Aiman Abdallah: Unterhaltungsernst & Galileo

profile-ezone-teaser300x348Mit Spaß lernt sich’s besser

Mit frischen Hipster-Reportern wie Thilo Mischke und schwiegermüttertauglichen wie Stefan Gödde wagt sich ProSieben gerade erstmals in die Problemzonen der Welt. Den Weg vom spaß- zum erkenntnisdurstigen Plastikkanal hat aber ein anderer bereitet: Aiman Abdallah (Foto@Pro7), dessen Dauerbrenner Galileo nun volljährig ist. Ein Gespräch über Verantwortung im Infotainment, Politik bei den Privaten und Abdallahs Migrationshintergrund.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Abdallah, nach fast 4000 Sendungen plus Specials und Spin-Offs – gehen Galileo mit der Volljährigkeit irgendwann die Themen aus?
Aiman Abdallah: Dafür ist die Welt zu vielfältig und unsere Neugier zu groß, um alle Fragen je gestellt, geschweige denn beantwortet zu haben. Allerdings gehen wir ähnliche Fragestellungen im Laufe der Jahre immer wieder mit neuen Schwerpunkten und Techniken an.
Beschränkend könnte wirken, dass die Themen der Info- und Wissenschaftsformate von ProSieben besonders visuell sein müssen, also dramaturgisch gut aufzukochen?

Zu Beginn stand es tatsächlich im Vordergrund, was sich wie visualisieren lässt. Weil unsere Möglichkeiten da aber auch personell enorm gewachsen sind, gibt es kaum Themen, mit denen das nicht machbar ist. Aber es ist auf diesem Sendeplatz in der Tat wichtig, dass Information und Entertainment in einem guten Verhältnis stehen.

Und da gibt es keine Unwucht in Richtung Unterhaltung?

Es ist immer eine Gratwanderung, aber unterm Strich sollte Gleichgewicht herrschen – und der Erfolg zeigt, dass wir hier richtig liegen.

Auswahl und Aufbereitung vieler Themen erinnern an den Slogan eines Technikkaufhauses: Hauptsache ihr habt Spaß! Gibt es eine Schwelle der Verantwortung, die „Galileo“ mit seinen sorglosen Anleitungen zum Grillen, Rasen, Mann sein unterläuft?

Wir sind uns der Verantwortung sehr bewusst, recherchieren sauber, sorgen journalistisch für Mehrwert, also nicht nur Hauptsache Spaß. Aber ohne geht‘s um diese Urzeit eben auch nicht. Mit Spaß lernt sich‘s besser, sonst wird es schnell Schulunterricht. Mit Spaß kann man den Wissensdurst unser Zuschauer wecken; komplett stillen kann man ihn nicht.

Andererseits strahlt das Format eine Fortschrittsgläubigkeit aus, die angesichts von Umweltzerstörung und Ressourcenknappheit vielfach verstört.

Wir müssen und wollen am Puls der Zuschauer sein. Wenn es sie interessiert, wird ein Thema durchleuchtet; wir können ja nicht am Publikum vorbeisenden. Relevanz bedeutet für uns, nah an den Menschen, ihrem Leben, ihrem Alltag zu sein. Und dazu gehören natürlich auch Themen wie Umweltzerstörung bzw. Ressourcenknappheit – unter anderem während Green Seven 2016: Save the Water.

Politik scheint dennoch eine eher untergeordnete Rolle zu spielen oder?

Tagesaktuell nicht. Wir wollen schon erklären, wie TTIP oder Milchpreise zustande kommen. Und an einem Schwerpunkt zur Türkei oder der interaktiven Doku Du bist Kanzler kann man sehen, dass Politik für uns eine Rolle spielt.

Gilt das auch für politisch heikle Themen wie Flüchtlingskrise und Pegida?

Zu Beginn der Flüchtlingskrise hatten wir einen Reporter vor Ort, der die Wege der Flüchtlinge nachverfolgt hat. Und zur AfD haben wir das Parteiprogramm unter die Lupe genommen.

Zumal Alexander Gauland einen Deutschen mit ausländischen Wurzeln wie Sie nicht als Nachbar will.

(Lächelt süffisant) Wer einen Boateng nicht als Nachbar will, will auch keinen Abdallah, aber gottseidank denkt ein Großteil der Menschen da anders.

Spielt ihre Herkunft im Alltag nach so langer Zeit vor der Kamera noch eine Rolle?

Ich wünsche mir natürlich, dass sie keine spielt, und danach lebe ich auch. Schließlich sollte man Menschen nach ihrem Charakter und ihrer Persönlichkeit beurteilen, nicht nach Hautfarbe oder Religion.

Ist das Wunschdenken oder die Realität?

Es ist so real, dass ich manchmal überrascht bin, wenn mich jemand wie Sie jetzt auf meinen Migrationshintergrund anspricht. Das es in meinem Arbeitsumfeld und Freundeskreis keine Rolle spielt, ist jedenfalls kein Wunschdenken. Ich wünsche mir für noch viel mehr Menschen als mich, dass das auch in deren Alltag Realität wird.

Als Sie Ende der Neunziger Galileo moderiert haben, waren Moderatoren mit dem ominösen „Migrationshintergrund“ eine absolute Ausnahme. Wäre das auch bei einem anderen Sender als ProSieben gegangen?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Sender mich wegen des überzeugenden Castings, nicht meiner Biografie wegen genommen hat. Aber was Weltoffenheit und Toleranz betrifft, war ProSieben schon immer ein Vorreiter.

Andererseits wird ihm seit jeher ein gewisser Unernst vorgeworfen.

Wissen Sie, es gibt nichts Schöneres als die Begeisterungsfähigkeit der eigenen Kinder, dieses Funkeln in den Augen, auch bei Erwachsenen zu erzeugen. Wenn wir ein Stück dieser Sehnsucht nach Leichtigkeit stillen, sind wir einen großen Schritt weiter. Nennen Sie den Unernst doch einfach einen positiven Blick in die Welt.

Werfen Sie den als Zuschauer mit oder bevorzugen Sie privat Arte?

Ich sehe vieles überall, oft mit dem professionellen Auge. Und als Serienfan streame ich einiges im Netz, bin aber auch bei ProSieben sehr gut aufgehoben.

Wie lange werden Sie das denn als Moderator nach bald 20 Jahren noch sein?

Über „Galileo“ hinaus mache ich auch Formate wie Big Pictures am Samstagabend, das ist der Traum jedes Fernsehmoderators, die Königsdisziplin. Ich bin also sehr dankbar für all die Möglichkeiten, mich auszuprobieren. Da frage ich mich: „Wenn ich hier alles machen kann, was ich machen will, was soll ich dann woanders?“

Gab es je Anfragen von der Konkurrenz, womöglich gar der öffentlich-rechtlichen?

Das möchte ich nicht vertiefen, bin aber bei ProSieben in diesem Genre sehr glücklich. Als ich 1998 zum Sender kam, stand er für Serien und Blockbuster; ich durfte da ein völlig neues Gebiet aufbauen. Wenn Leute um die 30 auf mich zukommen und sagen, ich hätte sie ihr Leben lang begleitet, macht mich das unglaublich stolz.

Gab es in Ihrem Leben eine lineare Entwicklung hin zum Moderator von Wissensfernsehen auf ProSieben?

Ja, das hat aber nichts mit dem Chemie- oder Physikunterricht in der Schule zu tun, sondern mit einer gewissen Neugier, die auch alle anderen Mitarbeiter von Galileo haben müssen.

Wollten sie die mal mit einem Thema befriedigen, das vom Sender unerwünscht war?

Da fällt mir spontan nichts ein.


EM-Fragen & Nazi-Spiele

TVDie Gebrauchtwoche

4. – 10. Juli

So, nach vier Wochen Fußballdruckbetankung mit 30 Millionen Zuschauern des französisch-deutschen Halbfinales und gut halb so viele bei Wales gegen Portugal können wir nun endlich wieder zur Tagesordnung übergehen. Für Suchtopfer hält sie zwar zunächst einen Wochenbeginn auf Entzug bereit. Um ihnen zumindest theoretisch ein bisschen Stoff nachzureichen, passen wir an dieser Stelle aber noch kurz vier Fragen abseits vom grünen Rasen in den freien Raum, deren Antworten die Faszination des Fußballs etwas klarer machen würde: Wieso lassen sich all die schicken, coolen, berlinmittigen Hipster-Models, die im Werbefernsehen andauernd mit Deutschlandtrikot ausrasten, nie zwischen den nicht ganz so schicken, coolen, berlinmittigen Durchschnittsbesuchern realer Fan-Feste blicken? Weshalb klingen sämtliche WM- und EM-Songs stets, als säße Xavier Naidoo mit Magenkrämpfen auf Peter Maffays Klo? Warum sehen die Bolzplatzkicker*innen im Respect-Spot der Uefa aus wie Sexroboter? Und war die Bandenreklame für Aserbaidschans Tyrannei eigentlich bereits ein PR-Feldzug für die Ausrichtung 2024 oder nur ernstgemeinte Produktinformation?

Das wäre doch mal ein Debatten-Thema, mit dem die Bild-Zeitung ausnahmsweise seriös Aufmerksamkeit erzielen könnte, statt ewig nur mit ihrer Mixtur aus Boulevard und Eigenlob, die das Springer-Blatt gerade abermals auf den zweiten Platz der meistzitierten Zeitungen im Land gerüpelt hat. Nur, dass Kai Diekmann die Originalbaupläne des Vernichtungslagers Auschwitz illegal außer Landes bringen ließ, hat sein Blatt gewiss nur zu erwähnen vergessen…

Erwähnenswert wäre noch die sensationelle Neuigkeit aus dem WDR-Rundfunkrat, dass die unendliche Geschichte, pardon: Lindenstraße um zwei weitere Jahre bis 2019 fortgesetzt wird. Auch nach den Staffeln 33 und 34 ist ein Ende allerdings außer Sicht. Es geht einfach immer und immer und immer weiter. So wie es eben einfach immer und immer und immer weitergeht mit dem TV-Dauerbrenner Nationalsozialismus.

1_Traum_von_Olympia_1936Die Frischwoche

11. – 17. Juli

Wer nun glaubt, die Themen könnten da ausgehen, kann sich am Samstag zur besten Sendezeit davon überzeugen, wie viel Stoff noch unerzählt ist. Der Traum von Olympia mag zwar ein ausgewalztes Feld beackern. Florian Hubers Dokudrama über Die Nazi-Spiele von 1936 jedoch wählt einen echt eigentümlichen Ansatz zur Illustration der NS-Propagandashow.

Mit Wolfgang Fürstner und Gretel Bergmann porträtiert er darin den linientreuen Chef des Olympischen Dorfes und die jüdische Weltklassehochspringerin, die beide am Rassewahn der Nazis zerbrechen – was für ersteren im Freitod endet, weshalb ihn letztere um mittlerweile 80 Jahre überlebt hat. Und das Archivmaterial zu den angenehm dezenten Spielszenen ist vor allem dann umwerfend, wenn etwa eine Ansagerin „alle Volksgenossen und Volksgenossinnen in den Fernsehstuben Großberlins mit dem deutschen Gruß“ begrüßt, während die Jugend der Welt ringsum feiert, als seien die Nazis ja eigentlich doch ganz okay. Die seifige Bruttigkeit des Genres vermieden, mit Wahrhaftigkeit überrascht – so darf der Nationalsozialismus gern TV-Thema bleiben. Immer und immer und immer wieder.

Derweil testet das Programm zwischen EM und Olympia kurz ein paar mehr oder minder innovative Erstausstrahlungen. ProSieben etwa schickt Thilo Mischke ohne journalistisches Handwerkszeug, aber mit lässigen Sneakers montags um 22.15 Uhr unter Ganoven wie japanische Mafiosi, die er dem Titel nach Uncovered, tatsächlich aber nur mit maximalem Thrill und verstörender Naivität vorführt. Arte startet Sonntag um 21.45 Uhr seinen jährlichen Summer of … diesmal Scandals. Zum Auftakt mit der italienischen Pornopolitikerin Cicciolina, die Anfang der 90er den Boulevard mit viel nackter Haut zum Sabbern brachte.

Noch weiter zurück in der Zeit reist die Mystery-Serie Stranger Things um ein vermisstes Kind im Jahr 1983, das Netflix am Freitag mit der immer noch hinreißenden Winona Ryder streamt. Tags zuvor startet der britische Achtteiler No Offense mit gleich drei ruppigen Ermittlerinnen im robusten Manchester auf ZDFneo. Das Nischenhighlight aber läuft heute im ZDF: Um 23.50 Uhr erzählt Cem Kayas Doku Remake, Remix, Ripp-Off die bizarre Story des türkischen Kinos der 60er und 70er. Unterm Namen Yeşilçam wuchs es seinerzeit mit Billigkopien bekannter Formate von Enterprise bis Supermann zur weltweit bedeutenden Filmindustrie – deren knisternde Dilettantismus heute fast ebenso erstaunt wie die Blüten des US-Präsidentschaftswahlkampfs, dem Arte Dienstag ab acht einen Themenabend widmet.

Und sonst? Gibt‘s feine Wiederholungen der Woche! Samstag zum Beispiel Ridley Scotts stilbildendes Roadmovie Thelma und Louise anno ‘91 mit Susan Sarandon und Geena Davis auf der Flucht und einem gewissen Brad Pitt in einer sexy Nebenrolle. Mittwoch zuvor (23.30 Uhr, BR) ist Martin McDonaghs Gangstergroteske Brügge sehen… und sterben? mit Colin Farrell als depressivem Killer auf der Abschussliste zu empfehlen. Schwarzweiß brilliert John Wayne heute (23.30 Uhr, NDR) als Siedlerschutz im Finale von Glen Fords legendärer Kavallerie-Trilogie Rio Grande von 1950. Und dokumentarisch ratsam: Guns N’Roses, das Bandporträt der gefährlichsten Band der Welt, Sonntag, 20.15 Uhr, auf Arte, mehr aber noch die famose Punkwurzelbehandlung Keine Atempause über die Ursprünge des deutschen Punk im Ratinger Hof, heute im WDR (23.50 Uhr).


Fufanu, Júniús Meyvant, Sarathy Korwar

TT16-JuniusJúniús Meyvant

Wie begeisterungsfähig Nordeuropäer wider alle Klischees sein können, erschließt sich nicht nur vorurteilsbehafteten Südeuropäern zurzeit ganz gut in Frankreichs Stadien. Je weiter man das Mittelmeer hinter sich lässt, desto ekstatischer werden die Leute. Welcher Sound für, sagen wir: Island steht, hätte man jedoch auch nach dem euphorischen EM-Auftritt der Eingeborenen mit Dreampop, Ambient, Electronica beantwortet. Zugeknöpftes Zeugs also. Aber Funk? Aldrei! würden da selbst Betroffene verneinen. Bis auf Júniús Meyvant. Der hat ihn ja, den Funk, wie sein Debütalbum Floating Harmonies belegt. Wobei ihn der junge Skater von den Westmanninseln weniger besitzt, als erobert.

Video: https://www.youtube.com/watch?v=9fyH9M3l2pw&feature=youtu.be

Und welche Wucht das entfaltet, hat der Cockney-Rapper Plan B ebenso gezeigt wie sein deutscher Kollege Jan Delay. Ihr Funk versucht sich gar nicht erst an dessen tief empfundener Innerlichkeit. Er kocht auf mittlerer Flamme gar, bis daraus ein Pop wird, der bei aller Tanzbarkeit zum Denken anregt. Auch der von Meyvant alias Unnar Gísli Sigurdmundsson transponiert das Virile afroamerikanischen Ursprungs eher kopf- als bauchgesteuert in die Mitternachtssonne. Synkopischer Bass, verschwitzte Bläser – alles dabei. Aber ebenso ein Schuss nordischer Reserviertheit, der das Ganze so schön spannend macht.

Júniús Meyvant – Floating Harmonies (Record Records)

TT16-FufanuFufanu

Und um nochmals bei der Atmosphäre zu bleiben, die das winzige Inselreich gerade interkontinental emittiert hat: Das südpolare “Huh” der fußballbegeisterten Massen, also nahezu jedes Insulaners, hallt auch knapp eine Woche nach dem Viertelfinal-Aus gegen Frankreich weiter wie ein Soundtrack europäischer Völkerverständigung durchs Netz. Dass diese liebenswerte Kernigkeit allerdings keine Ausnahme vom wächsernen Minimalismus der örtlichen Popszene zwischen Sigur Rós und Björk ist, zeigt eine richtige Band mit richtigem Sänger zu richtigen Instrumenten, die alles andere als lieblich klingt, ohne dabei allzu kernig daherzukommen. Sie heißt Fufanu und macht eine Art technoiden Noiserock, das jedes beseelte Brüllen ihrer Landsleute zum Wiegenlied macht.

Als Techno-Duo gestartet, haben sich Frontmann Kaktus und sein programmierender Gittarist Guðlaugu zu einem Quintett erweitert, das voriges Jahr ein wenig beachtetes Debütalbum herausgebracht hat – bis Blur-Kopf Damon Albarn seine Liebe zu Fufanu entdeckte, woraufhin sie Radiohead zur Vorgruppe erhob, was die Aufmerksamkeit radikal nach oben trieb. Um dem wachsenden Hype um ihren psychedelisch dräuenden Alternative mit englischer Wave-Stimme gerecht zu werden, gibt die Band eine Deluxe-Edition von Few More Days To Go heraus, das ungeheuer breitwandig klingt, mit raunenden Synths unter der windschiefen Gitarre und einem Schlagzeug, dass den Bass mit überreichlich Becken aus der Tiefe holt. Nicht modern, nicht neu, umso weniger isländisch, aber unentrinnbar energetisch.

Fufanu – Few More Days To Go (One Little Indian)

PrintSarathy Korwar

Energie war auch das alte Antriebsmodul dessen, was einstmals Weltmusik hieß. Eine Art erdverbundener Kraft, so heißt es gern, habe den zum Ethno und entkolonialisierten Sound globaler Bodenständigkeit durchströmt, als entführe er den Genen, nicht den Boxen. Na ja. Aber ein bisschen was ist schon dran am Energiehaushalt irgendwie urwüchsiger Klänge. Etwa, wenn man Sarathy Korwar zuhört. Der Perkussionist aus den USA wuchs in der indischen Heimat seiner Ahnen auf und hat dort jene Traditionals der Sidi eingesogen, die vor 1400 Jahren als Händler über den Subkontinent zogen und dort allerlei tonale Spuren hinterließen, die Korwars Debütalbum nun aufschnappt.

Mit ziemlich coolem Jazz und vielfach treibender Electronica reichert er die historische Sangeskunst zu einer grandiosen Melange globaler Vielfalt an, die gelegentlich ein wenig verstört in ihrer disharmonischen Experimentierfreude, aber immer wieder den Weg zurückfindet in den ordnenden Beat. Und dazwischen flattert immer wieder hitzig ein Saxofon unter die fremdartigen Vocals und wilden Drums, als wolle es die Luft ringsum entzünden. Das macht Day To Day zu einem der ganz großen Geheimnisse des Sommers, irritierend und ergreifend, eine echte Energieleistung des Wahl-Londoners, ob nun ethnisch oder nicht.

Sarathy Korwar – Day To Day (Ninja Tune + Steve Reid Foundation)


Meinung: Rassismus, Brexit & die AfD

It’s the racism, stupid!

Rechtspopulisten müsse man bekämpfen, nicht aber ihre Wähler – so geht das Mantra etablierter Parteien. Bullshit! Wer Rassisten wie die AfD wählt, ist selber einer. Über aggressive Fremdenfeindlichkeit als Antriebswelle reaktionärer Bewegungen, die Großbritannien gerade sehenden Auges in die Rezession treibt.

Von Jan Freitag

Parteiprogramme sind Nachtschattengewächse. Wie AGB und Beipackzettel durchaus von Relevanz für Wahlentscheidungen, führen sie ein Dasein im Halbdunkel politischer Aufmerksamkeit, selbst von der eigenen Klientel kaum gelesen. Warum auch: Schon das Kürzel der SPD signalisiert eine Gerechtigkeit, die der Wähler nicht groß nachblättern muss. Das Christliche der CDU steht stellvertretend für Tradition der Werte. Grüne wie Linke tragen das Wesen gar ausgeschrieben im Titel, während die Alternative für Deutschland ihren Rassismus bereits in der Präambel als…

Moment!

Dass die AfD rassistisch ist, findet sich auf 78 Seiten Parteiagenda ebenso wenig wie „Xenophobie“ oder für Fans leichter verständlich: „Ausländer raus!“ Was vermuten lässt, die vielfach schlechter gebildeten, sozial oft benachteiligten, kulturell abgehängten Wähler würden das Programm ihrer Wahl gar nicht kennen. Warum sonst sollten sie eine Partei wählen, die ihnen Mindestlohn und Kitaplätze nehmen, aber Wehrpflicht und Atomkraft zurückgeben will, die Gleichberechtigung ablehnt, Zwangsarbeit für Arbeitslose fordert und Wirtschaftskompetenz für überflüssig hält?

Eine Antwort gab das Frühjahr 2015. Die frisch gespaltene Wutbürgerinstanz nebst Sächsischer Sturmabteilung drohte im Wahl-Appendix „andere“ aufzugehen. Dann aber kamen die Flüchtlinge und als einige davon auf der Kölner Domplatte wüteten, wuchs die AfD und wuchs und wuchs auch ohne Parteiprogramm. Das gab es seinerzeit ja so wenig wie eine Agenda abseits vom Rassismus, der sich nur halbherzig als Anti-Islamismus tarnte.

Man muss die Ökonomie politischer Ideen also dringend von der Nachfrageseite her denken. Die Dreifaltigkeit der Demokratie rheinischer Prägung mag seit ihrer Zerfaserung in Weimarer Verhältnisse gebetsmühlenartig wiederholen, nicht Wähler von hart links bis härter rechts zu bekämpfen, sondern Gewählte. Tatsache aber ist, dass diese Gewählten zuletzt erst zu solchen wurden, wenn ihr nationalautoritärer Populismus rassistisch zugespitzt wurde.

Als Bernd Lucke den Weckruf 2015 schrieb, kratzte seine Expartei in spe an der Fünfprozenthürde. Manche Fraktion war zerstritten, ihr beflaggter Arm Pegida auf Pilotenstreikgröße verdorrt, die Alternative brauchte eine für sich selbst – und fand sie am Schlagbaum. Je mehr Fremde dort Einlass begehrten, desto mehr Fremdenfeinde wurden laut. Und nicht nur in Sachsen: Vor 13 Monaten wurde Polens moderater Präsident Komorowski trotz aller Stabilität durch Andrzej Duda ersetzt, dessen zusehends faschistoide PiS im Herbst auch den Sejm eroberte. Kurz darauf gewann der Front National Frankreichs Regionalwahlen, während Donald Trump die eigene Konkurrenz auf dem Weg ins Weiße Haus erst pulverisierte, als er Amerika gegen Terroristen und Vergewaltiger einzumauern drohte.

Parallel bescherte das Zerrbild vom blutsunrein gefluteten Inselreich der europafeindlichen Ukip einen Zulauf, dem nun das knappe Votum zum EU-Austritt folgte. Wäre die Türkei EU-Mitglied, hatte Justizminister Michael Gove im Vorfeld geraunt, würden sich „Millionen von Wanderarbeitern hier niederlassen, um unser großzügiges Sozialsystem auszunutzen“. Ein Sozialsystem übrigens, den der Austritt nun stärker gefährdet als jeder Geflohene, was Brexit-Fans ohne manifesten Rechtsextremismus im Gedankengut nun langsam für den Brexitexit entflammt. Für das Gros aber gilt: der Kernbestand sozialer Marktwirtschaft – innerer, äußerer, materieller und militärischer Frieden – wird von den USA über Deutschland bis Russland ethnischer Homogenität (Schweden oder Flamen findet selbst Nigel Farage nahe der eigenen Haustür akzeptabel) untergeordnet. Erstmals seit 1945 ist Abschottung in der parlamentarischen Demokratie selbst dann mehrheitsfähig, wenn sie Wohlstand und Sicherheit senkt.

Während Heinz-Christian Strache, Marie Le Pen oder Geeert Wilders die reaktionäre Hegemonie im Westen dabei noch legitimieren müssen, exekutiert die Rechte um Orban, Putin, Kaczyński ihr pannationales Herrenmenschentum im Osten längst per Ausschluss Andersartiger bis hin zu den Juden – wobei der Rassismus jener zwei Drittel Brexit-Wähler, die den Feminismus ablehnen, eben auf den Mann als Herrscher übers schwache Geschlecht übertragen wird. Das Dressing in diesem dialektischen Ideologiesalat aus verzagter Aggressivität und neoliberalem Protektionismus für kleine Männer mit großem Genom würzt die Propaganda mit: Angst. Angst davor, Fremde im eigenen Land zu sein. Angst vor Volksvernichtung durch Gutmenschen, Lügenpresse, Genderirrsinn. Angst vor Bedeutungsverlust des Patriarchats. Angst vor allem, was anders ist als das, was ist, wie es eben ist, nämlich die Herrschaft des eigenen Blutes über den eigenen Boden.

Umso wichtiger ist es für Parteien wie die AfD, ihren Rassismus nach innen zu hegen, nach außen aber zu chiffrieren. Angst ist was für Objekte, defensiv und abwehrend; ein Rassist agiert offensiv, Tendenz aggressiv, ist im Abwertungsdiskurs also das handelnde Subjekt, im politischen hingegen angreifbar. Um Angst vor Fremden als Steißgeburt eines völkischen Primats zu entlarven, reicht demnach ein Besuch digitaler Foren, in denen sich auch der nazistische Straßenköter Björn Höcke ungeniert als Rassist gefällt. Der Neojunker Alexander Gauland hingegen mag auf seinem inneren Rittergut Hauptschüler jeder Herkunft verachten; nach außen gibt er sich als väterlicher Hüter des Volkswillens.

Den Fremdenhass seiner Kunden (der mangels Vorbehalt gegen, sagen wir: Schweden eher kolonialistischer Art ist), bläst er zur kollektiven Furcht bloß auf, um sie mit Zucht und Ordnung, Hausfrauenehe und Testosteronkult, mit Härte gegen sich wie andere auf Dominanz zu drillen. Das ist populistisches Machtkalkül in Reinform, nur eines ist es selten: überzeugt xenophob. Dafür sind Frauke Petry, Boris Johnson, Norbert Hofer schlicht zu kultiviert. Anders als 15 bis 25 Prozent Wählern in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt, die das Gegenteil glauben (wollen). Weil ihnen die CDU zu human ist und die NPD zu krass, wählen sie eine Art vatikanisch-chinesische Möllemann-DVU und wähnen sich in der Mitte des Schweinesystems.

Dessen Altparteien brauchen also keinen Programmpunkt außer jenem, der verschlüsselt wird, konstruktiv anzugreifen. Die Siegesserie der AfD gepaart mit drei Anschlägen potenzieller Wähler auf Flüchtlingsunterkünfte pro Tag wird eindrücklich vom Leipziger Forschungsprojekt „Mitte in der Krise“ erklärt, das den Zuwachs rassistischer Einstellungen jenseits rechtsextremer Weltbilder belegt. It’s the racism, stupid – alles andere ist AfD-Wählern wie Brexit-Fans ohnehin meist egal. Und was dem Wähler egal ist, ist es auch den Gewählten.


2 Bier – 1 Platte

IMG_4755Fuck Art, Let’s Dance & Red Hot Chili Peppers + Sigur Rós

Noch schwelgen viele in Erinnerungen ans bunt-glitzernde Fusion-Festival, das gestern zu Ende ging. Auch Fuck Art, Let’s Dance waren dort und haben mit ihrem Indiesynthiepop die Menge tanzen lassen. Für ihre experimentierfreudigen Auftritte sind die vier Hamburger mittlerweile über alle Genregrenzen hinweg bekannt. Beim Sonntagsbier am Dienstag im Café May sprechen Nico und Romeo heute über ihre musikalische Inspiration und Vorbilder in Sachen Performance.

Von Marthe Ruddat 

freitagsmedien: In vergangenen Interviews fiel das Gespräch immer wieder auf eine gewisse Rockband, wenn es um Eure musikalische Entwicklung ging. Sprechen wir heute auch über diese Band?

Romeo: Also bei mir geht es da immer um die Red Hot Chili Peppers, falls du die erwartet hast.

Bingo! Welches Album ist dein liebstes?

Romeo: Definitiv die Blood Sugar Sex Magik. Es gibt auch noch viele andere richtig geile Platten von denen, aber die hat mich so richtig geprägt. Und ich glaube auch bei Tim und Damian ist das so. Nico ist da ganz anders.

Nico: Ganz anders!

Blood Sugar Sex Magik, ja, mit K! Das fünfte Studioalbum der Red Hot Chili Peppers ist bis heute ihr kommerziell erfolgreichstes Album. Mit Give it Away und Under The Bridge enthält es zwei immer noch oft gespielte Funkrock-Klassiker.

Ihr seid zusammen zur Schule gegangen und ward eine Gang, aber habt ganz unterschiedliche Musik gehört?

Nico: Nee, wir waren nur zusammen in der Grundschule. Die Jugend habe ich gar nicht mit den anderen verbracht, das zählt also gar nicht so richtig.

Romeo: Genau. Die anderen und ich haben so mit 14 oder 15 angefangen die Peppers zu hören. Mich hat das sofort total geflasht. Die Blood Sugar Sex Magik Marthe-RHCPwar für mich eine ganz neue Musikrichtung. Und dann auch noch diese Live-Auftritte und das Improvisieren auf der Bühne, das war einfach der Shit.

Nico ging also auf eine andere Schule und hörte auch andere Musik?

Nico: Ja schon. Mein Bruder ist bei seinem Vater aufgewachsen und war in dieser Happy-Hardcore-Szene, Terrorcore und so einen Shit hat der gehört. Und sowas hab ich mir mit acht Jahren dann auch reingezogen. Das habe ich zwar lange gehört, aber eigentlich zählt das auch nicht so richtig. Was mich aber so richtig geprägt hat, ist Coldplay.

Oh no…

Nico: Jaja, du lachst! Jeder hasst Coldplay, du hasst Coldplay! Aber ganz ehrlich, als ich mit 14 die erste Coldplay-Platte gehört hab, war das wirklich der Hammer! Die hat mich dazu gebracht, dass ich selber irgendwie Musik machen wollte. Mittlerweile sind die natürlich ziemlich scheiße. Die haben ihre Seele verkauft. Spätestens als die angefangen haben irgendwas mit Justin Bieber zu machen. Die beste Anekdote ist eigentlich noch, dass Chris Martin mal selber die Story erzählt hat, dass David Bowie nicht mit ihm zusammen arbeiten wollte. Kann man irgendwie verstehen…

Coldplay wollten David Bowie tatsächlich mal für ein Feature gewinnen. Wortwörtlich soll er geantwortet haben: „It’s not a very good song, is it?“ Wirklich böse waren Coldplay ihrem Idol aber wohl nicht.

Wählst du als Platte jetzt also das Debut von Coldplay?

Nico: Nee. Also ich bin schon immer sehr exzentrisch gewesen, was Musik angeht. Ich habe schon immer krasses Zeug gehört: japanischen Noise, Avantgarde und alternative Dancemusik. Field recordings sind auch super. Ein Track ist sieben Minuten lang und mit Vogelgezwitscher oder irgendwie so was untermalt. Aber meine Lieblingsplatte, die ich auch rauf und runter höre, die ist von Sigur Rós.

Sigur Rós. Die isländische Band um Sänger und Gitarrist Jón Thór Birgisson ist unmöglich in eine bestimmte Schublade zu stecken. Trotzdem schafften sie es mit Fantasiesprache und fantasievollen Arrangements weltweite Aufmerksamkeit zu erzeugen. David Bowie outete sich als Besucher ihrer Konzerte als Fan.

Marthe-RosNicht wirklich populäre Musik. Du bewegst dich also weiter lieber in ungewöhnlichen Gefilden?

Nico: Ja, wie gesagt, ich habe früher immer diese Sachen gehört und irgendwann bin ich auf die () von Sigur Rós gestoßen .

Das hat also auch was mit deiner Computer-Affinität zu tun. Wie muss ich mir das vorstellen?

Nico: Ich hab da so meine Standardseiten. Die klappere ich immer mal wieder ab und manchmal findet man da wirkliche Schmuckstücke. Zum Beispiel ein paar richtig geile Indierock-LPs von irgendwelchen Japanern. Die würdest du sonst niemals hören und die Band kommt wahrscheinlich auch niemals hier her. Aber so entdeckt man viel und ich habe SigurRós gefunden. Trotzdem ist mein Musikgeschmack sehr breit gefächert. Nur Schlager mag ich nicht.

Manch anderer hat SigurRós vielleicht bei Game of Thrones entdeckt. In der vierten Staffel hatten sie einen Gastauftritt als Musikanten auf der königlichen Hochzeit und spielten eine Version ihres Songs The Rains of Castamere.

Romeo, erinnerst Du dich, wer die Peppers angeschleppt hat?

Nico: Stimmt, wer war bei euch eigentlich so der Erste? Das würde mich auch mal interessieren.

Romeo: Ich glaube, ich habe mit meinem Bruder immer zusammen Musik gehört und irgendwann kam Damian mit der Blood Sugar Sex Magik an. Wir fanden die alle ziemlich geil. Dann haben wir angefangen selber Musik zu machen, indem wir die Platte gecovert haben. Das waren dann so unsere Anfänge als Schülerband.

Das klingt, als hätte die Begeisterung mit dem Erwachsenwerden etwas abgenommen?

Romeo: Ja, die Peppers haben schon etwas an Charme verloren. Was uns immer beeindruckt hat und was uns als Band auch total wichtig ist,ist das, was live passiert. Sich ausprobieren und improvisieren. Und das haben die Peppers ein bisschen verloren.

Hörst Du die Platte denn noch?

Romeo: Ja schon. Aber ich höre heute ganz anders Musik und bastele mir immer neue Playlists. Bei den aktuellen ist sie dann eher nicht dabei. Wenn, dann höre ich sie eher komplett durch. Seitdem wir selber Musik machen ist das aber auch irgendwie anders. Es gibt einfach immer noch viele kleine Dinge zu entdecken, neue Gitarren oder Parts.

Trotzdem kennt die Platte eigentlich jeder. Bei Sigur Rós ist das anders. Nico, wie würdest du die Platte jemandem beschreiben, der sie nicht kennt?

Nico: Hmm, also sie ist sehr ruhig, sehr nachdenklich. Irgendwie ist sie gemütlich. Aber nicht so gemütlich, dass man einpennen will. Da sind so viele Kleinigkeiten drin, die man erst hört, wenn man sie zum zehnten Mal hört.

Um mal auf andere Art und Weise auf dem Kunstding eures Namens rumzureiten: Mit welchen Farben würdest Du die Platte beschreiben?

Nico: Oh, sehr düster! Noch dunkler als grau, grau-schwarz vielleicht. Oder ein düsteres Marineblau. Als wenn du 1000 Meilen unter dem Meer bist und eigentlich gar nichts mehr siehst. Schon echt böse und deprimierend.

Wann kam der Moment, als ihr euch von Vorbildern gelöst habt und den FALD-Stil entwickelt habt?Marthe1

Romeo:Für mich war das dieses New-Wave-Ding. Zu der Zeit hat sich unsere Schülerband aufgelöst und ich habe angefangen mit Nico Musik zu machen. Das war 2005 oder 2006. Ich wollte unbedingt dieses neue Zeug ausprobieren und wusste, dass Nico so etwas macht. Der Rest war irgendwie Schicksal.

Nico: Es gab bei uns wirklich mal einen entscheidenden Punkt. Wir saßen zusammen und haben irgendeinen Digitalism-Kram gemacht. Nach drei Wochen haben wir dann gemerkt, dass das nicht unser Ding ist. Wir sind einfach eine Band! Und dann haben wir Tim ins Boot geholt, später dann Damian und nun sind wir eine richtige Band. Auch wenn bei uns immer viel Elektronik dabei ist, ist uns eine Sache besonders wichtig: viel Rock’n’Roll.

Den Rock’n’Roll von Fuck Art, Let’s Dance kann man in diesem Jahr noch auf zahlreichen Festivals live erleben. Alle Termine und weitere Infos gibt’s auf faldmusic.com.


Filmlandschaft & Feuchtgebiete

TVDie Gebrauchtwoche

27. Juni – 3. Juli

Auch eine Woche danach ist es weiterhin selten, dass irgendwer mit irgendwem über irgendwas kommuniziert, ohne dabei Trauer, Wut oder Freude über den Brexit zu äußern. Sondersendungen sondieren unermüdlich Früh- und Spätfolgen des EU-Austritts. Geschäftliche wie private Mails enden konstant mit „deprimierte Grüße aus der EU-Stadt XY“. Selbst der Boulevard erforscht fleißig, was Europa ohne die Briten künftig fehlt (Popmusik, Amtssprache, Frühstücksbohnen?). Daran konnte auch das EM-Achtelfinale wenig ändern, in dem bis aufs EU-freudige Schottland (das gar nicht erst nach Frankreich reisen durfte) überraschend ganz Großbritannien stand.

Es bleibt also dieser seltsame Phantomschmerz, als sei dem Kontinent ein unersetzlicher Körperteil amputiert worden. Ein Gefühl übrigens, das dem Kummer über Götz Georges Tod auf nationaler Ebene ähnelt. Irgendwie immer schon zugegen, reißt er nach 77 Jahren auf Erden ein Loch in die hiesige Filmlandschaft, das auch gefühlt 250 Wiederholungen seiner Filme von Schimanski über Schtonk bis ins theatralische Spätwerk kaum schließen können.

Dass ihm aus allen Kreisen bis in die höchste Politik hinein kondoliert wurde, hatte allerdings einen recht robusten Grund, der den deutschen Beamtenstolz 1981 laut fluchend vors Schienbein trat. Als Götz George damals den Typus TV-Kommissar mit einem Duisburger Modell revolutionierte, war er nämlich gerade ganz schön weg vom Fenster. Da kann es kein Zufall sein, dass kurz vorm Bekanntwerden seines Ablebens verkündet wurde, Wolfgang Petersens Das Boot, das fast zeitgleich mit Schimi den deutschen Kinofilm weltmarkttauglich gemacht hatte, werde nun zur Serie. Ohne Petersen, Grönemeyer, Prochnow zwar, aber mit antikriegerischer Botschaft, die 2018 auf Sky exakt dort anknüpft, wo der Film einst endete – mit dem Untergang des Titelhelden aus Stahl.

Ob er wohl wieder auftaucht?

imagesDie Frischwoche

4. – 10. Juli

Aber unter der Oberfläche ist es ja ohnehin oft aufregender. Erotik zum Beispiel entsteht eher selten aus vulgärer Zurschaustellung primärer wie sekundärer Geschlechtsmerkmale in hektischer Interaktion; sie entfaltet erst dann ihre erregende Wirkung nachhaltig, wenn nicht alles gezeigt/gesagt/gemacht wird. In diesem Lichte macht die sommerliche ZDF-Reihe erotischer Filme wuschiger als alles, was auf einschlägigen Fistfuckforen wie Youporn zu sehen ist.

Heute um 22.15 Uhr steigt sie mit der Adaption von Charlotte Roches, nun ja, skandalösem Roman Feuchtgebiete ein. Unter David Wnendts Regie schafft es der Film wie das Buch, die sexuelle Selbstbestimmung der experimentierfreudigen Helen (Carla Juri) von der aseptischen Perfektion gängiger Körperbeherrschung zu lösen und als Spielwiese ungefilterter Sehnsüchte darzustellen, ohne sie bloß voyeuristisch vorzuführen. Weit expliziter  geht es da tags drauf in Lars von Triers Nymphomaniac zu, was die Sendezeit der – dann doch zusehends voyeuristischen Fortsetzung – am Freitag gegen Mitternacht rechtfertigt. Wenn die zügellose Joe (jung: Stacy Martin; älter: Charlotte Gainsbourg) nach ihrer rüden Entjungferung als Teenager ziellos  die Grenzen der Normsexualität auslotet, ist schon mal mehr im Bild zu sehen als Sittenwächter zur Hauptsendezeit lieb ist.

Was genau am Mittwoch und Donnerstag zu sehen sein wird, entscheidet zurzeit die EM. In der ARD jedenfalls könnte dem Halbfinale übermorgen die Gaunerkomödie Alles Schwindel mit Benno Fürmann und Ursula Strauss als Kunstdiebe zum Opfer fallen, im ZDF ein Pilcher-Mumpitz. Tags drauf dann wäre es im Ersten Donna Leon und im Zweiten, hoppela, ein Pilcher-Mumpitz! Ach, könnte nicht doch immer Fußball sein? Zumal es Richtung Mitternacht ja auch ohne Quotenziele und Massenspektakel einiges zu sehen gibt.

Während die ARD der schwedischen Adaption von Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand nach dem Bestseller von Jonas Jonasson um einen Greis auf Selbsterkundungstrip noch die Primetime gönnt, kriegt der aktuelle DebütFilm im Ersten Die Brücke am Ibar tags drauf die Sendezeit um 22.45 Uhr. Aber ernsthaft: Michaela Kezeles Liebesgeschichte zweier Feinde im Kosovo-Krieg mag cineastisch anspruchsvoll sein; für die Primetime ist das dann doch zu speziell. Ganz im Gegensatz zum HBO-Achtteiler The Night Of, ab Sonntag bei Sky abrufbar. Die Story um den Studenten Naz Khan (Riz Ahmad), der in New York zu Unrecht des Mordes bezichtigt wird, paart Krimi mit Justizdrama und somit zwei der populärsten Importstoffe aus dem angelsächsischen Raum.

Beide hat John Ford schon 1962 in seinem Spätwerk Der Mann, der Liberty Valence erschoss mit den damals populären Themen Western und Thriller verknüpft, was die schwarzweiße Wiederholung der Woche mit James Stewart als Senator mit dunkler Vergangenheit am Mittwoch (22.15 Uhr, ServusTV) zum zeitlosen Erlebnis macht. Ähnliches gilt für das Remake von Atemlos, in dem Richard Gere und Valérie Kaprisky parallel auf 1Plus den Pariser Cool von Godards Klassiker 1983 auf amerikanischen Rock’n’Roll trimmen. Weder cool noch Rock’n’Roll aber eine Weile sehr erfolgreich war die Neue Deutsche Welle. Warum NDW ausgerechnet in NRW ihren Anfang nahm, zeigt die WDR im dokumentarischen Wochentipp 99 Luftballons über Hagen heute um 22.40 Uhr.


Fernsehgeräusche & Kindersuchen

TVDie Gebrauchtwoche

20. – 26. Juni

Nachdem die erste EM-Woche besonders durch Bilder geprägt war, bleibt die zweite eher im Ohr haften – und das nicht nur, weil Bildschirmgeräusche jeder Temperatur am Freitag auf der FilmTonArt endlich mal ausreichend gewürdigt wurden. Kurz bevor zeitgleich der Jubel des Brexit-Lagers samt Wehklagen ringsum bis München drang, gab es für Hörseher allerlei Erstaunliches zu hören. Dem isländischen Reporter des Spiels gegen Österreich etwa entlockte der Sieg seiner Landsleute Laute wie auf einer effizienten Swingerparty. Bela Réthys süffisanter Sportpatriotismus dagegen machte nicht mal vorm deutschen Schiedsrichter Halt, dem das ARD-Fossil selbst krasse Fehlentscheidungen nationalstolz nachsah, während der sexistische Furor gegen Claudia Neumann nicht so klang, als hätte die erste Frau ein deutsches Länderspiel kommentiert, sondern gefordert, Pädophilie zum Schulfach zu machen.

Frauen im Fußball sind halt noch immer so irritierend wie Fußball auf Sat1  oder Fernsehen ohne Götz George. Das kaum messbare Interesse an den sechs EM-Partien, die dort aufgrund der Parallelität finaler Gruppenspiele liefen, zeugen jedenfalls davon, dass der Sender mit dem Ball sportaffine Zuschauer mindestens so sehr verwirrt wie all die Dialoge hinter vorgehaltener Hand, mit denen Trainer vieler Nationalmannschaften – warum auch immer – verhindern wollen, von professionellen Lippenlesern entlarvt zu werden.

Aber auch in der Politik, die angesichts des britischen Referendums auch diese Woche noch in Schockstarre verbringen wird, irritieren Frauen weiterhin selbst progressive Medien wie die Tagesschau. Der nämlich war vor Wochenfrist zu entnehmen, Virginia Raggi werde Roms „erste weibliche Bürgermeisterin“. Verrückt, nach all den männlichen Bürgermeisterinnen zuvor. Es bleibt dabei: Die Herren der Schöpfung und ein paar servile Damen an ihrer kernigen Seite wollen deren weibliche Geschlechtsgenossinnen nicht am Mikro sehen, sondern am Herd. Damit der treusorgende Ehemann nach Feierabend was Warmes auf dem Tisch hat und saubere Kinder zur Seite. Wenn die denn nicht gerade entführt, geschändet, vernachlässigt werden.

Zu ihrem elften Geburtstag bekommt Annika ihren geliebten Hund "Tabs" geschenkt.

Zu ihrem elften Geburtstag bekommt Annika ihren geliebten Hund “Tabs” geschenkt. Foto: Martin Czernik

Die Frischwoche

27. Juni – 3. Juli

Wer Mittwoch Aktenzeichen XY sieht, könnte nämlich den (falschen) Eindruck gewinnen, Gefahr drohe Minderjährigen nicht durch Autoraser mit mutiertem Y-Chromosom oder falsche Ernährung, für die immer noch mehrheitlich Trägerinnen des intakten XX-Satzes zuständig sind, sondern durch Fremde mit finsterem Blick, die womöglich jene „fünf mysteriösen Fälle“ verschwundener Kinder verantworten, denen Rudi Cerne zur besten Sendezeit auf die Spur gehen will. Das klingt löblich, nährt aber einen fatalen Trend: die Zahl kapitaler Delikte von Mord bis zur Gewalt von und an Jugendlichen befindet sich seit der Wende nahezu durchweg im Sinkflug. Telegene Panikattacken wie XY jedoch sorgen unbeirrt dafür, dass die Bevölkerung mehrheitlich vom Gegenteil überzeugt ist. Gerade Kinder ziehen dabei immer. Geigen drüber, Augen auf, Quote hoch, fertig.

Immerhin ist zwischen Achtel- (bis Montag) und Viertelfinale (ab Donnerstag) gewiss, dass die Sendung auch läuft. Solang unklar ist, wer wann wo gegen wen spielt, lohn sich ansonsten nur dann ein abendlicher Tipp, wenn man auf die Sparte ausweicht. Arte zum Beispiel reist ab heute um 19.30 Uhr durch Italien, meine Liebe und zeigt es – angefangen in Kalabrien – täglich eine Dreiviertelstunde von seiner wirklich apartesten Seite, ohne seifig zu werden. Etwas Ähnliches gelingt im Anschluss mit der Donau, die 3sat sechs Teile am Stück von der Quelle über Eiserne Tor bis ins Delta erkundet.

Weniger idyllisch, dafür umso realer wird es um 22.45 Uhr in der ARD, wo das FilmDebüt im Ersten mit Ester Amramis Erstlingswerk Anderswo um eine Israelin in Berlin auf der Suche nach ihrer Identität. Noch realer, dazu nicht fiktional ist die kompromisslose Dokumentation Florence Fight Club, mit der EinsFestival am Mittwoch um 15 Uhr dem Calcio Storico auf den Grund geht, einer regellosen Form des Fußball, die einmal jährlich ihr bisweilen blutiges Welttreffen Treffen in Florenz feiert. Und tags drauf zeigt Arte das furiose Finale der dänischen Serie Die Erbschaft. Macht große Lust auf die zweite Staffel…

Bis dahin muss man sich in fußballgesättigter Zeit mit den Wiederholungen der Woche begnügen. In Farbe wären das zwei gänzlich verschiedene Filme zweier Epochen: Montag auf EinsFestival (20.15 Uhr) Ein Fall für Pink, Benedict Cumberbatchs erster Fall als Sherlock, in dem die Dominanz des Fernsehens übers Kino endgültig besiegelt wurde. Aus der Blüte des Kinos stammt der morgige Musikklassiker Flashdance auf SuperRTL mit Jennifer Beals als tanzende Schweißerin anno ‘82. What a Feeling! Das auch schwarzweiße Tipps entfachen: Der Kriegsthriller Saboteure (Montag, 20.15 Uhr, Arte) etwa, mit dem Hitchcock 1942 sein Markenzeichen der Suspense begründete. Und danach beim MDR (22.05 Uhr) ein Klassiker politischer Unterwanderung im Unrechtsstaat: Spur der Steine mit Manfred Krug als renitenter Brigadier Balla von 1966 mit anschließender Dokumentation zum Film.


Deerhoof, Throws, .Klein, Rick Astley

the magicDeerhoof

Nein, geschmeidig klangen Deerhoof noch nie in ihrer episch langen Bandgeschichte. Seit sich Rob Fisk und Greg Saunier 1994 vereinigten, lag da immer ein dekonstruktivistisches Scheißegal überm Indierock, der mit Noise noch harmonisch umschrieben wäre. Zugleich jedoch verströmte das erste Dutzend Platten zwischen all den windschiefen Gitarrenriff-Karikaturen und implodierenden Beatgewittern oft eine Anmut, als wollten sie gefällige Liebeslieder schreiben, seien aber leider grad voll des Hasses für ihre Angebeteten. Das lag an der Bassistin Satomi Matsuzaki, die das Soundchaos über Sauniers abstrusen Drums entrückter, fragiler, rissiger sang. Schwer zu glauben also, dass der Widerspruch noch wachsen könnte. Aber er kann.

Das neue Album The Magic ist ein so hinreißendes Durcheinander, dass Lieder darin eigentlich kaum noch auszumachen sind – einfach weil jedes Fragment der tausendteiligen Songstrukturen für sich genommen schöner, reichhaltiger, grandioser ist als so manche Rockhymne, die ernster gemeint ist, jedenfalls ernster auf Hörbarkeit getrimmt. Ein prima Beispiel ist das Track-Doppel in der Mitte, nach dem Garagenbeachpunkgeschrammel Dispossessor flötet Matsukaki das anschließend dahinplötternde I Don’t Want to Set the World on Fire fast unbegleitet in Höhen, wo sie nicht hinsingen kann, was ihr aber herzlich egal ist. Liebe muss so schön sein, wenn sie den ganzen Emokram mal weglässt…

Deerhoof – The Magig (Altin Village & Mine)

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In den ewigen Weiten dessen, was vor Urzeiten mal Weltmusik hieß, ist Sam Genders ein Magier des lässigen Grenzgangs. Mit Tunng digitalisierte der Brite einst den Ethnosound nordischer Prägung von London aus zur Folktronica. Später erweiterten seine Diagrams das Genre um Beats und Bläsersamples zum Artpop. Nun hat er seinen ausgewanderten Tunng-Kumpel Mike Lindsay in Reykjavík besucht und dort etwas ungemein Erfrischendes entdeckt: den gepflegten Unsinn. Auch ihr gemeinsames Projekt Throws wird vom tiefenentspannt souligen Falsett ihres singenden Songwriters geprägt; dazwischen aber sprudeln die irrsten Ideen aus dem gleichnamigen Debütalbum.

https://vimeo.com/163423451

Das herrlich überdrehte Schlagzeug des isländischen Trommelderwischs Magnús Trygvason Eliassen zum Beispiel oder die Synthesizer eines Landsmanns, der im Studio nebenan gerade zufällig sein Talent zur pittoresken Disharmonie durchhören ließ und einfach mal ad hoc ins Demotaperecording gebeten wurde. Wenn in Stücke wie Play The Past eine verstimmte Ricky-King-Gitarre unters plätschernde Alleinunterhalterorgelambiente perlt, klingt das zwar zuweilen leicht nach Phil Collins in Bermudashorts. Aber es klingt eben fantastisch. Und die Videos dazu – deluxe!

Throws – Throws (Full Time Hobby)

TT16.klein.Klein

Musikalische Referenzen sind meist eine recht ambivalente Angelegenheit. In Form von Coverversionen können sie das Original zum Beispiel billig kopieren oder es kreativ auf die Spitze treiben, als Sample stumpf die Erfolgspfade anderer austrampeln oder aber eigene Felder fruchtbar machen. Wer die Anleihe ans Bestehende mit wirklich echter, glaubhafter Hingabe verwaltet, formt daraus dann durchaus mehr als Plagiate. Hingabe ist es auch, die den Multiinstrumentalisten Lutz Nikolaus Kratzer antreibt, um aus existierenden Sounds ein Album wie Bengal Sparks zu filtern.

Stilistisch fröhlich inkonsequent legt der Hamburger darauf unter dem Namen .KLEIN seine Funkschleifen über Streichersequenzen und garniert sie mit Hip-Hop, Americana, Indietronic, was immer aus ihm heraus sprudelt. Auch auf seinem dritten Album kann es da passieren, dass Rihanna nach Cake klingt wie im furiosen Nicotin Princess. Oder dass Präriegras durch den New Yorker Underground weht, wenn er für Low Rider den Irrsinn der Beastie Boys schreddert. Im anschließenden Track Pancake Man entsteht gar der Eindruck, Pfannkuchenmänner könnten Banjo spielen. Groß denken, .KLEIN heißen – hinreißender kann man sich kaum bei anderen bedienen.

.Klein – Bengal Sparks

Hype der Woche

Album Cover_50_3000_72dpiRick Astley

Es gibt da eine Legende im Musikzirkus: Wer eine LP von Jason Donovan auf 45 laufen ließ, bekam Kylie Minogue zu hören, was umgekehrt galt, wenn man die auf Single auf 33 drosselte. Alles ein Brei, den die späten Achtziger als Dancepop servierten. Was jedoch bei entstellter Geschwindigkeit aus Rick Astley geworden wäre, ist nicht überliefert. Wer auch immer sich 1987 sein Debütalbum Whenever You Need Somebody nebst zugehöriger 7# Never Gonna Give You Up gekauft hat, hat exakt einmal reingehört und dann beides in den Müll geworfen, so strunzblöde klang das Vinyl ohne Ricks Tanzschritte und viel buntem Likör intus. Man muss das wissen, wenn der Fastschotte nun sein Comeback feiert. Denn natürlich ist die Platte mit seiner Altersangabe 50 im Titel gereift. Natürlich steckt da Altherrensoulpopt drin, gepaart mit Lebensweisen, was er alles richtig oder falsch gemacht hat. So what? Will man das von jemandem hören, der einem im Idealfall scheißegal war, meist aber eher peinlich? Kann man, weil sein gepresstes Stimmdunkel nun altersgemäß angenehm klingt und der Sound ringsum versiert. Muss man aber auch nicht, dafür gibt es schon genug baugleiche Expopstars, die schon immer ganz gut klangen.

http://www.vevo.com/watch/rick-astley/Keep-Singing/DESW31600015


Dominik Graf: Kostümfilme & Königsleichen

2014-02-08-9679-1171_Dominik_Graf_IMG_FIX_1200x800Polizeifilm ist mein Heimat-Terrain

Heute Abend zeigt Arte Domink Grafs preisgekröntes, auch international gepriesenes Historienmelodram Die geliebten Schwestern über die Dreierliebe des Dichters Friedrich Schiller. Dabei ist Deutschlands zurzeit wohl bester Regisseur (Foto: Gerhard Kassner/Berlinale) eigentlich auf was ganz anderes gebucht: TV-Krimis, manchmal sogar skurrile wie Die reichen Leichen, mit denen er vorigen Oktober sogar mal absurden Humor bewies. Ein Gespräch übers Fernsehfilmemachen, Streamingdienste, seine Jugend im Internat und warum die Villenviertel der Reichen so sehr für Filmmorde taugen. 

Interview: Jan Freitag

Herr Graf, Die geliebten Schwestern ist ein Historienepos ohne Ermittler fürs Kino, womit Sie ihrem geliebten Fernsehkrimi also gleich doppelt untreu geworden sind. War das Exkurs oder Kurswechsel?

Dominik Graf: Weder noch. Der Polizeifilm ist schon mein Heimat-Terrain, aber ich hab immer Ausflüge in Literaturverfilmung und Liebesfilm unternommen. Und am Ende ist das Kino gegenüber dem Fernsehen lediglich mehr Budget. Andererseits bietet Fernsehen oft die Möglichkeit zu kleineren Filmen ohne Förderung. Das sorgt auch für künstlerische Freiheit.

Sehen Sie als Kreativer den Start des Streaming-Dienstes Netflix da eher als Chance oder Bürde fürs Filmemachen?

Erstmal als Chance. Man muss halt sehen, was es für Inhalte gibt und wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen darauf reagiert. Vielleicht kann Netflix dann ein Regulativ sein, damit das alte TV sich auf seine Stärken besinnt.

Sie würden im Zweifel auch fürs Internet arbeiten?

Kein Problem. Solange es am Ende eine DVD gibt, die ich in Händen halten und mit nach Hause nehmen kann, ist mir das völlig egal.

Wofür arbeiten Sie denn als nächstes – Fernsehen, Kino, Internet?

Ich mache erstmal eine Dokumentation fürs Fernsehen, über den gestorbenen Journalisten Michael Althen, mit dem ich befreundet war. Ein Polizeiruf ist gerade fertig. 2016 kommt ein LKA-Thriller über deutsche Zielfahnder, die geflohene Straftäter im Ausland verfolgen.

Klingt nach dem Testballon einer Reihe.

Das könnte durchaus sein.

Wer dagegen Ihren Krimi Die reichen Leichen sieht, in dem es um den Mord an jemandem geht, der sich für König Ludwig hält, fragt sich als allererstes: Was haben Sie bloß gegen die Menschen am Starnberger See?

Gar nix. Ich finde sie in der Verteilung von sympathischen, einsamen, skurrilen, fröhlichen, traurigen, glamourösen Figuren eigentlich sogar sehr angenehm. Den Gegensatz von finanzieller Goldküste und sozialen Härten im Umfeld des örtlichen Tourismuswahnsinns darzustellen, sollte also gar niemanden verunglimpfen. Im Gegenteil.

Der Eindruck, es wimmelt dort nur so von Freaks und Bonzen, ist also ein falscher?

Absolut – obwohl der erfahrene Polizist seiner jungen Kollegin gleich zu Beginn erklärt, das Klischee von den besoffenen Schnöseln stimme. Wenn man nur an der Oberfläche verbleibt, kann man das natürlich so sehen. Aber unter dem Offenkundigen leben ganz andere Facetten. Dafür muss man bloß mal in die Häuser hinein, statt sie nur von außen zu bestaunen.

Wie tief drin waren Sie denn vorm Dreh – kannten Sie die Gegend bereits?

Na ja, für Münchner ist der Starnberger See der kürzeste Weg zum nächsten Wasser und somit so was wie die städtische Datscha. Ich kenne die Gegend von Kindesbeinen an und war im Sommer mindestens dreimal die Woche dort.

War ihr Bild als Internatskind einer Künstlerfamilie also realistisch oder klischeehaft?

(lacht) Mein Blick war authentisch, aber das Klischee ist es ja auch. Wissen Sie, wir sehen da einen Ort, der vor 100 Jahren zum Tourismussziel verkommen ist und trotz all der Millionäre Mühe hat, genug Steuern einzutreiben. Diesen Querschnitt stellt Autor Sathyan Ramesh, der übrigens aus Köln stammt und vorher nie in Starnberg war, perfekt dar. Aus filmischer Sicht ist daran aber auch ein Mythos bedeutsam, der den See schon vor Ankunft der ersten Touristen umwehte.

Sie meinen den „Kini“ Ludwig II., der scheinbar ungebrochen verehrt wird in Bayern.

Unter anderem. Je tiefer man in diesen Feriensee eintaucht, desto schneller stößt man auf den Mythos dieses Königs des späten 19. Jahrhunderts, dessen Tod ja auch einen ungelösten Kriminalfall darstellt. Als wir die erste Motiv-Begehung gemacht haben, kam ein netter Bayer mit Angel auf uns zu und meinte, „wos mochts‘n ihr do?“ Worauf er ansatzlos die zwanzigminütige Theorie seiner Mordversion zum Besten gab. Der Starnberger Polizeichef wollte sich zu diesen Vorwürfen übrigens nicht äußern (lacht).

Hat sich der Angler als das vorgestellt, was es in Ihrem Film zuhauf gibt: als „Ludist“?

Nein. Aber das ist ja auch die militanteste Form des Enthusiasmus im Sinne der Mordtheorie. Die kennen da kein Pardon. Als wir im Präsidium waren, stand allen Ernstes ein lebensgroßer Aufsteller eines „Guglmanns“ – auch so ein königstreuer Starnberg-Verein – im Eck, der wie ein Kapuzenmann als Bravo-Starschnitt auf die örtliche Polizei niederblickte, um ihre Königstreue zu kontrollieren.

Was sagt denn diese Faszination über die Bayern aus?

Jedenfalls nichts, dass für eine monarchische Sehnsucht stünde. Eher für eine Art mythologischen Popstarkult, den meiner Meinung nach jede Region kennt.

Was ist für einen Regisseur schwieriger: Das Aberwitzige normal oder das Normale aberwitzig zu inszenieren?

Das ist eigentlich ein und dasselbe. Beides bereitet an bestimmten Punkten Vergnügen, erfordert aber auch ständige Aufmerksamkeit, keine der beiden Seiten zu übertreiben. Aber zunächst mal verfilme ich ja die Bücher meiner Autoren, denen ich mich sehr verpflichtet fühle. Der Aberwitz entstammt also der Fantasie anderer, den ich mir wie ein Kleidungsstück anziehe. Alles Weitere kommt durch meine Auslegung und die Spielfreude der Schauspieler.

Die sie hier abermals im Milieu der Reichen zeigen. Warum eignet sich die sprichwörtliche Villa in Gründwald so gut für den Krimi, dass sie immer wieder zum Tatort wird?

Das ist zum Teil ein Erbe des angelsächsischen Krimis, der schon vor Urzeiten gern in kalifornischen Villen und englischen Landschlössern spielte. Was sich hinter den dicken Mauern der Reichen Unerwartetes verbirgt, eignet sich einfach gut für spannende Ermittlungen auf unbekanntem, abgründigem Terrain.

Und bietet dem Pöbel die Chance, der vermeintlich sorglosen Oberschicht mal beim Leiden zuzusehen.

Ich glaube eher, dass es der Gegensatz ist, wenn Reichtum auf brutale Armut trifft und Erhabenheit auf heulendes Elend. Die Villen sind da nur besonders hübsche Panoptiken der Welt in ihrer ganzen Vielfalt. Aber das ist Berlins Zuhälter-Milieu meines Films „Hotte im Paradies“ auch.

Aber um beide Lebenswelten zu erzählen, bedarf es doch nicht zwingend eines Kriminalfalls. Warum wählen Sie dennoch immer wieder dieses Genre, um ihre Geschichten vom sozialen Miteinander zu erzählen?

Weil mir der Polizeifilm einen verlässlichen Rahmen erzählerischer Kontinuität bietet, dessen Regeln man einhalten oder brechen, aber nie ignorieren kann. Ich könnte das Genre zwischen Hamburg, Duisburg, München noch 50 Mal variieren und mir dennoch vermutlich immer treu bleiben.

 


Hooligans & Herzenssachen

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

13. – 19. Juni

Wenn alle zwei Jahre um diese Zeit das Fernsehprogramm vollends mit Fußball geflutet wird, stellen sich manchmal ganz ungewohnte Fragen. Was zum Beispiel ist daraus zu folgern, dass ein spürbarer Teil jener 27 Millionen Menschen, die Deutschlands Sieg gegen Polen am Fernseher verfolgt hat, zwar für La Mannschaft war, aber nicht so gern neben jedem der Spieler wohnen würde – dass der Rest vorwiegend aus AfD-Wählern besteht, die allenfalls heimlich vorm Live-Stream im Keller saßen, um Boateng ein Türchen im Herz zu öffnen? Oder doch, dass Alexander Gaulands Partei den Finger manchmal weniger am Puls des Volkes hat als er denkt?

Um solche Fragen zu klären ist dieses Medium momentan allerdings das falsche. Die verantwortliche UEFA nämlich liefert am liebsten Bilder, mit denen der Weltbevölkerung liebste Leibesertüchtigung keine Kratzer in den Lack gehauen wird. Wenn russische Hooligans also auf den Rängen Jagd auf englische machen, bleibt die Kamera stur auf dem Rasen, von wo sie jedoch flugs abdreht, wenn dort ein kroatischer Flitzer mitjubelt, ohne flugs abgeführt zu werden. Andererseits ist sich die Regie des Weltbevölkerungsbildes nicht zu blöde, voll auf Jogi Löws Hand in der Hose zu zoomen, was erst der intellektuell schlichte, aber herzensgute Lukas Podolski mit dem Verweis auf „80 Prozent und ich“, die sich gelegentlich die Eier kraulen, ins rechte Licht rückte.

Drei Tage später übrigens investierte die einst so ehrwürdige Tagesschau geschlagene 20 Sekunden ihrer wertvollen Zeit in den Fahrer des deutschen Teambusses beim Rangieren ins neue Mannschaftshotel, was „echt eng“ war, wie der Reporter dramatisierte. Echt? So echt wie die menschenverachtenden Umwelt- und Gesundheitsfeinde von McDonalds und Coke, die beim sportlichen Großereignis unablässig ihren Profit mehren dürfen? Die Macht der Bilder ist manchmal die Ohnmacht der Relevanz.

047309-000-SPHO-001Die Frischwoche

20. – 26. Juni

Wie schön ist es da, wenn Bilder von künstlerischer Relevanz so verzaubern, wie am Mittwoch auf Arte. Mit den denkbar schönsten Mitteln kämpfen sie, während bei ARD und Sat1 die letzten zwei Vorrundenspiele laufen, um etwas Aufmerksamkeit des versprengten Häufchens Zuschauer ohne Ballinteresse. Im Berlinale-Beitrag vom vorigen Jahr, der um ein Haar auch bei den Oscars kandidiert hätte, geht es um Die geliebten Schwestern Charlotte und Caroline (Henriette Confurius und Hannah Herzsprung), denen 1788 in Weimar gute Partien besorgt werden sollen. Dummerweise geraten beide jedoch an Friedrich Schiller, mit dem sie nach überlieferten Motiven eine Ménage-à-trois von grandioser Hingabe beginnen.

Im Normalfall wäre das ein weiteres Kostümfest auf dem Markt süffiger Historienmelodramen. Den Unterschied des zweieinhalbstündigen Werkes indes macht einmal mehr Dominik Graf. Nach eigenem Drehbuch sorgt der Regisseur mit seiner berühmten Zoomtechnik für eine dramaturgische Tiefe, als lebe Jane Austen mit Florian Stetter als Dichterfürst im Arthaus, der auch den zweiten Film dieser Woche von Belang adelt: Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut. Blöder Titel, tolle Annäherung ans jüdische Leben in Deutschland, wenn auch zu nachtschlafender Zeit Mittwoch früh um 0.35 Uhr im Ersten.

Darüber hinaus ist das Programmangebot selbst auf Arte naturgemäß arm an Erstausstrahlungen. Empfehlenswert ist daher allenfalls ein wenig Lach- und Sachfernsehen. Ersteres auf 3sat, wo die alten Humor-Homies Oliver Welke und Dietmar Wischmeyer am Freitag um 21.55 Uhr …im Herzen jung sind, wenn sie aus einem Buch lesen, das nie erscheinen wird. Wem die schon heute-show zu überdreht ist, wird an diesem Solo-Programm wenig Spaß haben, sollte also tags drauf die Reportage Entscheidung in Großbritannien im Ersten sehen, wo Andreas Cichowicz die letzen offenen Fragen zum Brexit klärt, der Samstag drauf das Programm ernstzunehmender Kanäle fast so dominiert wie Fußball.

Ansonsten sind wie in der Vorwoche eher Wiederholungen im Angebot. Abgesehen von beiden Teilen Kill Bill auf 3sat (Teil 1 Donnerstag, 23 Uhr, Teil 2 Freitag, 22.55 Uhr), kann man da in Farbe getrost die täglichen Tatorte anführen. Eine Liste ohne Garantie auf Vollständigkeit, angefangen mit Das Gespenst aus Hannover von 2008 um 20.15 Uhr im RBB. Am Dienstag dann der bayerische Klassiker Roulette mit 6 Kugeln anno 1983 (BR, 20.15 Uhr). Der NDR holt am Mittwoch (23.15 Uhr) Manfred Krugs Zeitzünder (1990) aus der Kiste, während der WDR Donnerstag um 20.15 Uhr die rheinisch-sächsische Koproduktion Ihr Kinderlein kommet zeigt und die ARD Freitag um zehn den Münchner Fall Gestern war kein Tag von 2011. Gut 60 Jähre älter ist der Schwarzweißtipp am Montag (Arte, 20.15 Uhr): Winchester 73 mit James Stewart als Gewinner einer Waffe, die danach durch 1000 Hände geht und damit ein Stück amerikanischer Selbstermächtigungsgeschichte schreibt.