Die Erdogan-Affäre zeigt mehr denn je: Jan Böhmermann ist der lustigste und peinlichste, brillanteste und chaotischste, eloquenteste und redundanteste Talk-Host im Regelprogramm. Kein Wunder, dass ihn die ARD ebenso wie das ZDF in der Nische versteckt, wo sein gefilmtes Radio LateLine neben Neo Magazin Royale – die einzige Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit Resonanz im Nachwuchspublikum – und einer Gesprächssendung mit Oli Schulz vor wenigen Zuschauern für Furore sorgt. Ein älteres Porträt aus gegebenem Anlass, dass den großen Austeiler des Humors nun erstmals so einstecken ließ, dass er seine morgige Sendung bei ZDFneo abgesagt hat.
Von Jan Freitag
Dieses Tempo muss man erstmal gehen, diese Prüfung erdulden, diesen Doppelsalto stehen: Auf jeden Wink folgt ein Sperrfeuer brachialer Sottisen, auf jede Steilvorlage ein schlagfertiger Abschluss, auf jede Antwort eine Gegenfrage, auf jede Gegenfrage eine Antwort, alles in Echtzeit, garniert mit Begriffen von „frisch gepresster Stierhoden“ bis „Bildung to Go“. Garantiert unverschämt, unverschämt gut – wer sich auf Jan Böhmermann einlässt, sollte besser schnell sein, er sollte diskursiv belastbar sein oder wenigstens zum eleganten Untergang bereit. Dieser Jan Böhmermann ist nämlich der moderierende Eisberg am Rumpf des Mehrheitsfernsehschiffsrumpfs, mithin nicht irgendein Moderator, der irgendwelche Worte bloß irgendwie zur Überbrückung irgendeines Formatzwangs absondert – Jan Böhmermann ist eine Waffe. Eine der Zunge, nicht tödlich, nur angemessen schmerzhaft.
Und jetzt – endlich sagen die einen, oje die anderen – kriegt dieser Nachwuchsmann von auch schon 32 Jahren seine ganz eigene Sendung. Sie heißt „LateLine“, ist im Grunde „abgefilmtes Radio“, wie er es im Zwiegespräch umrahmt von gefühlt 174 überflüssigen, aber interessanten Worten beschreibt, und unterzieht den Flatscreen einer weiteren Belastungsprobe. Seit drei Jahren läuft die „skurrile Sendung ohne Konzept“ voll „verhaltensauffälliger Mediengestalten“ (Böhmermann) rund um Mitternacht quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf den „jungen Wellen“ der ARD à la N-Joy, nun lockt das Leitmedium. Das klänge nach Aufstieg, liefe die zweistündige Mixtur aus Gehalt und Trash, ehrlicher Anteilnahme und selbstgerechtem Desinteresse nicht bei EinsPlus, was rund um Mitternacht noch weniger Menschen erreichen dürfte als das Testbild zu Zeiten, in denen der kleine Jan seine Bremer Lehrer subtiler zur Weisglut trieb als die ruppigen Klassenkasper am Schultisch nebenan.
Aber gut – der große Böhmermann kehrt nach seiner Trennung von Charlotte Roche auf dem Spartenkanal in Abwicklung (ZDFkultur) zurück auf den Bildschirm, live dazu, und das ist doch mal einer tieferen Beschäftigung mit dem Sonderfall des TV-Wesens wert. Kenner mögen den notorischen Schlipsträger bereits in den schlecht beleuchteten Ecken der Hauptsendezeit entdeckt haben: als Impro-Komiker der WDR-Reihe echt Böhmermann, im RTL-Ulk TV-Helden, neben Harald Schmidt bei Sat1 oder Klaas Heufer-Umlauf auf der Bühne, überall dort also, wo einem fernsehfernen Szenepublikum heimtückisch vorgegaukelt wird, eigentlich gar nicht fernzusehen. Das gelang ihm meist dank gediegener Zeitverschwendung plus der Kunst des fortwährenden Redens um seiner Selbst Willen. Bei Roche & Böhmermann hat er es fast zur Perfektion gebracht.
Denn Jan Böhmermann kann reden, und wie er das kann. Aus Rückenmark und Stehgreif. Ohne Punkt, ohne Komma, ohne Haspeln, ohne Äh, ohne Unterlass, ohne Sinn, aber nie vollends redundant. „Ich hab ne Aufmerksamkeitsspanne wie ein Goldfisch“, haut er beim Zuhörerchat über geile Zweilochstuten, meckernde Vorpommer und irgendwas mit Testikeln schon mal raus aus dem Nichts, als LateLine Ende 2012 testweise für EinsPlus gefilmt wurde, donnerstags ab 23 Uhr, „wo Arbeitslose, Studenten und die üblichen ARD-Jugendlichen von 55 bis 73“ zusehen, wie er auch im Interview mit halbautomatischer Phrasenknarre aus der Hüfte schießt. Das ist gern zotig, meist brachial, oft peinlich, öfter brillant, selten primetimetauglich, und doch muss die Frage erlaubt sein, was so ein eloquenter Berserker des geschliffenen Mono- bis Polylogs in der Nische der Nische der Nische verloren hat, jenseits der Wahrnehmung, diesseits messbarer Quoten. Seine Sparte sei „eine Mischung aus Schutz- und Entwicklungsraum“, entgegnet der gelernte Printjournalist und geübte Radioentertainer glaubhaft, „und ich bin dankbar, dass es sie gibt.“ Denn hier kann er seine 120 Studiogäste erst beschimpfen und dann mit Dosenbier versöhnen, mit Anrufern über fäkale Themen debattieren und sodann über Weltpolitik, hier kann er sich austoben.
Das könnte er im Hauptprogramm nicht. Gut: „Wenn der Intendant meine Telefonnummer im Papierkorb vom 3sat-Chef findet, sag ich: klar! Schmeiß die Wetten raus, lad keine Ostdeutschen mehr ein und dann nach dem Motto: Gebt mir vier Jahre Zeit!“ Doch der Autor, Entertainer, Alleskönner weiß natürlich, dass das so irrsinnig niemand ist, im öffentlich-rechtlichen Beamtenapparat mit seinen Pfründen, Deals und Zwangsneurosen. Dabei wäre er es, der zwischen zwei Gottschalkschen Schlüpfrigkeiten über die Oberweite des Hollywoodstars auf der Couch den Besitz dreier Privatjets oder 57 Badezimmer in Malibu problematisieren würde, wie er es mit Britt Hagedorns menschenverachtendem Nachmittagstalk getan hat, von Angesicht zu Angesicht. Insofern könnte LateLine doch nur Durchgangsstation sein. Irgendwann im Nachtprogramm der Großkanäle, zuvor bei ZDFneo, wo er ab eine Herbst eine „knallharte politisch-investigative Magazinsendung à la Monitor, Panorama oder Explosiv Weekend macht. Ob er das ernst meint? Schwer zu sagen. Aber auch egal. Wird schon lustig werden.
Die Öffentlich-Rechtlichen Sender, so scheint es, haben zurzeit einen Pakt mit höheren Mächten geschlossen, der ihnen zurzeit unerwartete PR beschert. Erst erntet die NDR-Satire extra 3 für Erdoğans diplomatische Intervention wegen eines ziemlich wahrhaftigen Liedchens über den Führer der Türkei weltweit Aufmerksamkeit; nun rührt die Staatsanwaltschaft Mainz für ein zugegeben plumpes, aber brüllend komisches Gedicht vom ZDF-Rowdy Böhmermann, das einen ausländischen Staatsmann beleidigen soll, die Werbetrommel. Dabei bleibt völlig offen, ob der inkriminierte Erdoğan wirklich „Mädchen schlägt und dabei Gummimasken trägt“ oder gar „Ziegen ficken“ ebenso mag wie „Minderheiten unterdrücken“, aber darum geht es auch gar nicht, in dem abstrusen Fall von Fremdeinfluss und Selbstzensur. Es geht ums Prinzip.
Das nämlich wollen beide Seiten partout gewahrt sehen: Die eine jenes künstlerischer Freiheit, die andere das soziokultureller Moral. Einigen wir uns doch mal diplomatisch darauf, dass Reccep Tayyip Erdoğan zwar auch dank Angela Merkels langjähriger Ausgrenzungspolitik ein lupenreiner Faschist zu werden droht, aber vermutlich weder Sex mit Ziegen, Mädchen noch sonstwem hat. Dafür fehlt einem Tyrannen wie ihm beim ständigen Unterdrücken von Minderheiten doch nun wirklich schlicht die Zeit.
Andererseits ist die Sache mit Böhmermanns Poesie und der Justiz am ZDF-Standort eine willkommene Ablenkung von den Panama-Papers, die nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit bald auch ein paar deutsche Promis in die Leitmedien von Süddeutsche bis Tagesschau spülen dürften. Ach, wie wünscht man sich angesichts des unablässig hereinbrechenden Irrsinns der Weltpolitik doch manchmal die biedere Bonner Republik zurück, der das Erste nächstes Jahr einen Mehrteiler widmet, wie es grad historytainmentstolz verkündet hat. Die Nachkriegsjahre werden darin – vermutlich mit Heino Ferch als Ludwig Erhard im Fatsuit plus Veronica Ferres als Kriegerwitwe ohne – opulent in Szene gesetzt und damit jene Epoche, deren Abgründe ausgerechnet die ARD heute abermals hervorhebt.
Die Frischwoche
9. – 15. April
Im zweiten Schwung der preisgekrönten Doku-Reihe Akte D geht es zunächst um Macht der Pharmaindustrie. Und die, das belegt der herausragend recherchierte Auftakt zur herausragend miesen Sendezeit (23.30 Uhr), hat in der jungen BRD ihr NS-erprobtes System bedingungsloser Profitmaximierung so zur Perfektion getrieben, dass all die Menschenversuche der zwölf Jahre zuvor seltsam logisch wirken. Von Contergan über HIV-verseuchte Blutgerinner oder Arzneitests an DDR-Bürgern bis hin zur radikalen Lobbyarbeit gegen Patientenrecht und gesetzliche Regulierung hat sich die frühere Apotheke der Welt zum Selbstbedienungsladen unternehmerischer Gier deformiert. Ein fabelhafter Film zum Reihenstart.
Von dem aus man tags drauf bedenkenlos zum BR überleiten kann, der um 22.30 Uhr seinen Whistleblower-Schwerpunkt mit dem Welterfolg Citizenfour startet. Darin trifft Autorin Laura Poitras den heilsamen Geheimnisverräter schlechthin: Edward Snowdon. Statt NSA steht an den zwei darauffolgenden Dienstagen dann der israelische Mossad im Mittelpunkt. Da die breite Masse des Publikums aber nicht mit Substanz belastet werden will (und wird), feiert das ZDF zur besten Sendezeit lieber den 90. Geburtstag von Queen Elizabeth II. Ist ja alles so schön bunt hier…
Bei den Privaten dagegen hat man ja schon seit längerem den Verdacht, dass dort allerlei seltsame Pillen ins Fingerfood gemischt werden. Anders lässt sich Die große ProSieben Völkerball-Meisterschaft kaum erklären, die das beliebte Kinderspiel Samstag-Abend volle vier Stunden lang live mithilfe mehrheitlich rätselhafter C-Promis auf Krabbelgruppenniveau senkt. Allerdings entstammen einige der Mitspieler direkt den sozialen Netzwerken, was erklärt, warum der Kaugummikanal fast ebensoviele Facebook-Freunde hat wie die anderen Vollprogramme zusammen. Fernsehen als Netzpropaganda – das ist noch perfider als die dritte Staffel von Sing meinen Song, ab Dienstag bei Vox, die sich mit anschließender Nena-Story ziemlich unverhohlen als PR-Plattform zugkräftiger Stars wie Xavier Naidoo darstellt.
Das Zeug zum Star des Tatort hatte ein gewisser Gisbert, der die Wiederholungen der Woche in Farbe einleitet: Als den Assistenten der Münchner Kommissare 2012 schon im ersten Fall Der tiefe Schlaf (Mittwoch, 22 Uhr, SWR) das Zeitliche segnete, gab es einen veritablen Shitstorm im Netz und Petitionen auf Papier – allerdings so erfolglos, dass Fabian Hinrichs mittlerweile als Kommissar in Nürnberg ermittelt. Sein Western-Pendent wäre übrigens ein Marshal, der im schwarzweißen Tipp zum wohl berühmtesten Duell der Filmgeschichte lädt: High Noon mit Cary Grant von 1952 (Dienstag, 23.40 Uhr, WDR). Die Doku der Woche ist hingegen deutlich zeitgenössischer: Leiden schafft (Mittwoch, 21 Uhr, EinsFestival), ein musikalischer Streifzug durch die Weltsicht deutscher Rapper, etwa Maxim und Ebow. Zum Schluss eine DVD: Er ist wieder da (ab 15,99 Euro, Constantin), David Wnendts verstörende Hitler-Auferstehung.
Um ein wirklich wahrer Multi-Instrumentalist zu werden, bedarf es bisweilen des Zufalls. Robert Laupert aus der nordhessischen Stadt Gießen zum Beispiel verschlug es als Austauschschüler einst in eine amerikanische Gastfamilie, die vom Klavier über Bass, Gitarre, Schlagzeug bis hin zum Mikrofon ein komplettes Band-Repertoire ihr Eigen nannte, das zwar kein Mitglied nachhaltig beherrschte, aber fröhlich und unbedarft bediente. So lernte der deutsche Teenager fern der Heimat nicht nur alles einigermaßen gut alles Mögliche zu spielen, sondern mehr noch, sich von mangelnder Virtuosität nicht abschrecken zu lassen.
Ein Glück, muss man diverse Übungseinheiten on stage später sagen. Zum erwachsenen Songwriter L’Aupaire gereift legt Robert Laupert nach jahrelanger Bühnenpraxis rund um den Globus jetzt sein Debütalbum Flowers vor. Und es ist schon jetzt die vielleicht schönste Verbeugung des Neofolk vor den eigenen Ahnen 2016. Als würde der Großhallen-Solist Passenger Nina Simone interpretieren, kräht seine seltsam androgyne Stimme durch zwölf hinreißende Lieder, die hier mal Country-Flair entfalten, dort etwas Chansonhaftigkeit und dabei von einer wunderbar hoffnungsfrohen Theatralik durchzogen ist, die Mut macht und Lust auf mehr. Viel mehr!
L’Aupaire – Flowers (Virgin)
Guts
Wer beim Pop an Frankreich denkt, denkt dank Daft Punk, Air oder Phoenix längst an elaborierte Electronik im geschmeidigen Crossover-Sound. Klassischer Sprechgesang hingegen, so groß dessen Tradition im Land des Chansons auch ist, wirkt demgegenüber meist deutlich unterrepräsentiert. Vielleicht muss man das neue Album des umtriebigen HipHop-Produzenten Guts in diesem Licht betrachten. Eternal nämlich mischt die üblichen Rap-Elemente vom gefeierten Vorgänger Hip Hop After All mit einer unfassbar schmissigen Melange aus Funk, Soul, House und einer Prise Big Band.
Das erinnert häufiger – auch wegen der extrem amerikanischen Aussprache – an die Frühzeit des Genres, Arrested Development vor allem. An eine Epoche also, in der sich Rap erstmals aus seinen Ghetto-Käfig in die weite Welt des Pop befreit hat. “Erinnern” jedoch nicht im Sinne rückwärtsgewandter Referenzen. Das neue Album klingt schließlich nie gestrig, sondern erfrischend aktuell, und swingt dabei auf eine Weise, die von Guts’ Landsleuten Daft Punk am Ende doch diese fantastische Leichtigkeit des Seins mitnimmt, gepaart mit schwungvoller Virtuosität. Macht einfach Laune, das zu hören. Von Anfang bis Ende.
Guts – Eternal (Heavenly Sweetness)
Hype der Woche
The Last Shadow Puppets
Wenn sich eine derart gefeierte Band wie das Nebenprojekt des Arctic-Monkeys-Sängers Alex Turner und seines Kumpels Miles Kane acht Jahre Zeit lässt mit einem zweiten Album, kann das eigentlich nur zwei Gründe haben: Keine Zeit oder keine Lust. Beides ist angesichts der neuen Platte allerdings unwahrscheinlich. Denn Everything You’ve Come To Expect schafft es auf grandiose Art, den schnodderigen Sixties-Beat von The Age Of Understatement in eine leicht schmierige, schlichtweg fabelhafte Seventies-Eleganz zu verwandeln. Heraus kommen dabei elf Stücke gegen das Vorurteil, Referenzen ans Gestern zeugen von Ideenlosigkeit. So hat man Nostalgie noch nie gehört. So gut.
Franco Nerom geboren 1941 als Francesco Sparanero in Modena, ist der Inbegriff des Spaghetti-Westerns. Dabei hat er seinen Django, der vor genau 50 Jahren in die Kinos kam, vor und nach einem lausigen Remake 20 Jahre später nur ein einziges Mal gespielt. Drumherum kamen vor allem B-Movies und Trash-TV wie die bemerkenswert hirnrissige Adels-Schnulze Der Fürst und das Mädchen vor zehn Jahren im ZDF. Der damals 65-jährige Schauspieler über blaues Blut, Rollenfestlegungen, deutsche Vorurteile und seinen Plan, Quentin Tarrantino zu erschießen.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Seniore Nero, der alte Desperado Franco Nero spielt 40 Jahre nach Django einen Adligen in einer deutschen Fernsehserie. Das allein ist überraschend.
Franco Nero: (lacht) Ja, das hoffe ich.
Was halten Sie persönlich vom Adel?
Na ja, allzu viel Sympathie für den Adel habe ich natürlich nicht. Es ist eine völlig andere Welt als meine und die der meisten anderen. Ich kenne einige von ihnen und es sind sehr verwöhnte Personen mit Eigenarten und Angewohnheiten, die mir völlig fremd sind.
Verspüren Sie so was wie Abneigung?
Nicht wirklich, aber ich bevorzuge entweder einfache Menschen oder gebildete, kultivierte, am liebsten alles in einem. Ich selbst entstamme ja auch eher einfachen Verhältnissen und mag deshalb Bauern, Fischer, Schriftsteller lieber als Adlige.
Und jetzt spielen Sie selber einen. Wieso?
Ganz einfach: Der hat in meiner Karriere noch gefehlt. Ich bin zu neugierig, um diese Facette auszulassen. Schon zuvor war ich mit meinen mehr als 165 Rollen vielleicht der einzige italienische Schauspieler, der tatsächlich die ganze Palette gespielt hat. Nur den Herzog eben noch nicht. Bis jetzt.
Muss man mit 65 Jahren noch auf sein Repertoire achten?
Oh ja, selbstverständlich, hören Sie mal. Nur so bleibe ich schließlich jung. Wenn diese Begeisterung für neue Facetten nicht mehr da wäre, müsste ich aufhören zu spielen. Sofort.
Besteht denn die Gefahr?
Natürlich, aber im Moment reicht meine Euphorie noch aus, um weiterzumachen. Gerade hat mir zum Beispiel ein Produzent aus Hamburg angeboten einen Western zu drehen. Noch dieses Jahr. Einen Western – ich werde ganz aufgeregt, wenn ich nur davon rede… (lacht laut). Endlich! Das mache ich natürlich.
Dass man Sie für einen Western in Betracht zieht, liegt auf jeden Fall näher als für eine Adels-Saga?
Wie das ZDF jetzt ausgerechnet auf mich gekommen sind, weiß ich auch nicht. Aber die Produzenten sind eigens zu mir nach Rom gereist und haben mich davon überzeugt. Das ging auch allein deshalb sehr, sehr schnell, weil Maximilian Schell mit dabei ist, ein Weltstar. Das hat mich natürlich angelockt, er wäre sehr glücklich, hieß es, wenn ich mitspielen würde. Wirklich schmeichelhaft. Ich habe bereits vier Filme mit ihm gedreht. 1970 zum ersten Mal, seither kennen wir uns gut.
Auch mit Maximilian Schell haben Sie allerdings stets Kino gemacht. Es scheint fast, als hätten Sie das Fernsehen bislang gemieden.
Ja, ich habe in der Tat wenig fürs Fernsehen gedreht. Es gefällt mir einfach nicht so gut wie das Kino, das war lange Zeit fast eine Abneigung. Und wissen Sie warum? Fernsehen machen kann jeder, Kino dagegen nur wenige. Außerdem brauche ich die Größe der Leinwand, auf einem kleinen Bildschirm wirke ich nicht so gut.
Und woher der jetzige Sinneswandel?
(lacht) Nennen Sie es einfach Neugierde. Außerdem ist es ein kleines Tauschgeschäft, ich hoffe auf einen Kompromiss mit der jetzigen Produktion. Voriges Jahr habe ich einen Film namens Forever Blues gespielt, gedreht, produziert, geschrieben, der bereits in Italien herausgekommen ist, und ich möchte, dass er auch hierzulande läuft.
Sehen Sie selber fern?
Nur Sport, nichts anderes. Und Nachrichten, natürlich, aber hauptsächlich Sport. Fußball vor allem. Es gibt viele Schauspieler, die zu mir kommen, um irgendwas mit mir zu machen, aber ich kenne Sie oftmals nicht, weil die meisten eben fürs Fernsehen arbeiten, nicht fürs Kino. Ich bin natürlich nicht komplett dagegen, um Gottes Willen. Ich habe dafür immerhin Rodolfo Valentino oder den italienischen Nationalhelden Garibaldi gedreht. Aber eins muss ich hinzufügen: Ich bin einer der wenigen bekannten Schauspieler, die niemals Werbung gemacht haben. Ich habe Milliarden Angebote bekommen und alle abgelehnt. Mit Schauspielern verbindet man Träume und wenn man ihnen dann dabei zusieht, wie sie ihr Können für Kaffee oder Milch hergeben, zerplatzen diese Träume rasch.
Diese Verweigerung muss man sich leisten können.
Tja, das kann ich in der Tat. Ich habe immer in seriösen Produktionen gearbeitet, war immer fleißig und spiele lieber eine verhältnismäßig kleine Serie wie diese in Deutschland, als mich für Werbung herzugeben. Obwohl in der Werbung mittlerweile auch schauspielerisches Talent gefragt ist und hochwertig gescriptet wird.
Vor 25 Jahren sagten Sie mal in einem Interview, nun vor der Entscheidung zu stehen, so weiterzumachen wie bisher und als Star schnell viel Geld zu verdienen, oder die Rollen zu wechseln und eine längere, interessantere Karriere zu machen. Was ist dabei raus gekommen?
Wissen Sie, ich komme aus der englischen Schauspielschule, hatte eine englische Frau…
Vanessa Redgrave.
…und die Möglichkeit, wirklich große Schauspieler wie Lawrence Olivier kennen zu lernen. Der sagte einst zu mir: Mit deinem Aussehen könntest du einmal im Jahr einen großen Helden spielen, viel Geld verdienen und ein großer Star sein. Aber glaub mir: das wäre immer das gleiche und am Ende unglaublich langweilig! Willst du nicht lieber ein wahrer Schauspieler sein? Dann allerdings muss man Risiken eingehen, Höhen und Tiefen hinnehmen, wird aber mit etwas Geduld auf lange Sicht Früchte ernten, die mehr wert sind als Geld und Ruhm. Den Rat habe ich befolgt.
Inklusive Tiefen?
Sicher.
Stört es Sie, dass man Franco Nero dennoch auf diese eine Rolle als Django festlegt?
Natürlich, aber das geschieht mir wirklich ausschließlich in Deutschland. Dabei habe ich genau einen einzigen Django gespielt und zwanzig Jahre später noch einen, nachdem mich alle Welt wegen des großen Erfolgs vom ersten Teil beackert hat. Ehrlich, diese Festlegung ist nicht mein Problem.
Ist sie denn typisch deutsch?
Ich hoffe nicht, aber hier sieht es wirklich so aus, als hätte ich nichts anderes gemacht. Dabei habe ich – bitte halten Sie mich nicht für angeberisch – mit den größten Schauspielern, mit Oscarprämierten Regisseuren gearbeitet, bei den größten Produktionen mitgewirkt. Das ist weit mehr als Django?
Dennoch haben Sie stets gern den Typus Einsamer Wolf gespielt.
Ein paar waren dabei, das stimmt. Und Charles Bronson hat eine meiner Rollen als Desperado, als einsamer Rächer sogar mal kopiert. Aber das war’s auch schon fast.
Steckt ein wenig des Wolfes in Ihnen selbst?
Fast. Meine Freunde nennen mich “Der Bär”, das ist in etwa die italienische Entsprechung: zurückgezogen, einzelgängerisch, manchmal ein wenig mürrisch.
Auch jemand, der sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt?
Es gibt ein afrikanisches Sprichwort: du kannst morgens noch so früh aufwachen, aber dein Schicksal ist schon eine halbe Stunde vor dir auf den Beinen. Ich finde, alles ist Schicksal im Leben. Im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein, den richtigen Film zur richtigen Zeit zu machen. Es kann sein, dass du ein Meisterwerk drehst, den die Leute zu diesem Zeitpunkt nicht als solchen erkennen, oder ein schlechter Film wird hochgejubelt. Mir ist schon beides passiert.
Was für eine Person ist Herzog Massimo di Romano in Der Fürst und das Mädchen?
Ein einstiger Freund und Rivale des Fürsten, den Maximilian Schell spielt. Wichtig ist: beide hegen großen gegenseitigen Respekt voreinander.
Ist es eine gute oder böse Rolle?
(lacht) Beides, das liegt mir am besten. Ein Adliger eben.
Wenn man Sie jetzt so betrachtet – blauer Zweireiher, Einstecktuch, schwerer Schmuck –, gingen Sie auch privat als Adeliger durch.
Finden Sie? Das entscheidende an der Rolle des Adligen ist doch der Adel in der Seele. Den habe ich nicht.
Werden Sie eine Waffe ziehen?
Nur die Waffe des Wortes.
Ihr erster Western liegt bereits vier Jahrzehnte zurück, ihr letzter auch schon über zehn Jahre her, nun werden Sie wieder im Sattel sitzen. War das eine Art Herzenswunsch?
Ja. Das ist mir ein großes Bedürfnis. Ob Sie’s glauben oder nicht: alle großen Schauspieler haben im Alter das Bedürfnis, wieder einen Western zu spielen. Mit kaum einen Genre lässt es sich besser träumen, gerade im italienischen, mit seiner großen Stille und seinen Botschaften an einfache Menschen. Dem Traum des Untergebenen, irgendwann zu denen da oben zu gehen und zu sagen: jetzt bin ich der Boss. Und sei es mit der Waffe in der Hand.
Würden Sie gern mal mit Quentin Tarantino drehen?
Glauben Sie’s mir: Jedes Mal, wenn er nach Italien kommt, sagt er mir, dass ich sein Idol sei. Und wenn Sie sich Tarantinos Filme ansehen, werden Sie auch mich darin entdecken können. Er wird in meinem neuen Western übrigens eine Rolle spielen.
Tatsächlich? Vielleicht wird sich dann ja sein Wunsch erfüllen. Tarrantino sagte mal in einem Interview, er könne sich nichts Besseres vorstellen, als von Franco Nero erschossen zu werden.
Und wenn wir diesen Film drehen, werde ich ihm diesen Gefallen auch tun.
Bruce Springsteen kennt ja nun wirklich jeder. Seit Jahrzehnten infiltriert der Rock-Star vom Wohnzimmer bis zur Großraumhalle fast jeden Ort der Welt. Damit hat er bei Abramowicz ordentlich Eindruck geschunden, die wiederum kaum jemand kennt. Dabei veröffentlichen die fünf Hamburger demnächst eine äußerst vielversprechende EP und starten sodann ihre erste Tour als Headliner. Zur heutigen Episode von 2 Bier – 1 Platte deshalb eine Leseanleitung: Öffnet den Streaming-Dienst eurer Wahl oder taucht tief ein ins Darknet und genießt beim Lesen dieser wunderbaren Kolumne die durchdringenden Gitarren von Abramowicz.
Interview: Marthe Ruddat
freitagsmedien: Jetzt preise ich euch hier so an und ihr kommt mit Bruce Springsteens The River. Das ist ja wenig überraschend.
Sören: Ich weiß schon, was du meinst. Ich könnte jetzt auch sagen, dass ich irgendeine Band super finde, die mit unserer Musik gar nichts zu tun hat. Davon gibt es auch viele. Aber letztendlich stimmt es einfach, dass wir viel Springsteen hören und das müssen wir auch nicht leugnen.
Nils: Genau. Ich glaube, was Sören auch meint ist, dass man immer auch ein Kind dessen ist, was man hört und mit eben dieser Musik in Verbindung bringt. Springsteen ist für uns auch deshalb so wichtig, weil wir viele emotionale Momente mit seiner Musik verbinden.
Was für Momente sind das?
Nils: Ach, die Verschiedensten. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie unser Vater zu Springsteen Luftgitarre gespielt hat und ich mich immer gefragt habe, was mit ihm nicht stimmt. Oder auch einige Familienausflüge zu Konzerten von Bruce Springsteen, bei denen wir einfach alle zusammen waren und Spaß hatten.
Sören und Nils Warkentin sind Brüder und bei Abramowicz für Gesang, Gitarre und Drums zuständig. Niki, Sascha und Finn komplettieren die Band, trinken wohl aber Dienstags nicht so gerne Bier.
Und wann kam der Moment, an dem ihr anfingt, euch selbst für Springsteen zu interessieren?
Sören: Ich habe Springsteen wirklich lange in die Alt-Herren-Rock-Ecke gestellt. Born in the USA kannte damals jeder und ich fand das eher ziemlich uncool. Aber mit 15 oder 16 habe ich plötzlich Songs und Alben entdeckt, hinter denen so viel mehr steckt. Seitdem ist meine Beziehung zu Springsteen getrennt von unserem Vater und Born to be wild und ich habe viel Zeitloses entdeckt, was mir gefällt.
Das Repertoire von Springsteen ist ja sehr umfassend. Wieso sprechen wir heute über die The River?
Sören:Unabhängig davon, dass das Album einfach sehr gut ist, finde ich die Idee dahinter besonders interessant. Der Ansatz bei The River war, ein Live-Album zu schaffen, ohne, dass es live aufgenommen wird. Es ging also darum, genau das, was ein gutes Konzert ausmacht, auf eine Platte zu bringen. Das ganze ist so fernab von den heute oft zu findenden Konzeptalben, die eine ganze Geschichte erzählen sollen. Genau das fasziniert mich bis heute sehr. Auch wir sind eine Band, der Konzerte und der persönliche Kontakt sehr wichtig sind. Die Leute sollen denken, dass es die richtige Entscheidung war, ein Ticket für eines unserer Konzerte zu kaufen.
The River erschien 1980 und schaffte es als erstes von Springsteens Alben auf Platz 1 in den amerikanischen Charts. Es enthält ein paar Tracks, die es nicht auf das Vorgängeralbum Darkness on the Edge of Town geschafft hatten. Viele Songs thematisieren die Probleme der Arbeiterklasse.
Mit Bruce Springsteen als Vorbild setzt ihr euch selbst natürlich großem Leistungsdruck aus.
Sören: Wir beantworten die Frage eigentlich nicht unter dem Aspekt des Idols oder Vorbilds. Ich glaube, wenn du explizit danach gefragt hättest, hätten wir die Frage sogar abgewehrt. Aber wenn es um eine Platte geht, dann müssen wir die Frage danach einfach so beantworten.
Nils: Genau. Es geht gar nicht um dieses Idol-Ding. Dabei beschränkt man sich zu sehr auf eine Person und vergisst gleichzeitig den musikalischen Kontext. Wir sprechen da lieber von Inspiration. Unsere Musik ist nicht darauf ausgerichtet, Springsteen nachzuspielen oder nachzueifern. Das hätten wir am Anfang auch gar nicht gekonnt, da gab’s nur 1,2,3,4-Punkrock.
Bruce Springsteen war gerade wieder in der Presse, weil er ein 35-Songs-Konzert gespielt hat. Ihr steht nun kurz vor eurer ersten Headliner-Tour. Wie sieht’s diesbezüglich mit Inspiration aus?
Sören: Also das können wir nun wirklich nicht. Wir haben erstens gar keine 35 Songs, die wir spielen wollten und zweitens überhaupt nicht die Kondition. Ich persönlich gehe auch viel lieber auf ein 45-Minuten-Konzert, das mich richtig umhaut, als auf ein 3-Stunden-Konzert, nach dem ich total überanstrengt bin. Wir spielen ungefähr eine Stunde und zwar richtig mit Knall, aber wohl niemals drei Stunden.
Nils: Ach, ich glaube das könnten wir irgendwann schon schaffen. Das ist einfach eine Entwicklung. Aber wir stehen wirklich noch ganz am Anfang und benötigen nach 1:15 Stunden schon ein Sauerstoffzelt. Vielleicht sind wir aber irgendwann mal soweit.
Mit Covern kriegt man die Setlist voll! Wenn ihr Euch eines von der The River aussuchen müsstet, welches wäre das? Ein Smasher wie Hungry Heart?
Nils: Ich würde Out in the Street oder Crush on You nehmen.
Sören:Out in the Street! Das auf jeden Fall!
Bruce Springsteen – Out in the Street
…
I work five days a week girl
Loading crates down on the dock
I take my hard earned money
And meet my girl down on the block
And Monday when the foreman calls time
I’ve already got Friday on my mind.
When that whistle blows
Girl, I’m down the street
I’m home, I’m out of my work clothes
When I’m out in the street
I walk the way I wanna walk
When I’m out in the street
I talk the way I wanna talk
When I’m out in the street
When I’m out in the street.
…
Stellen wir uns vor, ihr trefft Bruce persönlich. Gibt es etwas, was ihr ihn unbedingt fragen möchtet oder schon immer mal sagen wolltet?
Sören: Mit Sicherheit würde ich ihn ganz Vieles fragen! Was ich auf jeden Fall sagen würde ist: Vielen Dank, dass du eine stetige Inspiration bist, meine Gitarre immer wieder in die Hand zu nehmen!
Nils: Ich glaube ich würde gar nichts fragen. Ich würde eher versuchen, in ein normales Gespräch zu kommen, sodass er mir einfach einen Schwung aus seinem Leben erzählt. Der Typ hat so viel erlebt und sicherlich so viel zu erzählen, dass es eher blöd wäre, sich auf eine Frage zu beschränken.
Sören: Insofern kann man ihn als passionierten Biertrinker vielleicht einfach auf ein Bier einladen.
Wie man sieht, ist das immer eine gute Idee! Noch eine viel tollere Idee ist aber, sich ab dem 20. Mai die EP Call the Judges von Abramowicz anzuhören. Live-Eindrücke kann man am 27. Mai im Rock Café St Pauli oder bei Facebook sammeln.
Das Leben, der Frühling zeigt es grad aufs Neue, ist ein einziges Kommen und Gehen. So wie der Winter verschwindet, hat uns also auch der britische „Independent“ verlassen, eine hochseriöse Zeitung, die nun nach 30 Jahren ins Netz abwandert, jenes Medium, das selbst Qualitätsblättern den Garaus macht. Umso erfrischender ist es, dass mit den Frühblühern auch ein schnöde vernachlässigtes Pflänzchen im hochglänzenden Wald mehr oder weniger debiler Frauenmagazine sprießt: Die Allegra. Gut, sie ist nicht mehr so gehaltvoll wie vor elf Jahren, als Springer sein freches Gör trotz solider Auflage von 160.000 Stück dem oberflächlichen Glamour des publizistischen Zeitgeists opferte, aber immerhin: es wächst auch mal was nach.
Solange es darf.
Gäbe es in der Türkei eine Zeitschrift mit derart modernem Frauenbild – Staatspräsident Erdoğan ließe ihre Redaktion besetzen und alle verhaften. Seine Pressefreiheit besteht halt darin, der Presse die Freiheit zu gewähren, ihm zu huldigen. Wer das nicht tut, muss aber gar nicht daheim publizieren, um des Sultans Knute zu spüren. Sein Versuch, eine harmlose Satire des NDR-Magazins extra3 dadurch zu verhindern, dass er den deutschen Botschafter einbestellte, ging voll nach hinten los: Mit fünf Millionen Abrufen erzielte der Beitrag eine Rekordreichweite und brachte dem Format kurz darauf noch eine Rekordquote von 880.000 Zuschauern.
Der gespielte Witz war jedoch lustiger als die lachhafte Demutshaltung der Bundesregierung, die dem türkischen Staatspräsidenten über Tage hinweg nicht mit Kritik am vordemokratischen Gebaren behelligte und erst auf mediale Intervention hin einige das-geht-so-aber-nicht-Floskeln absonderte. Schließlich braucht Berlin den Despoten vom Bosporus für die Flüchtlingsabwehr an der Donau. Ohne Humor jedoch hat es faschistoider Machtmissbrauch beim Publikum schwerer, Aufmerksamkeit zu erzielen. Deshalb wollten am Mittwoch auch nur halb so viele Menschen Christian Schwochos brillanten Auftakt des NSU-Dreiteilers Mitten im Leben sehen wie Aktenzeichen XY auf dem Nachbarkanal ZDF.
Die Frischwoche
4. – 10. April
Bleibt zu hoffen, dass Teil 2 und 3 mehr Resonanz (aber bitte nicht in Form der Hassposts von voriger Woche) erzielen. Heute spielt Almila Bagriacik die Tochter des ersten NSU-Opfers Enver Simsek mit so glaubhafter Empathie, dass der abermalige Mord an ihrem Vater durch die rassistische Ermittlungstaktik von Polizei und Verfassungsschutz doppelt schmerzt, um die es dann Mittwoch geht. In welchem Umfeld das möglich war, zeigt die Themenwoche Der neue Rechtsruck. Das dokumentarische Essay Broken Land über eine Handvoll Amerikaner, die von paranoidem Fremdenhass getrieben den Grenzzaun nach Mexiko bewachen, macht heute um 20.15 Uhr den Auftakt. Den Schlusspunkt bildet am Freitag Burhan Qurbanis fabelhafter Spielfilm Wir sind jung, wir sind stark mit Jonas Nay als Neonazi im Pogrom von Rostock-Lichtenhagen.
Das wäre wie alle drei NSU-Filme ein typischer Kandidat für den Grimmepreis: Ästhetisch radikal, dramaturgisch kompromisslos, soziokulturell bedeutsam, dazu exzellent gespielt, also unbedingt sehenswert. Schade, dass die Verleihung der wichtigsten Fernsehtrophäe im Land am Freitag um 22.35 Uhr bloß als Aufzeichnung bei 3sat läuft, während die ARD tags zuvor natürlich wie jedes Jahr die Primetime freiräumt, wenn Barbara Schöneberger den komplett kommerziellen, künstlerisch irrelevanten Musikpreis Echo für maximale Massenkompatibilität verleiht.
Aber so spielt halt das Programmierungsleben im Quotenland D, das zeitgleich die 300. Folge Alarm für Cobra 11 bei RTL erlebt, den ewigpräsenten TV-Koch Christian Rach heute auf gleichem Kanal zum 2083. Mal irgendwelche Restaurants testen lässt, eine spontan erstellte ARD-Doku übers gigantische Steueroasen-Datenleck von gestern heute kurz vor Mitternacht statt gleich nach der Tagesschau zeigt, während das ZDF morgen zur besten Sendezeit lieber den 90. Geburtstag von Queen Elizabeth feiert, als irgendeiner Art von Senderauftrag gerecht zu werden. Das einzig charmante Format dieser Woche findet daher bei ZDFneo statt, wo ab Samstag um 16.30 Uhr zehn Folgen lang Geschichte auf eher absonderliche Art erklärt wird, wenn Hannes Jaenicke durchaus humorvoll die mysteriösesten Verschwörungen, größten Junkies oder schlechtesten Deals präsentiert.
So muss also wieder mal der Tatort als Gütesiegel herhalten, in dem das HR-Team am Sonntag allerdings von Sabin Tambrea in den Schatten gestellt wird, der sich grad zum feingliedristen Bösewicht des Films mausert. Und sonst? Bleiben ja noch die Wiederholungen der Woche. In schwarzweiß: Jack Arnolds bizarrer Spinnenhorror von 1955 Tarantula (Freitag, 0.05 Uhr, 3sat), in Farbe Manta, Manta (Dienstag, 20.15 Uhr, RTL Nitro), wo Til Schweiger 1991 sein Spielfilmdebüt gab – also lang bevor er zur Ein-Mann-Armee vom Dienst wurde, die es auch mit einer Formation jener Fluggeräte aufnimmt, um die es im Doku-Tipp geht: Drohnen (Freitag, 22.10 Uhr, 3sat).
Die Klarinette, meinen nicht wenige Musikwissenschaftler, ähnelt der menschlichen Stimme von allen Instrumenten am ehesten. Besonders in den tiefen Lagen sei sie demnach ein verwechselbarer Ausdruck unserer Gefühlswelten, mehr Stimmband als Rohrblatt. Beim wunderbaren Avantgardeduo Randweg von einer instrumentellen Band zu sprechen, trifft es daher nicht so ganz – auch wenn es nominell keinen Gesang gibt. Schließlich spielt Andreas Ernsts Klarinette nicht nur zum begleitenden Saiteneinsatz seines Freundes David Baurmann, sie spricht förmlich aus den verstiegen schönen Arrangements der zwei rheinländischen Wahlberliner.
Ihr zweites Album Meanderlust deutet es schon im Titel ausdrucksstark an: Wie sanft dahingleitende Gewässer schlängeln sich anschmiegsame Tonfolgen durch ein wild wucherndes Biotop aus analogem Jazzfolk und stimulierender Electronica. Mal fließen da treibende Beats vom Rechner unter die Neoklassik, mal tupft etwas erdige Lagerfeuerromantik vom Cajon ins binäre Code-Allerlei. Man könnte dies als eine Art Naturambient bezeichnen: Wie ein innerstädtisches Hochmoor oder ein belebter Trancefloor im Birkenwald, trotz ein paar aufregender Disharmonieren zum Ausspannen schön.
Randweg – Meanderlust (Funken)
Stefan Dettl
Was Erfolg so alles mit sich bringt? Geld, Ruhm, Macht, Einfluss jeder Art eben, manchmal jedoch auch ein seltsam leeres Gefühl der Unterforderung, sogar Langeweile. Untätige Unternehmergattinnen legen sich daher gern mal kleine Einrichtungsläden zu oder werden karitativ tätig. Im Sog des Erfolgs von La Brass Banda tut dessen Frontmann Stefan Dettl jetzt im Grunde beides, wenn er sein neues Soloalbum vorlegt. Da die Leute vom volksmusikalischen Skapunk kaum genug kriegen können, stellte sich bei zunächst zwei der fünf Oberbayern Verdruss ein, der auch schon den Tubisten Andreas Hofmeir zurück zur erlernten Klassik trieb.
Nun begibt sich der singende Trompeter Dettl abermals auf Singlepfade. Dass er im neuen Kollektiv praktisch exakt das Gleiche macht wie im gewohnten, zuweilen etwas ruhiger vielleicht und teils in (arg deutsch intoniertem) Englisch – geschenkt! Fans des alpinen Gypsy-Sounds im Brassbandagewand werden Soul Train als schickes Accessoire betrachten, das die unbehauste Disco des Bürgertums ebenso selbstlos dekoriert wie Dettls Hauptprojekt. Fluffiger Sound, schöne Platte, toller Typ, kannst jetzt aber gern wieder La Brass Banda machen, lieber Stefan. Das Original.
Stefan Dettl – Soul Train (RCA/Sony)
Lontarius
Singer/Songwriter gibt es bekanntlich wie Sand am Meer. Von der Straße über die Clubs auf zugehörige Festivals schaffen sie es mittlerweile spielend in gigantische Großraumhallen, die sie gern mal allein mit Gitarre auf Barhocker beschallen, als seien es ganze Orchester. In dieser Brandung des modernen (Pop-)Folk ist es gar nicht so leicht, mal eine einzelne Welle auszumachen, die sich zu reiten noch lohnte. Eddie Johnston allerdings scheint doch eine zu sein. Nicht, weil der Neuseeländer von gerademal 18 Jahren unterm Künstlernamen Lontalius so außergewöhnliche Musik macht. Sondern weil diese außergewöhnliche Musik so unscheinbar daherkommt.
Als sei er auf seinem Debütalbum I’ll Forget 17 gar nicht richtig anwesend, haucht er mit seiner genuschelten Stimme “Cause all I had to offer is my life” in den Hallraum seiner spärlichen Instrumentierung aus Drums, Piano, Gitarre und erzeugt damit Emotioinen, für die andere das ganz große Arrangement brauchen oder den ganz pathetischen Gesang. Bei Lontalius reicht ein erstaunliches Gefühl für Timing, Pointierung und Essenz. Eine Internetexistenz mit musikalischem Standbein in der Analogie, von der man ohne Zweifel noch hören wird. Vermutlich aus den ganz großen Großraumhallen. Auch das könnte er überstehen.
Lontalius – I’ll Forget 17 (Partisan Records)
Hype der Woche
Pet Shop Boys
Wer auch immer zu wissen glaubt, wie alt die Pet Shop Boys sind, dürfte falsch liegen. Chris Lowe und Neil Tennant mögen beide ein physisches Alter rund um die 60 haben, was für Pop-Verhältnisse ungefähr das Doppelte ihrer Königin daheim in England darstellt. Musikalisch aber variiert ihr Alter ständig. Mal klingt es nach großer Reife, wenn sie mit den Dresdner Philharmonikern Eisensteins Stummfilmklassiker Panzerkreuzer Potemkin neu vertonen, mal nach jugendlicher Unbedarftheit, wenn sie auf ihrem neuen Album Super den Synthiepop ihrer erfolgreichsten Zeit mit dem Eurodance der, nun ja, auch nie so ganz erfolglosen verbinden. Das 13. Album ist demnach nicht unbedingt gelungen, aber auch kein nostalgischer Müll, sondern einfach ein altersloses Alterswerk zweier Altstars, die partout nicht erwachsen werden wollen.
Vor genau 20 Jahren hat der amerikanische Politikwissenschaftler Daniel Jonah Goldhagen (Foto: Das blaue Sofa/Club Bertelsmann) mit seinem Weltbestseller Hitlers willige Vollstrecker das Bild vom Holocaust nachhaltig verändert. Zum Jubiläum des wohl einflussreichsten Sachbuchs seiner Zeit dokumentiert freitagsmedien ein Interview, in dem der damals 57-Jährige seine Faszination für Genozide und seine familiäre Verbindung zum Thema schildert.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Mr. Goldhagen, lieben Sie eigentlich Ihre Arbeit?
Daniel Jonah Goldhagen: Nun, als Politologe erledige ich meine Arbeit, weil es notwendig ist. Sie begann mit dem Holocaust, hat sich jetzt auf alle Genozide der Welt ausgeweitet und ganz ehrlich: so sehr sie mir am Herzen liegt, macht es mich nicht glücklich, sie zu erledigen. Deshalb bin ich sehr darauf bedacht, Arbeit als Arbeit zu verstehen. Nicht mehr.
Würden wir also abends ein Glas Wein trinken, käme sie nicht zur Sprache.
Doch, sobald Sie mich fragen. Aber Sie können Monate meiner Freizeit mit mir verbringen, ohne auf meine Arbeit zu sprechen zu kommen. Mein Leben und meine Arbeit sind absolut unterschiedliche Dinge. Da können Sie meine Familie, meine Freunde, meine Kollegen fragen. Ob Sie es glauben oder nicht: den Großteil meiner Zeit verbringe ich mit amerikanischer oder internationaler Politik, mit Kultur, Architektur, Dinge, deren Beschäftigung viel fröhlichere Angelegenheiten sind.
In der Öffentlichkeit gelten Sie als das Gegenteil, voll fokussiert auf dieses eine Thema: Völkermord.
Das ist nur zu verständlich. Und genau deshalb sagen auch viele Menschen, die mich das erste Mal treffen, Sie hätten mich missmutig und trübsinnig erwartet. Tatsächlich bin ich das genaue Gegenteil und zum Glück mache ich live auch eher diesen Eindruck.
Was fasziniert Sie dann so an den Abgründen der menschlichen Natur?
Faszination ist der falsche Ausdruck. Massenmord und Genozid sind die Hauptprobleme tödlicher Gewalt überhaupt, bleiben als solche aber unerkannt. Gemessen an den Opferzahlen ist Völkermord die weit größere Geißel als der Krieg. Mehr als 100 Millionen Tote machen es unerlässlich, die Ursachen zu erforschen, denn es ist ebenso unerlässlich, das Sterben auf politischem Wege zu stoppen. Nichtsdestotrotz wendet die Staatengemeinschaft die meiste Energie dafür auf, die Todesraten auf den Straßen der USA oder Deutschlands zu verringern, statt sie auf das millionenfache Abschlachten weltweit zu konzentrieren. Dieses Missverhältnis versuche ich durch meine Arbeit aufzulösen, schließlich habe ich meine Studien, meine Erkenntnisse, meine Materialien, um den Menschen beim Lernen zu helfen. Das hat nichts mit Faszination zu tun, es ist eine Pflicht.
Erschöpft die nicht manchmal den Menschen Daniel Goldhagen, wenn er sich ständig mit den fürchterlichsten Auswüchsen menschlicher Natur befasst?
Nein, denn wenn ich mich mit diesen Themen beschäftige, begegne ich meinem Arbeitsgegenstand meist sehr unvoreingenommen. Als Sozialwissenschaftler arbeite ich so sachlich wie möglich, suche nach Belegen meiner Thesen, gewinne daraus einen Sinn und versuche eine daraus passende, effektive Politik abzuleiten. Dennoch gibt es Momente, in denen das schwer ist. Von all den Gräueln zu erfahren, um die es in meinem Buch geht, besonders gegen Kinder, bringt meine Distanz zum Forschungsgegenstand schon mal ins Wanken. Gerade in diesem Projekt, wo ich im Anschluss an das Buch einen Film gemacht habe, der uns an Orte der entsetzlichsten Taten führt, wo ich mit Opfern und Tätern spreche, Massengräber besuche, sogar an der Exhumierung von Toten teilnehme, deren Verwandte dabei stehen; diese Begegnungen von Angesicht zu Angesicht sind furchtbar. Davon unbeeindruckt zu bleiben ist fast unmöglich.
So wie jener Moment, als Sie mit Ihrem Vater Erich Goldhagen, jenen Ort in der der Ukraine besucht haben, wo er dem Holocaust als Zehnjähriger nur knapp entkam. Waren Sie dort als Wissenschaftlicher oder Hinterbliebener?
Zunächst als Wissenschaftler. Aber als ich mit meinem Vater auf dem Massengrab von Kossiv stand, wo rund 2000 Juden verscharrt wurden, verschwand alle wissenschaftliche Distanz hinter der unmittelbaren Nähe, genau dort zu stehen, wo viele Verwandte von mir ruhen.
Wo liegen die Unterschiede im Massenmord der Vor- und Nachkriegsgeschichte?
Es gab eine Verschiebung der Lokalisierung. Vor 1945 waren Völkermorde oft grenzüberschreitende Ereignisse. Danach wurden sie fast vollständig zu nationalen Angelegenheiten, innerhalb souveräner Staaten. Genau das ist der kritische Punkt: Die Weltgemeinschaft von heute respektiert die Souveränität nicht nur, sie verteidigt sie wo immer es geht. Trotz aller internationalen Abkommen muss das Handeln innerhalb geschlossener Grenzen folglich in der Regel keine Eingriffe von außen fürchten.
Noch immer?
Mehr denn je. Souveränität sorgt für Straffreiheit derer, die ihre eigene Bevölkerung schlachtet. Deswegen müssen wir das Prinzip der Souveränität grundsätzlich überarbeiten und wenn nötig abschaffen. Sie sollte also weniger als die der Staaten in ihrem Handeln, sondern als die der Menschen darin aufgefasst werden. Wenn Regierungen ihre Landsleute auslöschen, muss per Definitionem auch die Souveränität enden, dass wir also nicht nur intervenieren können, sondern müssen.
Reicht das internationale Straf- und Interventionsrecht dafür aus?
Das hat hier versagt. Gegen viele Staaten, die Genozidversuche unternommen haben, hat die Staatengemeinschaft nahezu nichts unternommen. Sie verfügt auch nicht über ein geeignetes Präventionsinstrumentarium. Die militärische NATO-Intervention in Bosnien, die Milosevic letztlich an den Verhandlungstisch brachte und den Genozid gestoppt hat, wurde von internationalen Rechtsexperten gar als illegal eingestuft. Alle zivilisierten Nationen lehnen jede Art von Genozid strikt ab, doch es gibt ihn fast überall auf der Welt, ohne dass einer dieser Staaten dagegen konsequent einträte. Das ist Zynismus.
Aber die Weltgemeinschaft interveniert doch regelmäßig, wenn es zu Bürgerkriegen mit all den Folgen kommt.
Wie konnte es dann zum Völkermord im Sudan kommen? 400.000 Menschen hingemetzelt, 2,5 Millionen vertrieben, und das von dem Regime, das zuvor im Süden noch mehr getötet und vertrieben hat. Laut UN-Charta müssten alle Staaten so reagieren, als würden die Kinder von Darfur bei uns vernichtet. Hier sollten wir den US-Präsidenten, Ihre Kanzlerin, alle politischen Führer fragen: Wie viele afrikanische Leben zählt eines bei euch? Zehn? Tausend? Mehr? Wie viele Opfer sind nötig, um ein europäisches zu riskieren? Die Gleichung sollte eins zu eins lauten. Es geht hier nicht um Geopolitik, es geht nicht um Diplomatie, es geht um Menschenleben.
Halten Sie die westlichen Regierungen für ignorant oder handlungsunfähig?
Sie wissen jedenfalls genau, was vorgeht in der Welt. Dieses ewige „Nie wieder“ der Weltgemeinschaft empfinde ich als Hohn. Jeder Fernsehzuschauer weiß, was in Darfur vor sich geht. In Bosnien hat man gesehen, was die Bombardierung von einigen Schlüsselzielen gebracht hat – in drei Wochen, nachdem man zuvor drei Jahre untätig verschreiten ließ.
Sollte das Militär also mehr als Ultima Ration sein?
Nein, aber eine unabdingbare Möglichkeit. Meine Arbeit zeigt, dass jeder Genozid mit Entscheidungen einzelner Männer oder kleinen Führungsgruppen beginnt. Es sind also keineswegs immer lang währende ethnische Spannungen, die sich wie von allein entladen und außer Kontrolle geraten. Nichts an einem Völkermord ist spontan, er ist Politik, vollzogen von ihren Entscheidungsträgern. Bei Genozid entledigen sich politischer Führer unliebsamer Bevölkerungsgruppen. Das nenne ich „Eliminatorismus“. Er bleibt ein erfolgreicher Faktor nationaler Machtpolitik, solange es keine internationalen Kräfte dagegen gibt. Um die Kosten dieser eliminatorischen Kosten-Nutzen-Rechnungen hoch zu treiben, muss ein Präventionssystem wirkungsvoller Abschreckung geschaffen werden.
Ist das eine Frage des Geldes?
Des Willens. Der Einsatz ist Abschreckung, die gibt es fast umsonst. Man muss die Täter wissen lassen, dass sie am Ende verlieren, weil Verfolgung, Anklage und Verurteilung für ihre Taten zum institutionellen Standard werden, nicht zur Aushandlungssache.
Darauf weist derzeit allerdings wenig hin. Sind Sie trotzdem weiterhin ein Philanthrop, glauben Sie an das Gute im Menschen?
Sonst würde ich meine wissenschaftlichen Erkenntnisse ja nicht in konkrete Vorschläge an das politische Handeln der Verantwortlichen ummünzen. Bei meinen Recherchen für die Dokumentation habe ich gesehen, wie dankbar die Menschen vor Ort waren, dass ihr Leid thematisiert wurde, dass es auch außerhalb der betroffenen Gruppe als etwas wahrgenommen wird, das nicht einfach so geschieht, sondern kalkuliertem Handeln entspringt, das man bekämpfen kann.
Dem RTL-Biopic Duell der Brüder übers Schisma der Sportartikelkonzerne Adidas und Puma Schleichwerbung nachzuweisen, fiele gewiss schwer. Dennoch warf die 113-minütige Präsenz der drei berühmten Streifen am Karfreitag zur besten Sendezeit (noch bis Freitag in der RTL-Mediathek) Fragen auf. Eine Spurensuche im Trüben des offenen und nicht so offenen Product Placements.
Von Jan Freitag
Schuhe von Adidas sind wirklich die Wucht. Verhalfen dem farbigen Jesse Owen 1936 zum vierfachen Olympiagold im finsteren Herz der Rasseideologie. Gewannen den Fußballer des (beinahe) gleichen Landes 18 Jahre später das WM-Finale im Wolkenbruch von Bern. Hatten aber auch einen äußerst sympathischen Erfinder, der zwar oft verbissen wirkte, wenn er sein Schuhwerk perfektionierte, aber zum Niederknien süß war: Adolf Dassler, genannt Adi.
Gut, im wahren Leben war der Sportbekleidungspionier zwar weniger attraktiv als jener Ken Duken, der ihm im RTL-Film Duell der Brüder das Gesicht leiht – kleiner, gewöhnlicher, also – mit Verlaub – unansehnlicher als sein Darsteller; aber visuelle Medien wie das Fernsehen dürfen sich ihre Realität ja durchaus schöner filmen als sie ist. Deshalb hat Adolfs Bruder Rudolf optisch ebenso wenig mit Torben Liebrecht gemein, der den anderen Part der „Schuhfabrik Gebrüder Dassler“ spielt, bevor sie sich 1948 in zwei Global Player spaltet.
Adidas und Puma.
Bevor es zum Schisma kommt, zeichnet RTL ein recht präzises, meist unterhaltsames, erstaunlich kritisches Porträt zweier Alphatiere: Hier Adi, ein betriebsblinder Opportunist, der aus unpolitischem Idealismus mit den Nazis paktiert, aber moralisch die Kurve kriegt. Dort Rudi, ein viriler Karriereist, der die Kurve verpasst und mit der weniger erfolgreichen Marke Puma Vorlieb nehmen muss, die erst Jahrzehnte später die Zugkraft der innerdörflichen Konkurrenz erreicht.
Womit wir bei einem Aspekt des Blockbusters wären, der die drei, vier fünfminütigen Werbeblöcke dazwischen auf ein, zwei Stunden Sendezeit ausdehnt. Der brillante Tüftler und sein geschäftstüchtiger Bruder aus Herzogenaurach streiten sich nämlich nicht nur um grundverschiedene Lebenswürfe, sondern ein Konsumgut von globaler Bedeutung, das dabei fast permanent in Wort und Bild inszeniert wird: Der berühmte Lederschuh mit den drei Streifen, ein echtes Qualitätsprodukt, wie Regisseur Oliver Dommenget und Autor Christian Schnalke unablässig versichern. Von einem Helden der Arbeit innbrünstig verbessert, bis das Unmögliche möglich wird: Owens Seriensieger, Deutschland Weltmeister, der Sport revolutioniert.
Nach dem CGI-animierten Finale gegen die übermächtigen Ungarn, das Helmut Rahn auch dank Dasslers Stollenschuhen entscheidet, fehlt eigentlich nur noch „Super, Adidas“ im Abspann, den man ruhig mal auf Vertreter des Weltkonzerns hin durchforsten sollte. Nach der Eloge auf die Konzerngründer, von denen sich der spätere Adidas-Chef fast zum Textilheiligen entwickelt, steht nämlich die Frage im Raum: Wo endet telegene Mythenbildung deutscher Wirtschaftspioniere und wo beginnt profane Schleichwerbung? Anders gefragt: Müssten 113 Minuten Primetime-Event rund um Adidas (und ein bisschen Puma) nicht als Product Placement gekennzeichnet werden, wie es für dramaturgisch integrierte Markenware Art vorgeschrieben ist? Antwort: Nein.
Aber…
Als 2005 ein System illegaler Schleichwerbung in der ARD-Soap Marienhof aufflog, verbot der 13. Rundfunkänderungsstaatsvertrag fünf Jahre später derlei Sonderwerbeformen. Zumindest den Öffentlich-Rechtlichen, denen fortan allenfalls sachwertige „Produktbeistellungen“ gestattet blieben. Privatsender hingegen dürfen weiter fröhlich platzieren. Sofern es sich um kommerzielle Eigenproduktionen, Livesport oder „leichte Unterhaltung“ handelt und weder zum Kauf drängt noch die redaktionelle Unabhängigkeit behelligt, erscheint seither mehrmals kurz ein „P“ in Flatscreen-Eck – fertig ist die ganz legale PR, von der sich Vermarkter nach einem DWDL-Bericht zwei Prozent mehr Umsatz erhofften. Als der Münchner Marketing-Professor Carsten Rennhak daraufhin jedoch mal eins der vielen Importformate in Augenschein nahm, zeigte sich die Schwäche der vermeintlichen Publikumsstärkung. Bei der Ausstrahlung des Kinoablegers von Sex and the City stieß er auf 119 Marken und Dienstleistungen, von denen ein Viertel inhaltlich integriert, visuell gezeigt und namentlich genannt wird, also nichts anderes ist als: Reklame. Ein „P“ war nirgends zu sehen.
Das eint die US-Serie mit dem deutsche Duell zweier Brüder, deren Produkt nicht nur ständig werbewirksam ins Bild rückt, sondern geradezu romantisiert wird. Wenn der versonnene Tüftler Adi geigenumflort drei Finger in einen Farbeimer taucht und die Schuhe des zufällig anwesenden Stürmers garniert, wird aus dem frisch erfundenen Logo ein haptisches Erlebnis. Um sich ins Unterbewusstsein potenzieller Kunden zu graben, bedarf es da gar keiner aktuellen Sneaker-Editionen oder auch nur der Nennung des Firmennamens; es reicht die pure Präsenz von Erfinder und Erfindung. Diese Unterwanderungstechnik heißt im Fachjargon „Creative Placement“ – dramaturgisch eingebundene Markenpräsenz, mit der die Bachelorette ganz nebenbei bestimmte Kartoffelchips anbietet oder Dschungelcamp-Bewohner laut von Burgern eine bestimmten Kette träumen.
Beides hat RTL bezahlt und kenntlich gemacht. Adi Dasslers Ware hingegen profitiert nur inoffiziell von der Präsenz. Das teilt der Film mit Biopics, die andere Wirtschaftswunderlinge im aufrechten Kampf gegen konservative Zweifler heroisieren: Beate Uhse, Carl Benz, Margarete Steiff, zuletzt Kurt Landauer, der von jenen Nazis, die seinerzeit gute Geschäfte mit den Dasslers machten, ins Exil getrieben wurde. Nichts gegen eine Würdigung des legendären Bayern-Präsidenten, aber das ARD-Porträt betrieb 2014 massive Publicity für einen Fußballkonzern, der dank seiner Zugkraft fürs Milliardenprodukt ohnehin nach Kräften bevorzugt wird.
So prominent, wie jedes Freundschaftsspiel, jeder Beckenbauer-Cup, jede noch so fade Bundesligakonserve gezeigt wird, bedarf es da schon einiger Phantasie, geldwerte Gegenleistungen des Rekordmeisters auszuschließen. Das bleibt zwar wie beim „Duell der Brüder“ Spekulation. Doch wenn das Erste im Herbst ein eigenes Biopic über die Dasslers zeigt, werden die Premiumpartner FCB und Adidas sogar parallel aufgewertet. Abermals ohne „P“ im Bildschirmeck.
Es ist schwer auszumachen, worüber man sich dieser Tage mehr wundern soll: Die Tatsache, dass verheerende Anschläge wie der in Brüssel langsam zur Normalität werden. Oder dass wir sie auch wirklich als solche empfinden. Verglichen mit der Reaktion auf den Pariser Gewaltexzess vor gut vier Monaten jedenfalls kehrte diesmal selbst auf dem Boulevard erstaunlich rasch Ruhe ein, und auch die vielen Brennpunkte wirkten wie das anschließende Nachbereiten in den Talkshows eher routiniert als sonderlich ergriffen. Der Turbo-Journalismus unserer Tage gibt zwar noch immer ohne Vorglühen eine Weile Vollgas, aber diese Weile wird kürzer und die Kürze zusehends abgebrüht.
Dennoch stand die vergangene Woche natürlich voll und ganz im Zeichen des Terrors, der dieses Land zurzeit auf fast allen Ebenen im Atem hält – ob damit nun der im Namen Allahs gemeint ist oder der Nation, was beide weit mehr miteinander gemeinsam hat als der AfD lieb sein dürfte. Umso erstaunlicher ist es, dass ein Urteil vom Oberlandesgericht München der seltsam geläuterten Bild-Zeitung verboten hat, die übelsten Hetzer sozialer Netzwerke weiterhin an den Pranger der Schande zu stellen. Vielleicht ja, weil so ein Instrument seinerseits zum schmutzigen Repertoire populistischer Maulhelden à la Pegida gehört. Vielleicht aber auch, da der Justiz daran gelegen ist, einfach mal für etwas Ruhe im Karton zu sorgen.
Wobei etwas Ruhe auch kein Allheilmittel ist im Kampf gegen radikalisierte Massen. Vor gar allzu nicht langer Zeit nämlich war so wenig Lärm gegen Rechtsradikale hörbar, dass ein paar von ihnen nahezu unbehelligt die furchtbarste Mordserie der deutschen Nachkriegszeit begehen konnten. Und da es um den NSU-Prozess vorm Münchner Landgericht ebenfalls immer ruhiger wird, ist es wieder mal am Fernsehen, Laut zu geben gegen das Vergessen – und sei es in aller Stille.
Die Frischwoche
28. März – 3. April
Mitten in Deutschland heißt eine Filmtrilogie, die den braunen Terror mitsamt seiner blutigen Folgen so geräuschlos fiktionalisiert, dass es nur so aus dem Fernseher schreit. Wie im baugleichen Projekt Dreileben (2011) hat die ARD drei Regisseure gebeten, dasselbe Thema individuell zu bebildern. Zum Auftakt skizziert Christian Schwochow, wie die Täterin Beate Zschäpe (Anna Maria Mühe) den Uwes (Albrecht Schuch, Sebastian Urzendowsky) aus der national befreiten Zone Jena in die Illegalität folgt, ohne dabei den üblichen Verachtungsfuror abzurufen. In der Woche drauf dann widmen sich Züli Aladağ und Florian Cossen Opfern und Ermittlern, wovon an dieser Stelle noch die Rede sein wird. Denn alle drei sind Filme zum Heulen, Filme der Wut, heilsame Filme wider die Ignoranz von Staat, Medien, Justiz und Mainstream, die jeder, wirklich jeder sehen sollte, nein: Muss!
Dasselbe gilt natürlich auch für den neuen Fall von Sherlock Benedict Cumberbatch als modernisierte Fassung des angestaubten Detektivs, dessen ungewohnt mystischer, also gar nicht so rationaler Fall um eine Wiederauferstehung jedoch nur eine Art Transitfolge für die vierte Staffel im nächsten Jahr ist. Ob Heike Makatsch hingegen mehr ist als ihr eigenes Special, bleibt fraglich. Heute zumindest schenkt ihr das Erste eine Sonderladung PR, wenn sie als Kommissarin Ellen Berlinger nach 14 Jahren London ins tüderige Freiburg zurückkehrt, um dort einen angeblichen Selbstmord im Jobcenter aufzuklären.
Der Event genannte Tatort indes ist zu konventionell, die Hauptfigur zu hübsch, alles irgendwie zu irgendwas wie ein Star als Zugpferd, das am Ende wohl doch einige Anschlussfolgen rechtfertigt. Die hatte sich das Münchner Duo Leitmayr/Batic spätestens 1995 verdient, als es vier Jahre nach seinem kaum bemerkten Debüt noch jung und ungrau Dominik Grafs prämierten Fall Frau Bu lacht zur Krimilegende spielte. Die farbige Wiederholung der Woche leitet am Samstag um 20.15 Uhr aber nicht nur eine BR-Nacht voller Filme des dienstältesten Männerteams ein, sondern auch den gelungenen Jubiläums-Tatort tags drauf.
Dagegen ist die schwarzweiße Wiederholung – nicht zuletzt im Kontrast zum BBC-Meisterwerk dieser Tage – höchstens ein Fall für Nostalgiker, nicht Ästheten. Dabei weist Sherlock Holmes und das Halsband des Todes von 1962 (Dienstag, 1.35, ARD) zwar Christopher Lee (mit Senta Berger) als Titelfigur ein, bleibt ansonsten aber fulminanter Quatsch mit Soße. Das ist Freitag auf RTL auch Die Piraten, aber trotzdem lecker. Vor allem, weil der Animationsfilm um einen Freibeuter, der ausgerechnet Charles Darwins Schiff kapert, von den Aardman-Studios gemacht wurde, die sonst für Wallace & Gromit zuständig sind. Soße ganz ohne Quatsch hingegen tischt der DVD-Tipp auf: Cowspiracy (polyband, 16,99 Euro), eine Umweltdoku, die die verheerenden Auswirkungen der Viehwirtschaft preisgekrönt aufdeckt.