Posted: January 22, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik |
Einladung zum Tiefgang
Lukas Strobl (Foto: Bastian Harting) war kaum dem Teenageralter entwachsen als er sich unterm Projektnamen Alligatoah auf den Olymp deutschsprachigen Raps schwang. Sein aberwitziger Mix aus gansteraffinem HipPop und theatralischem Maximalmashup zu durchgedrehten Bühnenshows erobern seither das Netz ebenso wie die ganz großen Hallen. Sein drittes Album Triebwerke katapultierte er vor drei Jahren gar an die Spitze der Verkaufscharts. Jetzt kletterte der Nachfolger Musik ist keine Lösung immerhin sofort auf Platz 3. Ein Gespräch mit dem 26-jährigen Wahlberliner von der Nordseeküste über die Grenzen zum Klamauk, Do-It-Myself-Sound und wie er Rammstein-Sänger Till Lindemann Respekt zollt.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Lukas, ist das neue Album und deine Musik im Allgemeinen eigentlich ernst gemeint oder doch durchweg geballte Ironie?
Lukas Strobel aka Alligatoah: Als Stilmittel findet Ironie bei mir zwar Verwendung; da ich das Ganze jedoch aus einem schauspielerischen Blickwinkel betrachte und in meinen Songs nicht aus mir selbst rede, sondern einem lyrischen Ich, das mit mir als Privatperson wenig zu tun hat, nutze ich damit die Möglichkeit, mich in extreme Figuren mit extremen Ansichten hineinzuversetzen. Das reicht vom Terroristen über Umweltverschmutzer bis hin zu furchtbaren Rassisten und ist zugleich ernst und satirisch.
Aber drückst du dich durch diese Art Verkleidung nicht ein wenig davor, selbst Position zu beziehen und delegierst die Meinungsbildung zu dem, was du tust, an andere?
Ich sträube mich jedenfalls nicht dagegen, wenn man mir vorhält, offene Meinungsäußerung zu vermeiden oder abstrahieren. Was allerdings auch damit zu tun hat, wie viele Musiker ihre Ansichten ungefragt im Publikum verbreiten, so wie ja auch die sozialen Netzwerke individuelle Ansichten zu allem und jedem heraus posaunen. So sehr ich die Möglichkeit schätze, das zu dürfen, wollte ich da einfach nicht mitmachen und betrachte mich gewissermaßen wie ein Darsteller selbst von außen.
Funktioniert der theatralische Ansatz dieser Persönlichkeitsspaltung auch ohne dazugehörige Bühnenshow oder ist das nicht ein zutiefst visueller Ansatz, der sich auf Platte womöglich nur unzureichend vermitteln lässt?
Da bin ich mir sehr sicher. Als ich angefangen habe, gab es nur Texte und Lieder ohne Bühnenshows. Meine Kunst besteht seit 2006, als ich mit dem Projekt Alligatoah begonnen habe, also darin, trotzdem klarzumachen, dass durch mich keine realen, sondern Kunstfiguren sprechen. Seither hat sich meine Zuhörerschaft dran gewöhnt und weiß den satirischen Anteil gut einzuschätzen.
Ein Lied wie Denk an die Kinder deuten sie demnach nicht als Klamauk, sondern erkennen darin irgendeine Form sozialer Kritik?
Ich denke schon. Mit Kindern werden praktisch alle gesellschaftlichen Debatten emotionalisiert. Das liegt dem Lied schon zugrunde, schließt aber überhaupt nicht aus, dass ich gern mit ganz simplen Unterhaltungsmechanismen arbeite. Das darf dann gern mal gänzlich ironiefreier Klamauk sein. Jeder ist eingeladen, bei mir Tiefgang zu entdecken oder nicht.
Lässt sich Musik ist keine Lösung somit als Statement hören und sehen, dass man dieser durchgeknallten Zeit nur mit größtmöglichem Aberwitz begegnen kann?
Das „nur“ würde ich durch „auch“ ersetzen, weil niemand zu einer bestimmten Sicht meiner Musik gezwungen ist. Aber sie lädt in der Tat dazu ein, diese durchgeknallte Zeit humorvoll ernst zu nehmen; um Fanatiker zu entlarven, kann man sie demnach durch Überspitzung verständlicher oder noch absurder machen.
Im Sinne von Garfield: Wenn du deine Gegner nicht besiegen kannst, verwirr sie!
Oh, dass das von Garfield ist, wusste ich gar nicht. Das merke ich mir, passt ganz gut zu dem, was ich mache.
Wenn man dem, was du machst, ein Etikett verpassen möchte, welches würdest du empfehlen?
Ach, manchmal jongliere ich mit ein paar Begriffen, um die Kategorisierung zu erleichtern, verwerfe sie aber schnell wieder, weil ich mit jedem neuen Lied versuche, die frisch geschlossene Schublade von gestern wieder aufzubrechen. Ich bezeichne meinen gesprochen rhythmischen Singsang wechselnder Figuren manchmal als Schauspiel-Rap.
Musikalisch begleitet von Maximal-Mash-up. Bist du Kollagen-Künstler?
Ja, durchaus. Auch als Übersteigerung dessen, wie viele Künstler Vorhandenes dahingehend wiederkäuen, dass ein Sechzigerjahre-Rockremix dann eben durchgängig nach Sechzigerjahre-Rock zu klingen hat. Ich hingegen suche mir zur Sechzigerjahre-Gitarre lieber ein Dreißigerjahre-Jazzschlagzeug und Nullerjahre-HipHop. Darin steckt die Suche nach etwas Neuem, das heutzutage praktisch nur noch durch neue Kombination des Alten erreichbar ist.
Und wenn du dann in Denk an die Kinder eine Strophe von Grönemeyer sampelst – ist das eine Respektsbekundung oder despektierliches Verhackstücken?
Weder noch, allein weil es kein Sample ist, sondern eine Stimmimitation – schon aus rechtlichen Gründen. Ich versuche mich gern mal an dieser Art Parodie, früher eher bei Rappern, jetzt auch bei anderen. Das hängt auch damit zusammen, wen ich überhaupt nachmachen kann. Darunter sind welche, von denen ich kaum was weiß, aber auch solche, die ich ungemein schätze, Till Lindemann zum Beispiel
Rammstein, interessant.
Oder Helge Schneider. Denen zolle ich damit schon Respekt.
Die zugehörigen Videos sind ebenso von und mit dir wie Musik und Texte.
Gut, ich arbeite natürlich nicht allein, aber konzipiere sie schon selber.
Diese Arbeitsweise, alle Fäden in der Hand zu haben, könnte man Do It Myself nennen. Weil du dich von Abhängigkeiten befreien willst oder weil du das alles einfach am besten kannst?
Ich wette, dass viele das meiste, was ich tue, sogar besser können. Ich bin ja zum Beispiel alles andere als ein perfekter Gitarrist. So normal, wie maximale Arbeitsteilung im Pop generell ist, so normal ist es dennoch für mich, mich als Alligatoah selbstbestimmt auszudrücken. Das ist ein Gesamtkunstwerk von einem Künstler, der nun mal ich ist. Warum sollte ich etwas abgeben, was ich selber machen möchte.
Hast du je erwartet, damit mal große Hallen füllen und zwei Top-3-Alben nacheinander machen zu können oder war deine Perspektive mal eine solide Club-Karriere?
Zu Beginn hab nicht mal im Traum an so ein großes Publikum gedacht, zumal ich gar nicht auf Bühnen wollte, sondern die Anonymität des Internets genießen. Dennoch braucht man als Künstler Publikum und wenn es wächst, wird es schnell zum Bedürfnis. Aber so sehr es mich beeindruckt, welche Ausmaße es mittlerweile angenommen hat, wäre ich keinesfalls traurig, wenn die Aufmerksamkeit wieder abnähme. Ich würde dann noch immer das Gleiche machen, nur vor weniger Leuten.
Von Geld sagt man, es mache nicht satt, sondern hungrig. Ist das mit Aufmerksamkeit und Fans nicht ähnlich?
Dafür geht es mir zu sehr um die Sache. Trotzdem ist es toll, wenn viele sehen wollen, was ich mache. Das empfinde ich als großes Kompliment. Aber wenn es mir um Quantität ginge, würde ich was anderes machen als Alligatoah – seichter, verständlicher. Ich bleibe bei meinen Grundsätzen.
Der Text ist vorab beim MusikBlog erschienen.
Posted: January 21, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Ich habe Angst vorm Verfall
Vergangene Woche ist die Schauspielerin Maja Maranow (Foto: Katja Knoke/ZDF) mit nur 54 Jahren gestorben. Freitagsmedien dokumentieren daher ein Gespräch von 2008, das sich – ausgerechnet – mit einem Film zum Thema Sterbehilfe befasst. Im ZDF-Drama Zeit zum Leben spielte das langjährige Ensemblemitglied von Dieter Wedels opulenten Gesellschaftsmehrteilern damals die Tochter lebensmüder Eltern. Ein Interview als Nachruf.
Interview Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Maranow, haben Sie ein positives Verhältnis zum Tod?
Maja Maranow: Früher, so mit Mitte Zwanzig habe ich mal versucht, mich mit ihm anzufreunden. Jeder kennt ja dieses Gefühl von Einsamkeit, wenn man um vier Uhr nachts glockenwach ist und spürt: du bist endlich. Als ich da Bilder vor mir sah, durch meine hinterlassene Wohnung würden trauernde Menschen gehen und Dinge von mir zusammentragen, hatte ich ein Bedürfnis, Ordnung im Haus zu schaffen, falls der Fall eintritt. Deshalb habe ich auch vor zwei Jahren mein Testament gemacht, um es den Hinterbliebenen leichter zu machen. Schließlich kann es einen früher erwischen als man glaubt. Denn was bleibt am Ende vom Leben: Ein paar Kisten, ein paar Klamotten, ein paar Bücher, ein paar Unterlagen und Bilder.
War dieses Nachsinnen bei Ihnen damals die Folge eines Trauerfalls?
Ja, ein Selbstmord. Und da stellt man sich die Frage, wie verzweifelt jemand sein muss, um freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Aber die Beschäftigung damit ist sehr befreiend.
Weil der Umgang mit dem Tod hierzulande zu verkrampft ist?
Ich glaube schon. Auch Krankheit und Alter sind nach wie vor nicht recht salonfähig. In Brasilien war ich mal in einem knallbunten Sarggeschäft. Bei uns wäre es eher trist, aber da war alles hellblau und rosa und glänzend und diese schrillen Särge standen auch noch einladend aufgeklappt an der Wand. Das hat da einen ähnlichen Stellenwert wie Hochzeit und Geburt.
Dazu gehört aber auch ein gewisser Jenseitsglauben.
Schon, aber ich weiß auch nicht, was das Sterben ohne dieses Denken bei uns so schlimm macht – die Ungewissheit oder die Gewissheit, es kommt nichts mehr? Ich beneide ja Leute, die sagen, danach ist Schluss, das Leben ist alles, danach folgt ein traumloser Schlaf. Ich habe mal eine Dokumentation gesehen, wo zwei Frauen in einem Hospiz interviewt wurden. Eine war tiefreligiös und war völlig gelassen, weil sie wusste: ich gehe zum Herrn in den Himmel. Die andere, die Zweiflerin, war von Ängsten gebeutelt. Da dachte ich: Ich wär gerne gläubig.
Rührt unser Umgang mit Sterbehilfe – abgesehen vom historischen Ballast der Euthanasie – auch von einer atheistischen Überbewertung des Lebens her?
Absolut. Und deshalb schiebt man den Tod insgesamt beiseite. Dabei finde ich es zum Beispiel sehr tröstlich, zuhause aufgebahrt zu werden. Pathologie wird bei uns durch Kühlfächer symbolisiert. Bei meiner Großmutter hatte ich eine offene Sargbegleitung und werde nie die Überwindung vergessen, die Leiche zu berühren, als erwarte ich plötzlich eine Wiederbelebung aus dem Horrorfilm.
Würde eine Debatte über humanes Sterben unseren Umgang damit verändern?
Natürlich, zumal ja niemand ernstlich einem Professor Hackethal vorwerfen wird, er verfolge nationalsozialistische Ziele. Aber ich finde diese Diskussion trotzdem ungeheuer schwierig, wie schwierig, war mir vor dem Film gar nicht bewusst, weil ich sie bis dahin kaum geführt hatte. Es gibt einfach mehr Haltungen als Optionen, um Missbrauch zu vermeiden, und so viele Argumente dagegen, die ich absolut verstehen kann. Die Aufkündigung der Solidarität mit Kranken, Schwachen, Leidenden. Dass sich Patienten vor die Wahl gestellt unter Druck gesetzt fühlen, die Gesellschaft oder ihre Familie zu entlasten. Darf man schwerstbehinderte Neugeborene oder Demenzkranke töten?
Unsere Gesellschaft krankt auch daran, nicht mit Nutzlosigkeit umgehen zu können.
Wir frönen dem Jugendwahn, das Alter ist unproduktiv, all so was. Früher hätten wir der Natur häufiger ihren Lauf gelassen, als sie medizinisch zu beeinflussen, was jetzt auf allen Ebenen passiert. Früher gab es aber auch intakte Familienverbände, in denen alle Generationen für einander gesorgt haben.
Sind Sie eher für eine Liberalisierung oder für Restriktionen?
Wichtig finde ich den Ausbau von Palliativmedizin, denn einem Mensch, der solche Schmerzen hat, dass er kaum noch atmen kann zu sagen, er solle am Leben bleiben, brächte ich nicht übers Herz. Aber ich möchte mir nicht anmaßen, die Grenzfälle zu beurteilen.
Ihr Film zeigt beide Fälle: den Mann, der mit einer fatalen Krebsdiagnose klaren Verstandes beschließt, sterben zu wollen. Die Frau, die „nur“ ein Bein verliert.
Und dann erfährt man sogar von einer falschen Diagnose. Depressive Menschen sollten jedenfalls keine Sterbehilfe erhalten. Aber dein Leben zu beenden mit einem Menschen, den man liebt, kann eine große Verlockung sein und hat etwas sehr Romantisches.
Wie würden Sie reagieren, wenn sich Ihre Eltern so entscheiden würden.
Da kann man nur spekulieren. Hängt davon ab, wie man mit den Eltern darüber reden kann. Wenn man spürt, dass die Entscheidung gefallen ist, muss es den Hinterbleibenden darum gehen, es den Sterbewilligen so leicht wie möglich zu machen.
Ist Zeit zu leben ein Sterbehilfefilm oder nutzt er das Thema nur als Vehikel für ein Familiendrama?
Sterbehilfe ist darin nur ein Anstoß, sich mit dem Thema zu befassen. Mehr nicht. Aber er gibt den Zuschauern die Möglichkeit, ein paar lose Enden zusammenzufügen und macht neugierig. Hauptsache, es lässt sie nicht gleichgültig. Was ich an dem Film mag, ist aber eher, dass er damit so unsentimental umgeht. Mir reicht das aus. Die Umsetzung ist ja nicht populistisch, schon weil keine Stellung bezogen wird. Wer das Thema ethisch hinterfragen will, sollte eine Dokumentation drehen.
Käme es für Sie infrage, so einem Sterbehilfeverein beizutreten?
An gesunden Tagen, in meinem Alter? Nein. Aber je mehr man sich damit befasst, mit dem Altern… Im Moment ist mir die Vorstellung einfach zu gruselig. Auch die, dass Menschen über alles Kontrolle haben wollen, Medizin, Technik, Leben, jetzt auch noch das Sterben. Kontrollverlust ist unserer Gesellschaft offenbar der größte Graus.
Haben Sie Angst vor dem Altern?
Tja, die Zeit rast. Plötzlich trifft man beim Drehen einen Kollegen, der vor ein paar Jahren deinen kleinen Sohn gespielt hat. Da merkt man es und das fühlt sich nicht immer gut an. Und in gewisser Weise habe auch ich Angst vor Verfall. Und vor der Nutzlosigkeit.
Posted: January 20, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Wutschauspieler
Ein Interview mit Janina Hartwig und Fritz Wepper zum gestrigen Start der 15. Staffel Um Himmels Willen (dienstags, 20.15 Uhr, ARD; Foto: Barbara Bauriedl/ARD) zeigt, wie dünn die Haut der Hauptdarsteller von Deutschlands derzeit erfolgreichster Fernsehserie angesichts der dauernden Kritik ist. Mit flüchtigen Folgen…
Von Jan Freitag
Man kann es sehen, man kann’s auch lassen, nur eines kann man kaum: es ignorieren. Auch als das harmlos-heitere Klostereinerlei Um Himmels Willen gestern in die 15. Staffel gingt, erhitzte Deutschlands erfolgreichstes Serie seit vordualer Zeit wieder die Gemüter. Wahre Fans, zuletzt mehr als sechs Millionen, eher angenehm. Genervte Verächter eher schmerzhaft. Grund genug, Fritz Wepper und Janina Hartwig zu fragen, wie es so ist – bloß geliebt oder gehasst zu werden für Hauptrollen in der heilen Welt vom Kloster Kaltenbach, die jedes Problem im Seifenfinale weglächelt.
Wepper: So heil ist die Welt darin gar nicht. Deshalb muss ich Ihnen unterstellen, zu wenig davon gesehen zu haben; wie kämen Sie sonst auf diese Behauptung.
freitagsmedien: Aber wie fühlt es sich für Sie als Schauspieler an, Teil einer so erfolgreichen Serie zu sein, die entweder geliebt wird oder gehasst wird?
Wepper: Also Sie scheinen mir der erste zu sein, der sie hasst.
Hartwig: Hass ist mir auch noch nicht zu Ohren gekommen. Woher haben Sie das denn das?
Fragen Sie mal Dokumentarfilmer, deren Werke von leichter Kost wie Ihrer zur Nacht verdrängt werden…
Wepper: Entschuldigung, ich finde das furchtbar. Wenn man sich mit etwas inhaltlich auseinandersetzt, muss man es auch kennen. Man hat die Chance, diese Serie anzuschauen oder es zu lassen. Hass hat da nichts zu suchen. Deshalb ist mir das, was Sie sagen, zu provokativ und nimmt mir die Lust zu antworten. Sprich du weiter, Janina.
Hartwig: Die Kritik an uns ist oft auf Unkenntnis und Intoleranz gebaut, was mich echt wütend macht, denn Intoleranz macht mich wütend.
Wepper: Also ich verlasse jetzt dieses Gespräch.
Wenn ein Produkt, das seit 2002 Topquoten und Zuschauerpreise erntet, oft als Beleg für die Verflachung des Leitmediums herhält, ist die dünne Haut des Hauptdarstellers nachvollziehbar; etwas Selbstkritik wäre es aber auch, wenn Weppers Bürgermeister Wöller nunmehr 195 Folgen den Peppone gibt, 130 davon im betulichen Streit mit Janina Hartwig als „Don Camillo“ Schwester Hanna. Umso mehr, als der ältere Bruder des spät erblühten Elmar Wepper nach einer angedeuteten Hollywood-Karriere im Oscar-Film „Cabaret“ seit Derricks Harry vor allem leicht unterhält.
Bislang habe ich doch nur gefragt, wie es sich zwischen zwei Polen anfühlt, nicht welcher Pol größere Berechtigung hat.
Wepper: Nein, ich gehe jetzt.
Oje, kann man ihn einfangen?
Hartwig: Det könn’se verjessen. Aber ich kann das auch verstehen; dieser Art von Überheblichkeit – Theater gegen Film, Film gegen Fernsehen, Kritiker gegen alles – begegne ich immer wieder. Wäre es nicht spannender, wenn alle mehr voneinander lernen, statt sich dauernd abzugrenzen, wenn man sich wirklich miteinander befasst? Dann würden die Kritiker nämlich merken, dass unsere Welt gar nicht generell heil ist, sondern nur heil endet. Genau das wollen unsere Zuschauer nach einem harten Alltag, dafür benutzen wir das Genre der Komödie, was ja nicht heißt, sich dauernd auf die Schenkel zu klopfen, sondern auch mal, Dinge mit einem Lächeln zu erzählen.
Die Figuren darin sollen gar nicht realistisch sein?
Hartwig: Natürlich nicht, wir machen ja keine Dokumentarfilme übers Klosterleben, sondern wollen Charaktere überhöhen, in denen sich die Zuschauer dennoch wiederfinden können, um der Welt für einen Abend niveauvoll zu entkommen. Auch ich muss manchmal die Seele entspannen, sonst wird sie nämlich krank.
Und wie lange lässt sich das noch erzählen?
Hartwig: Das frage auch ich mich auch immer, bis mir jedes neue Drehbuch zeigt, wie viel noch möglich ist. Und die Reaktion der Leute ist so, dass Ihnen die Serie noch immer etwas bedeutet und gibt.
Nämlich christlich grundierte Weltlichkeit wie aus dem CSU-Programm: Kirche & Küche für Frauen, Laptop & Lederhose für Männer, artige Kinder & lösbare Probleme in Heimatfilmidylle. Hier muss Bürgermeister Wöller diesmal nach zwei Maß Bier am Steuer – für Bayerns Innenminister Beckstein einst völlig unbedenklich – Sozialstunden in Schwester Hannas Kloster ableisten, das war‘s. So sieht konservatives Rechtsempfinden aus, so spiegelt es die ARD dienstags nach der Tagesschau: Solang man Buße tut, die Heimat liebt, in weiß heiratet, ist Primetimefernsehen massentauglich.
Zurück zur provokanten Eingangsfrage Wieso polarisiert Ihre Serie so, dass meine Mutter keine Folge verpasst und ich keine ertrage?
Hartwig: Das nennt man Sehverhalten. Meine Tochter ist 27, sie sieht kaum mehr fern im klassischen Sinne. Sie guckt Serien bei Netflix.
Sie auch?
Hartwig: (lacht) Nee, ich mag unter anderem Dokumentarfilme im Fernsehen.
Zu schade, dass Janina Hartwig dafür bei ARZDF meist bis Mitternacht aufbleiben muss. Die besseren Sendeplätze blockieren ja Kerner, Pilcher und Pilawa, Komödien, Krimis und Um Himmels Willen, am kommenden Dienstag zum 184. Mal, Ende außer Sicht. Gute Nacht.
Posted: January 18, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
11. – 17. Januar
Mit dem Andy, keine Frage, da wäre das nicht passiert. Der Andy hatte Schwung, der Andy hat noch geschunkelt, der Andy war Musikantenstadl pur, von dem sich der Alex und die Franci besser mal ein Scheibchen mehr als das „Stadl“ vor der „Show“ abg‘schnitten hätten. So aber ist die Stadlshow schon nach zwei Ausgaben mausetot und Volksschlager im Fernsehen nur noch Silbereisen & Fischer, von denen letztere übrigens bald einen Kanal kriegt. Wobei HFK24 nur oberflächlich ein Scherz der Satireplattform Postillon ist. Denn darunter offenbaren sich jene Abgründe des Mediums, in die es zusehends stürzt.
Zuletzt sind darin ja nicht nur arglose Gutmenschen, um es mal mit dem Unwort des Jahres auszudrücken, wie Andy Borg gelandet, sondern der arg verwirrte wie Xavier Naidoo, dessen Nachfolger beim Vorentscheid zum ESC nun übrigens doch aus mehreren Kandidaten gecastet wird, statt wie zuvor vom zuständigen NDR dekretiert. Im TV-Abgrund landet abgesehen vom singenden Verschwörungstheoretiker aber auch anspruchsvolles Zeugs. Die Stadt und die Macht zum Beispiel, eine Politserie im Ersten, deren Güte vorige Woche kurz nach Deutschland 83 mit dem nächsten Quotendesaster belohnt wurde. Das legt einen schrecklichen Verdacht nahe: Qualität lohnt sich gar nicht.
Das deutsche Publikum will nämlich partout unterfordert, sediert, belogen und betrogen werden. Erfolgreiche Ausreißer nach oben, von denen Mittwoch nach einjähriger Pause einige den Deutschen Fernsehpreis erhielten, Club der roten Bänder vom Überraschungskanal Vox zum Beispiel oder das gelungene ARD-Remake von Nackt unter Wölfen, lenken davon nur ab; das Gros der Zuschauer lässt sich nach Feierabend oder Arbeitsamt lieber mit dem ewig gleichen Mix aus Schnulze, Krimi, Rateshow belämmern, als wirklich kreativ unterhalten zu werden.
Selbst wenn‘s mal wehtut.
Die Frischwoche
18. – 24. Januar
Von daher wird die Fortsetzung von Operation Zucker Mittwoch ein Vielfaches jener Quote erzielen als, sagen wir, Michel Abdollahis fernsehpreisprämierte Reportage Im Nazidorf. Das hat drei Gründe. Erstens läuft sie zur Primetime im Ersten statt nachts im Dritten. Zweitens ist es ein Krimi um sexuelle Gewalt gegen Minderjährige, was unverhältnismäßig viel öfter verfilmt wird als die Realität erlaubt. Und drittens: Operation Zucker ist trotz all der Grausamkeit fabelhaft. Wie im ersten Teil von 2013 (wird tags zuvor um 22.45 Uhr im Ersten wiederholt) geht es um machtgeile (nicht pädophile!) Kinderficker aus Brandenburgs Oberschicht, die Nadja Uhl mit so empathischer, gleichwohl zynischer Wahrhaftigkeit verfolgt, dass ihre Ernüchterung angesichts des erfolgreichen Schweige- und Vertuschungskartells fast körperlich spürbar ist.
Ach ja, liebe AfD, es geht hier übrigens um ein System sexualisierter Männergewalt, das keine Ausländer, sondern deutsche Spießbürger wie du und du betreiben. Im Anschluss diskutiert dann die ebenfalls eine Woche zuvor preisdekorierte Sandra Maischberger über Kinderprostitution derart bizarren Ausmaßes, das der Wirklichkeit näher ist als uns lieb ist. Artifizieller ist da schon der zweite Fall von Ulrich Noethen als Psychiater Jens Jessen, der der Hamburger Polizei am Montag im ZDF wieder Neben der Spur auf die Sprünge hilft, diesmal in einem berückenden Krimimosaik um Schuld und Amnesie.
Fast schon irreal ist verglichen damit hingegen die Krimi-Groteske Wenn du wüsstest, wie schön es hier ist am Freitag um 20.15 Uhr auf Arte (also parallel zum Rückrundenauftakt der Bayern beim HSV im Ersten, was höchst irreal enden könnte), eine Art Twin Peaks in Kärntens gleißend düsterem Hinterwald, wo der Provinzbulle Muck (Gerhard Liebmann) einen mysteriösen Frauenmord nachgeht. David Lynch trifft Manfred Deix. Noch Fragen? Beantworten könnte sie Stefan Niggemeiers neuer, endlich kostenpflichtiger Medienblog www.uebermedien.de. Ob er allerdings das Rätsel lösen kann, ob Til Schweiger, so rein anatomisch, wirklich nur über die Gesichtsausdrücke treudoof und stinksauer verfügt? Besser Auskunft gibt darüber wohl die farbige Wiederholung der Woche, Bernd Eichingers Der große Bagarozy (Samstag, 22.25 Uhr, 3sat) von 1999, zumindest insofern als Schweigers erste (und für lange Zeit letzte) echt ernst zu nehmende Rolle um einen mysteriösen Zauberer tatsächlich noch eine dritte Mimik aufweist: verschlagen. Ach ja, und lüstern, was bei ihm aber auch irgendwie treudoof aussieht.
Weit stärker über die Mimik kommen da naturgemäß Filme der frühen Kintopp-Ära wie Marcel Pagnols berühmte Marseiller Trilogie um die Liebe in Zeiten ihrer Liberalsierung von 1931, dem schwarzweißen Hinweis der Woche. Arte zeigt Montag ab 20.15 Uhr die ersten zwei Folgen und am Mittwoch das Finale, gefolgt vom Doku-Tipp Dantes Inferno, einem Film übers Hauptwerk des mittelalterlichen Dichterfürsten und dessen Einfluss auf die Kultur seiner italienischen Heimat.
Posted: January 15, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik |
Der wahre King of Pop
David Bowie (Foto@Sony) hat den Pop durchgespielt, bis zum Schluss. Mit seinem letzten Album verabschiedete er sich vor wenigen Tagen von der Welt. Was wenige ahnten und noch weniger wussten: Blackstar war ein musikalischer Nekrolog in eigener Sache, verträumt, ja morbide, doch dabei selbstbewusst und leichtfüßig. Ein Nachruf.
Von Jan Freitag
Und dann ist plötzlich alles ganz klar und deutlich. Dann liegen die Fakten wie auf dem Silbertablett vor einem, als hätten sie nie etwas anderes ausdrücken wollen, sollen als dies. Dann liest man Zeilen wie “Look out here I’m in heaven / I got scars that can’t be seen” in Liedern namens Lazarus nicht mehr als ästhetisierte Todessehnsucht im Spätwerk eines hinreißend gealterten Popstars, sondern als Manifest der eigenen Vergänglichkeit: David Bowie wusste, dass er bald sterben würde. Er wusste es jedenfalls längst, als sein offiziell 28. Album im Studio entstand. Es heißt Blackstar und wollte der Nachwelt am vorigen Freitag, Bowies 69. Geburtstag, offenbar verkünden, was nun Gewissheit ist. Der einzig wahre King of Pop war todkrank. Er ist am Sonntag im Kreise seiner Familie gestorben.
Das wird wohl für einige Zeit die erschütterndste Nachricht des noch jungen Musikjahrs bleiben und ist gleichwohl so überraschend wie, sagen wir, ein Wintereinbruch im November. Denn David Robert Jones, geboren im Herzen Londons, das 1947 noch nicht der Nabel des Pop war, sondern eine rußschwarze Arbeitermetropole, hat ungefähr drei Viertel seiner Zeit auf Erden viel dafür getan, sich vorschnell von ihr zu verabschieden: Partys, Drogen, Promiskuität – das unterhaltsame, aber selbstzerstörerische Dreigestirn eines Lebens (wie) im Rausch. Es prägte David Bowie mindestens ebenso, wie er damit einer Epoche, die seine Epoche war, den Stempel aufdrückte: den siebziger Jahren.
Welch ein Jahrzehnt!
Rock wurde Glamour, Glamour wurde Pop, Pop wurde Disco, Disco wurde extravagant, Extravaganz wurde exzessiv, Exzess wurde orgiastisch und alles stets ungefähr in dem Tempo, das David Bowie dem Ganzen vorgab. Sein Stil war über Jahre hinweg der Gradmesser des musikalisch, ästhetisch, atmosphärisch Machbaren in einer Zeit, die das Unmögliche, Unbotmäßige, Ungehörige zusehends ad acta lege. Schon zwei Jahre nach seinem selbstbetitelten Debütalbum eröffnete Space Oddity den Blumenkindern im Würgegriff der konservativen Konterrevolution 1969 erstmals einen Ausweg in kosmische Höhen: fort vom haschvernebelten Naturalismus harmoniesüchtiger Weltverbesserer, hin zum urbanisierten Hirngespinst von einer besseren Zukunft mit den Mitteln der Zivilisation.
Seine Werke, produziert im zappeligen Stakkato jener Zeit, vor allem The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars oder Heroes, schufen etwas, das Bowie aus Sicht des Fachblättchens New Musical Express zum einflussreichsten Popmusiker aller Zeiten machte: Hippie und Rocker zugleich, Umstürzler und Bewahrer. Eine Art moderner Mozart am Übergang des analogen zum digitalen Zeitalter, Chiffre fast sämtlicher Brüche, denen die virile Ära zwischen Rock’n’Roll und Techno seinerzeit ausgesetzt war. Bowie, nebenbei Schauspieler, Stilikone und Sexsymbol, spielte mit zeitgenössischen Drogencocktails ebenso wie mit neuem Versmaß, mit Genderzuweisungen oder Klangexperimenten gleichermaßen und prägte den Zeitgeist somit mehr als jedes noch so bedeutsame Lifestylemagazin, deren Titelblätter er über Jahrzehnte ein ums andere Mal geziert hat.
Wie viel an dieser ausschweifenden Existenz unterm Brennglas der Öffentlichkeit letztlich echte Haltung war und wie viel womöglich doch Pose im Dienste der PR, wird auch weiterhin spekulativ bleiben. Doch nie zuvor und selten danach hat ein einzelner Künstler den Moralvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft dramaturgisch selbstbewusster, vor allem aber musikalisch eigensinniger Feuer unterm Hintern gemacht als der Thin White Duke. Umso erstaunlicher ist es, dass ihm rund um die Welt, der er mehr als 140 Millionen Tonträger verkauft hat, nun sogar jene kondolieren, denen er einst als Ausgeburt der Hölle erschienen sein muss. Wenn selbst der Erzbischof von Canterbury sein Bedauern über den Tod des kreativsten Bilderstürmers früherer Jahre äußert, muss Bowie die Bilder von einst also nicht bloß gestürzt, sondern durch ein paar neue, bessere ersetzt haben.
Auch das war ja dieser Snob aus dem britischen Empire, das den Namen bei seiner Geburt noch verdiente: Ein Musiker, der sein mitsingtaugliches Zeugs ebenso wenig wiedergekäut hat wie sich den Zeitgeist als nützliches Accessoire anzuheften. Wer David Bowie Ende der Achtziger mit Tin Machine als “Bandmitglied unter vielen” erlebte, konnte darin bereits einen Vorboten des shoegazenden Britrock entdecken. Wer vor drei Jahren The Next Day zu Ohren bekam, hierzulande sein – kein Scherz! – erstes Nr.-1-Album, erlebte darin den kraftvollen Selbsterneuerer umweht von frischen Beats, vor allem aber kraftstrotzendem Rock. Und wer sich nun Blackstar anhört, mag einen Nekrolog erkennen, geprägt vom episch ausgewalzten Titelstück mit seinem erzählerischen Schlagzeug zu Bowies snobistischer Eleganz, das Lazarus, mehr aber noch dessen ergreifendes Video zu einer fiebrigen Hospiz-Vision verdichtet; musikalisch ist David Bowies letztes Album weit mehr als eine Grabesrede in eigener Sache.
Es krönt die Biografie dieses außergewöhnlichsten aller Pop-Revoluzzer mit einer Sinfonie klanglicher Eleganz, der man sogar ein paar Saxofonsoli aus Bowies Neuerfindung vor 30 Jahren nachsieht. Der Krebs hat sein viertes, sechstes, x-tes Comeback zunichte gemacht. David Bowies Werk für die Ewigkeit wird er nicht kleinkriegen.
Niemals.
Mehr Bilder, Links und Sound auf Zeit-Online
Posted: January 14, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Ich spiele seit jeher gern Politiker
Mit Die Stadt und die Macht wagt das Erste Programm gerade etwas Großes in drei Doppelfolgen: Politik zum Serienthema zu machen. Burghart Klaußner spielt dabei Berlins Bürgermeister im Wahlkampf mit Anna Loos. Zum heutigen Staffelfinale spricht der 66-jährige Schauspieler über politisches Entertainment, die Rolle von Pegida und warum er nie Komödien spielt.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Klaußner, während Serien mit politischem Schwerpunkt grad in Deutschland seit jeher durchfallen, fiktionalisiert die ARD nach House of Cards und Borgen ausgerechnet dann Regierungshandeln, da Politikverdrossenheit in Politikerverachtung umschlägt. Wie erklären Sie sich diesen Trend?
Burghart Klaußner: Ob das ein Trend ist, vermag ich nicht zu sagen; dafür kenne ich mich mit Fernsehen zu wenig aus. Ich bin froh, hier mit einer interessanten Figur vor realem Hintergrund mitmachen zu können.
Warum?
Weil momentan in der Politik ein düsteres Kapitel aufgeschlagen wird. Was Sie Politikerverachtung nennen, ist darin zu einem Großteil Selbstverachtung, von Leuten, die dazu neigen, persönliche Unzufriedenheit auf vermeintliche Sündenböcke abzuwälzen. Die öffentliche Auseinandersetzung ist eskaliert, wie ich es nicht mehr für möglich gehalten hätte. Mir scheint, die Bemühungen meiner Generation, eine zivilisierte Gesellschaft zu errichten, ist durchaus gefährdet.
Haben Sie als öffentlich vernehmbare Stimme die Chance, darauf Einfluss zu nehmen?
Da sind durchaus Schritte möglich, die zwar – wie in der Kunst üblich – eher Millimetergröße haben, aber keineswegs folgenlos sind. Insofern: Ja.
Eine Serie wie Die Stadt und die Macht kann also in Diskurse eingreifen?
Ich glaube schon, allein über die Zahl der Zuschauer. Die Frage ist halt nur: wo zielen wir hin, was wollen wir erzählen?
Ja?
Mir ist wichtig, dass Politik immer von Menschen gemacht wird, nicht von Marionetten. Anders als von Pegidisten beschworen, sind sie allenfalls Teile von Machtapparaten, aber doch Personen aus Fleisch und Blut, mit Meinungen und Haltungen. Ich bin ein großer Freund derer, die sich ohne absoluten Machtanspruch für Politik engagieren, sonst wäre unsere Zivilisation rasch zum Scheitern verurteilt. Davon erzählt diese Serie, von Demokratie und dem gefährlichen Bestreben, sie zu unterwandern.
Wodurch genau?
Betrug – an sich und anderen, nach dem Motto: Einen trink ich noch, den sieht die Leber gar nicht.
Aber in dieser Serie trinken doch alle dauernd noch einen in der Gewissheit, weder die Leber noch sonstwer kriegt es mit. Ist das nicht Öl ins Feuer jener, die ohnehin behaupten, an Presse und Politik sei alles Lüge?
Wer für komplexe Vorgänge nur einfachste Erklärungen sucht, dem ist mit Argumenten ohnehin nicht beizukommen. Die Serie zeigt, wie es ist, wenn Kontrollmechanismen versagen, was man als Appell zum konstruktiven Einschreiten verstehen darf, nicht gewalttätig und verroht wie bei Pegida und AfD. Wer nicht begriffen hat, dass der Stärkere den Schwächeren helfen sollte, hat nichts begriffen.
Darf das Unterhaltungsmedium Fernsehfilm sich da so stark positionieren wie Sie es gerade tun?
Ja, denn Positionierung und Entertainment schließen sich überhaupt nicht aus. Jedes Handeln beeinflusst sein Umfeld, ob wir wollen oder nicht. Unsere Aufgabe als Schauspieler ist demnach gerade, Verantwortungsbewusstsein möglichst unterhaltsam zu gestalten.
Wie unterhaltsam ist denn ihr Bürgermeister Degenhardt, der als kalter Machtmensch geschildert wird?
Im Rahmen unserer Geschichte ist meine Figur vor allem Funktionsträger, der weniger ausdifferenziert wird als seine Konkurrentin Susanne Kröhmer oder ihr Vater, gespielt von Thomas Thieme. Aber es wird deutlich darauf hingewiesen, dass auch dieser Bürgermeister mal von Idealismus getrieben wurde, der sich im System bloß abgenutzt hat. Je länger man sich auf Posten festsetzt, desto schwerer lässt man sich davon verdrängen. Aber auch er hat natürlich eine Leiche im Keller. Die hat ja fast jeder.
Sie auch?
Nein, ich nicht. Für Degenhardt ist Berlin – die einzige Analogie zu Klaus Wowereit – so was wie eine eigene Westentasche, in der er sich durch so manche Legislaturperiode wurschtelt.
Wo Sie ihn mit einem leibhaftigen Ex-Bürgermeister vergleichen: Ist er realistisch oder spielt ihn der Theatermann Klaußner auch ein wenig artifiziell?
Er ist exakt so realistisch, wie es mir zu Gebote und im Drehbuch steht. Ich spiele seit jeher gerne Politiker, weil ich mich schon früh für Politik interessiert habe und dabei immer ahnte, dass dieser Beruf für charakterliche Geradlinigkeit zu komplex ist.
Liegt es an Ihrer Nachfrage oder dem Angebot, dass Sie so oft reale Figuren der Zeitgeschichte spielen?
Ich glaube, dass fiktionale Figuren ebenso real sein können. Selbst Superhelden können ja viel über normale Menschen erzählen; das ist eine Frage der Herangehensweise. So richtig fremd sind mir daher nur völlig ausgedachte Charaktere, ohne Bezug zur Wirklichkeit.
Ist das ein Grund dafür, dass man Sie nie in Komödien sieht?
Davon abgesehen, dass gute Komödien explizit an die Realität andocken, haben Sie recht: das Genre fehlt mir zurzeit, zumindest im Film.
Müssen Sie halt was eigenes entwickeln…
Eigentlich schon oder? Irgendwann ist das Genre fällig.
Posted: January 13, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Wie im Rausch
Die zwei hoffnungsvollsten Berserker der hiesigen TV-Unterhaltung bitten zur gemeinsamen Talkshow. Ein Jammer, aber kein Wunder, dass das ZDF Schulz & Böhmermann (Foto: ZDF) lieber im Nachtprogram eines Spartenkanals versteckt (Sonntag, 22.45 Uhr, ZDFneo)
Von Jan Freitag
Staatsgewalt und Anarchie waren einst höchst unterschiedlich gekleidet. Wer das System mit aller Macht stützte, trug gemeinhin Zwei- bis Dreiteiler, vornehmlich mit Krawatte. Wer dagegen rebellierte, eher Kapuzenpulli und Jeans, vornehmlich in schwarz. Mittlerweile jedoch sehen sich Umsturzwillige und Besitzstandwahrer nicht nur oft zum Verwechseln ähnlich, sie sind gelegentlich gar deckungsgleich. So wie Olli Schulz und Jan Böhmermann.
In feinem Anzug, schmal geschnitten und farblich gedeckt, mischen die Moderatoren das Fernsehen auf, als wollten sie es vom Erdboden fegen wie eine Tyrannei. Zugleich aber verteidigen sie das Fundament jenes eingestaubten Leitmediums stilisiert, das die zwei im subversiven Furor ihres Bildersturms erneuern sollen, als seien sie nicht renitent, sondern Heilsbringer. Seltsam. Und, pardon, irgendwie alternativlos. Niemand sonst als der respektlose Humorberserker aus Hamburg und sein Bremer Kollege mit dem zynischen Charme haben schließlich das Talent, die Frechheit und den nötigen Atem, Deutschlands TV-Unterhaltung nachhaltig zu retten. Das Besondere daran: Man lässt sie sogar. Und zwar gemeinsam.
Endlich.
Nachdem sie mit der Kraft ihrer kreativen Kaltschnäuzigkeit getrennt sämtliche Kanäle des multimedialen Zeitalters zur Bühne ihrer gewaltigen Egos gemacht haben und gemeinsam das gute alte Radio Berlin-Brandenburg als Sanft & Sorgfältig unterwandert, dürfen Olli & Jan am Bildschirm gemeinsam tun, was sie besonders gut können: Reden. Mit ihren Gästen. Vor allem aber mit sich selbst. Schulz & Böhmermann heißt ein neues Talkformat, das seit Sonntag nun vier Wochenende um etwas gesprächigen Aberwitz bereichert; und es wirft abgesehen von der bemerkenswerten Existenz dieses Formats an sich erneut ein trübes Licht aufs ZDF, dass es sein zukunftstauglichstes Zugpferd a) sonntags um 22.45 Uhr b) im Spartenkanal ZDFneo und dann auch noch c) als Konserve versendet.
So sehr die Gremlins in den Lerchenberger Gremien ihren Nachwuchs(Böhmer)mann nämlich zu schätzen wissen, so sehr misstrauen sie ihm, zumal an der Seite des Perpetuum Mobiles anarchistischen Humors (Schulz). Wie gut, dass die zwei da weniger verzagt sind. Zum Auftakt hatten sie sich nämlich Gäste eingeladen, die ihre Debattentauglichkeit konfliktgeladen auf die Probe stellen dürften: der narzisstische Wetterfrosch Jörg Kachelmann traf dabei auf den manipulativen Hochstapler Gert Postel, die es beide mit Deutschlands zurzeit erfolgreichster Drehbuchautorin Anita Becker und dem brutalstmöglichen Gangstarapper Kollegah zu tun kriegten.
Der Auftakt zeigte zwar, wie wichtig ein betuliches Regulativ wie Charlotte Roche für den entfesselten Böhmermann war, aber auch, welch unglaubliche Spielfreude er zusammen mit seinem Fuck-Buddy Schulz entfaltet. Es war, es ist, es wird also sein: Eine energetische Mischung in vertrautem Ambiente. Das Studio nämlich erinnert verteufelt an Böhmermanns viel zu früh vergangenen Nostalgietalk mit der wunderbaren Charlotte Roche, die vor ein paar Jahren vor ein paar namentlich bekannten Zuschauern vor allem damit befasst war, das erstarrte Ritual selbstverliebten Faselns der ewig gleichen Gäste in kreative Gesprächskultur echter Persönlichkeiten zu verwandeln. Wie damals wird auch diese Sendung von der Kölner Produktionsfirma bildundtonfabrik produziert. Wie damals ist das Interieur optisch entsprechend reduziert und konsequent nostalgisch. Wie damals darf, ja muss beim Reden geraucht und gesoffen werden. Und wie damals dürfte es dabei wie im Rausch zugehen.
Schließlich beweisen die Diskussionsleiter ihre gesamte Medienexistenz über bereits großes Balancegefühl auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Als betrunkener Außenreporter der Berlinale etwa hat der gelernte Singer/Songwriter Schulz Fernsehgeschichte geschrieben, während Jan Böhmermann mit Neo Magazin Royale Woche für Woche beweist, was man dem abgedroschenen Genre Late Night noch abringen kann, wenn man es ernst und zugleich leicht nimmt.
So gesehen könnte etwas Großes, Bleibendes entstehen, in fünfmal 60 Minuten, sonntags zu später Stunde im Nischenprogramm, beim nächsten Mal mit Gästen wie Nora Tschirner und Katrin Göring-Eckhart, denen hoffentlich ein paar mehr als die 400.000 Zuschauer der Premiere zusehen. Und falls nicht? Wälzen Schulz & Böhmermann die Sehgewohnheiten eben woanders um. Was bleibt den Verantwortlichen des alten Regelfernsehens auch übrig; sie haben ja sonst keinen…
Posted: January 12, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
Heldenhiebewarteschlange
Gewiss, es zählt zu den Evergreens absurder Filmstandards, dass der moralisch Bessere am Ende gewinnen sollte, aber warum Filmhelden immer nur einzeln angegriffen werden, bedarf doch einer genaueren Erklärung
Von Jan Freitag
Würden die Regeln zünftiger Wirtshauskeilereien oder der dritten Halbzeit im Zeitalter gewaltaffiner Hooligans auch am Bildschirm gelten – das der Filmhelden wäre rasch beendet gewesen: weil sie oft einsame Streiter wider das Böse sind, ihm also gern allein entgegen treten, reicht im Grunde stets eine Handvoll Gangster, um beim kollektiven Angriff Schluss zu machen mit dem Heroismus. Da Helden aber nun mal den Nährboden fast aller Erzählungen sind, pflegen visuelle Medien seit jeher, Attacken jeder Art gegen sie abwechselnd fahren zu lassen. Man kann das schön in jedem Infight à la Karl May sehen: Während Old Shatterhand einen Cowboy erledigt, stehen die 23 anderen allenfalls zappelnd, aber passiv im Kreis herum und warten brav auf ihre Abreibung. Nur warum?
Da wäre zunächst die Fürsorgepflicht der Produktion fürs Happyend. Dem würden Ganoven schließlich oft schon beim allerersten Heldenkontakt den Garaus machen, die zwar jedem Kleinkind, um ihr verbrecherisches Ziel zu erreichen, kalt lächelnd in den Rücken schössen, aber im Nahkampf mit Gleichstarken plötzlich Sittenstrenge bewiesen. Zumal, Grund 2, die Heldentauglichkeit wahrer Helden im Repertoire wirksamer Methoden vom fatalen Leberhaken bis zum spiralförmig eingesprungenen Double-Foot-Side-Kick besteht, Schurken möglichst variabel unschädlich zu machen. Abwecchselnd andgewandt kann ein Held seine Kampfmethoden einfach facettenreicher variieren. Hinzu käme ein Gebot filmischer Übersichtlichkeit, das die Verantwortlichen (auch aus Kostengründen) von Massenszenen Abstand nehmen lässt. Und da ist vom Postulat der Handlungsökonomie, in deren Sinne es sinnvoll ist, das Wesen gewöhnlicher Heldenstoffe (also den Heldenkampf) nicht in zwei, drei Minuten durch frühzeitigen K.O. abzuschöpfen, noch gar nicht die Rede. Also, liebe Gegenspieler: bitte anstellen! Ihr kommt schon noch dran…
Posted: January 11, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
4. – 10. Januar
Über Til Schweiger ließe sich auch eine Woche nach seinem dritten Tschiller-Gemetzel viel Kritisches berichten: Dass er ein lausiger Schauspieler ist, dass seine ignorante Selbstgefälligkeit an Wladimir Putin erinnert, dass auch sein dritter Tatort amerikanisches Action-Niveau erreicht, wenn auch bloß von drittklassigen Pay-TV-Produkten. Dass er sich von Nebensächlichkeiten wie Verachtung dramaturgischer Glaubhaftigkeit, meckernden Feuilletonisten oder mickrigen Quoten unterkriegen lässt, kann man angesichts seiner irrwitzigen Kollegen- und Medienschelte jedoch nicht behaupten.
So betreibt der, hüstel, Schauspieler mit voller Absicht das, was dem Streamingdienst Netflix künftig weitere 130 Länder, also (bis auf Ausnahmen wie China) praktisch die ganze digitale Weltkarte und irgendwann vielleicht auch mehr als bloß 70 Millionen Zuschauer verschafft: Er vernichtet das lineare Fernsehen als ernstzunehmendes Medium nachhaltig und verdient damit auch noch Millionen, die man da auch gleich amerikanischen Waffenlobbyisten spenden könnte. Danke Til! Auch für deinen Kino-Tatort im Februar, der dein Festgeldkonto weiter mästen dürfte angesichts der Deppen, die dumpfe Haudraufs wie dich noch immer für gute Entertainer halten.
Gäbe es also so etwas wie Gerechtigkeit, gehörte Deutschlands lukrativste Film- und Fernsehfigur nicht auf die Sonnenseite des Boulevards, sondern direkt ins Dschungelcamp. Das allerdings ist dieses Jahr schon vollständig besetzt, unter anderem mit Jenny Elvers, Gunther Gabriel, Rolf Zacher und – huch! – Brigitte Nielsen, die am Freitag schon zum zweiten Mal ins RTL-Lager zieht, was auf ein langsames Versiegen masochistischer D-Promis schließen lassen könnte. Von denen fallen seit gestern ja auch wieder drei aus, nachdem die Ludolfs bei Kabel1 erneut ihren Schrottplatz zur Bühne machen dürfen. Nichts gegen die erfrischend subversive Kraft des umstrittensten Angebots im Regelprogramm, aber an dieser Stelle kann man mal eine Wette eingehen: Anke Engelke wird dort nie einziehen.
Die Frischwoche
11. – 17. Januar
Die nämlich hat besseres zu tun. Deutschlands beste Komödiantin zu sein etwa. Oder heute Abend im Ersten das spröde Dokumentarfilmgenre ein wenig aufmöbeln. In Fast perfekt nämlich darf sie zur besten Sendezeit dem Optimierungswahn zivilisierter Gesellschaften wie der unseren auf den Grund gehen. Und das macht sie, wenig überraschend, gut. Niemand, die These wird ihr 60 Minuten lang bestätigt, ist noch mit sich zufrieden: Zu dick, zu dünn, zu alt, zu jung, zu doof, zu klug, zu hässlich, zu gewöhnlich, zu hübsch – aus einem unerschöpflichen Reservoire zufällig getroffener oder gezielt besuchter Zeitzeugen fischt das Auorenduo Gesine Ewaldt und Ravi Karmalker allerlei Figuren, die an sich oder anderen was auszusetzen haben und sucht gemeinsam mit der Anke Engelke nach Ursachen des Drangs, Makel auszumerzen. Sehr unterhaltsam, manchmal auch witzig, jedenfalls besser als viele Presenter, die sich ein bisschen zu gern selber zuhören.
Weil das auch jahrelang auf den Deutschen Fernsehpreis und seine Protagonisten bei der Verleihung zutraf, wird er zwar am Mittwoch nach einjähriger Pause wieder verliehen, aber nicht live übertragen. Im nächsten Jahr dann wird damit fraglos ein ARD-Format prämiert, dass zum Besten zählen dürfte, was das junge Jahr zu bieten hat: Die Stadt und die Macht. Mit Anna Loos als Anwältin, die Berlins Bürgermeister Burghart Klaußner dank des aasigen Spindoctors (brillant: Martin Brambach) vom Thron stürzt, wird das schwierige Metier des Politdramas hierzulande von Dienstag bis Donnerstag in Doppelfolgen ganz neu definiert.
Im wahren Leben wäre das zweifelsohne ein Thema für Sandra Maischberger, die vom Donnerstag auf den Mittwoch rückt, den Anne Wills Richtung Sonntag verlässt, der gottlob längst jauch(e)frei ist. Talkshow als Taubenschlag. In der Pro7-Serie Zoo geht es ab Mittwoch hingegen zu wie im Affenstall: 13 Folgen lang erobern Tiere aus Gründen, die die zwei Helden der US-Story erst noch finden müssen, erbarmungslos die menschliche Zivilisation zurück, was zumindest den Vorschauen nach unglaublich gut gemacht zu sein schein.
Etwas, das man von der farbigen Wiederholung der Woche wohl weniger behaupten kann. Der gelbe Unterrock (Samstag, 23.25 Uhr, SWR) ist ein Tatort mit Nicole Heesters als Ermittlerin im Mainzer Karneval 1980, der lange im Giftschrank der ARD lag, da er abgesehen von der rohen Gewalt schlicht zu schlecht gewesen sein soll. Auch mal schön. Und Anlass genug, das missratene Stück der Krimireihe mit dem schwarzweißen Vorläufer Stahlnetz abzugleichen, von der der HR am Montag zuvor (23.15 Uhr) eine Episode namens Strandkorb 421 zeigt, die Jürgen Roland 1963 gedreht hat. Zwei Jahre später traten übrigens die Rolling Stones erstmals in Deutschland, genauer: Münster auf, woran EinsPlus Mittwoch um 20.15 Uhr mit dem Doku-Tipp Satisfaction in NRW erinnert. Aktueller geht es im digitalen Tipp zu: unter www.sz.de/nsu-protokolle wird die Dokumentation von jedem einzelnen Tag des NSU-Prozesses vom Magazin der Süddeutschen Zeitung durch Schauspieler Münchner Theater inszeniert. Brillant!
Posted: January 9, 2016 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Ich bleibe Geschichtensucherin
Sandra Maischberger (Foto: ARD) zählt zu Talkshowstars im Land. Dass sie auch Filme macht, ist weniger bekannt. Ein Gespräch über ihr Dokuspiel Der gute Göring (Sonntag, 22 Uhr, ARD), ob sie den Regimegegner lieber in der Talkshow hätte als dessen Nazi-Bruder Hermann und welcher Sendeplatz ihr dafür kurz vorm Wechsel auf den Mittwoch am liebsten wäre.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Maischberger, vor diesem Film hatte ich ehrlich gesagt noch nie was von Hermann Görings gutem Bruder gehört…
Sandra Maischberger: Keine Sorge, da befinden Sie sich in bester Gesellschaft der meisten Menschen, die ich kenne.
Wie sind Sie da auf ihn gestoßen?
Da muss ich etwas ausholen. Als seine Geschichte in den 60er Jahren erstmals erzählt werden sollte, wollte hierzulande noch keiner was über die damalige Zeit hören. Zur Jahrtausendwende dann gab es eine britische Dokumentation, die ein australischer Forscher gesehen hat, der ein Buch darüber schrieb. Dieses Buch nahm der Autor Gerhard Spörl zum Anlass seines Spiegel-Artikels Görings Liste. Darin schreib er nicht nur, dass man mit diesem Brüderpaar die ganze Dramatik des Nationalsozialismus erzählen könnte, sondern auch den Satz: Das wäre ein guter Filmstoff.
Und dann kamen Sie!
Genau. Wir haben uns getroffen und gemeinsam gefunden: Es ist ein Filmstoff!
Dachten Sie da noch an einen dokumentarischen oder schon fiktionalen?
Unser Ansatz war zunächst ein dokumentarischer, aber wir haben schnell gemerkt, dass es im Gegensatz zur Fülle an Material über Hermann Göring zu wenig Archivmaterial vom Bruder gibt. Und das, obwohl mindestens viermal versucht wurde, ihn an den Galgen zu bringen: zweimal durch die Gestapo, weil er gegen die Nazis war, zweimal durch die Alliierten und die Tschechen, weil er für die Nazis gewesen sein soll.
Und immer hat ihn Hermann rausgehauen?
Natürlich nur während der Nazidiktatur.
Ist es dennoch verbrieft, dass er so operettenhaft war wie der Reichsfeldmarschall?
(lacht) Operettenhaft, das passt. Und ist in der Tat belegbar. Dieser antiquierte Stil war damals durchaus angesagt. Außerdem waren beide sehr auf Äußerlichkeiten bedacht, auch wenn Albert seine Gäste anders als Hermann wohl nie in der Toga begrüßt hat (lacht).
Sorgt dessen Darstellung unterm Titel “Guter Göring” nicht womöglich für Schnappatmung beim kritischen Publikum, jetzt würden nach Volk und Mitläufern auch noch Nazi-Größen reingewaschen.
Sehr gut, wir haben Ihre Neugierde geweckt, dann klappt’s vielleicht auch mit dem Rest der Zuschauer. Hermann Görings gute Seite war aber allenfalls die, seinem Bruder trotz aller Differenzen stets loyal gegenübergestanden zu haben. Sonst hätte Albert nicht überlebt. Andererseits hat Hermann Göring den Ufa-Star Henny Porten, die mit einem Juden verheiratet war, nicht aus Empathie geschützt, sondern um sich seiner Herrschaft über Leben und Tod zu vergewissern.
Dennoch – ist das Publikum von Hermanns Abgründigkeit nicht mehr fasziniert als vom netten Albert?
Schwer zu sagen. Aber deshalb war es ja auch unser Ziel, Interesse am Spannungsverhältnis beider zu entwickeln, statt eine reine Heldengeschichte zu erzählen. Die Sympathien sind am Ende des Tages beim Guten, aber ohne das Böse ist dieser hier nicht erklärlich und fad.
Wenn Ihre Talkshow zu Lebzeiten der beiden auf Sendung gewesen wäre – wen hätten Sie sich lieber eingeladen?
Oje. Also vor 1930, als Hermann noch vornehmlich ein Weltkriegsheld war und Albert glaubte, die Ideologie seines Bruders würde sich nicht durchsetzen, hätte ich vielleicht in Erwägung gezogen, mit beiden zu reden. Aber ich lade gewiss keine Menschheitsverbrecher in eine Runde. Albert Göring alleine wäre dagegen immer ein toller Gast gewesen; dummerweise bin ich 1966 geboren – in dem Jahr, in dem er starb.
Was taugt für eine Talkshow Ihrer Art grundsätzlich besser – das Böse oder das Gute?
In Reinkultur weder das eine noch das andere. Das ist nämlich nicht nur äußerst selten, sondern auch ziemlich langweilig. Erst Brüche machen Biografien interessant, und wir haben sie alle. Ich würde auch Ihren finden, glauben Sie mir.
Themen ohne menschliche Komponente scheinen Sie nicht sonderlich zu interessieren.
Ich will den Menschen jedenfalls nie ausblenden, auch wenn ein Minister vor mir sitzt. Wenn ich mit dem, sagen wir, über Flüchtlinge rede, ist es doch wichtig, ob er selbst zum Beispiel aus einer Flüchtlingsfamilie kommt. Ich kann gar nicht sagen, ob ich lieber über die Sache zum Menschen vordringe oder umgekehrt, aber ohneeinander ist beides meist zu wenig.
Nach dem Tod von Helmut Schmidt, den Sie beruflich wie persönlich lange begleitet haben – gibt es da noch viele potenzielle Gesprächspartner, die das Biografische so intensiv mit dem Politischen verbinden wie er?
Ich habe mir vorgenommen, nicht über ihn zu sprechen. Aber von seinem Kaliber gibt‘s in der Tat zusehends weniger, die für mich, aber auch für das Publikum derart interessant sind. Das liegt, abgesehen von aller Intelligenz, Bildung und Lebenserfahrung vor allem an der Fähigkeit, Sachverhalte und Meinungen leidenschaftlich und rhetorisch so mitreißend zu vermitteln wie er.
Wen dieses Kalibers hätten Sie denn gern noch in der Sendung?
Ach, in Deutschland hab ich mittlerweile mit fast allen schon gesprochen. Aber den einen oder anderen US-Präsidenten hätte ich schon noch gerne.
Und das, obwohl sie seit fast 30 Jahren beruflich das Leben der anderen durchleuchten. Treten da bisweilen Ermüdungserscheinungen auf?
Ich habe als Journalistin drei Interessen: Sachthemen, Persönlichkeiten, Austausch. Solange alles wie in meinen Talkformaten zusammentrifft, gibt es keine Ermüdungserscheinungen.
Dieser Spielfilm hier könnte immerhin andeuten, dass sie Ihr Portfolio erweitern…
So neu ist dieses Interesse gar nicht. Ich hab vor gut 20 Jahren einen Kameramann geheiratet, den ich bei Spiegel-TV kennengelernt hatte. Bei der Arbeit mit ihm stoße ich seither regelmäßig an die Grenzen des Dokumentarischen, was den Pfad in Richtung Dokudrama schon früh öffnete, von dem der Weg zum Spielfilm nicht mehr weit ist. Deshalb ist es kein Zufall, dass ich Matthias Martens in meine Firma geholt habe, der bei Sat1 explizit für Fiktion zuständig war. Als Fan von Heinrich Berloer empfinde ich die dokumentarische Fiktion als logische Fortsetzung der journalistischen Erzählweise.
Also – künftig mehr Fiktion?
Ich bleibe vornehmlich Geschichtensucherin statt -erzählerin, aber der Anteil könnte steigen.
Auch in Richtung gänzlich erdachter Fiktion?
Finde ich als Zuschauerin auch hochinteressant. Aber ich bin Journalistin. Ich kann vielleicht existierende Geschichten weiterentwickeln. Fiktionale Kollegen ersinnen ihre Storys auf weißem Papier. Es wäre anmaßend, zu behaupten, das könnte ich auch.
Sieht die es als Up- oder Downgrade, wenn ihre Talkshow ab Januar vom Dienstag zum Mittwoch wandert?
Wir werden im Chor der ARD weiter jene Stimme sein, die namenlose Personen im Kontrast zu populären Figuren auf die Bühne bringt. Da wir die Talkwoche im Ersten fortan beschließen und im WDR zudem nicht mehr der Abteilung Unterhaltung, sondern Politik unterstehen, wird sich unser Schwerpunktleicht verschieben – aktueller, politischer, experimenteller, auch mal ein Rededuell zwischen zwei Kontrahenten zum Beispiel. Das ist nach zwölf Jahren auf dem Dienstag eine Chance, uns ein wenig selbst neu zu erfinden.
Also Aufstieg?
Absolut.