Wort zum Sonntag: Jubilar & Pausenclown
Posted: June 18, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDuftender Shitstorm
Als die Pastorin beim vorigen Wort zum Sonntag in der Halbzeitpause wirres Zeug über Seitenwechsel faselte, zeigte sich zweierlei: auch nach 60 Jahren bleibt die ARD-Predigt ein Kuriosum der Fernsehlandschaft, kann aber immer noch die Gemüter erregen. Eine kleine Stilgeschichte zum runden Geburtstag.
Von Jan Freitag
Es gibt so Fragen der Medienrezeption, die würden katholische Dogmatiker vom Schlag eines Benedikt wohl mit dem Bann der Ketzerei belegen. Zum Beispiel, was DSDS und Das Wort zum Sonntag gemein haben könnten. Antwort: Die Quote war bei beiden spitze, doch weder das debile RTL-Casting noch die züchtige TV-Predigt will am Ende wer gesehen haben. Kein Wunder, dass die Partylaune abseits der ARD gering ist, wenn Deutschlands älteste Sendung nach der Tagesschau nicht grad biblische, aber stattliche 60 Jahre alt wird.
Da feiert also ein Anachronismus Geburtstag, was er womöglich nur deshalb darf, weil der Rundfunkstaatsvertrag den Öffentlich-Rechtlichen „Verkündigungssendungen“ auferlegt. Seit das Transistorradio erfunden wurde und die CSU zuletzt in der bayerischen Opposition saß, reden katholische und evangelische Prediger Woche für Woche früher zehn, heute vier Minuten im Wechsel über Gott in der Höh und zusehends auch die Welt darunter. Aus einem Medium, das Konservativen anfangs sehr suspekt, eher zuwider war. Kein Wunder, dass ein Kabelbruch, der die Premiere am 1. Mai 1954 verhinderte, von protestantischer Seite als papistischer Sabotageakt gedeutet wurde.
Kein Wunder aber auch, dass der Hamburger Pastor Dittmann eine Woche später zum Auftakt noch über diese komischen Apparate in deutschen Wohnstuben rätselte, „da sprechen Menschen irgendwo, sie singen und spielen, und in einem ganz anderen Raum, Hunderte von Kilometern davon entfernt, kann man sie nicht nur hören und verstehen, sondern auch sehen und beobachten, so dass man mit ihnen im gleichen Zimmer zu sitzen meint.“ Mit Käseigel, Bier und Reval ohne (Filter) zur Hand.
Verrückte Neuzeit.
Aber die hat sich letztlich ja doch durchgesetzt – im realen Leben wie im christlichen. Heute hat man Touchpad, Smartphone, Remote mit (Internetzugang) zur Hand, wenn man zwischen Tagesthemen und Spätfilm nicht rasch genug aufs Klo gerannt ist. Und aus dem Flatscreen kommt keine psalmenreiche Andacht gottesfürchtiger Seelsorger im vollen Ornat, sondern weltliches Zeugs mit religiösen Restbezügen von Menschen, die 15 Jahre nach dem ersten Samstagswort sogar X-Chromosomen tragen durften. Annette Behnken zum Beispiel, geboren in dem Jahr, als mit der Bayerischen Mütterwerkerin Liselotte Nold die erste Frau auf der Fernsehkanzel stand, würde schon rein optisch in jede Milchschnittenwerbung passen.
Und dann spricht die telegene Mittvierzigerin das Jubiläumswort auch noch live von Hamburgs Reeperbahn. Dort also, wo Deutschland auch dieses Jahr offiziell den Eurovision Song Contest ballermannisiert. Während sich das Schlagerpartyvolk somit gerade warmgrölt fürs ESC-Finale in Kopenhagen, erzählt die doppelte Mutter Behnken im Sündenpfuhl aus Flatratesuff und Pornoschuppen mit modernem Vokabular Erbauliches darüber, was der Vater im Himmel mit den feiernden Söhnen hier unten und dem europäischen Geist mittenmang zu tun hat. Und weil das ein zugkräftiger Rahmen ist, hört ausnahmsweise mehr als jenes Zehntel der 16 Millionen Zuschauer weg, äh: zu, die das Format ohne private Konkurrenz einst hatte.
Man kann das Zielgruppenranschmeiße nennen oder Zeitgeist; in jedem Fall müht sich die Sendung, zwischen kommerzieller Spaßdiktatur und öffentlich-rechtlicher Anpassung Gehör zu finden. Wie sehr das in die Hose gehen kann, zeigte allerdings am vorigen Wochenende eine Verena Maria Kitz. In der Halbzeitpause des samstäglichen WM-Spiels faselte die Frankfurter Pastoralreferentin so betonierten Müll über Seitenwechsel, den Gläubigen doch auch daheim mal vollziehen mögen, indem sie einfach mal jemand anders das Bier holen lassen oder für kurze Zeit in die Favela ziehen, dass es einen veritablen Shitstorm hagelte – wenngleich einen eher duftenden. Denn die Reaktionen analoger wie digitaler Medien auf den unfreiwilligen Slapstick stoiberscher Art zeigten ja auch, wie sehr das Format noch Gemüter erregen kann.
Genau das hat die ARD schon immer versucht, wenngleich weniger mit Inhalten als Figuren. Unter den gut 300 Predigern standen in sechs Jahrzehnten bereits die zur Nonne konvertierte Kabarettistin Isa Vermehren vor der Kirchenkamera, natürlich der neomoralische TV-Pastor Fliege, dazu ein Hund und mit Johannes Paul nebst Benedikt gleich zwei der letzten drei Päpste. Außerdem hat Alltagssprache das Bibelzitat verdrängt und Jeans den Talar. Die Sprecher kriegen Sprach-Coaching plus PR-Schliff. Gepredigt wird von Einkaufszentren und Parlamenten, von Autobahnbrücken oder Kreißsälen. Doch der Spott vom „Hörfunk mit Passbild“, bei dem „selbst Gott einschläft“, hält sich beharrlich. Das Wort zum Sonntag, es sei eben doch Fernsehen von gestern. Klingt irgendwie schwer nach DSDS.
Sherlock: Was deutsches TV nie könnte
Posted: May 28, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentGenie im Wahnsinn
Den guten alten Sherlock Holmes zum TV-Stoff zu machen, ist wenig einfallsreich. Dass die britische Serie dennoch ungebrochen brillant ist, hat auch in den drei neuen Fällen von Sherlock strukturelle Gründe.
Von Jan Freitag
Erotik kennt keine festen Regeln. Körperliche Reize können genauso antörnen wie Sinn für Humor, Makel genau wie Makellosigkeit, riesige Muskelberge exakt wie gewaltige Intelligenz. Bei Irene Adler ist es zweifellos letzteres. Vom Mund eines Freundes auf die neue Zahnbürste zu schließen, von der Hose eines Gastes auf die Zahl seiner Hunde am Arbeitsplatz, von einem epischen Zeichencode in Sekunden auf Typ, Startzeit und Zielort einer Passagiermaschine nach Baltimore, von praktisch nichts also auf fast alles – all dies erregt sie so heftig, dass es eine besonders bekannte Intelligenzbestie an ihrer Iris ablesen kann: Sherlock Holmes, der Welt brillantester Detektiv. „Intelligenz ist sexy“, sagt also die rätselhaft schöne Irene zu Beginn der 2. Staffel von Sherlock zur schön rätselhaften Titelfigur, als er mal wieder ein schier unlösbares Rätsel löst. Und weil beide (beinahe) gleich brillant sind, fordert sie ihn in einem Ränkespiel rund um den Buckingham Palace zum Duell zweier genialer Hirne. Ein Skandal in Belgravia heißt die vierte, wie immer verwirrende und doch stets fesselnde TV-Adaption von Arthur Conan Doyles Romanen. Ab morgen Abend (natürlich erst wenn Eckart vonzu Hirschhausens Stromlinienquiz die Anspruchslosen eingeschläfert hat) laufen im Ersten die lang ersehnten Teile 7 bis 9 und auch sie sind nicht nur gewohnt großartige Transfers des berühmten Privatermittlers aus dem analogen 19. ins digitale 21. Jahrhundert; vor allem sind sie ungemein britisch. Verantwortet von der BBC nämlich. Völlig folgerichtig also das Beste, was auf dem Bildschirm schlechthin denkbar ist. Folgerichtig?
Folgerichtig! Denn wenn das angloamerikanische Fernsehen fiktionale Stoffe in Serie exportiert, sind das – ob witzig, actiongeladen, gesellschaftlich relevant oder kriminologisch – meist Waren von hoher Güte. Wie Sherlock eben. Und so dürften die Elogen auch im zweiten Happen der sechs Folgen schwelgerisch ausfallen. Schon bei der ersten Hälfte reichten die Kritiken vor Jahresfrist von der „Ultima Ratio des Krimis“ (FAZ) zum „erzählerischen Sog“ (Spiegel), von „meisterhaft“ (Welt) bis „wunderbar“ (Süddeutsche). Doch erst die Relativierung des letzten Lobs setzt den Sog englischsprachiger Primetime-Reihen exakt ins Verhältnis: Wie „luzide“ diese hier sei, schrieb die SZ weiter, werde im Umfeld öffentlich-rechtlicher Wiederholungen deutlich. Denn während Sherlock als 2.0-Version alter Geschichten ständig Sehgewohnheiten bricht, steckt unser eigenes Fernsehen in der konventionellen Endlosschleife. So sehr sich ernst gemeinte Filme aus deutschen Landen international sehen lassen können, so stark fällt das Niveau schließlich im Seriellen ab. Das hat Gründe, die kaum etwas besser verdeutlicht als „Sherlock“. Wie so oft in importierten Formaten, seien sie nun aus Hollywood, England oder Skandinavien, gilt der Effekt als Hilfsmittel der Handlung, nicht als Hauptdarsteller. Es gibt bei Sherlock alles Mögliche, was überdreht, affektiert, exzentrisch und laut ist: von schrillen Tapeten über wilde Kamerazooms bis hin zu Zappelschnitten und Psychopathen; doch all die Absurditäten werden als Teil der Normalität gezeigt. Absurd wirkt darin nur die Norm, die das nicht akzeptiert.
Vergleicht man das mit deutschen Produktionen, schrumpft selbst Herausragendes zur bloßen Effekthascherei. In den Achtzigern etwa mag Kir Royal die Welt der Schönen und Reichen so sehenswert seziert haben, wie zuletzt „Im Angesicht des Verbrechens“ die Russenmafia – beide Höhepunkte hiesigen Serienfernsehens erreichen in keiner Sendesekunde die tiefgründigen Charakterzeichnungen von Sopranos oder Breaking Bad. Deutsches Fernsehen mag gesellschaftliche Mittellagen gründlich skizzieren wie Diese Drombuschs oder zeitgeschichtlich unterhalten (Weißensee) – es mangelt dabei stets an der Vielschichtigkeit menschlicher Eigenarten. Ein Regisseur wie Dominik Graf überträgt den Blick des Alltags verstörend zwar genau ins Leitmedium – wenn er Osteuropa in Berlin porträtiert, macht keine Figur darin die geringste Entwicklung durch. Der grandiose Benedict Cumberbatch dagegen – der es dank Sherlock innerhalb kürzester Zeit vom gechätzten Bühnenvirtuosen zum gefeierten Weltstar brachte – darf als selbstgerecht snobistischer Holmes unablässig überraschende Facetten offenbaren. Seine Arroganz wird plötzlich von Schwäche gebrochen, sein Verstand durch Irrtümer, die Gefühlskälte durch Hitzewallungen und alles zusammen gibt irgendwann ein geschlossenes Bild ab. Und dass man ihm mit Martin Freeman einen früheren Hobbit als Dr. Watson zur Seite stellt – in hiesigen Serien undenkbar. So wie ein Hauptdarsteller, dessen Erotik einzig aus Intelligenz erwächst, nicht aus der wohlgeformten Nase. In einer deutschen Serie wären Irene Adler und ihr Jäger Holmes bloß Freaks. In Sherlock zeigen sie uns, wie wahnsinnig die Welt um sie herum ist. Dafür sind neun Folgen längst noch nicht genug.
Biopics: Frauenbilder & Iris Berben
Posted: May 21, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentKompetenz und Heididei
Wenn das Modethema Biopic von Frauen handelt, geht es bei aller Durchsetzungskraft in Männerwelten stets auch um den Faktor Sympathie. Davon bleibt leider auch Iris Berbens Grundgesetz-Gestalterin Elisabeth Selbert in Sternstunde ihres Lebens (heute, 20.15 Uhr, ARD) nicht verschont.
Von Jan Freitag
Ach, wahrhafte Heldinnen haben’s schon schwer in Film und Fernsehen. Entweder sie finden darin gar nicht statt, da die Wirklichkeit seit jeher eine sehr männliche Angelegenheit ist. Und gibt es doch mal eine, lastet die Bürde der Geschichte so schwer auf den Heldinnenschultern, dass sie unter der Last zu stürzen drohen. Wohlgemerkt: drohen. Schließlich ist es das Wesen der Heldin, unter größten Widrigkeiten heroisch zu bleiben. Womit wir bei Iris Berben wären. Und bei Elisabeth Selbert. Also beim Problem. Denn der Schauspielstar schlechthin mimt als Grundgesetzgestalterin mal wieder die historisch belegbare Titelfigur einer opulenten Filmbiografie und das führt wie gewohnt ins Dilemma: Wann immer weibliche Figuren der Weltgeschichte fiktionalisiert werden, müssen sie nicht nur aufrecht für die Sache der Emanzipation streiten, sondern nebenbei auch noch als liebende Wesen Zuschauerherzen erreichen und dabei nett, klug, diplomatisch, schön bleiben. Heldinnendinge eben, Multifunktionsattribute. Arme Heldinnen.
Denn während ihre männlichen Pendants auch mal zuhauen dürfen, wenn die Kraft des Argumentes versagt, haben Heldinnen nur Wort und Charme im Arsenal. Wo die Herren der Schauspielschöpfung bloß dann ihre Muskeln ölen, wenn das Genre ins depperte Actionfach rutscht, muss Berben als Juristin, die als eine von vier Frauen im Parlamentarischen Rat über Deutschlands Verfassung entscheidet, trotz aller Politik auch noch bildreich die Strumpfhose wechseln. Kurzum: Heldinnen sind selbst in einem sachlichen Film wie „Sternstunde ihres Lebens“ so im Geschlechterkorsett gefangen, dass der Chromosomensatz auch hier die zweite Hauptrolle spielt. Das ist natürlich bei einem Film, in dem sich die fortschrittliche Sozialdemokratin Selbert mit reaktionären Geistesnazis wie dem CDU-Abgeordneten Fink (Walter Sittler) um den simplen Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ zanken, unvermeidlich. Doch wie sich unter weiblicher Federführung von Ulla Ziemann (Buch) über Sophie Maintigneux (Kamera) bis hin zur Regisseurin Erica von Moeller feminine Befindlichkeiten in jede Szene drängeln – das ist typisch fürs Modethema Biopics mit Frauen in der Hauptrolle.
Da strahlt sich dann eine Heike Makatsch ziemlich tough, aber zuckersüß durch die Vita der Kuscheltierkönigin Margarete Steiff. Da tunkt Felicitas Woll ihre Autobauersgattin Bertha Benz unablässig in süffig lächelndes Durchhaltevermögen. Da ertränkt Katja Flint den Mythos Marlene in Pathossoße mit Schlag. Da gerät die burschikose Beate Uhse dank Franka Potente zum sexy It-Girl der prüden Nachkriegszeit. Da grinst sich Christine Neubauers Papst-Zofe Pascalina durchs Pontifikat Pius XII., dass der Vatikan zur Emma-Redaktion wird. Da herrscht also meistens ein Gestus zwischen Kompetenz und Heididai, der in unachtsamen Momenten sogar eine Barbara Sukowa als Hannah Arendt, Rosa Luxemburg oder Hildegard von Bingen ereilt.
Reale Heldinnen haben eben historische Sympathieträgerinnen zu sein, verkörpert von schauspielerischen Sympathieträgerinnen. Heute im Ersten also Iris Berben als emanzipierte Verfassungsrechtlerin Selbert, nächsten Mittwoch an gleicher Stelle Katharina Schüttler als emanzipierte Chemikerin Clara Immerwahr. Und derzeit in Arbeit: Birgit Minichmayr als emanzipierte „Madame Nobel“ Bertha von Suttner. Allesamt starke, schöne, unbeugsame Filmgestalten. Denn so selten Frauen im geschlechterübergreifenden (aber meist maskulinen) Durchschnittsfernsehen einflussreich Gegenspielerinnen männlicher Protagonisten darstellen dürfen, so ausgeschlossen sind auch Titelfiguren genuiner Frauenstoffe mit einem Geheimnis, einer dunklen Seite gar, Antiheldinnen. Es dürfte also noch ein bisschen dauern, bis Film und Fernsehen den Mut zum weiblichen Biografiebruch, zur Bosheit gar entwickeln. Das höchste der Gefühle war da bislang Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin vor drei Jahren. Aber falls die Gefahr bestanden hätte, dass das nicht nur Cineasten im Programmkino sehen, wäre selbst die RAF-Terroristin garantiert irgendwie süßlich geraten.
Real Humans: Wirklichkeit & Fiction
Posted: May 14, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentSchöne neue Welt
Donnerstag geht die schwedische Serie Real Humans um aufsässige Haushaltsroboter bei Arte in die zweite Staffel und zeigt abermals, dass gut gemachte Science Fiction weder Knalleffekte noch Weltraumschlachten braucht, um die Zukunft spannend zu erzählen.
Von Jan Freitag
Die schöne neue Welt sieht ganz schön künstlich aus. Mit wächserner Haut und starrem Blick stakst sie durch die gute alte und zeigt in jeder Regung, wie hässlich sie unter der Oberfläche ist. Die schöne neue Welt mag also massenhaft Androiden für den Alltag nach unserem Ebenbild bauen, makellose Wesen für Heim, Büro, Fabrik, für alles: Sie bleiben Fremdkörper, sind also gar nicht so schön, sondern eher praktisch, ergo: sehr befremdlich. Auch wenn die meisten das nicht bemerken. Bemerken wollen.
Das in etwa ist die Grundidee der fantastischen TV-Serie Real Humans. Ein Konzern produziert darin Hublot genannte Roboter für jede Verwendung – von Altenpflege über Fließbandjob bis hin zu Spiel, Spaß, Spannung, ja selbst Sex. Kein Wunder, dass die menschlichen Cyborgs weggehen wie das nächste iPhone. Da der Zehnteiler im Original Äkte Människor heißt, ist er jedoch mehr als bloß gelungene Science Fiction: Real Humans zeigt aufs Neue, was der kleine Drehort Schweden dem großen deutschen voraushat: Dramaturgischen Mumm, mit wenigen Mitteln zu verstören, statt debile Demut vor der Quote mit Milliardenetats. Vor allem aber zeigt die Serie Mut zur unterhaltsamen wie tiefgründigen Debatte außerhalb eng gezurrter Krimikorsagen. Etwa jene, ob die fortschreitende Automatisierung unser Leben weiterbringt oder dem Untergang ein Stück näher.
Die Antwort darauf wird auch nach der letzten Doppelfolge der zweiten Staffel vermutlich ausstehen, die morgen endlich auf Arte anläuft. Doch eins zeigt das nächste große Fernsehding aus Skandinavien gewiss: Wie bei Atomkraft, Gentechnik, Krieg oder Medizin begibt sich die Menschheit abermals aus profitgetriebenem Forscherdrang sehenden Auge ins Ungewisse, kalkuliert den Nutzen weit vor allen Folgen und kann sich doch auf die Kundschaft verlassen: Mit derselben Dynamik, die vorm Apple-Store kilometerlange Warteschlangen erzeugt, sobald der Coutdown fürs neueste nutzlose Must-Have mit Sexappeal tickt, kauft sich sogar die traditionsverhaftete Bilderbuchfamilie von Hans und Inger irgendwann ihren Hubot, dessen Artgenossen zugleich den ersten Mord begehen.
Es ist ein Krieg, der zwischen human und android, Hubot-Fans und -Feinden, gut und böse entbrennt. Gut und böse? Real Humans tut gut daran, auch diese Frage nicht abschließend zu beantworten – obwohl oder weil die Story einem Grundfehler des Genres aufweist: Filmingenieure künstlicher Intelligenz von Westworld bis I, Robot pflanzen ihren Cyborgs notorisch den Keim menschlicher Niedertracht ein, bis die Utopie zur Dystopie eskaliert. Dass es ausgerechnet in Schweden, wo Ausländer im Grunde nur noch mit Doktortitel, Diplomatenpass oder ausreichend Devisen ins Land dürfen, ein breites Angebot schwarzer, asiatischer (sogar dicker, hässlicher) Hubots gibt, macht die Sache nicht schlüssiger. Scheinbar. Denn was wie Effekthascherei wirkt, folgt dem Willen von Serienschöpfer Lars Lundström, soziale Probleme von Rassismus über Konsumgeilheit bis Homophobie in eine spannende Geschichte mit Niveau fließen zu lassen. Aus deutschen Studios fast unmöglich.
Real Humans, 2. Staffel, Doppelfolgen donnerstags, 21.45 Uhr, Arte
Francis Fulton-Smith: Schnulzen & Strauß
Posted: May 7, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentIn diesem Sinne bin ich käuflich
Eigentlich ist der pockennarbige Schnulzenstar Francis Fulton-Smith auf kernige Kümmerer im Sonnenlicht deutscher Neoheimatfilme gebucht. Das halbdokumentarische ARD-Drama Die Spiegel-Affäre (heute, 20.15 Uhr) ist für den 48-jährigen Münchner somit die erste Herausforderung seit langem. Und siehe da – sein Franz-Josef Strauß ist ihm allen Ernstes grandios gelungen. Geht doch.
Interview Jan Freitag
freitagsmedien: Francis Fulton-Smith, endlich dürfen Sie mal in einem Film ihren Heimatdialekt pflegen und dann ist es ausgerechnet das fast kabarettistische Bayrisch ihres früheren Landesvaters…
Francis Fulton-Smith: (lacht) Ja, wobei wir genau das Kabarettistische vermeiden wollten.
Zumal er eine Figur des realen Lebens ist, die zu kritisieren daheim in Bayern als Hochverrat gilt. Mussten Sie da besonders vorsichtig sein?
Nein, das nicht. Aber mir war durchaus bewusst, wie wichtig er quasi als Institution dort ist. Unter seiner Führung wurde schließlich Bayerns Transformation vom Agrar- zum Industriestaat vollzogen – mit allen Konsequenzen für die Gegenwart. Von den 68ern bis zum Länderfinanzausgleich. Das macht ihn sicher in gewisser Weise zu einer Ikone, aber nicht automatisch unantastbar. Selbst in Bayern ist er nach wie vor eine stark polarisierende Figur.
Für die Sie tüchtig zunehmen mussten, um Sie adäquat verkörpern zu können.
Fast 20 Kilo, das stimmt, unter ärztlicher Aufsicht. Wichtiger als die Körperlichkeit war aber, seine Urgewalt, politisch wie menschlich zu zeigen und dabei gleichzeitig nicht in Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen: hier der “gute Journalist” Augstein, da der “böse Politiker” Strauß. Wir wollten beide Seiten der Medaille zeigen, also nicht nur Strauß’ unerhörten Angriff auf die Pressefreiheit, sondern auch, dass es gleichzeitig eine moralische Pflicht und Verantwortung seitens der Presse gibt. Es geht um zwei starke Persönlichkeiten, mit extrem starken Utopien für Deutschlands Zukunft, die wie zwei Alpha-Rüden gnadenlos aufeinander losgegangen sind. Dabei hatten beide durchaus ähnliche Biografien. Wer weiß – vielleicht wären sie in einer anderen Zeit sogar Freunde geworden.
Hätten Sie die Wahl gehabt – welchen der beiden hätten Sie lieber gespielt?
Natürlich hätte mich auch Augstein interessiert, weil er ähnlich komplex ist. Aber es macht letztlich immer mehr Spaß, den Bad Guy zu spielen. (lacht) Noch mehr Spaß macht es allerdings, ihn dabei sympathisch zu gestalten. Für mich als Schauspieler ist es immer wichtig, nach dem Verborgenen zu suchen. Aus heutiger Sicht nimmt man Strauß ja stets als Polterer wahr; umso spannender war es für mich, ihm die leisen Seiten abzuringen, den Menschen in seiner Verletzbarkeit zu zeigen. Also den FJS, der Radau- Reden im Bundestag hält und nachts weinend aufwacht.
Hat das Spielen dieser Diskrepanz auch ihr persönliches Strauß-Bild verändert?
Ich denke schon. Als ich aufgewachsen bin, war er gerade Ministerpräsident. Ich war zwar lieber auf dem Bolzplatz und durfte ja auch noch nicht wählen. Aber er schwebte trotzdem ständig über uns allen. Spätestens, als er Bundeskanzler werden wollte, erreichte uns junge Burschen die Diskussion mit voller Wucht.
Sie hatten 1980 aber keinen „Stoppt Strauß“-Button an der Jacke.
(lacht) Ich wollte ja Abitur machen. Aber im Ernst, jetzt, nachdem ich mich Hunderte von Stunden intensiv mit ihm beschäftigt habe, sogar in seinen Geburtsort gefahren bin, verschiebt sich natürlich etwas in der Wahrnehmung. Ich sehe ihn nun nicht mehr als “ultimativen Bösewicht”, sondern und das ist mir wichtig: bei aller berechtigten Fehlbarkeit, auch als brillanten Denker und bodenständigen Nachbarn, als Lebemann und Machtmensch. Meine Sicht hat sich insofern verändert, weil sie deutlich differenzierter wurde.
Meinen Sie, dass die Rolle auch Sie als Schauspieler verändert, der ja sonst eher auf leichtere Stoffe gebucht ist?
Natürlich habe ich mich sehr gefreut, endlich auch eine andere Facette von mir zeigen zu dürfen, denn die künstlerisch größere Herausforderung ist natürlich gerade solche, nicht alltäglichen Filme zu machen! Und falls die Konsequenz ist, nun öfter mal etwas ungewohntes mit mir zu realisierten, würde mich das sehr freuen; ich bin schließlich mit Leib und Seele Schauspieler. Aber man muss sich darüber auch im Klaren sein, dass solche Rollen nicht auf Bäumen wachsen. Und andere Dinge, die ich drehe, ja durchaus auch ihre Berechtigung haben.
Andere Dinge sind vor allem Machos mit Familie und Herz. Fühlen Sie sich damit wohl?
Zunächst mal bin ich wie gesagt ein Schauspieler. Ich habe eine Familie und Kinder zu ernähren und in diesem Sinne bin ich tatsächlich käuflich (lacht). Dabei gibt es aber größere und kleinere Herausforderungen und wenn das, was ich dafür tue, erfolgreich ist und viele Menschen erfreut, ist es ein Geschenk, wertfrei! Finden Sie nicht? Was mich daher jetzt interessiert ist vor allem die Frage, wie viele meiner üblichen Zuschauer bereit sind, mich in einen Film wie „Die Spiegel-Affäre“ zu sehen? Was macht es mit ihnen? Ob sie neugierig werden, in Debatten geraten? Vielleicht haben sie Lust, darüber nachzudenken, wie fragil unsere Grundwerte sind und wie wichtig es ist, sie zu schützen! Für viele Zuschauer ist es aber auch nach einem harten Tag entspannter, etwas Leichtes zu schauen. Auch gut gemachter Herzschmerz ist daher alles andere, als verwerflich.
Dennoch sagten Sie mal angesichts ihrer Dauerrolle Dr. Kleist, Sie sehnen sich nach Rollen, in denen nicht ständig die Sonne scheint.
Sicher ist beides richtig und der Weg der Mitte sinnvoll! Und sollte ich jetzt in den Gedankenspielen der Verantwortlichen eine neue Rolle spielen, bin ich sehr gerne bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen! Der Umkehrschluss, nur noch Filme ohne Licht und Schatten spielen zu wollen, ist dennoch falsch. So etwas kann man ohnehin nicht forcieren, Fernsehen ist kein Wunschprogramm. Und ehrlich: ich könnte mit der „Spiegel-Affäre“ grandios scheitern, was sicher auch einige so beurteilen werden. Aber die Beschäftigung mit der Figur Franz- Josef Strauß war für mich ein wunderbares, großartiges Abenteuer, dass ich unabhängig vom Erfolg – nicht missen will. Es ist ein ganz wichtiges Kapitel deutscher gesellschaftspolitischer Zeitgeschichte und ein wunderbarer Ensemble-Film. Es geht nicht nur um mich und ich hoffe, viele Menschen haben Lust, uns auf dieser spannenden Reise zu begleiten!
Der eigentlich Hauptdarsteller scheint ohnehin das ständige Rauchen zu sein…
Ja, Wahnsinn, wie viel da gequalmt wurde. Und das mit mir, der vom leidenschaftlichen Vielraucher zum passionierten Nichtraucher geworden ist.
Welche Rolle, die sich an der Realität oder großen Vorbildern messen lassen müsste, können Sie sich nach dieser hier noch vorstellen?
Richard III., Faust, Hamlet, Don Carlos… Die Welt ist doch voller wunderbar zerrissener Figuren. Aber so was selbst ins Spiel zu bringen, klingt meist befremdlich! Jetzt warte ich mal ab, was jetzt und hier passiert, denn mit der Rolle des Franz- Josef Strauß schließt sich ein Kreis zum Beginn meiner Laufbahn, wo ich mehr Theater und Literaturverfilmungen gemacht habe. Ich bin deshalb ein Stück weit zu mir selbst gekommen und das macht mich glücklich…
Porträt: Hamburg im Abstiegsfieber
Posted: April 30, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentKein HSV
Wenn der HSV absteigt, verliert die 1. Bundesliga ihr ältestes Mitglied und der Fußball einen verblassenden Mythos. Aber was verliert eigentlich die Stadt, in der Hamburgs größter, stolzester, selbstgerechtester Club spielt? Alles. Und nichts. Stimmungsbericht von einem seltsam teilnahmslosen Ort.
Von Jan Freitag
Fußballzitate sind oft von ergreifender Schlichtheit. Der Ball sei rund, heißt es, das Spiel dauert 90 Minuten, und die Wahrheit, sie liegt aufm Platz. Ein Bonmot des wichtigsten, aber profansten Teamsports überhaupt, besticht indes durch einen Tiefgang, der dessen Dialektik perfekt auf den Punkt bringt. Fußball, widerlegte Liverpools Trainerlegende Bill Shankly einst ein gängiges Vorurteil, sei gar keine Frage von Leben und Tod. Zitat „Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“ Es ist ein wirklich machtvoller Satz der Freizeithistorie, voller Selbstüberschätzung und Realitätssinn, befeuert von großer Hingabe, Gespür für Dramatik und einer gehörigem Portion Weitblick. Stammt er doch aus einer Epoche, da Fußball allen Ernstes Fußball war, kein Milliardengeschäft. Als es weder Trikotwerbung noch Ablöseirrsinn geschweige denn die Champions League gab. Als Fußball folglich die Seele betraf, nicht Wirtschaftsräume. Als es einzig ums Spiel ging. Womit wir beim HSV wären.
Denn ums Spiel geht es dem Hamburger Sport Verein schon lang nicht mehr. Beim Gründungsmitglied der Bundesliga dreht sich alles einzig und allein ums nackte Dasein. Seit zwei Jahrzehnten schlingert der selbsternannte Dino des deutschen Fußballs dem Aussterben entgegen und macht seinem Maskottchen damit alle Ehre, das in Erdmaßstäben gerechnet ebenfalls bald nach seinem Aufritt vom Planeten verschwand. In diesem Jahr nämlich scheint sich die Frage nach Leben oder Tod endgültig zu beantworten. Doch wer stirbt da eigentlich genau, wenn der HSV spielerische Bankrotterklärungen weiter an organisatorisches Chaos koppelt und absteigt – ein Club? Eine Erinnerung? Ganz Hamburg? Nun mal halblang!, müsste es da aus der Lausitz schallen. Dort nämlich verabschiedet sich der ostdeutsche Traditionsverein Energie Cottbus nach 17 Jahren Profifußball in die 3. Liga. Und das betrifft wirklich eine ganze Region, die außer Braunkohle, Braunkohleabraum und Braunkohlearbeitslosen vor allem eins zu bieten hatte, was noch für Gemeinsinn sorgte: Ihren SC mit dem kraftvollen Namen. Aber Hamburg? Hat doch auch sonst alles. Und nichts.
Denn so anachronistisch der Kampf Mann gegen Mann (und manchmal Frau gegen Frau) sein mag, so plebejisch es dabei zugeht und so unverständlich Außenstehenden das Alles-oder-nichts-Gehabe eingefleischter Fußballfans erscheint – Fußball ist auch in Hamburg weit mehr als ein simpler Sport. Und das hat Gründe, vermutlich Tausende. Ein paar davon sind neidgelb oder lokalpatriotischrot, andere druckerschwärzedunkel oder geldscheinbunt, nicht unerheblich viele braun-weiß und all die Farben zeigen, dass Fußball selbst in einer Stadt mit unermesslicher Beschäftigungsvielfalt mehr Leute verbindet als jeder Ehrenbürger, jedes Volksfest, jede Architektur. Da wäre zunächst ein Rivale, der seinen Vorsprung auf allen Ebenen schon im Namen trägt: Als Bundesland hängt Bayern den Stadtstaat bei praktisch allen Parametern von Bildung über Tourismus bis Wirtschaft, ja selbst Kultur zügig ab. Als Metropole reicht Hamburg München höchstens in punkto Selbstüberschätzung als vermeintlich schönster Ort im Kosmos das Wasser. Und addiert zu Bayern München hält der Supermeister jeden Fußballrekord von Belang – bis auf den einen der Ligazugehörigkeit. Noch. Andernfalls blieben Hamburg gerade mal die Beatles. Dazu ein Hafen, den der Klimawandel demnächst flutet. Und St. Pauli.
Nur: Ohne FC davor sieht der gemeine HSV-Fan dieses bewohne Quartier bestenfalls als szeneviertelgroße Kotztüte, die das schwarzweißblaue Partyvolk freitags sauber flutet und sonntags versifft zurücklässt. Mit FC davor jedoch empfindet es der sechsfache Meister auch nach 26 Jahren ohne echten Titel schon als Affront, mit dem Kiezclub nur die Stadtgrenze zu teilen; in Liga 2 aufeinanderzutreffen, grenzte da an Majestätsbeleidigung – was direkt zur nächsten Farbkombination führt. Denn der HSV ist ja nicht bloß ein Verein in Hamburg, er ist der Hamburger Verein schlechthin. Das Gros seiner Anhänger wohnt statistisch gesehen zwar im Umland; was die Anhängerschaft betrifft, ist St. Pauli Hamburgs Stadtclub. Trotzdem sieht sich der HSV seit jeher als Chefsache. Mit ihm fiebern Bürgermeister und Industrielle, Handelskammer und Sportredakteure, uns Uwe und wenn Heidi Kabel noch lebte, sie würde dem Verein wohl von Litfasssälen aus eine Handbreit Wasser unterm Kiel wünschen. Im investorenwildwuchernden Betonensemble zwischen Alster und Elbe, das städtebaulichen Esprit gern durch Bullaugenfenster ersetzt, bemüht man eben bei jeder Gelegenheit maritime Vergleiche. Voilà: Ginge die Hochseeyacht HSV im Seegefecht mit Provinznestern wie Braunschweig und Stuttgart unter, sänke das Flaggschiff einer Stadt, die bis heute in Nostalgie schwelgt.
Ach, die Hanse… Sie war es, die Hamburg Reichtum und Stolz gegeben hat, was bis heute auch auf dessen Vorzeigeverein abstrahlt. Es war Kaufmannsspieltrieb, der ihn anno 1887 aus zwei Leichtathletikvereinen gebar. Es war Kaufmannsverstand, der ihn 1983 kurz an Europas Spitze hievte. Es sind Kaufmannsmillionen, die ihm nun aus der Portokasse eines öligen Logistikmilliardärs notdürftig über Wasser halten. Wenn die versiegen (und falls nicht, doch nur wieder in fremde Mittelklassestars statt struktureller Umkehr flössen), droht der Stadt mit dem Abstieg auch ökonomischer Schaden. Schließlich ist Fußball auch für Pfeffersäcke zunächst mal: Business. 116 Millionen Euro hat der HSV in der vorigen Saison umgesetzt. Ein Schuldenstand in vergleichbarer Höhe bringt Zinsen ein. Als Arbeitgeber, Steuerzahler, Verbraucher und Merchandiser trägt der e.V. geltwert zur Wirtschaftskraft seines Standorts bei, als PR- und Spaßfaktor auch immateriell. Selbst die schlingernde Tagespresse der einstigen Medienhauptstadt wird weiter an Auflage verlieren, wenn als Gegner Heidenheim statt Bayern droht.
Ein Abstieg wäre daher auch in den Kassen spürbar. Bei Mike Ahlert etwa, dessen Lokal Picknick am Stadion an Spieltagen „nur halb so viele Gäste“ besuchen würden, wie er der Bild auf der Suche nach „Folgen des Abstiegs“ entlockt. Das klingt nun eher sachlich als ergriffen und zeigt gut die Stimmung am Ort des Untergangs. Die nämlich liegt angesichts eines Kurses, der seit dem DFB-Pokal 1987 mit Unterbrechungen abwärts führt, irgendwo zwischen Teilnahmslosigkeit, Zynismus und offenem Hass. Selbst Dauerkartenbesitzer, so scheint es, machen sich eher über gestanzte Durchhalteparolen ständig wechselnder Trainer lustig, als eine Atmosphäre unbedingten Miteinanders herbeizufiebern. Das sichtbarste Zeichen der Empathie waren noch Plakate zur Rückrunde, die irgendwas mit „Gras fressen“ insinuierten und doch bloß großformatiges Papier waren. Selbst der Bürgermeister rang sich in der örtlichen Morgenpost bloß ein schales „Die Situation beim HSV treibt mich um“ ab. Da ist kein Feuer im Support – nicht auf der Straße, nicht auf den Rängen. Und falls doch, brennt es irgendwie durch: Wer die wutverzerrten Gesichter mitgereister Fans nach der Niederlage in Augsburg vom vorigen Sonntag erlebt hat, wünscht ihnen einen Crashkurs in Sachen Spielermotivation bei den Anhängern des benachbarten FC St. Pauli. Dort weiß man scheinbar besser, dass sich wahre Zuneigung erst im Schlechten zeigt. Dort wehten auch nach der allerletzten Aufstiegschance per 0:3 gegen einen Dorfclub namens Aalen Beifall statt att Pfiffe durchs Stadion. Dort ist Empathie eine Frage des „Wir-“ nicht des „Wert-Gefühls“. Im Sozialismus, verglich der Grasnabenphilosoph Shankly sein Bild vom Fußball mal mit Politik, „arbeitet jeder für den anderen und alle bekommen einen Teil des Gewinns.“ Aber Hamburg ist ja bekanntlich ziemlich kapitalistisch.
Der Artikel ist gestern leicht gekürzt in der Berliner tageszeitung erschienen
Porträt: Hoss, Eidinger, Waschke, Haberlandt
Posted: April 23, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentVier gewinnen
Nina Hoss, Lars Edinger, Mark Waschke und Fritzi Haberlandt gelten als beste Schauspieler Ihrer Generation. 14 Jahre nach ihrem gemeinsamen Abschluss zeigen sie heute (20.15 Uhr, Arte) im Drama Fenster zum Sommer, was Fernsehen kann, wenn es von der Leinwand kommt, aber nicht für den Bildschirm formatiert wurde.
Von Jan Freitag
Devid fehlt, aber eigentlich fehlt nur er. Nina, Lars, Mark und Fritzi – sie alle sind ja dabei, in diesem Drama namens Fenster zum Sommer. Und sie alle sind es in exakt jenen Rollen, die womöglich niemand besser beherrscht als dieses Quartett hiesiger Ausnahmeschauspieler: Nina Hoss, Lars Eidinger, Mark Waschke, Fritzi Haberlandt. Vier Alleinstellungsmerkmale jedes Films geben also in einem einzigen: die irritierend schöne, aber seltsam spröde Enddreißigerin am Abgrund der Verzweiflung; ihren unscheinbaren, aber tiefenscharfen Freund zwischen Spießigkeit und Seitenscheitellässigkeit; seinen irritierend schönen, aber schwer durchschaubaren Nachfolger mit Hang zur Selbstüberschätzung; und die unscheinbare, aber bemerkenswerte Freundin aller ohne rechte Bindung zum Leben.
Es sind Paraderollen, die Regisseur Hendrik Handloegten seinen Hauptdarstellern auf den Leib geschrieben hat, Figuren in einer famosen Hybridproduktion – vorab gezeigt auf der Leinwand, gefertigt im Grunde für den Bildschirm. Sie handelt von Juliane (Hoss), die mit August (Waschke) einen traumhaften Sommer verbringt, bis sie im Winter zuvor an der Seite ihres Exfreunds Philipp (Eidinger) erwacht und bald ihre Freundin Emily (Haberlandt) trifft, die doch zwei Monate zuvor ums Leben kam. Daraus entwickelt sich ein fein orchestriertes, aber furioses Drama um jene Chancen, die ein Zurückdrehen der Zeit eröffnet – und verstreichen lässt. Es ist ein mystisches Melodram mit maximalem Realitätsanspruch, eine Perle deutschen Dialogkinos im Fernsehen. Kein Wunder, dass er ohne Devid stattfindet. Denn für den, Nachname Striesow, bliebe in Handloegtens Paraderollenmodell nur die Rolle des unscheinbaren, aber naiv überdrehten Kindskopfs mit Hang zur Hippeligkeit, der allerdings hier völlig fehl am Platze gewesen wäre. „Warum ist Devid nicht da?“, fragte Mark Waschke dennoch, als das Zeit-Magazin kürzlich die vier tragenden Säulen aus „Fenster zum Sommer“ interviewte und diese Frage war nur zu berechtigt. Devid Striesow, Nina Hoss, Lars Eidinger, Mark Waschke und Fritzi Haberlandt sind schließlich nicht bloß Berufskollegen, es sind Absolventen desselben Jahrgangs an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch.
Im Jahr 1999 war das, nach zehn Semestern gemeinsamer Ausbildung, die – wie alle fünf minus Devid im Gespräch mit dem Wochenblatt pflichtschuldig bescheiden beteuerten – keinesfalls auf das hingedeutet hätten, was daraus geworden ist: der beste Jahrgang vielleicht, den hierzulande je eine solche Lehranstalt verlassen hat. Da summiert sich also Bemerkenswertes auf: Drei Dutzend der wichtigsten Branchenpreise im Land, für Inszenierungen, Filme und Fernsehstücke, die regelmäßig Feuilleton und Zuschauer, oft beides, zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Allein die Stuttgarterin Hoss wurde bereits 1995 von Bernd Eichinger – damals noch eher aus optischen Gründen – als Edelnutte der Neuverfilmung vom „Mädchen Rosemarie“ aus der ersten Klasse abberufen und sammelte fortan für Stücke wie Medea, Filme wie Yella oder Fernsehen wie Wolfsburg als distanziert angreifbare Provinzbeauty die höchsten Trophäen. Lars Eidinger, mit 37 der Jüngste im Quintett und Ensemblemitglied an der Schaubühne seiner Berliner Geburtsstadt, gilt als größtes Theatertalent seiner Generation, wurde 2009 jedoch im unfassbaren Kammerspiel Alle anderen neben der unfassbaren Birgit Minichmayr auch dem Kinopublikum als unfassbarer Gesprächsvirtuose bekannt.
Dazu Mark Waschke, Markenkern: Nebenbuhler. Mit 41 am ältesten kam der Wattenscheider über leicht peinliche Umwege à la Alarm für Cobra 11 als letzter von allen zu inhaltlichem Erfolg, seit seinem Thomas in Heinrich Breloers Die Buddenbrooks aber mit Nachdruck und der wohl deutschesten Attraktivität seiner Branche, die ihm Mitte März im Kriegsepos Unsere Mütter, unsere Väter gar einen SS-Schergen gestattet. Und Fritzi Haberlandt, noch so eine Berliner Bühnenberserkerin, Jahrgang 1975. Sie war schon Werthers Charlotte, war Wedekinds Lulu, war auch vor der Kamera oft die mal früh-, mal spätreife Jungerwachsene, was sie mit so kindlicher Inbrunst verkörpert, dass die beste Nachwuchsschauspielerin der Jahre 2000 bis 2001 wohl auch 2031 noch Teenager im Geiste darstellen darf.
Solch eine Riege in nur einem Film zu besetzen – da stellt sich nur die Frage, ob er am eigenen Anspruchsdenken scheitert oder dem der Öffentlichkeit. Umso erstaunlicher, wie souverän und dabei spielerisch „Fenster zum Sommer“ die Fallhöhe steht. Was vor allem daran liegt, dass Filmdialoge so brillanter Gegenwartsdarsteller gern improvisiert klingen, aber natürlich nie sind; dass sie stets die Balance halten zwischen Theatralik und Authentizität; dass sie buchstäblich spielen und dabei doch ernsthaft agieren. „Soll ich Ihnen mit dem Ding da helfen?“, sagt Waschke schüchtern, als August Juliane erstmals trifft. Ließe ein gewöhnlicher Film diese Traumfrau auf irgendwie betörende Weise antworten, sagt Hoss nur mädchenhaft „nö“ und lächelt zu Boden. Fernsehen kann so gut sein, wenn es vom Kino kommt. Mit solchen Texten. Von solchen Schauspielern.
Galileo: Cobra 11 & Comedy
Posted: April 16, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Die Halbwissenssendung
Als Galileo vor 15 Jahren erstmals auf Sendung ging, mischte Pro7 damit ein verstaubtes Genre auf: Das Wissensfernsehen. Gut 4000 Folgen später allerdings ist die Sendung mit ihren vielen Ablegern nur noch eins: aufdringlich.
Von Jan Freitag
Der brillanteste Erfinder aller Zeiten würde sich wohl im Grabe umdrehen – als Patron einer solchen Sendung: Galileo. Seit 15 Jahren wird unterm Etikett des italienischen Forschergenies das betrieben, was heutzutage unter Wissensfernsehen firmiert. In den Tagen vorm Jubiläum am Montag waren das zum Beispiel: ein Nationenkampf im Wasserrutschen, die perfekte Kohlroulade, das größte Kraftwerk der Welt und die vermeintlich übelsten Lügen der Biobranche. Mehrwert? Mau! Nachhaltigkeit? Null! Unterhaltungsfaktor? Hoch! Zumindest in Zeiten, da ein Mario Barth Deutschlands erfolgreichster Komiker ist. Dieses absurde Stück TV wird in seinem Mangel an Verantwortung nur noch überboten von seiner Belanglosigkeit. Doch angesichts eines anderen Spin-Offs der Galileo-Familie auf Pro7, müsste der Namensgeber förmlich im Erdreich rotieren. Denn Aiman Abdallah, ihr radebrechender Moderator, hat gleich eine ganze Familie des Formats gegründet: Von Galileo genial bis The Game, von X.Perience bis History, von Big Picture, das diesen Samstag zur besten Sendezeit wieder die Geschichte ausgewählter Fotos erzählt, bis Mystery, das gottlob wieder eingestellte wurde. Zum Auftakt vor acht Jahren hatte Abdallah dort nämlich nichts weniger geleistet, als König Artus zu finden! Kurz ein paar Eingeborene befragt, in alten Schinken geblättert, Sand von Steinen gepinselt und quasi im Vorübergehen eines der „größten Geheimnisse der Menschheit“ gelüftet, so hieß es. Danke, Aiman-Albert-Archimedes-Isaac-Max Schliemann-Cook-Keppler-Amundsen-Abdallah von Liebig. Und bitte mix uns doch bei der Gelegenheit gleich noch etwas Antimaterie…
Keine Frage, das Bildungsfernsehen wurde 1998 durch Galileo bereichert. Es hat das trockene Genre gehörig aufgemöbelt, durch pure Penetranz primetimetauglich gemacht und damit allein unter den 14- bis 49-Jährigen sechsmal wöchentlich weit über einer Million Zuschauer – mehr als jedes vergleichbare Magazin. Es hat Info sein -tainment verpasst und dadurch wissensferne Zuschauerschichten für Sachthemen erschlossen. Es erklärt die Funktion von Reaktoren ebenso wie bierseligen Harndrang im Selbstversuch, nervt aber auch durch Überdramatisierung, Irrelevanz oder Niveaulosigkeit und betreibt dabei Schleichwerbung, als sei die Welt ein Warenhaus. Natürlich ohne Verlust journalistischer Unabhängigkeit, beharrt Abdallah trotzig. Glauben wir’s ihm mal, dass all die Produktvergleiche (Marke gegen No-Name) oder Kochexperimente (kann man bekannte Schokoriegel kopieren?) ebenso zufällig Reklame betreiben wie der Bau eines Bond-Mobils zum Start des neuen 007 bei Mystery.
Dort ständig zu behaupten, Aiman Abdallah reise im feinen Zwirn durch die Historie und kläre Geheimnisse auf, an denen ganze Forschergenerationen gescheitert sind, grenzt medizinisch an Autismus. Und Themen wie „Die letzten Tage Jesu Christi“ allen Ernstes anzukündigen, man schreibe „vermeintlich bekannte Kapitel unserer Geschichte neu“, erfüllt mehrere Kriterien des Größenwahns. Denn letztlich bleibt jeder Erkenntnisgewinn doch nur ein Feigenblatt, das Erfolgsgenre Dokudrama mit dem Modetitel Mystery (so heißen bereits Weichspüler) im Dauerbeschuss schreiender Geigen unters TV-Volk zu prügeln. „Wenn man junge Zuschauer ansprechen möchte, werden die sich an Bilder mit einer bestimmte Sound- und Bildsprache erinnern“, erläutert Abdallah und scheut sich nicht, seinen Einfluss auf die universitäre Forschung als „Annäherungsprozess“ zu beschreiben, „weil durch unsere Formate ein Klick in den Köpfen der Wissenschaftler vollzogen wurde, die vor sich hingearbeitet haben, ohne dass die Öffentlichkeit das verstanden hätte“.
Den Ruf von Galileo, das Sein zugunsten des Scheins zu vernachlässigen, dürfte Abdallah, der sich ohne zu erröten sogar dem Heiligem Gral auf der Spur wähnte und Jack The Ripper zum Deutschen machte, so kaum entkräften. Galileo ist eine gesendete Bild: Es verschwendet alle kreative Energie an wertkonservatives Entertainment schlichter Gemüter, wo Werkzeuge für Männer gemacht sind und Haushaltsreiniger für Frauen. Wo Antworten nicht halb so wichtig sind wie Fragen, die nur düster genug von den Synchronstimmen Agent Scullys oder Clint Eastwoods gestellt sein müssen, um die anschließende Ratlosigkeit zu verbergen. Das ist bei bis zu fünf Themen pro Sendung, sechs Tage die Woche, dazu Specials, Extras, Shows und eben Mystery auch kein Wunder. Wie wenig es letztlich um Wissen geht, belegt der Ludwig-Bölkow-Journalistenpreis 2006 für den Beitrag Airbus A380 – Der Superjumbo wird lackiert. Klingt respektabel, wird allerdings vom Erbauer des Fliegers gestiftet. Das der Luftfahrtkonzern EADS kritische Töne prämiert, kann als ausgeschlossen gelten. Aber mit denen hat es Galileo ohnehin nicht so. Es geht um Phänomene, nie um deren Folgen. Der Prototyp dazu heißt Brainiac, stammt aus England und macht Wissensfernsehen zu einer Mixtur aus Cobra 11 und Comedy. Wenn in der Geburtstagssendung am 30. November in neu gestaltetem Studio die größte Sektpyramide der Welt aufgetürmt wird, zeigt sich also einmal mehr: Hauptsache es scheppert und macht Laune. Und auch neue Rubriken wie der Test moderner Mythen namens „Fake-Check“ oder ein „Galileo-Psychodoc“, der unser Verhalten analysieren soll, tun sicher alles Mögliche – außer bilden.
Daniela Katzenberger: Silikon & Schauspiel
Posted: April 9, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Ganz anders pushen
Daniela Katzenberger ist eine der seltsamsten Erfolgsgeschichten des Fernsehens. Jetzt (Donnerstag, 10. April, 20.15 Uhr) spielt sie auch noch die Titelfigur des ARD-Krimis Frauchen und die Deiwelsmilch. Porträt eines Medienproduktes, das sich grad freischwimmt, in einer Branche, der das herzlich egal ist.
Von Jan Freitag
Es gibt Fernsehprodukte, die sind ohne jeden Zweifel zutiefst künstlich: Alf zum Beispiel und die Sesamstraße, RTL 2 oder das Wettsofalachen von Markus Lanz. Dann gibt es Fernsehprodukte, die wirken ebenso unzweifelhaft echt. Alfred Biolek zum Beispiel und die Lindenstraße, das ZDF oder das Wettsofalachen von Thomas Gottschalk. Und dazwischen? Gibt es Daniela Katzenberger! Ein reines Fernsehprodukt, bei dem niemand wirklich zweifelsfrei wissen dürfte: ist die eigentlich real oder am Rechner erstellt, eine Installation quasi, also pure Produzentenfantasie. Eigens fürs Prollpublikum generiert? Solche Fragen stellen sich jedem einigermaßen wachen Geist, der den wasserstoffblondierten Superstar inszenierter Kommerzrealität bloß vom Bildschirm kennt. Plötzlich aber sitzt er in Fleisch und Blut und viel Silikon vor einem und beteuert, „Sie könnten mich glatt anfassen“. Das macht Daniela Katzenberger dann allerdings doch lieber selbst. Und wie! „Das Innere gehört schon immer zu mir“, antwortet der schönheitschirurgische Dauereingriff auf Beinen in einem hanseatischen Luxushotel auf die Frage nach ihren „natürlichen Seiten“ und presst beherzt das üppige Dekolletee zusammen. Denn merke: „Die unechten Dinge an mir sind sichtbar“.
Genauso tickt es nämlich, dieses ehemalige Nacktgirl der Bild, das vor exakt fünf Jahren den Lichtkegel konstruierter Popularität betreten und nie mehr verlassen hat. Seit ihrem ersten Auftritt in der Auswanderersoap Auf und davon bei Vox tut die „Katze“ praktisch alles, was aus Marketingsicht Aufmerksamkeit verspricht: Sie lässt sich die Augenbrauen absurd anheben und am Bildschirm erfolglos verkuppeln. Sie macht Werbung für alles und Retortenpop für die Charts. Sie leiht Frauenratgebern und Computerspielen ihren Namen. Sie tingelt praktisch durch sämtliche Foren und Formate ihres Genres. Kurzum: Sie liefert blondinenwitzdoof bis bauernschlau die bereitwillig modellierbare Folie diverser Publikumswünsche von Ballermannparty bis Wichsvorlage und beteuert zugleich mit ihrem allerarglosesten Katzenbergerlachen: „Ich habe kein Problem damit, nicht ernst genommen zu werden.“ Das glaubt man ihr sogar. Aber liegt das Problem nicht umgekehrt gerade darin, dass man PR-Produkte von Heidi Klum bis Konny Reimann statt zu wenig, eher viel zu sehr ernst nimmt? Dass ihnen im Streubombardement gestalteter Künstlichkeit längst eine Art Pseudorealität zuteil wird, die Wahrheit und Wahn schwimmen lässt? Die ARD jedenfalls fühlt sich gerade genötigt, diese These zu bestätigen. Heute Abend nämlich leiht es der pfälzischen Kosmetikerin ein wenig der eigenen Seriosität und schenkt ihr die Titelrolle des Mundartkrimis Frauchen und die Deiwelsmilch. Das ist so berechenbar wie überflüssig, und warum sie zu der Ehre kommt, ihren Heimatdialekt ganz oben auf der Besetzungsliste zu Markte tragen zu dürfen, das weiß die geschäftstüchtige Katzenberger sogar selbst ganz gut: „Weil man einen Film mit meinem Namen ganz anders pushen kann, damit es auch ja jeder guckt.“
Wer das wirklich tut, also zugucken, wird schließlich eine Sparkassenangestellte mit sehr tiefem Ausschnitt und rosa Plüsch um den Büromonitor erleben, die sich quasi selbst spielt und das sogar ganz gut. Flugs per Crashkurs für die offizielle Fiktion ausgebildet, verleiht die schauspielerische Quereinsteigerin dem öden Volksschwank als Hobbydetektivin Miri, die eine Intrige um Ölvorkommen im Weinberg enträtselt, somit durchaus erfrischende Lebendigkeit. Wenn aber derlei Trashgewächse noch das Beste am öffentlich-rechtlichen Angebot sind, erscheint es ja nur noch erbärmlicher, wie sich das Zweite da ans Stammpublikum der kommerziellen Konkurrenz ranwanzt. Und das hat mittlerweile Methode. Stefan Raab zum Beispiel war seit 1999 stolze achtmal zu Gast bei Wetten, dass…?, wo mit Cindy aus Marzahn kurzzeitig eine der übelsten Auswüchse privater Comedy zum Star avancierte, um den freien Quotenfall zu stoppen. Moderatoren wie Joko und Klaas, Lanz und Kerner, Lafer und Lichter flottieren frei zwischen gebühren- und werbefinanzierten Kanälen. Die Plage Reality-TV hält bis in die gediegenen Spartenkanäle wie Arte und 3sat Einzug. Zur wichtigen Primetime ist abseits von Tatort, Filmmittwoch und gelegentlich einer fiktionalen Perle im Zweiten kaum noch eine Grenze zum werbefinanzierten Fernsehen erkennbar. Und ihre Rolle als aufgebrezelte Teilzeitdetektivin, sagt Daniela Katzenberger, „wurde mir förmlich auf den Leib geschnitten“. Entwürdigender kann eine Aussage im Lichte vom Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kaum sein.
„Mein Name ist mein Kapital“, sagt die sehr blonde, sehr geschminkte, sehr künstliche, darin aber seltsam authentische Frau von 27 Jahren noch und verabschiedet sich vom PR-Termin des Zweiten, „das muss ich doch nutzen“. Damit ist wenigstens Daniela Katzenberger so ehrlich, wie es ARD und ZDF mal sein wollten. Früher, als Alf und Alfred Biolek noch für Fiktion und Realität im Programm standen. Lang ist’s her.
Fernsehköche: Zu viele & zu männlich
Posted: April 2, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDie Herren der Töpfe
Kochen und kein Ende: Seit mehr als zehn Jahren wird im Fernsehen fast unablässig am Bildschirm gebrutzelt. Während der heimische Herd allerdings wie eh und je in Frauenhand ist, stehen im Fernsehen fast ausschließlich Männer davor. Die alte Rollenaufteilung ändert sich nur sehr langsam, das zeigt auch die neue Staffel vcon Steffen Hensslers Grillshow ab Sonntag, 20.15 Uhr, bei Vox
Von Jan Freitag
Mario Kotaska, Ralf Zacherl und Martin Baudrexel sind wirklich coole Jungs. Als Kochprofis stürmen sie seit 2005 Deutschlands Herdplatten und bekämpfen für RTL II kulinarische Missstände von Mensafraß bis Kantinenspeisung. Eine Arbeit für echte Spitzenkochkerle – zumindest im Fernsehen. Denn Frauen herrschen zwar bei aller Emanzipation weiter am heimischen Topfset, die TV-Küchen aber bleiben fest in Männerhand. Gerade zur Primetime. Dass mit Sarah Wiener nun erstmals eine Topköchin in diese Phalanx einbrach, ändert daran zunächst wenig. Die Österreicherin ist Dauergast bei Johannes B. Kerners Rezeptrunde und kochte auf ihrer Kulinarischen Tour de France regionale Feinkost nach. Immerhin ein Anfang. Wenngleich vor kleinem Publikum: Auf Arte.
Der NDR zementiert dagegen das alte Rollenbild. Da darf die erfahrene Moderatorin Sandra Becker für Steffen Henssler gerade mal Kräuter hacken und zwischendurch „mmmh“ summen, wenn ihr der Chef de Cuisine ein Löffelchen werdender Luxusgerichte in den Mund schiebt. Der Thirtysomething quittiert das dann stets mit jovialem Lächeln, hetzt seine Hilfskraft ansonsten aber tüchtig durch die Edelstahleinrichtung. „Sieh zu!“, raunzt er fröhlich, wenn sie die Mangos für den Tunacocktail zu langsam schält. Hier also der juvenile Spitzenkoch auf Exkurs vor die Kamera, dort die kommentierende Handlangerin. Und auch in der zweiten Staffel von Grill den Henssler ist ide Rollenaufteilung klar: Ruth Moschner moderiert, Steffen Henssler kocht. Alles beim Alte also.
Diese Rollenaufteilung hat seinen Grund – einen schlichten, wie NDR-Kulturchef Christian Stichler beteuert: „In der gehobenen Gastronomie gibt es eben nur Männer.“ In Hamburg etwa, Standort des Edelrestaurants Henssler & Henssler, gebe es unter den rund 30 herausragenden Küchenchefs gerade mal zwei Frauen. Schließlich, so Stichler, sei der Beruf äußerst anstrengend und familienunfreundlich. Das legt den Schluss nahe, er sei etwa in Frankreich und Skandinavien, wo TV-Köchinnen weitaus verbreiteter sind, entweder geruhsamer oder die ausübenden Frauen toughe Singles. Da beides Unsinn ist, muss es andere Gründe für das strukturelle Ungleichgewicht geben.
„Wir können uns ja keine Köchin ausbilden“, bemüht Stichler die Angebottheorie als Ursache der miesen Quote. Gegen dieses Argument spricht indes die langjährige Küchenpräsenz Alfred Bioleks oder die Popularität eines Clemens Wilmenrod, der ab 1953, als kaum ein Mann daheim den Löffel schwang, 180 Mal am Bildschirm bruzzelte – ohne Ausbildung, Wilmenrod war Schauspieler und steckte oft genug Kritik dafür ein, vom Essenmachen nicht halb soviel zu verstehen wie von dessen Präsentation. Es gab zwar in der Nachkriegszeit durchaus Mamsells im Umfeld biederer Haushaltssendungen, doch hauptamtliche TV-Köche tragen seit jeher y-Chromosomen. Sei es ein Max Inzinger, der in der öffentlich-rechtlichen Monopolphase bis 1982 am vorabendlichen Drehscheibe-Herd stand und später dem Ostpublikum im DFF-Format HAPS erklärte, wie man Kiwis isst. Sei es ein Ralf Zacherl, Vorzeigegourmet der privaten TV-Periode von heute. Sei es Alfred Biolek oder Alfons Schuhbeck, die schon immer im Fernsehen zu kochen scheinen. Seit dem Siegeszug des englischen Vorreiters Jamie Oliver geht der Trend indes zum Typus szeniger Jungkoch. Steffen Henßlers Jugendstil etwa bildet seit 2006 zweifellos einen Gegenpol zum beliebten, aber ergrauten Rainer Sass.
Ein Jahr zuvor setzte der Bayerische Rundfunk mit Alexander Herrmann und dessen Sendung Koch doch aufs gleiche Pferd. „Frauentyp“ nennt der Sender den „vermutlich charmantesten Koch Deutschlands“. Genau, was das Zielpublikum wünsche, beschreibt BR-Unterhaltungschef Thomas Jansing seinen Sunnyboy am Herd. Und das besteht nun mal vornehmlich aus denjenigen, die zuhause den Haushalt schmeißen, ist also überwiegend weiblich. Das gilt übrigens für fast alle der gut 100 Kochsendungen pro Woche (ohne die jährlich 60.000 Minuten des Billigkochsender TV-Gusto). Gäbe es eine Frau, „die das Handwerk mitbringt und gut moderieren kann“, so Jansing, „würden wir sie sehr gern nehmen.“ Diese Suche sei bislang vergebens gewesen. Hierzulande. Doch als der NDR 2006 einige Shows der schwedischen Starköchin Tina Nordström synchronisierte, liefen sie im Indoor-Monat Juli. Ansonsten gilt Jansings Maxime, „nicht ohne Not das Bewährte durch das Neue“ zu ersetzen.
Dabei verdrängt er, wie neu das Bewährte daherkommt. Nur gilt Tim Mälzers Role Model (modisch, locker, jung, schlank) nicht für die einzig wahrnehmbaren Frauen des Genres vor Sarah Wiener. Britta von Lojewski, die bei Vox das Kochduell leitete, bis ihr Mälzers Schmeckt nicht, gibt’s nicht den Sendeplatz klaute, war von der Sorte kumpelhafte Walküre und ließ andere braten. Lea Linster, laut Brigitte Europas beste Köchin, ist eher der Typ robuste Hausfrau, versauert als solche im SR und steht gelegentlich auf Kerners Besetzungsliste. Und Kathrin Rüegg entspricht nicht nur stilistisch dem Titel ihres Formats Was die Großmutter noch wusste beim SWR. Immerhin hat sich mit Sarah Wiener eine frischere Variante etabliert – und vielleicht den einen oder anderen Mann zum Kochen animiert. Zuhause, statt im Fernsehen. Wenn auch nicht unter Aufsicht von Pro7, das vier Junggesellen im Ringen um ein Weib je ein Single-Dinner zaubern lässt. Bleibt zu klären, ob der Sieger sein Herzblatt auch dann bekocht, wenn die Kameras fort sind.