Judith Rakers: Sachlichkeit & Glamour

Keine Pfauenräder

Seit neun Jahren spricht Judith Rakers die Tagesschau, halb so lang leitet sie an der Seite von Giovanni di Lorenzo den NDR-Talk 3 nach 9. Und seit die schöne Vollblutjournalistin aus dem eher glanzlosen Paderborn auch noch den glamourösen ESC in perfektem Französisch präsentierte, ist klar: Diese Frau kann beinahe alles. Außer kochen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Rakers, sind sie naturblond?

Sie als Blatt für Intellektuelle sprechen mich als erstes auf meine Haarfarbe an? Ja, ich bin blond, hab aber auch ein paar helle Strähnchen. Warum fragen Sie.

Spielt das Äußere in seriösen Formaten wie Tagesschau und 3 nach 9 eine Rolle?

Wäre es so, würde ich meine Haare eher dunkel färben, weil das Blonde bei Frauen noch immer mit Vorurteilen behaftet ist; meine Haarlänge und -farbe gilt manchen sogar als kommerziell, da wurde mir auch schon  nahe gelegt, sie kurz zu schneiden.

Auf die Nachrichtensprecherinneneinheitslänge in Kinnhöhe.

Richtig. Aber auch dem habe ich mich verweigert, obwohl es angeblich seriös wirkt. Hätte ich von Anfang an Boulevardjournalismus gemacht, hätte die blonde Schublade gepasst, so nicht.

Ist das Äußere für Sie von Bedeutung.

Wir reden aber nicht nur übers Aussehen?

Keine Sorge.

Die Optik spielt natürlich eine Rolle, weil ich in einem optischen Medium arbeite. In meinem Genre allerdings ist übertrieben vordergründige Optik seit jeher eher hinderlich. Anfangs habe ich mich deshalb gelegentlich aufs Optische reduziert gefühlt, aber ich habe meine Kollegen immer rasch davon überzeugt, dass Klischees bei mir nicht passen, ohne verkrampft Überzeugungsarbeit leisten zu müssen. Ich bin wie ich bin und wie jeder Mensch schwer mit anderen zu vergleichen..

Auch nicht mit Charlotte Roche?

Es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Wir sind verschiedene Charaktere, haben aber beide Feuchtgebiete, nur dass Charlotte drüber schreibt, ich nicht. Wir sind berufstätig und machen einen guten Job. Wir setzen uns wissentlich der Kritik von außen aus. Und wir sind beide medienerfahren.

Sie allerdings etwas mehr.

Im Nachrichtensektor vielleicht, aber bei Viva hat sie für ihre Interviews und Gespräche sogar den Grimme-Preis gekriegt. Ein großer Unterschied ist, dass sie es beim Feuilleton leichter hat. Auf ihrer Schublade steht: hochgelobte Bestsellerautorin, bei mir herrscht relativ große Unkenntnis über meine Person als solche. Viel mehr als die Tatsache, dass ich Nachrichten spreche ist nicht bekannt, kein Werdegang, nichts über sechs Jahre Hörfunk, die Zeitungsjournalistin zuvor, mein kommunikationswissenschaftliches Studium, dass ich für der „Brigitte“ ein Format entwickelt habe. Wenn sich jemand die Mühe gemacht hätte, wäre bekannter, dass es auch Gemeinsamkeiten mit Frau Roche gibt.

Oberflächlich wirken Sie bodenständiger.

Sehen Sie? Falsch! Charlotte ist Charlotte. Ich arbeite da nicht an Gegenentwürfen, weder zu ihr noch zu anderen, auch nicht zu ihrem Fragestil etwa.

Was kennzeichnet Ihren?

Bisher die Sachebene. Als Recherche oder drei Minuten im Studio, mit Verteidigungsminister Jung zur Kundus-Affäre oder Regisseur Hirschbiegel zu Der Untergang. Interviews zur Person, wie sie jetzt auf mich zukommen, hatte ich in den letzten 15 Jahren seltener. Insofern verlagert sich meine Tätigkeit ein bisschen. Mein Ziel ist erreicht, wenn sich Information und Emotion gleichermaßen für den Zuschauer vermitteln. Talkshows dürfen krawallig sein, wenn der Gast es hergibt, aber auch lustig oder still. Im Idealfall gibt es Tempiwechsel. Die Interaktion macht die Musik.

Und Sie moderieren nur oder gießen auch mal Öl ins Feuer oder löschen es?

Beides. Es gibt Menschen, die muss man nur anticken und sie reden, bis man sie zügelt. Anderen muss man bei der Öffnung helfen und nachgrätschen. Die Konfrontationshaltung variiert mit den Gästen.

Sie gehen keiner aus dem Weg.

Das wüssten Sie, wenn Sie mal Interviews mit mir beim Hamburg Journal gesehen hätten. Ich bin geradezu abonniert auf konfrontative Nachfragen. Aber das ist bei mir kein Selbstzweck. Ich will nicht mich gut verkaufen, sondern die Geschichte des Gastes, seine Antworten. Wie ich dabei aussehe ist mir letztlich egal, selbst wenn das ziemlich blöd ist.

Das klingt nach Kokettieren.

Ist aber ist Professionalität. Und meine Haltung. Mich machen Interviewer wahnsinnig, die sich unablässig produzieren, sogar Marotten aneignen, das ist mir zu viel Personality-Show. Man muss gelegentlich seinen Standpunkt klären, aber keine Pfauenräder schlagen.

Sehen Sie sich gern im Fernsehen?

Das tut niemand. Gelegentlich muss es sein, schon um alle paar Monate mit einem Sprechtrainer an der Präsenz vor der Kamera zu arbeiten. In der Tagesschau steh ich zum Beispiel leicht schief. Das ist nichts Schlimmes, fällt aber auf und lenkt ab. Ich kriege da viele gut gemeinte Tipps von den Zuschauern, Wärmepflaster und so.

Ist Ihnen die zusätzliche Popularität durch die Talkshow lieb?

Was Popularität betrifft, kann ich mit zehn Millionen Tagesschau-Zuschauern nicht mehr erreichen. Und wenn ich sie meiden würde, wäre ich immer noch beim Radio.

Ist 3 nach 9 der erste Schritt ins Unterhaltungsfach?

Also eine Sendung mit Schlager oder Volksmusik mache ich sicher nie. Aber wenn mir früher Unterhaltungssendungen angeboten wurden, war das für mich unvorstellbar, weil ich mir da schlichweg blöd vorgekommen wäre. Jetzt, wo ich mit 3 nach 9 informative Unterhaltung mache, fragen viele: kann die das und meinten, ich solle lieber eine Kochsendung machen. Ich. In einer Kochsendung…

Sie können nicht kochen?

Überhaupt nicht. Außerdem müsste ich da eine Rolle spielen. Ich wäre wohl professionell genug, das irgendwie hinzukriegen. Bei 3 nach 9 muss ich das eben gar nicht erst.

Nehmen wir das Thema Lifestyle, dem Sie angeblich sehr zugeneigt sind.

Was glauben Sie, was mir da schon alles angeboten wurde. Ich mache keinen Boulevard.

Weil es Ihnen zu unseriös ist?

Nein, es ist eine Facette des Lebens. titel thesen temperamente ist am Ende auch Lifestyle, da geht’s um Kunst, Kultur, Design. Wenn ich mir bei 3 nach 9 einen Jorge Gonzalez einlade, ginge es eben nicht um seinen Job als Heidi Klums Topmodel-Juror, sondern, wie er in seiner kubanischen Heimat als Homosexueller diskriminiert wurde. So lernt man neue Facetten an ihm kennen, die mir aufgefallen sind, weil ich neugierig war, als ich bei einem Abendessen mal neben ihm saß. Außerdem ist er studierter Nuklear-Ökologe, der für seine Examensarbeit Milchproben von Kühen bei Tschernobyl genommen hat. Wer würde das von dem denken? Wer Vorurteile sät, erntet nur Oberflächen.

Sind Sie auch privat so investigativ und offen?

Also wenn ich im Zug mit jemandem ins Gespräch komme, erzählen mir Frauen schon mal ihre Kriegserinnerungen, weil sie mein Interesse spüren. Das ist kein dummes Gelaber: mich interessiert immer das „Warum“. Deshalb hab ich auch Geschichte studiert.

Interesse allein reicht nicht, man braucht sprachliche Hebel, um Menschen zu öffnen.

Und da bin ich mal gespannt, ob mein Instrumentarium ausreicht. 3 nach 9 ist nicht genau mein Ding, weil ich schon jetzt darin perfekt bin, sondern weil ich das können kann. Und wenn ich so was spüre, mache ich’s auch. Das ist mein Naturell. Ich hab mal für den NDR eine Tanzshow moderiert, als ich noch relativ neu war. Da habe ich mich die ganze Zeit von außen betrachtet und fand das schrecklich. Das muss ich jetzt auch erst mal machen und sehen, ob ich in die Sendung passe. Bei meinem Mit-Moderator Giovanni di Lorenzo sagten vor 21 Jahren viele, was will der Yuppi aus München bei unserer Talkshow, jetzt fragen das andere eben zur „Tagesschau“-Tante. Wenn man mich 2020 bei Interviews weiter zuerst nach dem Haaren, statt meinem Fragestil fragt, hab ich was falsch gemacht. Jetzt wollen wir mal sehen, wie’s läuft.

Wussten Sie schon nach Ihrer ersten Sendung, dass es das ist – Ihr Ding?

Nicht direkt, aber ich habe schon in der Sendung in mich reingehorcht und gemerkt: Das fühlt sich gut an. Ich war die ganze Zeit bei mir, kein Tunnelblick, der unter großem Druck gerade bei Live-Sendungen entsteht. Und dann noch mit sieben Gästen plus Co-Moderator; man stellt manchmal eine Frage, nur um die nächste anzuschließen und plötzlich grätscht Giovanni rein und das Konzept ist dahin. Aber ich habe mich trotzdem wohl gefühlt.

Fühlte es sich auch wie ein Casting an?

Eher wie ein Gastauftritt. Aber das Feedback war sehr positiv, also haben sich auch andere wohl gefühlt. Kritik geht mir sehr nahe, negative wie positive.

Haben Sie sich als sechste Frau an di Lorenzos Seite seit Charlotte Roches Weggang im Februar als Konsenskandidatin gesehen?

Nein. Nie.


Tohuwabohu: Kinderkram & Privatsachen

Chaos für Verhaltensauffällige

Eine Kindersendung vom KiKa zurück ins reife Programm zu holen, klingt nach einer guten Idee. Mit Tohuwabohu bietet ZDFneo samstagsmittags jedoch bloß billigem Privatpersonal eine Werbefläche und ersetzt Inhalt durch Lärm.

Von Jan Freitag

Wer heutzutage den Fernseher einschaltet, muss oft erstmal kurz einen Blick ins Bildschirmeck werfen, um die gewählte Seite der dualen Medaille zweifelsfrei zu erkennen. Gut – Privatsender von Pro7 bis RTL erkennt man zu allen Tages- wie Nachtzeiten an sensorisch übersteuerter Inhaltsweigerung; öffentlich-rechtlich jedoch surft mittlerweile selbst Arte die Casting-Welle, und sei es mit Opernsängern. ARD-Reportagen kopieren längst das aufgekratzte Jahrmarktgeschrei kommerzieller Dokusoaps. Comedians, Kerners, TV-Köche flottieren frei zwischen den Frequenzen. Kein Wunder, dass es auch bei der neuen Spielshow auf ZDFneo nur drei Dinge gibt, die noch echt nach Staatsfunk klingen: Der Moderator Schopp heißt Jochen, was eher nach Vater als Sohn klingt. Das Finale jeder Runde nennt sich seltsam fremdartig „Herausforderung“ statt wie gewohnt „Challenge“. Und dann der Titel: Tohuwabohu. Das hebräische Wort fürs fröhliche Chaos feierte schließlich schon in der Bibel Premiere und dürfte den jungen Mitspielern ähnlich bekannt sein wie „dufte“, „galant“ oder „nichtsdestotrotz“.

Nichtsdestotrotz befinden sich die kreuzbraven Lilly, Janis, Lena und Calvin aus dem rechtsrheinischen Mittelstand aber bei einem Kanal, den angehende Teenager sonst nie, nie einschalten. Umso eifriger bemüht sich der Jugendableger des Zweiten, Publikumsalter im  Durchschnitt über 50, in keiner der 45 Minuten nüchtern, sachlich, gar erwachsen zu klingen. Je zwei B- bis D-Prominente des oberflächlichen Entertainmentfachs messen sich im Bespaßen zehn- bis zwölfjähriger Kids und führen ihre vierköpfige Jury so unterhaltsam wie möglich durch wechselnde Chall…, pardon: Herausforderungen. Weil das allein aber keinen SuperRTL-Fan vorm Flatscreen hervorlockt, wanzt sich Tohuwabohu völlig ungeniert an ferne Zielgruppen heran.

Und das gleich mal in Gestalt von Ross Antony. Bei wem dieser Namen keine Alarmglocke anwirft, wer also – was bei der Stammklientel von ZDFneo nicht unwahrscheinlich ist – nie von ihm gehört hat: Antony ist ein musikalisch gescheitertes Castingprodukt, das sich seit dem Ende seiner raspelkurzen Popkarriere tuntig-schrill über die Bühnen werbefinanzierter Sendergruppen johlt, zappelt, kreischt. Dschungelkönig ist er, Panel-Star, Raab-Inventar, solche Sachen. Und nun eben: Teilstück zeitgenössischen Kinderentertainments.

Und weil das Nachwuchsprogramm sein Publikum allerorten zusehends behandelt wie verhaltensauffällige Epileptiker vom Anspruchsdenken lerngestörter Teletubbies, tritt er nicht auf – er platzt herein und bricht gleichsam aus. Johlend, zappelig, kreischkreischkreisch. Die volle halbe Sendezeit, so unablässig, dass selbst  bei abgestelltem Ton Tinnitus droht. Wenn Rossy hört, dass er sein Zerstreuungstalent in einer Zeche belegen soll, peitscht er ein „Wow“ durch den Essener Zollverein, als hätte er dort Gold gefunden. Wenn er mit seinen Showschutzbefohlenen auf Schatzsuche geht, hagelt es „Yeahs“ wie beim Bullenzureiten. Als er das im Finale in der Tat auf einem künstlichen Tier probt, quietscht er wie ein abgestochenes Kalb.

Und die Kinder? Belohnen den Eindrucksoverkill einer Skala von 1 bis 10 stets so nah am Höchstwert, dass die nächste Kandidatin nur knapp gewinnt. Sie heißt Sonya Kraus und johlt, zappelt, kreischt sich seit ihrem Einstieg als Glücksradklappendreherin blendgranatenblond-sexy über die Bühnen werbefinanzierter Sendergruppen. Wobei durchaus bemerkenswert ist, dass ihre Schnitzeljagd durchs Kölner Schokoladenmuseum mit abschließendem Kartrennen verglichen mit Ross Antonys Infantilitätsgewitter fast seriös anmutet.

Nicht, dass hier alles Käse ist. Angeleitet vom süffig lächelnden Turnschuhmoderator Schopp wird schon auch Wissenswertes vermittelt. Die Jungen sind artig, die Mädchen wissbegierig, nächste Woche darf eins mit Migrationshintergrund mitspielen. Dennoch sehnt sich nach fünf Minuten jeder intellektuell grundbegabte Zuschauer Michael Schanze herbei. Und ein paar Antworten auf folgende Fragen: Warum macht das ZDF so etwas? Was tragen die Kandidaten der nächsten drei Folgen vom tuntig-schrillen Topmodelsucher Jorge Gonzales bis zum schön gescheiterten Castingprodukt Fiona Erdmann zur Unterhaltung der Generation Smartphone bei? Weshalb gewann Tohuwabohu voriges Jahr das TV-Lab, mit dem ZDFneo frische Formate zur Abstimmung stellt? Welche Chancen hat dieses in einer Zeit fernsehabstinenter Teenager, die ZDF womöglich für einen amerikanischen Geheimdienst halten und das „neo“ dahinter bestenfalls für einen Einzelkämpfer in der Matrix?

Ergebnis: Nichts. Gar nichts.

Tohuwabohu wird unbemerkt, ungewürdigt, ungesehen im Orkus verpuffen und trotzdem die wachsende Erkenntnis befeuern: Den öffentlich-rechtlichen Sendern fällt mit ihren Gebührenmillionen wenig mehr ein, als sich mit kommerziellem Personal im eigenen Stammpublikum unmöglich zu machen. Und zwar so lange, bis irgendwann niemand mehr hinsieht. Also auch nicht, welches Logo grad im Bildschirmeck erscheint. Das ist nämlich irgendwann völlig egal.

Der Text ist vorab unter http://www.zeit.de/kultur/film/2014-08/tohuwabohu-zdf-neo-ross-anthony erschienen


Exchef Kloeppel & Grüßaugust Schropp

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

28. Juli – 3. August

Der Gaza-Konflikt, der längst ein Gaza-Krieg ist, dominiert die Nachrichten so nachhaltig, dass selbst der Ukraine-Konflikt, der längst ein Ukraine-Krieg ist, manchmal in den Hintergrund rückt. Und wie schwer es ist, dabei Haltung zu bewahren, zeigt der tägliche Medienzank um die Deutungshoheit dessen, wo Israelkritik endet und Antisemitismus beginnt. Da ist es spannend zu beobachten, wenn die eine Übelkrähe der anderen mal ins Auge hackt. Bei der bis zur Besinnungslosigkeit israelfreundlichen Bild nämlich hat die übelste von allen – Kai Diekmann – vorige Woche eine kaum minder üble – Nikolaus Fest – offen für den Satz kritisiert, der Islam störe ihn im Ganzen mehr und mehr. Nun hätte das Springerblatt, würde es alles offen kritisieren, was darin sachlich falsch oder geistig vergiftet ist, keine dicken Lettern mehr für irgendwas anderes übrig. Aber das stünde dann auf einem seriöseren Blatt Papier.

Also eher nicht auf dem von Peter Kloeppel, der seit 22 Jahren mühevoll gegen die geistige Armut seines Arbeitgebers anmoderiert. Als der Mittdreißiger vor zwei 22 Jahren übernahm, was der damalige Tittensender RTL so als Nachrichten verkloppte, soll Senderchef Helmut Thoma ihn ja gebeten haben, sich die Haare grau zu färben, damit es wenigstens optisch einigermaßen seriös rüberkam, was er da so an Rotlicht und Blaulicht verlas. Jetzt ist sein Haupthaar tatsächlich ergraut und noch immer müht er sich redlich, gegen die geistige Armut seines Arbeitgebers anzumoderieren. Und womöglich, damit ihm nicht noch mehr Pigmente flöten gehen, ist er nun von seinem Posten als RTL-Chefredakteur zurückgetreten, was angesichts der informationellen Leere beim einstigen Marktführer fast schade ist.

Wenngleich nicht annähernd so schade wie der biologische Rücktritt eines Mannes, dem die Kloeppels der kommerziellen Mediengegenwart nie, nie, nie das Wasser reichen können. Mit 88 Jahren ist Gert von Paczensky gestorben. 1961 hatte er das seinerzeit meinungsbildende Politmagazin Panorama gegründet. Sein regelmäßig auf Sendung geäußerter Satz, „nun wollen wir uns mal ein bisschen mit der Bundesregierung anlegen“, dürfte den glattgeschliffenen Anchors heutiger Prägung in den Ohren klingeln, wenn sie mal wieder Nachrichten nach Zuschauerbedarf verhökern. Wohlfeil wie Werbeblöcke.

Jedenfalls billiger als Sky seine Abos.

Denn mit der dritten Preiserhöhung innerhalb weniger Monate macht sie der Bezahlsender zumindest für gastronomische Kunden mittlerweile unerschwinglich. Abhängig vom Standort, müssen selbst winzige Kneipen nun bald 700 Euro pro Monat zahlen, was sie sich gerade in angesagten Großstadtvierteln kaum noch leisten können. Viele von ihnen bestellen das Fußballpaket daher gezwungenermaßen ab. Skys Kalkül ist klar: Weniger Public Viewing, mehr private Kunden als bisher.

TV-neuDie Frischwoche

4. – 10. August

Mehr private Kunden, weniger Stress mit Inhalten erhofft sich dagegen Pro7, wenn es wie angekündigt seine Showoffensive gegen das scheidende Wetten, dass…? startet – was allerdings furchtbar schief gehen dürfte, wenn auch die nächsten 19 Versuche ähnlich inspiriert sind wie Himmel oder Hölle, eine Quizshow mit dem dauerlächelnden Grüßaugust Jochen Schropp, der seine Kandidaten am Samstag entweder mit Wasabi füttert oder 50.000 Euro. Da scheint also weniger Esprit mehr Quote bringen zu sollen.

Weniger öffentlich-rechtliche Kunden als verdient wird es indes auch diese Woche wieder für eine Perle des Spartenprogramms geben. Auf ZDFneo, von dessen bloßer Existenz ein gehöriger Teil des hiesigen Fernsehpublikums nicht den geringsten Schimmer hat, läuft ab Dienstag um 22.45 Uhr Masters of Sex. Klingt schlüpfrig, ist es auch zuweilen, aber nicht im Kern, also krampfhaft, sondern quasi naturgemäß. Die preisgekrönte US-Serie handelt schließlich vom real existierenden Gynäkologen William Masters, der in den prüden Fünfzigerjahren das Liebesleben der Amerikaner erkundete und dabei auf Erkenntnisse wie den vorgetäuschten Orgasmus stieß, die seinerzeit unfassbar waren. Heute bieten sie Stoff für ein zwölfteiliges Kostümfest, das diese emotional bleierne Zeit mit exakt der richtigen Würze erzählt.

Ähnlich humorvoll, aber ohne irgendwas Bleiernes drumherum, gerät das Regiedebüt des Tausendsassas Florian David Fitz am Donnerstag im Zweiten. Für die charmante Romantikkomödie Jesus liebt mich hat der Frauenschwarm nicht nur das Drehbuch geschrieben; er spielt auch noch die Hauptrolle des langhaarigen Softies, der sich als moderner Heiland durch die Gegenwart schlägt. Dass am Christentum nicht alles eitel Sonnenschein ist, zeigt dagegen das Erste am heutigen Montag, 22.40 Uhr. Die Reportage Mission unter falscher Flagge porträtiert evangelikale Hardcore-Christen in Deutschland, die tüchtig Zulauf haben. Und damit es im Glashaus nicht zu sehr scheppert, schiebt die ARD sicherheitshalber Sterben für Allah hinterher, in der es – na endlich – um deutsche Islamisten in Syrien geht. So herrscht gleich wieder Parität im religiösen Irrsinn.

Dem ja auch das Genre der Fantasy nicht vollends fern ist. Filme wie Tom Tykwers Cloud Atlas etwa, den das Erste am Mittwoch erstaunlicherweise erst nach der Wiederholung des Ehegewaltdramas Kehrtwende um 22.45 Uhr zeigt. Es ist der teuerste Film, der hierzulande je entstanden ist und trotzdem (oder gerade deshalb) chronisch unterschätzt wird. Das ist dem Tipp der Woche tags zuvor im BR sicher nie widerfahren. Dominik Grafs Frau Bu lacht gilt unumstritten seit 1995 als bester „Tatort“ aller Zeiten – und hilft Süchtigen ein wenig, den Turkey der Tatort-Sommerpause zu überstehen.


Alternativfriday: Graveyard Train, Tiny Fingers

Graveyard Train

Gibt es in Australien eigentlich Cowboys? Und falls doch – heißen die dann etwa Sheepboys und sind ganz anders drauf als ihre rindertreibenden Kollegen aus dem Wilden Westen? Tragen also keine Sporen, schießen weniger scharf, trinken nie Whisky, essen nicht dauernd dicke Bohnen am burning camp fire und vor allem: machen dort womöglich andere Musik als immer nur Country & Western? Schwer zu sagen. Vielleicht sind Graveyard Train das akustische Abbild des australischen Kuhjungen. Zum Sound flatternder Steelguitars, flehender Mundharmonikas und winselnder Banjos kündet das Debütalbum der siebenköpfigen Band von Schrecken und Schönheit der Prärie. Da schwirren die Choräle durchs Licht der Mittagshitze. Da riecht es rauchschwer nach Lagerfeuer und Saloon. Es weht allen Ernstes ein Hauch von Texas durch die elf Stücke ihres Albums Hollow. Aufgenommen wurde diese Art Americana zwar in Melbourne; tief im Herzen jedoch, weit unten in der Seele klingt sie nach den Hollywoodmythen westwärts ziehender Hirten. Ein bisschen zumindest. Und zum Glück nicht viel mehr.

Das Fundament von Hollow mag auf dem US-Folk klassischer Prägung errichtet sein. Dem, was hierzulande als Cash-Country bekannt wurde, letztlich aber nichts anderes ist als zusammengeschusterte Volksmusik eingewanderter Kulturkreise nach ihrem Weg ins Ungewisse, angekommen im Business globaler Musikvermarktung. Graveyard Train allerdings tunken das Ganze in einen Topf mit psychedelischem Indierock, sodass ihm jede Massentauglichkeit von vornherein ausgetrieben wird – und man sich umso wehmütiger an die beste Zeit dieser Art Mashup erinnert: die späten Achtziger, als Violent Femmes Folk und Punk, Status Quo und Revolte auf so verstörend harmonische Weise miteinander versöhnten, als hätten sie seit jeher zusammengehört.

Das haben sie nicht. Und irgendwie doch. Country und Alternative, angepasster und dissidenter Gitarrensound passen in lichten Momenten wie diesen zueinander wie Bohnen in den Blechnapf: Auch darin bleiben sie eine öde Pampe, erhalten durchs Klappern des Löffels aber eine ganz eigene, unwiderstehliche Würze. Getragen von Nick Finchs düsteren Zeilen über die Abgründe des Menschlichen im Umfeld von Klapperschlangen und ähnlichen Biestern, entlocken Graveyard Train ihrem Genre ein Pathos, in dem man zu versinken droht wie im Westernmythos Treibsand. Doch als ergäbe auch hier Minus mal Minus Plus, liegt gerade im übertrieben Feierlichen, ostentativ Ergriffenen, unablässig Betroffenen ein unentrinnbarer Sog. Somit wirkt Hollow wie der Soundtrack eines Abenteuerfilms, den zu drehen wir längst entwachsen sind. Und wenn Nick Finch im Track mit dem melodramatischen Titel One Foot on the Grave zu schreien beginnt wie Jack White ohne Bluesrock, spürt man: Graveyard Train sind dabei die Regisseure, Autoren, Kameramänner in einem. Im echten Leben mag der Western tot sein. Hier erwacht er zu neuem Leben.

Graveyard Train – Hollow (Cargo Records), mehr pics’n’files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/07/23/graveyard-train_18415

Tiny Fingers

Teppiche sind total aus der Mode. Fußböden flächendeckend mit Textilien zu belegen stammt schließlich noch aus einer Epoche, als Stuck schwer rückständig war und baulicher Kubismus das Maß aller Dinge. Kein Wunder, dass die verspielten Sechzigerjahre musikalisch erst durch flokatihaft psychedelischen (Kraut-)Rock abgelöst wurden und der wiederum über den Umweg des flächigen Elektrowave durch die elektronische Auslegeware des Techno. Bis auf die zeitliche Abfolge hatten die drei Stile dennoch wenig Berührungspunkte. Bis jetzt. Bis zu den Tiny Fingers. Die Rockband aus Israel vollbringt das Kunststück, die Wesensmerkmale aus vier Jahrzehnten psychoaktiver Musik so filigran ineinander zu verweben, dass daraus ein zeitloser (Achtung: Floskel!) Klangteppich entsteht, auf dem es sich überall prima laufen lässt – daheim, im Stroboskopkeller oder draußen auf der Wiese. Stocknüchtern, schwer bekifft, leicht beduselt, egal. Angetrieben von Oren Ben Davids mal peitschender, mal erzählerischer Gitarre und Boaz Benturs hypnotischem Bass, entstehen auf dem neuen Album Megafauna mehr Kompositionen als Tracks, die alle Fragen nach Analogie und Digitalität, nach Künstlichkeit und Naturalismus auf siebenmal fünf Minuten abschließend beantworten: Trancige Elektronika kann wunderbar mit der Grundausstattung klassischer Rockmusik erzeugt werden.

http://vimeo.com/86377241

Dabei kommt es dem kompositorischen Bombast ungeheuer zugute, dass das zum Quintett gewachsene Trio nach seinem viel beachteten, außerhalb Israels aber kaum gekauften Debütalbum Massive Fingers Spacetrip wieder auf alle begleitenden Vocals verzichtet. Gab Daniella Cecilia Turgeman dem Sound zuletzt etwas liedhaft Bodenständiges (was live weiterhin passiert), so finden die Tiny Fingers gewohnt instrumental wieder zum Kern ihres Schaffens zurück: die strukturlosen Soundgebilde so endlos zu verdichten, bis alles Liedhafte daran verloren geht und dennoch weiter unter der Oberfläche schlummert.

Das kann man Stücken wie Pasadena Matator anhören, die Züge robusten Hardcoremetals annehmen. Oder im nachfolgenden Cyclames mit seinem fast unendlichen Gitarrensolo. Überall jedoch wirkt die selbstreferenzielle Verspieltheit als Transmissionsriemen zwischen Krautrock, Stoner und Techno, als Missing Link zwischen berauschten Sounds verschiedener Popepochen mit ihren Krautdrogen und synthetischen Surrogaten. Gewiss, man muss sich auf diesem Phantasiewesen im Kuriositätenkabinett des Rock zuhören, um den Schreck zu verlieren. Megafauna steht nicht im Streichelzoo, sondern im Maschinenraum, dem der Schlagzeuger Tal Cohen oft etwas Industrielles entlockt. Von dort aus erzeugt das seltsame Tier Emotionen, die auf jeden Rave ebenso passen wie nach Wacken. Welche Band könnte das schon von sich behaupten?

Tiny Fingers – Megafauna (Anova Music), mehr pics’n’files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/07/09/tiny-fingers-megafauna_18338


Samy Deluxe: HipHop, Soul & Arte

Geiler Reim auf Hammer

Mit Scootershouter H.P.Baxxter moderiert gerade einer den grandiosen Summer of the 90s, der so überhaupt nicht zu Arte passt. Das war vor einem Jahr ähnlich. Damals präsentierte der Conscious-Rapper Samy Deluxe den Summer of Soul – und es war die reine Freude. Ebenso wie das Interview mit dem HipHopper made in Hamburg

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Samy Deluxe, ich wette, Sie werden gern zu ganz bestimmten Themen gefragt.

Samy Deluxe: Oh ja, Integration, Rassismus, solche Sachen.

Dann handeln wir das doch gleich zu Beginn in Stichworten ab und kommen dann zum Wesentlichen für heute – zur Musik.

Gern, nur zu.

Also: Migrationshintergrund?

Ein leeres Wort, gerade in einem Einwanderungsland wie diesen. Aber ich hab ihn, keine Frage.

Rassismus?

Gibt es komischerweise immer noch alltäglich, auch wenn Medien vor allem dann darüber berichten, falls irgendwo irgendwas oder irgendwer brennt. Wenn Thomas R. verhaftet wird, steht dahinter das Alter, wenn Mehmet R. verhaftet wird, auch dass er Türke ist. So zeigt sich Rassismus auch institutionell ständig.

Eigene Erfahrungen als schwarzer Deutscher?

Ich hatte zum Glück nie 20 Naziskins vor mir, daher eher verbaler Art. Das aber immer wieder. Ich beschäftige mich aber auch anders mit dem Thema als potenziell Betroffene sonst, da ich mich offen gegen Rassismus engagiere und mein eigenes Sprachrohr bin. Wie viel noch zu tun ist, zeigte sich ja eben bei der Vorstellung vom Summer of Soul. Da war ich der einzig dunkelhäutige Mensch unter zig Leuten im Raum, obwohl es um schwarze Musik geht.

Dienen Sie der bei Arte als Moderator, weil sie dieselbe Hautfarbe haben oder aus künstlerischen Gründen?

Ich hoffe eher letzteres, aber auch ersteres ist ja durchaus nachvollziehbar. Die hätten auch einen wie Jan Delay nehmen können, der mindestens genauso viel Ahnung von schwarzer Musik hat wie ich. Aber diese Art Minderheitenmusik von einem aus der Mehrheitsgesellschaft moderieren zu lassen – da passt einer wie ich vielleicht besser. Weiße machen doch schon alles andere in der Welt.

Was qualifiziert Sie denn inhaltlich zur Moderation?

Ich kenne jeden der Künstler, die vorkommen, und fast jeden Film, hab alle Folgen von Soul Train auf DVD, bin mit Ayo, die den Titelsong gemacht hat, befreundet und auch sonst ziemlich bewandert in diesem Genre. Da war es leicht, zuzusagen.

Zumal Sie schon Moderationserfahrung haben.

Absolut. Ich mach so was schon ewig. Auf ZDFkultur hatte ich mal eine eigene Sendung, Wo ich herkomme, ansonsten oft als Gastmoderator, zu Themen, die mich persönlich betreffen. Ansonsten steht Moderation in Deutschland ja für gar nichts mehr, die werden alle gecastet und moderieren das Zeug weg, das ihnen vorgesetzt wird.

Sie stehen hinter allem, was Sie moderieren?

Unbedingt! Ich will ja was verständlich machen, auch mir selbst. Schon bei der ersten Einarbeitung und dem kleinen Rap zur Sendung hab ich gemerkt, wie viel Spaß ich an dem Thema habe. Für eine Heimwerkersendung hätte ich bestimmt einen geilen Reim auf „Hammer“ gefunden, aber das wäre nicht ich. Außerdem finde ich es toll, dass Arte hier nicht nur ein Stück alter Kultur für neue Generationen wiederbelebt, sondern mir die Möglichkeit gegeben hat, es zu vermitteln.

Wie sind die denn auf Samy Deluxe gekommen, der ja doch eher Rapper als Souler ist?

Die haben meine One-Take-Wonders zum letzten Album gesehen: 60, 70 Zeilen live aus dem Kopf direkt in die Kamera gerappt, die Beats selbst beigesteuert und dazu noch einigermaßen cool aussehen. Das macht sonst kein Rapper der Welt und passt gut zu diesem Format.

Aber steckt bei allem Nutzen für Arte nicht auch ein wenig Selbstvermarktung da drin?

Natürlich, aber auf niedrigem Niveau. Denn Arte ist von allen Sendern, die mir so was angeboten haben, der kleinste, und dennoch der einzige, dem ich zugesagt habe. Ich hätte da die Chance zu weit größeren Selbstvermarktungsplattformen, aber die machen halt alle Bullshit.

Zum Beispiel?

Ach – Dschungelcamp, The Voice, Popstars, all so was. Aber ich stehe am Ende eben doch lieber auf der Bühne als in TV-Studios rum.

Sehen Sie denn selber fern?

Gar nicht, höchstens DVDs. Ich hab zwar einen Fernseher, der aber nicht angeschlossen ist.

Können Sie trotzdem was zum Zustand des Musikfernsehens in Deutschland sagen?

Ich weiß zumindest, dass da keine Musik mehr läuft. In Belgien, wo ich auch noch wohne, seh ich manchmal die französische Sendung Trace Urban. In Deutschland dagegen gibt’s nur Deluxe Music, wo noch richtige Clipstrecken laufen.

Den gibt’s leider nicht mehr.

Ah, sehen Sie. Deutsches Musikfernsehen ist tot.

Ist das beklagenswert?

Absolut. Es gab mal einen gemeinsamen Nenner und der hieß MTV; das haben alle Fans von Rock über HipHop bis Pop oder Techno gehört. Ohne eigene Recherche von Leuten mit echter Musikkenntnis grundversorgt zu werden, kann das Internet heute eben nicht kompensieren. Und dass man für einen Einblick ins Geschehen jetzt so sehr auf Eigeninitiative angewiesen ist, führt dazu, dass mir manche Leute auf der Straße sagen, wie geil das und das ist, von dem sie in der MTV-Zeit vielleicht gar nichts mitgekriegt hätten. Aber ebenso viele sagen: krass, ich hab seit Ewigkeiten nichts mehr von dir gehört. Machst du überhaupt noch Musik? Wo ich dann sagen müsste, Digger, ich hatte letztes Jahr ein Nummer-1-Album! Es fehlt das genreübergreifende Bindeglied der gesamten Musiklandschaft. Da geht viel Interessantes an einem vorbei. Alter, ich als Rapper hab bei MTV Heavy Metal geguckt!

Wenn das alte MTV heute einen Moderator suchen würde – wäre das was für Sie?

Na klar! Ich bin mit Yo MTV raps groß geworden, das war noch echte Subkutur. Andererseits ist auch dank MTV das Spektrum des HipHop in den Medien permanent geschrumpft, obwohl es auf der Straße zugleich ständig angewachsen ist. Gerade Fernsehen ist viel mehr Selektion als früher, alles muss in Formate passen; deshalb gibt es für Subkulturen kaum eigene Plattformen.

Sind Sie selbst nach 15 Jahren im Geschäft und vier Top-3-Alben noch Subkultur oder Ihrerseits Mainstream?

(lacht) Fiese Frage. Meine musikalische Herangehensweise ist strikt subkulturell, also nicht auf den Erfolg bedacht. Aber wenn 50.000 Leute das Ergebnis kaufen, ist das eben definitiv kein Underground.

Wie reagiert die Szene darauf, wenn einer von denen bei KiKa mitmischt oder jetzt auf Arte moderiert?

Ach, ich hör mir ja nicht alles an, was so an Blödsinn gelabert wird, und bin auch nicht der einzige Rapper, der den vielen Angeboten mal nachgeht, was anderes als HipHop zu machen. Aber es gibt natürlich gegenüber der ersten Generation deutscher Rapper mit Hintersinn ein romantisches Gefühl der ersten Stunde. Das können wir leider nicht dauerhaft bedienen. Ich entwickle mich halt genauso wie die Hörer weiter. Wenn ich bloß Dienstleister der Bedürfnisse meiner Fans wäre, kann ich auch gleich bei Penny an der Kasse stehen. Ehrlich – ich kann machen, was ich will: Heute HipHop, morgen Malen, übermorgen ein Buch, danach vielleicht was mit Film.

Kommt das alles noch?

Wer weiß, ich finde da vieles spannend. Selbst Fernsehen ist als Verbreitungsplattform grundsätzlich toll. Deshalb hätte ich auch große Lust, mal eine Talkshow zu machen. Dafür gab es sogar schon Gespräche. Und bei ZDFkultur hab ich als Finale einer fünfteiligen Deutschlandreise hier auf dem Kiez die zugehörige Talkrunde moderiert. Allerdings fehlte den Verantwortlichen dann doch der Mut, das den Revoluzzer alleine machen zu lassen. Deshalb haben sie mir noch was Öffentlich-Rechtliches zur Seite gesetzt. Die Frau war zwar ganz cool, hat aber alles verwässert. Fernsehen sollte prozesshaft entstehen, am besten nach einer Testphase im Internet. Ich find’s jedenfalls gut, dass Arte mich da jetzt mal machen lässt. Danach sehen wir mal weiter

Um dann so wie Ihr Kollege Ferris MC richtiger Schauspieler zu werden?

Hab ich von gehört. Ist davon denn mal was gelaufen?

Erfolgreich sogar. Zuletzt hat er sogar eine tragende Rolle im Tatort gespielt.

Das haben die mir auch mal angeboten. Aber als deutscher Schwarzer kriegt man eigentlich nur Drogendealer. Auf Klischees hab ich keinen Bock.


Matthias Brandt: Die Ruhe & der Sturm

Diese Augen

Matthias Brandt ist ein Phänomen: Der schauspielernde Kanzlersohn füllt jeden Bildschirm mit Leben – und bleibt dabei doch merkwürdig hintergründig. Wie auch im famosen Politdrama Männertreu beweist, wo er heute (20.15 Uhr) einen Verleger spielt, der zum Bundespräsidenten gemacht werden soll.

Von Jan Freitag

Wie man mit diesen Augen Ruhm erringen kann, ist ein kleines Rätsel. Ihre verquollene Faltigkeit erinnert zwar unweigerlich an den weltberühmten Stephan Derrick. Doch die melancholische Starre reduziert das Gesicht auf so wenige Ausdrücke, dass es ziemlich unscheinbar daherkommt. Schönheit, Glamour, Spannung darin zu entdecken, fällt daher schwer. Und man muss den Namen beim Betrachten schon mal kurz aussprechen, um darin, ja – ihn zu sehen: Willy, den anderen, den größeren, wohl größten Brandt überhaupt. Es ist sein Vater. Und diese Herkunft mag Garant für eine gewisse Eleganz im Umgang mit Bekanntheit sein; für eine große Schauspielerkarriere eher weniger. Nicht im Fernsehen.

Da ist es fürs Publikum ein Segen, dass der Sohn für den Exkanzler „eine große Enttäuschung“ war, wie Matthias Brandt seine Abstinenz von aller Politik beschreibt. So konnte er das verfeinern, was ihm trotz allem in die Wiege gelegt wurde: die Charakterrolle. Fein justiert, ohne Trara expressiv, frei von Imponiergehabe so präsent, dass der Bildschirm voll von ihm ist, obwohl er darauf oftmals völlig abwesend wirkt. So viel Bescheidenheit gestatten sich nur wenige in diesem Business. Welch ein Mann! Was für ein Talent!

Seines berühmten Namens hat es also nie bedurft, um erst im Theater, dann vor der Kamera die höchsten Weihen zu erhalten, Engagements an den renommiertesten Bühnen, TV-Preise in Reihe etwa und eine schier explodierende Zahl an Rollen, über drei Dutzend allein in den vergangenen drei Jahren. Umso mehr ist es eine Ironie der Geschichte, dass Matthias Brandt den Durchbruch im Fernsehen am Ende doch seinem Vater zu verdanken hatte. Besser noch: dessen Verräter. 2004, als der Nachwuchsfilmschauspieler mit über 40 Jahren im ARD-Zweiteiler Im Schatten der Macht ausgerechnet Günter Guillaume darstellte, jenen Mann, über den Papa Willy einst stürzte.

Eine Ironie des Mediums, seiner ganzen aufgeregten Oberflächlichkeit ist es hingegen, dass sich jemand mit derart unschillernder Ausstrahlung darin derart beharrlich festsetzt. Wobei es natürlich ein Wink des Schicksals ist, dabei immer wieder mal den Politikbetrieb verkörpern zu dürfen. So wie heute in Hermine Huntgeburths furiosen Drama Männertreu. Brandt spielt darin einen Frankfurter Verleger, der von seinem machtbewussten Umfeld zum Bundespräsidenten aufgebaut wird. Und wie er dabei scheitert und zugleich reüssiert, wie dieser PR-Profi namens Sahl jede Niederlage in einen Sieg verwandelt, jede Untiefe zum Aufstieg macht, wie er stets die Kontrolle im Aberwitz der repräsentativen Demokratie behält – das kann niemand spielen wie Brandt.

Dabei zeigt er seine wahre Güte eigentlich ein paar Erregungsstufen niedriger, in leichten Melodramen etwa wie Ein Sommer mit Paul, wo Brandt den Zauberer Raimund Balsam, dem der Tod seiner Frau neben dem Zaubern gleich den Rest des Lebens verleidet, bis das Verhältnis zu seinem assistierendem Sohn Paul (Max Schmuckert) darunter zu zerbrechen droht. Keine weltbewegende Geschichte. Und gezaubert wird auch nicht allzu viel. Doch wie Matthias Brandt die Traurigkeit seines Kurzsichtigen-Blicks darin tanzen lässt, wie er die Tristesse eines Gestrauchelten permanent mit Hoffnung versieht und selbst einem trinkenden, arbeitsscheuen, ausgelaugten, zynischen und partiell (auto)aggressiven Verlierertypen Restbestände von Humor entlockt, macht den Film zur eindrücklichen Studie unserer Zeit. In einer Spaßgesellschaft, die sich so hektisch amüsieren zu müssen glaubt, dass ihr ganzes aufgestautes Selbstmitleid darunter nur eruptiv entweichen kann. Oder eben stecken bleibt. Wie in Matthias Brandt. Seinen Augen. Und jeder seiner Fasern.

Dabei hat er schon mehrfach bewiesen, wie man seine Figuren fast ohne Mimik zum Leben erweckt. An der Seite Katja Flints verlieh er dem Single-Thema der Patchwork-Komödie Wie krieg ich meine Mutter groß 2004 so viel trübe Zuversicht, dass eine Fortsetzung (Väter, Mütter, Kinder) folgte. In Der Stich des Skorpions vermaß er einen früheren Stasi-Offizier mit der perfekten Mixtur aus Zerrüttung, Ballast und Stolz. Als Episodenpart von Tatort bis Nachtschicht macht er das, was ihm auch in seinen vielen Hauptrollen am besten gelingt: Aus dem Hintergrund nach vorn drängen, ohne dass es jemand merkt. Und zwar nicht selten im Dunstkreis bildschöner Frauen, die er auf subtile Art verzaubert, ohne dass es vom Drehbuch konstruiert wirkt.

Er verkörpert darin schließlich dass, was zeitgemäße Männer heutzutage auszeichnet: eine gewisse Selbstreduktion, die Bereitschaft, sich nicht wichtiger zu nehmen, als man ist. Zugleich aber jene flatterhafte Adoleszenzverweigerung, die eine ganze Generation männlicher Spielkinder auf der Flucht vor Verantwortung zwischen dreißig und fünfzig produziert hat. Als Vater seines Filmkindes Paul ist es Raimunds Magie, die seinen Unernst im Umgang mit Zukunftsfragen, Bürokratie oder Liebe definiert. Dass Kinder in Ein Sommer mit Paul allzu oft Dialoge vertonen müssen, die offenbar für Erwachsene verfasst waren, sei dem Film verziehen und Drehbuchautor Sebastian Schubert empfohlen, Kinderrollen künftig lieber für Kinderfilme zu schreiben, als seine Darsteller mit altklugen Aphorismen der Unglaubwürdigkeit preiszugeben. Aber auch hier ist es Matthias Brandt, der die Kohlen aus dem Feuer holt.

Und zwar ganz nebenbei, aus dem Hintergrund quasi, mit kleinen Gesten oder deren Unterschlagung. Wem sonst als dem Berliner von 52 Jahren könnte man fast zwei Minuten dabei zusehen, wie er an der Kamera vorbei ins Nichts blickt, um dem Brief seines Sohnes an die tote Mutter zu lauschen, ohne dabei einzuschläfern. Da darf er wie zuletzt ruhig mal ein paar anspruchslosere Rollen in seichteren Stoffen übernehmen – mit Matthias Brandt wird jede Hauptrolle zur Nebenrolle. Und umgekehrt. Das liegt nicht nur an den Augen.


Liebes-Aus & Python live

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

21.-27. Juli

Wenn die Nachrichten partout nichts Positives vermelden, wenn Katastrophen durchs Sachfernsehen rauschen wie Banalitäten durchs private, wenn das Sommerloch nur mit Grauen und Gewalt gefüllt wird – hilft oft nur Humor, um unsere Spezies zu ertragen. Also hat der Postillion den Nahostkonflikt zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt, und was angesichts des Leids, das die „Tagesschau“ täglich von dort vermeldet, geschmacklos klingen mag, verdeutlicht den Irrsinn dieser Welt einfach besser als manch ernste Reportage.

Schließlich reißen die bad news allenthalben auch medienintern nicht ab. Nach Karl-Heinz Böhm sind vorige Woche auch Dietmar Schönherr, Manfred Sexauer und James Garner gestorben. Am Übergang vom schwarzweißen zum Farbfernsehen haben sie ihr Medium ungeheuer bereichert – Schönherr ums Raumschiff Orion und die Talkshow, Sexauer um Pop’n‘Rock’n‘Roll und Garner um den Siebzigerjahre-Schnüffler Rockford. Im Rückblick bezeugen alle, dass früher eben doch manches ein bisschen besser war.

Passenderweise löste das ZDF seine Redaktion „Event und Show“ auf, weil es ihm mit dem Frisieren unliebsamer Zuschauervoten zu bunt wurde. Und dann verkündet die ARD auch noch das Ende von Verbotene Liebe. Für anspruchsvolle Zuschauer mag das beklagenswert klingen wie ein globales Verbot sämtlicher Schnellfeuerwaffen. Für die anspruchsvolle Literaturkritikerin Elke Heidenreich stellt das Ende ihrer Lieblingssoap Anfang 2015 hingegen nicht weniger als eine Katastrophe dar. „Nirgends gibt es Vergleichbares“, schrieb sie in der Süddeutschen. Begründung: „Die Schauspieler sind durchweg gut“ und machen ihre Sache – angeblich wie die Autoren – „mit Leidenschaft ganz fabelhaft“.

Da dürfte es zwar durchaus abweichende Meinungen geben; doch die Tatsache, dass eine bewusst überdrehte Adelssaga mit solider Fanbasis und gewaltigem Online-Zugriff aus Quotengründen abgesetzt wird, lässt die Kabarettistin zu recht fragen: „Kann man Fernsehdirektoren abwählen?“ Kann man nicht. Auch wenn die „Bild“ das gerne würde und dafür eins ihrer beliebten Lügenkonstrukte unter die schafsgleiche Leserherde streut. Diesmal über vermeintliche Kürzungen beim Tatort, die das Springerblatt mit dem erstaunlichen Paradoxon garniert, gegen Fernsehgebühren und deren sparsame Verwendung gleichermaßen zu agitieren.

TV-neuDie Frischwoche

28. Juli – 3. August

Wie zum Beweis gibt es Sonntag anders als geplant keinen neuen Tatort, sondern einen alten. Aus Köln. Von 2011. Was die Bild abermals auf die Palme bringen dürfte. Von wegen: Nix als Wiederholungen für unser GEZ-Geld. Wobei die naturgemäß das Karma der Sommermonate sind. Und wenn es mal bemerkenswerte Erstausstrahlungen gibt, dann eher auf den abseitigen Plätzen. Bei Arte zum Beispiel, wo heute der Dildo sein filmisches Denkmal erhält. Die britische Komödie In guten Händen schildert den Ursprung des Vibrators nämlich nicht voyeuristisch, sondern mit viel Gefühl für den Umgang mit weiblicher Sexualität vor 134 Jahren.

Weniger Humor, dafür noch mehr Realismus zeigt dagegen der ARD-Mittwochsfilm Männertreu. Ein Verleger (Matthias Brandt) wird darin von einer ehrgeizigen Politikerin (Margarita Broich) zum Bundespräsidenten aufgebaut. Das sorgsame Schlittern in private wie berufliche Katastrophen, hebt das Politdrama geradezu auf skandinavisches Niveau. Weniger Realismus, dafür viel mehr Humor hat die Romanze Offroad, in der das ZDF am Donnerstag neben Nora Tschirner und Elyas M’Barek auch sonst viel Bezug zur nachwachsenden Zuschauerschicht aufbaut. Passend dazu startet dort morgen Nacht mit Shooting Stars eine weitere Plattform für junge Regisseure – wenngleich Alex Schmidts Auftakt „Du hast es versprochen“ um zwei Schulfreundinnen, die am Ort ihrer Kindheit Abstand von der Realität gewinnen wollen, zwar atmosphärisch beginnt, aber banal endet.

Dennoch: so viel Platz für Neues räumen die Platzhirsche sonst nur auf ihren Spartenkanälen frei. ZDFneo zum Beispiel, wo ab Samstag der Gewinner des TV-Labs läuft. Er heißt Tohuwabohu und macht den öffentich-rechtlichen Endlosversuch, junge Zuschauer zu gewinnen, zum Inhalt einer Sendung, in der Promis eine Kinder-Jury überzeugen sollen, wer sie besser unterhält. Das ist zwar auch nicht der Stein der Entertainmentweisen, hat aber im ersten Ton der Auftaktmelodie mehr Esprit als Sat1 in 60 Minuten Neuauflage der schlichtesten Show aller Zeiten: Deal or no Deal. Ab Mittwoch moderiert Wayne Carpendale Guido Cantz’ abgenudelten Versuch, Boxen mit viel Geld unter Boxen mit wenig Geld ziehen zu lassen.

Dagegen könnte RTLs Reanimierung von Thomas Gottschalk als Moderator von 60 Jahre Rock & Pop am Freitag glatt unterhaltsam werden. Da selbst Populärkultur beim Kulturkanal besser aufgehoben wäre, sei aber doch lieber der nächste Teil vom Summer oft the 90s auf Arte empfohlen, der sich Sonnabend Boy- und Girlgroups widmet (22.05 Uhr) und tags drauf dem Aufstieg und Fall von MTV (21.55). Total Entertainment heißt die Klammer. Sie gilt quasi auch dafür, was Arte Mittwoch zuvor liefert, das wahre Highlight der Woche nämlich: Monty Python live (mostly), die umjubelte Rückkehr der Anarchokomiker nach 32 Jahren Bühnenabstinenz. Kein Feuilleton, das davon nicht geschwärmt hatte.

So wie 1955 über den Tipp der Woche geschwärmt wurde: Die Ratten, Mittwoch, 1.55 Uhr, ARD), Robert Siodmak Verlegung von Gerhard Hauptmanns wilhelminischen Sittengemälde über Reichtum und Armut in die 50er Jahre.


Reise: Kenia/Südtirol

Auseiser-alm-540x304f dünnen Beinen

Jedes Jahr ereignet sich die ungemein alpine Seiser Alm ein sportlicher Stilbruch. Dann veranstaltet die kenianische Langlaufelite ein Trainingslager in Südtirol. Und Amateure dürfen mitmachen.

Von Jan Freitag

Diese Waden, eher Striche in der Landschaft als das, was darin steckt. Fragil wie fleischarme Auberginen und beinahe so schwarz fliegen die Ausdauermaschinen förmlich über die Alm, 36 im Ganzen, 18 Paar, eines dürrer als das andere. Wer die zugehörigen Körper aus der Nähe betrachtet, könnte denken, gleich zerbrächen sie unterm Druck ihrer langen Schritte. Doch so richtig nah kommt ohnehin keiner ran, wenn diese Beine mal ins Rennen geraten. Und das tun sie eigentlich ständig.

Es ist ein bizarres Bild, das sich den Besuchern der Alpe di Siusi zur Wanderjahreszeit bietet. Seit vier Jahren trifft sich Kenias Laufelite für drei Wochen im Juli zum Trainingslager auf Europas größter Hochalm unweit von, aber doch ein Stück über Bozen. Die besten Langstreckler also – Goldmedaillengewinner, Weltmeister, Zeitminimalisten – aus dem westlichen Afrika, wo die Haut besonders dunkel ist und die Menschen besonders hager, sie bereiten sich ausgerechnet da auf die Saison vor, wo das Gebirge besonders alpin ist und deren Bewohner besonders volkstümlich, Trachtenträger mit Traditionsbewusstsein, die den Nachnamen zuerst nennen und zum Abschied Gott grüßen. Man muss kein Freund von Klischees sein, um darin einen Widerspruch zu erkennen.

Morgens um halb acht etwa, wenn sich die Gruppe auf dem Weg ins Tal begibt, 20 Kilometer moderates Tempo am Fuß der Dolomiten. Wie sie vor der ersten Mahlzeit so von Seis am Schlern aus durch Südtirol federn, bleibt den wenigen Frühaufstehern, die man jetzt auf den Straßen des betulichen Ferienorts trifft, der Mund offen. „Ist auch ein seltsamer Anblick“, staunt selbst Ulrich Banholzer. Dieser Kontrast, schwäbelt der Deutsche, den alle Uli nennen: so viele Afrikaner auf einen Haufen, in dieser Umgebung, „des isch scho ungewohnt“. Obwohl er genau dafür sogar bezahlt hat, wenn man so will.

Uli Banholzer gehört zur anderen Trainingseinheit, die dieser Tage vor Ort das Laufen übt, und sie hat unmittelbar mit dem Spitzenteam eines Sportartikelherstellers zu tun. Acht Tage wird der Hobbyathlet mit einer Handvoll Gleichgesinnter von zwei Trainern „der Unerreichbaren“, wie Banholzer die Kenianer nennt, geschult. Die Ausbilder derjenigen also, die auf jeder Distanz ein normalsterbliches Sprinttempo hinlegen und danach locker austraben. Ebenso wie das Proficamp ist auch dieses ein Mix aus Laufevent und Sightseeing, PR-Aktion und seriösem Sport. „Höhe, Klima, Leute, Versorgung, die Trainingsstrecken“, listet Olympiasieger Samuel Wanjiru auf – „hier ist alles perfekt“. Es klingt pflichtschuldig; trotzdem möchte man dem Marathonchamp seine Lobeshymne aufs Umfeld, die Unterkunft, den Spaß glauben. Trainingslager sind teuer, Tauschgeschäfte folglich unerlässlich. Hier ist es Präsenz gegen Preisnachlässe. Es ist also eine win-win-Situation für alle: Profis, Gäste, Anwohner, Amateure, besonders die.

Für Uli, den spindeldürren Single aus Rottweil zum Beispiel, der seinen ersten Marathon noch vor dem 35. Geburtstag, also bald, ins Auge fasst. Für Ursula, die 46-jährige Wirtschaftstrainerin aus Sachsen, der das Laufen als erschöpfender Prozess erst ab Kilometer 20 bewusst wird, langsam. Für Paolo, den italienischen Diabetiker von 44 Jahren, der auch aus therapeutischen Gründen seine fünfte Königsstrecke anpeilt und über die Distanzen seiner Schuhe Buch führt. Oder für Alexandra, die halb so alte Spaßjoggerin aus Guatemala, deren Tempo beim anstehenden Marathondebüt im Frühjahr deutlich anziehen muss, um nicht vom Besenwagen aufgekehrt zu werden.

Es ist ein bunter Haufen auf verschiedenen Leistungsstufen. Doch sie alle träumen den gleichen Traum jener 42,195 Kilometer, auf die sie hier in einer Systematik getrimmt werden, die daheim unerreichbar wäre. Durch einen Trainerstab, der sonst Topleute trainiert. Mit einer Infrastruktur jenseits jeden Freizeitsports: medizinische Versorgung, technisches Equipment, Sportlernahrung, Expertentipps, dazu die physische Nähe zu den Unerreichbaren, Tür an Tür, Massagebank an Massagebank, abschließender Wettkampf inklusive – „das motiviert zusätzlich“, sagt Uli Banholzer. Als er abends von einer freiwilligen Extrarunde zurückkehrt, hängen die schlaksigen Kenianern im winzigen Ortskern herum, zwischen einem futuristischen Kirchenneubau und den zwei Cafés der einzigen Ladenzeile im Dorf. Zwei junge Talente hören kenianische Musik aus dem Handy, James Kwambei, zweitschnellster Marathon-Läufer überhaupt, albert mit dem Seriensieger von Bosten Robert Cheruiyot herum, während Goldmann Wanjiru ein paar Jugendliche beim BMX-Tricksen fotografiert.

Nach dem Tagespensum, wenn sich die Dämmerung wie ein Vorhang von den Gipfeln in die grüne Hochebene senkt, herrscht ein entspanntes Nebeneinander auf der geräuscharmen Alm, lässig. Auch einladend? Wer mit den Stars ins Gespräch kommen will, erntet zwar stets ein Lächeln, aber auch Wortkargheit. Ein Foto? Gern. Aber bitte kein Smalltalk. Man trainiert hier, genießt die Ruhe, eine geschlossene Gesellschaft mit gelegentlichem Außenkontakt. Fertig. Der einzige Parkplatz hier oben hat alle Tagestouristen zurück ins Tal gespuckt, spärlich trudeln die Übernachtungsgäste von den verschlungenen Wanderwegen ein, da bittet ein grauhaariger Herr klatschend zu Tisch: Gabriele Rosa, „il Dottore“, Finanzier des Teams. Es ist keine Nobelherberge, in die der Sportarzt aus Brescia seine Läufer ruft, keine, die deren Preis- und Sponsorengelder gestatten, nicht das Fünfsternehaus an der Liftstation ums Eck, sondern Mittelklasse, familiengeführt, mit Vollpension. Mehr lässt das Budget offenbar nicht zu, bei einem 25-köpfigen Team. Mehr braucht es aber auch nicht beim Höhentraining. Und die Kenianer, so heißt es, sind nicht auf Luxus aus.

Dabei sei die Höhe unerlässlich, aber nicht entscheidend, sagt Claudio Berardelli. „In Kenia ist Regenzeit“, erklärt der italienische Chef-Trainer von nur 30 Jahren die Flucht seiner Klientel. „Außerdem sind die Läufer zuhause prominent wie bei uns Fußballer“. Ohne Menschentraube im Nacken sei am Viktoriasee kein Schritt denkbar. Das Alpenklima dagegen biete perfekte Witterungsverhältnisse, die niedrige Luftfeuchtigkeit fördere Heilungsprozesse, vor allem aber herrsche „ablenkungsfreie Ruhe“. Ruhe? „Sie genießen diese Abgeschiedenheit.“ Abgeschiedenheit? Das Lager muss mehr mit günstigen Konditionen zu tun haben, als die Macher zugeben, denn auch in Südtirol sind die dunkelhäutigen Spitzensportler selten allein. Überall hellhäutige Gesichter zwischen Erstaunen und Ehrfurcht, wenn sich das Läuferknäuel nachmittags über die Hochalm schiebt. An die 20 Kilometer zum Abschluss, bei sengender Hitze. Ins Schwitzen gerät dennoch keiner so recht. Ganz anders die Amateure. Sie gehen meist ans Limit und schnaufen auch so, angetrieben von Huber Rossi, einem Trainer wie aus dem Laufmodelkatalog, dessen rehbraune Augen mit seiner Unerbittlichkeit kontrastieren wie die ganze Rennerei mit der Beschaulichkeit des Bergidylls.

Rossi ist das Bindeglied zu den Kenianern, denn die bleiben letztlich unter sich. Morgens, mittags, abends etwa, wenn die Berufssportler mit den Fingern ihr Nationalgericht Ugali essen, landesüblich steinhartes Couscous zu Huhn und Gemüse, sitzt die Hobbyfraktion dicht, aber doch distanziert am Katzentisch, während sich die Profis um einen runden Tisch scharen und der Trainerstab um den nächsten. Die Atmosphäre ist gelöst, es wird gelacht, eine verlockende Stimmung. Ihr Brötchen zum Kaffee frühstückt Ursula Heil dennoch unter ihresgleichen. „Wir könnten Kontakt aufnehmen.“ Doch das Lächeln der dreifachen Mutter einer laufverrückten Familie aus Radebeul verrät: sie traut sich nicht. Was schüchtern wirkt, ist auch eine Geste des Respekts. Es geht um Ruhe, Abgeschiedenheit, wie gesagt.

Da ist eine kurze Trainingsunion am Freitag vorm Rennen das höchste der Kontaktgefühle. „Aber allein das ist es wert“. Uli Banholzer begutachtet die Dehnübungen der sehnigen Profis, die seine Trainer auf Anfänger wie ihn übertragen, nicht eins zu eins, also abgespeckt, aber immer noch erschöpfend. Dafür hat der Volkswirt eine Woche frei genommen, 800 Euro gezahlt und vorab sein tägliches Pensum gesteigert. Er nimmt viel auf sich für eine Ahnung echter Professionalität, für einen Schnupperkurs in Sachen guter Vorbereitung. Für etwas Theorie und viel Praxis, drei Gratis-Trikots und einen abschließenden Trainingsplan. Alles für seinen ersten Marathon. Für die Fitness. Und den Schmerz.

Langläufer sind eine eigentümliche Spezies. Sie leiden nicht, um zu laufen, sie laufen auch fürs Leid, auf dem Weg zum Runner’s High, dem hormongefluteten Hochgefühl, wenn bei Kilometer 36 die Strecke zum Fließband wird und alles plötzlich ganz leicht. No pain, no gain, so denken auch Ursula Heil, Uli Banholzer, die anderen. Es ist das Mantra der Ausdauer und hier, in der dünnen Almluft, ist beides, die Qual wie die Früchte, gewiss. Auch wenn letztere für Außenstehende diffus bleiben.

Das Thermometer zeigt 32 Grad, als Huber Rossi zum Training bittet. Drei Kilometer schattenlose Straße, leicht, aber stetig bergauf. Zum Warmwerden. Warmwerden! Es herrscht Schweigen. Nur Paolos „Macchina“ bricht es bisweilen, wenn er vor einem der seltenen Lieferwagen auf der autofreien Alm warnt. Nach kurzem Stretching die Steigerung: gleiche Distanz durch den Wald, über Stock und Stein zur nächsten Almhütte, einer von Hunderten auf knapp 60 Quadratkilometern Fläche, für jeden Tag eine, wie man hier sagt. Doch für keine hat man einen Blick übrig, wenn nach den ersten 200 Höhenmetern die Oberschenkel brennen, wenn bei 100 weiteren die Lunge lodert und zwei Kilometer überm Meer das Ziel erscheint, ohne Erleichterung zu bringen. Bei 20 Prozent Steigung. „Dass Beine so schwer werden können…“ sagt Uli Banholzer keuchend. Und lächelt.

Doch selbst jetzt sieht er nicht wie 34 aus. Und bei der braun gebrannten Ursula Heil liegt schon mal um ein Drittel daneben, wer ihr Alter schätzt. Laufen hält jung. Besser: Körperfett macht alt. Und davon haben sie wenig in der Haut, im Blut. Das wurde zu Wochenbeginn gemessen. Dazu Herzfrequenzen, Laktatwerte, „anthropomedizinische Parameter“, mit denen man im Alltag wenig anfangen kann, bei Steigerungsläufen auf Höhe zäher Schneereste dafür umso mehr. Auf der Seiser Alm erfahren die Laien, was Intervall-Training ist, der effiziente Wechsel aus Steigern und Entspannung. Es sind neue, hilfreiche Erfahrungen und doch reden Amateure heute ganz selbstverständlich von anaerober Schwelle und Hypoxie. Sie kontrollieren Herzfrequenz und Position, ihre Handgelenke tragen schwer an GPS-Ortungssystem und Pulsmesser.

Auch beim Finale, dem „Seiser Alm Running“, sind sie allgegenwärtig. Die Kenianer machen mit beim schwierigen Rundkurs, mehr zu Showzwecken als auf Sieg, aber immerhin; auch wenn sie statt Startnummern ihre Bestzeiten auf den Rücken tragen. Beim Straßenmarathon würde so ein Starterfeld locker eine Million Euro kosten, sagen die Veranstalter, allein an Startgeld. „Einmalig.“ Das Beste der globalen Szene beim Berglauf in einem Ort namens Compatsch, ohne Supermarkt, ohne Post oder Arbeit abseits vom Tourismus. Nur zahllose Tagestouristen, 20 beschilderte Rundkurse des brandneuen „Running-Parks“ und dieser Lauf.

Uli Banholzer hängt sich Silas Rutto, dem Nachwuchsmann, an die Fersen. Seine Zeit ist solide wie sein Zustand im Ziel, der erste Marathon kann kommen. „Desch mach ich wieder“, sagt er noch, als die Unerreichbaren ringsum Trikots signieren. Dann verliert er sich im Feld der 250 Teilnehmer, wirkt aber nicht halb so verloren wie sechs chinesische Marathonjuniorinnen, der wahrhaft exotische Teil vom Laufzirkus des Dottore. Und von irgendwo ertönen Alphörner.


Hans-Peter G. aka H.P.Baxxter aka Scooter

IMG_20140603_145522Nachdenken? Weitermachen!

Es gibt Lebewesen, die umgibt ein Zauber, dem man sich nur schwer entziehen kann. Einhörnern zum Beispiel, Nelson Mandela – und natürlich H.P. Baxxter. Wer ihm begegnet, geht irgendwie gereinigt aus dem Gespräch heraus. Die freitagsmedien haben ihn nun schon zum dritten Mal getroffen und sind jedesmal aufs Neue begeistert vom Scooter-Shouter – zumal er nun auch noch bei Arte den Schwerpunkt Summer of the 90s moderieren darf.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: H.P. Baxxter, Sie waren bis zu Ihrem 30. Geburtstag im eher analogen Rock oder Wave zuhause, sind dann aber radikal in den elektronischen Bereich zum Techno gewechselt. Sind Sie ein Kinder der Achtziger oder Neunziger?

P.Baxxter: Da ich mich schon mehr als 20 Jahre intensiv mit der Musik aus dem Jahrzehnt auseinandersetze, bin ich ganz klar ein Kind der Neunziger. So lange war ich sonst noch in keiner Stilrichtung zuhause. Und es fiel mir auch nie schwer, im Techno oder wie man das auch immer nennen will, beheimatet zu sein, weil er in einem ständigen Wandlungsprozess begriffen ist und nie so starr wie etwa die Rockmusik.

Da dürfte es durchaus gegenteilige Meinungen geben…

Mag sein, aber verglichen mit dem Rock und seiner ewigen Festlegung auf Bass, Gitarre, Schlagzeug und Gesang, gibt es in der elektronischen Tanzmusik praktisch keine Begrenzung. Zumal man im Grunde jedes Instrument digital generieren kann. Alles geht. Das ist auch ein bisschen das Motto der Neunziger, wie ich finde.

Haben Sie ein durchweg positives Gefühl, wenn Sie an die denken?

Für mich persönlich auf jeden Fall. Das war ja die Zeit, in der ich musikalisch gewachsen bin. Darüber hinaus war sie aber auch wunderbar unbefangen, fast naiv. Und man kann damit musikalisch wirklich noch etwas verbinden, was in den Nullern und der Gegenwart schon schwerer fällt. Heute wird nur noch weiterentwickelt, was es vorher bereits in verschiedenen Ausprägungen gab.

Aber auch die Neunziger haben auf dem aufgebaut, was schon vorhanden war.

Haben aber etwas erkennbar Eigenes hervorgebracht. Siebziger-, Achtziger-, Neunziger-Partys haben jeweils einen ganz eigenen Klang. Wenn es in ein paar Jahren Nullerparys gibt, wäre ich mir da nicht so sicher.

Was haben denn die Neunziger wirklich Eigenes hervorgebracht?

Etwas ganz Entscheidendes: Die Achtziger waren das Jahrzehnt der coolen Distanz. In den Neunzigern dagegen ist das positive Gemeinschaftsgefühl früherer Jahrzehnte zurückgekehrt.

Zurückgekehrt, also nicht neu entstanden.

Aber kombiniert mit den modernen Unterhaltungstechnologien, die ja radikal auf Digitalität und Synthetik setzen, war das förmlich eine Revolution. Und symbolisiert wird sie durch die Figur des DJs, der damals den Frontmann der Rockmusik als Superstar populärer Musik nicht abgelöst hat, aber mit ihm gleichgezogen ist. Dass David Guetta oder Avicii heute Weltstars sind, ist in den Neunzigern entstanden.

Nähert sich ein hochkultureller Sender wie Arte diesem Phänomen denn dann ironisch oder respektvoll?

Ich glaube letzteres. Ich habe die anderen „Summer ofs“ auf Arte immer gern gesehen, weil das großen Tiefgang und Informationswert besaß. Ich hatte nie das Gefühl, da wurde je etwas durch den Kakao gezogen. Ich komme ja selber aus dem Underground und habe Techno in einer Zeit für mich entdeckt, als es bis auf Marusha keine Stars gab. Und Subkultur wird im Fernsehen nirgends ernster genommen als bei Arte.

Steckt denn wenigstens ein leichtes Augenzwinkern dahinter, den Hyper-Shouter für einen Kulturkanal zu verpflichten?

Womöglich. Aber so wie ich das verstanden habe, passe ich einfach gut ins Jahrzehnt und helfe dem Sender, neue Zielgruppen zu erschließen. Das ist ein reines Rechenexempel: Wie viel vom Stammpublikum schalten ab, wenn sie mich sehen, und wie viele kommen neu hinzu? Wenn der Saldo stimmt, hat sich das für alle Beteiligten gelohnt.

Vor allem für Sie. Empfinden Sie es auch ein wenig als Genugtuung, mit dem Alter ein bisschen im kulturellen Establishment angekommen zu sein?

Ein bisschen, ja. Ich hatte mich allerdings schon fast dran gewöhnt, ständig verrissen zu werden; das fehlt mir jetzt manchmal beinahe.

Auch der Begriff Kirmes-Techno?

Der nun nicht, aber auch mit dem kann ich leben. Ganz am Anfang hat mich das schon ein bisschen getroffen, weil wir immer das gemacht haben, was wir selbst toll finden, nie das, wovon wir dachten, dass es anderen gefällt. Aber mal ehrlich: Am Autoscooter lief schon immer das, was gerade in den Discos läuft, was angesagt ist. Von daher würde sich manch anspruchsvoller Künstler wundern, wie viel Kirmes in ihm steckt. Bei uns klebte da allerdings ein richtiger Stempel drauf – aber vielleicht ändert sich das dank Arte ja ein bisschen.

Sie machen überhaupt mehr Fernsehen mittlerweile. ESC, X-Factor, jetzt das hier – ist das reiner Spaß oder ein neues Standbein?

Ich finde es immer interessant, Dinge auszuprobieren, die ich eigentlich nicht kann. Das fing schon 1997 an mit „Alarm für Cobra 11“, wo ich zum Glück nur mich selbst spielen musste und entführt wurde, weil ich irgendwem einen Song geklaut hatte.

Und dann zwischen zwei Autoexplosionen befreit wurden.

So ungefähr (lacht). Alles fast wie im wahren Leben (lacht noch lauter). Ich hab da schon gemerkt, dass das nicht so meins ist, würde aber jetzt auch nicht sagen, dass ich das nie wieder mache. Das hängt davon ab, ob ich Zeit und Bock habe. Wichtig ist, nicht jeden Mist mitzumachen, sondern das, wo man ein bisschen Leidenschaft reinstecken kann.

Und künstlerisch sind Sie mittlerweile vermutlich so unabhängig, nach Lust und Laune entscheiden zu können, wo Sie Ihre Energie investieren.

Unabhängiger als vor 20 Jahren schon. Aber ich habe auch Deadlines einzuhalten, wenn eine neue Platte oder Tour ansteht. Da setzt man sich schon selber unter Druck. Aber ein bisschen davon ist gut, sonst würden wir wahrscheinlich drei Jahre pro Album brauchen. X-Factor war dafür zu zeitaufwändig, das könnte ich so nicht jedes Jahr machen.

Aber so einen Sommersendung für Arte schon?

Das wird sich zeigen. Für mich ist es zusehends wichtig, nie zu einseitig zu sein. Von meiner Persönlichkeitsstruktur fühle ich mich je nach Laune mit Strohhalm am Ballermann genauso wohl wie in der Oper. Ganz viele Menschen – auch in der Technoszene – sind dagegen völlig in ihrem kulturellen Kosmos gefangen; da fehlen mir oft die Toleranz und der Blick über den Tellerrand. Ich will mich immer selbst neu ausloten.

Um dann irgendwann die Antwort auf die Frage Ihres ersten Solo-Songs im vorigen Jahr zu finden?

Who the fuck is X.P. Baxxter? (lacht) Das könnte man so sehen. Denn wer mich in eine Schublade packt, kennt mich nicht. Und will mich auch gar nicht kennenlernen.

Sind Sie derselbe wie 1993, als aus Hans-Peter Geerdes endgültig H.P. Baxxter wurde?

Natürlich nicht, das wäre ja schrecklich. Man wird ja mit dem Alter gelassener und reifer. Trotzdem arbeite ich immer daran, nicht bequem zu werden. Bequemlichkeit ist der Tod der Kreativität. Ich muss auch immer wieder mal ausbrechen. Wenn ich es mal ein paar Wochen ruhiger angehen lasse, mit Freunden bloß grille und rumhänge, muss ich auch mal wieder in eine andere Stadt, ein anderes Land, mit anderen Clubs.

Auch mit 50?

Auch mit 50!

Hat der Geburtstag im März da was verändert?

Eigentlich nicht. Ich habe natürlich viel über diese Zäsur nachgedacht. Vor zehn Jahren war  40 gerade die neue 30, das war sogar ganz cool. Jetzt hab ich schon gegrübelt, was ich noch alles machen kann in dem Alter.

Und die Antwort lautet?

Nicht drüber nachdenken! Einfach weitermachen!

Und wie lange geht das bei dem Energieaufwand auf der Bühne und auf Tour noch gut?

Nur, solange ich noch 100 Prozent geben kann. Wenn ich nicht mehr so rumspringen kann wie jetzt, sollte ich das neu überdenken. Mit 65 bringe ich das nicht mehr glaubhaft rüber.


Frankie & Silk

Gewichtsverhandlung

Frauen werden alt, Männer interessant – dank dieser Filmregel schlagen sich weibliche Figuren noch vor der 40 vor allem mit Verfallsproblemen rum. Zwei BBC-Serien zeigen derzeit dienstags bei ZDFneo, mit welch unterschiedlichen Folgen.

Von Jan Freitag

Die Kamera ist zuweilen gnadenlos. Geht es zum Beispiel um die Spuren des Alters, bleibt ihr trotz Schminke, Schnitt und Postproduction wenig verborgen im Gesicht der Menschen davor. Linien werden dort zu Falten, Falten zu Tälern, Täler zu Schluchten, ganze Körper zu Topografien zerklüfteter Planeten ohne schützende Atmosphäre vor den Einschlägen der Jahre. Es ist ein Drama – zumindest für den weiblichen Teil der Schauspielzunft. Denn während Männer angeblich „wie Wein“ altern, was aus dem Mund der würdevoll gereiften Katja Riemann gleich noch bissiger klingt, altern Frauen aus ihrer Sicht „wie Milch“. Und das Mindesthaltbarkeitsdatum liegt ungefähr bei Mitte 30.

Dann nämlich, so lehren uns Film und Fernsehen, dominieren altersbedingte Zerfallsprozesse alles, was Trägerinnen des Y-Chromosoms am Bildschirm betrifft. Das ist bei Frankie und Martha nicht anders. Erstere, Nachname Maddox, ist eine Gemeindeschwester von 36 Jahren, die sich zwischen Leidenschaft und Resignation erstaunlich lässig durchs Pflegedesaster ihrer englischen Vorstadt kämpft und dabei auch wegen ihrer fröhlichen Rundungen ungemein sympathisch wirkt. Letztere, Nachname Costello, ist eine Spitzenanwältin ähnlichen Alters, die sich zwischen Leidenschaft und Resignation erstaunlich verkrampft durchs britische Rechtssystem ackert und dabei auch wegen ihrer knochigen Stiefmütterlichkeit ständig am Rande der Unsympathin wandelt. Frankie und Martha sind also ziemlich verschieden – und doch ganz schön wesensverwandt.

Als Hauptfiguren zweier BBC-Serien, die heute nacheinander auf ZDFneo starten, bilden sie nämlich jene zwei Medaillenseiten weiblicher Figurenzeichnung, die ihren Protagonistinnen gemeinhin übrig bleiben, wenn das Alter erbarmungslos auf ihre Besetzbarkeit einprügelt. In der bierernsten Justizserie Silk will Maxine Peake als aufstrebende Strafverteidigerin unbedingt die seidene Robe einer privilegierten Kronanwältin erringen. Dafür gewinnt sie ihre Fälle zwar mit nüchterner Opportunität unter der barocken Puderperücke. Doch abends, wenn Martha heimkehrt, zahlt sie den fiktionalen Preis erfolgreicher Frauen und weint bittere Tränen der Einsamkeit. Im heiter bis wolkigen Sozialdrama Frankie dagegen versorgt Eve Myles als Titelfigur die hilfsbedürftigsten Bewohner ihres verarmten Bezirks bei den menschlichsten Verrichtungen und denkt dabei an alles Mögliche – nur selten an sich selbst. Geschweige denn an ihren zuckersüßen Dauerfreund, dem sie sogar die Überraschungsverlobung durch Überstunden in einem Notfall vermasselt.

Es sind also höchst unvergleichliche Ausgangslagen zweier unvergleichlicher Protagonistinnen, die allerdings zweierlei eint: Dass Alter dieser leicht spröden Schönheiten muss permanent thematisiert werden, als sei die heran rauschende 40 bei Frauen ein Menetekel des nahenden Todes, während sie bei den männlichen Begleithauptrollen nicht die geringste Rolle spielen. Und dann wäre da noch die Sache mit der Multifunktionalität. Wie bei erfolgreichen Frauen dieser Jahrgänge üblich, müssen beide ständig alles in einem sein. Im Falle von Martha: kompetent und verletzlich, häuslich und sexy, pragmatisch und impulsiv, lebensklug und empathisch. Im Falle von Frankie dazu noch witzig, tänzerisch, rasend nett.

Viel zu tun für Menschen in einem Lebensabschnitt, der auch hier mehr als Heimsuchung denn Lebensphase präsentiert wird. Zu viel. Weshalb beide immer dann die Fähigkeit zum Gegenteil ihrer Handlungen beweisen müssen, sobald sie den Herren der Schöpfung an ihrer Seite zeigen, dass deren Überlegenheit eine ziemlich fragile Konstruktion herrschender Machtverhältnisse ist. Dann sieht man Frankie, wie sie sich nach einem Tag voller Ausnahmezustände bis hin zur Messerattacke eines dementen Patienten für ihren Lover mit knallroten Klamotten von der Heiligen zur Hure verkleidet. Dann sieht man Martha, wie sie dem Angeklagten einer Vergewaltigung unter den Tränen des Opfers zum Freispruch verhilft und die Empfindsamkeit ihres Geschlechts hinterher mit eine saftigen Feierabenddepression zu sühnen hat. Dann wird deutlich, dass es selbst den Autoren der seriösen BBC ein bisschen unheimlich wird, wenn Frauen einfach so ihren Mann stehen in Männerwelten.

Dabei ist Frankie allerdings immerhin eine sehr charmante, oft erstaunlich glaubhafte, also überwiegend realistische Studie eines Milieus geworden, dass seriell selten zuvor so intensiv ausgeleuchtet wurde. Silk dagegen kann sich nie ganz entscheiden, ob es ein klassisches Anwaltsdrama mit ein, zwei Prozessen im Mittelpunkt sein möchte oder ein frauenaffines Midlifecrisis-Porträt mit beigestellter Justizgeschichte. Ganz gleich ob Gewichtsverhandlung in der Gerichtsverhandlung: Frauen um die 40 haben es auch weit schwerer als Männer.