Fai Baba, Mondo Fumatore, Jay Daniel

tt16-babaFai Baba

Wer ihn bis jetzt noch nicht kannte, wird ihn auch hiermit nicht ganz kennenlernen. Aus seinen wahren Namen macht Fai Baba nämlich ein ähnlich großes Geheimnis wie aus seiner sonderbar künstlichen Erscheinung. Und natürlich seiner noch viel seltsameren Musik. Sie entsteht, so viel scheint klar, in seiner Heimatstadt Zürich. Ansonsten aber bleibt dieser schmalbrüstig breitangelegte Psychopop auch auf der neuen Platte so rätselhaft wie auf den vier zuvor. Verschroben vor allem, ambivalent und nie vorhersehbar. Das Tempo ist stets getragen, wirkt aber trotzdem nie träge und so geht es sechs ausgedehnte Tracks weiter.

Die Gitarren sind verwaschen, aber vielfach von pointierter Klarheit. Das Schlagzeug seines Duett-Partners Domi Chansorm, angeblich der beste Drummer in ganz Zürich und überhaupt, scheppert rhythmusfest und zugleich fröhlich verspielt. Nichts kann sich wirklich je für eine einzelne Atmosphäre entscheiden und wirkt daher oftmals, als wäre da Roy Orbison versehentlich mit Franz Ferdinand im gleichen Proberaum gelandet. In diesen diffusen Zeiten klingt das Resultat jedoch nicht willkürlich, sondern angemessen durcheinander. Bisschen Berauschen wäre dazu aber schon besser, nur so als gut gemeinter Rat…

Fai Baba – Sad and Horny (A Tree In A Field Records)

tt16-monodMondo Fumatore

Wie lange darf man sich eigentlich mit Fug und Recht Garagenband nennen – solange man noch wirklich in Mamas und Papas Garage Gitarre, Schlagzeug, Bass malträtiert? Bis zum ersten Gig vor mehr als 20 Zuschauern? Mit einem Plattenvertrag in der Tasche? Bei einem Majorlabel gar? Oder doch nach einem Jahr? 5? 20? Beinahe so lang existieren nämlich mittlerweile die Berliner Mondo Fumatore und klingen im Kern doch noch immer ein bisschen wie 1998, als Rock noch als tot galt und allenfalls mit “Post” davor und möglichst vielen Samples darin einigermaßen akzeptabel war. Das ist nun zwei, drei Rockrevivals her, aber Mondo Fumatore sind immer noch da.

Und zwar unverdrossen, genau: garagig. Das belegt ihr erstes Album seit acht Jahren. Es trägt den hinreißenden, wenn auch leicht anbiedernd poppigen Titel The Yeah, The Yeah And The Yeah, der allerdings perfekt passt: als lägen immer noch die abgeranzten Perserteppiche unterm durchgedroschenen Schlagzeug, wenn sich Mondomarc und Gwendoline zwischen Wagenheber und Bierdosenstaplen treffen, um ihren alternativ verzerrten, amerikanisch intonierten Powerpunkpop mit mal weiblicher, mal männlicher Hallstimme rauszurotzen, dem sogar Mundharmonikas nie peinlich sind. Nicht mehr anders, immer noch schön.

Mondo Fumatore – The Yeah, The Yeah And The Yeah (Rewika)

tt16-jayJay Daniel

Electronica gleich welcher Art steht normalerweise nicht im Verdacht, sonderlich organisch zu klingen. So naturnah Musik mittlerweile auch am Rechner generierbar ist – das grundlegend Artifizielle am synthetisch erzeugten Sound lässt sich partout nicht ganz raus digitalisieren. Was allerdings kein Grund ist, es nicht immer und immer wieder zu versuchen. So wie Jay Daniel. Das – mit 25 Jahren ebenso junge wie erfahrene – Eigengewächs der Detroiter Elektroszene versucht sich unermüdlich an einer Neudefinition des Artifiziellen und hat daraus nach einer Reihe EPs und Kompilationen jetzt ein Debütalbum gebastelt, dass es durchaus in sich hat, besser sie: Die Natur.

Mit handwerklich eingespielten Drumsequenzen sorgt Broken Knowz für eine Tiefe im Multitrack-Mixing, für Wärme in der Kälte binärer Codes, für Leben, das so bei aller Unmöglichkeit, in diesem Genre den Überblick zu bewahren, selten ist. Das liegt vor allem am polyrhythmischen Ansatz der neun Tracks, die oft fast ethnologisch daherkommen, wie von der Straße gesammelt oder im Grünen. Es hat aber auch mit einem sehr feinen, oft bloß unterschwellig spürbaren Funk zu tun, den der weltweit gebuchte Live-Artist über die manchmal fast wavig klingenden Klanggespinste legt. Das klingt dann oft, als würde man normalen Songs die Gesangsspur herausschneiden. Meistens aber klingt es einfach toll.

Jay Daniel – Broken Knowz (Technicolour)


Versicherungsazubis & Oberschichtenklischees

TVDie Gebrauchtwoche

14. – 20. November

Manchmal, wenn die Vergangenheit der alten Medien im Zeitalter der neuen auftaucht, wird klar, was wir an ihnen hatten. Helmut Fischer etwa, bekannt als Monaco Franze, wäre Dienstag 90 geworden, was der „ewige Stenz“ leider nicht erleben durfte, weil er schon 1997 gestorben ist. In jenem Jahr übrigens, als der unscheinbare Versicherungsazubi Oliver Pocher vermutlich grad im Raum Hannover für die Zeugen Jehovas Klinken putzte, was er mal lieber weiter getan hätte anstatt der scheußlichen Idee zu verfallen, anspruchslose Adoleszenzverweigerer mit gehässigem Fernsehen ohne Herz und Witz zu unterhalten.

Immerhin gibt’s dafür nun die gerechte Strafe: Aus der Senkgrube billigen Entertainments ist der armseligste aller Comedians, mit denen aus Scheiße Geld gemacht wird, auf die Resterampe gescheiterter B-Promis von ProSieben gekrochen. Im blödsinnigen Regionalvergleich Deutschland tanzt ist Oliver Pocher zwar immer noch nicht zum annähernd Lachen, aber wenigstens angemessen lächerlich. Bei Willy Millowitschs Kölner Bauernschwänken, die das schwarzweiße Wirtschaftswunderprogramm bis tief in die tuttifruttibunte Wendezeit geprägt hatten, war es dagegen zwar nicht umgekehrt, aber doch stets mit einem Rest an Würde versehen.

Umso trister klingt es, dass sein berühmtes Theater nach mehr als 200-jähriger Familiengeschichte nun vor der Pleite steht, nachdem der WDR die Übertragungen schon vor Jahren eingestellt hatte. Cause the times, they are a’changing… Das gilt allerdings nicht für Regenbogenblätter à la Neue Post, die mit Stolz verkündet, eine Buchreihe zum deutschen Adel herauszubringen. Klingt bescheuert, kennzeichnet aber ein Phänomen, das auch im Sog der neuen Medien nicht totzukriegen ist: Das generationenübergreifende Interesse an den oberen Zehntausend.

0-FrischwocheDie Frischwoche

21. – 27. November

Die bebildert am Freitag übrigens auch Arte. In Familienfest lädt ein weltberühmter Konzertpianist (Günther Maria Halmer) seine drei Söhne nebst Anhang ins herrschaftliche Anwesen, das von Klassik und Wein, Zank und Zynismus, Geld und Geschmack, Standesdünkel und Kulturbeflissenheit schier überläuft wie es in solchen Konstellationen üblich ist. All die Oberschichtenklischees werden jedoch vom herausragenden Ensemble – allen voran Lars Eidinger als todkranker Filius, der seinem Vater vorm Sterben die Leviten liest – unterlaufen. Trotzdem ärgerlich, dass Familiengeschichte wie diese hierzulande zwanghaft in elitären Kreisen spielen.

Der gleichen Regel zufolge spielen Flüchtlingsstorys wie Der Andere (heute, 20.15 Uhr, ZDF) zwingend im Bereich tieferer Einkommensschichten. Zwischen Vater (Jesper Christensen) und Sohn (Milan Peschel) herrscht darin seit langem Funkstille – bis der optimistische Nama aus Mali die beiden Streithähne versöhnt und auch sonst überall für Eintracht sorgt, wo ihm Verachtung entgegenschlägt. Parallel dazu geht 3sat ins Rennen um den Zuschauerpreis für Filme der Saison, angefangen mit dem Nachkriegsdrama Der verlorene Bruder, morgen um 21.45 Uhr gefolgt von Ulrich Noethen als boykottierter Nazi-Jäger in Akte General. Mittwoch läuft die grandiose NSU-Aufarbeitung Heute ist nicht alle Tage, bevor tags drauf zum Abschluss der selbstreferenzielle Tukur-Tatort: Wer bin ich? gezeigt wird.

Damit sind wir eigentlich im Wiederholungsmodus, aber erst nach ein paar Sachfilmtipps: Heute zeigt Arte einen bemerkenswerten Themenabend zur Türkei, der bis Mitternacht drei Dokus über Erdoganismus, Terrorismus und Kemalismus enthält. Freitag um 20.15 Uhr berichtet 3sat vom verstörenden Verhältnis der Pharmaindustrie zu Patientenverbänden. Und 90 Minuten später porträtiert Arte die Elektronik-Pioniere Tangerine Dream. Als die Berliner Band 1967 begann, aus Geräuschen jeder Art Musik machen, war das Fernsehen übrigens noch schwarzweiß – und zwar nicht nur in der DDR, wo vier Jahre zuvor Wolfgang Beyers Buchenwald-Drama Nackt unter Wölfen um die Rettung eines Kindes im KZ entstand (Sonntag, 23.05 Uhr, MDR).

Um Heroismus geht es auch in der farbigen Wochenwiederholung Rambo (Montag, 20.15 Uhr, Kabel1; Teil 2 im Anschluss), wenngleich das Pro-Kriegs-Drama 1982 eine Form militärischer Männlichkeit geprägt hat, die heutzutage als Anschauungsmaterial für alle dienen kann, die wissen wollen, wie wehrhafte Hillybilly-Rednecks nach einem Wahlsieg von Hillary Clinton wohl reagiert hätten. Wem das zu brachial ist, kann sich Dienstag um 20.15 Uhr auf SRTL ja lieber das erfolgreichste Filmmusical aller Zeiten ansehen: Grease mit John Travolta, Olivia Newton-John und viel Rock’n‘Roll. Apropos: Gleich zwei Porträts widmen sich ohne konkreten Anlass einem der erfolgreichsten deutschen Musiker: Marius Müller-Westernhagen. Mittwoch (22.15 Uhr) Kabel1, am Donnerstag (22.45 Uhr) RBB und keine Sorge, liebe Fans – Kritik wird darin nirgends laut!


Tribe Called Quest/Mick Flannery/J. Arthur

tt16-questA Tribe Called Quest

Bei manchen Bands reicht die bloße Nennung des Namens, um ein aufgeregtes Zittern durch den ganzen Körper zu jagen. Klar, das hat dann nicht selten mehr mit Nostalgie als Inhalten zu tun, ist also mehr rückenmark- als verstandesgesteuert, aber was soll’s: A Tribe Called Quest sind zurück und das klingt schon aus der puren Erinnerung an die Pioniere alternativen HipHops heraus fantastisch. Ganz unvoreingenommen kann man aber auch guten Gewissen sagen: 18 Jahre nach ihrem bis dato letzten Album The Love Movement ist ihr neues Werk We Got It From Here … Thank You 4 Your Service unabhängig von aller verständlichen Gefühlsduselei ein echtes Erlebnis.

Das liegt nicht nur an der klangvollen Gästeliste, die neben Kollegen wie André 3000 oder Busta Rhymes auch artfremde Künstler von Jack White bis Elton John aufweist. Der Grund ist vor allem das unerschöpfliche Gespür, Rap-Mashups zu produzieren, die nie zusammengestückelt wirken und dennoch so vielfältig, als würde alles hineingekippt was die Studiorechner so hergeben. Nach dem viel zu frühen Tod des Gründungsmitgliedes Phife Dawg ist das Comeback also mehr als gelungen – und doch zugleich Teil der schlechten Nachricht. Denn Q-Tip und Ali Shaheed haben angekündigt, dies sei endgültig ihr letztes Album. Aber gut – zur gepflegten Nostalgie gehört ja auch dazu, solche Aussagen ebenso gepflegt zu bezweifeln.

A Tribe Called Quest – We Got It From Here … Thank You 4 Your Service (Sony)

tt16-mickMick Flannery

Wenn sich sanftmütige Männer entschließen, das Rasierzeug wegzuschmeißen und auch sonst eine etwas robustere Gangart anzulegen, dann ist das im Licht der postpostheroischen Gesellschaft natürlich kritisch zu bewerten. Wenn es sich bei den sanftmütigen Männern jedoch um larmoyante Zausel handelt, die mit Unterwasserstimme zur Wandergitarre davon singen wie sie sich reflektieren und dabei furchtbar schämen, kann man der Verkernigung schon was abgewinnen. Nick Flannery zum Beispiel wurde einst auf einer Welle mit Mumford & Sons oder Passenger ins Rampenlicht gespült, wo er seither larmoyanten Zauselfolk spielt. Zehn Jahre und fünf Platten später ist der Ire offenbar nicht mehr so traurig wie damals.

Gewiss, auch sein neues Album I Own You ist vorwiegend melodramatisch, um nicht zu sagen: leicht pathetisch. Aber Mick Flannery hat die Umgebung seines emotionalen Bauchhöhlengesangs ziemlich unterhaltsam und oft vielschichtig mit großem Pop aufgeblasen. Lustige Country-Orgeln jagen darin ebenso ziellos umher wie (scheinbar) fein ironisierte Choreinsätze oder egitarrensolohafte Kreischsequenzen wie im aufgedrehten Show Me The Door. Es ist zwar immer noch reichlich Gefühlsduselei enthalten, die eine leicht haltlose Mittigkeit zwischen Tom Waits und Pear Jam anstrebt; aber man kann das wirklich, wirklich, wirklich gut hören, ohne in Schwermut zu verfallen. Für diese Art Musik ist das fast schon mitreißend.

Mick Flannery – I Own You (Universal)

Hype der Woche

tt16-arthurJames Arthur

Chartstauglicher Pop hat seit jeher ein Problem, wenngleich es ihm nur ein paar unverdrossene Soundgourmets auch vorhalten: Ohne Gesang ist er nicht nur substanzlos, sondern gewissermaßen inexistent. Schnitte man die Stimmen heraus, bliebe besonders vom notorischen Rhythm and Blues oft nur ein austauschbares Gerüst irrelevanter Melodiefragmente übrig, denen fast alles fehlt, was einen Song zum Song macht: Eigensinn, Spannung, Substanz, eine Liedstruktur eben. Das ist auch bei James Arthur nicht anders. Und doch unterscheidet sich dieses Produkt eines britischen TV-Castings  vom Markt. Sein Gesang ist eigensinnig, spannend und substanziell genug, um den spürbaren Mangel an musikalischer Komplexität dahinter nicht im Stakkato selbstverliebter Tremoli zu ertränken. Stets bleibt ein Rest musikalischer Vielfalt hinter der leicht kratzigen Stimme spürbar. Und dass der 28-Jährige mit vergleichsweise sperriger Optik viel selbst komponiert, dazu gut Gitarre spielt und sogar passabel rappt, macht sein zweites Album zur echten Alternative in der lukrativen Mehroktavenakrobatik R&B. Auch Back From The Edge (Sony)wäre ohne Gesang womöglich öde und leer, aber er reibt es uns nicht so grausam unter die Nase.

 

 


Gunther Witte: Tatort-Erfinder & Schimmi-Fan

0cd5767b84Ganz eindeutig der Götz!

Die Kommissare kennt jeder, ihre Regisseure eher weniger, Autoren fast keiner mehr – wer weiß da schon von Gunther Witte? Dabei war er es, der 1970 den Tatort erfunden hat. Ein Interview zum 1000. Fall mit dem 81-jährigen Fernsehpionier (Foto: NDR) über die Geburt seines Babys, was seither daraus geworden ist, die Liebe zu Schimanski und warum Ulrich Tukur sie nur noch verstärkt hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Witte, wie groß haben Sie am 29. November 1970 die Wahrscheinlichkeit eingeschätzt, dass der Tatort seinen Erfinder womöglich überleben wird?

Gunther Witte: Null Prozent; so langfristig hat man seinerzeit selten gedacht. Und wir wussten auch nicht, dass die Laufzeit eines solchen Projekts von der jährlichen Zustimmung der Direktorenkonferenz abhing. Da war keineswegs absehbar, wie begeistert die Direktoren von unserem „Tatort“ sein würden. Also haben wir zwar von der Langfristigkeit geträumt – aber nicht mit ihr gerechnet.

Und andere – die Zuschauer etwa oder das Feuilleton?

Auch das war eine völlig offene Frage. Ich erinnere mich da noch gut an die Pressekonferenz vor der Ausstrahlung von Taxi nach Leipzig. Von den paar Journalisten, die sich dorthin verlaufen hatten, fragte einer leicht gelangweilt, wie lang denn dieser Tatort überhaupt gesendet werden solle. Da meinte Horst Jaedicke, damals Programmdirektor des SDR, in seiner schwäbischen Gelassenheit: „So zwei Jahre hätten wir uns schon vorgestellt.“

Hat das Fernsehen damals generell nicht langfristig gedacht?

Das schon; aber wir wussten nicht, wie sich das Format durchsetzen würde. Die unterschiedliche Rolle des Kommissars war unbestritten. Aber die Verbindung von Krimi und sozialkritischem Thema, die im Tatort auch stattfinden sollte, musste sich noch bewähren. Auch waren an dieser Variante nicht alle Sender besonders interessiert. Besonders wichtig aber war die Regionalität, die den einzelnen Ermittlern und ihren Geschichten ihr besonderes Gesicht gab, was auch den Charakter der einzelnen ARD-Sender ausdrücken konnte.

Damals standen die sich zwar zeitgenössisch in Blöcken gegenüber – weit rechts der Bayerische Rundfunk, angeblich rot der WDR, dazwischen ein sozialdemokratisch geprägter NDR.

Und heute?

Sind die Unterschiede nicht mehr so ideologisch, aber keineswegs verschwunden.

Alles andere hätte mich auch gewundert (lacht). Ich musste also versuchen, die alle an einen Strang zu kriegen. Und das ging nur mit landestypischen Storys ortsbezogener Kommissare – schon um dem Wesen der ARD als Verbund endlich mal Genüge zu leisten.

Und die noch relativ junge Republik bekam gleich noch die Chance, sich nach der Vereinheitlichung durch die Nazis und im Osten die DDR als vielfältig zu zeigen oder?

In der Tat! Das hat den Erfolg des Formats mit ausgemacht. Dennoch war zunächst ungeklärt, ob die Menschen ein Konzept mit neun Kommissaren verschiedener regionaler Prägung annehmen. Aber es gab praktisch nie eine ernstzunehmende Stimme, die sich darüber beschwert hätte. Von daher ist die Debatte, ob es wirklich noch einen und noch einen Ermittler aus einer noch kleineren Stadt geben muss, eine des Feuilletons. Die Zuschauer freuen sich über jeden neuen Kommissar.

Sehen Sie das als Ihr Verdienst an?

Na ja, der Verdienst meines Anschubs des Projekts. Ich war damals zwar ein bisschen verwirrt, dass Günter Rohrbach ausgerechnet mich gebeten hat, eine Krimiserie zu konzipieren, aber es lag wohl auch an meiner Beteiligung bei den Durbridge-Krimis.

Das Halstuch, legendär.

Aber im Rückblick grauenvoll: langatmig, überall diese Pappkulissen, künstliche Atmosphäre, furchtbar! Verglichen damit wollten wir einfach realistischer sein. Jeder Fall sollte sich theoretisch genauso auch in der Wirklichkeit abspielen können. Und der Erfinder von Kommissar Trimmel, Friedrich Werremeier, war halt auch vorher schon ein gesellschaftskritischer Autor. Taxi nach Leipzig war zunächst gar nicht als Tatort, sondern als gewöhnlicher Krimi konzipiert; der wurde dann einfach ins Programm geworfen und alle anderen kamen hinterher.

Sind Sie stolz auf das, was aus Ihrer Erfindung geworden ist?

Und wie! Es gibt bei aller Bescheidenheit sogar Momente, in denen ich mir sage: Wenn ich nicht gewesen wär, würde es das alles heute gar nicht geben. Und der ARD ginge es gewiss auch nicht besser.

Was hat sich aus Ihrer Sicht vom ersten bis zum 1000. Fall grundlegend verändert?

Alles. Und nichts. So wie sich die Realität da draußen verändert, verändert sich natürlich auch die filmische. Weil der „Tatort“ aber zugleich sein Wesen bewahrt, kann man sich alle 1000 Folgen hintereinander ansehen und hätte eine Sozial- und Kulturgeschichte dieses Landes en bloc.

Und was hat sich – abgesehen vom Vorspann – nicht verändert?

Das Gewicht des Kommissars, die Einbindung seines Privatlebens, keine Reduzierung auf den Fall zulasten der Ermittler. Der Tatort wurde bis heute nicht künstlich modernisiert.

Dennoch gibt es nun Split-Screens, Ulk-Teams, verdeckte Ermittler und Till Schweiger.

Aber das Format ist schon lange stark genug, all dies aufzunehmen und einzubinden.

Schauen Sie regelmäßig zu?

Bei den Erstausstrahlungen gehe ich recht oft ins Theater oder in die Oper, aber es gibt ja die Mediathek, und so behalte ich schon den Überblick.

Gibt es etwas, dass Sie heute am Tatort wirklich stört?

Ach, spätestens seit dem großartigen Tatort Im Schmerz geboren mit Ulrich Tukur habe ich den letzten Widerstand gegen „Regelabweichungen“ aufgegeben und gemerkt: Der Tatort schafft das, er wächst daran.

Haben Sie nach fast 50 Jahren einen Lieblingsermittler?

Ganz eindeutig der Götz mit seinem Schimanski. Das war der erste, der wirklich außergewöhnlich war und gegen den Strom schwamm.

Die Tatorte wurden mit der Zeit immer teurer. Eine durchschnittliche Folge kostet heute um die 1,6 Millionen Euro. Wie war es zu Ihrer Zeit?

Ich erinnere mich daran, dass die Fälle mit Oberzollinspektor Kressin schon mal 700.000 D-Mark kosten durften. Das lag aber nicht deutlich über dem Budget anderer Filme, im Gegenteil. Aber das notwendige Geld stand zur Verfügung.

Gibt es einen Fall, der Ihnen immer im Gedächtnis bleiben wird?

Mehrere. Den Moltke mit Götz George von 1988 etwa, toller Film. Und natürlich Reifezeugnis mit Nastassja Kinski.

Regie Wolfgang Petersen.

Sehen Sie! Diese zwei Folgen gehören für mich wirklich zur Spitze des Formats.


Vollverschleierung & Zappelzooms

TVDie Gebrauchtwoche

7. – 13. November

Das also war die Woche, in der ein ungewöhnlicher Freak mit maximaler Außenwirkung alle Medienkanäle durchlief. Ein Sonderfall unserer überhitzten Aufmerksamkeitsindustrie, der es trotz allen Unsinns seiner Thesen zu einer Aufmerksamkeit bringt, die sich Argumente vergebens wünschen. Ach ja, und es war natürlich auch die Woche von Donald Trump, der gleich nach dem absurden Auftritt einer Muslima namens Illis bei Anne Will die Schlagzeilen dominierte – wenngleich ein paar Tage länger und globaler als die vollverschleierte Schweizerin, der ein latent islamophober Boulevard flugs den Kampfnamen Niqab-Nora gab.

Aus der Kanalisation menschlicher Vernunftbegabung folgt uns die irre IS-Apologetin von gestern ebenso wie der kaum weniger zurechnungsfähige US-Präsident von morgen in die anbrechende Woche, was die dritte Topnews der vergangenen Medientage fast untergehen ließ: bei Pietro und Sarah Lombardi, so vermeldeten verlässliche Quellen aus dem direkten Umfeld des Pentagon, geht womöglich doch noch was, was selbstredend überhaupt nichts mit einer gezielten PR-Strategie zur Markenaufwertung dieser zwei seltsamen Gossippressegewächse zu tun hätte, Gott bewahre.

Und dann wäre da natürlich noch die Sache mit Ulrich Meyer. Nach gut 1000 Folgen Akte wird ihr Moderator die kleine Skandalsause auf Sat1, der er 21 Jahre lang sein bemerkenswert alterungsresistentes Gesicht lieh, an Claus Strunz übergeben, so wurde nun bekannt. Viel weniger Blut, Schweiß und Tränen dürfte das Format indes auch unter der Leitung des früheren BamS-Chefs kaum absondern. Mit Scheinintellektuellen die Illusion von Seriosität zu erzeugen, das war schließlich schon immer eine Kernkompetenz des ehemaligen Kanzlersenders.

0-FrischwocheDie Frischwoche

14. – 20. November

Wer umgekehrt die Illusion von Profanität mit Scheinplebejern mag, sollte zwingend am Samstag um 20.15 Uhr das Erste einschalten. Dort nämlich beackert der Großintellektuelle des deutschen Fernsehfilms – Dominik Graf – das Feld größtmöglicher Massentauglichkeit – den Krimi – mal wieder auf herausragende Art und Weise. Wie bereits Im Angesicht des Verbrechens macht der Regisseur nach Rolf Basedows brillanten Buch seine Lieblingsdarsteller Ronald Zehrfeld, Ulrike C. Tscharre und Arved Birnbaum zu Bullen, die abermals in Osteuropa unterwegs sind, diesmal jedoch als Zielfahnder auf der Suche nach einem Haftflüchtling in dessen rumänischer Heimat.

Weil ein Adliger noch immer Privilegien genießt, geht es dabei von der 1. bis zur 112. statt wie branchenüblich bloß 90. Minute hochspannend zu, ohne je effekthascherisch zu sein. Grund dafür ist Grafs Marotte, fast schon ein Manierismus, Wichtiges in Zappelschnitten abzuhandeln, während Alexander Fischerkoesens Kamera oft minutenlang auf scheinbar Beiläufigem verharrt. Wenn der Regisseur zum Beispiel die Schilderung des Gesuchten und all der Begleitumstände seiner Flucht in rasender Abfolge übereinanderschichtet, hängt das Bild oft förmlich fest, falls landestypisch geheiratet oder die Ziege gemolken wird.

Diese Unwucht zugunsten der Charakterzeichnung sorgt erneut dafür, dass ein Graf-Film bis ins verstörende Finale nahezu jede Konvention bricht und damit meist mehr Fragen stellt als Antworten gibt. Anspruchsvoller kann Fernsehen kaum sein. Und Krimi schon gar nicht. Um es in dieser Anschlusswoche des orchestrierten Wahnsinns schnell zu machen, wären hier noch die Tipps zum Ablenken von allem, was Menschen mit Empathie und Intelligenz verzweifeln lässt und nein, damit ist nicht die Bambi-Verleihung am Donnerstag live im Ersten gemeint: Ab heute um 22.10 Uhr zeigt Vox die achtteilige Erfolgsserie Humans aus England über eine parallele Gegenwart, in der Maschinen das Leben und auch sonst alles dominieren.

Stärkerer Tobak ist der ARD-Mittwochsfilm Ein Teil von uns, in dem Brigitte Hobmeier als Tochter einer obdachlosen Mutter schon deshalb zu Hochform auflaufen kann, weil die Eskalationsspirale endlich mal nicht unter reichen Leuten spielt. Im Anschluss zeigt Arte ein liebevoll aufbereitetes Porträt des Enfant terribles der Nachkriegszeitliteratur Truman Capote, gefolgt von jenem Biopic, das Philip Seymour Hoffman vor zehn Jahren den Oscar einbrachte. Und Freitag drauf, ebenfalls im Ersten, darf Bjarne Mädel in Wer aufgibt ist tot brillieren, einer morbiden Version von Und täglich grüßt das Murmeltier. Und dann wären noch folgende Wiederholungen der Woche: Schwarzweiß heute Abend um 22 Uhr im BR: May Spils‘ unerreichte Slackerkomödie Zur Sache Schätzchen von 1967 mit Uschi Glas in ihrer vielleicht einzig anspruchsvollen Rolle an der Seite des liebenswerten Schwabinger Soziopathen Martin (Werner Enke). Parallel dazu auf Arte in Farbe und pünktlich zum 2. Teil im Februar: Trainspotting, Danny Boyles Drogenmilieustudie mit Ewan McGregor in seiner ersten großen Rolle. Und der Dokutipp: Pulverfass Türkei (Mittwoch, 20.15 Uhr, ZDF Info), die präzise Analyse unseres Verhältnisses zu Erdogans Reich nach dem Putsch.


Línt, Konni Kass, Nighthawks, Madness

tt16-lintLínt

Dass Musik wie Landschaften klingen kann, wird zwar seit Smetanas Flusszyklus Die Moldau immer wieder mal konstatiert, ist aber meistens doch eher konstruiert. Natur ist Natur, Sound ist Sound, dazwischen gibt es persönliche Assoziationsketten, die im Kopf des Hörers wachsen und nirgends sonst. Allenfalls skandinavischer Pop jedoch zuweilen eine Art naturalistischen Zugang zum Pop, besonders in Island, aber auch ein bisschen in Norwegen. Ein gutes Beispiel dafür ist die junge Postrock-Band Línt. Nach eigener Aussage beeinflusst von Mogwai oder Sigur Rós, fährt das Sextett auf seinem Debütalbum Then They Came For Us fraglos ein wenig über Land und besingt es unterschwellig.

Denn es scheint wirklich so zu sein, dass die schwirrenden Gitarren immer mal wieder auf- und abwallen wie ein kleiner Bach, der zum Strom an- und wieder abschwillt. Der hauchzarte Gesang darüber klingt wie aus großer Ferne ins weite Tal gesungen. Und zwischendurch schlagen Keyboards und elektronische Spielereien luftige Kapriolen, als liefen sie fröhlich über bunte Wiesen. Sicher, das klingt jetzt alles ein wenig drüber, als sei all dies auf Munterdrogen verfasst. Aber Línt schaffen tatsächlich einen absolut geschmeidigen Spagat zwischen aufgeheiztem Geschredder und tiefenentspannter Mystik nordischer Gefilde. Da darf man schon mal bisschen schwelgen…

Línt – They Came For Us (Popup Records)

tt16-kassKonni Kass

Ebenfalls skandinavisch, aber alles andere als schwelgerisch, geschweige denn irgendwie mystisch klingt hingegen das Debütalbum einer Band von den Faröer Inseln, die abgesehen von Fisch allenfalls mal kleinere Sensationen gegen kontinentaleuropäische Fußballnationen exportieren. Es heißt leicht kryptisch Haphe, was noch erratischer wirkt, da Konni Kass auf Englisch singen und zwar vornehmlich über Liebe und Artverwandtes. Die Stimme der namensgebenden Konni erinnert dabei – Achtung, Klischee! – zwar ab und zu an Björk, die nicht allzu fern von der Inselgruppe entfernt ihre Weltkarriere begann. Die Parallel verklingt aber auch schnell wieder, wenn Konni Kass tun, was sie weit mehr kennzeichnet als nordatlantische Verschrobenheit.

Besonders die ortsüblich wirklich sehr, sehr blonde Sängerin nämlich unterfüttert den elektronischen Folk ihrer drei Mitmusiker aus dem malerischen Dörfchen Tórshavn konsequent mit viel Jazz im Organ. Gepaart mit einer elegischen Orgel und fabelhaften Synthie-Twists bis hin zum stilisierten Saxofon-Solo, erinnert Haphe demnach bald eher an Joan As Police Woman als an irgendwas Landestypisches, von dem die meisten von uns ohnehin keine Ahnung haben. Man könnte diesen eklektizistischen Pop daher auch prima ohne Vocals hören – er wäre trotzdem gehaltvoll und schön. Besser aber ist es, sich voll und ganz auf die Stimme einzulassen; sie ist die Seele das Ganzen, eine überaus sprühende.

Konni Kass – Haphe (Tutl/Cargo)

tt16-nighthawksNighthawks

Dennoch ist Gesang gerade in allem, was sich dem Jazz annähert, oft eine heikle Angelegenheit. Weil Klavier, Drums, Blech und Bass darin gewissermaßen das Reden übernehmen, senkt ihn jede Verwendung menschlicher Stimmen rasch aufs Niveau loungigen Pianobargeklimpers. Umso eindrücklicher wirkt es dann, wenn ein einzelnes Instrument so beredt ist, so mitteilsam, fast gesprächig, dass der Sound auch ohne Lyrics zu uns spricht. Bei den Nighthawks zum Beispiel ist es eine Trompete, durch die sich das deutsche NuJazz-Ensemble im Wechsel mit dem Flügelhorn seit 1997 gern mitteilt.

https://soundcloud.com/herzog_records/sets/pre-listening-707-from-nighthawks-new-album

Die Virtuosität des Trompeters Reiner Winterschladen treibt die raumgreifenden Arrangements vom zweiten Gründungsmitglied Dal Martino auch auf dem achten Studioalbum zu einer virtuosen Vielschichtigkeit, die den Anhängern der reinen Lehre schmeichelt, sich aber auch ein Stück weit davon emanzipiert. Im Kern ist und bleibt 707 also Jazz. Drumherum allerdings eröffnet das Sextett mit digitalem Programming, zuweilen peitschender E-Gitarre und flächigen Sixties-Keyboards ein Panoptikum, das selbst im Club funktioniert. Und gesungen wird auch. Ausnahmsweise. Aber ohne tieferen Sinn.

Nighthawks – 707 (Herzog Records)

Hype der Woche

tt16-madnessMadness

Hoch droben auf dem Olymp aktiver Musiklegenden, schräg links unter den Stones oder Bob Dylan, doch auf einer Stufe mit Gleichaltrigen von AC/DC bis U2, sitzt eine Band namens Madness, die exakt so unantastbar ist wie der Titel ihres 13. Studio-Albums klingt. Fast vier Jahrzehnte nach dem Debüt One Step Beyond, dürfte Can’t Touch Us Now (Universal)allerdings nicht als Durchhalteparole gemeint sein. Es ist die reine Tatsachenbeschreibung. Daheim in England genießen Madness Volksheldenstatus, der fast jede Neuveröffentlichung verlässlich Richtung Top-10 spült. Und so wird es auch mit dieser sein. Die hohe Kunst, Off- nach Onbeat klingen zu lassen, also Ska wie Pop und umgekehrt, hat schließlich wenig von ihrer Frische der 70er verloren. Wie damals untergräbt Graham McPhersons Sprechgesang die hedonistische Aura des jamaikanischen Imports mit melancholischer Eleganz; wie damals verstärkt der unermüdliche Einsatz tiefer Saxofone das theatralische Aroma; wie damals lockern Spaß-Elemente wie Mumbo Jumbo die getragene Stimmung aber immer wieder spielerisch auf. So schnell wird kein neuer Platz frei im Olymp. Madness werden sich nicht mehr ändern, sie haben aber noch einiges vor.

http://www.vevo.com/watch/GB2DY1600237?isrc=GB2DY1600237


Daniel Küblböck: Von DSDS aufs ARD-Schiff

kublbock2Das Bohlen-Thema nervt!

Reif ist er geworden, irgendwie seriöser, aber keineswegs voll angepasst. Seit Daniel Küblböck nach seinem DSDS-Auftritt vor 13 Jahren eine Weile über den Boulevard geschleift wurde, ist es still geworden um die singende Frohnatur aus Bayern. Mittlerweile studiert er Schauspiel, singt Selbstkomponiertes und verdient seit zwei Wochen in der ARD-Nachmittagsdokusoap Verrückt nach Fluss ein bisschen was dazu. Begegnung mit einem jungen Fossil des Trash-TV.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Daniel Küblböck, Sie sind 31 Jahre alt – würden Sie „schon“ oder „erst“ voranstellen?

Daniel Küblböck: (zögert kurz) Ich würde sagen „schon“ 31. Zumal mich viele für älter halten und überrascht sind, dass ich bei DSDS erst 18 war.

Fühlt es sich also 13 Jahre her an oder länger?

Das ist situationsabhängig. Wenn ich wie jetzt grad tief im Schauspielstudium stecke, scheint es eine Ewigkeit her, wenn ich in Ruhe drüber nachdenke wieder nur ein paar Momente. Und in Videos von damals sehe ich eine Naivität, die mir jetzt fremd ist, während die Lebensfreude darin weiter zu mir gehört. Wenn ich nun auf die Bühne will, ist es nicht das Rampenlicht, sondern die Theaterbühne, aber alles was ich heute tue, ist irgendwie von der Zeit geprägt.

Kein Wunder – schließlich haben Sie bereits mit 20 ihre Biografie geschrieben!

Mit 18 sogar, aber ich hatte ja damals auch schon mehr erlebt als viele Gleichaltrige.

Fiele die Betrachtung ihrer Jugend anders aus, wenn Sie sie zehn Jahre später nochmals beschreiben würden?

Das Kapitel vor DSDS wäre bedeutend kürzer, weil es damals noch viel aktueller war und ich mit privaten Rückschlägen jener Zeit heute defensiver umginge. Außerdem wäre der Teil im Verhältnis natürlich kürzer, weil ich zwischendurch wieder viel erlebt habe.

Haben Sie im Rückblick alles richtig gemacht?

Um das bewerten zu können, müssen mindestens nochmals 13 Jahre vergehen.

Anders gefragt: Haben Sie irgendwas bereut?

Bereuen klingt so pathetisch. Natürlich hätte ich manches anders gemacht, aber alles hat dazu beigetragen, was für ein Mensch ich heute bin. Selbst der Gurkenlastunfall ohne Führerschein, von dem vielleicht niemand erfahren hätte, wenn die CSU an dem Tag nicht in der Nähe ihren Parteitag gehabt hätte, gehört halt dazu. Und wenn man bedenkt, dass die Tagesschau darüber berichtet hat, scheint es ja seinen Sinn gehabt zu haben.

Ohne DSDS wären Sie aber vermutlich Erzieher geblieben, statt wie jetzt Schauspieler zu werden oder?

Auf jeden Fall, zuvor war die Bühne keine Option. Aber wie da wir in die Öffentlichkeit geworfen wurden, das war schon gewaltig. Heute kennt man von den Kandidaten sogar während der Shows nicht mal die Namen; damals hatte ich als Drittplatzierter Nr-1-Hits – davon können die heute doch nur träumen. Trotzdem war es kein grader Weg zum Schauspiel. Ich hatte kurz darauf Anfragen, die ich zum Glück ausgeschlagen habe, weil ich nicht vom Fach war. Schauspiel war vorher jedenfalls kein Jugendtraum von mir, ich wollte mit Kindern arbeiten. Aber die DSDS-Bühne hat in mir den Wunsch erzeugt, dieses Handwerk wirklich zu lernen. In zwei Jahren bin ich mit dem Studium fertig, dann müssen wir mal sehen.

Ist die Moderation von Verrückt nach Fluss da Teil deines Weges oder ein Abzweig?

Definitiv Abzweig. Ich musste den Schulleiter fragen, ob ich die Zeit zum Drehen freikriege. Er fragte mich dann, für welchen Sender das sei, und als ich ARD sagte, meinte er okay, solange es nicht RTL ist… Ich selber habe das aber gar nicht als Arbeit empfunden, ehr als Tapetenwechsel, zumal ein Teil dieser Flussfahrt durch meine Heimat führt.

Ansonsten reizt sie die Kamera nicht mehr?

Nein. Obwohl mich an diesem Format überzeugt hat, dass verglichen mit RTL wenig gestellt wird, und man etwas über Geschichte erfährt, zum Beispiel, wie nah vor meiner Haustür der Jugoslawien-Krieg stattgefunden hat.

Wen hat die ARD in Ihnen gebucht – den alten DSDS-Daniel oder den neuen Küblböck?

Tja, wenn ich mir das „Verrückt“ im Titel anschaue, hatten die wohl doch auch das Klischee von mir im Hinterkopf, so rein marketingstrategisch.

Der Sender kündigt Sie als „eine der schrillsten Figuren des jungen Jahrtausends“ an.

Ach, ich habe ja auch mit 31 noch meine schrillen Momente, das stört mich gar nicht groß. Und in Deutschland gilt man halt schon als schrill, wenn man schwer einzuordnen ist.

Besonders, wenn man schwul ist…

Ich bin zwar eher bi, aber es stimmt schon – bei dieser Gleichung schwingt Homophobie mit.

Waren Sie damals in Ihrer schrillen Androgynität wirklich Sie selbst oder ein Konstrukt, das RTL aus Ihnen gemacht hat?

Ich glaube, dass alles, was für eine solche Bühne gemacht wird, mehr oder weniger inszeniert wird. Das ist auf seriösen Sprechbühnen nicht anders. So gesehen war auch ich in Teilen eine Kunstfigur, was ich mit 18 Jahren bestimmt nicht immer gemerkt habe und von RTL ziemlich schamlos ausgenutzt wurde. Aber so funktioniert das Geschäft, ich wär mit jemandem wie mir als Sender wohl nicht anders umgegangen. Sie hätten mal meinen Stylisten erleben sollen, wie froh der war, sich mal an einem wie mir austoben zu dürfen; das war schon auch lustig.

Waren Sie dennoch stets das Subjekt Ihres Handelns oder in gewisser Weise Objekt anderer, um nicht Opfer zu sagen?

Als funktionierende Medienfigur bist du – gerade in dem Alter – immer ein Objekt, gar Opfer. Das beginnt ja schon damit, was alles hineinprojiziert wird, worauf man keinen Einfluss hat. Jedes Bild, das an die Öffentlichkeit gerät, ist manipulierbar. Nehmen Sie die ARD-Doku: Da müsste man nur in der Bildunterschrift „vor dem“ durch „vor seinem“ Schiff ersetzen, schon wäre alles am Foto anders. Jeder will doch sehen, was er will, das macht uns alle zum Objekt.

Sind Sie das heute weniger als früher?

Definitiv!

Haben Sie da zum Abschied noch ein Grußwort an Dieter Bohlen?

Nö. Wir haben uns damals auf einer reinen Geschäftsebene getroffen, von der wir beide profitiert haben. Das Bohlen-Thema nervt.


1000 Folgen Tatort: Rückblick & Ausblick

ard-tatortTeufels Werk und Tatorts Beitrag

Wenn die Kommissare Borowski und Lindholm an diesem Sonntag im November den 1000. Tatort betreten, ist das nicht nur ein guter Grund, zu feiern, sondern auch zurückzublicken auf 46 Jahre, in denen die erfolgreichste Reihe des hiesigen Fernsehens das Land ringsum nicht nur analysiert, porträtiert, katalogisiert hat, sondern auch ein bisschen verändert.

Von Jan Freitag

Die Polizei hat‘s schwer. Unterbezahlt und mies beleumundet, ringen die einst geachteten, gar Staatsdiener vergebens um Respekt. Besser entlohnt und legerer gekleidet, ist nur der Ruf des Mordermittlers einigermaßen intakt. Das aber liegt weniger an ihrer Aufklärungsquote nah 100 Prozent, sondern daran, dass sie im Fernsehen noch übertroffen wird. Im Tatort etwa tendiert die Chance, sonntags um 21.45 Uhr als Kapitalverbrecher anders als verhaftet oder tot zu sein, gegen Null. Das war beim 1. Fall am 29. November 1970, als Kommissar Trimmel im Taxi nach Leipzig fuhr, wie beim 1000., der zwei seiner Nachfolger mit dem gleichen Gefährt gen Osten kutschiert.

Sie heißen Lindholm und Borowski, lernen sich auf einer Fortbildung kennen, steigen zu einem traumatisierten Afghanistan-Veteranen ins Taxi und befinden sich flugs auf einer Odyssee nach Leipzig. So zeigt sich beim Jubiläum mit Kriegsthema wie beim Debüt mit Ost-West-Problematik, dass Deutschlands wichtigste TV-Marke mehr aneinanderreiht als bloß Krimis. In 46 Jahren hat sie sich zur Enzyklopädie bundesrepublikanischer Befindlichkeiten gemausert. Und weil Politik seit jeher gleichberechtigt neben Unterhaltung firmiert, liest der Literaturwissenschaftler Jochen Vogt darin den „wahren deutschen Gesellschaftsroman“.

Mitgeschrieben haben ihn Regisseure wie Wolfgang Petersen, Margarethe von Trotta oder Dominik Graf. Nach Büchern von Martin Walser über Friedrich Ani bis 33 Mal Ernst Huby haben sie ein Langzeitprojekt kreiert, das der Tatort gar nicht sein wollte. Seine Geburt hatte mehr mit Bürokratie zu tun als dem Ziel, Geschichte zu schreiben. Zwei Jahre zuvor – Heintje führte die Hitparade an und Richard Nixon Amerika – hatte „Der Kommissar“ im ZDF als erster Serienbulle ein Privatleben, das anders als üblich auch fern des Studios gedreht wurde. Die Resonanz war so gut, dass der Hamburger Kriegswitwer Trimmel elf Folgen zwischen Wohnung, Dezernat und Kneipe auf Täterjagd ging.

Doch so menschlich zeigte sich bald nicht nur der NDR-Kauz, sondern ein Kollegium in Stuttgart, Mannheim und Köln, München, Berlin, gar Wien. So sollte die ARD dem Staatsvertrag gerecht werden, also vom Organisationsapparat zum Organismus. Denn 1970 war das Land gespalten. Pillenknick, Auschwitz-Prozesse, RAF-Terror, ein Alt-Nazi im Kanzleramt, das Erlahmen des Wirtschaftswunders: die Verwerfungen der 60er hatten das saturierte Nachkriegsland von der Gegenwart entfremdet. Doch auf die Angst vor Werteverfall und Modernisierung fand das Leitmedium nur die Antwort, in Form vom berühmten Stahlnetz den Ordnungsstaat zu simulieren.

Bis WDR-Fernsehspielchef Gunther Witte den Straßenfeger zum Tatort machte: Mit realistischen, aber erdachten Plots unregelmäßig, aber wiederkehrender Protagonisten, rechtsstaatlich statt obrigkeitshörig, echte Typen aus den Daseinswelten der Durchschnittszuschauer mit all ihren Spießigkeiten und Ausbruchsversuchen. Es war die Geburt des Buletten-Fans Heinz Haferkamp, dem Hansjörg Felmy ab 1974 schludrige Lässigkeit verlieh; von Melchior Veigl, den Gustl Bayrhammer zwei Jahre zuvor weißwurstig konservativ, aber mit Dackel als Weibsersatz zukunftsweisend spielte; von Horst Schimanski, der dank Götz Georges fragiler Respektlosigkeit die starre Struktur führungsstarker Bürokraten (plus zwei Bürokratinnen) aufbrach; von Paul Stoever, der dem Format jene gewichtige Leichtigkeit verlieh, der man seit Manfred Krugs Tod doppelt nachtrauert.

Lange also vor einem Pathologen mit kleinwüchsiger Assistentin, zwei internetaffinen Quereinsteigern im Dichternest Weimar oder 300 Leichen pro ironiefreier RTL-Reminiszenz von Til „Bang“ Schweiger als Nick „Boom“ Tschiller, hat der „Tatort“ die irritierende Welt vorm Wohnstubenfenster mit der Leichtigkeit des Feierabendeins dahinter versöhnt. Weil das kollektive Entspannungsbedürfnis zum Wochenstart aber zugleich mit der rauen Wirklichkeit kontrastiert wurde, entstand aus Sicht des Soziologen Hendrik Buhl „Politainment par excellence“, dessen Hybris im Vergleich zur Flut heutiger Schmunzelkrimis umso mehr brilliert.

Dass die Quote nach einer Delle zur Jahrhundertwende oft achtstellig ist, hat indes viele Gründe. Stars von Ulrich Tukur über Dagmar Manzel bis Devid Striesow, denen der Ruhm des Evergreens die Angst vorm Sackbahnhof Serienermittler nimmt.  Dazu Produktionsbedingungen auf Kinoniveau nebst Oasen voller Autoren, die der Drehbuchwüste Deutschland Sittengemälde von Innovationskraft und Bewahrungsdynamik schrieben. Nichts aber grundierte den Erfolg nachhaltiger als ein vernachlässigtes Terrain: das Milieu.

Erst im „Tatort“ wurde die Unterschicht vom Subjekt zum Objekt, die aus dem Rotlicht der Kieze ins Neonlicht der Macht wanderte – und damit sind nicht Derricks Grünwalder Villen gemeint, sondern Entscheidungsträger bis tief in Vereine, Verbände, Finanzvorstände, von Parteien, Amtsträgern, Polizei ganz zu schweigen. So, wie sich die Gesellschaft jenseits alter Werte ausdifferenziert und die Grenzen „zwischen gut und böse“, wie es Jo Goebel ausdrückt, „gerecht und ungerecht, privat und beruflich, heldenhaft und feige“ diffundieren, so tut es nach Ansicht des Medienforschers der Tatort.

Die Mehrheitsgesellschaft, das suggerieren 1000 Täterprofile, ist selbst da voll dunkler Ecken, wo scheinbar die Sonne lacht. Jeder kann zum Raubmörder, Serienkiller, Triebtäter, Menschheitsverbrecher werden. Und jeder ist es in 1500 Stunden Sendezeit theoretisch schon geworden. Fast jeder. Denn um das Publikum nicht aller Hoffnung zu berauben, blieben die Ermittler trotz wachsenden Hangs zur Rechtsbeugung dem Guten verpflichtet. Dennoch: So wie die Taten aller Fernsehkrimis auch dank des Tatort im Kontext diverser Lebensumstände bewertet werden, verändert sich auch das Persönlichkeitsprofil der Kommissare.

Und zwar zulasten klarer Grenzen, wie es Medienforscherin Joan Bleicher von der Uni Hamburg ausdrückt. Standen die Ermittler den Verdächtigen bis in die Neunziger „kontrastiv gegenüber“, sind die Hauptfiguren nun „psychologisierter, ausdifferenzierter“. Soziopathen wie Faber, Feenwesen wie Sänger, Macker wie Tschiller, Ghettokids wie Gümer, Seelenwunde wie Odenthal, Freaks wie Stellbrink, Säufer wie Steier – wer heute ermittelt, teilt mit dem Publikum nicht nur den Bildschirm, sondern die Makel. Umso mehr erstaunt die Makellosigkeit der Neuen von Nürnberg.

Statt skurriler Kleidung oder sonstiger Fimmel fiel beim fränkischen Debüt allenfalls die Sprache ringsum aus der Norm. Doch auch seltsam gekünstelt sorgte der Dialekt für Heimatverbundenheit. Irgendwer babbelt, sächselt, schwäbelt, grantelt, nuschelt garantiert, wenn die Spurensicherung an derzeit 22 Tatorten auftaucht. Hannover mag mangelnde Präsenz bei Lindholms Einsätzen beklagen, Wien den fehlenden Schmäh seit Mareks Abgang, das Saarland seine skurrilen Charaktere – meist ist der „Tatort“ ein markenbewusster Hochglanzkatalog regionaler Eigenart, den kein Tourismusbüro finanzieren könnte. Wieso sonst sind zwischen Rhein und Ruhr dauernd Kölns Dom oder alte Zechen im Bild? Weshalb radelt Kommissar Thiel ständig über den Prinzipalmarkt? Und warum nehmen seine Hamburger Kollegen seit jeher vom Fischmarkt nach Blankenese den Umweg via Reeperbahn?

Mit Autos, die noch mehr Kitt zwischen Produkt und Publikum kleben. Sportwagenvermittelte Freiheitsliebe in Ludwigshafen, kleinwageninduzierte Betulichkeit am Bodensee, Thiels Vadder im Taxi oder Inga Lürsens Kleinbürgertraum mit Stern: Am letzten analogen Lagerfeuer der Republik firmieren selbst Fortbewegungs- als Bindemittel und liefern ein weiteres Stück Corporate Identity wie sonst nur die Lindenstraße – die sich allerdings mit einem Bruchteil der Zuschauer begnügt, während Prof. Boerne (mit Jaguar) und Nick Tschiller (mit Sixpack) den Quotenrekord im Wechsel über 13 Millionen geschraubt haben.

Befeuert von PR auf allen Ebenen. Es gibt Fachtage, Dissertationen, Fanclubs, Public Viewing, Radioeditionen, Zeitungsrubriken samt Second Screen, der jede Ausstrahlung mit Abertausenden von Tweets in Echtzeit begleitet. Dass die vorwiegend kritisch sind, ändert nichts am Sog. Bevor Tukurs Bühnenepos Im Schmerz geboren alle wichtigen Preise gewann, hat es online Prügel bezogen. Selbst seltener Defätismus wie Schweigers Suada gegen die Titelmelodie kratzen nicht am Markenkern. Was stört es die Eiche… Zu stramm steht sie im Gegenwind der digitalen Gegenwart, sturmfest und flexibel. Bei all den Gewissheiten vom Einstieg mit Plastikbecher am Fundort bis hin zum Ausstieg mit Täter (außer beim Münchner Einsatz vor zwei Wochen), haben die Hauptfiguren Migrationshintergründe, Körperbehinderungen, professionellen Humor und überdurchschnittlich oft weibliche Vornamen wie in Freiburg, wo mittlerweile Heike Makatsch im Einsatz ist.

Im strengen Proporzsystem der ARD bleiben damit nur Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern tatortfrei. Doch auch wenn sonntags irgendwann dort ermittelt würde, täten es Kommissare wie du und ich: Mal scheu, mal arrogant, oft kompetent, längst fehlbar, selten hässlich, seltener schön und trotz aller Macken herrlich normal, also eher keine türkischstämmigen Undercovercops wie Cenk Batu, der trotz Splitscreen selbst beim Nachwuchs im Quotentief versank. „Soziale Rollenspieler“ nennt sie der Soziologe Carsten Heinze. Platzhalter des Pöbels, die dessen Freud und Leid, Ängste und Wünsche in sich vereinen. Auch in den nächsten 1000 Folgen.


2 Bier – 1 Platte

marthe-rhondaMilo Milone & Mrs.Magician

Bei den lässigen Retro-Klängen von Rhonda kann sich kaum einer der Tanzfläche verweigern. Vor der Veröffentlichung des ersten Albums 2014 gingen die fünf Hamburger deshalb erstmal mit Turbostaat, Lucius und Paul Weller auf Tour. Im Januar soll nun endlich das zweite Studialbum WIRE erscheinen. Um die Wartezeit zu überbrücken erzählt Sängerin Milo Milone im Bierplattengespräch heute von ihrem persönlichen Schätzchen der musikalischen Art.

Interview: Marthe Ruddat

Milo Milone: Es ist ja wirklich eine Herausforderung, sich auf eine Platte festzulegen. Ich muss erst mal ‘ne Minute überlegen, in welches Genre ich da gehen will.

Ein herrlich sonniger Nachmittag in Hamburg und wir sind mit Bier versorgt. Überlegen und genießen ist schön.

Okay, ich hab eins! Es gibt ein Album, das mir wirklich sehr viel bedeutet und das nehme ich jetzt einfach auch: Strange Heaven von Mrs.Magician.

freitagsmedien: Noch nie gehört…

Mrs.Magician ist auch echt ein komischer Name, oder? Ich habe immer gedacht, der hätte auch geiler sein können. Aber das Album ist auf jeden Fall super und verdient es, dass mal darüber gesprochen wird.

Mrs.Magician sind fünf kalifornische Jungs, die 2012 mit Strange Heaven ihr Debüt veröffentlichten. Die Band ist noch weitestgehend unbekannt. Rhonda haben auf jeden Fall mehr Likes bei Facebook.

Warum bedeutet dir das Album so viel?

Das ist eine Platte, die ich einfach sehr viel gehört habe und ich habe mich so sehr gefreut, als ich sie bekommen habe.

Sie war also ein Geschenk?

Ich habe sie mir tatsächlich selbst zum Geburtstag geschenkt.

Und wie kam es dazu?

Ich habe vor langer Zeit mal zwei Jahre in der Kogge gearbeitet und da gab es so einen Sampler mit irgendwie garagigen, psychedelischen Songs drauf. Auf diesem Sampler war There Is No God von Mrs.Magician drauf. Als ich den Song das erste mal gehört habe, bin ich sofort aufgestanden und habe ihn gleich noch ein paar Mal hintereinander angemacht. Der hat mich irgendwie total gepackt. Zuhause habe ich dann ein bisschen recherchiert und mir das Album bei Burnout marthe-magicianRecords bestellt. Das gab es damals noch.

Burnout Records, du warst wirklich sehr geliebt!

Und an deinem Geburtstag war sie dann da? 

Genau. Und ich war so glücklich! Das war irgendwie ein ganz besonderer Tag. Es war eisig kalt und es lag meterhoch Schnee. Und vor lauter Aufregung habe ich nur auf die Platte geschaut und bin in der Karo-Diele einfach mal volle Kanone gegen diese Glastür gelaufen. Das war ziemlich peinlich.

Hat sich There Is No God dann auch zu deinem Lieblingssong auf der Strange Heaven entwickelt?

Ja schon. Der ist einfach so simpel und hat trotzdem ne Aussage. Er gibt mir einfach ein gutes Gefühl.

Mrs.Magician – There Is No God

You’re all gunna die

Does it make you want to cry

To know that I’m going to live forever

Because you never looked me in the eye

There’s no go d

There’s no god

Lalala

There’s no god

Lalala

There’s no god

Now do what you are told

And i’ll comfort your akin’ souls

 

Gibt es auch Songs auf dem Album, bei denen das gar nicht so ist? 

Ich bin ja nicht so der Fan von den klassischen Pophymnen. Manchmal wurde mir die Band tatsächlich ein bisschen zu sehr Indie. Aber eigentlich habe ich die ganze Platte lieben gelernt und kriege immer sehr gute Laune, wenn ich sie höre.

Das klingt jetzt aber gar nicht so sehr nach großer Liebe.

Ich bin einfach allgemein eine Musikliebhaberin. Weißt du, wenn man so ein Interview wie das hier macht, dann könnte ich ja auch meine absoluten Superhelden auspacken. Mir fallen jetzt auch noch viele andere Platten ein, über die ich hätte sprechen können. Die Strange Heaven hat mich damals einfach sehr in den Bann gezogen und deshalb muss sie auch unbedingt erwähnt werden. Grundsätzlich bin ich aber nicht so an den Bands an sich interessiert, sondern an der Musik. Ich würde sofort zu einem Konzert gehen, wenn die mal hier spielen würden. Wie die einzelnen Musiker heißen, weiß ich aber zum Beispiel nicht. Bei einem Musikquiz würde ich definitiv immer total abloosen.

Marthe1Gibt es denn jemanden, mit dem du dir gerne mal die Bühne teilen würdest? Ein großes Idol?

Hm, also eigentlich würde ich gerne mit jedem Künstler von Daptone Records was machen. Die liebe ich durch die Bank weg alle. Aber Black Sabbath wär auch super! Ich weiß nicht, im Moment hängt mein Herz doch eher am Soul glaube ich.

Aber grundsätzlich scheinst du dich nicht gerne auf ein Genre festzulegen. Macht genau das die Inspiration für deine eigene Musik aus?

Nein, das kann ich wirklich nicht. Wie ich schon gesagt habe, bin ich ein eine Musikliebhaberin. Ich mag nicht in einem Genre feststecken und nicht über den Tellerrand schauen. Ich habe ein Soulherz und meine souligen Juwelen und ich habe ein Punkherz und dort meine Schätze. Das ließe sich immer so weiter führen. Ich glaube, meine eigene Musik vermischt das ganze einfach miteinander. Dabei ist mir Dreck wichtig, ich brauche immer ein bisschen Dreck dabei. Das unperfekte Perfekte, ich glaube, das ist mein Ding.

Wo sich der Dreck auf dem neuen Album WIRE versteckt, kann ab dem 27.01.2017 herausgefunden werden.Bis dahin gibt es mit einem Shortmovie-Musikvideo schon einen kleinen Vorgeschmack auf das, was da so kommt. Das Video und alle weiteren Infos gibt’s auf rhondamusic.com.


Besorgte Kanzler & rote Bänder

TVDie Gebrauchtwoche

31. Oktober – 6. November

Recep Tayyip Erdoğan hat ein kreatives Verhältnis zum Rechtstaat. Zuhause haut ihn der türkische Despot nach Herzenslust in Stücke, bei uns kriegt er kaum genug von seiner gerechtigkeitsstiftenden Instanzenvielfalt. In Hamburg muss daher – wenn der Verfasser schon nicht im Kerker verrottet – mal wieder Jan Böhmermanns Schmähgedicht vor Gericht. Derweil echauffiert sich RTE über jede äußere Kritik am inneren Drang, die Pressefreiheit zu beseitigen, was schon deshalb putzig ist, weil Angela Merkel erneut ewig gebraucht hat, um ihre Klage über die Verhaftung eines Dutzends unbotmäßiger Journalisten der liberalen Cumhuriyet von „Sorge“ auf „alarmiert“ upzugraden.

Und das tat sie aus gutem Grund. In der Türkei firmieren fast nur noch soziale Medien als Korrektiv der aufgehenden Tyrannei. Die Digitaldiktatoren Youtube und Facebook als Garanten von Vielfalt und Demokratie: es kann einem Angst und Bange werden. Auch und gerade jetzt, da sich die autokratische Gema mit Youtube auf ein (streng geheimes) Verwertungssystem lange gesperrter Musikvideos geeinigt hat. Wovon freilich nur maximal kommerzieller Pop profitiert, während die Subkultur weiter fröhlich ausgebeutet wird.

Apropos Ausbeutung: Ronny kehrt zurück auf den Bildschirm, der ulkige Affe mit eigener Pop Show. Allerdings nicht in echt mit Ottos Stimme, sondern als Attrappe am Arm des Puppenspielers Martin Reinl, der mit ihr auf RTL Nitro die Fossilien der unerschöpflichen 80er reanimiert. Fast könnte man meinen, den Fernsehmachern falle nichts Neues mehr ein. Dagegen spricht höchstens zweierlei: Dass Tom Tykwer vorige Woche endlich den ersten Trailer seiner seit gefühlt zehn Jahren angekündigten Serie Babylon Berlin übers selbige in den 20ern gezeigt hat. Und natürlich die Fortsetzung der Stunde.

0-FrischwocheDie Frischwoche

7. – 13. November

Heute Abend startet Staffel 2 vom Club der roten Bänder. Jene Vox-Serie, deren Erfolg den Verdacht nährt, das Regelprogramm sei doch noch nicht am Ende. Die Schicksalsgemeinschaft mehr oder minder todkranker Teenager um den coolen Leo (Tim Oliver Schulz) darf zehn Teile mit ihrer „romantischen Unterhaltungsscheiße“ weitermachen, wie das Hipster-Organ Vice ätzt. Wenn man das einzige weibliche Clubmitglied Emma sieht, deren blutleere Schönheit alles Furchtbare am Kommerz-TV verkörpert, ist da sogar was dran; insgesamt aber hebt sich auch der Aufguss ab vom Einerlei ringsum.

Das junge Ensemble agiert mit instinktiver Präzision, die Bildsprache bleibt hochwertig, inhaltlich gewinnt die Story um den erwachten Koma-Patienten Hugo dem Coming-of-Age-Stoff zwar wenig Neues ab. Doch im Ganzen bleiben die Bänder bei aller Frische so sehenswert wie es linear gelegentlich der Tatort schafft. Ein Format, dass Sonntag die 1000. Folge feiert. Wie die erste 1970 heißt sie Taxi nach Leipzig, in das aber nicht Kommissar Trimmel steigt, sondern sein Enkel Borowski nebst Kollegin Lindholm – mit dem weiteren Unterschied, dass der Fahrer ein traumatisierter Afghanistan-Veteran ist, der die beiden auf eine vogelwilde Odyssee durch den Osten entführt. Leider ist sie dieses Jubiläums unwürdig.

Wobei wir ohnehin abwarten müssen, ob die Welt zuvor nicht untergeht. Schließlich sind morgen US-Wahlen, die ARD und ZDF, Nachrichtenkanäle und überhaupt alle außer Sat1 bis Mittwochfrüh mehr oder minder umfassend begleiten. Falls – was alle weltlichen und überirdischen Kräfte verhindern mögen – Donald Trump siegt, könnte also auch manch Programmschema kippen. Das von Arte zum Beispiel, wo am Abend drauf (21.55 Uhr) womöglich nicht die schöne Doku Wie das Kino erwachsen wurde über die Ursprünge des Kintopp liefe. Aber wie gesagt – wird schon nicht…

Und falls doch? Ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass der … der… tja: US-Präsident Trump einen Mann wie Bernard L. Madoff, der wegen Anlagebetrug in Höhe von mindestens 50 Milliarden US-Dollar zu 150 Jahren Knast verhaftet wurde, begnadigt. Aus dieser Story unfassbarer Gier macht Sky ab Donnerstag eine Miniserie, die einen alten Bekannten aus der nostalgischen Erinnerung an den Weißen Hai in die Gegenwart holt: Richard Dreyfuss. Er spielt den Verbrecher mit hinreißend beiläufiger Boshaftigkeit. Das leitet über zur schwarzweißen Wiederholung der Woche: Sergej M. Eisensteins Meisterwerk Iwan der Schreckliche (Montag, 23.15 Uhr, Arte), den der russische Regisseur 1944 untermalt von Sergei Prokofjew zu einer Mischung aus Stalin und Hitler gemacht hat, was ersterer erst im zweiten Teil bemerkte, den er dann flugs verbot.

Angesichts der fast dreistündigen Länge ist jedoch eher die Mediathek ratsam. Zumal man andernfalls am Abend drauf nicht bis zum Farbtipp durchhält: Der Name der Leute (23.50 Uhr, BR). Die linke Traumfrau Bahia (Sara Forestier) bekehrt darin Rechte beim Sex zur Umkehr, was zum Niederknien lustig ist. Ganz im Gegensatz zum tödlichen Polizeieinsatz gegen die RAF-Flüchtigen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams, den der Dokumentarfilm Endstation Bad Kleinen heute Nacht um halb drei aufarbeitet.