Musikantenstadl: Borg & Erbschleicher
Posted: March 24, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt 1 CommentAdios, Amor
Volksmusik ist die große Hassliebe des deutschen Fernsehpublikums. Dass Starmoderator Andy Borg der ARD mit 54 nun sogar fürs geriatrische Musikantenstadl zu alt wird, zeigt: auch den Sendern sind Topquoten allein nicht so ganz geheuer. Zu Borgs vorletztem Auftritt am Samstag Report eines verwirrten, verwirrenden Metiers.
Von Jan Freitag
Selbst die größte Liebe, Andy Borg hat’s schon immer gewusst, steht auf wackeligen Beinen, wenn da ein anderer, besserer, hübscherer, frischerer, vor allem jüngerer kommt. „So muss das Leben wohl sein“, sang er mit warmem Schmusetremolo über einen erfolgreichen Nebenbuhler, „es holt alle Verlierer mal ein“. Und weil der unscheinbare Nachwuchsvolksmusiker mit dem possierlichen Wuschelkopf seinerzeit zumindest im Schlager einer war, kam er „verlassen mir vor“ und schloss daraus aus nervösem Teenager-Gesicht: „Drum Adios, Adios, Adios Amor“.
Das war 1981.
Volle 34 sehr, sehr erfolgreiche Jahre später könnte der sanft ergraute Ex-Newcomer nun glatt eine von 14 Millionen verkauften Platten seines ersten Hits aus der Mottenkiste holen und sich wieder so traurig fühlen wie damals, als Heinz Schenk noch die Hälfte des Fernsehpublikums beim Blauen Bock begrüßte und DJ Ötzi zur Grundschule ging. Denn seine größte Liebe, die Volksmusik, sie hat ihn nicht mehr richtig lieb. Genauer gesagt: Die ARD hat es nicht mehr. Aber das ist im Grunde identisch.
Das Erste Programm, über Jahrzehnte tonangebend in einem merkwürdigen Zwitterwesen zwischen Heimatlied und Schlagerpop namens „Volkstümliche Musik“, dieses Allerallererste Deutsche Programm hat seinem Zugpferd früherer Tage die Partnerschaft gekündigt. Jahrelang hatten sie vielleicht keine innige, aber doch auskömmliche Beziehung mit-, besser zueinander. Schon Mitte der Neunziger, gerade mal 36 Jahre jung, moderierte Andy Borg dort ja irgendwas Klingendes mit „Volk“ im Titel. Er ließ davon nie mehr ab.
Als der gelernte Werkzeugmacher das Handwerk des permanenten Frohlockens in alpin geschmückten Mehrzweckhallen bis hoch an die Nordsee so gut beherrschte wie den akkuraten Gebrauch von Haarspray und Föhn, wurde ihm schließlich die höchste Weihe im milliardenschweren Trachtenbusiness zuteil: Der gereifte Borg durfte das Musikantenstadl moderieren. Eine Institution, eine Legende, eine Trutzburg, die – Achtung, Schicksal! – exakt in jenem Jahr erstmals über die Röhrenfernseher der unvereinigten Republik flimmerte, als dem blutjungen Andy grad Adios Amor auf den schlanken Leib getextet wurde.
Der ist nun fülliger geworden, wie sich das bei Mittfünfzigern im Schlagerzirkus auch gehört. Lebensfreude statt Askese, lautet ja das Motto der wertkonservativen, die Alltagssorgen einfach fortjodelnden Schunkelbranche: lieber Straußens Schweinshaxenwampe als Wehners Gleichmacherknochigkeit. Einerseits. Andererseits vollzieht die konfliktscheue Spaßbrigade eskapistischer Abendunterhaltung zumindest auf der Bühne einen erstaunlichen Verjüngungsprozess, als liege sie kollektiv in der Schönheitschirurgie.
Während das Zweite Programm sein Angebot seit dem dissonanten Rauswurf von Marianne und Michael vor acht Jahren volksmusikalisch auf Null fährt, setzt das Erste zumindest mal auf Verjüngung. Ein Nachfolger für den freundlichen Herrn Borg ist noch nicht verkündet, aber er (sie?) dürfte deutlich sportiver sein, nicht so gemütlich, etwas mehr Jeans als Janker, Tendenz Florian Silbereisen, mehr aber noch Helene Fischer. Die injiziert dem überalterten Metier schließlich grad eine derart virile Portion Glamour, dass sich nicht nur die Faltenrockreporter der Herzschmerzpresse fürs Sorgenverdrängungsentertainment Schlager interessieren, sondern echte Journalisten.
Diese Frischzellenkur hat nicht nur das Moderieren verändert, sondern die Moderierten gleich mit. Stilhybride wie der Alpenelvis Andreas Gabalier oder das krachlederne Wollmützenkollektiv voXXclub sind ohne Silberfischers akzeptierende Jugendarbeit schwer vorstellbar. Das perforiert Grenzen, die zuvor betoniert schienen: Ihr traditionell-saftiger Almhüttenrock wird wie die Seifenopern von Florians schöner Helene längst nicht mehr unter den drei Millionen Tonträgern der Volksmusik gelistet, sondern im weit größeren Feld von Pop bis Rock. Präsentiert von Best-Agern wie Borg, wirkt das Ganze jedoch, als trüge Opa sein Basecap schief und spräche Bumsen mit weichem „S“ aus – locker gemeint, geriatrisch verkrampft.
Das lässt sich sogar in Zahlen ablesen. Obwohl sich die Landjugend zwischen Flensburg und Füssen bisweilen offen zu Ehe, Eigenheim, Stefanie Hertel bekennt, ist nur jeder 15. der 7,5 Millionen Zuschauer von Carmen Nebels Willkommensschows unter 50 Jahre jung. So wird den Fiftiysomething Borg das gleiche Drama ereilen wie vor ihm Karl Moik. Nach einem Vierteljahrhundert an der Spitze der langlebigsten Volksmusiksause wurde er 2005 aus Altersgründen abserviert, was schon damals als irgendwie unfein, aber alternativlos galt. Sein Nachfolger hieß, genau, Andy Borg. Doch das 182. Musikantenstadl im Juni wird sein letztes sein, dann bastelt das Erste an einer Version 2.0, wie es heißt. Mit Zugkraft auch außerhalb der Altersheime – weniger Tiroler Gamsbärte, mehr urbane Vollbärte.
Adios Amor.
Veronica Ferres: Muttertier & Noethens Frau
Posted: March 18, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentWaidwund in der Restidylle
Das Fernsehdrama Mein Mann, ein Mörder (Donnerstag, i(Donnerstag, 20.15 Uhr, ZDFneo) ist vieles, aber zu keiner Zeit berechenbar – trotz und wegen Veronica Ferres als kämpferisches Muttertier im Kampf ums traute Familienglück. Das spielt sie nun weißgott nicht zum ersten Mal spielt, aber besser denn je, also immerhin akzeptabel. Allerdings vor allem dank ihres Filmmanns Ulrich Noethen.
Von Jan Freitag
Augen, so heißt es, sagen manchmal mehr als Worte. Mit einem Wimpernschlag können sie Verzagtheit ausdrücken und Hoffnung, Hilflosigkeit, Freude, Trauer, Wut, oft in so rascher Folge, dass ein einziger Blick alles vereinigt, was gelungene Melodramen ausmacht. Veronica Ferres beherrscht diesen Blick, sie hat ihn perfektioniert, er ist ihr Markenzeichen.
Wenn sie ihn also in Mein Mann, ein Mörder vor der besten Freundin ausbreitet, wenn sie Vera (Ulrike Kriener) das stetig brechende Herz ausschüttet, dabei zugleich weint und lächelt, wenn ihre vor Wut und Trotz ganz kleinen Augen den Raum doch füllen – dann zeigt Veronica Ferres ihre Kernkompetenz, mit der sie auch hier 90 Minuten in wenigen Sekunden erklären kann. So ist auch dieser Film ein Paradebeispiel dessen, was so viele an Veronica Ferres ablehnen, was aber noch viel mehr an ihr mögen. Was ihr jüngeres Werk von Marco W. über die Patin bis zur Frau vom Checkpoint Charlie, mehr aber noch die echte Frau dahinter zur innigsten Hassliebe vor den Flachbildschirmen der Nation macht.
Denn die Ferres, wie man Stars mit dem Attribut „Diva“ gern umschreibt, spielt was sie immer spielt, aber sie spielt es grandios. Die außergewöhnliche Ferres nämlich ist die eher gewöhnliche Minette Frei, deren Nachname täuscht. Eine attraktive, sanft alternde Übersetzerin und Mutter zweier wohlgeratener Kinder, schönes Heim, viel Kultur, finanziell sorglos, alles in Ordnung – würde ihr Mann sie nicht betrügen. Mit einer Jüngeren, versteht sich. Und nicht zum ersten Mal, Minette weiß das. Also spioniert sie Paul nach bis ins billige Hotelzimmer nach, kontrolliert sein Handy, folgt ihm sogar ins Liebesnest nach Prag, stets auf der Suche nach einer Wahrheit, die peu à peu in eines der vielleicht bizarrsten Happyends der Fernsehgeschichte mündet.
Bis dahin aber bebildert der Nachwuchsregisseur Lancelot von Naso das uralte Drama um Liebe, Eifersucht, Leidenschaft, Trotz und Trost in so ruhigen Kamerafahrten durchs Innenleben der deutschen Mittelstandsehe, dass Mein Mann, ein Mörder in aller Zurückgenommenheit fast in Gefahr zu geraten droht, ein eher betuliches Sittengemälde bürgerlicher Befindlichkeiten zu werden. Es wird geredet und geschwiegen. Pausenlos. Und Oliver Thiedes unaufdringliche, fast lautlose Musik aus dem Hintergrund trägt ihr übriges zur reduzierten Aura bei. Doch immer dann, wenn das fragile Gefüge wachsender Kinder und schwindender Hingabe allzu leise implodiert, sorgt der zweite Hauptdarsteller für Schwung: Ulrich Noethen.
Das jüngste von fünf Kindern einer schwäbisch-bayerischen Pfarrersfamilie kann vom Grimmschen Märchenkönig über Kästners Nonkonformist Justus Bökh bis Heinrich Himmler fast alles so glaubhaft spielen, dass es gelegentlich schmerzt. Seit er vor 18 Jahren als Arzt mit asiatischer Katalogfrau in Dominik Grafs Tatort: Frau Bu lacht brillierte, ist seine Paraderolle allerdings eine andere: der Saubermann mit fleckiger Weste. Kein Wunder also, dass der Schauspieler mit dem unscheinbaren Dutzendgesicht sogar die emotionale Tristesse der Familie Frei zum Glänzen bringt, seinen Paul besonders, dieser promiske Familienmensch um die 50, beruflich erfolgreich, leidlich attraktiv, aber unbeirrbar selbstsicher. Ein guter Mann fürs anspruchsreduzierte Wechseljahredasein mit Opern-Abo und getrennter Kasse. Kein Traumprinz, aber bei allen Schwächen im Zweifel verlässlich. So scheint es. Bis ihm seine neueste Affäre, lolitahaft gespielt von Esther Zimmerling, einen Strich durch die Rechnung macht und verschwindet. Spurlos. Dass ein Mord im Raum steht, suggeriert schließlich schon der Filmtitel. In der Eingangsszene wird er dann schnell konkret, als eine Frau schreiend vom Fenstersims in die Tiefe stürzt.
Was sich daraus entspinnt, ist jedoch kein Krimi, die Polizei tritt nicht auf, selbst das Opfer fehlt. Keine Spur von Tatort also, auch wenn bald Erpressung, Schwarzgeldkonten, gar etwas Verfolgungsaction ins Spiel geraten. Nein, wenn etwas gejagt wird, sind es nicht Mörder, sondern Ängste, statt Tätern also höchstens Geborgenheit im drohenden Verfall einer Institution namens Familie. Auf die Frage ihrer Freundin, ob sie ihn behalten will, zuckt das Opfer Minette nur mit den Schultern und nimmt die Witterung des Täters auf, der so vom Jäger zur Beute wird, was er später, als ihm die Handlung entgleitet, ins Gegenteil umdreht.
Es ist ein ständiges Wechselspiel des Nachstellens. Und es bringt immer neue Vexierbilder vermeintlicher Schuld wie Unschuld hervor. Dass darin freilich immer ein tieferer Sinn steckt, liegt auch in Lancelot von Nasos dritter gemeinsamer Arbeit mit seinem Stammautoren, mit dem er vor vier Jahren bereits das preisgekrönte Langfilmdebüt Waffenstillstand gemacht hat. Nicht zuletzt Kai-Uwe Hasenheits versiertes Drehbuch nämlich liefert dem Film jene Fallstricke menschlicher Beziehungen, die Oliver Hoese dann so ausstattet, dass darin die bürgerliche Mitte in ihrer ganzen Verletzlichkeit sichtbar wird. Der verbissene Kampf um Harmonie und Restidylle beim gemeinsamen Abendessen mit Rotwein, Schultagberichten und Geplauder wirkt vor allem deshalb so authentisch, weil Produzent Hubertus Meyer-Burckhardt das Ambiente bewusst Geld und Geist atmen lässt, ohne wie in vergleichbaren Melodramen permanent Luxus auszustellen. Mein Mann, der Mörder spielt nicht in einer Designervilla von Rem Kolhaas, sondern im gediegenen Chaos eines teilsanierten Münchner Altbaus. Reichtum light, aber real.
In ihm könnten die Charaktere tun, was ihnen das hiesige Fernsehen oft versagt: agieren, spielen, sich entwickeln, statt bloß tolle Kulissen zu dekorieren. So wird dieser Film am Ende zu dem, was er sein soll: Ein Ferres-Film, so wie jeder Film mit Veronica Ferres einer ist. Ein Noethen-Film, so wie jeder Film mit ihm einer wird. Vor allem aber ein Ensemblestück, das den Beteiligten die bekannten Stärken abverlangt, ohne ins Klischee tradierter Rollenprofile abzugleiten. Die Ferres mag dabei ihr gewohntes Habitat des waidwunden Muttertiers mit Courage beackern; sie tat es selten besser als in Mein Mann, ein Mörder. Dafür reicht ihr oft nur ein Augenblick.
Altersglühen: Prämiert & ungewohnt
Posted: March 11, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentImprovisierter Grimmepreis
Mit Altersglühen (Foto: Georges Pauly/WDR) kriegt in diesem Jahr ein Film den bedeutsamen Grimme-Preis, der abgesehen von einigen Stars von vielen Sehgewohnheiten abweicht. Das könnte glatt Hoffnung machen, dass dem Genre etwas frischer Wind durchs öffentlich-rechtliche Gemüt bläst.
Von Jan Freitag
Die hypersupermegaindividualisierte Mediengesellschaft wagt sich nur selten noch an den alten Luftikus Spontaneität. Vermeintlich authentische Dokumentarformate sind zusehends gescriptet, vermeintlich humorindizierte Lacher kommen vom Band, vermeintliche Hingabe ist oft nichts als Angabe. Stand-up wird bis ins letzte Hüsteln durchdekliniert, geflirtet nur noch nach Rundumcheck des Beziehungspartners in spe und Lifeshows (wenn sie nicht sicherheitshalber zeitversetzt laufen) jede Unwägbarkeit weginszeniert. Kurzum: das hinreißende Handwerk der Improvisation – es stirbt bei aller Leichtigkeit des Seins langsam aus.
Genauer: Es starb.
Denn vorigen November ereignete sich Ungewöhnliches im intuitionsbereinigten Regelprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: Die ARD zeigte einen Spielfilm zur besten Sendezeit, der keines Drehbuches bedurfte, um seine erlesenen Protagonisten zur Höchstform zu treiben. Altersglühen heißt das famose Gespinst speeddatender Senioren von Senta Berger über Mario Adorf bis Michael Gwisdek und Hildegard Schmahl, die der vielfach spontaneitätserprobte Regisseur Jan Georg Schütte und sein gleichberechtigter Cutter Ulf Albert mit nicht mehr als Kurzbiografien ihrer Charaktere, einer adretten Stadtvilla in Hamburg und zwei knappen Drehtagen ausstattete, um sogleich die zweite Sensation des abgelaufenen TV-Jahres einzuleiten: Altersglühen bekam heute in Essen den Grimme-Preis verliehen.
Womit wir bei Ausnahmezustand Nummer drei wären, von allen erwartet, dennoch sensationell: In der Kategorie „Fiktion“ bekam nämlich auch der gefilmte Aberwitz schlechthin Deutschlands bedeutsamste Fernsehtrophäe: Ulrich Tukurs rauschhafter Tatort: Im Schmerz geboren, dessen heillos überdrehte Theatralik so mitreißend war, dass ein Leichenrekord jenseits der 50 beinahe zum Randaspekt geriet.
Nun muss das gehobene Feuilleton vor Entzücken nicht gleich beide Augenbrauen auf einmal hochziehen, nur weil da zwei komplette Konventionsverweigerungen zu höchsten Ehren kommen; die drei parallel gekürten Spielfilme Bornholmer Straße, Der Fall Bruckner und Männertreu sind zwar überaus ansehnlich, stilistisch aber doch eher gewöhnlich. Und doch ist es mehr als bloß der Erwähnung wert, wie viel Irrsinn den Juroren hier einer Belobigung wert war: Unverstellt faltige Menschen zur formatierten Primetime ohne schwedischen Sonnenuntergang im Rücken einfach mal so frei nach Schnauze quatschen zu lassen, statt nach Quotenkalkulation, ist ja ebenso waghalsig, wie Michael Proehls Shakespeare’sche Dramaturgie in Versform zur Grundlage eines tarantinoesken Gemetzels zu machen, das Regisseur Florian Schwarz im Opernambiente zelebriert.
Zumal diese Freiheit von Kunst und Kreativität langsam aber sicher – wenn schon nicht zur Regel, so doch zur regelmäßigen Abweichung davon wird. Schon im Vorjahr hatte das Marler Institut mit der verstörend realistischen SWR-Echtzeitfiktion Zeit der Helden ein Stück vorstädtischer Lebenswirklichkeit gekürt, das jeder kolportierten Sehgewohnheit von Programmdirektor Volker Herres’ Gnaden streng zuwider lief. Ein Trend, der mit Markus Imbodens Krimigroteske Mörder auf Amrum vor fünf Jahren gewissermaßen seinen Anfang nahm. Jeder Ausbruch vom Erwartbaren stellt sich darin ja nur als Vorbereitung des Nächsten dar.
Dieses Alleinstellungsmerkmal im seicht plätschernden Wellengang heiter bis wolkiger Stromlinienunterhaltung teilen solche Filme im Übrigen mit dem Tatort, der gestern nebenbei auch noch mit dem Grimme-Preis fürs Format im Ganzen gekürt wurde. Weil es zusehends vom Normierten abweicht. Weil es Regelbrüche nicht um seiner selbst willen einsetzt. Weil es einfach gut ist, wenn es denn gut ist. Weil selten gut ist, was noch nicht mal gut gemeint ist, ist es daher kein Wunder, dass von den zwölf vergebenen Grimme-Preisen diesmal exakt Nullkommanull an private Sender gingen. Deren Innovationspotenzial erreicht ja abseits vom Versuch, Inhalt irgendwann vollends durch Effekt zu ersetzen, in etwa die Zahl ihrer Auszeichnungen 2015. So gesehen war das abgelaufene ein gutes Jahr für den deutschen TV-Film. Vor allem aber ein gutes für uns. Die Zuschauer.
Fernseh-Nepotismus: Emma Schweiger
Posted: March 3, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt 1 CommentFamilienbanden
Til Schweigers Töchter brauchen weder Talent noch Handwerk, um im deutschen Film zu Stars zu reifen. Seine jüngste Emma schafft es dank Vatis Protektion nun sogar an die Seite von Johannes B. Kerner in die Samstagabendshow Das Spiel beginnt! Doch nicht nur bei den Schweigers überwiegt der klingende Namen sonstige Qualitäten.
Von Jan Freitag
Vitamin B. ist ein diskreter Wirkstoff. Wer es dank guter Beziehungen aufwärts bringen will, schluckt die karrierefördernde Pille und schweigt. In Film und Fernsehen stößt die heimliche Verabreichung indes an natürliche Grenzen: Name, Aussehen, Gestus, Stimme – Schauspielerkinder berühmter Schauspielereltern können ihre Herkunft oft schwer verbergen. Wenn sie es denn wollen. Emma Schweiger will nicht.
Wenn sie es denn könnte.
Schon bei der Anrede rauscht es ja in den Ohren der Medienwelt. Schweiger: Superstar, Superregisseur, Superproduzent, Superselbstvermarkter. Superfremdvermarkter. Vor allem seiner Töchter. Alle drei sind ja fett im Geschäft, besonders Emma, die jüngste, noch keine 13, schon zehn Jahre vor Kameras, gern im Dienste von Papas eigenem Filmimperium Mr. Brown Entertainment, das sie mit Luna und Lilli Richtung Ruhm päppelt.
Noch im Brabbelalter hat das Nesthäkchen Schweigers Barfuß geziert, bis zwei Jahre drauf die erste Sprechrolle (Keinohrhasen) hinzukam und seither in keinem Blockbuster des Patriarchen verstummte. Zweimal durfte sie sogar schon ohne väterliche Patronage mitspielen. Doch nur wenige Monate vorm Sprung zum Teenager, der die Verwertungslogik empfindlich stören könnte, wird das väterliche Einflussgebiet um die Hauptklimazone deutscher Massenbespaßung erweitert: Emma Schweiger moderiert eine TV-Show.
Und zwar nicht irgendeine: Das Spiel beginnt!, Samstagabend, ZDF, Gottschalkzone, nur an der Seite von Johannes B. Kerner, dem letzten großen Stammeshäuptling am erlöschenden Lagerfeuer der Fernsehnation, und beim Zusatz Große Show von 3 bis 99 dürften selbst Waldmeistergummibärchen erblassen. Vor Neid, vor Scham. Emma S. mag hier ja vier Stufen die Lebenslaufleiter auf einmal nehmen – noch vorm sichtbaren Einsetzen der Pubertät eine so profane wie aufgeblasene Kulleraugensause um mehrzweckhallengroße Brettspiele zu präsentieren – mit Verlaub: das muss den Fratz fürs Leben versauen wie so viele ihrer Altersgenossen unterm Brennglas des Rampenlichts, hießen sie nun Macauley Culkin, River Phoenix oder Tatum O’Neal. Aber wir wollen es nicht beschreien, was dem Spross des larmoyanten Spaßfabrikanten neben den üblichen Panelpromis von Veronica Ferres bis Bülent Ceylan widerfahren könnte. Wir wollen uns stattdessen der Mechanik einer Branche widmen, in der Til Schweigers Vetternwirtschaft nicht Ausnahme ist, sondern Regel.
Denn so wie der erfolgreichste Vetternwirt drei seiner vier Abkömmlinge siebzehnmal in Eigenprodukte geschleust hat und mehrfach in fremde, so halten es auch viele seiner Kollegen. Der Ex-Kinderstar Fritz Wepper zum Beispiel hat Tochter Sophie 1991 bereits als Zehnjährige zwischen die Kommissaren Klein und Derrick geklemmt, ein Schraubstock, dem sie auch mit 33 kaum je entkommen ist. Ähnliches gilt für Wolfgang Stumphs Stephanie, Robert Atzorns Jens, Martin Semmelrogges Justin. Und da ist noch nicht mal von Familie Ochsenknecht die Rede, der es geschafft hat, zwei optisch, nun ja, ungewöhnliche Jungs mit realsatirischen Echtkünstlernamen Jimi Blue und Wilson Gonzales bar jeden schauspielerischen Geschicks, gar Handwerks zu lukrativen Stars des Kinderkinos zu machen, mit ersten Ausflügen in das der Altvorderen.
Hierin ruht allerdings – abgesehen von ehrbaren Dynastien à la Millowitsch, Hörbiger, Thalbach oder erblich belasteter Ausnahmetalente wie Hannah Herzsprung – auch das einende Element vieler Steigbügelgören des heimischen Films: Es sind keine Schauspieler! Und falls praktische Beharrlichkeit etwas in diese Richtung bewirkt, sind es allenfalls schlechte, Tendenz miserable. Der beste Beweis heißt Luna. Wie im richtigen Leben spielt sie am Hamburger Tatort Til Schweigers Älteste und ist damit trotz des Realitätsbezugs so heillos überfordert wie zuletzt Berti Vogts als Kommissar Stoevers Zeuge 1999 am gleichen Drehort.
Dass sie und ihre namensprivilegierten Kollegen am Rande der Kompetenzverweigerung dennoch reihenweise gut dotierte Kameraeinsätze haben, folgt demnach einer Mixtur aus Nepotismus, Niedlichkeitsfaktor und Hamsterradmentalität. Emma Schweiger – seien wir fair! – ist in all ihren wahrnehmbaren Einsätzen seit Keinohrhasen so süß wie der Honig im Namen ihrer aktuellen Komödie. Sie kann, beteuern sämtliche ausgebildeten Begleiter dieser lebenslangen Karriere pflichtschuldig, ganze Sets mit ihrer Herzlichkeit bereichern. Und fraglos wird sie das nächsten Samstag auch an der Seite des Vaters von vier leiblichen und Millionen zuschauenden Kindern (JBK) tun. Ein echter Sonnenschein eben. Nur würde ihn niemand außerhalb ihres Sichtfeldes je spüren, hätte sie die handelsübliche Prozedur aus Castings, Vorsprechen, Agentureintrag über sich ergehen lassen.
Doch eine Schweiger braucht kein Management; es reicht die Marktmacht des Vaters, der schon mal vom eigenen Filmpreis faselte, weil ihm außer banalen Bambis partout kein anständiger in die Hände gerät, dank gewaltiger Zuschauerzahlen all seiner Filme aber derart einflussreich ist, dass er für den plumpen Slapstick unter eigener Regie reihenweise Charakterdarsteller gewinnt. So einer darf alles. Sogar seine radebrechenden Kids mit Drehzeit versorgen, von der begabte Darsteller nur träumen können. Ihm nachzuweisen, dass er auch bei Kerners Brettspielshow die Finger im Spiel hatte, bedarf da gar keines Beweises. Til Schweiger hat das nicht mehr nötig. Die nehmen Lunalilliemma auch so.
Dokudrama: Meine Tochter Anne Frank
Posted: February 18, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentAnnas Lachen
Nicht nur dank der jungen Mala Emde ist Raymund Leys Meisterwerk Meine Tochter Anne Frank (18. Februar, 20.15 Uhr, ARD) mehr also bloß ein Dokudrama. Es ist der experimentelle Beweis, wie kraftvoll die Hoffnung selbst im Untergang dargestellt werden kann, ohne dabei auf Geigenteppiche und Tränendrüsen zu drücken.
Von Jan Freitag
Der Ernst des Lebens, so denken nicht nur Miesepeter und kleine Geister, verträgt kein Lachen. Lachen nehme ihm Würde, Tiefgang, die Feierlichkeit. Schon gar nicht zieme es den großen Menschheitsdramen, von Tod und Trauer bis Katastrophen, Völkermord, solchen Kalibern. Von wegen! Erst wo der Spaß aufhört, rotzte der Kabarettist Werner Finck der Gestapo entgegen, „beginnt der Humor“. Denn so schlimm es auch sein mag, in einem Land zu leben, wo es keinen gibt, ergänzte seinerzeit Berthold Brecht: Noch schlimmer sei es doch dort, wo „man Humor braucht“. Zum Beispiel in der Prinsengracht 263.
Hinter einem Aktenregal inmitten der Amsterdamer Innenstadt versteckte sich vor gut 70 Jahren: Anne Frank. Sie tat es mit sieben Leidensgenossen, auf engstem Raum, notdürftig versorgt von einer Handvoll Aufrechter, mehr als zwei Jahre lang. Vor allem aber tat sie es nicht dauernd missgelaunt und wütend, sondern mal trübsinnig, mal froh, oft sprunghaft, herrlich unbefangen, wie Teenager eben so sind. Um das zu begreifen, ist es ein Segen für Spätgeborene, dass sie nun von einer nahezu Gleichaltrigen gespielt wird, die sich nicht nur in das Leben ihres Charakters versetzt, sondern förmlich hineinkriecht. Mit allem, was dazu gehört.
Sie heißt Mala Emde und ist ein echter Glücksfall fürs deutsche Dokudrama, das bei der Zeichnung zeitgeschichtlich verbriefter Figuren aus schwieriger Zeit gern in saftigem Pathos verseift. Mala Emde verseift nicht, sie versenkt auch niemanden, schon gar nicht die erste echte überlebensgroße Hauptfigur nach allerlei Nebenrollen der Achtzehnjährigen aus Anne Franks Geburtsstadt Frankfurt am Main. Das liegt an der Nachwuchsschauspielerin selbst, die der berühmten Tagebuchschreiberin eine Empathie verleiht, die bisweilen leicht über den Punkt erscheint, aber grad darin all die Hoffnung und deren Fehlen jener furchtbaren Epoche verdeutlicht. Mehr aber noch liegt es an Raymund Ley.
Nach wohltuend dezenten Realitätsinszenierungen von der Hamburger Sturmflut vor elf Jahren bis hin zum Kunduz-Drama Eine mörderische Entscheidung (2013) hat sich der renommierte Dokumentarfilmer dem Hinterhausexil des berühmten NS-Opfers gewidmet und siehe da: es ist ein großer Film geworden, Tendenz Meisterwerk, frei von Geigenflor und dramaturgischem Doppelfettstufenquark vergleichbarer Filme übers Allzeitthema des Historienevents.
Dank der lebenslustigen Mala als Anne. Fast mehr aber noch dank ihres Vaters Otto, der die Erinnerungen nach seiner Rückkehr aus Auschwitz frei von kommerziellem Denken lebendig hält, gespielt von einem anmutig verkarstenden Götz Schubert, der diese Figur mit einer Hingabe spielt, die selbst am Flachbildschirm körperlich spürbar wird. Und dann wären da noch die sechs anderen Mitbewohnern des Hinterhauses, verkörpert von ungeheuer anteilnehmenden Mimen. Mit all ihrer Hilfe gelingt Ley ein experimentelles Biopic, dass nie der Verlockung verfällt, auf Mitleid zu bauen. Im Gegenteil – wenn um Annas Schreibtisch herum surreale Bilder jener Gedanken sichtbar werden, die sie gerade ihrem Tagebuch anvertraut, wenn die Gefühlsflut der Pubertät den Damm der Kerkermauern hormonsatt durchbricht, wenn ihre Lebenslust bei der Tristesse ringsum trotzt wie ein Krokus dem österlichen Wintereinbruch, dann werden nicht die üblichen Salbungen am verschütteten Tätergewissens vollführt. Dann wird die Untat doppelt verwerflich.
Leys kammerspielartige, zeitzeugenflankierte, fabelhaft fotografierte Daueremotionalisierung des Themas ist schließlich kein billiger Kleister, der unsere Geschichtsvergessenheit eskapistisch übertapeziert. Sie dient der nachhaltigen Demaskierung eines Zivilisationsbruches, der – sorry, liebe 58 Prozent Schlussstrichfans – noch ewig thematisiert wird. Werden muss. Gern mit einem Lachen.
Durch die Nacht mit … Polak & Haftbefehl
Posted: February 11, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentProvokateure unter sich
Kurz nach dem 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung schickte Arte den jüdischen Komiker Polak Durch die Nacht mit… dem kurdischen Rapper Haftbefehl. Das macht die 125. Folge der Reihe traurig und fabelhaft zugleich, weiterhin zu sehen in der Arte-Mediathek.
Von Jan Freitag
Und dann, ganz plötzlich, gibt es ihn doch: den ersten Moment annähernder Wahrhaftigkeit. Eine Dreiviertelstunde ist der deutsch-kurdische Rapper Haftbefehl schon im Auftrag von Arte Durch die Nacht mit… dem deutsch-jüdischen Standup-Komiker Oliver Polak gefahren, ohne dass einer das Rolltor der Selbstgerechtigkeit hinter dunklen Sonnenbrillen hochgefahren hätte. Das Begegnungsformat des Kulturkanals ist längst zum Entfremdungsformat mutiert – da macht der Humorberserker einen Religionswitz zu viel. Moschee, sagt er grundlos, „das klingt für mich immer wie Muschi“. Treffer!
Versenkt wird indes nicht der Gläubige mit Moscheebezug an Polaks Seite, sondern der Possenreißer selbst. Fast. Kurz nämlich erinnert Haftbefehls Seitenblick an die Posen seiner Videos, in denen er vor finsteren Ghettokids den Hurensöhnen, Bitches, Pussycats „Russisch Roulette“ androht. Wäre keine Kamera im Wagen – wer weiß, ob der Sprechsänger dem Antisemitismus seiner Texte nicht auch mal physisch ihren Lauf gelassen hätte.
Doch darum ging es Arte ja, als e die Jubiläumsfolge ihrer famosen Reihe so nah am 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung ausgerechnet mit einem jüdischen Berufszyniker und einem Gangsterrapper dieser Herkunft programmiert hat: Um Konfliktpotenzial. Seit Christoph Schlingensief 2002 mit Christian Thielemann zum Auftakt durch Berlin fuhr, gab es 125 solcher Nächte. Die Paare waren mal überraschend harmonisch wie Götz Alsmann und Roland Kaiser, mal überraschend disharmonisch wie Tom Schilling und Olli Schulz, mal einfach nur fehlbesetzt wie H.P. Baxxter und Heinz Strunk. Stets aber steckte auch in offensichtlicher Differenz ein Keim gegenseitiger Anziehungskraft.
Bis jetzt.
Denn Polak und Haftbefehl hassen einander von Herzen, das wird bereits klar, als ersterer letzteren an einem Frankfurter Imbiss mit Blumen begrüßt. Sie tun es allerdings gar nicht mangels Sympathie; schließlich teilen beide den Markenkern der Provokation um ihrer selbst willen. Nein – ihr Hass auf andere entsteht vor allem aus maximaler Selbstverliebtheit. Dummerweise ist auch sie bloß wieder Pose zweier Rampensäue, die jedes echte Gefühl unter der Coolness ihrer Pointen verscharren. Nur: genau das macht die Fahrt über Hessens Großstadtkieze und Rummelplätze ja so sehenswert. Gewährt es doch abgrundtiefe Einblicke ins Wesen männlicher Selbstfindung zwischen tradiertem Rollenklischee und modernem Anspruch.
Als Polak kurz vor Schluss seine Depression erwähnt, unterbricht ihn Aykut Anhan alias Haftbefehl mit „ich hatte auch schon Depris“, was allerdings weniger Ausdruck von dessen Ignoranz ist als von Polaks Sendungsbewusstsein, das mit der Scheinoffenbarung bloß das zugehörige Buch bewerben will. So bleiben die beiden Gefangene jenes Bilds, das sie zwanghaft von sich zeichnen zu müssen glauben, um sich der eigenen Identität zu versichern. Das ist zwar ziemlich deprimierend, aber auch ganz schön unterhaltsam. Außer für Polak und Anhan. Die wollen nur, dass es bald vorbei ist. Mit dieser Nacht.
Murat Kurnaz: 5 Jahre Leben
Posted: February 4, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentTyrannei und Freiheit
5 Jahre Leben (Freitag, 20.15 Uhr, Arte) ist nicht bloß nur ein Spielfilm übers unsagbare Leid des Bremers Murat Kurnaz in Guantanamo, sondern ein Lehrstück darüber, wie tyrannisch Demokratie wird, wenn sie vor Angst durchdreht.
Von Jan Freitag
Nein, Angela Merkel wird 5 Jahre Leben nicht sehen. Auch Frank-Walter Steinmeyer, Brigitte Zypries, Wolfgang Schäuble, Otto Schily und ein gewisser Thomas Röwekamp dürften den Film übers völkerrechtswidrige Martyrium des Folteropfers Murat Kurnaz im amerikanischen Foltergefängnis Guantanamo bei Arte ebenso meiden wie sie ihn zuvor im Kino gemieden haben. Andernfalls müssten die Bundespolitiker und ihr Kollege aus der Bremer Innenbehörde vor Scham im Boden versinken oder besser noch: dem Bündnispartner USA abschwören wie einem gewöhnlichen Schurkenstaat.
Denn nichts anderes sind die Vereinigten Staaten, falls an jenen 90 Minuten, die heute endlich im Fernsehen laufen, auch nur ein paar der Wahrheit entsprechen. Und das tun sie, die USA verhehlen schließlich gar nicht, dass sie Bürger fremder Staaten willkürlich und illegal als „ungesetzliche Kombattanten“ auf unbestimmte Zeit einkerkert. Die deutsche Exekutive weiß das, sie wusste es schon, als der Kleingangster Kurnaz mit Kontakt zu den falschen Leuten ohne Rechtsgrundlage ins furchtbarste Gefängnis der Welt kam.
Und was taten Bundesregierung und BND, Politiker wie Geheimdienstler? Nichts. Bis auf besagten Bremer Innensenator, der dem türkischen Staatsbürger die Aufenthaltserlaubnis entzog, weil er sich zwischen Isolationshaft und Misshandlung nicht um deren Verlängerung bemüht hatte. All dies sind schrecklich gute Gründe, 5 Jahre Leben zu sehen. Ein weiterer ist: die Adaption von Murat Kurnaz‘ Biografie zählt zu den besten Verfilmungen realer Ereignisse, vergleichbar allenfalls mit Romuald Karmakars Der Totmacher.
Dafür braucht Stefan Schaller weder Knalleffekte noch Geigenteppiche, ja nicht mal allzu explizite Gewaltdarstellungen oder Gefühlsausbrüche. Dem jungen Regisseur reichen zwei grandiose Darsteller und die Wahrheit, um zu zeigen, dass die USA nebst Verbündeten wie die Bundesrepublik Rechtstaatlichkeit und Demokratie bereitwillig aufgeben, sobald es machtpolitisch geboten erscheint. Mehr noch: in eineinhalb Stunden demaskiert Schallers Langfilmdebüt das System amerikanischer Militärjustiz im „War on Terror“ als menschenverachtend, rassistisch, totalitär, barbarisch, in – bei allem Respekt den Opfern der deutschen Erfinder gegenüber – einem Wort: faschistoid.
Denn im eindrücklichen Kammerspiel zweier Gegner abseits jeder Augenhöhe, zelebriert der Film das Gegeneinander von selbsterklärten Herren- und erniedrigten Untermenschen so intensiv, dass jede Sekunde Verhör schon beim Zusehen schmerzt. Der Berliner Sascha Alexander Geršak füllt seinen Murat Kurnaz dabei mit einem so zähem Fatalismus, als wäre er selbst dieser 19-Jährige vom Bremer Kiez in den Fängen seines amerikanischen Peinigers Gail Holford (Ben Miles), der die Regeln von Humanismus, Logik und Empathie auch dann noch außer Kraft setzt, als ihm längst klar wird, dass sein Opfer unschuldig ist. Dass Schlafentzug, Schläge, Isolation keinerlei Erkenntnisse erbringen. Dass alles Leid nur um seiner selbst willen geschieht. Um das System am Laufen zu halten.
Denn das bedient sich im Namen der Freiheit unverhohlener Gestapo-Methoden. Dies ohne schrille Töne und erhobene Zeigefinger, einfach nur mit den Mitteln famoser Schauspieler im Ambiente der Unmenschlichkeit zu zeigen, ist ein Verdienst aller Beteiligten bis hin zur genialen Kameraführung von Armin Franzen. Mitschuldige von Steinmeyer bis Schäuble werden sich das wohl trotzdem nicht ansehen. Zu sehr sind sie selber Täter.
Unter Gaunern: gut gemeint & schlecht geklaut
Posted: January 28, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentHeiter bis Heulen
Mit Unter Gaunern (ab Dienstag, 18.50 Uhr) bleibt der ARD-Vorabend weiter im Würgegriff billiger Scherze übers Verbrechen. Dabei hat die Geschichte der kriminellen Sippe Schulz durchaus Potenzial und ist auch bei weitem nicht so schlimm wie die üblichen Schmunzelkrimis auf diesem Sendeplatz, verliert sich aber in Kalauern.
Von Jan Freitag
Seit das Fernsehen Leitmedium ist, hat jede neue Zeit ihre ganz eigenen Serien. Sie handeln von den Straßen einer kriminellen Stadt und einfachen Farmern am Ackersaum der Weltwirtschaftskrise, von texanischen Ölbaronen der Ära Reagan oder Chemielehrern, die ein zerrüttetes Land mit Chrystal Meth versorgen. Heute zum Beispiel, im Würgegriff wechselnder Katastrophen, wandern bisexuelle Managerinnen wegen Geldwäsche in den Knast und Ostküstenmafiosi ins norwegische Exil, während Zombiehorden durch verwaiste Häuserschluchten staksen und machtgeile Politiker unter noch machtgeileren Kollegen um ein Maximum an Macht ringen. Es sind traurige, triste, oft deprimierende und dennoch manchmal federleichte Serien, die das Fernsehen aus aller Welt grad erzählt. Vor allem aber sind es vielschichtige, tiefgründige, hinreißende Serien, über die man mal lachen, mal weinen, aber immer staunen kann.
Außer vielleicht in Deutschland.
Dieser dicht bevölkerte Flecken Erde im Herzen Europas mag gesegnet sein mit dem reichsten öffentlich-rechtlichen Rundfunk überhaupt, geschaut von einem Publikum, das seinem linearen Programmangebot unverdrossen die Treue hält – wenn hierzulande Fiktion in Reihe entsteht, ist sie meist nur dann zum Weinen, wenn eigentlich gelacht werden soll und umgekehrt. Man kann das wunderbar an einem gewöhnlichen Dienstag im Frühjahr begutachten, wenn auf die bieder-bräsige Klerusserie Um Himmels Willen die bieder-bräsige Arztserie In aller Freundschaft folgt, was beides fortan im Anschluss einer neuen Krimiserie zu sehen ist, die mit bieder-bräsig noch milde umschrieben wäre.
Sie heißt Unter Gaunern und läuft fortan dort, wo deren Produzent Michael Polle die „Todeszone“ des Tages verortet: am Vorabend. Jenem Zeitraum also vor der „Tagesschau“, in dem das Erste einen Großteil seiner Werbeeinnahmen erzielt. Um dies endlich mal mit etwas mehr Niveau als bei den üblichen Schmunzelkrimis auf diesem Sendeplatz zu tun, wollte Polle wie gewohnt Heiterkeit liefern, dabei aber „was Schönes, Eigenes“ machen. Das wäre dann allerdings schon der beste Witz der acht Folgen. Denn Unter Gaunern, so viel vorweg, ist schlicht zum Heulen. Dabei ist die Geschichte im Grunde ganz apart. Anders als im mordlüsternen Gesamtangebot zwischen Heiter bis tödlich und dem 1000. Tatort stehen hier mal keine Ermittler im Mittelpunkt, sondern die Täter: Familie Schulz aus Bremen, vier Kleinkriminelle mit großem Berufsethos (keine Waffen, keine Drogen) und einem Problem: Tochter Betty schlägt aus der Art und wird Polizistin. Heimlich. Klänge nett, käme es denn aus, sagen wir: Dänemark.
In Deutschland indes ist alles, wirklich alles daran so bräsig und betulich, so halbherzig, fast feige, dass die nachfolgenden Nonnen vom Kloster Kaltenthal geradezu unterhaltsam sind – machen die doch wenigstens keinen Hehl daraus, Zielgruppenbespaßung fürs Stammpublikum über 66 zu machen. „Unter Gaunern“ hingegen soll nicht nur „erfrischend frech und herrlich unkorrekt“ sein, sondern auch noch junge Zuschauer in die Todeszone locken. Und zwar mit folgenden Methoden: Betty, bemüht, doch überdreht gespielt von Pastewkas Filmnichte Cristina do Rego, hat einen Raben als Haustier und spricht aus dem Off zu uns Opfern dieser Billigkopie von allem, was sich anspruchsvolle Produzenten gar nicht erst zu drehen trauen. Für Doofe erklärt sie also andauernd die Story vom weißen Schaf unter den schwarzen ihrer Sippe, in der sich Vater Bruno (Jophi Ries) als Schmuggler betätigt, Opa Frans (Peter Franke) Kunstwerke kopiert, Enkel Moritz mit Steroiden handelt und Mutter Jette den Verbrecherladen zusammenhält. Dazu gibt es putzige Bullen wie die kettenrauchende Kommissarin Wolff (Barbara-Magdalena Ahren), geklaute Witze à la Hasch auf Lieferpizza (Lammbock) oder Frettchen in der Hose (The Big Lebowski), hineingestopft von Russenmafiosi, die untereinander Deutsch mit russischem Akzent reden, während die Bremer breitestes Hamburger Idiom pflegen, weil das wohl irgendwie ruppiger klingt. Was es jedoch nicht gibt, ist die kleinste Prise Mut, das Dauerthema Kriminalität mal abseits handelsüblicher Kalauer einzusetzen. Als Vehikel zum Beispiel, der Gesellschaft aufrichtig in tiefere Schichten zu folgen.
Stattdessen wird das Verbrechen permanent banalisiert, um es vorabendtauglich zu machen, ohne gleich ganz darauf zu verzichten. „Die Bullen damals“, erinnert sich Opa Frans an seine kriminelle Frühphase, „Das waren noch andere Kaliber“. Die hätten noch scharf geschossen, „nicht so schwule Gummigeschosse wie heute“. Das ist zwar nicht halb so schlimm wie die sprechenden Namen von Fuchs bis Gans der Schmunzelkrimis an gleicher Stelle, aber doch weit schlimmer als öffentlich-rechtliches Fernsehen sein müsste, würde man sich und anderen mal was zumuten. Und sei es, ganz ohne Krimi.
Arte-Tandem: Deutsche, Franzosen & AKWs
Posted: January 7, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDifferenz und Einklang
Mit seinem Tandem zweier Filme zum Thema Atomkraft will Arte die Filmtraditionen seiner Partnerstaaten zeigen, ohne in Klischees zu verfallen. Der deutsche Thriller Tag der Wahrheit mag dabei ganz anders wirken, wie die französische Komödie Das gespaltene Dorf. Was überwiegt, sind dennoch die Gemeinsamkeiten.
Von Jan Freitag
Anspruchsvolles Fernsehen, auf diesen gemeinsamen Nenner kann man sich einigen, fordert sein Publikum mit dem Ungewöhnlichen, Unverhofften, Unfassbaren. Erfolgreiches Fernsehen dagegen, auch der größere Nenner scheint unumstritten, versorgt seine Zielgruppe mit spannender, emotionaler, konsenstauglicher Unterhaltung. Wirklich gelungenes Fernsehen mit Erfolg und Anspruch dagegen schafft all dies mitunter in einem. Also doppelten Mehrwert, eine Art Zweikomponentenkleber des Entertainments, man könnte es Tandem nennen.
Auf so einem kommt Arte nun zum Jahresauftakt ins Wohnzimmer geradelt. Gemeinsam mit dem SWR haben die Partnerstaaten des deutsch-französischen Kulturkanals zwei Filme zum gleichen Thema gemacht, um „mehr über die Traditionen, Vorzüge und Eigenheiten der Nachbarländer zu erfahren“, wie es Arte-Präsidentin Véronique Cayla und ihr Vize Gottfried Langenstein beschreiben. Es geht ums Reizthema Atomkraft, das beiderseits des Rheins höchst unterschiedlich bewertet wird. Während sich östlich davon mehr als die Hälfte der Bevölkerung für einen Ausstieg ausspricht, ist es im Westen kaum jeder Fünfte. Zugleich allerdings sind die Energiebranchen beider Länder eng miteinander verflochten. Ein Widerspruch, so scheint es. Doch was, fragen Cayla und Langenstein, „könnte vielversprechender für eine spannende Film-Story sein als widersprüchliche Situationen und Charaktere?“.
Vor diesem Hintergrund sind zwei überaus verschieden Fernsehfilme entstanden, in denen es um große Themen wie Wahrheit, Lüge, Macht und Ohnmacht, aber auch um Liebe, Freundschaft, Solidarität. Zum Auftakt inszeniert Tag der Wahrheit unter deutscher Federführung die gewaltsame Besetzung eines störanfälligen Kernkraftwerks nahe der gemeinsamen Grenze. Danach geht Das gespaltene Dorf vorwiegend von Franzosen verantwortet auf Endlagersuche im Dörfchen Saint-Lassou Stelle. Die politische Ausgangslage ist also ähnlich, die filmische Umsetzung schon weniger.
Im Politthriller der Münsteraner Regisseurin Anna Justice geht es nach dem Drehbuch von Johannes Betz (Die Spiegel-Affäre) ernsthaft um den gefeuerten AKW-Arbeiter Kollwein (Florian Lukas), der zwei Jahre nach dem Tod seiner leukämiekranken Tochter den alten Arbeitsplatz mit einer Kernschmelze bedroht, falls die Betreiber nicht öffentlich ihre Schuld gestehen. Unterstützt wird er dabei von Staatsanwältin Marie Hoffmann (Vicky Krieps), die inmitten der Vorbereitungen zum Sturm des Meilers gegen das Vertuschen zahlloser Störfälle ermittelt. Trotz der Hilfe des Polizisten Jean-Luc (Benjamin Sadler) steuert der Kampf gegen die Uhr unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu. Kein Wunder, dass es wenig zu lachen gibt.
Im Gegensatz zum frankophonen Beitrag. Regisseur Gabriel Le Bomin hat sich – mit seinen Co-Autoren Eric Eider und Ivan Piettre – nicht nur eine leichtere Version des strahlenden Sujets geschrieben, er realisiert sie auch strikt komödiantisch. Auf der Suche nach einem Bergwerk zur Endlagerung atomarer Abfälle, reist Ingenieur Antoine (Laurent Stocker) von Paris aus in die idyllische Provinz und erlebt dort sein grünes Wunder. Bürgermeisterin Anne (Katja Riemann) ist nämlich eine eifrige Streiterin für die Umwelt und bläst zum Widerstand gegen den dubiosen Kernkraftkonzern AERA. Weil Stockers Auftraggeber dem klammen Dorf jedoch Geld, Arbeit und Wohlstand verheißen, rasseln die Ideologien mit fröhlichem Schwung aneinander.
Hier Action, dort Humor. Östlich des Rheins die bleischwere Last der Realität, westlich davon in federleichte Lässigkeit verpackt. Aus Deutschland (wie so oft) eine atmosphärisch bedrückende Kriminalstory im Stile von James Bridges prophetischem GAU-Drama Das China-Syndrom kurz vorm Störfall von Harrisburg 1979. Aus Frankreich (wie noch öfter) ein munteres Sozialdrama im Gedenken an Bill Forsyths Heimatschutzposse Local Hero, in der es die geplante Raffinerie eines Ölkonzern 1983 mit ähnlich verschrobenen Bewohnern der schottischen Küste zu tun kriegt.
Die Fahrer des Tandems steuern also in verschiedene Richtungen. Scheinbar. Doch es geht bei dem Projekt keinesfalls nur um Differenzen. Es geht auch um Gemeinsamkeiten. In knapp vier Stunden Action rings ums besetzte AKW biete ihr Film „wenig Raum für typisch Deutsches oder typisch Französisches“, meint die deutsche Regisseurin. Ihr französischer Kollege fügt hinzu, auch bei ihm gebe es statt national geprägter Figuren „Menschen, deren Gedanken und Gefühle wir teilen“.
So sehr sich die Filme also um soziokulturelle Distinktion und Eigenart bemühen, vereint beide doch mehr als sie trennt. Abgesehen von der Vorgabe, zwei originelle, aber unterschiedliche Filme zum gleichen Thema zu drehen, erinnert sich der Gabriel Le Bomin, „gab es kaum Auflagen“. Doch beide Teams, ergänzt Anna Justice, standen von Beginn an in so engem Kontakt, dass sich „ungewöhnlich viele Leute“ über finale Drehbuch- und Schnittfassungen ausgetauscht hätten. Gedreht wurde zudem überwiegend im südbadischen Dreiländereck der französischen Region Limousin. Und da ist noch nicht mal von den Darstellern die Rede.
Denn der französische Starkomiker Laurent Stocker ist ebenso in beiden Filmen zu sehen wie seine deutsch-luxemburgische Kollegin Vicky Krieps. Anders als das beliebte Mitglied der Comédie Française stellt sich die junge Dramatikerin, zuletzt als Holocaustopfer im Kammerspiel Das Zeugenhaus zu sehen, zumindest in Tag der Wahrheit gegen die Machenschaften der Atomwirtschaft. Die kommt im energiewendenden Deutschland schließlich ohnehin spürbar schlechter weg als im kernkraftfrohen Frankreich. Es überrascht daher wenig, dass der Laurent Stocker – als Sicherheitschef und Atomlobbyist – in beiden Filmen auf Seiten der Meiler steht, während die fundamentaloppositionelle Gegnerin des geplanten Endlagers ebenso wie die skeptische Staatsanwältin im Thriller nicht nur von Deutschen gespielt werden, sondern sogar Deutsche sind.
Auch für Krieps Rolle war ursprünglich übrigens Katja Riemann im Gespräch. „Nur wollten die Deutschen mich nicht“, sagt sie lachend. „Im Gegensatz zu den Franzosen“. Mit denen zu drehen unterscheide sich aus Sicht der Charakterdarstellerin wenig. „Filmleute sind überall auf der Welt gleich“, sagt Riemann. Nachdem sie vor 15 Jahren für die Filmbiografie Balzac erstmals in Frankreich vor der Kamera gestanden hatte, sei somit auch diese Erfahrung „fantastisch“ gewesen. Und zwar auch wegen des Themas. Hält Riemann Atomkraft doch für „gefährlich und zu absurd, um überhaupt erfunden zu werden“. Vor allem aber, gehe es sie nicht nur sie persönlich an, „sondern alle“.
Und das deutsch-französische Tandem leistet seinen Beitrag, dass es beiderseits des Rheins wieder mehr wahrgenommen wird. Mit zwei verschiedenen Filmen zum gleichen Sujet: einer zum Lachen, einer zum Fiebern, beide eng verwoben und gerade in Kombination nachhaltig wirksam. Ein filmisches Experiment über das der Kernenergie, nur ohne tödliche Nebenwirkungen. Und trotz hoher Halbwertszeit: Endgelagert werden muss das anspruchsvolle Projekt mit Aussicht auf Erfolg wohl nie.
Donnerstag: Tag der Wahrheit; Freitag: Das gespaltene Dorf, jeweils 20.15 Uhr, Arte
Das Fernsehjahr: 2014 & 2015
Posted: December 31, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentKatzen, Götter, Weltherrschaft
Das Fernsehjahr 2014 war mal schön, mal schlimm, also immerhin abwechslungsreich. Ein Rückblick mit Aussicht auf das, was kommt.
Von Jan Freitag
Der Mensch an sich mag Happyends. Vor die Wahl gestellt wird, erst die gute oder schlechte Nachricht zu hören, entscheidet er sich daher stets für letztere, um erstere hernach zu lindern. Auch das Fernsehen funktioniert so. Oder gab’s 2014 eine messbare Anzahl Filme ohne seligen Ausgang? Eben! Wer das TV-Jahr resümieren will, tut also gut daran, mit den schlechten News zu beginnen, was das Medium unerträglich macht und nicht für Um-, sondern Abschaltimpulse sorgt.
Genau das dürfte passiert sein, als das ZDF zum Auftakt Sascha Hehn auf die Traumschiff-Brücke beorderte und Josefine Preuß als Pilgerin in eine öffentlich-rechtliche Kopie der kommerziellen Wanderhure. Als Gebührenzahler dachten da viele, schlimmer könne es nicht kommen. Doch es kam schlimmer, viel schlimmer. Inspector Jury belegte an gleicher Stelle, wie viele Klischees in einen einzigen Serienpiloten passen. Im April machte die ARD Daniela Katzenberger zur Heldin des Mundartkrimis Frauchen und die Deiwelsmilch und vergaß vor der Mediatoren-Serie Paul Kemp, einfach mal mit einem Mediator zu sprechen, wie das Mediatieren überhaupt geht. Das Zweite dagegen vergaß zugleich, dass miese Bücher wie Friesland dank Florian Lukas allein nicht lustig werden. Und bei solch teurer Neuware ist noch nicht mal von Billigkopien die Rede, mit denen viele Kanäle selbige verstopfen. Nach EWG und Dalli, Dalli wurden nun Geld oder Liebe und Am Laufenden Band aus der Gruft gezerrt, was JBK an Einfallslosigkeit aber übertraf, als nicht wie versprochen das Publikum wählte, wer Deutschlands Beste seien, sondern die Präsenz der Prämierten im Studio.
Man könnte noch mehr aufzählen, viel mehr. Jene Fempics zum Beispiel, mit denen Frauen wie der Grundgesetzmutter Selbert oder der Chemikerin Immerwahr Filmdenkmale gesetzt werden sollen, die zu Zeugnissen pathetischer Ödnis gerieten. Man könnte sich den Privaten widmen, die ihren Hang zum dramaturgischen Durchfall mit von Knastarzt, Bachelorette und Henning Baum als Götz von Berlichingen (RTL) bis hin zu Hebammen, Schlikker-Frauen und Wayne Carpendale bei Deal or no Deal (Sat1) bewiesen. Man könnte sich aufregen über Pro7, wo Elton Millionäre wählen ließ, oder Vox, wo Schwarze unter Einsatz rassistischer Stereotypen zu Eisläufern trainiert wurden. Man könnte also permanent klagen – oder endlich zu den guten Nachrichten kommen.
Denn davon gab es auch 2014 genug. Etwa, dass man eine hirntote Serie wie „Fall für zwei“ mit frischem Personal beleben kann, was satirisch auch bei der Anstalt gelang. Oder dass Vox die fremdschamfreie Musikshow Sing my Song gelungen ist. Auch dass Dominik Graf seine Sehenswürdigkeit Die reichen Leichen im BR uraufgeführt hat. Und dass Krimi dank des Theater-Tatorts Im Schmerz geboren, ganz zu schweigen von Roeland Wiesnekker als Täter ohne Opfer in Mörderische Hitze doch überraschen kann. Wenngleich weniger als Francis Fulton-Smith. Wie Kai Wiesinger als Christian Wulff (Sat1) spielte er Franz-Josef Strauß in der Spiegel-Affäre so überzeugend, dass die Realität durch den Bildschirm blickte und sprach: Das bin ja ich!
Charly Hübner als überforderter DDR-Grenzer an der „Bornholmer Straße“, Matthias Brandt als viril scheiternder Präsidentschaftskandidat (Männertreu), Ulrich Tukur als pädophiler Odenwald-Direktor und ein grandioses ZDF-Ensemble im Entnazifizierungskammerspiel Zeugenhaus – sie alle machen Wirklichkeit fiktional so fühlbar, dass die Grenze zur Dokumentation verwischt.
Wenn auch nicht ganz. Dafür sorgte vor allem Arte, wie in der Reportage 24 Stunden Jerusalem, im Weltkriegspuzzle 14 Tagebücher oder im Summer oft the 90s mit Scooter als Moderator eines aberwitzigen Jahrzehnts. Auch die Muttersender zeigten da Bemerkenswertes. Doch so manch famoser Sachfilm à la Putins Spiele legte gleichsam ein Dilemma offen: Um die deutschen Medaillenträume nicht zu stören, lief die fabelhafte Demaskierung des olympischen Irrsinn von Sotschie zur Nacht. Ähnlich war es bei der Fußball-WM, wo die hyperpatriotischen Jubelperser vom schlichten Hasan Salihamidzic über die zappelige Britta Heidemann bis zur devoten Katrin Müller-Hohenstein belegten, dass es ARZDF nie um Sport, sondern bloß Party geht.
Wie gut, dass 2015 keine größere ansteht.
Anstehen tut dagegen der übliche ZDF-Event zum Jahresauftakt, in dem das biedere DDR-Bashing Tannbach ab Sonntag 270 quälende Minuten lang am deutschen Opfermythos bastelt. Mit der medizinischen Multikulti-Serie Sibel & Max könnte dem Zweiten dagegen tags zuvor endlich mal wieder Qualität am Vorabend gelingen. Und ab 20. Februar tritt Moritz Bleibtreu in Schirachs Schuld die würdige Nachfolge Josef Bierbichlers an. Noch was? Ach ja: Nico Hofmanns groß angekündigten Ost-West-Spionage-Achtteiler mit dem patriotischen Deppentitel Deutschland hat sich RTL gesichert, während das ZDF parallel zu Thomas Gottschalks Moderation von 50 Jahre Goldene Kamera am 27. Februar allen Ernstes über die Fortsetzung von Wetten, dass…? diskutiert. Bald darauf dann ermittelt in Nürnberg das 2863. Tatort-Team, ZDFkultur und EinsPlus wandern ins Internet, während der Ableger Neo seine erste Sitcom Im Knast produziert, gefolgt von einer Drama-Serie im US-Stil, die natürlich von der Originalquelle ansehnlicher sein dürfte, was das Breaking-Bad-Sequel Better Call Saul mit Walther Whites aberwitzigem Anwalt belegen dürfte. Bad news gewohnt zuletzt: Nachdem Amazon ab März die postapokalyptische Reihe The After im eigenen Videodienst verbreiten wird, übernimmt Netflix mit der Seriensuperpower des Marvel-Helden Daredevil die Weltherrschaft und sperrt alle Fernseher in dunkle Kellerlöcher. Frohes neues Fernsehjahr!