Rademann & dicke Soße

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

8. – 14. Februar

Die gute alte, angeblich goldene Zeit des Fernsehens – ob sie so gut wie alt, geschweige denn golden war, wird man erst mit mehr Abstand zur angeblich unguten neuen, also blechernen Zeit beurteilen können. Tatsache ist, dass die ältere Zeit mit jedem Abschied einer prägenden Figur von früher tatsächlich alt, aber eben auch ein bisschen goldener erscheint. Wer sich heute zum Beispiel auf Youtube Am laufenden Band ansieht, überdenkt womöglich ein paar Hymnen auf den guten alten Rudi Carrell. Aber verglichen mit JBK? Platin! Nun aber ist einer abgetreten, der die goldenste Zeit des Fernsehens nicht geprägt, sondern förmlich regiert hat.

Wolfgang Rademann, the King of Mainstream.

Seit den analogen 60ern begeistert er sein Volk mit polyglotten Stars (Catarina Valente), volkstümlichen Shows (Peter Alexander), verrückten Paaren (Juhnke/Boettcher), großen Pötten (Traumschiff) und natürlich der Urmutter erfolgreicher Niveauvernichtung des dualen Zeitalters: Die Schwarzwaldklinik. Dafür gab es zweimal die Goldene Kamera, jene Trophäe ohne künstlerische, dafür reichlich symbolische Bedeutung, die auch am Samstag in Hamburg wieder Dinge ausgezeichnet hat, deren Schein – trotz einer furiosen Rede der frisch gebackenen Preisträgerin Dunja Hayali – weit größer ist als jedes Sein oder wie der „beste Schauspieler international“ Gerard Butler (der aus Prinzip nur Filme für schlichte Gemüter dreht, aber offenbar ein Freund seines Laudators Til Schweiger ist) grad mal Zeit hatten, aus Hollywood anzureisen.

Unter Rademanns Führung wurde selbst unsere digitale Gegenwart mit derart harmloser Unterhaltung entertaint, dass es Abermillionen Zuschauer bis zuletzt nicht störte, wenn Kreuzfahrtschiffe im ewigen Sonnenschein plötzlich von einem ungelernten Ex-Steward gelenkt werden. Jetzt ist Wolfgang Rademann mit 81 Jahren gestorben und die gute alte Zeit langsam lange genug her, um sie durch die schlechte neue Zeit zumindest mal so mittel erscheinen zu lassen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

15. – 21. Februar

Und was wäre da geeigneter als das Internet, wo noch ein Wagemut existiert, dem die Rademanns schon ewig abgeschworen haben. Online hat das ZDF eine Serie getestet, die am Freitag ins reguläre Nachtprogramm wechselt: Familie Braun. Klingt nach dicker Soße mit Sättigungsbeilage, ist aber eine Kurzfilmreihe um zwei Neonazis, denen das sechsjährige Ergebnis eines besoffenen One-Night-Stands vor die Tür gestellt wird. „Ich werd nach Eritrea abgeschoben“, gibt die Mutter der NS-WG mit in die Vaterschaft, lacht „Ausländer raus“ hinterher und zack, haben zwei rechte Reifeverweigerer ein dunkelhäutiges Problem.

Es könnte nun in zweierlei ausarten: strunzblöden Politslapstick oder peinliches Belehrungsfernsehen. Das Ergebnis jedoch liegt so elegant in der Mitte beider Pole, dass achtmal fünf Minuten viel zu kurz sind für die hochpräzise, todernste, saulustige Studie eines akuten Notstands, ohne das Personal bloßzustellen. Nicht Papa Thomas (Edin Hasanovic), der zum Fasching ein Maikäferkostüm aus seiner Hakenkreuzfahne bastelt; nicht sein Mitbewohner (Vincent Krüger), der bei aller Situationskomik aus Frust doch irgendwann wen zusammentritt, und schon gar nicht Lara (Nomie Lana Tucker), die den Faschos mit kindlicher Arglosigkeit das eigene Gedankengut um die Ohren haut. Das ist so schlau, so witzig, so gelungen – kein Wunder, dass es das Zweite erst um 23 Uhr versendet.

Vorher läuft schließlich weiter Programm aus der Rademann-Ära. Die Versteckte Kamera etwa, ein Abklatsch von Verstehen Sie Spaß mit Promis als Regisseure, in dem das ZDF Samstag zur besten Sendezeit seinen Showmaster-Einkauf Steven Gätjen ins Rennen schickt. Für kreatives Fernsehen muss man daher zu Sky wechseln, wo tags drauf die Martin Scorcese wunderbar nostalgische Schilderung der New Yorker Musikszene anno 1973 Vinyl freigeschaltet wird. Oder zu RTL, das ab Mittwoch (20.15 Uhr) die bizarre Jetset-Exzision Altes Geld von David Schalko zeigt, der schon in „Braunschlag“ gezeigt hat, wie man klug mit Klischees spielt. Eher packend als lustig dürfte Staffel 3 der skandinavischen Krimi-Reihe Die Brücke am Sonntag, 22 Uhr, im ZDF werden. Gut abgehangen, aber bestens in Schuss sind Fox Mulder und Dana Scully, die heute (21.10 Uhr) auf Pro7 nach 14 Jahren Pause die X-Akten aus dem Archiv holen und dabei auf eine menschengemachte Alien-Verschwörung stoßen.

Und damit ab in die Hochkultur. Erst zur Berlinale, deren Eröffnung 3sat am Donnerstag ab 19.20 Uhr volle fünf Stunden wert ist. Dicht gefolgt von 170 Minuten Kurzfilmen, die Arte am Freitag (23.30) vorm zugehörigen Festival in Chermand-Ferrand zeigt. Bisschen länger, aber ebenso sehenswert ist die schwarzweiße Wiederholung der Woche von 1953, Der Mann aus Alamo mit Glenn Ford als Rächer, Kategorie B-Western mit Anspruch (Samstag, 1.30, ZDF). Und in Farbe: Die durch die Hölle gehen von 1978 (Samstag, 22 Uhr, BR), nicht nur wegen Christopher Walken und Robert De Niro der vielleicht beste Vietnam-Film aller Zeiten. Der Doku-Tipp der Woche namens Viva Dada (Sonntag, 17.35 Uhr, Arte) widmet sich hingegen, wie der Titel schon sagt, einem Irrsinn anderer Art: der anarchistischen Kunstbewegung der Weimarer Republik.


Anderson.Paak, Bonnie Prince, Jesu/Sun

TT16.1 PaakAnderson .Paak

Wer „anschlussfähig“ sagt, meint trotz der Folk-Renaissance heutzutage meist R’n’B. Keine Spielart des Pop ist im Weltmaßstab wohlfeiler, massenaffiner, lukrativer. So gesehen wäre Brandon Anderson Paak nur einer unter Abertausenden, die dem globalen Warenstrom des digitalisierten Soul mit etwas Blues und Hip-Hop ein paar Gefälligkeitsbeats beifügen. Doch so einfach ist es nicht bei Anderson .Paak, wie sich der kalifornische Songwriter auch auf dem zweiten Studioalbum Malibu nennt.

Video: https://soundcloud.com/andersonpaak/room-in-here-feat-the-game-sonyae-elise

Knirschend legt sich seine Stimme über fett produzierte Arrangements als hätte sie ihm der junge Prince eingeflüstert. Begleitet von Kollegen wie The Game oder ScHoolBoy deklinieren die zugehörigen Raps das Vokabular von Bitch bis Nigga hinreißend selbstironisch durch. Zwischen der kosmopolitischen Lässigkeit von Arrested Devolopment und Outcasts funkigem Mashup taugt Andersons Aura somit ebenso für ein halbes Dutzend Beiträge zu Dr.Dres halboffiziellem Soundtrack Compton wie zur Meeresrauschenbegleitung am Strand. Die Szene feiert den Newcomer bereits als „brandheiß“. Besser träge es „angenehm mild“. Bei diesen Außentemperaturen nicht das Schlechteste.

Anderson .Paak – Malibu (Stell Wool Entertainment)

TT16.1 BonnieBonnie Prince Billy

Wie schief es, zurück auf dem staubig-emotionalen Pfad des Folk, geradewegs bergauf gehen kann, belegt abermals: Will Oldham. Ein Singer/Songwriter uralter Schule, den es gar nicht geben dürfte und irgendwie auch gar nicht gibt. Halbglatzig, untersetzt und sonderbar krächzend fügt er dem Country seiner amerikanischen Heimat seit Ewigkeiten die krümmsten Töne des Genres zu. Damit brachte es das Landei aus Kentucky unter verschiedenen Namen in fast 25 Jahren nicht nur zu 30 Platten, sondern der Indie-Weihe schlechthin: sechs Einladungen zu den legendären John-Peel-Sessions, von denen drei fürs neue Album Pond Scum vereint wurden.

Video: http://www.dominorecordco.com/pondscum/

Die extrem reduzierte, bittersüß melodramatische Melange fordert zwar selbst den Hörgewohnheiten der diesbezüglich belastbaren Zielgruppe für reduzierten Singer/Songwriter-Folk alles ab. Doch wer sich auf die gitarrenbegleiteten Unmutsbekundungen über ein falsches Leben im Falschen einlässt, versinkt dabei wie in Treibsand. Ein wenig morbide, gewiss, aber wohlig und warm und beruhigend.

Bonnie Prince Billy – Pond Scum (Domino)

TT16.1 JesuSunJesu/Sun Kill Moon

Wenn es allzu wohlig warm wird in den Herzen und Häusern, kann man allerdings auch ruhig mal mit etwas dissonantem Krach gegensteuern. Das Indiefolk-Trio Sun Kill Moon des rührigen Sängers Mark Kozelek aus Ohio liefert da im Team mit Justin Broadricks experimenteller Rockband Jesu (Wales) ein Paradebeispiel, wie man trotz grölender Gitarren ein Gefühl von Geborgenheit erzeugt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass sie sich für ihre Kollaboration zutiefst geerdete, aber zur Katzenmusik bereite Kollegen wie – da ist er wieder – Will Oldham – oder Isaac Brock von Modest Mouse geladen haben. Das Ergebnis verdient weit mehr als andere gleich eine ganze Reihe jener Präfixe vermeintlich überwundener Vorgängerstile: Post-Rap, Post-Punk, Post-Metal, Post-alles, was sein Genre puristisch definiert. Vergleichbar allenfalls den uneingeschränkt fabelhaften Post-Post-HipHopern Listener spricht sich Kozelek auf dem selbstbetitelten Projektalbum allen Weltschmerz von der Seele, der darauf noch Platz hatte, klingt dabei aber – den Gitarren sei dank – nie larmoyant oder selbstgefällig. Ein tolles Album, um dem Winter ohne Heizstrahler Richtung Frühling zu prügeln.

Jesu/Sun Kill Moon – Jesu/Sun Kill Moon (Rough Trade)

Hype der Woche

COVEREXACTYXTurbostaat

Altersmilde ist ein Zustand, dem kaum jemand entkommt, der sein Leben lang im Fegefeuer der eigenen Ideale schmorte. Selbst das musikalisch Beste, was der Punkrock mit hintersinnigem Gesang aus Deutschland zu bieten hat, bleibt davor nicht  gefeit: Turbostaat. Ihr neues Album Abalonia klingt nicht nur dem Titel nach eher nach Feenwald als Demobarrikade, es hört sich auch ungeheuer ruhig und träumerisch an. Aber kein Problem. Es steckt immer noch viel Kraft in der Balladenhaftigkeit. Und wenn Jan Windmeier wie bei der Release-Party in Hamburg ankündigt, jetzt aber mal ein paar alte Kracher zu spielen, geht das Publikum halt etwas später steil. Weitermachen!

 


Jerry Lewis: Eric Friedler & Der Clown

LewisDie Tragik der Komik

Auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Glanzzeit kennt die Welt Jerry Lewis nur als Spaßvogel. Dieses Klischee wollte er 1972 mit einer Tragikomödie bekämpfen. Vergebens. In seiner Doku Der Clown geht Eric Friedler (rechts, mit Jerry Lewis; Foto@NDRdiesem verschollenen Film nach – und dem Phänomen Jerry Lewis auf den Grund.

Von Jan Freitag

Schauspieler genießen ein außergewöhnliches Privileg: Bei der Arbeit schlüpfen sie auf Abruf in völlig fremde Menschen und simulieren deren Persönlichkeit, ja deren ganze Existenz, als sei es die eigene. Danach aber, ein noch viel größeres Privileg, schlüpfen sie wieder raus aus dieser Jacke namens Rolle. Applaus, Vorhang, ab in die Maske, zurück auf Alltag, einfach so. So einfach?

Fiel es Jerry Lewis nie.

Für Spätgeborene: Jerry Lewis ist der beliebteste Komiker seiner Epoche. Geboren auf Amerikas Stand-up-Bühnen, prägte er das technicolorbunte Komödienkino der Nachkriegszeit mit zeitgemäßem Slapstick wie Charly Chaplin das schwarzweiße der Jahre zuvor. Er ähnelte dem Stummfilmstar allerdings noch in einem anderen Punkt fatal: So befreiend Jerry Lewis‘ Humor auf das Publikum einer konventionsstarren, stockkonservativen, zutiefst verklemmten Gesellschaft wirkte, nahm er doch gleichsam deren Befreier gefangen. Denn niemals durfte der Clown aus New Jersey anders sein als lustig, selbst dann nicht, wenn gar keine Kameras liefen. Zwischen all den Bürotrotteln, Heulbojen und Aschenblödeln seiner Welterfolge blieb ihm jeder Anflug von Ernst so nachhaltig verwehrt, dass er ihn irgendwann auf eigene Faust in Angriff nahm – und nur noch umfassender scheiterte.

Als Darsteller, Regisseur, Autor, Produzent und Mensch – so schildert es der ewige Komödiant in einem Film von so hinreißend tragischer Schönheit, dass man zögert, worüber es als erstes zu staunen gilt: die melodramatische Atmosphäre, zu der ein Film mit Jerry Lewis in der Hauptrolle offenbar fähig ist. Oder die Tatsache, dass dieses Fossil einer nostalgischen Leinwand-Ära überhaupt noch lebt. Für beide Aha-Erlebnisse ist jemand zuständig, der die Abseiten des Lebens seit Jahren mit so unterhaltsamer Wissbegier bereist, dass er längst selbst zum Subjekt einer Dokumentation taugt: Eric Friedler.

Wie schon im Fall des gefallenen Boxers Charly Graf, der ermordeten Studentin Elisabeth K. oder zuletzt vom israelischen Freiheits-DJ Abie Nathan beweist der preisüberhäufte NDR-Autor erneut sein grandioses Gespür für Themen am Rande des Mainstreams. Jerry Lewis porträtiert er daher nicht stumpf zum 90. Geburtstag im März, Friedler erklärt den körperlich gebrechlichen, aber geistig hellwachen Jubilar anhand seines künstlerischen Vermächtnisses, eine Art filmischer Nemesis: The Day The Clown Cried.

Mit diesem Drama wollte Lewis 1972 einem Schubfach entfliehen, in das die Branche seinerzeit nichts sicherer verwahrte als ihn. Seit jeher war Hollywoods Hofnarr auf Frohsinn gebucht, bis er unter eigener Regie einen Zirkusclown spielte, den die Nazis wegen eines falschen Witzes ins KZ stecken, wo er totgeweihte Kinder fröhlich ins Gas geleitet. Zu einer Zeit, als selbst am liberalen Drehort Schweden niemand öffentlich über Auschwitz sprach, war das ein unerhörtes Stück Vergangenheitsbewältigung. Für den Schauspielersohn Joseph Levitch aus New Jersey hingegen war es noch viel mehr. Unterm weltbekannten Künstlernamen saß er ja selbst im Kerker: dem seines eigenen Berufes, weltweit geliebt, weithin unterschätzt, zusehends erfolglos.

Seine Tragikomödie war da als Ausbruch geplant, ein ernster, nicht humorloser, aber durchweg sachlicher Befreiungsschlag. Nur – ob er gelungen wäre, bleibt bis heute ungeklärt. Der Film kam nie ins Kino und wurde somit zu dem, was der beteiligte Oscar-Gewinner Pierre Étaix „eines der größten Geheimnisse der Filmgeschichte“ nennt. Genau dem geht Eric Friedler nahezu zwei Stunden, die an keiner Stelle langweilig geraten, nach. Es ist ein Krimi ohne Mord, Ursachenforschung als Who-dunnit und dramaturgisch schlichtweg brillant. Der investigative Autorenfilmer aus Hamburg bringt schließlich nicht nur Jerry Lewis nach 44 Jahren erstmals über die größte Niederlage seiner siegreichen Karriere zum Reden, die ihn einst tief in die Depression getrieben hatte; Friedler stöberte auch nie gezeigte Szenen von 1972 auf, die er nun von sechs überlebenden Darstellern am schwedischen Set in Bühnensituationen ergänzen lässt.

Dieses fließende Wechselspiel zwischen Film und Theater, Original und Fälschung, Protagonisten und Beobachtern, gestern und heute ist schon jetzt ein Pflichtkandidat für den Grimme-Preis 2017. Und ganz nebenbei ist es eine Therapie für den Verantwortlichen dieses Mysteriums. „Es gibt keinen Tag in meinem Leben“, sagt der amerikanische Superstar zum deutschen Dokumentaristen, „an dem ich nicht an diesen Film denke“. Dann zeigt er dieses bildschirmfüllende, steinerweichende, von Herzen fidele Jerry-Lewis-Gesicht, das andere froh und ihn so traurig gemacht hat und deutet damit etwas Erstaunliches an: Vielleicht hat er jetzt ja Ruhe. Friedler sei Dank.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-RSSRSS Disco: Grace Jones

Natalie, Falk und Max legten erstmals auf dem Geburtstag eines gemeinsamen Freundes zusammen auf. Das kam so gut an, dass die drei Hamburger als RSS Disco seitdem große und kleine Clubs und Festivals in ganz Europa bespielen. Immer mit dabei: Eine Mischung aus House, Acid-Disco und sanften Popklängen und natürlich der rosa Flamingo. Mit Mireia Records haben RSS Disco ihr eigenes Label gegründet. Alle hier veröffentlichten Plattencover sind mit Sieb- oder Kartoffeldruck hergestellte Unikate. Wie schwer mag es wohl für so ausgeprägte Plattenliebhaber sein, bei ein paar Bier über nur eine Platte zu sprechen?

Von Marthe Ruddat

Falk: Das war nicht so einfach für uns! Als DJs kennen wir natürlich sehr viele Platten.

Max: Die Wahl war wirklich schwer! Wir haben uns deshalb entschieden, das Ganze eher auf einer Metaebene zu betrachten. Was ist also die wichtigste Platte für uns? Und da haben wir festgestellt, dass das die letzte Platte ist.

Falk: Also die letzte Platte des Sets! Natürlich ist jeder Song des Sets irgendwie wichtig. Aber mit dem letzten Song entlässt man das Publikum, mit dem man ja im besten Fall schon die ganze Nacht getanzt hat, in die Nacht hinaus. Mit diesem Song nehmen sie das letzte Gefühl aus dem Club mit.

Falk: Und bei Grace Jones’ La vie en rose bleibt die Melodie besonders lang im Ohr.

La vie en rose ist ein 1947 veröffentlichter Chanson von Édith Piaf. Grace Jones veröffentlichte den Song 1977 mit ihrem Debutalbum Portfolio in einer Discoversion. Die Albumversion ist dabei mit über 7 Minuten Spielzeit deutlich länger als die Singleversion. Auch eine 1985 veröffentlichte Neuaufnahme des Songs stieg in die englischen Charts ein.

freitagsmedien: Der so oft gehörte typische Rausschmeißer ist das ja nicht gerade.

Max: Genau!

Natalie: Eigentlich ist nämlich genau das ganz schön! Wir betrachten so ein Set als eine Reise: Man startet zusammen und spannt den Bogen um eine Welt, in der man sich richtig austoben kann. Irgendwie muss man die Reise dann ja aber auch zu Ende bringen. Genau dieses Ende kann sehr melancholisch sein. Wir finden es aber viel schöner, die Menschen mit einer Euphorie zurück zu lassen.

So eine Euphorie erzeugen bestimmt auch andere Stücke. Was ist das Besondere an dem Grace Jones-Song?

Natalie: Besonders schön ist, dass dieses Lied so lang ist und wir selber auch dazu tanzen können.

Falk: Genau, es hat einen sehr langen Aufbau, der sich wiederholt. Es fängt also ganz langsam an und irgendwann bricht es dann voll aus. Und dann lassen wir Marthe-Graceganz gerne das DJ-Pult hinter uns und stürmen auf die Tanzfläche.Außerdem ist der Song so interessant zeitlos. Grace Jones hat ihn zwei Mal, zu jeweils musikalisch ganz verschiedenen Zeiten veröffentlicht und war beide Male sehr erfolgreich. Ich glaube, er ist deshalb auch ein gutes Beispiel dafür, dass wir gerne verschiedene Stile miteinander verbinden.

Natalie:Dieses Lied begleitet uns einfach schon sehr lange. Es war früher im richtigen Moment schon die richtige Wahl und das hat sich bis heute nicht geändert.

Was wäre denn der falsche Moment für den Song?

Natalie: Oh, da gibt es Diverse! Als erstes Lied wäre er zum Beispiel ganz fürchterlich!

Max: Auf jeden Fall! Wir sind da wirklich sehr behutsam und machen uns viele Gedanken über unsere Sets. Das betrifft insbesondere das erste Lied. Das letzte Stück steht niemals fest, weil wir ja nie wissen, wohin der Abend führt. Es muss aber in jedem Fall ein besonderes Stück sein. Und häufig hatLa vie en rose dieses Besondere.

Auch der Titel des Songs scheint ja besonders passend für RSS Disco.

Falk: Richtig! Das müssen wir auch noch besprechen. Frei übersetzt heißt das so etwas wie die rosarote Brille. Genau das ist ja, wo wir hin wollen! Wir wollen durch Musik mit dem Publikum ein bisschen Eskapismus erreichen. Der Titel drückt das super aus!

Max: Genau! Und manchmal trinken wie auch Rosé-Cremant.

Natalie: Und wir hätten alle gerne das rosa Kleid aus dem Youtube-Video!

Wer sich an dieser Stelle wundert, dass der rosa Flamingo es nicht aufs Bild geschafft hat: Er macht gerade alkoholfreien Monat und war deshalb entschuldigt.

Ist Grace Jones als schillernde Persönlichkeit mit all dem, was sie verkörpert, eine Art Vorbild für Euch?

Max: Naja, also wenn wir Vorbilder haben, dann gehört sie auf jeden Fall dazu. Sie hat einfach eine unglaubliche Ausstrahlung und verkörpert die Dinge, die auch uns wichtig sind.

Falk: Ihre Art Performance und Mode zu verbinden ist sehr spannend. Außerdem ist sie total experimentell und macht trotzdem Popmusik.

Natalie: Und sie lässt sich nicht auf eine Geschlechterrolle festlegen und ist damit super modern. Sie ist schon toll!

 

Grace Jones – La vie en rose

When he takes me in his arms

And whispers love to me

Everything’s  lovely

It’s him for me and me for him.

All our lives

And it’s so real what I feel

This is why.

Et dèsque je l’apercois

Alors je sens en moi, mon coeur qui bat.

La vie.

La vie en rose, la vie en rose…

 

Hört ihr Grace Jones und den Song also auch privat? 

Natalie: Nein, das geht nicht. Insbesondere dieser Song ist viel zu belegt.

Falk: Viel zu aufgeladen! Man muss sich privat so ein bisschen von dieser Musik distanzieren, sonst denkt man immer nur darüber nach, ob und wann man welches Lied wohl spielen könnte. Deshalb greife ich da eher zu tanzmäßig nicht so aufgeladener Musik, also Rock, Indie…

Natalie: Ich höre dann meistens irgendwelchen Seventies-Kram.

Max: Ich spiele das Stück tatsächlich manchmal für meine Kinder. Die finden es einfach großartig und fahren voll drauf ab. Aber das sind ganz andere Zusammenhänge.

Marthe1Welche fünf Adjektive beschreiben La vie en rose am besten?

Max: Vielleicht führen wir das lieber wieder zurück auf die Metaebene. Also fünf Adjektive für die letzte Platte. Die sind dann zwar nicht speziell für diesen einen Song, treffen auf ihn bestimmt aber auch zu.

Okay, fünf Adjektive für die Meta-Letzte-Platte!

Falk: Melancholisch!

Natalie: Euphorisch!

Falk: Das ist schon mal ein super Spannungsbogen.

Max: Aber dann auf jeden Fall auch rhythmisch. Das sind ja schon immer Stücke, die den vorherigen Rhythmus mit aufnehmen.

Falk: Rhythmisch ist gut.

Langes Überlegen, es werden neue Adjektive erfunden.

Natalie: Warm?

Falk: Warm ist super! Aber ich glaube über das letzte müssen wir noch länger nachdenken.

Wer neugierig auf das fünfte Adjektiv ist, kann am 13. Februar bei der Beta Lounge in der Hamburger Botschaft mal danach fragen oder am Ende der Nacht gar eigene Vorschläge machen. Alle weiteren Termine und vor allem ganz viel Tanzbares für Zuhause gibt es hier.


Frauke Köppel & Jerry Lewis

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

25. – 31. Januar

Frühjahr, Karneval, die fünfte Jahreszeit: Wie immer weicht das Dunkel langsam dem Licht. Und kaum dass ein Dutzend Alphabet-Prominenter von gestern den Dschungel von heute verlassen hat, ziehen auch schon ihre Nachfolger von morgen in Heidi Klums Urwald vormoderner Geschlechterzurichtung. Auch wenn die Sesamstraße nach 47 öffentlich-rechtlichen Jahren vom Bezahlkanal HBO gekauft wurde und fortan noch stärker von vielschichtig auf oberflächlich poliert werden dürfte, funktioniert das alte Fernsehen offenbar weiterhin fast wie zu Zeiten, da es noch von Helmut Oeller verwaltet wurde: berechenbar, wertkonservativ, selbstherrlich, machtbewusst.

Bis 1987 war er TV-Direktor des Bayerischen Rundfunks, der bei dessen Amtsantritt 16 Jahre zuvor noch knietiefer im braunen Blut- und Bodensumpf stand. Unter seiner Ägide klinkte sich der BR gern mal aus ARD-Sendungen von Panorama bis Scheibenwischer aus, falls sie der reaktionären Staatsräson im Königreich Franz-Josef Strauß‘ widersprachen. Und als die US-Serie Holocaust 1978 Deutschalnds Kollektivunschuld in Frage stellte, kämpfte Oeller so verbissen gegen deren Ausstrahlung im Ersten, dass sie ins Dritte verbannt wurde.

Was soll man da sagen, wenn er nun mit 93 Jahren gestorben ist – Beileid? Sprechen wir lieber darüber, was seine Brüder im Geiste heute so für Plattformen erhalten. Bei Maischberger etwa durfte das stramm deutsche Mädel Petry Mittwoch wieder vor Millionenpublikum ihre Verschwörungspropaganda absondern, was der extremen Rechten dank des elitären Hetzredners Roger Köppel an ihrer Seite (und abzüglich des neoliberalen Olaf Henkel) eine personelle Pattsituation bescherte. Bei Anne Will hingegen blieben die Plätze links der Rechten gänzlich frei, als sich CDU, CSU und EKD um AfD-Sprecherin Beatrix von Storch scharten.

0-FrischwocheDie Frischwoche

1. – 7. Februar

Man wünscht sich dieser Tage wirklich, von all dem Irrsinn nichts mehr mitzukriegen. Etwa durch Auswanderung, mehrjährigen Schlaf oder auch retrograde Amnesie, wie sie die wunderbare Ursula Strauss am Mittwoch im ARD-Beziehungsdrama Meine fremde Frau erleidet. Nach einem Autounfall im Anschluss ans Date mit Lover wacht ihre Krankenpflegerin Maria ohne Erinnerung ans alte Leben inklusive der Existenz von Ehemann Bruno (Harald Krassnitzer) samt Kindern im Wiener Krankenhaus auf.

Nun sind Gedächtnisverluste wie Zauberkräfte oft wohlfeil, um Handlungen Schwung zu verpassen. Hier aber entspinnt sich eine intensive Jagd nach dem Urzustand aller Beteiligten, die nur am Rande mit Unfallflucht zu tun hat; es geht ums Vergessen, das schon vor der Amnesie begann: von Hingabe, Ehrlichkeit, Moral. Verantwortlich dafür ist Lars Becker, der am Montag zuvor im ZDF erneut zeigt, dass seine Nachtschicht auch im 13. Einsatz zum Besten im Krimiland gehört. Das Highlight der Woche ist aber eine Doku von Eric Friedler. Der Spürhund abseitiger Themen mit Strahlkraft widmet sich Mittwoch (22.45 Uhr, ARD) zwar Jerry Lewis, porträtiert den Weltstar jedoch anhand eines KZ-Dramas, mit dem er 1972 seine ernste Seite zeigen wollte – und krachend scheiterte: Der Film kam nie ins Kino. Warum, das klärt Der Clown so spannend und unterhaltsam, dass es zwei Stunden zum Niederknien ist.

Auf andere, weniger pathetische, aber sehr erfolgreiche Weise hinreißend ist der Talk-Host Jimmy Fallon. Als Nachfolger der legendären Johnny Carson und Jay Leno in The Tonight Show ist er seit 2014 eine amerikanische Fernsehinstitution; nun kann man sie auch bei uns am Bildschirm sehen: Montag bis Freitag ab 23 Uhr (Eins Festival). Endlich ein bisschen Konkurrenz für Jan Böhmermann… Glamour anderer Art zeigt 3sat am Donnerstag ab acht vier Stunden lang. Wobei Anbahnung und Übertragung des Wiener Opernballs gar nicht wegen des Festes an sich glitzern; ansehnlicher ist die heillose Selbstüberschätzung, mit der sich die Beteiligten seit 60 Jahren als Nabel der Welt wähnen.

Älter ist naturgemäß die schwarzweißte Wiederholung der Woche: Fanny, ein französisches Drama um Liebesbeziehungen im Konventionsknast des Jahres 1932 (Dienstag, 0.55 Uhr, Arte). Dorthin hätte auch ein Pedant wie Fabrikdirektor Stimpson gepasst, doch in Clockwise (morgen, 20.15 Uhr, Servus) ließ ihn John Cleese 1986 am eigenen Ordnungswahn scheitern, was auch 30 Jahre später urkomisch ist. Weniger komisch als erschütternd sind die Ursprünge des Siegeszugs von BMW, dem die ARD am Montag (23.30 Uhr) eine Doku zum 100. Geburtstag widmet. Der Titel Glanz und Elend eines Weltkonzerns deutet daraufhin, dass es auch ums unsägliche Schweigen der Quandts zum Nationalsozialismus geht, der die Familie zu einer der reichsten Deutschlands gemacht hat.


Cale, de staat, TheAngelcy, Annenmaykantereit

TT16.1 CageJohn Cale

Man ist seit Bowies posthum dekodiertem Nekrolog Blackstar ja wachsamer, wenn Altstars ein Spätwerk machen. Schwingt da etwa ein todgeweihter Hauch von Abschied mit? Bei John Cales Album M:Fans lautet die Antwort spontan: Ja. Weil er nochmals fünf Jahre älter ist als der frisch verstorbene Bowie und sein Remake von Music For A New Society selbst vor einer schwarzen Wand verschwände, so seelenwund klingt der enthaltene Trübsinn. Da das Original allerdings schon 1982 im Weltschmerz des psychischen wie physischen Wracks jener Tage gebadet hat, lautet die Antwort am Ende der acht bearbeiten plus dreier unveröffentlichter Tracks aber doch eher: Jein.

http://www.vevo.com/watch/john-cale/Close-Watch-(Official-Video)/GBA321400124D

Etwa wenn Cale sein totenstilles Einsamkeitsepos If You Were Still Around so bombastisch digitalisiert, dass fast noch niedergeschlagener zum Suizid ermutigt als damals, zum Finale dasselbe Stück aber einer Frischzellenkur mit Wave-Injektion unterzieht. Schwer zu sagen also, ob M:Fans als Nachruf in eigener Sache dient; verstörender Artrock von melodramatischer Eleganz für erlesenere Geschmäcker ist es so oder so.

John Cale – M:Fans (Unday Records)

TT16.1 de staatDe Staat

Verstörenden Artrock ohne melodramatische Eleganz, aber mit einer Extraportion Pathos liefern Cales entfernt verwandte Erben in spe De Staat. Seit 2007 loten die fünf Holländer um den einschüchternd charismatischen Ex-Solisten Torre Florim die Grenzen von Avantgarde und Pop aus. Erst kürzlich bewies das vielleicht beste Video des Vorjahres namens Witch Doctor, mit welch imposanter Wucht Theatralik auf Präzision treffen kann, ohne dass die Überlast an Impulsen zum Selbstzweck gerät. Man wird süchtig nach dieser Visualisierung des Irrsinns, unentrinnbar.

Auf der fünften Platte O, schalten sie die Frequenz ihres militärisch anmutenden Stakkatos im Rammstein-Takt nun um ein paar Stechschritte zurück und werden wieder melodiöser, filigraner. Markenzeichen bleibt aber eine treibende Energie, die den kybernetischen Drums Marke Eigenbau, mehr aber noch Florims englisch proklamierendem Sprechgesang entspringt. Zu Arrangements, in denen sich hämmernde Vierviertel-Beats und vibrierende Varieté-Synths die Hand reichen, entsteht daraus ein Sound, der zuweilen irre klingt, aber unentrinnbar fesselnd. Genie und Wahnsinn als Staatssache.

De Staat – O (Sony)

gridTheAngelcy

Fern von allem, was ein Begriff wie Staat an Formalismen verkörpert, ist die israelische Folk-Formation TheAngelcy. Mit Gitarre, Kontrabass, Klarinette, Viola und gleich zwei Drummern im Duett übertritt sie spielend Grenzen, als sei die Weltgemeinschaft zumindest musikalisch doch bereits Realität. Dennoch steckt das Sextett aus dem kulturellen Schmelztiegel Tel Aviv im Korsett national gefärbter Klischees. Wie Brasilianern bekanntlich gern die Samba unterstellt wird und den Südstaaten der Blues, assoziiert man mit Israel ja intuitiv Klezmer.

Auf dem fabelhaften Debütalbum Exist Inside ist er allerdings eher Accessoire als Substanz, die sich eher aus Rotem Bar Ors androgynem Gesang im Stile Nina Simones speist, mehr aber noch der zeitgenössischen Renovierung traditioneller Klänge. Sozialkritisch betextet, spiegeln sie leichten Herzens den täglichen Spagat zwischen Furcht und Lebensfreude wieder. Das spricht besonders jungen Israelis aus dem Herzen, das Exist inside zum Vibrieren bringt. Tanz den Terror weg: Angesichts der globalen Großwetterlage ist das auch bei uns ein anschlussfähiges Gebräu.

TheAngelcy – Exist inside (Sony)

Hype der Woche

annenmayAnnenMayKantereit

Noch kein echtes Album im Laden, aber minutenschnell ausverkaufte Konzerte? Zur EP Wird schon irgendwie gehen der zuckersüßen Kölner Emofolkrockband AnnenMayKantereit könnte die Hysterie (nicht nur) unter Mädchen kaum größer sein. Ob es sich lohnt? Hier ist ein Vorgeschmack aufs Album im März, mit Reibeisenstimme, Kontrabass und einem Sound, der so gar nicht zum Kommerz passt, den solche Vorschusslorbeeren oft umweht.


Ulrich Meyer: 60 & kein bisschen leiser

MeyerImmer ein praktischer Ansatz

Ulrich Meyer (Foto@Sat1), war das nicht ein leicht geleckter Jüngling, der die Seriosität öffentlich-rechtlicher Nachrichten für private Zwecke verbog? Seit er 1995 vom Heißen RTL-Stuhl zum damals noch ambitionierten Kanzler-Sender Sat1 wechselte, ist der gescheiterte Medizinstudent aus Köln zwar nicht unbedingt anspruchsvoller geworden, aber älter. Viel älter. Zum 60. Geburtstag würdigt freitagsmedien den ergrauten Moderator 60 mit einem Gespräch zum 10. Geburtstag seiner Sendung Akte über Boulevard, Personalisierung, Neugierde und seine brachiale Vergangenheit.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Meyer, haben es politische Journalisten der Privatsender schwerer?

Ulrich Meyer: Natürlich. Es gibt offensichtlich den ehernen Grundansatz unter Kritikern, an dem, was wir so machen, aber auch kein gutes Haar zu lassen. Eine Wadenbeißerei, die sogar noch härter geworden ist.

In alle Richtungen?

Nein, andere werden da schonender behandelt. Wenn ich aus Akte-Stücken die Musik herausschneide und O-Töne von drei Bundestagsabgeordneten dazugebe, kannst du etliche unserer Beiträge bei Monitor laufen lassen.

Etliche heißt?

Nicht alle. Bei uns muss schließlich auch die Mischung der Themen stimmen. Wir haben bestimmte Notwendigkeiten, um den Zuschauern über die Werbung zu helfen. Aber wie manche Beiträge unterschätzt werden, ist bedauernswert.

Was sich die Privaten mit Sendungen wie Der Heiße Stuhl selbst eingebrockt haben.

Wenn wir uns etwas vorwerfen sollten, dann dass wir zu sehr auf die Abstraktionsfähigkeit unserer medialen Richter gesetzt haben. „Der Heiße Stuhl“ hat genauso sehr ernsthaft über Terroristen, Ladenschluss, Tierversuche, Schalck-Golodkowski debattiert. Immer mit viel Vorbereitungsarbeit, Kraft, Wahrhaftigkeit und Redlichkeit. Aber gut – alles, was ich heute erfahre, ist auch die Folge meiner TV-Frühzeit. Friedrich Nowotny hat mal zu mir gesagt: Junger Mann, Sie haben Talent, aber Sie haben es völlig falsch angefangen.

Sehen Sie das ähnlich?

Nee. Ich mag von meinem Berufsleben nicht denken, ab 1989 alles falsch gemacht zu haben. Ich bin damals auf ein Karussell gesprungen. Das war bunt, mit vielen Lichtern, drehte sich und verlieh das Gefühl: Hier hast du Spaß, hier kannst du jede Menge machen. Aber das Karussell dreht und dreht sich und bewegt sich dabei nicht von der Stelle. Die Frage lautet jetzt: Ist das, was ich in der Vergangenheit gemacht habe, in seiner feuilletonistischen Wahrnehmung überwindbar? Der Zuschauer jedenfalls hat mir ein bestimmtes Label verliehen und sucht bei mir immer noch eine bestimmte Art der Performance. Die Grenze dessen, was ich mit dieser Einschätzung ergo Festlegung durch den Zuschauer machen kann, war die Ultimative Ostshow mit Axel Schulz. Komischer etwa kann ich nicht zu sein versuchen. Sonst wird die Marke verwässert. Und etwas Schlimmeres können Sie im Fernsehen nicht machen.

Worin unterscheiden sich öffentlich-rechtliche und private Magazine?

Nehmen Sie zwei beliebige Magazin-Beiträge, und ich brauch‘ fünf Sekunden, um zu erkennen, welcher öffentlich-rechtlich ist.

Woran?

Ganz einfach: Es ist keine Musik drauf. Optische und akustische Effekte, Musikuntermalung – sobald das fehlt, weiß ich, das ist öffentlich-rechtlich. Der Privat-TV-Zuschauer ist Reize gewohnt. Wenn Sie ihn über zwei Werbeinseln hieven wollen – das ist echt Arbeit. Gerade um die späte Uhrzeit. In der Akte müssen wir ihn sogar bisweilen über vier Blöcke leiten. Um die auszutarieren, muss ich gewaltig in den Orgelkasten greifen. Deshalb lassen wir nicht allein die feinen Zwischentöne auf den Zuschauer wirken wie etwa die Formulierungen von Firmenchefs oder Behördenleitern, sondern zeigen Auseinandersetzung: Den Kampf für unser Opfer, für unseren Protagonisten, den tragen die Akte-Reporter in der freien Wildbahn aus. Da braucht‘s schon Mannesmut vor Fürstenthronen. Die kesse Lippe, die andere Magazine nur in der Sprecherkabine riskieren lassen, ist für die Akte zu wenig.

Geht der Primat der Visualisierung nicht zulasten der Informationen?

Ich würde mich nie an ein Thema setzen, das mit unseren Mitteln nicht darstellbar ist. Schon bei der Themenauswahl lautet die Frage: Auf welche formalen Mittel, die ich habe und brauche, um dem Zuschauer letztlich Produktsicherheit zu garantieren, kann ich zurückgreifen? Insofern halte ich ihre Frage für theoretisch.

Dann stelle ich sie anders: Beraubt es den Zuschauer seiner Chance, Hintergründe zu erfassen, wenn Schnitte, Action, Musik im Vordergrund stehen?

Bleiben Sie nicht an den Hilfsmitteln der Attraktion hängen. Wir versuchen permanent, hinter verschlossene Türen zu blicken, um Ursache und Wirkung, Verantwortung, gerne Wahrheit herauszufinden. Der Zuschauer hat in Deutschland 30 Free-TV-Kanäle. Wenn ich da die journalistischen Leistungen betrachte, habe ich von platt bis exaltiert alles. Deswegen muss ich mir aus 83 Millionen Deutschen die drei Millionen Zuschauer heraussuchen, die unsere Art mögen. Und denen bereite ich wiederum ein Potpourri, das ihre Existenz wiederspiegelt. Wenn ein Zuschauer sagt, er möchte tiefer in die politische Welt blicken, muss er sich eine andere Sendung wählen.

Hat ihr Journalismus eine andere Neugierde als der öffentlich-rechtliche?

Eine stärker gepolte. Meine Neugierde rührt daher, was den Zuschauer interessiert. Es ist seine Welt, was können wir da rausholen? Das lässt mich vibrieren. Sie holen mich nie von der Theorie in die Praxis, immer umgekehrt: Was ist die Auswirkung von Politik, real auf einzelne Menschen. Wir fragen: Wenn Otto Schulze arbeitslos wird, was passiert mit ihm? Und wenn er dann bereit ist, seine Hosentaschen auszuleeren und von uns durchrechnen zu lassen, was er ab Januar für Leistungen bekommt, dann ist das unsere Geschichte. Immer ein praktischer, praktischer, praktischer Ansatz.

Und immer an die Leser denken…

Es ist ja die eigentliche Revolution des Privatfernsehens, dass wir Politik, öffentliches Geschehen, personalisiert haben. Das hat sich längst auf die Kollegen vom Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen – es gibt ja einen regen Austausch der Köpfe – übertragen. Der Personalisierung wird irgendwann ein Denkmal gesetzt. Auf einmal haben alle gemerkt: Es geht im Grunde nicht um Gesetze, um graue Theorie, sondern um Menschen. Die wissen oft nicht mehr ein noch aus, weil das, was über sie hereinbricht, so kompliziert wird, dass du drei Anwälte brauchst, um es zu klären.

Stammt diese Fürsorge aus dem verhinderten Humanmediziner Meyer?

Sensibel gefragt, herzlichen Dank. Kann sogar sein. Ich wurde im Volontariat so gepolt. Ein Ausbilder sagte: Wenn du auf eine Pressekonferenz gehst, nimmst du nicht mal einen Kaffee an. Das würde man heute von keinem Volontär mehr verlangen, aber es steckt tief in mir drin: Wir nehmen nichts, dann haben wir die Freiheit, alles zu schreiben. Ich bin auf Neugier gepolt, ich will verstehen und möchte, dass die Leute das auch tun. Denn das größte Problem unserer Gesellschaft ist der knowledge gap – die einen werden immer schlauer, die anderen wissen gar nicht mehr, wo sie stehen geblieben sind.

Was im Vergleich zu den USA noch ganz gut aussieht.

Was aber zu wenig ist. Wir leben in einer Informationsgesellschaft; im Prinzip ist jede Information zu jeder Zeit fast überall verfügbar. Und doch gibt es reichlich Menschen, die sagen: Ich weiß nicht, nie gehört.

Weil es zu viele Informationen gibt.

Ergo musst du sortieren. Für Journalisten gibt’s eine Menge zu tun.

Sie tun das bei Akte mit einer Themenauswahl wie dieser: Ich-AG, Blick hinter eine sat1-Gewinnshow, also Eigenwerbung, Sexsüchtig Frauen im Internet, Brennpunkt Neukölln – ist das Bild oder Stern?

Das Label, das Sie uns aufkleben, steht Ihnen frei. Wir wollen die Leute dazu bringen, uns zu gucken. Sie sollen sagen: Das bringt mich weiter, ich kapiere was, ich hab ein Schaufenster in die Welt. Und schalte nächste Woche wieder ein.

Sie bezeichnen sich als neugierig bis zur Peinlichkeit. Wo beginnt die?

Peinlichkeit ist schwer zu definieren. Das ist so ein Backfisch-Ausdruck. Mädchen von 13 Jahren ist alles peinlich, aber als Journalist darf ich die Kategorie für mich nicht in Anspruch nehmen. Hinter jeder Ecke wartet das große Abenteuer, sagte Kisch. Jede Frage muss stellbar sein. Mir persönlich ist einiges peinlich. Das liegt an meiner konservativen Erziehung. Ich bin aber berührt davon, was Menschen machen und will mehr herausfinden. Schließlich gibt’s drei Grundbedingungen in meinem Beruf: Neugierde, Querdenken und wenn einer Nein sagt, dreimal nachfragen.

Und viermal ist peinlich?

Irgendwann muss auch mal gut sein, sonst kommt man sich ja blöd vor.

Treibt Sie ihre Neugierde noch woanders hin – zu ARD oder ZDF?

Ich bin eine treue Seele. Aber ich habe mich für den Beruf des selbständigen TV-Produzenten entschieden. Und der kann überall aufspielen – sogar unerkannt.


Beate Zschäpe: Wirklichkeit & Reduktion

Rolle Beate Zschäpe (Lisa Wagner)

Rolle Beate Zschäpe (Lisa Wagner)

Kammerspiel im Konvoi

Der fabelhafte ZDF-Film Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe (Foto: Kartelmeyer/ZDF) kommt einem umfassenden ARD-Dreiteiler zum NSU-Terror zuvor und zeigt (noch eine Woche in der Mediathek) eindrücklich: In der Reduktion liegt oft viel mehr Kraft als in angestrengter Unterhaltsamkeit.

Von Jan Freitag

Die Realität ist bisweilen ganz schön wankelmütig. Kaum hat man sich daran gewöhnt, wirft die Zukunft sie übern Haufen. Was gestern richtig war, wird oft heute schon wieder zum Irrtum, der morgen abermals wahr werden könnte, wer weiß. Ein echtes Windei, diese Wirklichkeit. Das denken sich wohl auch die Verantwortlichen eines Films, der in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist: inhaltlich, zeitlich, namentlich vor allem. Als das ZDF sein Dokudrama Das Schweigen der Beate Zschäpe vorstellte, begann ja die Angeklagte des NSU-Prozesses nämlich grad unverhofft (wenn auch schriftlich) zu reden. Ein neuer Titel musste her, beredtes Ende inklusive. Es ist ein Kreuz, mit der Realität.

Besonders, wenn man sie so nutzt wie Raymond Ley. Der Regisseur dreht mit Vorliebe Hybride, die dann oft zum Besten der manipulationsanfälligen Grauzone zwischen Fiktion und Sachfilm zählen. Das Zugunglück in Eschede, Eichmanns Ende, zuletzt die letzten Tage von Anne Frank – wann immer er sich spielerisch Zeitgeschichte nähert, wird sie unterhaltsam erlebbar. Nun gelingt ihm ein ähnliches Kunststück, das die Handlung im aktualisierten Titel trägt: Letze Ausfahrt Gera. Acht Stunden mit Beate Zschäpe, leicht sperrig, aber journalistisch präzise.

Leys Drehbuch, geschrieben wie so oft gemeinsam mit seiner Frau Hannah, basiert vorwiegend auf einer realen Dienstfahrt. Als Beate Zschäpe ein paar Monate nach Prozessbeginn ihre kranke Oma in Thüringen besuchen durfte, setzte ihr das BKA nämlich zwei Verhörprofis ins Auto. Auf Hin- und Rückfahrt sollten sie dem verstockten Untersuchungshäftling zweimal vier Stunden lang Informationen übers Leben vor der Festnahme entlocken. Eine Terrorverdächtige, zwei Polizisten, zwölf Seiten Gedächtnisprotokoll, dessen Ergebnisse vor Gericht unverwertbar sind – klingt nicht unbedingt nach prickelndem Hauptabendentertainment. Dass es die Zuschauer trotzdem bis zum Schluss fesseln dürfte, hat drei Gründe: Raymund Ley, Lisa Wagner, Joachim Król.

Der Filmemacher montiert das heimliche Verhör im Hochsicherheitskonvoi mit Rückblenden, Archivmaterial, Zeugenaussagen und Prozesssequenzen zu einem furiosen Kammerspiel, das die Psyche der Protagonisten mit meist simplen Mitteln offenlegt. Dafür sorgt schon Lisa Wagner, deren Hauptfigur gespenstisch glaubhaft zwischen kalkulierter Arroganz und emotionaler Durchlässigkeit agiert, wofür sie oft nur ein Zucken im Tränensack benötigt. Was wiederum Joachim Król als schnauzbärtig behäbiger Bulle provoziert, der wie das Original anderen Namens falsche Fraternisierung perfekt mit westfälischer Bodenhaftung kombiniert und sein Gegenüber so ein ums andere Mal aus der Reserve lockt.

Ihr Zusammenspiel wirkt dabei, als verlören sich die Darsteller vollends in den Rollen. Als sei Wagner wirklich diese Zschäpe, deren Fassade mit jeder Gesprächssimulation stärker reißt, ohne einzustürzen. Als sei Król tatsächlich dieses unscheinbar effiziente BKA-Fossil, das auch „Conférencier aufm Rheindampfer“ sein könnte, wie es die Gerichtsreporterin vom Spiegel im Dokuteil ehrfürchtig ausdrückt. „Ham’se die Haare anders?“, fragt er einmal freundlich. „Ich werd‘ nur von der Chefin geschnitten“, entgegnet Zschäpe fühlbar stolz. Viel mehr bedarf es kaum, um einerseits die zweckgebundene Intimität zweier Antipoden in Worte zu fassen und anderseits Psychogramme von großer Aussagekraft zu erstellen. Ereignisrückblenden und Gerichtssequenzen, etwas nachgestellter Nazi-Thrill mit Runen-Tattoo und echte Hinterbliebeneninterviews ergänzen die Wucht solcher Dialoge da eher dramaturgisch, als Kern der Handlung zu sein. Den nämlich bilden überwiegend Worte statt Bilder.

Kommunikation unter kommunikationsfeindlichen Bedingungen ist demnach vermutlich auch der große Unterschied zum anstehenden Konkurrenzprodukt. Ab März befriedigt der ARD-Dreiteiler Terror in Deutschland den wachsenden Bedarf nach Zeitgeschichte in Echtzeit, wie es unlängst auch zwei Filme zur Haft von Uli Hoeneß taten, die noch vor seiner Entlassung liefen. Mit Anna Maria Mühe als Beate Zschäpe beschränkt sich das Erste dabei weniger auf einen Ausschnitt, sondern erzählt die ganze Story umfassend aus Opfer-, Täter-, Polizeiperspektive. Dem Publikumsinteresse nach lückenloser Aufklärung mit dramaturgisch aufwändigen Mitteln könnte das angesichts der kaum zweieinhalb Millionen Zuschauer, die sich gestern um 20.15 Uhr zur ARD verirrten, zwar um einiges näher kommen. Intensiver, näher, glaubhafter als das Kammerspiel im Konvoi kann es – auch wenn es die taz in ihrem anstrengenden Bedürfnis, jede Art von bürgerlicher Kommentierung rechten Terrors zu kritisieren, anders sieht – kaum werden.


Elfenbeintürme & Sirtaki-Klischees

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

18. – 24. Januar

Und wieder gibt‘s eine Zielgruppe mehr, die das Publikum in senderbedarfsgerechte Portionen häckselt. Nach 0-3 (Teletubbies), 14-29 (Pro7) 14-49 (RTL), 29-59 (ZDFneo) und 66-199 (ZDF), plant die indische Mediengruppe Zee Entertainment einen Kanal für Frauen von 19 bis 59, der 24 Stunden am Tag Bollywood-Filme zeigt. Natürlich nur „die besten“. Wobei sich angesichts des Niveaus vermeintlich guter Operetten vom Subkontinent weniger fragt, wie dann denn bitte schlechtere klingen, als vielmehr, was als nächstes rund um die Uhr läuft.

Helene Fischers Ganztageskanal HFK24 war zwar nur ein Hoax. Im Regelprogramm laufen aber tatsächlich bereits 24 Stunden Snooker (Eurosport), Hitler (ZDFinfo), Heimatliebe (alle Dritten), Testosteron (DMAX), Östrogen (Sixx) oder Menopause (Sat1Gold). Fehlen eigentlich nur noch 24 Stunden Dschungelcamp, die den Zuschauerschnitt von RTL vermutlich auf acht Millionen verdreifachen würde. Und natürlich: 24 Stunden Politik, von dem die Kanäle mit dem irritierenden „n“ im Namen allerdings so weit entfernt sind wie die ARD vom Informationsskandal, den Programmchef Volker Herres auch auf der großen Angebotspräsentation in Hamburg gerade wieder herbei deliriert hat.

Gut, an Wahlabenden gewährt sein Sender der Politik – unterbrochen von der Lindenstraße, versteht sich – immerhin mal mehr als eine Spielfilmlänge Zeit. Im März hingegen könnte es bereits nach der ersten Hochrechnung in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz mit dem Tatort weitergehen, wenn der SWR die AfD auf Drängen der dortigen Regierungschefs wirklich von der Elefantenrunde ausschließt. Das allerdings wäre nicht nur ein Bruch lieb gewonnener TV-Routinen, sondern das Armutszeugnis verzagter Debattenkultur schlechthin. Und damit ein wenig an vordemokratische Zeiten erinnern, als das Establishment seine politischen Gegner ebenfalls lieber ausgesperrt als empfangen hat.

Das 19. Jahrhundert war aber ohnehin die Ära der verschlossenen Türen. In den Elfenbeintürmen der Eliten blieb das Elend davor unsichtbar, was sich bis tief hinein in unserer aufgeklärte Gegenwart fortsetzte: am Bildschirm, wo Historiendramen die Armut lange am liebsten irgendwie putzig und rein illustriert hat.

0-FrischwocheDie Frischwoche

25. – 31. Januar

Zum Glück kehrt da mittlerweile etwas mehr Realitätssinn an die Drehorte ein. Es staubt und fault und stirbt also auch in Die Pfeiler der Macht kräftig, wenn der ZDF-Zweiteiler 1866 auf Londons Straßen beginnt. Fern vom lausigen Alltag der Massen erschießt sich kurz darauf der bankrotte Unternehmer Toby Pilaster und reißt damit seinen reichen Sohn samt der bettelarmen Maisie ins Unglück, das sich allerdings nach zwei Teilen zum Guten wendet. Es ist das gewohnte Märchen vom Aschenputtel auf dem Weg zum Prinzen, wenngleich ein anderes als üblich. Opulent ausgestattet und solide gespielt, rechtfertigt Christian Schwochows Kostümfest am Montag und Mittwoch also durchaus Fernsehgebühren, die da in großem Umfang verbraten wurden. Oder um es mit Netflix-Chef Reed Hastings im SZ-Interview auszudrücken: „Wir kämpfen um die Freizeit der Nutzer und müssen nur so viel gewinnen, dass die Leute kein Problem damit haben, pro Monat zehn Euro für unser Angebot auszugeben.“

Die 17,50 Euro fürs öffentlich-rechtliche Angebot sind da auch am Dienstag gut angelegt: 8 Stunden mit Beate Zschäpe, ein ZDF-Dokudrama, das sich auf jene Autofahrt zur kranken Oma fokussiert, bei der die Hauptangeklagte im NSU-Prozess von einem BKA-Spezialisten verhört wurde. Dank Lisa Wagner und Joachim Król kommt dabei ein grandioses Kammerspiel heraus, so spannend wie lehrreich. Gut angelegt ist das Geld auch für den Arte-Abend zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung am Mittwoch, unter anderem mit einer Doku über jene Firma, deren Krematorien einst im Vernichtungslager brannten. Dagegen ist der Athen-Krimi mit Francis-Hawkeye Fulton-Smith als ermittelndes Sirtaki-Klischee (Donnerstag, ARD) Null Cent wert, aber gewiss ein Quotenbringer. Wie das Dschungelcamp-Finale zwei Tage später, womit dann aber auch mal gut ist.

Aber nicht mit den Wiederholungen der Woche. Da wäre am Montag um 22 Uhr im NDR die farbige des zweiten und besten Tatort-Einsatzes von Jörg Hartmann als Dortmunder Borderline-Kommissar Faber. Da wäre das farbige Defa-Melodram Ehe im Schatten (Montag, 20.15 Uhr, MDR) von 1947 über das kurze Leben des Schauspielers Joachim Gottschalk, der sich 1933 von seiner jüdischen Frau trennen sollte. Und da wäre die frische 3sat-Doku Cannabis – Medizin oder Droge am Donnerstag um 20.15 Uhr, die sich dem ideologisch aufgeheizten Thema sehr variabel nähert.


Club-Mausoleum: Front (1983 – 1997)

Front der Erleuchtung

Ein Beispiel dafür liefert momentan Star Wars, wo alles Klare irgendwann mal im Trüben fischt und umgekehrt. Wo der vermeintlich wesensfiese Darth Vader seinem vermeintlich herzensguten Feind Luke Skywalker im dritten (später sechsten) Teil der Saga glaubhaft macht, sein Vater zu sein, also gleichfalls auf der hellen Machtseite gestanden zu haben. Da kann es doch kein Zufall sein, dass parallel zum Kinostart der Weltraumsaga vor fast 40 Jahren im Herzen Hamburgs ein Club eröffnet hat, dessen Historie erstaunlich taghell war, bevor die dunkle Seite der Nacht Besitz von ihm ergriff.

Das Front.

Wer einmal drin war, in Deutschlands erster echter House-Disco (das behaupten zumindest Eingeweihte), ja selbst wer nur aus sicherer Entfernung davon gehört hat, dürfte bis heute überrascht sein, was sich bis zum Jahr 1983 im Klinkerbau zwischen Horner Kreisel und Elbbrücken befunden hat: Danny’s Pan, ein wandergitarrenseliger Folkloreschuppen, Wohnzimmer altruistischer Chansonniers von Reinhard Mey bis Hannes Wader, die dem Hedonismus der Nachnutzer wohl ein paar Protestsongs entgegengeklampft hätten, wäre es je zur Begegnung gekommen.

Als Danny’s Pan schloss, verwehte am verkehrsumtosten Heidenkampsweg umgehend alles Analoge und Liedhafte und wurde zu Bass, Beat und Stroboskop. Das Technozeitalter nahm Fahrt auf. Während sich die Generation Bundfaltenhose gerade entspannt beim Milchkaffee von Friedensbewegung und Punk erholte, suppte ein bislang unerhörtes Sounds takkato nach Hamburg. Es bestand aus Rhythmen, die nicht mehr nach-, sondern in-, neben-, über-, und durcheinander spielten, artifiziell und treibend. Nichts für Harmonieästheten, aber umso mehr für Feierwütige.

Im DJ-Kabuff des Front legte ein gewisser Klaus Stockhausen Vinyl aus den Industrieruinen Chicagos auf, das den Laden in kürzester Zeit zur suburban legend machte. Es zog neben späteren Clubgiganten wie Boris Dlugosch verschiedene Gästeschichten ins Neonrampenlicht, die bis dato oft unter sich waren: Fans synthetischer Drogen, repetitiver Musik und gleichgeschlechtlicher Liebe, gern alles zusammen. An drei von fünf Öffnungstagen war das Front mehr oder weniger frauenfrei. Doch auch an den anderen Tagen tanzten nie weniger als ein Drittel der Männer paarweise eng umschlungen mit nackten Oberkörpern, die bereits zu einer Zeit vielfach gepierct waren, als Tattoos noch nach Knast und Viermastern rochen.

Als heteronormaler Gymnasiast aus Hamburg-Eppendorf fiel es mir Ende der achtziger Jahre, als die Tonlage dank Acid-House nochmals dumpfer wurde, gar nicht so leicht, dem Ruf des Abseitigen zu folgen. Für manche Männer in Phasen der Persönlichkeitssuche sind Schwule vornehmlich verwirrend. Und dann die Anreise: Fern der Epizentren gewöhnlicher Tanzkultur brauchte es mit dem Fahrrad halbe Ewigkeiten für die kurze Realitätsflucht, von Bus und Bahn ganz zu schweigen, die seinerzeit noch ausgerechnet dann den Verkehr einstellten, wenn es gerade lustig wurde.

Ich war also eher selten im ehemaligen Lederwarenkontor, obwohl dort ungewöhnlich aufgeschlossene Türsteher mehr nach Auslastung im Innern als Reifegrad im Gesicht selektierten. Ein Dutzend Mal vielleicht fuhr ich nach Hammerbrook, allerdings nie freitags, als die homosexuelle Libertinage unter Fernsehern mit schwulen Pornos leicht in offene Promiskuität ausufern konnte. Jeder einzelne Besuch war für heranwachsende Kleinbürger wie mich, bei aller Distanz zur Kernzielgruppe, heilsam, ja erleuchtend.

Nirgends sonst ging es so ausgelassen, exzessiv und fröhlich zu. Stress schien die Ausnahme, Polizeipräsenz die Regel, ebenso wie exquisite Musik und punktgenaues Licht. Im unverputzten Fabrikambiente herrschte kein Chichi, aber viel Geschmack: graue Wände, wuchtige Boxen und schöne Menschen, auch weiblichen Geschlechts. Man flirtete sie allerdings besser nur perfekt vorbereitet an, da sie alle irrsinnig cool waren.

Sie wurden jedoch weniger mit den Jahren: die ausgelassenen, exzessiven, stressresistenten, angrabenswürdigen Leute. Aids, Drogen und Reeperbahn-Revival nahmen dem Front bald viel seines Zaubers. Als es 1997 dichtmachte, war die Avantgarde bereits Mainstream und der Technotross Richtung Kiez weitergezogen. Willi Prange und Phillip Clarde, die Gründer und Betreiber des Front, sind dem Vernehmen nach längst gestorben. Heute befindet sich unter dem Pflaster des wichtigsten Verkehrsknotenpunkts im Südosten der Stadt ein Club namens Shake. Er vermag nur wenige in eine Gegend zu ziehen, die schon vor 30 Jahren mausetot war, aber an einer Stelle noch zuckte.

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