Aus der Haut: Praunheim & der schwule Milan
Posted: March 8, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Coming-out-of-Age
So sehr sich die Gesellschaft auch liberalisiert: Noch bricht beim Coming-out für Jugendliche fast alles zusammen, was besteht. Stefan Wagner hat daraus seinen hinreißend subtilen und dennoch aufwühlenden ARD-Mittwochsfilm Aus der Haut gemacht, der das Umfeld weitaus mehr durchdrehen lässt als den Betroffenen (Foto@MDR/Michael Kotschi) Milan.
Von Jan Freitag
Rosa von Praunheim, das ist die Matrix seines Daseins, war menschlich und moralisch schon sehr früh sehr viel weiter als die (spieß)bürgerlich biedere Gesellschaft ringsum. Schon 1971 hat der schwule Regisseur dieses fortwährende Missverhältnis zwischen Sollen und Sein, das vernunftbegabte Wesen schier in den Wahnsinn treibt, in den legendär sperrigen Titel Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt gegossen. Kein Wunder, dass sein halbfiktionales Szeneporträt zwei Jahre, nachdem gleichgeschlechtlicher Sex unter Erwachsenen legalisiert worden war, heftig angefeindet (und vom BR natürlich zensiert) wurde. Ein Furor, der im Rückblick wirkt wie die letzten Abwehrgefechte gegen Sklaverei und Klassenwahlrecht, aber auch heute noch spürbar ist.
Fragen Sie mal Milan!
Bewusst normal Schultz mit Nachnamen, entdeckt der Teenager zu Beginn des ARD-Mittwochsfilms, dass er schwul ist, also irgendwie unnormal. Auch im Jahr 2016. Besonders unter Gleichaltrigen, die mit 17 noch mühsam an ihrer Identität feilen, aber auch eine Generation höher, die sich in Milans wohlhabend bildungsaffinen Kreisen gern modern und aufgeklärt gibt, bis, ja bis Modernität und Aufklärung mal in Konflikt mit Furcht und Vorurteil geraten. Dieser Milan also, hinreißend zerrissen dargestellt von Merlin Rose (Als wir träumten), versucht seinen Kumpel Christoph zu küssen, wird brüsk abgewiesen, befürchtet ein ferngesteuertes Outing, schreibt einen Abschiedsbrief, steigt besoffen in Papas Auto und fliegt kurz darauf in Zeitlupe kopfüber durch sein aufgeräumtes Großstadtviertel.
Wäre Aus der Haut zu diesem Zeitpunkt nicht 15 sondern 85 Minuten alt, es könnte das übliche Unhappyend derartiger Sozialdramen sein – Betroffenheit, Begräbnis, Schluss. Ist es aber nicht. Weshalb mit dem Erwachen im Krankenhaus, weinende Mutter (Angst um den Sohn) zur Linken, zeternder Vater (Angst um den Wagen) zur Rechten, Halskrause dazwischen ein Coming-of-Age-Film mit Coming-out folgt, das selten ist im hiesigen Fernsehen. Nach dem Drehbuch von Jan Braren, der schon im umjubelten Homevideo stimmige Empathie für Heranwachsende in Extremsituationen bewiesen hat, schafft es Regisseur Stefan Schaller wie im Porträt 5 Jahre Leben des deutschen Guantanomo-Häftlings Murat Kurnaz, das Kollabieren einer individuellen Existenz aus der Perspektive des Umfelds zu erzählen, ohne die Hauptfigur zum Objekt vermeintlich autonomer Subjekte zu degradieren, die ja selbst in den Sog der neuen Lage geraten.
Zum Niederknien verkörpert wird dieser milde Zivilisationsbruch besonders durch Claudia Michelsen und Johann von Bülow als Eltern, die alles richtig machen und gerade dabei so vieles falsch. Die bei Milans Homosexualitätsbekenntnis sofort Respekt zollen, Liebe bekunden, gar Schampus servieren – und mit ihrem Unbehagen doch nie hinterm Berg halten können, auch wenn es nicht mehr die Praunheimsche Perversion mit offener Verachtung ist, sondern subtiler daherkommt: Kleine Gesten, falsches Lächeln, unkontrollierte Aggression.
Und erst das Umfeld: Offen schwulenfeindliche Mitschüler hier, latent homophobe Eltern dort, dazwischen Milans bedauernswerte Freundin Larissa (Nicole Mercedes Müller) als bedauernswertes Feigenblatt der Heteronormalität. Sie alle sind mal mehr, mal weniger bemüht, liberal und cool zu wirken, wollen am Ende aber doch lieber nicht mit dem ansteckenden Milan auf engstem Raum sein. So hält Stefan Schaller dem Publikum einen Spiegel vor, der meist kaum zu bemerken ist und damit nur umso genauer reflektiert, womit selbst aufgeklärte Gemeinwesen kämpfen, wenn die gemütliche Regelexistenz ins Wanken gerät. Und mittendrin Milan, den Kameramann Michael Kotschi zwar ein bisschen penetrant über diverse Fensterscheiben ins Bild setzt, dem Gesamteindruck damit aber keinen Schaden zufügt. Im Gegenteil: Seit Angelina Maccarones Kommt Mausi raus?! ist Aus der Haut vielleicht das Glaubhafteste und Beste, was in 20 Jahren zum Thema gemacht wurde.
David Kross: Hollywood & Bargteheide
Posted: February 24, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Spielberg? Cool!
So ganz kann es David Kross (Foto: SWR/Brackmann) noch immer nicht glauben, dass er zu den wenigen deutschen Schauspielern zählt, die in den USA mehr als Nazis spielen dürfen. Doch seit der Junge aus Bargteheide bei Hamburg in Detlef Bucks Knallhart ein Bürgerskind im Ghetto gespielt hat, ging es für ihn flugs bis nach Hollywood. Acht Jahre nach Der Vorleser kehrt er als Assistent des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (Ulrich Noethen) im Kampf mit NS-Seilschaften der Nachkriegszeit zurück ins deutsche Fernsehen (heute, 20,15 Uhr). Ein Gespräch über seinen kometenhaften Aufstieg, den General Fritz Bauer und was der Film gegen sein Image als Mr. Nice Guy ausrichten kann.
Interview: Jan Freitag
David Kross, Sie sind tatsächlich erst Mitte 20, stammen aus dem kleinen Bargteheide bei Hamburg.
David Kross: Was man dort höchstens als Autobahnkreuz kennt.
Und sind dennoch einer der international profiliertesten deutschen Schauspieler.
Ach, profiliertesten; sagen wir mal so: Ich arbeite noch (lacht).
Für herausragende Regisseure in wichtigen Produktionen. Wie geht man als Provinzkind Ihres Alters mit diesem Erfolg um?
Instinktiv und spontan. Mein ganzer Werdegang ist mir ja eher passiert, als geplant gewesen zu sein – auch wenn man natürlich nie nur passives Objekt seiner Umstände ist. Nach ein paar kleinen Kindersachen die erste große Rolle gleich mit Detlef Buck zu spielen…
2006 in „Knallhart“, als bürgerliches Kind im rauen Neukölln.
… das war natürlich auch Glück, dessen bin ich mir stets bewusst. Zumal ich damals noch gar kein richtiger Schauspieler war. Einmal die Woche zur Theaterprobe war ja eher wie Fußballtraining; da fühlt man sich in dem Alter doch auch noch nicht wie ein Profi…
Der wurden Sie allerdings seit „Knallhart“ in Windeseile. Kann man sich das als Perpetuum Mobile vorstellen, das einmal in Gang gebracht endlos aufwärts schwingt?
Auf keinen Fall. Gerade am Anfang schwebt man nicht dauernd in einer Wolke der Inspiration toller Regisseure. Die Tatsache, dass mir meine Karriere anfangs eher widerfahren ist, hat zwar eine gewisse Lockerheit gebracht; aber ohne klassische Ausbildung kommt man nur mit Ausdauer, Arbeit, Routine, ein paar Tricks und ständiger Fortbildung weiter. Anders geht es weder schauspielerisch noch stimmlich weiter. Ich war mir meiner Grenzen immer bewusst.
Mussten die besonders solide sein, um als deutscher Teenager mit Welterfolg nicht abzuheben?
Um abzuheben, stelle ich mich selber viel zu oft – manchmal fast ein bisschen viel – infrage; dafür bin ich gar nicht der Typ. Zum anderen ging es nie nur aufwärts; auch ich musste mich mal von Casting zu Casting durchschlagen. Die Realität hat mich am Abheben gehindert.
Wird man nicht wählerisch, wenn gleich am Anfang Hollywood im Portfolio steht?
Vielleicht insofern, als ich noch kein einziges Projekt hatte, für das mir die Motivation gefehlt hätte. Ohne die geht es bei mir nicht; schließlich ist Drehen echte Arbeit.
Zumal Sie oft mehrsprachig drehen, neben Deutsch auch Englisch und Französisch.
Aber nicht, weil ich so ein Sprachtalent hätte, sondern ganz gut Texte lernen und die Aussprache nachahmen kann. Deshalb sind auf dem Filmfest in Cannes viele Franzosen auf mich zugekommen und haben einfach drauflos geplappert, weil sie dachten, ich könne so gut Französisch wie in „Angélique“. Das geht Ulrich Noethen jetzt wohl in Dänemark ähnlich.
Weil er als Titelfigur Fritz Bauer in „Der General“ ein dänisches Interview gibt.
Aber auch kein Wort Dänisch spricht. Zu merken ist das nicht.
Kannten Sie diesen Staatsanwalt im Kampf mit alten Nazi-Seilschaften vorher?
Ja, „Der Vorleser“ handelte ja auch im weitesten Sinne von den Auschwitz-Prozessen, wofür ich mich damals im Jüdischen Museum vorbereitete hatte und auch ein dickes Buch über Fritz Bauer in den Händen hatte. Dennoch bin ich ihm erst jetzt wirklich nahe gekommen; das war ja nicht wirklich meine Zeit.
Und wird es von immer weniger Menschen, je länger sie zurückliegt. Was hat sie heutzutage für eine Relevanz?
Eine große. Der Kampf gegen die Geister der Vergangenheit ist nostalgisch und zugleich aktuell. Mein Opa fand Adenauer toll und hatte vor allem Angst vor Kommunisten. Für den ist es noch heute wichtig und richtig, einen Film zu sehen, der zeigt, wo die Gefahr damals wirklich lag. Und für Spätgeborene wie mich ist es faszinierend, wie dieser Fritz Bauer gegen alle Widerstände durchzieht, wovon er aus tiefster Seele überzeugt ist, selbst wenn es ihn einsam macht. Das hat viele an Whistleblower wie Edward Snowden erinnert und mich schon deshalb so bewegt, weil ich daraufhin in mir selber gesucht, aber nichts gefunden habe, wofür ich mit dieser Konsequenz so komplett einstehen könnte.
Machen Sie Filme, um damit bei sich und anderen etwas zu bewirken?
Zunächst mal gucke ich, ob er mich emotional berührt. Und wenn ich mich daraufhin selbst hinterfrage, kann das durchaus aufs Publikum abstrahlen. Unabhängig davon, dass „Der General“ ein spannender Politthriller ist, zeigt er eben eine Figur, die keinesfalls in Vergessenheit geraten sollte. Was man aber nur in Kontrast zu meiner Figur wirklich versteht, dem vermeintlich mutigen Staatsanwalt an Fritz Bauers Seite, der das Opfer seiner eigenen Ängste vor Kommunisten, Krieg, Unordnung wird.
Also endlich mal nicht so nett ist wie die meisten ihrer sonstigen Figuren.
Ganz genau! Außerdem ist sei ein bisschen älter. Beides eröffnet mir viel bessere Spielmöglichkeiten als Mr. Nice Guy…
Kann man so eine Hauptrolle mit einer Nebenrolle in Steven Spielbergs „Die Gefährten“ vergleicht?
Schwer. Schauspielerisch ist „Der Generell“ natürlich anspruchsvoller und erwachsener. Aber wenn Spielberg anruft, sagt man nicht nein. Ich hab zwei Monate Reitunterricht von den besten Lehrern für fünf Sekunden auf dem Pferd gekriegt; das sind einfach andere Dimensionen der Professionalität als bei uns. Dafür muss der Regisseur noch nicht mal Spielberg heißen. Aber wenn er es ist, sagt man als Deutscher dennoch: Spielberg? Cool!
Das scheint Spielberg ja auch von Kross zu denken, sonst hätte er jemand anderen fragen können. Empfinden Sie sich eigentlich als berühmt?
Phasenweise schon. Aber in Berlin kann ich unerkannt durch die Straßen laufen, und wenn mal einer was sagt, dann eher so beiläufig beim Bäcker, wie gut er den letzten Film fand.
Und wie ist es daheim in Bargteheide oder sind Sie da gar nicht mehr?
Doch, doch. Obwohl meine Eltern mich Weihnachten erstmals in Berlin besucht haben, wofür ich sogar einen Baum gekauft hab, bin ich öfter mal zuhause, sind ja nur eineinhalb Stunden mit dem ICE. Und da bin ich dann nicht der Spielberg-Kross, sondern David von früher.
Noch keine Straße nach Ihnen benannt?
Nee, das wird auch nicht kommen (lacht). Da gibt’s vermutlich ein paar berühmtere als mich, die vor mir dran sind.
Na ja – eine Sozialistin namens Zietz, Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Fegebank und der Fußballer Matti Steinmann.
Oh, wo spielt der denn?
HSV.
Na, vielleicht wird der ja bekannter als ich.
Akte X: Verschwörungen & Monster der Woche
Posted: February 10, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Conspiracy Sells
Am Montag öffnen Fox Mulder und Dana Scully (Foto@Fox) nach 14 Jahren wieder für sechs Folgen die Akte X. Schockierender und schlechter synchronisiert als von 1993 bis 2002, aber ebenso verschwörungstheoretisch – nur dass gut und böse die Seiten tauschen, was auch an den kommenden fünf Montagen um 21.10 Uhr ein bisschen nach Tea Party klingt.
Von Jan Freitag
Fernsehserien sind häufig Kinder ihrer Zeit. Twilight Zone oder Star Trek, Dallas oder Diese Drombuschs – vom bürgerlichen Werteverfall über den Weltraumboom bis zu Thatcherism & Reaganomics verarbeiten sie die Gesellschaft ringsum so unterhaltsam, als wären es Glossars ihrer Ära. Auch Akte X war so ein Epochen-Produkt. Als die Mauer fiel, fehlte Hollywood ein klar definierter Feind. Die Russen standen vorm Exitus, die Chinesen erst in den Startlöchern, die Islamisten auf Washingtons Gehaltliste und selbst deutsche Nazis allenfalls als Komparsen am Set herum. Die Traumfabrik brauchte Ersatz. Da bot sich etwas verschwörungstheoretisch Verwertbares an: Aliens. Unbegreiflich, amorph, furchterregend und frei gestaltbar taugten sie perfekt für die unterversorgte Paranoia der diffusen Gegenwart anno 1993.
Neun Jahre später endete der globale Straßenfeger nach 202 Folgen, wenngleich weniger mangels Erfolg als mangels Bedarf. Seit 9/11 hatte sich die Stimmung am Standort USA radikal gewandelt. Verschwörungen richteten sich nun nicht mehr wie neun Staffeln lang insinuiert von übersinnlicher Seite gegen den Staat, sondern vom eigenen Staat gegen alle, Bevölkerung inklusive. Das ganze Ausmaß der realen X Files wurde zwar erst im NSA-Skandal bekannt. Doch bald nach dem Sturz der Twin Towers waren Außerirdische nicht mehr zwingend extraterrestrischen Ursprungs. Fast schien es, als sei die FBI-Abteilung für mysteriöse Fälle nahtlos in der CIA aufgegangen. Fox Mulder und Dana Scully waren arbeitslos.
Bis heute. Um 21.10 Uhr treten sie auf ihrem Hauskanal Pro7 abermals in Erscheinung und haben gleich selber eine: Aliens sind mal wieder auf der Erde gelandet, Auftrag rätselhaft, Verbleib ebenfalls, Alarmstufe Rot. Alles wie in nahezu jeder vorherigen Episode und zwei Kinofilmen zuvor also? Nein, denn 2016 werden die special agents nicht staatlicherseits aus der Versenkung geholt, sondern vom TV-Moderator Dan O’Malley (Joel McHale), ein reaktionärer Hardliner im Stile des Fox-News-Demagogen Glen Beck, der 24 Stunden lang wirres, aber wirkmächtiges Komplottgefasel verkauft. Diesmal: Vor 60 Jahren hat Washington die Landung eines UFO verschwiegen, um daraus heimlich Massenvernichtungswaffen für die Weltherrschaft zu basteln. Sein wichtigster Beweis ist eine Frau, die angeblich als Gebärmaschine eingepflanzter Alien-Föten missbraucht wurde.
Anders als früher, wo die „Monster der Woche“ – das es natürlich auch wieder geben wird – allenfalls lose zu einer episodenübergreifenden Invasionsgefahr im Land der Freiheit verknüpft waren, geht es damit um ein und denselben Feind, der zudem die Seiten gewechselt hat. Konsumgesellschaft, Klimawandel, Werteverfall, Sicherheitswahn, Überwachungsstaat – alles gerät im anschwellenden Hirngespinst des Fernsehpopulisten zum Teil einer groß angelegten Regierungsintrige. Das ist gewissermaßen Science Fiction für die Tea Party, produziert von deren Propagandakanal Fox, mit dem einst eher linksliberal staatsgläubigen Verschwörungstheoretiker Mulder vorneweg, der sich nach vielen Jahren Sendepause an der Seite seiner rationalen, also irgendwie auch eher demokratisch gesinnten Partnerin Scully erneut ins Getümmel konkreter Bedrohung und wirrer Mutmaßungen stürzt. Nur diesmal eben irgendwie von Rechtsaußen in die Mitte grätschend.
Während ihre Dramaturgie eher konservativ wirkt, ist die Miniserie ästhetisch hingegen recht progressiv. Von der VFX-Technik, die das Raumschiff der Aliens landen oder verschwinden lässt, konnte Showrunner Chris Carter selbst zum Ende der alten Serie hin höchstens träumen. Hauptdarstellerin Gillian Anderson, Mitte der Neunziger ein Rolemodel seriöser Attraktivität, hat durch ein paar Jahre nachträglicher Reifung ihre Maskenhaftigkeit verloren. Und Kollege David Duchovny ist seit seiner zweiten Luft als hinreißender Filou in „Californication“ noch reizender geworden. Umso weniger kann man sich gelegentlich ein Fremdeln mit dem Sequel verkneifen.
Zu aufdringlich ist die Musik, deren dräuender Sound anders als im angenehm reduzierten Original nicht eine Sekunde aussetzt. Zu effekthaschend ist auch die Ausstattung, deren Schockmomente allzu bemüht mit dem zeitgenössischen Horror-Porn des Mainstreams konkurrieren. Zu anstrengend ist vor allem Mulders neue Synchronstimme Sven Gerhardt, die nach dem (geldbedingten) Abgang des angenehm rauchigen Benjamin Völz nun schwer nach Rasierwasserwerbung klingt. Das dürfte hart gesottene Fans, die ihre Vorfreude seit langem lautstark ins Netz zwitschern, allerdings nicht abschrecken. Ihre Sehnsucht nach Scully und Mulder wird ja nebenbei auch noch mit anderem Urgestein wie Chief Skinner (Mitch Pileggi) oder dem sinistren „Raucher“ (William P. Davis) befriedigt, dessen furioser Auftritt im heutigen Cliffhanger alle alten Ängste hervorholt.
„Conspiracy sells“, sagt der sorgsam verlotterte Fox Mulder zum Verschwörungsdealer O’Malley, bevor er im zweiten Teil wieder Anzug trägt. Damit kommentiert er irgendwie auch ein bisschen die Serie selbst. War sie vor 22 Jahren diesbezüglich ein Vorreiter des Mystery-Genres, reitet sie dessen Welle jetzt eher aus, als ihm Innovationen hinzuzufügen. In den USA haben dabei zu Beginn dennoch 16 Millionen Menschen zugesehen. Das mag dem NFL-Halbfinale zuvor geschuldet gewesen sein. Ohne Zweifel hatte es aber auch mit dem Mythos einer Legende zu tun, an der weder Rasierwassertimbre noch neue Verschwörungstheorien je was ändern können.
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Jerry Lewis: Eric Friedler & Der Clown
Posted: February 3, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Die Tragik der Komik
Auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Glanzzeit kennt die Welt Jerry Lewis nur als Spaßvogel. Dieses Klischee wollte er 1972 mit einer Tragikomödie bekämpfen. Vergebens. In seiner Doku Der Clown geht Eric Friedler (rechts, mit Jerry Lewis; Foto@NDR) diesem verschollenen Film nach – und dem Phänomen Jerry Lewis auf den Grund.
Von Jan Freitag
Schauspieler genießen ein außergewöhnliches Privileg: Bei der Arbeit schlüpfen sie auf Abruf in völlig fremde Menschen und simulieren deren Persönlichkeit, ja deren ganze Existenz, als sei es die eigene. Danach aber, ein noch viel größeres Privileg, schlüpfen sie wieder raus aus dieser Jacke namens Rolle. Applaus, Vorhang, ab in die Maske, zurück auf Alltag, einfach so. So einfach?
Fiel es Jerry Lewis nie.
Für Spätgeborene: Jerry Lewis ist der beliebteste Komiker seiner Epoche. Geboren auf Amerikas Stand-up-Bühnen, prägte er das technicolorbunte Komödienkino der Nachkriegszeit mit zeitgemäßem Slapstick wie Charly Chaplin das schwarzweiße der Jahre zuvor. Er ähnelte dem Stummfilmstar allerdings noch in einem anderen Punkt fatal: So befreiend Jerry Lewis‘ Humor auf das Publikum einer konventionsstarren, stockkonservativen, zutiefst verklemmten Gesellschaft wirkte, nahm er doch gleichsam deren Befreier gefangen. Denn niemals durfte der Clown aus New Jersey anders sein als lustig, selbst dann nicht, wenn gar keine Kameras liefen. Zwischen all den Bürotrotteln, Heulbojen und Aschenblödeln seiner Welterfolge blieb ihm jeder Anflug von Ernst so nachhaltig verwehrt, dass er ihn irgendwann auf eigene Faust in Angriff nahm – und nur noch umfassender scheiterte.
Als Darsteller, Regisseur, Autor, Produzent und Mensch – so schildert es der ewige Komödiant in einem Film von so hinreißend tragischer Schönheit, dass man zögert, worüber es als erstes zu staunen gilt: die melodramatische Atmosphäre, zu der ein Film mit Jerry Lewis in der Hauptrolle offenbar fähig ist. Oder die Tatsache, dass dieses Fossil einer nostalgischen Leinwand-Ära überhaupt noch lebt. Für beide Aha-Erlebnisse ist jemand zuständig, der die Abseiten des Lebens seit Jahren mit so unterhaltsamer Wissbegier bereist, dass er längst selbst zum Subjekt einer Dokumentation taugt: Eric Friedler.
Wie schon im Fall des gefallenen Boxers Charly Graf, der ermordeten Studentin Elisabeth K. oder zuletzt vom israelischen Freiheits-DJ Abie Nathan beweist der preisüberhäufte NDR-Autor erneut sein grandioses Gespür für Themen am Rande des Mainstreams. Jerry Lewis porträtiert er daher nicht stumpf zum 90. Geburtstag im März, Friedler erklärt den körperlich gebrechlichen, aber geistig hellwachen Jubilar anhand seines künstlerischen Vermächtnisses, eine Art filmischer Nemesis: The Day The Clown Cried.
Mit diesem Drama wollte Lewis 1972 einem Schubfach entfliehen, in das die Branche seinerzeit nichts sicherer verwahrte als ihn. Seit jeher war Hollywoods Hofnarr auf Frohsinn gebucht, bis er unter eigener Regie einen Zirkusclown spielte, den die Nazis wegen eines falschen Witzes ins KZ stecken, wo er totgeweihte Kinder fröhlich ins Gas geleitet. Zu einer Zeit, als selbst am liberalen Drehort Schweden niemand öffentlich über Auschwitz sprach, war das ein unerhörtes Stück Vergangenheitsbewältigung. Für den Schauspielersohn Joseph Levitch aus New Jersey hingegen war es noch viel mehr. Unterm weltbekannten Künstlernamen saß er ja selbst im Kerker: dem seines eigenen Berufes, weltweit geliebt, weithin unterschätzt, zusehends erfolglos.
Seine Tragikomödie war da als Ausbruch geplant, ein ernster, nicht humorloser, aber durchweg sachlicher Befreiungsschlag. Nur – ob er gelungen wäre, bleibt bis heute ungeklärt. Der Film kam nie ins Kino und wurde somit zu dem, was der beteiligte Oscar-Gewinner Pierre Étaix „eines der größten Geheimnisse der Filmgeschichte“ nennt. Genau dem geht Eric Friedler nahezu zwei Stunden, die an keiner Stelle langweilig geraten, nach. Es ist ein Krimi ohne Mord, Ursachenforschung als Who-dunnit und dramaturgisch schlichtweg brillant. Der investigative Autorenfilmer aus Hamburg bringt schließlich nicht nur Jerry Lewis nach 44 Jahren erstmals über die größte Niederlage seiner siegreichen Karriere zum Reden, die ihn einst tief in die Depression getrieben hatte; Friedler stöberte auch nie gezeigte Szenen von 1972 auf, die er nun von sechs überlebenden Darstellern am schwedischen Set in Bühnensituationen ergänzen lässt.
Dieses fließende Wechselspiel zwischen Film und Theater, Original und Fälschung, Protagonisten und Beobachtern, gestern und heute ist schon jetzt ein Pflichtkandidat für den Grimme-Preis 2017. Und ganz nebenbei ist es eine Therapie für den Verantwortlichen dieses Mysteriums. „Es gibt keinen Tag in meinem Leben“, sagt der amerikanische Superstar zum deutschen Dokumentaristen, „an dem ich nicht an diesen Film denke“. Dann zeigt er dieses bildschirmfüllende, steinerweichende, von Herzen fidele Jerry-Lewis-Gesicht, das andere froh und ihn so traurig gemacht hat und deutet damit etwas Erstaunliches an: Vielleicht hat er jetzt ja Ruhe. Friedler sei Dank.
Beate Zschäpe: Wirklichkeit & Reduktion
Posted: January 27, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentKammerspiel im Konvoi
Der fabelhafte ZDF-Film Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe (Foto: Kartelmeyer/ZDF) kommt einem umfassenden ARD-Dreiteiler zum NSU-Terror zuvor und zeigt (noch eine Woche in der Mediathek) eindrücklich: In der Reduktion liegt oft viel mehr Kraft als in angestrengter Unterhaltsamkeit.
Von Jan Freitag
Die Realität ist bisweilen ganz schön wankelmütig. Kaum hat man sich daran gewöhnt, wirft die Zukunft sie übern Haufen. Was gestern richtig war, wird oft heute schon wieder zum Irrtum, der morgen abermals wahr werden könnte, wer weiß. Ein echtes Windei, diese Wirklichkeit. Das denken sich wohl auch die Verantwortlichen eines Films, der in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist: inhaltlich, zeitlich, namentlich vor allem. Als das ZDF sein Dokudrama Das Schweigen der Beate Zschäpe vorstellte, begann ja die Angeklagte des NSU-Prozesses nämlich grad unverhofft (wenn auch schriftlich) zu reden. Ein neuer Titel musste her, beredtes Ende inklusive. Es ist ein Kreuz, mit der Realität.
Besonders, wenn man sie so nutzt wie Raymond Ley. Der Regisseur dreht mit Vorliebe Hybride, die dann oft zum Besten der manipulationsanfälligen Grauzone zwischen Fiktion und Sachfilm zählen. Das Zugunglück in Eschede, Eichmanns Ende, zuletzt die letzten Tage von Anne Frank – wann immer er sich spielerisch Zeitgeschichte nähert, wird sie unterhaltsam erlebbar. Nun gelingt ihm ein ähnliches Kunststück, das die Handlung im aktualisierten Titel trägt: Letze Ausfahrt Gera. Acht Stunden mit Beate Zschäpe, leicht sperrig, aber journalistisch präzise.
Leys Drehbuch, geschrieben wie so oft gemeinsam mit seiner Frau Hannah, basiert vorwiegend auf einer realen Dienstfahrt. Als Beate Zschäpe ein paar Monate nach Prozessbeginn ihre kranke Oma in Thüringen besuchen durfte, setzte ihr das BKA nämlich zwei Verhörprofis ins Auto. Auf Hin- und Rückfahrt sollten sie dem verstockten Untersuchungshäftling zweimal vier Stunden lang Informationen übers Leben vor der Festnahme entlocken. Eine Terrorverdächtige, zwei Polizisten, zwölf Seiten Gedächtnisprotokoll, dessen Ergebnisse vor Gericht unverwertbar sind – klingt nicht unbedingt nach prickelndem Hauptabendentertainment. Dass es die Zuschauer trotzdem bis zum Schluss fesseln dürfte, hat drei Gründe: Raymund Ley, Lisa Wagner, Joachim Król.
Der Filmemacher montiert das heimliche Verhör im Hochsicherheitskonvoi mit Rückblenden, Archivmaterial, Zeugenaussagen und Prozesssequenzen zu einem furiosen Kammerspiel, das die Psyche der Protagonisten mit meist simplen Mitteln offenlegt. Dafür sorgt schon Lisa Wagner, deren Hauptfigur gespenstisch glaubhaft zwischen kalkulierter Arroganz und emotionaler Durchlässigkeit agiert, wofür sie oft nur ein Zucken im Tränensack benötigt. Was wiederum Joachim Król als schnauzbärtig behäbiger Bulle provoziert, der wie das Original anderen Namens falsche Fraternisierung perfekt mit westfälischer Bodenhaftung kombiniert und sein Gegenüber so ein ums andere Mal aus der Reserve lockt.
Ihr Zusammenspiel wirkt dabei, als verlören sich die Darsteller vollends in den Rollen. Als sei Wagner wirklich diese Zschäpe, deren Fassade mit jeder Gesprächssimulation stärker reißt, ohne einzustürzen. Als sei Król tatsächlich dieses unscheinbar effiziente BKA-Fossil, das auch „Conférencier aufm Rheindampfer“ sein könnte, wie es die Gerichtsreporterin vom Spiegel im Dokuteil ehrfürchtig ausdrückt. „Ham’se die Haare anders?“, fragt er einmal freundlich. „Ich werd‘ nur von der Chefin geschnitten“, entgegnet Zschäpe fühlbar stolz. Viel mehr bedarf es kaum, um einerseits die zweckgebundene Intimität zweier Antipoden in Worte zu fassen und anderseits Psychogramme von großer Aussagekraft zu erstellen. Ereignisrückblenden und Gerichtssequenzen, etwas nachgestellter Nazi-Thrill mit Runen-Tattoo und echte Hinterbliebeneninterviews ergänzen die Wucht solcher Dialoge da eher dramaturgisch, als Kern der Handlung zu sein. Den nämlich bilden überwiegend Worte statt Bilder.
Kommunikation unter kommunikationsfeindlichen Bedingungen ist demnach vermutlich auch der große Unterschied zum anstehenden Konkurrenzprodukt. Ab März befriedigt der ARD-Dreiteiler Terror in Deutschland den wachsenden Bedarf nach Zeitgeschichte in Echtzeit, wie es unlängst auch zwei Filme zur Haft von Uli Hoeneß taten, die noch vor seiner Entlassung liefen. Mit Anna Maria Mühe als Beate Zschäpe beschränkt sich das Erste dabei weniger auf einen Ausschnitt, sondern erzählt die ganze Story umfassend aus Opfer-, Täter-, Polizeiperspektive. Dem Publikumsinteresse nach lückenloser Aufklärung mit dramaturgisch aufwändigen Mitteln könnte das angesichts der kaum zweieinhalb Millionen Zuschauer, die sich gestern um 20.15 Uhr zur ARD verirrten, zwar um einiges näher kommen. Intensiver, näher, glaubhafter als das Kammerspiel im Konvoi kann es – auch wenn es die taz in ihrem anstrengenden Bedürfnis, jede Art von bürgerlicher Kommentierung rechten Terrors zu kritisieren, anders sieht – kaum werden.
Um Himmels Willen: Wepper & Hartwig
Posted: January 20, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Wutschauspieler
Ein Interview mit Janina Hartwig und Fritz Wepper zum gestrigen Start der 15. Staffel Um Himmels Willen (dienstags, 20.15 Uhr, ARD; Foto: Barbara Bauriedl/ARD) zeigt, wie dünn die Haut der Hauptdarsteller von Deutschlands derzeit erfolgreichster Fernsehserie angesichts der dauernden Kritik ist. Mit flüchtigen Folgen…
Von Jan Freitag
Man kann es sehen, man kann’s auch lassen, nur eines kann man kaum: es ignorieren. Auch als das harmlos-heitere Klostereinerlei Um Himmels Willen gestern in die 15. Staffel gingt, erhitzte Deutschlands erfolgreichstes Serie seit vordualer Zeit wieder die Gemüter. Wahre Fans, zuletzt mehr als sechs Millionen, eher angenehm. Genervte Verächter eher schmerzhaft. Grund genug, Fritz Wepper und Janina Hartwig zu fragen, wie es so ist – bloß geliebt oder gehasst zu werden für Hauptrollen in der heilen Welt vom Kloster Kaltenbach, die jedes Problem im Seifenfinale weglächelt.
Wepper: So heil ist die Welt darin gar nicht. Deshalb muss ich Ihnen unterstellen, zu wenig davon gesehen zu haben; wie kämen Sie sonst auf diese Behauptung.
freitagsmedien: Aber wie fühlt es sich für Sie als Schauspieler an, Teil einer so erfolgreichen Serie zu sein, die entweder geliebt wird oder gehasst wird?
Wepper: Also Sie scheinen mir der erste zu sein, der sie hasst.
Hartwig: Hass ist mir auch noch nicht zu Ohren gekommen. Woher haben Sie das denn das?
Fragen Sie mal Dokumentarfilmer, deren Werke von leichter Kost wie Ihrer zur Nacht verdrängt werden…
Wepper: Entschuldigung, ich finde das furchtbar. Wenn man sich mit etwas inhaltlich auseinandersetzt, muss man es auch kennen. Man hat die Chance, diese Serie anzuschauen oder es zu lassen. Hass hat da nichts zu suchen. Deshalb ist mir das, was Sie sagen, zu provokativ und nimmt mir die Lust zu antworten. Sprich du weiter, Janina.
Hartwig: Die Kritik an uns ist oft auf Unkenntnis und Intoleranz gebaut, was mich echt wütend macht, denn Intoleranz macht mich wütend.
Wepper: Also ich verlasse jetzt dieses Gespräch.
Wenn ein Produkt, das seit 2002 Topquoten und Zuschauerpreise erntet, oft als Beleg für die Verflachung des Leitmediums herhält, ist die dünne Haut des Hauptdarstellers nachvollziehbar; etwas Selbstkritik wäre es aber auch, wenn Weppers Bürgermeister Wöller nunmehr 195 Folgen den Peppone gibt, 130 davon im betulichen Streit mit Janina Hartwig als „Don Camillo“ Schwester Hanna. Umso mehr, als der ältere Bruder des spät erblühten Elmar Wepper nach einer angedeuteten Hollywood-Karriere im Oscar-Film „Cabaret“ seit Derricks Harry vor allem leicht unterhält.
Bislang habe ich doch nur gefragt, wie es sich zwischen zwei Polen anfühlt, nicht welcher Pol größere Berechtigung hat.
Wepper: Nein, ich gehe jetzt.
Oje, kann man ihn einfangen?
Hartwig: Det könn’se verjessen. Aber ich kann das auch verstehen; dieser Art von Überheblichkeit – Theater gegen Film, Film gegen Fernsehen, Kritiker gegen alles – begegne ich immer wieder. Wäre es nicht spannender, wenn alle mehr voneinander lernen, statt sich dauernd abzugrenzen, wenn man sich wirklich miteinander befasst? Dann würden die Kritiker nämlich merken, dass unsere Welt gar nicht generell heil ist, sondern nur heil endet. Genau das wollen unsere Zuschauer nach einem harten Alltag, dafür benutzen wir das Genre der Komödie, was ja nicht heißt, sich dauernd auf die Schenkel zu klopfen, sondern auch mal, Dinge mit einem Lächeln zu erzählen.
Die Figuren darin sollen gar nicht realistisch sein?
Hartwig: Natürlich nicht, wir machen ja keine Dokumentarfilme übers Klosterleben, sondern wollen Charaktere überhöhen, in denen sich die Zuschauer dennoch wiederfinden können, um der Welt für einen Abend niveauvoll zu entkommen. Auch ich muss manchmal die Seele entspannen, sonst wird sie nämlich krank.
Und wie lange lässt sich das noch erzählen?
Hartwig: Das frage auch ich mich auch immer, bis mir jedes neue Drehbuch zeigt, wie viel noch möglich ist. Und die Reaktion der Leute ist so, dass Ihnen die Serie noch immer etwas bedeutet und gibt.
Nämlich christlich grundierte Weltlichkeit wie aus dem CSU-Programm: Kirche & Küche für Frauen, Laptop & Lederhose für Männer, artige Kinder & lösbare Probleme in Heimatfilmidylle. Hier muss Bürgermeister Wöller diesmal nach zwei Maß Bier am Steuer – für Bayerns Innenminister Beckstein einst völlig unbedenklich – Sozialstunden in Schwester Hannas Kloster ableisten, das war‘s. So sieht konservatives Rechtsempfinden aus, so spiegelt es die ARD dienstags nach der Tagesschau: Solang man Buße tut, die Heimat liebt, in weiß heiratet, ist Primetimefernsehen massentauglich.
Zurück zur provokanten Eingangsfrage Wieso polarisiert Ihre Serie so, dass meine Mutter keine Folge verpasst und ich keine ertrage?
Hartwig: Das nennt man Sehverhalten. Meine Tochter ist 27, sie sieht kaum mehr fern im klassischen Sinne. Sie guckt Serien bei Netflix.
Sie auch?
Hartwig: (lacht) Nee, ich mag unter anderem Dokumentarfilme im Fernsehen.
Zu schade, dass Janina Hartwig dafür bei ARZDF meist bis Mitternacht aufbleiben muss. Die besseren Sendeplätze blockieren ja Kerner, Pilcher und Pilawa, Komödien, Krimis und Um Himmels Willen, am kommenden Dienstag zum 184. Mal, Ende außer Sicht. Gute Nacht.
Schulz & Böhmermann: Genie & Wahnsinn
Posted: January 13, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt 1 Comment
Wie im Rausch
Die zwei hoffnungsvollsten Berserker der hiesigen TV-Unterhaltung bitten zur gemeinsamen Talkshow. Ein Jammer, aber kein Wunder, dass das ZDF Schulz & Böhmermann (Foto: ZDF) lieber im Nachtprogram eines Spartenkanals versteckt (Sonntag, 22.45 Uhr, ZDFneo)
Von Jan Freitag
Staatsgewalt und Anarchie waren einst höchst unterschiedlich gekleidet. Wer das System mit aller Macht stützte, trug gemeinhin Zwei- bis Dreiteiler, vornehmlich mit Krawatte. Wer dagegen rebellierte, eher Kapuzenpulli und Jeans, vornehmlich in schwarz. Mittlerweile jedoch sehen sich Umsturzwillige und Besitzstandwahrer nicht nur oft zum Verwechseln ähnlich, sie sind gelegentlich gar deckungsgleich. So wie Olli Schulz und Jan Böhmermann.
In feinem Anzug, schmal geschnitten und farblich gedeckt, mischen die Moderatoren das Fernsehen auf, als wollten sie es vom Erdboden fegen wie eine Tyrannei. Zugleich aber verteidigen sie das Fundament jenes eingestaubten Leitmediums stilisiert, das die zwei im subversiven Furor ihres Bildersturms erneuern sollen, als seien sie nicht renitent, sondern Heilsbringer. Seltsam. Und, pardon, irgendwie alternativlos. Niemand sonst als der respektlose Humorberserker aus Hamburg und sein Bremer Kollege mit dem zynischen Charme haben schließlich das Talent, die Frechheit und den nötigen Atem, Deutschlands TV-Unterhaltung nachhaltig zu retten. Das Besondere daran: Man lässt sie sogar. Und zwar gemeinsam.
Endlich.
Nachdem sie mit der Kraft ihrer kreativen Kaltschnäuzigkeit getrennt sämtliche Kanäle des multimedialen Zeitalters zur Bühne ihrer gewaltigen Egos gemacht haben und gemeinsam das gute alte Radio Berlin-Brandenburg als Sanft & Sorgfältig unterwandert, dürfen Olli & Jan am Bildschirm gemeinsam tun, was sie besonders gut können: Reden. Mit ihren Gästen. Vor allem aber mit sich selbst. Schulz & Böhmermann heißt ein neues Talkformat, das seit Sonntag nun vier Wochenende um etwas gesprächigen Aberwitz bereichert; und es wirft abgesehen von der bemerkenswerten Existenz dieses Formats an sich erneut ein trübes Licht aufs ZDF, dass es sein zukunftstauglichstes Zugpferd a) sonntags um 22.45 Uhr b) im Spartenkanal ZDFneo und dann auch noch c) als Konserve versendet.
So sehr die Gremlins in den Lerchenberger Gremien ihren Nachwuchs(Böhmer)mann nämlich zu schätzen wissen, so sehr misstrauen sie ihm, zumal an der Seite des Perpetuum Mobiles anarchistischen Humors (Schulz). Wie gut, dass die zwei da weniger verzagt sind. Zum Auftakt hatten sie sich nämlich Gäste eingeladen, die ihre Debattentauglichkeit konfliktgeladen auf die Probe stellen dürften: der narzisstische Wetterfrosch Jörg Kachelmann traf dabei auf den manipulativen Hochstapler Gert Postel, die es beide mit Deutschlands zurzeit erfolgreichster Drehbuchautorin Anita Becker und dem brutalstmöglichen Gangstarapper Kollegah zu tun kriegten.
Der Auftakt zeigte zwar, wie wichtig ein betuliches Regulativ wie Charlotte Roche für den entfesselten Böhmermann war, aber auch, welch unglaubliche Spielfreude er zusammen mit seinem Fuck-Buddy Schulz entfaltet. Es war, es ist, es wird also sein: Eine energetische Mischung in vertrautem Ambiente. Das Studio nämlich erinnert verteufelt an Böhmermanns viel zu früh vergangenen Nostalgietalk mit der wunderbaren Charlotte Roche, die vor ein paar Jahren vor ein paar namentlich bekannten Zuschauern vor allem damit befasst war, das erstarrte Ritual selbstverliebten Faselns der ewig gleichen Gäste in kreative Gesprächskultur echter Persönlichkeiten zu verwandeln. Wie damals wird auch diese Sendung von der Kölner Produktionsfirma bildundtonfabrik produziert. Wie damals ist das Interieur optisch entsprechend reduziert und konsequent nostalgisch. Wie damals darf, ja muss beim Reden geraucht und gesoffen werden. Und wie damals dürfte es dabei wie im Rausch zugehen.
Schließlich beweisen die Diskussionsleiter ihre gesamte Medienexistenz über bereits großes Balancegefühl auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Als betrunkener Außenreporter der Berlinale etwa hat der gelernte Singer/Songwriter Schulz Fernsehgeschichte geschrieben, während Jan Böhmermann mit Neo Magazin Royale Woche für Woche beweist, was man dem abgedroschenen Genre Late Night noch abringen kann, wenn man es ernst und zugleich leicht nimmt.
So gesehen könnte etwas Großes, Bleibendes entstehen, in fünfmal 60 Minuten, sonntags zu später Stunde im Nischenprogramm, beim nächsten Mal mit Gästen wie Nora Tschirner und Katrin Göring-Eckhart, denen hoffentlich ein paar mehr als die 400.000 Zuschauer der Premiere zusehen. Und falls nicht? Wälzen Schulz & Böhmermann die Sehgewohnheiten eben woanders um. Was bleibt den Verantwortlichen des alten Regelfernsehens auch übrig; sie haben ja sonst keinen…
Morgen hör ich auf: Pastewka & Walther White
Posted: January 6, 2016 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Im Plagiate-Panoptikum
Eigentlich wäre Morgen hör ich auf (seit 2. Januar, 22 Uhr, ZDF) mit Bastian Pastewka als notgedrungen krimineller Spießbürger Jochen Lehmann (Foto: Martin Valentin Menke/ZDF) durchaus ansehnlich – würde sich der Fünfteiler auf dem prominenten Samstagssendeplatz nicht so unverhohlen bei Breaking Bad bedienen.
Von Jan Freitag
Wann immer ganz Deutschland, wie der Boulevard gern raunt, mal wieder übers miese Fernsehen made in germany diskutiert, steht dieser Vorwurf unwidersprochen im Raum: Wir können einfach keine Serien. Weil es den Sender an Mut fehlt; weil statt Qualität nur Quote zählt; weil unsere Schubladen zu tief sind; weil darin keine guten Drehbücher landen, sondern höchstens Schauspieler, die ihnen nie mehr entkommen, sobald sie mal in einer sitzen.
Zum Beispiel Bastian Pastewka.
Seit bald 20 Jahren erfreut der außergewöhnlich lustige Komiker aus der ungewöhnlich nüchternen Beamtenstadt Bonn sein Publikum mit einer Mixtur aus Realsatire und Aberwitz, die ihn rasch von der ungelernten Comedyhilfskraft ins Stammpersonal des TV-Humors befördert hat. Dort allerdings steckt er nun fest wie ein Hamster im Käfig: wohlgenährt, gutbeschäftigt, stark unterfordert. Vielleicht bezieht sich die Metapher jenes pummeligen Nagers, der während seines erstem echten Ausflug ins pointenfreie Fach immer wieder durchs Laufrad rennt, also auch auf den Hauptdarsteller einer Serie, die es krampfhaft aufnehmen will mit der importierten Konkurrenz. In Morgen hör ich auf mühen sich alle drei – Pastewka, Hamster, ZDF – bis zur Erschöpfung um gutes Entertainment, dürften am Ende aber doch eher milde belächelt werden als euphorisch beklatscht.
Und das hat einen Grund, der gar nichts mit dem achtbaren Niveau des Fünfteilers zu tun hat. Es liegt am heimlichen, aber unübersehbaren Vorbild: Breaking Bad. Wie in Vince Gilligans brillantem Epos um den vermeintlich notgedrungen drogenkochenden Chemielehrer Walther White nämlich, schiebt das ZDF auch Bastian Pastewkas Antiheld Jochen Lehmann aus seiner finanziell prekären Spießbürgerlichkeit Schritt für Schritt näher an den kriminellen Abgrund. Weil sein kleines Familienunternehmen nach fast 100 Jahren Solidität kurz vor der Pleite steht, kann der linkische Vater dreier Kinder an der Tankstelle nicht mal mehr den Sprit zur Fahrt ins hessische Vororthäuschen bezahlen und widmet die Rotationsmaschinen seiner Druckerei aus einer Weinlaune heraus um: er druckt damit Falschgeld.
Doch was den Engpass anfangs noch spielerisch überbrücken soll, verselbständigt sich in einer unaufhaltsamen Eskalationsspirale, an der vom notorischen Gangster bis zum aasigen Banker bald allerlei Galgenvögel mitdrehen. Es ist eine unterhaltsame Geschichte: Spannend erzählt vom versierten Tatort-Regisseur Martin Eigler, der auch Teile des schlüssigen Buchs verantwortet, das mit Susanne Wolff als treu sorgende, aber untreue Ehefrau Julia oder dem Österreicher Georg Friedrich als herrlich irrlichternder Hehler fabelhaft verkörpert wird. Nur: auch diese zwei Charaktere erinnern verteufelt ans amerikanische Original und reihen sich somit ein in die Liste dramaturgischer Referenzen.
Die erste setzt es gleich zu Beginn, als eine der 50-Euro-Blüten in Zeitlupe durch trübes Wasser treibt – ein Bild, das fortan permanent wiederkehrt wie jener verkohlte Teddybär, der einst baugleich in Walther Whites Swimmingpool schwamm. Von da an hagelt es Parallelen zum Vorbild, die jedoch kaum mal dessen atemberaubenden Handlungstwists gepaart mit subversiver Brutalität erreichen. Dennoch verglich ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler sein neues Produkt öffentlich mit Breaking Bad und meinte das sogar positiv.
Kein Wunder, dass der schubladengeschädigte Bastian Pastewka im Spiegel von einer „Auszeit“ sprach, die sich das Team angesichts dieses unnötig aufgebauten Drucks zwischenzeitlich verordnet habe, um den „kleinen Wirbelsturm an uns vorbeiziehen“ zu lassen. So belegen auch diese fünf Stunden gefälschter Hauptabendkost nachhaltig den unveränderten Abstand zum internationalen Markt: Innovatives wächst weiterhin in Skandinavien, England, den USA, und wenn es das deutsche Fernsehen abkupfert, wird die Ursprungsradikalität so lange poliert, bis das Resultat selbst nach dem vorherigen Krimi noch massentauglich ist.
Diese sehr deutsche Verzagtheit führt regelmäßig zu filmischem Falschgeld von Alles außer Sex über Hilfe, meine Familie spinnt bis R.S.I., die dem Ideenraub sogar offen im Titel tragen. Weit häufiger werden die Urheber auch noch klammheimlich unterschlagen wie im neuen Sat1-Ulk Einstein, den nur das drollige Outfit der Titelfigur von seinem eleganten Stichwortgeber Sherlock unterscheidet. Wirklich selten kommt es dagegen zu kreativer Neuinterpretation á la Doctor’s Diary, wo RTL Grey‘s Anatomy durchaus eigensinnig mit Bridget Jones verknüpfte.
Morgen hör ich auf nimmt in diesem Panoptikum mal mehr, meist weniger gelungener Plagiate eine Mittelposition ein. Was viel mit Bastian Pastewka zu tun hat. Das Alter Ego seiner selbst, der als reale Fiktion unter eigenem Namen lange Jahre auf Sat1 das Beste geliefert hat, was humoristisch hierzulande möglich scheint, verleiht seinem Herrn Lehmann – und damit der gesamten Handlung – gelegentlich Anflüge jener trotzigen Würde, die auch Walther White kennzeichnet. Zugleich aber fällt es ungemein schwer, vom witzigen Basti zu abstrahieren, wenn der nüchterne Jochen zu grimassieren beginnt. Womit wir wieder bei der Schublade wären, der zu entfliehen für deutsche Komödianten fast unmöglich ist. Mit dieser Rolle wird es der lustige Pastewka nicht schaffen. Er hätte weitere Chancen verdient.
Der Text stand vorab bei Zeit-Online. Teil 1 ist noch in der ZDF-Mediathek zu sehen.
Das TV-Jahr 2015 & was 2016 kommt
Posted: December 30, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Kunstfiguren & Nachtgespenster
Das Fernsehjahr 2015 geht zu Ende – und hinterlässt den Eindruck dauernder Krisen und gelegentlicher Lichtblicke. Ein Rückblick mit Ausblick auf 2016.
Von Jan Freitag
Die Zuschauer, das zeigt wie jedes Fernsehjahr auch dieses, dürsten nach Dichotomie. Wahre Helden strahlen ja erst dann so richtig, wenn ihnen ein zünftiger Antagonist in die Heldenparade fährt. Und auch sonst sind Programmplaner gut beraten, von der hiesigen Schnulze über seriellen Import bis hin zum profanen Fußball für Gegensatzpaare zu sorgen, am besten gut vs. schlecht.
Muss aber auch nicht.
Im Mai traten Margarita Broich und Wolfram Koch das Erbe ihrer hessischen Vorgänger an und brachen dabei jenes Gesetz, dem sich die Berliner Meret Becker und Mark Waschke bedingungslos beugten: Tatort-Kommissare sind wie Feuer und Wasser. Auch die harmonischen Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs brechen daher TV-Recht, wenn sie in Nürnberg kollegial statt feindselig ermitteln. Der Dauerbrenner machte es 2015 also vor: dichotom muss nicht dissonant heißen; hybrid darf einträchtig verlaufen. ZDF und Sat1 zum Beispiel können grundverschiedene Versionen desselben Falls verfilmen – das öffentlich-rechtliche Dokudrama mit Thomas Thieme porträtierte den gestürzten Bayernboss Hoeneß nüchtern, doch ebenso unterhaltsam wie Uwe Ochsenknecht als überdrehter Knastkönig Udo Honig.
Auch auf internationaler Ebene ging es ganz friedlich um einmütige Teilung. Im Arte-Experiment Tandem fiktionalisierten Deutschland und Frankreich im Januar ihren Umgang mit Kernenergie, was rechts des Rheins (natürlich) zu einem atomkritischen Krimi führte und links (natürlicher) zu einer heiteren Provinzposse. So ging es weiter: Mitte Juli kehrte Cordula Stratmann nach langer Abstinenz auf den Bildschirm zurück und karikierte für die ZDF-Serie Ellerbeck fürsorglich Provinzpolitik, um ihre Kuhflüsterin Tage später rüde im Klischeebad der ARD zu ersäufen. Oder Oli Dittrich: Erst persifliert seine
Kunstfigur Schorsch Aigner den schlingernden Franz Beckenbauer im WDR am Rande der Deckungsgleichheit (was die kritiklose Hommage des Autorenfilmers Thomas Schadt zum 70. des Kaisers noch peinlicher macht), dann verschleudert er sich als schwuler Friseur der NDR-Comedy Jennifer. Und kaum dass die ARD ihrem Vorabend mit Sibel & Max etwas Niveau abseits vom Schmunzelkrimi verpasst, fährt sie das Werbeumfeld mit Unter Gaunern kalauernd an die Wand.
Es war eben doch ein Jahr von Spaltung, Angst und Krise, was sich allein in sechs Serien zum Endzeitthema Zombies äußerte und nach fast jeder Tagesschau. Während von Paris über Athen, Ankara, Passau und zurück die ARD-Brennpunkte glühten, während Björn Höcke sein Talkshowmobiliar Schwarzrotgold dekorierte und Roger Köppels Sturmbannführermimik hart statt fair 4. Reich spielte, während Hajo Seppelts Doping-Doku die Leichtathletik zur Hölle schickte und Daniel Harrichs Spielfilm Meister des Todes den Waffendealer Heckler & Koch, während das Literarische Quartett Streitkultur simulierte und Beckmann einen Sachfilmer, gab‘s im Stahlgewitter der Realität aber auch Lichtpunkte.
Lustiges wie Vorsicht vor Leuten vom Stromberg-Duo Feldhusen/Husmann, Absurdes wie Axel Milberg als Liebling des Himmels, Famoses wie Luis Trenker alias Tobias Moretti, Außergewöhnliches wie die Anwaltssaga Schuld, Brillantes wie das Politikerbashing Eichwald MdB, ja selbst privat Überzeugendes wie die Hospizserie Club der Roten Bänder (Vox) oder Deutschland 83, mit dem RTL positive Kritik, aber negative Quoten erntete. So zählt die – neben Weissensee – beste deutsche Serie des Jahres zu dessen Flops und reiht sich ein zwischen Raab & Jauch, Borg & Blochin, Naidoo & Winnetou, Verbotene Liebe & Two and a Half Men in die Liste der Verluste.
Auf der landen nun auch das Nachtgespenst Domian, der WG-Genosse Alsmann, die totverjüngte Stadlshow und ZDF-Kultur, womit Musik fern von Schlager und Pop aus dem Regelprogramm verschwindet. Das kriegt dafür einen Jugendkanal im Netz nebst Schulz & Böhmermann als Talkgespann auf ZDFneo, das zwar jeden Platzhirsch alt aussehen lassen, aber keine Konsequenzen haben dürfte, weshalb Illners Urlaubsvertretung Dunja Hayali auch 2016 allenfalls ersatzweise glänzen darf.
Da Streamingdienste wie Amazon und Netflix mit Mr. Robot und Narcos zugleich zeigen, was Innovation ist, wirkt das Fernsehen immer gestriger: RTL holt Winnetou aus den Jagdgründen und Kabel1 die Ludolfs; Steven Gätjen wird der neue Gottschalk und Anne Will die alte Jauch; im Februar setzt das Erste Operation Zucker fort, um die Missbrauchskrimiquote von 25 Prozent zu erfüllen, und Sat1 Die Hebamme, weil, äh… Der Bodensee kriegt bessere Ermittler plus Heike Makatsch als Event, auf das im Herbst der 1000. Tatort folgt, den Borowski/Lindholm gemeinsam betreten.
Zwischendrin steigern die Privaten das Quizzen auf 500 Questions (RTL) und klauen lieber mies bei Sherlock als Einstein gut zu schreiben (Sat1). Und wenn Das Schweigen der Beate Tschäpe im ZDF läuft, bevor der Prozess endet, zeigt sich: Bald wird das erste Dokudrama seinem Thema zuvorkommen. Spätestens dann wechselt LeFloid zur Tagesschau.
Jennifer: Dittsches Friseur & Winsens Luhe
Posted: December 23, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt 1 Comment
J wie Jauche
Was Oli Dittrich anfasst, wird gemeinhin zu Gold. Die norddeutsche Provinzposse Jennifer (ab 23. Dezember, 22.25 Uhr, NDR) dagegen droht schon zum Auftakt im Pointensumpf zu versinken – wäre da nicht Dittsches überdrehte Wahrhaftigkeit (Foto: NDR) als schwuler Friseur.
Von Jan Freitag
Das Klischee ist ein dramaturgisches Windei. Dem Französischen entlehnt, bezeichnet es endlos erwärmten Kaffee diverser Mahlzeiten, der bei jedem Frühstück abgestandener schmeckt, aber den Geldbeutel schont. Ist Altware frei verfügbar, muss man sich grad unterm öffentlich-rechtlichen Kostendruck nichts Neues zulegen – das gilt fürs Personal ebenso wie für Inhalte. Was wiederum nirgends deutlicher wird als im hiesigen Fernsehhumor. Friseure zum Beispiel sind darin grundsätzlich schwul, ihre Kolleginnen pink, Discobesitzer schmierig, Omas altklug und Taxifahrer schlichten Gemüts.
Womit wir in Winsen an der Luhe wären, einer ziemlich trostlosen Schlafstadt vor den Toren Hamburgs, die es zu Hunderten gibt in Deutschland: bevölkert von ganz gewöhnlichen Leuten mit ganz gewöhnlichem Leben in ganz gewöhnlicher Umgebung, Leuten wie Jennifer – meint man zumindest beim NDR. Ab heute schneidet sie dort der Provinz das Haupthaar, genauer: sie schnitt. Weil sich Inhaber Sandro mit einem Föhn erdrosselt hat, leitet sein Lebenspartner Dietmar nun den Salon „Hair & Care“ und erteilt der Friseurin in Ermangelung eines Gesellinnenbriefs gleich mal Scherenverbot, was ihre resolute Großmutter (Doris Kunstmann) ebenso auf den Plan ruft wie Freundin Melanie (Laura Lo Zito), die der Obertitelfigur dabei helfen, den Untertitel umzusetzen: Sehnsucht nach was Besseres.
Diese Hassliebeserklärung an eine bildungsfern-proletarische Kleinstadtmittelschicht grundiert das Nischenprodukt von Regisseur Lars Jessen von der ersten bis zur letzten Minute. Damit hat der Regisseur Erfahrung: Schon in Dorfpunks und Fraktus hat er den Alltagsfreaks seiner küstennahen Heimat filmische Denkmäler gesetzt. Auch auf das von Jennifer mit J wie Jauche scheißen die Tauben der norddeutschen Tiefebene daher dauernd Landeihumor der Güteklasse C mit allem, was die Region im Regelfernsehen symbolisiert: angefangen mit einem seltsam sangsingenden Dialekt, der wohl ortstypisch wirken soll, aber klingt, als stecke Dieter Bohlen und Heidi Kabel in einen Sack Hafenarbeiter mit Gesichtslähmung.
Doch nicht nur umgangssprachlich ersäufen die Bücher von Andreas Altenburg aus dem holsteinischen Kohldelta Dithmarschen und seinem Stenkelfelder Kollegen Harald Wehmeier den Pöbel mit doppeltem Präteritum (ich war gewesen) und Dativdrehern (lern du mich nicht die Welt kennen) im Klischee intellektueller Schlichtheit. Sie lassen auch dramaturgisch kein ungefärbtes Haar an ihren Protagonisten. Als anspruchsvoller, zur Differenzierung bereiter Zuschauer könnte man heulen – schimmerte nicht immer wieder mal ein barmherziger Glanz durch die halbstündigen Episoden.
Das liegt an Katrin Ingendoh, deren hingebungsvoll prollige Jennifer schon in den ersten drei Folgen von Haarverlängerung über Eventmanagement bis Immobilienmarketing drei völlig verschiedene Wege nach was Besseres einschlägt. Mehr aber noch liegt es an – wem sonst? – Olli Dittrich. Sein ostentativ schwuler Dietmar ist so heillos überfrachtet mit Friseurvorurteilen jeder Art, dass es schon wieder witzig wird. Schließlich persifliert ihn der wahrhaftigste aller Persönlichkeitsparodisten im Land aus dem reichhaltigen Füllhorn seines Dittsche-Universums punktgenau zwischen Empathie und Fremdscham. Wie diese liebenswert bemitleidenswerte Knallcharge dank achtelprominenter Anekdoten von Vicky Leandros‘ Beleuchter, mit dem sie mal beinahe befreundet gewesen sei, aufdringlich Eindruck schinden will und doch selbst beim leicht erregbaren Salonpublikum nur Mitleid erntet – das karikiert die Abgründe tradierter Hierarchien schmerz- und lachhaft zugleich.
So gerät Jennifer am Ende doch zu etwas, das bisweilen mehr Charme als Fremdscham entfaltet – in den Pointen gern leicht bis schwer drüber, auf der Metaebene zuweilen küchenpsychologisch unterhaltsam. Kein Tatortreiniger also, kein Dittsche, nicht mal Mord mit Aussicht, sondern einfach nur betuliche Provinzialität als nettes Betthupferl ab zehn. Hätte schlimmer kommen können, geht noch bedeutend besser.
