Claus Kleber: Anchorman & medium adopter

dataWir mussten da unbedingt hin

Claus Kleber (mit Astro Teller; Foto: Martin Ehlebenmag vielen als Moderator des heute-journal bekannt sein; gut 15 Jahre seiner Karriere war der Volljurist aus Reutlingen als Forscher und Korrespondent in den USA. Beste Voraussetzungen für eine Reportage aus dem Silicon Valley, die am 19. Juni um 23.30 Uhr im ZDF läuft. Ein Gespräch über späte Sendezeiten, Gefühle im Nachrichtenfach und ob die Schöne Neue Welt im kalifornischen Erfindertal auch hässliche Seiten hat.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Kleber, obwohl Sie relativ frisch aus dem Silicon Valley zurückgekehrt sind, ist Ihre Rasur wie immer perfekt.

Claus Kleber: Danke, äh…

Es gab Kollegen, die nach einem Aufenthalt dort völlig zugewachsen heimgekehrt sind.

Ah (lacht), Sie meinen Kai Diekmann.

Der damalige Bild-Chef suchte auch Inspiration und Erkenntnis im Valley. Was unterscheidet Ihren Besuch von den vielen anderer Journalisten?

Wer von deutschen Verlagen dorthin gefahren ist, stellte sich oft die Frage, wie man bekannte Entwicklungen dort nutzen oder kopieren kann. Wir hingegen waren Suchende von etwas, das wir bei der Abfahrt gar nicht kannten. Am meisten hat uns dann überrascht, welch große Rolle persönliche Kontakte spielen. Fast alle Techniken moderner Kommunikation sind da entstanden, und doch muss man offenbar an diesem Ort mit seinen horrenden Mieten sein, um sie zu ersinnen. Bevor die Elektronik den Menschen außerhalb des Valleys erreicht, treffen darin leibhaftige Menschen aufeinander. Deshalb mussten auch wir als Reporter unbedingt hin, um all das zu finden, was wir noch nicht mal erahnt hatten.

Zum Beispiel?

Dass im Silicon Valley Dinge jenseits von Google, Facebook, Netflix Dinge entstehen, die man damit überhaupt nicht assoziiert: Gentechnologie, Life-Science-Medizin, Bionik.

Das Tal entwickelt sich also vom Smartphone zur Naturwissenschaft?

Genau. Die Endgeräte haben eine gewisse Reife erlangt; jetzt geht es darum, wie und in welchem Ausmaß sie unsere Gesellschaft verändern. Ich erinnere mich, vor Jahren als einer der ersten ein iPhone in der Hand gehalten zu haben. Eric Schmidt, als Google-Chef auch im Aufsichtsrat von Apple, hatte es mir damals gegeben und das brandneue Prinzip der App erklärt. Aber während viele mit Privatjets zur Präsentation gefahren sind und total aufgeregt waren, hab ich das Potenzial überhaupt nicht erkannt. Heute wird auf Grundlage solcher Geräte und ihrer Möglichkeiten alles Existierende grundlegend infrage gestellt. Exponential disruption – das ist die Regieanweisung aus dem Silicon Valley, dem sich niemand entziehen kann.

Haben Sie in den 30 Drehtagen vor Ort also wirklich neue Erkenntnisse gemacht oder doch nur ein bekanntes Phänomen neu bebildert?

Ersteres, unbedingt! Es hat mich zum Beispiel total überrascht, wie im Silicon Valley alles ineinander greift. Etwa, dass eine Arzneimittelfirma auf 120 Quadratmetern Laborfläche eine Milliarde Dollar wert werden kann, weil sie mithilfe der Apple-Watch so kontinuierlichen Zugriff auf die körperlichen Daten ihrer Träger hat, dass man damit zum Bruchteil der Kosten klassischer Forschung an einem Medikament gegen Parkinson arbeiten kann. Jeder im Valley ist interessiert daran, inwiefern die Entwicklungen anderer für eigene nutzbar sind und umgekehrt. Darin sehen manche ein Florenz des 21. Jahrhunderts, wo technische, kulturelle, wissenschaftliche, medizinische, künstlerische, gar politische Konstellationen auf engstem Raum entstehen.

Auch Sie scheinen vom Virus kalifornischer Zukunftseuphorie erfasst zu sein. Aber bräuchte der Titel Schöne neue Welt angesichts von Datensammelwut, Ressourcenvergeudung, Machtkonzentration nicht ein Fragezeichen?

Obwohl ich in meinem Alter etwas abgebrühter bin als jüngere Kollegen, haut mich in der Tat vieles schlichtweg um. Aber erst dass beides – die schlimmen Seiten im Sinne Aldous Huxleys und die guten im Sinne der Worte – so rasant an einem Platz entsteht, macht die Faszination aus. Als Reporter wollen wir das zunächst mal dokumentieren, stellen uns aber anders als viele amerikanische Kollegen die Frage, ob der Nutzen jeden Nebeneffekt wert ist. Vor einer Antwort steht jedoch immer das Begreifen. Und dabei will der Film helfen.

Was entspricht denn Ihrem Naturell: Fortschrittsgläubigkeit oder -skeptizismus?

Als Sohn eines Diplom-Ingenieurs und Ex-Schüler eines naturwissenschaftlichen Gymnasiums bin ich grundsätzlich aufgeschlossen. Als europäischer Journalist mit langjähriger Erfahrung in Amerika sehe ich aber durchaus, wo die Euphorie zu weit geht. Die Verachtung jeder Form von Regulierung, Aufsicht, gar staatlicher Kontrolle ist mir fremd. Und manche Innovation ist schlicht zu wichtig und heikel, um sie zwei, drei Firmen allein zu überlassen. Das widerstrebt dem Spirit vom Valley, aber finanzieller Erfolg gleich inhaltlicher Erfolg – das ist mir zu schlicht. Nicht jede Erfindung ist sinnvoll, nur weil sie gekauft wird.

Zählen Sie als Kunde zu den early adoptern, die Smartphone, Tablet, Handy und PC als erste haben mussten?

Ich bin so ein medium adopter, der zunächst abwartet, dass die Kinderkrankheiten neuer Geräte verschwinden. Mein iPhone-4, das auf deutschen Schulhöfen jedem Kind längst zu peinlich wäre, hab ich gerade erst gegen ein neues Modell getauscht. Ich springe nie als erster, aber halte mich auf dem Laufenden.

Ist das ein beruflicher oder privater Anspruch?

Ich interessiere mich auch persönlich für Technik, aber wie gesagt: es sind grad nicht so sehr die Endgeräte, die das Leben verändern, sondern der Umgang damit. Da ist es meine Aufgabe als Journalist, den Leuten zu zeigen, wie tief diese kleinen technischen Wunderwerke in unser aller Existenz eingreifen. Ich frage mich oft, was wir früher mit all der Zeit angefangen haben, die mit Surfen, Chatten, Katzenvideos draufgeht. Ein Teil der Antwortet lautet: lebenswerter gelebt.

Macht es Ihnen eigentlich Angst, dass besonders die multimedialen Entwicklungen aus dem Silicon Valley Ihren eigenen Berufsstand gefährden?

Da ist was dran. Zugleich hatte ich beruflich nie zuvor solche Möglichkeiten. Wenn ich über die Wasserversorgung im Nildelta berichten will, musste ich mir fast sämtliche Informationen ohne Gewähr, sie zu kriegen, dort unten holen. Heute kann ich vom Schreibtisch aus in wenigen Stunden bequem zusammentragen, wofür man früher Wochen brauchte. Deshalb wundere ich mich immer wieder, wie man früher ein tagesaktuelles Magazin wie das heute-journal hingekriegt hat. So gesehen leben wir im großartigsten Zeitalter des Journalismus. Und wenn wir nicht in der Lage sind, dafür ein Publikum zu interessieren, liegt es gewiss nicht an den neuen Verbreitungstechnologien.

Umso deprimierender muss es doch sein, dass die Angebotslage so gut ist, die Nachfrage aber zumindest im kostenpflichtigen Qualitätsjournalismus kontinuierlich sinkt?

Wissen Sie was? Verschwinden wird vor allem die lieblose Alltagsberichterstattung, wo Minister aus ihren Wagen steigen und erwartbare Antworten auf erwartbare Fragen geben. Das braucht niemand. Auf der anderen Seite haben gut recherchierte, auf allen Kanälen nutzbare Geschichten mittlerweile eine Verbreitung wie nie zuvor. Als die österreichische Regierung kürzlich vorschlug, Flüchtlinge auf einer Mittelmeerinsel zu internieren, hat mir meine Tochter, die Ende 20 ist und nichts mit aktuellen Nachrichten macht, einen Radiobeitrag zu so einer Insel vor der Küste Australiens verlinkt. Erschütternd, großartig, packend, von 2003! Der Chance, so etwas auch 13 Jahre später noch hören zu können, würde ich nachtrauern, öder Routine weniger.

Aber heißt das Zaubermittel im Kampf mit Instant-Entertainment nicht Emotion statt Information, geschweige denn Nutzwert?

Wenn Gefühl heißt, Langeweile zu durchbrechen, ja. Wenn es heißt, auf die Tränendrüse zu drücken, nein. Auch beim heute-journal geht es zunächst um journalistischen Inhalt, danach aber auch um Dramaturgie und Atmosphäre. Um diese Zeit möchte sich kein Zuschauer in die Volkshochschule setzen.

Welche Art von Informationskonsument sind Sie denn selbst?

Vor allem einer, der es nicht leiden kann, wenn Informationen, die fürs Thema wichtig sind, fehlen. Da ist viel Luft nach oben, die Schöne neue Welt hoffentlich nicht hat.

Was hat diese Reportage eigentlich mit Fußball zu tun?

Nichts, warum?

Nichts, genau. Läuft sie deshalb erst kurz vor Mitternacht?

Ach, direkt nach einem EM-Spiel ist kein schlechter Sendeplatz für ein Fußballpublikum, das keineswegs so tumb ist wie manche offenbar glauben. Sachformate werden da erfahrungsgemäß gut eingeschaltet. Aber selbst wenn nicht – der Film wird lange Beine haben. Nach der Erstausstrahlung läuft er auf 3sat, Phoenix, ZDFinfo und nicht zu vergessen: Im Netz, bestimmt auch auf Geräten aus dem Valley.


Cut Out Club, M. Herbert, D. Siciliano, Sunny

Albumcover_Cut_Out_Club_Cut_out_ClubCut Out Club

Sehnsuchtsorte werden erst dann wirklich spannend, wenn sich zwischen Sehnsucht und Ort ein leichtes Unbehagen klemmt. Wie in der Achterbahn etwa oder auf Abenteuerreise. Tel Aviv ist so ein Sehnsuchtsort, jung und viril, aber auch seltsam gefährlich, so scheint es aus der Distanz des Nachrichtenkonsums. Die Menschen vor Ort sind sich dieser Ambivalenz durchaus bewusst und machen gemeinhin das Beste draus. Zum Beispiel: Musik. Oftmals fabelhafte Musik. Wie die von Cut Out Club. Vorigen September brachte das Oktett um Sänger Nitzan Horesh daheim sein gleichnamiges Debütalbum heraus. Nach allerlei Elogen im Heimatland erscheint es jetzt auch bei uns. Endlich!

Denn wie Cut Out Club es schon einsteigt, mit einer Art Bigband-Wave, als träfen sich The Human League mit Seeed zur Jamsession. Grandios platzt da ein krächzendes Saxofon unter den Funk geslappter Gitarren, überall plöttert irgendwas Verwegenes in die Harmonie.  Hier mal stilisierte Steeldrums, da mal theatralische Keyboards, überall treibender Bass, ein wunderbarers Stilwirrwarr mit englischen Texten, die sich oberflächlich nicht weiter mit der Ambivalenz ringsum zu befassen scheinen. Sehnsuchtsortsmusik ohne lokale Verwurzelung. Herrlich!

Cut Out Club – Cut Out Club (Granted Records)

Layout 1Matthew Herbert

Über Musik herrschen ein paar hartnäckige Missverständnisse. Dass sie harmonisch sein müsse; dass ihr eine rhythmische Struktur zugrunde liegen sollte; dass sie auf Anhieb als Musik erkennbar zu sein habe. Wie konservativ, würde Matthew Herbert darüber urteilen. Oder statt zu reden sein neues Album abspielen. Schon in den ersten 20 Jahren seiner Karriere hat der wissenschaftlich geschulte Klanglaborant aus Exeter die wohl sortierte Formenlehre digital dekonstruiert, bis die Töne scheinbar wahllos ineinander prasselten.

Auf A Nude aber befreit er seinen Sound noch vom letzten Rest Rhythmik und erschafft doch etwas, das einem Organismus näher kommt als manche Sinfonie. Schließlich vertont Herbert unseren Körper, den er überwiegend ohne die ordnende Kraft des Taktes bereist. Vom ereignisarmen Schlaf geht die innere Einkehr mit an- und abschwellendem Geräuschpegel übers Erwachen und Essen hin zum Schmerz, bis essenzielle Aktivitäten wie Sex und Stuhlgang die Ruhephase abermals einleiten. Das ist eher Meditation als Musik – aber nie als Gegensatz. Sondern Quintessenz.

Matthew Herbert – A Nude (Accidental Records)

TT16SicilianoDani Siciliano

Matthew Herbert hat allerdings durchaus Strophe, Bridge, Refrain im Repertoire. Zusammen mit seiner damaligen Ehefrau Dani Siciliano zum Beispiel entstand in der Werkstatt des Elektropop-Avantgardisten um die Jahrtausendwende ein vergleichsweise gut strukturierter Vocalhouse. Besonders ihre Stimme verhalf den Tracks zu tanzbarer Eleganz. Zusehends in den Hintergrund verbannt, löste sie sich jedoch erst musikalisch, dann auch emotional von Herbert und veröffentlichte zwei selbstbewusste Alben zwischen alternativem Pop und progressivem Soul.

https://soundcloud.com/circus-3/a-im-the-question

Für den Nachfolger hat sich die amerikanische Klarinettistin mit DJ-Praxis nun zehn Jahre Zeit genommen. Und die haben sich gelohnt! Erneut schickt sie ihren Gesang so weise durch den Stimmmultiplikator, als sänge nicht eine, sondern ein Dutzend Dani Sicilianos über die Facetten der Liebe. Angenehm überfrachtet, dabei nie selbstgefällig, erinnert das selbstbetitelte Album darin an Joan As Police Woman oder Poliça, die dem männlich dominierten Pop mit ebenso sanfter Gewalt Kerben in die Politur hauen, ohne ihn zu zerdeppern.

Dani Siciliano – Dani Siciliano (Circus Company)

Hype der Woche

Sunny_PrintBobby Hebb’s Sunny

One Hit Wonder haben was Despektierliches. Mag die Sache mit dem Einzeltreffer noch empirisch nachvollziehbar sein, suggeriert das Wunder, es habe weniger mit der Kunstfertigkeit des Künstlers zu tun als höheren Mächten, Glück, gar Zufall. Nichts von alledem trifft auf Sunny zu. Der Soulsänger Bobby Hebb schaffte es zwar nur mit dem One Hit Wonder an die Spitze, verzeichnet darüber hinaus aber ein bemerkenswertes Gesamtwerk zwischen R’n’B und Jazz. Da ist es nur angebracht, dass das Hamburger Nischenlabel Trocadero den 50. Geburtstag des Evergreens mit einer Retrospektive feiert. Dazu gehören remasterte Reissues eines Früh- und eines Spätewerks von Hebb, vor allem aber eine Sammlung ausgewählter Coverversionen, von denen es insgesamt mehr als 2000 geben soll. Ein schönes Geburtstagsgeschenk – auch wenn Bobby Hebb selbst seit sechs Jahren tot ist.


FilmDebüt im Ersten: Regie & Nachwuchs

2ic8qso4-8a56e816-d089-4784-81d6-d0640941f7ecKarrieresprung vor Mitternacht

Ab heute gibt das FilmDebüt im Ersten dem Nachwuchs wieder eine Chance. Ein Regisseur wie Johannes Naber ist zwar über 40 und sein Auftakt Zeit der Kannibalen (zu sehen in der ARD-Mediathek; Foto: Pascal Schmidt/WDR) nicht allzu revolutionär ist. Dennoch bleibt die Plattform eine unerlässliche Talentschmiede des Fernsehens.

Von Jan Freitag

Jedem Anfang, so sagt man, wohnt ein Zauber inne. Und wenn dieser Anfang dann auch noch phonetisch französischen Ursprungs ist, klingt er sogar ziemlich zauberhaft: début. Stellen wir in diesen europameisterschaftsgesättigten Tagen also kurz mal alles aufs verdeutschte Debüt, dann kann es selbst im Umfeld des profanen Fußballs für ein paar Stunden im Frühsommer wirklich hinreißend werden.

Unter der Klammer FilmDebüt im Ersten zeigt die ARD nämlich bereits im 16. Jahr um diese Jahreszeit Erst- oder Zweitlingswerke frischer Regisseure, die dem Leitmedium gelegentlich etwas Außergewöhnliches entlocken, besser noch abtrotzen: Wagemut. Den Wagemut zum Beispiel, überwiegend Filmemacher einfach mal machen zu lassen, die tendenziell halb so alt sind wie der öffentlich-rechtliche Durchschnittszuschauer, um – nun ja – visionäres Fernsehen herzustellen, das ansonsten eher selten ist im Regelprogramm.

Das bedarf insofern auch 2016 der Hervorhebung, als die so genannte Primetime ansonsten von den ewig gleichen Tatort– bis Pilcher-erprobten Namen dominiert wird: Den Hirschbiegels und Huntgeburths, Kehlers und Glasner, Schweigers und Schweighöfers. Seit Benjamin und Dominik Redings Auftaktwerk der Debütantenreihe Oi!Warning 2001 auch international für Furore gesorgt hat, achtet die Branche demnach sehr genau darauf, was ab Mitte Juni sechs Wochen lang dienstags nach den Tagesthemen läuft. Kleine Namen sind auf diesem Platz groß geworden und große noch größer. Die moralische Cannes-Gewinnerin Maren Ade hat 2006 kurz vor elf mit Der Wald vor lauter Bäumen erstmals ein breites Publikum auf sich aufmerksam gemacht. Im Jahr drauf debütierte die versierte Dokumentaristin Aelrun Goette zur selben Zeit mit einem Spielfilm. Und die Schauspielerin Ina Weisse durfte zwölf Monate später an gleicher Stelle mit Der Architekt beweisen, dass sie auch hinter der Kamera Herausragendes leisten kann.

Drei Namen, die zweierlei bezeugen: Im unverdrossen patriarchalisch geprägten Krimi- und Schnulzenland D. gibt es offenbar doch Raum für Frauen mit ungewöhnlichen Themen und Zugängen. Daran dürfen sich dieses Jahr gleich fünf Geschlechtsgenossinnen messen lassen, die den branchenüblichen Anteil weiblicher Regisseure im einstelligen Prozentbereich förmlich vervielfachen. Da wäre die Hamburgerin Frauke Finsterwald, deren Neunzigminütiger Finsterworld nach ein paar Kurz- und Sachfilmen am 19. Juli mit einem hinreißenden Reigen menschlicher Befindlichkeiten nach eigenem Drehbuch glänzt.

Da wäre im Finale (9. August) das melodramatische Märchen Im Spinnenwebhaus von Mara Eibl-Eibesfeldt aus dem Münchner Umland, das den realen Fall von vier Kindern, die nach der Flucht ihrer Mutter auf sich allein gestellt sind, zur schwarzweißen Liebeserklärung an den kindlichen Eigensinn macht. Da wäre Viviane Andereggens Komödie Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut, die das jüdische Leben im Land der Holocaust-Täternachfahren nächste Woche aus Sicht eines Zwölfjährigen schildert. Da wären überhaupt gleich fünf Werke, deren Inhalt auf unterschiedlichste Art mit den (Spät-)Folgen des Holocaust befasst ist.

Da wäre aber auch ein Auftaktfilm, der gestern Abend zeigte, dass es in dieser Reihe gar nicht zwingend um radikale, am besten politisch korrekte Bild- oder Textsprache geht. Zeit der Kannibalen ist ein vielfach preisgekröntes, dramaturgisch jedoch konventionelles Lustspiel um zwei global tätige Unternehmensberater (Devid Striesow, Sebastian Blomberg), die im Luxusgefängnis ihrer Renditeziele Gegenwind kriegen, als ihnen ausgerechnet eine Frau (Katharina Schüttler) innerbetrieblich Konkurrenz macht. Ein toller Film, aber gewiss kein Experiment. Von Regisseur Johannes Naber aus Baden-Baden dürfte man trotzdem – oder gerade deshalb – noch hören. Das FilmDebüt im Ersten einzuleiten ist ein Karrieresprungbrett ohne Beispiel.


Fußballmilliarden & Agentengrotesken

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

6. – 12. Juni

Manchmal ist Stillstand ein echter Rückschritt. Gottschalk etwa zum wiederholten Male für seine altbackene Idee von tagesaktueller Talkshow mit „Mensch“ davor die Primetime frei zu räumen, hat nicht nur dem parallel laufenden Tatort allenfalls ein müdes Lächeln entlockt; es interessierte auch im RTL-Publikum kaum eine Sau – da konnte der ewig blonde, geistig längst ergraute Moderator noch so liederlich den Mörder im Ersten spoilern; selbst Grill den Henssler hatte bessere Quoten.

Manchmal ist Stillstand aber auch der bessere Fortschritt. Anstatt die Übertragung der Fußball-Bundesliga wie vor den Lizenzverhandlungen der DFL befürchtet im frei zugänglichen Programm abzuschaffen und durch einen Bayern-Kanal unter Aufsicht von Uli Hoeneß zu ersetzen, darf die Sportschau für einen erklecklichen Teil der 1,2 Milliarden pro Saison bis 2021 weiterhin Konserven des Premiumprodukts zeigen. Noch ein letztes Mal also, erstmals an der Seite von Eurosport, ausnahmsweise, dann wird der Spieltag endgültig auf sieben Kalendertage verteilt, wo dann siebenmal drei Stunden PR für den Rekordmeister eineinhalb Stunden Liveberichterstattung vom schäbigen Rest umrahmen, dessen Namen hier nicht mal der Erwähnung wert sind.

Manchmal ist aber selbst das herzlich egal. Wenn EM ist zum Beispiel. Dann interessiert sich selbst für den furiosen Auftritt von Barack Obama in Jimmy Fallons The Tonight Show oder den nervigen Informationsfluss der Hauptnachrichten keine Sau. Dann kann man die „besten Fußballsongs aller Zeiten“ zwar auf diesem digitalen Musiksender anhören, aber nach Erstausstrahlungen im Regelprogramm von Belang lange suchen.

Immerhin – es gibt sie.

545837.jpg-r_160_240-b_1_D6D6D6-f_jpg-q_x-xxyxxDie Frischwoche

13. – 19. Juni

Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss wäre so eine. Wobei die Anstoßzeit von Florian Mischa Böders Agentengroteske nach eigenem Buch am Donnerstag um 23.05 Uhr ein bisschen den Anschein erweckt, selbst Arte sende zur Fußball-Kernzeit liebere ollere Kamellen. Dabei kann die Geschichte um den tapsigen Kolnarnik, der nach acht Jahren Training im Auftrag der EU endlich Terroristen liquidieren soll, locker mit jedem Vorrundenspiel mithalten.

Benno Führmann spielt diesen Auftragskiller, dem beim ersten Einsatz Mavie Hörbiger als Betrügerin Rosa in die Quere kommt, mit viel Hingabe. Er kann das wunderbar, dieses einäugige Stirnrunzeln zwischen Moritz Bleibtreu und Colin Farrell, wenn alles, wirklich alles schiefgeht. Allerdings anders als hierzulande üblich ohne ulkige Musik, die jeden Kalauer mit plötternder Klarinette ankündigt. Und besonders schön: Die Arbeitssprache Englisch in der transnationalen Kommandozentrale wird nicht in fließendes Deutsch übersetzt, sondern untertitelt. Umso mehr könnten Rechtspopulisten der Marke AfD das Ganze also als Doku missverstehen und für ihren Kampf gegen die EU verwenden.

Dem widmet Arte kurz vor der britischen Volksbefragung morgen einen umfassenden Themenabend, der die ganze Realitätsverachtung des Brexit-Lagers klug auf den Punkt bringt und im Filmporträt Sir Winston (22.45 Uhr) mit dem europäischen Vordenker Churchill kontrastiert, der vor dem vulgärpatriotischen Springteufel Nigel Farage allen Ernstes als konservativ galt. Seltsame alte Welt. Ganz im Gegensatz zur Schönen neuen Welt, die Claus Kleber am Sonntag nach dem weltbewegenden Vorrundenspiel Rumänien vs. Albanien ins Wohnzimmer bringt.

Der frühere USA-Korrespondent hat nämlich sein heute-Studio kurz ins Silicon Valley verlassen. Nicht als erster, aber als Neugierigster, so scheint es. Denn die Reportage fördert wirklich Erstaunliches zutage über das innovativste Tal der Menschheitsgeschichte. Also unbedingt ansehen, auch wenn 23.30 Uhr nicht die perfekte Zeit für so harten Stoff sein mag!

Eine Dreiviertelstunde früher beginnt am Dienstag zuvor immerhin die 16. Ausgabe vom FilmDebüt im Ersten mit Johanns Nabers zweitem Langspielfilm Zeit der Kanibalen. Devid Striesow und Sebastian Blomberg verkörpern darin zwei Finanzjongleure auf der Jagd nach Rendite – bis ihnen in Gestalt von Katharina Schüttler ausgerechnet eine Frau Konkurrenz macht. Witzig. Und neu. Also die Ausnahme während der EM. Von daher gibt es nun Wiederholungen der Woche satt, in Schwarzweiß zum Beispiel Greta Gerwig als entzückend prekärer Retrohipster Frances Ha (Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte) von 2012. Oder ein halbes Jahrhundert älter und zwei Stunden später auf Servus: Sidney Lumets legendären Zwölf Geschworenen, der regelmäßig in die Top Ten der besten Filme ever gewählt wird.

Noch zwei Altbestände in Farbe: Sophia Coppolas Lost in Translation (heute, 21.45 Uhr, Eins Plus) oder der erste Tatort mit Helmut Fischer als Kommissar Ludwig Lenz von 1981 namens Im Fadenkreuz, den der damalige Sender BR am Dienstag zur besten Sendezeit zeigt. Und auch der Dokumentartipp ist diesmal ein bisschen fiktional oder umgekehrt: Die Akte Kleist (Dienstag, 22.45 Uhr, RBB), eine spielerische Annäherung an den spektakulären Suizid des Dichters mit Alexander Beyer und Meret Becker als tragisches Liebespaar.


LFNT, Holy Fuck, Tom Odell

LFNT_ArtworkLFNT

Wer umgeben von Mauern lebt, muss seinen Horizont anderweitig erweitern. Da bietet sich natürlich die Musik an; ein wunderbarer Weg erweiterter Sicht mit einfachen Mitteln – für sich selbst und für andere. Der israelische Singer/Songwriter Ran Nir etwa hat die tägliche Weltflucht im seltsamen Inselstatus seines Heimatlandes zur Kunstform erhoben und macht unterm kryptologischen Kürzel LFNT für Elephant auch auf dem zweiten Album eine Art lässig-theatralischen Alternative, der die Sonnenseiten verschiedener Genres mit klassischen Band-Equipment und etwas ergänzendem Sampling auf bezaubernde Art und Weise verschmilzt. Artrock zum Beispiel, Britpop, Shoegazing, etwas Pathos hier, viel Rhythmus dort.

Wie schon seine Landsleute Umlala oder TheAngelcy pfeift sich der Multi-Instrumentalist auf Time To Bleed fröhlich eins aufs an- und abschwellende Chaos ringsum. Aufgenommen in Israels jüngster Stadt Tel Aviv und der zweitjüngsten Berlin, reibt ihm der versierte Produzent Brian Lucey (Beck, Black Keys) dabei reichlich longdringnebliges Partygefühl unter die rauchige Stimme, mit der Ran Nir schon im Auftaktstück die Titelzeile It’s Gonna Be Alright so oft zusammenhanglos aneinanderreiht, dass klar wird: Hier lebt einer im Hier und Jetzt, losgelöst von den Sorgen des Alltags, ohne sie lächerlich zu machen. Politik? Später! Die Flucht ins Private kann wunderbar sein.

LFNT – Time To Bleed (Cargo Records)

HolyHoly Fuck

Die Abkehr ins Innere kann aber auch klingen wie ein Fiebertraum. Besonders beliebt als Fluchthelfer ist da seit einiger Zeit die Kombination aus discoeskem DJing und technoider Electronica, gepaart mit echtem Bass und schwitzigen Drums. Letztere liefert im kanadischen Quartett Holy Fuck der hypnotische Schlagzeug-Virtuose Matt Schulz, letzteres vor allem der Keyboard-Wizzard Brian Borcherdt, der seine Folk-Gitarre immer mal wieder beiseite legt, um dem digitalem Noise dieser Art ein paar neue Facetten abzuringen. Auf dem vierten Album Congrats klingt das dann meist, als würde eine echte Rockband elektronisch tüchtig nachbearbeitet oder umgekehrt.

Man muss das beat- und basslastige Klanggewitter zwar wohl live erlebt haben, um seine treibende Dynamik vollends zu begreifen. Doch auch die Platte reicht dicke aus, um einen Spirit zu erfassen, der tief aus den Wurzeln des Punk stammt: Experimente durchzuführen wie im plötzlich absurd poppigen Neon Dad. Versuchsanordnungen, die kein konkretes Ergebnis herbeisteuern wollen, sondern die eigenen Möglichkeiten im Praxistest sondieren, bis daraus entweder infernalischer Krach zum Gliederschütteln wird oder wie hier ein gefälliges Popstück zum richtigen Tanzen. Holy Fuck – der Name ist nicht bloß ein krasses Label, es ist der Ausruf aller, die davon ergriffen werden. Und das geht fix.

Holy Fuck – Congrats (Innovative Leisure)

Hype der Woche

TT16OdellTom Odell

Gott, ist der entzückend, süße 25 und im Zirkus Pop doch abgebrühter als mancher Hochseilartist doppelten Alters. Einem unerlässlichen Bauteil gleich, packt Tom Odell auf dem Nachfolger seines gefeierten Debütalbums einfach wulstige Gitarrensoli übers Titelstück Wrong Crowd, pfeift wie ein Schulkind auf dem Heimweg gen Himmel und treibt das Pathos seiner mild kratzenden Wave-Stimme im Refrain noch zwei Erregungsstufen höher, wenn er sein Superstarleben beklagt, dem er mit jeder Note des Albums Futter gibt. Das erinnert an Populisten: Irgendwas Krasses rausblasen, hinterher halbherzig relativieren, sodann auskosten, was in den Köpfen der Leute flottiert. Hyperfettproduziert von Jim Abbiss (Arctic Monkeys) ist das Werk des englischen Pianisten allerdings in etwa so politisch wie ein Stück dick belegter Pizza. Jeder Track ein sorgsam kalkulierter Ohrwurm für die Generation Kreisch, Schlüpferstürmer vom ersten zum elften Hit. Und was soll man sagen: Es wirkt! Sein Songwriting ist präzise, jeder Geigeneinsatz pointiert, das Gefühl selten unglaubhaft, alles selbstgewiss professionell, ohne kühl zu wirken. Tom Odell ist exakt da, wo er sein will. Nix Wrong Crowd…

Einer der drei Texte ist zuvor auf Zeit-Online erschienen

Pernilla August: Billes Frau & Vaders Mutter

Pernilla_AugustStar Wars war wie Schokolade

Skandinavische Serien sorgen gern für besonders grässliche Morde. In Die Erbschaft (donnerstags, 20.15 Uhr, Arte) dagegen schläft die Matriarchin einer dänischen Patchworkgroßfamilie friedlich ein – dann wird zehn Teile unblutig um ihren Nachlass gestritten. Dass das so sehenswert ist, liegt auch an Pernilla August (Foto: Frankie Fouganthin). Star Wars-Fans als Darth Vaders Mama bekannt, steht die schwedische Regisseurin für exzellentes Erzählkino mit famoser Bildsprache. Ein Gespräch.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Pernilla August, wie gut ist Ihr Dänisch?

Pernilla August: (lacht) Ich spreche fast kein Wort, kann aber praktisch alles verstehen.

Weil Sie lange mit dem dänischen Regisseur Bille August verheiratet waren?

Nein, der kann sehr gut Schwedisch. Es liegt wohl eher daran, dass sich beide Sprachen recht ähnlich sind, so wie Deutsch und Holländisch, nehme ich an.

Warum dreht eine Regisseurin vom exzellenten Filmstandort Schweden überhaupt eine Serie fürs dänische Fernsehen?

Weil es da wunderbare Darsteller gibt, die sich geradezu perfekt fürs tolle Drehbuch der dänischen Autoren eignen. Außerdem gab es vom ersten Moment an eine ganz bestimmte Chemie zwischen mir, dem Produzenten Christian Rank und der Serienerfinderin Maya Ilsøe. Erst das hat mich wirklich überzeugt, dieses Projekt zu machen. Bis dahin hatte ich vom Fernsehen mit seinem spezifischen Tempo, der eigenen Bildsprache gar keine Ahnung. Aber auch mit dem Rest des Teams und den Schauspielern entstand sehr schnell etwas Inniges, Vertrautes.

Das passt natürlich hervorragend zum Filmthema Familie.

Jetzt wo Sie es sagen – stimmt (lacht). Deshalb hatte ich wohl auch so gern meine eigene Familie beim Drehen dabei.

Andererseits erscheint die Familie der verstorbenen Bildhauerin Veronika Grønnegaard nach dem überraschenden Auftauchen einer weiteren Tochter keineswegs harmonisch.

Da geht es ja auch ums Erbe.

Dennoch wirkt Familie nicht nur im Fall Ihrer Serie oft ein bisschen wie Krieg. Warum gibt es zwischen totaler Harmonie romantischer Komödien und der Dauerkonfrontation des Problemfilms so wenige Zwischentöne?

Weil ich befürchte, dass dies die Realität ist. In jeder Familie gibt es doch Streit, Neid, Konkurrenzkampf. Zumindest, wenn ein lang gehütetes Geheimnis gelüftet wird wie eine Tochter, die den anderen Verwandten plötzlich einen Teil ihrer Ansprüche streitig zu machen droht. Da kommt halt vieles auf den Tisch.

Ist diese Familie demnach real oder doch bloß die spannendere Fiktion als eine ohne derlei Konflikte?

Sie ist durch und durch fiktional, aber dabei eben nicht unrealistisch. Der Mikrokosmos, seine Psychologie, die sozialen Mechanismen sind ja schon in der Realität ungeheuer faszinierend, aber wir haben das natürlich nochmals verdichtet; es geht schließlich auch um Unterhaltung.

Haben Sie privat denn Erfahrung mit solch innerfamiliären Auseinandersetzungen?

Das nicht so sehr, aber ich wurde bei dieser Arbeit von meiner eigenen Großmutter inspiriert, die eine ebenso starke, dominante Persönlichkeit war wie Veronika Grønnegaard. Für mich ist es ungeheuer wichtig, sowohl als Schauspielerin als auch als Regisseurin irgendwo in der Realität an eine Person oder Situation, andocken zu können. Deshalb habe ich beim Drehen viel über meine Großmutter nachgedacht.

War sie auch eine Künstlerin wie die im Film?

Nein, Psychologin – was allerdings auch eine Kunst ist und bestens zum Thema passt (lacht).

Gab es überhaupt je Filmleute in Ihrer Familie?

Gar keine, nein. Obwohl – die Schwester meiner Oma, glaube ich. Aber das spielte keine Rolle bei meiner Berufswahl.

Die bestand anfangs darin, eine Schauspielerin zu sein. Bis sie vor gut zehn Jahren hinter die Kamera gewechselt sind. Warum?

Ach, dahinter stand kein längerfristiger Plan. Es schloss sich einfach gerade eine Tür – die des Theaters, an dem ich mehr als 25 Jahre gearbeitet hatte. Dadurch bot sich die Möglichkeit, eine andere zu öffnen. Allerdings wusste ich zwar schon immer, irgendwann mal Filme drehen zu wollen; dass es jedoch so früh werden würde, war mir damals noch nicht bewusst. Ein Freund vom mir hatte damals das Skript zu einem Kurzfilm gedreht und fragte mich, ob ich Lust darauf hätte. Die hatte ich.

Und sind Sie heutzutage noch eher Schauspielerin oder schon mehr Regisseurin?

Zum Glück kann ich noch beides zugleich sein, denn ich liebe keins von beiden weniger.

Können Sie sich vorstellen, unter eigener Regie zu spielen?

Sehr gut sogar, ich hoffe das sogar. Fehlt nur noch das passende Buch.

Zum Abschluss: ich kann unmöglich ein Interview mit Pernilla August führen ohne…

… über Star Wars zu sprechen!

Genau.

Nur zu.

Hat der weltweite Erfolg als Mutter von Anakin Skywalker, dem späteren Darth Vader, ihr Leben vor 17 Jahren nachhaltig verändert?

Überhaupt nicht.

Sie wurden nicht öfter auf der Straße erkannt als früher?!

Ach, das konnte damals in Schweden, als die Filme noch brühwarm waren, schon mal passieren. Ansonsten beschränkte sich meine Bekanntheit allenfalls auf ein paar Filmfestivals. Ich bin bis heute sehr glücklich, bei diesem Film mitgemacht zu haben, doch er war eher wie ein leckeres Stück Schokolade als eine sättigende Mahlzeit. Das Ganze hat mir schließlich noch nicht mal zu mehr Arbeit verholfen. Schön wär’s…

Den siebten Teil haben Sie sich aber trotzdem angesehen.

Nein, leider. Das hat aber nichts damit zu tun. Ich hab’s damals einfach vor lauter Arbeit zeitlich nicht geschafft. Jetzt ist er raus aus den Kinos, und fürs kleine Fernsehen ist das Format eigentlich ein bisschen groß.

Das sagt man mittlerweile auch über Fernsehserien wie Die Erbschaft, die das neue Kino sein sollen.

Trotzdem passt sie da definitiv besser rein.

 

Bio Pernilla August

Wohin ihr Weg führen wird, deutet sich bereits 1982 an, als Pernilla August sieben Jahre nach ihrem Filmdebüt mit 24 in Ingmar Bergmanns Familiendrama Fanny und Alexander mitwirkt. Daheim wird die Stockholmerin mit ambitioniertem Kino rasch zum Star, der durch die Hauptrolle im TV-Mehrteiler Die besten Absichten ihres Mannes Bille August (Das Geisterhaus) Anfang der Neunziger, mehr aber noch in den Prequels von Star Wars als Anakin Skywalkers Mutter weiter wächst. Bald darauf wechselt sie hinter die Kamera und sorgt 2010 mit ihrem ersten Langfilm Bessere Aussichten international für Aufsehen. Pernilla August hat drei Kinder von zwei Filmemachern und lebt in Stockholm.


24 Stunden Bayern: Kopie & Archäologie

24h-bayern-drehtag-122-_v-img__16__9__l_-1dc0e8f74459dd04c91a0d45af4972b9069f1135Vorsorgliche Paläoanthropologie

Oberflächlich hat der BR mit 24h Bayern (Bild: Ostkreuz Berlin/Anne Schönharting) gerade das vergleichsweise plumpe Plagiat eines Arte-Experimentes vor sieben Jahren in Berlin gedreht. Darunter aber schlummert eine Chance von fast archäologischer Bedeutung, die gern Schule machen darf. Kopie hin oder her…

Von Jan Freitag

Die Realität, heißt es im filmischen Volksmund gern, ist doch der beste Regisseur. Die Realität, besagt hingegen der zeitgenössische Publikumsgeschmack, muss dabei gar nicht so zwingend der Wirklichkeit entsprechen, um als solche durchzugehen. Da reicht bereits ein kurzer Blick ins heutige RTL-Programm: Nach dem Mittagsmagazin gaukeln Verdachts- und Betrugsfälle ebenso wie ein Blaulicht Report Tatsachen vor, die zwar allesamt erstunken und erlogen sind, vom Durchschnittszuschauer aber nachweislich verstörend für voll genommen werden. Scripted Reality eben, die Wahrheit des Fernsehkommerzes.

Umso erstaunlicher ist es da, dass sich auch die beglaubigte Gewissheit draußen vorm Flachbildschirm gut hält im Konkurrenzkampf mit dem täglichen Betrug der Privatsender. Wissenschaft, Politik, Geschichte erzielen als unterhaltsame Kofferwortformate wie Historytainment unverdrossen Topquoten, die das gemeine Dokudrama auch im Jahr 3 nach Guido Knopp verlässlich erzielt. Nachrichten und Magazine trotzen vor allem öffentlich-rechtlich dem Niedergang des Mediums. Und dann noch dieser seltsame Hang zur Echtzeitbeschreibung des Alltags.

Sieben Jahre ist es mittlerweile her, dass Arte gemeinsam mit dem RBB und zero film in einem aufsehenerregenden Echtzeitprojekt 24h Berlin dokumentiert hat. Von sechs bis sechs Uhr wurden seinerzeit ausgewählte Hauptstädter mit oder ohne bekannten Namen in Echtzeit von 80 Regisseuren mit oder ohne bekannten Namen beim Leben, Lieben, Arbeiten, Sein begleitet. Es war eine televisionäre Sensation, vom Feuilleton gefeiert, vielfach prämiert und für einen Kulturkanal mit ansehnlichem Zuschauerzuspruch bedacht. Alles so gelungen, dass Arte sein weltweit beachtetes Experiment 2014 in Jerusalem wiederholte. Und nun legt der Bayerische Rundfunk nach.

Für seine Version der Ganztagsstudie wurde vorigen Freitag ab Punkt sechs Uhr nun abermals das Leben einer Region eingefangen, nur eben diesmal im Freistaat vom ersten Kühemelken bis zum letzten Münchner Nachtschwärmer. Nächstes Jahr um exakt die gleiche Zeit wird das Ganze dann die vollen 24 Stunde nlang im BR ausgestrahlt. 24h Bayern heißt das Projekt wenig ehrgeizig, konnte aber wie einst in Berlin durchaus prominente Filmemacher gewinnen. Andreas Veiel zum Beispiel, Doris Dörrie, Marcus H. Rosenmüller, solche Kaliber. Mit 100 Kamerateams haben sie ihr Heimatland ohne die Möglichkeit nachzudrehen rund um die Uhr dokumentiert, 800 Stunden Material sind dabei zusammengekommen. Ein voller Erfolg, heißt es schon jetzt vom verantwortlichen Sender. Sogar die Flutkatastrophe im Landesosten findet darin statt.

Es mag also zunächst mal nach einer plumpen Kopie des preußischen Vorbilds klingen; im Ergebnis ist der Drehmarathon nicht nur ein Stück dokumentarische TV-Unterhaltung, sondern wahrhaftige Kulturgeschichte. Denn abgesehen von der Heisenberg’schen Unschärferelation, nach der jede Beobachtung schon durch die Präsenz des Beobachters verändert wird, betreibt der BR hiermit eine Art vorsorglicher Paläoanthropologie regionaler Allgemeinexistenz, die auch für künftige Generationen visuell erlebbar gemacht wird. Plagiat hin oder her: Im Grunde sollte also jedes Funkhaus die Gelegenheit ergreifen, diese Form der soziokulturellen Konservierung zeitnah vorzunehmen. Anders als handelsübliche Dokumentationen, Sachbücher oder Forschungsprojekte hat 24 Stunden XY nämlich die Chance, Realität nicht bloß abzubilden oder zu konstruieren. Sondern zu sein.

„Ein Bild des Lebens in Bayern, aus der Perspektive seiner Bewohnerinnen und Bewohner“, so nennt es die Produktionsfirma zero one 24 GmbH im Auftrag des BR. Klingt hochtrabend, entspricht aber durchaus der Wahrheit. Es ist eine ganz ohne Drehbuch. Wie sowas geht, will RTL gar nicht wissen.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-SwissSWISS & Rio Reiser

Es scheint, als hätten SWISS & Die Andern bei der Titelvergabe ihres neuen Albums Missglückte Welt, die Ereignisse rund um den Hafengeburtstag im Mai in möglichst passenden Worten zusammenfassen wollen. Da versucht eine so genannte Alternative für Deutschland zuerst den Punkrock einfach mal gänzlich zu verbieten und bringt SWISS und seiner Band dann auch noch um jede Menge Lob und Anerkennung, indem deren kritische Äußerungen den anderen Hamburger Punkern zugeordnet werden. Frech. Im zugegebenermaßen vor der Hafensause geführten Bierplattengespräch bekommt Frontmann SWISS deshalb nun Gelegenheit sich politisch zu positionieren und dabei noch über seine große musikalische Liebe zu sprechen.

Von Marthe Ruddat

Der Otzentreff in St. Pauli an einem lauen Dienstagabend Anfang Mai. SWISS hat gleich noch Probe und trinkt Kaffee, für Marthe gibt es Dithmarscher

freitagsmedien: Nachdem ich so einiges über dich gelesen habe, bin ich ja sicher, dass du heute Ton Steine Scherben oder die Dreigroschenoper mitgebracht hast.

SWISS: Haha, da liegst du ziemlich richtig! Es gibt so viele Songs von Rio, die mich sehr mitgenommen haben. Kennst du Rios Am Piano?

Nee, kenn’ ich nicht.

Ich glaube das ist auch eher ein Sampler oder so. Auf der Platte hat er Ich sitz an Land am Klavier gespielt. Einfach Wahnsinn! Aber ich soll mich hier ja für eine ganze Platte entscheiden und da müssen es dann die Scherben mit Wenn die Nacht am tiefsten… sein. Magst du das?

Ja, ein sehr emotionales Album!

Wenn die Nacht am tiefsten… erscheint 1975 und ist das dritte Album von Ton Steine Scherben. Im Unterschied zu seinen Vorgängern widmet sich das Album eher persönlichen Gefühlen als revolutionären Zielen.

Ja, find’ ich auch! Bei diesem Album bin ich wie der Pawlow’sche Hund: Du musst die Songs nur anmachen und ich hab sofort Pipi in den Augen, besonders bei Marthe-RioLand in Sicht. Das sind auch so die Songs, die ich Zuhause das erste Mal wahrgenommen habe.

Also haben deine Eltern viel Ton Steine Scherben gehört?

Genau. Im Nachhinein haben die wirklich einen überragenden Musikgeschmack. Das habe ich damals gar nicht so realisiert.

Wo siehst du die Verbindung zwischen den Scherben und der Musik von SWISS & Die Andern?

Musikalisch sind wir natürlich sehr unterschiedlich. Aber ich glaube es gibt schon Parallelen. Die erste Scheibe der Scherben war ja tierisch politisch und darauf wurden sie dann einfach festgenagelt. Als linke Band konnten sie zum Beispiel nie große Gelder für Konzerttickets verlangen, das war eher so eine Art Solispende.

Den musikalischen Wandel auf Wenn die Nacht am tiefsten… begründen die Scherben damals damit, dass sie nicht als Hausband der linken Szene betrachtet und auf politische Texte reduziert werden wollen.

Ich merke, dass wir diesen Weg auch gehen. Unsere Fans sind sehr links und das ist ziemlich cool. Andererseits kann das nerven, wenn es extrem wird und diskutiert werden muss, wer welche Musik hören darf. Ich habe überhaupt keinen Bock mich von solchen Sachen vereinnahmen oder instrumentalisieren zu lassen. Ich bin schon immer ein links denkender Mensch und brauche keinen Credibility-Stempel von irgendwem.

Die Fans, die sich in euren Sippschaften zusammentun, brauchen diesen Stempel aber scheinbar schon.

Naja, ich weiß schon, was du meinst, aber eigentlich geht es dabei um was anderes. Als dieses ganze Missglückte Welt-Ding angefangen hat, haben sich davon total viele Leute angesprochen gefühlt. Viele identifizieren sich mit unseren Texten und den Themen und Problemen, die wir ansprechen. Die Zickzackkinder sind unser engster Kreis. Sie sind in ihren Sippschaften organisiert. Das heißt aber auch, dass sie sich gegenseitig unterstützen. Wenn die Berliner Sippschaft zum Beispiel nach Hamburg kommt, dann müssen die Hamburger denen was zum pennen organisieren und so.

Das Wort Zickzackkinder ist angelehnt an den gleichnamige Roman David Grossmanns. Das Buch erzählt die Geschichte eines 13-jährigen Jungen, der auf einer Reise immer mehr über die Vergangenheit seiner Eltern erfährt. Es geht dabei insbesondere um Beziehungen und das Erwachsenwerden.

Marthe1Das klingt ja mehr nach Politik als nach Musik.

Ja, das ist schon krass. Mittlerweile sind glaube ich über 300 Leute in Sippschaften organisiert. Das ganze ist aber sehr demokratisch und hat auch immer was mit der Band zu tun. Ich habe schon immer sehr provozierende Musik gemacht und war nie ein Künstler der Industrie. Die großen Firmen haben immer gesagt, dass sie mich nicht verkaufen können, weil ich aus dem Raster falle. Wir haben aber gemerkt, dass es davon noch mehr Menschen gibt und die unser Ding feiern. Deshalb haben wir uns die nötigen Strukturen einfach selbst gebaut. Bei dem neuen Album haben die Sippschaften zum Beispiel in jeder Stadt Plakate geklebt und gestickert. Andererseits dürfen die Leute aus einer Sippschaft bei Konzerten auch schon zum Soundcheck rein, kriegen Freibier und dürfen mit uns rumhängen. Das mag ich halt. Man muss nur ein bisschen aufpassen, dass das Ganze nicht zu dogmatisch wird. Bei Neuaufnahmen gab es auch schon mal so stasimäßige Aktionen, wie: „Der hat 2013 das und das Video gepostet, können wir solche Leute dulden?“ So was nenne ich dann gerne mal Punkfaschismus und davon will ich mich lösen.

Ich frage mich gerade, warum du dich heute nicht für Keine Macht für Niemand entschieden hast…

Das ist einfach so, weil mir die Songs auf Wenn die Nacht am tiefsten… so viel bedeuten. Ich weiß jetzt nicht genau, welche Songs auf Keine Macht für Niemand sind, aber so Titel wie König von Deutschland lösen in mir halt nichts aus. Bei Land in Sicht höre ich Rios poetische Schreibe. Rio ist so ein Poet gewesen! Sag mir wer, wenn nicht er! Und besonders seine Sehnsuchtsmusik hat es mir halt angetan und diese Songs haben mich auch beim Schreiben am meisten beeinflusst. Ich glaube auch wir werden auf dem nächsten Album ein bisschen sehnsuchtsmäßiger. Gar nicht, um die Scherben nachzumachen. Aber ich glaube hier gibt es auch in Zukunft Parallelen.

 

Ton Steine Scherben – Land in Sicht

Land in Sicht, singt der Wind in mein Herz.

Die lange Reise ist vorbei.

Morgenlicht weckt meine Seele auf.

Ich lebe wieder und bin frei.

— 

Und die Tränen von gestern wird die Sonne trocknen,

die Spuren der Verzweiflung wird der Wind verweh’n.

Die durstigen Lippen wird der Regen trösten

und die längst verlor’n Geglaubten

werden von den Toten aufersteh’n.

Ich seh die Wälder meiner Sehnsucht,

den weiten sonnengelben Strand.

Der Himmel leuchtet wie Unendlichkeit,

die bösen Träume sind verbannt.

Und die Tränen von gestern wird die Sonne trocknen,

die Spuren der Verzweiflung wird der Wind verweh’n.

Die durstigen Lippen wird der Regen trösten

und die längst verlor’n Geglaubten

werden von den Toten aufersteh’n.

 

In welchen Momenten hörst du Wenn die Nacht am tiefsten…?

Ich höre die Scherben eigentlich meistens, wenn ich nicht so gut drauf bin.

Damit es dir besser geht oder um dich ein bisschen im Unglück zu suhlen?

Ich weiß was du meinst. Aber eigentlich beides nicht. Es ist eher das Gefühl, zu einem alten Kumpel zu gehen, der mich versteht. Ein alter Kumpel, der um meine Schwächen weiß und dem ich deshalb auch nichts vormachen muss.

Ist es eines deiner persönlichen Ziele, dass deine Musik auch so lange erfolgreich und bedeutend bleibt, wie die der Scherben?

Unbedingt! Ich will vor allem Songs hinterlassen, das ist ein großer Gedanke. Ich will nicht sagen, ich hab voll viele Platten verkauft, sondern, dass ein Song die Leute immer noch berührt. Ich war neulich mal im Schauspielhaus, da hat Jan Plewka Rios Songs gesungen. Und du hast bei den ganzen Leuten im Publikum den Glanz in den Augen gesehen und gemerkt, wie viel ihnen diese Musik bedeutet. Das hat mich total bewegt. Wenn ich das mit nur einem Song schaffe, das wär super. Geld ist eh eigentlich nur ein Abfallprodukt von Kunst.

Und wie willst Du das erreichen?

Ich glaube, das läuft auch darüber, wie ich meine Seele ausschütte. Es gibt Songs, die Gefühlsregungen auf einem Kommerzniveau sehr einfach darstellen: „Mein Herz brennt“, „Die Sehnsucht treibt mich“, also all diese institutionalisierten Worthülsen, die bei mir nichts mehr auslösen. Rio hat vermutlich dasselbe beschrieben, aber viel poetischere Worte gefunden. Darum geht es heute auch. Andere Worte zu finden, an denen sich die Menschen reiben. Ich will die Menschen nicht erziehen, sie sollen einfach mal drüber nachdenken, was ich sage. So ein bisschen Alexander Kluge-mäßig.

SWISS & Die Andern spielen im Sommer auf einigen Festivals und starten im Herbst eine große Missglückte Welt-Tour. Infos und Tickets gibt’s auf missglueckte-welt.de oder bei facebook. Wer die Geschichte vom Hafengeburtstag noch nicht kennt, dem sei der Beitrag von Michel Abdollahi empfohlen: https://kommentarrex.wordpress.com/2016/05/10/die-alternative-fuer-deutschland-afd-und-das-internet/.


Horrornews & Herzensprojekte

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

30. Mai – 5. Juni

Wen der klassenbewusste Tweed-Rassist Alexander Gauland auch immer als Nachbarn duldet oder nicht, und was die FAZ davon nun erfunden oder frei interpretiert hat: Horrornachrichten brauchen hierzulande nicht unbedingt der AfD und ähnlich brauner Gestalten; es reicht schon das Sonntagsprogramm des ZDF. Wobei man sich natürlich fragen muss, was gruseliger ist: Dass an einem gewöhnlichen Wochenendmorgen um sechs statt des putzigen Zeichentrickaffens Coco (Der neugierige Affe) versehentlich der weniger putzige Horrorstreifen Halloween (Die Nacht des Grauens) läuft? Oder dass es Erwachsene gibt, die ihre Kinder an einem gewöhnlichen Wochenendmorgen um sechs überhaupt vor den Fernseher setzen… Da braucht es dann wirklich keines blutrünstigen Psychopathen mit Eishockeymaske, um den Nachwuchs fürs Leben zu versauen.

Wobei ja auch das anschließende Angebot Richtung Pilcher-Showdown nicht grundsätzlich dafür geeignet ist, ein Dasein in Würde und Anstand zu begleiten. Selbst öffentlich-rechtlich wird darin schließlich alles leichthin dem Massengeschmack untergeordnet, was nicht bei drei nach Mitternacht laufen will. Wenn zum Beispiel ein großes Fußballturnier stattfindet, sagen wir: in Europa, dann mag es zwar in Ausnahmefällen nachvollziehbar sein, ein bedeutendes Informationsformat wie das heute-journal auf Halbzeitpausenlänge zu kürzen.

Das Zweite jedoch erweitert diese Kürzung auch auf Tage, an denen die ARD dran ist mit dem Fußball-Overkill – um das Publikum bloß nicht mit etwas Ödem wie dem übrigen Weltgeschehen von der schönsten Nebensache des Planeten abzulenken. Man möchte dem gebührenfinanzierten Staatsauftrag des Senders glatt jenes italienische Abschiedswort zurufen, mit dem sich der große graue Sportreporterwolf Marcel Reif vorige Woche nach vorwiegend wundervollen Jahrzehnten am Mikro vom Kommentatoren-Stuhl verabschiedet hat: Andiamo (Anspruch).

Willkommen (EM)!

060137-001-A_erbschaft1_04Die Frischwoche

6. – 12. Juni

TV-Zuschauern, denen die egal ist (und das sollen angeblich ein paar Tausend sein), können sich ab Donnerstag aber auch anderweitig amüsieren. Am Abend vorm Eröffnungsspiel (und 72 Stunden vorm ersten Auftritt der Deutschen Mannschaft gegen die Ukraine im Ersten) beginnt um 20.15 Uhr auf Arte eine Serie, die erneut zeigt, was skandinavisches Fernsehen dem hiesigen immer noch voraus hat: den Mut zur nachvollziehbaren Querverstrebung etwa. Die schwedische Regisseurin Pernilla August – Fans bekannter als Darth Vaders Mama in Star Wars – entfacht hier in Doppel- und Dreifachfolgen einen Streit um Die Erbschaft einer dänischen Bildhauerin, und fast nichts, was daran so sehenswert ist, wird dem deutschen Publikum je eigenproduziert zugemutet.

Figuren zum Beispiel wie Signe, uneheliche Tochter der gestorbenen Patriarchin Veronika Grønnegaard, die drei bekannten Kindern ungewollt den Nachlass (Foto: Martin Lehmann) streitig macht. Darunter Dänemarks Superstar Trine Dyrholm, der die Tricks, Allianzen und Motive im Kampf um den Nachlass in einer grandiosen Frauenfigur bündelt. Gut, solche Charaktere sind auch hierzulande möglich. 2025. Wenn das Fernsehen fast tot ist. Auch, weil es ein kühnes Psychospiel wie Jürgen Vogels Herzensprojekt Stereo, das es locker mit der radikalen Sprache des dänischen Bilderstürmers Nicolas Winding Refn aufnimmt, allenfalls in die Nische schafft.

Während Vogels gutes, aber konventionelles Finanzweltdrama Vertraue mir Mittwochs in der ARD-Primetime läuft, kämpft sein famoser Arthaus-Film um einen leidlich gesettelten Mittdreißiger im Griff von Moritz Bleibtreu am Donnerstag um 23.05 Uhr wohl vergeblich um eine sechsstellige Zuschauerzahl auf Arte, wohingegen ARZDF zur besten Sendezeit ihre Hirschhausens und Gätjens zum Rätseln bitten. Und RTL wiederholt Doctor’s Diary… Verlockender kann das lineare Programm gar nicht für Streamingdienste werben.

Halten wir uns also nicht länger mit Erstausstrahlungen auf, sondern wechseln schnell zu den Wiederholungen der Woche. Heute um 22.25 Uhr auf – Huch! – Arte: Roman Polanskis englischsprachiges Einfallstor in die Filmwelt Ekel, den Catherine Deneuve als psychisch labile Neurotikerin Carol darin 1965 in schwarzweiß vor sich selbst verspürte. Bunter geht es nicht nur optisch im Farbtipp von 1978 zu: Grease (Dienstag, 20.15 Uhr, SRTL), John Travoltas rock’n’rollende Antwort auf den anhaltenden Disco-Boom jener Jahre. Und um dem Fußball hier irgendwie doch noch die Referenz zu erweisen: Parallel dazu zeigt Arte die Wochendoku Ziemlich beste Gegner, in der die deutsch-französische Erbfeindschaft mal nicht im Schützengraben, sondern elf gegen elf ausgetragen wird. Kleine Abwechslung zum aktiven Sport.


I Have A Tribe, Whitney, Soler/Claus, Strokes

TT16-tribeI Have A Tribe

Der Mond ist ein unbegreifliches Gestirn. Einst aus der Erde herausgeschlagen, hält es sie seither so konstant in der Umlaufbahn, dass darauf Leben wie unseres entstehen konnte, macht dieses Leben aber auch beharrlich kirre mit seiner magischen Anziehungskraft. Manche Menschen so sehr, dass sie ganz entrückt sind vom irdischen Dasein und dies auch kundtun müsen. Zumindest im Falle von Patrick O’Laoghaire ist das allerdings weniger esoterisch als irgendwie weltlich abgedreht, also ein großes Glück. Der junge Ire scheint nämlich im besten Sinne somnambul zu sein, ein Mondsüchtiger, der des Tags den Trabanten anheult und daraus hinreißende Musik erstellt. Musik, wie sein fantastisches Debütalbum Beneath A Yellow Moon.

Unter dem nämlich schlafwandelt er auf seinem Piano als I Have A Tribe durch die Nacht und erzählt mit bröckelnder Stimme davon, wie es so ist, zwischen den Welten zu schweben, halb wach, halb sediert. Selbst sein Englisch entgleitet ihn in diesem Stadium, als sei er ein Immigrant in die eigene Welt, als blicke er von außen auf das, was er tut und denkt und singt. Es ist schlichtweg zum Niederknien, wie er all dies auf der goldstuckierten Bühne seines inneren Theaters vorträgt, pathetisch und doch federleicht, eine Art von existenzialistischem Chanson, den auch der gewöhnliche Einsatz von Schlagzeug, Bass, Gitarre nie aus der Nische liebenswert verspielter Popavantgarde holt.

I Have A Tribe – Beneath A Yellow Moon (Groenland)

TT16-WhitneyWhitney

Liebenswert, verspielt, nicht so wirklich avantgardistisch, aber dafür von ergreifender Schönheit ist ein anderes Debüt, das ebenfalls durch seine Stimme besticht, aber keinesfalls nur. Wirklich nicht. Im Gegenteil. Der junge Mann mit dem zuckersüßen Popfalsett heißt Julien Ehrlich, und es ist nicht die Tatsache allein, dass er zugleich Drummer von Whitney ist, die an eine Band namens The Band und ihren singenden Schlagzeuger Levon Helm – R.I.P. – erinnern; seine Epigonen aus Chicago machen eine Art von lebensbejahendem Westcoast-Folk, an dem sich seit den Beach Boys gefühlt 20.000 Formationen jeder Herkunft versucht haben, dabei allerdings entweder zu leicht oder zu schwer klangen. Whitney hingegen schaffen eine seit den Beach Boys echt selten gehörte Balance.

http://www.vevo.com/watch/US38W1633713

Ihr Debütalbum Light Upon The Lake sprüht schließlich nur so vor guter Laune, die nie aufdringlich, sondern herzenswarm wirkt. Von fröhlichen Bläsersequenzen flankiert, gehen die zehn Stücke im kleidsamen Gitarrensound von Max Kakcek eher im Kopf spazieren, als bloß hindurchzurauschen. Noch die plattesten Analogien von Sonne, Sand und Lagerfeuer erscheinen da nicht zu blöde, ja selbst gelegentliche Lalala-Choräle und Stealguitars stören eigentlich nie, wenn Julien Ehrlich von den Facetten ihrer Großstadtexistenzen singt und dabei klingt wie Neil Young wohl gern noch einmal klingen würde. Ach Musik, du bist doch am größten!

Whitney – Light Upon The Lake (Secretly Canadian)

TT16-SolerPedro Soler & Gaspar Claus

Dabei ist Musik bekanntlich nur dann eine Sensation im wahrsten Sinne des Wortes, wenn sie wahrhaft Stilgrenzen überwindet, Hörgewohnheiten sprengt. Cello und Gitarre zum Beispiel sind zwar grundsätzlich keine Antipoden, aber in zweisamer Kombination zumindest für ein popgeschultes Publikum exotisch. Wenn sie dann noch förmlich verschmelzen wie bei Pedro Soler & Gaspar Claus, müssen sich selbst Klassikfans kurz schütteln, bevor sie in Begeisterung verfallen. Wie beim gefeierten Debüt des Duos namens Barlande vor fünf Jahren, zelebriert der 77-jährige Gitarren-Virtuose aus Frankreich auch auf dem Nachfolger mit seinem halb so alten Cellisten spanischer Herkunft eine Art Flamenco-Punk, der so wohl selten vernehmbar war.

Während Soler sein Handwerk aus dem Golden Age des musikalischen Weltkulturerbes aus Spanien mit der emotionalen Präzision einer lebenden Legende seines Genres vollführt, untergräbt Claus diese Makellosigkeit mit so hinreißender Kratzbürstigkeit, dass beim Hören förmlich ein Film vor Augen abläuft. Mit Aki Kaurismäki und Jim Jarmusch in acht Instrumentalstücken durch Katalonien. Eine Reise der Sensationen.

Pedro Soler & Gaspar Claus – Al Viento (Infiné Music)

Hype der Woche

8eb90bce95e16e32ecfc4f20b0e395e2The Strokes

Ein Sound, der sein Zeitalter wenn schon nicht revolutioniert, so doch gehörig aufgemischt hat, hat es bekanntlich schwer, fern dieser Epoche Gehör zu finden. The Strokes haben so einen Sound geliefert. Garagenrock so rau, rotzig und hymnisch, wie es ihn seit der Frühphase des Grunge nur selten gab. Stroke-Rock nannte man das, der Name im Genre, höchste aller Weihen. Anderthalb Jahrzehnte später nun gibt es die New Yorker noch immer. In Originalbesetzung! Und Julian Casablancas klingt auch auf der neuen EP mit dem emblematischen Titel Future Present Past (Cult Records) noch genauso beiläufig cool wie auf dem brillanten Debüt This Is It. Dass der Vorbote zum fünften Album da nicht mithalten kann – so what?! Aufgemotzt mit ein paar elektronisch generierten Samplings in ungewohnt molligen Tonfall, wirken die sechs Stücke schließlich, als wollten The Strokes die zwei langweiligen Platten zuvor vergessen machen und ein bisschen Nostalgie walten lassen, wo sie hingehört. Versuch gelungen.