Netflix: Dirk Gently’s Holistische Detektei

download-3Die Komplexität des Verbrechens

Wenn selbst Krimi zum absurden Theater wird, stammt es schnell mal von Douglas Adams, aber eher selten aus Deutschland: Die Netflix-Serie Dirk Gently‘s Holistische Detektei beweist seit Sonntag, wie grandios Fernsehen sein kann, das bedingungslos steilgeht…

Von Jan Freitag

Die wirre Welt in der wir leben, neurechte Vereinfacher von Trump bis Pegida mögen es gern noch so laut brüllend bestreiten, ist höchst komplex. Fast alles darin ist mit fast allem derart dichtmaschig verwoben, dass einfache Problemlösungen die zu lösenden Probleme oft nur noch weiter verschlimmern. Da muss gar kein chaostheoretischer Schmetterlingseffekt oder ähnlich vielschichtige Deutungsmuster diffiziler Phänomene bemüht werden; es reicht bereits, einer skurrilen Frohnatur wie Dirk Gently zuzuhören. Als der freiberufliche Detektiv bei einem chronischen Loser namens Todd einbricht und ihm erklären soll, was er denn bitte sehr auf dessen Fensterbrett zu suchen habe, gibt er nämlich „etwas sehr Wichtiges“ zur Antwort und fügt lachend hinzu: „Nichts!“

Also alles.

In einer Netflix-Serie, die mit herkömmlich zubereiteter Krimikost aus deutschen Landen weniger zu tun hat als der Streamingdienst mit 3sat, hängt schließlich jede, wirklich jede scheinbar belanglose Nebensächlichkeit mit dem Rest dieser aberwitzigsten Ermittlungsstory zusammen. Dirk Gently, viel mehr erfährt man zunächst nicht über die herrlich durchgeknallte Titelfigur, ist ein Privatschnüffler mit der Gabe, Beziehungsketten zu erkennen, wo andere nur Einzelfälle sehen. Alles hänge mit allem zusammen, so lautet sein Mantra, weshalb die Serie folgerichtig Dirk Gentlys holistische Detektei heißt. Und genau darum sitzt ihr Chef und bislang einziger Mitarbeiter nun auch auf dem Fensterbrett von Todd, der kurz zuvor seinen Job als schlecht bezahlter Lobby-Boy eines Grandhotels verloren hat, in dem zum Auftakt ein gut sichtbares Massaker stattgefunden hat. Mit tiefenentspannter Selbstverständlichkeit verkündet ihm der Detektiv, er sei fortan sein Assistent in einem Kriminalfall, der – leider, leider – zu komplex sei, um ihn jetzt grad näher zu erläutern.

Was folgt, ist eine Feuerwerk bizarrer Gewalttaten, deren Subjekte ebenso wie die Objekte reichlich miteinander zu tun haben, was schon in Folge 1 des Achtteilers zu erahnen ist und Richtung Staffelfinale immer deutlicher Gestalt annimmt. Katzenbabys sind da in direkter Linie mit Hooligans verbunden, Rassehunde mit Kidnappern, das FBI mit Todds Lottogewinn und alle gemeinsam mit Dirk Gently samt seinem Helfer in spe. Ein cineastisch sprühendes Potpourri, das sich so wohl nur jemand wie Douglas Adams ausdenken kann.

Nach dem Roman des kalifornischen Erfinders von Per Anhalter durch die Galaxis hat sein kalifornischer Landsmann, der Showrunner Max Landis, dieses außergewöhnliche Stück Bildschirmunterhaltung umgeschrieben und fernsehgerecht zurechtgemacht. Ein „Geister-Horror-Wer-ist-der-Täter-Zeitmaschinen-Romanzen-Komödien-Musical-Epos“, wie es der viel zu früh verstorbene Vorlagenautor vor Fertigstellung des dritten Teils umschrieb. Dass die verfilmte Version da spielend mithält, hat gleich mehrere Gründe. Allen voran Samuel Barnett, der seiner Titelfigur im amerikanischen Seattle mit britischem Akzent und kanariengelber Lederjacke eine Verschrobenheit von hinreißender Tiefe verleiht. Glänzend assistiert von Elijah Wood, dessen dauerpanisches Hobbit-Gesicht ideal zur konstanten Überforderung seines Todd passt.

Wie all die anderen Freaks und Bullen, Täter und Opfer, Schwergewichte und Accessoires ringsum, treiben sie die Fähigkeit angloamerikanischer Komödianten, angemessen statt selbstreferenziell zu grimassieren, dabei leichter Hand gen Perfektion. In seiner raumgreifenden Absurdität mag das Ganze die Grenzen von Logik und Verstand dabei zwar ein ums andere Mal frontal attackieren; vollständig überschritten wird sie allerdings fast nie; zu sorgfältig fließt letztlich jeder Handlungsstrang in den nächsten, zu liebevoll sind die unterschiedlichsten Charaktere gezeichnet, zu dezent grundiert ein brillanter Soundtrack jeden Anflug ziellosen Irrsinns.

Das ist trotz all der bluttriefenden Brutalität unzähliger liebevoll inszenierter Tötungsdelikte oft so brüllend komisch, als zöge hier Quentin Tarantino mit den Simpsons ins Grand Budapest Hotel ein, um dort Twin Peaks nachzudrehen. Das zieht unweigerlich die Frage nach sich: Warum ist so großes, lustiges, aber selten albernes Fernsehen aus deutscher Produktion eigentlich schlicht undenkbar? Wie gesagt – die Welt ist viel zu komplex für einfache Antworten…


1000 Folgen Tatort: Rückblick & Ausblick

ard-tatortTeufels Werk und Tatorts Beitrag

Wenn die Kommissare Borowski und Lindholm an diesem Sonntag im November den 1000. Tatort betreten, ist das nicht nur ein guter Grund, zu feiern, sondern auch zurückzublicken auf 46 Jahre, in denen die erfolgreichste Reihe des hiesigen Fernsehens das Land ringsum nicht nur analysiert, porträtiert, katalogisiert hat, sondern auch ein bisschen verändert.

Von Jan Freitag

Die Polizei hat‘s schwer. Unterbezahlt und mies beleumundet, ringen die einst geachteten, gar Staatsdiener vergebens um Respekt. Besser entlohnt und legerer gekleidet, ist nur der Ruf des Mordermittlers einigermaßen intakt. Das aber liegt weniger an ihrer Aufklärungsquote nah 100 Prozent, sondern daran, dass sie im Fernsehen noch übertroffen wird. Im Tatort etwa tendiert die Chance, sonntags um 21.45 Uhr als Kapitalverbrecher anders als verhaftet oder tot zu sein, gegen Null. Das war beim 1. Fall am 29. November 1970, als Kommissar Trimmel im Taxi nach Leipzig fuhr, wie beim 1000., der zwei seiner Nachfolger mit dem gleichen Gefährt gen Osten kutschiert.

Sie heißen Lindholm und Borowski, lernen sich auf einer Fortbildung kennen, steigen zu einem traumatisierten Afghanistan-Veteranen ins Taxi und befinden sich flugs auf einer Odyssee nach Leipzig. So zeigt sich beim Jubiläum mit Kriegsthema wie beim Debüt mit Ost-West-Problematik, dass Deutschlands wichtigste TV-Marke mehr aneinanderreiht als bloß Krimis. In 46 Jahren hat sie sich zur Enzyklopädie bundesrepublikanischer Befindlichkeiten gemausert. Und weil Politik seit jeher gleichberechtigt neben Unterhaltung firmiert, liest der Literaturwissenschaftler Jochen Vogt darin den „wahren deutschen Gesellschaftsroman“.

Mitgeschrieben haben ihn Regisseure wie Wolfgang Petersen, Margarethe von Trotta oder Dominik Graf. Nach Büchern von Martin Walser über Friedrich Ani bis 33 Mal Ernst Huby haben sie ein Langzeitprojekt kreiert, das der Tatort gar nicht sein wollte. Seine Geburt hatte mehr mit Bürokratie zu tun als dem Ziel, Geschichte zu schreiben. Zwei Jahre zuvor – Heintje führte die Hitparade an und Richard Nixon Amerika – hatte „Der Kommissar“ im ZDF als erster Serienbulle ein Privatleben, das anders als üblich auch fern des Studios gedreht wurde. Die Resonanz war so gut, dass der Hamburger Kriegswitwer Trimmel elf Folgen zwischen Wohnung, Dezernat und Kneipe auf Täterjagd ging.

Doch so menschlich zeigte sich bald nicht nur der NDR-Kauz, sondern ein Kollegium in Stuttgart, Mannheim und Köln, München, Berlin, gar Wien. So sollte die ARD dem Staatsvertrag gerecht werden, also vom Organisationsapparat zum Organismus. Denn 1970 war das Land gespalten. Pillenknick, Auschwitz-Prozesse, RAF-Terror, ein Alt-Nazi im Kanzleramt, das Erlahmen des Wirtschaftswunders: die Verwerfungen der 60er hatten das saturierte Nachkriegsland von der Gegenwart entfremdet. Doch auf die Angst vor Werteverfall und Modernisierung fand das Leitmedium nur die Antwort, in Form vom berühmten Stahlnetz den Ordnungsstaat zu simulieren.

Bis WDR-Fernsehspielchef Gunther Witte den Straßenfeger zum Tatort machte: Mit realistischen, aber erdachten Plots unregelmäßig, aber wiederkehrender Protagonisten, rechtsstaatlich statt obrigkeitshörig, echte Typen aus den Daseinswelten der Durchschnittszuschauer mit all ihren Spießigkeiten und Ausbruchsversuchen. Es war die Geburt des Buletten-Fans Heinz Haferkamp, dem Hansjörg Felmy ab 1974 schludrige Lässigkeit verlieh; von Melchior Veigl, den Gustl Bayrhammer zwei Jahre zuvor weißwurstig konservativ, aber mit Dackel als Weibsersatz zukunftsweisend spielte; von Horst Schimanski, der dank Götz Georges fragiler Respektlosigkeit die starre Struktur führungsstarker Bürokraten (plus zwei Bürokratinnen) aufbrach; von Paul Stoever, der dem Format jene gewichtige Leichtigkeit verlieh, der man seit Manfred Krugs Tod doppelt nachtrauert.

Lange also vor einem Pathologen mit kleinwüchsiger Assistentin, zwei internetaffinen Quereinsteigern im Dichternest Weimar oder 300 Leichen pro ironiefreier RTL-Reminiszenz von Til „Bang“ Schweiger als Nick „Boom“ Tschiller, hat der „Tatort“ die irritierende Welt vorm Wohnstubenfenster mit der Leichtigkeit des Feierabendeins dahinter versöhnt. Weil das kollektive Entspannungsbedürfnis zum Wochenstart aber zugleich mit der rauen Wirklichkeit kontrastiert wurde, entstand aus Sicht des Soziologen Hendrik Buhl „Politainment par excellence“, dessen Hybris im Vergleich zur Flut heutiger Schmunzelkrimis umso mehr brilliert.

Dass die Quote nach einer Delle zur Jahrhundertwende oft achtstellig ist, hat indes viele Gründe. Stars von Ulrich Tukur über Dagmar Manzel bis Devid Striesow, denen der Ruhm des Evergreens die Angst vorm Sackbahnhof Serienermittler nimmt.  Dazu Produktionsbedingungen auf Kinoniveau nebst Oasen voller Autoren, die der Drehbuchwüste Deutschland Sittengemälde von Innovationskraft und Bewahrungsdynamik schrieben. Nichts aber grundierte den Erfolg nachhaltiger als ein vernachlässigtes Terrain: das Milieu.

Erst im „Tatort“ wurde die Unterschicht vom Subjekt zum Objekt, die aus dem Rotlicht der Kieze ins Neonlicht der Macht wanderte – und damit sind nicht Derricks Grünwalder Villen gemeint, sondern Entscheidungsträger bis tief in Vereine, Verbände, Finanzvorstände, von Parteien, Amtsträgern, Polizei ganz zu schweigen. So, wie sich die Gesellschaft jenseits alter Werte ausdifferenziert und die Grenzen „zwischen gut und böse“, wie es Jo Goebel ausdrückt, „gerecht und ungerecht, privat und beruflich, heldenhaft und feige“ diffundieren, so tut es nach Ansicht des Medienforschers der Tatort.

Die Mehrheitsgesellschaft, das suggerieren 1000 Täterprofile, ist selbst da voll dunkler Ecken, wo scheinbar die Sonne lacht. Jeder kann zum Raubmörder, Serienkiller, Triebtäter, Menschheitsverbrecher werden. Und jeder ist es in 1500 Stunden Sendezeit theoretisch schon geworden. Fast jeder. Denn um das Publikum nicht aller Hoffnung zu berauben, blieben die Ermittler trotz wachsenden Hangs zur Rechtsbeugung dem Guten verpflichtet. Dennoch: So wie die Taten aller Fernsehkrimis auch dank des Tatort im Kontext diverser Lebensumstände bewertet werden, verändert sich auch das Persönlichkeitsprofil der Kommissare.

Und zwar zulasten klarer Grenzen, wie es Medienforscherin Joan Bleicher von der Uni Hamburg ausdrückt. Standen die Ermittler den Verdächtigen bis in die Neunziger „kontrastiv gegenüber“, sind die Hauptfiguren nun „psychologisierter, ausdifferenzierter“. Soziopathen wie Faber, Feenwesen wie Sänger, Macker wie Tschiller, Ghettokids wie Gümer, Seelenwunde wie Odenthal, Freaks wie Stellbrink, Säufer wie Steier – wer heute ermittelt, teilt mit dem Publikum nicht nur den Bildschirm, sondern die Makel. Umso mehr erstaunt die Makellosigkeit der Neuen von Nürnberg.

Statt skurriler Kleidung oder sonstiger Fimmel fiel beim fränkischen Debüt allenfalls die Sprache ringsum aus der Norm. Doch auch seltsam gekünstelt sorgte der Dialekt für Heimatverbundenheit. Irgendwer babbelt, sächselt, schwäbelt, grantelt, nuschelt garantiert, wenn die Spurensicherung an derzeit 22 Tatorten auftaucht. Hannover mag mangelnde Präsenz bei Lindholms Einsätzen beklagen, Wien den fehlenden Schmäh seit Mareks Abgang, das Saarland seine skurrilen Charaktere – meist ist der „Tatort“ ein markenbewusster Hochglanzkatalog regionaler Eigenart, den kein Tourismusbüro finanzieren könnte. Wieso sonst sind zwischen Rhein und Ruhr dauernd Kölns Dom oder alte Zechen im Bild? Weshalb radelt Kommissar Thiel ständig über den Prinzipalmarkt? Und warum nehmen seine Hamburger Kollegen seit jeher vom Fischmarkt nach Blankenese den Umweg via Reeperbahn?

Mit Autos, die noch mehr Kitt zwischen Produkt und Publikum kleben. Sportwagenvermittelte Freiheitsliebe in Ludwigshafen, kleinwageninduzierte Betulichkeit am Bodensee, Thiels Vadder im Taxi oder Inga Lürsens Kleinbürgertraum mit Stern: Am letzten analogen Lagerfeuer der Republik firmieren selbst Fortbewegungs- als Bindemittel und liefern ein weiteres Stück Corporate Identity wie sonst nur die Lindenstraße – die sich allerdings mit einem Bruchteil der Zuschauer begnügt, während Prof. Boerne (mit Jaguar) und Nick Tschiller (mit Sixpack) den Quotenrekord im Wechsel über 13 Millionen geschraubt haben.

Befeuert von PR auf allen Ebenen. Es gibt Fachtage, Dissertationen, Fanclubs, Public Viewing, Radioeditionen, Zeitungsrubriken samt Second Screen, der jede Ausstrahlung mit Abertausenden von Tweets in Echtzeit begleitet. Dass die vorwiegend kritisch sind, ändert nichts am Sog. Bevor Tukurs Bühnenepos Im Schmerz geboren alle wichtigen Preise gewann, hat es online Prügel bezogen. Selbst seltener Defätismus wie Schweigers Suada gegen die Titelmelodie kratzen nicht am Markenkern. Was stört es die Eiche… Zu stramm steht sie im Gegenwind der digitalen Gegenwart, sturmfest und flexibel. Bei all den Gewissheiten vom Einstieg mit Plastikbecher am Fundort bis hin zum Ausstieg mit Täter (außer beim Münchner Einsatz vor zwei Wochen), haben die Hauptfiguren Migrationshintergründe, Körperbehinderungen, professionellen Humor und überdurchschnittlich oft weibliche Vornamen wie in Freiburg, wo mittlerweile Heike Makatsch im Einsatz ist.

Im strengen Proporzsystem der ARD bleiben damit nur Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern tatortfrei. Doch auch wenn sonntags irgendwann dort ermittelt würde, täten es Kommissare wie du und ich: Mal scheu, mal arrogant, oft kompetent, längst fehlbar, selten hässlich, seltener schön und trotz aller Macken herrlich normal, also eher keine türkischstämmigen Undercovercops wie Cenk Batu, der trotz Splitscreen selbst beim Nachwuchs im Quotentief versank. „Soziale Rollenspieler“ nennt sie der Soziologe Carsten Heinze. Platzhalter des Pöbels, die dessen Freud und Leid, Ängste und Wünsche in sich vereinen. Auch in den nächsten 1000 Folgen.


Funk: Altes ARZDF & Junges Angebot

download-2Funky Stunk-Funk

Seit gut einer Woche ist die öffentlich-rechtliche Netz-Alternative online und lässt sich ganz gut an. Damit beschleunigt Funk den Totentanz der Fernsehplatzhirsche, macht das aber ziemlich vielfältig.

Von Jan Freitag

„Funk“ ist ein doppeldeutiges Wort. Für angloamerikanisch, also popkulturell geschulte Ohren, reimt es sich auf „Punk“, klingt also unangepasst und verwegen. Für deutsche hingegen, also leitkulturell geprägte, reimt es sich auf „Stunk“, klingt also eher nach Volksempfänger und Verwaltung. Umso erstaunlicher ist, dass die Verantwortlichen „Funk“ beharrlich mit biederem Stunk-U aussprechen, seit ihr „Junges Angebot von ARD und ZDF“ für die Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen vorige Woche in Berlin vorgestellt wurde.

Abgesehen von der Gebührenfinanzierung erinnert darin schließlich kaum was an den Röhrenfernseherfunk von früher. Nach jahrelangem Streit um Inhalt und Ziele, nach parteipolitischer Einflussnahme und innermedialer Selbstbehauptung, nach Staatsvertragskorrekturen und zugehöriger Ratifizierung wandert das ersehnte Publikum der Platzhirsche unter 30 endgültig dorthin ab, wo es sich ohnehin die meiste Zeit medial aufhält: Ins Netz. Hier herrschen bekanntlich eigene Sitten, eigene Gebräuche, eigene Regeln, fast Gesetze. Und www.funk.net will sie befolgen. Alle.

Zunächst mal 40 Formate hat das Team um den juvenilen Geschäftsführer Florian Hager für Menschen produziert, deren Aufmerksamkeitsspanne vier Minuten selten übersteigt. Das unerlässliche factual entertainment ist darunter und Fiktion in Reihe. Dazu ein bisschen Mystery, etwas Anime, viele Clipshows, noch mehr Comedy und überhaupt reichlich Content, wie „Inhalt“ unter den ersehnten digital natives heißt, der so oder so ähnlich längst im Parallelfernsehen von Facebook bis Netflix läuft.

Hager, der bereits bei Arte das digitale Angebot aufbaute, will dennoch kein „erweitertes Youtube mit Filmen in Dauerschleife sein“. Schon sein Personal jedoch zeigt, dass daran vor allem der Begriff „erweitert“ stört. Den gediegenen Irrsinn des Bohemien Browser Balletts etwa orchestriert mit Christian Brandes ein Internetgewächs, das unterm Pseudonym Schlecky Silberstein zu den Stars der Blogosphäre zählt. Wenn Moritz Neumeier wöchentlich Auf einen Kaffee bittet, um mit schnodderigem Küstenslang die Welt zu erklären, tut der 28-jährige Poetry-Slammer nichts anderes als zuvor, nur mit GEZ-Mitteln. Hinter der Gaming-Show 1080NerdScope steckt kein Geringerer als der Click-Milliardär LeFloid. Und Kathrin Frickes dadaistisch, aber versiert animierte SciFi-Parodie StarStarSpace hatte nach 24 Funk-Stunden auch deshalb stolze 110.000 Zugriffe, weil sie unterm Online-Namen Coldmirror schon länger zur Youtube-Elite zählt.

Dieses Abschöpfen binärer Ressourcen fürs analoge Parallelprogramm mag demnach berechenbar wirken; vor allem aber ist es vorwiegend originell. Böhmermann-Autor Florentin Will zum Beispiel kommentiert mit seiner Kollegin Katjana Gerz den Irrsinn der Arbeitssphäre in Gute Arbeit Originals lustiger als all die Witzfiguren auf RTL zusammen. Mit Nemi El-Hassan, Friedemann Karig und Ronja von Rönne betätigen sich Journalisten frischer Prägung als meinungsstarke Jäger & Sammler in den Abgründen unserer Gesellschaft, die sich dabei zum Auftakt rechten Rappern stellen, ohne mit dem Zeigefinger zu wedeln.

Gut, wenn Fynn Kliemann in seiner DIY-Sause Kliemanssland Trecker tunt und auch sonst Klimawandel mal Klimawandel sein lässt, erinnert das an die Testosteronduschen von DMAX. Fröhlich-debiler Blödsinn wie dieser steht allerdings im Schatten ehrgeiziger Formate wie Wishlist. Marc Schießers Mystery-Epos um eine geheimnisvolle App, die ab 28. Oktober mit fatalen Nebenwirkungen Wünsche erfüllt, vereint die Lockerheit neuer durchaus unterhaltsam mit der Professionalität alter Medien. Fragt sich nur, ob erstere den letzteren damit nicht endgültig das Grab schaufeln – zumal mit ZDFkultur der letzte Sender geopfert wurde, in dem das Fernsehen noch Musik abseits von Volksschlager und Klassik zeigte. Florian Hager mag noch so beteuern, statt „schneller Aufmerksamkeit nachhaltige Reichweite“ anzupeilen. Dass Coldmirrors Beitrag seit Donnerstag 216.000 Clicks erzielt hat, dürfte er jedenfalls zufriedener registrieren als die üblichen Topquoten für Tatort & Pilcher dazwischen. Doch mit jedem Zugriff werden die User nicht nur nachhaltig im Netz erreicht, sondern womöglich noch nachhaltiger vom linearen Fernsehen entwöhnt.

Online frisst offline? Hager glaubt nicht, „dass ein Medium das andere ablöst“. Weil die Generation Touchscreen fürs alte Sofagarnitur-TV ohnehin verloren sei, will er sie dennoch „mit anspruchsvollen öffentlich-rechtlichen Angeboten auf den Plattformen versorgen, auf denen sie sich aufhalten.“ Wenn Streamingdienste und Amazon demnächst die televisionäre Weltherrschaft übernehmen, könnte dieser hoffnungsfrohe Fatalismus als 45 Millionen Euro teure Dolchstoßlegende in die ARZDF-Annalen eingehen. Andererseits: ist es nicht eher logisch als hilflos, wenn der Nachwuchs in die virtuelle Wolke gelockt wird? Zu oft hat sich das öffentlich-rechtliche Konstrukt als reformresistent erwiesen, und wenn es doch mal jung sein wollte, endete vom piefigen Erfurter Tatort bis zum geriatrischen ZDFneo alles verlässlich im Desaster. Daran kann auch Jan Böhmermann nichts ändern, den die Jugend der Welt ohnehin eher online sieht.

So gesehen ist Funk exakt jenes Angebot, das die Platzhirsche verdienen. Wenn Pauline Bossdorf darin gesundes Essen kommentiert, Kostas Kind das Erwachsenwerden, Kristina Weitkamp alles rund um Sex oder Fabian Nolte den Rest, ist das trotzdem nicht viel mehr als ein um US-Serien wie Fargo und einen Second Screen zum Tatort erweitertes Youtube. Aber wenigstens eins, das von alten TV-Kennern kuratiert wird: alles andere als Punk, aber zuweilen ziemlich funky.


Peter Simonischek: Weltkino & TV-Provinz

simonischekMehr Siegfried als Bergfried

Seit dem Welterfolg Toni Erdmann steht Peter Simonischek unter besonderer Beobachtung. Im ARD-Mittwochsfilm Bergfried wäre Wegsehen zwar besser, aber der Burgschauspieler allein macht das Kriegsverbrecher-Melodram nach teilweise realen Motiven dann doch einigermaßen sehenswert.

Von Jan Freitag

Burgschauspieler haben’s auch nicht leicht. Schon der Begriff klingt mythisch beladen, beinah märchenhaft, so als würden Burgschauspieler stets unter tropfenden Kandelabern spielen statt im profanen Kunstlicht, das längst ja auch durchs namensgebende Burgtheater scheint. Trotzdem wird dessen Personal seit Kaisers Zeiten überhöht wie Wagners Bayreuth: Will Quadflieg und Curt Jürgens, Adele Sandrock und Jane Tilden, O.W. Fischer und Boy Gobert – sie alle konnten die salbungsvolle Erhabenheit der Bühne an Wiens Ringstraße vor die Kamera retten, agierten dort aber oft mit einer Theatralik, die nunmehr antiquiert daherkommt.

Davor sind auch aktuelle Burgschauspieler selten gefeit: Martin Wuttke etwa, August Diehl, Udo Samel – oder Peter Simonischek. Geboren in der steirischen Einöde war das Internatskind über Jahrzehnte ein herausragender Darsteller sperriger Bühnenklassiker, der es in Film und Fernsehen nie so ganz über den Sidekick hinausschaffte; zu maniriert wirkte sein Spiel für die Gegenwart, zu getragen der Auftritt zwischen den wahren Helden. Da reichte es oft eher für Adlige und Tatverdächtige in Historienevents oder Krimis als für die Berliner Schule. Abseits der weltwichtigsten Bretter schien zwischen Derrick und Ludwig II. schlichtweg kein Platz zu sein für den herausragenden Mimen mit der würdevoll ergrauten Dirigentenmatte.

Dann kam Maren Ade.

Die Großregisseurin unverstellter Wahrhaftigkeit besetzte ihn als Titelfigur ihrer grandiosen Generationenkomödie Toni Erdmann und gebar damit einen ungewohnten Simonischek: Bis an den Rand der Karikatur realistisch, dabei oft durch pure Präsenz lustig und dennoch von einer Tiefe durchdrungen, die ebenso zu Tränen der Freude wie der Ergriffenheit rührt. Da liegt sie nun, die Messlatte – hoch droben auf dem Niveau von Cannes bis Hollywood, wo der Film bald um den Auslands-Oscar kämpfen dürfte. Auch sein neues Werk muss sie nehmen, obwohl es gewiss lange vorm globalen Jubelsturm über Ades Transformation seiner Filmpersönlichkeit im Kasten war.

Er heißt Bergfried und reißt die Hürde – soviel vorweg – recht deutlich. Das Melodram von Autorenfilmer Jo Baier, der gern mal zwischen Mach- (Die Heimkehr) und Meisterwerk (Wambo) pendelt, versucht sich an der vielfach erzählten Aufarbeitung deutscher NS-Verbrechen. Anfang der Achtziger quartiert sich der geheimnisvolle Italiener Salvatore ins österreichische Alpennest Arnbrunn ein, um dort jenen SS-Schergen zu finden, der einst sein Dorf als Strafaktion im Partisanenkrieg niedermetzeln ließ – wofür Baier in der Realität das Vorbild des niedergemetzelten Dörfchens Sant‘ Anna die Stazzema fand. Verfolgt von Martin Gschlachts bedächtiger Kamera, stromert der einzig Überlebende nun 40 Jahre später durch ein feindlich gesinntes Umfeld voller Stammtischgewächse, die weder von Fremden noch von der Moderne geschweige denn von damals irgendwas wissen wollen.

Das ist vom Gedanken her spannend und relevant. In der Umsetzung hingegen begräbt Baiers Buch die Geschichte mit jeder Minute mehr unter einer dicken Schicht Theatralik, Pathos, Bedeutsamkeit. Jenen drei Faktoren also, die Simonischeks Karriere auf der Bühne unvergleichlich machen, im Film hingegen kompliziert, seit er darin vor 25 Jahren im Heimatschinken Wildfeuer unter der Regie desselben Jo Baiers erstmals ein breiteres Publikum auf sich aufmerksam machte. Umso erstaunlich, dass ausgerechnet in diesem Panoptikum überzeichneter Charaktere ausgerechnet sein Oberscharführer für Authentizität sorgt.

Während Fabrizio Bucci als Salvatore schlicht zu schön ist für die Rolle des Rächers, dem natürlich die Tochter des Gesuchten namens Erna (Katharina Haudum) verfällt, während Gisela Schneeberger ihre Haushälterin Frieda mehr persifliert als verkörpert und Randfiguren wie der körperbehinderte Mann einer promiskuitiven Wirtin offenbar eher Siegfried als Bergfried im Hinterkopf hatten, erdet der Burgschauspieler von 70 Jahren das ständige Overacting mit minimalistischer Präzision. Wenn sein Grantler liebevoll mit dem Enkelsohn spielt, wird die Nähe des Bösen zur Normalität fast körperlich spürbar; wenn er die Welt in tonlosen Dreiwortsätzen wie „Gehst‘ noch weg?“ (zur Tochter) oder „die ist zu!“ (zur Tür) wissen lässt, dass sie ihn nicht mehr sonderlich interessiert, ist das TV-Theater von eindringlicher Größe.

Vielleicht kriegt er für dieses herausragende Talent, mit sehr sehr wenig sehr sehr viel zum Ausdruck zu bringen, bald ja auch wieder bessere Bücher. Muss ja nicht gleich eines von Maren Ade sein…


High Maintenance: Schöner kiffen bei Sky

high-maintenance-tease-876959-1_pro1-300Wartungsbedürftig

Wäre die US-Serie High Maintenance nicht von HBO, sondern der ARD, geriete die Story eines New Yorker Grasdealers gewiss pädagogisch, aber wohl weniger unterhaltsam. Auf Sky On Demand zeigt die Fortsetzung eines Web-Erfolgs ab heute die lustigen Seiten der Sucht, ohne sie lächerlich zu machen.

Von Jan Freitag

Wenn fremdsprachige Fiktion vor deutschem Publikum läuft, werden ihre Titel verblüffend vielfältig verunstaltet. Mal geht dabei die Logik flöten (Die Hard/Stirb langsam), mal der gute Geschmack (Glass Bottom Boat/Spion in Spitzenhöschen). Meist jedoch gehen dem Übersetzer aber schlicht die Pferde durch, wenn aus Stripes die Militärkomödie Ich glaub‘, mich knutscht ein Elch! wird. Schon deshalb ist zu begrüßen, dass der Titeltrend wieder zum Original geht. Andernfalls hieße Pulp Fiction womöglich „Schundliteratur“, Scrubs in etwa „Arztkittel“ und High Maintenance gar „Wartungsintensiv“. Und das würde dem neuen Stern am Fernsehhimmel nun wirklich nicht gerecht werden.

Heute geht er auf, hierzulande zunächst auf Englisch bei Sky On Demand und Go, ab Frühjahr dann zusätzlich in deutscher Fassung. Doch auch dann dürfte die hinreißende HBO-Serie über einen New Yorker Grasdealer so heißen, wie es schon seit vier Jahren die Online-Welt begeistert. Im Herbst 2012 hatte sich der rührige Filmemacher Ben Sinclair persönlich zum Antihelden seiner eigenen Sammlung abgeschlossener Episoden gemacht, in denen er durch die bezaubernden Backsteinfluchten von Brooklyn fährt, um Kunden aller Schichten, Couleur und Kreise mit jenem Stoff zu versorgen, den hierzulande eigentlich nur die bierseligsten Dampfplauderer der CSU noch für gefährlicher halten als Alkohol.

So gesehen ist es ein Segen, dass High Maintenance beim kosmopolitischen Bezahlsender statt in der provinziellen ARD läuft; andernfalls könnte der Bayerische Rundfunk die vermittelte Botschaft als willkommenen Anlass nehmen, sich mal wieder wie einst bei schwulen Küssen und Hildebrandts Attacken aus dem Gemeinschaftsprogramm zu klinken. Schließlich enthalten die sechs halbstündigen Fortsetzungen der 19 Netz-Folgen alles Mögliche: präzise Gesellschaftsanalysen, kluge Typbeschreibungen, seriöse Sozialkritik, versetzt mit bissigem Humor und stichhaltigen Dialogen, alles in allem also Fernsehunterhaltung auf hohem Niveau. Was jedoch in jeder halbstündigen Episoden fehlt, ist die branchenübliche Verarbeitung sämtlicher Klischees über Marihuana nebst seiner Nutznießer zum Zwecke der Warnung.

Es beginnt schon beim Ben Sinclair, der nicht nur Hauptfigur, sondern – gemeinsam mit seiner Ehefrau Katja Blichfeld – Autor, Regisseur, Produzent in Personalunion ist. Zum Auftakt betritt sein Händler illegaler Drogen die TV-Bühne bei einem Friseur, der den unprätentiösen Vollbartträger mit dem schütteren Haupthaar gleich mal in die Welt des Kleinbürger einweist: „Ich bin Barbier, kein Magier“, kommentiert er den Wunsch einer nicht coolen Frisur. Dann setzt er den uncoolen Helm auf die fliehende Stirn und radelt zum ersten Kunden: Einen muskelbepackten Tagedieb, der die Ware partout aus dem Kleingeldglas bezahlen will. So weit, so sterotyp.

Doch im Anschluss beliefert The Guy, wie er überall genannt wird, gesellige Bohemiens und schwule It-Boys, zielstrebige Manager und herzlose Trump-Fans, Künstler, Arbeiter, Freaks, also alles, was New York an Abnehmern der Alltagsdroge Marihuana bereithält. Und mittendrin ihr Alltagsdrogenversorger, der dem Aberwitz ringsum mit einer Mimik zwischen Skepsis, Routine, Empathie und Geschäftssinn begegnet. Der dem muslimischen Mädchen das gewünschte Gras verweigert und reiferen Klienten Ecstasy. Der ohnehin mehr Pädagoge ist als jener Todesengel, den artverwandte Fiktionen von Blow bis Breaking Bad gern konstruieren. Der andererseits über die Arglosigkeit einer dealenden Witwe hinausgeht, indem er die Abgründe realer Rauschsucht bei allem Spaß doch ernster nimmt als Weed.

Wörtlich übersetzt heißt High Maintenance eben „Pflegebedürftigkeit“. Und ihrer nimmt sich The Guy mit einem Stoff an, aus dem gewiss nicht nur Träume sind, der aber vergleichsweise harmlos für Weltfluchten sorgt, die ihm selber eher fremd sind. „Sie haben Drogen in unser Haus gebracht“, schnauzt der Vater des Mädchens seinen Nachbarn an, bei dem sie sich das Gras ersatzweise besorgt hat. „Das sind keine Drogen“, entgegnet der gut situierte Bestager von nebenan lachend, „das ist Gras“. Aus deutscher Herstellung käme hier ein aufklärender Dialog, bei HBO beginnt der Abspann.


The Get Down: HipHop & Fernsehen

07GETDOWNJP2-master675Der Schampus des Rap

Die ersten Folgen von The Get Down, Buz Luhrmanns grandioser Gegenwartskulturgeschichte am Beispiel der Frühphase des Rap in New York, sind online. Die bislang teuerste Eigenproduktion von Netflix verspricht zwar nicht die Quintessenz dramaturgischen Erzählens, aber ein Feuerwerk der Zeichen und Codes in fantastischer Kostümierung.

Von Jan Freitag

Es gibt im Pop eine Regel, die eher früher als später jedes Aufbegehren, jede Kreativität, jeden Eigensinn darin zugrunde richtet: Verzeichnet ein Musikstil samt Lebensgefühl im Underground messbaren Erfolg, zieht ihn der Mainstream zügig ans Tageslicht und macht daraus eine Massenkultur. Das ist Blues und Jazz einst ebenso widerfahren wie Rock’n’Roll, Techno, Metal, ja selbst Punk. Doch nichts und niemandem erging es nachhaltiger so als: HipHop.

Nachdem die subkulturelle Ausdrucksform des Sprechgesangs im heruntergekommenen New York der späten Siebziger entstanden war, dauerte es schließlich kaum zehn Jahre, bis daraus jenes Multimegamilliardengeschäft erwachsen ist, das den Musikmarkt heute dominiert wie vor ihm nicht mal der weltumspannende Zwischenkriegsswing. Umso erstaunlicher ist es da, dass sich bisher noch kein TV-Sender ernsthaft seriell mit Rap auseinandergesetzt hat. Und umso logischer, dass diese Leerstelle von einem Streamingdienst gefüllt wird.

Netflix nämlich hat am Freitag „The Get Down“ online gestellt, und es ist kein Zufall, dass ausgerechnet die Nemesis des linearen Fernsehens die strafende Göttin schwarzer Musik fiktionalisiert. In den ersten der sieben 60-minütigen Folgen veranschaulicht das bislang teuerste Projekt des Internetsenders, wie sich HipHop 1977 aus den Ruinen von Sinatras Big Apple zum lukrativsten Sound aller Zeiten erhob. Als R’n’B und Funk zuvor in die weiße Mittelschichtsdisco entführt wurde, holte sich das afroamerikanische Ghetto seinen Besitz nämlich zurück, riss ihn Fetzen, fegte sozialkritische Wortkaskaden darüber, dass Ronald Reagan vor Sorge die Nationalgarde gen Bronx beordern wollte – fertig war ein Genre, das wenig mehr kostete als zwei Plattenspieler und die Wut der Protagonisten.

In der Serie sind das zwei New Yorker, die dem Schicksal dunkelhäutiger Ghettokids jener Tage – kriminell oder arbeitslos zu werden – dadurch entkommen, dass sie bei Grandmaster Flash in die Lehre gehen. Für Außenstehende: Geboren als Joseph Sadler, hat der unverwüstliche Gottvater des real existierenden Rap seinerzeit fast sämtliche DJ-Techniken erfunden, die dem HipHop das klangliche Gerüst lieferten. In der Serie spielt ihn Mamoudou Athie zwar eher als tragende Nebenrolle, grundiert mit ihr aber eine Musikserie, die dank der politischen Bedeutung des „CNN der Schwarzen“, wie Rap oft genannt wird, weniger Musical als Historytainment ist.

Und dafür, die Musikalität trotzdem nicht nur hörens-, sondern auch sehenswert zu machen, sorgt Buz Luhrmann. Wie schon mit seinen Kinoblockbustern „The Great Gatsby“ oder „Moulin Rouge“, erzählt der Showrunner auch in seiner ersten TV-Serie nicht nur die Geschichte eines Genres, sondern stattet sie zu einem detailversessenen Kostümfest aus, dass der Flatscreen glatt zur alten Röhre wird und das New York von heute zum Moloch der Siebziger. Rund zehn Jahre hat Luhrmann dafür in sein Herzensprojekt gesteckt, Netflix mehr als 1,3 Millionen Dollar pro Folge aus der Nase gezogen und jede einzelne – so scheint es nach den ersten – ist es wert.

Denn beraten unter anderem von Grandmaster Flash selbst, begnügt sich der Zehnteiler, dessen drei finale Folgen noch ausstehen, nicht mit dem Abriss geschichtlicher Fakten in opulentem Outfit; er sprüht nur so vor Interesse am Sujet. Dass dabei dauernd gerappt wird, bis der Schweiß vom Bildschirm tropft, macht das Ganze abseits all der Hintergründe sogar leicht verdaulich. Was für ein Spaß. Im Spiegel stand zwar, wie so oft bei Buz Luhrmann gleiche er einer Flasche Schampus, die man kräftig geschüttelt zu vielen Ohs und Ahs öffnet, danach sei aber nur noch ein schaler Rest zum Trinken vorhanden. Ist was dran. Kleine Korrektur allerdings: Hier werden Hunderte Flaschen geschüttelt. Dass am Boden nur wenig übrig bleibt, ist da durchaus verschmerzbar.


Beat Bugs: Kinderspaß & The Beatles

imagesThe Beetles

Natürlich ist es auch ein zielgerichtetes Vermarktungskonzept, wenn fünf animierte Käfer ab heute auf Netflix zu 50 Beatles-Stücken die Welt erklären. Doch darüber hinaus sind die Beat Bugs zauberhafte Unterhaltung für Kinder und ihre Eltern.

Von Jan Freitag

Das ewig zappelnde, von Abermillionen Schnitten, Sprüngen, Twists zerhackte, vor Modernität ganz aufgeregte Fernsehen ist selbst im Zeitalter der Streamingdienste gelegentlich für Nostalgie gut. Wer eine Animationsserie auf Netflix anschaltet, in der fünf ziemlich menschliche Krabbelwesen ziemlich menschliche Dinge im ziemlich menschenleeren Hinterhof einer amerikanischen Kleinstadt erleben, dem drohte normalerweise ein heillos überdrehter Soundtrack mit Geigenterror, Grundraunen, Dauergebrüll und falls überhaupt mal echten Liedern, dann solchen zeitgenössischer Retortenstars. Was man darin eher weniger erwarten sollte, wären demnach: Die Beatles.

Die wer? dürfte die Zielgruppe der Beat Bugs da rufen. Das Quartett aus Liverpool mag ja auch gut 50 Jahre nach ihrem Karrierestart auf Hamburgs Reeperbahn weltweit die meisten Schallplatten in Umlauf gebracht haben; im Gedächtnis gewöhnlicher Kids vorm Eintritt ins Jugendalter ist sie in etwa so präsent wie, sagen wir: Hans Albers. Da ist es also nicht nur ausgesprochen nostalgisch, sondern geradezu abenteuerlich, ein Kinderformat ausgerechnet mit den Songs der Fab Four zu dekorieren. Einerseits. Andererseits erscheint dieser dramaturgische Kniff nicht nur besonders, sondern auch besonders klug.

Jay, Crick, Walter, Buzz und Kumi sind schließlich knuddelig kindgerechte Käfer – Englisch: Beetles – mit Kulleraugen, die nicht bloß das Publikum unter zwölf erreichen, sondern wenn möglich deren Eltern gleich mit. Und dafür eignet sich das Repertoire der vermutlich konsensfähigsten Band aller Zeiten natürlich bestens. Doch nicht nur das: Wenn das undefinierbare Kleingartenwesen Jay zum Auftakt der 26 Folgen in einer Dose gefangen ist und dringend Hilfe von seinen Freunden braucht, die über eine halbe Stunde hinweg so unterhaltsam wie anrührend zelebriert wird – womit ließe sich das akkurater vertonen als Lennon/McCartneys Überevergreen Help!?

Und wenn Stücke wie dieses dann noch durch populäre Stimmen verschiedener Jahrzehnte von Eddy Vedder, über Robbie Williams und Aloe Blacc bis Sia interpretiert werden, funktioniert das Konzept umso besser. P!ink zum Beispiel, auch sie längst generationenübergreifend als globaler Popstar anerkannt, spring der possierliche Buzz mit Lucy In The Sky With Diamonds zur Seite, als das Insekt Schlafstörungen hat und Unterstützung von einem Glühwürmchen mit Kaleidoskop-Augen namens, genau: Lucy braucht. Dass es im Original eigentlich um die Erfahrungen der Beatles mit psychoaktiven Substanzen geht, muss man den jungen Zuschauern ja nicht auf die Nase binden.

Ebenso wenig wie jene Marketingmaschine, die natürlich parallel zum heutigen Start längst läuft. Wer sich im Netz die ersten Teaser ansieht, kommt jedenfalls an der Werbekanonade eines Konzerns mit Apfel im Logo kaum vorbei, der den Soundtrack exklusiv vermarktet. Ob es für den australischen Show-Runner Josh Wakely wirklich so schwer war, wie er es vorab darstellte, an die Rechte der 50 Beatles-Songs zu kriegen, lassen wir daher mal dahingestellt; schließlich verdienen die Rechteinhaber bis heute an jedem Cover eifrig mit. Weniger zu bezweifeln ist hingegen Wakelys Aussage, es hätte von keiner anderen Band so ein reichhaltiges Angebot gegeben, „um meine Vision von Liebe erfüllter Moral für Kinder“ zu untermalen.

Und moralisch geht es natürlich zu, wenn die „Beat Bugs“ ihr vielschichtiges Leben im Hinterhof meistern. Aber eben auch ungeheuer charmant, meist lustig, sagenhaft unterhaltsam, selten so überdreht wie das sonstige Kinderangebot im kommerziellen Programm und mit diesem Soundtrack versehen, der endlich einmal nicht bloß nervt, sondern zum Mitsingen schön ist.


Quantico: Pro7-Terror & Kussmund

profile-ezone-teaser620x348Schön im Schutt

Die amerikanische Krimiserie Quantico (ab 27. Juli, 20.15 Uhr, Pro7) ist professionell produziert und überaus spannend, hat aber ein Problem: die Macher interessieren sich einen feuchten Kehricht für Inhalte, solange die makellos schöne Optik der Darsteller (Foto: ABC) stimmt.

Von Jan Freitag

Da liegt sie nun inmitten der Trümmer fern des Laufstegs, fern also auch von Makeup, Haarspray, Visagisten und doch strahlend schön wie frisch von Heidis Modelbootcamp: Priyanka Chopra. Sechs Jahre vorm fiktionalen Terroranschlag, der heute Abend auf ProSieben New Yorks ehrwürdige Grand Central Station in Schutt und Asche legt, wurde die indische Bollywood-Queen zur Miss World gekrönt. Jetzt entsteigt Chopras Hauptfigur der Verschwörungsactionthrillerkrimiserie Quantico nach einem Terroranschlag den qualmenden Überresten des zerstörten Bahnhofs und siehe da – die Frisur sitzt, der Lippenstift sowieso, Alex Parrish sieht super aus, auch wenn ringsum alles brennt.

Weil das so ungefähr die Quintessenz des amerikanischen Polizeiserienfernsehens insgesamt ist, prägt sie also auch diesen US-Export für ProSieben, Deutschlands wichtigstem Fernsehimporteur derartig hochglänzender Produkte: In Hollywood wird der Nachwuchs noch so robuster Berufe von Feuerwehr bis forensisches Institut nie nach Qualitäten wie geistiger und physischer Fitness rekrutiert, sondern zunächst mal rein optisch. Kein Wunder, dass es Chopra alias Parrish ins Ausbildungslager des FBI in Quantico gebracht hat; schließlich sehen alle Azubis aus, als hätten sie sich in der Tür zum Model-Casting geirrt.

Das ist in seiner hochglänzenden Berechenbarkeit nur noch lachhaft, aber bekanntlich ein zentrales Wirkprinzip international verkäuflicher Serien vor medizinischem, juristischem, polizeilichem Hintergrund. Dabei ist der auch in diesem Fall gar nicht unspannend: Auf dem Weg zur Bundespolizeischule trifft die (schöne) Alex den (schönen) Simon und vernascht ihn im Auto, bevor sich beide im Kreise (schöner) Mitschüler bei der Begrüßung durch die (schöne) Schulleiterin wiedertreffen. In Zwischeneinblendungen sitzt die schöne Alex jedoch nicht nur brav im Unterricht, sondern schön in der Scheiße, da sie den erwähnten Trümmern des Attentats unverletzt entsteigt und nicht nur deshalb verdächtigt wird, es selbst begangen zu haben. So beginnt ein beliebtes Thrillerspiel: Agentin auf der Flucht vor ihrerseits verdächtigen Kollegen, um in den elf Doppelfolgen der ersten Staffel die eigene Unschuld zu beweisen.

Dank üppiger Budgets ist das gewohnt professionell inszeniert, mit ansehnlichen Effekten versehen und voller Überraschungsmomente, die zwar gern unlogisch, aber – wie im Cliffhanger der Pilotfolge – vielfach überraschend sind. Wäre da nicht die fast schon obsessive Oberflächlichkeit. So integer es auch ist, dass Farbige hier Leitungsfunktionen übernehmen, Schwule offen schwul sein und eine Muslima mit Kopftuch dabei sein dürfen – jeder dramaturgische Twist verschwindet hinter der Optik selbstverliebter Makellosigkeit.

Stets ein Hemdknopf überm Dekolletee zu viel geöffnet, überzuckert dabei besonders die handwerklich limitierte Priyanka Chopra alles mit Schmollmund, der selbst in Schutt und Asche nie hautfarbig um Küsse bettelt. „Sie hatten keinen Kratzer, können also erst nach der Explosion an den Tatort gekommen sein“, wirft ihr ein Ermittler vor. Er kennt offenbar nicht die Präambel im Grundgesetz amerikanischer Polizeiserien: Kratzer haben nur die Bösen.


Aiman Abdallah: Unterhaltungsernst & Galileo

profile-ezone-teaser300x348Mit Spaß lernt sich’s besser

Mit frischen Hipster-Reportern wie Thilo Mischke und schwiegermüttertauglichen wie Stefan Gödde wagt sich ProSieben gerade erstmals in die Problemzonen der Welt. Den Weg vom spaß- zum erkenntnisdurstigen Plastikkanal hat aber ein anderer bereitet: Aiman Abdallah (Foto@Pro7), dessen Dauerbrenner Galileo nun volljährig ist. Ein Gespräch über Verantwortung im Infotainment, Politik bei den Privaten und Abdallahs Migrationshintergrund.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Abdallah, nach fast 4000 Sendungen plus Specials und Spin-Offs – gehen Galileo mit der Volljährigkeit irgendwann die Themen aus?
Aiman Abdallah: Dafür ist die Welt zu vielfältig und unsere Neugier zu groß, um alle Fragen je gestellt, geschweige denn beantwortet zu haben. Allerdings gehen wir ähnliche Fragestellungen im Laufe der Jahre immer wieder mit neuen Schwerpunkten und Techniken an.
Beschränkend könnte wirken, dass die Themen der Info- und Wissenschaftsformate von ProSieben besonders visuell sein müssen, also dramaturgisch gut aufzukochen?

Zu Beginn stand es tatsächlich im Vordergrund, was sich wie visualisieren lässt. Weil unsere Möglichkeiten da aber auch personell enorm gewachsen sind, gibt es kaum Themen, mit denen das nicht machbar ist. Aber es ist auf diesem Sendeplatz in der Tat wichtig, dass Information und Entertainment in einem guten Verhältnis stehen.

Und da gibt es keine Unwucht in Richtung Unterhaltung?

Es ist immer eine Gratwanderung, aber unterm Strich sollte Gleichgewicht herrschen – und der Erfolg zeigt, dass wir hier richtig liegen.

Auswahl und Aufbereitung vieler Themen erinnern an den Slogan eines Technikkaufhauses: Hauptsache ihr habt Spaß! Gibt es eine Schwelle der Verantwortung, die „Galileo“ mit seinen sorglosen Anleitungen zum Grillen, Rasen, Mann sein unterläuft?

Wir sind uns der Verantwortung sehr bewusst, recherchieren sauber, sorgen journalistisch für Mehrwert, also nicht nur Hauptsache Spaß. Aber ohne geht‘s um diese Urzeit eben auch nicht. Mit Spaß lernt sich‘s besser, sonst wird es schnell Schulunterricht. Mit Spaß kann man den Wissensdurst unser Zuschauer wecken; komplett stillen kann man ihn nicht.

Andererseits strahlt das Format eine Fortschrittsgläubigkeit aus, die angesichts von Umweltzerstörung und Ressourcenknappheit vielfach verstört.

Wir müssen und wollen am Puls der Zuschauer sein. Wenn es sie interessiert, wird ein Thema durchleuchtet; wir können ja nicht am Publikum vorbeisenden. Relevanz bedeutet für uns, nah an den Menschen, ihrem Leben, ihrem Alltag zu sein. Und dazu gehören natürlich auch Themen wie Umweltzerstörung bzw. Ressourcenknappheit – unter anderem während Green Seven 2016: Save the Water.

Politik scheint dennoch eine eher untergeordnete Rolle zu spielen oder?

Tagesaktuell nicht. Wir wollen schon erklären, wie TTIP oder Milchpreise zustande kommen. Und an einem Schwerpunkt zur Türkei oder der interaktiven Doku Du bist Kanzler kann man sehen, dass Politik für uns eine Rolle spielt.

Gilt das auch für politisch heikle Themen wie Flüchtlingskrise und Pegida?

Zu Beginn der Flüchtlingskrise hatten wir einen Reporter vor Ort, der die Wege der Flüchtlinge nachverfolgt hat. Und zur AfD haben wir das Parteiprogramm unter die Lupe genommen.

Zumal Alexander Gauland einen Deutschen mit ausländischen Wurzeln wie Sie nicht als Nachbar will.

(Lächelt süffisant) Wer einen Boateng nicht als Nachbar will, will auch keinen Abdallah, aber gottseidank denkt ein Großteil der Menschen da anders.

Spielt ihre Herkunft im Alltag nach so langer Zeit vor der Kamera noch eine Rolle?

Ich wünsche mir natürlich, dass sie keine spielt, und danach lebe ich auch. Schließlich sollte man Menschen nach ihrem Charakter und ihrer Persönlichkeit beurteilen, nicht nach Hautfarbe oder Religion.

Ist das Wunschdenken oder die Realität?

Es ist so real, dass ich manchmal überrascht bin, wenn mich jemand wie Sie jetzt auf meinen Migrationshintergrund anspricht. Das es in meinem Arbeitsumfeld und Freundeskreis keine Rolle spielt, ist jedenfalls kein Wunschdenken. Ich wünsche mir für noch viel mehr Menschen als mich, dass das auch in deren Alltag Realität wird.

Als Sie Ende der Neunziger Galileo moderiert haben, waren Moderatoren mit dem ominösen „Migrationshintergrund“ eine absolute Ausnahme. Wäre das auch bei einem anderen Sender als ProSieben gegangen?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Sender mich wegen des überzeugenden Castings, nicht meiner Biografie wegen genommen hat. Aber was Weltoffenheit und Toleranz betrifft, war ProSieben schon immer ein Vorreiter.

Andererseits wird ihm seit jeher ein gewisser Unernst vorgeworfen.

Wissen Sie, es gibt nichts Schöneres als die Begeisterungsfähigkeit der eigenen Kinder, dieses Funkeln in den Augen, auch bei Erwachsenen zu erzeugen. Wenn wir ein Stück dieser Sehnsucht nach Leichtigkeit stillen, sind wir einen großen Schritt weiter. Nennen Sie den Unernst doch einfach einen positiven Blick in die Welt.

Werfen Sie den als Zuschauer mit oder bevorzugen Sie privat Arte?

Ich sehe vieles überall, oft mit dem professionellen Auge. Und als Serienfan streame ich einiges im Netz, bin aber auch bei ProSieben sehr gut aufgehoben.

Wie lange werden Sie das denn als Moderator nach bald 20 Jahren noch sein?

Über „Galileo“ hinaus mache ich auch Formate wie Big Pictures am Samstagabend, das ist der Traum jedes Fernsehmoderators, die Königsdisziplin. Ich bin also sehr dankbar für all die Möglichkeiten, mich auszuprobieren. Da frage ich mich: „Wenn ich hier alles machen kann, was ich machen will, was soll ich dann woanders?“

Gab es je Anfragen von der Konkurrenz, womöglich gar der öffentlich-rechtlichen?

Das möchte ich nicht vertiefen, bin aber bei ProSieben in diesem Genre sehr glücklich. Als ich 1998 zum Sender kam, stand er für Serien und Blockbuster; ich durfte da ein völlig neues Gebiet aufbauen. Wenn Leute um die 30 auf mich zukommen und sagen, ich hätte sie ihr Leben lang begleitet, macht mich das unglaublich stolz.

Gab es in Ihrem Leben eine lineare Entwicklung hin zum Moderator von Wissensfernsehen auf ProSieben?

Ja, das hat aber nichts mit dem Chemie- oder Physikunterricht in der Schule zu tun, sondern mit einer gewissen Neugier, die auch alle anderen Mitarbeiter von Galileo haben müssen.

Wollten sie die mal mit einem Thema befriedigen, das vom Sender unerwünscht war?

Da fällt mir spontan nichts ein.


Meinung: Rassismus, Brexit & die AfD

It’s the racism, stupid!

Rechtspopulisten müsse man bekämpfen, nicht aber ihre Wähler – so geht das Mantra etablierter Parteien. Bullshit! Wer Rassisten wie die AfD wählt, ist selber einer. Über aggressive Fremdenfeindlichkeit als Antriebswelle reaktionärer Bewegungen, die Großbritannien gerade sehenden Auges in die Rezession treibt.

Von Jan Freitag

Parteiprogramme sind Nachtschattengewächse. Wie AGB und Beipackzettel durchaus von Relevanz für Wahlentscheidungen, führen sie ein Dasein im Halbdunkel politischer Aufmerksamkeit, selbst von der eigenen Klientel kaum gelesen. Warum auch: Schon das Kürzel der SPD signalisiert eine Gerechtigkeit, die der Wähler nicht groß nachblättern muss. Das Christliche der CDU steht stellvertretend für Tradition der Werte. Grüne wie Linke tragen das Wesen gar ausgeschrieben im Titel, während die Alternative für Deutschland ihren Rassismus bereits in der Präambel als…

Moment!

Dass die AfD rassistisch ist, findet sich auf 78 Seiten Parteiagenda ebenso wenig wie „Xenophobie“ oder für Fans leichter verständlich: „Ausländer raus!“ Was vermuten lässt, die vielfach schlechter gebildeten, sozial oft benachteiligten, kulturell abgehängten Wähler würden das Programm ihrer Wahl gar nicht kennen. Warum sonst sollten sie eine Partei wählen, die ihnen Mindestlohn und Kitaplätze nehmen, aber Wehrpflicht und Atomkraft zurückgeben will, die Gleichberechtigung ablehnt, Zwangsarbeit für Arbeitslose fordert und Wirtschaftskompetenz für überflüssig hält?

Eine Antwort gab das Frühjahr 2015. Die frisch gespaltene Wutbürgerinstanz nebst Sächsischer Sturmabteilung drohte im Wahl-Appendix „andere“ aufzugehen. Dann aber kamen die Flüchtlinge und als einige davon auf der Kölner Domplatte wüteten, wuchs die AfD und wuchs und wuchs auch ohne Parteiprogramm. Das gab es seinerzeit ja so wenig wie eine Agenda abseits vom Rassismus, der sich nur halbherzig als Anti-Islamismus tarnte.

Man muss die Ökonomie politischer Ideen also dringend von der Nachfrageseite her denken. Die Dreifaltigkeit der Demokratie rheinischer Prägung mag seit ihrer Zerfaserung in Weimarer Verhältnisse gebetsmühlenartig wiederholen, nicht Wähler von hart links bis härter rechts zu bekämpfen, sondern Gewählte. Tatsache aber ist, dass diese Gewählten zuletzt erst zu solchen wurden, wenn ihr nationalautoritärer Populismus rassistisch zugespitzt wurde.

Als Bernd Lucke den Weckruf 2015 schrieb, kratzte seine Expartei in spe an der Fünfprozenthürde. Manche Fraktion war zerstritten, ihr beflaggter Arm Pegida auf Pilotenstreikgröße verdorrt, die Alternative brauchte eine für sich selbst – und fand sie am Schlagbaum. Je mehr Fremde dort Einlass begehrten, desto mehr Fremdenfeinde wurden laut. Und nicht nur in Sachsen: Vor 13 Monaten wurde Polens moderater Präsident Komorowski trotz aller Stabilität durch Andrzej Duda ersetzt, dessen zusehends faschistoide PiS im Herbst auch den Sejm eroberte. Kurz darauf gewann der Front National Frankreichs Regionalwahlen, während Donald Trump die eigene Konkurrenz auf dem Weg ins Weiße Haus erst pulverisierte, als er Amerika gegen Terroristen und Vergewaltiger einzumauern drohte.

Parallel bescherte das Zerrbild vom blutsunrein gefluteten Inselreich der europafeindlichen Ukip einen Zulauf, dem nun das knappe Votum zum EU-Austritt folgte. Wäre die Türkei EU-Mitglied, hatte Justizminister Michael Gove im Vorfeld geraunt, würden sich „Millionen von Wanderarbeitern hier niederlassen, um unser großzügiges Sozialsystem auszunutzen“. Ein Sozialsystem übrigens, den der Austritt nun stärker gefährdet als jeder Geflohene, was Brexit-Fans ohne manifesten Rechtsextremismus im Gedankengut nun langsam für den Brexitexit entflammt. Für das Gros aber gilt: der Kernbestand sozialer Marktwirtschaft – innerer, äußerer, materieller und militärischer Frieden – wird von den USA über Deutschland bis Russland ethnischer Homogenität (Schweden oder Flamen findet selbst Nigel Farage nahe der eigenen Haustür akzeptabel) untergeordnet. Erstmals seit 1945 ist Abschottung in der parlamentarischen Demokratie selbst dann mehrheitsfähig, wenn sie Wohlstand und Sicherheit senkt.

Während Heinz-Christian Strache, Marie Le Pen oder Geeert Wilders die reaktionäre Hegemonie im Westen dabei noch legitimieren müssen, exekutiert die Rechte um Orban, Putin, Kaczyński ihr pannationales Herrenmenschentum im Osten längst per Ausschluss Andersartiger bis hin zu den Juden – wobei der Rassismus jener zwei Drittel Brexit-Wähler, die den Feminismus ablehnen, eben auf den Mann als Herrscher übers schwache Geschlecht übertragen wird. Das Dressing in diesem dialektischen Ideologiesalat aus verzagter Aggressivität und neoliberalem Protektionismus für kleine Männer mit großem Genom würzt die Propaganda mit: Angst. Angst davor, Fremde im eigenen Land zu sein. Angst vor Volksvernichtung durch Gutmenschen, Lügenpresse, Genderirrsinn. Angst vor Bedeutungsverlust des Patriarchats. Angst vor allem, was anders ist als das, was ist, wie es eben ist, nämlich die Herrschaft des eigenen Blutes über den eigenen Boden.

Umso wichtiger ist es für Parteien wie die AfD, ihren Rassismus nach innen zu hegen, nach außen aber zu chiffrieren. Angst ist was für Objekte, defensiv und abwehrend; ein Rassist agiert offensiv, Tendenz aggressiv, ist im Abwertungsdiskurs also das handelnde Subjekt, im politischen hingegen angreifbar. Um Angst vor Fremden als Steißgeburt eines völkischen Primats zu entlarven, reicht demnach ein Besuch digitaler Foren, in denen sich auch der nazistische Straßenköter Björn Höcke ungeniert als Rassist gefällt. Der Neojunker Alexander Gauland hingegen mag auf seinem inneren Rittergut Hauptschüler jeder Herkunft verachten; nach außen gibt er sich als väterlicher Hüter des Volkswillens.

Den Fremdenhass seiner Kunden (der mangels Vorbehalt gegen, sagen wir: Schweden eher kolonialistischer Art ist), bläst er zur kollektiven Furcht bloß auf, um sie mit Zucht und Ordnung, Hausfrauenehe und Testosteronkult, mit Härte gegen sich wie andere auf Dominanz zu drillen. Das ist populistisches Machtkalkül in Reinform, nur eines ist es selten: überzeugt xenophob. Dafür sind Frauke Petry, Boris Johnson, Norbert Hofer schlicht zu kultiviert. Anders als 15 bis 25 Prozent Wählern in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt, die das Gegenteil glauben (wollen). Weil ihnen die CDU zu human ist und die NPD zu krass, wählen sie eine Art vatikanisch-chinesische Möllemann-DVU und wähnen sich in der Mitte des Schweinesystems.

Dessen Altparteien brauchen also keinen Programmpunkt außer jenem, der verschlüsselt wird, konstruktiv anzugreifen. Die Siegesserie der AfD gepaart mit drei Anschlägen potenzieller Wähler auf Flüchtlingsunterkünfte pro Tag wird eindrücklich vom Leipziger Forschungsprojekt „Mitte in der Krise“ erklärt, das den Zuwachs rassistischer Einstellungen jenseits rechtsextremer Weltbilder belegt. It’s the racism, stupid – alles andere ist AfD-Wählern wie Brexit-Fans ohnehin meist egal. Und was dem Wähler egal ist, ist es auch den Gewählten.