A Summer’s Tale: Indiepop & Family-Yoga

deine-freunde-540x304Feierabendstimmung

Musikfestivals sind laut und dreckig? Nicht so das A Summer’s Tale nahe Hamburg. Auf dem Gelände eines weltberühmten Reitturniers hat es mit seiner Premiere eine neue Zielgruppe erschlossen: die High-End-Alternativen. Kommende Woche steht die Wiederholung an – mit besserer Versorgung und mehr Gästen.  Hoffen die Veranstalter.

Wie so oft: Die Sonne bringt es an den Tag. Schon zum Frühstück schieben sich dichte Wolken über die Lüneburger Heide. Auch dem idyllischen Luhmühlen graut es ein wenig vorm anbrechenden Wochenende, so sehr verdunkelt sich der Himmel – und öffnet seine Schleusen, noch bevor ein Konzert den jungen Tag beschallt hat. Im Hauptzelt, groß wie landestypische Mehrzweckhallen, erzählt ein kleiner ZDF-Reporter mit dem optimistischen Namen Möglich was Kritisches über Wild Germany, da droht auch dieses Festival abzusaufen, als sei es ein Naturgesetz für Open-Airs im Norden. Dann aber hört es auf. Einfach so. Kein Landunter, keine Schlammschlacht, nicht mal das kleinste bisschen Matsch.

Seltsam.

Seltsam wie so vieles am A Summer’s Tale, rund 40 Autominuten südlich von Hamburg gelegen, ein Festival der besonderen Art, das nur vorweg. Besonders teuer, sagen die einen. Besonders komfortabel, entgegnen die anderen. Besonders vielfältig – darauf können sich die meisten hier immerhin einigen. Auf dem ausladenden Gelände des örtlichen Reitvereins, in der Pferdesportwelt bekannt fürs internationale Vielseitigkeitsturnier CCI, geht am Mittwoch die zweite Ausgabe eines fünftägigen Events in der fortwährend wachsenden Liste musikalischer Großveranstaltungen zu Ende. Für bis zu 199 Euro pro Person kriegen die Gäste rund 75 Live-Stunden Musik geboten, mit Headlinern von Sigur Ros über Parov Stelar und Boy bis Billy Bragg. Zur Premiere vor einem Jahr waren es Tori Amos über Belle & Sebastian, Calexico und ZAZ bis hin zu allerlei melancholischen Songwritern wie Damien Rice oder Niels Frevert. Dazu Workshops, Lesungen, Filme, Theater, Kunst, Performances, Installationen und alles, was Kinderherzen erfreut – das Unterhaltungsangebot des selbsterklärten Sommermärchens ist facettenreich.

Weniger Dosenbier, mehr gediegener Zeitvertreib

Nur eins ist es nicht: sonderlich preiswert. Drei Dutzend Bands – das bieten andere Festivals dieser Preisklasse wie das benachbarte Hurricane oder das kaum fernere Wacken täglich. Locker. Und selbst, wenn man in Rechnung stellt, dass A Summer’s Tale von Mittwoch bis Samstag allerlei Randzonenentertainment abseits der drei Hauptbühnen zu bieten hat, ist der Gegenwert eines halben Hartz-IV-Satzes für ein Programm, das auf 150 Hektar Heideland gerade mal von Mittag bis Mitternacht reicht und nur wenige Megastars aufbietet, eher überschaubar. Es muss also was anderes dran sein, an der Luhmühlener Premiere, dass dennoch 7.000 Besucher daran teilhaben.

Zum Beispiel Matthias. Rote Vans, Röhrenjeans, Basecap. Augenscheinlich ein Hipster wie aus dem Handbuch, fachlich Winzer aus St. Pauli, der neben Mischwald und Kuhweide einen – kein Scherz – Sommelier-Workshop anbietet. Gut, schon nach zehn Minuten erweist sich der Schnellkursus für 50 Hobbykenner in spe als üppige Weinprobe; doch wenn Fachmann Matthias einen Tropfen nach dem anderen ausschenkt, lernt man nicht nur was über Verabreichung (immer schön schwenken) und Expertentum (immer viel trinken), sondern auch einiges über den gemeinen Gast eines Festivals dieser Art.

Denn der ist, zumindest optisch analysiert, tendenziell älteren Semesters, genussfreudig, kultiviert, dabei zu robuster Wochenendgestaltung bereit – aber bitte mit Stil, Contenance und einem Grundmaß an Bequemlichkeit. Was auch nach dem zweiten Regentief Richtung Samstag zwischen all den Yoga-Workshops und Mehrgänge-Menüs, Traumfänger-Bastlern und Urban-Gardening-Vorträgen, den Charleston-Kursen und Kunsthandwerk-Ständen, Toilettenparks mit Spülkasten und Hundertschaften uniformierter Ordner herrscht, ist gediegenster Zeitvertreib. Er hat mit dem Rock ‘n’ Roll vergleichbarer Freiluftpartys weniger gemeinsam hat als mit den Wagner-Festspielen in Bayreuth.

Sommermärchenlandbewohner schlafen offenbar weniger mit Dosenbier im Wurfzelt als im Mietzelt mit Polsterpritschen. Mindestens. Gleich nebenan hat ein Paar behaglichkeitsaffiner Best-Ager aus Bayern im “Komfortcamp” einen Container bezogen. Für 900 Euro samt Tickets, erzählt es in einem Tonfall zwischen Selbstzufriedenheit und Selbstkritik, sei das Dach überm Kopf “schon gemütlich”. Bei vier Nächten plus Anfahrt, Versorgung, dem ganzen Rest eben, sie der Preis aber auch “ganz schön happig”.

Ab Mitternacht geht das Gros der Leute zu Bett

Die Cuisine, wie das kulinarische Angebot natürlich heißt, mag vorwiegend vegetarisch sein und oft regional bestückt; eine Mahlzeit abseits der, nun ja, billigsten Pizza ist unter sieben Euro kaum zu haben. Die Getränkekarte ist reichhaltig, aber hochpreisig. Wohnmobile kosten 50 Euro extra, Kinder ebenso. Selbst das Programmheft schlägt mit rätselhaften 3,50 Euro ins Kontor, was verbreitet für sachten Unmut sorgt.

Wofür es indes nicht sorgt, ist Konsumverweigerung. Die meisten der 7.000 Besucher schlucken die Apothekenpreise nicht nur mit autogenem Langmut, sie haben den elitären Charakter förmlich verinnerlicht. Der gewinnorientierte Hamburger Konzertgigant Scorpio hat auf malerischem Heidegrund eine ganz neue Festivalzielgruppe entdeckt: den gutsituierten High-End-Alternativen. Auffällig viele Besucher sind knapp über 55, ausgestattet mit etwas Restrenitenz, oder knapp unter 44, begleitet von kleinen Kindern. Ihnen sind die Hygienedesaster der Scorpio-Schwester Hurricane zu wild und Wochenenden vorm Fernseher zu gewöhnlich.

Wenn bei den Protestsongs der hinreißend gereiften Punk-Ikone Patti Smith im Abendrot der Nostalgiegenerator wummert, sind die einen ebenso selig wie es die anderen sind, wenn ihr Nachwuchs zum kindgerechten HipHop von Deine Freunde durch den Birkenwald hopst. Es ist, als läge Nimmerland, die Insel, auf der Kinder nie erwachsen werden, genau hier. Da, wo das Hamburger Künstlerkollektiv 210 Klappen exakt 251 Zugvögel aus poliertem Blech vor die Waldbühne gehängt hat. Wo auch sonst ein Hauch des anarchistischen Fusion-Festivals durch die Wipfel weht.

Nicht mehr, nicht weniger.

Denn verglichen mit dem heimlichen Vorbild in Mecklenburg ist A Summer’s Tale schlicht zu kommerziell. Für übliche Großfestival-Hopper hingegen ist es wie das offizielle Vorbild Wilderness im britischen Oxfordshire zu behaglich, drogenfrei, zu esoterisch und ruhig. Schon ab Mitternacht schließen alle Live-Bühnen und das Gros der Leute geht zu Bett. Sonderbar beseelt und spürbar erleichtert – von ein paar Alltagssorgen und einer schönen Stange Geld. Viele werden trotzdem wiederkommen, im August 2016, zur festivaltauglichen High-End-Alternative ohne Verwilderungsbedarf. Schließlich hält das Areal auch dem zweiten Wolkenbruch am Samstag Stand. Spielend. Statt Schlammrutschen gibt’s bloß Espadrilles-Workshops, Family-Yoga und Jochen Distelmeyer am Teich.
Der Artikel ist voriges Jahr auf ZEIT-Online erschienen

Wild Beasts, Hyroglyphic Being, DJ Khaled

TT16-BeastsWild Beasts

Einer der unterhaltsamsten Späße des Musikgeschäfts ist es ja, das Publikum mit verwirrenden Namen auf falsche Fährten zu führen. Der Black Rebel Motor Cycle Club hat diese Mimikri mit eher gefälligem Sound im Rocker-Gewand zur Perfektion getrieben, aber die Wild Beasts stehen dem in nichts nach. Der Name des britischen Quartetts klingt schließlich schwer nach Heavy Metal. Mindestens. Tatsächlich aber wird Hayden Thorpes soulig-swingender Falsett-Gesang allenfalls unterschwellig von einer härteren Gitarre begleitet. Im Kern steht auch auf dem fünften Album in nur acht Jahren ein atmosphärisch zuweilen schmutziger wirkender, aber klinisch rein produzierter Elektropop.

http://www.vevo.com/watch/GBA321600062?utm_medium=embed_player&utm_content=song_title&syn_id=af330f2c-5617-4e57-81b5-4a6edbef07cc

Dennoch hat sich auf Boy King verglichen mit den Vorgängern spürbar etwas verändert. Der Sound ist irgendwie hitziger, emotionaler, nicht so versiert, irgendwie sinnlicher als zuvor. Chris Talbotts Schlagzeug klingt zwar noch immer wie vom Drumcomputer, aber vor allem die Gitarre von Ben Little flattert manchmal fast tribalistisch durch die zehn Stücke hindurch. Trotz dieses Schweißes, der manchmal aus den Boxen zu tropfen scheint, bleibt der Stil im Ganzen aber angemessen steril für ein discoeskes Projekt dieser Art, das sich eher an Franz Ferdinand als, sagen wir, dem Funk orientiert. Gedanken über Tod und Liebe in plastinierter Versform – die Zehner sind noch immer ganz schön Eighties manchmal.

Wild Beasts – Boy King (Domino)

DownloadHieroglyphic Being

Wie Zehner die Zehner de facto dennoch grundsätzlich mal sind, selbst wenn sie manchmal ein wenig nach Siebziger klingen, belegt dann allerdings gleich wieder einer, der digitale Electronica in Reinform liefert: Jamal Moss. Als Hieroglyphic Being kredenzt der Sound-Koch aus Chicago wieder einen frisch verrührten Retrosound, den sich nicht ohne Grund das Ninja Tunes-Sublabel Technicolor unter den Nagel gerissen hat. Stilistisch gewohnt technoid, walzt sich The Disco’s Of Imhotep mit stoischem Bass und krachenden Beats durch begleitende Stile von Funk bis Jazz, ohne sich ans Analoge anzubiedern.

https://soundcloud.com/technicolour-music/hieroglyphic-being-spiritual-alliances-1

Kein Clap ist ihm dabei zu housig, kein Gefiepse zu experimentell, alles wächst von einem Genre zum anderen, bleibt dabei jedoch immer tief im Herzen jener Underground-Techno, dem der Fourtysomething einst entsprungen ist. So gesehen erscheint das neue Album nicht so richtig geeignet für den gemeinen Hausgebrauch; zu stakkatoartig, zu schnell, auch zu verstiegen manchmal. Trotzdem: wer wissen will, welche Möglichkeiten modernes DJing entfaltet, wird von Jamal Moss aka. Hieroglyphic Being so unterhaltsam wie kreativ belehrt. Und tanzen kann man dazu sowieso. Überall. Jederzeit.

Hieroglyphic Being – The Disco’s Of Imhotep (Technicolor/Ninja Tune)

Hype der Woche

COVERNORESIZEDJ Khaled

Es gibt da diese Szene einer Männergruppe in der Verfilmung von Ralf Königs legendärem Schwulen-Comic Der bewegte Mann. “Titten, Titten, Titten”, sagt einer der Teilnehmer darin, um seiner Suche nach Befreiung aus dem Gefängnis seiner eigenen Gruppenzugehörigkeit dialektisch Ausdruck zu verleihen. Was also bedeutet es, wenn Afroamerikaner obsessiv “Nigger” sagen, immer und immer und immer wieder – einen Akt der Selbstermächtigung, der Selbstverortung, der Selbstbefreiung? Im Falle von DJ Khaled kann es nur heißen – tja, Selbstkommerzialisierung? Der Großproduzent hochgetunten HipHops lässt seinen Gastmusiker Jay Z das Wort jedenfalls schon vorm ersten Refrain seiner neuen Platte neunmal Nigger durchdeklinieren und zeigt damit trotz des sozialkritischen Subtextes rassistischer Diskriminierung in den USA, was sein neuntes Album wie all die monstererfolgreichen zuvor will: Nichts besonderes, außer mit schwarzem Rap weißes Geld verdienen. Mit tollen featurings von Kendrick Lamar über Lil Way bis Wiz Khalifa und wie sie aus dem Geldadel des Genres auch alle heißen, liefert Major Keys (Sony) natürlich perfekte zubereitete Rap-Ware ohne Fehler im System, die dem Verantwortichen dahinter gewiss noch ein paar mehr Instagram-Follower bringt, musikalisch aber nichts außer Nigganigganigga. Ach ja – Tittentittentitten gibt’s natürlich auch. Schnarch.


Beat Bugs: Kinderspaß & The Beatles

imagesThe Beetles

Natürlich ist es auch ein zielgerichtetes Vermarktungskonzept, wenn fünf animierte Käfer ab heute auf Netflix zu 50 Beatles-Stücken die Welt erklären. Doch darüber hinaus sind die Beat Bugs zauberhafte Unterhaltung für Kinder und ihre Eltern.

Von Jan Freitag

Das ewig zappelnde, von Abermillionen Schnitten, Sprüngen, Twists zerhackte, vor Modernität ganz aufgeregte Fernsehen ist selbst im Zeitalter der Streamingdienste gelegentlich für Nostalgie gut. Wer eine Animationsserie auf Netflix anschaltet, in der fünf ziemlich menschliche Krabbelwesen ziemlich menschliche Dinge im ziemlich menschenleeren Hinterhof einer amerikanischen Kleinstadt erleben, dem drohte normalerweise ein heillos überdrehter Soundtrack mit Geigenterror, Grundraunen, Dauergebrüll und falls überhaupt mal echten Liedern, dann solchen zeitgenössischer Retortenstars. Was man darin eher weniger erwarten sollte, wären demnach: Die Beatles.

Die wer? dürfte die Zielgruppe der Beat Bugs da rufen. Das Quartett aus Liverpool mag ja auch gut 50 Jahre nach ihrem Karrierestart auf Hamburgs Reeperbahn weltweit die meisten Schallplatten in Umlauf gebracht haben; im Gedächtnis gewöhnlicher Kids vorm Eintritt ins Jugendalter ist sie in etwa so präsent wie, sagen wir: Hans Albers. Da ist es also nicht nur ausgesprochen nostalgisch, sondern geradezu abenteuerlich, ein Kinderformat ausgerechnet mit den Songs der Fab Four zu dekorieren. Einerseits. Andererseits erscheint dieser dramaturgische Kniff nicht nur besonders, sondern auch besonders klug.

Jay, Crick, Walter, Buzz und Kumi sind schließlich knuddelig kindgerechte Käfer – Englisch: Beetles – mit Kulleraugen, die nicht bloß das Publikum unter zwölf erreichen, sondern wenn möglich deren Eltern gleich mit. Und dafür eignet sich das Repertoire der vermutlich konsensfähigsten Band aller Zeiten natürlich bestens. Doch nicht nur das: Wenn das undefinierbare Kleingartenwesen Jay zum Auftakt der 26 Folgen in einer Dose gefangen ist und dringend Hilfe von seinen Freunden braucht, die über eine halbe Stunde hinweg so unterhaltsam wie anrührend zelebriert wird – womit ließe sich das akkurater vertonen als Lennon/McCartneys Überevergreen Help!?

Und wenn Stücke wie dieses dann noch durch populäre Stimmen verschiedener Jahrzehnte von Eddy Vedder, über Robbie Williams und Aloe Blacc bis Sia interpretiert werden, funktioniert das Konzept umso besser. P!ink zum Beispiel, auch sie längst generationenübergreifend als globaler Popstar anerkannt, spring der possierliche Buzz mit Lucy In The Sky With Diamonds zur Seite, als das Insekt Schlafstörungen hat und Unterstützung von einem Glühwürmchen mit Kaleidoskop-Augen namens, genau: Lucy braucht. Dass es im Original eigentlich um die Erfahrungen der Beatles mit psychoaktiven Substanzen geht, muss man den jungen Zuschauern ja nicht auf die Nase binden.

Ebenso wenig wie jene Marketingmaschine, die natürlich parallel zum heutigen Start längst läuft. Wer sich im Netz die ersten Teaser ansieht, kommt jedenfalls an der Werbekanonade eines Konzerns mit Apfel im Logo kaum vorbei, der den Soundtrack exklusiv vermarktet. Ob es für den australischen Show-Runner Josh Wakely wirklich so schwer war, wie er es vorab darstellte, an die Rechte der 50 Beatles-Songs zu kriegen, lassen wir daher mal dahingestellt; schließlich verdienen die Rechteinhaber bis heute an jedem Cover eifrig mit. Weniger zu bezweifeln ist hingegen Wakelys Aussage, es hätte von keiner anderen Band so ein reichhaltiges Angebot gegeben, „um meine Vision von Liebe erfüllter Moral für Kinder“ zu untermalen.

Und moralisch geht es natürlich zu, wenn die „Beat Bugs“ ihr vielschichtiges Leben im Hinterhof meistern. Aber eben auch ungeheuer charmant, meist lustig, sagenhaft unterhaltsam, selten so überdreht wie das sonstige Kinderangebot im kommerziellen Programm und mit diesem Soundtrack versehen, der endlich einmal nicht bloß nervt, sondern zum Mitsingen schön ist.


Terrornews & Olympiaoverkill

TVDie Gebrauchtwoche

25. 31. Juli

Die Tage des Terrors sind ein dauernder Stresstest der Informationsgesellschaft. Wegen einer online verbreiteten Falschmeldung etwa, in München seien drei Männer mit Langwaffen auf der Flucht, räumte nicht nur das Erste sein Abendprogramm für die schleichende Erkenntnis, dem Rattenrennen sozialer Netzwerke doch ein wenig ungefiltert zu folgen. Und nach Nizza, Ankara, Würzburg, Ansbach schossen die Spekulationen dann weiter so wild durch den virtuellen Raum, dass seriöse Nachrichtenbändiger heillos überfordert waren, sie zu sortieren.

Was also tun – abwarten und weiter Tierdokus zeigen wie im Jahr 2001, als die ARD vom brennenden Twintower zurück auf die unterbrochene Tierdoku schaltete, während RTL lückenlos aus New York berichtete? Oder auf die Gefahr hin, auch mal ins Leere zu senden, Tagesschau und heute lieber gnadenlos durchziehen als seriöse Stimmen im multimedialen Dauerfeuer untergehen zu lassen? Die Hektik der Weltlage macht es zusehends kompliziert, das richtige Maß zu finden…

Allerdings auch, wenn die Geschwindigkeit gegen Null geht wie beim lausigen Gefälligkeitsinterview, das Sigmund Gottlieb dem türkischen Dekret-Herrscher Recep Tayyip Erdoğan gewährte. Mies vorbereitet, seltsam radebrechen, dauernd defensiv, schlagfertig wie ein Sandsack und ohne jeden Drang zum Nachhaken, also durchweg huldvoll ergeben, gesellt sich der CSU-nahe BR-Chefredakteur damit zu einer Reihe Kollegen, die ihrerseits an despotischen Hardlinern gescheitert sind: von Jörg Haider (Erich Böhme) über Mahmud Ahmadinedschad (Claus Kleber) und Wladimir Putin (Jörg Schönenborn) bis Baschir al-Assad (Thomas Aders).

Wie man windige Gestalten ganz ohne Gesichtsverlust knackt, zeigte die ARD zuletzt, als ihr hervorragender Dokumentarfilm Inside IOC dessen Präsident dicht auf den Pelz rückte. In den klugen Interviews wurde Thomas Bach gar nicht recht bewusst, wie sehr er sich als Pate einer profitablen Vetternwirtschaft entlarvt. Trotzdem geht es diese Woche in Rio natürlich mit fröhlichem Elan, erstaunlich vielen Russen, Myriaden fieser Mücken, erschreckend routinierter Terrorgefahr und einer öffentlich-rechtlichen Berichterstattung los, die zum vorerst letzten Mal fast rund um die Uhr erfolgen darf. Und wird.

Download (1)Die Frischwoche

1. – 7. August

Sportlich starten die Spiele (Foto: ARD) schon Mittwoch mit Fußball, bevor die Eröffnungsfeier am Freitag zur Geisterstunde (Wiederholung 9.05 Uhr) dann 170 Stunden Live-Bilder mit maximalem Pomp einleitet – wegen der Zeitverschiebung vorwiegend zu nachtschlafender Zeit, ringsum flankiert vom soziokulturellen Begleitkonzert, das den Finger gern in die Wunde eines olympiafeindlichen Umfeldes legen möchte. Und wird? Weil man das Premiumprodukt Olympia nicht zu sehr stören will, läuft die wichtige ARD-Doku Wie Olympia und Co. die Gastgeber knebeln mit respektvollem Abstand schon heute (22.45 Uhr), während es tags drauf an Arte ist, die Schattenseiten solcher Megaevents mit einem Themenabend zu skizzieren. Kritik der übertragenden Sender zur Primetime? Ach komm‘, schauen wir lieber Bogenschießen…

Oder jene Teile des Restprogramms, die ein bisschen von Rio ablenken. Was RTL am Freitag mit 100 kurioseste Olympia-Momente noch themennah versucht, misslingt dem Ableger Nitro am Mittwoch Uhr mit beklagenswerter Routine: Um 22.55 Uhr opfert das hochglänzende Serienspinoff 12 Monkeys von Philosophie über Humor bis Scharfsinn wirklich alles, was Terry Gilliams Dystopie 1995 zur SciFi-Legende gemacht hat. Mit Aaron Stanford als Bruce Willis surft die Zeitreise zum Ursprung eines menschheitsvernichtenden Virus so sehr an der Oberfläche, dass man glatt in die Realität des ZDF-Spätfilms Alki Alki vorm Vortag zeitreisen möchte.

Auch Axel Ranischs Auftakt der Nachwuchsfilmreihe Shootingstars spielt zwar in einer trostlosen Umgebung; doch die Parabel auf Freundschaft im Dunste des Alkohols mit einer hinreißenden Christina Große im Klammergriff zwischen ihrem Mann und dessen Saufkumpan, ist vermutlich von der ersten bis zur letzten Minute unterhaltsamer als alle 23 bisherigen Folgen von 12 Monkeys zusammen. Ähnliches dürfte für den Spieler mit der Nummer 5 (Mittwoch, 21.50 Uhr, Arte) gelten, die internationale Koproduktion über einen argentinischen Ex-Profi und seinen Versuch, nach dem Fußball mit sich klar zu kommen. Gefolgt wird er von einem Dreiteiler über Die wilden Zwanziger im Berlin der goldenen Zwischenkriegsjahre. Unterhaltung mit Relevanz zur Perfektion getrieben, haben hingegen die Wiederholungen der Woche. Zum Beispiel Scarface, Howard Hawks‘ schwarzweiße Urversion schonungsloser Mafia-Fiktionen mit Paul Muni als eiskalter Al Capone von 1932 (heute, 21.55 Uhr, Arte).

Oder in Farbe: Der Clou mit Robert Redford und Paul Newmann als Kleinganoven, die ungefähr zur gleichen Zeit einem Großganoven in Chicago hinters Licht führen, wofür es 1973 gleich sieben Oscars gab. Und zwei Sachfilmtipps noch zum Schluss: Am Freitag um 19.30 Uhr beleuchtet ZDFinfo nochmals ausgiebig Ursache und Wirkung der AfD, während sich 3sat Samstagabend ab 20.15 Uhr vier Stunden lang live auf dem Wacken-Festival 2016 rumtreibt. Faster, Harder, Louder!


Quantico: Pro7-Terror & Kussmund

profile-ezone-teaser620x348Schön im Schutt

Die amerikanische Krimiserie Quantico (ab 27. Juli, 20.15 Uhr, Pro7) ist professionell produziert und überaus spannend, hat aber ein Problem: die Macher interessieren sich einen feuchten Kehricht für Inhalte, solange die makellos schöne Optik der Darsteller (Foto: ABC) stimmt.

Von Jan Freitag

Da liegt sie nun inmitten der Trümmer fern des Laufstegs, fern also auch von Makeup, Haarspray, Visagisten und doch strahlend schön wie frisch von Heidis Modelbootcamp: Priyanka Chopra. Sechs Jahre vorm fiktionalen Terroranschlag, der heute Abend auf ProSieben New Yorks ehrwürdige Grand Central Station in Schutt und Asche legt, wurde die indische Bollywood-Queen zur Miss World gekrönt. Jetzt entsteigt Chopras Hauptfigur der Verschwörungsactionthrillerkrimiserie Quantico nach einem Terroranschlag den qualmenden Überresten des zerstörten Bahnhofs und siehe da – die Frisur sitzt, der Lippenstift sowieso, Alex Parrish sieht super aus, auch wenn ringsum alles brennt.

Weil das so ungefähr die Quintessenz des amerikanischen Polizeiserienfernsehens insgesamt ist, prägt sie also auch diesen US-Export für ProSieben, Deutschlands wichtigstem Fernsehimporteur derartig hochglänzender Produkte: In Hollywood wird der Nachwuchs noch so robuster Berufe von Feuerwehr bis forensisches Institut nie nach Qualitäten wie geistiger und physischer Fitness rekrutiert, sondern zunächst mal rein optisch. Kein Wunder, dass es Chopra alias Parrish ins Ausbildungslager des FBI in Quantico gebracht hat; schließlich sehen alle Azubis aus, als hätten sie sich in der Tür zum Model-Casting geirrt.

Das ist in seiner hochglänzenden Berechenbarkeit nur noch lachhaft, aber bekanntlich ein zentrales Wirkprinzip international verkäuflicher Serien vor medizinischem, juristischem, polizeilichem Hintergrund. Dabei ist der auch in diesem Fall gar nicht unspannend: Auf dem Weg zur Bundespolizeischule trifft die (schöne) Alex den (schönen) Simon und vernascht ihn im Auto, bevor sich beide im Kreise (schöner) Mitschüler bei der Begrüßung durch die (schöne) Schulleiterin wiedertreffen. In Zwischeneinblendungen sitzt die schöne Alex jedoch nicht nur brav im Unterricht, sondern schön in der Scheiße, da sie den erwähnten Trümmern des Attentats unverletzt entsteigt und nicht nur deshalb verdächtigt wird, es selbst begangen zu haben. So beginnt ein beliebtes Thrillerspiel: Agentin auf der Flucht vor ihrerseits verdächtigen Kollegen, um in den elf Doppelfolgen der ersten Staffel die eigene Unschuld zu beweisen.

Dank üppiger Budgets ist das gewohnt professionell inszeniert, mit ansehnlichen Effekten versehen und voller Überraschungsmomente, die zwar gern unlogisch, aber – wie im Cliffhanger der Pilotfolge – vielfach überraschend sind. Wäre da nicht die fast schon obsessive Oberflächlichkeit. So integer es auch ist, dass Farbige hier Leitungsfunktionen übernehmen, Schwule offen schwul sein und eine Muslima mit Kopftuch dabei sein dürfen – jeder dramaturgische Twist verschwindet hinter der Optik selbstverliebter Makellosigkeit.

Stets ein Hemdknopf überm Dekolletee zu viel geöffnet, überzuckert dabei besonders die handwerklich limitierte Priyanka Chopra alles mit Schmollmund, der selbst in Schutt und Asche nie hautfarbig um Küsse bettelt. „Sie hatten keinen Kratzer, können also erst nach der Explosion an den Tatort gekommen sein“, wirft ihr ein Ermittler vor. Er kennt offenbar nicht die Präambel im Grundgesetz amerikanischer Polizeiserien: Kratzer haben nur die Bösen.


Sprachlosigkeit & Laufsteg FBI

TVDie Gebrauchtwoche

18. – 24. Juli

Stimmt ja, da war doch was, ein seltsames Loch im kollektiven Gedächtnis, das vom Fernsehen bisher nicht wirklich gestopft wurde. Und damit ist weder die redselige Sprachlosigkeit vom Tagsthemen-Korrespondent Wolfgang Jandl nach dem Axt-Angriff im Regionalzug gemeint noch die Stille seiner Tagesschau-Kollegen, als der Amoklauf von München noch lief, geschweige denn die Verlegung der neuen (siebten (letzten (aarrgh!))) Folge von Game of Thrones in den Sommer 2017 gemeint, sondern ein Schlagzeilenlieferant weit älteren Datums: Gladbeck, 1988, das Geiseldrama aus Zeiten, als solch eine Horrormeldung noch nicht nach zwei, drei Tagen von der nächsten verdrängt wurde, die wiederum…

Damals hatten sich deutsche Medien erstmals seit dem Krieg zum integralen Bestandteil eines Schwerverbrechens gemacht, das bislang allen Ernstes unverfilmt geblieben ist. Und nachdem Phänomene wie zuletzt der NSU-Prozess mittlerweile schon mal vor deren Vollendung fiktionalisiert werden können, macht Ziegler Film aus dem tödlichen Bankraub gerade – von Täterseite aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen durchaus marketingtauglich bekämpft – einen Zweiteiler. Mit Zsá Zsá Inci Bürkle als Opfer, die angemessen schön ist fürs Gute, und Sascha A. Gersak als Täter, der adäquat schmierig ist fürs Böse.

Schlecht, aber vielerorts glaubhaft informierten Fotoanalytikern einschlägig verachteter Boulevardmedien zufolge laufen übrigens parallel dazu bereits die Dreharbeiten zu Merkel – Die Schicksalswahl (Sat1) und Gysi – Der Verräter (ZDF), beides natürlich mit Heino Ferch und Veronica Ferres in den Hauptrollen. Beides aber insofern noch nicht spruchreif, weil beide ja eigentlich ständig irgendwas mit Hitler und dessen Folgen drehen.

profile-ezone-teaser620x348Die Frischwoche

25. – 31. Juli

Von daher geben wir kurz Entwarnung: Wenn ZDFInfo seinem Namen am Mittwoch durch irgendwas mit Hitler und dessen Folgen übergerecht wird, fehlen Fer(ch)res und Fiktion völlig. Stattdessen wagt der Spartenkanal Neues mit altem Material: Sein Thementag leitet das Tagesthema Rechtsextremismus mit echten Nazis ein, um sodann deren Nachfolger mit Neo davor unter die Lupe zu nehmen. Eine ebenso kluge wie pragmatische Dramaturgie. Ab 12.45 Uhr liefern Bestandsdokus mit Titeln wie Hitlers letzte Wunderwaffe die Grundlage für das, was seine Epigonen heute anrichten. Der Dreiteiler Die neuen Nazis etwa ab 18 Uhr, dazwischen das Wutbürger-Psychogramm zwischen Protest und Extremismus (dazu auch empfehlenswert: die Doku Hassbürger – Zwischen Protest und Extremismus, Mittwoch, 19.30 Uhr, ZDFinfo), gefolgt von zwei NSU-Analysen und Mo Asamungs Reportage Die Arier, in der sich die farbige Journalistin ins finstere Herz weißen Rassenhasses begibt.

Wer einen labilen Magen hat, sollte Mittwoch also nicht von Mittag bis Mitternacht ZDFInfo sehen. Robustere Zuschauer mit genug Freizeit indes kriegen dort die volle Breitseite rechter Gesinnung von eliminatorisch bis, nun ja, auf dem Weg dorthin. Das ist ein echtes Kontrastprogramm zu dem, was Pro7 zur gleichen Primetime aus der Realität macht. Die US-Serie Quantico schildert unterhaltungsfixiert, aber spürbar um Authentizität bemüht einen Fall interner Ermittlungen beim FBI, in dem es um eine Rekrutin geht, die fälschlich für einen Terroranschlag verantwortlich gemacht wird. Das hat schon inhaltlich Mängel bis in jeden mies synchronisierten Dialog. Aber wenn sämtliche Polizisten – vor allem die indische Miss World 2000 Priyanka Chopra (Foto: ABC) als Hauptfigur – einzig nach optischen Kriterien gecastet wurden, ist die 22-teilige Hatz nach der Wahrheit von Beginn an egal. Und man kann sich getrost der echten Realität zuwenden.

Etwa wenn 3sat Brasilien bis Mittwoch in den Programmfokus stellt. Begonnen mit einem atmosphärischen Montag voller Zugfahrten und Fußmärsche durchs Olympia-Land, begibt sich Julien Temples Doku Rio 50 Grad Celsius heute um 22.55 Uhr auf einen Problempfad, den das Straßenkinderporträt Zona Norte morgen (22.45 Uhr) ebenso wenig verlässt wie die Wassermangelreportage Ausgetrocknet am Mittwoch um 21 Uhr. Tags drauf folgt Maybrit Illner Sandra Maischberger in die wohlverdiente Sommerpause, wird aber wie im Winter zuvor mehr als gleichwertig ersetzt durch Dunja Hayali – die im Anschluss an ihren ZDFdonnerstalk (22.15 Uhr) gleich auch noch von Michael Kessler imitiert wird. Bei Kessler ist… wird sich also zeigen, ob die preisgekrönte Journalistin im Selbst- oder Zwiegespräch besser ist.

Und weil sich derzeit auch die besseren Sendeplätze für Spielfilmpremieren im Urlaub befinden, kommen die Wiederholungen der Woche voll zu ihrem Recht auf PR: In Serie zeigt Eins Festival ab Freitag um 20.15 Uhr abermals, wovon Kenner gar nicht genug kriegen: Braunschlag, Bernd Schalkos erschreckend wahrhaftige Provinzgroteske Braunschlag. Ebenfalls in Farbe und von viel altmodischerem Charme, ist Der Millionenraub (Montag, 23.40 Uhr, MDR), eine US-Komödie mit den damals jungen Goldie Hawn und Warren Beatty als Tresorknacker, die den Direktor (Gert Fröbe) einer Hamburger Bank um eine Million Dollar aus illegalen Geschäften berauben, wofür sie deren Täter durch die knallbunte Hansestadt von 1971 verfolgen.

Nicht nur was für Kiez-Nostalgiker. Weitere 40 Jahre älter ist die schwarzweiße Wiederkehr der Scharlachroten Kaiserin (Montag, 23 Uhr, Arte). Josef von Sternbergs Historienepos mit der Dietrich als Katharina die Große schert sich zwar kaum um Dramaturgie und Fakten, war dank der exzentrischen Ausstattung des Regisseurs 1934 aber ein echtes Ereignis. Apropos. Der Dokutipp ist ein exzentrisches Ereignis sondergleichen: Björk!, das Porträt der Popikone von Hannes Rossacher (Mittwoch, 21 Uhr, Eins Festival), der schon den Stones, Kraftwerk, Lindenberg und zuletzt Rammstein (in Amerika) so dicht auf die Pelle gerückt ist, das man fast glaubte, sie zu verstehen. Fast.


JaKönigJa/Bosco/BadBadNotGood/Snoop D.

jakoenigja-coverJaKönigJa

Der so genannten Hamburger Schule wurde ja so einiges nachgesagt, wovon wenig schlüssig war: hedonistisch zu sein, aber gleichsam verkopft, stilistisch ebenso progressiv wie regressiv, weil mal indiepoppig, mal schweinerockig, außerdem textlich selbstbezogen und dabei hyperpolitisch, also geiler Scheiß für die Mainstreamnische. All dies stimmte oft, öfters stimmte es nicht, doch falls es überhaupt so etwas wie die Hamburger Schule gab, konnte im Grunde nur eine Band praktisch alles auf sich vereinigten, was man daran liebte und hasste: JaKönigJa. 1994 vom Liebespaar Ebba und Jakobus Durstewitz dort gegründet, wo damals wie heute die alternative Musik in Deutschland spielt, haben sie von Beginn an verträumten Orchsterpunk mit minimalistischer Grandezza vermengt und das auf den ersten fünf Platten genauso hingebungsvoll zelebriert wie auf der neuen.

Auch Emanzipation im Wald ist demnach ein sprudelnder Quell musikalischer Absurditäten. Ein Album, das sich hinter sich selbst versteckt und dabei abermals überragt. Mit gewohnt überreichem Angebot randständiger Instrumente von Mandoline über Posaune bis in die unbekanntesten Register der Hammondorgel oder dem Schlagwerk des ewigen Percussionisten Marco Dreckkötter verwebt Familie Durstewitz ihr Sammelsurium ineinanderlappender Töne zu einer Sinfonie von aufgewühlter Verträumtheit, die Ebbas sanfter Singsang mal aufmischt, mal unterspült. Entscheidend aber ist: Immer dann, wenn das Gefühl aufkommt, das klinge seicht, bricht sich in der Harmonie irgendwas Dystopisches, immer wenn es allzu durcheinander geht, kommt ein geschmeidiges Riff daher, das alles ins Lot bringt. Auf diesem Waldspaziergang gut gelaunter Misanthropie.

JaKönigJa – Emanzipation im Wald (Buback)

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Pilzköpfe, Popstarcodes, Spiegelsonnenbrillen? In Zeiten zunehmend dialektischer Männlichkeit mit androgyn konnotiertem Vollbart lag der Schluss nah, mit dem Reifungsprozess der Gebrüder Liam und Noel Gallagher sei die ironiefreie Schnöseligkeit des Britrock endgültig passé. Aber gilt das nicht generell für soundbegleitende Ästhetik, sobald deren Zenit überschritten ist? Krautrockgitarren und Hammondorgelpeitschen jedenfalls waren ebenso raus wie Blumenleggings und Holzfällerkaro, doch weit gefehlt: Alles längst zurück! Selbst die 60er/70er/80er oder alles in einem wie bei Bosco Rodgers. Das französische Duo würzt seinen Psychobeatsalat mit Dressings vieler Epochen.

Dabei schmeckt er zwar oft ein bisschen wie die Last Shadow Puppets, deren Mash-up sich ebenfalls durch die Jahrzehnte wälzt; allerdings nacheinander. Barthélémy Corbelet und Delphinius Vargas dagegen stopfen alles in alle Songs ihres Debütalbums, jauchzen schon mal ein Woohoo mit Frühlingswiesenpfeifen über verzerrte Surfpunkriffs und erinnern dabei an die Beatles mit so viel Frozen Margarita intus, dass Beach!Beach!Beach! wie BitchBitchBitch klingt und das feministische Gemüt dennoch stillhält. Die Vereinigung zweier EPs samt zweier Netzhits namens GooGoo und French Kiss ist eben einfach zu schmissig. Sind Sommeralben eigentlich zu Neunziger? Egal – hier wäre eins.

Bosco Rodgers – Post Exotic (Bleep Machine)

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Zeitreisen sind unmöglich, das lehrt uns Einsteins Relativitätstheorie, der zufolge nichts schneller ist als das Licht, was eine Fahrt gegen die Richtung allen Seins jedoch sein müsste, auch wenn das ohne Promotion in Physik keiner erklären kann. Um in herrlich hedonistische Epochen ungezügelter Fortschrittsfreude zurückzufahren, bedarf es demnach autosuggestiver Methoden. Diese zum Beispiel: Ins Auto setzen (am besten Ford Granada), Tapedeck an (keine CD), Kassette von BadBadNotGood einlegen (kann man sich gegebenenfalls überspielen) und schon brettert man ohne Gurt und schlechtes Gewissen, dafür mit viel Zucker in der Coladose und 80 Pfennig pro Liter Super verbleit eine Serpentine der frühen Siebziger talwärts.

Das neue Album der Experimentaljazzpopper aus Toronto mit dem – angesichts eines weiteren mit Ghostface Killah – irritierenden Titel IV klingt schließlich wie ein Roadmovie der Kategorie C bis D aus nostalgischer Zeit, als man sie mit Koteletten und Kippe im Gesicht noch gänzlich sorglos entlangfuhr. Wenn Leland Whittys Saxofon in Speaking Gently dabei über die psychedelisch flatternden Keyboards von Matthew Tavares weht, wähnt man sich demnach in den Straßen von San Franzisco, die Ära des knallbunten Cool ohne Gewissensbisse, dafür mit viel selbstgerechter Grandezza und fantastischem Sound. Großartig.

BadBadNotGood – IV (Innovative Leisure)

Hype der Woche

TT16-SnoopSnoop Dogg

Von Gewissensbissen weiter entfernt als Michael Douglas vom Kino seines Vaters ist Calvin Cordozar Broadus Jr., der sich auch 23 Jahre nach dem Durchbruch weigert, nur ein einziges Zeichen der Zeit zu hören. Nach Kurztrips in Reggae und Funk ist Snoop Dogg zum Hip-Hop zurückgekehrt und ehrlich: ist echt egal. Egal, was der Mittvierziger anpackt – es verkauft sich eh. Egal auch, welcher Großproduzent von Timbaland über Just Blaze bis Nottz, Daz, Swizz Beatz gebucht ist – alles klingt wie Hip-Hop klingt, wenn er nicht dem Herzen, sondern Kalkül entspringt: Bis ins kleinste Detail perfektioniert, oft seelenlos. Man könnte es für würdelos halten, wenn sich ein faltenfrei gereiftes Fossil der Generation MTV im Video zum Kiffersong Kush Ups vorm Flügeltüren-BMW zwischen die Wackelärsche halb so alter Hotpant-Chicks stellt und das gleiche Bitches-Niggaz-Weed-Zeugs faselt wie einst, als so was wowowo war; solang es ökonomisch funktioniert – so what?! Oder sind die 20 Tracks auf Coolaid (Ca$h Machine Records) etwa ironisch gemeint, also reifer als Snoop Dogg sich gibt? Ein extrabitchniggaweedfettes Egal obendrauf!


Ronald Zehrfeld: Regierookies & Dominik Graf

9903455_8dece0603dd181a150742a70e7253f4f_1280re0Ich bin Teamplayer

Roland Zehrfeld (Foto: BR) zählt zu den Großen des hiesigen Films, gebucht von noch größeren Regisseuren, allen voran Dominik Graf. Im ARD-Debüt Finsterworld (noch verfügbar in der Mediathek) jedoch spielt der Berliner in Frauke Finsterwalders erstem Langfilm. Warum? Ein Gespräch über junge Filmemacher, autoritäre Kollegen und den Zauber des Teamworks.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Ronald Zehrfeld, sind Sie am Set eigentlich eher Herdentier oder Leithammel?

Ronald Zehrfeld: Weder noch. Dafür finde ich es viel zu spannend, wenn alle zusammen mit ihrer ganzen Vorstellungskraft auf eine Reise gehen, an deren Kommunikation man sich reiben, aber auch wachsen kann. Leithammel und Herdentiere machen das eher langweilig und unergiebig. Ich bin Teamplayer.

Hatten Sie schon Regisseure, bei denen das Teamplay nicht funktioniert hat?

Natürlich, aber nur eine Handvoll. Ich will es auch gar nicht verurteilen, wenn jemand einen eher autoritären Ansatz hat; in meiner Biografie kamen halt nur die interessanteren Filme dabei heraus, wenn es demokratisch zuging.

Ist das Autoritäre eine Angewohnheit renommierter Regisseure, die glauben, aus Erfahrung keine Ratschläge mehr zu brauchen?

Ach, jeder verliebt sich auf seinem Weg doch in eine Arbeitsweise, die ihm liegt und Erfolge bringt. Deswegen ist es am schlimmsten, wenn Regisseure gar keinen Weg haben, beide Methoden also ins Leere laufen. Mangels Erfahrung ist es bei Jüngeren dagegen oft so, dass sie aufs Team geschult sind und sich hinterher manchmal fragen, ob nicht mehr Einflussnahme besser gewesen wäre.

Wie war es bei Frauke Finsterwalder, die mit Ihnen ihren ersten Langfilm gedreht hat?

Sie hatte klare Vorstellungen, ein offenes Ohr, vor allem aber Mut zur Veränderung. Es gab zum Beispiel einen Drehtag, dessen Ergebnis allen gelungen erschien, bis Sandra Hüller und ich eine Idee hatten, es doch zu verbessern. Da hat Frauke nach dem Mittagessen gesagt, wir machen das Ganze noch mal – und es war toll! Frauke weiß genau, was sie will, ist aber flexibel genug, es immer wieder infrage zu stellen.

Kannten Sie sie eigentlich vorher schon?

Nur dem Namen nach, aber vor allem in Kombination mit ihrem Mann Christian Kracht, der ja auch das Buch mitgeschrieben hat.

Achten Sie bei einem Drehbuch darauf, wer es verfasst hat?

Grundsätzlich drücke ich bei jedem Buch auf meinem Tisch die Reset-Taste und beginne vorbehaltlos zu lesen. Es ist natürlich schwer zu ignorieren, ob man den Autor kennt, gar Bücher von ihm verfilmt hat; aber von diesem hier war ich unabhängig von Christian Krachts Beitrag sofort begeistert und interessiert. Ich wollte Frauke unbedingt sofort kennenlernen und erfahren, wie sie das umsetzen will. Und als ich dann später erfahren habe, wer da noch alles mitmacht, Sandra Hüller vor allem, Michael Maertens, gab es keinen Zweifel mehr für mich.

Sie haben zuvor bereits unter Regiestars wie Christian Petzold, Lars Kraume, Matthias Glasner gedreht und zählen zum Stammpersonal von Dominik Graf – worin unterscheidet sich da die Arbeit einer Anfängerin wie Frauke Finsterwalder?

Ich würde es nicht über Unterschiede, sondern Gemeinsamkeiten beantworten: Was gute Regisseure gleich welcher Erfahrung eint, sind Fragen wie: brennen die für den Film? Leuchten ihre Augen? Sind sie gut vorbereitet? Wir groß sind Offenheit, Mut, cineastische Lust? Wer all das über die Jahre bewahrt, als wäre er frisch dabei, zählt für mich zu den ganz Großen.

Woran hat man es darüber hinaus dennoch gemerkt, dass Frauke Finsterwalder unerfahren ist?

Das äußert sich natürlich an der einen oder anderen Unsicherheit im Umgang mit Schauspielern, wo man sich vielleicht manchmal fragt, sag ich jetzt etwas oder lasse ich ihn spielen und gebe ihm Raum. Umso schöner ist es, wenn das Team dann zusammenrückt, um gemeinsam Lösungen zu finden, die den Erfahrungshorizont aller erweitern. Deshalb weiß ich genau: Frauke wird ihren Weg machen.

Wobei ihr Debütfilm eher klassisches Autorenkino ist, während die Zukunft von Film und Fernsehen angeblich doch im Writersroom liegt, mit diversen Schreibern und Regisseuren. Was bevorzugen Sie?

Das lässt sich schwer verallgemeinern. Aber ich schätze es sehr, wenn alle Beteiligten an der Entwicklung eines Stoffes mitwirken können und dafür auch die nötige Zeit bekommen. Das ist unter den aktuellen Produktionsbedingungen zwar immer schwieriger, aber besonders die großen Serien zeigen ja, dass wieder mehr in die Breite geplant wird, hin zu komplexen Stoffen mit viel Fantasie und Aufwand. Auch in der totalen Demokratie muss zwar irgendjemand am Ende Entscheidungen treffen, aber Vielschichtigkeit gibt’s selten im Alleingang. Fraukes Film mag also ein Stück Autorenkino sein; im Ergebnis ist es Gemeinschafsarbeit.

Wo ordnen Sie die in ihrer langen Filmliste ein?

Ganz weit oben, definitiv. Der Film ist ein absolutes Geschenk. Ich wünsche mir mehr Mut der Verantwortlichen, so was zu realisieren; und der ist auch da, das spüre ich. Es gibt zwar immer wieder Redakteure, die sich wegen des Bildungsauftrags beschweren, wenn mal einer im Auto nicht angeschnallt ist oder so. Aber es geht um die Realität, wie sie ist, nicht wie sie sein sollte. Leben ist nie schwarzweiß und Film kann das zeigen. Dieser hier auf jeden Fall!

 

INFO Zehrfeld

Wäre die Mauer nicht gefallen, Roland Zehrfeld hätte es vielleicht zum Judo-Olympiasieger gebracht. 1989 jedoch brach die Sportkarriere des zwölfjährigen Ostberliners ab und er wandte sich nach Zivildienst, Germanistikstudium und einem Theaterworkshop der Schauspielerei zu. Nach seiner Entdeckung durch Peter Zadek blieb er der Bühne lange treu, bis Dominik Graf ihn vor die Kamera holte, wo er im Mauerbau-Drama Der Rote Kakadu 2006 seinen Durchbruch feierte. Auch danach drehte er viel mit seinem Lieblingsregisseur, etwa dessen Serie Im Angesicht des Verbrechens. Zuletzt gewann Zehrfeld für seine Rolle als Staatsanwalt in Der Staat gegen Fritz Bauer den Deutschen Fernsehpreis als bester Nebendarsteller. Der Vater einer Tochter lebt in Berlin.


Programmpräsentationen & Finsterwälder

TVDie Gebrauchtwoche

11. – 17. Juli

Weil wir zur Nachrichtenlage zwischen Putsch, Terror und Rassismus hier jetzt auch nichts Erhellendes beitragen könne: on statistics! Das Dortmunder Medienforschungsinstitut Formatt, vermutlich eher Experten als Publikum bekannt, brachte es vorige Woche auf den Punkt: im Studienzeitraum 2014 wurden mit rund 117.000 Minuten Fernsehprogramm etwa 33.000 weniger produziert als im Jahr zuvor. Weil zugleich weit mehr kostengünstige Unterhaltungsformate hergestellt wurden als Serien und Filme, sank der Anteil fiktionaler Formate erstmals unter 20 Prozent. Nun sagen Zahlen allein noch nichts über Inhalte aus; wer aber am Mittwoch in den Genuss der Programmpräsentation von ProSiebenSat1 kam, wo das saisonale Angebot wie jedes Jahr um diese Zeit in Hamburg mit Köstlichkeiten vom Grill und PR-Personal auf halsbrecherischen Highheels serviert wurde, dem dröhnte all die Theorie plötzlich sehr praktisch in Auge, Ohr und Nase.

Auf den sechs Kanälen der kommerziellen Sendergruppe gibt es bis tief in den Winter hinein vor allem dreierlei: viel Lärm um wenig, vorwiegend billige Dokusoaps mit erniedrigungsbereiten Protagonisten und einen Blockbusterplatzregen, der nur bei abgeschaltetem Ton kollektivem Tinnitus vorbeugt. Simone Thomalla begutachtet Tattoos, Jack the Ripper rippt auf Deutsch, Foodtrucks ergänzen die Showküchen, das Herzblatt kehrt zurück, Promis spielen Darts, FBI-Agenten gibt’s ausschließlich vom Laufsteg und damit all das nicht durch lästige Realität gestört wird, lagert Kabel1 Informationen an einen Doku-Kanal aus.

Schöne neue Fernsehwelt. In der für Debütfilme mit Niveau dummerweise nur die billigen, also abseitigen Plätze zur Verfügung stehen.

POCUTF8_18172880743_Original_DaccordDie Frischwoche

18. – 24. Juli

Dass Frauke Finsterwalders fabelhaftes Erstlingswerk Finsterworld Dienstagnacht um 23 Uhr im Ersten läuft, ist nicht nur respektlos, sondern angesichts der hinreißenden Kreativität des Episodenmosaiks schlicht Blödsinn. Corinna Harfouch und Bernhard Schütz spielen darin zwei Yuppies, die im protzigen Mietwagen ihre Großartigkeit feiern, während der verwöhnte Sohn auf Studienreise ins KZ die Existenz seines idealistischen Lehrers (Christoph Bach) zerstört, derweil Sandra Hüller als Sachfilmerin daran scheitert, die Realität der Unterschicht abzubilden und die ihres Mannes (Roland Zehrfeld) hinzunehmen, der seine Polizeiuniform gern mit Plüschtierkostümen tauscht. Wenn Fußpfleger Michael Maertens seiner Angebeteten dann noch Kekse aus Hornhaut backt und ein Einsiedler wahllos auf Autos schießt, wirkt das lose montiert, skizziert aber die Verlorenheit unserer Gesellschaft, wie es nie zuvor jemand wagte. Was für ein Debüt!

Apropos: Kurz vorm 1000. Tatort feiert der SWR die Reihe ab Mittwoch mit einer nostalgisch schönen Rückschau auf die ersten Fälle aktueller Ermittler (und dem pensionierten Wein-Junkie Bienzle). Angefangen mit Lena Odenthal 1989 geht die Zeitreise vom Bodensee über Köln, Hannover, Münster nach München weiter zu Lannert/Bootz nach Stuttgart. Die wahren Krimis aber spielen sich bekanntlich ohnehin in der Realität ab. Das zeigt der morgige Arte-Schwerpunkt zum Thema Geheimdienst eindrücklich. Angefangen mit der Doku Schattenwelt BND und einer über die Nazi-Verstrickung in selbigem danach, zeigt der Kulturkanal fünf Stunden lang, wie wichtig es ist, staatlicher Fürsorge gegenüber stets wachsam zu sein.

Einer, für den das fast zeitlebens galt, heißt Gregor Gysi. Die Angriffslust seiner Gegner hatte aber natürlich auch mit dem streitbaren Geist des Linken-Politikers zu tun, der bis heute reichlich Angriffspunkte für alle bietet und somit die ideale Projektionsfläche für Persiflagen. Zum Auftakt der neuen Runde von Kessler ist… schlüpft der Verwandlungskünstler Michael K. in Gysi hinein und befragt sich am Ende gewissermaßen selbst, was auch auf besserem Sendeplatz (Donnerstag, 23.15 Uhr, ZDF) ungebrochen erhellend ist. Das ist gewissermaßen auch die Sportpolitik des gleichen Senders. Ein irrelevantes Testspiel der Bayern gegen das Milliardärsspielzeug Manchester City am Mittwoch live zu zeigen und beiden Clubs die Taschen somit immer weiter und weiter und weiter zu füllen, ist nichts weiter als illegitimes Product Placement im Dienste der eigenen Champions-League-Rechte. Lausig, lausiger, ZDF.

Von derart berechnender Kommerzialisierung kann eigentlich nur noch The Substance ablenken, der 3sat im heutigen Dokutipp (22.25 Uhr) nachspürt: LSD. Wobei es die Erfindung des Schweizer Chemikers Albert Hofmann anfangs sogar besser mit seinen Nutzern meinte als das ZDF zuweilen mit den seinen. Die schwarzweiße Wiederholung der Woche von 1957 ist übrigens nur 14 Jahre älter als Hofmanns Halluzinogen: Antonionis neorealistisches Meisterwerk Der Schrei (Mi, 1.55, ARD) macht aus dem ziellosen Herumirren eines verlassenen Italieners eine Art Kammerspiel im öffentlichen Raum.

Gleich um die Ecke spielt die Farbempfehlung Der Göttliche (Montag, 23.25 Uhr, WDR). Sie zeichnete 2008 ein groteskes, aber präzises Porträt des siebenmaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, dessen Mafiakontakte in ihrer Offensichtlichkeit sprachlos machen. So wie Benedict Cuberbatchs Durchbruch aus dem Jahr 2004, als der spätere Sherlock in Die Suche nach dem Anfang der Zeit (Dienstag, 20.15 Uhr, ServusTV), den jungen Steven Hawking an der Grenze zur Brillanz verkörperte.


Frahm, Nonkeen, Lisbeth, Avalanches

von-wegen-lisbeth-grande-cover1Von wegen Lisbeth

Aus einer Stadt zu kommen, die Ravensburg heißt, meint eine Band die offenbar aus Ravensburg kommt, sei gar nicht so schlimm. Schließlich sorge schon das Herz des Stadtnamens Ravensburg für Anziehungskraft: Raven. Nun haben Von wegen Lisbeth wirklich nicht das Geringste mit dem technoiden Bezug des Wortes am Hut. Aber wenn grundsätzlich analoge Popmusik je die enthemmte Ausgelassenheit berauschter Raves im Wesenskern trug – dann diese. Grande heißt das Debüt der fünf zuckersüßen Hauptstädter (die zumindest dauernd Berlin im Text erwähnen), und dieser Titel ist angesichts der hinreißenden kleinstädtischen Großstadtpoesie zu bisweilen größenwahnsinnigen Arrangements voll überfrachteter Bläsersequenzen, Atariflächen, Steeldrums, gar einer E-Harfe und auch sonst übergroßem Gehabe absolut angemessen.

Schon das Eröffnungsstück mischt Metropole und Provinz mit so grandioser Nonchalance, dass man darauf glatt eine Ravensberliner Schule bauen könnte. “Schlaf auf jedem Klo mit jedem Typen den du willst”, singt Matthias Rohde da mit seiner aufgeweckten Stimme im sedierten Superpunk-Stiel, wähl’ die AfD, geh boxen, sei ein Arsch, “mach, was du willst, aber bring nie wieder deine neuen Freunde in meine  Kneipe”. Stimmt, geht gar nicht, Fremde in meinem Terrarium und dann noch welche, den endemischen Arten wir meiner nicht passen. Diese windschiefe Geradlinigkeit urbaner Existenzen bringen Wir sind Lisbeth fast so toll auf den Punkt wie Ja, Panik und Bernd Begemann. Mit einem Sound, der zu fast jedem Zeitpunkt Spaß bereitet, ohne beliebig zu sein, voller Preziosen wie “Ich hab 99 Probleme und du bist jedes davon”. Herrlich!

Von wegen Lisbeth – Grande (Columbia)

DownloadWoodkid & Nils Frahm

Das Dilemma aller Pianisten überall ist: Wenn sie nicht gerade Stilettos zum Minikleid tragen wie Yuja Wang, selbstverliebte Rampensäue sind wie Lang Lang oder Kölner Konzerte geben wie Keith Jarrett, führen viele ein Dasein im Schatten großer Meister. Da die Klassikbranche nun ohnehin nicht für Innovationsfreude bekannt ist, haben es neue Arrangements ohnehin schwer. Es sei denn, man geht sie so feinfühlig, so wuchtig an wie Nils Frahm. In zwei Dutzend Platten und Kollaborationen hat der Hamburger seine Klaviertöne mit moderner Technik zu einer Art zeitgenössischem Traditionalismus verdichtet, der die Grenzen von U und E auflöst.

Nun vertont er an der Seite des interdisziplinären Superpatheten Woodkid einen Kurzfilm über New Yorks frühere Flüchtlingsschleuse Ellis Island. Wo will dieses raunende Klangkonvolut aus tropfendem Klavier, flächigen Synths und Robert De Niros Off-Stimme hin, wo kommt es her, was ist das überhaupt? Seine Antwort: Ellis will weder Soundtrack sein noch Album, sondern vertontes Empfinden dessen, was menschlich ist in unmenschlicher Lage – also weniger Musik als Dasein. Ellis erklingt nicht, Ellis lebt. Und zwar so, dass es der Bilder dazu kaum bedarf. Eindrücklicher ist selten jemand aus dem Schatten anderer getreten.

Woodkid & Nils Frahm – Ellis (Erased Tapes)

nonkeenNonkeen

Wobei man dazu dringend erwähnen muss, dass wohl kaum jemand eifriger aus seinem eigenen Schatten springt als eben dieser Nils Frahm. So oft variiert der Mittdreißiger seine Mischung aus Klassik und Moderne, dass man mittlerweile den Klappentext fast jeder Platte jenseits von Speed Metal einmal kurz durchlesen sollte, um auszuschließen, dass er nicht doch irgendwie seine Finger darin hat. Erst im Frühjahr kam ja das Resultat einer richtigen Band namens Nonkeen auf den Markt, die Frahm kurz zuvor an der Seite seiner Freunde Frederic Gmeiner und Sepp Singwald gegründet hatte, mit ersterem am echten Bass und letzterem am wahrhaftigen Schlagzeug.

Und irgendwie scheint das eingespielte Repertoire aus jazzigem Postrock und psychedelischer Electronica vom Februar 2016 einiges an verwertbarem Überfluss kreiert zu haben. Denn kein halbes Jahr später legt das Trio bereits den Nachfolger von Oddments vor, ergänzt um …Of The Gamble. Es ist wie der Vorgänger ein irritierendes Werk experimenteller Rock-Dekonstruktion, in dem man ständig auf der Suche nach Struktur und Ordnung ist. Wer sich jedoch hoffnungsfroh an wirren Tonkaskaden wie kassettenkarussell vorbeischlängelt, stößt auf taktsichere Synthieflächen wie diving plattform oder Krautreminiszenzen à la glow, die einfach ungeheuer angenehm reinlaufen ins Ohr. Schattensprungmusik vom Feinsten.

Nonkeen – Oddments Of The Gamble (R&S Records)

Hype der Woche

Wildflower_Avalanches_cover_artThe Avalanches

16 Jahre sind eine Ewigkeit. Vor 16 Jahren hatten Rechner Bildschirme in Quadratform, Handys Tasten zum Telefonieren und Musikfans Regale voll Tonträger aus silbrigem Plastik oder einem seltsam schwarzen Zeug, das zu Knistern begann, wenn man es so oft benutzte wie The Avalanche. Zum Start des Millenniums veredelten die Australier einen Stil, der schon damals überholt war wie Postkarten: Turntableism. Aus 3500 Vinylsamples bastelten Robbie Chater, James Dela Cruz und Tony Diblasi seinerzeit ein Debüt, dessen Welterfolg Jägern und Sammlern der dritten Vinylgeneration von C2D bis Birdy Nam Nam die Wege ebnete. Zwei digitale Revolutionen später kehren The Avalanche nun mit gleicher Technik zurück, und selten hat eine Band länger fürs zweite Album gebraucht, selten klang es mehr wie zuvor, selten war das egaler. Denn wenn das Rapduo Camp Lo nun Honey Cones Philly-Hit Want Ads in Because I’m Me mit Big Beat anfettet und Frankie Sinatra durch schwarzweißen Calypso und bekifften Hip-Hop zur Synthie-Oper wird, vibriert jede Faser im Leib – so unterhaltsam, kreativ, so sprudelnd ist Wildflower. Alles schon da gewesen? Kein Problem! Nachdem die 90er grad mit Blumenleggings und Eurodance recycelt werden, stehen die 00er ohnehin in den Startlöchern. Mit The Avalanche an der Spitze.

http://www.vevo.com/watch/the-avalanches/Frankie-Sinatra/AUUV71600088