Fußballkater & Kopfschmerzmittel

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

7. – 13. Juli

Man bekommt als vernunftbegabtes Wesen nicht allzu oft die Chance, der Bild-Zeitung beizupflichten, aber Mittwoch war es doch mal so weit: „Ohne Worte!“ stand in gar nicht so furchtbar dicken Lettern über einer Jubelszene deutscher Nationalspieler und man hätte es dem Drecksblatt aus der Reichshauptstadt nicht nur am Tag nach dem Halbfinale, sondern in alle Ewigkeit gewünscht: wortlos zu bleiben. Blieb es natürlich nicht. Und so beschrieb auch Bild weiter wortreich WM-Superlative mit Traumquoten, die sich in 36 Millionen Tweets ausdrücken, mit denen das 7:1 gegen Brasilien zum meistgetwitterten Sportevent seit Erfindung wurde. Aller Zeiten, versteht sich. So ist das in den Tagen des Fifa-Premiumprodukt-Overkills.

Mit dem ist es nun also endlich vorbei. Und nach dem Rausch, das ist hinlänglich bekannt, kommt dummerweise der Kater! Wenn ARZDF fortan ganzabendlich was anderes als Fußball zeigen muss, droht somit ein kollektiver Phantomschmerz. Deshalb wollen wir ihn an dieser Stelle kurz mal mit jenen WM-Highlights lindern, die wirklich im Gedächtnis haften bleiben. Platz 3: Scholls „Nein“ auf Opdenhövels Frage, ob er noch was zum Spiel Irans gegen irgendwen sagen wolle. Platz 2: Jogi Löw am Strand, vom Ersten rund um die Uhr aus 23 Kameras gefilmt, vom Zweiten aus 41 weiteren, die offenbar allesamt am Körper Kathrin Müller-Hohensteins versteckt waren. Und der Siege, Gold, Tuschtatataaa: eine Szene im Viertelfinale, als Mitte der 2. Hälfte allen Ernstes eine Schar französischer Fans im Bild war, die nicht reflexartig ins Objektiv schrie. Offenbar haben die allen Ernstes auf dem Feld statt der Videoleinwand Deutschlands beste Fußballer verfolgt.

Die standen übrigens auch bei Johannes B. Kerner zur Wahl, als er Deutschlands Beste insgesamt vom Publikum suchen ließ. Wobei das ZDF doch lieber aufs interaktive Zuschauervotum verzichtete, weil einfach zu viele Fangruppen von Helene Fischer und so mitgestimmt haben sollen, was den Verdacht nahe legt, das ZDF kriege es nicht richtig hin mit der jüngeren Zielgruppe, was jetzt aber auch keine so große Überraschung ist, weshalb wir lieber zu dem kommen, was uns den Fußballkater sonst so am Bildschirm vertreiben soll.

TV-neuDie Frischwoche

13. – 20. Juli

Da gibt‘s gleich zu Wochenbeginn ein Feuerwerk der Innovation. Kai Pflaume etwa ersann für den NDR, vier Promis krasse Erlebnisse gewöhnlicher Leute raten zu lassen. Kaum zu glauben! heißt der Testlauf fürs Erste. Kaum zu glauben auch, dass Robert Lemke, Harald Schmidt oder Hugo Egon Balder damit nichts zu tun haben. Leicht zu glauben ist dagegen, dass RTL Steffen Henssler heute hinter Gittern kochen lässt. Und ab Herbst steht er dann womöglich im Flüchtlingslager am Herd, Anfang 2015 vielleicht unterm Packeis und nächsten Sommer, sagen wir: im UN-Sicherheitsrat. Der RTL-Phantasie sind da ja keine Grenzen gesetzt – solange Köche oder Castingprodukte dabei sind.

Daher kocht Henssler ab Freitag erneut, nur wie gewohnt mit Promis (Hensslers Challenge). Daher wiederholt RTL übermorgen den Versuch, das Prinzip Bachelor mit „ette“ hintendran publikumswirksam zu verweiblichen, wofür zehn Jahre nach dem Debütdesaster Alfredo, Andreas, Anil, Antonio, Aurelio und 15 weitere Kandidaten mit anderen Anfangsbuchstaben und begehrenswerten Qualitäten von Geilheit über Pokerface bis Spitzensixpacks um irgendein sexy Langbein wetteifern.

Trash as Trash can.

Womit wir seltsamerweise bei Arte sind. Der Kulturkanal widmet sich ab Samstag nämlich dem Summer oft the 90s, ein so niveauarmes Jahrzehnt, dass der Moderator wie die Faust aufs Auge passt: H.P.Baxxter. Das ist mutig. Und es könnte beiden Seiten neue Zielgruppen zuführen, wenn der Scooter-Shouter zum Auftakt Die Mode der 90er ankündigt oder ein Porträt Kurt Cobains. Auch vorher gibt es aber ungewohnte Angebote mit Anspruch. Verräterkinder (heute, 23.20 Uhr) etwa, ein verstörender ARD-Film über Nachkommen verurteilter Widerständler, denen in der jungen BRD fast der gleiche Hass zuteil wurde wie zuvor im NS-Staat. Tags drauf dann belegt Anke (trifft) Engelke um 22.30 Uhr im WDR ihr Talent zum Interview, aber auch ihre Zugkraft – kriegt sie darin doch niemand geringeren als Julian Assange im Londoner Exil vors Mikrofon. ZDFneo dagegen versucht es ab morgen mit zwei britischen Serien um weibliche Hauptfiguren, von denen die bessere leider nach der besseren läuft, die biedere Justizgeschichte Silk um eine karrieristische, aber zerbrechliche Strafverteidigerin also vor der sechsteiligen Tragikomödie Frankie über eine Pflegerin, die Benachteiligten ihres Viertels ohne verlogenes Pathos beim (Über-)Leben hilft.

Solch unterhaltsamer Realismus ist selten im deutschen Fernsehen. Es sei denn, ein Dokumentarfilmer wie Andreas Veiel versucht sich mal auf dem Spielfilmfeld. Sein Debüt Wer wenn nicht wir über den Werdegang der Provinzkinder Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis) und Bernward Vesper (August Diehl) zu RAF-Terroristen ist heute um 22.45 Uhr in der ARD jedenfalls ebenso sehenswert wie tags drauf der Arte-Krimi Für immer ein Mörder, der das Sujet ostdeutscher Mordfälle, die nach der Wende aufgerollt werden, mit einem gewohnt großartigen Hinnerk Schönemann als Ermittler variiert. Das ist so gut wie der Tipp der Woche, heute auf Arte: Der große Stau, eine asphaltschwarze Komödie mit Depardieu bis Mastroianni aus einer Zeit (1979), als der Straßenverkehr eigentlich noch überschaubar war.


Tom Bartels: Endspielkommentator

Kein großer Deutschland-Fan

Tom Bartels aus Celle gilt vielen als bester deutscher Fußballkommentator. Kein Wunder, dass er nach dem EM-Finale von 2012 am Sonntag nun auch das der WM live aus Rio de Janeiro begleiten darf. Ein Gespräch über Vorbereitung, Sportpatriotismus, Neutralität und wie er in ein Spiel mit Nordkorea ginge.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Tom Bartels, was macht einen guten Fußball-Reporter mehr aus – Leidenschaft oder Kenntnis?

Tom Bartels: Eine gute Mischung, wobei letzteres nur aus ersterem entstehen kann. Wenn ich mich für etwas nicht begeistern kann, wird daraus selten Kompetenz entstehen. Ohne echtes Interesse keine Authentizität. Ich bin mit Fußball groß geworden, hab von klein auf jede frei Minute gekickt, deswegen war die Leidenschaft – mit kleinen Dellen – immer da, auch wenn das Fan-Sein in der Jugend sicher größer war. Das ist die Grundlage aller Theorie. In dieser Sportart hierzulande ohne ausreichendes Fachwissen zu kommentieren, geht garantiert schief.

Schließlich kommentiert man für zig Millionen Fußballexperten, die ohnehin alles ein bisschen besser wissen. Wenn die eh alles wissen – wollen die nicht vor allem Ihre Anteilnahme?

Das hängt auch davon ab, was ich kommentiere. Bei Bundesligaspielen ist absolute Neutralität Voraussetzung, weil ja Fanlager beider Mannschaften zusehen. Bei internationalen Spielen ist diese Distanz nicht nötig. Dort sollte man bei aller sachlichen Situationsbewertung eher für das deutsche Team sein. Ich fordere nicht bei jedem gegnerischen Foul die rote Karte, begeistere mich aber sicher bei einem Tor fürs heimische Team.

Und dann können die Pferde auch schon mal mit Ihnen durchgehen.

Absolut. Bei einem deutschen Siegtor im WM-Finale kurz vor Schluss gebe ich natürlich richtig Gas, das wird auch verlangt. Aber ein Spiel, das so vor sich hinsuppt, durch meine Begeisterung hochzujubeln – darin sehe ich meine Aufgabe nun nicht Und ich bin gar kein so großer Deutschland-Fan.

Gerade bei internationalen Spielen kippt Fußballpatriotismus bisweilen in einen Fußballnationalismus. Wie vermeidet man den?

Da muss ich mich nicht zwingen. Wenn ich sehe, dass ein deutscher Gegner besser ist, hab ich überhaupt keine Probleme das anzusprechen. Großer Fußball begeistert mich manchmal mehr als mein Zugehörigkeitsgefühl. So wie der FC Barcelona derzeit spielt, bin ich so fasziniert, dass ich schon mal meine Freundin anrufe und sage, guck mal Tina, wie da der Ball läuft. Unfassbar!

Und das interessiert sie?

Schon. Sie ist ja auch Journalistin und weiß, was ich meine. Was Barcelona zurzeit spielt, ist halt in der Bundesliga eher selten, das ziehe ich manchem Bayern-Spiel vor. Deshalb muss ich mich manchmal fast zwingen, deutlicher für Deutschland zu sein. Ich bin einfach nicht so patriotisch veranlagt. Auf allen Ebenen.

Ihnen eilt ohnehin der Ruf voraus, ein vergleichsweise nüchterner Kommentator zu sein, der seine Leidenschaft zugunsten großer Faktensicherheit zurückschraubt. Ist das der gelernte Bankkaufmann aus Celle in Ihnen?

Den Bankkaufmann in mir gibt’s gar nicht. Das war damals die falsche Wahl. Obwohl mir jeder davon abgeraten hatte, hab ich es gemacht, weil meine Freundin nahe der Bank lebte.

Aber sie haben es durchgezogen.

Bis zum Ende, ja. Meine Bereitschaft zur akribischen Vorbereitung rührt trotzdem woanders her, aber sie ist unerlässlich. Das Geschäft überholt sich jeden Tag selbst. Die Mannschaften ändern sich, die Philosophien des Trainers ändern sich, es passiert so viel in den Clubs, in den Ligen, man muss alles verfolgen. Zudem kann man viele Spielsituationen beim heutigen Tempo oft nicht mal nach der vierten Zeitlupe zweifelsfrei bewerten. Da müssen wir dem Publikum Hilfestellungen geben, das Spielgeschehen trotzdem richtig einzuordnen oder dem zumindest nahe zu kommen. Der Anspruch ist da hoch. Ohne Vorbereitung – keine Chance.

Sie sind also keine wandelnde Datenbank?

Nein, aber ich habe mal gehört, dass es leichter ist, nach sechs Fremdsprachen noch die siebte zu lernen, als mit der zweiten zu beginnen. Jedes Wissen baut auf anderem auf. Wenn ich einem Fußballkenner sage, dass Ballack von Chelsea zu Tottenham wechselt, gehen bei dem die Signallampen an: Londoner Stadtrivale, kleinerer Club, sportlicher Abstieg, all so was. Wer nur deutsche Länderspiele sieht, hat das morgen schon wieder vergessen. Weil ich schon als Kind Kicker gelesen habe, bleiben solche Informationen bei mir allerdings eher hängen, da meine Rezeptoren für sie geeignet sind. Trotzdem: internationalen Fußball zu verfolgen ist auch für mich richtig Arbeit.

Wenn sich ein Reporterkollege auf dem Weg ins Studio das Bein bricht – könnten Sie ohne Vorbereitung einspringen?

Für die WM auf jedem Fall. Ich bereits mich für meine neun Spiele sowieso auf 14, 15 Mannschaften vor. Und ich bin mal an einem Dienstagabend beim Bundesligaspiel in Stuttgart angerufen worden, ob ich Mittwochfrüh das WM-Halbfinale der Frauen USA gegen Brasilien kommentieren könnte. Da hab ich dann die Nacht quasi durchgearbeitet. Wenn ich nun überraschend ein Spiel der Nordkoreaner machen müsste, kenn’ ich da erst mal auch niemanden, würde mich aber bei genügend Vorlauf noch mal zu denen ins Schweizer Trainingslager begeben, DVDs gucken, Kollegen fragen. Ansonsten bin ich bereit.

Nachdem Sie das EM-Finale gegen Spanien kommentiert haben, hieß es, sie seien der beste Deutsche auf dem Platz gewesen. Ist es nicht besser, als Kommentator gar nicht aufzufallen?

Ich habe mich über das Lob gefreut, aber um mich muss es nicht gehen. Schon vorher gab es ja unzählige Interviewanfragen. An mich! Da musste ich irgendwann einen Riegel vorschieben, aus Angst, mich zu verzetteln und meine eigenen Hausaufgaben nicht zu machen. Und dann fühle ich mich sicher.

Die Bühne scheint Ihnen ohnehin ein bisschen unangenehm. Vorhin beim Fototermin mit dem gesamten ARD-Team wirkte ihr Lächeln eher gezwungen.

Da könnten Sie richtig liegen. Ich muss mich gewissen Mechanismen beugen, es gehört dazu und ich stelle mich letztlich auch gerne zur Verfügung. Aber es bleibt ein Zwiespalt, der meinem realen Leben nicht entspricht. Ich nehme mich nicht so wichtig.

Das Interview entstand 2010 im Vorfeld der damaligen Fußball-WM in Südafrika

 


Wow-Effekte & Social-Factual-Formate

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30. Juni – 6. Juli

Jetzt ist es amtlich: Deutschlands Beste sind mit Y-Chromosom Helmut Schmidt, gefolgt von zwei weiteren Politikern a.D. (Genscher, Weizsäcker), ohne dagegen: Angela Merkel, die wie Hannelore Kraft (Platz 4) und Ursula von der Leyen (6) des Landes Geschicke aktiv betreibt. Für solche Rankings braucht das ZDF übrigens nicht mal Meinungsforschungsinstitute oder akademische Begleitung; öffentlich-rechtlich reicht da ein Johannes B. Kerner zur besten Sendezeit dicke. Kein Wunder, dass die weiblichen Top 10 neben dem Polittrio nur Entertainerinnen von Steffi G. bis Helene F. enthalten, während unter den ersten acht Kerlen allein Günther Jauch leidlich unterhaltsam ist. Und dann folgt auf dem Höhepunkt des WM-Fiebers der erste aktive Fußballer auch noch spät auf Rang 17. Er heißt übrigens weder Neuer (32) noch Lahm (46), sondern wie immer: Uwe Seeler.

Per Mertesacker stand übrigens nicht zur Wahl. Dabei hätte er gute Chancen gehabt, zwischen Schumi und Gröni im Mittelfeld zu landen, nachdem er im Interview mit dem gewohnt schlicht (nicht dämlich) fragenden Boris Büchler deutlich aggressiver zu Werke ging als im Achtelfinalspiel gegen Algerien zuvor. Was folgte, war ein statticherShitstorm – nein, nicht gegen die putzige Volte des Verteidigers („ich leg mich jetzt erstmal drei Tage in die Eistonne“), sondern die Vertreter von Büchlers Branche, die Sportlerinterviews wahlweise mit serviler Huldigung oder scheinheiliger Kritik füllen und Inhalt durch Begriffe wie „Wow-Effekt“ ersetzen.

Den erzeugte bis jetzt praktisch jede Übertragung jedes abseitigen WM-Spiels. Der unfassbare Zuschauerzuspruch gipfelte in 85,1% Sehbeteiligung beim erwähnten Achtelfinale, was jedoch auch am eklatanten Mangel an Alternativen auf anderen Kanälen lag. Zumal noch nicht lief, womit demnächst auf Quotenjagd gegangen werden soll. Zum Beispiel die neue Charmeattacke der RTL-Allzweckwaffe Guido Maria Kretschmer, der demnächst Deutschlands schönste Frau auf dem Ableger Nitro sucht. Oder der Vorabendableger des ARD-Produktes In aller Freundschaft, dem ab Herbst Die jungen Ärzte angehängt wird. Und da ist noch gar nicht von den 20 Samstagsshows die Rede, mit denen Pro7 im zweiten Halbjahr Wetten, dass…? vergessen machen will. Was konkret heißt: viel Raab, viel Joko, viel Klaas, wenig Neues.

 

TV-neuDie Frischwoche

7. – 13. Juli

Trotzdem Geiiiiiil, würde die Fechterin Britta Heidemann jubeln. Feiert sie doch im ARD-Morgenmagazin von Brasilien aus alles, was irgendwie deutsch ist. Umso erfrischender ist es, dass mit der WM am Sonntag auch die Sendezeit einsilbig überdrehter Gastmoderatoren à la Salihamdzic endet, dessen journalistischer Mehrwert trotz aller Nähe zu seinen früheren Kollegen unter dem einer besoffenen Büttenrede liegt.

Weit höher liegt er Donnerstag bei Der Rassist in uns, was dem Publikum dummerweise schon im Titel etwas zu viel Selbstkritik abverlangt, um es zu erreichen. Und wie zur Bestätigung verpasst das ZDF der Selbsterfahrungsreportage die alberne Relevanz-Chiffre „Social-Factual-Format“ und versendet sie nicht nur im Spartensender neo, sondern nach 22 Uhr, was eine Einschaltquote gen Null garantiert. Dabei mag das Experiment, drei Dutzend Probanden in ein rassistisches System vermeintlich minderwertiger Blau- und überlegener Braunäugiger einzuteilen, wissenschaftliche Schwächen haben; im Ergebnis veranschaulicht der dreistündige Versuch erschreckend, wie fix willkürliche Ausgrenzung entsteht. Und es ist nur eine Simulation.

Wie das, was RTL dem 2. WM-Halbfinale entgegensetzt, wenn dort angeblich echt Ausgegrenzte Mittwoch von den Zwegats und Poschs des Hilfsfernsehens kommerzieller Art beigestanden wird. Aber was die anderen Sender in Konkurrenz zu den vier Finalspielen bis Sonntag auch bringen – ist eh völlig egal, bei Quoten nah an den 100 Prozent. Da können wir uns gleich den Randlagen des Programms widmen, die auch ohne Weltsport chronisch unterfrequentiert wären. Eine Retrospektive des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn zum Beispiel, der es in Sachen Suspense zum legitimen Erben Alfred Hitchcocks bringt. Ab Mittwoch zeigt 3sat einige seiner Filme, erst Walhalla Rising um Mitternacht mit Mats Mikkelsen als sturmumtoster Wikinger, tags drauf das Drama FearX, in dem ein Wachmann den Tod seiner Frau nachspürt und Abgründe ihrer Existenz entdeckt, die besser unentdeckt geblieben wären.

Spürnasen anderer Art kommen dagegen ab heute auf ZDFneo zum Einsatz, genauer: abermals. Täglich um 16.45 Uhr laufen digital sanierte Doppelfolgen von Drei Engel für Charly, ein Feuerwerk zu großer Kragen und zu breiter Schläge. Stünde das Wort nicht auf dem Index des Kultivierten, man müsste es mit dessen erster Silbe umschreiben. Daher zu einem anderen „K“, dem Deutschen Kleinkunstpreis, und weil gut ist, was alliteriert: Kategorie Kabarett. Die wird heute um 21.45 Uhr bei 3sat verliehen. Und der bedeutsame Medientitel Tipp der Woche? Geht heute (ARD) an die TV-Premiere von Ziemlich beste Freunde.


Golden Pudel: Underground & Mainstream

pudel2-540x304Vernarbte Marke

Der Golden Pudel (Foto: Tobias Johanning/ZEIT) ist das Aushängeschild Hamburger Clubkultur, hat ein Problem: Wohin mit der eigenen Bedeutung für den Standort, wenn ihn die Betreibenden eigentlich untergraben wollen? Begegnung mit einer Musikinstitution zwischen Politik und PR.

Von Jan Freitag

Philosophie, philosophierte einst Platon, sei das Streben nach dem Guten, Wahren, Schönen. Kein schlechtes Ansinnen also für all jene, die die Welt ein wenig besser machen wollen und das Leben darin freier. Die Philosophie des Golden Pudel Clubs zu erfragen, scheint daher nicht vollends illegitim. Doch so leicht mag es ein Schorsch Kamerun keinem machen. „Die Frage ist unzulässig“, antwortet er auf die nach der Philosophie seiner Idee räumlich gebundenen Entertainments. „Philosophie klingt mir zu sehr nach Konzept.“ Also irgendwie bürgerlich, also angepasst, also falsch. „Wir sind bestenfalls gegenkulturell.“

Nach dieser Belehrung singt Schorsch Kamerun, der eigentlich Thomas Sehl heißt und als Sprachrohr der Goldenen Zitronen zu den Köpfen deutschen Diskurspops zählt, etwas Unverständliches vor sich hin und es wird deutlich: Dieses Epizentrum der Spaßkultur (die man hier natürlich nicht so nennen darf) zwischen Landungsbrücken und Fischmarkt 20 Jahre nach der Eröffnung zu verstehen, bedarf mehr als plakativer Begriffe. Dennoch ist Vokabelsicherheit vonnöten, Abstraktionsvermögen. Und ein dickes Fell.

Denn Kamerun kommt nicht allein, um zu erklären, was er im Grunde gar nicht erklären will, weil es sich ja von selbst erklären soll. Ralf Köster ist auch da, Charlotte Knothe und Viktor Marek: der Booker, die Geschäftsführerin und ihr Kollege. Wenn es um ihren gemeinsamen Club geht, treten die Macher des Pudel gern zu viert auf, dann fehlt eigentlich nur noch Rocko Schamoni – Mitbesitzer, Mitanarcho, Mitgesamtkunstwerk. Aber auch das anwesende Führungsquartett dieses Kollektivs Gleichberechtigter ist nicht darauf aus, PR zu machen für ihren Laden. PR gilt hier als schlecht, falsch und hässlich, das merkt man vom ersten Satz an. Nur: was gut, wahr und schön ist am Pudel, wird auch bei tieferer Betrachtung nie ganz klar.

Als er 1988 gegründet wurde, zunächst an anderer Stelle, sechs Jahre darauf dann in einem zweigeschossigen Schmugglergefängnis von Achtzehnirgendwas mit Spitzgiebel und Elbblick, gab es ja zunächst kaum Dafürs. Nur Dagegens. Gegen Mainstream, Effizienzdenken, die ganze Eventkultur am Kiez. Genauer: „Gegen das Türstehergehabe“, meint Expunk Kamerun. „Gegen nur Männer an den Plattentellern“, ergänzt Journalistin Knothe. „Gegen abtörnende Coolness“, fügt Elektromusiker Marek hinzu und macht einen Atemzug später deutlich, welches Dafür grad noch geduldet wird: „Bescheuerter Charme.“

Bescheuert heißt hier: Schiefgehkultur, Lust am Scheitern, Ziellosigkeit. Gestern Pathospop, morgen Gabbatechno, zwischendrin Dichterlesung. Bescheuert sind auch Mareks Opaschuhe zum Goldkettchen, Knothes Omakleid zur Omafrisur, Kameruns Unfrisur über beigen Bermudas – alles gewollt abtörnend im Geiste der „Anti-Optimierung“, wie man hier sagt. Alles allerdings stets auf dem Sprung, selbst Hipsteroutfit zu werden. Jeder noch so bescheuerte Charme bleibt schließlich nur solange uncool, bis Instagram und Vice daraus heißen Scheiß machen. Der graue Kiezzausel Köster meint es somit nur halb im Spaß, als er über die Klamotten seiner jüngeren Mitstreiter befindet: „Ihr seid doch Mitschuld am Schlagermove.“

So wie der Pudel längst Teil jener Gentrifizierung ist, die seine Betreiber so verachten. Es begann schon 1994. Zur Eröffnung sollte ein Dr. Schnabel irgendwas aufführen, was dann doch nicht geschah. Mehr Philosophie, Konzept, was auch immer gab es nicht im historischen Café Elbterassen. Doch die Drohung ägyptischer Flüche bei Nichterscheinen hatte das kulturell ausgehungerte Publikum links des Mainstreams erstmals ins Brachland unter der Reeperbahn gelockt. „Hier gab es ja nur tote Industrie, Nutten, Verfall“, erinnert sich Kamerun an die Umgebung. 20 Jahre nach dem nihilistischen Auftakt im Schrottgebäude füllt sie Nacht für Nacht feuchte Investorenträume.

Und mittendrin der letzte Hamburger Club von Weltruf neben dem Mojo. Bier unter zwei Euro, Eintritt nur unwesentlich höher, kaum Hartalk in der Auslage, dafür Staub aus Dr. Schnabels Zeiten. Als Gegenpol zur Generation Flatrate lässt sich das Disparate trotz Hotspot im Lonely Planet auf jedem Quadratzentimeter des wohnungswinzigen Clubs ablesen. Dass er getagt ist, greift dabei zu kurz: der Pudel ist ein einziges Tag, lückenlos bekritzelt, Charlotte Knothe sagt: „vernarbt.“ Und dann sagt die unfreiwillig hippe Frau mit Omaoutfit noch etwas viel anderes, viel Wichtigeres: „Wir alle empfinden ganz große Liebe für diesen Laden.“

Das muss man kurz zwischen Antioptimierungsformeln und der feinen Arroganz renditeferner Alternativszenen verhallen lassen: Liebe. Bei allem was der Club keinesfalls sein will und gerade dadurch unentrinnbar wird, ist das philosophische Konzept Golden Pudel vor allem ein leidenschaftsgetriebenes. Eines, das trotz Markierung auf den Touristenrouten „große Privatheit“ besitzt, wie es Viktor Marek ausdrückt, der schon Schnauzbart trug, als Hipster noch wie Babynahrung klang. Am Wochenende ist wieder Gartenfest mit Grillen, Tanzen, Rumhocken, Touris begaffen, von Touris begafft werden, wie es eben ist, wenn man heimisch ist, wo andere Pardy machen.

Schorsch heißt dort wohl wieder Thomas und Rocko Tobias. Der Aberwitz der Aufwertungsmaschine ringsum wird für ein paar Stunden vergessen und die Marke Hamburg kann alle ebenso kreuzweise wie ein Café namens Oberstübchen, das dem Club vor ein paar Jahren ungefragt aufs Dach gesetzt wurde. Lockt das pittoreske Ensemble im Landhausstil eben noch mehr Hornbrillenträger auf die Treppen mit Elbblick. Was soll’s? „Uns kriegt man hier so schnell nicht raus“, sagt Kamerun angesichts eines Pachtvertrags bis 2028. Und wenn die Stadt bis dahin doch mal aufräumen will im Filetstück? Zieht der Club weiter, zum vierten Standort. Das Leben, hieß es mal in einem Film um ausgestorbene, aber wiederbelebte Dinosaurier, findet einen Weg. Das gute, wahre, schöne sowieso.

Der Artikel ist erschienen bei Zeit-Online: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-06/golden-pudel-club-hamburg


Rockfriday: Bob Mould, Strand of Oaks

Bob Mould

Musikstile, das ist ein Merkmal unser zeichensatten Zeit, kommen kaum ohne Präfixe aus. Selbst Subgenres wie Punk kriegen ihr subsubgenriges Post- oder Skate- bis Fun- und Folk- verpasst. Metal gibt’s selten ohne haarige, wahre, tote Vorsilbe. Und da ist noch gar nicht vom multidiversifizierten Oberbegriff des Rock die Rede: Es hagelt Progs und Hards und Brits und Shoegazings und Diskurse. Da ist es sehr erfrischend, den Musikstil eines Künstlers rundheraus als Kerndisziplin zu bezeichnen. Bob Mould macht also Rock. Einer, dem man noch nicht mal ein “ehrlich” vorweg hüsteln muss. Ohne Sperenzchen und Querverweise, dafür mit harten Riffs, kernigem Männergesang plus Schlagzeug, das auf der Nebenspur fährt, statt ständig zu drängeln. Und ganz ehrlich: Das verdient ein saftiges “Hail Hail Rock’n’Roll”.

In einem Ritt durch die Jahrzehnte seiner persönlichen und künstlerischen Historie prescht der Mittfünziger auf seinem grob gezählt zwölften Soloalbum voran. Als Gründungsmitglied von Hüsker Dü hat der New Yorker seinem Metier zwar Ende der Siebziger einen der eingangs erwähnten Zusätze – Alternative nämlich – verpasst. Im Großen und Ganzen aber bleibt das lebende Fossil bis heute der Maxime seines epischen Schaffens treu: keine Experimente. Umso paradoxer, wie innovativ, ja erfrischend das wirkt. Zu bestaunen ist dieses Paradox altmodischer Musik mit fortschrittlicher Kraft aufBeauty & Ruin. Entlang der Demarkationslinie fortwährenden Viervierteltaktes, zelebriert die neue Platte simplifizierten Rock, der sich nicht in Nostalgie erschöpft. Es gibt keine Versatzstücke, keine Referenzen, nicht mal an die eigeneVergangenheit von Hüsker Dü bis Sugar. Es gibt nur diesen geradlinigen Sound, der vielleicht allerlei Präfixe im musikalischen Gedächtnis aufpoppen lässt. Mould aber beutet damit keine Referenzsysteme anderer aus, sondern führt eben diese zurück zu ihren Ursprüngen des Rock’n’Roll.

I Don’t Now You Anymore zum Beispiel, das dritte von elf Stücken, während derer die Assoziationsmaschine anspringt: Klingt das nicht wie ein Mashup aus Soundgarden und Good Charlotte? Das tut es. Und wieder nicht. Samt seiner aktuellen Bandkollegen Jason Narducy (Bass) und Jon Wurster (Drums) zitiert Mould nichts, sondern schnappt sich die Wut von Grunge, mischt sie mit der Leichtigkeit vom Powerpop und landet in einer Zeit, da Musik noch Befreiungskräfte entfesseln sollte, ohne sich dabei den Spaß zu verderben. Kein Wunder, dass Beauty & Ruin nicht wie die Quadratur des Steines klingt. Teile davon wirken uninspiriert wie vieles, was lebenslange Übung glatt schleift. Doch Bob Mould, der auch nicht mehr alle Haare auf dem Kopf hat, ist sich eben lang noch nicht selbst genug – anders als all die ergrauten Retrobands ihrer selbst. Er gibt dem Rock seine vier Buchstaben zurück, ohne darauf sitzen zu bleiben. Ein Album lang muss das erlaubt sein.

Bob Mould – Beauty & Ruin (Merge Records); mehr Files’n’Sound’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/06/13/bob-mould-beauty-rain_18176

Strand of Oaks

Das Gitarrensolo hat’s nicht leicht. Im Präkambrium des Rock als quirliges Accessoire strukturierender Riffs erfunden, verkam es irgendwo zwischen Kraut, Glam und Heavy Metal zum selbstreferenziellen Masturbationsritus. Dort lungert es seither haltlos herum – verhasst wie vergöttert, isoliert und seelenlos. Kein Leben für Wankelmütige, so ein Gitarrensololeben. Außer unter Tim Showalters Obhut. Fast wirkt er wie einer dieser modischen Waldschrate, ein verträumter Jutebeutel-Slacker mit viel Haar. Aber dann knallt er gleich unter den ersten Titel seiner neuen Platte namens Heal ein Donnerwetter zuckender Saiten, als gäbe er auf der Mensur den Hummelflug. Mit Klassik haben Goshen ’97 und die nachfolgenden neun Stücke allerdings so viel zu tun wie mit dem gefürchteten Hair Metal und seinem instrumentellen, vom Arrangement völlig entkoppelten Kompetenzgerangel. Was nach krachender Stilvermischung klingt, macht Heal zu etwas wirklich Besonderem.

Oberflächlich klingt Showalters fünftes Album zwar manchmal, als würde er sich zur Bestätigung der eigenen Fähigkeiten bloß bei fremden Genres bedienen. Darunter jedoch glänzt eine Außergewöhnlichkeit, die in seinem Metier selten ist. Strand of Oaks, so der Name der Live-Formation um Showalter, erfindet die Gitarrenmusik zwar nicht ganz neu, wirkt aber irgendwie originell. Tief im Herzen ist dieser Beardo aus Philadelphia einer folkbasierten Americana verpflichtet. Er fügt ihr Hippieeskes hinzu wie auch Elektronisches. Noch tiefer im Herzen will er die reduzierte Melancholie seiner musikalischen Wurzeln aber offenbar einer Urschreitherapie unterziehen – auch wenn selten seine Stimmbänder schreien, sondern meist Gitarren.

Schon im Titeltrack nimmt Showalter düsteren Wave und macht daraus Rock. Im darauffolgenden Same Emotions nimmt er ethnisch gefärbten Pathospop und macht daraus harten Rock. Wenig später dann nimmt er die schwermütige Indieballade JM und macht daraus härteren Rock. Bis das elegische Mirage Yearin ein derart wüstes Geschrammel ausfranst, dass Hard- und Punkrock um die Luftgitarrenhoheit streiten. Hier werden Strand of Oaks zu Berserkern des Mash-up, der sich nicht mit Aneignung zufrieden gibt, sondern Transformationen will. Kurz gefasst klingt Heal bisweilen wie Lagerfeuermusik, die mal kräftig das Spanferkel rauslässt. In jedem Fall aber ist es ein ziemlich gelungenes Album – sofern man sich auf Gitarrensoli einlässt. Das sei in diesem Fall dringend angeraten.

Strand of Oaks – Heal (Dead Oceans); mehr Files’n’Sound’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/06/25/strand-of-oaks_18274


J.B. Kerner: Bestensucher & Kanteverweigerer

Ich bin eher Fernsehhandwerker

Johannes B. Kerner wird entweder geliebt oder gehasst, wobei letzteres deutlich überwiegen dürfte. Das liegt nicht zuletzt an ZDF-Shows wie Deutschlands Beste, in der JKB heute zum zweiten Mal mit demoskopisch dubiosen Methoden messen lässt, wer hierzulande am beliebtesten ist. Dass diese Art Entertainment eher harmlos ist, weiß der Moderator aus der Beamtenstadt Bonn selbst am besten. Aber die Fernsehwelt will er ja auch gar nicht mehr aus den Angeln haben, sondern im Grunde bloß seine Ruhe haben. Ein Interview über zu viel und zu wenig Fernsehpräsenz, WM-Phantomschmerzen bei der WM und warum er nicht mehr Kante zeigen will.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Kerner, Ranking Shows mit besonders tollen Deutschen gibt‘s schon länger. Sie selbst haben vor zehn Jahren ja schon Unsere Besten moderiert. Was ist neu anDeutschlands Beste?

Johannes B. Kerner: Es gibt da schon Ähnlichkeiten. Aber der signifikante Unterschied ist, dass es um lebende Personen geht. Bei Unsere Besten hatten die Top10 eines gemeinsam: Sie waren allesamt tot. Helmut Kohl hatte es 2003 also nicht unter die ersten zehn geschafft, dafür aber Adenauer, Luther, Marx, Bismarck, Goethe oder Einstein. Die fallen nun als Kandidaten raus…

Und gibt es auch atmosphärische Unterschiede?

Sogar einen elementaren: Die 100 Personen, die in einer repräsentativen Umfrage ausgesucht wurden und nun online zur Wahl stehen, geben ein aktuelles Stimmungsbild wieder. Ich finde es interessant, was wir über uns denken. Und auch, ob es da in den letzten zehn Jahren Veränderungen gab, ein Sido also wichtiger geworden ist als sagen wir: Helmut Schmidt. Das ist eine ehrliche Betrachtung.

Kann sich daraus auf den harmoniefreundlichen Showsendeplätzen auch so etwas wie Konflitkpotenzial entwickeln?

Sicher, mit manchen unserer Gäste wird man trefflich über die jeweilige Auswahl streiten können – und zwar nicht nur geschmacklich, sondern auch inhaltlich. Es lässt sich doch bestens drüber debattieren, wer zum Beispiel mehr tut fürs Land – Grönemeyer oder Steinmeier? Aber streiten heißt natülich nicht, sich die Köppe einzuhauen, sondern zu diskutieren.

Mit wem zum Beispiel?

Günther Jauch ist dabei, Franz Beckenbauer auch. Hannelore Kraft, Maria Höfl-Riesch und Katharina Witt sind ebenfalls unsere Gäste. Und es wird noch so einige Überraschungen geben.

Was fasziniert das übliche Sofapersonal, vor allem aber das Publikum eigentlich so sehr an solchen Ranging Shows?

Die Menschen wollen einfach wissen, was die Mehrheit denkt. Auch um zu wissen, wo sie stehen. Ich selber finde die Mischung aus journalistischem und unterhaltsamem Charakter attraktiv.

Die aber stets auf dem Konsens der breiten Masse basiert. Müsste der Titel da nicht„Deutschlands Beliebteste“ heißen?

Eigentlich sogar „Deutschlands Bedeutendste“, aber das wäre wohl doch zu sperrig… Natürlich ist das eine Suche nach dem Massengeschmack, aber Masse ist für mich kein Schimpfwort. Und wer sagt denn, dass nicht auch Literaturnobelpreisträger ganz vorne landen? Ich kenne die Ergebnisse auch noch nicht.

Wer würde denn in Ihrem privaten Ranking dort landen?

Wenn ich meine Familie mal außen vor lasse, glaube ich, dass Politiker teilweise schlechter wegkommen, als sie es verdient haben. Lebende Politiker, die mir imponieren, zeichnen sich durch eine klare Haltung aus. Solche Leute gibt es mit Sicherheit in allen demokratischen Parteien. Aber Sie wollen sicher Namen hören…

Hauen Sie mal einen raus!

Ich schätze an Politikern, wenn sie in Zeiten der Krise auf Diplomatie setzen und nicht auf markige Sprüche. Kanzlerin Merkel und der Außenminister Steinmeier machen momentan einen besonnenen Eindruck, wie ich finde. Weil mir Haltung wichtig ist, fiele mir noch Helmut Schmidt ein; dem nehme ich ab, was er sagt, das ist aus meiner Sicht authentisch. Ich kann mich für Hildegard Hamm-Brücher begeistern, die ihrer eigenen Partie nach 70 Jahren Mitgliedschaft den Rücken kehrte.

Und wie ist es mit Fußballern?

Erfolgreicher waren zwar Beckenbauer oder Matthäus und ihre Teams von 1974 und 1990. Aber wegen ihrer besonderen Idee vom Spiel waren mir Breitner, Netzer wichtig. Und Flohe.

Bei Heinz Flohe denken Jüngere wohl eher an die Tierwelt als einen Mittelfeldspieler.

Heinz Flohe! Mittelfeldspieler des 1. FC Köln, der leider nicht gewählt werden kann, weil er voriges Jahr gestorben ist. Die Siebziger und Achtziger waren Jahrzehnte klassischer Zehner wie Overath. Um den hat Flohe herum gespielt, wechselte ständig die Position, machte einerseits die Drecksarbeit, war dabei aber unglaublich kreativ. Deswegen war Heinz Flohe immer mein persönlicher Fußballheld.

Man spürt sofort Ihre Leidenschaft, wenn es um Fußball geht. Tut es dem Sportreporter in Ihnen nicht weh, während der WM daheimzubleiben?

Da habe ich null Phantomschmerz.

Hand aufs Herz!

Es ist so! Zumal ich mich schon 2010 daran gewöhnen konnte. Ein Jahr zuvor, nachdem ich meinen glorreichen Wechsel zu Sat1 verkündet hatte, hatte mich das ZDF gebeten, zum letzten WM-Qualifikationsspiel nach Moskau zu fahren, um das neue Team mit Katrin Müller-Hohenstein so ein bisschen einzuführen. Als ich mit meinen Kindern im Stadion saß und hoch zum gläsernen Studio blickte, war ich mir nicht mehr sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Nachher war ich sogar sehr sicher, dass es die falsche Entscheidung war.

Und heute?

Will ich nicht ausschließen, irgendwann mal wieder als Sportreporter zu arbeiten und werde mir nach Möglichkeit jedes Spiel der WM ansehen.

Auch nicht hinters Mikrofon, als Kommentator?

Als ich 2004 in Portugal das Viertelfinale des Gastgebers gegen England kommentiert habe, gab es Verlängerung, Elfmeterschießen, Beckham verschoss, England war mal wieder im Elferschießen raus, das Spiel war hochdramatisch und ich habe das, glaube ich, auch ganz gut kommentiert. Da rief ich am nächsten Tag meinen Chef an und sagte: ich mach Schluss! Besser als das wird es nicht mehr. Nach dem Halbfinale habe ich nicht mehr wieder kommentiert.

Sie gehören also zu jener seltenen Gattung Mensch, die tatsächlich aufhören kann, wenn es am schönsten ist?

Nicht in allen Lebensbereichen, aber damals war es so. Manchmal wird man ja auch aufgehört. Aber wenn ich mich an dieses Spiel erinnere, weiß ich, dass Kommentieren großer Spiele ein wahnsinnig intensiver Job ist. Ich könnte Ihnen noch jedes Detail, jede Szene dieses Spiels nacherzählen. Verrückt oder? Als die Partie zu Ende war und ich die Kopfhörer absetzte, war ich wie in Trance und bin erst daraus erwacht, als das Stadion quasi leer war. In anderen Bereichen hätte ich dagegen lieber mal früher aufhören sollen.

Als Showmaster etwa – oder entwickeln Sie sich da noch weiter?

Gute Frage. Als Teil des Teams mit Klopp, Meier, Beckenbauer, Kerner – in dieser Reihenfolge – hatten wir damals ein Team, das technisch und inhaltlich Maßstäbe gesetzt hat. Da ist aus meiner Sicht wenig Luft nach oben. Anders als im Showgeschäft, wo ich mich immer wieder neu auf Themen und Leute einlassen muss. Da bin ich noch nicht am Ziel.

Könnte dieses Ziel nicht auch sein, mehr Kante zu zeigen?

Inwiefern?

Sie stehen im Ruf, eher meinungsschwach und harmoniebedürftig zu sein.

Ich habe meine festen Überzeugungen und klare Vorstellungen. Aber es steckt ja schon im Begriff des Moderators, Zurückhaltung zu üben. Wissen Sie, was Pilawa wählt oder Jauch? Muss man das wissen? Das für sich zu behalten, ist – anders als im englischsprachigen Raum – Teil unserer Kultur. Ich nehme mich nicht so ernst, meine Meinung ständig publizieren zu müssen. Und mal ehrlich: dass ich damals kritisiert wurde, lag ja auch daran, dass ich früher 150 Sendungen im Jahr moderiert habe. Das bot eine ungeheuer große Angriffsfläche.

Heute sind Sie viel weniger präsent…

Ja, und wie geil ist das denn? Ich dachte vor meinem Wechsel zu Sat1, die Zuschauer folgen mir, aber das war nicht der Fall. Sie waren klüger als ich. Sat1 war beruflich ein Fehler, aber was am Ende rausgekommen ist, gefällt mir richtig gut: Ich arbeite weniger und kann mich deshalb weit intensiver mit einzelnen Sendungen beschäftigen. Ich möchte sogar sagen, dass ich inhaltlich gerade die beste Zeit meines Berufslebens habe. Ich bin nicht mehr stets auf schneller Durchreise zwischen zwei Sendungen.

Sie waren mal getrieben…?

Ja, klar. Ich wurde von der Maske ins Studio geschubst, danach zu Hause abgesetzt, um dann festzustellen: Ach ja, da sind auch noch Kinder! Ich war getrieben aufgrund der vielen Jobs, die ich nicht ablehnen konnte. Erst wurde meine wöchentliche Talkshow in eine Show umgewandelt, die vier Mal pro Woche lief, dann wurde ich zusätzlich Sportmoderator, habe das Aktuelle Sportstudio gemacht, Länderspiele, Olympia. Ich konnte einfach nicht ablehnen, weil ich alles so spannend fand. Ich hab das damals zwar gar nicht so als Belastung empfunden, denke aber rückblickend: Heute geht es mir besser. Vielleicht bin ich da ungerecht zu mir selbst und ich habe mich damals auch total geil gefühlt, aber ich war auch wie im Rausch, Teil einer perfekt geölten Maschine. Heute bin ich eher Fernsehhandwerker. Das fühlt sich erfüllender an.

Erfüllender als die Droge Fußball aus unmittelbarer Nähe zu erleben wie Sie damals?

Fußball hat schon eine enorme emotionale Sogwirkung, das erlebe ich auch zuhause. Mein Sohn sagte neulich zu mir, als der HSV haarscharf dem Abstieg entronnen ist, die Endphase des zweiten Relegationsspiels wären die schlimmsten Minuten seines Lebens gewesen. Er ist zwölf Jahre alt!

Sie selber werden bald 50. Angst?

Gar nicht. Ich hatte auch bisher keine Midlife-Crisis. Hape Kerkeling hat ja am gleichen Tag Geburtstag wie ich, am 9. Dezember 1964. Wenn ich uns beide anschaue, denke ich: Ach, eigentlich stehen wir zwei doch noch mitten im Leben.


Nation & Konterrevolution

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

23. – 29. Juni

Wer es mit Nationalismus oder seiner unwesentlich gelasseneren Version – dem Patriotismus – hält, erlebt bei der aktuellen Weltmeisterschaft eine Art Parallelturnier. Auch das findet zwar nominell in Brasilien statt, doch nirgendwo lassen sich all die Überbietungswettbewerbe ausschweifender Vaterlandsliebe besser bestaunen als am heimischen Bildschirm. Da wird man als Zuschauer dann Zeuge von Teams, deren Ergriffenheitsgrad beim Absingen der Nationalhymne irgendwo zwischen Orgasmus und Geburtserlebnis liegt. Da bejubeln im Bierwerbespot schicke Schanzen-Hipster, die man in realen Stadien unter all den Bieder- bis Ballermannfans seltsamerweise vergebens sucht, deutsche Tore leidenschaftlicher als Sechser im Lotto. Da werden Staatsgebilde samt ihrer Insignien generell so innig gefeiert, als hätten sie in der Menschheitsgeschichte nie irgendwas Negatives wie Krieg und so Sachen provoziert. Und immer vorne dabei eine Personengruppe, besser: Spezies, die berufsbedingt zur Überparteilichkeit verpflichtet ist: Moderatoren.

Es ist eine absolute Schande für den Journalismus, wie unverschämt kritiklos Fernsehprofis unterm Deckmantel wohlfeiler Unterhaltung einen Patriotismus als Information verkaufen, der vom Nationalismus dann doch nur noch einen inneren Reichsparteitag entfernt ist. Dabei treibt er Blüten wie die der geistig offenbar schlichten Katrin Müller-Hohenstein, Hansi Flicks tolle Gesichtsbräune live zu lobpreisen, als stünde sie nicht auf der Gehaltsliste des öffentlich-rechtlichen ZDF, sondern eines Hybrids aus RTL und Bild.

Dennoch: So debil der allen Ernstes von Angesicht zu Angesicht geäußerte Satz zum morgendlichen Ablaufplan des Co-Trainers („manchmal auch ein bisschen in die Sonne? Sie haben eine tolle Farbe“) auch sein mag – er steht stellvertretend für ein Genre, das sich sämtlicher Distanz zum Berichtsgegenstand zusehends entledigt. Aber er ist auch ein Grund mehr, sich mal die Kraft der Worte jener Medien vor Augen zu halten, die Journalismus weiter als solchen betreiben. Worte wie in der Süddeutsche-Kolumne „fern gesehen“, die täglich den Irrsinn deutscher Berichterstattung mit Sätzen wie den aufs Korn nimmt, Ex-Schiri Urs Meier fordere bei seinen seltsam kurzen Auftritten zwischen den Olivers Welke & Kahn „in einer Art zeremoniellem Ritual die Einführung von Profi-Schiedsrichtern, das ZDF zeigt den nächsten Film – und schwups ist Meier wieder verschwunden wie eine Marionette“. So geht Informieren mit Unterhaltungswert.

TV-neuDie Frischwoche

30. Juni – 6. Juli

Dass das auch ohne WM geht, scheint dieser Tage allerdings unvorstellbar. Mittwoch nämlich ereignet sich zwar Außergewöhnliches: es gibt nicht ein einziges Fußballspiel von nirgendwo mit niemandem; trotzdem geben sich ARD und ZDF nicht die allergeringste Mühe, ihre freigewordene Sendezeit innovativ zu füllen. Das Erste wiederholt auf seinem wichtigsten Spielfilmplatz die muntere, aber biedere Seniorenselbstbestimmungskomödie Spätzünder mit Jan Josef Liefers als Jan Josef Liefers mit Gitarre. Das Zweite wiederholt JBK auf der Suche nach Unsere Besten als JBK auf der Suche nach Deutschlands Beste. Was ähnlich jubelpatriotisch ist wie 2003, als JBK erstmals Beliebtheit mit Güte verwechseln ließ – aber gerade deshalb natürlich ganz gut in die schwarzrotgoldene Fähnchenlaune im Land passt.

So gesehen muss man den darauf folgenden Tag schon fast als konterrevolutionär einordnen. Dort zeigt die ARD im Rahmen ihrer FilmDebüt-Reihe zwei charmante Geschichten vom Rande der Gesellschaft. Andi Rogenhagens Ein Tick anders präsentiert das Tourette-Syndrom der jungen Eva (Jasna Fritzi Bauer) nicht als arglistigen Feind, sondern leicht komplizierten Freund. Nach Mitternacht beschreibt Dan Tangs I Phone You die Irrungen Wirrungen der Generation Multimediazwang am Beispiel einer jungen Chinesin zwischen ihrer Heimat und Berlin, was zwar zuweilen etwas zuckrig ist, aber insgesamt recht schlüssig.

Alles andere als zuckrig, dafür noch schlüssiger ist dagegen der Auftakt der jahreszeitüblichen ARD-Reihe SommerKino. Darin gelingt es Meryl Streep als Die Eiserne Lady, Margaret Thatcher privat zu sezieren, ohne das politische Alphatier davor zu vergessen. Dafür gab es zu Recht Streeps dritten Oscar und vom Ersten einen erstaunlich guten Sendeplatz für gute Fiktion. Gutes Sachfernsehen gibt es gewohnt erst später, andernorts oder beides in einem. Zum Beispiel Krieg der Patente. Ein hochbrisantes Stück über Sinn und Unsinn des Erfindungsschutzes, leider morgen erst um 22.45 Uhr auf Arte. Oder auch das grandiose Naturschauspiel Operation Eisberg, gleicher Sender, fast gleiche Zeit, bloß am Freitag. Und bevor der Fußballwirbel des Viertelfinals am gleichen Tag alles in den Strudel aus Patriotismus und Freizeit zurückzieht, noch zum Tipp der Woche: Stanley Kubricks brillante Nabokovs Romanverfilmung Lolita (Mittwoch, 23.15 Uhr, 3sat) von 1962.


freitagsmediensommerpausenverkündigung

winkeWerte Lesende,

festival-, ferien- und auslandsreportagenbedingt machen die freitagsmedien bis einschließlich 22. Juli überwiegend Urlaub. Zwischendurch wird es – Überraschung! – womöglich bei Gelegenheit hin und wieder vielleicht wer weiß ab und an einen Beitrag von unterwegs geben, vor allem in der Zeit vom 30. Juni bis 11. Juli; mit der beliebten Regelmäßigkeit ist für die kommenden drei, vier Wochen allerdings Schluss.

Grämt euch nicht und kommt wieder, wenn ich es tue!

Eure freitagsmedien aka Jan Freitag


Anarchie & Seitenwechsel

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

16. – 22. Juni

Es war das aufrichtigste Wort der bisherigen WM-Übertragungen: „Nein.“ Ein Lichtfleck im Dunkel der Redundanz. „Nein.“ Ein Körnchen Wahrhaftigkeit im dauernden Drama, Drama, Drama. „Iran gegen Nigeria“, sprach die neunmalkluge Nervensäge Matthias Opdenhövel am Montag zum Co-Moderator Scholl. „Hast du dazu noch was zu sagen?“ Und der antwortete, was wie ein Damm war im Sturzbach leerer Worte: „Nein.“ Einfach so. Ach, wie würde man seinen Kollegen dies innere Nein wünschen, statt wie Wolf-Dieter Poschmann Kicker im besten Landser-Duktus „Kameraden“ zu nennen, die bei Béla Rethy „durchmarschieren“, wenn sie nicht „bei Kaffee und Kuchen“ sitzen, wofür Claus Kleber die kostbare Sendzeit des seriösen „heute-journals“ verschwendete. Da war Scholls Überflussverweigerung geradezu von anarchistischer Schönheit.

Dass die Menschen am Ende aber doch jede Quasselei klaglos erdulden, um nur die maximale Dosis WM zu erhaschen, zeigt nicht erst Deutschlands Turniereinstieg mit erwartbaren 80 Prozent Einschaltquote. Sondern mehr noch das Auftaktspiel Brasiliens, dem kaum weniger als jene 30 Millionen Zuschauer beiwohnten – Public Viewing nicht mitgerechnet. Davon profitiert auch das Restprogramm, dem im Sog des Fußballs erstaunliche Anteile zuteil werden. Etwa das „Wort zum Sonntag“, in der Halbzeitpause einer Samstagspartie.

Und so durften ein paar mehr dem beiwohnen, was sonst nur eine Handvoll Hängengebliebener um diese Zeit im wachen Zustand erleben. In diesem Fall das debile Gefasel der Frankfurter Pastoralreferentin Verena Maria Kitz, die sich über den Seitenwechsel ein paar wirre Gedanken machte. Und so gab es die Woche drauf folgerichtig einen veritablen Shitstorm zu ihren Einlassungen, doch einfach mal andere Bier holen zu lassen, statt sich mühsam aus dem Fernsehsessel zu quälen. Oder probehalber in die Favela zu ziehen, um deren Leid zu erspüren.

 

TV-neuDie Frischwoche

23. – 29. Juni

Ja, das wäre eine Möglichkeit, liebe Frau Pastoralreferentin – was immer das sein mag. Die andere ist zwar ein bisschen weniger unmittelbar, aber mindestens ebenso ergreifend. Der Overkill medialer Aufarbeitungen zum Ersten Weltkrieg geht langsam seinem Ende entgegen, da zeigt Arte endlich das Schlachtendrama schlechthin: „Im Westen nichts Neues“, heute parallel zum letzten Vorrundenmatch der Brasilianer. Zugeben, das schwarzweiß knisternde Meisterwerk wurde schon öfter gezeigt, aber noch nie mitsamt all jener Szenen, die 1930 erst der amerikanischen, dann der deutschen Zensur als wehrkraftzersetzend zum Opfer gefallen waren. Was die anschließende Doku „Geschundenes Zelluloid“ im Übrigen nochmals eingehend schildert.

Obendrauf gibt es im Anschluss sogar noch Gabriel Le Bomins preisgekröntes Regiedebüt „Die Geschichte des Soldaten Antonin“, der 2006 die Probleme heimgekehrter Krieger vor 100 Jahren zum Spielthema macht. Ansonsten heißt es im WM-Rahmenprogramm auch diese Woche: Im Ersten, Zweiten, Dritten, Privaten nichts Neues. Und falls doch, zeigt ihn die ARD lieber nach dem pappeflachen Politrührstück „Mord in bester Gesellschaft“ mit Vater und Tochter Wepper. Das weit anspruchsvollere Drama „Die Unsichtbare“ mit dem gewohnt furiosen Ulrich Noethen als berühmter Regisseur, der von einer Nachwuchsschauspielerin diabolisch Besitz ergreift, gibt es dagegen erst zur Nacht – und das obwohl der DFB sein letztes Vorrundenspiel schon um sechs hat.

Wenn dessen Schlusspfiff ertönt, kann man dafür den zweiten Noethen des Abends genießen. Als schmieriger Provinzbulle in „Das unsichtbare Mädchen, Dominik Grafs grandioser Fiktionalisierung des realen Mordfalls Peggy auf Arte. Kurz vor Ende der Geisterstunde gibt’s dann die nächste Folge vom „FilmDebüt im Ersten“, also wenn garantiert niemand mehr zusieht. Dann erzählt die türkischstämmige Schweizerin Güzin Kar in „Fliegende Fischer müssen ins Meer“ die Geschichte einer Alleinerziehenden (Meret Becker), die ihrer Tochter (Elisa Schlott) so peinlich ist, dass sie ihr einen Mann besorgt, um nicht mehr mit ihr allein sein zu müssen. Das ist dramaturgisch jetzt wenig herausragend, aber mit einem besonderen Farbkonzept erstellt, was es zumindest ästhetisch sehenswert macht.

Also beinahe neu. Ganz im Gegenteil zu dem, was uns die Kommerzkanäle als solches verkaufen. Zum Beispiel wenn GNTM-Juror Jorge González ab Dienstag Allerweltsfrauen auf Vox Model-Glamour verpasst. Da ist jede Wiederholung innovativer. Etwa die „Tipps der Woche“: Mittwoch, 22.30 Uhr, RBB: Roberto Savianos Mafiaporträt „Gomorrha“ mit Laiendarstellern von 2008. Oder aus dem gleichen Jahr „Abgedreht“ mit Jack Black als Videothekar, der versehentlich alle Filmbänder löscht und mit eigener Kamera nachdreht, was selbst synchronisiert zum Herzerweichen schön ist (Mi, 2015, EinsFestival).


Indiefriday: CYHSY, Hundred Waters

Clap Your Hands Say Yeah

Mit Understatement hat es Alec Ounsworth nie so richtig gehalten. Bereits vor neun Jahren legte der Sänger, Songwriter, Kopf und Bauch von Clap Your Hands Say Yeah seine Stimme so melodramatisch übers bandbetitelte Debütalbum, dass die wesensverwandten Waterboys dagegen klangen wie lebensbejahender Powerpop. Auch die nächsten zwei Platten hielten sich emotional selten zurück. Stets war da diese leichte Schwermut im Grundton, eine Art optimistischer Larmoyanz im Arrangement. In den besseren Momenten klang das dann wie Radiohead auf milder Partydroge. In den schlechteren wie Radiohead beim Kater danach.

Clap Your Hands Say Yeah, die Band mit einem der großartigsten Namen überhaupt, hat zum höflichen Händeklatschen schon immer weit mehr Anlass gegeben als zum Yeah-Sagen. Jetzt aber fällt auch Ersteres nicht mehr so richtig leicht. Only Run, das vierte Album nämlich, ergeht sich so in aufdringlicher Weinerlichkeit, dass man dem Titel beim Zuhören rasch Folge leisten möchte. Wenn sich Ounsworths Stimme im Auftaktstück As Always über eine jeanmicheljarreske Synthiefläche legt, zersetzt vom Hall einer Plätschergitarre im The-xx-Stil, ist das selbst in depressiver Stimmung nur schwer erträglich. Erinnert sich der Hörer auch nur entfernt an Frühlingserwachen, schütteln ihn die Fluchtimpulse.

Und zwar zehn Lieder lang, fast unentwegt. Vom seltsam U2-haften Blamelessüber Little Moments im Coldplay-Gedächtnis-Pathos bis hin zum bombastischen Titeltrack, der wie so vieles auf diesem Album versiert durchproduziert ist, aber einen Verdacht erzeugt: Viele Empfindungen, die sie wachrufen soll, sind nur Teil eines groß angelegten Plans zur emotionalen Unterwanderung, Alec Ournsworths ganz persönliche PR mit dem Subtext der Propaganda. Schließlich ist Clap Your Hands Say Yeah mehr denn je zentralistisch gesteuert. Seit dem jüngsten Wegfall zweier Mitglieder zeigt sich das gleichberechtigte Kollektiv früherer Tage zusehends als Gruppe von Begleitmusikern, die das Werk vom Boss nur erfüllen helfen. Betrachtet man nun die Entwicklung des einst recht dynamischen US-Indierocks von der Westküste unter Britpopeinfluss hin zum orchestralen Emowave voller Choräle und Geigen, aber ohne Tempo, ohne Verve, gibt das Anlass zur nächsten Spekulation: Womöglich waren Robbie Guertin (Gitarre) und Tyler Sargant (Bass) vor ihrem Abgang Reduktionskorrektive der Band, die Ounsworths Gefühligkeit ein wenig geerdet haben.

Auch ohne sie bleibt nun natürlich nicht alles mies auf Only Run. Das Ganze ist wie üblich professionell und stimmig arrangiert. Es hat seine lichten Momente, etwa die Bonusversion von Impossible Request zum Schluss. Dazu mag das Timbre nicht jedermanns Sache sein, ist aber so ungewöhnlich, dass es von Byrne bis Bowie zu Recht prominente Fans hat. Clap Your Hands Say Yeah machen ja keine Musik für jeden Geschmack in jeder Laune. Aber ein bisschen weniger schlechter Geschmack bei schlechter Laune hätte es diesmal ruhig sein dürfen.

Clap Your Hands Say Yeah – Only Run (Xtra Mile); mehr Text’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/06/06/clap-your-hands-say-yeah_18225

Hundred Waters

Manche Musik braucht einfach kein festes Schuhwerk: Flower Power und Folk, Ethno und einiges an Americana, mit oder ohne “Neo” davor, ob von Zivilisationsverdruss angetrieben oder bloß partiellem Fluchtimpuls – ein Sound aus vornehmlich hölzernen Instrumenten und naturbelassenen Stimmen wird immer Leute dazu bringen, barfuß zu tanzen. Kompliziert wird es erst, wenn der Klang elektronisch generiert wird, wenn das Gehörte also synthetisch ist und artifiziell. Im Technofach heißt das dann Goa und geht meist mit bewusstseinsverändernden Drogen einher. Aber im Pop?

Da gibt es Bands wie Hundred Waters, die so konsequent zwischen affektiert und natürlich traumwandeln, dass es einem förmlich die Schuhe auszieht. Schon das Debütalbum des Quartetts aus den Südstaaten der USA hatte vor zwei Jahren die lose Grenze zwischen Digitalität und Analogie überwunden (wie zuletzt höchstens die grandiosen Poliça hoch aus dem amerikanischen Norden) und dabei gleich noch ein vermeintlich neues Genre namens “Sound of Florida” geschaffen. Sein Nachfolger mit dem Titel Moon Rang Like a Bell aber lässt die Konturen von damals noch ein wenig weicher erscheinen, die Trennlinien unschärfer.

Es ist ein episches Synthiepopalbum, das sein Instrumentarium aus Paul Gieses elektronischen Effektgeräten und Nicole Miglis’ Keyboards plus Querflöte, aus Trayer Tryons Gitarre und Zach Tetreaults Drums im Kopf verschwimmen lässt wie betörende Einschlafmusik. Schon der Sirenengesang von Show me Love zum Auftakt erinnert an die furiose Taufszene im Coen-Film Oh Brother, Where Are Thou und legt die Messlatte des Absurden somit niedrig. Auch danach geht es in verstörender Schönheit weiter. Jedes der zwölf Stücke blickt zaghaft über den Tellerrand der eigenen Soundstruktur, was die andere Seite so treibt und entdeckt dort immer wieder etwas Neues für sich selbst.

Hundred Waters – The Moon Rang Like a Bell (!K7 Records); mehr Text’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/06/02/hundred-waters_18152