G-Eazy, Correatown, Sunn O)))

TT12 G-EazyG-EAZY

Was eine Band ist und was nicht, wird gerne von der Suche nach Labels, Zuordnung und Struktur vorgegeben. Keine Band zu sein gilt daher naturgemäß auch für den Rapper Gerald Earl Gillum, dessen Fach mit derlei kollektivistischem Vokabular generell schwer vereinbar ist. Als G-Eazy schreibt er sich allenfalls die Namen exquisiter Produzenten wie Michael Keenan aufs Cover der vierten Platte in fünf Jahren, die seinen Status als neuer Eminem des (Billboard-)HipHop weiter stärken dürfte. Der Erfolg seines Majordebüts These Things Happen scheint dem Bedarf nach Gesellschaft sogar so minimiert zu haben, dass die Singleauskopplung It’s just me, myself & I nach Zeit für sich, Freiraum, Privacy förmlich brüllt.

https://www.youtube.com/watch?v=Tfs5GOQK4dU&feature=youtu.be

Doch das wird wohl nix, solange G-Eazy optisch an Vanilla Ice erinnert und verkaufsfördernden Gossip voll edler Autos, sexy Bitches und etwas Ghetto-CNN über einen düsteren Sound kippt, den auch noch ständig featurende R’n’B-Engel aufhellen. Dennoch: So fett wie When It’s Dark Out ist, so eindrücklich sein Flow klingt, so viel Empathie zwischen all dem Mainstream hindurch scheint, wird der Posterboy aus dem Cowboystaat Arizona noch eine Weile am Rap-Himmel entlang streifen. Und dann verglühen.

G-EAZY  – When It’s Dark Out (Sony)

T12 CorreatownCorreatown

Angela Correa hingegen beginnt grad erst richtig zu leuchten am Firmament ihres Fachs, das mit Dreampop nur unzureichend beschrieben ist, aber immerhin eine Ahnung davon vermittelt, was die kalifornische Singer/Songwriterin zu einem der Zauberwesen alternativen Neofolks macht. Mit verwehender, fast flüchtiger Stimme aus dem Hallraum juvenilen Erwachens kreiert sie im Kreise ihres Projekts Correatown betörend unangestrengte Hymnen der Lebenslust, die oft an den famosen Hippiefolk der Pierces erinnern.

https://www.youtube.com/watch?v=wkJJq_jCTNU

Ihre feingliedrigen Berichte vom Erwachsenwerden und Jungbleiben, von maximaler Hingebung und zulässigem Zweifel haben schon dem Vorgänger Pleiades viel Aufmerksamkeit beschert, die Teile davon in Film und Fernsehen gespült haben. Unter aller Eingängigkeit jedoch offenbart ihr viertes Album noch spürbarer den Willen, die Mitte ans Ufer des Mainstreams zu locken, wo der Gesang auch mal bricht, das Keyboard neben der Spur klimpert und die Lagerfeuergitarre gelegentlich Flächenbrand spielt.

Correatown  – Embrace The Fuzzy Unknown (Highline Records)

TT12 SunnSunn O)))

Was eine passende Umschreibung fürs besonders düstere Subsubgenre des besonders düsteren Subgenres Doom Metal gilt: Drone löst jede Form von Rhythmus, Metrik, Takt gern in einem behäbig dröhnenden Klangbrei auf, den selbst Kenner kaum entschlüsseln können. Umso erstaunlicher, dass das US-Duo Sunn O))) dieser bombastischen Gitarren-Pampe zu gutturalem Bauchhöhlen-Gesang eine Art Struktur verleiht, die zuweilen fast symphonisch wirkt. Oberflächlich mag das siebte Album des Labelbetreibers Greg Anderson und seines langjährigen Nischenweggefährten Stephen O’Malley demnach wie eine endlose Rückkopplung klingen

Wer sich jedoch auf die raumgreifende, allumfassende Grundstimmung von Kannon einlässt und darin nicht etwa nach Halt oder Orientierung sucht, sondern abtaucht in diese tiefer gelegte Kakophonie der Seelenabgründe, der löst sich darin kurzzeitig auf und muss nach dem Erwachen die Augen selbst im fahlen Licht eine Weile zukneifen. Die drei Geräuschtürme, betitelt mit Kannon 1 – Kannon 3, verteilt auf eine gute halbe Stunde tonalen Dauerbeschusses, sind wahre Blockadelöser – wackenschwarz, seltsam erhellend.

Sunn O))) – Kannon (Southern Lord)


Morgen hör ich auf: Pastewka & Walther White

pastewkaIm Plagiate-Panoptikum

Eigentlich wäre Morgen hör ich auf (seit 2. Januar, 22 Uhr, ZDF) mit Bastian Pastewka als notgedrungen krimineller Spießbürger Jochen Lehmann (Foto: Martin Valentin Menke/ZDF) durchaus ansehnlich – würde sich der Fünfteiler auf dem prominenten Samstagssendeplatz nicht so unverhohlen bei Breaking Bad bedienen.

Von Jan Freitag

Wann immer ganz Deutschland, wie der Boulevard gern raunt, mal wieder übers miese Fernsehen made in germany diskutiert, steht dieser Vorwurf unwidersprochen im Raum: Wir können einfach keine Serien. Weil es den Sender an Mut fehlt; weil statt Qualität nur Quote zählt; weil unsere Schubladen zu tief sind; weil darin keine guten Drehbücher landen, sondern höchstens Schauspieler, die ihnen nie mehr entkommen, sobald sie mal in einer sitzen.

Zum Beispiel Bastian Pastewka.

Seit bald 20 Jahren erfreut der außergewöhnlich lustige Komiker aus der ungewöhnlich nüchternen Beamtenstadt Bonn sein Publikum mit einer Mixtur aus Realsatire und Aberwitz, die ihn rasch von der ungelernten Comedyhilfskraft ins Stammpersonal des TV-Humors befördert hat. Dort allerdings steckt er nun fest wie ein Hamster im Käfig: wohlgenährt, gutbeschäftigt, stark unterfordert. Vielleicht bezieht sich die Metapher jenes pummeligen Nagers, der während seines erstem echten Ausflug ins pointenfreie Fach immer wieder durchs Laufrad rennt, also auch auf den Hauptdarsteller einer Serie, die es krampfhaft aufnehmen will mit der importierten Konkurrenz. In Morgen hör ich auf mühen sich alle drei – Pastewka, Hamster, ZDF – bis zur Erschöpfung um gutes Entertainment, dürften am Ende aber doch eher milde belächelt werden als euphorisch beklatscht.

Und das hat einen Grund, der gar nichts mit dem achtbaren Niveau des Fünfteilers zu tun hat. Es liegt am heimlichen, aber unübersehbaren Vorbild: Breaking Bad. Wie in Vince Gilligans brillantem Epos um den vermeintlich notgedrungen drogenkochenden Chemielehrer Walther White nämlich, schiebt das ZDF auch Bastian Pastewkas Antiheld Jochen Lehmann aus seiner finanziell prekären Spießbürgerlichkeit Schritt für Schritt näher an den kriminellen Abgrund. Weil sein kleines Familienunternehmen nach fast 100 Jahren Solidität kurz vor der Pleite steht, kann der linkische Vater dreier Kinder an der Tankstelle nicht mal mehr den Sprit zur Fahrt ins hessische Vororthäuschen bezahlen und widmet die Rotationsmaschinen seiner Druckerei aus einer Weinlaune heraus um: er druckt damit Falschgeld.

Doch was den Engpass anfangs noch spielerisch überbrücken soll, verselbständigt sich in einer unaufhaltsamen Eskalationsspirale, an der vom notorischen Gangster bis zum aasigen Banker bald allerlei Galgenvögel mitdrehen. Es ist eine unterhaltsame Geschichte: Spannend erzählt vom versierten Tatort-Regisseur Martin Eigler, der auch Teile des schlüssigen Buchs verantwortet, das mit Susanne Wolff als treu sorgende, aber untreue Ehefrau Julia oder dem Österreicher Georg Friedrich als herrlich irrlichternder Hehler fabelhaft verkörpert wird. Nur: auch diese zwei Charaktere erinnern verteufelt ans amerikanische Original und reihen sich somit ein in die Liste dramaturgischer Referenzen.

Die erste setzt es gleich zu Beginn, als eine der 50-Euro-Blüten in Zeitlupe durch trübes Wasser treibt – ein Bild, das fortan permanent wiederkehrt wie jener verkohlte Teddybär, der einst baugleich in Walther Whites Swimmingpool schwamm. Von da an hagelt es Parallelen zum Vorbild, die jedoch kaum mal dessen atemberaubenden Handlungstwists gepaart mit subversiver Brutalität erreichen. Dennoch verglich ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler sein neues Produkt öffentlich mit Breaking Bad und meinte das sogar positiv.

Kein Wunder, dass der schubladengeschädigte Bastian Pastewka im Spiegel von einer „Auszeit“ sprach, die sich das Team angesichts dieses unnötig aufgebauten Drucks zwischenzeitlich verordnet habe, um den „kleinen Wirbelsturm an uns vorbeiziehen“ zu lassen. So belegen auch diese fünf Stunden gefälschter Hauptabendkost nachhaltig den unveränderten Abstand zum internationalen Markt: Innovatives wächst weiterhin in Skandinavien, England, den USA, und wenn es das deutsche Fernsehen abkupfert, wird die Ursprungsradikalität so lange poliert, bis das Resultat selbst nach dem vorherigen Krimi noch massentauglich ist.

Diese sehr deutsche Verzagtheit führt regelmäßig zu filmischem Falschgeld von Alles außer Sex über Hilfe, meine Familie spinnt bis R.S.I., die dem Ideenraub sogar offen im Titel tragen. Weit häufiger werden die Urheber auch noch klammheimlich unterschlagen wie im neuen Sat1-Ulk Einstein, den nur das drollige Outfit der Titelfigur von seinem eleganten Stichwortgeber Sherlock unterscheidet. Wirklich selten kommt es dagegen zu kreativer Neuinterpretation á la Doctor’s Diary, wo RTL Grey‘s Anatomy durchaus eigensinnig mit Bridget Jones verknüpfte.

Morgen hör ich auf nimmt in diesem Panoptikum mal mehr, meist weniger gelungener Plagiate eine Mittelposition ein. Was viel mit Bastian Pastewka zu tun hat. Das Alter Ego seiner selbst, der als reale Fiktion unter eigenem Namen lange Jahre auf Sat1 das Beste geliefert hat, was humoristisch hierzulande möglich scheint, verleiht seinem Herrn Lehmann – und damit der gesamten Handlung – gelegentlich Anflüge jener trotzigen Würde, die auch Walther White kennzeichnet. Zugleich aber fällt es ungemein schwer, vom witzigen Basti zu abstrahieren, wenn der nüchterne Jochen zu grimassieren beginnt. Womit wir wieder bei der Schublade wären, der zu entfliehen für deutsche Komödianten fast unmöglich ist. Mit dieser Rolle wird es der lustige Pastewka nicht schaffen. Er hätte weitere Chancen verdient.

Der Text stand vorab bei Zeit-Online. Teil 1 ist noch in der ZDF-Mediathek zu sehen.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-Mono Inc.MONO INC.: The Cure & AC/DC

So viel Bier und Tattoos auf einem Foto, das gab’s noch nie bei 2 Bier – 1 Platte! Dabei ist zum heutigen Gespräch nur die Hälfte der Dark-Rocker von MONO INC. erschienen. Dafür kommen Sänger Martin Engler und Gitarrist Carl Fornia vorbereitet für vier! Die beiden Wahl-Hamburger haben mit ihrer kürzlich beendeten Tour tausende Fans (musikalisch) beglückt. Bei welcher Musik sie sich von den Tourstrapazen erholen, erzählen sie jetzt.

Interview: Marthe Ruddat 

Martin Engler: Ich kann nur mit einer Platte dienen, ich trinke nämlich kein Bier. Ich bin Weintrinker.

Carl Fornia: Och, also ich würde wohl eins nehmen!

Heute also nur Bier für Carl und mich. Wein habe ich nämlich nicht dabei.

freitagsmedien: Welche Platten habt Ihr mir denn heute mitgebracht?

Martin: Ich habe meine all-time-favourite Platte mitgebracht: The Cure – Disintegration. Das Album war damals einfach anders und mutig. Es wurde plötzlich nicht mehr auf 3:30 Minuten geschielt, und das Album beinhaltet so viele kunstvolle, schon epische Werke! Und das gepaart mit meiner ersten großen Liebe, das vergisst man nicht so schnell.

Disintegration erschien 1989 als achtes The Cure-Album. Nach eher poppigen Liedern orientierte sich dieses Album eher an düsteren und melancholischen Tönen und passt damit sehr zum Stil von MONO INC.

Carl: Die Highway to Hell von AC/DC hat mich am meisten beeinflusst. Das war so meine erste eigene Rockplatte, und ich kann sie auch heute noch hören, Marthe-ACohne dass sie mich nervt.

Hardrock – das überrascht nun in Anbetracht der heutigen T-Shirt-Wahl von Carl recht wenig.

Beide Platten könnte man als eine Art Fundament von New Wave und Hard Rock sehen: Ward ihr Teil dieser Szenen? 

Carl: Ich hatte ehrlich gesagt immer Probleme, mich da so klar einzuordnen. Bei den Klassenfeiern damals standen immer eine Depeche-Mode-Party oder eine AC/DC-Party zur Auswahl. Wer gewonnen hat, hing davon ab, ob mehr Jungs oder mehr Mädchen abgestimmt haben.

Sehr klischeehaft.

Carl: Ja, leider! Ich fand nämlich tatsächlich beides toll! Bis heute bin ich glühender Depeche-Mode-Fan und liebe AC/DC.

Highway to Hell ist das sechste AC/DC-Album. Es war der große Durchbruch der Band – und zugleich ihr letztes Album mit dem unvergleichlichen Sänger Bon Scott, der 1980 verstarb.

Bei der Lieblingsplatte fiel die Auswahl dann aber doch leichter.

Carl: Ja, irgendwie schon. Die Highway to Hell hat mich als Gitarristen einfach auch sehr beeinflusst. Auf ihr ist die Durchschlagskraft und die besondere Rhythmusstruktur von AC/DC zu hören. Diese Struktur baue ich gerne selber mal in unsere Lieder ein, als Rhythmusteppich, über den Martin dann seine Melodien legen kann.

Womit wir wieder zu The Cure kommen. Der Kajalstift ist ja bis heute geblieben!

Martin: Ja, das gehört auch bis heute zu mir. Mit 14 oder 15 kam ich in die New-Wave-Szene. Für die Jugendlichen gab es damals immer Sonntags um 15 Uhr eine Disco. Und da liefen dann so Sachen wie Depeche Mode, The Cure, The Cult. Alle haben Schnabelschuhe getragen und sich die Haare toupiert, die Fingernägel schwarz lackiert und den Kajalstift nicht zu knapp aufgetragen. Der Lifestyle hat zusätzlich gute Musik beinhaltet und meine Eltern genug geschockt. Das war mir mit 15 sehr wichtig.

Sehen wir mal von den besonderen Lebensstilen ab – habt Ihr auf der Highway to Hell oder der Disintegration Lieblingslieder? Oder gar Lieder, die Ihr gerne von der Platte verbannen würdet? 

Marthe-CureMartin: Mein Lieblingssong ist Pictures of You. Der Text berührt mich einfach total. Für mich ist der Song eine 6:30 Minuten dauernde Reise, die mich in immer neue Melodien mitnimmt und emotional berührt. Das ist für mich auch wichtig an einem Song. Lullaby hingegen fand ich nicht gut, obwohl das der große Hit des Albums war. Ich fand es aber nicht doof, weil alle anderen es gut fanden. Mich hat das Lied einfach nicht berührt und den Text fand ich infantil. Für mich ist Musik eben nicht nur Mucke, sondern eine Kombination aus Text und Melodie und die muss einfach stimmen.

The Cure – Pictures of You 

I’ve beenlooking so long at the pictures of you

That I almost believe thatt hey’re real.

I’ ve been living so long with my pictures of you

That I almost believe that thepictures are / All I can feel.

Remembering / You standing quiet in the rain

As I ran to your heart to be near.

And we kissed as the sky fell in / Holding youclose

How I alwaysheldclose in your fear.

Remembering / You running soft through the night.

You were bigger and brighter and wider than snow

And screamed at the make-believe

Screamedatthesky

And you finally found all your courage

To let it all go .

(…)

Carl: Highway to Hell ist für mich einfach der Hit des Albums, auch wenn das vielleicht abgedroschen klingt. Den hab ich früher schon in Bands gespielt und finde ihn einfach immer noch super. Beating Around the Bush ist eher einer, den ich nicht so toll finde. Aber eigentlich ist das einfach ein super Album!

Hättet Ihr nicht mal Lust, Eure Lieblingslieder zu Covern?

Martin: Hm, also eigentlich mache ich mir darüber keine Gedanken, denn Pictures of You werden wir niemals covern. Es gibt einfach Songs, die kann man nicht besser machen und sollte deshalb auch lieber die Finger davon lassen.

The Passenger kann man also besser machen?

MONO INC. covern Iggy Pops The Passenger gerne live. Der Song hat es sogar in die Deluxe Box ihres 2013 erschienen Albums Nimmermehr geschafft.Marthe1

Martin: Den Passenger kann man auf jeden Fall besser einspielen, wenn man dabei nicht so viele Drogen im Kopf hat. Dass wir diesen Song gecovert haben, war so nicht geplant. Ich habe einfach mit einer Akustik-Gitarre ein bisschen rumgespielt, dann diese Melodie gespielt und einfach nur „Lalala“ gesungen. Plötzlich haben alle mitgemacht. Das hat den Leuten dann so gut gefallen, dass wir den Song immer mal wieder spielen. In letzter Zeit kam das allerdings auch recht selten vor.

Carl: Touch too much, das ist der vierte Song auf der Highway to Hell. Den würde ich gerne mal spielen.

Martin: Um den Text singen zu können müsste ich mich aber glaube ich von einem Hoden trennen. Der singt zwei Oktaven zu hoch für mich.

Wir träumen doch nur ein bisschen…

Carl: Ich kann den ja beim Soundcheck mal anspielen, dann bebt der Platz!

Mit ihrem aktuellen Album Terlingua sind MONO INC. ab März wieder in Deutschland auf Tour. Alle Termine und Tickets gibt’s auf www.mono-inc.com 


Freudenfeuer & Widerstands-Göring

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

28. Dezember – 3. Januar

Man kann übers TV-Jahr zwischen kommerziellem und öffentlich-rechtlichem Überfluss sicher auch viel Gutes sagen, aber Schlechtes macht mehr Spaß. Um dafür mal einen Sender exemplarisch herauszupicken: Das ZDF begann 2015 mit einem Historienschinken (Tannbach), dessen Deutschlandteilungsdramatik so lausig war, dass der Mumpitz wie gewohnt flugs fortgesetzt wurde. Und es endete wie gewohnter im geistigen Tiefschnee, unter dem die sonst so eifrig kriminalisierten Bengalos von vaterlandsduseligen Skisprungreportern zu “Freudenfeuern” verniedlicht wurden, nur weil sie halt vaterlandsduselige Skisprungfans gezündet hatten. In diesem, nun ja, Spannungsfeld bezog das Zweite kurz vor 2016 Prügel von fataler Seite in ihrem letzten Kernkompetenzbereich: Nachrichten. Die vermeintlich orchstrierte Aussage eines Regimegegners in „Machtmensch Putin“ wächst sich grad zum mittelschweren Skandal aus, der Russlands Propagandamaschine ebenso neue Nahrung gibt wie den Lügenpresse-Krakeelern hierzulande.

Dabei hat das Leitmedium doch schon im Entertainment größte Mühe, zumindest den Anschein von Seriosität zu wahren. Besonders eigene Serien waren in den vergangenen zwölf Monaten ja mehrheitlich miserabel, und waren sie es mal nicht, waren sie zumindest sagenhaft erfolglos wie das schwer gehypte Deutschland 83. Waren sie hingegen weder mies noch erfolglos, hießen sie stets Weissensee. Ein wenig besser verhielt es sich mit Spielfilmen, die zwar häufiger Kritik und Publikum überzeugten, aber dennoch gern Wiedergekäutes zur abermaligen Nachverdauung durch fünf Mägen für die sechs Spielfilmthemen unserer stolzen Fernsehnation jagten: Romanze, Drama, Comedy, Krimi, Krimi, Krimi. Nur ein Genre bildete auch 2015 die Ausnahme im mediokren Brei: Biopics.

Sie sorgten regelmäßig für Perlen im Programm. Angefangen mit einem Porträt von Murat Kurnaz im Griff amerikanischer Menschheitsverbrechen, vertieft durchs bekannte NS-Opfer Meine Tochter Anne Frank, erweitert um Ulrich Tukurs Bernhard Grzimek, überdreht von zwei grundverschiedenen Interpretationen des Falls Uli Hoeneß, gekrönt mit einem wahren Meisterwerk über den Wendehals Luis Trenker.

0-FrischwocheDie Frischwoche

4. – 10. Januar

Da passt es ins Bild, dass der Januar mit einem Mann berühmten Namens beginnt, den kaum jemand kannte, bis ihn Sandra Maischberger zum Fernsehhelden machte: Der gute Göring heißt Albert und war zwar der Bruder eines gewissen Hermann gleichen Namens, allerdings – kein Scherz! – ausgewiesener Regimegegner. Aus dieser bizarren Konstellation drehte Kai Christiansen ein famoses Dokuspiel mit Barnaby Metschurat im herzlichen Clinch mit dem prunksüchtigen Reichsfeldmarschall, den Francis Fulton-Smith mit ähnlich wuchtiger Hingabe verkörpert wie zuletzt Franz-Josef Strauß. Und die Zeit nach dem vorletzten Bodensee-Tatort könnte auch schlechter sein.

Ein Sendeplatz, auf dem Nina Kunzendorf kurz heimisch war, bevor sie die hessische Mordkommission verließ, um unbeschwerter Filme wie Das Programm machen zu können. Auf gleichem Kanal kriegt sie es darin tags drauf wieder als Polizistin mit Benjamin Sadler zu tun, den sie in den Zeugenschutz begleitet, was angesichts der Besetzung spannender klingt, als es tatsächlich ist. Ereignislosigkeit steht halt nicht immer für wohltuende Distinguiertheit, sondern manchmal auch einfach für – Ereignislosigkeit.

Mehr los als einem lieb sein kann ist hingegen im Arte-Schwerpunkt zu den Pariser IS-Anschlägen, der sich am Dienstag vier Stunden lang ab 20.15 Uhr wohltuend um die Ursachen des Terrors kümmert, statt wie üblich nur die Folgen. Irgendwie auch im Reich der Informationsmedien spielt am Donnerstag das absolute Highlight der Woche, aber eben nur irgendwie. Im Sandro-Report (ARD, 22.45 Uhr) persifliert Olli Dittrich als Außenreporter Sandro Zahlemann das Genre rasender News. Lachen, das im Halse stecken bleibt, garantiert.

Viel weiter unter verhakt sich längst alle Heiterkeit der RTL-Serie Der Lehrer, die Donnerstag in Staffel 4 geht. Dennoch bleibt Hendrik Duryn Deutschlands glaubhaftester TV-Pädagoge, wenn nicht der einzig glaubhafte überhaupt. Glaubhaftigkeit ist ein guter Übergang zur schwarzweißen Wiederholung der Woche, am Dienstag um 16.10 Uhr auf Servus: In Die zwölf Geschworenen versuchte Henry Fonda 1957 den Rest der Jury in einem beispiellosen Kammerspiel von der Unschuld des Angeklagten zu überzeugen. Apropos: im farbigen Tipp namens Reifezeugnis, dem letzen von Wolfgang Petersens sieben Tatorten (Samstag, 22.45 Uhr, HR), startete Nastassja Kinski 1977 ihre Weltkarriere als Lolita, die das Attribut unschuldig neu definierte. Für den Doku-Tipp (Donnerstag, 23.45 Uhr, RBB) reiste der neuseeländische Saxofonist Hayden Chisholm zwei Jahre durch Deutschland, um den Sound of Heimat zu entdecken, Volksmusik, die vermutlich nur ein Außenstehender so vorurteilsfrei ergründen kann. Toll!


In Memoriam: Lemmy Kilmister 1945 – 2015

Lemmy-03Jacky and Lemmy

Sind 70 Jahre jetzt viel oder wenig? Lemmy Kilmister (Foto: Mark Marek), trinkfeste Trutzburg des Rock’n’Roll alter Schule, ist trotz seines selbstzerstörerischen Lebensstils vergleichsweise alt gestorben – an Krebs! Ein wehmütiger Nachruf auf die Zeiten des Ausbrennens, denen sich der Wegbereiter des Heavy Metal aus allen möglichen Gründen unterzogen hat, aber gewiss nicht nicht fürs Marketing.

Von Jan Freitag

Das Leben spielt bisweilen ein seltsames Spiel mit dem Tod. Während es auserwählte Schauspieler mit kaum 25 schuldlos aus einer kalifornischen Highway-Kurve reißt, nachdem James Dean kurz zuvor noch glaubhaft für Verkehrssicherheit geworben hatte, kriegt das Propagandafilmfossil Jopi Heesters fast die fünffache Zeit auf Erden, ohne je irgendwas am ersten Drittel seiner rückgratlosen Karriere bereut zu haben. Und während kettenrauchende Altkanzler schon mal unbeirrbar auf die 100 zumarschieren, sorgt ein pfleglicherer Umgang mit dem Körper noch lange nicht für vergleichbar hohes Alter. Wobei: 50 Jahre Rock’n’Roll mit einer Flasche Whisky täglich – ist das nun eigentlich viel oder wenig? Dazu würde man gern einen befragen, der das alte Rock’n’Roll-Motto live fast die young länger als die meisten seiner Kollegen zelebriert hat. Lemmy Kilmister zum Beispiel.

Doch Lemmy Kilmister ist tot.

Gestern Nacht ist der scheinbar unverwüstliche Berserker am Bass daheim in Los Angeles gestorben. Im geradezu biblischen Bühnenalter von 70 Jahren. Weshalb Außenstehende, die den Sänger, genauer: Brüller der Hardrock-, genauer: Multiplerock-Band Motörhead nur noch aus ihrer Blütephase in Erinnerung haben, kurz stutzen dürften: Wie – der hat noch gelebt? Ja hat er und zwar länger als so mancher Geschlechtsgenosse mit artgerechterem Alltagsverhalten. Länger vor allem, als der Mythos dessen, was Ian Fraser Kilmister zu seiner Lebensmaxime gemacht hat, seit er sein Elternhaus im walisischen Seebad Benllech bereits als Teenager verlassen hat. Berufswunsch, so schien es früh, termingerechter Eintritt in den „Club 27“, zum himmlischen Exzess mit Joplin, Morrison, Winehouse, Georg Trakl, den genialen Todesverächtern des globalen Pop.

Für diese Mitgliedschaft hat Lemmy Kilmister fast alles getan. Er hat gesoffen und geraucht und gespielt und gehurt und immer noch mehr von allem, bis ihn ein Herzleiden vor zwei Jahren erstmals wirksam in seine Schranken wies. Bis dahin hatte er angetrieben von Jack Daniels und zwei Päckchen Kippen pro Tag getan, was hedonistische Agnostiker halt tun dürfen, um die Gesundheit im Diesseits so zu ruinieren, dass fürs Jenseits keine unerfüllten Wünsche offen bleiben. Nur: dieser zügellose Pastorensohn aus dem mittelenglischen Stoke-on-Trent, Heimathafen sturmumtoster Berühmtheiten vom Titanic-Kapitän Edward J. Smith über Robbie Williams bis zum Darts-Champ Phil Taylor – er hat es partout nicht vermocht, den frühzeitig eingeleiteten Selbstzerstörungsprozess auch zu vollenden, bevor ihn allen Ernstes ein bösartiger Krebs in wenigen Tagen dahingerafft hat.

Also doch nicht der Rock’n’Roll, dieses gefräßige Monster des Showbiz. Für derartige Nachsichtigkeit hinterlässt ihm Lemmy nun ein Werk, das seinesgleichen sucht im Genre grölender Gitarren und rasender Drums. Schon nach seinem Schulabbruch suchte er in diversen Bands seines Exils Manchester nach dem rauen Sound der Zukunft, die Anfang der Sechziger noch ziemlich brav klang. Das änderte sich Ende des Jahrzehnts, als er einem gewissen Jimy Hendrix kurz vor dessen Eintritt in den 27er Club als Roadie diente und 1972 mit der britischen Spacerocklegende Hawkwind jene Art struppiger Musikgeschichte schrieb, die drei Jahre später mit der Gründung von Motörhead endgültig zum Mythos reife.

Denn ein  Stahlgewitter wie das des unpolitischen Nazidevotionaliensammlers Kilmister hatte es bis dahin selbst im aufblühenden Hardrock nie gegeben. Das dissonante Hochgeschwindigkeitsstakkato, Lemmys monoton gegrölter Gesang, all die krachende Antiharmonie zwischen ungeborenem Punk, frisch geschlüpftem Heavy Metal und geriatrischem Blues radikalisierte seinerzeit den Härtegrad von Black Sabbath oder AC/DC auf eine Weise, die noch eine Weile brauchte, um hörbar zu sein. Zwei Jahre, um genau zu sein – dann machte Motörheads selbstbetiteltes Debütalbum lautstark auf sich aufmerksam. Drei weitere, dann gebar der Bandkopf/geist/bauch Kilmister mit Ace of Spades einen Meilenstein des Genres – und sich selbst als Ikone fröhlicher Destruktivität am eigenen Leib, die im glattgebügelten Popgeschäft allenfalls in PR-bewussten Rotzlöffeln wie Pete Doherty noch kurz mal aufblitzt.

Kotelettenbärtig und warzenversehrt stilisierte sich der Bürgersohn von vergleichsweise kleinem Wuchs mit Cowboyhut und Eisernem Kreuz dagegen fernab aller Postertauglichkeit zur Ikone einer vergehenden Zeit, in der ein Leben noch on stage verglühen durfte, ja musste. Verglüht ist sie nun jedoch nicht an Sex’n’Drugs’n’Rock’n’Roll, sondern einer schnöden Massenkrankheit namens Krebs. Im Verhältnis zum Leben erstaunlich spät und doch, wie immer, wenn Geschichte vergeht, viel zu früh. Darauf einen Jack and Coke mit Kippe.

Mehr Bilder, Sound und Kommentare auf ZEIT-Online


Das Musikjahr 2015 & seine Top 10

imagesHey Herz!

Das Musikjahr 2015 war eins wie jedes andere und doch wie immer unvergleichlich, vor allem aber unübersichtlich. Die freitagsmedien haben daher an mehr als 40 Popfridays versucht, ein wenig Ordnung ins Chaos von wöchentlich mehr als 5000 Neuveröffentlichungen jeder Art zu bringen, Empfehlungen auszusprechen, auch Warnungen. Alles natürlich strikt subjektiv, aber mit dem unbedingten Verlangen, Objektivität zumindest möglich zu machen. Nach knapp 150 Plattenkritiken, Künstler(innen)begegnungen und sonstigen Annäherungen an den Sound der Gegenwart, haben sich folgende Top 10 der besten Neuveröffentlichungen 2015 herauschristallisiert:

1. AB Syndrom – Hey Herz
2. Modest Mouse – Strangers to Ourselves
3. K-Flay – Life As A Dog
4. The Notwist – Messier Objects
5. Menace Beach – Ratworld
6. Oli Schulz – Feelings aus der Asche
7. Frittenbude – Küken des Orion
8. Von Spar – Rhythm
9. Paul Weller – Saturn Patterns
10. Fantasma – Free Love

Herzlichen Glückwunsch, vielen Dank und bitte viel viel mehr davon!

Eure freitagsmedien


Fahri Yardim: Kodderschnauze & Nicksidekick

tatort-hamburg-kopfgeld-bilder-138-_v-banner316_721d28Das ist doch ein Brett!

Geboren in Hamburg, spricht Fahri Yardim eher die Sprache des Kiezes als Türkisch. Die hanseatische Kodderschnauze kommt seiner Tatort-Figur Yalcin Gümer, der die One-Man-Army Nick Tschiller (Foto: Marion von der Mehden/ARD) mit lockeren Sprüchen und viel Herz auf den Boden der Realität zurückholt, sehr zugute. Das durfte der 36-Jährige erstmals 2003 in Fatih Akins Komödie Kebab Connection zeigen. Seither hat er allerdings seltener den Sprücheklopfer mit Migrationshintergrund gespielt, als man denkt. Im Doppel-Tatort Der große Schmerz jedoch (1. und 3. Januar) mischt er Hamburg wieder als deutsch-türkischer Sprücheklopfer auf.

Interview Jan Freitag

freitagsmedien: Fahri Yardim, Nick Tschiller war 2013 der Tatort-Kommissar mit den meisten Toten.

Fahri Yardim: Das überrascht mich nicht.

In seinen Fällen verliert man so ab der zehnten Leiche den Überblick. Wie viele waren es insgesamt?

Schwer zu zählen, stimmt. Aber das macht doch nichts. Unser Krimi ist eben nicht der übliche Mordfall von früher, wo die reiche Erbtante in Blankenese mit dem Kronleuchter erschlagen wird; hier geht es um einen Kiezkrieg mit Clanstrukturen. Und was soll denn das für ein Krieg sein – mit einem Toten.

Aber gefühlte 20 in eineinhalb Stunden?

Wir sind ja weder eine Polizeidokumentation noch naturalistisches Erzählkino. Wer einen Krimi so comicartig anlegt wie Christian Alvert, darf schon larger then life sein.

Darf man dann trotz humorfreier Dramatik auch lachen über all die ernst gemeinten Stunts und klatschenden Fausthiebe wider alle Naturgesetze?

Natürlich, nur zu. So dieses hassudasgesehn-Schenkelklopflachen? Logisch, gehört doch dazu. Ohne diese Distanz zur Realität sollte man sich besser all die tollen Sachfilme ansehen. Macht auch Spaß, und Genre-Kino kann man mit einem ständigen Realitäsabgleich unmöglich genießen.Fahri Yardim & Jan Freitaga

Ist dieses Genre-Kino überhaupt noch Krimi?

Actionkrimi. Es wird ja trotz aller Action weiter ermittelt. Sicher sind wir auf der Farbpalette des Tatorts eher der grellere Ton, aber das belegt doch nur die Vielfalt des Formats. Bei der vorigen Bambi-Verleihung kamen mal fast alle Ermittler zusammen, das war wie ein Klassentreffen: Es gab die ernsthaften Mitschüler aus Köln, die Zwillinge aus München, die Klassenkasper aus Münster, die Klassenbeste aus Hannover und wir waren eben die Rabauken aus der letzten Reihe, die ständig mit Papierkugeln Richtung Pult schießen.

In Kopfgeld sind es aber weit schärfere Geschosse. Ist das am Ende das Markenzeichen im Hamburger Kiezkrieg-Tatort – die Zahl der Gefallenen?

Mehr aber noch die Körperlichkeit, die Dynamik, die Inszenierung, die Kamera. In der Kombination hat es das mit dieser Geschichte in dem Medium hierzulande noch nie gegeben. Das ist großes Kino mit Fernsehmitteln. Wessen Sehgewohnheiten das verfehlt, guckt halt einen anderen Tatort, dafür gibt’s doch genug davon. Ich finde dieses Action-Fach großartig.

Auch als Zuschauer?

Und wie! Aber ich mag keine Eindeutigkeiten, sondern lass von der platten Komödie bis zum gediegenen Kammerspiel alles an mich ran. Wer immer nur Gräben aushebt, verlernt irgendwann zu abstrahieren und kann nicht wie ich selber rausfinden, welchen Actionfilm er genießen kann und welchen er zum Kotzen findet. Auch das kommt vor.

Aus welchen Gründen?

Weil sie ihr Augenzwinkern verlieren, keine Brüche zulassen und keine Süffisanz, für die ich ja in unserem Tatort unter anderem zuständig bin. Das ist doch ein Brett.

Und erdet Till Schweigers ständigen Bruce-Willis-Blick mit Kiezhumor.

Ich steh auf seine Kraft, auch weil es mir den Kontrast anbietet, meine matrosenhafte Leichtigkeit kommt immer mit einem gewissen Fatalismus daher, das finde ich spannend. Yalcin Gümer ist so ein bisschen wie der Chirurg, der nach der OP seine Schere vermisst und sagt, oha, dann müssen wir die Fäden wohl durchbeißen. Diese komödiantische Erdung hilft ihm und anderen dabei, die Ausweglosigkeit der Verhältnisse, in denen sie arbeiten, zu ertragen. Deshalb fand ich es wirklich erleichternd, wie Daniel Craig in seinem ersten Bond gefoltert wird und seinen Peiniger bittet, weiter links zuzuschlagen, weil es da noch juckt. Wobei wir diese Mischung aus Ernst und Leichtsinn gar nicht voll ausschöpfen. Aber dafür kämpfe ich; dieses Element meines Spiels möchte schließlich auch ein bisschen geschaukelt werden.

Ist der schnodderige Sprücheklopfer vom Hamburger Kiez denn überhaupt gespielt oder sind Sie das nicht ein bisschen selbst?

Das ist schon gespielt, aber natürlich liegt der mir. Ich muss da nichts mühsam hervorkramen, sondern nur den Hamburger in mir rauslassen. Als ich dem einen im Knast eine Wanze unterjubeln will und frage: „Sach ma, wie talkst du eigentlich mit mir“ – dieses Lokalkolorit kannst du dir nur schwer anlernen, das kommt aus dem Innern.

Versucht man Ihnen deshalb gern diese Alder-Digger-Rollen anzudrehen?

Nein, leider nicht. Ich hatte davon vielleicht drei seit Kebab Connection und das ist zehn Jahre her. Umso mehr freue ich mich hierüber. Es stimmt natürlich: Schubladen können tief sein. Aber meine öffnet sich gerade in letzter Zeit immer weiter, dass ich mich sogar freue, wieder mal einen wie den hier zu geben. Jeder hat in seinem Job Handgriffe, die er besser beherrscht als andere. Yalcin geht mir gut von der Seele. Meine Schauspielausbildung war das Leben in Hamburg.

Aber schon auch die Schauspielschule.

Die auch, am Theater sogar, aber das würde ich nicht zu hoch hängen, da ist noch viel Luft nach oben. Film lernt man ohnehin erst richtig beim Drehen.

Versucht man türkischstämmige Schauspieler wie Sie türkischstämmig zu besetzen?

In vielen Fällen leider schon, noch immer. Und was noch schlimmer ist: auf dieser Ebene ist das Angebot der Rollenprofile trotz aller Erfolge, das aufzubrechen, sogar so dünn, dass Türken im Film noch immer entweder Gemüseverkäufer oder Kriminelle sind. Da hatte ich großes Glück, dass die entscheidenden Leute in mir eine Charakterlichkeit jenseits meiner Herkunft erkannt haben.

Welcher Name ist Ihnen dann lieber: der türkische Yalcin oder der deutsche Daniel in der Komödie Irre sind männlich?

Daniel ist ein Liebessuchender, wie es ihn auf der ganzen Welt gibt. Der könnte auch Ching Lee heißen. Am Namen kann man keinen Charakter festmachen, und Migrationshintergrund heißt Hintergrund weil er im Hintergrund ist. Er rückt allerdings in den Vordergrund, wenn meine Figur in gebrochenem Deutsch „Gürke verkaufe“ will. Das ist mir einfach zu platt. Mir geht’s immer um die Geschichte einer Figur; wenn ich hier jetzt ’n Dicken schieben möchte, würde ich dazu ein paar Philosophen zitieren über allzu Menschliches, aber es geht auch einfach: je tiefsinniger eine Rolle gebaut ist, desto unwichtiger wird die nationale Schublade.

Ihr Hintergrund ist also nicht mehr zu sehen?

Doch, guck mich doch mal an. Und er darf auch eine Rolle spielen. Wenn das interessant ist, würde ich gern alles Mögliche spielen, was mit irgendwelchen Hintergründen zu tun hat. Rein physiognomisch steht mir ja der gesamte Mittelmeerraum offen. Andererseits bin ich ein moderneres deutsches Gesicht. ich werde seit 33 Jahren hier sozialisiert und schnuppere seither dauernd deutsche Luft – es erzählt viel über denjenigen, der einen wie mich immer noch türkisch konnotiert. Wenn man mich fragt, wo kommst du her, sage ich: aus meiner Mudder.

Was hat die eigentlich gesagt, als Sie Schauspieler werden wollten?

Weil ich in unserer Dynastie der erste Schauspieler bin, hat sie genau wie mein Vater anfangs ein bisschen dran geknabbert. Der Deal war deshalb, dass ich auch ein bisschen studiere, Germanistik und Ethnologie. Dann ging’s.

Und als Sie vor zehn Jahren ohne Uniabschluss Schauspieler waren und im Film angekommen sind: war der Tatort da eine Option oder überhaupt nicht auf der Agenda?

Null. So ein Format ist in der Branche zu präsent, um nie dran zu denken, aber das war viel zu weit weg. Es ging ganz langsam dahin, Schritt für Schritt.

Und wie fühlt es sich jetzt an – nach Etappe oder nach Ziel?

Der Weg bleibt das Ziel. Es ist eine Riesenaufgabe, so viel Vertrauensvorschuss, wie ich erhalten habe, auch gerecht zu werden. Außerdem trage ich trage ich große Verantwortung, für all die vielen Leute, die das gucken, einen guten Job zu machen. Trotzdem möchte ich niemals nur Kommissar sein. Bei einem im Jahr, bleibt Platz für anderes.

Und wenn Nick Tschiller alle Gangster in Hamburg abgeknallt hat?

Siedeln wir dahin, wo noch welche sind.


Das TV-Jahr 2015 & was 2016 kommt

deutschland-83Kunstfiguren & Nachtgespenster

Das Fernsehjahr 2015 geht zu Ende – und hinterlässt den Eindruck dauernder Krisen und gelegentlicher Lichtblicke. Ein Rückblick mit Ausblick auf 2016.

Von Jan Freitag

Die Zuschauer, das zeigt wie jedes Fernsehjahr auch dieses, dürsten nach Dichotomie. Wahre Helden strahlen ja erst dann so richtig, wenn ihnen ein zünftiger Antagonist in die Heldenparade fährt. Und auch sonst sind Programmplaner gut beraten, von der hiesigen Schnulze über seriellen Import bis hin zum profanen Fußball für Gegensatzpaare zu sorgen, am besten gut vs. schlecht.

Muss aber auch nicht.

Im Mai traten Margarita Broich und Wolfram Koch das Erbe ihrer hessischen Vorgänger an und brachen dabei jenes Gesetz, dem sich die Berliner Meret Becker und Mark Waschke bedingungslos beugten: Tatort-Kommissare sind wie Feuer und Wasser. Auch die harmonischen Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs brechen daher TV-Recht, wenn sie in Nürnberg kollegial statt feindselig ermitteln. Der Dauerbrenner machte es 2015 also vor: dichotom muss nicht dissonant heißen; hybrid darf einträchtig verlaufen. ZDF und Sat1 zum Beispiel können grundverschiedene Versionen desselben Falls verfilmen – das öffentlich-rechtliche Dokudrama mit Thomas Thieme porträtierte den gestürzten Bayernboss Hoeneß nüchtern, doch ebenso unterhaltsam wie Uwe Ochsenknecht als überdrehter Knastkönig Udo Honig.

Auch auf internationaler Ebene ging es ganz friedlich um einmütige Teilung. Im Arte-Experiment Tandem fiktionalisierten Deutschland und Frankreich im Januar ihren Umgang mit Kernenergie, was rechts des Rheins (natürlich) zu einem atomkritischen Krimi führte und links (natürlicher) zu einer heiteren Provinzposse. So ging es weiter: Mitte Juli kehrte Cordula Stratmann nach langer Abstinenz auf den Bildschirm zurück und karikierte für die ZDF-Serie Ellerbeck fürsorglich Provinzpolitik, um ihre Kuhflüsterin Tage später rüde im Klischeebad der ARD zu ersäufen. Oder Oli Dittrich: Erst persifliert seine sendungsbild34404_v-zweispaltigKunstfigur Schorsch Aigner den schlingernden Franz Beckenbauer im WDR am Rande der Deckungsgleichheit (was die kritiklose Hommage des Autorenfilmers Thomas Schadt zum 70. des Kaisers noch peinlicher macht), dann verschleudert er sich als schwuler Friseur der NDR-Comedy Jennifer. Und kaum dass die ARD ihrem Vorabend mit Sibel & Max etwas Niveau abseits vom Schmunzelkrimi verpasst, fährt sie das Werbeumfeld mit Unter Gaunern kalauernd an die Wand.

Es war eben doch ein Jahr von Spaltung, Angst und Krise, was sich allein in sechs Serien zum Endzeitthema Zombies äußerte und nach fast jeder Tagesschau. Während von Paris über Athen, Ankara, Passau und zurück die ARD-Brennpunkte glühten, während Björn Höcke sein Talkshowmobiliar Schwarzrotgold dekorierte und Roger Köppels Sturmbannführermimik hart statt fair 4. Reich spielte, während Hajo Seppelts Doping-Doku die Leichtathletik zur Hölle schickte und Daniel Harrichs Spielfilm Meister des Todes den Waffendealer Heckler & Koch, während das Literarische Quartett Streitkultur simulierte und Beckmann einen Sachfilmer, gab‘s im Stahlgewitter der Realität aber auch Lichtpunkte.

Lustiges wie Vorsicht vor Leuten vom Stromberg-Duo Feldhusen/Husmann, Absurdes wie Axel Milberg als Liebling des Himmels, Famoses wie Luis Trenker alias Tobias Moretti, Außergewöhnliches wie die Anwaltssaga Schuld, Brillantes wie das Politikerbashing Eichwald MdB, ja selbst privat Überzeugendes wie die Hospizserie Club der Roten Bänder (Vox) oder Deutschland 83, mit dem RTL positive Kritik, aber negative Quoten erntete. So zählt die – neben Weissensee – beste deutsche Serie des Jahres zu dessen Flops und reiht sich ein zwischen Raab & Jauch, Borg & Blochin, Naidoo & Winnetou, Verbotene Liebe & Two and a Half Men in die Liste der Verluste.

Auf der landen nun auch das Nachtgespenst Domian, der WG-Genosse Alsmann, die totverjüngte Stadlshow und ZDF-Kultur, womit Musik fern von Schlager und Pop aus dem Regelprogramm verschwindet. Das kriegt dafür einen Jugendkanal im Netz nebst Schulz & Böhmermann als Talkgespann auf ZDFneo, das zwar jeden Platzhirsch alt aussehen lassen, aber keine Konsequenzen haben dürfte, weshalb Illners Urlaubsvertretung Dunja Hayali auch 2016 allenfalls ersatzweise glänzen darf.

rosaDa Streamingdienste wie Amazon und Netflix mit Mr. Robot und Narcos zugleich zeigen, was Innovation ist, wirkt das Fernsehen immer gestriger: RTL holt Winnetou aus den Jagdgründen und Kabel1 die Ludolfs; Steven Gätjen wird der neue Gottschalk und Anne Will die alte Jauch; im Februar setzt das Erste Operation Zucker fort, um die Missbrauchskrimiquote von 25 Prozent zu erfüllen, und Sat1 Die Hebamme, weil, äh… Der Bodensee kriegt bessere Ermittler plus Heike Makatsch als Event, auf das im Herbst der 1000. Tatort folgt, den Borowski/Lindholm gemeinsam betreten.

Zwischendrin steigern die Privaten das Quizzen auf 500 Questions (RTL) und klauen lieber mies bei Sherlock als Einstein gut zu schreiben (Sat1). Und wenn Das Schweigen der Beate Tschäpe im ZDF läuft, bevor der Prozess endet, zeigt sich: Bald wird das erste Dokudrama seinem Thema zuvorkommen. Spätestens dann wechselt LeFloid zur Tagesschau.


Leichenzähler & Auftragskiller

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

21. – 27. Dezember

Warum die Zeitspanne von Heiligabend bis Heilige Drei Könige „zwischen den Jahren“ heißt, zählt zu den großen Rätseln kalendarischer Ordnung. Rein rechnerisch befindet sich in dieser „Rauhnächte“ genannten Zeitspanne ja höchstens ein Sekundenbruchteil, der im aktuellen Fall auch noch entweder zu 2015 oder 16 gehört. Es ist ein Mysterium… Aber immerhin eins, das dem Fernsehen ermöglicht, die vergangenen elfdreiviertel Monate fristgerecht zu resümieren – davon zeugen all jene Rückblicke, die „zwischen den Jahren“ üblicherweise das Programm füllen. Humoristische ebenso wie melodramatische, menschliche und tierische, sachliche oder polemische, sinnvolle, sinnlose, sinnsuchende – alles dabei.

Trotz aller retrospektiven Redundanz ist allerdings stets eine Zahl mediensoziologisch bedeutsam, die erst seit dem ersten Tatort-Auftritt von Til Schweiger im Jahr 2013 so richtig zum echtzeitnostalgischen Repertoire zählt: Wie viele Tote verbucht Deutschlands wichtigste Krimireihe heuer? Antwort, Tattatusch: 111. Das hat die Fan-Seite Tatort-Fundus ermittelt und damit 39 weniger als im Vorjahr, das für seinen Rekord sogar vier Filmen weniger benötigte als der Zweitplatzierte 2015, nämlich 36, Schnitt damals: 4,16 pro Episode.

Verantwortlich für diese Mortalitätsrate waren allerdings auch zwei besonders produktive Leichenzähler: Hessens Premium-Ermittler Felix Murot, gespielt vom famosen Ulrich Tukur, dessen theatralisches Massaker Im Schmerz geboren förmlich in Blut badete, ohne dabei abzusaufen. Und natürlich Nick Tschiller, gespielt vom nicht ganz so famosen Schweiger, dessen fatale Brutalität der ersten zwei Fälle (die Montag und Mittwoch um 21.45 Uhr wiederholt werden) den wirklich einzig denkbaren Daseinsgrund des selbstverliebtesten Filmdarstellers weltweit und vermutlich darüber hinaus bildet.

0-FrischwocheDie Frischwoche

28. Dezember – 3. Januar

Nachdem er die Kadaverquote von stolzen 2,75 durch Verlegung seines dritten und vierten Ballerballereinsatzes infolge der Pariser Anschläge am 13. November nicht heben helfen durfte, treibt er nun also gleich zum Auftakt die des nächsten Jahres empor. In seiner Doppelfolge Der große Schmerz mäht Tschiller Freitag und Sonntag fiese Entführer der eigenen Familie nieder und kriegt es, kein Scherz, mit Helene Fischer als Auftragskillerin zu tun, was diesen Kommissar endgültig als reine PR-Kampagnen seiner selbst – vermeintliches Techtelmechtel bei den Dreharbeiten inklusive – entlarvt, aber so läuft‘s halt in Krimiland D, das sich seit Ewigkeiten nur noch um sich selbst dreht.

Das kann durchaus auch mal sehenswerte Konsequenzen haben wie die Filmauskopplung der ARD-Serie Mord mit Aussicht, in der es Sophie Haas heute (wie es offenbar allen langjährigen TV-Kommissaren irgendwann in der Karriere zu wiederfahren hat) selbst unter Mordverdacht gerät. Es kann auch die Realität zum kriminalistischen Spielfeld machen, was ZDF am gleichen Tag ab 7.20 Uhr früh macht, wenn der Spartenkanal parallel seinen Mördertag einläutet – mit 25 Dokumentationen bis weit nach Mitternacht, darunter eine frische Reihe namens „Überführt“, in der Presenter Joe Bausch, bekannt als Kölner Tatort-Pathologe, zum Auftakt den Bankräuber Siegried Massat porträtiert.

Unter Krimi verbuchen Programmplaner gern auch die Vierschanzentournee, mit der ARZDF ab sofort inklusive Trainingssprüngen, Hintergrundmüll und Starrummel geschlagene zwei Wochen Tagesgeschäft bestreiten, was sich extrem von jener Ära unterscheidet, da diese Leibesübung noch nebensächlicher Bestandteil der SPORTreportage war, die am Sonntag seit genau 50 Jahren Randsportarten einen Platz im fußballgemästeten Fernsehen garantiert.

Aber damit zu erbaulicheren Dingen jenseits der zwei Megathemen des Mediums: Ebenfalls heute zeigt Arte ab 20.15 Uhr mit Mein Onkel, Schützenfest und Playtime drei Klassiker des stummen Slapstickgenies Jacques Tati, die alle auf ihre Art ohne viel Getöse zum Niederknien sind. Zwei Tage darauf zeigt der Schwestersender 3sat ab 6 einen 24-stündigen Marathon voller Kabarett und Comedy, was um 23.45 Uhr Perlen wie Wir sind Kaiser (ab 23.45 Uhr) aufreiht, in denen der österreichische Komiker Robert Palfrader Stars zur Audienz lädt.

Nicht ganz so lustig, aber ungeheuer gehaltvoll geht es in den Wiederholungen der Woche zu. In Marilyn Monroes tiefgründigstem Film Misfits verschlug es sie 1961 nach einem Buch ihres Mannes Arthur Miller zur schwarzweißen Pferdejagd in die Wildnis. (Montag, 23.55 Uhr, Servus). In Farbe dagegen verliebte sich Robert Redford 1973 als konservativer Snob in eine linke Aktivistin der 50er Jahre (Wie wir waren, Dienstag, 0.25 Uhr, Servus). Und als Doku der Woche: Die bildgewaltige Reise des Illustrators John Howe Auf den Spuren der Hobbits durch die Drehorte des Neuseelands von Regisseur Peter Jackson (Dienstag, 14.45 Uhr, Eins Festival).


Jennifer: Dittsches Friseur & Winsens Luhe

sendungsbild34404_v-zweispaltigJ wie Jauche

Was Oli Dittrich anfasst, wird gemeinhin zu Gold. Die norddeutsche Provinzposse Jennifer (ab 23. Dezember, 22.25 Uhr, NDR) dagegen droht schon zum Auftakt im Pointensumpf zu versinken – wäre da nicht Dittsches überdrehte Wahrhaftigkeit (Foto: NDR) als schwuler  Friseur.

Von Jan Freitag

Das Klischee ist ein dramaturgisches Windei. Dem Französischen entlehnt, bezeichnet es endlos erwärmten Kaffee diverser Mahlzeiten, der bei jedem Frühstück abgestandener schmeckt, aber den Geldbeutel schont. Ist Altware frei verfügbar, muss man sich grad unterm öffentlich-rechtlichen Kostendruck nichts Neues zulegen – das gilt fürs Personal ebenso wie für Inhalte. Was wiederum nirgends deutlicher wird als im hiesigen Fernsehhumor. Friseure zum Beispiel sind darin grundsätzlich schwul, ihre Kolleginnen pink, Discobesitzer schmierig, Omas altklug und Taxifahrer schlichten Gemüts.

Womit wir in Winsen an der Luhe wären, einer ziemlich trostlosen Schlafstadt vor den Toren Hamburgs, die es zu Hunderten gibt in Deutschland: bevölkert von ganz gewöhnlichen Leuten mit ganz gewöhnlichem Leben in ganz gewöhnlicher Umgebung, Leuten wie Jennifer – meint man zumindest beim NDR. Ab heute schneidet sie dort der Provinz das Haupthaar, genauer: sie schnitt. Weil sich Inhaber Sandro mit einem Föhn erdrosselt hat, leitet sein Lebenspartner Dietmar nun den Salon „Hair & Care“ und erteilt der Friseurin in Ermangelung eines Gesellinnenbriefs gleich mal Scherenverbot, was ihre resolute Großmutter (Doris Kunstmann) ebenso auf den Plan ruft wie Freundin Melanie (Laura Lo Zito), die der Obertitelfigur dabei helfen, den Untertitel umzusetzen: Sehnsucht nach was Besseres.

Diese Hassliebeserklärung an eine bildungsfern-proletarische Kleinstadtmittelschicht grundiert das Nischenprodukt von Regisseur Lars Jessen von der ersten bis zur letzten Minute. Damit hat der Regisseur Erfahrung: Schon in Dorfpunks und Fraktus hat er den Alltagsfreaks seiner küstennahen Heimat filmische Denkmäler gesetzt. Auch auf das von Jennifer mit J wie Jauche scheißen die Tauben der norddeutschen Tiefebene daher dauernd Landeihumor der Güteklasse C mit allem, was die Region im Regelfernsehen symbolisiert: angefangen mit einem seltsam sangsingenden Dialekt, der wohl ortstypisch wirken soll, aber klingt, als stecke Dieter Bohlen und Heidi Kabel in einen Sack Hafenarbeiter mit Gesichtslähmung.

Doch nicht nur umgangssprachlich ersäufen die Bücher von Andreas Altenburg aus dem holsteinischen Kohldelta Dithmarschen und seinem Stenkelfelder Kollegen Harald Wehmeier den Pöbel mit doppeltem Präteritum (ich war gewesen) und Dativdrehern (lern du mich nicht die Welt kennen) im Klischee intellektueller Schlichtheit. Sie lassen auch dramaturgisch kein ungefärbtes Haar an ihren Protagonisten. Als anspruchsvoller, zur Differenzierung bereiter Zuschauer könnte man heulen – schimmerte nicht immer wieder mal ein barmherziger Glanz durch die halbstündigen Episoden.

Das liegt an Katrin Ingendoh, deren hingebungsvoll prollige Jennifer schon in den ersten drei Folgen von Haarverlängerung über Eventmanagement bis Immobilienmarketing drei völlig verschiedene Wege nach was Besseres einschlägt. Mehr aber noch liegt es an – wem sonst? – Olli Dittrich. Sein ostentativ schwuler Dietmar ist so heillos überfrachtet mit Friseurvorurteilen jeder Art, dass es schon wieder witzig wird. Schließlich persifliert ihn der wahrhaftigste aller Persönlichkeitsparodisten im Land aus dem reichhaltigen Füllhorn seines Dittsche-Universums punktgenau zwischen Empathie und Fremdscham. Wie diese liebenswert bemitleidenswerte Knallcharge dank achtelprominenter Anekdoten von Vicky Leandros‘ Beleuchter, mit dem sie mal beinahe befreundet gewesen sei, aufdringlich Eindruck schinden will und doch selbst beim leicht erregbaren Salonpublikum nur Mitleid erntet – das karikiert die Abgründe tradierter Hierarchien schmerz- und lachhaft zugleich.

So gerät Jennifer am Ende doch zu etwas, das bisweilen mehr Charme als Fremdscham entfaltet – in den Pointen gern leicht bis schwer drüber, auf der Metaebene zuweilen küchenpsychologisch unterhaltsam. Kein Tatortreiniger also, kein Dittsche, nicht mal Mord mit Aussicht, sondern einfach nur betuliche Provinzialität als nettes Betthupferl ab zehn. Hätte schlimmer kommen können, geht noch bedeutend besser.