Porträt: Hamburg im Abstiegsfieber

Kein HSV

Wenn der HSV absteigt, verliert die 1. Bundesliga ihr ältestes Mitglied und der Fußball einen verblassenden Mythos. Aber was verliert eigentlich die Stadt, in der Hamburgs größter, stolzester, selbstgerechtester Club spielt? Alles. Und nichts. Stimmungsbericht von einem seltsam teilnahmslosen Ort.

Von Jan Freitag

Fußballzitate sind oft von ergreifender Schlichtheit. Der Ball sei rund, heißt es, das Spiel dauert 90 Minuten, und die Wahrheit, sie liegt aufm Platz. Ein Bonmot des wichtigsten, aber profansten Teamsports überhaupt, besticht indes durch einen Tiefgang, der dessen Dialektik perfekt auf den Punkt bringt. Fußball, widerlegte Liverpools Trainerlegende Bill Shankly einst ein gängiges Vorurteil, sei gar keine Frage von Leben und Tod. Zitat „Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“ Es ist ein wirklich machtvoller Satz der Freizeithistorie, voller Selbstüberschätzung und Realitätssinn, befeuert von großer Hingabe, Gespür für Dramatik und einer gehörigem Portion Weitblick. Stammt er doch aus einer Epoche, da Fußball allen Ernstes Fußball war, kein Milliardengeschäft. Als es weder Trikotwerbung noch Ablöseirrsinn geschweige denn die Champions League gab. Als Fußball folglich die Seele betraf, nicht Wirtschaftsräume. Als es einzig ums Spiel ging. Womit wir beim HSV wären.

Denn ums Spiel geht es dem Hamburger Sport Verein schon lang nicht mehr. Beim Gründungsmitglied der Bundesliga dreht sich alles einzig und allein ums nackte Dasein. Seit zwei Jahrzehnten schlingert der selbsternannte Dino des deutschen Fußballs dem Aussterben entgegen und macht seinem Maskottchen damit alle Ehre, das in Erdmaßstäben gerechnet ebenfalls bald nach seinem Aufritt vom Planeten verschwand. In diesem Jahr nämlich scheint sich die Frage nach Leben oder Tod endgültig zu beantworten. Doch wer stirbt da eigentlich genau, wenn der HSV spielerische Bankrotterklärungen weiter an organisatorisches Chaos koppelt und absteigt – ein Club? Eine Erinnerung? Ganz Hamburg? Nun mal halblang!, müsste es da aus der Lausitz schallen. Dort nämlich verabschiedet sich der ostdeutsche Traditionsverein Energie Cottbus nach 17 Jahren Profifußball in die 3. Liga. Und das betrifft wirklich eine ganze Region, die außer Braunkohle, Braunkohleabraum und Braunkohlearbeitslosen vor allem eins zu bieten hatte, was noch für Gemeinsinn sorgte: Ihren SC mit dem kraftvollen Namen. Aber Hamburg? Hat doch auch sonst alles. Und nichts.

Denn so anachronistisch der Kampf Mann gegen Mann (und manchmal Frau gegen Frau) sein mag, so plebejisch es dabei zugeht und so unverständlich Außenstehenden das Alles-oder-nichts-Gehabe eingefleischter Fußballfans erscheint – Fußball ist auch in Hamburg weit mehr als ein simpler Sport. Und das hat Gründe, vermutlich Tausende. Ein paar davon sind neidgelb oder lokalpatriotischrot, andere druckerschwärzedunkel oder geldscheinbunt, nicht unerheblich viele braun-weiß und all die Farben zeigen, dass Fußball selbst in einer Stadt mit unermesslicher Beschäftigungsvielfalt mehr Leute verbindet als jeder Ehrenbürger, jedes Volksfest, jede Architektur. Da wäre zunächst ein Rivale, der seinen Vorsprung auf allen Ebenen schon im Namen trägt: Als Bundesland hängt Bayern den Stadtstaat bei praktisch allen Parametern von Bildung über Tourismus bis Wirtschaft, ja selbst Kultur zügig ab. Als Metropole reicht Hamburg München höchstens in punkto Selbstüberschätzung als vermeintlich schönster Ort im Kosmos das Wasser. Und addiert zu Bayern München hält der Supermeister jeden Fußballrekord von Belang – bis auf den einen der Ligazugehörigkeit. Noch. Andernfalls blieben Hamburg gerade mal die Beatles. Dazu ein Hafen, den der Klimawandel demnächst flutet. Und St. Pauli.

Nur: Ohne FC davor sieht der gemeine HSV-Fan dieses bewohne Quartier bestenfalls als szeneviertelgroße Kotztüte, die das schwarzweißblaue Partyvolk freitags sauber flutet und sonntags versifft zurücklässt. Mit FC davor jedoch empfindet es der sechsfache Meister auch nach 26 Jahren ohne echten Titel schon als Affront, mit dem Kiezclub nur die Stadtgrenze zu teilen; in Liga 2 aufeinanderzutreffen, grenzte da an Majestätsbeleidigung – was direkt zur nächsten Farbkombination führt. Denn der HSV ist ja nicht bloß ein Verein in Hamburg, er ist der Hamburger Verein schlechthin. Das Gros seiner Anhänger wohnt statistisch gesehen zwar im Umland; was die Anhängerschaft betrifft, ist St. Pauli Hamburgs Stadtclub. Trotzdem sieht sich der HSV seit jeher als Chefsache. Mit ihm fiebern Bürgermeister und Industrielle, Handelskammer und Sportredakteure, uns Uwe und wenn Heidi Kabel noch lebte, sie würde dem Verein wohl von Litfasssälen aus eine Handbreit Wasser unterm Kiel wünschen. Im investorenwildwuchernden Betonensemble zwischen Alster und Elbe, das städtebaulichen Esprit gern durch Bullaugenfenster ersetzt, bemüht man eben bei jeder Gelegenheit maritime Vergleiche. Voilà: Ginge die Hochseeyacht HSV im Seegefecht mit Provinznestern wie Braunschweig und Stuttgart unter, sänke das Flaggschiff einer Stadt, die bis heute in Nostalgie schwelgt.

Ach, die Hanse… Sie war es, die Hamburg Reichtum und Stolz gegeben hat, was bis heute auch auf dessen Vorzeigeverein abstrahlt. Es war Kaufmannsspieltrieb, der ihn anno 1887 aus zwei Leichtathletikvereinen gebar. Es war Kaufmannsverstand, der ihn 1983 kurz an Europas Spitze hievte. Es sind Kaufmannsmillionen, die ihm nun aus der Portokasse eines öligen Logistikmilliardärs notdürftig über Wasser halten. Wenn die versiegen (und falls nicht, doch nur wieder in fremde Mittelklassestars statt struktureller Umkehr flössen), droht der Stadt mit dem Abstieg auch ökonomischer Schaden. Schließlich ist Fußball auch für Pfeffersäcke zunächst mal: Business. 116 Millionen Euro hat der HSV in der vorigen Saison umgesetzt. Ein Schuldenstand in vergleichbarer Höhe bringt Zinsen ein. Als Arbeitgeber, Steuerzahler, Verbraucher und Merchandiser trägt der e.V. geltwert zur Wirtschaftskraft seines Standorts bei, als PR- und Spaßfaktor auch immateriell. Selbst die schlingernde Tagespresse der einstigen Medienhauptstadt wird weiter an Auflage verlieren, wenn als Gegner Heidenheim statt Bayern droht.

Ein Abstieg wäre daher auch in den Kassen spürbar. Bei Mike Ahlert etwa, dessen Lokal Picknick am Stadion an Spieltagen „nur halb so viele Gäste“ besuchen würden, wie er der Bild auf der Suche nach „Folgen des Abstiegs“ entlockt. Das klingt nun eher sachlich als ergriffen und zeigt gut die Stimmung am Ort des Untergangs. Die nämlich liegt angesichts eines Kurses, der seit dem DFB-Pokal 1987 mit Unterbrechungen abwärts führt, irgendwo zwischen Teilnahmslosigkeit, Zynismus und offenem Hass. Selbst Dauerkartenbesitzer, so scheint es, machen sich eher über gestanzte Durchhalteparolen ständig wechselnder Trainer lustig, als eine Atmosphäre unbedingten Miteinanders herbeizufiebern. Das sichtbarste Zeichen der Empathie waren noch Plakate zur Rückrunde, die irgendwas mit „Gras fressen“ insinuierten und doch bloß großformatiges Papier waren. Selbst der Bürgermeister rang sich in der örtlichen Morgenpost bloß ein schales „Die Situation beim HSV treibt mich um“ ab. Da ist kein Feuer im Support – nicht auf der Straße, nicht auf den Rängen. Und falls doch, brennt es irgendwie durch: Wer die wutverzerrten Gesichter mitgereister Fans nach der Niederlage in Augsburg vom vorigen Sonntag erlebt hat, wünscht ihnen einen Crashkurs in Sachen Spielermotivation bei den Anhängern des benachbarten FC St. Pauli. Dort weiß man scheinbar besser, dass sich wahre Zuneigung erst im Schlechten zeigt. Dort wehten auch nach der allerletzten Aufstiegschance per 0:3 gegen einen Dorfclub namens Aalen Beifall statt att Pfiffe durchs Stadion. Dort ist Empathie eine Frage des „Wir-“ nicht des „Wert-Gefühls“. Im Sozialismus, verglich der Grasnabenphilosoph Shankly sein Bild vom Fußball mal mit Politik, „arbeitet jeder für den anderen und alle bekommen einen Teil des Gewinns.“ Aber Hamburg ist ja bekanntlich ziemlich kapitalistisch.

Der Artikel ist gestern leicht gekürzt in der Berliner tageszeitung erschienen


Porträt: Hoss, Eidinger, Waschke, Haberlandt

Vier gewinnen

Nina Hoss, Lars Edinger, Mark Waschke und Fritzi Haberlandt gelten als beste Schauspieler Ihrer Generation. 14 Jahre nach ihrem gemeinsamen Abschluss zeigen sie heute (20.15 Uhr, Arte) im Drama Fenster zum Sommer, was Fernsehen kann, wenn es von der Leinwand kommt, aber nicht für den Bildschirm formatiert wurde.

Von Jan Freitag

Devid fehlt, aber eigentlich fehlt nur er. Nina, Lars, Mark und Fritzi – sie alle sind ja dabei, in diesem Drama namens Fenster zum Sommer. Und sie alle sind es in exakt jenen Rollen, die womöglich niemand besser beherrscht als dieses Quartett hiesiger Ausnahmeschauspieler: Nina Hoss, Lars Eidinger, Mark Waschke, Fritzi Haberlandt. Vier Alleinstellungsmerkmale jedes Films geben also in einem einzigen: die irritierend schöne, aber seltsam spröde Enddreißigerin am Abgrund der Verzweiflung; ihren unscheinbaren, aber tiefenscharfen Freund zwischen Spießigkeit und Seitenscheitellässigkeit; seinen irritierend schönen, aber schwer durchschaubaren Nachfolger mit Hang zur Selbstüberschätzung; und die unscheinbare, aber bemerkenswerte Freundin aller ohne rechte Bindung zum Leben.

Es sind Paraderollen, die Regisseur Hendrik Handloegten seinen Hauptdarstellern auf den Leib geschrieben hat, Figuren in einer famosen Hybridproduktion – vorab gezeigt auf der Leinwand, gefertigt im Grunde für den Bildschirm. Sie handelt von Juliane (Hoss), die mit August (Waschke) einen traumhaften Sommer verbringt, bis sie im Winter zuvor an der Seite ihres Exfreunds Philipp (Eidinger) erwacht und bald ihre Freundin Emily (Haberlandt) trifft, die doch zwei Monate zuvor ums Leben kam. Daraus entwickelt sich ein fein orchestriertes, aber furioses Drama um jene Chancen, die ein Zurückdrehen der Zeit eröffnet – und verstreichen lässt. Es ist ein mystisches Melodram mit maximalem Realitätsanspruch, eine Perle deutschen Dialogkinos im Fernsehen. Kein Wunder, dass er ohne Devid stattfindet. Denn für den, Nachname Striesow, bliebe in Handloegtens Paraderollenmodell nur die Rolle des unscheinbaren, aber naiv überdrehten Kindskopfs mit Hang zur Hippeligkeit, der allerdings hier völlig fehl am Platze gewesen wäre. „Warum ist Devid nicht da?“, fragte Mark Waschke dennoch, als das Zeit-Magazin kürzlich die vier tragenden Säulen aus „Fenster zum Sommer“ interviewte und diese Frage war nur zu berechtigt. Devid Striesow, Nina Hoss, Lars Eidinger, Mark Waschke und Fritzi Haberlandt sind schließlich nicht bloß Berufskollegen, es sind Absolventen desselben Jahrgangs an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch.

Im Jahr 1999 war das, nach zehn Semestern gemeinsamer Ausbildung, die – wie alle fünf minus Devid im Gespräch mit dem Wochenblatt pflichtschuldig bescheiden beteuerten – keinesfalls auf das hingedeutet hätten, was daraus geworden ist: der beste Jahrgang vielleicht, den hierzulande je eine solche Lehranstalt verlassen hat. Da summiert sich also Bemerkenswertes auf: Drei Dutzend der wichtigsten Branchenpreise im Land, für Inszenierungen, Filme und Fernsehstücke, die regelmäßig Feuilleton und Zuschauer, oft beides, zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Allein die Stuttgarterin Hoss wurde bereits 1995 von Bernd Eichinger – damals noch eher aus optischen Gründen – als Edelnutte der Neuverfilmung vom „Mädchen Rosemarie“ aus der ersten Klasse abberufen und sammelte fortan für Stücke wie Medea, Filme wie Yella oder Fernsehen wie Wolfsburg als distanziert angreifbare Provinzbeauty die höchsten Trophäen. Lars Eidinger, mit 37 der Jüngste im Quintett und Ensemblemitglied an der Schaubühne seiner Berliner Geburtsstadt, gilt als größtes Theatertalent seiner Generation, wurde 2009 jedoch im unfassbaren Kammerspiel Alle anderen neben der unfassbaren Birgit Minichmayr auch dem Kinopublikum als unfassbarer Gesprächsvirtuose bekannt.

Dazu Mark Waschke, Markenkern: Nebenbuhler. Mit 41 am ältesten kam der Wattenscheider über leicht peinliche Umwege à la Alarm für Cobra 11 als letzter von allen zu inhaltlichem Erfolg, seit seinem Thomas in Heinrich Breloers Die Buddenbrooks aber mit Nachdruck und der wohl deutschesten Attraktivität seiner Branche, die ihm Mitte März im Kriegsepos Unsere Mütter, unsere Väter gar einen SS-Schergen gestattet. Und Fritzi Haberlandt, noch so eine Berliner Bühnenberserkerin, Jahrgang 1975. Sie war schon Werthers Charlotte, war Wedekinds Lulu, war auch vor der Kamera oft die mal früh-, mal spätreife Jungerwachsene, was sie mit so kindlicher Inbrunst verkörpert, dass die beste Nachwuchsschauspielerin der Jahre 2000 bis 2001 wohl auch 2031 noch Teenager im Geiste darstellen darf.

Solch eine Riege in nur einem Film zu besetzen – da stellt sich nur die Frage, ob er am eigenen Anspruchsdenken scheitert oder dem der Öffentlichkeit. Umso erstaunlicher, wie souverän und dabei spielerisch „Fenster zum Sommer“ die Fallhöhe steht. Was vor allem daran liegt, dass Filmdialoge so brillanter Gegenwartsdarsteller gern improvisiert klingen, aber natürlich nie sind; dass sie stets die Balance halten zwischen Theatralik und Authentizität; dass sie buchstäblich spielen und dabei doch ernsthaft agieren. „Soll ich Ihnen mit dem Ding da helfen?“, sagt Waschke schüchtern, als August Juliane erstmals trifft. Ließe ein gewöhnlicher Film diese Traumfrau auf irgendwie betörende Weise antworten, sagt Hoss nur mädchenhaft „nö“ und lächelt zu Boden. Fernsehen kann so gut sein, wenn es vom Kino kommt. Mit solchen Texten. Von solchen Schauspielern.


Galileo: Cobra 11 & Comedy

Galileo-Sendung-Logo.svgDie Halbwissenssendung

Als Galileo vor 15 Jahren erstmals auf Sendung ging, mischte Pro7 damit ein verstaubtes Genre auf: Das Wissensfernsehen. Gut 4000 Folgen später allerdings ist die Sendung mit ihren vielen Ablegern nur noch eins: aufdringlich.

Von Jan Freitag

Der brillanteste Erfinder aller Zeiten würde sich wohl im Grabe umdrehen – als Patron einer solchen Sendung: Galileo. Seit 15 Jahren wird unterm Etikett des italienischen Forschergenies das betrieben, was heutzutage unter Wissensfernsehen firmiert. In den Tagen vorm Jubiläum am Montag waren das zum Beispiel: ein Nationenkampf im Wasserrutschen, die perfekte Kohlroulade, das größte Kraftwerk der Welt und die vermeintlich übelsten Lügen der Biobranche. Mehrwert? Mau! Nachhaltigkeit? Null! Unterhaltungsfaktor? Hoch! Zumindest in Zeiten, da ein Mario Barth Deutschlands erfolgreichster Komiker ist. Dieses absurde Stück TV wird in seinem Mangel an Verantwortung nur noch überboten von seiner Belanglosigkeit. Doch angesichts eines anderen Spin-Offs der Galileo-Familie auf Pro7, müsste der Namensgeber förmlich im Erdreich rotieren. Denn Aiman Abdallah, ihr radebrechender Moderator, hat gleich eine ganze Familie des Formats gegründet: Von Galileo genial bis The Game, von X.Perience bis History, von Big Picture, das diesen Samstag zur besten Sendezeit wieder die Geschichte ausgewählter Fotos erzählt, bis Mystery, das gottlob wieder eingestellte wurde. Zum Auftakt vor acht Jahren hatte Abdallah dort nämlich nichts weniger geleistet, als König Artus zu finden! Kurz ein paar Eingeborene befragt, in alten Schinken geblättert, Sand von Steinen gepinselt und quasi im Vorübergehen eines der „größten Geheimnisse der Menschheit“ gelüftet, so hieß es. Danke, Aiman-Albert-Archimedes-Isaac-Max Schliemann-Cook-Keppler-Amundsen-Abdallah von Liebig. Und bitte mix uns doch bei der Gelegenheit gleich noch etwas Antimaterie…

Keine Frage, das Bildungsfernsehen wurde 1998 durch Galileo bereichert. Es hat das trockene Genre gehörig aufgemöbelt, durch pure Penetranz primetimetauglich gemacht und damit allein unter den 14- bis 49-Jährigen sechsmal wöchentlich weit über einer Million Zuschauer – mehr als jedes vergleichbare Magazin. Es hat Info sein -tainment verpasst und dadurch wissensferne Zuschauerschichten für Sachthemen erschlossen. Es erklärt die Funktion von Reaktoren ebenso wie bierseligen Harndrang im Selbstversuch, nervt aber auch durch Überdramatisierung, Irrelevanz oder Niveaulosigkeit und betreibt dabei Schleichwerbung, als sei die Welt ein Warenhaus. Natürlich ohne Verlust journalistischer Unabhängigkeit, beharrt Abdallah trotzig. Glauben wir’s ihm mal, dass all die Produktvergleiche (Marke gegen No-Name) oder Kochexperimente (kann man bekannte Schokoriegel kopieren?) ebenso zufällig Reklame betreiben wie der Bau eines Bond-Mobils zum Start des neuen 007 bei Mystery.

Dort ständig zu behaupten, Aiman Abdallah reise im feinen Zwirn durch die Historie und kläre Geheimnisse auf, an denen ganze Forschergenerationen gescheitert sind, grenzt medizinisch an Autismus. Und Themen wie „Die letzten Tage Jesu Christi“ allen Ernstes anzukündigen, man schreibe „vermeintlich bekannte Kapitel unserer Geschichte neu“, erfüllt mehrere Kriterien des Größenwahns. Denn letztlich bleibt jeder Erkenntnisgewinn doch nur ein Feigenblatt, das Erfolgsgenre Dokudrama mit dem Modetitel Mystery (so heißen bereits Weichspüler) im Dauerbeschuss schreiender Geigen unters TV-Volk zu prügeln. „Wenn man junge Zuschauer ansprechen möchte, werden die sich an Bilder mit einer bestimmte Sound- und Bildsprache erinnern“, erläutert Abdallah und scheut sich nicht, seinen Einfluss auf die universitäre Forschung als „Annäherungsprozess“ zu beschreiben, „weil durch unsere Formate ein Klick in den Köpfen der Wissenschaftler vollzogen wurde, die vor sich hingearbeitet haben, ohne dass die Öffentlichkeit das verstanden hätte“.

Den Ruf von Galileo, das Sein zugunsten des Scheins zu vernachlässigen, dürfte Abdallah, der sich ohne zu erröten sogar dem Heiligem Gral auf der Spur wähnte und Jack The Ripper zum Deutschen machte, so kaum entkräften. Galileo ist eine gesendete Bild: Es verschwendet alle kreative Energie an wertkonservatives Entertainment schlichter Gemüter, wo Werkzeuge für Männer gemacht sind und Haushaltsreiniger für Frauen. Wo Antworten nicht halb so wichtig sind wie Fragen, die nur düster genug von den Synchronstimmen Agent Scullys oder Clint Eastwoods gestellt sein müssen, um die anschließende Ratlosigkeit zu verbergen. Das ist bei bis zu fünf Themen pro Sendung, sechs Tage die Woche, dazu Specials, Extras, Shows und eben Mystery auch kein Wunder. Wie wenig es letztlich um Wissen geht, belegt der Ludwig-Bölkow-Journalistenpreis 2006 für den Beitrag Airbus A380 – Der Superjumbo wird lackiert. Klingt respektabel, wird allerdings vom Erbauer des Fliegers gestiftet. Das der Luftfahrtkonzern EADS kritische Töne prämiert, kann als ausgeschlossen gelten. Aber mit denen hat es Galileo ohnehin nicht so. Es geht um Phänomene, nie um deren Folgen. Der Prototyp dazu heißt Brainiac, stammt aus England und macht Wissensfernsehen zu einer Mixtur aus Cobra 11 und Comedy. Wenn in der Geburtstagssendung am 30. November in neu gestaltetem Studio die größte Sektpyramide der Welt aufgetürmt wird, zeigt sich also einmal mehr: Hauptsache es scheppert und macht Laune. Und auch neue Rubriken wie der Test moderner Mythen namens „Fake-Check“ oder ein „Galileo-Psychodoc“, der unser Verhalten analysieren soll, tun sicher alles Mögliche – außer bilden.


Daniela Katzenberger: Silikon & Schauspiel

IMG_20140228_110731Ganz anders pushen

Daniela Katzenberger ist eine der seltsamsten Erfolgsgeschichten des Fernsehens. Jetzt (Donnerstag, 10. April, 20.15 Uhr) spielt sie auch noch die Titelfigur des ARD-Krimis Frauchen und die Deiwelsmilch. Porträt eines Medienproduktes, das sich grad freischwimmt, in einer Branche, der das herzlich egal ist.

Von Jan Freitag

Es gibt Fernsehprodukte, die sind ohne jeden Zweifel zutiefst künstlich: Alf zum Beispiel und die Sesamstraße, RTL 2 oder das Wettsofalachen von Markus Lanz. Dann gibt es Fernsehprodukte, die wirken ebenso unzweifelhaft echt. Alfred Biolek zum Beispiel und die Lindenstraße, das ZDF oder das Wettsofalachen von Thomas Gottschalk. Und dazwischen? Gibt es Daniela Katzenberger! Ein reines Fernsehprodukt, bei dem niemand wirklich zweifelsfrei wissen dürfte: ist die eigentlich real oder am Rechner erstellt, eine Installation quasi, also pure Produzentenfantasie. Eigens fürs Prollpublikum generiert? Solche Fragen stellen sich jedem einigermaßen wachen Geist, der den wasserstoffblondierten Superstar inszenierter Kommerzrealität bloß vom Bildschirm kennt. Plötzlich aber sitzt er in Fleisch und Blut und viel Silikon vor einem und beteuert, „Sie könnten mich glatt anfassen“. Das macht Daniela Katzenberger dann allerdings doch lieber selbst. Und wie! „Das Innere gehört schon immer zu mir“, antwortet der schönheitschirurgische Dauereingriff auf Beinen in einem hanseatischen Luxushotel auf die Frage nach ihren „natürlichen Seiten“ und presst beherzt das üppige Dekolletee zusammen. Denn merke: „Die unechten Dinge an mir sind sichtbar“.

Genauso tickt es nämlich, dieses ehemalige Nacktgirl der Bild, das vor exakt fünf Jahren den Lichtkegel konstruierter Popularität betreten und nie mehr verlassen hat. Seit ihrem ersten Auftritt in der Auswanderersoap Auf und davon bei Vox tut die „Katze“ praktisch alles, was aus Marketingsicht Aufmerksamkeit verspricht: Sie lässt sich die Augenbrauen absurd anheben und am Bildschirm erfolglos verkuppeln. Sie macht Werbung für alles und Retortenpop für die Charts. Sie leiht Frauenratgebern und Computerspielen ihren Namen. Sie tingelt praktisch durch sämtliche Foren und Formate ihres Genres. Kurzum: Sie liefert blondinenwitzdoof bis bauernschlau die bereitwillig modellierbare Folie diverser Publikumswünsche von Ballermannparty bis Wichsvorlage und beteuert zugleich mit ihrem allerarglosesten Katzenbergerlachen: „Ich habe kein Problem damit, nicht ernst genommen zu werden.“ Das glaubt man ihr sogar. Aber liegt das Problem nicht umgekehrt gerade darin, dass man PR-Produkte von Heidi Klum bis Konny Reimann statt zu wenig, eher viel zu sehr ernst nimmt? Dass ihnen im Streubombardement gestalteter Künstlichkeit längst eine Art Pseudorealität zuteil wird, die Wahrheit und Wahn schwimmen lässt? Die ARD jedenfalls fühlt sich gerade genötigt, diese These zu bestätigen. Heute Abend nämlich leiht es der pfälzischen Kosmetikerin ein wenig der eigenen Seriosität und schenkt ihr die Titelrolle des Mundartkrimis Frauchen und die Deiwelsmilch. Das ist so berechenbar wie überflüssig, und warum sie zu der Ehre kommt, ihren Heimatdialekt ganz oben auf der Besetzungsliste zu Markte tragen zu dürfen, das weiß die geschäftstüchtige Katzenberger sogar selbst ganz gut: „Weil man einen Film mit meinem Namen ganz anders pushen kann, damit es auch ja jeder guckt.“

Wer das wirklich tut, also zugucken, wird schließlich eine Sparkassenangestellte mit sehr tiefem Ausschnitt und rosa Plüsch um den Büromonitor erleben, die sich quasi selbst spielt und das sogar ganz gut. Flugs per Crashkurs für die offizielle Fiktion ausgebildet, verleiht die schauspielerische Quereinsteigerin dem öden Volksschwank als Hobbydetektivin Miri, die eine Intrige um Ölvorkommen im Weinberg enträtselt, somit durchaus erfrischende Lebendigkeit. Wenn aber derlei Trashgewächse noch das Beste am öffentlich-rechtlichen Angebot sind, erscheint es ja nur noch erbärmlicher, wie sich das Zweite da ans Stammpublikum der kommerziellen Konkurrenz ranwanzt. Und das hat mittlerweile Methode. Stefan Raab zum Beispiel war seit 1999 stolze achtmal zu Gast bei Wetten, dass…?, wo mit Cindy aus Marzahn kurzzeitig eine der übelsten Auswüchse privater Comedy zum Star avancierte, um den freien Quotenfall zu stoppen. Moderatoren wie Joko und Klaas, Lanz und Kerner, Lafer und Lichter flottieren frei zwischen gebühren- und werbefinanzierten Kanälen. Die Plage Reality-TV hält bis in die gediegenen Spartenkanäle wie Arte und 3sat Einzug. Zur wichtigen Primetime ist abseits von Tatort, Filmmittwoch und gelegentlich einer fiktionalen Perle im Zweiten kaum noch eine Grenze zum werbefinanzierten Fernsehen erkennbar. Und ihre Rolle als aufgebrezelte Teilzeitdetektivin, sagt Daniela Katzenberger, „wurde mir förmlich auf den Leib geschnitten“. Entwürdigender kann eine Aussage im Lichte vom Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kaum sein.

„Mein Name ist mein Kapital“, sagt die sehr blonde, sehr geschminkte, sehr künstliche, darin aber seltsam authentische Frau von 27 Jahren noch und verabschiedet sich vom PR-Termin des Zweiten, „das muss ich doch nutzen“. Damit ist wenigstens Daniela Katzenberger so ehrlich, wie es ARD und ZDF mal sein wollten. Früher, als Alf und Alfred Biolek noch für Fiktion und Realität im Programm standen. Lang ist’s her.


Fernsehköche: Zu viele & zu männlich

Die Herren der Töpfe

Kochen und kein Ende: Seit mehr als zehn Jahren wird im Fernsehen fast unablässig am Bildschirm gebrutzelt. Während der heimische Herd allerdings wie eh und je in Frauenhand ist, stehen im Fernsehen fast ausschließlich Männer davor. Die alte Rollenaufteilung ändert sich nur sehr langsam, das zeigt auch die neue Staffel vcon Steffen Hensslers Grillshow ab Sonntag, 20.15 Uhr, bei Vox

Von Jan Freitag
Mario Kotaska, Ralf Zacherl und Martin Baudrexel sind wirklich coole Jungs. Als Kochprofis stürmen sie seit 2005 Deutschlands Herdplatten und bekämpfen für RTL II kulinarische Missstände von Mensafraß bis Kantinenspeisung. Eine Arbeit für echte Spitzenkochkerle – zumindest im Fernsehen. Denn Frauen herrschen zwar bei aller Emanzipation weiter am heimischen Topfset, die TV-Küchen aber bleiben fest in Männerhand. Gerade zur Primetime. Dass mit Sarah Wiener nun erstmals eine Topköchin in diese Phalanx einbrach, ändert daran zunächst wenig. Die Österreicherin ist Dauergast bei Johannes B. Kerners Rezeptrunde und kochte auf ihrer Kulinarischen Tour de France regionale Feinkost nach. Immerhin ein Anfang. Wenngleich vor kleinem Publikum: Auf Arte.

Der NDR zementiert dagegen das alte Rollenbild. Da darf die erfahrene Moderatorin Sandra Becker für Steffen Henssler gerade mal Kräuter hacken und zwischendurch „mmmh“ summen, wenn ihr der Chef de Cuisine ein Löffelchen werdender Luxusgerichte in den Mund schiebt. Der Thirtysomething quittiert das dann stets mit jovialem Lächeln, hetzt seine Hilfskraft ansonsten aber tüchtig durch die Edelstahleinrichtung. „Sieh zu!“, raunzt er fröhlich, wenn sie die Mangos für den Tunacocktail zu langsam schält. Hier also der juvenile Spitzenkoch auf Exkurs vor die Kamera, dort die kommentierende Handlangerin. Und auch in der zweiten Staffel von Grill den Henssler ist ide Rollenaufteilung klar: Ruth Moschner moderiert, Steffen Henssler kocht. Alles beim Alte also.

Diese Rollenaufteilung hat seinen Grund – einen schlichten, wie NDR-Kulturchef Christian Stichler beteuert: „In der gehobenen Gastronomie gibt es eben nur Männer.“ In Hamburg etwa, Standort des Edelrestaurants Henssler & Henssler, gebe es unter den rund 30 herausragenden Küchenchefs gerade mal zwei Frauen. Schließlich, so Stichler, sei der Beruf äußerst anstrengend und familienunfreundlich. Das legt den Schluss nahe, er sei etwa in Frankreich und Skandinavien, wo TV-Köchinnen weitaus verbreiteter sind, entweder geruhsamer oder die ausübenden Frauen toughe Singles. Da beides Unsinn ist, muss es andere Gründe für das strukturelle Ungleichgewicht geben.

„Wir können uns ja keine Köchin ausbilden“, bemüht Stichler die Angebottheorie als Ursache der miesen Quote. Gegen dieses Argument spricht indes die langjährige Küchenpräsenz Alfred Bioleks oder die Popularität eines Clemens Wilmenrod, der ab 1953, als kaum ein Mann daheim den Löffel schwang, 180 Mal am Bildschirm bruzzelte – ohne Ausbildung, Wilmenrod war Schauspieler und steckte oft genug Kritik dafür ein, vom Essenmachen nicht halb soviel zu verstehen wie von dessen Präsentation. Es gab zwar in der Nachkriegszeit durchaus Mamsells im Umfeld biederer Haushaltssendungen, doch hauptamtliche TV-Köche tragen seit jeher y-Chromosomen. Sei es ein Max Inzinger, der in der öffentlich-rechtlichen Monopolphase bis 1982 am vorabendlichen Drehscheibe-Herd stand und später dem Ostpublikum im DFF-Format HAPS erklärte, wie man Kiwis isst. Sei es ein Ralf Zacherl, Vorzeigegourmet der privaten TV-Periode von heute. Sei es Alfred Biolek oder Alfons Schuhbeck, die schon immer im Fernsehen zu kochen scheinen. Seit dem Siegeszug des englischen Vorreiters Jamie Oliver geht der Trend indes zum Typus szeniger Jungkoch. Steffen Henßlers Jugendstil etwa bildet seit 2006 zweifellos einen Gegenpol zum beliebten, aber ergrauten Rainer Sass.

Ein Jahr zuvor setzte der Bayerische Rundfunk mit Alexander Herrmann und dessen Sendung Koch doch aufs gleiche Pferd. „Frauentyp“ nennt der Sender den „vermutlich charmantesten Koch Deutschlands“. Genau, was das Zielpublikum wünsche, beschreibt BR-Unterhaltungschef Thomas Jansing seinen Sunnyboy am Herd. Und das besteht nun mal vornehmlich aus denjenigen, die zuhause den Haushalt schmeißen, ist also überwiegend weiblich. Das gilt übrigens für fast alle der gut 100 Kochsendungen pro Woche (ohne die jährlich 60.000 Minuten des Billigkochsender TV-Gusto). Gäbe es eine Frau, „die das Handwerk mitbringt und gut moderieren kann“, so Jansing, „würden wir sie sehr gern nehmen.“ Diese Suche sei bislang vergebens gewesen. Hierzulande. Doch als der NDR 2006 einige Shows der schwedischen Starköchin Tina Nordström synchronisierte, liefen sie im Indoor-Monat Juli. Ansonsten gilt Jansings Maxime, „nicht ohne Not das Bewährte durch das Neue“ zu ersetzen.

Dabei verdrängt er, wie neu das Bewährte daherkommt. Nur gilt Tim Mälzers Role Model (modisch, locker, jung, schlank) nicht für die einzig wahrnehmbaren Frauen des Genres vor Sarah Wiener. Britta von Lojewski, die bei Vox das Kochduell leitete, bis ihr Mälzers Schmeckt nicht, gibt’s nicht den Sendeplatz klaute, war von der Sorte kumpelhafte Walküre und ließ andere braten. Lea Linster, laut Brigitte Europas beste Köchin, ist eher der Typ robuste Hausfrau, versauert als solche im SR und steht gelegentlich auf Kerners Besetzungsliste. Und Kathrin Rüegg entspricht nicht nur stilistisch dem Titel ihres Formats Was die Großmutter noch wusste beim SWR. Immerhin hat sich mit Sarah Wiener eine frischere Variante etabliert – und vielleicht den einen oder anderen Mann zum Kochen animiert. Zuhause, statt im Fernsehen. Wenn auch nicht unter Aufsicht von Pro7, das vier Junggesellen im Ringen um ein Weib je ein Single-Dinner zaubern lässt. Bleibt zu klären, ob der Sieger sein Herzblatt auch dann bekocht, wenn die Kameras fort sind.


Michelle Hunziker: Accessoire & Chefin

Parteiische Frohsinnsmaschine

Wer das Personal von Raab bis Lanz sieht, wähnt sich längst im Leichenschauhaus der TV-Show. Jetzt mischt es womöglich jemand auf, der bislang im Schatten der Stars stand: Michelle Hunziker. Auch wenn Die große Überraschungsshow (heute im ZDF eher fade Gebrauchtware sein dürfte.

Von Jan Freitag

Holland liegt jetzt in Italien, der Schweiz oder umgekehrt. Vielleicht liegt es allerdings auch ein bisschen in Deutschland, je nach Perspektive: Michelle Hunziker hat jedenfalls ihre allererste eigene Fernsehshow, und das ist gewisse eine internationale Angelegenheit. Die italienische Tochter einer niederländischen Mutter mit schweizerischem Mann, geboren im Tessin, moderiert ab heute nämlich etwas, das nicht nur eine fünfsprachige Gastgeberin mit mehreren Pässen aufweist, sondern auch noch verteufelt nach Rudi Carrell klingt.

Die große Überraschungsshow heißt das Format im gewohnt aufdringlichen Jubelton des ZDF und – Überraschung! – überrascht Menschen wie du und ich mit Dingen ihres Herzens. Von einer 90-Jährigen, berichtet das Zweite vorab, die seit Wirtschaftswunderzeiten einem gewissen Fußballclub anhängt und wahrscheinlich ganz dufte von dem überrascht wird. Oder vom Fan eines Musikstars, der ihn in der Sendung persönlich begrüßen dürfte. Von ganz normalen Leuten also, die irgendetwas können, brauchen, tun oder lassen und dafür aus dem Alltag oder Saalpublikum ins Rampenlicht gezerrt werden, wo alles in überdrehter Heiterkeit explodiert.

Exakt das gab es vor gut einem Vierteljahrhundert schon einmal, nur eben mit Rudi Carrell vor der Kamera, dessen Namen die ARD vergleichbar schlicht mit Show hintendran zum Titel machte und, hoppla, Menschen wie du und ich überraschte. Am Übergang ins duale System kratzten die Zuschauerzahlen solcher Leichtigkeit regelmäßig an der Achtstelligkeit. Doch weil es so was bei 300 Konkurrenzkanälen, dem Internet und seltener einem guten Buch statt Glotze im Grunde bloß noch beim Tatort gibt, hüllen wir hiermit den Mantel des Schweigens über die nichtige Dramaturgie und wenden uns ihrem Führungspersonal zu, dass es mit den Hüllen in ausreichend wärmender Art ja auch nicht so hat.

Michelle Hunziker flutet nach dem italienischen nun also auch den deutschen Unterhaltungsmarkt allein mit Glückshormonen. Es ist eine echte Erfolgsstory. Mittlerweile 37 ist sie überaus erfahren, sieht dabei immer noch umwerfend aus und kultiviert ihr Gemüt eines kleinen Kindes unterm Weihnachtsbaum so versiert mit der Professionalität des selbstlosen Sidekicks, dass man für Die große Überraschungsshow gar nicht mal schwarz sehen muss. Seit das blonde Model mit dem Hang zu exhibitionistischer Kleidung 1998 erstmals auf Thomas Gottschalks Couch landete, hat sie sich ja nicht nur vom Beruf des sexy Accessoires ihres Gatten Eros Ramazotti emanzipiert; Michelle Hunziker ist selbst zur Hauptdarstellerin gereift, die nach einem Ausflug zu DSDS an der Seite eines gewisse Carsten Spengemann einst Wetten, dass…? 2009 vorm zwischenzeitlichen Ruin gerettet und einen neuen Typus Showmaster jenseits der großen Schunkelsausen kreiert hat: Die hyperparteiische Frohsinnsmaschine.

In dieser Rolle hortet sie nun Sympathien wie zuvor höchstens Gottschalk selbst oder vielleicht noch ein Hape Kerkeling. Geschätzt wird die konsequent leicht bekleidete Schönheit allerdings nicht nur von Voyeuren aller Altersklassen, sondern von all jenen, die es zu schätzen wissen, dass da noch eine echte Leidenschaft fürs Medium in sich trägt, statt bloß routinierter Empathie. Vielleicht setzt sich Michelle Hunziker deshalb abseits der Bühne nicht wie all ihre PR-bewussten Kollegen fürs Konsensthema Kinder ein, sondern für Opfer häuslicher Gewalt. Und vielleicht ist es ihr ja auch deshalb piepe, dass sie mit der Überraschungsshow berechenbares Stromlinienfernsehen wegmoderieren soll. Denn vielleicht liegt ihr ja wirklich etwas an ihren gewöhnlichen Gästen. Damit würfe Michelle Hunziker dem sinkenden Schiff Fernsehshow einen Rettungsanker zu. Seit Rudi Carrells Ende, ist Holland nämlich wirklich in Not.


Porträt: Frauenwerbung

FrauenwerbungKüche, Kegel, Körperpflege

Die Werbung hat ein Emanzipationsproblem: Während Männer Bier trinkend Autos kaufen, schmeißen Frauen den Haushalt. Gerade im Fernsehen funktioniert Reklame also wie vor 50 Jahren. Ein Krisenbericht zum morgigen Equal-Pay-Day, an dem Frauen in gleicher Position dasselbe verdient hätten wie ihre männlichen Kollegen im Jahr 2013. 

Von Jan Freitag

Es ist wieder heimelig: Plätzchen backen, Christbaum schmücken, Festschmaus kochen, Hosen bügeln, tüchtig putzen, Süßes kaufen – Haus und Hof sollen tiptop sein, für die Feiertage. Und wer macht’s? Na Mutti! Zumindest im Fernsehen. Ein beliebiger Werbeblock zeigt blutjunge Mütter bei der Vorbereitung des Kindergeburtstags mit Lufterfrischer. Dann lockt ein Handyanbieter mit feschen Burschen beim Angeln. Darauf bespricht das schöne Geschlecht Waschmittelvorzüge. Bis das starke einen Gehirntrainer preist, eine Blondine ihre Großfamilie bekocht und wechselnde Männer Autoversicherungen loben.

Geht es also um Karriere, Kopf, Kfz, bleiben Werbeträgerinnen unsichtbar – sind ja auch mit Küche, Kegel, Körperpflege ausgelastet. TV-Reklame funktioniert heute wie 1956, als Liesl Karlstadt dem Fleck auf Beppo Brems Hose mit Persil zuleibe rückte: Wo gebacken, geschmückt, gekocht, gebügelt, geputzt, gekauft wird, verziehen sich Kerle aufs Sofa. Kein Wunder, dass Karen Heumann, Vorstand der Top-Agentur Jung von Matt, den „Rückgriff aufs Allertraditionellste“ beklagt. Die Aufteilung in Ernährer und Heimchen, ergänzt Amir Kassaei vom Art Directors Club, „ist überhaupt nicht mehr zeitgemäß“.

Trotzdem werben Greise, Singles, Ausländer, Arme nur selten für „Schnelldreher“; bei diesen Dingen des täglichen Lebens regiert die Kleinfamilie schicker Twens plus Grundschülerin mit kleinem Bruder im porentiefreinen Designerloft und Neuwagen vorm Garagentor. Reklame, erklärt Volker Nickel vom Werbeverband ZAW, „bildet gesellschaftliche Entwicklungen eben seit jeher nur ab“. Tut sie das? Das Wirtschaftsinstitut DIW hat errechnet, dass Männer Anfang des Jahrzehnts sechsmal mehr daheim halfen als 1965. Ist die Frau erwerbstätig, erledigen sie laut der „Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen“ ein Drittel der Hausarbeit. Das rechtfertigt einen Hausfrauenüberhang in der Werbung, aber keinen Hausmännerausschluss. Weil eine Managerin nach Feierabend ihren Gatten beim Spülen berät, hält Volker Nickel gegen, gab es selbst in den flotten 90ern mit ihrem Melitta-Mann, den Krönung-Light-Karrieristinnen oder Fertiggericht-Schwulen Zuschauerproteste. Ein Hausherr in Schürze: irreal, entwürdigend. Dass keine Frau darin Kritik erregt, hat indes auch Nickels Branche zu verantworten. „Unser einziges Ziel“, sagt Lothar Leonhard von der Agentur Ogilvy & Mather, „ist Return of Investment“. Die Rama-Sippe mit mütterlicher Toffifeeversorgung im sagrotanentkeimten Wohnpalast wandelt Kosten offenbar an besten in Konsum.

Agenturen, Wirtschaft und Medien betreiben somit eine Art Leitkultur-Placement. Es wird per Marktforschung erprobt, die jeder Spot vor Ausstrahlung durchläuft. Mit Testpersonen, die längst vom Reklame-Biedermeier infiltriert sind. Für Kanäle, die das zugehörige Programm liefern. Am Ende entscheide das Publikum, was läuft, sagt RTL-Sprecher Christian Körner zum kleinen Grenzverkehr zwischen Formatfestland und Werbeinsel, „aber der Vermarkter unserer Gruppe tauscht sich mit Werbekunden und Agenturen aus, in welchen Umfeldern welche Zielgruppen erreicht werden“. Wechselseitig kreiert das Leitmedium so damen- oder herrenaffine Angebote, die mit den passenden Kaufempfehlungen versehen geschlechtsspezifisch bleiben. So tragen Frauen im „Sportschau“-Break zwischen BMW, Bier und Baumarkt oft Bikini, während das Universum aus Romanze, Telenovela, Seifenoper (die der Lebensmittelmulti Procter & Gamble einst erfand) ein Wohlfühlambiente für weibliche Ware liefert. Ein Geben und Nehmen.

Und beiderlei Herz, sagt Cordelia Wagner vom TV-Vermarkter ip-Deutschland, „bildet die Familie“. Ihre Versorgung werde auf den reichweitenstärksten Sendeplätzen beworben: Shows, Blockbuster, Quotenevents. Und da Verbrauchsware im Gegensatz zu Investitionsgütern von Haushaltsführenden, also Frauen, gekauft wird, ist die Werbemoral so bieder. Das dürfte die Herdprämie noch verstärken: erfolgt Erziehung zuhause, bleibt sie trotz Elterngeld an Mama hängen, die meist weniger verdient als Papa. Ein Teufelskreis. Er hält den Werbespießer am Leben, der seit dem brillanten LBS-Spot sogar für Kinder alternativer Aussteiger als Ideal gilt. Denn wer steht im Maggi Kochstudio, wer preist Faltencreme, Bodylotion, Shampoo (außer gegen graues Haar), wer posiert in Dessous vorm Spiegel, die Max vom Gesparten der neuen Kfz-Versicherung bezahlt? Und wer erobert die Angebetete mit ritterlichen Balzritualen der Duplomatie? Aus dieser Idylle dürfen nur Kerle ausbrechen, um bei Burger King „like a man“ zu essen oder im VW für Jungs zu fahren, „die damals schon Männer waren“. Und Mario Barth reißt seine Handtaschenzoten jetzt für Media-Markt.

Alles beim alten Marketing: Frau darf dank der Pflegeserie Dove zwar fülliger sein, geht aber nach dem Pflegen einkaufen, um für den Nachwuchs zu kochen, dessen Vater hungrig aus dem Büro heimkehrt und höchstens Werkzeug besorgt. Dass sie eine Staubsaugerwerbung in „Familienmanagerin“ umtauft, mag ja modern klingen – das biedere Bild 24 Stunden verfügbarer Muttis wird so nur lukrativer. Es ist heimelig in deutschen Fernsehstuben.


Harald Schmidt: Zottel & Zynismus

Ohne Schmidt?

Nach fast 2000 Sendungen in knapp 20 Jahren verlässt Harald Schmidt die Late-Night und damit wohl endgültig auch das Fernsehen insgesamt. Ein leicht nostalgischer Abgesang

Von Jan Freitag

Fernsehen ist – und das nicht erst, seit ihm die kommerzielle Konkurrenz Beine macht – ein Experimentierfeld bürgerlicher Tabubrüche. Schwule Küsse und nackte Früchte, Sportreporterinnen und Realitätssimulationen, Berieselung zum Frühstück, Sex nach Mittag, Gewalt am Abend, Porno zur Nacht – je nach Zeitgeist haben auch öffentlich-rechtlich Sender immer wieder versucht, Belastungsgrenzen ihres Publikums auszuloten. Und auch, wenn es die Privaten mit brachialeren Mitteln versuchen: Allerorten geschieht all dies doch mit den Mitteln milder Verstörung.

Zum Beispiel Zotteloptik.

Es war im Dezember 2004, als ein bekanntes TV-Gesicht zugewachsen wie Berlin-Hipster 2014 zur alten Tante ARD heimkehrte, wo es 15 Jahre zuvor erstmals in Erscheinung getreten war. Und es ging ein Aufschrei des Entsetzens durchs Land, wie es bitte sein könne, dass ein gebührenfinanzierter Moderator sein graues Haupthaar überm wilden Vollbart auf Schulterlänge trägt? Dass zudem die gleichen Unflätigkeiten aus ihm purzeln wie in den Jahren zuvor bei Sat1? Dass da einer bewusst die Spielregeln des alten Staatsfunks missachtet? Einfache Antwort: Harald Schmidt darf das.

Denn Harald Schmidt ist gewissermaßen der Fleisch gewordene Tabubruch des hiesigen Mainstreamprogramms. Er macht Witze über Neger, selbst (oder gerade) wenn ringsherum die Heime der Asylbewerber (die er mit kindlicher Freude Asylanten nennt) brennen. Er macht Witze über Frauen, selbst (oder gerade) wenn ihnen die gläserne Decke (aus schickem Swarovski-Kristall) auf den Kopf fällt. Er macht Witze über alles Leid der Erde, selbst (und gerade) wenn es unser Gemüt (das ihm im Zweifel stets zu deutsch ist) bis zum Bersten strapaziert. Kurzum: Harald Schmidt, dieser schwäbische Zyniker aus dem pietistischen Haushalt heimatvertriebener Katholiken, er hält dieser Republik seit nunmehr einem Vierteljahrhundert den Zerrspiegel heuchlerischer Moral, doppelzüngiger Entrüstung und scheinheiliger Sittenstrenge vor.

Und wie so oft, wenn die einsamen Mahner in der Wüste predigen, wenn Neunmalkluge Finger in Wunden legen oder Weltverbesserung anders als im Befehlston daherkommt, erstarren die Menschen dieser Nation förmlich vorm Mut zur Offenheit und sind nur zu zweierlei in der Lage: Vergötterung oder Abscheu, gern beides in einem. Doch damit ist ab heute, Punkt 23 Uhr, Schluss. Wenn Harald Schmidt dann vor ein paar Tausend Zuschauern des kostenpflichtigen Spartenkanals Sky Hits und ein paar Tausend mehr beim einmalig parallel sendenden Youtube-Channel nach fast 2000 Ausgaben seine letzte Late-Night-Show abmoderiert, dann geht eine Ära zu Ende. Und wie so oft, wird die Masse der Menschen erst wirklich wissen, was sie an etwas hatte, wenn es verschwunden ist.

Schließlich war Harald Schmidt gefühlt schon immer da. Wie Lindenstraße und Tagesschau. Wie Quotendebatten, Vollbärte, Wetten, dass…?. Wie das Fernsehen insgesamt. Dabei hat er es erst vor 25 Jahren betreten, als der Zuschauer noch treu war, Glattrasur die Regel und Frank Elstner längst runter vom Wettsofa. 1989 nämlich wurde der unbekannte Kabarettist Schmidt von einem kaltkriegerisch klingenden Funkhaus namens Sender Freies Berlin ins Erste Programm gespült, wo er bald darauf Robert Lembke kopierte (Pssst), später das aufmüpfige Privatfernsehen (Schmidteinander) und in beiden Fällen bewies, wie respektlos es selbst öffentlich-rechtlich zugehen kann, wenn die Gremlins der Gremien, wie Schmidts Mitaufsteiger Günther Jauch seine ARD-Arbeitgeber in spe mal nannte, grad ihr Mittagsschläfchen hielten.

Als sie daraus erwachten, wurde der unbotmäßige Harald kurz in die biedere Rentnerbespaßung Verstehen Sie Spaß?. Doch als den zuständigen Verwaltungsbeamten aufging, welches Talent sie da im Tarifsystem verbrannten, war Schmidt auch schon bei Sat1. Damals als vermeintlicher Kanzlersender noch so etwas wie relevant, servierte er dem hiesigen Markt von dort aus das uramerikanische Talken zur Nacht, was zwar nie wirklich erfolgreich war, aber immer vieldiskutiert und somit: bedeutsam. Wenn heute kurz vor der Geisterstunde die letzte Zote gezündet, das letzte Tabu gebrochen wurde, wenn Uli Hoeness zur Strafe in Wiktor Janukowytschs Goldbrokatvilla gewünscht wird und den Krimbesetzern eine Natursektdusche, dann ist die importierte TV-Institution Late-Night knapp 20 Jahre nach der ersten „Harald-Schmidt-Show“ ähnlich Geschichte wie das Wählscheibentelefon.

Denn wer könnte Deutschlands giftigstem, klügstem, selbstgerechtestem, besten Sendezeitvergeuder folgen? Auf diesem Friedhof der Alphatiere liegen ja schon Gottschalk, Engelke, Pocher oder der talentierte Mr. Stuckrad-Barre begraben. Um der alten Zeiten Willen, sollten Nostalgiker also heute um viertel nach zehn bei Youtube reinschauen, wo der angehende Rentner von 56 Jahren die alten Sidekicks von Olli Dittrich über Jürgen Vogel bis Pierre M. Krause um sich schart und dann geht. Mit einem Lachen. Experiment beendet, Patient tot


Guido Knopp: Nazithrill- & Deutschlandfan

Ein Guido namens Knopp

Nach seinem Rückzug aus der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte erklärt uns der NS-kundige Salonpatriot nun bei Phoenix die Welt wie er sie sieht. Ab Sonntagabend zum Beispiel wen er für die größten Bundeskanzler hält. Aus diesem Anlass bringen die freitagsmedien ein älteres Porträt des Hitorikers mit dem schwarz-rot-goldenen Herzen.

Von Jan Freitag

Es ist ein Triumph der Beharrlichkeit, aus Hingabe, Aufopferung und Fleiß oder – um es mit Leni Riefenstahl zu sagen: ein Sieg des Willens. Guido Knopp, die graue Eminenz hiesiger Vergangenheitsbewältigung, kriegt einen Preis: In New York überreicht ihm eine internationale Jury zeitgeschichtlicher Fernsehmacher den Lifetime Achievement Award. Damit feiert sie einen Mann, der wie kein zweiter im Medienland den Weg aus der geistig moralischen Wende über die neue Mitte ins nationale Selbstbewusstsein geebnet hat. Und weil zugleich niemand die deutsche Ahnenforschung nach 1933 exporttauglicher machte als der Bundesverdienstkreuzträger aus dem hessischen Knüllgebirge, weiß man das auch im fernen Toronto.

Gut, dass dort mit Olaf Grunert und Ralf-Peter Piechowiak zwei Fahrensmänner vom Lerchenberg im Gremium der History Makers sitzen – geschenkt. Seit Guido Knopp 1984 die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte schuf, hat der promovierte Historiker das sperrige Genre nicht nur in über 50 Länder exportiert, sondern „aus dem Ghetto des Spätabendprogramms ins Hauptabendprogramm“ gehievt, so Knopp selbst. In einer Gegend mit mehr Spielkonsolen als Enzyklopädien ist das schon mal bemerkenswert.

Schon sein erster großer Mehrteiler Der verdammte Krieg fesselte 1991 ein Millionenpublikum. Im Anschluss betrieb der Ex-Redakteur konservativer Frontblätter des Kalten Krieges Welt am Sonntag und FAZ, was der Philosoph Hermann Lübbe mit „deutscher Sündenstolz“ umschreibt: Konfrontatives Verarbeiten. Gnadenlos konfrontierte er das wiedervereinigte Volksempfinden mit den Tabuthemen Nationalsozialismus und Krieg, betrieb es aber als konsequente Exkulpation des von den Nazis, nein – eher einer Führungskaste, noch besser: vom Führer verführten Volkes. Schuld sind immer die anderen – das alte Sandkistenprinzip.

Denn stets lenken Hitlers Helfer, Henker, Frauen und Kinder alle Aufmerksamkeit fort vom fanatisierten Volk. Bataillone großväterlicher Zeitzeugen geben sich ohne je Nachfragen zu fürchten so persönlich, dass Motive, Ursachen, Schuld verschwimmen. Ob Machtergreifung, Widerstand, Stalingrad oder Nachkriegszeit – Knopp hat „das Wir-Gefühl ins deutsche Erinnern gebracht“, schreibt Die Zeit und nennte seine Taktik „Entschuldung durch konsequente Entpolitisierung“. Seine zweifarbige Heldenproduktion, deren schwarze Seite allein durch Hitlers (Krieg, Plan, Clique) apostrophiert wird, duldet nur weiße Flecken. „In gewisser Weise hat er sich zu Beginn von Hitler täuschen lassen“ – so arglos klang die frühe Führerbegeisterung des späteren Attentäters im Stauffenberg-Film Die wahre Geschichte von 2008. „Der Graf war deutsch-national, nie ein Nazi“ lobt Knopp seinen Lieblingsdeutschen. „Wir atmen etwas freier, weil es ihn gegeben hat.“

Und um Befreiung geht es. Nichts belastet das nationale Behagen mehr als ein dreckiges Gestern. Deshalb führt Italien keine Debatte über den Duce, deshalb bleibt Stalin in Russland ein Star. Deutschland indes ging zu lang gesenkten Kopfes, wie die Rechte seit je befindet. Da half Guido Knopp beim Heben, der „Liberalkonservative in den Farben Schwarz-Rot-Gold“, wie er sich selber nennt. Kritiker bevorzugen „Megalomane“ oder „ZDF-Kriegsguru“, der aus Sicht des Historikers Ulrich Herbert „Nazi-Kitsch“ mit „Spaßkompatibilität“ (Süddeutsche) liefert.

Knopp hat aus Geschichtsfernsehen Histotainment gemacht und die braunen Flecken darin verrührt, wenn auch nicht alle: Als Knopp zum 60. Jahrestag der Normandie-Landung reaktionäre Historiker à la Arnulf Baring ins Studio bat, die „vom Tod, der alle gleich macht“ faseln durften. Wenn sein Leibregisseur Hans-Christoph Blumenberg in Der Aufstand“ DDR-Polizisten zu Bestien in SS-Kluft uniformiert oder alle Vertreibungsgründe im Dokudrama Kinder der Flucht 1944 statt ’33 suchte. Und als sein Endlosformat History am Sonntag das Gedenken an die Auschwitz-Befreiung um drei Tage vorzog, widmete er sich dem Klassenfeind: Die DDR und die Juden. Immer die anderen, wie gesagt.

Ansonsten aber mag es Knopp nun milder. Als Quizonkel im Zweiten etwa lässt er Frauen gegen Männer oder Adel gegen Pöbel raten und kümmert sich in History auch mal um US-Präsidenten oder Verschwörungstheorien. Mit 61 scheint er geläutert vom populistischen Eifer früherer Tage – der Westerwelle des Fernsehens, ein Guido namens Knopp. So wie sich der FDP-Chef heute seriös gibt, so hat der ZDF-Stratege die Strategie verfeinert. Sein Guidomobil fährt weiter mit fixen Schnitten, dramatischer Musik und plakativen Kommentaren, aber uns als großes Opfervolk einer winzigen Tätergang zu zeichnen – das das hat ihm jeder abgekauft, der sich nicht querinformiert. Alle lieben Stauffenberg und schuld war Hitler. Mission erfüllt. Sogar in Toronto.


Katastrophenfilme: Pomp & Pompeji

pompejiKatastrophale Filme

Wenn der Vesuv ab heute mal wieder Pompeji im Kino einäschert, zeigt sich wie so oft die Anziehungskraft des Untergangs aufs Publikum. Eine kleine Werkschau des Katastrophenfilms und was das über uns als Zuschauer aussagt

Von Jan Freitag

Und dann explodiert er doch. Es hat sich ja bereits eine Weile angekündigt, wie es sich eben immer eine Weile ankündigt, in diesem Genre: Ein einsamer Wanderer versinkt in aufgerissener Erde. Die Natur ringsum macht zusehends seltsame Geräusche. Überall qualmt, brodelt, zischt es. Und irgendwann, unvermeidlich wie der Kuss des Helden, beginnt im Glas der Wein zu zittern. Beim gängigen Katastrophenfilm heißt das: Jetzt geht’s los. Der Untergang nämlich. Diesmal mit der Mutter aller Katastrophenfilmopfer im Würgegriff der Mutter aller Katastrophenfilmtäter: Vesuv, Pompeji, mal wieder.

Schon in der Ursuppe laufender Bilder finden sich schließlich viele vom Vulkanausbruch anno 79. Allein bis Anfang der Sechziger wurde die sündhafte Stadt knapp ein Dutzend Mal fiktional dem Erdboden gleich gemacht. Heute kommt also die nächste Version ins Kino, zeitgemäß in 3D versteht sich, mit Kit Harington (Game of Thrones) als heroischer Sklave im Kampf um den schönen Klassenfeind (Emily Browning) und ihrer aller Überleben im Feuerhagel. Umgeben von Profitgier, Habsucht, Eitelkeiten spielt das handelsübliche Liebespaar sein gewohntes Spiel desaströser Dramaturgie und erneut zeigt sich: Es gibt viele Wege nach Armageddon, aber alle sind ähnlich beschildert.

Denn ob die Natur zuschlägt oder irgendeine Nemesis, ob sie einzelne Gruppen straft oder die ganze Spezies – meist läuft es doch so: Einsamer Mahner stemmt sich gegen die Ignoranz der Masse und rettet im Team mit blitzgescheitem Unterwäschemodel und noch klügerem Nerd erst seine Familie, dann den Rest der Stadt/Nation/Erde vor dem, was unsere Art zu konsumieren, siedeln, zu leben für Risiken mit sich bringt. Gut – in Pompeji fehlt vieles von dem, was zeitgenössische Disaster Movies mit sich bringen und am Ende sind alle tot. Doch auch hier geht es um Schicksal, Hybris und vor allem: um Angst.

Die ist ja nicht nur ein Gefühl, sondern eine Geschäftsidee, mit der sich seit jeher gut verkaufen lässt: Heilslehren, Sagrotan, Sicherheit, Psychopharmaka, Faltencremes – und Filme. Der moderne Medienmensch hasst Gefahr so sehr, dass er den Thrill liebt, sich davor risikofrei zu fürchten. Besonders am Bildschirm zeigt sich dabei: Die Angst hat Konjunkturen. Apokalypsenfilme, schreibt das Lexikon der Filmbegriffe, sind „Seismographen ihrer Zeit“, thematisieren also „politische, kulturelle und moralisch-ethische Problemkonstellationen“ der aktuellen Nachrichtenlage. Die aufkeimende Fortschrittsskepsis der Siebzigerjahre sorgte so für einen ersten Boom des filmischen Zusammenbruchs. Mit Hollywoodbombast wie Erdbeben oder dem Fernsehspiel Smog von Wolfgang Petersen. Die waffenstarrenden Achtziger ergänzten das Sujet um Atomkrieg (Day After), die globalisierten Neunziger um grenzenlose Erreger (etwa beim RTL-Comeback der Pest), die umweltbewegten Neunziger ums Klima (Day After Tomorrow). Stets geht es um den Fortbestand des Ganzen, symbolisiert durch Einzelschicksale auf begrenztem Raum. Zunächst meist im Kino, nach dem 11. September, als die Krise vom Ernstfall zur Regel wurde, zusehends am Bildschirm.

Das Prinzip Paranoia wirkt. Besonders, wenn die Auslöser unsichtbar waren wie Keime auf der Klobrille oder islamistische Schläfer im Flieger. Als sich Anfang des Jahrhunderts Fälle von Meningitis häuften, schickte Sat.1 seine Task-Force D.I.K. los. Als die Vogelgrippe wütete, drehte Pro7 seinen Epidemiethriller Faktor 8, als sie zur Pandemie geriet, infizierte das TV-Drama Pandemic die Bildschirme mit dem Influenzaerreger H3N7. Als SARS Lungen entzündete, reagierte das ZDF mit der Mobilen Einsatzgruppe Tropenmedizin. Ein Versuch, wie der damalige Unterhaltungschef Claus Beling sagte, „Wirklichkeit, die uns schneller einholt, als uns lieb ist, ins Vorabendprogramm zu holen“.

Noch mehr versucht es jedoch Sat1. Erst machte der Sender den europaweiten Blackout 2006 zu Der große Stromausfall, wo fiese Generatoren arglose Elektriker im grollenden Funkenregen verspeisen. Fünf Jahre später führte die Laufzeitdebatte zum AKW-Drama Restrisiko mit einer Schaltzentrale im Stile feindlicher Raumschiffe. Und dass beim Schwesterkanal Pro7 2009 ein Passagierflieger auf Berlin rast, hat seinen Ursprung in Flug 587, der Jahre zuvor auf New York gestürzt war. Dichtung oder Wahrheit – Angst ist ein guter Programmdirektor.

Das belegt jedes noch so weit entfernte Zugunglück, das es in die Tagesschau schafft. Das belegt vor allem die Exportquote. Eigenproduktionen von Tornado – Der Zorn des Himmels bis Inferno – Flammen über Berlin verkauften sich im Ausland so gut, dass der TV-Kritiker Christian Buß 2007 das „neue deutsche normierte Industrieprodukt namens Katastrophenfilm“ beschrieb. Seither geben besonders die Privatsender Gas. Vor drei Jahren inszenierte Sat1 den porös geförderten Ruhrpott zum Abgrund, während RTL die Eifel für neun Millionen Euro unterm explodierenden Vulkan begrub und am Einheitstag drauf gar ein Schwarzes Loch unterm Teilchenbeschleuniger CERN kreierte, das Deutschland nach allen Regeln der Katastrophenfilmkunst von unten aufzufressen drohte. Hätte es da nicht eine Handvoll attraktiver Helden gegeben, die dem knisternden Supergau ein Ende bereiteten. Stets vorn dabei: digitale Effekte von VFX bis CGI, stereotyp vermittelt durch die schöne Wissenschaftlerin plus schicker Held vs. gieriger Unternehmer, den der deutsche Koproduzent 2014 in Gestalt eines skrupellosen Gladiatorenzirkus-Betreibers sogar auf Pompeji ansetzt.

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