wer sie waren. All dies ist Teil der Serie.

Haben Sie sich die Arbeit daran insofern geteilt, als Frau Schön fürs Historische zuständig war, weil Ihnen die medizinische Expertise von Frau Thor-Wiedemann fehlt?

Schön: Die hab ich leider nicht, aber weil wir alles zusammen entwickelt haben, bin ich eine Art Medizinerin honoris causa (lacht). Und weil mein Französisch zu schlecht ist, hat Sabine im Alleingang die Geschichte von Professor Jung im Elsass recherchiert.

Thor-Wiedemann: Wir waren ein Zwei-Personen-Writers-Room.

Welches Narrativ spielt darin die Hauptrolle: das medizinische, menschliche oder politische?

Schön: Das kann man nicht trennen. Die Charité mitten in Berlin kann man nicht ohne Politik erzählen und Medizingeschichte nicht ohne Menschen.

Thor-Wiedemann: Rudolf Virchow sagte sinngemäß, Politik sei Medizin im Großen. Das durchzieht auch die Serie.

Schön: Oberflächlich mag ein Blinddarm in jeder Epoche ein Blinddarm sein, tiefgründiger betrachtet entzündet er sich auch durch die Lebensbedingungen der jeweiligen Zeit. Die Geschichten unserer Protagonisten spielen nicht einfach vor beliebiger historischer Tapete. Die sozialen und politischen Zustände prägen jede Figur.

Spielt die Liebe deshalb in den ersten zwei Folgen eine eher untergeordnete Rolle?

Schön: Das kommt noch, keine Sorge!

Thor-Wiedemann: Und wir erzählen dazu noch eine sehr starke Geschwistergeschichte, die ja am Ende auch mit Familie und Zuneigung in der jeweiligen Zeit zu tun hat.

Warum schließt diese Zeit eigentlich nicht unmittelbar ans Geschehen der ersten Staffel Ende des 19. Jahrhunderts an?

Schön: Virchow, Koch, Behring, Ehrlich aber auch erfundene Figuren wie Ida, Hedwig, Oberin Martha und Therese haben allesamt die Klinik verlassen oder sind tot. Wir hätten uns also fragen müssen, wie man mit neuem, erfundenem Personal nahtlos ans alte anschließt und andere Themen erzählt. Nochmals Kaiser, Burschen, Nobelpreisträger, Diakonissen? Das wäre redundant geworden…

Durch den Sprung ins Jahr 1943 denkt man dagegen: och nö, schon wieder Nazis…

Thor-Wiedemann: Wir sind überzeugt, im Bereich Medizin Aspekte dieser Zeit zu erzählen, die einem breiten Publikum bisher nicht bekannt sind.

Schön: Und zwischen den Nobelpreisträgern 1888 und Sauerbruch zur NS-Zeit gibt es keine Mediziner an der Charité, die so bekannte Namen tragen. Die Redaktion wollte dem Erzählprinzip der ersten Staffel, berühmte historische Figuren mit erfundenen Figuren zu kombinieren, aber treu bleiben nach dem sensationellen Quotenerfolg.

Thor-Wiedemann: Wir hatten auf fünf Millionen Zuschauer gehofft. Mit durchschnittlich siebeneinhalb Millionen hat niemand gerechnet.

Schön: Wer das geahnt hätte, hätte vielleicht den Mut gehabt, mit kleinerem Zeitsprung jenseits großer Namen weiter zu erzählen. Aber wer sagt denn, dass man die Serie chronologisch entwickeln muss? Die Charité ist 309 Jahre alt; da ist von Friedrich dem Großen über die Napoleonischen Kriege bis in die Charité anno 2080 jeder Zeitsprung möglich.

Bleiben Sie dem Projekt denn in jeder Epoche als Zwei-Personen-Writers-Room erhalten?

Thor-Wiedemann & Schön: Leider nein.

Gab es Überlegungen, das Buch zweier Frauen von einer Regisseurin drehen zu lassen?

Schön: Von uns aus spräche nichts dagegen, aber für diese Staffel war Anno Saul von Beginn an unser Wunschregisseur. Er hat ein großartiges Gespür für Grautöne der Geschichte, und als Arztsohn bringt er Verständnis für medizinische Fragen mit. Die Zusammenarbeit hat großen Spaß gemacht.

Thor-Wiedemann: Und er war von Anfang an Feuer und Flamme für unsere Bücher. Bessere Voraussetzungen gibt es kaum, unabhängig vom Geschlecht.

Schön: Andererseits haben mich die Zahlen der MaLisa-Stiftung über weibliche Unterrepräsentation in der Branche schon erschreckt. Auch ich saß ja in meiner Bubble und dachte, alles sei doch auf bestem Wege. Wenn man dann liest, dass Frauen seit langem 50 Prozent der Studierenden an den Filmhochschulen ausmachen, aber nur 15 Prozent der Regie- und Buchaufträge bekommen, ist noch viel zu tun. Das heißt nicht, dass ich einen hervorragenden Regisseur wie Anno nicht will, weil er ein Mann ist. Aber es gibt eben auch talentierte Frauen, die nicht zum Zuge kommen. Deshalb unterstütze ich ProQuoteFilm. Wir müssen uns alle selbst fragen, inwiefern wir Teil des Problems oder der Lösung sind.

Und die Antwort?

Schön: Wir alle reproduzieren unbewusst Stereotype. Beim Stichwort „Chef“ denkt jeder an einen weißen älteren Mann, nicht an eine junge schwarze Frau. Ich habe zum Beispiel früher in meinen Tatort-Büchern meist intuitiv von „Arzt“ und „Krankenschwester“ geschrieben, die der Kommissar im Krankenhaus befragt – keine Ärztin, kein Krankenpfleger. Von meiner Tochter, selbst Ärztin, weiß ich, dass das Geschlechterverhältnis in der Ärzteschaft vieler Kliniken mittlerweile ausgeglichen ist. Die Darstellung im Fernsehen hinkt in vielen Bereichen der Realität hinterher.

Thor-Wiedemann: Ziel sollte sein, dass Filme mit einer gewissen Beiläufigkeit eine größere Bandbreite an Rollenmöglichkeiten abbilden und nicht immer Stereotypen reproduzieren, die längst überholt sind.

Schön: Als der BR Ende der Achtziger den Nachfolger vom Tatort-Kommissar Sedlmayr suchte, hab ich ein Team aus altem Grantler und junger Kollegin vorgeschlagen. Der Fernsehspielchef meinte nur: Eine Frau als Kommissarin? In Bayern? Für unser Publikum unvorstellbar! Als bald nach Ulrike Folkerts eine Kommissarin nach der anderen kam, dachte ich, jetzt muss man langsam um die Männer fürchten. Doch dann habe ich mal durchgezählt und siehe da: Der Frauenanteil lag nie über einem Drittel! Das gab mir zu denken.

Welcher reale Charité-Akteur jenseits vom sozialen und geschlechtlichen Mainstream eignet sich daher theoretisch für eine Fortsetzung?

Schön: Etwa die Jüdin Rahel Hirsch. Als erste Professorin bekam sie in den Zwanzigern nur unter der Bedingung einen Lehrstuhl, dass sie auf Honorar verzichtet. Sie lebte von ihren Privatpatienten.

Thor-Wiedemann: Oder Ingeborg Rapoport, die als jüdische Kommunistin erst vor den Nazis in die USA geflohen war, dann vor McCarthy in die DDR. Spannende Frauenfiguren gibt es also.


Personalkarussell & Kliniknazis

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. Februar

Die marktbeherrschende Stellung von Netflix lässt sich unabhängig davon, ob der Streamingdienst je schwarze Zahlen schreibt, mittlerweile gut beziffern. Mindestens 15 Milliarden Dollar Umsatz bei einem zehnmal höheren Börsenwert sind noch einschüchternder als weltweit 139 Millionen zahlende Kunden, von denen – ließ der Konzern erstmals verlauten – gut jeder Dritte die Psychothriller-Serie You eingeschaltet hat. Gut, ob zehn Sekunden oder alle zehn Teile: darüber hüllt sich Reed Hastings weiter in Stillschweigen. Aber dass er mit dem sperrigem Afrika-Porträt The Boy Who Harnessed the World die Berlinale entzückt und zugleich verkündet hat, anstelle von HBO Breaking Bad fortzusetzen, sollte der Konkurrenz durchaus Sorge bereiten.

Einer Konkurrenz übrigens, die den Zuwachs beworbener Erfindungen in der zweiten Staffel von Das Ding des Jahres ab Dienstag auf zehn so irre findet, dass Pro7 es in einer mehrwöchigen Plakat-Kampagne feiert. Beim anderen Konkurrenten RTL rotiert derweil das Personalkarussell. Während der langjährige Unterhaltungschef Tom Sänger die Sendergruppe aus bislang ungeklärtem Grund verlässt, wechselt Vox-Chefredakteur Kai Sturm zum Mutterkanal und wird Marcel Amruschkewitz ersetzt, an dessen Seite mit Kirsten Petersen künftig sogar eine Frau sitzt, während Oliver Schablitzki neben Nitro demnächst auch noch RTLplus verantwortet.

Im Ersten dagegen bleibt alles beim Alten: Der fraglos wichtigste Abnehmer und Lieferant für Sachfilme jeder Art, feierte sich vorigen Dienstag wie jedes Jahr während der Berlinale im prunkvollen Meistersaal selbst. Diesmal erlebten die Top of the Docs allerdings ein paar Misstöne. Der preisgekrönte Regisseur Arne Birkenstock attestierte der ARD zwar, „mit uns die besten Dokumentarfilme der Welt“ zu machen, fragte aber mit fröhlichem Zorn, warum das Erste seinen Markenkern ständig im Nachtprogramm verstecke. Tja. Da klang selbst das Lachen des Programmdirektors ein wenig schuldbewusst.

Die Frischwoche

18. – 24. Februar

Der nämlich setzt zur besten Sendezeit lieber auf opulentes Historytainment wie Charité, statt dem Nonfiktionalen wie einstige Vorgänger regelmäßige Anstoßzeiten um 20.15 Uhr zu gewähren. Dabei ist die zweite Staffel der Klinik-Serie keinesfalls so seicht wie die erste. Kurz vorm Ende des Zweiten Weltkriegs gönnen die Autorinnen Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann ihren Hauptfiguren nämlich einen Eigensinn, der nicht nur im Dreikaiserjahr 1888 zuvor fehlte, sondern generell, sobald es um Spielfilm-Faschisten geht. Anders als üblich besteht das wichtigste Liebespaar in Charité 2 aus arischen Vorzeige-Nazis, die wie der anfängliche Hitler-Fan Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen) erst im Laufe der sechs Teile Zweifel an Führer und Endsieg kriegen.

Auch das ZDF hat Besonderes im Angebot. Der Zweiteiler Walpurgisnacht erzählt heute und Mittwoch eine deutsch-deutsche Mordermittlung im Ost-Harz vorm Mauerfall. Mit einem – gähn – Ritualkiller als Handlungsfaden macht er atmosphärisch zwar oft zu dick auf Mystery-Hose, erzählt dabei aber auch einiges über zwei Bürokratien vorm politischen Wendepunkt und wartet überdies mit einem echt schicken Finale auf. Weil sogar der auserzählte Matthias Koeberlin ab Donnerstag als ARD-Privatdetektiv Hartwig Seeler zumindest nicht nervt und der schwedische ZDF-Import Hanna Svensson (Marie Richardson) fünf Sonntage um 22 Uhr überzeugt, belegen die Öffentlich-Rechtlichen wenigstens im Kerngeschäft Krimi Kompetenz.

Das Highlight der Woche läuft dann aber doch da, wo man es nicht erwartet: die RTL-Plattform TVNow zeigt ab Freitag ihr Remake von Fritz Langs Ufa-Legende M – Eine Stadt sucht einen Mörder. Davon abgesehen, dass David Schalko mit Lars Eidinger, Sophie Rois, Moritz Bleibtreu, Brigitte Hobmeier oder Udo Kier ein grandioses Ensemble beisammen hat, bietet sein eigenes Drehbuch die famose Idee, den Kindsmörder nicht wie einst im Zwischenkriegs-Berlin nur von Polizei und Unterwelt jagen zu lassen, sondern zudem einem rechtsradikalen Innenminister, wie er auch jetzt grad in Österreichs Regierung sitzt.

Das Original Herbert Kickl dürfte übrigens von einem Freikorps wie OMON träumen, mit dem der russische Präsident im Filmporträt Putins Männer fürs Grobe (Mittwoch, 21 Uhr, Info) Regimegegner niederknüppelt. Noch ‘ne Doku: Queercore geht Freitag (23.25 Uhr) auf Arte der homosexuellen Seite des Punk auf den Grund. Zwei Tage später zeigt Pro7 – als Vorspiel zur Oscar-Verleihung live ab Mitternacht – den Abräumer 2017 La La Land. Womit wir bei den Wiederholungen der Woche sind. Heute um 20.15 Uhr: Claude Chabrols mörderische Amour Fou Der Schlachter von 1969. Fast 40 Jahre älter, also schwarzweiß ist Kästners Emil und die Detektive (Donnerstag, 0.00 Uhr, MDR). Und als Tatort-Tipp tauglich Bienzle und der Traum vom Glück (Mittwoch, 22 Uhr, SWR), ein Fall von illegaler Müllentsorgung der Neunziger.


Rina Mushonga, Charlotte Brandi, Disarstar

Rina Mushonga

Was guten Pop ausmacht, also solchen, der einen nicht so mit schlechtem Geschmack unterwandert, dass man Scheiße für Schokopudding hält? Wer eine Antwort auf diese Fragen aller Musikfragen hat, könnte damit womöglich einen nicht unerheblichen Teil der Welt beherrschen, aber auf eins können sich vermutlich viele einigen: Guter Pop vereint alles mit einer Selbstverständlichkeit in sich, dass nichts darin die Oberhand gewinnt. Auf dem steinigen Weg dorthin hilft es da natürlich sehr, wenn man möglichst vieles in sich trägt. Zum Beispiel Kulturkreise. Rina Mushonga etwa hat vor ihrem Umzug nach London bereits in Holland, Zimbabwe, Indien gelebt, und das spürt man auch auf ihrer neuen Platte.

Nur: Sie macht bloß nicht so viel Wind darum! Fünf Jahre nach ihrem Debütalbum The Wild, The Wilderness nämlich klingt der Nachfolger In A Galaxy noch mehr nach kosmopolitischem Eklektizismus, der nicht überwältigen oder mit Weltgewandtheit prahlen, sondern einfach alles zeigen will, was in ihr und den Wurzeln dahinter steckt. Inspiriert durch Ovids Metamorphoses klingt das Ergebnis manchmal zwar etwas süffig, fast italopoppig in englischer Sprache. Aber wenn Rinas Stimme blechern aus dem Hallraum elektronischer Geigen und Samples durchdringt, wirkt alle Zerrüttung des Planeten für einen Moment irgendwie lösbar.

Rina Mushonga – In A Galaxy (PIAS)

Charlotte Brandi

Auch Pop, nicht annähernd so weit herum gekommen, aber auf seine Art auch sehr angenehm unaufdringlich stammt von Charlotte Brandi aus Dortmund. Schon als Sängerin, Gitarristin, Keyboarderin, also – wie man so sagt: Kopf des Indie-Duos Me And My Drummer betörte sie eine Weile durch gediegenen Pop mit selbstbewusst eigensinniger Stimme. Nach dem Umzug Richtung Berlin veröffentlicht sie nun ihr Solo-Debüt. Und das darf man sich gern mal von Anfang bis Ende durchhören. Erst so kommt ihr vierköpfiges Minimal-Orchester schließlich voll zur Geltung.

Im einzelnen ein bisschen wächsern, um haften zu bleiben, schaffen es die elf Stücke auf – leider, muss man angesichts ihres hörbar deutschen Zungenschlags sagen – Englisch, eine Stimmung zu erzeugen, die wirklich wunderbar zwischen analogen Siebzigern und digitaler Gegenwart wandelt. Mit Flöten und Geigen und Chorälen und ihrem autodidaktisch kreierten Klavier hört man The Magician ihren Hang zum Pathos an, der sich zum Glück nicht allzu ernst nimmt. So klingt die Platte ein bisschen, als würden sich The Last Shaddow Puppets mit Beyoncé Knowles in der Pianobar eines uralten Ausflugsdampfers auftreten, als die meisten Gäste schon schlafen.

Charlotte Brandi – The Magician (PIAS)

Hype der Woche

Disarstar

Im HipHop ist bekanntlich immer viel von Realness die Rede, mit der neben Glaubwürdigkeit immer auch Prinzipientreue gemeint ist. Einmal Gangsta, immer Gangsta, Respect Digga! So gesehen hat Gerrit Falius einen der bemerkenswertesten Wandlungsprozesse im deutschsprachigen Rap durchgemacht. Als er der Hamburger vor fünf Jahren von der Straße ins Studio wechselte und vom Freestyle zur Produktion, war er noch ein Kleinkrimineller mit gutem Flow, aber fatalem Hang zur Gewalt. Seit er seinem Sprechgesang als Disarstar musikalisch Struktur verliehen hat, wechselten aber auch die Inhalte von Selbstbeweihräucherungen zu einer fast philosophischen Sinnsuche, die bereits auf dem zweiten Album Minus x Minus = Plus prägte. Sein drittes Bohemien (Warner) wird nun sogar richtig politisch, wenn es Neoliberalismus und Rechtsruck kommentiert, aber auch jene Konsumgesellschaft, der er selbst lang huldigte. Klanglich oft reduziert und angenehm trapfrei, sind Zeilen wie “Alle wollen ein Haus am See, Kohle und gut aussehen / ich brauch nur Nikes und McDonalds” von so doppelbödiger Lust am Diskurs, dass Disarstar den Gangsta gern noch viel, viel weiter hinter sich lassen darf.

 


Tim Mälzer: Halligalli & Alltagsküche

Ich bin eher der Rammstein-Typ

Gut 15 Jahre nach Schmeckt nicht, gibt’s nicht! kehrt Tim Mälzer zur Alltagskost am Bildschirm zurück. Für seinen Magazin-Ableger essen + trinken. Für jeden Tag lässt der Hamburger seit kurzem auf RTLplus allerdings andere kochen. Ein Gespräch über Chichi-Küche und Halligalli-Kochen, ob er aus dem Hintergrund vor die Kamera tritt und was TV-Köche mit Pornografie zu tun haben.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Tim Mälzer, war es Zufall, dass Schmeckt nicht, gibt’s nicht und Essen & Trinken für jeden Tag vor gut 15 Jahren praktisch zeitgleich entstanden sind?

Tim Mälzer: Überhaupt nicht, wir haben beides parallel entwickelt. Ich weiß gar nicht mehr, was zuerst da war, glaube aber, dass die Initiative zur Zusammenarbeit von mir ausging. Eine eigene Redaktion neben der Muttermarke hatte essen & trinken für jeden Tag da noch nicht. Leider bin ich als Ideengeber ganz passabel, aber als Rezeptschreiber beschissen und brauchte daher einen Unterbau. Herausgekommen ist eine der besten Medienkooperationen, die ich mir vorstellen kann. Unser gegenseitiges Verständnis ist blind, ohne die Kritikfähigkeit zu verlieren.

Und was gab es nun zuerst – den Fernsehkoch oder den Kochmagazin-Macher Mälzer?

Ich war auch vorher schon am Bildschirm zu sehen, das Kochheft kam dann dazu. Und beides war unbedingt nötig. Denn die Fernsehküche war damals vor allem Trüffel hier und Filet dort, alles gehoben, wenig für den Hausgebrauch. Ohne die Kolleginnen und Kollegen im gehobenen Segment verächtlich zu machen, ging es bei uns endlich konsequent um den Alltag. Heute ist das absolut etabliert.

Schließt sich demnach ein Kreis, wenn Sie elf Jahre nach Schmeckt nicht, gibt’s nicht mit einer alltäglichen Küchenshow auf den Bildschirm zurückkehren?

Kann man so sagen. Neben all dem Halligalli, der andauernd ums Kochen gemacht wird, bedarf es einfach mal wieder unterhaltsamer, am Ende aber banaler Informationen um die richtige Zubereitung von Essen. Dafür ließ Kitchen Impossible bislang einfach keinen Raum. Den nehme ich mir jetzt. Dennoch bleibt mein Restaurant weiter ungemein wichtig für mich, weil es mir zeigt, dass ich noch einen echten Beruf habe.

Woran zeigt sich das?

Ich komm da manchmal aus der Schampuswelt rein und muss mich darum kümmern, dass das Klo verstopft ist, eine Mitarbeiterin Liebeskummer hat oder sich jemand beschwert, weil das Rinderfilet drei Grad zu kalt ist. Das holt mich ebenso auf den Boden zurück wie eine tägliche Kochsendung. Ohne sowas würde ich mich in der Medienwelt völlig verlieren.

Trotzdem bleiben Sie bei essen + trinken. Für jeden Tag im Hintergrund. Hatten Sie keinen Bedarf, vor die Kamera zu gehen?

Ich hab immer das Bedürfnis, vor die Kamera zu gehen, aber dazu bin ich zeitlich im Moment nicht in der Lage. Und am Ende fehlt auch mir die Kreativität, in 500 Sendungen 500 Gerichte vorzustellen. Ich will neben dem Beruf ja auch noch was erleben.

Könnte es dennoch sein, dass Sie mal aufpoppen im Format?

Das kann sogar gut sein, auch wenn da nichts geplant ist. Ich hab‘ Bock auf Fernsehen, mache mit Kitchen Impossible aber ja schon das geilste Kochformat, das ich je gemacht habe und vermutlich je machen werde. Diese Kreativität, diese Vielfalt, diese Produktion, diese Musik, dieses Storytelling, diese Geschichten, diese Liebe zum Detail, aber auch diese Bereitschaft, lustvoll zu scheitern – alles einmalig.

Lustvoll zu scheitern?

Es gab kürzlich eine Sendung, in der ich amtlich verkackt habe und drei Stunden paralysiert war – was die Kamera auch volle drei Stunden gefilmt hat, um genau jenen Moment zu erwischen, an dem ich diesen Kokon wieder verlasse. Das hätte auch noch sechs Stunden dauern können, das Team versteht sich da fast als Tierfilmer, die tagelang auf der Lauer liegen, bis die Schlange die Maus frisst. Da merkt man: wir alle nehmen das Thema gleich ernst.

Wie erklären Sie sich, dass dieses eigentlich sehr gewöhnliche Thema Kochen seit mittlerweile mehr als 15 Jahren zum absoluten Zugpferd der Fernsehunterhaltung zählt?

Ach, das ist wie Fußball oder Pornografie – man hat doch auch da schon tausendmal gesehen, wie irgendwas irgendwo versenkt wird, trotzdem gucken die Leute weiter. Kochen ist Alltag, Kochen ist Unterhaltung, Kochen ist schön. Wobei es genügend Leute gibt, die meine Fresse und die vieler Kollegen nach 15 Jahren nicht mehr sehen können. Wichtig ist, dass wir die Formate und damit uns selbst weiterentwickeln.

Was bei Ihnen heißt?

Privat bin ich mir treu geblieben, aber am Bildschirm habe ich vom lauten Larry zum ruhigen Familienmensch mehrere Persönlichkeitsentwicklungen vollzogen. Auch weil ich bestimmte Stresssituationen zu bewältigen hatte.

Ihr Burnout.

Genau. Aber als Pinneberger war ich schon immer geerdet, da gab es kein Abheben, keinen Höhenflug, ich bin wie ich bin und hatte immer ein festes Fundament.

Weil Sie auf sich selbst hören oder ihr Umfeld?

Auf beide. Aber wesentlicher als jeder Ratgeber ist meine Antenne. Die funktioniert meistens sehr gut und lässt mich zufrieden auf mein Leben blicken.

Mündet diese Zufriedenheit manchmal gar in Stolz auf das, was Sie einst in der Medienlandschaft ausgelöst haben?

Ach, stolz war ich eigentlich nur einmal. In England, wo ich nach der Ausbildung gearbeitet und mit sehr viel Arbeit sehr einsam sehr wenig Geld verdient habe. Als wir im Rahmen von Kitchen Impossible dort waren, hab‘ ich einen Abstecher ins alte Restaurant gemacht und mich in den Hinterhof gestellt, wo die Bahn so vorbeirattert. Da hatte ich plötzlich dieses Gefühl, es von dort aus zur Marke Mälzer geschafft zu haben. Das war schon Stolz, aber eher, es durch alle Höhen und Tiefen dorthin geschafft zu haben, wo ich machen kann, was ich will und nicht, was mir  ein anderer sagt.

Und bezogen auf die Fernsehkochbranche?

Höre ich seit fast 15 Jahren, dass sich das ja bald mal totgelaufen haben müsste. Ist aber nicht so, die Leute gucken zu. Fertig. Kochen ist halt wie Musik: entweder man mag den Interpreten oder man mag ihn nicht. Und die meisten im Fernsehen werden gemocht.

Aber mögen die Zuschauer eher Köche oder deren Lieder. Anders gefragt: geht es um die Show oder das Kochen?

Wieder beides. Köche kommen wie Popstars über die Songs, aber eben auch die Performance. Und da liefern Rammstein oder Songwriter zwar unterschiedliche Shows ab, aber ohne geht es bei beiden nicht.

Sind Sie da eher der Rammstein- oder der Songwriter-Typ?

Schon eher Rammstein, aber mit besserem Text.

Waren Sie bei aller Show im Laufe Ihrer Karriere auch ein Pädagoge, der den Leuten das gute Essen für wenig Geld beibringen will?

Das versuchen wir immer mal wieder, aber ich kann mich selber nicht ernst nehmen, wenn ich missionarisch rüberkomme. Manchmal wird von mir mehr Tiefe gewünscht. Meine Position ist jedoch definitiv eher die des Entdeckers, besser noch: Katalysators, der Neuentdecktes ein bisschen verständlicher macht. Ich motiviere die Leute also lieber, Dinge selber zu finden, so wie das bei mir einst auch gelaufen ist.

Würden Sie im Rückblick sagen: mit maximalem Erfolg?

Na ja, ich war schon ein Talent, das mit etwas mehr Ehrgeiz auf dem harten Karriereweg zu einem der wirklich guten Köche hätte werden können. Das fand ich nur langweilig, und es hat mich auch nicht berührt. Berührt hat mich Jamie Oliver, der im gleichen Londoner Laden wie ich mit unglaublicher Lust am Suchen war. Aber als Anke Schäferkordt über mich gesagt hat, der Typ gehört nicht ins Fernsehen, sondern in den Knast, und ihr Redaktionsleiter Hans Demmel entgegnete, das stimmt, sofern er von dort eine Kochsendung macht, ging ich auf dem Fernsehweg Richtung Maximum.

Ein Maximum fürs Volk gewissermaßen, ohne Trüffel und Chichi?

Ach, es gibt in der Kulinarik so viele Blickwinkel aufs Gleiche. Zum Beispiel Rückwärtsgaren: Du kannst ein Stück Fleisch in Ofen schieben, dann anbraten, fertig. Du kannst es erst anbraten, dann in Ofen, fertig. Oder du machst es wie ich und brätst nur an, auch fertig, aber nicht besser oder schlechter, sondern meine Art. Wenn es funktioniert, hat jeder Koch recht. Meine Mission ist allenfalls: sammel Informationen und triff deine eigene Entscheidung. Ich gebe dazu nur die Impulse, entwickle mich aber auch ständig weiter.

Haben Sie bei dieser Art Hilfe zur Selbsthilfe eine Art umgekehrten Standesdünkel entwickelt, nicht auf den Pöbel niederzuschauen, sondern auf die Haute Cuisine?

Ich beurteile nie, ich beobachte nur. Deshalb mag ich auch weder Gastroführer noch Kritiker, denn beide führen zur Vereinheitlichung, und plötzlich hat immer etwas Knuspriges dabei zu sein. Das darf jeder machen, wie er will, aber meine Erbsensuppe braucht nichts Knuspriges, auch wenn das besser aussieht. Senfeier sehen auch scheiße aus, schmecken aber genial. Andererseits herrscht ohne Avantgarde Stillstand und alle kochen Mälzer- und Oliver-Rotz. Man darf das nur nicht mit Hipster-Zeugs wie der Craft-Welle verwechseln, in der dieselbe Wurst auf schwarzem Papier serviert wird, was die gleiche Wurst wie vor 1000 Jahren ist. Ich will das natürlich trotzdem alles verstehen. Gelingt mir nur nicht immer.

Und was ist Ihr Lieblingsessen?

Wenn ich koche, koche ich simpel. Ich esse unfassbar gern Nudeln. Und Schmorgerichte: Anbraten, Ofen, Mondamin rein, fertig.


Pilchers Vermächtnis & Lottes Bauhaus

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Februar

Achtung, Zynismus-Gefahr! Mittwoch ist Rosamunde Pilcher mit 95 Jahren von uns gegangen und mit ihr nicht nur die erfolgreichste Autorin unserer Zeit, sondern aus deutscher Sicht auch ein Urkeim der Selbstverzwergung öffentlich-rechtlicher Fiktion. Angesichts von gut 100 Verfilmungen in 25 Jahren, deren Drehbücher oft nur dem Titel nach mit der Autorin zu tun haben, könnte man geneigt sein, nun auf Verbesserung im ZDF-Angebot zu hoffen. Doch zum einen ist der Fundus dieser hochproduktiven Schriftstellerin auch posthum unerschöpflich. Zum anderen bedarf es für belangloses Fernsehen keiner Schnulzenfabrikantin ihres Kalibers mehr.

Einen Teil der Mittel dafür verwaltet nun aber immerhin eine Frau: Christine Strobl ist künftig allein für den Degeto-Etat von 400 Millionen verantwortlich, allerdings völlig unverdächtig, damit couragiertes Fernsehen jener Art herzustellen, wie es von Netflix zu erwarten wäre. Gerade hat der Streamingdienst die ersten drei Filme in deutscher Sprache angekündigt, und die Spekulanten-Satire Betongold deutet ebenso wie das Sozialdrama Freaks mehr Courage an als die ARD freitags in fünf Jahren zeigt. Das ZDF dagegen sichert sich lieber die Ausstrahlung der konventionellsten Serie digitaler Herkunft und zeigt kommenden Winter die Sky-Serie Das Boot.

Aber gut – das Sequel von Wolfgang Petersens Achtziger-Legende dürfte spielend ein Millionenpublikum anlocken. Gut 43 Prozent Marktanteil wie bei der Liveübertragung des 53. Super Bowl auf Pro7 vor acht Tagen dürften allerdings selbst damit unerreichbar sein – wobei man sich angesichts der Quote eher fragt, was die anderen 56,4 Prozent unter 49 bis drei Uhr früh bloß geguckt haben? Na, vielleicht sind um diese Zeit ohnehin nur Sportfans wach, von denen der Rest eben bei Eurosport war, das am Dienstag 30 Jahre alt wird. Das Geburtstagsprogramm: Skispringen, Alpin-WM, Biathlon, das Übliche also zu dieser Jahreszeit.

Die Frischwoche

11. – 17. Februar

Das Übliche ist am selben Abend auch Die Klempnerin auf RTL, was zwar nett gemacht ist, im Titel aber doch mehr Emanzipation verheißt als der zehnteilige Krimi-Plot hergibt. Die Polizeipsychologin Mina Bäumer (Yasmina Djaballah) repariert nämlich keine Leitungen, sondern Seelen. Trotz weiblicher Hauptfiguren unter weiblicher Regie nach weiblichem Drehbuch ist leider auch das ZDF-Drama Vermisst in Berlin mit Jördis Triebel auf der Suche nach einem Flüchtlingskind ziemlich konventionell geraten. Was zwar auch für den ARD-Beitrag zum 100. Geburtstag einer Design-Legende gilt. Doch obwohl Alicia von Rittberg die Studentin Lotte am Bauhaus am Mittwoch leicht auf Romanzen-Niveau drückt, ist der Fokus auf dem Faktor Gleichberechtigung – wie ihn auch die anschließende Doku Bauhausfrauen setzt – absolut lobenswert.

Der scheint ohnehin das Thema der Woche zu sein. Am Samstag bekommt Kommissarin Heller (Lisa Wagner) im ZDF Verstärkung von Lavinia Wilson als toughe, aber nicht burschikose LKA-Ermittlerin. Schon heute zeigt 3sat um 22.25 Uhr das verschrobene Liebesdrama Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern mit Lars Eidinger als Lover eines geistig behinderten Teenagers, der den Grenzgang zwischen Ausbeutung und Hingabe intensiv nachzeichnet. Und an gleicher Stelle feiern tags drauf gleich zwei Berlinale-Beiträge aus sehr diverser Perspektive TV-Premieren: Erst das bedrückende Drama 24 Wochen, in dem Julia Jentsch und Bjarne Mädel 2016 ein mehrfach behindertes Kind erwartet haben, im Anschluss die Großstadtfabel Wild von Nicolette Krebitz um eine Großstädterin, die sich mit einem Wolf anfreundet.

Weniger emanzipiert, aber interessant sind zwei neue Online-Streams: Der Amazon-Vierteiler Lorena beschäftigt sich ab Freitag dokumentarisch mit dem realen Fall einer Frau, die ihrem Mann den Penis abgeschnitten hat. Die Comic-Adaption The Umbrella-Society wildert parallel dazu auf Netflix sehr unterhaltsam im Boom-Genre Superhelden. Die Wiederholungen der Woche dagegen entführen uns in Zeiten sonderbarer Sitten und Gebräuche. Smoke (Mittwoch, 22.45 Uhr, Arte) um den Besitzer (Harvey Keitel) eines Tabakladens in Brooklyn stammt aus dem Jahr 1995, als Rauchen noch irgendwie cool war. Als Militarismus noch irgendwie cool war, durfte Tom Cruise in Top Gun (Mittwoch, 20.15 Uhr, K1) von 1986 noch massenwirksam Männlichkeit mit Waffengewalt kombinieren. Als Sexismus noch irgendwie cool war, jagte James Bond 1962 nicht nur heiße Bienen, sondern auch den Bösewicht Dr. No (Dienstag, 20.15 Uhr, Nitro). Und als David Lynch noch völlig unbekannt war, drehte er das psychotische Schwarzweiß-Experiment Eraserhead (Montag, 0.15 Uhr, Tele5). Unsexy psychosefrei farbig ermitteln Leitmayr/Batic dagegen tags drauf (20.15 Uhr, BR) im 19 Jahre alten Tatort namens Kleine Diebe.


Die Goldenen Zitronen: Schorsch & Gaier

Wir sind ja keine Misanthropen

Seit 35 Jahren agitieren Die Goldenen Zitronen (Foto: Frank Egel) erst mit, dann ohne Post vorm Punk gegen die herrschende Verhältnisse eines Systems, dass die vier bis sechs Wahlhamburger aus tiefster Seele verachten, aber nicht mit Gewalt zerdeppern, sondern lieber mit avantgardistischer Poesie entlarven wollen. Auf ihrem neuen, auch schon 13. Album More Than A Feeling tun sie das sogar mal mit wieder mit richtiger Wut im Bauch. Ein – vorab beim MusikBlog erschienenes – Gespräch mit den Gründungsmitgliedern Thomas Sehl alias Schorsch Kamerun und Ted Gaier alias Ted Gaier über Spaß im Proberaum, politische Nostalgie und Reife statt Altersmilde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Schorsch, Ted – macht es eigentlich Spaß, ein Album der Goldenen Zitronen aufzunehmen?

Ted Gaier: Ich finde schon.

Schorsch Kamerun: Ich finde teils, teils.

Herrscht im Studio eine freudvolle Atmosphäre?

Ted: (lacht) Nein.

Schorsch: Doch, mehr als sonst. Es erzeugt zwar Reibungssituationen, wenn du als Subjekt ins Studio kommst und dich im Kollektiv durchsetzen musst. Bis auf kleine Ausschläge sind wir darin allerdings schon ziemlich erfahren. Warum fragst du?

Weil das musikalische Resultat wie so oft von großer Schwere geprägt ist.

Ted: Was heißt denn Schwere?!

Dass ihr seit den frühen Neunzigern von Platte zu Platte ein bisschen missmutiger zu werden scheint, irgendwie bedrückter.

Schorsch: Witzig. Ein Kollege von dir meinte vorhin, wir seien anschmiegsamer geworden, zugänglicher. Es stimmt natürlich, More Than A Feeling ist eine Dystopie geworden, aber auch die kann ja ganz erhellend sein.

Ted: Entscheidend ist, dass unsere Musik seit 20 Jahren vor den Texten entsteht. Die Atmosphäre ist also nicht von ihnen bestimmt. Schon deshalb finde ich gar nicht, dass wir so missmutig sind, denn musikalisch ist zum Beispiel ein Stück wie Das war unsere BRD cheezy Disco. Und Gebt Doch Endlich Zu Euch Fällt Sonst Nichts Mehr Ein entfaltet fast kindliche Euphorie.

Schorsch: Außerdem muss auch Anti-Musik nicht missmutig sein. Katakombe ist gleich zu Beginn zwar wirklich düster, gibt aber auch Anlass zum Abheben durch Action, die da stattfindet.

Ted: Seit Joy Division wissen wir, dass es auch lustvolle Dystopie geben kann.

Schorsch: Und David Bowie oder selbst Death Metal haben sie endgültig zu Pop gemacht, das ist ja ihre Ausdrucksqualität.

Ted: Oder Wagner, kann ja auch Spaß machen, wenn man sich nicht davon einschüchtern lässt.

Aber führt dieser Zwiespalt nicht dazu, nach der dauernden Problematisierung eurer Texte etwas Leichtes, Unpolitisches, einfach mal Lala-Musik zu machen?

Ted: Ich finde Musiker toll, die das können, bin dafür aber nicht der Typ. Als Texter kann ich mich nur mit Sendungsbewusstsein denken.

Schorsch: Musikalisch reißt das schon mit, was wir machen, finde ich; zumal wir gerade live eine sehr physische Band sind. In Nützliche Katastrophen kommt ja sogar ein „Lalala“ vor. Und 20×20 ist straight rockender Betonpunk. Andererseits benutzen wir Pop- oder auch Balladenelemente eher zur Irritation, als das wir sie aus Überzeugung einbinden.

Ted: In der Schleife hat diesbezüglich fast Hit-Potenzial.

Schorsch: In mir steckt ein Stück weit auch Schlager, weil ich mit dem sozialisiert wurde und seine Einfachheit schätze – sofern es kranker, psychotischer Schlager ist. Schon im Funpunk, später dann bei Das bißchen Totschlag, oder auch im Turnschuhlied haben wir das bigotte im Schlager zur Fratze überhöht.

Täuscht dann der Eindruck, dass ihr euch auf dieser Platte deutlicher echauffiert als zuvor und den lyrischen Suspense gelegentlich durch Kraftausdrücke wie Scheiße ersetzt?

Ted: Ich glaube, Scheiße sagen wir nur im ersten Song.

Schorsch: Und im zweiten. Aber auch ohne Kraftausdrücke hat die Band als eine der wenigen, wenn ich das mal so sagen darf, immer klare Kante gezeigt. Vielleicht sind wir diesmal wirklich direkter, auf jeden Fall was die Themen betrifft. Wir dachten anfangs mal, oh nein – sechs Songs über Volk, Mauer, Rechte. Das könnte man als Indiz für Eindimensionalität verstehen.

Ted: Aber es geht ja nicht darum, was wir im authentischen Sinne denken, sondern wir versuchen über das Einnehmen von Rollen Zustände zu beschreiben. In Katakombe ist es eine Person, die Nazis aus einer eher unterkomplex linken Perspektive abwertet. In „Baut doch eure Scheiß-Mauer“ ist es eher so ein Tourette-Syndromhaftes Aussprechen einer Fantasie die wir Typen wie Seehofer oder Gauland unterstellen.

Schorsch: Ginge man da akademisch ran, variieren wir im Grunde nur verschiedene Sichtweisen und abstrahieren sie. Das sind Haltungen, Charaktere. Als einer der ersten – jetzt komm ich schon wieder mit dem – hat das Bowie überzeugend gemacht, wenn auch nie so politisch. Und endgültig dann die zahllosen HipHop-Characters, die eigentlich alles können.

Ted: Oder Theater. Das wechselt auf unseren Platten ständig. Orientiert habe ich mich Anfang der 90er stark an den Franz Josef Degenhardt Stücken, die Haltungen durchspielen. Der hat sich auch in andere Figuren versetzt, um als Kapitalist oder Spießer sprachgewandt und detailliert über die Verhältnisse zu berichten.

Schorsch: Wir mussten früh nach Platzhaltern unserer Wut suchen, weil es uns nicht mehr gereicht hat, Stimmungen und Zustände nur in Slogans zu verhandeln. Vielleicht sind wir auch deshalb am Theater gelandet. John Lydons hysterisches Spottgemecker finde ich aber bis heute wunderbar – der hat uns als junge Punker bereits tief beeindruckt. Die Texte der Sex Pistols waren beinahe übereindeutig, aber durch seine zickige Überhöhung hat er sie aushaltbar gemacht.

MusikBlog: Was deinen Gesang unüberhörbar geprägt hat.

Schorsch: Total. Ich mochte es schon immer, Dinge schwer in alle Richtungen zu überziehen.

Ted: Das gilt für uns alle.

Wo ihr die Künstler eurer musikalischen Früherziehung ansprecht: seit 35 Jahren singt ihr gegen Verhältnisse an, die immer nur noch beschissener werden – ist das auf Dauer nicht ungemein ermüdend?

Ted: Ich finde gar nicht, dass alles nur beschissener wird.

Schorsch: Es gibt genug Wertvolles, das es festzuhalten lohnt. Wir sind auch nie kulturpessimistisch. Auch wenn man Deprimierendes aus der Platte heraushören möchte, sind wir begeistert dabei, uns immer wieder neu auf die Gegenwart einzustellen, nirgends festzuhaken, frische Haltungen zu finden. Diese Band lebt davon, wach im Jetzt sein zu wollen.

Ted: Ich sehe die Goldenen Zitronen da als Medium. Unseren Text zum G20-Gipfel in Hamburg werden Leute womöglich in 30 Jahren noch hören und darin eine geschichtliche Quelle sehen, während die Fahndungsaufrufe in der Morgenpost längst vergessen sind. Den Ansatz haben wir seit 80 Millionen Hooligans, als wir nach Rostock-Lichtenhagen bewusst in öffentliche Diskurse interveniert haben. Auch beim G20-Text hatte ich das Bedürfnis den ritualisierten, ideologischen Deutungen der Ereignisse, Beobachtungen entgegen zu setzten, die in den Debatten in solchen Fällen nie vorkommen. Das fängt an bei der Beschreibung der Akteure. Es macht ja einen Unterschied aus welcher Motivation heraus ein italienischer Autonomer eine deutsche Bankscheibe einhaut, oder ein unterprivilegiertes Vorstadt-Kid.

Schorsch: Was man als kritische Band dringend austarieren muss, ist die Verschiebung der Diskurs- und Begriffsebenen – wie sehr sich Kapitalismus, Konsumgesellschaft, Kommunikation seit den späten 60ern gewandelt, in den Definitionen teils völlig umgedreht haben. Weil es uns aber auch Spaß macht, all dies zu kommentieren, werden wir darin nicht müde. Wir sind ja keine Misanthropen.

Ted: Dafür steckt viel zu viel Humor und Selbstironie in unseren Texten.

Wenn man sich Das War Unsere BRD anhört, aber auch ein Stück nostalgische Wehmut.

Schorsch: Ambivalenter, rückblickender Schmerz (lacht)

Ted: Als wir das Album überblickt haben, fiel auf, wie viel darin von Mauern, Heimat, Rassismus die Rede ist. Deshalb war das dann ein Versuch weg zu kommen von dieser Gegenwärtigkeit. Es ist ja ein Stück über Nostalgie, das durch den Rückblick auch nostalgisch machen kann. Wobei mein romantisches Gefühl zur alten BRD auch in meiner Abneigung besteht. Ich liebe sozusagen meinen Hass auf die BRD, der ist ebenso Teil meiner Identität wie Boney M., die ich damals zwar scheiße fand, nun aber ein warmes Gefühl in mir erzeugen, wenn ich sie im Oldie Radio höre.

Verklärt man automatisch seine Vergangenheit, wenn man sie mit großem Abstand neu betrachtet?

Ted: Ich glaube schon.

Schorsch: Absolut sogar. Man darf bei der Rückschau nur nicht außer Acht lassen, warum es so war, wie es war, und welche Kräfte darauf eingewirkt haben. Wir sind eine Band, die sich permanent von allem Möglichen abgrenzt. Weil das so anstrengend ist, geht es mir mittlerweile auch schon mal auf die Nerven.

Ted: Ich finde Abgrenzung als Geste ist was für Zwanzigjährige, nicht für Fünfzigjährige.

Ihr seid aber auch noch nicht 70 – schwingt anders als eingangs vermutet dennoch eine Art Altersmilde bei euch mit?

Ted: Nein.

Schorsch: Vielleicht passt „Reife“ besser. Wir versuchen tatterig, aber unter voller Fahrt, auf das Heute zu schauen.

Ted: Zwischen verknöchert und Milde ist die Spanne ja riesig. Wir sind ungefähr in der Mitte.