2 Bier – 1 Platte

Chefboss & Gainsbourg

Chefboss – das sind die Tänzerin Maike Mohr und Rapperin Alice Martin. Mit ihrer Mischung aus Dancehall, Electro und Vogueing (ja, das gibt es wirklich) mischen die zwei Hamburgerinnen seit einiger Zeit die Clubs und Bühnen gehörig auf. Am 17. März erscheint nun ihr Debüt Blitze aus Gold. Bevor es nach dem Winterschlaf zurück auf die großen Festivalbühnen geht, haben sich die zwei Zeit genommen, um über ihre Lieblingsmusik zu sprechen.

Hamburg, St. Pauli. Kaffee Stark. Draußen regnet es in Strömen. Drinnen gibt’s Bier und grünen Tee.

freitagsmedien: Alice, Maike – was ist für euch eigentlich eine Lieblingsplatte?

Alice: Genau darüber haben wir beide ziemlich lange nachgedacht. Bei mir ist es so, dass die Lieblingsplatte meist gar nicht eine bestimmte Platte ist, sondern eher eine Playlist mit verschiedenen Songs. Die wechseln dann ständig, aber ich habe schon so fünf all-time-classics, die auch über die Jahre immer wieder laufen. Ich habe dann aber nochmal überlegt und bin auf eine Platte gekommen, die vielleicht nicht meine Lieblingsplatte ist, mir aber auf eine bestimmte Art und Weise einen neuen Blickwinkel gegeben hat.

Maike: Bei mir ist das ähnlich, ich habe auch kein richtiges Lieblingslied. Meistens finde ich ein Lied für vielleicht zwei Wochen richtig gut und dann kommt auch schon das nächste. Deshalb habe ich mir überlegt, welches Lied mich an eine besondere Situation erinnert.

And the winner is…?

Alice: Serge Gainsbourg! Ich glaube, das war ein Best-of-Album, was ich gehört habe. Ich weiß nicht ob du den kennst?! Geiler Typ. Das war so in den Sechzigern, der ist mittlerweile auch schon tot. Auf jeden Fall war er so ein richtiger Künstler, rauchend am Klavier und so. Ich glaube mit Brigitte Bardot hatte der auch mal was.

Wie soll man seine Musik denn beschreiben?

Alice: Ey, ich weiß nicht, wie man das beschreiben soll. Die Musik an sich ist einfach geil, mit Streichern und so. Und sein Gesang ist oft gar kein richtiger Gesang. Oft haucht der auch einfach irgendwas ins Mikro oder knurrt vor sich hin, während die Geigen spielen. Genau deshalb habe ich mir die Platte ausgesucht. Eigentlich war sie von Anfang an gar nicht so mein Stil, aber trotzdem habe ich immer wieder mal reingehört. Stück für Stück habe ich den Stuff aber immer mehr gefühlt. Und dann hat sich mir ein ganz neuer Blick auf die Mucke eröffnet. Also eine neue Art, wie Mucke sein kann und wie man sie auch verstehen kann.

Serge Gainsbourg war so etwas wie ein künstlerischer Tausendsassa: Sänger, Komponist, Schauspieler, Autor. Seine Discographie scheint endlos, auch weil er die Musik zu etlichen Filmen beisteuerte. Seine besondere Art zu „singen“ sorgte Ende der Sechziger für Empörung, als er im Duett mit Jane Birkin zu Je t’aime…moi non plus ins Mikrofon stöhnte. Den Song hatte Gainsbourg zunächst mit Brigitte Bardot aufgenommen. Sie stimmte einer Veröffentlichung aber erst in den Achtzigern zu – vorher war sie zu besorgt um ihre Ehe.

Wie bist du denn auf so eine spezielle Musik gekommen?

Alice: Meine Patentante hat mir das Album mal geschenkt. Da war ich so ungefähr 15, ich glaube noch viel zu jung für die Mucke. Aber jetzt feier ich das.

Seid ihr also beide über die Familie musikalisch sozialisiert worden?

Alice: Ja, auch. Aber ich habe mir auch viel einfach selber rausgesucht.

Maike: Ich eigentlich eher nicht so. Um das zu erklären muss ich vielleicht eben sagen, welchen Song ich mir ausgesucht habe.

Hau raus!

Maike: Also ich habe mir einen Song ausgesucht, der mich an die Zeit erinnert, zu der ich angefangen habe zu tanzen. Mystikal – Edge of the Blade. Zu diesem Song hatte ich meinen ersten Auftritt. Wenn ich ihn höre habe ich sofort wieder dieses Bild im Kopf, wie ich vor der Bühne stehe und auf meinen Auftritt warte. Ich hatte so Bock auf die Bühne zu gehen!

Edge of the Blade war Mystikals Beitrag zum Soundtrack von Blade (1998). Berühmtheit erlangte er vor allem durch seinen Hit Shake Ya Ass und seine ausgiebigen Knastbesuche.

Alice: Der erste Auftritt zu Mystikal, das ist zu geil!

Maike: Ja! Der Song erinnert mich einfach an die Zeit, als ich meine Leidenschaft fürs Tanzen entdeckt habe. Damals wusste ich ja nicht, dass ich so eine Leidenschaft für eine Sache habe. Und dann habe ich diese Welt entdeckt, in der ich mich so Zuhause fühle. Deswegen höre ich den Song heute immer noch gerne.

Inwiefern haben euch Serge Gainsbourg und Mystikals Song inspiriert selbst Musik zu machen?

Alice: Hm, ich glaube Serge Gainsbourg hat mir einfach eine neue Perspektive auf Musik eröffnet. Irgendwie war da ein neues Gefühl auf Musik und das war schon inspirierend.

Maike: Durch die Choreographien, die wir getanzt haben, habe ich die Songs damals plötzlich total anders wahrgenommen. Man bekommt als Tänzer ein ganz anderes Gehör für einen Song und fühlt ihn anders.

Alice: Deshalb ist Maikes Beitrag zu der Mucke die wir machen auch immer so geil. Wenn ich denen als Außenstehende manchmal beim Üben zusehe denke ich so: Kein normaler Mensch würde da jetzt noch einen Move reinpacken! Tänzer hören die Musik aber einfach ganz anders, deswegen ist es so geil, dass Maike da auch noch immer ihren Input gibt. Ohne diesen gegenseitigen Austausch wäre unsere Mucke einfach nicht so, wie sie ist.

Auf eurem Album sind keine Features. Hättet ihr denn mal Bock auf Kollaborationen?

Alice: Grundsätzlich auf jeden Fall. Und wenn ich es mir aussuchen könnte hätte ich gerne ein Feature mit Vybz Kartel.

Vybz Kartel gilt als Begründer des Dancehall in Jamaika. Er wurde unter anderem wegen Drogenbesitzes verurteilt und sitzt nun eine lebenslange Haftstrafe wegen zweifachen Mordes ab. Könnte rein praktisch schwierig werden mit dem Feature…

Er hat nicht gerade eine weiße Weste. Trennst du da stark zwischen der musikalischen Leistung und dem, was eventuell dahinter steht?

Alice: Gute Frage! Ich meine, wir reden hier ja von Träumen. In einer idealen Welt, in der Vybz Kartel nicht die Dinger gebracht hätte, die er nun mal gebracht hat, wäre ich auf jeden Fall dabei. Es ist aber echt die Frage, wie viel Credit man einem Künstler gibt, der richtig Scheisse gebaut hat. Aus musikalischer Sicht fände ich ein Feature geil, persönlich ist die Frage offen. Grundsätzlich arbeiten wir aber nur mit Leuten zusammen, mit denen wir eine persönliche Basis haben. Da kommt keiner wegen seiner Skills mit ins Boot, wenn er eigentlich ein Arschloch ist.

Und aus der tänzerischen Sicht? Hättet ihr gerne mal einen bestimmten Choreographen mit dabei?

Maike: Über einen Gast-Choreographen haben wir uns ehrlich gesagt noch nie so Gedanken gemacht…

Alice: Dazu muss ich sagen: Ich flash so auf Maike, ich kann mir nicht vorstellen, dass in dem Bereich mal jemand anderes was zu sagen hätte.

Maike: Es gibt aber eine Tänzerin aus Japan, die ich ganz toll finde. Sie heißt Ibuki und macht Waacking, einfach total krass. Die würde ich echt gerne mal treffen. Und wenn sie mal zu einem Song von uns tanzen würde, das wäre natürlich total krass.

Am 06.05.2017 kann erst einmal jeder im Mojo mittanzen. Im Sommer spielen Chefboss auf diversen Festivals, u.a. Rock am Ring und Rock im Park. Eine Aufwärmphase gibt’s auch: Am 17.03.2017 erscheint das Album Blitze aus Gold.


Streamingoscars & Altkleiderrente

TVDie Gebrauchtwoche

27. Februar – 5. März

Es gibt vieles, was von den diesjährigen Oscars haften bleibt. Die hinreißende Moderation des TV-Talkers Jimmy Kimmel zum Beispiel, der glaubhaft machte, in Hollywood werde „niemand wegen der Herkunft oder Hautfarbe diskriminiert, nur wegen Alter und Gewicht“. Oder das sensationelle Entertainment des vertauschten Siegerfilms. Fürs TV-Zuschauer allerdings war zumindest langfristig wichtiger, dass mit Manchester By The Sea erstmals ein Streaming-Produkt prämiert wurde.

Gut, Menschen mit Gewissen und Moral wäre es vielleicht lieb gewesen, Kimmel hätte den verantwortlichen Amazon-Boss Jeff Bezos im Publikum für dessen menschenverachtende Firmenpolitik so hart rangenommen wie Mel Gibson, den der Moderator für dessen Scientology-Mitgliedschaft veräppelte. Aber mit Donald Trump hatte die Show schließlich einen weit größeren Menschheitsverächter zwischen den Zähnen.

Einen aus der Liga von Warren Buffet also, der seine Milliarden durch die brutale Durchsetzung eigner Interessen zusammenspekuliert hat und nun der Presse ein baldiges Ende prophezeit, das in den USA allenfalls ausgewählte Zeitungen wie New York Times und Washington Post überleben würden. Es ist eine – fraglos mit Rendite-Zielen des Starinvestors verbundene – Prognose, die unmittelbar mit einer Studie der Uni Bielefeld unter Journalisten zusammenhängt. Sie besagt, dass mehr als zwei Drittel davon verstärkten Hass auf ihren Berufsstand spüren, der bei 42 Prozent verbale Attacken nach sich zieht, die bisweilen sogar physisch enden.

Wenn man die irgendwem wünschen würde, der einfach nur seine Arbeit macht, dann höchstens den Machern des schlechtesten Tatort aller Zeiten vom vorvorigen Sonntag (Babbeldasch). Wobei das Erstaunlichste am improvisierten Mundartfall aus Ludwigshafen nicht war, dass nach 15 Minuten viele abgeschaltet, sondern gut sechs Millionen weitergeschaut haben. Das sind aber immer einige Hunderttausend weniger als beim DFB-Pokalspiel des FC Bayern gegen Schalke, dessen völlig irrelevante Übertragung nur damit zu erklären ist, dass die ARD ihrem Lieblingsverein erneut so tief dorthin gekrochen ist, wo es nur wahre Fans aushalten. Ein fachliches, vor allem aber journalistisches Armutszeugnis, wie es sich die Presse in Zeiten der populistisch verabreichten Vorsilbe „Lüge“ eigentlich besser verkneifen sollte.

0-FrischwocheDie Frischwoche

6. – 12. März

Und ein Grund, warum die Primetime so mit Sport verstopft ist, dass Dokumentationen fast nur noch zur Nacht laufen. Akte D zum Beispiel, für das es heute mal wieder eine Anstoßzeit kurz vor Mitternacht gibt. Das ist auch so ärgerlich, weil sich Die Rentenlüge zum Auftakt der neuen Staffel nicht nur einem ungemein wichtigen Thema widmet, sondern das auch noch (trotz ein wenig dramatisierenden Ballasts) überaus verständlich. Angefangen bei der Caritas, wo Rentner nach Obdachlosen und Flüchtlingen mittlerweile am häufigsten mit Altkleidern versorgt werden, macht die Reihe sehr plastisch, wie die Altersvorsorge von der ersten Reform 1957 bis zur heutigen Privatvorsorge zu scheitern droht. Sehr sehenswert. Leider viel zu spät.

Na, wenigstens das ZDF bietet dem Sachfilmgenre ab und zu mal die Primetime. Am Dienstag etwa Florian Hubers Porträt Mensch Gerhard Schröder, das dem Altkanzler näher kommt, als ihm selbst womöglich bewusst war. Nicht ganz so attraktiv ist hingegen die Sendezeit vom Showpiloten Kroymann, in dem die Kabarettistin Donnerstag (23.30 Uhr, WDR) konsequent Frauen ins Zentrum ihrer Gesellschaftskritik stellt, ohne in verbiesterten Feminismus abzudriften. Ebenfalls humorvoll ruft Arte zwei Tage später zum 60. EU-Geburtstag von 20.15 Uhr bis Mitternacht Ach, Europa!, was Annette Frier als eine der Moderatorinnen dieses Zehnteilers (Fortsetzung am Mittwoch drauf) sehr leichtfüßig gestaltet.

Ähnlich heiter geht es im 3sat-Porträt der exzentrischen Modemacherin Vivienne Westwood (Samstag, 20.15 Uhr) oder bei der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises 24 Stunden später an gleicher Stelle zu. Ganz im Gegensatz zum heutigen neuen Fall von Heino Ferch auf den Spuren des Bösen, wo es seit jeher sehr düster und durchaus spannend zugeht. All dies trifft zwar nicht auf die Wiederholungen der Woche zu. Dafür sind sie umso zauberhafter. Am Samstag (20.15 Uhr, Disney) etwa ein Trickfilm, der 1970 noch von Hand gezeichnet und dennoch (oder darum) zum Klassiker wurde: Aristocats.

Viel jünger, kaum vergleichbar und doch wundervoll ist die deutsche Komödie Drei Zimmer/Küche/Bad (Mittwoch, 23.45 Uhr, HR) in der vor fünf Jahren wie selten zuvor die Befindlichkeiten der Generation Praktikum von heute skizziert wurde. Und die Tatort-Retorte der Woche: Pauline, in der es Charlotte Lindholm 2006 mal wieder mit einem toten Kind zu tun kriegte, aber eben auch mit Schauspielerin wie Martin Wuttke und Wotan Wilke Möhring, was den Fall (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) sehr sehenswert macht.


Essay: Die Polizei – dein Feind und Helfer

800px-polizei_laser_messungAre Cops All Bastards?

Seit Jugendbeinen macht es die Polizei (Foto: Christian “VisualBeo” Horvat) dem freitagsmedien-Autor mit viel Willkür und manchem Rechtsbruch im Dienst schwer, sie zu respektieren. Dank wachsender Aufgaben bei sinkendem Renommee und mäßigem Lohn ruft er jetzt aber zur Milde für jene auf, die ungeachtet schwarzer Schafe, Racial Profiling, Gewaltexzessen und Korpsgeist täglich den Kopf zwischen alle Fronten halten. Bei der Veröffentlichung auf ZEIT-Online hat das erstaunlich vielfältige Reaktionen hervorgerufen. Hier ist der Text in voller Länge.

Von Jan Freitag

Es war ein kühler Samstag in Hamburg, als das Gefühl in mir hochkroch, langsam zu alt zu sein, mindestens aber zu bürgerlich fürs radikale Revoltieren. Auf der Bühne stand die Band Waving The Guns und erhob Worte Waffen gleich gegen alles, was ihr HipHop gern fickt: Nazis, Kapital, Trump, das System – von weit links betrachtet alles äußerst verachtenswert, wenngleich nicht halb so sehr wie sie: Cops.

Polizisten.

„ACAB“ brüllt das Publikum mehrfach lautstark, manchmal als Teil eines Songs, manchmal einfach so. Wie es halt so ist, wenn sich ein Publikum gemeinsam mit der Gruppe on stage weit links verortet. Oder andernorts im schwarzen Block antifaschistischer Demos. Oder im schwarzen Block antiantifaschistischer Demos. Oder unter fußballfanatischen Ultras beider Lager. All Cops Are Bastards – darauf können sich braune wie rote Hardcorefans einigen. Moment, Bastards? Bevor man sich fragt, warum „uneheliches Kind“ einer libertären Ideologie als Schimpfwort dient und Individuen ungeachtet ihrer Persönlichkeit in Sippenhaft nimmt, bevor man sich also den Kopf zerbricht, wie rechts die linke Parole ACAB klingt, zerbreche ich mir meinen darüber, warum ich pauschalen Hass auf Polizisten so selbstgerecht und engstirnig finde, so nazikapitaltrumpsystemgefickt dumm.

Die Polizei, das zu sagen fällt mir als Bilderstürmer der Castor-Blockieren- bis Rote-Flora-Verteidigen-Ära nicht leicht, verdient Solidarität auch von denen, die Freunde und Helfer in toto für Feinde und Faschisten halten. Leider gibt‘s nämlich grad ein paar Feinde und Faschisten, die den Namen auch wirklich durchweg verdienen, zu viel. Und wer stellt sich zwischen die und uns, wenn‘s haarig wird? Genau! Doch der Reihe nach. Vor einiger Zeit wäre mir das Gebrüll wider die Staatsmacht durchaus lieb gewesen. Ich hatte ja auch Grund dazu.

Kaum volljährig, wurde ich erstmals Ziel polizeilicher Willkür. Gut, mit drei Freunden auf einer Wache betrunken die Freilassung des vierten zu fordern, dem wegen Alkohols am Steuer (zu Recht) Blut abgenommen wird, war wenig diplomatisch. Doch dass ausgerechnet die zwei Besonnenen unter uns Prügel bezogen und – bezeugt von mehr Beamten als zugegen – eine Anzeige wegen Widerstands, hat mein Vertrauen in die Ordnung der Ruhe früh erschüttert. Und so ging es weiter, je weiter ich auch deshalb nach links rückte. Anfang der Neunziger wurde ich als junger Journalist Zeuge uniformierter Gewalt gegen zwei Fotografen im Einsatz. Damit nicht genug, erzählte mir der Abteilungsleiter „Interne Ermittlungen“ meiner Heimatstadt, die fünf Jahre zuvor 861 Demonstranten 13 Stunden im berühmten „Hamburger Kessel“ ihrer Freiheit beraubt hatte, deprimiert von zwei Handvoll Anklagen gegen rechtsbrüchige Kollegen in zwei Dekaden Dienst.

Wuchs mein Zweifel an der Polizei da bereits heftig, geriet er nach einer Demo in Kiel zur Gewissheit. Auf dem Rückweg nahm mich ein SEK-Kommando wahllos fest und garnierte das Unrecht mit einer Anzeige wegen Landfriedensbruchs, die trotz eines Dutzends Zeugen mit Dienstgrad „mangels Beweisen“ zurückgezogen wurde. Obwohl ich über Rangeleien im Getümmel hinaus nie die Hand gegen Polizisten erhoben habe, arbeiten sie also hart an meiner Antipathie. Wie vor vier Jahren, als ganz St. Pauli zum Gefahrengebiet wurde. Über Tage patrouillierten Einsatzkräfte damals mit schlechter Laune und Schlagstock im Wohngebiet für 23.000 Bewohner wie mir. Es war erniedrigend. Doch obwohl mein achtjähriger Sohn sich nun ein wenig vor Uniformen fürchtet, mache ich hiermit ein Friedensangebot. Denn trotz überdurchschnittlich rechter Gesinnung, trotz Korpsgeist aus dem ethischen Präkambrium kaiserlichen Obrigkeitsdenkens, trotz Racial Profiling, Scheinexekutionen und Lächelverbot im Fronteinsatz sind Polizisten ja zunächst mal – Menschen.

Und als solche, liebe „ACAB“-Hater, bitte individuell zu beurteilen. Davon abgesehen ist die Polizei 2017 trotz aller Auswüchse nicht mit der von 1987 zu vergleichen, schon gar nicht mit der von 1968. Seither ist sie liberaler geworden, weiblicher, selbstkritischer, demokratischer, ja sogar migrationshintergründiger. Vielleicht nicht im Tempo der Gesamtgesellschaft, aber in ähnlicher Richtung. Und abgesehen vom Häuflein Anarchisten, das Ordnung per se ablehnt, seid ihr am Ende vermutlich ebenso erleichtert wie ich, wenn ein rechtschaffender „Bulle“ den Raddiebstahl aufnimmt, Brandanschlag aufklärt, Vergewaltiger findet. Das aber erfordert Personal, zumindest mal rund 10.000 Stellen, denen 20 Millionen Überstunden der 310.000 Beamten 2016 entsprechen. Gut geschult und moralisch gefestigt, versteht sich. Dazu unbestechlich, liberal, human und auch dann cool, wenn es attackiert wird. Da dies selbst im Alltag so oft passiert, dass 2015 mit 64.371 Delikten gegen Polizisten 2,5 Prozent als im Jahr zuvor registriert wurden (wo die Steigerung gar doppelt so hoch war), legte Justizminister Maas gerade den Straftatbestand „tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte“ vor. Höchststrafe: Fünf Jahre.

Man muss kein Fanatiker sein, um die Streichung von fast jeder zehnten Polizeistelle seit 1995 angesichts wachsender Aufgabenfelder irgendwie kontraproduktiv zu finden. Die Zahl insbesondere schwerer Delikte geht laut Kriminalstatistik trotz aller Überwachung zwar konstant nach unten; parallel indes wächst der Präventionsbedarf, wenn jeder Päderast, jeder Islamist, jeder potenzielle Täter 24/7 eskortiert und zugleich jedes Fußballspiel, jede Nazidemo, jeder Weihnachtsmarkt bewacht werden soll. Umso mehr verstört ein Zeit-Dossier, das die Misere von ungeheizten Diensträumen bis uralter Bewaffnung am Beispiel der Berliner Polizei gerade tragisch auf den Punkt brachte: So inakzeptabel jeder Rechtsbruch durch jene ist, die das Recht schützen sollen, so bizarr wirkt es, den überforderten, unterbezahlten und doch oft hingebungsvollen Rest verantwortlich für den statistisch üblichen Arschloch-Anteil zu machen.

Der „Bürgernahe Beamte“ meines Wohnviertels zum Beispiel ist von einer verbindlichen Lässigkeit, als gehöre er nicht mal derselben Spezies an wie mancher Kollege, der offenbar Polizist wurde, weil Hooligans keinen Sold beziehen. Auf seiner Wache wurde mir zuletzt nach einem Unfall die Strafanzeige mit einer so klugen Philippika zur heilenden Kraft des Diskurses ausgeredet, dass ich die überlastete Justiz damit nicht behelligt habe. Als der US-Rapper Ice-T angesichts der vielfach tödlichen Diskriminierung schwarzer Amerikaner durch weiße Cops einst “Fuck the Police” ins Mikro brüllte, klang das irgendwie nach Notwehr. Aber in Deutschland, dessen Polizei pro Jahr überhaupt nur 40 Mal auf Menschen schießt? Gut, selbst da trifft es auch falsche Opfer. Und bei Bundesligaspielen ums Eck sähe ich gern mal ein Lächeln zwischen Helm und Schild statt provokanten Missmut. Aber das ist wohl ein Panzer, den in der 356. Überstunde für 2300 Euro brutto selbst jene anlegen, die ihren Job mit gewissenhafter Hingabe ausüben.

Ich werde also auch weiter laut, wenn die Polizei das Recht beugt. Zugleich aber will ich nicht, dass Individuen – ob Flüchtling, Sachse, Journalist, Mann, Frau, Häftling oder eben Ordnungshüter – pauschal verunglimpft werden. Da halte ich es lieber mit Extrabreit als Waving The Guns oder Body Count: „Sie haben Angst vor Terroristen / denn sie ziehen oft nicht schnell genug“, sang die Band 1981, als Polizisten mehr Respekt als Überstunden auf dem Konto hatten. „Sie rauchen Milde Sorte / weil das Leben ist doch hart genug.“ Die Zigaretten gibt’s nicht mehr, das harte Polizisten-Leben schon. Machen wir‘s nicht härter als nötig.


Grandaddy, Chicano Batman, Findlay

tt17-grandaddyGrandaddy

Es war einmal Anfang der Neunziger, da wurde der alternative Rock härter und zugleich weicher. Zum wüsten Grunge stinkwütender Punk-Epigonen jener Jahre gesellte sich Mitte der Dekade ein Powerpop, in dem (gern kalifornische) Jungs zu gefälligen Fuzz-Gitarren eher hauchten als brüllten und überhaupt nie wütend wirkten oder gar stanken. Eine dieser Bands hieß Grandaddy. Ihr Indiesound war roh, aber nie rotzig. Es klang nach Garage, die aber recht aufgeräumt wirkte. Nach ein paar Eigenproduktionen kam 1997 das Debüt. Drei weitere Platten machten die – klaro – Kalifornier nicht berühmt, aber bekannt. Es war ein kleines, sehr beschauliches, durchaus schönes Postpunk-Phänomen. Und dann war es weg.

Elf Jahre lang, um genau zu sein. Denn jetzt hat Jason Lytle seine Kumpels von einst wieder ins Studio gebeten und der Gegenwart somit ein sehr liebenswertes Comeback beschert. Denn gemeinsam mit den Gründungsmitgliedern Aaron Burtch am Schlagzeug und Bassist Kevin Garcia, schafft Last Place eine wunderbar heruntergeregelte Aura altgedienter Indie-Musiker, die sich selbst nicht ernster nehmen als nötig, aber auch nicht leichter. Das Ergebnis klingt zwar manchmal wie eine Mischung aus Jean-Michel Jarre und Smokie, dabei aber so hinreißend beachbeseelt mit Lytles gelangweilt-schnodderigen Eels-Stimme, dass man die Platte einfach so durchhören kann, ohne sich je mies zu fühlen dabei.

Grandaddy – Last Place (Sony)

tt17-chicanoChicano Batman

Die Stimme ist es auch, von der man bei Chicano Batman ergriffen und nicht mehr losgelassen wird. Die Stimme, aber auch sonst so einiges, was sich um Bardo Martinez’ entspanntes Schmuseorgan webt wie ein durchlässiges Gespinst aus Seifenblasen, Wattebällchen und Millionen himmelschreiend lässiger Harmonien im Bigband-Kammerpop-Soulsound. Auf ihrem dritten Album, dem ersten auf ATO Records, mäandern die vier (schon wieder) Kalifornier mit hörbar und spürbar hispanischen Wurzeln so luftig leicht zwischen Siebzigerjahre-Filmmusik, Neunzigerjahre-Slackerindierock, Zehnerjahre-Retroswingpop hin und her, dass man selbst auf groben Kies niedersinkt wie im Moosbett.

Dass Chicano Batman dazu auch noch wie Barpianisten auf Kreuzfahrtschiffen der Disaster-Movie-Ära eleganten Einheitslook mit Rüschenhemd über mauvefarbenen Anzug tragen, ist dabei zwar vor allem Gepose, passt aber zur Atmssphäre wie geslappte Gitarren auf Funk. Garniert mit Hammondorgel und Querflöten wird all dies dem hinreißenden Plattentitel Freedom is Free mehr als gerecht. Meistens klingt das wie eine Supergroup aus Cake, Elvez und Barry White mit einer Prise Fun Lovin’ Criminals, die schlicht und einfach glücklich macht. Mehr davon, und vier Jahre Trump nebst Gleichgesinnter könnten nicht besser, aber erträglich werden.

Chicano Batman – Freedom is Free (ATO Records)

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Ein Dilemma weiblicher Selbstermächtigung im Pop besteht darin, dass Frauen die Mechanik männlicher Dominanz oft kopieren statt umwälzen, gar zerstören. Auch Riot Grrrls fiel es nie leicht, das rechte Maß zwischen Assimilation und Umsturz zu finden, weshalb sie mal dicht am Mainstream waren, mal schlicht unerträglich. Natalie Findlay hat ein Maß gefunden, keins davon zu sein und alternativem Rock dennoch kräftig den Marsch zu blasen. Auf ihrem furiosen Debütalbum reiht die Britin alles, wonach ihr der Sinn steht, so dicht aneinander, dass es Referenzen regnet, ohne den radikalen Eigensinn zu verwässern.

Zum Auftakt klingt Electric Bones nach M.I.A., Waste My Time sodann wie Katie Perry, während Le Tigre durch Junk Food hetzen oder L7 durch Junk Food. Im Einzelnen eine Werkschau des musikalischen Femizismus, gerät das Gesamtwerk so zu einer Art Elektrogaragenpunktrashpop, der sich mit fröhlicher Aggressivität aus dem Schwitzkasten maskuliner Studiobeherrschung löst. Nun ist Forgotten Pleasures noch keineswegs die Rückgewinnung des Paradieses; ein sattgrünes Rasenstück inmitten der Brache zeitgenössischen Crossovers ist es aber allemal.

Findley – Forgotten Pleasures (BMG)


Bela B: Die Ärzte & Alternative Country

belabIronie – that’s me!

Als Schlagzeuger der Ärzte zählt Dirk Albert Felsenheimer, seit früher Kindheit Bela B genannt, zu den ganz großen Popstars. Selbst in Film & Fernsehen ist der 54-Jährige von Trashfilmen seines Berliner Schulfreundes Jörg Buttgereit über den Tatort bis hin zu Serienrollen auf RTL präsent. Dennoch sei bei ihm immer alles Musik, erzählt Bela B im Gespräch über sein viertes Solo-Album Bastard, das ganz im Stil seiner großen Leidenschaft gehalten ist: Alternative Country – sehr psychedelisch, stets humorvoll, dabei extrem visuell. Eine Begegnung in seiner zweiten Heimat Hamburg.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Bela, vorweg ein Angebot: du schreibst auf, was ich dich in keinem Fall fragen soll, und ich schreibe die Antwort auf, die ich von dir erwarte.

Bela B: Kein Problem [schreibt]. Was hast du?

Ob du noch immer Punk bist.

Auch gut! Ich hab „Familie“ aufgeschrieben. Wenn es um meine Solo-Sachen geht, hätte ich aber auch „Die Ärzte“ schreiben können. Andererseits: Wenn mir eine Frage nicht passt, sage ich einfach weiter, ist auch bei Familie kein Problem.

Wobei du jetzt auch nicht so sehr dein Innerstes nach außen kehrst in deinen Texten, dass großes Interesse daran entsteht, aus welcher Gefühlslage du die herholst.

Das gab’s schon auch mal, allerdings nicht auf dieser Platte hier.

Die an ein klingendes Hörspiel erinnert. Ist Bastard ein Konzeptalbum?

Wir haben das Hörbuch SARTANA gemacht und neben dem Original-Titelthema noch sieben weitere Songs dafür geschrieben. Das Ergebnis gefiel mir so gut, dass ich beschloss mit zusätzlichen Songs ein Album daraus zu schnitzen. Es steckt also schon Konzept dahinter, allerdings kein monothematisches.

Trotzdem orientiert sich Bastard zumindest musikalisch durchgehend an einer Art Psycho-Country oder?

Mit Smokestack Lightnin spiele ich keinen Heavy Metal, das ist schon klar. Aber es ist schon vielseitiger geworden als die ursprüngliche Idee, einen Italo-Soundtrack zu machen, bei der Bilder im Kopf entstehen. Dennoch ist es ist weit mehr als das vorige ein visuelles Album.

Und offenbart es in gewisser Weise deine musikalische Seele mehr als es die Ärzte je taten?

Es war tatsächlich so, dass es sich für mich komplett richtig angefühlt hat, als ich das erstmals mit Smokestack Lightnin auf der Bühne stand. Das ist zwar immer noch Rock, aber mir gefällt diese Alternative-Country-Western-Root-Schiene schon lange. Andererseits hört man das ja auch vielen Ärzte-Songs an, vor allem der Frühphase.

El Cattivo zum Beispiel.

Genau. Das macht mir tierisch Spaß. Aber ich habe voriges Jahr auch erstmals mit einer Gypsyswing-Kapelle gespielt. Es ist jetzt nicht so, dass Klarinette oder Saxophon nun meine Lieblingsinstrumente sind, aber das gefiel mir tierisch gut. Und ich würde mich auch nicht gerade bei einem Reggae-Konzert am wohlsten fühlen oder bei Two-Step und modernem R’n‘B, bin aber echt in fast jeder Musik zuhause.

Sofern, so scheint es, eine gewisse Humorebene erreicht wird.

Stimmt, die fehlt bei zuhaus, das wirklich mal ganz ohne auskommt, aber sonst nie ganz. Das hat zwei Gründe: Zum einen komplettiert erst Humor ein Thema oder einen Menschen, was ich besonders durch die Schauspielerei gelernt habe. Zum anderen habe ich meine frühen Ärzte-Erfahrungen, die damalige Abgrenzung gegen den bierernsten Parolen-Punkrock so verinnerlicht, dass ich beim Texten fast Angst kriege, zu ernst zu werden, belehrend. Ich will niemals mit dem Zeigefinger wedeln.

Sorgt der Humor bei dieser Angst nicht auch für eine Art Panzer vor nachhaltiger Beschäftigung mit ernsten Themen?

Panzer – vielleicht… Nee, ich würde nicht Panzer sagen, aber ich habe einen Hang zur ironischen Brechung. Es ist nicht einem Song nicht immer dienlich, das hab ich mal in einem Liebeslied gemerkt, wo es die ganze Zeit über sehr persönlich um meine Gefühle geht, am Ende aber doch noch ein „Ick liebe dir“ kommt. Es sind Kleinigkeiten, aber – that’s me!

Diese Ironie entspricht also deiner Persönlichkeitsstruktur?

Definitiv, das prägt mich als Mensch und entsprechend auch als Musiker.

Wobei man angesichts deiner ewig langen Filmografie eigentlich fragen musst, ob du nicht vielmehr Schauspieler bist?

Na ja, als ich mit 16 das Glück hatte, in diesen Punk-Kosmos zu geraten, hatten viele Eltern meiner Mitschüler diese Super-8-Kameras. Unter anderem auch mein damaliger Schulfreund Jörg Buttgereit in Berlin.

Echt, mit einem der bekanntesten deutschen Underground-Regisseure?!

Ich habe in einem seiner ersten Kurzfilme mitgespielt, später aber auch in einem seiner bekannteren Werke Todesking, wo ich 1989 einen Auftritt als Rockstar hatte, der auf der Bühne erschossen wird. Dann bin ich noch in so eine Clique schwuler Freaks geraten, die sehr absurde Filme gedreht haben. Alle haben ja damals gefilmt. Später verliebte ich mich ich eine kanadische Regisseurin, die immerhin schon auf 16 Millimeter gedreht hat. Und bumms war ich plötzlich Ausstatter. Ich hatte also schon immer viel mit Film zu tun.

Klingt also tatsächlich fast, als seist du im Herzen Schauspieler.

Nee, die Musik war und ist für mich absolut zentral. Immer. Jeden Tag. Als Schlagzeuger gehe ich sogar im bestimmten Rhythmus über die Straße. Was ich am Filmemachen sehr mag, ist die Teamarbeit, so ein family-Ding. Und es hat mir ein paar Kindheitsträume erfüllt. Ich konnte zweimal in einem Pilotfilm der RTL-Serie Cobra 11 mitspielen und dabei mit echt krassen Stuntmen arbeiten. Die ganz harten Sachen habe ich zwar nur beobachtet, aber auch ein paar Stunts selber gemacht. Von einer 20 Meter hohen Feuerwehrleiter aufs Dach springen zum Beispiel, durch eine Feuersbrunst laufen, ein paar Stürze, Autoverfolgungsjagd und ein bisschen Scheinschlägerei. Das war herrlich!

Du hast offenbar weder körperlich noch kulturell Schmerzgrenzen.

Hahaha… ich sage Projekten zu, die mir den meisten Spaß versprechen. Andererseits hab ich voriges Jahr zwei ernstere Filme gedreht. „Das letzte Mahl“ dreht sich um ein Abendessen einer jüdischen Familie am Tag der Machtergreifung Hitlers. Ein Film der leider viele Parallelen zur Jetztzeit aufweist. Naja und dann spielte ich noch in der Verfilmung des Buches von Tino Hanekamp, der hier in Hamburg einen Club betrieben hat.

Das Uebel & Gefährlich.

Außerdem durfte ich in der Fernsehserie Einstein einen Elvis-Impersonator spielen. Daran hat mich gar nicht so sehr das Format interessiert als vielmehr den ganzen Tag über mit echten falschen Elvissen rumzuhängen und mir ihre Geschichte erzählen zu lassen.

Hast du keine Angst vor einer gewissen Überpräsenz in den Medien?

Doch, manchmal schon. Als ich vor kurzem in einem Video der Antilopen Gang mitgespielt hab, dachte ich kurz mal, ob das vielleicht gerade ein bisschen viel Bela B. in der Öffentlichkeit ist. Dass ich zuletzt zweimal in Talkshows saß und demnächst das zweite Mal im Frühstücksfernsehen auftreten werde, hat aber auch damit zu tun, dass es kein richtiges Musikfernsehen mehr gibt, wo ich über meine Musik sprechen kann und Angebote von Castingshows dort als Juror mitzuwirken, lehne ich regelmäßig ab. Tja und wenn ich gefragt werde, ob ich meine Prominenz nicht auch für einen guten Zweck einbringen kann, sage ich manchmal ein bisschen zu oft ja. Aber am Ende mache ich das, worauf ich Lust habe. Und ich kann mich ja auch jederzeit wieder zurückziehen und mir einfach mal einen Haufen Spaghetti-Western reinziehen, während die Welt sich auch ohne mich weiterdreht.


Oppositionsmedien & Hotelhauptrolle

TVDie Gebrauchtwoche

20. – 26. Februar

Wir, „die Medien“, sind jetzt also Oppositionspartei, die man daher ausschließen könne, ja müsse, sofern sie dem US-Präsidenten wie die New York Times und CNN nicht bedingungslos huldigen. So sagte es Donald Trumps externes Bauchgehirn Steve Bannon. Das gilt zwar vorerst nur fürs Weiße Haus, wo vor gut vier Wochen bekanntlich die einzige, die ewige, die letztgültige Wahrheit mit viel Trara eingezogen ist. Aber wer weiß – weil diese wahre Wahrheit keinerlei Vermittlung durch so etwas Profanes wie „die Medien“ bedarf, könnten sie auch hierzulande irgendwann auf der Oppositionsbank sitzen, statt bloß darüber zu berichten.

Ob sich der Tonfall dann wieder so verschärft wie zu jener Zeit, in der Wolfgang Petersens Welterfolg Das Boot spielt, von dem Andreas Prochaska für Sky bald eine Serienfortsetzung dreht, darf man dennoch bezweifeln. Auch ins Spätmittelalter von Martin Luther, dessen Frau Katharina der ARD in Form eines Biopics vorigen Mittwoch gut sieben Millionen Zuschauer beschert hat, wird der antiquierte Gesellschaftsansatz vieler Rechtspopulisten wohl kaum münden. Aber wohin genau? „It’s exiting“, würde der Empörungsprofi Trump da wohl twittern.

Es bleibt spannend.

Allerdings nicht in einer etwas weniger weltbewegenden Sache: Pastewka kehrt als Pastewka zurück. Endlich. Wenngleich nicht zu Sat1, sondern Amazon Prime, eine Art neoliberaler TV-Entsprechung des US-Präsidenten, die mit allen Mitteln der Sozial- und Umweltverachtung ihren Profit maximiert, was die Vorfreude aufs Comebeck der besten deutschen Sitcom nach drei Jahren Pause ein wenig trübt. Auch, wer sich auf Harald Schmidts Nebenrolle im Schwarzwald-Tatort gefreut hat, wird enttäuscht: Der Entertainment-Rentner hat dem SWR kurzfristig abgesagt. Einfach, weil er es sich leisten kann, anderen Menschen und ihren Plänen so rüde vor den Kopf zu stoßen. Ein Jammer, wenn Größe von einst zu Altersstarrsinn schrumpft.

0-FrischwocheDie Frischwoche

27. Februar – 6. März

Und damit zur Jugend, die im Serienstart der Woche eine Hauptrolle hat. Ab Donnerstag (20.15 Uhr, Arte) spielt die junge Lynn van Royen das belgische Provinzgewächs Kato, die sich blutend in der Badewanne von Zimmer 108 eines wallonischen Provinzhotels wiederfindet. Dummerweise ist Kato tot, wandelt aber weiter unter Lebenden, von denen einige (wie ihre Mutter) durch die Leiche hindurchsehen, während andere (wie ihr Vater) sie als leibhaftig wahrnehmen. Die Figurenzeichnung glaubhaft, die Atmosphäre dicht, die Bildsprache stimmig – all das macht die Jagd einer Toten nach dem Mörder ihrer selbst anders als hierzulande auch nur denkbar irgendwie – lebendig.

Dagegen dürfte die Verleihung der Goldenen Kamera im ZDF zwei Tage später bei allem Glamour an einen Totentanz erinnern. Den man nicht nur deshalb besser nicht mit den Oscars am Sonntag zuvor vergleicht, dessen Highlights ProSieben heute um 17 Uhr zeigt. Weil Serie das neue Kino ist, müssten da eigentlich längst auch neue Streams wie Greenleaf um das dunkle Geheimnis eines amerikanischen Bischofs (Ab Freitag auf Netflix) oder der Mystery-Zehnteiler Stan Lee’s Lucky Man um einen vom Pech verfolgten Mordermittler in London prämiert werden, den ein magischer Deal zum Glückspilz macht (ab Mittwoch auf Sky).

Fiktional ist die Woche dagegen eher dünn bestückt, weshalb es nur Sachliches zu empfehlen gibt. Die heutige Dokumentation Evangelium etwa (Arte, 23.35 Uhr) über einen Regisseur zum Beispiel, der mit Bewohnern eines italienischen Flüchtlingscamps ein biblisches Theaterstück inszeniert. Tags drauf widmet der Kulturkanal der Oktoberrevolution zum 100. Geburtstag ab 20.30 Uhr einen fast fünfstündigen Schwerpunkt mit Lenin-Porträt und Russland-Analyse, bevor dort am Mittwoch um 21.40 Uhr das Hohelied auf New Orleans gesungen wird und wie sich die Stadt vor zwölf Jahren musikalisch von den Folgen des Hurricans Katrina befreit hat.

Parallel dazu betreibt die ARD wieder und wieder und wieder ihr nie endendes Sponsoring der öffentlich-rechtlichen Cashcow FC Bayern München, dessen sportlich erwartbar irrelevantes Heimspiel im DFB-Pokal gegen Schalke anstelle eines Spiels mit offenem Ausgang übertragen wird. Apropos kostenlose Werbung: Am Donnerstag (13.45 Uhr) zeigt ZDFinfo die gewiss sehr interessante Doku Reklame fürs Volk über selbige in der DDR, was übergangslos auf die farbige Wiederholungen der Woche verweist: Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett (Montag, 20.15 Uhr, BR), eine Klamotte mit Heinz Erhardt als Fabrikant auf Urlaub unterm Pöbel, die 1962 im Grunde ein 90minütiger Verkaufsclip zum gleichnamigen Schlager war, dessen Peinlichkeit ein merkwürdiges Bild auf unsere Eltern wirft, die sich damals über sowas beömmelt haben.

Tatsächlich brüllend komisch war 2010 hingegen der hinreißende Mehrteiler vom österreichischen Regie-Genie David Schalko Aufschneider mit Josef Hader als Pathologe im Clinch mit den Ärzten über Tage (Montag, 23.10 Uhr, 3sat). Und weil es diese Woche nix Schwarzweißes von Belang gibt, gleich zur Tatort-Wiederholung am gleichen Tag (20.15 Uhr, RBB): Der lange Arm des Zufalls mit Boris Aljinovic, der es in seinem zweiten Fall als Berliner Kommissar Stark 2010 mit dem missglückten Überfall auf einen Geldtransporter zu tun kriegt.


Pullman: Kostümverbot im Kölner Karneval

koln-lorenz1Im Auge des Sturms

Ausgerechnet in Kölns offizieller Hofburg, wo seit 11.11. um 11 Uhr 11 das Dreigestirn residiert und auch sonst alle janz jeck sind, kann man dem Karneval selbst von Weiberfassnacht bis Aschermittwoch entkommen. Hoch droben, unterm Dach, in einer Bar mit fantastischem Domblick, dezenten Drinks und einer Chefin, der Kostüme eher fremd sind.

Von Jan Freitag

Das Auge des Hurrikans liegt nicht im, sondern überm Sturm. Zwölf Stockwerke, um genau zu sein, hinauf zu einer Bar, die kein Lüftchen durchweht. Der Fahrstuhl des Pullman Cologne nimmt sie in einem Tempo, dass die Vollbremsung den Magen am Ziel kurz weiter aufwärts fahren lässt. Es ist also eher nichts für Betrunkene, hineinzugelangen in den stillen Kern eines Wetterextrems namens Kölner Karneval. Dabei läuft das Nobelhotel zwölf Etagen tiefer vor Narren schier über an diesem besonderen Tag im Leben eines jeden Karnevalisten.

Wir schreiben 11/11. Für Nord-, Ost-, Süddeutsche ist das ein Datum wie jedes andere, für Rheinländer die Quintessenz allen Seins. Gute sieben Stunden sind seit dem Auftakt zur aktuellen Session vergangen. Gefühlt jeder Kölner auf dem Planeten plus messbare Teile der Restweltbevölkerung hat den 11.11. um 11 Uhr 11 in der ganzen Altstadt runter gezählt. Und hier, in Grölweite zum rappelvollen Heumarkt, wo Abertausende den Alltag schon mittags alkoholvernebelt zur Samstagnacht machen, da ist die Hofburg, sein offizielles Zentrum, nicht irgendein Hotel also.

Seit 44 Jahren residiert das Dreigestirn genannte Trifolium aus Prinz, Bauer, Jungfrau im äußerlich wenig ansehnlichen Klotz der betonsüchtigen Siebziger. Seinerzeit als Fünfsterne-Haus der Marke Interconti gegründet, hat das mittelgroße Hotel bis heute schließlich den zweitgrößten Ballsaal dieser latent größenwahnsinnigen Metropole des organisierten Frohsinns. Angemessen prunkvoll bietet er spielend Platz für tausend Gäste und mehr, die von mächtigen Kronleuchtern ebenso angemessen hell beleuchtet werden.

Wer dieser Stadt am „Elften im Elften“ nicht vorsorglich (und oft naserümpfend) entflohen ist, kann in dem handballfeldgroßen Raum an diesem kühlen Novemberfreitag all das vorfinden, was Karnevalsfans lieben, Karnevalsgegner hingegen umso mehr verachten: Kontrolliert abdrehende Ottonormalverbraucher vornehmlich reiferen Alters mit viel Farbe am Leib, sehr viel Alkohol im Blut und sehr, sehr viel Volksliedgut auf den Lippen. Heuer startet hier die regional bedeutsame Grosse Braunsfelder Karnevalsgesellschaft von 1976 e.V. in ihre fünfte Jahreszeit, und weil das designierte Dreigestirn nebst Entourage nach der Krönung Anfang Januar bis Aschermittwoch für sechs Wochen acht Zimmer auf Hotelkosten bezieht, zelebriert es sich in seiner künftigen Residenz besonders ausdauernd. Innbrünstig vor allem.

Noch ohne Ornat wärmt seine „Tollität“ in zivil und spe die Feiermeute lautstark für größere Aufgaben vor. Eine Batterie Karnevalsparolen nach der nächsten schleudert Stefan I. von ständigem Alaaf gekrönt in einen Saal, der zwar noch nicht brodelt wie am 23. Februar, wenn die Weiberfassnacht den Regler gen Höchsttemperatur schiebt. Doch schon jetzt wird deutlich, was das Hotel und seine Gäste an diesem geweihten Ort profaner Massenkultur dann erwartet. Das Foyer platzt vor Jecken, deren Stimme immer ein wenig lauter, deren Stimmung stets etwas euphorischer, deren Gestus viel überdrehter ist als nötig, aus allen Nähten. Unkostümiert fällt man zwischen den Paradiesvögeln und Piraten, den Pokemons und – 2016 schwer in Mode – Sondereinsatzpolizisten mehr auf als diese wohl an gewöhnlichen Tagen, wenn gesittete Dreiteiler und Businesskostüme die Lobby dominieren. Und dann das Gesangsrepertoire, Hymnen Kölner Eigenlobes, musikalisch zwischen Après-Ski-Gaudi, Fußballarena und Schützenfest: für alle, die davon Hitzepickel kriegen, empfiehlt sich nur eines: Flucht in ruhigere Gefilde, raus aus dem Sturm, hinein in sein Auge.

Zum Glück haben sie es nicht weit.

„Einfach in den Fahrstuhl, zwölfter Stock drücken und tief durchatmen“, so empfiehlt es der offizielle Herbergsvater des Dreigestirns, Hoteldirektor Henk Jan van Oostrum. Und in der Tat: Kaum schließt sich die Tür, setzt Staunen ein über den Segen guter Schallisolierung. Man hört mit einem Mal – nichts. Zumindest, bis der Lift rund 40 Meter höher hält. Mit gedämpfter Stimme weist die Security den Weg in eine Bar, die nun für mehr steht als den branchenüblichen Ort gediegener Absacker nach getaner Geschäftstätigkeit jeder Art. „Es ist ein echtes Refugium“, meint Henk Jan van Oostrum, ein holländischer Köln-Immigrant, der beim jahrzehntelangen Marsch durch die Institutionen seines Hotels nicht nur zum Manager, sondern zum Karnevalisten geworden ist. Doch weil davon bei zwei von fünf seiner Gäste erwiesenermaßen keine Rede sein kann und 20 Prozent die Maskerade gar offen ablehnen, hat van Oostrums Vorgänger das Restaurant unterm Dach Ende 2015 in die LAB12 verwandelt.

Karnevalsmusik ist zum spektakulären Blick über die halbe Stadt ebenso tabu wie allzu ekstatisches Gebaren in allzu offensichtlicher Verkleidung. Der „Fasteleer“, wie Karneval an dessen globaler Zweitkapitale nach Rio heißt, muss also ausgerechnet da draußen bleiben, wo die offiziellen Fahnen vom Festkomitee, seiner Ehrengarde und des Prinzenkorps wehen. Und das ist absolut im Sinne von Christin Lorenz, die hier gleich doppelt exotisch wirkt: Als Hotelbarchefin ist sie eine der ganz wenigen Frauen in einer der letzten Männerdomänen des Gastgewerbes. Und als Ostdeutsche hat sie ein, nun ja, differenziertes Verhältnis zum Karneval. Was damit beginnt, dass sie ihn beharrlich beim falschen Namen nennt.

„Bei uns in Sachsen-Anhalt feiern nur Kinder Fasching“, sagt die gelernte Restaurantfachfrau und lacht dazu ihr herzliches Lachen, das noch häufiger mal den loungig gedämpften Soulpop vom echten Plattenteller übertönen wird. Normalerweise bildet ihr Stammpublikum aus Handlungsreisenden mit Stehvermögen und Laufkundschaft mit Standesbewusstsein ein distinguiertes Konzentrat der solventen Großstadtbohème. Longdrink-Preise für den Gegenwert eines Wochenendeinkaufs bei Aldi machen ihnen ebenso wenig aus wie Zimmerpreise rund um den Hartz-IV-Satz. Heute dagegen gleicht ihr schicker Laden bereits abends um sieben einem Asyl für Anzugträger, denen die Lobby schlicht zu derbe ist.

Im gestärkten Hemd zur Weste mischt sie einem davon ihr eigenkreiertes Antiserum zur grassierenden Karnevalsinfektion: „Scent of a Woman“, ein Rumcocktail mit Schokoladenlikör und Chilihonig von vier hoteleigenen Bienenvölkern auf dem Dach. Dezent in der Farbe, zurückhaltend im Geschmack. Gut, die dekorative Minipaprika könnten Skeptiker als Clownsnase interpretieren; die Darreichung im unprätentiösen Kristallglas konterkariert die schrille Kostümorgie auf Straßenniveau allerdings durchaus bewusst. So sieht es jedenfalls die Erfinderin eines Barkonzeptes, das den genretypischen Hang zum Chichi im Manufaktum-Stil jetzt auch nicht immerzu leugnet.

Ständig sprüht das vierköpfige Team angeblich exakt austarierte Aromen aus plüschigen Parfümflacons über die Drinks. Und wenn die 33-jährige Selfmade-Barchefin Lorenz aus einer Glaslocke mit großem Trara Holzrauchdampf überm Whisky-Gemisch, Titel: „Smokey Bacon“ entlüftet, feiern eben edle Spirituosen etwas Karneval. Auch wenn ihre Trinker gesitteter trinken. Ja, selbst wenn es Karnevalisten sind. Sogar von denen verirrt sich schließlich der ein oder andere zur LAB12. Die meisten fotografieren zwar nur fix den hell erleuchteten Dom durchs Panoramafenster gegenüber dem gediegenen Marmortresen und verschwinden wieder abwärts. Zwei aber bleiben kurz sitzen: Kurze Erholung vom Tumult, bisschen Fachsimpelei über deutschen Gin, kleine Kostprobe mit Fruchtzerstäubung, gedimmter Gesprächston – das erdfarbene Ambiente schluckt nicht nur Schall und Licht, sondern scheinbar auch Emotionen.

Christin Lorenz hätte zwar nichts dagegen, wenn ihr Arbeitsplatz während der 30 Karnevalssitzungen bis Ende Februar generell jeckenfrei wäre. „Aber ich schmeiß‘ natürlich niemanden raus.“ Die gehobene Gastronomie ist wesensgemäß duldsam. Besonders im Vielsternesegment wird exaltiertes bis exzentrisches Gehabe jeder Couleur stillschweigend bedient. Da wäre es mindestens unschicklich, Besucher auch nur scheel anzusehen, weil sie sich anlassweise kleiden wie Cowboys & Indianer. Doch auch für die hat Christin Lorenz‘ unsagbar professioneller Kollege David, mit dem sie aus dem artverwandten Hilton ins Pullman gewechselt ist, das richtige Rezept: „Jede Situation hat ihren Alkohol“, sagt der Barmann strahlend. Unten Kölsch aus dem Träger, oben Scent of a Woman im Kristallglas. Unten stehen, oben sitzen. Unten „Riesenparty“, wie es der sturmumtoste Herbergsvater van Oostrum ausdrückt, oben „was Schlichtes, Herbes“, so lautet das Angebot von Christin Lorenz. Im Auge des Orkans.


Jesca Hoop, Dude York, Phantom, B.O.X.E.R.

tt17-hoopJesca Hoop

Wenn eine Künstlerin wie Jesca Hoop in zehn Jahren fünf Alben herausgebracht hat und noch immer keinen (deutschen) Wikipedia-Eintrag hat, wenn sie mit Bands von Eels über Elbow bis Placebo kolaboriert hat und dennoch hierzulande ziemlich unbekannt ist, wenn es dieser weithin unbekannte Superstar des Singer/Songwritings also noch immer nicht ganz aus der Nische ins Rampenlicht geschafft hat, dann muss irgendwas grundsätzlich schief laufen in der Welt alternativer Musik. Gut, das ist mit Binsenweisheit sogar noch beschwichtigend umschrieben. Aber die Kalifornierin von 41 Jahren macht Platte um Platte von so hingebungsvoll verschrobenem Folkpop, dass man ihr umgehend eine Monsterkarriere in riesigen Hallen vor Milliarden Menschen wünscht.

Nur – das täte ihrem Sound auch nicht unbedingt gut. Der nämlich irrlichtert gewohntermaßen wie verhinderte Hits auf der Flucht vor den Charts durch den Hallraum ihrer knarzigen Country-Stimme, als würde Ani Di Franco mit den White Stripes jammen. Hübsche Gitarrenpicks wechseln sich da in Simon Says mit merkwürdig blechernem Doppelgesang ab, bevor Cut Connection wie eine Art Ethnopunk über die Prärie fegt und es im anschließenden Songs of Old fast ein bisschen nach Kate Bush klingt. Man kann sich hier Track für Track durch ein reichhaltiges Biotop folkiger Klänge wühlen, dass es die pure Freude ist. Mit der Berühmtheit wird es dennoch auch diesmal noch nicht klappen. Macht aber nix.

Jesca Hoop – Memories Are Now (Cargo Records)

tt17-dudeDude York

Ein bisschen wie bei Jesca Hoop verhält es sich auch mit Dude York. Das Trio aus Seattle macht einen Sound, der seinesgleichen sucht – mitreißend, verspielt, kreativ, durcheinander, schön. Trotzdem hängt ist ihr fantastisches Debütalbum Dehumanize selbst daheim in den USA nicht so richtig übers Off-Art-Feuilleton hinausgekommen. Zu blöd eigentlich. Denn auch der Nachfolger Sincerely bereichert das Genre des Alternative-Pop um eine Spielart, die man vielleicht Glampunk nennen könnte. Endlich mal ein Hipphipphurra-Rock’n’Roll, der die ohnehin harte Zeit nicht mit Schwermut überfrachtet, ohne dabei irgendwie flach und öde zu klingen.

Die 13 Stücke sind einer wie der andere von so himmelschreiender Lebenszugewandtheit, dass man sich zwar bisweilen schon etwas mehr Transzendenz wünschen würde, wenn soziokultureller Tiefgang schon nicht auf der Agenda von Sänger Peter Richards zu stehen scheint. Doch wie der Gitarrist gemeinsam mit Claire England am Bass und Drummer Andrew Hall die Mittelzonen des Popwerpop in den Wave der späten Siebziger zieht, kann man da prima drüber hinweg sehen. Der frühe, der Look-Sharp-Joe-Jackson hätte seine helle Freude an dieser Wiedergeburt seines fuzzigen Uptempo-Discorocks am Ende der Punk-Ära, die mit John Goodmanson spürbar den gleichen Produzenten hat wie Sleater Kinney und Bikini Kill. Und wir freuen uns einfach mal mit.

Dude York – Sincerely (Hardly Art)

tt17-phantomPhantom

Die Kunst, künstlich zu wirken, und dabei natürlich zu bleiben, ähnelt dem Versuch, vor der Kamera schlecht eiszulaufen, wofür man besser gut eislaufen können sollte. Ganz schön kompliziert. Aber machbar. Wie gut, belegt das finnische Elektropo-Duo Phantom auf seinem Debütalbum MMXII. Der Klangkosmos, den die Jazz-Sängerin Hanna Toivonen und ihr Beatproduzent Tommi Koskinen erschaffen, vollführt nämlich das kleine Wunder, zugleich höchst artifiziell und dabei organisch zu sein. Beim Hören ist man deshalb ständig hin und her gerissen: Oh Gott, war das da grad Rhythm & Blues? Nein, nein – eher schon Dreampop. Oder nee, doch eher eine Art Electroclash. Und so geht das die ganze Zeit.

Vom winzigen Youtube-Hit Scars über die Singleauskopplung Kisses bis hin zu all den Tracks mit raspelkurzen Titeln wie Smoke oder Shadows, in denen Hanna Toivonens Stimme zu oft verstörend düsteren Synths den Spagat schafft, zugleich zerbrechlich und tough zu klingen, soulig und kratzig. Für den Lounge-Club mit fancy drinks wirkt das dabei alles viel zu verstiegen und schräg, fürs Feuilleton dagegen schon manchmal etwas zu cheezy. Aber vielleicht ist ja genau dies das Geheimnis guten Pops: sich nirgends so recht einordnen zu lassen, bei allem Eklektizismus eigensinnig zu klingen. MMXII schafft genau das.

Phantom – MMXII (VILD)

Hype der Woche

tt17-boxerB.O.X.E.R.

Die Kunst, künstlich zu wirken und dabei natürlich zu bleiben, ähnelt wie gesagt der Sache mit dem schlechten guten Eiskunstlaufen. Die Kunst hingegen, künstlich zu sein, weil man eben künstlich ist, ist gar keine Kunst, sondern im besten Fall ein leidlich gutes Vermarktungskonzept, im schlechteren einfach Bullshit. Ganz schön berechenbar. Das Hamburger Duo B.O.X.E.R., schafft es, beides zu sein – Vermarktungskonzept und Bullshit, wenn auch verrührt mit einer unüberhörbaren Ladung Lässigkeit, die ihr Debütalbum Opium durchaus unterhaltsam macht. Dennoch werden das weltweit gebuchte Model Anna Maria Nemetz und ihr indiegeschulter Musiker Jan Ole Jönsson (Caracho) nicht umsonst wegen der hübschen Optik über die Laufstege der Oberflächlichkeit von GNTM bis GQ geschickt. B.O.X.E.R. klingen in jedem ihrer Electropop-Strücke exakt so artifiziell wie ihr Äußeres für den kalkulierten Medienhype. Das Ergebnis ist Musik aus der Nische zwischen Regal, Showroom und Tresen, von wo aus Opium prima die Verkäufe stylischer Items der Überflussgesellschaft untermalt. Nicht viel mehr, selten weniger. Na ja.


Ulmen/Yardim: Judo & Jerks

jerks-szenenbild-2-largeDas ist absolut mein Humor

Fahri Yardım und Christian Ulmen (Foto: Kowalski/Maxdome) kennen sich schon seit ihrer Jugend in Hamburg. Seit ein paar Wochen sind sie gemeinsam in der ersten deutschen Video-on-Demand-Serie Jerks auf Maxdome über zwei Berliner im Kampf mit dem Alltag zu sehen. Nun läuft sie auch dienstags (23.15 Uhr) auf ProSieben. Ein Gespräch mit den Hauptdarstellern über zotige Witze, wahre Peinlichkeiten, gemeinsames Judo und Eierstöcke aus Stahl.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Yardım, Herr Ulmen…

Fahri Yardım: Du bitte, immer Du. Unter Hamburgern.

Seid ihr auch privat befreundet?

Christian Ulmen: Ja.

Yardım: Und nicht erst seit Berlin, sondern Harburg. Das ist Ewigkeiten her.

Ulmen: Über 20 Jahre. Wir haben uns im Judo-Kursus kennengelernt.

Ulmen: Und waren zusammen beim Panda-Club vom WWF, das prägt. Trotzdem haben wir uns danach aus den Augen verloren, bis wir vor fünf Jahren „Wer’s glaubt, wird selig“ gedreht haben.

Und seit ihr jetzt so richtig dicke?

Yardım: Ich würde sagen, so dick wie Christians Bauchumfang, also ganz schön!

So dicke, dass ihr euch im Café intensiv über euer Liebesleben austauscht?

Ulmen: Wenn es sich ergibt, selbstverständlich.

Und geschieht das dann im Tonfall der Jerks, wo ihr da diverse Bezeichnungen der Vagina durchdekliniert, oder etwas dezenter?

Ulmen: Gespräche folgen ja selten einem Konzept, unter Freunden fallen die Worte einfach so aus einem raus. Außerdem situationsabhängig. Das Durchdeklinieren von Vagina ist dem Schrecken geschuldet, dass  ich in einer Episode vom Masturbationskursus meiner Freundin erfahre, der mich in die Angst versetzt, ich könnte sie an so einen Selbstbefriedungsguru verlieren. Die Verhältnisse geben den Duktus vor, nicht der Bedarf, sich derbe auszudrücken. Weil sich die Serie an der Realität orientiert, könnte so ein Gespräch im Café also tatsächlich zwischen Fahri und mir stattfinden.

Yardım: Wir heißen in der Serie ja nicht umsonst, wie wir auch in echt heißen.

Steht deshalb gleich im Vorspann, Jerks basiere auf wahren Begebenheiten?

Ulmen: Viele Geschichten, die wir erleben, sind uns wirklich passiert, werden aber mit Geschichten des dänischen Originals vermengt. Es würde der Serie den Zauber nehmen, wenn ich verraten würde, welche der Szenen wir wirklich erlebt haben und welche nicht. Das rätseln darüber, ob Fahri diese oder jene Peinlichkeit echt widerfahren ist, macht ja Spaß. ,

Yardım: Wer uns ein bisschen besser kennt, weiß am Ende des Tages, dass wir im Umgang mit dem alltäglichen Leben ganz schöne Idioten sind.

Ulmen: Das Wort „Idiot“ trifft es nur halb: der englische Begriff „Jerk“ ist genauer, beschreibt nämlich sowohl den aktiven Idioten, also ein offensiv handelndes Arschloch als Persönlichkeitsstruktur. Aber gleichzeitig eben auch den eher defensiv handelnden Trottel, den die Umstände dazu machen, der unschuldig in Not geratene Idiot, der in irgendwas rein stolpert. Fahri ist öfter Typ 1, ich bin meistens Typ 2.

Yardım: Hört, hört!

Ulmen: Doch, doch! Wir beide wollen auf unserer Suche nach Harmonie immer alles richtig machen und scheitern genau daran. Das macht uns zu Trotteln. Weil wir aber nie daraus lernen, sind wir auch Ärsche, unterm Strich also Jerks. Das Bedürfnis, es allen recht machen zu wollen und dabei das genaue Gegenteil zu bewirken, ist dabei ein viel stärkeres Motiv als die vulgäre Wort- und Bildwahl.

Wer die ersten Teile sieht, könnte dennoch den Eindruck gewinnen, dass es genau darum geht bei den Jerks – um geschlechtsspezifische Zoten von Sex bis Fäkalien.

Ulmen: Ich rieche in der Frage einen gewissen Dünkel, Wer reflexartig „zotig!“ ruft, sobald sich den Themen Sexualität oder auch Stuhlgang peinlich-lustig genähert wird, der verkennt die Tiefenfähigkeit von Humor. Ich gehe noch weiter: der hat keinen Humor. Es geht ja vor allem um zwei Stadtneurotiker modernen Typs.

Yardım: Die Saftigkeit wird ja nicht ausgestellt, sie beschreibt Dinge wie Schamgefühle oder Selbstwahrnehmung. Wenn man wie Christian auf ein Geschäft aufpasst, aufs Klo muss, das allerdings grad repariert wird, und da steht ein Katzenklo, dann ist das für mich nicht zotig, sondern die Verarbeitung urmenschlicher Bedürfnisse. „Kacken“ ist da nur ein anderer Begriff für „Druck“, unter dem die Protagonisten permanent stehen.

Ulmen: Eine Zote wäre, wenn er ins Katzenklo macht, um seine Freundin reinzulegen oder weil er einen doofen Film von Adam Sandler nachspielen will. Wenn er sich jedoch aus einer realistischen Notlage befreien muss, und die einzige Abhilfe die Nutzung eines Katzenklos ist, dann ist das eine Tragödie, in der wir verschämt über die Not lachen, nicht über die Kackwurst.

Yardım: Und genau so ist das absolut mein Humor.

Könnte der auch im ZDF laufen oder ist es passgenau fürs Streaming gemacht?

Yardım: Als erste Video-on-Demand-Serie aus Deutschland ist sie genau da richtig, wo sie läuft. Fürs ZDF wäre vermutlich der Konfrontationsgrad zu hoch, die Zuspitzung nach oben und unten. (stockt) Warum ziehst du dich jetzt aus, Christian?

Ulmen: Um, ich ziehe mich um.

Yardım: Aber guck mal, im Brustbereich sieht er super aus, darunter wird’s schwierig. Geht ja vielen Männern so in dem Alter… Gut, ich will da aber auch nicht zu sehr zwischen linear und online, alt oder neu differenzieren. Wie das digitale hat das lineare Fernsehen Vor- und Nachteile. Ich persönlich liebe es, mich davon unterhalten zu lassen wie Gott es erschaffen hat – einfach einschalten und genießen, was andere zusammengestellt haben. Zugleich aber genieße ich die Entscheidungsfreiheit einer Video-Plattform.

Ulmen: Es ist ein typisches VoD-Format, das sich substanziell unterscheidet, unterscheiden muss vom klassischen Fernsehangebot. Man darf aber nicht vergessen, dass es auch bei ProSieben läuft. Später zwar und erst nachts, aber das hat eben mit der FSK und der Andersartigkeit zu tun.

Yardım: Dass es einen Sender gibt, der sich der Angst des Mediums so widersetzt wie dieser, finde ich fantastisch. Die haben Eierstöcke aus Stahl.

Habt ihr noch mehr solcher Projekte im Köcher, womöglich gemeinsam?

Yardım: Na ja, zunächst mal eine zweite Staffel, das wäre schon großartig.

Und vielleicht auch mal wieder was in eurer alten Heimat Hamburg?

Yardım:  sehr gerne, ernsthaft.

Ulmen: Und das wird auch passieren! Ich bin da aufgewachsen und kenne jeden Stein, jeden Winkel, jedes Mauseloch.

Yardım: Im Kontrast zu Berlin ist Hamburg noch immer untererzählt. Das meiste entsteht im biederen Vorabendambiente. Das ist grad für Bewohner kaum zu ertragen. Ständig der Hafen im Hintergrund, vom Michel rüber zur Reeperbahn – ich kann‘s nicht mehr sehen. Dabei bietet die Stadt so viele Kontraste zwischen schönem Schein und dreckigem Milieu – das dürfte gerade im Schatten der Elbphilharmonie gern mehr gezeigt werden. Hamburg hat so viel Kultur von unten, wird aber am Bildschirm dauernd erzählt, als würde sie ein BWLer filmen.

Ulmen: Sehe ich genauso, als Filmmotiv hat die Stadt noch viel Luft nach oben.

Seid ihr denn noch richtige Hamburger oder schon assoziierte Berliner?

Ulmen: Ich hab hier von drei bis 20 und später noch ein paar Jahre gewohnt. Wenn ich herkomme, überkommt mich sofort ein Heimatgefühl. Andersrum habe ich nach ein paar Tagen sofort das Gefühl, wieder wegzuwollen, bevor ein Gefühl von Langeweile entsteht. Wobei es mich dann weniger nach Berlin als Potsdam zieht.

Yardım: Ich werde ja demnächst Vater. Und als ich das erfahren habe, überkam mich so ein seltsames Gefühl auf, das Kind wäre in Hamburg womöglich besser aufgehoben als in Berlin. Da spiegelt sich meine nostalgische Sehnsucht voll in der kleinen Maus, für die es doch unbedingt genauso schön sein darf, wie ich es erinnere.

So weit die Theorie. Und die Praxis?

Yardım: Hat ein großes Problem: Meine Freundin ist gebürtige  Prenzlauer Bergerin und wird sicher alles daran setzen, dort zu bleiben.

Ulmen: Dann komm doch nach Potsdam, ihr könnt bei uns wohnen.

Yardım: Klingt nach einem Kompromiss Obwohl…


Sportpatriotismus: Reporterjubel & Distanz

patriot-1Ich verstehe die Frage nicht

Sportberichterstattung ist nicht nur eine ganz eigene Medien-Disziplin, sondern eine andere Welt. Während sich viele Journalisten gerade in Zeiten des gepöbelten Lügenpresse-Vorwurfs fast verbissen um Neutralität bemühen, pflegen ihre Kollegen am Pisten-, Becken-, Spielfeldrand einen Patriotismus, der mit dem Berufsethos überparteilicher Objektivität bisweilen weniger zu tun hat als Donald Trump mit Political Correctness. Besonders auf Schnee und Eis gehen die Pferde der Voreingenommenheit da mit manchem Reporter durch. Erst am Wochenende zum Beispiel brüllte der Reporter beim Sieg einer deutschen Biathletin völlig enthemmt ins Mikrofon, der Himmel über Hochfilzen sei Schwarzrotgold (Foto: ARD). freitagsmedien hat eine Reihe von Berichterstattern der vier wichtigsten Sportsender ARD, ZDF, Eurosport und Sport1 mit Fragen nach ihrem Selbstverständnis befragt. Folgende Fragen:

  1. Wie definieren Sie journalistische Distanz zum Berichtsobjekt und welche Art Distanz pflegen Sie?
  1. Wie verträgt sich Überparteilichkeit mit Patriotismus?
  1. Darf oder muss ein Sportreporter für die Sportler seines Landes sein und warum?
  1. Gelten im Sport diesbezüglich andere Regeln als in anderen Ressorts und falls ja – warum?
  1. Soll der Bessere gewinnen oder der Deutsche?
  1. Haben Sie einen Journalistenausweis im Portemonnaie und was bedeutet er Ihnen?

Dass ein besonders unkritischer Wintersportmoderator wie Matthias Opdenhövel (ARD), der die deutschen Adler gemeinsam mit dem früheren Skispringer Dieter Thoma am Schanzentisch mit Vorliebe kritiklos feiert, überhaupt nicht reagiert hat, zeigt ebenso wie manch trotzige Antwort besonders öffentlich-rechtlicher Teilnehmer, dass der Fragekatalog bei vielen einen Nerv getroffen hat. Im Einzelnen sah das so aus:

patriot-bartelsTom Bartels, geboren 1965 in Celle, ging 1996 vom WDR zu RTL und kehrte über Premiere 2006 zur ARD zurück, wo der Kommentator des Fußball-WM-Finales 2014 v.a. Skispringen kommentiert.

  1. Distanz zum Berichtsgegenstand ist Grundvoraussetzung für jeden Journalisten. Der Spagat ist nicht immer einfach. Ohne Nähe ist es schwer, gut informiert zu sein. Aber noch wichtiger als Nähe ist es, Grenzen zu ziehen. Für Hintergrundinformationen darf keine Hofberichterstattung erwartet werden. Meine Erfahrung ist, dass im Sport die meisten Personen mit fairer Kritik gut umgehen können.
  2. Für mich sehr gut. Ich sitze nicht als Fan, sondern Berichterstatter am Mikro. Weil meine Kommentare in Deutschland gehört werden, liegt es in der Natur der Sache, dass ich mehr über dessen Sportler recherchiere und spreche als etwa über italienische. Patriotismus ist mir fremd, aber sie werden bei mir ehrliche Freude über herausragende Leistungen deutscher Sportlerinnen und Sportler durchhören. Genauso kann ich mich über Leistungen anderer Nationen freuen. Sportreporter bin ich aus Leidenschaft zum Sport geworden. Wichtig ist bei aller Anerkennung einer Leistung immer der Rückzug auf eine neutrale Position, die deren Wie und Warum hinterfragt. Im Live-Ereignis ist das nicht immer möglich, grundsätzlich steht Distanz zum Sportler/Trainer/Team aber über allem.
  3. Ein Sportreporter sollte selbstverständlich neutral und objektiv sein. Wenn er aber für ein deutsches Publikum berichtet, wird er sich intensiver mit deren Sportlerinnen und Sportlern beschäftigen und darf sich in einem vertretbaren Rahmen mitfreuen. Es wäre in meinen Augen widersinnig, ein WM-Finale ohne Sympathie für das übertragende Land zu kommentieren. Ist der Gegner allerdings besser, muss der Reporter dies einordnen. Als ich Spanien im EM-Finale 2008 als verdienten Europameister und klar besseres Team bezeichnete, habe ich allerdings die Erfahrung gemacht, dass Kritik an deutschen Sportlern nicht gut ankommt.
  4. Ich wüsste nicht, warum im Sport andere Regeln gelten sollten.
  5. Warum „soll“ jemand gewinnen? Es gewinnt immer der Bessere. Umso erfreulicher für deutsche Zuschauer, wenn es der oder die Deutsche ist…
  6. Ich bin Mitglied im Deutschen Sportjournalistenverband, hatte aber noch nie einen Presseausweis. Zu den Veranstaltungen, die ich besuche, werde ich akkreditiert.
Katrin Müller-Hohenstein

Foto: Bänsch/ZDF

Katrin Müller Hohenstein, geboren 1965 in Erlangen, löste 2006 Rudi Cerne bei das aktuelle sportstudio ab. Im Wintersport berichtet die Fußballexpertin mit besonderer Nähe zur „Nati“ aus dem ZDF-Sendezentrum.

  1. Meine journalistische Distanz ergibt sich aus einer Mischung von verschiedenen Komponenten von ganz alleine. Objektivität, Respekt, Fairplay und Empathie.
  2. Patriotismus ist in dem Zusammenhang ein großes Wort. Tatsächlich ist es aber so, dass zur Sport-Berichterstattung auch immer eine gewisse Begeisterung für herausragende Leistungen der Athleten aus dem eigenen Land gehört. Fragen Sie mal unsere Zuschauer – sie lieben bei Live-Übertragungen das Mitfiebern mit „ihren Sportlern“.
  3. Klar darf er. Warum denn nicht?
  4. Falls Sie mit anderen Ressorts Themenfelder wie Politik oder Wirtschaft meinen, stellt sich mir die Frage nicht; das lässt sich nicht wirklich vergleichen. Einerseits ist der Sport zum Glück nicht so wichtig und eben eine der schönsten Nebensachen. Andererseits ist eher die Frage nach den unterschiedlichen Aspekten einer umfassenden Sportberichterstattung interessant: hier das Live-Erlebnis im Wettkampf, da rechercheaufwändige Hintergrundgeschichten.
  5. Ich fürchte, an dieser Stelle ist der Fragenkatalog von feindlichen Hackern übernommen worden. Die Frage haben Sie sich nicht wirklich ausgedacht?
  6. Mein Kind bedeutet mir etwas, meine Familie, meine Freunde. In diesem Sinne „bedeutet“ mir der Journalistenausweis nichts. Doch es ist gut, dass ich ihn habe – ich bin gern Teil eines großen Ganzen.

patriot-heinrichSigi Heinrich, geboren 1953 in Wolfratshausen, zählt zu den Eurosport-Kommentatoren der ersten Stunde und ist seit 1989 schwerpunktmäßig für Biathlon, Eiskunstlauf und Ski Alpin zuständig.

  1. Man sitzt nicht in einem Boot, aber treibt im selben Fluss, weshalb man das teuer erworbene Produkt des „Verkaufsjournalismus“ nicht kaputt reden darf und dennoch Distanz wahren muss. Ich habe stets versucht, keine Freundschaften mit Aktiven und Trainern aufzubauen, was ein paar Mal misslungen ist. Dennoch betone haben Journalisten eigene Meinungen, die sie in ihrem Medium auch kundtun sollen und hoffentlich dürfen. Umso mehr bringt mich der Start vieler Interviews mit „ich gratuliere, tolles Tor…“ dem Wahnsinn nahe. Auch im Verlautbarungsjournalismus muss der Kommentator den Mut haben, seine Stimme zu erheben, statt zum Wunschkonzert einzuladen. Ich habe nach klaren Worten viele Diskussionen führen müssen und hoffe, dass wir unsere Freiheit der Gedanken und Wörter auch mit zunehmender Popularität weiter ausüben können.
  2. Wohl dosiert verträgt sich Überparteilichkeit selbstverständlich mit Patriotismus. Wobei für mich immer die Überparteilichkeit Vorrang haben wird. Als Verkaufsargument soll Patriotismus wohl auch so etwas wie eine Identifikation mit dem Sportler sein. Man darf durchaus Gefühle zeigen, sofern sie wirklich ehrlich sind. Aber er ist Deutscher, ich bin Deutscher, weshalb ich für ihn, also gegen andere bin – das sind die Anfänge des Populismus und deshalb gefährlich. Wir haben da eine Vorbildfunktion, die wir nutzen müssen in Zeiten wie diesen, in denen außerhalb des Sports die Grenzen des guten Geschmacks und des fairen Umgangs miteinander nicht mehr vorhanden sind.
  3. Ein Sportreporter ist zuvorderst die Stimme des Sports, der von den Athleten ausgeübt wird. Es ist im Grund egal, aus welchem Land er kommt. Aber die Antworten wiederholen sich. Verkaufen heißt die Devise. Ist der Sportreporter zu neutral, fällt ihm das garantiert irgendwann auf die Füße. Die Haie warten schon, respektive die Kollegen, die es ja alle viel besser können.
  4. Eigentlich sollten im Sport die gleichen Regeln neutraler Beobachtung gelten wie in anderen Ressorts. Aber tun sie das dort überhaupt? Sportreporter reden sich gern damit heraus, dass sie über Belangloses berichten. Dabei haben sie eine wichtige soziale Aufgabe. Je mehr Parteilichkeit sie zeigen, umso beliebter können sie möglicherweise bei bestimmten Gruppen werden. Sportreporter lechzen nach der gleichen Berühmtheit, die diejenigen haben über die sie berichten. Das verschleiert mitunter den Blickwinkel. Aber auch politische Redakteure müssen manchmal mit den Wölfen heulen und tun das mitunter auf befremdliche Art und Weise, wie die vielen ätzenden Talkrunden zeigen.
  5. Wer wird wie der Bessere? Wenn ich das einwandfrei feststellen kann und weiß, dann ist diese Frage beantwortet. Natürlich der Bessere. Ohne Wenn und Aber.
  6. Ich bin im Verein der Deutschen Sportjournalisten, entrichte meinen Jahresbeitrag schon aus Gründen der Solidarität, habe aber keinen Journalistenausweis. Aus Nachlässigkeit, aber auch weil er nicht viel bringt. Ich hätte ihn in den letzten 20 Jahren auch nie benötigt und konnte doch überall arbeiten, wo es notwendig war.

sport-bier-c-rico-rossivalStefan Bier, geboren 1962 in Düsseldorf, ist die Allzweckwaffe des ZDF (Foto: Rico Rossival). Seit 1996 war er bei jeder Fußball-WM und EM am Mikrofon und berichtet von Skispringen oder der Nordischen Kombination.

  1. Aus den Grundsätzen unseres Berufs ergeben sich die Handlungsweisen im Prinzip von ganz allein. Journalistische Distanz bleibt dabei grundsätzlich die entscheidende Voraussetzung für eine unvoreingenommene und unparteiische Haltung. Das ist nicht zu ändern. Ich versuche mich beim Umgang mit Sportlern, Trainern, Funktionären, Veranstaltern, Sponsoren usw. auf den Austausch von Informationen oder gelegentlich auch Meinungen zu konzentrieren. Im Interesse der Genannten zu agieren oder auf einen Austausch von Gefälligkeiten einzugehen, wird vermieden.
  2. Ich weiß nicht, was Sie unter zuschauerfreundlichem Patriotismus verstehen, glaube aber, dass der Eindruck einer Nähe zwischen Sportreporter und Sportlerlandsmann sich schon aus der Tatsache ergibt, dass für gewöhnlich die Sportler des eigenen Landes aus leicht nachvollziehbaren Gründen in der Berichterstattung einen besonderen Raum einnehmen.
  3. Im internationalen Vergleich schneidet die Sportberichterstattung in Deutschland meiner Meinung nach übrigens weitaus neutraler und distanzierter ab, als es ohne diesen Vergleich erscheint. In Island, Italien, Russland oder Norwegen würde Ihre Recherche vermutlich auf Unverständnis stoßen.
  4. Ich halte es für irrelevant, wo ich meinen Presseausweis aufbewahre.

patriot-bielekMatthias Bielek, 1981 geboren im bayerischen Dettelbach, kam in dieser Saison von Sky zu Eurosport, wo er mit dem Vierschanzentournee-Sieger  Sven Hannawald vom Skispringen berichtet.

  1. Der journalistische Leitsatz „mach dich nie mit einer Sache gemein, auch keiner guten“ gilt. Grundsätzlich muss man kritische Distanz wahren, aber Sport ist nicht nur Technik und Athletik, er lebt von Emotionen, die der Zuschauer erleben will. Der Kommentator kann dieses sehr wichtige Element von Sport transportieren. Im Infotainment sehe ich meine Rolle als „Schweiz“, muss also neutral sein oder zumindest in der Lage, nicht nur für „mein“ Team oder „meine“ Sportler Begeisterung zu zeigen.
  2. Da sehe ich keine Probleme. Bei internationalen Wettbewerben darf der Reporter für sein Heimatland Emotionen zeigen. Allerdings sollte er das auch tun, wenn ein Konkurrent dank besserer Leistung gewinnt. Begeisterung für sportliche Leistung ist überparteilich, Kritik und Analyse sind es ebenfalls.
  3. Er darf und ich finde sogar: muss. Er macht sein Programm ja für eine bestimmte Zuschauergruppe. Diejenigen, die ihm zuschauen, tun das oft, weil sie mit ihren Landsleuten fiebern wollen. Allerdings muss die Waage stimmen. Auch gegnerische Leistungen müssen erkannt, gewürdigt, gar bejubelt werden, wenn die grandios sind.
  4. Beim Sportevent selbst: ja. Beim Thema Sportpolitik ist das natürlich anders. Da kann es aktuell fast gar nicht genug Distanz und kritische Betrachtung geben.
  5. Eindeutig immer der Bessere. Das ist der Kern des Sports.
  6. Ich hatte mal einen, aber habe ihn nie gebraucht. Wenn ich dienstlich zu einer Veranstaltung komme, bin ich meist über meinen Arbeitgeber akkreditiert. Die Möglichkeit zu freier und unabhängiger journalistischer Arbeit ist aber immens wichtig, der Zugang zu Informationen zentral. Dafür steht der Journalistenausweis.
Norbert König

Foto: Schlesinger

Norbert König, 1958 geboren im niedersächsischen Nordholz, moderiert seit 1987 beim ZDF alles von Leichtathletik über Fechten bis Skisport, mit Schwerpunkt Interviews vor allen Biathlon oder Skispringen.

  1. Die journalistische Distanz zum Berichterstattungsgegenstand und zu den Protagonisten der Sportereignisse gehört für mich selbstverständlich zur professionellen Grundhaltung.
  2. Mein Patriotismus hält sich bei der journalistischen Arbeit in den gebotenen Grenzen.
  3. Als Moderator beim Skispringen oder bei der Leichtathletik kommt es für mich darauf an, in den Gesprächen mit den Athletinnen und Athleten interessante Antworten zum laufenden Wettbewerb zu erhalten, unabhängig von der Nationalität. Ich verstehe mich dabei als Mittler zwischen Zuschauer und Sportler. Eine gewisse (zurückhaltende) Freude über deutsche Erfolge liegt da für mich in der Natur der Sache.
  4. Journalistische Interviews zielen darauf ab, ergänzende Aspekte für die Berichterstattung zu erfragen. Dennoch gibt es natürlich atmosphärische Unterschiede, ob ein Interview am Rande einer Sprungschanze oder an der Frankfurter Börse geführt wird.
  5. Die Frage ist mir zu billig.

sport-hofmannRuth Hofmann, geboren 1986 in Augsburg, moderiert nach ihrem Volontariat bei Sky seit 2013 für Sport1 von der Europa-League bis zur 2. Liga alles was mit Fußball zu tun hat.

  1. Begeisterungsfähigkeit und Emotionalität sind wichtige Aspekte von Sportberichterstattung, die das kritische Urteilsvermögen allerdings nicht beeinflussen sollten. Eine gewisse Nähe zu den handelnden Personen kann bei der Informationsbeschaffung hilfreich sein; es sollte aber so viel Distanz bestehen, dass eine ausgewogene Berichterstattung möglich ist.
  2. Eine gewisse Heimatverbundenheit schließt meiner Ansicht nach die Offenheit gegenüber anderen Nationen sowie die Fähigkeit zur kritischen Berichterstattung nicht aus. Die journalistisch notwendige Überparteilichkeit ist in diesem Rahmen also durchaus möglich.
  3. Er darf, muss aber nicht. In erster Linie ist die Aufgabe des Reporters, objektiv über die Sportveranstaltung zu berichten. Eine grundsätzliche Sympathie für die Sportler des eigenen Landes halte ich dabei für angebracht. So kann der Reporter mit den heimischen Sportlern und Fans mitfühlen, entsprechend Emotionen übermitteln und gleichzeitig in gesundem Maße Kritik üben.
  4. Sportberichterstattung transportiert auf besondere Art Emotionen: Sie lässt Leser, Hörer, Zuschauer mit fiebern, leiden, jubeln. Vor diesem Hintergrund kann unserem Ressort durchaus eine Sonderstellung zugewiesen werden. Während in anderen Bereichen von vornherein eine nüchterne Herangehensweise unabdingbar ist, bedarf es bei Sportjournalisten – um eben diese Emotionen zu übermitteln – stets eines gewissen Maßes an Begeisterungsfähigkeit.
  5. Der Bessere.
  6. Ja, aber ich benötige ihn selten.

sport-stutzkyJochen Stutzky, geboren 1980 in Schwäbisch-Gmünd, hat während seines Sport-Studiums als Blindenkommentator beim FC Bayern München gearbeitet und moderiert seit 2007 bei Sport1 vor allem Fußball.

  1. Der Zuschauer sollte immer den Eindruck haben, dass der Journalist objektiv an die Sache herangeht. Ein einfaches Beispiel wäre das Duzen und Siezen des Gegenübers bei Interviews. Dies ist nicht immer einfach, da man in gewissen Interviewsituationen per Du eine spürbar bessere Atmosphäre schafft und vor allem dem Interviewpartner damit ein gutes Gefühl gibt sowie teilweise auch für den Zuschauer bessere Antworten gewinnt. Im Hinblick auf Patriotismus sollte meiner Ansicht nach im Sport zum Beispiel bei Länderspielen eine gewisse Tendenz sogar nötig und auch erlaubt sein. Emotionalisierung ist in der Sportberichterstattung enorm wichtig. Einzelne Szenen, wie zum Beispiel eine Elfmeterentscheidung oder ähnliches, muss der Reporter aber natürlich immer objektiv beurteilen.
  2. Neutralität und Unabhängigkeit gehören für mich ebenso zur Sportberichterstattung wie Patriotismus. Beides zusammen ist möglich! Meiner Meinung nach gehört ein gesundes Maß an Patriotismus im Sport dazu und sollte auch beim Sportreporter nicht negativ ausgelegt werden.
  3. Er muss es zum Teil sogar: Man stelle sich Länderspiele deutscher Nationalteams ohne die Botschaft des Sportreporters vor, dass man sich ruhig auch freuen darf, wenn sie ein Spiel gewinnt oder gar einen Titel holt. Olympische Spiele ohne Daumen drücken für die Deutschen? Unvorstellbar! Trotzdem muss der Respekt vor dem sportlichen Gegner erhalten bleiben und seine Leistung honoriert werden. Als schlechter Verlierer sollte sich niemand zeigen.
  4. Im Grunde gelten im Sportjournalismus keine anderen Regeln. Allerdings ist Patriotismus im Sport tief verwurzelt und mittlerweile auch in Deutschland wieder stärker akzeptiert. Solange die Kernkriterien journalistischer Arbeit wie unter anderem Richtigkeit, Sorgfalt und Ausgewogenheit beachtet werden, darf ein deutscher Sportjournalist durchaus andeuten, dass er bei einem Länderspiel Deutschland gegen England die Daumen drückt für ‚Die Mannschaft‘. Und was wäre diese Paarung ohne die Berichterstattung rund um die sportliche Rivalität beider Nationen, ohne ironische Breitseiten aus beiden sportjournalistischen Lagern?
  5. Im Sinne der sportlichen Leistung sollte eigentlich stets der Bessere, Fleißigere, Talentiertere gewinnen. Grundsätzlich sollte ein sportlicher Sieg verdient sein. Das ist er aber eben nicht immer. Ich halte gerne zu deutschen Sportlern. Aber ich sehe das keinesfalls als Dogma. Jeder sollte für sich entscheiden, wer gewinnen soll.
  6. Natürlich! Er identifiziert mich in meinem Traumberuf als Sportjournalist, ist aber oft auch meine Eintrittskarte. Bei Länderspielen brauche ich ihn in der Regel, um Zugang zum Training oder zur Pressekonferenz des DFB oder des Gegners zu erhalten.
Der Text ist zuvor im Medienmagazin journalist erschienen