R. Seelmann-Eggebert: Königreich & Republik

seelmannMich fasziniert die Kontinuität

Sein halbes Leben lang kümmert sich Rolf Seelmann-Eggebert (Foto@NDR) um die Königshäuser der Welt. Das hat dem gebürtigen Berliner aus Hamburg mit Wohnsitz Wendland den Ruf eines Regenbogen-Reporters und Royalisten eingebracht. Andererseits versteht kein Journalist in Deutschland mehr vom globalen Adel und was er unserer Gegenwart noch zu sagen hat. Und die Monarchie will der NDR-Experte auch nicht zurück. Ein älteres Interview zum 80. Geburtstag über die Bedeutung der Monarchie in demokratischer Zeit und warum er die Queen zwar oft getroffen, aber nie interviewt hat.

Von Jan Freitag

Herr Seelmann-Eggebert, sind Sie eigentlich Monarchist?

Rolf Seelmann-Eggebert: Sicher nicht in dem Sinne, dass ich für eine Wiedereinführung der Monarchie in Deutschland wäre. Ich finde, dass wir besonders gut gefahren sind mit unserer Verfassung seit 1945 und unseren Bundespräsidenten. Ich stehe aber auf dem Standpunkt, dass wir Deutsche denjenigen in Europa, die noch Monarchien haben, keine Vorschriften machen sollten. Wenn ein Land 1000 Jahre Monarchie auf dem Rücken hat und die Bevölkerung zustimmt – die Zustimmung liegt im Schnitt zwischen 70 und 90 Prozent –, haben wir besonders als Deutsche keine Veranlassung, ihnen ihre Monarchie madig zu machen.

Gerade gute Republikaner, wie Sie mal sagten, sollten das nicht tun. Warum?

Weil sich die politischen Sinne überhaupt nicht unterscheiden. Es handelt sich bei allen europäischen Königshäusern um Vorbild-Demokratien, Großbritannien zum Beispiel ist nach wie vor ein großes Vorbild für alle möglichen Republiken. Der kleine Unterschied besteht nur darin, dass das Staatsoberhaupt in einem Fall eine Krone trägt und im anderen gewählt ist.

Wäre ihnen so gesehen eine Queen Elizabeth II. als Staatsoberhaupt lieber als sagen wir Heinrich Lübke?

Ganz sicher nicht. Ich war mit unseren Bundespräsidenten sehr zufrieden, insbesondere mit Heinrich Lübke, den ich als Afrika-Korrespondent sehr gut kennen gelernt habe und der in Afrika sehr viel populärer war als hier, weil er alt war, erfahren und was von Landwirtschaft verstand.

Es gibt für Sie also keine Sehnsüchte nach der Vergangenheit.

Keine.

Muss man Monarchien als guter Republikaner nicht als Show qualifizieren und ablehnen, sobald sie politischen Einfluss haben?

Das hat allenfalls etwas mit dem System zu tun. Dass ein König in Europa irgendwelchen Einfluss hätte, müssen Sie mir erst noch zeigen. Das zeichnet die heutigen Königshäuser aus meiner Perspektive aus, nämlich wunderbar in die Leistungsgesellschaft zu passen. Wenn sie nichts leisten, wissen Sie sehr genau, keine Überlebenschancen zu haben. Das macht die Sache besonders schwer, denn sie können sich nicht wie Generationen zuvor zurücklehnen und den lieben Gott ’n guten Mann sein lassen. Sie wissen alle, dass es heute keiner blutigen Revolutionen mehr bedarf, sie abzulösen, sondern durch einen Federstrich eines Parlaments passieren kann. Insofern hat sich die Situation total verändert. Königlicher Missbrauch der Position ist nicht mehr möglich.

Die Queen nimmt doch durchaus politisch Einfluss.

Der Einfluss ist von Land zu Land durchaus unterschiedlich. Es ist nur so, dass keiner mehr eingreifen kann in die Geschicke des Landes. Und selbst, wenn noch die Befugnis besteht, beispielsweise die Regierung zu berufen, geschieht dies allenfalls proforma, denn dahinter steht immer die Empfehlung des Parlaments. Keiner kann da noch Einfluss nehmen mit Ausnahme von Juan Carlos nach dem Putsch, als der den Soldaten sagte, zurück in die Kasernen.

Sollte das öffentlich-rechtliche Fernsehen einer Republik wie der deutschen nicht distanziert mit dem Thema Monarchie umgehen?

Nein.

Gibt es das Direktiven oder Leitlinien?

(Lacht) Mir wären die nicht bekannt und ich bin auch nicht mehr Mitglied eines solchen Senders. Ich habe die Königshäuser nur Ende der 70er-Jahre unter dem Aspekt entdeckt, dass das deutsche Publikum keine Ahnung von ihnen hatte, und festgestellt, dass was in deutschen Zeitungen über Königshäuser stand, größtenteils Unsinn war und sich an längst überholten herrschaftlichen Perspektiven orientierte. Mittlerweile sind die Königshäuser als Medienthema ein wenig verkommen, weil sich jeder bei ihnen bedient und zwar überwiegend als Unterhaltungsobjekte.

Erfreuen sich aber steigender Beliebtheit. Selbst Beerdigungen werden übertragen, die Hochzeit des spanischen Kronprinzen verfolgten über eine Milliarde Zuschauer und damit doppelt soviel als ihr erster Einsatz bei Charles und Diana.

Also zunächst mal hat das Fernsehen technisch ein paar Fortschritte gemacht seit 1981, es ist etwa weiter empfangbar als früher. Im Übrigen muss man mit solchen Zahlen umgehen.

Was fasziniert das Publikum so an Königshäusern?

Abgesehen von Glanz und Gloria, die ja in Monarchien etwas größer geschrieben als in Republiken, ist es die Kontinuität. Ein Prinz wird geboren und mit ihm gibt es in aller Welt Generationen von Kindern und beide werden älter und es gibt diesen Bezugspunkt zu einer Person in diesem Königshaus für den Rest eines Lebens. Jemand wie ich erinnert sich also daran, dass es in England eine Lilibeth gab, die etwas früher Königin wurde als erwartet und die hat man begleitet. Mir und Ihnen fallen wahrscheinlich nur wenige Personen ein, von denen man das noch behaupten könnte.

Und warum ist das so?

Die Verfallszeit von Politikern, Sportlern, Musikern, Schauspielern ist kurz geworden. Gerade hat man sich an einen Bundespräsidenten, da ist er schon wieder weg, weil nur eine Wiederwahl möglich ist. Ich denke, dass sich die Menschen nach etwas mehr Kontinuität sehnen. Zu der Zeit, als ich mich noch gar nicht für Königshäuser interessierte, gab es etwa einen Clark Gable oder Erol Flynn. Hollywood war ein verlässlicher Partner und Rita Hayworth kannte ich doch auch schon 20 Jahre – das alles ist ganz anders geworden. An der Stelle spielen die regierenden Häuser der Welt eine besondere Rolle. Natürlich sehnen sich die Leute auch nach Vorbildern, aber das ist ja so eine Sache, die man nicht unbedingt in Königshäusern entdeckt.

Die sind ja auch von Skandalen und Zerfallsprozessen gekennzeichnet.

Das ist nur eine gegenläufige Entwicklung zur Vorbildfunktion, nicht zur Kontinuität. Die ist weiterhin gewahrt, sie sind ja weiter da und spielen ihr Leben. Und wenn Harry in einem Stripclub gesichtet wird, ist das halt so. Das ist der Tribut, den die Königshäuser daran entrichten, dass sie sich so sehr an bürgerlichen Maßstäben orientieren. Ein Haus, dass so weiterzuleben versucht wie im 19. Jahrhundert oder meinetwegen auch im 20. und da stehen bleibt, wird nicht mehr lange existieren. Die haben sich darauf eingerichtet, mit der Zeit zu gehen und haben das große Problem, wie jedermann, der Zeit nicht vorauszueilen, um nicht rückschrittlich zu wirken und die alten Zöpfe zu pflegen. Diese Balance zu halten, ist sehr schwierig, und das habe ich im Film mit der Trauerwoche nach dem Tod Dianas beschrieben, als die Queen große Probleme hatte, noch die Kurve zu kriegen und zu sagen: das Volk will, also muss ich.

Protokolländerung auf Wunsch des Volkes.

Das Volk hat gesagt, die Königin muss in solch einer Stunde der nationalen Trauer in London sein und sie muss mehr als ein Begräbnis haben und die Fahne auf dem Buckingham Palast muss auf Halbmast stehen und es kann nicht sein, das Begräbnis einer solchen Frau zu privatisieren. Die Königin hat’s getan. Insofern hat sich viel geändert.

Öffnet sich der Adel dadurch auch den Wünschen des Boulevards?

Ich glaube nicht, dass die deutsche Presse einen nennenswerten Einfluss auf das britische Königshaus hat. Aber die britische Presse hat sicherlich einen gewissen Einfluss, als die Kommentare – eher Times und Guardian als Sun und Daily Express – durchaus gelesen werden. Da wird natürlich geredet über die Zukunft der Monarchie und wenn die durch irgendwelche Verhaltensweisen gefährdet ist, kann man sich darauf verlassen, dass die Königshäuser darauf eingehen.

Als Bestandsschutz.

Natürlich. Dass irgendein Haus versucht, seine Zukunft im Elfenbeinturm zu finden, habe ich noch nirgendwo entdeckt. Sie gucken nach rechts, nach links, nach vorn und hinten. Sie sind nicht sonderlich aufgeschlossen der Presse gegenüber, weil sie wissen, wie gefährlich das für sie ist. Aber sie sind heutzutage viel besser ausgerüstet was die Behandlung der Presse durch geschulte Leute angeht. Im Buckingham Palast gab es früher einen Pressesprecher; heute sind es ungefähr 20 Leute in der Presseabteilung.

Wie sehnen sich die Boulevard-Medien auf der einen Seite und das Publikum auf der anderen gerade in Zeiten der Krise eher in königliche Märchenwelten hinein als gegen sie aufzubegehren?

Man liebt in schlechten Zeiten einfach den Glanz, der einen das eigene Jammertal verschönt. Wobei das Jammertal in Deutschland relativ ist. Ein echter Neidfaktor spielt gerade hier keine Rolle, weil es niemanden gibt, den wir da abzusägen hätten. Die, die 1918 abgesägt wurden, haben nie versucht zurückzukehren. Insgesamt gibt es einfach keinerlei Anlässe, Revolutionen auszurufen um Königshäuser zu stürzen. Es ist ein Irrglaube, gestützt durch die Yellow-Press, dass es sich bei den Königshäusern um die großen reichen Familien dieser Welt handelt. Absoluter Unsinn. Seien Sie versichert: ein Volk, dass ein Königshaus stürzen möchte, hätte es geschafft. Dafür gab es in Europa gute Beispiele und heute gibt es eben kein Haus mehr, das dafür noch die nötige Angriffsfläche böte. Im Gegenteil. Selbst die statistisch gesehen meist nur drei, vier Prozent, die aktiv daran interessiert wären, räumen ein, gegen die Monarchie zu sein, aber nicht gegen die Angehörigen der aktuellen Familie.

Man darf sie nicht mehr überschätzen.

Selbstverständlich nicht. Und sie überschätzen sich vor allem selbst nicht mehr. Sie fragen sich die ganze Zeit, welche Funktion sie denn noch haben, gerade angesichts der Entwicklung in der EU, wenn es irgendwann einen einheitlichen Präsidenten gibt und sie spielen da keine Rolle mehr.

Die Regenbogenpresse ist an solchen Aspekten nicht interessiert. Was unterscheidet sie von der Berichterstattung im Fernsehen.

Im Fernsehen ist es schlicht und einfach, weil wir 1:1 zeigen, was geschieht. Ob’s eine Hochzeit ist, eine Taufe oder sonst was. Das sind ja bei uns große Live-Angebote aus den einzelnen Ländern und die – gerade in Zeiten knapper Gebührenmittel – relativ preiswert sind.

Es ist von rund 200.000 Euro pro Übertragung die Rede.

Ich weiß nicht, woher die Zahl kommt und ich muss mich Gott sei Dank auch nicht damit beschäftigen. Das eigentliche Signal ist jedenfalls sehr preisgünstig und dann fragt man sich eben, welchen Aufwand man vorweg und hinterher betreibt. Das wird meist an der Frage entschieden, ob man überhaupt die Chance hat, vor Ort zu sein. Wir beim NDR haben gute Erfahrungen damit gemacht, aus dem Studio in Hamburg zu kommentieren. Das hat die Sache risikofreier gemacht. Das Publikum interessiert das gar nicht sonderlich. Die Sendeminute ist einfach günstig und wird entsprechend kommentiert. Diese Möglichkeit haben Printmedien nicht.

Die betreiben Kaffeesatzleserei.

Die müssen alles anzuckern und zwar in einem Sinn, der mit Journalismus eigentlich nichts mehr zu tun hat, allenfalls mit Unterhaltung und Erfindungsgeist. Die Yellow-Press ist mehr eine Industrie als eine Informationsquelle. Das der Hamburger Anwalt Prinz fürs schwedische Königshaus tätig wurde, hatte ja nur damit zu tun, dass selbst den geduldigen Schweden der Geduldsfaden riss, als man Prinzessin Victoria erst mit dem einen, dann mit dem anderen verheiratet und am Ende ein Kind in den Arm gelegt hat. Es ist schlicht unglaublich, was da passiert, aber seitdem ist Ruhe im Karton. Interessant, dass die Verlage nur eine Sprache verstehen, nämlich die, auf 500.000 Euro und mehr verklagt zu werden. Man kann davon ausgehen, dass von zwei Geschichten eine auf reiner Phantasie beruht. In der zweiten steckt wenigstens ein kleiner Kern Wahrheit. Wenn man anhand davon mal eine Analyse machen würde, mit wen Victoria schon zusammen gewesen sein soll, wäre es wohl halb Europa. Das ist absoluter Unfug, der einem Unterhaltungsbedürfnis entspringt, das dadurch befriedigt wird.

Der Fernsehkritiker Jürgen Bertram nennt die ARD „elektronisches Goldenes Blatt“, weil über adelige Großereignisse völlig unkritisch und beliebig berichtet wird.

Herr Bertram hat sich ums ARD-Programm offenbar nicht sehr gekümmert. Im Übrigen verweise ich auf das, was Christoph Lütgert Herrn Bertram in der Süddeutschen geantwortet hat, der alles in Grund und Boden geschrieben hat. Herr Bertram hat sich aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk das rausgepickt, was ihn geärgert hat. Zu dem, was er zur die Berichterstattung über Königshäuser geschrieben hat, verweise ich auf die Dokumentation am Ostersonntag. Ich habe mich ihm und anderen kritischen Kollegen gegenüber nicht zu entschuldigen.

Aber Kritik daran, dass ARD und ZDF teilweise stundenlang über dasselbe Ereignis live berichten muss möglich sein.

Das ist so nie gewesen. Beide haben stets eigene Studios aufgebaut und ringsum eigene Geschichten gemacht. Das Ereignis dauert wie beim Fußball etwa 90 Minuten und es gibt vorweg und hinterher Berichte. Bei großen Ereignissen kommen sogar noch andere wie n-tv oder Sat1 hinzu. Da ist es die Entscheidung des einzelnen Systems zu sagen, wir machen es besser, holen mehr Quote als die anderen und meistens ist es für die ARD ganz gut ausgegangen. Ich persönlich habe nichts dagegen, dass die Sender gegeneinander antreten wie bei so vielen Anlässen in aller Welt, wo Brennpunkte gegen Brennpunkte gesetzt werden.

Sie berichten bereits seit dem 30. Geburtstag von Prinz Charles über Königshäuser.

Wenn Sie so wollen, sogar schon länger. Ich habe den ersten Besuch der Königin in Deutschland mitgemacht, als junger Reporter des NDR in Hannover. Dass das noch mal ein besonderes Interessengebiet von mir werden würde, wusste ich 1965 noch nicht. Als ich Korrespondent in London war, habe ich aber in der Tat in einer 45-minütigen Sendung dargestellt, wie sich ein künftiger König auf seine Aufgabe vorbereitet.

Seither haben Sie alle europäischen Regenten gesprochen bis auf die Queen.

Ich habe oft mit ihr gesprochen, aber ich habe sie nie interviewt. Es gibt nämlich keine Interviews mit ihr und ich würde ihr raten, das auch im hohen Alter zu unterlassen. Um ein Haus hab ich mich nie gekümmert – das von Monaco.

Ach was.

Das war für mich immer ein reines Glamourhaus, das mich nie interessiert hat.

Wie wichtig ist Distanz für das Medienthema Monarchie, etwa im Falle der Queen?

Das ist für einen Ausländer nicht schwierig. Ich befinde mich ja nicht unter ihrer Herrschaft, bin ab und zu mal da und denke, dass ich gerade im Kontakt mit kundigeren britischen Kollegen, die ja auch in der Dokumentation vorkommen, immer einen Fuß am Boden behalte und nicht zu enthusiastisch werde. Weder bei dem einen noch bei dem anderen Königshaus. Es ist natürlich schöner, mit als über jemanden zu reden. Das ist mal so und mal so, die Nähen sind unterschiedlich. Die Sendung, die ich gerade über das schwedische Königshaus mache, besteht weitestgehend aus Originaläußerungen des Königs und der Königin.

Fehlt Ihnen noch ein Interviewpartner in Ihrer Sammlung?

Ach, nein. Und ich hab’s auch nicht überall versucht. Wem Blut an den Fingern klebt, hat es mich nie interessiert. Das sind dann jene, die Sie bei der Frage im Visier haben: Wie kann man sich nur für Königshäuser interessieren!?


Ketzerbraut: Frauenpower & Pressdekolletee

ketzerBerlin-Mitte-Mittelalter

Nach der Wanderhure hat das Dreamteam des verfilmten Groschenromans Iny Lorentz und Hansjörg Thun wieder zugeschlagen: Die Ketzerbraut (zu sehen in der Sat1-Mediathek) macht aus dem Spätmittelalter ein seifiges Melodram, das nicht nur dramaturgisch völlig misslingt, sondern auch noch historische Fakten bis an den Rand der Geschichtsklitterung vergewaltigt. Und ständig schürzt Ruby O. Fee (Foto@Sat1) zum Kusse bereit die Lippen. Eine Abrechnung.

Von Jan Freitag

Das Dasein zur Zeit Martin Luthers muss furchtbar gewesen sein. Am Übergang zur Renaissance wurde das finstere Mittelalter zwar in etwas mehr Licht getaucht. Trotzdem blieb die Existenz fast aller von Unrecht, Ignoranz und Ablasshandel gekennzeichnet, von Elend, Folter, Angst, der Pest geprägt. Als die Reformation ans Wittenberger Kirchentor klopfte, war das Leben also freudlos und kurz – besonders für Frauen, die seinerzeit exakt drei Aufgaben hatten: Arbeiten, Kinderkriegen, Schnauzehalten. Ausnahmen gab‘s nicht. Es sei denn, hinter Klostermauern.

Obwohl, eine findet sich auch davor. Sie heißt Veva, was 500 Jahre später in Berlin-Mitte ein ähnlich lässiger Name wäre wie im München 1517. Als käme sie grad aus dem Beautysalon, hüpft diese Veva mit laszivem Pressdekolletee durch den Dreck der Residenzstadt und verteilt hier ein Lächeln an Bekannte und dort ein Almosen an Bedürftige. Jeder kriegt ein Scheibchen ihres sonnigen Gemüts, bevor sie es pfundweise an den freigeistigen Maler Ernst verteilt. Noch so eine Figur, die sprachlich, optisch, habituell auch dann nicht auffiele, wenn sie 2017 durch Kreuzberg liefe.

So stellt sich Sat1 eine Kaufmannstochter nebst Verehrer im Spätmittelalter vor, wenn es daraus nach Pilgerin und Wanderhure die nächste Geschichtsschnulze macht. Wie ihre zwei Quotenqueens stammt schließlich auch Die Ketzerbraut von der Geschichtsschnulzenfabrikantin Iny Lorentz, deren Bücher bislang dreizehnmillionenfach verkauft mit historischer Authentizität spielen wie ein Kind mit Bauklötzen: Alles aufeinanderstapeln, lautstark einreißen, jauchzend in die Hände klatschen – fertig ist das Entertainment für Leute, denen viel an Schauwert gelegen ist und wenig an Inhalt.

In diesem Fall sieht das so aus: Die kluge, schöne, selbstbewusste, belesene, emanzipierte, aufsässige, coole, also durch und durch ahistorische Titelheldin (Ruby O. Fee) sieht nicht nur super aus, sondern ist des Lesens mächtig, weshalb sie als wohl einzige Frau ohne Nonnenornat jener bildungsfernen Männer-Ära die renitenten Flugblätter von Martin Luther (Adrian Topol) versteht und zur Religionsrevoluzzerin wird. Das macht sie zum Feind mächtiger Gegner wie dem fiesen Pfarrer von Perlach (Paulus Manker), der Kardinal werden will anstelle des Kardinals. Mithilfe der wesensbösen Rittersfrau Walpurga (Elena Uhlig) lässt er den Glashandel von Vevas Vater zerstören und dessen Tochter schänden. Als „Ketzerbraut“ verstoßen, schwört sie Rache, die im Finale (Achtung, Spoiler!) so glückt, dass die Amazone mit dem Schmollmund gar Martin Luther das Leben rettet.

Angesichts dieser eher freien Geschichtsinterpretation könnte man it’s only entertainment sagen und sich entspannt zurücklehnen; doch so einfach ist das nicht. Wie schon in seinem Wanderhuren-Zyklus, reklamiert Regisseur Hansjörg Thurn zwar historische Faktentreue für seinen Film. Anders als die Reiter der ersten Mittelalterwelle von Umberto Eco bis Noah Gordon versuchen aber weder Thurn noch Lorentz dieses vielschichtige Zeitalter auch nur im Ansatz zu begreifen. Die Figuren darin sind bloß Platzhalter des anhaltenden Interesses am Thrill einer zugkräftigen Epoche, mit der sich Quote oder Kohle, gern beides machen lässt.

Hatte der Kulturbetrieb vor 1945 gern (und ab 1933 effektiv) im Mittelalter nach Quell und Wesen des nationalen Kollektivs gesucht, dreht die Unterhaltungsindustrie den Aneignungsprozess nun um. Sollte die finstere, aber verlockende Mythologie einst etwas über die Gegenwart erzählen, spielt die Gegenwart nun umgekehrt Mittelalter. Deshalb durfte Die Wanderhure ihrem Lover in den Worten von heute mitteilen, „verrückt nach dir“ zu sein, als beide nackig im See baden. Deshalb darf Ernst Die Ketzerin jetzt „und du stehst rein zufällig hier?“ fragen, als er sie mit Dackelblick anbaggert. Deshalb können die Versicherungsangestellten Iny Klocke und Elmar Wohlrath unterm Pseudonym Lorentz mit allerlei Achtelwissen Vorlagen für Fernsehfilme in Reihe basteln. Deshalb steckten in der vierteiligen Adaption von Ken Folletts Säulen der Erde zuletzt sagenhafte 40 Millionen Euro.

Gut, ließe sich einwenden: sind halt Märchen vor historischem Hintergrund und damit auch nicht unglaubwürdiger als Actionblockbuster, in denen der Held nach 25 Wirkungstreffern lustig Sprüche klopft. Doch so wie The Fast and the Furious sein (vorwiegend männliches Publikum zu Vollgas und Sexismus animiert, verleiht die Liebe des handelsüblichen Mittelalter-Melodrams zur Optik dem Inhalt dahinter eine Authentizität, die fahrlässig ist. Wenn ein weiblicher Mob im Finale der Ketzerin den fiesen Großinquisitor stürzt, entsteht nämlich der Eindruck, Gleichberechtigung sei 1517 erstritten worden, nicht 450 Jahre später. Weil die Sympathieträger in der akribisch dekorierten Kulisse dabei dank weißer Zähne und perfektem Makeup porentief rein sind, wirken die Western der Technikolor-Ära verglichen damit fast dokumentarisch. Und weil kein Protagonist die kleinste Entwicklung durchmacht, ist das Ganze dazu dramaturgisch ein Rückfall in die Zeit der Schwarzwaldklinik.

Keine Frage: Ruby O. Fee als Hipster-, pardon, Ketzerbraut kann wehklagen wie einst Maria Schell und sieht dabei cooler aus. Der Rest dieses Schmierentheaters jedoch macht sein Thema nichts als lächerlich. Dabei kann uns die fiktionale Betrachtung vergangener Epochen durchaus helfen, unsere eigene zu verstehen. Die Ketzerbraut hingegen kann uns bestenfalls helfen, die Zeit bis zum Bett zu überbrücken. Sofern man nicht vorm Fernseher einschläft.

Der Text ist vorab bei DWDL erschienen

Bayernförderung & Wanderketzerbräute

TVDie Gebrauchtwoche

6. – 12. Februar

Es war in den vergangenen zwei Jahren oft die Rede, besser: das Gebrüll davon, dass der mediale Mainstream über Morde mit Migrationshintergrund nur dann berichte, wenn ihn die Opfer haben, nicht die Täter. Das war und ist natürlich zynischer Unsinn. Umso mehr lässt ein Ereignis beim Focus, der ideologisch eigentlich ganz gerne mal mitbrüllt, aufhorchen: Vorige Woche hat er den Mord an einem Asylbewerber gemeldet. Und was ist passiert? Genau: In der Kommentarspalte feierten Rassisten seinen Tod in Wort, Bild und Smileys. Aber wie viel eindrücklicher waren doch all jene, die der Menschenverachtung an gleicher Stelle eine Flut an Humanismus und Mitgefühl entgegensetzt haben.

Womit bewiesen wäre, dass sich die Wohlmeinenden den digitalen Resonanzraum zurückerobern können, wenn sie der Kraft ihrer Herzen folgen. Das zeigt dieser Tage unter anderem die antisexistische Plattform Pinkstinks mit einer klugen Kampagne gegen die nächste Runde der Sexobjektzucht Germany’s Next Topmodel bei Pro7. Empathie is beautiful! Als Fußballfan hingegen hätte man am Dienstag dann doch kurz aus der Haut fahren können. Da hat die ARD das Pokal-Spiel des abstiegsbedrohten VfL Wolfsburg beim unschlagbaren FC Bayern übertragen und damit erneut bewiesen, wie egal ihr Anspruch und Spannung sind, solange sie ihr liebstes PR-Produkt FCB weiter und weiter und weiter mit Werbezeit fördern darf.

Das Spiel war wie zu erwarten von vorhersehbarer Eintönigkeit ohne jede Form von Spannung oder Esprit. Aber gut – die Quote ging in Ordnung, weil Fußball nun mal immer geht. Was übrigens auch ein Grund dafür war, warum das ZDF vor 29 Jahren ML Mona Lisa gegen die Sportschau programmiert hat, der damals praktisch alle Männer im Land zwanghaft zusahen. Irgendwann wurde ML dann mit geschlechtsloserem Tenor vorverlegt, was aber immer noch kaum Männer sehen wollen, die nach wie vor samstagnachmittags um dieses Zeit nur Bälle im Kopf haben, weshalb das Magazin nun eingestellt wird. Schade. Nicht nur für Zuschauerinnen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

13. – 19. Februar

Denen dafür am Dienstag auf Sat1 ersatzweise Die Ketzerbraut vorgesetzt wird. Schön, klug, belesen, emanzipiert, selbstbewusst, tough wird Kaufmannstochter Veva (Ruby O. Fee) darin zur Zeit Martin Luthers Opfer einer Intrige und schwört Rache, die ihr so gelingt, dass sie am Ende – Achtung, Spoiler! – auch noch den Reformator vorm Tod bewahrt. Danke, Veva! Ohne dich ließe die Moderne wohl noch immer auf sich warten. Dank auch an Iny Klocke alias Lorentz, die uns nach Wanderhure und Pilgerin nun das nächste Supersexypowergirl in männerdominierter Epoche liefert. Nicht zuletzt Dank an Sat1, das uns mal wieder ein Mittelalter baut, in dem es vor Leuten wie Vevas Lover (Christoph Letkowski) wimmelt, deren Sprache, Aussehen, Gestus direkt aus Berlin-Mitte stammt.

Eine Gegend, die nicht nur massenhaft Vollbärte aufweist, sondern auch Bausünden wie jene, von der Teil 2 der ungeheuer aufrüttelnden Dokumentation Unsere Städte nach ‘45 (Montag, 23.30 Uhr, ARD) über die zweite Zerstörung Deutschlands durch die gewissenlose Architektur der Wirtschaftswunderrepublik. In den 80ern wurde sie dann auch von einem schwedischen Möbelhaus möbliert, dem Sat1 am Mittwoch um 20.15 Uhr den (kostenlosen?) Dauerwerbclip 15 Dinge, die Sie über IKEA wissen müssen schenkt – wahrscheinlich, ohne auf Umweltverschmutzung oder Arbeitsbedingungen hinzuweisen, die weit mehr Anlass zur Kritik böten als komplizierte Bauanleitungen.

Um soziale Schieflagen geht es auch in einem der Serienneustarts: Donnerstag um 23.15 Uhr zeigt Arte mit Frauen im Ring eine Art weibliches Pendent von Ganz oder gar nicht, wo sich einst arbeitslose Engländer als Stripper verdingten. Nun bessern Französinnen beim Catchen ihr Arbeitslosengelt auf, was sehr lustig werden könnte. Weniger lustig, aber seit 1996 fast kultisch verehrt, ist die BBC-Serie Silent Witness um ein englisches Forensiker-Team. ZDFneo zeigt ab heute (20.15 Uhr) die neue Staffel. Auf dem skandinavischen Krimi-Platz des ZDF beginnt am Sonntag um 22 Uhr die internationale Koproduktion Trapped des isländischen Regisseurs Baltasar Kormákur um ein Fischerdorf seiner Heimat, das es zugleich mit seltsamen Todesfällen und einem Schneesturm zu tun kriegt.

Vor den Wiederholungen der Woche noch kurz der Hinweis, dass die Goldene Kamera dieses Jahr erstmals auch als Digital Award verliehen wird. Wenn ZDFneo am Samstag (21.55 Uhr) die Preisverleihung überträgt, dürfte das zwar weniger glamourös sein als die analoge Show drei Wochen später, aber relevanter. Wie 100 Minuten zuvor Jan Ole Gersters schwarzweiße Filmperle Oh Boy von 2012 auf 3sat. Wie die farbige Wiederholung La Vie en Rose (Montag, 20.15 Uhr, One) mit Marion Cotillard als Edith Piaf (2007). Wie der ewig und drei Tage sehenswerte Geniestreich Und täglich grüßt das Murmeltier (Donnerstag, 23.45 Uhr, SWR). Auch der Alt-Tatort: Um jeden Preis (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) um einen Mord im Münchner Medienmilieu von 2009, garantiert gute Unterhaltung mit Niveau. Und das Beste: Journalisten werden darin mal nicht als gewissenlose Bluthunde, sondern aufrechte Streiter für die Wahrheit gezeigt.


Kurt Rosenwinkel, Cancer, Sampha, Die Sterne

CAIPI_COVER_PHYSICAL_UFKurt Rosenwinkel

Zehn Jahre für ein einziges Album? Das hat fast schon antikes Ausmaß, als ginge es um ägyptische Pyramiden, römische Tempel, gar Hamburger Konzertsäle. Zehn Jahre – so lang hat der weltweit geachtete Gitarren-Virtuose Kurt Rosenwinkel an seinem erste Solo-Album auf dem Heartcore-Label gearbeitet. Man könnte also gerade im Genre des Mittvierzigers aus dem eher popkulturell bedeutsamen Philadelphia vermuten, es gehe darauf nun verkopft zu, überstrukturiert, kognitiv statt impulsiv. Da jedoch kennt man den langjährigen Professor am Berliner Jazz-Institut schlecht. Auf Caipi nämlich macht Kurt Rosenwinkel dem strandbarselig beschwingten Plattentitel alle Ehre.

Verantwortlich dafür ist etwas, dass er in den vergangenen 20 Jahren Bühnen- und Studiokarriere meist gemieden hat: Er singt. Und zwar so nonchalant und beiläufig, dass es die perfekte Garnierung für wellige Poparrengements ist, die sich geschmeidig um sein ewig währendes Gitarrensolo wickeln, das wiederum die Leistung vollbringt, nie wie ein Gitarrensolo zu klingen, sondern eher nach der Notwendigkeit, jetzt halt nur diese Saiten erklingen zu lassen. So entkommt Caipi elf Tracks lang dem verrauchten Existenzialistenkeller in die sonnige Welt vor der Tür und fügt ihr ein wunderschönes Neoklassik-Album hinzu, als wäre Pat Metheny mit Joe Jackson bei Foxygen und De La Soul auf Frischzellenkur.

Kurt Rosenwinkel – Heartcore/RazDaz

tt17-cancerCancer

Um seine Band Cancer zu nennen und ein Debütalbum Totem, bedarf es vermutlich einer explizit tristen Gemütslage oder großen Gespürs für triste Gemütslagen anderer, gern auch beides. Wenn sich Nikolaj Manuel Vonsild, nebenbei Sänger der dänischen Elektropopper When Saints Go Machine, mit seinem jammervollen Tremolo hemmungslos dem Trennungsschmerz von Die One More Time hingibt, ist es da gut zu wissen, wer ihm im Schlüsseltrack wegstirbt: Ein Elternteil, dessen Krebstod Band und Platte einst Pate stand. Also nix mit PR – es ist pure, ungeschützte Schwermut, die dem Duett da entströmt wie ein Gewitter aus tiefschwarzer Wolke.

Das klavierbegleitet harmonienumflorte Melodram ist dabei jedoch von so fragiler Anmut, dass sich daraus gleichsam große Kraft schöpfen lässt. Stilistisch ähnlich, aber noch theatralischer als die wesensverwanten The XX oder Anohni, treiben sich Vonsild und Kristian Finne Kristensen (Chorus Grant) den ganzen aufgestauten  Kummer in einer wohltemperierten Eigentherapie aus, die nie kitschig klingt, aber hinreißend gefühlvoll und nie langweilig. Ein wenig Weltschmerz ist hilfreich, um Totem zu ertragen. Lebensmüdigkeit zum Glück nicht.

Cancer – Totem (Tambourhinoceros)

tt17-sampha1Sampha

Mit Tod und Weltschmerz hat auch Sampha Sisay gut zu tun. Als jüngstes von fünf Kindern eines früh verstorbenen Afrikaners in London, dürfte sein Leben nie leicht gewesen sein. Kurz bevor er im Herbst auch noch seine Mutter an den Krebs verlor, wurde bei ihm selbst ein verdächtiges Geschwür entdeckt. Wie gut, dass dem 27-Jährigen von Kindesbeinen an die Musik als Ventil dient, schlechte Stimmung zu verarbeiten. „Oh, sleeping with my worries / I didn’t really know what that lump was” singt er auf dem Opener seines Solodebüts und zeigt dabei etwas, das schon Weltstars von Kanye West bis Beyoncé veranlasste, sein Talent zur Verfeinerung oberflächlichen R’n’B in Anspruch zu nehmen.

Mit überragendem Gespür für rhythmische Harmonie motzt Sampha schlichte Popstrukturen zu einer orchestralen Größe auf, die haarscharf am Überfluss vorbeischrammt und dadurch aus jedem Ton Funken sprühen lässt. Dank seiner Gemütsverfassung wirken die natürlich trister als bei Auftragsarbeiten. Hier nach Trip-Hop der Art von Massive Attack, da nach dem elektronischen Songwriter James Blake, dank seines bisweilen arg pathetischen Gesangs allerdings stets eigensinnig. Traurig schön.

Sampha – Process (Young Turks)

Hype der Woche

tt17-sterneDie Sterne

Ein Vierteljahrhundert und immer noch keine richtigen Stars: Die Sterne feiern ihr Bandjubiläum mit einem Tribute-Album. Auf Mach’s besser! (Materie Records) variieren Wegbegleiter, Idole und Kollegen von Isolation Berlin bis Kreisky, von Peter Licht bis Fehlfarben, von Björn Beton bis Egotronic mehr oder weniger bekannte Songs der Hamburger Schulpioniere. Im Gespräch erzählen Sänger Frank Spilker und Bassist Thomas Wenzel, wie man 25 Jahre zusammen bleibt, wie sich das Metier seit der Gründung verändert hat und wie es zur Kompilation kam.

 

freitagsmedien: Im Grunde feiern die Sterne grad Silberhochzeit oder?

Thomas Wenzel: Stimmt.

Frank Spilker (schaut Thomas verliebt an): Ach Thomas.

Thomas: Schatz!

Fühlt sich das schon alt an oder noch jung?

Frank: Sag jetzt nicht das Böseste, was dir einfällt. Höchstens das Zweitböseste.

Thomas: Ich finde ja, dass man in dieser Zeit schon zu den älteren Bands gehört, wenn man zehn Jahre beisammen ist. Aber stimmt schon – wer ältere Fotos von uns sieht, merkt schon recht deutlich, wie viel Zeit seither vergangen ist.

Frank: Die Zahl an sich ist dabei ziemlich egal.

Ist das jetzt Kokettieren mit dem Alter im Sinne von: Mein Alter ist mir egal, mit 50 fängt das Leben doch erst an?

Thomas: Ich weiß nicht. Zurzeit ist ja viel vom 90er-Revival die Rede, also jener Epoche, in der wir als Sterne angefangen haben. Die liegen tatsächlich schon eine Weile von uns entfernt.  Aber seit den Nullerjahren ist alles so furchtbar schnell gegangen; das fühlt sich gar nicht nach Altern an; viel mehr nach Echtzeit.

Frank: Bis auf ein paar Megakarrieren ist in der Tat für die meisten Bands nach zehn Jahren Schluss. Gar nicht so sehr, weil dann die Streitereien beginnen, sondern das Familienleben. Das war bei uns allen auch so, bei mir sogar schon sehr früh. Aber bei uns haben die Kräfte, nach dem letzten Major-Deal zu sagen, jetzt machen wir alle mal was anderes…

Thomas: Ruhigeres vor allem.

Frank: Die haben nicht so recht gewirkt. Wir hatten einfach noch zu viel Bock, die Sache noch mal wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Gab es dennoch einen Punkt, an dem Die Sterne als Projekt auf der Kippe standen?

Frank: Eigentlich nicht. Auch, weil sich die Frequenz geändert hat. Bis 2001 haben wir alle zwei Jahre ein Album gemacht, also eine Kampagne an die nächste gehängt und zwischendurch höchstens mal in Urlaub gefahren. Seither fahren wir sehr viel ruhiger.

Thomas: Und gab ja auch personelle Umsetzungen. Christoph, Frank und ich sind zwar von Anfang an dabei, aber dass Frank nicht mehr dabei ist und auch Richard nicht…

Eure Keyboarder Frank Will und Richard von der Schulenburg…

Thomas: Da ist schon was passiert und führt einer Band vor Augen, dass nichts für die Ewigkeit ist und Krisen ebenso dazu gehören wie neue Platten. Nichtsdestotrotz: Dass es uns so lange gibt, hat natürlich auch damit zu tun, recht erfolgreich zu sein. Wir konnten ja gut davon leben. Und das gilt bis heute.

Frank: Unser Ertrag hängt halt immer davon ab, wie viel wir wovon machen. Viele unserer musikalischen Projekte bringen gar nichts ein oder wir müssen sogar draufzahlen. Die Sterne sind solide aufgestellt, das ist schon mal was.

Thomas: Wir können jederzeit ‘ne Tour machen oder es lassen; das ist schon mal was.

Frank: Touren bringen Geld, Festivals auch, es gibt zwar nicht mehr wie in den 90ern noch fette Vorschüsse für die Sterne als Fulltimejob. Aber für uns als Freiberufler sind sie nach wie vor eine gute Einnahmequelle.

So weit zum Materiellen. Aber wie fühlt es sich denn atmosphärisch an nach einer Zeitspanne, die man auf die Ehe der eigenen Eltern bezogen als ewig lang betrachtet?

Frank: Gut, echt. Aber was für ein Zeitraum 25 Jahre wirklich sind, hab ich erst gemerkt, als die ersten Stücke der neuen Platte fertig gemastert auf dem Tisch lagen. Das ist eine Werkschau, die andere für uns durch ihre Auswahl zusammengestellt haben. Gefühlsmäßig kann ich die Stücke der Sterne im Gegensatz zu den Studioalben dadurch erstmals wirklich konsumieren, also als etwas wahrnehmen, das mir vorgelegt wird, ohne noch etwas ändern zu können wie sonst. Das schafft Abstand zum eigenen Werk.

Ihr habt überhaupt keinen Einfluss auf die Auswahl genommen?

Thomas: Nur, was die Auswahl der Titel betrifft.

Frank: Wir haben schon darauf geachtet, dass es nicht zu viele Dopplungen gibt. Inhaltlich wollten wir da aber von Beginn an nicht den Spielverderber machen.

Und nach welchen Kriterien ist die Auswahl der Künstler erstellt worden?

Frank: Wir haben uns vor einem Jahr zusammengesetzt und eine Liste gemacht.

Thomas: Die im Laufe der Zeit immer größer geworden ist, aber auch wieder geschrumpft, wenn jemand abgesprungen ist.

Frank: Das hat sich irgendwann total verselbständigt. Am Ende aber haben wir schon eine Mischung gefunden aus den Leuten, die uns am liebsten sind, und denen, die für den Hörer am interessantesten sind, weil sie mit der Kombination nicht rechnen durften. Da sind viele junge Bands dabei, aber mit Fehlfarben oder Family Five auch welche, die uns selber oder zumindest mich einst beeinflusst haben.

Thomas: Wir bringen zum Album noch eine Single mit zwei unveröffentlichten Tracks vom Anfang der 90er raus, wo man diese Einflüsse sehr gut heraushören kann. Da singst du sogar ein bisschen wie Peter Hein.

Frank: Wobei das auch damals schon als Ablösungsprozess von den 80er-Jahre-Vorbildern gemeint war. Kurz, bevor 1992 Fickt das System rauskam, als wir so mit New School HipHop experimentiert haben.

Würde eure eigene Werkschau denn ähnlich aussehen wie diese hier?

Thomas: Nein, ganz sicher nicht. Wobei das keine Wertung dieser Auswahl beinhaltet.

Frank: Wir hätten einfach ganz andere Kriterien zugrunde gelegt. Interessanterweise dachten wir aber, alle wollen „Universal Tellerwäscher“ oder „Was hat dich bloß so ruiniert?“ machen, aber das war gar nicht so. Isolation Berlin dagegen haben sich „Irrlicht“ ausgesucht, was bei uns unter ferner liefen rangierte. Was die da rausgeholt haben, war wirklich grandios.

Fühlt man sich da geehrt, wenn die jungen Epigonen euch sogar in diesen Ecken eures Schaffens Tribut zollen?

Frank: Ach, geehrt…

Thomas: Weiß nicht…

Anders gefragt – wer hat wen eigentlich in 25 Jahren mehr beeinflusst, womöglich gar geändert: das MusikBiz euch oder ihr das Musikbiz?

Thomas: Ach so sehr hat sich das Geschäft gar nicht gewandelt. Es geht immer noch darum, das hier zu machen (hält CD hoch) und dafür Käufer zu finden.

Frank: Und wir dürfen uns nichts vormachen: unsere frühen Sachen haben sich alles andere als gut verkauft. Der Mythos Sterne war da weit größer als die Erträge.

Ihr wollt aber doch mehr als nur Tonträger verkaufen?

Frank: Gewiss, man kann natürlich auch unsere Platten auf iTunes zusammenkaufen, dann wird’s aber teurer als das Gesamtwerke; das kann man am Ende als betriebswirtschaftliche klüger deuten. Aber das Bundle ist uns nach wie vor wichtig.

Für wen ist Mach’s besser eigentlich gemacht – Kollegen, Fans, euch selbst?

Thomas: Ach am Ende schon für unsere Fans, als Übersicht dessen, was wir gemacht haben, nur aus Sicht anderer.

Frank: Aber natürlich spielen da auch all jene mit rein, die irgendwie etwas zu den zehn Platten beigetragen haben. Die ganze Szene, das Umfeld.

Eure letzten beiden Alben waren technoide Disco und Krautrock. Mit welcher Art Stilbruch dürfen wir auf der nächsten Platte rechnen, die ihr wieder selber einspielt?

Frank: Gerade auch Krautrock und Disco. In der öffentlichen Wahrnehmung sind wir oft eine Indie-Gitarren-Band, wegen der frühen Hits Universal Tellerwäscher und Ruiniert. Aber wir haben ja mit den ersten beiden Alben schon einen ziemlichen Blumenstrauß an Stilen auch in Form von Zitaten hin gelegt. Insofern muss man bei den Sternen immer mit allem rechnen.

Thomas: Vielleicht legen wir ja auch einfach nur ein Vol. II vom Tribute-Album auf, nur eben von uns selber, die eigene Werkschau.

Frank: Oder doch wieder was richtig Schredderiges. Am Ende sind die Sterne ja vor allem rabiat und rau.


Matthias Matschke: Winnetou & Professor T.

team-102-1920x1080Ich liebe es, lustig zu sein

Dass Matthias Matschke vor allem als Komiker wahrgenommen wird, liegt an seiner Qualität. Zugleich nämlich ist kaum ein Schauspieler so vielseitig wie der 48-jährige Marburger. Mit Professor T. ist nun ein zwanghaftes Genie hinzugekommen, das am Samstag (21.45 Uhr, ZDF) den zweiten Auftritt hat. Ein Gespräch über die Wissenschaftler seiner eigenen Studienzeit, den Karrierefaktor Haare und schmeichelhafte Vergleiche mit Steve Buscemi.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Matthias Matschke, haben Sie selber je an einer ordentlichen Universität studiert?

Matthias Mattschke: Das habe ich. Germanistik und Theologie. Und natürlich Schauspiel an der Universität der Künste Berlin.

Und ist Ihnen dabei je ein brillanter Soziopath wie Professor T. begegnet?

Nein, aber der Berufsstand hat eine Menge Potenzial, brillante Soziopathie hervorzurufen. Die Uni habe ich ebenso wie meine Schauspielschule als ökologische Nische erlebt, einen Lebensraum verschiedenster Vogelarten, deren verschrobene Eitelkeit der des Professor T. nicht wesensfremd ist. Die Lust, jeder Absurdität des eigenen Fachbereichs auf den Grund zu gehen, produziert Seltsamkeiten.

Hatten Sie demnach ein reales Vorbild für Ihren Professor?

Das nicht. Meine Vorbilder sind ganz andere, teilweise anorganisch. Aber ich werde Ihnen nicht verraten, welche das sind.

Also war die Figur im Buch vorgegeben oder entstammt sie Ihrem Bauch?

Letzteres. Drehbücher geben generell eher sachdienliche Hinweise, weshalb man als Schauspieler bei der konkreten Ausgestaltung komplett auf sich zurückgeworfen wird. Es gab ein belgisches Original, in das ich mal reingeschaut habe. Und Koen De Bouw macht das super. Aber es hat mich ungemein beruhigt, dass ich den überhaupt nicht als Vorbild nehmen muss. Ich habe im Rahmen seiner Schmutzphobie und einer früheren Beziehung zur ermittelnden Kriminalkommissarin alles an ihm neu erfunden. Im Grunde kann man auch gar nicht anders, als frei zu interpretieren. Sobald man eine Figur an sich heranzieht, ist man als Person für sie verantwortlich.

Im Drehbuch stand also nicht, dass Professor T. ständig wie eingefroren in die Gegend starrt?

Nein, da stehen Worte. Und selbst die sind tot, bevor man sie gesprochen hat. Es stand also nirgends, dass er ins Leere starrt. Aber es ergibt sich fast von alleine, wenn Professor T. vor seinem inneren Auge in die Ferne schweift, wo die Antwort auf die Frage steht. Da ist das Erstarren der richtige Darstellungsweg. Andererseits tickt in ihm ständig eine Zeitbombe, die dank einer kontrollsüchtigen Mutter nur durch äußerste Selbstdisziplin nie hochgeht.

Kann es sein, dass Ihre Figuren öfters gekennzeichnet sind von diesem schmalen Grat zwischen Stoizismus und Cholerik?

Das kann sogar sehr gut sein. Dieser Grenzgang liegt mir. Immer unter der Voraussetzung, selber darüber entscheiden zu können, in welche Richtung es kippt. Ich sehe das allerdings dialektisch: Beide Seiten stecken in jedem Charakter, und je enger sie aneinander liegen, desto interessanter ist es, sie zu spielen.

Empfinden Sie Rollen wie diese hier, aber auch Uwe Barschel oder den NS-Verbrecher Heinrich Ross in Das Zeugenhaus demnach als Geschenk, das auch zu dürfen?

Ja, aber nicht nur die. Auch Hagen Pastewka war ein Geschenk. Ich empfinde eine tiefe Leidenschaft für Figuren, die zugleich verloren und getrieben sind.

Interessanterweise dürfen sie diese Gratwanderung als einer der wenigen hierzulande in fast jedem Genre spielen – ganz gleich ob Drama, Komödie, Blockbuster, Krimi.

Toll, oder?

Mussten Sie sich jemals mühevoll aus einer Schublade befreien?

Schauspieler sind der Wahrnehmung von außen extremer ausgeliefert als die meisten anderen Berufe, das muss man akzeptieren oder man scheitert. Von daher ist es meine Aufgabe, den Leuten ihre Voreingenommenheit bezüglich meiner Rollenauswahl zu nehmen. Eine gewisse Eigenständigkeit ist da unerlässlich.

Und haben Sie sich die offensiv erarbeitet?

Das musste ich gar nicht. Mein nächster Karriereschritt war bislang zum Glück immer auch der, der mir Freude bereitet hat, nicht der, den ich gehen musste, um bestimmte Bilder von mir zu ändern. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass mir Menschen an den wichtigen Hebeln das zutrauen. Wandlungsfähigkeit bedarf zwingend guter Caster mit professionellem Abstraktionsvermögen, die sich meine Person zum Beispiel als Uwe Barschel vorstellen konnten.

Wissen Sie, woran es aus Sicht der Süddeutschen Zeitung unter anderem liegt, dass sie so verschiedene Rollen glaubhaft machen können?

Da bin ich jetzt ja gespannt.

An Ihrem Haar.

(lacht) Wobei das eine Perücke war… Aber wissen Sie, wann ich die noch mal tragen durfte?

Da bin jetzt ich mal gespannt.

Bei Winnetou auf RTL. Schon deshalb glaube ich, dass solche Details nicht über die Rollenwahl entscheiden.

Gibt es dennoch welche, die Ihrer Karriere Vorschub geleistet haben?

Irgendjemand hat geschrieben, ich sei der deutsche Steve Buscemi. Ich weiß aber nicht, ob das 1998 als Kompliment gemeint war.

Damals waren Sie eher am Theater als im Film präsent. Sind sie vom Humor zum Ernst gekommen oder umgekehrt?

Es gab an der Schauspielschule früh das Bedürfnis, auch die ernste Seite meines Berufes auszuloten. Andererseits höre ich mich immer noch den Satz des letzten Ausbildungsjahrs sagen: Ich bin Komiker. Zum einen, um nicht in diese Selbstgerechtigkeit des Dramatikers zu verfallen, mit 23 durchs Theater die Welt verändern zu können. Zum anderen, weil ich mich an die Verzückung bei Sendungen wie Väter der Klamotte oder Dick und Doof erinnert habe, über die ich mich als Kind herrlich unkontrolliert amüsieren konnte. Ich liebe es, lustig zu sein, das ist bei allem Ernst die Antriebsfeder meines Lebens. Und ich hoffe, man findet auch in meinem Professor T. die Momente des Humors.

Haben Sie ihr Germanistik-Studium seinerzeit eigentlich beendet?

Nein, da musste ich mich fürs Schauspiel entscheiden. Beides geht nicht.

Und – jemals bereut, diese Entscheidung?

Nein. Zumal ich die akademische Laufbahn jetzt gerade nachhole. Erst als Professor Spengler bei Winnetou, jetzt als Professor T. im ZDF. Ich bin da sozusagen spätberufen.


2 Bier – 1 Platte

marthe-schnipoSchnipo Schranke & Sido

Ein von Youtube indiziertes Video, jede Menge Fäkalsprache, kollektive Verwirrung bis ausschweifende Begeisterungsstürme bei Publikum und Feuilleton – so könnte man Schnipo Schrankes Debüt Satt von 2015 ungefähr zusammenfassen. Jetzt ist das zweite Album des Duos aus St. Pauli erschienen: Rare. Mehr Synthies, mehr Drums, die unverhohlene Sprache, wie man sie kennt. „Wir sind Haschproleten, da hilft kein Haten und kein Beten“ – Okay! Wir wollen bei Kaffee und (jugendfreien) Zigaretten auch über was ganz anderes reden. Zum Beispiel über die Lieblingsplatten der Schnipos Daniela Reis und Fritzi Ernst.

Fritzi Ernst: Scheisseey!

Daniela Reis: Das ist überhaupt nicht unser Thema. Über unsere Lieblingsmusik reden wir eigentlich gar nicht.

Bester Interview-Start ever!

Warum nicht?

Fritzi: Wir vermeiden das immer gerne, weil wir es irgendwie ein bisschen unangenehm und zu persönlich finden, was wir so für Platten hören.

Marthe: Okay, dann fangen wir vielleicht mal anders an. Gab es eine Band oder eine Platte, die euch bei dem Weg von der Klassik zur Popmusik begleitet hat?

Fritzi: Also wir haben natürlich früher auch schon Popmusik gehört und nicht nur Klassik. Es gab da jetzt nicht DIE Band, die uns inspiriert hat selber Musik zu machen. Außer Sido…

Sido, das super-intelligente Drogenopfer, das den deutschen Gangster Rap chartkompatibel gemacht hat.

Daniela: Genau, Sido war schon so ein Auslöser. Die Art, wie er getextet hat und seine Themenwahl haben uns total entsprochen. Wir hatten einen total guten Zugang seinen Sachen. Wir haben den schon sehr gefeiert. Wir haben ja auch gar nicht von Anfang an gesungen, sondern erst mal gerappt.

Ihr klingt jetzt nicht wirklich wie Sido.

Fritzi: Ja, das ist bei uns nun wirklich etwas komplett anderes geworden. Aber manchmal braucht man irgendwie einen Anstoß, um selber Bock zu kriegen was zu starten. Das muss ja mit dem, was man am Ende macht, gar nichts zu tun haben.

Daniela: Wir sind dadurch auf die Idee gekommen eigene Texte zu machen. Wir haben davor ja nur instrumental Musik gemacht und plötzlich war da die Textoption in unserem Kopf. Es ist ja auch so: Wenn man etwas hört, das einem selbst und der Laune gerade entspricht, dann kommt man ja auch immer schnell auf Ideen, wie man das selber anders oder besser machen könnte. Deshalb kann es so eine Offenbarung sein neue Künstler oder Bands zu entdecken. Ich habe auch erst vor zwei Jahren The Cure entdeckt.

Fritzi: Ich glaube deshalb reden wir so ungern über unsere Lieblingsbands. Wenn wir etwas finden, das wir total mögen, ist das meistens schon uralt und dann marthe-sidoist es eher peinlich zu sagen: hab ich grad entdeckt, voll geil!

Daniela: Nee, das finde ich eigentlich nicht. Ich finde es wird peinlich, wenn ich jetzt meinen Lieblingssong verrate und die Leute dann aus dem Text eins-zu-eins auf mein Seelenleben schließen können. Das ist ja rudimentärste Tiefenpsychologie. Ich will nicht, dass die Leute merken, an welchen Stellen ich mich selbst gemeint fühle oder was bei mir im Kopf so abgeht.

Auch nicht die schönen Dinge?

Daniela: Gerade die positiven Sachen sind mir peinlich! Ich will nicht, dass die Leute wissen, was mich beglückt. Das ist für mich total schräg. Das nicht zu verraten ist halt meine Art der Maske.

Da sind wir wieder bei Sido.

Er hat übrigens beim Bundesvision Song Contest 2005 erstmals seine Maske abgenommen.

Daniela: Jaja, genau! Die Leute sagen halt immer, dass wir total offen sind und sie das schätzen. Und klar, wir sind in vielen Bereichen furchtbar offen. Aber das sind die Dinge, in denen wir nicht angreifbar sind und deshalb können wir darüber so offen reden. Über die Dinge, die uns zu persönlich sind, reden wir aber nicht. Bisher ist das nicht so ins Gewicht gefallen, weil es ja fast immer um dieses Fäkalding ging. Aber irgendwann werden die Leute wohl merken, dass wir auch total die Fassade haben, so wie jeder andere auch.

Welches Sido-Album ist das beste?

Daniela: Das erste! Das ist immer so billig, weil alle das sagen, aber es ist wirklich so. Das hat einfach so wahnsinnig viel Charme finde ich. Und ich musste bei keinem der folgenden Alben so viel lachen wie bei dem. Das ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt.

Sidos Debut Maske erschien 2004 und erreichte Goldstatus. Wegen der Glorifizierung von Drogen im Song Endlich Wochenende landete das Album schnell auf dem Index.2005 erschien dann Maske X. Endlich Wochenende verschwand von der Tracklist, statt dessen schafften es der Arschficksong und G mein Weg aufs Album.

Habt ihr denn beim Hören auch darüber nachgedacht, was man hätte besser machen können?

Daniela: Nee, das ist nämlich das Lustige, wenn man so ein ganz charmantes Album macht, wo alles noch so ein bisschen unbeholfen ist. Dann denkt man das irgendwie nicht.

Fritzi: Das macht dann nichts. Gerade beim ersten Album geht es ja auch immer darum, seine eigene Welt vorzustellen. Und da ist ja erst einmal gar nichts falsch. Alles was danach kommt wird dann daran gemessen.

Daniela: Ich finde auf jeden Fall auch die Beats auf der ersten Platte am konsequentesten. Das sind schon abgefahrene Sounds, einfach wahnsinnig kreativ.

Auf euerm neuen Album habt ihr keine Features. Warum nicht?

Fritzi: Das kam einfach nicht zu Stande. Es gibt schon Leute, auf die wir da mal Bock hätten, aber das muss sich ja irgendwie auch ergeben und Sinn machen. Sonst ist es halt einfach nur konstruiert.

Auf wen hättet ihr denn Bock?

Daniela: Sido! Ja! Ich hab neulich überlegt, ob wir ihn bei der dritten Platte einfach mal fragen. Ich fände das schon super nice, wenn er dann einfach eine Strophe rappen würde. Bei Features ist das ja so: Entweder man macht das mit Leuten, mit denen man schon echt gut befreundet ist, oder es muss einfach richtig schocken, weil das jemand richtig geiles ist. So wie Sido. Mit dem im Studio zu sein wäre schon wie Kindergeburtstag für uns.

Fritzi: Man würde doch bestimmt gar nicht mit dem reden. Man würde dem den Song schicken und dann macht der das da drauf.

Daniela: Stimmt, aber egal! Bei so geilen Leuten wie Sidooder Robert Smith würde ich auch drauf scheissen und was konstruieren. Der Künstler muss einfach dufte sein, vor allem auch persönlich.

Marthe1Ist Sido also ein dufter Typ?

Daniela: Das weiß ich nicht, da kann ich mir kein Urteil bilden. Aber das, was man in der Öffentlichkeit sieht finde ich dufte. Ich finde, der macht das voll cool. Also für mich ist er immer eine Inspiration.

Auch in Bezug auf seinen Umgang mit Kritik?

Daniela: Auch, ja klar! Aber das ist ja diese ganze Hip Hop-Attitüde. Das geht uns total rein. Wir versuchen aber auch, uns Kritik nicht so sehr reinzuziehen. Am Anfang, als wir noch nichts hatten, aber schon wussten, dass wir eine berühmte Band sein wollen, da haben wir uns immer vorgebetet, dass wir keine Zweifel haben dürfen. Das war unser Masterplan: Einfach nicht zweifeln und daran glauben, dass das was wir machen, das Allergrößte ist.

Das allergrößte zweite Album Rare ist im Januar bei Buback erschienen. Im März sind Schnipo Schranke auf Tour und geben am 18. März ihr Heimspiel im Übel & Gefährlich. Tickets und Infos gibt’s hier.


Fernsehpreise & Fragestellungen

TVDie Gebrauchtwoche

30. Januar – 5. Februar

Den Satz muss man kurz durchkauen, runterschlucken, sacken lassen und behält ihn doch unverdaut im Magen: „Wir haben uns zu diesem Schritt entschieden, da wir aufgrund der Berichterstattung in den letzten Wochen und Monaten derzeit keine Basis für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit sehen.“ So verweigerte der amerikanische Geschäftsführer des bayrischen Fußballclubs TSV 1860 München am Dienstag die Dauerakkreditierung kritischer Lokalzeitungen. Da macht der gelernte Maschinenbauer Anthony Power seinem Namen ja mal Ehre im Umgang mit Medien und zugleich klar, als was nicht nur sein Landsmann Trump Reporter betrachtet: Dienstleister oder Feinde.

Andererseits ist die Presse auch untereinander nicht immer von Objektivität und Fairness geprägt. Das Berliner Arbeitsgericht wies gerade die Klage der vielfach preisgekrönten Fernsehjournalistin Birte Meier (Frontal 21) ab, bei gleicher Leistung schlechter als ihre (männlichen) Kollegen bezahlt zu werden. Dabei ließen die Richter an der Tatsache geschlechtsbedingter Ungleichbehandlung gar keinen Zweifel, sondern nur an deren Unrechtmäßigkeit. Vielleicht wäre das ja mal ein Fall fürs nächste ARD-Melodram am Mittwoch mit entsprechender Chance auf einen jener Deutschen Fernsehpreise, die am Donnerstag in Düsseldorf mehr oder weniger feierlich verliehen wurden.

Erwartungsgemäß räumten die Öffentlich-Rechtlichen ein Dutzend Trophäen ab, mehr als alle Privaten zusammen. Weniger zu erwarten war hingegen, dass mit Sonja Gerhardt eine Schauspielerin prämiert wurde, die in Ku’damm 56 und Jack the Ripper fachlich allenfalls solide die Kaugummikulissen dekorierte. Ebenfalls ein Schlag ins Gesicht von Niveau und Anstand: Auszeichnungen für Galileo (Pro7), Kitchen Impossible (Vox), Autoquartett (RTL Nitro) und letztlich auch Familienfest (ARD) als bester Film, der fraglos gut, aber keinesfalls herausragend war.

Das ist nach wie vor und immer wieder der Seriensieger Jan Böhmermann, dessen Neo Magazin Royale nach der Rückkehr gleich wieder mit einen Geniestreich sarkastischer Daseinsbeschreibung glänzte, der das Weltgeschehen rund um Trump mit angemessener Heiterkeit einordnet.

0-FrischwocheDie Frischwoche

6. – 12. Februar

So gar nicht zum Lachen ist hingegen eine herausragende Doku, die damit sehr unmittelbar zu tun hat. Anstelle der auf 23.30 Uhr verschobenen ARD-Geschichtsstunde Unsere Städte nach `45 über die Architektur-Sünden der jungen Bundesrepublik setzt Hubert Seipel in Abgehört und Abgenickt (Montag, 22.45 Uhr) sein legendäres Fernsehinterview mit Edward Snowdon von 2014 fort und macht daraus „eine kleine Geschichte des Nachrichtendienstes und ihrer Zwänge, Mechanismen, Kommunikation“, wie der sie vielfach preisgekrönte Filmemacher nennt.

Eine Quintessenz aus Gesprächen mit vier früheren BND-Chefs oder dem einstigen NSA-Boss Hayden lautet dabei in Anlehnung an Angela Merkels berühmten Satz: „Abhören unter Freunden geht sehr wohl!“ In Zeiten falscher Fakten stellt Seipel dazu eher die richtigen Fragen, als selbstgerechte Antworten zu geben. Das ist mehr als genug auf einem Erdball im Würgegriff eines selbstverliebten Potentaten, der Konfliktlösungsansätze wie jene bevorzugt, die Sat1 zweieinhalb Stunden zuvor starten lässt. Als Filmreihe machte Leathal Weapon vor einem Vierteljahrhundert Mel Gibson zum Weltstar, als Serie macht es die testosterongesteuerte Gesetzesselbstermächtigung cooler Cops nun für die postheroische Gegenwart auf der Suche nach Männerhelden verwertbar.

Da überspringen wir doch fix mal ein paar Tage und machen mit dem Kontrast der Woche weiter. Während 3sat am Donnerstag um 19.20 Uhr wie jedes Jahr die Eröffnung der Berlinale zeigt und später am Abend (23 Uhr) das beeindruckende Bürgerkriegsepos `71 – Hinter feindlichen Linien aus dem irischen Bürgerkrieg der Siebziger, schert sich Pro7 nicht weiter um die Hochkultur und startet die 5283. Staffel von Germany’s Next Topmodel by Heidi Klum and Several Top Brands Intending to Make Woman More Sexualized Again and Less Smart. Aufgepasst und dünngekotzt, ihr biegsamen Fans der Jahrgänge 1995 bis 2005!

Da ballt man doch instinktiv jene Faust, die 3sat tags drauf den ganzen Abend in mehreren von Goethes Wahnsinnswerken feiert. Oder besser gleich Die Todeskralle von Bruce Lee, mit der es auf Tele 5 (Montag, 20.15 Uhr) ein 1972 noch blutjunger Chuck Norris zu tun kriegt. Ansonsten aber stehen die Wiederholungen der Woche ganz im Zeichen von Manfred Krug, der am Mittwoch 80 geworden wäre. Montag (20.45 Uhr) zum Beispiel zeigt der MDR den kürzlich verstorbenen Schauspieler in seiner alten Heimat als Teil der DDR-Gaunerkomödie Mit mir nicht, Madam! von 1969, während der RBB zeitgleich den letzten Tatort mit Kommissar Stoever aus dem Jahr 2001 namens Mord vor Scharhörn wiederholt. Und auch der schwarzweiße Tipp ist „Manne“ gewidmet. Und wie könnt es anders sein: Spur der Steine (Montag, 23.15 Uhr, NDR) – 51 Jahre alt, für immer sehenswert.


Rhonda, Smile and Burn, Klangstof, Oh!chestra

tt17-rhondaRhonda

Wenn es aus den Boxen klingt, als würden Henry Mancini und Amy Winehouse gemeinsam mit Shirley Bassey und Robin Williams einen Bond-Film der frühen Sechziger nachvertonen, landet man dieser Tage nicht in London oder Las Vegas, sondern im nasskalten Hamburg. Hier, wo das Erdbeben des Pop vor Jahrzehnten mal kurz, sehr kurz ein Epizentrum hatte, ist gerade eines jener Alben entstanden, die der spröden Hansestadt und dem ähnlich nüchternen Land ringsum kurz mal das Gefühl geben, auch hier können aus Studios Funken sprühen: Rhonda sind zurück! Und Wire ist nochmals besser als ihr gefeiertes Debütalbum Raw Love vor knapp drei Jahren.

War die kratzbürstige Grandezza der raumgreifenden Sängerin Milo Milone im Kreise ihrer exzellenten Band damals noch voll und ganz auf den hedonistischen Frohsinn des klassischen Heist Movies gepolt, verleiht ihr das deutsche Filmorchester Babelsberg diesmal die düstere, nie schwermütige Tiefe des Film Noir. Wire ist so gesehen ein cineastisches Werk, visuell und überfrachtet durch und durch. Nach dem hitverdächtigen Opener In My Eyes schwappen da elegant die Mandolinen ins getragene Lost My Man, bevor dunkle Kriminal-Tango-Orgeln durchs anschließende Paws dräuen, was das bigbandartige When You Find Out aber doch wieder auf die Tanzfläche einer Sixties-Party holt. Schwer nostalgisch, hinreißend schön.

Rhonda – Wire (PIAS)

tt17-smileSmile and Burn

Weder nostalgisch noch schön, sondern einfach Punkrock kommt an dieser Stelle ebenfalls aus Deutschland. Wobei – mit Punkrock ist das so eine Sache. Beide Silben sind in der Regel Betrug, vornehmlich an sich selbst. Die erste möchten Punkrocker dem Namen nach gern leben, tun es aber allzu selten, die zweite wollen sie eigentlich überwinden, nutzen aber die Mechanik des Mackerfachs moderner Musik. Man könnte also lang über die Stichhaltigkeit des Begriffes in Bezug auf die Berliner Punkrockband Smile and Burn diskutieren – oder Debatte kurz Debatte sein lassen und einfach rumhüpfen, wenn die Berliner in die Saiten dreschen, als gäb’s zumindest kein Übermorgen.

Denn das Quintett hält sich auch auf dem vierten Album nicht lange mit Äußerlichkeiten auf, sondern treibt das Tempo mit dem Opener Not Happy one-two-three-four gleich mal zum Thema soziale Netzwerkpornografie auf Anschlag, regelt es im melodischen Bye Bye Perfekt kurz wieder gefühlvoll runter, biegt mit Good Enough kurz in die Punkrockkulturtechnik des Mitvorgrölens ab und zeigt somit die gesamte Bandbreite dessen, was mit Emocore vielleicht besser beschreiben wäre; aber was sind schon Labels, wenn man auch einfach nur zuhause kurz die Anlage aufdrehen und durch die Sitzecke springen kann. Hier kann man. Wenn man will.

Smile and Burn – Get Better Get Worse (Uncle M Music)

tt17-klangstofKlangstof

Ein Begriff wie Klangstaub weckt für wahr Musikästheten ohne Amphetamine im Urin eher ungute Assoziationen. Klangstaub – unter derlei Namen animieren Trance-Acts gern zum Planieren überdekorierter Tanzflächen. Klangstaub klingt daher schwer nach Patschuli und Batik. Doch mit Klangstaub wird zwar auch die norwegisch-holländische Band Klangstof übersetzt. Deren Sound allerdings hat mit Patschuli und Batik noch weniger zu tun als mit Trance, obwohl ihr Wavepop bei aller Getragenheit etwas durchaus Transzendentes hat. Angeblich inspiriert von Radioheads epischen Meisterwerk OK Computer sucht Close Eyes To Exit in der Welt griffiger Harmonien nach Halt, greift aber stets Millimeter vor einer fassbaren Liedstruktur daneben.

Als würde er sich mühsam durch Gelee quälen, zittert Koen Van De Wardts hauchzarter Gesang dabei über windschiefe Synths und mal scheppernde, mal minimalistische Drums und Gitarren, dass man ihm permanent die Hand zur Hilfe reichen möchte. Doch das will der gar nicht. Sein Heim ist ja genau das Ungefähre zwischen Fläche und Song, Struktur und Gefühl, Refrain und Strophe. Und er fühlt sich so wohl darin, wie wir es nun auch können. Denn mit etwas Bonusmaterial ist das Ganze jetzt hierzulande erhältlich. Unbedingt reinhören, aber nicht drin verlieren! Denn das geht schnell…

Klangstof – Close Eyes To Exit (Mind O A Genius)

 

tt17-ohchestraThe Oh!chestra

Sehr, sehr viel ist manchmal noch immer nicht ganz genug. Elf Jahre lang hatte das Duo The OhOhOhs mit seinem eklektischen Mix aus E-Piano, Sampling, Drums, Percussion schon den Underground ihrer Heimatstadt Frankfurt aufgemischt und dank spektakulärer Live-Auftritte auch weit über die regionale Elektroszene hinaus für Furore gesorgt. Dann aber beschlossen der examinierte Pianist Florian Wäldele und sein autodidaktischer Namensvetter Dreßler am Schlagwerk, ihre Strahlkraft abermals zu vergrößern. Und zwar buchstäblich. „Unsere Studioproduktionen und Kompositionen sind oft wesentlich umfangreicher instrumentiert als vier Hände und Füße in der Lage sind“, schildern die beiden Enddreißiger den Wunsch zur Ausdehnung ihrer Möglichkeiten und gingen dafür im Herbst 2014 keinen radikal anderen, aber radikal breiteren Weg. Er nennt sich Oh!chestra und erschafft etwas Außergewöhnliches, wenn nicht gar Epochales: Ein kammermusikalisches Ensemble, das klassischer Musik auf analogen Instrumenten über den Umweg elektronischer Reorganisation zurück in die Zukunft verhilft.

Anders ausgedrückt: Aus Band wird Kapelle wird Band, aus Club wird Konzertsaal wird Club, aus Disco wird Festspiel wird Disco, aus OhOhOhs wird Oh!chestra und daraus wieder die Band mit dem Anspruch, Bühnen durchs Repertoire der alten Meister hypermodern zu rocken. Zu kompliziert? Bei der Konzeption des Debütalbums mit dem leicht irritierenden Titel Vierhändig schon. Beim Hörgenuss keineswegs. Schon das Auftaktstück Scales And Rivers mag ja beginnen wie ein virtuoses Meisterwerk der modernen Klassik, als säße der amerikanische Weltstar Keith Jarrett am Klavier, nicht der hessische Musikpädagoge Wäldele. Fröhlich fließen die Harmonien da vom anderen Flo zunächst minimalistisch untermalt wie Smetanas Moldau mit einer Prise Debussy aus den Boxen. Dann aber wuchtet das Schlagzeug seinen analog treibenden Beat unters Klavier, das die Klangfarbe zeitgleich auf Bass färbt und aus der melodischen Klassik somit macht, was die OhOhOhs seit 2005 kennzeichnet: ausgelassenen Analog-Techno – nur eben noch opulenter, noch filigraner, noch hinreißender

Und so geht es die meisten der zwölf Stücke weiter. Im anschließenden Cha Cha legen die Gastmusiker Juan Bauste Granda, Philipp Wildenhues und Salar Baygan afrocubanische Rhythmen aus nigerianischen Batá-Trommeln oder brasilianischen Caxixi-Rasseln über Florian Wäldeles hitzigen Flügel und machen daraus eine Art tribalistisch angehauchten Clubsound. Das gehobene Feuilleton dürfte ihm ebenso etwas abgewinnen wie die Tanzflächen elektronischer Festivals im Grünen. Schließlich stehen Wäldeles Eigenkompositionen überwiegend im Geiste großer Meister. Reminiszenzen und Respekt treffen dabei allerdings so hingebungsvoll verspielt auf Interpretation und Eigensinn, dass es vom Gehirn übers Herz direkt in die Beine geht.

The Oh!chestra – Vierhändig (Herzog Records)


Adam Bousdoukos: Fatih Akin & Dimi Schulze

bousdoukosIch liebe mein Viertel

Cineasten und Hanseaten kennen Adam Bousdoukos aus fast jedem Film seines Schulfreundes Fatih Akin. Ab Donnerstag spielt der Deutsch-Grieche aus Hamburg-Altona mit dem Mannheimer Anwalt Dimitrios Schulze im Ersten eher kleine Provinz als großes Kino. Ein Gespräch über seine norddeutsche Herkunft, glaubhafte Kiezfiguren, Umwege ins Schauspiel und was bei der Lindenstraße an Gegen die Wand erinnert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Bousdoukos, kennen Sie noch Liebling Kreuzberg?

Adam Bousdoukos: Natürlich, Manfred Krug, Legende.

Steht ihr Brennpunkt-Anwalt Dimitrios Schulze dem unkonventionellen, aber betulichen Kleine-Leute-Anwalt aus Berlin näher oder dessen irrer US-Variante Saul Goodman aus Breaking Bad?

Ach, mit beiden ein bisschen. Beide sind in ihrem Viertel verwurzelt, beide bemühen sich um die, die sich eigentlich gar keinen Verteidiger leisten können. Und obwohl Dimi Schulze wie Saul Goodman einen Fernsehwerbespot dreht…

In dem Sie selber rappen.

Genau, getextet von Eko Fresh. Trotzdem steckt mehr Kreuzberg als Albuquerque in Mannheim Jungbusch. Mein Anwalt ist ja nicht selber kriminell und sein Kiez weniger krass als in Breaking Bad. Auch wenn Dimi ab und zu ein bisschen zum Wohl seiner Klienten trickst, hat er ein reineres Herz am rechteren Fleck.

Diese Kiezfiguren mit Herz, aber falschen Freunden spielen Sie häufiger oder?

Ja. Vermutlich, weil ich selbst so eine bin. Ich liebe meine Stadt, ich liebe mein Viertel, ich mag es, wenn jeder jeden kennt wie in meinem Hamburger Dorf namens Altona. Und weil ich diese Verbundenheit zu meinem Kiez offenbar ausstrahle, kommen entsprechende Figuren öfter auf mich zu.

Hat das auch damit zu tun, dass Sie ohne Schauspielschule quer ins Filmgeschäft eingestiegen sind?

Bestimmt sogar. Wer wie ich nicht klassisch ausgebildet ist, spielt wahrscheinlich instinktiver, sucht die Rollen also noch mehr in sich selbst. Das tun gelernte Schauspieler zwar auch, und es ist auch überhaupt nicht wertend gemeint. Aber weil ich all die Theatercharaktere nie einstudiert und verkörpert habe, schöpfe ich stärker aus mir selbst und meiner Erfahrung.

Wollten Sie denn überhaupt Schauspieler werden?

Und wie! Das war schon als Kind mein Traum. Kein Ahnung, woher das kam bei drei Programmen im Fernsehen. Aber ich wollte immer einer wie Belmondo sein, Steve McQueen oder Louis de Funès, von dem ich mein Lust auf Komödie habe. Ich kann mich noch an mein erstes Mal im Kino erinnern, das Spiegel-Kino in Ottensen, wo heute übrigens eine Bank drin ist, ausgerechnet. Meine großen Brüder haben mich in Die Feuerreiter mitgenommen, so ein japanischer Trash-Film. Ich musste zwar nach fünf Minuten wieder raus, weil es mir zu krass war, aber meine Liebe zum Medium hat sich an dem Tag bis heute eingebrannt. Seither wollte ich nichts anderes mehr machen als das.

Trotzdem sind Sie nur über Umwege hineingeraten?

Ach, im Grunde stand die Schauspielerei fest, seit ich mit Fatih Akin in derselben Schulklasse war. Als totale Filmfreaks haben wir uns schon am Gymnasium Videokameras ausgeliehen, um Szenen nachzuspielen. Nach dem Abi ging es dann eigentlich mit Kurz und Schmerzlos gleich los. Zwischendurch hab ich zwar Sozialpädagogik studiert, Physiotherapie gemacht, eine Bar gehabt, aus der ein Restaurant wurde, aber eben auch frühzeitig Schauspielkurse genommen. Im Grunde war ich mein Leben lang Schauspieler.

Und darin bei jedem Film des international angesehensten deutschen Regisseurs dabei?

Wie andere auch, Pheline Roggan zum Beispiel, Fatihs Bruder Cem.

Birol Ünel, Catrin Striebeck…

Wir sind halt eine große Familie. Aber bei mir waren es manchmal doch eher Auftritte als echte Rollen. Ich bin da so eine Art Maskottchen.

Ob Maskottchen oder Hauptrolle – sie spielen generell oft griechischstämmige Migranten in zweiter, dritter Generation wie Dimi Schulze. Ist Ihnen dieses Profil zu eng?

Manchmal schon, aber ich finde es auch nicht schlimm. Ich bin ja Grieche, das sieht man mir sogar an, ich kann die Sprache, weshalb ich auch schon in Griechenland oder Zypern gedreht habe. Wenn der Bedarf besteht und die Leute mich so sehen wollen – warum nicht. Andererseits hab ich schon genug Rollen gespielt, in denen die Wurzeln Nebensache sind. Und mein Dimi Schulze, das sagt ja schon sein Nachname, ist auch halb Deutscher.

So, wie alle Hauptfiguren bis tief in Polizei und Justiz hinein Migrationshintergründe haben, aber gut integriert sind.

Schön oder?

Ist das Teil des Konzepts?

Ich denke schon, auch das ist neu daran. Ansonsten spielen Ausländer immer Kriminelle, die von deutschen Cops gefasst werden. Wäre doch toll, wenn wir das demnächst mal umdrehen.

Womit sich die Frage kaum verhindern lässt, wann Sie wieder mit Fatih Akin drehen…

Hab ich gerade, in Aus dem Nichts mit Diane Kruger in der Hauptrolle. Aber wie vorhin erwähnt: auch da hat er mich am letzten Tag angerufen und gefragt, ob ich Bock hätte einen Knastbruder im Gefängnis zu spielen.

Und?

Ich hab „Ja, Mann“, gesagt, „bin dabei“. Auch das macht man mit großer Leidenschaft, aber eher so nebenbei.

Dimi Schulze hingegen könnte was Längerfristiges werden.

Hätte ich nix gegen. Als ich das erstemal davon gehört habe, war ich wirklich gerührt. Und ich kenne Serie ja auch schon ein bisschen.

Sie haben schließlich eine Weile lang in der Lindenstraße mitgespielt.

Damals hatte ich Der letzte Bulle in Köln gedreht und die Lindenstraße einfach mal mitgenommen. Am Ende war es aber eine großartige Erfahrung. Ganz anderes Arbeiten, schneller vor allem als bei Filmen, die Szenen ratzfatz hintereinander weg ohne viel Umbau, weil Licht und Kulisse längst stehen. Und dann hab ich tolle Leute kennengelernt, wie Hermes…

Hodolidis, den Vasily Sarikakis aus dem griechischen Restaurant.

Mit dem ich seither dick befreundet bin. Darin ähnelt die Lindenstraße der Arbeit mit Fatih. Auch das ist ja eine große Familie. Und es hat Riesenspaß gemacht, da kurz aufgenommen zu werden.

 

INFO Adam Bousdoukos

Geboren in 1974 in Hamburg, kommt Adam Bouskoudos durch seinen Schulfreund Fatih Akin zum Film. Gleich nach dem Abitur beginnen beide am gemeinsamen Durchbruch zu arbeiten: dem Gangstedrama Kurz und Schmerzlos von 1998. Seither spielte der Deutsch-Grieche in fast jedem Werk des international geachteten Regisseurs mit, bevor er in Soul Kitchen 2009 nicht nur die Hauptrolle übernimmt, sondern auch das Drehbuch schreibt. Neben diversen Fernsehnebenrollen gehörte Bousdoukos vor zwei Jahren kurz zum Ensemble der Lindenstraße. Er lebt wie eh und je in Hamburg-Altona.


Fröhlicher Fatalismus & Hakenkreuzporno

TVDie Gebrauchtwoche

23. – 29. Januar

Es ist jetzt auch mal gut. Selbst Kolumnisten, deren Nährstoff naturgemäß faktenbasierte, aber meinungsstarke Kritik mit einer Prise hoffnungsfrohem Fatalismus ist, müssen sich ab und zu mit leichter Lektüre in die Sonne legen und das Böse darunter gedanklich ins nächste Regentief verdrängen. Schluss also an dieser Stelle mit dem dauernden Geheule über Pegida oder Trump, schlechte Menschen und schlechtes Fernsehen, eben alles, was die Welt zurzeit so wenig lebenswert erscheinen lässt. Als Ersatz böte sich ein wenig lebensbejahende Hinwendung zu allem an, das schön ist auf (Programm-)Erden und gut.

Wenn wir an dieser Stelle alternative Fakten besprechen, dann also höchstens jene von Til Schweiger, dessen Leitungswasser im eigenen Restaurant anders als die benachbarte Hamburger Morgenpost schrieb, echt nicht überteuert sei. Im Gegenteil, antwortet das sensibelste Blockbusterseelchen im Stern: Für 4,20 Euro werde das noble Nass – Kubikmeter-Preis im Cent-Bereich – ja durch Filterung veredelt und dennoch billiger verkauft als handelsüblich. Stünde Kai Diekmann noch der Bild vor, er hätte dem Konkurrenzblatt die Leviten gelesen, die tausendfache Titelfigur von Springers Gnaden so zu kritisieren.

Pfui!

Aber der frühere Chefredakteur verlässt morgen ja 5163 Jahre, nachdem Gott die Erde Schuf, Diekmanns Verlag für ewig gestrigen Empörungs-„Journalismus“ und hinterlässt, ja was eigentlich – einen Medienkonzern, der längst nicht mehr weiß, ob Gedanken nun eigentlich noch im Kopf oder schon im Prozessor entstehen? Aber wir wollten ja im leichten Fach bleiben diese Woche. 5163 Jahre, nachdem das Traumschiff erstmals mit Heide Keller als Beatrice von Ledebur an Bord in Fernsee gestochen ist, verlässt die ewige Chefstewardess laut DWDL den schwimmenden Seifenhalter. Spätestens nach der Neujahrsfolge 2018 stellt sich also die Frage, wie das deutsche Fernweh am Bildschirm fortan ohne Mord & Totschlag bedient werden soll.

0-FrischwocheDie Frischwoche

30. Januar – 5. Februar

Vielleicht mit einer Art Binnenrevision, wie sie die ARD ab Donnerstag auf ihrem Auslandskrimisplatz wagt. Statt deutsche Kommissardarsteller an Ferieneinsatzorte wie Athen zu schicken, holt sie das Erste heim und eröffnet Adam Boudouskos als Dimitrios Schulze eine Anwaltskanzlei in Mannheim. Zwischen Liebling Kreuzberg und Better Call Saul soll der Deutschgrieche dem juristisch unterfütterten Milieu-Humor dabei jene Authentizität verpassen, mit der er jeden Film von Fatih Akin bereichert. Das scheitert zum Auftakt zwar am hölzernen Drehbuch; trotzdem sollte man der Reihe die Chance zur Fortsetzung geben.

Wie „Dimi“ seinen Brennpunkt zu ordnen versucht, ist fast so liebenswert wie die Idee, alle Hauptfiguren mit Migrationshintergrund zu besetzen. Im 2. Teil könnte es passieren, dass türkischstämmige Polizisten abstammungsdeutsche Täter verfolgen, die der griechischstämmige Anwalt raushaut. Wäre mal was anderes als das ewige TV-Allerlei. Dazu zählt auf den ersten Blick auch Landgericht, Montag/Mittwoch im ZDF. Selten jedoch hat sich ein zweiter Blick auf die Melodramatisierung des NS mehr gelohnt. Nach Ursula Krechels Bestseller wird der jüdische Richter Richard Kornitzer erst in die innere, dann äußere Immigration getrieben, während seine arische Frau Claire vergebens darauf wartet, ihm nach Kuba folgen zu können.

Matthias Glasners Zweiteiler hebt sich schmerzhaft und doch wohltuend vom üblichen Hakenkreuzporno zum Thema ab. Sein wahres Wesen entfaltet sich schließlich erst im 2. Teil, wenn das Paar nach der Heimkehr gegen braune Seilschaften in der Nachkriegsjustiz und das Ende seiner Ehe kämpft. Beides vergebens, beides grandios gespielt und inszeniert. Das trifft Mittwoch (20.15 Uhr) auch auf Barbara Sukowa als Hannah Arendt zu, gefolgt von einem Porträt der Philosophin. Und während der Batchelor zugleich ein paar potenzielle Nachfolger des neuen Dschungelkönigs Marc Terenzi fürs Jahr 2018 castet, tischt das ZDF am Samstag den nächsten lieblos gekochten Krimireihenbrei auf. Trotz Matthias Matschke als soziopathisches Genie bei der polizeilichen Amtshilfe, verliert sich Professor T. von Beginn an in öder Berechenbarkeit.

Als Gegenmittel hilft da weder die Rückkehr vom Neo Magazin Royale (Donnerstag, 22.30 Uhr) noch die neue Netflix-Serie Santa Clarita Diet mit Drew Barrymore als lustiger Zombie-Kannibale ab Freitag. Na, wenigstens die Wiederholungen der Woche wirken da entspannend. Etwa Herzklopfen von 1968 (Montag, 22.10 Uhr, Arte) mit Catherine Deneuve als Luxusweib, das sich in den armen Antoine (Michel Piccoli) verliebt. Oder Ein irrer Typ (Mittwoch, 1.55 Uhr, ARD) mit Jean-Paul Belmondo, der sich 1977 als liebestoller Stuntman im Kampf um seine Kollegin Raquel Welch auf den Arm nahm. Beide Filme sind übrigens in Farbe und doch deutlich älter als der Schwarzweiß-Tipp Frances Ha von 2010 (Dienstag, 20.15 Uhr, Servus), mit Greta Gerwig als bittersüßestes Gesicht der Generation Y. Das bittersüßeste Gesicht des Tatort trägt seit 2012 Jörg Hartmann in Dortmund, dessen ersten Fall der WDR am Donnerstag um 20.15 Uhr) zeigt.