Posted: May 21, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Kompetenz und Heididei
Wenn das Modethema Biopic von Frauen handelt, geht es bei aller Durchsetzungskraft in Männerwelten stets auch um den Faktor Sympathie. Davon bleibt leider auch Iris Berbens Grundgesetz-Gestalterin Elisabeth Selbert in Sternstunde ihres Lebens (heute, 20.15 Uhr, ARD) nicht verschont.
Von Jan Freitag
Ach, wahrhafte Heldinnen haben’s schon schwer in Film und Fernsehen. Entweder sie finden darin gar nicht statt, da die Wirklichkeit seit jeher eine sehr männliche Angelegenheit ist. Und gibt es doch mal eine, lastet die Bürde der Geschichte so schwer auf den Heldinnenschultern, dass sie unter der Last zu stürzen drohen. Wohlgemerkt: drohen. Schließlich ist es das Wesen der Heldin, unter größten Widrigkeiten heroisch zu bleiben. Womit wir bei Iris Berben wären. Und bei Elisabeth Selbert. Also beim Problem. Denn der Schauspielstar schlechthin mimt als Grundgesetzgestalterin mal wieder die historisch belegbare Titelfigur einer opulenten Filmbiografie und das führt wie gewohnt ins Dilemma: Wann immer weibliche Figuren der Weltgeschichte fiktionalisiert werden, müssen sie nicht nur aufrecht für die Sache der Emanzipation streiten, sondern nebenbei auch noch als liebende Wesen Zuschauerherzen erreichen und dabei nett, klug, diplomatisch, schön bleiben. Heldinnendinge eben, Multifunktionsattribute. Arme Heldinnen.
Denn während ihre männlichen Pendants auch mal zuhauen dürfen, wenn die Kraft des Argumentes versagt, haben Heldinnen nur Wort und Charme im Arsenal. Wo die Herren der Schauspielschöpfung bloß dann ihre Muskeln ölen, wenn das Genre ins depperte Actionfach rutscht, muss Berben als Juristin, die als eine von vier Frauen im Parlamentarischen Rat über Deutschlands Verfassung entscheidet, trotz aller Politik auch noch bildreich die Strumpfhose wechseln. Kurzum: Heldinnen sind selbst in einem sachlichen Film wie „Sternstunde ihres Lebens“ so im Geschlechterkorsett gefangen, dass der Chromosomensatz auch hier die zweite Hauptrolle spielt. Das ist natürlich bei einem Film, in dem sich die fortschrittliche Sozialdemokratin Selbert mit reaktionären Geistesnazis wie dem CDU-Abgeordneten Fink (Walter Sittler) um den simplen Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ zanken, unvermeidlich. Doch wie sich unter weiblicher Federführung von Ulla Ziemann (Buch) über Sophie Maintigneux (Kamera) bis hin zur Regisseurin Erica von Moeller feminine Befindlichkeiten in jede Szene drängeln – das ist typisch fürs Modethema Biopics mit Frauen in der Hauptrolle.
Da strahlt sich dann eine Heike Makatsch ziemlich tough, aber zuckersüß durch die Vita der Kuscheltierkönigin Margarete Steiff. Da tunkt Felicitas Woll ihre Autobauersgattin Bertha Benz unablässig in süffig lächelndes Durchhaltevermögen. Da ertränkt Katja Flint den Mythos Marlene in Pathossoße mit Schlag. Da gerät die burschikose Beate Uhse dank Franka Potente zum sexy It-Girl der prüden Nachkriegszeit. Da grinst sich Christine Neubauers Papst-Zofe Pascalina durchs Pontifikat Pius XII., dass der Vatikan zur Emma-Redaktion wird. Da herrscht also meistens ein Gestus zwischen Kompetenz und Heididai, der in unachtsamen Momenten sogar eine Barbara Sukowa als Hannah Arendt, Rosa Luxemburg oder Hildegard von Bingen ereilt.
Reale Heldinnen haben eben historische Sympathieträgerinnen zu sein, verkörpert von schauspielerischen Sympathieträgerinnen. Heute im Ersten also Iris Berben als emanzipierte Verfassungsrechtlerin Selbert, nächsten Mittwoch an gleicher Stelle Katharina Schüttler als emanzipierte Chemikerin Clara Immerwahr. Und derzeit in Arbeit: Birgit Minichmayr als emanzipierte „Madame Nobel“ Bertha von Suttner. Allesamt starke, schöne, unbeugsame Filmgestalten. Denn so selten Frauen im geschlechterübergreifenden (aber meist maskulinen) Durchschnittsfernsehen einflussreich Gegenspielerinnen männlicher Protagonisten darstellen dürfen, so ausgeschlossen sind auch Titelfiguren genuiner Frauenstoffe mit einem Geheimnis, einer dunklen Seite gar, Antiheldinnen. Es dürfte also noch ein bisschen dauern, bis Film und Fernsehen den Mut zum weiblichen Biografiebruch, zur Bosheit gar entwickeln. Das höchste der Gefühle war da bislang Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin vor drei Jahren. Aber falls die Gefahr bestanden hätte, dass das nicht nur Cineasten im Programmkino sehen, wäre selbst die RAF-Terroristin garantiert irgendwie süßlich geraten.
Posted: May 19, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
12. – 18. Mai
Manche Zahlen sagen mehr als Worte. 9/11 zum Beispiel ist auf fatale Weise redselig. Auch die literarische 1984, das diktatorische 33-45, ganz zu schweigen vom teuflischen 666 dringen durch pure Numerik ins Gemüt. Das kann man von 8,676,045B1 nicht behaupten. Trotzdem spricht die Ziffernfolge eine klare Sprache. Unter dieser Patentnummer sichert sich der einst literarische, längst diabolische Multi Amazon Porträtfotos, die ohne Schatten vor weißem Hintergrund fotografiert, also typisch für Amazon-PR sind. Aber innovativ, gar schützenwert? Da könnte man sich ja auch Filmküsse ohne Zunge im Wald patentieren lassen, Fernsehärzte ohne Brille vor Resopalwand oder Ratesendungen ohne funktionierende Technik aber mit Moderator, der das wettmacht.
Es war eine Showmastermeisterleistung, wie Jörg Pilawa das angeblich „größte TV-Experiment des Jahres“ davor bewahrte, die peinlichste Selbstüberschätzung der ARD ever zu werden. Indem ein Teil jener 16 Millionen, die sich das Quizduell aufs Smartphone geladen haben, live gegen Pilawas Studiopublikum spielten, sollten alte mit neuem Medien versöhnt werden. Zu blöd, dass Montag keiner der 180.000 registrierten Spieler ins Studio durchdrang und die Studiogäste gegen vier Kandidaten antreten mussten. Statt Geschichtsschreibung gab es also nur krude Theorien fieser Hacker-Angriffe. Und einen Moderator, der den Karren im Alleingang aus dem Dreck zog.
Mit Improvisationsvermögen, Schlagfertigkeit und einer großen Portion Selbstironie („Willkommen beim Fernsehen der 70er und 80er Jahre“) bewies Jörg Pilawa abermals, dass er der bessere Gottschalk gewesen wäre. Umso klüger, dass er sich den Moderatorenfriedhof Wettsofa erspart hat. Sonst ginge es irgendwann ins Promikrematorium ProSieben, das bei der Fortsetzung von Schlag den Star im Sommer den Sauerrahm de la Sauerrahm überflüssiger Ansager wie Marco Schreyl oder Thore Schölermann gegen baugleiche TV-Gesichter von Joey Kelly bis, äh, Larissa Irgendwas antreten lässt.
Super-Casting! Fehlt vielleicht noch Günther Wallraff, falls der nicht gerade seinen Sieg über Burger King bei McDonalds feiert und dabei den nächsten Einsatz seines RTL-Teams plant. Schön wäre ja mal eine Undercoveraktion in der Redaktion seines Stammsenders, quasi allein unter Zynikern, die ihre renditeorientierten Programmfrechheiten als Dienst am Zuschauer verticken.
Die Frischwoche
19. – 25. Mai
Apropos Casting, Apropos Interaktiv, Apropos App: Ab Donnerstag stellen sich bei Pro7 mal wieder Gesangstalente zur Wahl, die dafür ganze 30 Sekunden auf der Bühne haben – was Keep Your Light Shining angeblich schon innovativ macht. Wahnsinnsidee! Fast so kreativ wie das Thema Cultural Clash lustig zuzubereiten, weshalb der Sat1-Schwank Nachbarn süß-sauer um leistungsstarke Chinesen als Nachbarn überforderter Deutscher (Christoph M. Ohrt, Bettina Zimmermann) morgen zwanghaft ins Banale schlittert.
Komplizierte Sujets ohne Peinlichkeit zuzubereiten bleibt eben doch eher öffentlich-rechtliches Kerngebiet. Heute etwa Arte mit Milan Peschel als unheilbar Krebskranker, den Andreas Dresens Cannes-Film Halt auf freier Strecke voll ins Okular der Kamera nimmt, ohne ihm je zu nahe zu rücken. Oder parallel dazu im ZDF-Film Die Toten von Hameln, wo Bjarne Mädel als moderner Rattenfänger belegt, dass er zu humorfreien Rollen taugt – selbst wenn sie ein wenig mystisch geraten. Mystisch ist auch die 3. Staffel der grandiosen Misfits, aber das dürfte wie so oft kaum einer mitkriegen – läuft die britische Serie doch nach Mitternacht auf ZDFneo.
Ein Sendplatz, auf den Vernunftbegabte eher die Denunziationssause Aktenzeichen XY wünschen. Stattdessen hortet sie zur Primetime im Zweiten wie gewohnt Quoten; zumal es diesen Mittwoch mal wieder uns Bild-Ding vermisster Kinder geht. Da könnte man glatt den neusten Kostümkitsch starker Frauen im Männerumfeld zeitgleich im Ersten empfehlen, wo Iris Berben als Grundgesetzgestalterin Elisabeth Selbert die Sternstunde ihres Lebens erlebt. Ob es in ferner Zukunft Biopics über Martin Schulz gibt, Gestalter der europäischen Einigung, Titel-Vorschlag Er hatte einen Traum? Es ist jedenfalls bemerkenswert, wie sehr der sozialdemokratische Spitzenkandidat gerade im Fokus steht. Dass ihn die ARD morgen Abend live in die Wahlarena gegen seinem konservativen Gegner Jean-Claude Juncker schickt, wäre unlängst undenkbar gewesen. Ebenso wie viele andere Formate zur Europawahl, die sich bis Sonntagnacht durch alle relevanten Sender fressen. Von Rainer Maria Jilgs Erkundung bayerischer Europaskepsis (heute, 20.15 Uhr, BR) bis hin zur morgigen Doku Riskante Reise, in der die ZDFzeit (mit viel Empathie für Grenzschützer) Flüchtlingsströme in die Festung Europa verfolgt.
Überhaupt ist diese Woche so kontinental, dass selbst Nationalerbauung weicht. Der Tatort ist also bloß eine Wiederholung, wenngleich aus Hessen, während Ulrike Folkerts ins ZDF fremdgeht, wo sie als verliebte Hete in der Schnulze Ein Sommer in Amsterdam ermittelt. Dann doch lieber das Promispecial vom Quizduell am Donnerstag – sofern die Technik mitspielt. Oder Robin Williams in seiner ersten Serien seit Mork vom Ork namens The Crazy Ones (Mittwoch, 21.15 Uhr, Pro7). Oder das Champions-League-Finale, dem RTL am Samstag die 763. Wiederholung Mario Barths im Olympiastadion entgegensetzt, was noch älter wirkt als der Tipp der Woche von 1961, Freitag bei Disney: 101 Dalmatiner.
Posted: May 17, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Die Welt zuhause
Als letzte Möglichkeit, am WM-Gewinnspiel der freitagsmedien teilzunehmen, gibt es heute eine Reportage, die Ihren Anfang vor der Heim-Weltmeisterschaft vor acht Jahren genommen hat: Übers St. Pauli Tourist Office im Hamburger Stadtteil St. Pauli wo vor acht Jahren der bundesweite Boom, Privatwohnungen an Reisegäste zu vermieten, seinen Anfang nahm.
Die Frage zum Gewinnspiel steht wie immer unterm Text.
Von Jan Freitag
Liebe Kieler, mit Verlaub, die Frage muss gestattet sein: Was bitte sollen zwei weit gereiste Chinesinnen auf Europatrip in eurer kriegsgebeutelt turbosanierten Stadt? Ausgerechnet Kiel – seenah zwar, doch wenig Sehenswürdiges. Jiao und Lan schauen ein wenig bedröppelt, als ich ihnen den Ausflug dorthin ausrede. Sie können von Glück reden, kein anonymes Zimmer in irgendeinem x-beliebigen Hamburger Hotel gebucht zu haben, sondern beim St. Pauli Tourist Office.
Es ist unser Zimmer, eines von vier einer Altbauwohnung in Kieznähe. Wenn keine Gäste kommen steht es leer, weil ein Teil der Wohngemeinschaft derzeit auswärtig studiert. So wird durch Vermietung Leerstand vermieden – und ein zunehmend beliebtes Übernachtungskonzept gefördert: Wohnen im natürlich Lebensraum der Eingeborenen – Insidertipps zum Ausgehen, Ausfliegen, Ausspannen inklusive. Das wird genutzt. Kurz nach der Ankunft hatten Jiao und Lan, die zwei Studentinnen aus Hongkong, einen Reiseführer aus dem Rucksack gezogen und zwischen Schriftzeichen aufs einzig lesbare Wort gedeutet: Kiel.
Gerade mal eine Seite widmet das Buch Deutschlands zweitgrößter Metropole Hamburg. Etwas Shoppen, ein bisschen Hafen, die Reeperbahn und dann empfehlen die Autoren ausgerechnet Kiel als Ausflugsziel, immerhin fast 100 Kilometer weiter nördlich, sonst nichts. Ach ja: außer Kopenhagen. Fehlen eigentlich nur noch Rimini und der hintere Kaukasus. Dass Jiao und Lan nicht auch noch nach Dänemark fahren, ist mir zu verdanken. Und Henning Bunte.
Als vor einem Jahr das erste WM-Spiel bevorstand, schulte der 34-Jährige um. Hamburg, so dachte er sich, werde bald von Fußballtouristen überrannt, bis die Bettenkapazität erschöpft sei und ein wenig darüber hinaus. Also schmiss er seinen Job in einer sozialen Einrichtung, legte seine nebenberufliche Künstleragentur auf Eis und wurde Herbergsvater. Zuerst stellte er nur sein eigenes Schlafzimmer zur Verfügung und wich ins Büro darunter aus. Schlachtenbummler kamen zwar kaum, doch die Nachfrage normaler Reisender erhöhte den Bedarf bald so stark, dass heute knapp zwei Dutzend Wohnungen auf seiner Homepage strahlen, als schiene an der Waterkant immer die Sonne.
„Leute, die zu uns kommen, wollen eben keine Abfertigung an der Rezeption, sondern Kontakt zu Einheimischen“, erklärt der Sozialpädagoge, selbst einst ein Kieler. Das britische Konzept des „Bed & Breakfest“, private Jugendherbergen mit Komfort, Wohnungstauschbörsen und Backpackerhostels im Wohngebiet haben nicht nur in der Hansestadt Konjunktur. Auch Henning Bunte fand es bei seinen Trips durch Asien und Südamerika schöner, „bei richtigen Menschen unterzukommen“ als in gesichtslosen Hotels.
Bei Reiseführern aus Fleisch und Blut quasi. Bei Ortskundigen ohne kommerzielles Hauptinteresse und Eingeweihten mit Bezug zur Umgebung. Hätten sie also in einem der unzähligen Hamburger Unterkünfte von Kiezkaschemme bis Nobelherberge gebucht, Jiao und Lan wären an einem ihrer raren Tage nach Kiel gefahren, statt in die mittelalterliche Perle Lübeck mit ihrem Herz aus Fachwerk und Marzipan. Die beiden Frauen um die 30 bedanken sich mit einem Schwein der Marke Niederegger für meine Planänderung. Sie wissen beides zu schätzen – den Hinweis ebenso wie die Süßigkeit. Ihre Trolleys sind voll davon.
Sein Zimmer privat anzubieten, ist häufig mehr als bloßer Nebenerwerb, es folgt einer Mischung aus Kontaktfreude, eigener Interrailbiografie und Lokalpatriotismus. Ich jedenfalls preise meine Heimatstadt Menschen anderer Kulturkreise mindestens so euphorisch an, wie es dortige Bewohner einst in meinen rastloseren Tagen taten. 1987 in einer irischen Scheune, mit Sandwiches, Tee und Routenempfehlungen vom halben Dorf. Und abends gemeinsam in den Pub.
Die drei Mittzwanziger aus London setzen ihre Bierflaschen an und leer wieder ab, wie es sich für englische Fußballfans eben gehört. „Exakt das richtige Willkommen“, beteuert Dave, der Immobilienmakler mit englischem Fanschal um den Hals. Ein besseres Bier als dieses Astra habe er noch nie getrunken. Es klingt selig, seine Kumpels nicken. Sie seien skeptisch gewesen, bei der Abreise. Hospitality, Dave betont das Wort für Gastfreundschaft, als sei es tabu, habe man nicht so recht erwartet, nicht von Deutschen. Eher schon kühles Organisationstalent und distanzierte Höflichkeit. Ich schalte den Fernseher ein und die drei sind bereit zur Emigration: Fußball, irgendein WM-Vorrundenspiel. Erst jetzt scheinen sie wirklich angekommen. Noch ein Astra?
Immerhin halten sie das Wappen des Hamburger Kiezbieres nicht wie eine Gruppe Cottbusser Architekten für einen Puff. Überall auf der Reeperbahn leuchtet das Herz mit dem Anker in verruchtem Rot auf Leuchtreklamen und so wähnten die fünf unerfahrenen Ostdeutschen wie es das Klischee gebietet allerorten Bordelle, bis ich sie eines besseren belehre. Darf man auf eigentlich überall rein – in die Freudenhäuser, Bars und Souvenirshops – oder kostet alles Eintritt? Henning Buntes Gäste wollen vieles wissen, sie brauchen Tipps zum Frühstücken, Sightseeing, Amüsieren. Vor allem dazu, denn wer aus städtebaulichen Gründen nach Hamburg kommt, bleibt chronisch unterversorgt. Sicher, der Hafen ist prachtvoll und gerade für das Fünftel ausländischer Gäste des Tourist Office ganz anregend, doch den historischen Altstadtkern gibt es an der erneuerungsfreudigen Waterkant ebenso wenig wie ein Schloss mit Burggraben.
Dafür bietet Hamburg Entertainment. Die Stadt ist blutjung und ihre Besucher sind es, abgesehen vom unablässigen Strom an Musicalgästen, auch. „Wir kommen nur zum Pennen hierher“, sagt Mario aus Mannheim. Er ist mit sechs Freunden angereist, um Counter Strike zu spielen. Es sind ProGamer, Ballerspielprofis, aber ohne die zugehörige Vorurteilsaura aus Verfettung, Perspektivlosigkeit und Aggression.
Sechs Stunden vernetztes Daddeln in der Großraumhalle, zwei Stunden Vorschlafen, verteilt auf zwei Zimmer, dann Aufbrezeln, der Rest ist Party. Und vorher noch ein Spiel am Tischkicker in der Küche, ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Im englischsprachigen Raum wie Australien heißt er übrigens Fusball. Mit weichem S. Es ist ja nicht so, dass man nicht auch etwas von seinen Gästen lernen könnte.
Dass Computerspieler Vollzeitberufe haben können etwa, welch hoher Verbrauch an Stylingprodukten andernorts üblich scheint oder wie häufig außerhalb Hamburgs offenbar geduscht wird. Die sechs Frauen aus Brandenburg bringen es rund um ihren Junggesellinnenabschied mit Striplokal auf bis zu fünf Badezimmerblockaden in nur 36 Stunden. Pro Person. Respekt! Zwischendurch ein Prosecco auf dem Balkon, Schminkorgien und Fragen über die berühmte Herbertstraße. Dürfen wir da rein? Kreisch!
Für derlei Basiswissen liegt mittlerweile ein verschweißter Folder mit Hotspots, Hausregeln und Versorgungslage auf dem Tisch (Herbertstraße meiden, Wasser sparen, Drogerie ums Eck). Professionalisierung, so lautet die Erkenntnis nach dem ersten Jahr, verselbständigt sich zusehends. Meine WG denkt gerade daran, kleine Betthupferl aufs Kopfkissen zu legen und Frühstück zu bereiten, für fünf, sechs Euro zusätzlich zu den rund 25 Euro pro Kopf minus fünfzehnprozentiger Provision fürs Tourist Office. Nicht um des Profits Willen, sondern für die Sache. Als kleines Dankeschön zudem – schließlich gab es bisher nicht den geringsten Grund zum Ärger. Selbst siebenköpfige schwedische Familien mit Kühlbox in Schrankwandgröße und immer wieder Fußballfans auf Auswärtsfahrt halten sich stets überraschend zurück. Die Privatsphäre anderer ist vielen heilig.
Nur einmal war mir etwas mulmig zumute. Als Robbie Williams zeitgleich mit Tausenden von Harley Davidson-Fahrern die Stadt geflutet hat. Zum Glück haben wir statt der Biker Popfans abgekriegt. Keine Sauforgien und Kavalierstarts vor der Haustür also, dafür permanentes Duschen samt parfümierter Nebelbank im Flur. Und viel Wissenswertes über Robbies Hintern. Das war’s wert.
Liebe Kieler, mit Verlaub, die Frage muss gestattet sein: Was bitte sollen zwei weit gereiste Chinesinnen auf Europatrip in eurer kriegsgebeutelt turbosanierten Stadt? Ausgerechnet Kiel – seenah zwar, doch wenig Sehenswürdiges und kaum touristisch verwertbare Historie. Jiao und Lan schauen ein wenig bedröppelt, als ich Ihnen den Ausflug dorthin ausrede. Hamburg hat wirklich aufregende Ecken und sein Umland viel Schönes zu bieten, versuche ich den beiden klarzumachen. Aber Kiel? Absurd. Und warum, bei Konfuze?
Die zwei Studentinnen aus Hongkong ziehen einen zerfledderten Reiseführer aus dem Rucksack und deuten aufs einzig lesbare Wort über kryptischen Schriftzeichen: Kiel. Gerade mal eine Seite widmet das Buch Deutschlands zweitgrößter Metropole. Etwas Shoppen, ein bisschen Hafen, die Reeperbahn und dann empfehlen die Autoren ausgerechnet Kiel als Ausflugsziel, immerhin fast 100 Kilometer weiter nördlich, sonst nichts. Ach ja: außer Kopenhagen. Fehlen eigentlich nur noch Rimini oder der hintere Kaukasus.
Wie gut, dass Jiao und Lan kein Hotel gebucht haben, sondern ein Zimmer im St. Pauli Tourist Office. Unser Zimmer, eines von vier einer sehr hanseatischen Altbauwohnung in Kieznähe. Wenn keine Gäste kommen steht es leer, weil ein Teil der Wohngemeinschaft derzeit auswärtig studiert. So wird durch Vermietung Leerstand vermieden – und ein zunehmend beliebtes Übernachtungskonzept gefördert: Wohnen im natürlich Lebensraum der Eingeborenen.
Welche Stadt nahegelegene Stadt gilt in chinesischen Reisführern als Sehenswürdigkeit von Hamburg? Antworten wie immer an janfreitag@gmx.net. Zu gewinnen gibt es das letzte Sammelalbum von Panini nebst 12 Packungen Bilder.
Posted: May 15, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Früher war ich ziemlich wild
Heiner Lauterbach ist einer der erfolgreichsten Schauspieler im Land, womöglich auch einer der besseren. Und trotzdem ist der 59-Jährige vorwiegend in aufdringlichen Blockbustern und Historienschinken zu sehen. Im Krimi Die Seele eines Mörders dagegen spielt er heute (20.15 Uhr) auf ZDFneo einen eher zurückhaltenden jüdischen Kommissar in Israel – und das nicht mal schlecht. Für eine Serie hat es dennoch nicht gereicht. Ein Gespräch übers Drehen in Israel, deutschen Philosemitismus und kleine Teufel auf seiner Schulter.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Lauterbach, ein Deutscher spielt einen israelischen Kommissar in Israel. Ausgerechnet. Waren Sie vor den Dreharbeiten zu Die Seele eines Mörders schon mal dort?
Heiner Lauterbach: Na ja, für ein, zwei Tage, im Rahmen einer Kreuzfahrt mit Bernd Eichinger. Rein privat.
Sie sind also weit davon entfernt, das Land zu kennen.
Ach, welches Land kennt man schon wirklich außer das eigene.
Wie bewegt man sich als Deutscher in Israel, angesichts der Geschichte beider Länder?
Ein bisschen vorsichtiger. Wir haben ja ein spezielles Verhältnis zu Israel. Das kann man im Hinterkopf nie ganz ausschalten. Aber das relativiert sich sehr schnell, allein schon, weil einem die Menschen dort die eigene Herkunft längst schon nicht mehr permanent spüren lassen.
Es gab keine Vorbehalte Ihnen gegenüber?
Ich kann mich an keine erinnern.
Haben Sie denn Ihrerseits eine besondere Verantwortung gegenüber der Aufgabe verspürt, als Deutscher einen Juden in Israel zu spielen?
Schon. Ich habe mich zu Beginn gefragt, ob man wirklich noch einen deutschen Kommissar ins Ausland schicken muss, der dort einen Inländer mimt. Das frag ich mich bei all den skandinavischen und englischen Formaten häufiger. Aber gerade wegen der besonderen historischen Konstellation, die ja mehr und mehr in eine Freundschaft beider Länder mündet, habe ich beschlossen, in diese Rolle mein volles Herzblut zu legen. Zumal die Autorin der Romanvorlage meine Figur als eine Art Vorzeige-Israeli beschrieben hat.
Nämlich?
Ein ruhiger, melancholischer, dabei zielstrebiger und liberaler junger Mann mit dem tiefen Wunsch nach Gerechtigkeit, der durchaus kritisch mit seinem eigenen Land umgeht und zugleich diesen seltsam israelischen Zustand verkörpert, Lebensfreude und Gelassenheit auszustrahlen, aber stets auf der Hut zu sein, ohne ängstlich zu wirken.
Aus Angst, in jedem Bus droht der nächste Anschlag?
Gar nicht unbedingt. Es geht um eine dauerhafte Wachheit gegenüber allem, was um ihn herum geschieht. Sie speist sich weniger aus Angst, mehr aus Neugier und Aufmerksamkeit. Das macht meine Rolle so ambivalent und diese Ambivalenz in normalen Alltagsgesten auszudrücken bildet ihren Anspruch. Dafür liebe ich meinen Beruf; einen Verrückten zu spielen, der nur um sich schlägt, oder einen Verliebten ohne Makel, das fordert nicht. Das Normale zu spielen schon.
Spielen die Drehorte Tel Aviv und Jerusalem dabei eine Rolle oder sind es bloße Seightseeing-Spots?
Nein, das haben wir sogar versucht wegzulassen, um nicht ins Pilcherige zu geraten, mit dauernden Kamerafahrten über die Schönheiten der Gegend. Zumal man in beiden Städten gar nicht so viele Postkartenansichten findet. Zu viel sandbraun. Andererseits mussten wir der Sache gerecht werden und zeigen, wo man ist. Sonst hätte man’s ja auch in Babelsberg drehen können.
Kann man an so einem geschichtsträchtigen Ort einen unpolitischen Krimi drehen?
Schwer. Und ich hoffe auch, dass der Zuschauer mehr von uns erwartet. Ich bin ein großer Verfechter von guter, spannender, reiner Unterhaltung. Aber wenn sie sich mit Kultur, Politik und Bildung verbindet, ist es geradezu ideal. Die Geschichte um entführte jemenitische Juden, die von reicheren jüdischen Familien adoptiert wurden ist jedenfalls ein pures Politikum.
Auch hierzulande. Das Thema israelischer Schuld in Deutschland ist ja per se vermintes Terrain.
In der Tat. Aber wir können unsere Hände allein deshalb in Unschuld waschen, weil wir das Buch einer Israelin verarbeiten. Ich dachte auch zuerst, es gäbe so vieles aus diesem Land zu erzählen, warum nehmen wir ausgerechnet etwas, das ein eher negatives Bild auf diese Land wirft. Aber es ist auch wichtig, nicht permanent in Ehrfurcht vor Israel zu erstarren. Es ist an der Zeit, ihm mit einer gewissen Unvoreingenommenheit zu begegnen. Es gibt schließlich auch einen Antirassismus, der durch sein selbst auferlegtes Verbot, etwa bloß nichts Schlechtes über Farbige sagen zu dürfen, selbst rassistische Züge erhält.
So wie der herrschende Philosemitismus, alles, was in Israel geschieht, für gut zu befinden, als eine neue Form des Antisemitismus gilt.
Ganz genau. Unter Freunden braucht es Kritik. Deshalb halte ich mich – unabhängig von der Vergangenheit – so neutral wie möglich. Von Verantwortung versuche ich mich da so frei wie möglich zu machen, sonst wird die Rolle missionarisch.
Tragen Schauspieler generell keine Verantwortung für ihre Figuren?
Doch, bis zu einem gewissen Grad muss man der Sache verpflichtet sein. Es gibt eine gewisse Grundloyalität mit jeder Rolle, schon dem Autoren gegenüber, der eine fundierte Vorstellung von meiner Auslegung seiner Figur hat. Wie weit die reicht, muss allerdings jeder mit sich ausmachen. Ich persönlich bin bei der Suche nach dieser Reichweite auch schon in Fettnäpfchen getreten. Als ich zum Beispiel einen Papst-Attentäter gespielt habe, wurde ich gefragt, ob ich Verständnis dafür aufbringe, dass jemand den Papst tötet, um damit Tausende anderer zu retten. Da sagte ich, ich versuche immer einen Bezug zu meiner Figur zu finden, irgendeine Erklärung für sein Handeln müsse ich mir zueigen machen. Es entspricht zwar nicht meiner Moral, jemanden für andere zu opfern, weil kein Mensch das Recht hat, andere zu töten. Aber als ich meinte, dass es für den Attentäter selbst wohl einen Grund gibt, das zu tun, müsse ich das auch darstellen, wurde mir nachgesagt, ich würde den Papst umbringen. Was für ein Unsinn! Man muss also vorsichtig sein.
Gibt es denn Unterschiede in der Verantwortung bei Literaturverfilmungen, historischen Stoffen und fiktionalen Originaldrehbüchern?
Kommt drauf an. Wenn im fiktionalen Drehbuch ein Massenmörder verherrlicht wird, ohne das Ganze am Ende aufzulösen, erschließt sich mir als Schauspieler darin kein Sinn. Das hat für mich mit Verantwortung fürs Publikum zu tun. Und als ich Axel Springer gespielt habe, sagte ich mir im Vorfeld: an einer Vernichtung dieser Figur ist mir nicht gelegen. Solch einseitige, linksorientierte Abrechnung liegt mir nicht.
Dafür stehen Sie politisch auch zu weit rechts der Linken.
Was aber damit gar nichts zu tun hat. Es geht da um filmische Güte; die bedarf der Komplexität jeder behandelten Figur in allen Facetten.
Es zieht sie jedenfalls offenbar hin zu diesen dichotomischen Figuren, den sanften Seiten des Bösen vor realem Hintergrund.
Und demnächst mache ich auch noch den Hindenburg (lacht). Es geht eben darum, den Zweifel des Zuschauers am Guten wie dem Bösen aufrecht zu erhalten. Nur er sorgt für wahre Spannung, egal in welchem Stoff. Deshalb teile ich auch nicht die Kritik an Bruno Ganz’ Hitler-Interpretation im Untergang. Ich hätte ihn noch sympathischer dargestellt, um den Zweifel weiter zu nähren. Wenn man einen wirklich ekelhaften Charakter darstellt, sollte man ihm deshalb tunlichst nette Seiten verpassen.
Steckt diese Dichotomie auch in Ihnen selbst?
Sie schlummert in uns allen. Denken Sie an diese wissenschaftlichen Tests, wo stinknormale Menschen anderen vermeintlich tödliche Stromstöße zufügen, nur weil es ihnen jemand befiehlt. Deswegen hüte ich mich vor allzu oft erhobenem Zeigefinger. In jedem von uns steckt ein kleiner Teufel, zum Glück aber auch ein kleiner Engel.
Wann kommt denn ihr kleiner Teufel raus?
Im Moment gar nicht, den hab ich auf Urlaub geschickt. Ich war früher ziemlich wild, was Ehe betrifft oder Feiern. Da war ich bisweilen maß- und verantwortungslos, mir und anderen gegenüber. Aber das hab ich hinter mir.
Aus Altersgründen?
Ja. Günstigstenfalls schafft man das mal.
Wo ist der sanfte Macho geblieben, der ja sogar Titel ihrer Biographie ist?
Mit dem Begriff des Machos kann ich überhaupt nichts anfangen, aber ich bin sicher nicht ganz unschuldig am Zustandekommen dieses Begriffes. Da gab es in jungen Jahren mal ein paar Bemerkungen…
Und Filme.
…die zu diesem Image geführt haben. Macho ist so dehnbar.
Wann ist ein Mann denn heute ein Mann?
Wenn sein Handeln nicht nur ihm selbst, sondern auch Frauen gut tut. Zu seinem Wort zu stehen finde ich männlich, seine Familie zu schützen, verlässlich zu sein, Fehler einzugestehen und gegebenenfalls zu korrigieren. Mit körperlicher Stärke hat das gar nicht so viel zu tun.
Sind Sie so gesehen ein Mann?
Na ja, ich bin zumindest lernfähig. Es ist wichtig, eine Vorstellung von dem zu haben, was richtig ist, und an Fehlern zu arbeiten. Niemand ist gut geboren; Einsicht ist männlich. Und ganz abgesehen vom Männlichen, hat die Einsicht in unserer Schuld am Ende dazu geführt, dass unser Verhältnis zu Israel heute ein so gutes ist.
Posted: May 14, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Schöne neue Welt
Donnerstag geht die schwedische Serie Real Humans um aufsässige Haushaltsroboter bei Arte in die zweite Staffel und zeigt abermals, dass gut gemachte Science Fiction weder Knalleffekte noch Weltraumschlachten braucht, um die Zukunft spannend zu erzählen.
Von Jan Freitag
Die schöne neue Welt sieht ganz schön künstlich aus. Mit wächserner Haut und starrem Blick stakst sie durch die gute alte und zeigt in jeder Regung, wie hässlich sie unter der Oberfläche ist. Die schöne neue Welt mag also massenhaft Androiden für den Alltag nach unserem Ebenbild bauen, makellose Wesen für Heim, Büro, Fabrik, für alles: Sie bleiben Fremdkörper, sind also gar nicht so schön, sondern eher praktisch, ergo: sehr befremdlich. Auch wenn die meisten das nicht bemerken. Bemerken wollen.
Das in etwa ist die Grundidee der fantastischen TV-Serie Real Humans. Ein Konzern produziert darin Hublot genannte Roboter für jede Verwendung – von Altenpflege über Fließbandjob bis hin zu Spiel, Spaß, Spannung, ja selbst Sex. Kein Wunder, dass die menschlichen Cyborgs weggehen wie das nächste iPhone. Da der Zehnteiler im Original Äkte Människor heißt, ist er jedoch mehr als bloß gelungene Science Fiction: Real Humans zeigt aufs Neue, was der kleine Drehort Schweden dem großen deutschen voraushat: Dramaturgischen Mumm, mit wenigen Mitteln zu verstören, statt debile Demut vor der Quote mit Milliardenetats. Vor allem aber zeigt die Serie Mut zur unterhaltsamen wie tiefgründigen Debatte außerhalb eng gezurrter Krimikorsagen. Etwa jene, ob die fortschreitende Automatisierung unser Leben weiterbringt oder dem Untergang ein Stück näher.
Die Antwort darauf wird auch nach der letzten Doppelfolge der zweiten Staffel vermutlich ausstehen, die morgen endlich auf Arte anläuft. Doch eins zeigt das nächste große Fernsehding aus Skandinavien gewiss: Wie bei Atomkraft, Gentechnik, Krieg oder Medizin begibt sich die Menschheit abermals aus profitgetriebenem Forscherdrang sehenden Auge ins Ungewisse, kalkuliert den Nutzen weit vor allen Folgen und kann sich doch auf die Kundschaft verlassen: Mit derselben Dynamik, die vorm Apple-Store kilometerlange Warteschlangen erzeugt, sobald der Coutdown fürs neueste nutzlose Must-Have mit Sexappeal tickt, kauft sich sogar die traditionsverhaftete Bilderbuchfamilie von Hans und Inger irgendwann ihren Hubot, dessen Artgenossen zugleich den ersten Mord begehen.
Es ist ein Krieg, der zwischen human und android, Hubot-Fans und -Feinden, gut und böse entbrennt. Gut und böse? Real Humans tut gut daran, auch diese Frage nicht abschließend zu beantworten – obwohl oder weil die Story einem Grundfehler des Genres aufweist: Filmingenieure künstlicher Intelligenz von Westworld bis I, Robot pflanzen ihren Cyborgs notorisch den Keim menschlicher Niedertracht ein, bis die Utopie zur Dystopie eskaliert. Dass es ausgerechnet in Schweden, wo Ausländer im Grunde nur noch mit Doktortitel, Diplomatenpass oder ausreichend Devisen ins Land dürfen, ein breites Angebot schwarzer, asiatischer (sogar dicker, hässlicher) Hubots gibt, macht die Sache nicht schlüssiger. Scheinbar. Denn was wie Effekthascherei wirkt, folgt dem Willen von Serienschöpfer Lars Lundström, soziale Probleme von Rassismus über Konsumgeilheit bis Homophobie in eine spannende Geschichte mit Niveau fließen zu lassen. Aus deutschen Studios fast unmöglich.
Real Humans, 2. Staffel, Doppelfolgen donnerstags, 21.45 Uhr, Arte
Posted: May 13, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
Gleich zum Auftakt jeder noch so geheimen Verfolgung, bemerkt der Verfolgte selbst im dichtesten Feierabendverkehr, dass ihm ein Auto offenbar gezielt hinterherfährt. Merkwürdig
Es ist ja nicht grad so, dass man im realen Leben ständig verfolgt würde, aber wenn es so wäre, ist wirklich schwer vorstellbar, dass man davon auch nur die kleinste Brise Wind bekäme. Warum auch? Wer sich nicht gerade durch die Wüste Gobi fortbewegt, ist die unentwegte Begleitung zahlloser Menschen in oder außerhalb von Fahrzeugen so gewöhnt, dass einzelne darauf niemals auffielen. Anders als in Film und Fernsehen. Sobald dort jemand beim Blick in den Rückspiegel ein Auto entdeckt, dass länger als drei Sekunden hinter dem eigenen bleibt, raunt er dem Beifahrer auch schon zu: Ich glaube wir werden verfolgt. Merkwürdig.
Dramaturgisch hat das vor allem damit zu tun, dass sich die gebotene Spannung einer Verfolgungsjagd wie bei jedem fiktionalen Kampf eben erst so richtig einstellt, wenn Objekt und Subjekt zumindest eine grobe Ahnung voneinander haben. Realistisch betrachtet ist die sofortige Kenntnisnahme aber wohl darauf zurückzuführen, dass es im echten Straßenverkehr schlicht niemanden gibt, der es aushält, länger als drei Sekunden ohne zu überholen hinter anderen Verkehrsteilnehmern herzufahren. Und mit Weicheiern, die allen Ernstes dauerhaft Richtgeschwindigkeit fahren und nur im Notfall überholen, will der Großteil des Publikums auch nichts zu tun haben. Also: Alles Verfolger. Potenziell.
Posted: May 12, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
5. – 11. Mai
Es gibt eine Szene in Der bewegte Mann, die das komplizierte Konstrukt politischer Korrektheit ganz gut verdeutlicht. „Titten“, ruft da einer in die Selbsthilfegruppe emanzipierter Geschlechtsgenossen der Comicverfilmung, „Titten, Titten, Titten!“ Und besonders die dreifache Wiederholung zeigt: man muss tabuisierte Begriffe offenbar nur mal richtig intonieren, um ihnen den Schrecken zu nehmen. So praktiziert es auch der populistische Moderator Jeremy Clarkson in seiner merkbefreiten, aber sehr beliebten PS-Show Top Gear. Seit jeher. Nun aber hat er das böse N-Wort benutzt, ganz leise nur, in einem nicht ausgestrahlten Teil der Erfolgssendung für infantile Machos mit großem Auspuff und kleinem Gehirn. Ein Skandal, ohne Zweifel. Dass die BBC ihrem Zugpferd für ein geflüstertes „Nigger“ mit Rauswurf droht, nicht aber für seinen widerlichen Sexismus, das dauernde Schießen gegen jede ökologische Moral, die Verherrlichung von Vollgas, Scheißegal und Mackertum – auch das ist ein Skandal, wenngleich ein ungesühnter. Solange die Quote stimmt…
Vielleicht sollte sich das Team Wallraff in der nächsten Folge Reporter Undercover also mal inkognito unter Tempoapostel à la Clarkson mischen und zeigen, wie wenig menschliche Intelligenz zwischen Bleifuß und Gaspedal passt. Das aber würde dem Zielgruppensender womöglich nicht die gleiche Zuschauerzahl bescheren, mit der RTL vorigen Montag Furore machte. Mehr als vier Millionen sahen, wie der Verkleidungsaktivis Missstände in Pflegeheimen aufdeckte und man muss einräumen: Wenn ein Kommerzkanal wie RTL mal eine Prise Ethik ins eigene Programm streut, hat das eine ungleich größere Wirkung aufs Publikum als bei den Öffentlich-Rechtlichen, die ja allenfalls Überzeugte überzeugen.
Das fällt umso mehr ins Gewicht, als das ZDF (das sich gerade mal wieder einen kleinen Skandal um Drehbücher des Mannes einer Redakteurin unter Pseudonym gönnt) tags drauf ausgerechnet eine Reportage zu dem Thema gebracht hat, mit dem RTL die Woche zuvor für einen Sturm der Entrüstung gesorgt hatte. Zu dumm, dass der private Konkurrent dabei ernsthaft auf geradezu kriminelle Zustände bei einer umwelt- wie menschenverachtenden Fast-Food-Kette aufmerksam machte, was dort sogar personelle Konsequenzen nach sich zog. Die gebührenfinanzierte, staatsvertragsbeauftragte, angeblich so bedeutsame ZDFzeit dagegen brachte bei McDonalds gegen Burger King am Dienstag nichts Gehaltvolleres zustande, als die Marktführer am Klopsemarkt geschmacklich zu vergleichen. RTL ist steht zwar gerade unter Verdacht, für sein Burger-King-Bashing Geld vom Konkurrenten mit dem Mc davor kassiert zu haben, aber das wäre nicht weiter überraschend; dass sich ein öffentlich-rechtlicher Sender dagegen bei derlei Schweineläden ausschließlich um den Geschmack kümmert ist – geschmacklos!
Die Frischwoche
12. – 18. Mai
Da muss man also glatt froh sein, dass das Sachfilmformat morgen zugunsten eines belanglosen Fußballländerspiels Pause macht – sonst hätte das Zweite auf dem Sendeplatz womöglich die Live-Shows verschiedener ESC-Finales nach den Kriterien Pyrotechnik und Plastikpop verglichen. Oder die deutsche Teilnehmerin Elaiza mit Helene Fischer, deren Kirmespop im Rahmenprogramm auf der Hamburger Reeperbahn sicher mehr als den 18. Platz erreicht hätte. Oder auch, so als Anregung, die debilsten Filmtitel im hiesigen TV-Angebot. Sieger der Woche ganz klar: Die morgige Sat1-Komödie Nein, Aus, Pfui! Ein Baby an der Leine über irgendwas mit Familienhunden. Und zwar klar vor I Like the 90’s, das sich fünf Mittwoche dem ästhetisch jämmerlichsten Jahrzehnt widmet, seit man Jahrzehnten überhaupt irgendeine Ästhetik zuordnet.
Vorn dabei im Ranking der dämlichsten Sendungsnamen wäre allerdings auch Mörderische Hitze, der im krassen Gegensatz zum feinen Understatement der Spreewaldkrimis steht. Denn auch Christian Redls sechster Einsatz als Kommissar Krüger ist ja trotz aller sensorischen Reduktion ungemein eindrucksvoll und variiert sein Genre zudem sehr kreativ, indem der wunderbar schmierige Roeland Wiesnekker gleich zu Beginn als Täter feststeht. Nur ein Opfer muss sich halt noch finden lassen.
Auch Ein todsicherer Plan fällt in die Kategorie „aufdringlicher Titel“. Zumal er inhaltlich nicht ganz korrekt ist. Denn als schwäbischer Handwerker, der sich von einer betrügerischen Bank sein sauer verdientes Geld zurückholen will, indem er sie überfällt, lässt Richy Müller schon nach fünf Minuten keinen Zweifel daran aufkommen, dass der todsichere Plan garantiert in die Hose geht. Gut gespielt ist der ARD-Mittwochsfilm trotzdem und außerdem ziemlich relevant in Zeiten biestiger Banken. Da verzeiht man dem Drehbuch sogar das hanebüchene Ende.
Eine Nachsicht, die man Lars von Trier nie zuteil kommen ließe fürs Finish all seiner Filme wie Dancer in the Dark (Dienstag, 21.50 Uhr, Servus), deren fiktive Figuren grundsätzlich übel zugerichtet werden. Das widerfährt naturgemäß auch den meisten der 14 Tagebuchschreiber, mit denen Arte morgen wieder die Apokalypse des Ersten Weltkriegs erzählt. Und so richtig gut kommen auch die meisten Charaktere der schwedischen Science-Fiction-Serie Real Humans nicht aus ihrer grandiosen Geschichte um durchdrehende Haushaltsroboter nicht raus.
Was da am Donnerstag um 21.45 Uhr auf gleichem Kanal in die 2. Staffel geht, wäre also zuweilen ein Fall für den Tatortreiniger, der eineinhalb Stunden zuvor bei EinsFestival eine vegane Leiche in Hamburg entsorgt, dem Ort also, der vor 40 Jahren mal kurz zu filmischem Weltruhm kam. Womit wir beim Tipp der Woche wären: Die Akte Odessa (Montag, 23.15 Uhr, N3), wo ein hanseatischer Journalist Jagd auf untergetauchte Nazis machte – und dem Wirtschaftswunderhamburg damit ein cineastisches Denkmal baute.
Posted: May 9, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik |
Ich bestimme, wo es hingeht
Nach elf Jahren Punkrock und ebenso langer Zeit als Sänger der Gitarrenpopband Kettcar wandelt Hamburger Musterschüler Marcus Wiebusch nun erstmals auf Solopfaden. Manchmal klingt sein Album Konfetti, erschienen auf dem eigenen Label Grand Hotel van Cleef, dabei nach einer Mischung aus den Anfängen bei But Alive und dem Höhepunkt mit Kettcar. Vor allem aber klingt es schwer nach Wiebusch selbst: Lyrisch, eingängig und mit dieser unvergleichlichen Schmusestimme, die diesmal etwas wirklich Weltbewegendes vollführt. Ein Lied über einen schwulen Profifußballer, das bereits vorm Erscheinen Wellen schlägt. Begegnung mit einem Musiker, der meistens ruhige Töne anschlägt, beim Thema Homophobie und Dummheit allerdings richtig wütend werden kann.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Marcus, hast du für dein erstes Solo-Album eigentlich alles selber eingespielt und stehst allein auf der Bühne?
Marcus Wiebusch: Nee, wir sind da insgesamt acht Leute. Wieso?
Weil Solo so nach Einzelkampf klingt.
Ach, „Solo“ rührt daher, dass alle musikalischen Entscheidungen von mir stammen. Dabei nehmen die anderen natürlich Einfluss auf die Musik, aber weil letztlich ich bestimme, wo es hingeht, sind sie – man muss es so hart sagen – Erfüllungsgehilfen.
Im Sinne von Angestellten?
Technisch betrachtet schon, weil nicht alle gleichberechtigt sind wie bei Kettcar zum Beispiel. Das sind natürlich alles Freunde von mir, langjährige Wegbegleiter, hervorragende Musiker, aber am Ende bin ich da wie Bruce Springsteen. Es sind meine Songs.
Stellst du dich da nicht mehr in den Vordergrund als es deinem Naturell entspricht?
Da ist was dran. Aber weil ich diesen Schritt als Musiker dringend brauchte, muss ich die Konsequenzen in Kauf nehmen. Andererseits bin ich jetzt auch nicht angstbesessen und stand ja auch bei Kettcar schon im Rampenlicht. Jetzt strahlt das halt ein bisschen mehr auf mich, auch wenn ich nie deshalb Musik machen wollte. Als Sänger und Songwriter gehöre ich nicht zu den Frontsauen der Branche, aber ich meide den Mittelpunkt auch nicht.
Um den ungewollten, aber unvermeidlichen Mittelpunkt geht es auch im wichtigsten Stück Der Tag wird kommen, wo du über einen schwulen Fußballprofi singst.
Das kann man so sagen.
Ist der vor oder nach dem Coming-Out von Thomas Hitzlsperger entstanden?
Weit davor. Ich habe 2013 nach einem Spiel des FC St. Pauli mit einem befreundeten Sportjournalisten gesprochen, der mir von mehreren schwulen Bundesligaprofis erzählte. Das Thema interessierte mich aber auch deshalb, weil ich neben meinem schwulen Bruder im Stadion sitze; da kriegt man eine natürliche Antenne für diesen unfassbaren Zustand, dass sich kein aktiver Fußballer zu seiner Homosexualität bekennt. Dann hab ich viel recherchiert, bis der Song im vorigen September fertig war.
Er klingt für deine Verhältnisse ungewöhnlich wütend.
Das mag sein, aber er ist ein ungemein positiver Song, das merkt man ja schon am Refrain, der den Tag kommen sieht, an dem wir die Liebe, die Freiheit und das Leben feiern.
Ohne konkretes Datum hätte man den allerdings auch vor 20 Jahren besingen können. Hast du keine Angst, dass man auch in weiteren 20 Jahren noch immer auf diesen Tag hofft?
Nein. Wenn man vor zehn Jahren einen schwulen Außenminister prophezeit hätte, hätte ich doch auch gesagt: Das wird nicht passieren, weil das Klima für diese politische Erpressbarkeit nicht gegeben sein wird. Und jetzt guck dir an, wo wir stehen. Schwule Bürgermeister, Minister, Fußballpräsidenten. Es ist im Fluss und wir kämpfen. Gut, Russland ist ein Rückschritt, aber ich weiche keinen Millimeter davon ab, dass der Tag bald kommt. Punkt, Ende, Aus. Trotzdem oder gerade deshalb will ich aber diese wütende Emotionalität im Song beibehalten. Denn wenn ich all die homophoben Vollidioten, all die dummen Hater, Forumsvollschreiber und Schreibtischtäter im Text beschreibe, singe ich von den Dümmsten der Dummen. Bleib da mal ruhig und gelassen… Ich will – wie damals bei meiner Punkband But Alive – die emotionale Komponente explizit hervorheben. Daher kommt die Wut im Lied.
Glaubst du denn, es kann die Debatte beeinflussen, gar ein paar „Homophobe Vollidioten“ erreichen?
Für den Glauben an so viel Relevanz bin ich nicht eitel genug. Aber ich freue mich natürlich, wenn mir Betroffenen, Freunde, Journalisten versichern, sie halten den Song für das Relevanteste, was es im Pop je zu dem Thema gehört haben.
Weil er endlich mal nicht metaphorisch um den heißen Brei dichtet?
Genau. Aber das kennzeichnet das Album insgesamt: Ich nehme da mehr als zuvor offen Haltungen ein, und wenn ich den ganzen Text wie bei „Der Tag wird kommen“ auch noch als Sprechgesang rauspunche, wirkt das natürlich erst recht sauer.
Dabei sprichst du deine Adressaten oft direkt an: Ihr Alphatiere! Ihr Schwulenhasser! Erreichst du die damit wirklich?
Zunächst mal animiere ich im Idealfall Leute, die das ohnehin gut finden, diese Gedanken in ihren Alltag rauszutragen. Und wer weiß, vielleicht merkt ja einer im homophoben Umfeld, mit was für Idioten er sich da kritiklos umgibt. Vielleicht macht er sich unter denen dann sogar mal bemerkbar. Aber der Song richtet sich trotz der Ansprache zunächst mal an die Aufrechten der Gesellschaft.
Damit kennzeichnest du das Dilemma vieler Debatten, deren Meinungen vor allem Gleichgesinnte erreichen.
Und weil das so ist, wird es zu dem Lied einen siebenminütigen Video, mehr einen Film geben, der jede Sequenz explizit bebildert. Deshalb bitte ich grad die Fanclubs und Fanbeauftragten aller 36 Proficlubs, möglichst viele davon für eine kurze Einstellung vor ihrem Stadion zu sammeln, was dann gegeneinander geschnitten wird und ein ziemlich machtvolles Gesamtbild ergeben soll. Das soll dieses diffuse Wir derer symbolisieren, die wollen, dass dieser Tag bald kommt. Ich bin förmlich besessen davon, dieses Gefühlt mit Tausenden von Gleichgesinnten von Stadt zu Stadt zu Stadt zu transportieren. Eine logistische Monsterarbeit, die aber mal übers übliche „Preaching to the allready converted“ hinausgeht.
Wenn du also inhaltlich verglichen mit Kettcar stärker Kante zeigst – worin unterscheidet sich Marcus Wiebusch musikalisch?
Die Experimentierfreude, würde ich sagen. Da kommen elektronische Impulse, Sprechgesang, Bläser. Und die Haltung drückt sich auch im Tempo aus. Hätte ich mich bei Kettcar öfter mal für ein langsames ausgesprochen, entscheide ich mich diesmal meistens fürs Schneller. Mehr Druck. Mehr Power. Die Songs haben mehr Kraft als viele von Kettcar.
Zurück zu den Punkwurzeln.
But Alive hätte ich natürlich nicht mit Bläsern oder Samples kommen können. Aber stimmt schon – hier gibt es öfter mal voll auf die zwölf.
Wird dass jene Kritiker womöglich etwas milde stimmen, die mit Marcus Wiebusch grundsätzlich weichgespülten, lyrischen Konsenspop assoziieren?
Das ist jetzt nicht mein Ziel, könnte aber passieren. Ich weiß zum Beispiel von dem, was man so schön Opinion Leader nennt, dass mancher von denen Der Tag wird kommen megageil findet, sich aber wünschen würde, jemand anderes hätte den Song geschrieben, damit sie mich nicht neu verhandeln müssen. Soll mir recht sein. Meine Bitte ist nur: Kritisiert die Lieder für das, was ihr hört, nicht für den, der sie geschrieben hat! Nur weil ich mal „Balou“ gemacht hab.
Ist Konfetti ein Ausflug aus Balous Romantikwelt oder ein Richtungswechsel?
Im Moment ist es ein Ausflug, den ich mit meiner Band ja auch besprochen habe. Aber wer weiß, vielleicht bricht eine neue Zeitrechnung für mich an. Fakt ist: Dieses Album wäre niemals mit Kettcar entstanden. Wir haben viele wichtige Sachen auf den Weg gebracht und 250.000 Platten in zehn Jahren verkauft. Aber ich habe solo unfassbar viel gelernt, frischen Wind geatmet, jetzt können wir uns irgendwann wieder treffen, fünf Finger sind ’ne Faust. Fertig. Ich hab keinen Masterplan, aber das ist meine Hoffnung.
Das Interview ist zuerst auf dem MusikBlog erschienen: http://www.musikblog.com/2014/04/dieses-album-waere-niemals-mit-kettcar-entstanden-marcus-wiebusch-im-interview/
Posted: May 8, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Diese kleine Romy in mir
Jessica Schwarz ist die große dunkle Unbekannte des deutschen Films. Auch mit 37 Jahren ist die hessische Schauspielerin zwar überaus erfolgreich, aber schwer zu greifen. Zum Glück. Denn nur so konnte sie ihre bislang wichtigste Rolle womöglich glaubhaft machen, ohne in Sissi-Kitsch zu verfallen: Als Romy Schneider, einem bemerkenswerten Biopic, das die ARD morgen Abend wiederholt. Im Interview spricht Jessica Schwarz über den Film, Frauenbilder der Fünfziger, ihr eigenes Viva-Erbe und warum sie gern mal umsonst arbeitet.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Jessica Schwarz, Darsteller von Biopics wie diesem über Romy Schneider liefern stets artig ihre Lobeshymnen auf die porträtierte Person ab. Konnten Sie noch negative Aspekte an Romy entdecken, Dinge die Sie an ihr stören, vielleicht sogar abstoßen?
Jessica Schwarz: Manchmal hätte ich mir für sie gewünscht, ihr Harmoniebedürfnis zugunsten selbst artikulierter Wünsche und Vorstellungen zurückzustellen. Zu viel zu gute Stimmung kann auf Dauer einfach nicht gesund sein. Sie hätte früher öfter mal Nein sagen sollen.
Ein hoher Anspruch an eine so junge Frau in den konservativen Fünfzigerjahren mit ihrem antiquierten Frauenbild
Natürlich, alles generations- und epochenbereinigt. Ich will Ihr da auch nichts vorwerfen, aber für einen so vorurteilsfreien, offenen Menschen wie Romy, die ich in diesem Punkt ja auch in mir selber entdecke, hätte ich mir einfach mehr Durchsetzungsvermögen gewünscht. Darüber hinaus kenne ich sie dann doch zu wenig, um weitere Kritikpunkte an ihr zu entdecken; was bei der Intensität, in der ich mich mit ihr beschäftigt habe, ja auch schon einiges aussagt über ihre Persönlichkeit.
Normalerweise verschwindet die Darstellerin hinter so einer Figur völlig. Sie aber meinten, dahinter erkennbar bleiben zu wollen. Warum?
(überlegt lange) Bei einer Figur wir Romy hat man eine Fülle an Material, von Presseberichten über Tagebucheinträge bis hin zum unermesslichen Filmmaterial, dazu Bildbände, Biographien, Zeitzeugen – aus diesem Wust an Informationen muss man diese Figur als Schauspielerin, die ich schon zu Beginn meiner Schauspielerei als Vorbild hatte, auf ein filmverträgliches Maß reduzieren. Und das lässt sich am Ehesten über die eigene Persönlichkeit hinter der Rolle bewerkstelligen. Ich habe also durch meine Augen zu zeigen versucht, was diese Frau wirklich fühlt. Gerade weil ich ein Jahr lang nichts anderes getan habe, als mir ihre Stimme anzueignen, musste ich meinem Leben dahinter Geltung verschaffen.
Haben Sie dabei Parallelen zwischen sich und Romy Schneider entdeckt?
Einige, in der Tat. Wir haben beide keine lineare Ausbildung genossen, ohne Schauspielschule, ohne das technische Equipment zur Annäherung an eine Rolle. Deshalb müssen wir beide vieles spüren. Und wenn man dann noch wie ich aus einem Unterhaltungsbereich wie Viva kommt, wegen dem man einem handwerklich nicht allzu viel zutraut, da muss man viel härter als andere kämpfen, um ernst genommen zu werden, sich viel mehr beweisen.
Die Musikkanal-Vergangenheit haftet an Ihnen wie die Sissi-Trilogie an Romy Schneider.
In gewisser Weise, wenngleich sie sich langsam von mir löst. Auch Romy brauchte nach ihrem Sissi-Einstieg lange, um sich ein seriöses Renommee zu verschaffen. Ich habe diese kleine Romy in mir getragen wie es viele meiner Kollegen tun, diesen Makel anfänglicher Erfolge, die es zu bestätigen oder zu übertreffen gilt.
Strampeln Sie sich für dieses Ziel mit so einer Rolle noch an Ihrem Karrierestart als Viva-Moderatorin und Bravo-Girl des Monats ab?
Meine Vergangenheit spielt natürlich immer noch eine gewisse Rolle. Aber die einstige Popularität verschwindet nach Filmen wie Kammerflimmern, Lulu oder jetzt Romy fast zwangsläufig hinter der neuen. Und sie ist mir heute auch nicht mehr wichtig. Jetzt geht es mir mehr darum, mich selbst zu erzeugen, statt von anderen erzeugen zu lassen. Ich setze mich heute viel mehr mit mir auseinander als früher, mache vieles nur für mich und trete so aus dem Gedankenfeld derer heraus, die meinen: Ja, jetzt fällt sie doch wieder auf das Muster zurück.
Gibt es an der alten Zeit etwas zu bereuen?
Überhaupt nichts. Im Gegenteil – mir wurde schon von Regisseuren gesagt, an mir sei gerade toll, dass man wegen der Viva-Zeit nie wisse, was als nächstes bei mir komme.
Haben Sie es je erlebt, dass Kollegen, Produzenten, Regisseure aufgrund ihres Quereinstiegs ins Schauspielfach sagten, sie sollten zu froh sein, überhaupt mitmachen zu dürfen, um auch noch eigene Ansprüche zu stellen?
Nein. Obwohl es sicherlich Stimmen gab, die sagten, Jessica Schwarz soll Romy Schneider spielen? Das kriegt die doch überhaupt nicht hin! Aber so was spornt mich tatsächlich eher an. Ich kann diesen Druck, mich selbst beweisen zu müssen, ganz gut in schauspielerische Energie verwandeln.
Indem Sie noch tiefer eingetaucht sind, um sie in allen Facetten zu erfassen?
Genau, ich habe alles aufgesogen. Was so weit ging, dass ich hin und wieder eine Woche Ruhe von ihr brauchte. Bei geschlossenen Augen wurde mir dann aber doch klar, dass sie immer noch da ist. Je weiter ich sie von mir fort schieben wollte, desto größer stand sie vor mir. Das war beim Drehen zwar hilfreich, da stärkte sie mir den Rücken. Davor und danach war es das weniger. Aber mein Schauspielcoach meinte zu mir: Jessi, wenn du irgendwann nicht weiter weißt, dann lass es dir doch von ihr zeigen. Diese Verbindung spüre ich noch heute. Sie ist mir schließlich überall hinterher gereist, in jedes Land, an jeden Drehort, in der Maske, im Auto, im Internet. Ihr war einfach nicht zu entkommen. Ich habe mir sogar ein Bild von Will McBride…
Der Romy Schneider viel fotografiert hat.
… ersteigert. Zudem wurde ich ihr auch optisch immer ähnlicher. Dieser kleine spitze Haaransatz in der hohen Stirn, ihre Löwennase, die Augenbrauen – alles an mir wurde Romy. Das Visuelle hat es mir enorm erleichtert, in sie hineinzugehen und so manchen Geistesblitz in der Interpretation gebracht. Darum bin ich sehr froh.
Macht man die Verwandlung am Abend leicht wieder rückgängig?
Nein, die haftet eine ganze Weile. Nach dem Ende der Dreharbeiten musste ich deshalb eine große Tonne öffnen und alles hineinwerfen. Aber das ist mir nicht sonderlich gut gelungen. Ich hatte während des Drehens mal einen allergischen Ausschlag. Als ich viel später mal mit dem Regisseur meines nächsten Filmes über Romy sprach, kam dieses Nesselfieber plötzlich wieder. Ich habe sie sozusagen körperlich verinnerlicht.
War es die anstrengendste Rolle ihres Lebens.
Ja.
Wegen dieser schier übermenschlichen Größe Romys, dieser Ikonenhaftigkeit?
Schon, auch wenn sie mit all ihren Schwächen und Fehlern etwas zutiefst Menschliches bekam, je länger ich mich mit ihr beschäftigt habe. Aber der Druck war immens, jemandem gerecht zu werden, von dem so viel bekannt scheint. Und ich musste ja nicht nur ihre reale Person verinnerlichen, sondern auch jede fiktionale, all ihre Rollen. Alles in einem Film. Da wusste ich nie so genau, ob ich gerade auf dem richtigen Pfad oder einem Holzweg bin.
Sie haben jetzt alle drei wesentlichen Rollentypen gespielt: Literaturverfilmung, Originaldrehbuch, Biographie. Sind die Herangehensweisen grundverschieden?
Für mich schon. Eine rein fiktionale, literarisch unbekannte Rolle kann auch eine schlechte Schauspielerin mit Leben füllen, weil dieses Gefäß völlig leer ist; es fehlt das Vergleichsmoment. Nur Regisseur und Autor haben eine Vorlage im Kopf, die es zu erfüllen gibt. Das ist bei einer literarischen, mehr aber noch bei einer realen Figur anders. Das Material reicht in die Unermesslichkeit. Man kann sich hinter nichts mehr verstecken, vor einem türmt sich ein Berg aus Verantwortung.
Auch Respekt? Angst vielleicht?
Von dem Druck konnte ich mich nie wirklich befreien, aber man kann ihn sich ja auch zunutze machen, um ihre Verzweiflung, die ja auch viel mit Druck zu tun hatte, zu verinnerlichen. So wie sie immer alles hundertprozentig machen wollte, wollte ich es auch. Und ganz ehrlich: ich mag das Ergebnis. Wirklich. Nach der ersten Ansicht habe ich bitter geweint, deshalb muss ich ihn auch gar nicht unbedingt noch mal sehen. Es überfällt mich jetzt noch manchmal von hinten, wenn ich dokumentarische Bilder von ihr sehe.
Haben Sie Mitleid mit dieser großen Schauspielerin, die letztlich an sich selbst zerbrochen ist?
Es ist weniger Mitleid als Anteilnahme, denn sie hat das Leben bei all der Schwere unglaublich genossen. Ich habe mit Menschen geredet, die mit leuchtenden Augen davon berichtet haben, wie ehrlich, wie herzerfrischend, ansteckend und echt ihr Lachen war. Es gab zu viele glückliche Momente für Mitleid, aber es stimmt mich noch heute traurig, dass sie so früh gehen musste, weil sie noch so viel zu geben hatte.
Aber auch einzustecken. Denn die mediale Aufmerksamkeit, unter der sie so gelitten hat, die Belagerung durch den Boulevard, die aufkommende Mediengesellschaft haben sich ja nach ihrem Tod erst richtig beschleunigt.
Zerbrochen wäre sie früher oder später an ihrer Naivität. Gerade weil sie die Türen schon zu einer Zeit aufgemacht hat, als das noch gar nicht üblich war, weil sie die Presse so nah an sich heran gelassen hat, wie vor ihr vielleicht kein anderer, musste sie irgendwann entdecken, dass sie selbst etwas falsch gemacht hat im Leben. Spätestens, als sie das Bild ihres toten Sohnes auf einer Titelseite sehen musste, hat sie womöglich ihre Mitverantwortung erkannt. Daran ist sie sozusagen doppelt zerbrochen.
Ist der Film so gesehen eine Medienkritik? Die wichtigste Statistenrolle spielen schließlich Paparazzi.
Natürlich. Wobei ich selber noch gar nicht auf einem Niveau bin, damit Probleme zu haben. Ich werde auf Veranstaltungen fotografiert, aber vor meinem Haus sitzt noch niemand. Vielleicht auch, weil ich mein Privatleben nicht allzu spannend ist und ich es zudem bislang gut genug schützen konnte. Dafür bin ich auch ganz dankbar, gerade wenn man sieht, was in Amerika passiert, wo viele frühzeitig in die Reha-Klinik müssen, so ausgelaugt sind die von der medialen Dauerbelagerung. Es ist ja auch vernichtend, wenn man sich mit großen, fetten Zellulite-Oberschenkeln aus einer ungünstigen Kameraperspektive auf großen Magazin-Covern sieht. So weit war man damals ja noch gar nicht. Über die öffentliche Suche nach Fehlern Prominenter vergisst man oft, dass es sich hierbei um Menschen handelt. Da wird man schnell zur Gejagten, was nicht nur für labile Personen gefährlich wird. Weil ich dem großen Publikum noch nicht so bekannt bin, kann ich mich frei auf der Straße bewegen, ohne ständig angeguckt zu werden, was ich sehr genieße.
Noch.
Stimmt, diese Normalität könnte ich mir nicht mehr leisten, wenn ich ständig die großen Dinger machen würde und ständig auf Titelseiten irgendwelcher TV-Zeitschriften wäre. Was ich nur hoffe ist, fortan nicht nur noch die Romy zu sein. Dass ich nicht reduziert werde. Aber ich gehe ja auch gegen eine Festlegung an, indem ich gleich nach diesem Projekt praktisch ohne Budget einen Studentenfilm drehe und noch dieses Jahr bei einem Regiedebüt mitwirke. Ich bewege mich bewusst zurück zu meinen Anfängen, um nicht nur Filme zu drehen, die irgendwas mit mir machen, sondern auch solche, die ich zu irgendetwas mache.
Als sie das mit Uwe Janson in Wiedekings Lulu getan haben, sagten Sie, mit solchen Theaterkanalarbeiten dem Fernsehen bei der Entwicklung zu helfen. Was trägt Romy dazu bei?
Also es ist zunächst mal der erste fiktionale Film über Romy Schneider in Deutschland. Das ist schon mal neu. Filmtechnisch revolutionär ist daran jetzt wohl nichts, aber ich glaube, mit einem Biopic wie diesem bringt man dem Publikum den Beruf des Schauspielers in alle seinen Facetten näher, was zu einem tieferen Verständnis dieser Symbiose vor und hinter der Leinwand führen kann. Das Fernsehen werden wir damit nicht verändern, aber das Bild von Romy Schneider, die eben so viel mehr war als nur drei Sissi-Filme.
Wie könnte man sich diesen Film vorstellen, wäre er im Auftrag von ProSieben oder RTL erstellt worden.
Das ist mir jetzt fast zu politisch. Es wäre jedenfalls ein anderer Film geworden und vielleicht hätten die auch mich besetzt, aber man arbeitet natürlich am liebsten mit den Medien zusammen, von denen man erwartet, einen gewissen Anspruch erheben zu dürfen. Und das ist bei ARD oder dem SWR natürlich am ehesten gegeben. Aber weil Romy so viele Herzen berührt, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass irgendein Sender mit zu wenig Respekt an sie herangeht.
Könnten Sie jetzt, nach dieser Arbeit, noch vorurteilsfrei die Sissi-Trilogie sehen?
Ich kann es mir jetzt auf jeden Fall besser vorstellen, warum sie die Million für einen vierten Teil nicht angenommen hat. Ich weiß ja durch die Buddenbrooks…
Wo Sie die Toni gespielt haben.
… was es heißt, Korsett zu tragen. Aber bei den Nachstellungen von Sissi hab ich dazu auch noch eine drei Kilo schwere Haartracht dazu bekommen. Damit bei 30 Grad eine Neunzehnjährige zu spielen, während hinter einem die Leute in Salzburg „hach, die Sissi“ schmachten, in die Szene zu kommen, wo sich der Regisseur bei meinem Anblick totlacht – da kam ich mir so albern vor. Das ist zum Glück raus geschnitten worden und ich kann die Sissi-Filme jetzt sicher nicht mehr einfach so ansehen, weil ich die große Lüge, die damit in Zusammenhang steht – sowohl auf Sissi als auch Romy bezogen – nicht mehr einfach so verdrängen kann. Selbst Romys eigener Versuch, diesen Abschnitt ihrer Karriere filmisch ins rechte Licht zu rücken, ist ja gescheitert.
Die abstrahierende Sissi-Fortsetzung Ludwig II. von Visconti…
Selbst mit ihm gab es so große Missverständnisse, dass Romy zwischendurch Stopp sagen musste. Ich glaube nicht, dass ich je wieder Sissi anschauen muss. Ich hab meine Kindheitserinnerungen damit und die sind gut und die sind schön. Vielleicht wenn ich selber Kinder habe.
Posted: May 7, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
In diesem Sinne bin ich käuflich
Eigentlich ist der pockennarbige Schnulzenstar Francis Fulton-Smith auf kernige Kümmerer im Sonnenlicht deutscher Neoheimatfilme gebucht. Das halbdokumentarische ARD-Drama Die Spiegel-Affäre (heute, 20.15 Uhr) ist für den 48-jährigen Münchner somit die erste Herausforderung seit langem. Und siehe da – sein Franz-Josef Strauß ist ihm allen Ernstes grandios gelungen. Geht doch.
Interview Jan Freitag
freitagsmedien: Francis Fulton-Smith, endlich dürfen Sie mal in einem Film ihren Heimatdialekt pflegen und dann ist es ausgerechnet das fast kabarettistische Bayrisch ihres früheren Landesvaters…
Francis Fulton-Smith: (lacht) Ja, wobei wir genau das Kabarettistische vermeiden wollten.
Zumal er eine Figur des realen Lebens ist, die zu kritisieren daheim in Bayern als Hochverrat gilt. Mussten Sie da besonders vorsichtig sein?
Nein, das nicht. Aber mir war durchaus bewusst, wie wichtig er quasi als Institution dort ist. Unter seiner Führung wurde schließlich Bayerns Transformation vom Agrar- zum Industriestaat vollzogen – mit allen Konsequenzen für die Gegenwart. Von den 68ern bis zum Länderfinanzausgleich. Das macht ihn sicher in gewisser Weise zu einer Ikone, aber nicht automatisch unantastbar. Selbst in Bayern ist er nach wie vor eine stark polarisierende Figur.
Für die Sie tüchtig zunehmen mussten, um Sie adäquat verkörpern zu können.
Fast 20 Kilo, das stimmt, unter ärztlicher Aufsicht. Wichtiger als die Körperlichkeit war aber, seine Urgewalt, politisch wie menschlich zu zeigen und dabei gleichzeitig nicht in Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen: hier der “gute Journalist” Augstein, da der “böse Politiker” Strauß. Wir wollten beide Seiten der Medaille zeigen, also nicht nur Strauß’ unerhörten Angriff auf die Pressefreiheit, sondern auch, dass es gleichzeitig eine moralische Pflicht und Verantwortung seitens der Presse gibt. Es geht um zwei starke Persönlichkeiten, mit extrem starken Utopien für Deutschlands Zukunft, die wie zwei Alpha-Rüden gnadenlos aufeinander losgegangen sind. Dabei hatten beide durchaus ähnliche Biografien. Wer weiß – vielleicht wären sie in einer anderen Zeit sogar Freunde geworden.
Hätten Sie die Wahl gehabt – welchen der beiden hätten Sie lieber gespielt?
Natürlich hätte mich auch Augstein interessiert, weil er ähnlich komplex ist. Aber es macht letztlich immer mehr Spaß, den Bad Guy zu spielen. (lacht) Noch mehr Spaß macht es allerdings, ihn dabei sympathisch zu gestalten. Für mich als Schauspieler ist es immer wichtig, nach dem Verborgenen zu suchen. Aus heutiger Sicht nimmt man Strauß ja stets als Polterer wahr; umso spannender war es für mich, ihm die leisen Seiten abzuringen, den Menschen in seiner Verletzbarkeit zu zeigen. Also den FJS, der Radau- Reden im Bundestag hält und nachts weinend aufwacht.
Hat das Spielen dieser Diskrepanz auch ihr persönliches Strauß-Bild verändert?
Ich denke schon. Als ich aufgewachsen bin, war er gerade Ministerpräsident. Ich war zwar lieber auf dem Bolzplatz und durfte ja auch noch nicht wählen. Aber er schwebte trotzdem ständig über uns allen. Spätestens, als er Bundeskanzler werden wollte, erreichte uns junge Burschen die Diskussion mit voller Wucht.
Sie hatten 1980 aber keinen „Stoppt Strauß“-Button an der Jacke.
(lacht) Ich wollte ja Abitur machen. Aber im Ernst, jetzt, nachdem ich mich Hunderte von Stunden intensiv mit ihm beschäftigt habe, sogar in seinen Geburtsort gefahren bin, verschiebt sich natürlich etwas in der Wahrnehmung. Ich sehe ihn nun nicht mehr als “ultimativen Bösewicht”, sondern und das ist mir wichtig: bei aller berechtigten Fehlbarkeit, auch als brillanten Denker und bodenständigen Nachbarn, als Lebemann und Machtmensch. Meine Sicht hat sich insofern verändert, weil sie deutlich differenzierter wurde.
Meinen Sie, dass die Rolle auch Sie als Schauspieler verändert, der ja sonst eher auf leichtere Stoffe gebucht ist?
Natürlich habe ich mich sehr gefreut, endlich auch eine andere Facette von mir zeigen zu dürfen, denn die künstlerisch größere Herausforderung ist natürlich gerade solche, nicht alltäglichen Filme zu machen! Und falls die Konsequenz ist, nun öfter mal etwas ungewohntes mit mir zu realisierten, würde mich das sehr freuen; ich bin schließlich mit Leib und Seele Schauspieler. Aber man muss sich darüber auch im Klaren sein, dass solche Rollen nicht auf Bäumen wachsen. Und andere Dinge, die ich drehe, ja durchaus auch ihre Berechtigung haben.
Andere Dinge sind vor allem Machos mit Familie und Herz. Fühlen Sie sich damit wohl?
Zunächst mal bin ich wie gesagt ein Schauspieler. Ich habe eine Familie und Kinder zu ernähren und in diesem Sinne bin ich tatsächlich käuflich (lacht). Dabei gibt es aber größere und kleinere Herausforderungen und wenn das, was ich dafür tue, erfolgreich ist und viele Menschen erfreut, ist es ein Geschenk, wertfrei! Finden Sie nicht? Was mich daher jetzt interessiert ist vor allem die Frage, wie viele meiner üblichen Zuschauer bereit sind, mich in einen Film wie „Die Spiegel-Affäre“ zu sehen? Was macht es mit ihnen? Ob sie neugierig werden, in Debatten geraten? Vielleicht haben sie Lust, darüber nachzudenken, wie fragil unsere Grundwerte sind und wie wichtig es ist, sie zu schützen! Für viele Zuschauer ist es aber auch nach einem harten Tag entspannter, etwas Leichtes zu schauen. Auch gut gemachter Herzschmerz ist daher alles andere, als verwerflich.
Dennoch sagten Sie mal angesichts ihrer Dauerrolle Dr. Kleist, Sie sehnen sich nach Rollen, in denen nicht ständig die Sonne scheint.
Sicher ist beides richtig und der Weg der Mitte sinnvoll! Und sollte ich jetzt in den Gedankenspielen der Verantwortlichen eine neue Rolle spielen, bin ich sehr gerne bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen! Der Umkehrschluss, nur noch Filme ohne Licht und Schatten spielen zu wollen, ist dennoch falsch. So etwas kann man ohnehin nicht forcieren, Fernsehen ist kein Wunschprogramm. Und ehrlich: ich könnte mit der „Spiegel-Affäre“ grandios scheitern, was sicher auch einige so beurteilen werden. Aber die Beschäftigung mit der Figur Franz- Josef Strauß war für mich ein wunderbares, großartiges Abenteuer, dass ich unabhängig vom Erfolg – nicht missen will. Es ist ein ganz wichtiges Kapitel deutscher gesellschaftspolitischer Zeitgeschichte und ein wunderbarer Ensemble-Film. Es geht nicht nur um mich und ich hoffe, viele Menschen haben Lust, uns auf dieser spannenden Reise zu begleiten!
Der eigentlich Hauptdarsteller scheint ohnehin das ständige Rauchen zu sein…
Ja, Wahnsinn, wie viel da gequalmt wurde. Und das mit mir, der vom leidenschaftlichen Vielraucher zum passionierten Nichtraucher geworden ist.
Welche Rolle, die sich an der Realität oder großen Vorbildern messen lassen müsste, können Sie sich nach dieser hier noch vorstellen?
Richard III., Faust, Hamlet, Don Carlos… Die Welt ist doch voller wunderbar zerrissener Figuren. Aber so was selbst ins Spiel zu bringen, klingt meist befremdlich! Jetzt warte ich mal ab, was jetzt und hier passiert, denn mit der Rolle des Franz- Josef Strauß schließt sich ein Kreis zum Beginn meiner Laufbahn, wo ich mehr Theater und Literaturverfilmungen gemacht habe. Ich bin deshalb ein Stück weit zu mir selbst gekommen und das macht mich glücklich…