Fraktus II, Friedrich Sunlight, Ian Fisher
Posted: December 16, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Fraktus II
Es gibt Bands, die erreichen ihren Zenit bereits mit der Gründung, bemühen sich allenfalls noch eine Weile, ihn nicht zu schnell zu überschreiten und steuern dann unvermeidbar darauf zu, genau daran zu scheitern. Fraktus zum Beispiel war ein herausragendes Projekt des Hamburger Off-Art-Trios Studio Braun, das mit der Fähigkeit, alle Grenzen des guten Geschmacks künstlerisch anspruchsvoll zu übertreten, für viel Freude sorgt. Etwa mit der Idee, eine Fake-Band der Achtziger für einen Film wiederzuvereinen und mit einem echten Sound zu versehen, der absolut discotauglich ist. Schon auf dem zweiten Album, das immer noch sehr hörbar war, begann das Ganze daran zu scheitern, dass die Mockumentary hinter der Platte verschwand. Und jetzt?
Bringt Jacques Palminger alias Bernd Wand ohne Schamoni/Strunk (Schubert/Bage) ein eigenes Fake-Werk heraus, nennt es Optische Täuschung und ist damit auch dank Unterstützer wie Erobique oder der Krautrock-Legende Faust musikalisch recht unterhaltsam. Aber eben auch ein bisschen egal. Denn unabhängig davon, ob man das herumirrende Electrogefiepse mit chaotischer, aber lustiger Halbstruktur nun inhaltlich mag, beraubt die Loslösung vom Ursprungskontext auch Fraktus II aller Relevanz. Denn was Palminger am Sequencer kann, können andere schon lange. Optische Täuschung ist daher nett, aber eher was für Fans statt Connaisseure. Für die Zenit-Unterschreitung bedarf es also dringend was anderes: einen neuen Film. Wir warten!
Fraktus II – Optische Täuschung (Klangbad)
Friedrich Sunlight
Seit dem Tod des unvergesslichen, unvergleichlichen Manfred Krug scheint die Sonne ein bisschen fahler, glänzt die Liebe etwas matter, ist alles irgendwie viel trüber. Zumindest auf Deutsch besingt auf lange Sicht wohl keiner mehr so unbeschwert lässig und dabei gehaltvoll subversiv unser aller Gefühlshaushalt wie der sperrige Superstar zweier Systeme. Nicht mal Friedrich Sunlight. Aber sie geben sich immerhin große Mühe. Auf ihrem gleichnamigen Debütalbum zelebriert das junge Quintett aus Augsburg eine chansoneske Geschmeidigkeit, die mit wehendem Seidenschal im offenen Cabrio durchs Land fährt und dabei allen Schwermut fortsingt.
Wie im Musikfilm alter Schule umschmeicheln Bass, Gitarre, Drums und Klavier mit ständigem Badabababa im Hintergrund Kenji Kitahamas fernöstlich akzentuierte Stimme, deren Androgynität so cheezy ist, dass man die Schwere allen Diskurspops ringsum kurz mal vergisst. Zum Krug-Erbe fehlt zwar der subversive Subtext, in dem Manne einst sein Date am 1. Mai auf dem Marx-Engels-Platz suchte, statt für die internationale Solidarität zu kämpfen; musikalisch jedoch ist Friedrich Sunlight so fein austariert, dass wir darauf gerne kurz verzichten. Alles andere ist bloß Schlager. Und Manfred Krug ist tot. Es lebe Friedrich Sunlight!
Friedrich Sunlight – Friedrich Sunlight (Tapete)
Ian Fisher
Einen Koffer in Berlin zu haben ist für Musiker aus aller Welt kaum noch der Rede wert. Wie gefühlt zwei Drittel aller Songwriter hat auch Ian Fisher in dieser noch immer unvergleichlich coolen Metropole ja länger Halt gemacht. Mit zwei Unterschieden: der amerikanische Globetrotter ist darin heimisch geworden. Und er schlägt sich, was dort locker möglich ist, nicht auf Englisch durch, sondern hat der Stadt eine hinreißend kratzige Hymne in deutscher Sprache geschrieben. Sie heißt Koffer, betitelt auch sein hinreißend kratziges Album und enthält sich jeder Versuchung seifiger Lobhudelei auf „sexy Armut“ oder ähnlichen Bullshit.
Nirgends ist dieses Bündel straßenmusikalisch inspirierter Folksongs von poppigem Country bis orchestraler Americana mit einem Schuss Rock anbiedernd. Fishers Reise ist ja längst nicht zu Ende, er bleibt ein Vagabund. „Ich will kein Ami sein / ich will kein Deutscher sein“, kräht der exzellente Gitarrist begleitet von Kontrabass und Drums im Titelsong, „ich will gar nix sein / außer was ich bin“. Das passe in einen Koffer, der halt gerade in Berlin steht. Zufalls. Kosmopolitische Reduktion aufs Wesentliche – Ian Fishers macht daraus Lagerfeuerbandmusik mit Tiefgang und Schwung.
Ian Fisher – Koffer (Popup Records)
Interview Classics: Yvonne Catterfeld
Posted: December 15, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Jetzt ist Schluss mit hübsch sein!
Vom Soap-Sternchen über den Popstar zur respektablen Größe des deutschen Fernsehmelodrams weiter ins Casting-Fach: Yvonne Catterfeld (Foto: Jens Trenkler/MDR) kennt viele Facetten des Showgeschäfts. Heute Abend spielt sie zum zweiten Mal die ARD-Kommissarin in Wolfsland. Ihre erste Polizistin im Sat1-Film Schatten der Gerechtigkeit ist jedoch bereits sechs Jahre her. Ein überraschend aussagekräftiges Interview mit der damals 29-Jährigen über gute und schlechte Zeiten ihrer Karriere, den Boulevard und wie es war, erstmals nicht hübsch sein zu müssen.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Catterfeld, gibt es bedeutende und weniger bedeutende Rollen im Leben einer Schauspielerin?
Yvonne Catterfeld: Selbstverständlich. Aber weniger bedeutend darf nicht die Leistung beeinflussen, warum gibt es sonst die Auszeichnung für „beste Nebenrolle“. Man muss versuchen, jedem Moment im Film eine Bedeutung zu geben. Diese Einstellung führt meines Erachtens dazu, dass man beim Publikum eine Bedeutung erwirbt, auch wenn die eine oder andere Rolle weniger bedeutend war.
Merkt man schon am Drehbuch, beim Spielen, welche Rolle haltbar sein könnte?
Alles fängt mit der Lust auf die Rolle an und ich überlege nicht in dem frühen Stadium, wenn ich das Drehbuch lese, ob ich mit dem Film langfristig in Erinnerung bleibe. Darüber entscheidet sowieso das Publikum. Je besser ich bin umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich helfe, etwas Haltbares zu schaffen. Aber ich glaube, bislang noch keine Rolle angenommen zu haben, weil ich das Geld brauchte.
Was an Ihrem Haupterwerb als Sängerin liegt.
Auch, sicher. Und ich glaube gerade jetzt, in der Krise, sagen viele Schauspieler öfter mal ja, wo sie vorher nein gesagt hätten. Abzulehnen muss man sich auch schließlich leisten können, obwohl viele Schauspieler in dem Beruf auch so was wie Berufung fühlen und hart bleiben. Ich habe mich bislang zu jeder Rolle bewusst entschieden, auch wenn man hinterher schon mal sagt, das war eher Teil eines Entwicklungsprozesses und nicht so bedeutend.
Da denkt man spontan an Gute Zeiten, schlechte Zeiten.
Aber nicht, wenn man genauer nachdenkt. Zum einen wäre ich durch GZSZ nie zur Schauspielerei gekommen, sonst hätte ich ja das studiert und nicht Musik. Zum anderen habe ich da unheimlich viel gelernt, dieses unablässige Drehen, dreieinhalb Jahre jeden Tag vor der Kamera, hochkonzentriertes Arbeiten mit wenigen Möglichkeiten zur Wiederholung. Klar – heute kann ich mir die Folgen von damals nicht mehr ansehen; das ist Vergangenheit. Und in der Schauspielschule lernt man sicher mehr als in so einer Rolle, die bei der Intensität ohnehin irgendwann mit einem selbst verschmilzt. Das Gute war aber, dass ich damals sehr intuitiv zu spielen gelernt habe.
Reduziert man Sie eher auf die Schauspielerin, die eigentlich singt, oder auf die, die gar nicht ordentlich ausgebildet ist?
Das verändert sich durch meine Arbeit. Jetzt kommen drei höchst unterschiedliche Filme, die die öffentliche Wahrnehmung sicherlich beeinflussen. Wenn die Leute merken, meine Musik berührt und meine Schauspielerei tut es auch, dann werden solche Überlegungen überflüssig. Deutschland hatte eine große Tradition mit Künstlerinnen, die beide Fächer beherrscht haben. In den USA dagegen gehört die Kombination immer noch zum Pflichtprogramm, was man an den erstaunlichen Gesangseinlagen in Mamma Mia gesehen hat oder Moulin Rouge. Für mich gehört beides selbstverständlich zusammen. Aber keine Frage – mein Weg als Sängerin und Schauspielerin bietet mehr Angriffsflächen. Manche denken, die sollte doch nur singen und manche die sollte nur noch Filme drehen. Ich bereue den Weg dennoch nicht.
Hat Ihre Rolle in Schatten der Gerechtigkeit so gesehen die Bedeutung, sich sowohl von der Sängerin als auch der Soap-Darstellerin freizuschwimmen?
Absolut. Die Rolle war für mich wie ein Geschenk, auf so etwas habe ich hingearbeitet. Dass sie mir dann angeboten wurde, beweist auch, dass Leute Vertrauen in meine Fähigkeiten haben oder glauben, dass ich noch mehr kann.
Hat der Trubel um Romy Schneider dabei geholfen, die sie ursprünglich spielen sollten?
Vielleicht, aber hinter Entscheidungen stehen immer Leute, die Verantwortung tragen und für die ist Rummel weniger wichtig als das Vertrauen, dass man den Job gut oder sehr gut machen wird. Im Nachhinein hätte ich mir trotzdem gewünscht, dass man den Romy-Film an eine kleinere Glocke gehängt hätte, weil die Aufmerksamkeit um meine Person im Moment meiner Absage natürlich genauso groß war, wie bei der Bekanntgabe, dass ich die Rolle spielen werde.
Herrscht jetzt, nachdem der Rummel abgeebbt ist, Enttäuschung darüber, dass es nichts geworden ist mit der Romy?
Dafür schließe ich zu schnell und zu konsequent mit der Vergangenheit ab, wenn ich sehe, dass ich nichts mehr ändern kann.
Dann können Sie sich also Jessica Schwarz als Romy in der ARD ganz vorbehaltlos ansehen.
Warum nicht, ich hab gehört, dass er gut geworden ist. Natürlich gucke ich ihn mir an.
Frau Schwarz sieht Romy jedenfalls nicht halb so ähnlich wie Sie. Glauben Sie, das war ausschlaggebender für Ihre anfängliche Besetzung als ihr schauspielerisches Können?
Aber ganz bestimmt nicht. Ich war nur eine von vielen Schauspielerinnen, die in Rom, Paris, Berlin und Hamburg gecastet worden sind. So eine bedeutsame Rolle bietet man doch niemandem an, nur weil die Optik stimmt. Nein, nein – ich habe Castings gemacht und dabei offenbar überzeugt, wobei Romys zweiter Mann Daniel Biasini und der französische Produzent…
Raymond Danon
… der den letzten Film mit Romy gemacht hatte, sogar ausdrücklich meinten, die Ähnlichkeit sei eher hinderlich, weil man keine Kopie von etwas schaffen wolle, was einmalig ist. Das Risiko bloßer optischer Übereinstimmung wäre man da sicher nicht eingegangen.
Spielt ihr Aussehen ansonsten eine Hauptrolle Ihrer Besetzungsgeschichten oder durften Sie schon mal richtig hässlich sein?
Na ja, Hans-Günther Bücking, der Regisseur von Schatten der Gerechtigkeit, meinte gleich zu Beginn: so, jetzt ist Schluss mit Hübschsein! Er wollte mich also das erste Mal anders als gut aussehend besetzen.
Kann Schönheit eine Bürde sein auf der Suche nach ernstzunehmenden Rollen?
(überlegt lange) Dann gab es für Schönheiten wie Ingrid Bergmann, Katherine Hepburn, Liz Taylor, Catherine Deneuve offenbar keine Bürden. Sie haben alle ernstzunehmende Rollen gespielt, die zu Klassikern geworden sind. Heutzutage ist das mit Angelina Jolie und Penelope Cruz doch nicht anders. Wenn hinter der Schönheit kein Ausdruck steht und so ins klischeehafte mündet, stört es mich wirklich.
Wenn etwa kommerzielle Thriller mit 21-jährigen Quantenphysikerinnen vom Laufsteg erzählt werden.
Mein Regisseur dachte zunächst, dass ich permanent drauf achte, wie mein Haar und Make-up sitzen, und glaubte nun, mir das erstmal austreiben zu müssen.
Musste er?
Nein. Auch ich bin natürlich eitel, aber für mich hat das überhaupt keine Relevanz und Frauen, die morgens frisch geschminkt aus dem Bett steigen, haben ja nichts mit der Realität zu tun. Solange es jedoch nichts mit dem Kern der Rolle zu tun hat wie Charlize Theron in „Monster“, muss man sich auch nicht zwanghaft Makel überstülpen.
Übergestülpt an ihrer Polizistin wirkt allerdings, dass sie nicht nur bildschön, sondern auch kompetent, tough, klug, loyal, gerecht und edel ist. Ein Bulle wie im Märchen.
(lacht) Die Frage habe ich mir auch gestellt, aber wenn jemand so extrem gerecht ist wie sie, muss es eine Geschichte dahinter geben.
Die im Film nur nicht erzählt wird.
Ja, schade, stand halt nicht im Buch. Aber als ich mir diese Gedanken gemacht habe, wie sie sich auch jeder Zuschauer machen kann, dachte ich: da kann sich halt jeder seinen Reim draus machen. Jeder hat ja seine dunkle Seite.
Wie Richy Müller als Ihr Kollege, der zur Ergreifung des Täters gern illegale Methoden benutzt.
Da fragt sich aber auch, ob das System dahinter gerecht ist. Wenn man trotz ausreichender Indizien ewig auf Durchsuchungsbefehle warten muss, wenn das Leben eines Menschen in Gefahr ist, wenn Bürokratie der Gerechtigkeit im Weg steht. Man muss sicher das Maß wahren, aber an der Leine, sagt man, fängt der Hund keinen Hasen.
Warum müssen Sie eigentlich ausgerechnet einen Kinderschänder fangen, den es in der Realität weit seltener gibt als im Film?
Also wenn ich die Zeitung aufschlage, finde ich ständig Geschichten von kleinen verschwundenen Mädchen.
Weil auch die Medien daran Schuld sind, dass die Realität so verschoben wird.
Da habe ich mich also täuschen lassen, weil die Medien offenbar vieles präsenter machen, als tatsächlich stattfindet. Die Realität ist ja auch künstlich hergestellt. Als zum Beispiel gestern in der Zeitung stand, dass Oliver Pocher ohne Sandy zur Fernsehpreis-Verleihung kommt, musste ich lachen, weil das so irrelevant ist, aber zur Meldung seriöser Tageszeitungen wird.
Wie ihr eigenes Privatleben auch.
Kein Sorge, eigentlich erfährt man gar nichts über mich. Die Boulevardpresse muss da sehr improvisieren. Auch wenn alle glauben, sich ein Bild von mir machen zu können. Andererseits versuchen nicht wenige meiner Kollegen, das auf Teufel komm heraus mitzugestalten.
Sie nicht?
Bloß nicht!
Trotzdem eine private Frage: Hatten Sie schon mal einen jüngeren Freund?
Mit 17, da hatte ich mal was mit einem 15-Jährigen. Warum fragen Sie?
In Schatten der Gerechtigkeit haben Sie Affären mit zwei viel älteren Männern. Warum darf das hier Episode sein, während der umgekehrte Fall einer älteren Frau stets zum Thema des Films wird?
Das Denken ist da noch relativ konservativ. Aber ich hätte mir als 20-Jährige nicht vorstellen können, mit einem zehn Jahre älteren Mann zusammen zu sein. Heute erscheint mir das zunehmend belanglos. Der Abstand relativiert sich.
Netflix: Dirk Gently’s Holistische Detektei
Posted: December 14, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt | Leave a comment
Die Komplexität des Verbrechens
Wenn selbst Krimi zum absurden Theater wird, stammt es schnell mal von Douglas Adams, aber eher selten aus Deutschland: Die Netflix-Serie Dirk Gently‘s Holistische Detektei beweist seit Sonntag, wie grandios Fernsehen sein kann, das bedingungslos steilgeht…
Von Jan Freitag
Die wirre Welt in der wir leben, neurechte Vereinfacher von Trump bis Pegida mögen es gern noch so laut brüllend bestreiten, ist höchst komplex. Fast alles darin ist mit fast allem derart dichtmaschig verwoben, dass einfache Problemlösungen die zu lösenden Probleme oft nur noch weiter verschlimmern. Da muss gar kein chaostheoretischer Schmetterlingseffekt oder ähnlich vielschichtige Deutungsmuster diffiziler Phänomene bemüht werden; es reicht bereits, einer skurrilen Frohnatur wie Dirk Gently zuzuhören. Als der freiberufliche Detektiv bei einem chronischen Loser namens Todd einbricht und ihm erklären soll, was er denn bitte sehr auf dessen Fensterbrett zu suchen habe, gibt er nämlich „etwas sehr Wichtiges“ zur Antwort und fügt lachend hinzu: „Nichts!“
Also alles.
In einer Netflix-Serie, die mit herkömmlich zubereiteter Krimikost aus deutschen Landen weniger zu tun hat als der Streamingdienst mit 3sat, hängt schließlich jede, wirklich jede scheinbar belanglose Nebensächlichkeit mit dem Rest dieser aberwitzigsten Ermittlungsstory zusammen. Dirk Gently, viel mehr erfährt man zunächst nicht über die herrlich durchgeknallte Titelfigur, ist ein Privatschnüffler mit der Gabe, Beziehungsketten zu erkennen, wo andere nur Einzelfälle sehen. Alles hänge mit allem zusammen, so lautet sein Mantra, weshalb die Serie folgerichtig Dirk Gentlys holistische Detektei heißt. Und genau darum sitzt ihr Chef und bislang einziger Mitarbeiter nun auch auf dem Fensterbrett von Todd, der kurz zuvor seinen Job als schlecht bezahlter Lobby-Boy eines Grandhotels verloren hat, in dem zum Auftakt ein gut sichtbares Massaker stattgefunden hat. Mit tiefenentspannter Selbstverständlichkeit verkündet ihm der Detektiv, er sei fortan sein Assistent in einem Kriminalfall, der – leider, leider – zu komplex sei, um ihn jetzt grad näher zu erläutern.
Was folgt, ist eine Feuerwerk bizarrer Gewalttaten, deren Subjekte ebenso wie die Objekte reichlich miteinander zu tun haben, was schon in Folge 1 des Achtteilers zu erahnen ist und Richtung Staffelfinale immer deutlicher Gestalt annimmt. Katzenbabys sind da in direkter Linie mit Hooligans verbunden, Rassehunde mit Kidnappern, das FBI mit Todds Lottogewinn und alle gemeinsam mit Dirk Gently samt seinem Helfer in spe. Ein cineastisch sprühendes Potpourri, das sich so wohl nur jemand wie Douglas Adams ausdenken kann.
Nach dem Roman des kalifornischen Erfinders von Per Anhalter durch die Galaxis hat sein kalifornischer Landsmann, der Showrunner Max Landis, dieses außergewöhnliche Stück Bildschirmunterhaltung umgeschrieben und fernsehgerecht zurechtgemacht. Ein „Geister-Horror-Wer-ist-der-Täter-Zeitmaschinen-Romanzen-Komödien-Musical-Epos“, wie es der viel zu früh verstorbene Vorlagenautor vor Fertigstellung des dritten Teils umschrieb. Dass die verfilmte Version da spielend mithält, hat gleich mehrere Gründe. Allen voran Samuel Barnett, der seiner Titelfigur im amerikanischen Seattle mit britischem Akzent und kanariengelber Lederjacke eine Verschrobenheit von hinreißender Tiefe verleiht. Glänzend assistiert von Elijah Wood, dessen dauerpanisches Hobbit-Gesicht ideal zur konstanten Überforderung seines Todd passt.
Wie all die anderen Freaks und Bullen, Täter und Opfer, Schwergewichte und Accessoires ringsum, treiben sie die Fähigkeit angloamerikanischer Komödianten, angemessen statt selbstreferenziell zu grimassieren, dabei leichter Hand gen Perfektion. In seiner raumgreifenden Absurdität mag das Ganze die Grenzen von Logik und Verstand dabei zwar ein ums andere Mal frontal attackieren; vollständig überschritten wird sie allerdings fast nie; zu sorgfältig fließt letztlich jeder Handlungsstrang in den nächsten, zu liebevoll sind die unterschiedlichsten Charaktere gezeichnet, zu dezent grundiert ein brillanter Soundtrack jeden Anflug ziellosen Irrsinns.
Das ist trotz all der bluttriefenden Brutalität unzähliger liebevoll inszenierter Tötungsdelikte oft so brüllend komisch, als zöge hier Quentin Tarantino mit den Simpsons ins Grand Budapest Hotel ein, um dort Twin Peaks nachzudrehen. Das zieht unweigerlich die Frage nach sich: Warum ist so großes, lustiges, aber selten albernes Fernsehen aus deutscher Produktion eigentlich schlicht undenkbar? Wie gesagt – die Welt ist viel zu komplex für einfache Antworten…
Die Systemmedien & Der heiße Stuhl
Posted: December 11, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
5. – 11. Dezember
Ah ja, die AfD beklagt also mal wieder mangelhafte Berichterstattung der „Systemmedien“ über einen der mehr als 150.000 Sexualverbrechen mit Todesfolge, die Tag für Tag für Tag von Ausländern orientalischer Herkunft an deutschen Blondinen verübt werden, um den schwarzrotgelbgrüngelenkten Genozid am deutschen Volke voranzutreiben. Ungefähr damit begründet die rechtspopulistische Partei nämlich abermals ihre Forderung, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abzuschaffen, was ihr die nicht nur in dem Punkt geistesnahe FAZ flugs mit einem Bericht dankte. Und was macht die ARD? Sie berichtet am Dienstag darauf in den Hauptnachrichten von einem mutmaßlichen Vergewaltiger mit Migrationshintergrund.
Wohlgemerkt: mutmaßlich, also bis zu einem Gerichtsurteil: unschuldig. Angesichts der schieren Zahl dieser Straftat, die vor allem deutsche Männer ihren wie anderen Frauen abertausendfach im Jahr zufügen, müsste die Tagesschau für vollständige Berichterstattung aus AfD-Sicht also zeitlich verzehnfacht werden. Obwohl – nee, die wollen ja nur, dass über vergewaltigende Flüchtlinge berichtet wird, was wiederum kaum Berichte erfordern würde, weil es da einfach nicht so viel zu berichten gäbe; aber davon wollen Rechtspopulisten natürlich nichts hören.
Umso schlimmer, dass die Sache mit Verhältnismäßigkeit und Relevanz in deren Bannstrahl nun auch den Qualitätsmedien zusehends egal zu sein scheint. Man möchte all die Lügenpressekrakeeler per Zeitmaschine fünf Jahre zurückschicken in eine Epoche, da Linke landauf landab klagten, „Systemmedien“ würden ausländische Hintergründe jeder Straftat überbetonen und zugleich rechtsmotivierte Straftaten verschweigen. Es ist so ermüdend…
Die Frischwoche
12. – 18. Dezember
Ähnlich wie der Drang des Privatfernsehens, seine Vergangenheit auf Krampf für die Gegenwart zu reanimieren. Neben Glücksrad oder Ruck Zuck und demnächst Tutti Frutti, holt RTL heute Abend Der Heiße Stuhl aus der Grube. Jenes Krawallformat der dualen Aufbruchsphase, das sein Medium vor 28 Jahren – moderiert vom arglos lächelnden Ulrich Meyer – umwälzen half. Nun folgt ihm der netter lächelnde Steffen Hallaschka zwischen die Streithähne, um ein vorheriges Primetime-Thema aufzuarbeiten. Zum Auftakt: Die innere Sicherheit, ein Jahr nach der Kölner Silvesternacht, mit keinem Geringeren als der durchfallbraunen Verbaldreckschleuder Thilo Sarrazin auf dem Drahtgestell.
Das schafft den seltsamen Spagat, gleichermaßen zeitgemäß und anachronistisch zu sein – als Symbol telegener Brutalisierung, die heutzutage harmlos daherkommt, im permanenten Sperrfeuer des digitalen Hasses. Die AfD jedenfalls dürfte es freuen, dass RTL sich nun ihrer Streitkultur annähert. Das fällt umso mehr auf, als parallel dazu einer der dezentesten Gesprächsleiter abtritt: Jürgen Domian. Am Freitag um 0.45 Uhr spricht er nach gut 20 Jahren letztmals mit anonymen Anrufern und beendet damit endgültig jene TV-Ära, in der das gesprochene Wort auch ohne Krawall ringsum bedeutsam sein konnte.
Was hingegen nie niemals ein Ende zu finden scheint, ist die öffentlich-rechtliche Neigung, Frauenschicksale frauenfeindlicher Epochen zu verklären. Am Montag ist mal wieder das ZDF an der Reihe, eine historisch verbürgte Hauptfigur zur emanzipierten Freiheitskämpferin zu stilisieren, die es so nicht gegeben haben dürfte. Die Glasbläserin mag zwar Ende des 19. Jahrhunderts im Thüringischen tatsächlich die Christbaumkugel erfunden haben; der unzeitgemäße Grad an selbstgewisser Emanzipation, mit dem sie es in dieser Schmonzette der grauenhaftesten Art tut, ist allerdings pure Fiktion fürs weibliche Stammpublikum über 65.
Das parallel auf RTL mit ähnlich fiktiver Romantik im Gewand vermeintlicher Authentizität versorgt wird: Inka Bauses Bauer sucht Frau geht ins 12. Staffelfinale. Wenden wir uns also bedeutenderen Dingen zu. Etwa der fundamentalen Frage, die Arte Dienstag ab 20.15 Uhr einen ganzen Themenabend lang stellt: Brauchen Tiere Rechte? Nicht nur der Kulturkanal beantwortet das natürlich mit ja, so wie nicht nur die Wiederholung der Woche namens Die durch die Hölle gehen (Mittwoch, 23.15 Uhr), vermutlich der beste Vietnam-Film überhaupt, 1978 mit Robert de Niro und Christopher Walken in den Hauptrollen die Frage, ob wir Kriege brauchen, verneint hat.
In Schwarzweiß ist eine Stunde früher beim RBB der ewig sehenswerte Krimiklassiker Es geschah am helllichten Tag von 1958 mit drei L empfehlenswert – auch, um sich nochmals daran zu erinnern, was Heinz Rühmann abseits seiner schauspielerischen Qualität zur Nazizeit für ein rückgratloser Opportunist war. Und der Retorten-Tatort entführt uns nach Weimar, wo Christian Ulmen und Nora Tschirner am Dienstag (22 Uhr, NDR) nochmals ihr Debüt Die Fette Hoppe nachfeiern.
Mittekill, Maria Taylor, Nothing But Thieves
Posted: December 9, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Mittekill
Das derzeit interessanteste Durcheinander deutscher Herkunft stammt mal wieder von Mittekill. Auch auf seinem vierten Album kompiliert Friedrich Greiling – mittlerweile solo – 13 Stücke, die stilistisch scheinbar wenig mehr miteinander zu tun haben als den verspielten Aberwitz eines Soundbastlers aus Berlin, der aus dem schier unerschöpflichen Fundus seiner Rechner verknüpft, was der Kosmos des Synthiepops hergibt. Diesmal allerdings tut er es mit einem Leitthema, das sich bereits im Titel Die montierte Gesellschaft andeutet: Es geht um Flüchtlinge, denen Mittekill aus dem Herzen ihres kindlich verspielten Musikalität das Suffix “Krise” entziehen und durch politischen Dadaismus ersetzen.
In 4000 Kilometer etwa wird Migration mit Männerchor und Tuba zum absurden Theater, das ABC der Integration zwei Stücke weiter zum Technobeat gepaukt, und wenn die Bürokratisierung der (Un-)Willkommenskultur mit übertrieben ausländischem Akzent auf der Agenda steht, paart sich politischer Ernst mit hedonistischer Seriosität, die sogar tanzbar ist. Lacht kaputt, was euch kaputt macht: Mittekill hat selbst an dieser verheerenden Gegenwart im Kollektiv Betroffener Spaß. Freuen wir uns doch mit über dieses fabelhafte Experiment des fröhlichen Falismus!
Mittekill – Die montierte Gesellschaft (WELTGAST music)
Maria Taylor
Nicht ganz so experimentell, nein – überhaupt gar nicht experimentell, sondern mit Verlaub eher konventionell klingt hingegen jemand, deren Name allein schon so gewöhnlich wirkt wie hierzulande Thomas Müller. Dennoch ist es wichtig, ja unerlässlich, an dieser Stelle mal ausdrücklich all jene auf Maria Taylor aufmerksam zu machen, die sie nicht ohnehin bereits kennen, was trotz 25 ihrer 40 Jahren auf Erden im Musikgeschäft mit fünf Solo-Platten seit 2005 und einer ganzen Reihe von Bands durchaus möglich ist. Maria Taylor macht nämlich eine Art Indiefolk, die keinerlei Anspruch auf Exklusivität beansprucht, aber gerade dadurch unglaublich angenehm klingt.
Vom Trump-Land Alabama rechtzeitig nach Kalifornien gezogen, macht die zweifache Mutter nämlich auch auf ihrem sechsten Album unterm eigenen Namen dezent bandbegleitete Americana, mit der sie in keiner Fußgängerzone stören, aber in Windeseile zahllose Konsumenten kurz zum Verweilen einladen würde. Durch die ganze Tiefenentspanntheit einer Frau in den, pardon, besten Jahren bohrt sich In The Next Life mit Taylors gern gedoppelter, stets ausdrucksstarker Stimme nämlich direkt in die Seele. Und wenn es ein bisschen cheezy zu werden droht, nimmt sie etwas Tempo auf und macht aus dem Flower-Power-Pop alternativen Rock mit Anspruch und Ausdruck und Orgel aus dem Hamburger Grand Hotel van Cleef. Schön.
Maria Taylor – In The Next Life (Grand Hotel van Cleef)
Live in London
Nothing But Thieves
Es gibt drei Voraussetzungen, die Weltbühne des Pop zu erobern: Man sollte möglichst massentaugliche Musik machen. Man sollte angloamerikanischer Herkunft sein und ganz wichtig: mindestens der Mensch am Mikro sollte maximal makellos sein, Tendenz Rampenschönheit. Bis auf Punkt zwei sind das keine idealen Voraussetzungen für Conor Mason, Sänger und Kopf einer Band, die durch alles Mögliche besticht, nicht aber Massentauglichkeit oder Schönheit an der Weltbühnenkante: Nothing But Thieves. Wie egal so etwas im Mutterland fast aller Sounds von heute sein kann, zeigte sich jedoch am Samstag in der Brxton Academy, einem dieser unzähligen Tempel des Londoner Musikolymps, jugendstilprächtig und voller Geschichte. Als der klitzekleine Connor mit dem zerknautschten Knuddelgesicht das fast hundertjährige Theater betreten hatte, geschah nämlich Seltsames: 5000 Besucher rasteten kollektiv aus, wie sie es schon bei den zwei Vorgruppen, ja selbst der gemeinsam mitgesungenen Pausenmusik vor Aufregung getan hatten.
Textsicher bis in die hinterletzte Reihe des riesigen Ranges, sang es praktisch jeden Track einer Band mit, die hierzulande kaum jemand kennt, in ihrer englischen Heimat aber ganze vier Jahre nach der Gründung längst zum Heißesten zählt, was dem Durchlauferhitzer britischer Gitarrenmusik zurzeit entfährt. Und das ist schon deshalb bemerkenswert, weil die fünf Mittzwanziger aus Essex einen sehr straighten, oft räudigen, jedenfalls konsequent analogen Rock’n’Roll
durch die gewaltige Lichtshow hämmern, der immer wieder vom vielleicht seltsamsten Gesang des Popbiz konterkariert wird. Musikalisch irgendwo zwischen Arctic Monkeys und Arcade Fire, untermalt Connor Mason das Ganze stimmlich im theatralischen Volumen von Freddy Mercury oder Spandau Ballet. Und trotz aller Melodramatik sorgt diese seltsame Mischung in der Brxton Academy mehr noch als auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum für eine Rätselhaftigkeit, die selbst Außenstehende mitreißt. Von den seligen Gästen des rasend schnell ausverkauften Abschlusskonzerts ihrer britischen Tour ganz zu schweigen.
Ein wuchtiger, verträumter, manchmal zu pathetischer, aber durchweg stimmiger Auftritt daheim, wo die Band anschließend allen Ernstes ihre Familien im Backsagebereich zum Feiern begrüßte. „Das ist hier einer der größten Momente meines Lebens“, sagte Connor dort aus seiner sympathischen Knautschzone, größer noch, als voriges Jahr, beim Support der stilistisch artverwandten Muse in Köln vor 15.000 Besuchern. Demnächst dürften sie eigens für Nothing But Thieves kommen.
2 Bier – 1 Platte
Posted: December 6, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe | Leave a comment
Der Fall Böse & Tom Waits
Der Fall Böse feiern in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bandbestehen. Mit Phönix Baby! ist im Oktober das siebte Studioalbum der Jungs aus St. Pauli erschienen. Björn aka Burns ist nicht nur Sänger der Band, sondern auch DJ und das, was man wohl einen echten Musikjunkie nennt. Deshalb hat er sich mit mir auf zwei Bier im Haus 73 getroffen, um über eine Platte zu sprechen – nicht irgend eine, seine Lieblingsplatte.
Von Marthe Ruddat
Dringende Empfehlung der Autorin: Legt genau jetzt Tom Waits’ Rain Dogs auf.
Björn aka. Burns: Eine besondere Platte, das hätten natürlich echt viele sein können. Ich bin vorhin noch mal meine Sammlung durchgegangen. Letztendlich habe ich mich aus vielerlei Gründen für ein Tom Waits-Album entschieden. Und zwar Rain Dogs.
Rain Dogs erschien 1985. Das Album wurde ein echter Kritikerliebling und vielfach als Meilenstein der 80iger betitelt. Die Songs Jockey Fullof Bourbon und Tango Till They’re Sore sind in Jim Jarmuschs Film Down by Law zu hören.
freitagsmedien: Warum muss es genau dieses Album von Waits sein?
Der Wichtigste ist eigentlich, dass es das erste Album war, das total anders klang, als alles andere, was ich bis dahin gehört hatte. Ich war damals noch total jung, 15 oder so. Ich hab nur Punk und Hardcore gehört und meine Protestnummer durchgezogen, wie man das halt so macht. Meine große Schwester und ihr Freund hatten eine riesen Plattensammlung, das war quasi meine musikalische Früherziehung. Und dann haben die plötzlich Rain Dogs aufgelegt und ich dachte nur: Krass!
Krass, weil…?
Ja, ich weiß, es ist Tom Waits. Aber man darf das ja mal jemanden erzählen lassen!
Zum Beispiel, weil der Schlagzeuger da mit irgendwelchen Klöppeln an Lampen haut, um die Beats zu machen. Solche Sachen passieren ganz viel auf diesem
Album. Und dann einfach diese Stimme von Tom Waits. Das war alles ein totaler Bruch mit der Musik, die ich vorher so gehört habe. Witziger Weise habe ich später herausgefunden, dass das Coverfoto und die Fotos im Album aus dem Café Lehmitz sind. Irgendein schwedischer Fotograf hat mal eine Fotoreihe über das Lehmitz gemacht und die ganzen besoffenen Pärchen da fotografiert. Und auf dem Cover der Rain Dogs ist genau so ein Pärchen zu sehen. Ich finde das besonders schön, weil wir unser erstes Konzert im Lehmitz gespielt haben und Anfang der 2000er sogar die Hausband dort waren. Das ist irgendwie eine ganz schöne Geschichte und die musste ich mir nicht mal ausdenken!
Der schwedische Fotograf heißt Anders Petersen. Sein Bildband Café Lehmitz erfährt immer noch große Anerkennung und wurde 2014 noch einmal neu aufgelegt.
Tom Waits ist für seine melancholisch-düsteren Texte bekannt. Worum geht es auf der Rain Dogs?
Auf der Rain Dogs geht es meistens um die verlorenen Leute. Es geht um Prostituierte, es geht um Trinker, es geht um Drogenabhängige, um eigentlich traurige Leute, die aber gar nicht wissen, dass es ihnen schlecht geht und sich auch nicht beschweren.
Wie laut.de schreibt, sagte Tom Waits einmal über den Titel seines Albums: „’Rain Dogs’ ist ein Begriff, den ich für jene armen Teufel schrieb, die ohne Heim in den Hauseingängen schlafen. Hunde im Regen verlieren ihren Orientierungssinn, weil das Wasser all ihre Markierungen und Geruchsspuren erbarmungslos hinfort spült. Du siehst diese Gestrandeten nach dem großen Regen überall auf den Straßen, wie sie den Kopf nach dir drehen, und ihre flehenden Augen bitten dich, ihnen den Weg nach Hause zu zeigen. Es ist aussichtslos. Genau wie sie sind all die besungenen Leute auf diesem Album miteinander verbunden. Zusammen genäht von einem Faden aus Schmerz und Unannehmlichkeiten.“
Fühlst du dich davon persönlich angesprochen?
Tom Waits erzählt auf diesem Album Geschichten und deshalb habe ich mich davon natürlich angesprochen gefühlt. Ich finde die kaputten Themen und Menschen einfach viel interessanter, als die leuchtenden Dinge des Lebens. Die interessieren mich nicht wirklich.
Hat die Musik von Tom Waits deshalb auch deine eigene Musik beeinflusst?
Ja total, sowohl inhaltlich, als auch musikalisch. Der Fall Böse mache ich ja nicht alleine, da sind noch sechs andere, die auch ein Wörtchen mit zu reden haben. Aber Tom Waits’ Art, mit Sprache umzugehen hat mich auf jeden Fall sehr inspiriert. Es geht darum, nicht immer nur das Naheliegendste zu suchen, sondern den Leuten und auch sich selbst Rätsel aufzugeben. Ja, das klingt ziemlich prall, ich weiß. Aber mein Ziel ist, dass die Leute, die unsere Songs hören, zum Nachdenken angeregt werden und ihre ganz eigenen Interpretationen für die Texte finden. Das ist ja auch viel spannender, als das alles so vorzukauen.
Wer die auf eurem neuen Album besungene Mathilda ist, ist also auch Interpretationssache?
Ja, Mathilda ist keine bestimmte Person. Eigentlich ist der Song tatsächlich eine Fortsetzung eines Liedes von Tom Waits, von Waltzing Mathilda. Genau genommen ist es keine Fortsetzung, aber als wir gerade einen Namen für den Song gesucht haben, habe ich Waltzing Mathilda gehört. Das ist ein sehr trauriges Lied und die Person in unserem Song ist auch sehr traurig. Deshalb bin ich darauf gekommen. Unsere Mathilda bekommt aber noch die Kurve, also vielleicht…
Tom Waits – Waltzing Mathilda aka Tom Traubert’s Blues
Wasted and wounded, it ain’t what the moon did, I’ve got what I paid for now
See you tomorrow, hey Frank, can I borrow a couple of bucks from you
To go waltzing Matilda, waltzing Matilda,
You’ll go waltzing Matilda with me
I’m an innocent victim of a blinded alley
And I’m tired of all these soldiers here
Noone speaks English, and everything’s broken, and my Stacys are soaking wet
To go waltzing Matilda, waltzing Matilda,
You’ll go waltzing Matilda with me
Now the dogs are barking and the taxicab’s parking
A lot they can do for me
I begged you to stab me, you tore my shirt open,
And I’m down on my knees tonight
Old Bushmill’s I staggered, you’d bury the dagger
In your silhouette window light
To go waltzing Matilda, waltzing Matilda,
You’ll go waltzing Matilda with me
Now I lost my Saint Christopher now that I’ve kissed her
And the one-armed bandit knows
And the maverick Chinamen, and the cold-blooded signs,
And the girls down by the striptease shows, go
Waltzing Matilda, waltzing Matilda,
You’ll go waltzing Matilda with me
No, I don’t want your sympathy, the fugitives say
That the streets aren’t for dreaming now
And mans laughter dragnets and the ghosts that sell memories,
They want a piece of the action anyhow
Go waltzing Matilda, waltzing Matilda,
You’ll go waltzing Matilda with me
Hat es Dir auch auf der Rain Dogs ein Song besonders angetan?
Hm, ich kann das gar nicht auf einen Song runterbrechen. Das ganze Album ist einfach toll. Grundsätzlich entwickelt jeder Song sein ganz eigenes Szenario, tief traurig, manchmal mit einem Dreh ins Positive, manchmal aber auch nicht. Es gibt einen Song, mit einer ganz spannenden Geschichte, Downtown Train. Tom Waits selber mochte das Lied gar nicht. Rod Steward hat es dann später gecovert und zu einem richtigen Welthit gemacht.
Rod Steward coverte nicht nur Downtown Train, sondern eben auch Waltzing Mathilda.
Wenn Du Tom Waits mal treffen würdest. Was würdest Du ihm sagen oder ihn fragen?
Da wäre ich wahrscheinlich… (überlegt kurz), ja ich wäre wahrscheinlich starr vor Angst. Irgendwie macht der Typ mir auch einfach Angst. Ich mag diesen Verehrungsbegriff nicht und idealisiere auch nicht gerne Menschen oder Dinge, aber ich habe einen solchen Respekt vor diesem Talent und diesem Irrsinn. Wenn ich es mir ausmalen könnte, dann würde ich unheimlich gerne einen sehr guten Whiskey aufmachen und eine Zigarre anzünden und das Gespräch einfach irgendwohin fließen lassen. Einzelne Fragen würden der Sache einfach nicht gerecht. Ein Traum von mir wäre tatsächlich, Tom Waits mal live zu erleben. Aber er spielt ja leider nur sehr wenige Konzerte, und wenn, dann irgendwo in Schottland unter der Erde oder so.
Der Fall Böse legen zum Glück eine andere Konzert-Mentalität an den Tag und sind gerade mit ihrem neuen Album Phönix Baby!auf Tour. Am 14.12.2016 spielen sie in Hamburg unter der Erde, im Mojo. Mathilda wird auch da sein. Weitere Infos und Tickets gibt’s hier.
Falsche Olympiaden & gefakte Dokus
Posted: December 5, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
28. November – 4. Dezember
Nun ist es also amtlich: Katharina Blums Einsätze am Bodensee, vom Gros der Fans konsequent, aber fälschlich „Tatort“ genannt, der ja eigentlich ansehnliche Kriminalunterhaltung bezeichnet, sind seit vorigen Sonntag endlich Geschichte. Und dann noch das: die Olympischen Spiele, vom Gros der Medien konsequent, aber falsch „Olympiade“ genannt, die ja nur den vierjährigen Zeitraum zwischen zwei Spielen bezeichnet, werden bis 2024 ausschließlich von Sendern der Discovery-Gruppe gezeigt, hierzulande also neben Pay-TV vor allem: Eurosport.
Das ist in der Tat jene Zäsur, die ARD und ZDF nun angemessen lautstark beklagen, ohne in Tränen auszubrechen. Mehr als 150 Millionen Euro für ein paar Häppchen – und das ohne Digitallizenzen – waren beiden dann doch zu viel. Was zwei Folgerungen nahelegt: Fernsehsport ist für die Platzhirsche vor allem Fußball, der ihnen jeden noch so hohen (Gebühren-)Betrag wert ist. Und die private Konkurrenz? Will gar keine öffentlich-rechtlichen Partner im Boot, um das Publikum langfristig von ihnen zu entwöhnen.
Das hat drei Konsequenzen: Da Discovery rein wirtschaftlich tickt, wird es unwirtschaftliche Sportarten, sagen wir: Gehen, zugunsten lukrativer, sagen wir: Sprinten, in die hinterletzten Programmecken verbannen. Zumal (zweitens) Eurosport mitsamt des Mackerkanal DMAX alles andere als objektive Chronisten des Olympischen Events sind, sondern Teile desselben, die sich produktschädigende Berichte über Themen wie Doping oder Korruption tunlichst verkneifen werden. Was zum dritten Punkt führt: ARZDF können ihr hyperpatriotisches Jubelpersertum endlich durch distanzierte Analysen ersetzen und dem Staatsauftrag damit gerecht werden.
Schöne alte Medienwelt.
Die Frischwoche
5. -11. Dezember
An die erinnert auch Blacktape. In seiner ZDF-Doku reist Sékou Neblett heute um 0.15 Uhr in die Zeit des öffentlich-rechtlichen Monopols, als Videos noch bei Peter Illmann statt MTV, geschweige denn Youtube liefen. Der Filmemacher sucht den Künstler Ti Gon, der vor rund 40 Jahren als Erster auf Deutsch gerappt haben soll. Begleitend zu Wort kommt auch das Who-Is-Who des hiesigen HipHop: Max Herre, Thomas D., Samy Deluxe, Haftbefehl – solche Kaliber. Gemeinsam jagen sie ihren legendären Vorreiter. Allein – den gibt‘s gar nicht! Nebletts Film ist eine Mockumentary, gibt sich mit Wackelkamera, Interviews und viel Musik also nur den Anschein dokumentarischer Authentizität.
Da Dichtung und Wahrheit Richtung Finale aber zusehends wild ineinander rauschen, wird Blacktape zur grandiosen Geschichtsstunde des hiesigen HipHop. Fiktion kann so wahrhaftig sein! Ein Motto, das wirklich nicht auf jede Erzählung dieser Woche zutrifft. Im Piloten der neuen Krimireihe Wolfsland zum Beispiel schickt die ARD am Donnerstag erneut inländische Ermittler ins Ausland – diesmal die Hamburger Kommissarin Viola Delbrück (Yvonne Catterfeld) nach Görlitz, wo natürlich bizarr gemordet wird. Tags drauf deliriert sich Arte zur besten Sendezeit ein weiteres Frauenschicksal des Fin de siècle schön: Die Glasbläserin erfindet historisch verbürgt die Christbaumkugel, agiert dabei aber eher ahistorisch erträumt wie ein weibliches Rolemodel von heute.
Dann doch lieber dystopischer Realismus aus Spanien, wo sich der junge Drogenkurier Farid in Cannabis an gleicher Stelle ab Donnerstag um 21.45 Uhr mit seinem Boss anlegt – und dabei in zwei Dreifachfolgen die Abgründe des Gangstermilieus erlebt. Den Mythen der Realität spürt ab Freitag Netflix nach, wenn die Macher der Myhthbusters drei äußerst telegene TV-Wissenschaftler beauftragen, den Wahrheitsgehalt so genannter White Rabbits zu erkunden – Ereignissen und Erfindungen, die oft zu verrückt sind, um wahr zu sein. Verrückt genug um unwahr zu sein ist offensichtlich Dirk Gentlys Holistische Detektei, in der Samuel Barnett ab Sonntag ebenfalls auf Netflix als verschrobener, aber brillanter Amateurdetektiv mit seinem Assistenten (Elijah Wood) acht schräge Fälle löst. Für den nötigen Aberwitz sorgt da schon der Vorlagengeber: Douglas Adams.
Realen Irrsinn zeigt die Wiederholung der Woche in Farbe: Neue Vahr Süd (Montag, 23.15 Uhr, NDR), Hermine Huntgeburths großartiges Prequel von Sven Regeners Lehmann-Trilogie mit Frederick Lau als Bundeswehrrekrut im Kalten Krieg. Ebenfalls und immer wieder empfehlenswert: Apocalypse Now Redux, der Director’s Cut von Coppolas Vietnam-Klassiker (Mittwoch, 0.00 Uhr, HR). Schon wegen des Alters von fast 100 Jahren ein schwarzweißes Erlebnis besonderer Art: Der rote Halbmond (Montag, 23.50 Uhr, Arte) von 1919, Frühwerk des ungarischen Filmpioniers Alexander Korda um die Auseinandersetzungen seiner Heimat mit dem Osmanischen Reich. Ab heute neu: die Tatort-Wiederholung, zum Auftakt von 1996 Schattenwelt (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) mit Bruno Ganz frühen Leitmayr/Batic-Fall um einen toten Obdachlosen. Mit auch schon 50 Jahren noch älter ist das legendäre Album Pet Sounds der Beach Boys, dem Arte am Freitag (21.45 Uhr) ein Plattenporträt widmet.
Pete Doherty, Nosizwe, Sonaa
Posted: December 2, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Pete Doherty
Was will man machen – Pete Doherty, der vielleicht letzte große Herzensrüpel im Mainstream des Pop, sorgt verlässlich für weiche Knie, wann immer man ihm beim Singen zuhört. Mit den Libertines tat er es das Anfang des Jahrtausends robuster, mit den Babyshambles nach deren Split sodann etwas gezähmter, doch egal an wessen Seite: stets verband das offensiv drogenaffine Milchgesicht aus London eleganten Britrock mit seiner hinreißend schnodderigen Stimme so schön zum unvergleichlichen Doherty-Sound, dass man ihm in den Arsch treten und einen Moment später knuddeln möchte. Das zeigt er nun auch auf seinem Solo-Album.
Weil er es im Hamburger Cloud Hill Studio aufgenommen hat, heißt es Hamburg Demonstrations. Um die selbsterklärte Heimstadt des Mythos vom deutschen Cool im Rock’n’Roll geht es zwar nur am Rande; ein paar lautmalerische Textfragmente auf Deutsch im Opener Kolly Kibber hier, etwas St.Pauli-Aura dort – das war’s schon. Aber man merkt den neun Stücken doch an, dass Pete Doherty die Atmosphäre des Kindergarten der Beatles gesucht hat, dass er auf der Suche nach etwas Nostalgie im zeitgenössischen Indierock war. Die hat er gefunden. Hamburg Demonstrations klingt wie so oft bei ihm herrlich verschroben und dabei eingängig, bisschen versoffenes Hafen-Flair, bisschen britische Lässigkeit und über allem diese Stimme. Zum Herzerweichen.
Pete Doherty – Hamburg Demonstrations (Clouds Hill)
Nosizwe
Die Heimat in sich zu haben und sein Idol nebenan, kann das Herz selbst fern von beiden erwärmen. Die Heimat vor Augen zu haben und sein Idol noch dazu, das gleicht indes schnell einem Feuer, das alles auftaut, was lange eingefroren war. Die südafrikanische Songwriterin Nosizwe zum Beispiel kam in Norwegen zur Welt, fühlte sich aber erst nach dem Umzug ins Land ihrer Eltern wirklich zuhause und reifte bald zur festen Größe der regionalen Soulszene. Vervollkommnet wurde ihr Glück allerdings erst, als sie mit Anfang 30 die gleichaltrige Multiinstrumentalistin Georgia Anne Muldrow aus L.A. traf, eine Heldin ihrer musikalischen Gegenwart, so betont sie gern.
Vor allem aber: Quell großer Inspiration. Gemeinsam haben sie nun ein Debütalbum produziert, das in jedem der zwölf Tracks spüren lässt: Hier ist eine angekommen, wo sie hingehört. Bereichert um elektronischen Pop ihres Geburtslandes, erinnert In Fragments vielfach an Lauryn Hills Fugees – elaborierter R’n’B mit Anflügen von Rap und Jazz im Mash-up der Neunziger, das sich zur afrikanischen Wurzel ebenso bekennt wie zur kosmopolitischen Gegenwart von Oslo bis L.A. Gäbe es den Begriff noch, es wäre wohl die wahre Weltmusik.
Nosizwe – In Fragments (Knirckefritt)
SONAA
Wo wären wir, wenn es den Jazz nicht gäbe? Würde es ohne die radikale Abweichung von der klassischen Metrik überhaupt moderne Bandmusik geben, vom Rock mit all dem Post, Prog, Indie davor ganz zu schweigen? Systemisch bleibt das die ungeklärte Frage des Missing Link zur Gegenwart. Für die Sons of Noel and Adrian hingegen ist sie leicht zu beantworten: Ohne Jazz? Böte das Kollektiv unterm Akronym SONAA nur – Pop. Da die (von 13 auf 9 reduzierten) Mitglieder ihr zeitgenössisches Instrumentarium jedoch konsequent verjazzen, kreiert das Kleinorchester aus dem englischen Brighton auf dem offiziell dritten Album seit 2008 ein Stilkompendium, das es so – ehrlich! – noch nie gegeben hat.
https://soundcloud.com/kfrecords/01-perses
Viele, viele filigrane Streicher werden darin mit verzerrter E-Gitarre geschreddert, artifizielle Synthesizer-Fragmente drängeln sich an Horn, Klarinette, Flöten vorbei zum oftmals archaisch klingenden Schlagzeug und vereinigen sich dort mal mit weiblichem Feengesang, mal mit Jacob Richardsons melodramatischen Bariton zu einem klangvollen Durcheinander, dem der Bandgründer auf unerklärliche Weise Struktur verleiht. Und zwar spielend. Auf einem der ganz großen Exponate experimentellen Pops von heute.
SONAA – Turquoise Purple Pink (K&F Records)
Franziska Weisz: Tatortkarriere & Politresultat
Posted: November 30, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Ich streite nicht gern
Seit Franziska Weisz an der Seite von Wotan Wilke Möhring die Hauptrolle im Norddeutschen Tatort spielt, steht die 36-jährige Wienerin voll im Rampenlicht; dabei ist die Quereinsteigerin schon ewig in der Filmbranche erfolgreich. Ihr prägender Auftritt im ARD-Politdrama Die vierte Gewalt (Foto: Marc Meyerbröker/NDR) hat also offenbar andere Gründe als die Krimireihe. Ein Gespräch über ihren Plan A Journalismus, den Plan B Schauspiel und warum sie Politik oder rote Teppiche eigentlich ganz gerne mag.
Von Jan Freitag
Frau Weisz, ist der Begriff „spröde“ in Österreich gebräuchlich?
Franziska Weisz: Ist er. Aber seit ich in Berlin wohne, spreche ich auch ganz gut Deutsch.
Klingt es aus Ihrer Sicht positiv, wenn jemand sagt, Sie hätten spröden Charme?
Sofern damit trockener Humor und leicht erschwerte Zugänglichkeit gemeint ist, klingt das richtig schön. So ein bisschen rissig, will überzeugt werden, nicht umschmeichelt. Ich finde ja meinerseits auch Menschen spannender, die ich ein bisschen knacken muss. Wer von vorneherein alles super findet, ist schnell langweilig. Finden Sie meinen Charme spröde?
In Ihren Rollen ja, Sie persönlich lerne ich ja jetzt grad erst kennen.
Aber meine Rollen, das bin schon auch oft ich. Man kann sein Naturell durchs Spiel ein Stück weit ergänzen, aber nicht völlig ändern. Dass meine Figuren nie total sonnig sind, sondern ein wenig sperrig, entspricht daher auch mir.
In Ihrer Staatssekretärin Katharina Pflüger schwingt eine Art optimistischer Melancholie mit…
Ein schöneres Kompliment hätten sie ihr und damit mir kaum machen können! Aber jemand, der sich auf dem Weg in ein politisch wichtiges Amt wie das einer Bundesministerin befindet, muss natürlich auch tough und ein Stück weit egoistisch sein, aber in diesem Fall eben nicht nur. Sie hat bei allem Ehrgeiz auch Ideale und Skrupel, das finde ich schön. Weil sie nicht gefällig ist, ist sie mir so sympathisch.
Sind gute Politiker darin guten Schauspielern ähnlich?
Absolut. Beide müssen angemessen eitel, aber auch teamfähig sein und den Mut haben, sich mit seinem Text selbstbewusst der Öffentlichkeit zu stellen. Auch unser Umgang mit Medien ähnelt sich, elegant zwischen Pragmatismus und Zielstrebigkeit.
Ein grundlegender Unterschied zwischen Politiker und Schauspieler ist hingegen, dass ein Skandal erstere zurückwirft, letztere aber voranbringt.
Kommt auf den Skandal an. Während man einem Politiker hierzulande Unehrlichkeit zumindest noch nicht verzeiht, darf ein Schauspieler zwar lügen, aber irgendetwas Kriminelles mit Kindern bedeutet für beide das Ende.
Aber wenn Margot Käßmann besoffen autofährt, ist die Karriere vorbei, wenn es Franziska Weisz tut, erhöht die zugehörige Berichterstattung sogar ihren Marktwert.
Zumindest bei Männern, stimmt. Aber Unterhaltung zu machen, ist zwar eine andere gesellschaftliche Verantwortung als das Land politisch zu lenken. Entertainer müssen sich jedoch ebenfalls ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Die muss man erkennen und annehmen.
Tun Sie das?
Ja! Zumal ich es als Chance sehe, durch meinen Beruf von den Menschen in meinem Handeln wahrgenommen zu werden. Ich kann wirklich was bewirken; und sei es nur, ein gutes Leben vorzuleben.
Gefährlich wird es nur, wenn man dadurch langweilig wird. Ein bisschen Glamour darf‘s schon sein oder?
Das gilt aber für immer mehr Bereiche der Gesellschaft. Vergleichen Sie mal Politiker vor 30 Jahren mit denen von heute; wie ich müssen die sich längst alle perfekt repräsentieren können. Am Ende haben Politiker aber die Aufgabe, das Land zu gestalten, und Schauspieler, das Publikum zu unterhalten. Punkt.
Haben Sie nicht das Gefühl, ein Film wie Die vierte Gewalt geht darüber hinaus? Die Verquickung von Medien und Politik darin ist doch Wasser auf die Mühlen derer, die „Lügenpresse“ krakeelen.
Das sehe ich anders: Der Film handelt von Individuen, die aus persönlichen Gründen so handeln müssen, wie sie es tun, dabei aber sehr wohl ständig abwägen, was das für andere bedeutet. So reißerisch Recherche und Berichterstattung dabei manchmal dargestellt werden – es gehtstets um Menschen in einem System gegenseitiger Abhängigkeit. Und wenn die Gesundheitsministerin ihren Einfluss geltend macht, um den todkranken Bruder zu retten, ist das politisch unzulässig, aber menschlich verständlich; sie tut es ja nicht aus Profitgier. Das hält uns allen den Spiegel vor.
Wie würden Sie in solch einer Situation wohl handeln?
Die Frage hab ich mir natürlich auch gestellt, konnte sie aber nicht beantworten. Was nochmals belegt, welchem Druck wir alle Politiker aussetzen, auf keinem Fall je aus persönlichen Gründen zu handeln, keine Fehler zu machen, jedes Wort genau abzuwägen.
Klingt, als wäre der Beruf nichts für Sie?
Das hab ich nicht gesagt! Aber Politik ist wahnsinnig kräftezehrend; Obama sieht nach acht Jahren Präsidentschaft nicht umsonst 20 Jahre älter aus… Außerdem bin ich kein allzu konfliktfreudiger Mensch und streite nicht gern; das sollten Politiker schon mögen. Trotzdem hab ich auch deshalb Politik und Medien studiert, weil mich beides ungeheuer bewegt.
War es demnach ein Unfall, dass Sie 1999 zum Film gekommen sind?
Unfall nicht, weil mein Kindheitstraum das Schauspiel war. Es erschien mir aber lange als so realitätsfern, dass mein Plan A politischer Journalismus war, bis ich 1999 eher zufällig zum Film gekommen bin.
Fehlt Ihnen ihr Plan A nicht manchmal?
Fehlen nicht, aber ich bin nach wie vor totaler Nachrichtenjunkie, auf richtigen Zeitungen aus echtem Papier. Trotzdem ist mein Beruf nun mal Schauspielerin, und das mit vollem Herzen.
Und dieser Beruf hat gerade einen ganz schönen Sprung gemacht oder?
Durch den Tatort? Ich empfinde es zunächst mal als Anerkennung, fast eine Ehre, in diesem tollen Format mitspielen zu können. Und man wird auch ganz anders wahrgenommen. Aber fragen Sie mich am besten noch mal in fünf Jahren.
Mögen Sie denn das neue Rampenlicht, nachdem Sie ja eigentlich auch vorher schon ständig Hauptrollen gespielt haben?
Ach mögen… So sehr, wie ich das Drehen mag, feier ich es halt auch gern. Und da gehört ein wenig Rampenlicht einfach dazu. Ich will nicht täglich über den roten Teppich, aber als mein erster Tatort im Kino eine Fan-Premiere hatte, fand ich das toll.
Globaler Emmy & nationaler Klassenkampf
Posted: November 28, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
21. – 27. November
Die USA haben nicht erst seit Donald Trumps Wahlsieg den Hang, amerikanische Leistungen per se als weltmeisterlich zu deklarieren. Das ist ein wenig größenwahnsinnig, aber auch begründet. Die national Besten von Football bis Eishockey nennen sich angesichts der sportlichen Überlegenheit ihrer Ligen ja nicht zu Unrecht „Word Champions“. Das sollte unbedingt im Hinterkopf behalten, wer jetzt schier ausrastet vor Stolz über drei International Emmy Awards für deutsche Produktionen. Schließlich gibt es parallel noch die Primetime Emmys, bei denen fast ausschließlich englischsprachige Formate siegen, dieses Jahr: American Crime Story, die Politcomedy Veep und (natürlich) Game of Thrones.
Dennoch ist es aller Ehren wert, dass mit Matthias Bittners Geheimdienstdoku Krieg der Lügen, Christiane Pauls Rolle als Richterin in Unterm Radar und (natürlich) Deutschland 83 ein Drittel der Trophäen an deutsche Produktionen gingen und dazu noch: an solche des linearen Regelprogramms. Kann man schon ein bisschen stolz drauf sein. Ganz kurz. Und dann wieder zur Tagesordnung übergehen. Bitte? Dank!
In dem man sich zum Beispiel offen eingesteht, dass Unterhaltung und Sport langfristig das einzige sein werden, was über die alten Kanäle noch an Neuem entsteht. Und deshalb ist es auch unbedingt der Rede wert, dass Netflix selbst mit einer Fortsetzung der längst verflossenen Gilmore Girls super Zugriffe erzielt, während die ARD parallel vermeldet hat, dass mit Jessy Wellmer nächstes Jahr eine Frau den scheidenden Reinhold Beckmann als Moderatorin der Männer-Bastion Sportschau ersetzt und eine sehenswerte WDR-Serie in er Nische verödet. Sie heißt nach einem Gewässer, das in Dortmunds kaputte Stahlindustrie gekippt wurde, Phoenix-See.
Die Frischwoche
28. November – 4. Dezember
Wo Arbeiter wie Mike Neurath (Felix Vörtler) einst am Jobwunder kochten, genießen Manager wie Wirtschaftsanwalt Birger Hansmann (Stephan Kampwirth) nun ihren Shareholder-Kapitalismus. Statt das Gegensatzpaar arm/reich weiter auszuwalzen, entwickeln die ungleichen Nachbarn ab heute in Doppelfolgen jedoch ein Eigenleben fern tradierter Konfliktlinien. Sowohl der robuste Neurath als auch der elitäre Hansmann sind nämlich abstiegsgefährdet, was sie einander unvermeidbar näher bringt. Und so skizziert der Sechsteiler den modernen Klassenkampf als Familienmelodram in ernster, nie hoffnungsloser Atmosphäre.
So ähnlich funktioniert auch ein sehr gelungener Film, in der Die vierte Gewalt sehr differenziert als Subjekt und Objekt, Akteur und Getriebene der Mediengesellschaft dargestellt wird. Als notorisch klammer Journalist hofft Benno Führmann darin, durch den möglichen Sturz einer Bundesministerin endlich die ersehnte Festanstellung beim Online-Magazin Die Republik zu kriegen, verfängt sich dabei jedoch zusehends im Netzwerk gegenseitiger Interessen, die mal mehr mal weniger moralisch dem einen Ziel folgen: im Überlebenskampf durchzukommen. Klasse besetzt, Toll gespielt, mit der aufstrebenden Franziska Weisz zwischen allen Stühlen – ansehen!
Abschalten! gilt hingegen für das, was am Dienstag als Event angekündigt wird: Die Sat1-Version von Jack The Ripper, deren Untertitel bereits andeutet, was für ein Blödsinn da auf uns zukommt: Eine Frau jagt einen Mörder. Sie wird von der notorisch cleanen Sonja Gerhardt verkörpert, die als deutsche Immigrantin im London des Jahres 1888 alles bieten muss, was Frauen auch 2016 schwer fällt: cool, klug, stark, gebildet, sexy, smart, erfolgreich zu sein und sich damit in einer Männergesellschaft durchzusetzen. Opulent inszeniert, dramaturgisch auf Amöbenniveau.
Mit weit weniger Geld, aber viel mehr Hingabe ist da die erste Serienproduktion von ZDFneo gemacht: In Tempel spielt Ken Duken drei Doppelfolgen lang ab Dienstag (21.45 Uhr) einen Ex-Boxer, der sich durchs neue Leben schlagen muss und das auch – wie es nach den ersten Bildern scheint – mit großer Wucht tut. Schön zu sehen, dass Stars wie Thomas Thieme ihr Gewicht auch mal für schmales Geld, aber hohes Niveau in die Waagschale werfen. Schön aber auch, wenn das Fernsehen mal Leichtigkeit mit Anspruch zeigt, die sich einfach mal selbst genug ist. Die Arte-Reihe Stadtoasen will ab heute bis Freitag um 19.30 Uhr nichts anderes als zeigen, mit wie wenig Aufwand man auf schwierigem Terrain etwas Schönes erstellt, etwa wilde Gärten in Großstädten, angefangen mit Detroit, am Mittwoch dann: Leipzig.
Ebenfalls dokumentarisch, aber schwerere Kost: Der vertuschte Skandal, womit die ARD (Montag, 22.45 Uhr) das miese Geschäft mit dem Hormonpräparat Duogynon schildert, das vor knapp 50 Jahren massenhaft für Missbildungen sorgte. Für Rap-Fans arbeitet Netflix ab Donnerstag die HipHop Evolution auf. Musikalisch ist auch die schwarzweiße Wiederholung der Woche, der Gangsterfilm Noir Geheimring 99 (Mittwoch, 23.45 Uhr, HR) von 1955 mit viel Jazz und finsteren Gestalten. In jeder Hinsicht bunt ist Hansel & Gretel am gleichen Abend (23.55 Uhr) auf Tele5, eine Art melancholische Splatterversion von Grimms Märchen aus Japan. Und zum Schluss der Dokutipp: Samstag widmet sich ZDFinfo von 16.30 Uhr bis tief in die Nacht den NS-Netzwerken der Nachkriegsrepublik, darunter um neun die Doku Das Erbe der Nazis. Passt ganz gut in die Gegenwart…