Posted: June 19, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Als Torwart lebst du im Tunnel
Man kann ihn mögen, man kann ihn hassen, bloß ignorieren kann man ihn nicht. Sechs seiner 26 Jahre im Profifußball kommentiert Oliver Kahn seinen Sport schon im Fernsehen und hat sich dabei fast so viele Freunde oder Feinde gemacht, wie seinerzeit als bester Torwart der Welt. Zurzeit steht er täglich hoch über der Copacabana und erklärt ihr mit seinem meckernden Hehe die Fußball-WM in Brasilien. Interview mit einem, der polarisiert und trotzdem in sich zu ruhen scheint.
Interview: Jan Freitag
Oliver Kahn: Bitte sehen Sie es mir bitte nach, dass ich etwas müde bin; ich bin heute sehr früh aufgestanden.
freitagsmedien: Aber das ist man doch als junger Vater gewöhnt?
Das „jung“ würde ich jetzt mal in Frage stellen. Günther Netzer hat sehr richtig gesagt, dass Hochleistungssportler mit Mitte 40 schon ein bisschen älter sind als normal.
Diesen Hochleistungssport haben Sie 20 Jahre Ihres Lebens ausgeübt, bevor Sie zum Fernsehen gewechselt sind.
Was ich auch schon wieder sechs Jahre mache. Puh.
Ab wann ungefähr werden Sie mehr Sportjournalist als Exfußballer sein?
Schwer zu sagen, da ich keins von beiden wirklich bin. Ich begreife mich schon lange nicht mehr als Exfußballer und noch lange nicht als Sportjournalist, höchstens sportjournalistischer Zuarbeiter. Mit Informationen ist der Zuschauer schließlich bis zum Abwinken überversorgt; deshalb versuche ich nur, sie ein bisschen besser einzuordnen. In unserer Gesellschaft geht es mir also eher darum, Wissen zu bewerten. Das ist eine Aufgabe, die ein … ein…
Experte?
So nennt es jedenfalls das ZDF.
Vielleicht Sidekick?
Gerne! Weil der Blick auf die Vergangenheit helfen kann, die Gegenwart ein bisschen besser zu begreifen, gebe ich als solcher Einblicke in meine aktive Zeit, aber auch in fußballerische Gefühlswelten, die ich aus eigener Erfahrung schildern kann, ohne nur bestehendes Wissen wiederzukäuen.
Hat man Sie dafür als Kenner der Materie eingekauft oder doch eher als prominentes Zugpferd?
Nur als prominenter Name würden Sie in der Branche nicht lange überleben; nee – man muss schon auch was liefern.
Und das trauen die Sender offenbar vor allem Ex-Bayern zu, so viele davon mittlerweile als Experten-Sidekicks tätig sind…
Das hat aber eher damit zu spielen, dass beim FC Bayern immer nationale und internationale Topleute gespielt haben, die viel von der Welt gesehen, hochklassig gespielt, also ein großes Bild vom Fußball im Kopf haben. Umso interessanter wäre es, für diesen Job jemand aus den Niederungen des Fußballs zu nehmen.
Die dann allerdings das Rampenlicht weniger gewohnt sind als Sie.
Aber auch für mich ist es nicht so einfach, zusätzlich zu den Länderspielen jetzt auch noch alle 14 Tage Champions League in einer ständigen Live-Situation vor vielen Millionen Menschen zu machen, die Dinge blitzschnell zu erfassen und mit dem richtigen Tonfall analysieren, ohne dass die Leute einschlafen. Das kann man nicht nur, weil man schon früher öfter mal vor der Kamera gestanden hat.
Was qualifiziert Sie dann dazu?
Mehrere Faktoren. Erstens die Erfahrung aus 14 Jahren FC Bayern, da gehörte die Kamera zum Alltag. Zweitens die Weiterentwicklung, also an eigenen Fehlern zu arbeiten, ohne sich überzuanalysieren. Außerdem gibt es noch eine gewissen Routine. Da helfen meine 15 bis 20 Vorträge im Jahr auch.
Als Key-Speaker, wie es auf Ihrer Homepage so schön heißt. Würde man Sie auch ohne den Namen Kahn so oft als Redner in Wirtschaftsdingen buchen?
In meinen Vorträgen versuche ich, Parallelen zwischen Wirtschaft und Sport zu vermitteln. Und weil mein Name da für Begriffe wie Disziplin, Motivation, mentale Stärke steht, ist er nicht davon zu trennen. Das kann hilfreich sein, aber als Unternehmer auch Nachteile haben, wenn es auf bestimmten Terminen nur darum geht, mal den Oli Kahn kennen zu lernen, als etwas übers Geschäftliche. Deshalb hab ich meinen Master of Business Administration gemacht. Dennoch wäre es hanebüchen zu glauben, den Vorsprung den andere im Business haben, mit meinem Namen oder dem MBA auszugleichen. Und wenn man substanziell etwas bewirken will, ist ein Name manchmal eher Malus.
Sie waren als Fußballer auf ein Thema fokussiert und sind nun sehr breit aufgestellt. Ist das nur eine Übergangsphase, um sich irgendwann auf ein Feld zu konzentrieren?
Die Fokusverbreiterung war anfangs in der Tat die größte Herausforderung, bei der ich mich mehr denn je gefragt hatte, ob ich sie überhaupt schaffe. Als Torwart lebst du im Tunnel, jetzt bin ich da raus und genieße es sehr, nicht mehr in dieser sichtbeschränkten Welt des Fußballs zuleben. Momentan ist aber auch alles noch miteinander verzahnt. Der Begriff „selbstständig“ führt ja in die Irre: wer alles selbst macht, kriegt früher oder später Burnout. Auch ich musste erst lernen, was wichtig ist und was unwichtig, was ich gut kann und was ein anderer besser.
Können Sie Sportjournalismus denn schon so gut, dass Sie mal eine eigene Sendung machen oder ein Spiel kommentieren?
Ganz sicher nicht! Mittlerweile hab ich zwar so viel über den Fußball gelernt, worüber ich mir früher nie Gedanken gemacht hatte, dass mir ohne Fernsehen definitiv was fehlen würde. Die aktuelle Aufgabe macht mir aber vor allem Spaß – auch wenn sie mir 2008 auch helfen sollte, den Übergang in die Gegenwart zu schaffen, ohne gleich ganz den Stecker zu ziehen.
Kann man sechs Jahre später die Aufregung des Moderators und des Spielers vor einer WM vergleichen?
Nein, das sind völlig verschiedene Paar Schuhe. Schon weil sich meine Anspannung sofort auf den Bildschirm übertragen würde, gehe ich als Experte mit einer gewissen Lockerheit in so ein Turnier rein, was früher weniger einfach war. Aber das hat sich gebessert. Wenn ich verkrampft bin, kann ich nicht kreativ sein. Andererseits weiß ich genau, was in mir vorginge, wenn ich selber spielen würde, und das fühlt sich nicht immer positiv an.
Inwiefern?
Als ich 2010 mit Katrin Müller-Hohenstein das Finale Spanien gegen Holland moderiert hab, da kam mir auch mein Finale von 2002 in Japan und Südkorea ins Gedächtnis…
Wo Sie den Ball vor Ronaldos Füße fallengelassen haben.
Sehen Sie! Das kam da auch bei mir wieder hoch. Andererseits ist es gut, dass ich das aktiv vor der Kamera aufarbeiten kann. Ich habe alles verarbeitet und gehe auch deshalb entspannt an diese Aufgaben ran, weil ich mit vielen Dingen meinen Frieden gefunden habe.
Auch damit, bis heute in der Öffentlichkeit zu polarisieren.
[lacht und schweigt]
Es gab ja nur zwei Sorten von Zuschauern: Die, die Sie hassen. Und die, die Sie lieben.
Ach, das hat sich durch meine Fernsehrolle schon verändert. Mittlerweile können mir sogar Dortmund-Fans freundlich gegenübertreten, was für mich Beweis ist, dass ich den Job neutral mache, also richtig. Man kann mir nicht vorwerfen, nur der Pro-Bayern-Hansl zu sein.
Im Gegenteil – ihr alter Club kriegt das meiste Fett von Ihnen weg.
So wie Lehrerkinder immer die schlechtesten Noten von den eigenen Eltern kriegen, genau. Momentan ist es dennoch schwer, Kritikpunkte an den Bayern zu finden.
Ging es Ihnen je darum, gemocht zu werden?
Nein. Es ist nicht verkehrt, gemocht zu werden; mir ging es aber immer eher um Respekt dafür, alles mit 100 Prozent Einsatz zu tun und zwar auf einem möglichst hohen Niveau. Als Mensch gemocht werden zu wollen, ist oftmals ein verzweifelter Akt. Das schafft niemand auf Krampf. Schon gar nicht jetzt, wo es in den digitalen Medien für den kleinsten Furz einen Shitstorm gibt.
Sind die Medienfigur Oliver Kahn und der Privatmensch eigentlich deckungsgleich?
Absolut. Denn sobald ich am Bildschirm nicht mehr ich bin, bin ich nicht mehr gut. Das führt dazu, dass ich mich selbst korrigiere, sobald ich das Gefühl habe, nicht mehr authentisch zu sein. Als Fußballer gab es schon zwei Seiten; so wie ich im Spiel gegrätscht habe, war ich als Mensch nie. Heute brauche ich keine Ritterrüstung mehr.
Was sagt der Privatmensch, wer Weltmeister wird, und was sagt der ZDF-Experte im Dienste möglichst großer Euphorie des Fernsehpublikums?
Da beide deckungsgleich sind, kann ich nur mit einer Zunge tippen: Entweder Brasilien oder Deutschland. Aber das ist reines Wunschdenken. Ich habe leider keine Glaskugel.
Posted: June 18, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Duftender Shitstorm
Als die Pastorin beim vorigen Wort zum Sonntag in der Halbzeitpause wirres Zeug über Seitenwechsel faselte, zeigte sich zweierlei: auch nach 60 Jahren bleibt die ARD-Predigt ein Kuriosum der Fernsehlandschaft, kann aber immer noch die Gemüter erregen. Eine kleine Stilgeschichte zum runden Geburtstag.
Von Jan Freitag
Es gibt so Fragen der Medienrezeption, die würden katholische Dogmatiker vom Schlag eines Benedikt wohl mit dem Bann der Ketzerei belegen. Zum Beispiel, was DSDS und Das Wort zum Sonntag gemein haben könnten. Antwort: Die Quote war bei beiden spitze, doch weder das debile RTL-Casting noch die züchtige TV-Predigt will am Ende wer gesehen haben. Kein Wunder, dass die Partylaune abseits der ARD gering ist, wenn Deutschlands älteste Sendung nach der Tagesschau nicht grad biblische, aber stattliche 60 Jahre alt wird.
Da feiert also ein Anachronismus Geburtstag, was er womöglich nur deshalb darf, weil der Rundfunkstaatsvertrag den Öffentlich-Rechtlichen „Verkündigungssendungen“ auferlegt. Seit das Transistorradio erfunden wurde und die CSU zuletzt in der bayerischen Opposition saß, reden katholische und evangelische Prediger Woche für Woche früher zehn, heute vier Minuten im Wechsel über Gott in der Höh und zusehends auch die Welt darunter. Aus einem Medium, das Konservativen anfangs sehr suspekt, eher zuwider war. Kein Wunder, dass ein Kabelbruch, der die Premiere am 1. Mai 1954 verhinderte, von protestantischer Seite als papistischer Sabotageakt gedeutet wurde.
Kein Wunder aber auch, dass der Hamburger Pastor Dittmann eine Woche später zum Auftakt noch über diese komischen Apparate in deutschen Wohnstuben rätselte, „da sprechen Menschen irgendwo, sie singen und spielen, und in einem ganz anderen Raum, Hunderte von Kilometern davon entfernt, kann man sie nicht nur hören und verstehen, sondern auch sehen und beobachten, so dass man mit ihnen im gleichen Zimmer zu sitzen meint.“ Mit Käseigel, Bier und Reval ohne (Filter) zur Hand.
Verrückte Neuzeit.
Aber die hat sich letztlich ja doch durchgesetzt – im realen Leben wie im christlichen. Heute hat man Touchpad, Smartphone, Remote mit (Internetzugang) zur Hand, wenn man zwischen Tagesthemen und Spätfilm nicht rasch genug aufs Klo gerannt ist. Und aus dem Flatscreen kommt keine psalmenreiche Andacht gottesfürchtiger Seelsorger im vollen Ornat, sondern weltliches Zeugs mit religiösen Restbezügen von Menschen, die 15 Jahre nach dem ersten Samstagswort sogar X-Chromosomen tragen durften. Annette Behnken zum Beispiel, geboren in dem Jahr, als mit der Bayerischen Mütterwerkerin Liselotte Nold die erste Frau auf der Fernsehkanzel stand, würde schon rein optisch in jede Milchschnittenwerbung passen.
Und dann spricht die telegene Mittvierzigerin das Jubiläumswort auch noch live von Hamburgs Reeperbahn. Dort also, wo Deutschland auch dieses Jahr offiziell den Eurovision Song Contest ballermannisiert. Während sich das Schlagerpartyvolk somit gerade warmgrölt fürs ESC-Finale in Kopenhagen, erzählt die doppelte Mutter Behnken im Sündenpfuhl aus Flatratesuff und Pornoschuppen mit modernem Vokabular Erbauliches darüber, was der Vater im Himmel mit den feiernden Söhnen hier unten und dem europäischen Geist mittenmang zu tun hat. Und weil das ein zugkräftiger Rahmen ist, hört ausnahmsweise mehr als jenes Zehntel der 16 Millionen Zuschauer weg, äh: zu, die das Format ohne private Konkurrenz einst hatte.
Man kann das Zielgruppenranschmeiße nennen oder Zeitgeist; in jedem Fall müht sich die Sendung, zwischen kommerzieller Spaßdiktatur und öffentlich-rechtlicher Anpassung Gehör zu finden. Wie sehr das in die Hose gehen kann, zeigte allerdings am vorigen Wochenende eine Verena Maria Kitz. In der Halbzeitpause des samstäglichen WM-Spiels faselte die Frankfurter Pastoralreferentin so betonierten Müll über Seitenwechsel, den Gläubigen doch auch daheim mal vollziehen mögen, indem sie einfach mal jemand anders das Bier holen lassen oder für kurze Zeit in die Favela ziehen, dass es einen veritablen Shitstorm hagelte – wenngleich einen eher duftenden. Denn die Reaktionen analoger wie digitaler Medien auf den unfreiwilligen Slapstick stoiberscher Art zeigten ja auch, wie sehr das Format noch Gemüter erregen kann.
Genau das hat die ARD schon immer versucht, wenngleich weniger mit Inhalten als Figuren. Unter den gut 300 Predigern standen in sechs Jahrzehnten bereits die zur Nonne konvertierte Kabarettistin Isa Vermehren vor der Kirchenkamera, natürlich der neomoralische TV-Pastor Fliege, dazu ein Hund und mit Johannes Paul nebst Benedikt gleich zwei der letzten drei Päpste. Außerdem hat Alltagssprache das Bibelzitat verdrängt und Jeans den Talar. Die Sprecher kriegen Sprach-Coaching plus PR-Schliff. Gepredigt wird von Einkaufszentren und Parlamenten, von Autobahnbrücken oder Kreißsälen. Doch der Spott vom „Hörfunk mit Passbild“, bei dem „selbst Gott einschläft“, hält sich beharrlich. Das Wort zum Sonntag, es sei eben doch Fernsehen von gestern. Klingt irgendwie schwer nach DSDS.
Posted: June 16, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
9. – 15. Juni
Man mag sich gar nicht vorstellen, was die Elenden der Welt angesichts des Aufwands wohl dächten, den weit weniger Elende betreiben, um ihre Karikatur des Elends zu bekämpfen. Nur mal hypothetisch: Was empfindet wohl ein Flüchtling, dem die medizinische Notversorgung versagt bleibt oder ein Obdachloser, der vorm Einkaufszentrum vertrieben wird, wenn er hört, wer sich in Deutschland dort verortet, wo sich Günther Wallraff gern mal hinverkleidet: ganz unten?
Dort verortet sich schließlich auch Christian Wulff im Titel seiner Autobiografie, die er vorige Woche präsentierte, also tief im Keller des sozialen Rankings. Und das, nachdem er als Bundespräsident doch mal ganz oben war. Schuld daran, schreibt Wulff, seien „die Medien“. Böse Medien. Pfui! Erst nehmen sie (also Bild) ihn im Fahrstuhl mit aufwärts. Dann schicken sie (also nicht nur Bild) ihn wieder abwärts. Dass sie (also Bild und viele andere) ihn jetzt aber nicht mehr nach oben lassen, obwohl er doch freigesprochen wurde, nimmt der gefallene Regent mit 200.000 Euro Apanage jährlich allen (also Bild samt Weltgesellschaft) nun übel.
Doch zurück zu den wirklich Elenden und was sie so empfinden mögen über uns Unelende. Etwa, wenn ein Höhlenkletterer in ein sehr tiefes Loch klettert und nicht wieder rauf kann. Was da für eine Hilfsmaschinerie anläuft! Damit könnte man glatt ein brasilianisches Urwaldstadion zum Krankenhaus umrüsten. Noch unverhältnismäßiger war da nur, wie selbst seriöse Medien über ein Individuum berichteten, das aus reiner Abenteuerlust in menschenfeindliche Gefilde geklettert und dort verunglückt ist. Oder war es bereits das Sommerloch?
Nein, denn das ist dieser Tage kleiner als sonst. Kaum war allerdings die Auftaktwoche der WM in Gang, zeigte Michael Antwerpes, dass Fußballreporter bei ihren Leisten bleiben sollten, sonst nirgends. Seine Reportage Tour de Brasil war von so beklagenswerter Schlichtheit, dass Favelas darin zu possierlichen Reisezielen wurden, weil die aufmarschierte Polizei darin ja nur Gutes tue, während Drogen und Mord Synonyme zu sein scheinen. Und drohte es doch mal heikel zu werden, baggerte sich der ARD-Mann nach einer Caipi beim Beachvolleyball die Fußballwelt wieder schön. Willkommen zur WM der guten Laune!
Und der tollen Quoten.
Mit 60 Prozent Marktanteil schon zum Eröffnungsspiel, der es gerade den privaten Konkurrenten ungeheuer schwer macht, dem Sog des Fußballs ein Alternativprogramm entgegenzusetzen.
Die Frischwoche
16. – 22. Juni
Also versuchen sie es gar nicht erst. Frisches Fernsehen mit Anspruch findet somit diese Woche mehr denn je nur öffentlich-rechtlich statt. Natürlich hält man sich auch da mit teuren Erstausstrahlungen zurück, wenn nebenan praktisch alle Zuschauer vom gebührenfinanzierten Volkssport abgegriffen werden. Trotzdem gibt es für Fußball-Abstinenzler durchaus was zu sehen in den kommenden sieben Tagen. Man muss nur genauer hinschauen.
Heute etwa parallel zum deutschen Turnierauftakt in der ARD: eine ZDF-Doku, die sich mit den Maschen der Wellness-Branche (19.25 Uhr) befasst, während der Infokanal des Zweiten um 20.15 Uhr Das Geschäft mit Halloween illustriert und der Kultur-Ableger zeitgleich die grandiosen Mumfort & Sons live aus Colorado zeigt. Und da ist noch nicht mal vom brüllend bissigen Zweiteiler Aufschneider die Rede, in dem der österreichische Kabarettist Josef Hader heute und morgen bei 3sat als verschrobener Pathologe brilliert.
Mittwoch dagegen, wenn das übliche ARD-Drama vom Spiel Chiles gegen Spanien verdrängt wird, bittet iberische Fiktion der Extraklasse eine Alternative auf Arte. In der vielfach preisgekrönten Komödie des Argentiniers Sebastián Borensztein Chinese zum Mitnehmen fällt nämlich – nach realer Vorlage – eine Kuh aus dem Flugzeug und wirbelt das Leben des Eigenbrötlers Roberto so bizarr durcheinander, dass das Tiki Taka des Weltmeisters zum besseren Bolzplatzkick schrumpft. Gar nicht lustig, aber kaum weniger famos ist demgegenüber die TV-Premiere von Was bleibt, Donnerstag ebenfalls auf Arte. Mit Lars Eidinger als Corinna Harfouchs Sohn, lässt Regisseur Bernd Lange eine bürgerliche Familie so feinsinnig und leise implodieren, dass man danach gleich seine Lieben anrufen möchte, um rasch alles auf den Tisch zu packen, was irgendwann mal zum falschen Zeitpunkt herauskommen könnte.
Und dann ist da ja noch das FilmDebüt im Ersten, das gleich darauf Aron Lehmanns Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel ins Rennen schickt, wo der Filmemacher von 33 Jahren einen Kollegen gleichen Namens (Robert Gwisdek) mit der Adaption des berühmten Kleist-Stoffs betraut. Es ist die pure Freude zu beobachten, wie das fiktive Projekt von Beginn an in die Hose geht und gerade dabei die volle Kraft der Figuren entfaltet. Wie diese Kraft wirkt, wenn man sie bloß persifliert, kann man Freitag ab 22.20 Uhr (Sat1) drei Stunden lang wunderbar bei Switch Reloaded beobachten. Ähnliche Kraft, nur ohne Persiflage, entwickelt am Sonntag drauf Bad 25, wo Regisseur Spike Lee die Popplatte schlechthin zum 25. Jubiläum seziert. Und zwischendurch verleiht der Tipp der Woche dem Begriff Kraft ohnehin eine neue Dimension: Die Liebenden von Pont Neuf von 1991, dem Durchbruch von Juliette Binoche als erblindende Künstlerin, die sich in einen Obdachlosen verliebt.
Posted: June 13, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik |
Fucking hell!
Wer sich mit Mike Rosenberg alias Passenger kurz vor einem unangemeldeten Konzert – Busking genannt – in einer Hamburger Fußgängerzone zum Interview trifft, muss damit rechnen, dauernd von Fans unterbrochen zu werden. Das ist insofern bemerkenswert, als sein Singer/Songwriter-Folk vor fünf Jahren, als der Brite aus Brighton sein Geld noch als Straßenmusiker verdiente, nur wenige interessiert hat. Heute dagegen sind die Mumfords und Sheerans Topstars mit Top-Ten-Garantie, die auch Rosenbergs neues Album Whispers spielend erreichen dürfte. Ein Interview vorm Straßengig über seine Wurzeln, den Lärm unserer Zeit und ob er manchmal neidisch auf Neulinge im Geschäft ist.
freitagsmedien: Mike, wenn du gleich hier auf der Straße in einer Stadt wie Hamburg spielst – welcher Song käme dir da in den Sinn?
Mike Rosenberg: Oh, Hamburg, das muss dann wohl einer von den Beatles sein. Hilf mir.
Get back…
… to where we once belonged, richtig. Ich habe viele Jahre fast ausschließlich auf der Straße gespielt. Da ist es an dem Ort, wo die Beatles ihre Karriere begonnen haben, natürlich noch schöner, genau dort zu spielen. Aber ich habe auch im Hinterkopf, dass es oft keine leichte Zeit war, als Straßenmusiker. Ich hatte nichts, kein Label, keine Platten, oft kaum Zuschauer, nur meine Gitarre und mich, der versucht hat, damit ein paar Pfund zu verdienen.
Was funktioniert hat?
Mal mehr, mal weniger. Aber am Anfang fast jeder Musikkarriere, die nicht gerade bei einer Castingshow entsteht, gibt es dieses Dilemma: Man möchte seine ganze Energie, sein Leben in diese Aufgabe stecken, muss am Ende des Tages aber auch mal was essen und dafür mehr arbeiten, als einem manchmal Spaß macht.
Das klingt, als wärst du froh, diese Zeit hinter dir zu haben.
Froh ist nicht das richtige Wort. Versteh mich nicht falsch: Busking war für mich die Chance, im unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum ein bisschen Geld dazu zu verdienen und zugleich fünf Stunden am Tag zu üben. Das war toll. Ohne Busking wäre ich ein schlechterer Musiker.
Und hier und jetzt?
Lerne ich dadurch noch immer, nehme dafür natürlich kein Geld mehr, aber liebe es noch immer so sehr, für Menschen zu spielen, die mein Konzert nicht als Tauschgeschäft für ihren Ticket-Kauf sehen, sondern als gegenseitiges Geschenk.
Auch, um sich von den großen Hallen, die du mittlerweile füllst, wieder ein bisschen zu erden?
Definitiv. Und um es mit den Beatles auszudrücken – ja, ich kehre damit immer wieder ein bisschen heim. Ich spiele wirklich gern vor vielen Leuten in großen Hallen, aber das hier gibt mir ein Gefühl von Herkunft, das ich niemals missen möchte. Als mit All The Little Lights und vor allem Let Her Go der Erfolg kam, als ich ständig auf Tour war, Interviews geben musste, im Rampenlicht stand, aber keine Zeit mehr zum Busking hatte, spürte ich ein großes Loch in meinem Herzen. Ich war wirklich unglücklich, denn je mehr du über Musik sprichst, desto weniger Zeit hast du, sie zu machen. Ich will einfach nur spielen, egal vor wie vielen Leuten.
Kennst du Ricky Dean Howard?
Den Namen hab ich schon mal gehört. Ein Folkmusiker?
Ein Singer/Songwriter aus London, fast wie du. Nur, dass er zurzeit noch in kleinen Clubs spielt wie gestern in St. Pauli.
Ah, St. Pauli! Ich kenne kein besseres Publikum. Nicht so leicht in Wallung zu bringen, aber sehr konzentriert und unglaublich aufmerksam. Wo hat Ricky gespielt?
Im Rock Cafè, sehr klein. Er hat ein Lied von dir gecovert.
Oh, welches?
Riding to New York.
Wow, cool!
Vorher sagte er, dass du längst jede Riesenhalle füllst, aber ebenfalls vor 80 Zuschauern begonnen hast und darauf womöglich manchmal neidisch wärst. Bist du das?
(lacht) Dafür hatte ich zu viele Gigs vor weniger als 80 Leuten. Sicher, manchmal vermisse ich diese Intimität, aber Mann, solche Auftritte sind echt hart. Die Leute quatschen, während du dir da vorn einen abkämpfst, gehen zwischendurch rauchen, klatschen aus Höflichkeit. Ich bin zu glücklich mit der Gegenwart, um die Vergangenheit durch die rosa Brille zu verklären. Ich wollte ja genau dahin, wo ich heute stehe und hatte nach Let Her Go bloß Angst, die Leute wollen nur dieses eine Stück hören und sonst keines mehr. Aber nun hören sie sich auch alle anderen vier Platten an und setzen sich mit mir auseinander. Das ist ein Riesengeschenk, das ich nicht mehr gegen mehr Nähe und Vertrautheit tauschen möchte. Also kein Neid, höchstens Respekt vor allen, die dort stehen und sich durchboxen.
Was ist denn aufregender – 5000 zahlende Gäste zu bedienen oder 50 zufällige?
Schwer zu sagen. Gestern hab ich in Hannover vor 25.000 Leuten gespielt. Wahnsinn! Am Tag davor war ich in Berlin auf dem Alexanderplatz vor vielleicht 600. Aber witzigerweise waren die 25.000 oft andächtiger und konzentrierter, also leiser, als die 600 und beides war auf seine Art wundervoll. Aber Mann, 25.000 – das hätte mir vor drei Jahren einer sagen sollen…
Wie erklärst du dir den derzeitigen Erfolg von Folk und Singer/Songwriting?
Damit, dass Musik immer in Kreisläufen funktioniert. Als ich vor zehn Jahren meine Gitarre ausgepackt hab, haben viele gelacht, weil damals der DJ das Maß aller Dinge war. Dass Ed Sheeran oder Marcus Mumford jetzt Stadien füllen, liegt also sicher auch am miesen Niveau der Popmusik von heute. Wie willst du zu Miley Cyrus eine persönliche Beziehung aufbauen? Die Leute wollen wieder mehr berührt werden.
Und vielleicht dem Lärm der Gegenwart entfliehen?
Absolut. Wir sind umgeben von Lärm – für die Ohren, die Augen, fürs Gemüt. Da kriegt Ruhe und Einfachheit, Understatement, ein Flüstern plötzlich eine neue Bedeutung, denn die Zeiten mögen sich geändert haben – viele Menschen nicht, sie wollen etwas fühlen. Und das ist der fucking fundamentale Grund aller Musik, die von Herzen kommt: etwas zu fühlen.
Was gibt ihnen dein neues Album Whispers über den Titel hinaus zum Fühlen?
Lustig, dass du das fragst, denn ein Song darauf – Crazy World – handelt genau von diesem Lärm und wie wir uns davon fortsehnen. So wie auch ich mich manchmal zurücksehne in die Zeit der Ruhe vorm Erfolg. Ich will mich nicht beschweren und niemanden bewerten, aber meine Songs sollen den Leuten Raum zum Nachdenken geben. Etwa dafür, das iPhone nach ein, zwei Fotos oder einem kurzen Film auch mal weg zu legen, anstatt das ganze Konzert durch den Bildschirm zu sehen. Sie sollen bei mir sein, nicht gedanklich bereits bei YouTube. Dafür steh ich doch da oben.
Wie läuft es, wenn du Zuschauer bist?
Gleich zu Beginn zwei Fotos, das war’s. Das gehört heute einfach dazu. So hab ich’s auch bei meinem letzten Konzert getan.
Nämlich?
Glaub es oder nicht – Robbie Williams. Fucking hell! Er ist so grandios. Als Musiker und als Mensch. Ich kannte ihn nicht, hab ihn aber vor zwei Tagen in Berlin getroffen, zum ersten Mal und er kam zu mir und meinte, du warst doch heute busking auf dem Alexanderplatz? Erzähl mir alles darüber! Er ist ein globaler Popstar, interessiert sich aber auch für das, was abseits der großen Bühnen passiert. Deshalb bin ich auf so vielen Konzerten wie möglich, egal ob kleine Clubs oder Stadien. Du lernst bei jedem einzelnen und besonders bei einem wie Robbie. Was für ein Entertainer!
Wenn du seinen Erfolg hättest – würde dich das als Person verändern?
Definitiv, das lässt niemanden unbeeinflusst. Wenn dein Leben so bizarr wird wie seins, kannst du nicht der Gleiche bleiben. Selbst auf meinem kleineren Level des Erfolgs verlierst du schnell die Bindung zu dir selbst. Aber genau da helfen mir zehn Jahre als Straßenmusiker. Ich hatte genug Zeit, die schwierigen Seiten meines Jobs zu erleben, um in den besseren nicht abzuheben und sich vor Augen zu halten, dass mein einer Hit der letzte sein könnte, wer weiß. Aber ehrlich – wenn es das war, bin ich damit zufrieden. Dann hatte ich dieses Erlebnis und kann einfach weiter Musik machen, die ich liebe.
Die du im Studio mit Band spielst, live aber ganz allein – warum?
Ich war schon häufiger in Bands und das hat einfach nicht so gut geklappt wie ich mit mir und meiner Gitarre auf der Bühne. Meine Musik handelt so sehr von meinen Gefühlen und Worten, dass andere Musiker eher Hürden aufbauen würden, das zu vermitteln. Im Studio kann man alles ausprobieren, aber live will ich mit meinem Publikum in Kontakt treten, nicht mit meinen Mitmusikern.
Das Interview ist zuerst erschienen bei http://www.musikblog.com/2014/06/die-leute-wollen-wieder-beruehrt-werden-passenger-im-interview/
Posted: June 12, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Charmant!
Jörg Pilawa ist zurück bei der ARD und avanciert dort nun zum Startalker, Starmaster, Starallesmögliche. Doch auch zuvor schon hat er alle gekriegt. Als sich das ZDF etwa von Johannes B. Kerner getrennt hatte, bat er dessen Nachfolger Markus Lanz zum Gespräch, lange bevor ihm das Wettsofa Hämnorhoiden verpasste. Die freitagsmedien waren dabei. Das Geheimprotokoll!
Jörg Pilawa: Johannes, Markus, Freunde – ihr seid ja nicht nur sehr erfolgreich, sondern auch äußerst nett.
Markus Lanz: Dito, danke.
Johannes B. Kerner: Finde ich auch, ein echter, und ich sag das nicht einfach nur so: Sympathieträger. Jeden Tag auf Sendung und nie ein böses Wort.
Lanz: Charmant, wie wir Österreicher sagen. Wie Johannes, den nennen ja alle JBK und das hat auch mit Respekt zu tun. Deine Gesprächsführung, die kann man nicht lernen, das liegt im Blut.
Kerner: Vor allem im Wiener Blut, Markus. Und im Hamburger, Jörg. Im Ernst, ihr beide, so völlig ohne Krawall wie die da bei Sat.1…
Deinem neuen Arbeitgeber.
Kerner: RTL, ich meinte RTL und diese ganzen Radaukanäle, RTL2, Vox, Arte. Aber du beim Ersten.
Zweiten.
Kerner: …Programm. Toll! Und immer einfach nur freundlich. Irre. Könnte ich gar nicht.
Aber Johannes, du bist doch quasi der Erfinder der freundlichen Gesprächsatmosphäre, die Fleisch gewordene Höflichkeit.
Kerner: Fleisch geworden, klasse! Aber ich kann, wenn ich will, und ich will ja, mit Verlaub, auch mal hart sein müssen zu meinen Gästen. Zum Beispiel der Eva Herman, dem Jan Ulrich oder Robert Hoyzer.
Lanz: Das stimmt, da warst du knallhart und das möchte ich jetzt auch sein auf deinem Sendeplatz. So richtig hart, aber herzlich.
Witzig, so hieß auch mal ’ne Fernsehserie.
Kerner: Ja, witzig (lacht nach innen). Ich glaube, der Markus kriegt das hin. Und sag mal, ich hoffe, das so offen fragen zu dürfen: Würdest du da wirklich so hart rangehen, wie ich bei der Herman. Kompromissloses Nachhaken, offensive Körpersprache, hochgezogene Augenbrauen und hinterher rausschmeißen, wenn’s langt? Ich hab mich immer so vorgebeugt, zur Eva. Herman.
Lanz: (Legt seine Stirn vertikal in Falten) Und?
Respektheischend. Johannes – deine härteste Mimik?
Kerner: Pass mal auf (faltet seine Stirn horizontal) – so hab ich sie alle weich gekocht, wenn ich wirklich, ich sag’s mal ganz salopp: was aus denen rauskitzeln wollte. Beichten, Geständnisse. Und wie ich den Jögi Löw zum Schweigen gebracht hab, nach dem Remis gegen Finnland.
„Das war schon arg“, hast du ihn da gefragt. Frech! Bist halt ein Sportass. Aber es gab ja auch mal Kritik, wie damals, als du gleich nach dem Amoklauf von Erfurt einen jungen Augenzeugen hattest.
Kerner: Na ja, Jörg, manchmal ist ja das Leben keine Quizshow.
Nicht?
Kerner: Dann schon eher Kochshow. Ich hatte Mälzer, Wiener.
Lanz: Schubeck, Henssler.
Beide: Lafer! Lichter! Lecker!
Lanz: Aber besser finde ich Leute mit ganz schlimmen Krankheiten. Oder neulich, nach dem Erdrutsch – da war gleich einer von den Gerutschten bei mir. Da muss man auch mal mittrauern.
Kerner: Die Verona hat bei mir in der Sendung geweint, erinnert ihr euch? Da hieß sie noch Feldbusch. Aber am liebsten red’ ich mit dem kleinen Mann: Langzeitarbeitslose, Streetworker, Kinder, Frauenrechtlerinnen, Terrorüberlebende, Kinder, Kassiererinnen…
Und Kinder, ganz wichtig.
Lanz. Krebskranke, Steuerzahler, Erdrutschopfer, Anlageberater, Lebensretter, Klingeltonanbieter, Mietrechtler, Kinderdorfmütter…
Kinder nicht zu vergessen.
Kerner: Ohne Promis geht es aber auch nicht. Politikerstars, Sportstars, Fernsehstars, Kochstars, Superstars, Supermodelstars, Superkinostars. Sogar der Will Smith war bei mir. Er hat mit den Ohren gewackelt.
Lanz: Irre, nur die ganz Großen!
(Plötzlich tritt Reinhold Beckmann ein) Geht’s hier um mich? Das interessiert mich.
Lanz: Sorry Reinhold, hier geht’s heute um JBK und mich.
Beckmann: Oh, dann bin ich weg (und ab).
Lanz: Ich hatte Schumi.
Kerner: Den kleinen. Bei mir war der große. Exklusiv! Wir duzen uns.
Lanz: Duzen, super.
Kerner: Außer Gäste wie Hoyzer, Ulrich, Herman. Obwohl, doch, die Eva… Aber Politiker duze ich nie. Die Wulffs, die Steinmeiers, von der Leyen, alle bei mir. Da wahre ich Distanz.
Lanz: Politiker lade ich gar nicht erst ein. Dafür waren bei mir die größte Familie, die jüngsten Eltern und ein echter Zoodirektor.
Kerner: Ehrlich, Markus – nicht schlecht. Superthema, wenn’s der jüngste Vater der größten Familie mit Zoo wäre. Ich hatte Sido. Harter Typ.
Lanz: Und wie der dich da angemacht hat, die ganze Zeit diese Gossensprache, fick disch, Schwuler, mit Schlägen hat er dir gedroht, aber du bist ruhig geblieben. Toll.
Kerner: Du Markus, das war nur eine Kopie, bei Switch reloaded. So eine Art Hommage an mich. Die ziehen – und ich hoffe, damit nicht falsch zu liegen – die richtig – falls mir gestattet ist, das so zu sagen – guten Fernsehleute – von denen ich ja nun, entschuldige diese vage Vorform großen Selbstbewusstseins, fraglos einer bin – durch den, ich würd’ mal so sagen: Kakao.
Lanz: Welche Sorte?
Kerner: Bonaqua, glaub ich. Oder Gutfried. Eine von den ganz köstlichen Sorten, bekömmlich und gar nicht teuer.
Und so gut für Kinder.
Kerner: Ich hab’s, Air Berlin, das ist der leckerste.
Grad für Kinder.
Kerner: Jörg, Verzeihung, immer diese Kinder. Also bei der Eva…
Lanz: Eva, Eva, du immer mit deiner Eva!
Also es sind ja doch die spannenden Momente, wo man sich Gedanken macht und überlegt, wie man weiter macht und die hab ich mir jetzt gemacht und mich entschieden, dass ich jetzt ohne euch weitermache, und dich Eva, äh – Markus, Johannes, jetzt verabschiede.
Lanz: Charmant!
Kerner: Nett!
Und Markus: Wenn dir irgendwann mal irgendwas am Samstagabend anbietet – lass die Finger davon! Die Showbühne ist zu groß für uns zwei beide…
Lanz: Wetten, dass nicht?
Kerner und Pilawa im Duett: Top!
Lanz: Um was wetten wir?
Ums die deutsche Fernsehshow!
Lanz: Angenommen!
Posted: June 8, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
2. – 8. Juni
Die schlechte Nachricht vorweg: Weil ein CNN-Reporter die Frechheit besaß, voriges Jahr stundenlang über die Ereignisse rund um den Istanbuler Gezi-Park zu berichten, wurde er festgenommen, was Regierungschef Erdogan zu der spannenden Rechtfertigung hinriss, er sei ein „Agent“. Eine bessere Nachricht hinterher: es gab vorige Woche von Montag bis Donnerstag doch Wetter über Deutschland, obwohl es die Tagesschau Sonntag zuvor nicht angesagt hatte. Womit bewiesen wäre, dass die Realität gar keines Beweises in den Hauptnachrichten bedarf, um zu existieren. Schon mal ganz beruhigend… Noch beruhigender oder je nach Perspektive beunruhigend ist dagegen der Umstand, dass die Kanzlerin nicht alleinverantwortlich für alles ist, was ihre Regierungspartei zum Regieren beiträgt. Sonst wäre Angela Merkel als Telefonjoker beim Promi-Special von Wer wird Millionär? wohl nicht nur ans Telefon gegangen; sie hätte sicher auch gewusst, was DDR-Bürger(innen) mit der Waschmaschine „WM66“ neben der Wäsche noch angestellt haben – nämlich Obst einkochen (und nicht die West-Verlierer vom Wembley-Endspiel verhöhnen).
Somit blieb ihr Parteikollege zwar bei 500.000 Euro für den guten Zweck (wie üblich irgendwas mit Kindern) hängen, die Einschaltquote aber lag locker ums Dreizehnfache höher. Ein Rekordwert, den die Bild seinen PR-Buddies von RTL kaum kostenlos beschert haben wird, als sie eifrig für die Sendung mit Kanzlerin geworben hatte. Liebe ohne Gegenleistung ist kommerziellen Medien schließlich so fremd wie frische Ideen fürs eigene Programm. Darum holt Sat1 auch lieber die ebenso dämliche wie verstaubte Show Deal or no Deal aus er Kiste, wenngleich mit dem Moderationsneuling Wayne Carpendale (was garantiert gar nichts mit dem Engagement seiner Frau Annemarie Warnkross bei der gleichen Sendergruppe zu tun hat) am Mikro.
Ein derartiger Gebrauchtwarenhandel ist aber kein privates Fernsehphänomen. Der WDR plant für Oktober die Exhumierung von Geld oder Liebe, wenngleich mit dem überreifen Jürgen von der Lippe am Mikro. Und dem Schlager-It-Girl Helene Fischer 2015 die Schlager-Domina Andrea Berg entgegenzusetzen, ist jetzt auch keine so bahnbrechende Idee des ZDF im Kampf um die Lufthoheit im Showfernsehen mit der ARD.
Die Frischwoche
9. – 15. Juni
Doch übers kreative Potenzial eines Formates entscheidet ja nicht immer der Grad an Innovation. Wenn das Filmdebüt im Ersten am Donnerstag bereits zum 15. Mal ARD jungen Regisseuren eine vergleichsweise prominente Plattform bietet, startet es mit der Kinoadaption Am Himmel der Tag, wo eine ungewollte Schwangerschaft der blutjungen Aylin Tezel die Partylaune vermiest. Das erinnert zwar schwer an das englischsprachige Pendant Juno, ist dadurch aber keinesfalls schlechter. Ganz ähnlich verhält es sich mit der US-Serie Dr. Monroe. Ab Freitag (21.45 Uhr) heilt der brillante Zyniker die vertracktesten Leiden, was natürlich nicht ganz zufällig an Dr. House erinnert, der jedoch anders als sein Kollege statt eines Privatlebens ernste Drogenprobleme hat.
Etwas mehr Innovationspotenzial bietet dagegen ein gewisser Paul Kemp. Serien über Dienstleister jenseits von Polizisten und Pastoren, Ärzten und Anwälten gibt’s zwar genug – zum Beispiel beim Import In Treatment über einen Psychiater, der sich zuweilen etwas arg persönlich mit seinen Patienten befasst. Einen professionellen Streitschlichter zum (Anti-)Helden fortlaufender Fiktion zu machen, ist aber zumindest ungewohnt. Wenigstens dass. Denn obwohl die 13 Teile auf den Erfahrungsberichten eines echten Mediators beruhen, sind die Fälle bereits zu Auftakt so unrealistisch inszeniert, dass es eigentlich nur einen Grund gibt, zuzusehen: Harald Krassnitzer. Der Österreicher verleiht seiner Titelfigur eine wunderbare Balance zwischen Zynismus und Empathie, was die Serie am Ende doch zu einem der Highlights dieser Woche macht. Aber das hat natürlich noch andere Gründe als die Güte des Gezeigten.
Schließlich steht das gesamte Programm fortan voll im Schatten von ihm, the one and only: King Fußball. Sobald Donnerstag im ZDF zur MEZ-Primetime die Eröffnungsfeier beginnt, bleibt der rechtelosen Konkurrenz nichts anderes übrig, als Ramschware zu versenden oder noch schlimmer: Surrogate. Daher schickt RTL2 heute in Ermangelung echter Journalisten ihr Auswandererprodukt Die Reimanns auf Brasilien-Check. Der NDR versucht es später am Abend (22.45 Uhr) immerhin mit dem talentierten Micky Beisenherz, aber auch sein Nationalteamporträt Fußball, Frauen, Fönfrisuren bleibt den Porträtieren naturgemäß ziemlich fern. Noch hilfloser wirkt da nur der Versuch privater Kanäle, realen Fußball durch filmischen zu ersetzen, Sat1 zum Beispiel morgen durch die Geschlechterkampfkomödie FC Venus und Kabel1 tags drauf mit Sönke Wortmanns Wunder von Bern.
Ansonsten ist es einen Monat vorm WM-Endspiel die Woche der TV-Finals. Hell’s Kitchen (Vox) und Hotter than My Daughter (RTL) bleiben uns ab Mittwoch erspart wie ab morgen Sing meinen Song (Vox). War noch was? Ach ja: Der Schwaben-Tatort ist pfingstbedingt auf heute verschoben. Morgen schickt das ZDF Vegetarier gegen Fleischesser ins Duell und ignoriert dabei, dass da neben der Gesundheit noch irgendwas mit Umweltschutz war. Wie man Dokumentationen ohne Populismus macht, zeigt parallel dazu Arte mit Doping, Drogen, Depressionen über Hochleistungssportler jeder Art. Und wie man mit Kitsch Weltstars macht, zeigt Pedro Almodovar im Tipp der Woche: Vor 25 Jahren machte sein „Fessle mich!“ einen gewissen Antonio Banderas berühmt.
Posted: June 7, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Partnertausch
Vom Mediensubjekt zum -objekt: Julia Stein vom NDR
Ein Jahr nach der Aufdeckung des NSA-Skandals dokumentieren die freitagsmedien eine Reportage des Medienmagazins journalist, in dem die gleichen Journalisten am Beispiel von Offshore-Leaks nicht nur ein neues Licht auf internationale Finanzströme warfen, sondern auch zeigten, wie wichtig investigative Recherche fürs Funktionieren demokratischer Gesellschaften ist. Und wie Qualitätsmedien dafür kooperieren sollten.
Von Jan Freitag
Zwölf Ziffern, neun Nullen und ein Kraftbegriff zur Umschreibung – man muss den Umfang dieser schwer ermesslichen Ziffernfolge laut aussprechen, um sich ihrer Tragweite bewusst zu werden: 260.000.000.000. In Worten: Zweihundertsechzigmilliarden. Speichereinheiten nämlich. Gut ein Viertel Terabyte oder bildlich formuliert: der Gegenwert von einer halben Million Bibeln. Und das ist noch nichts dagegen, was diese Datenmenge symbolisiert: Eine Nummer mit 15 Ziffern, zweiunddreißig Billionen. Dollar nämlich. So hoch schätzt die NGO Tax Justice Network den Wert sämtlicher Einlagen, die in sonnigen Steueroasen bunkern. Es sind gewaltige Zahlen, furchteinflößende Zahlen, irrationale Zahlen, vor allem aber sind es welche mit zahllosen Unbekannten. Zumindest so lange, bis irgendwer ein paar Strahlen Lichts ins Dunkel der Vetternwirtschaft internationaler Finanzströme zwischen grad noch legitim und längst nicht mehr legal bringt, bis dieser Jemand somit einigen Fragzeichen erhellende Ausrufezeichen verpasst – sie folglich dechiffriert, ordnet, verwaltet, auswertet und am Ende: publiziert wie nun unterm Titel Offshore-Leaks, einem der größten Knüller unserer rasanten Medienwelt seit Watergate.
Das aber – ein Knüller – war die Enttarnung von rund 130.000 schweigsamen Vermögenstransakteuren aus gut 170 Ländern weniger, weil das Enttarnte so sensationell wäre; wie schmutzig die Reichsten der Welt ihren Reichtum mehren, wurde in der Dauerkrise längst zur deprimierenden Gewissheit. Nein – zum globalen Ereignis geriet die Enthüllung erst, da sie in einer grenzübergreifenden, besser: grenzsprengenden Kooperation internationaler Journalisten erfolgte. Ein Dreivierteljahr, nachdem das „International Consortium of Investigative Journalists“ seine 86 Mitglieder in 46 Staaten vage über den wohl umfassendsten Geheimnisverrat der Wirtschaftsgeschichte informiert hatte, veröffentlichten Medien von der Washington Post über die BBC bis hin zur Süddeutschen Zeitung in der Nacht zum 4. April zeitgleich den ersten Schwung ihrer kollektiven Recherche. Es war eine beispiellose Zusammenarbeit, ein gewaltiger Scoop, eine Schlagzeilenfabrik unter Volllast, ein Riesenfass voller Superlative.
Und ein Rätsel.
Denn warum bloß, fragten sich Außenstehende wie Eingeweihte, verzichten öffentlich-rechtliche Anstalten, profitorientierte Verlage, Konkurrenten allesamt auf einem zäh umkämpften Mark der Meinungen und Meldungen bloß freiwillig auf die Leitwährung ihrer täglichen Arbeit: Exklusivität. „Schließlich entstehen bei einer solchen Interaktion Unschärfen, was die eigene Leistung bei der jeweiligen Geschichte betrifft“, gibt Stephan Weichert, Professor für Journalistik an der Hamburger Macromedia Hochschule für Medien, zu bedenken. Und schlimmer noch: „Man teilt sich ja nicht nur die Arbeit, sondern auch den publizistischen Erfolg“.
Einer, der beides sogar ziemlich gern geteilt hat, bleibt angesichts solcher Einwände ganz gelassen. Denn als Datenexperten die Festplatte voll Herrschaftswissen aus dem Geldasyl langsam in journalistisch verwertbare Informationen verwandelten, erinnert sich Bastian Obermayer von der Süddeutschen an den Herbst 2012, „fragten wir uns, ob der finanzielle und personelle Aufwand für unser kleines Ressort zu stemmen ist“. Die Antwort: Eher nein. Selbst die Ausnahmejournalisten des findigen, vielfach preisgekrönten, einfach famosen SZ-Teams Investigative Recherche um den Ausnahmeausnahmejournalisten Hans Leyendecker – der neben dem zögerlichen (Ex-)Spiegel-Chef Georg Mascolo als einziger Deutscher im ICIJ sitzt – waren zwar rasch Feuer und Flamme, aber Realisten genug, um sich Hilfe ins Boot zu holen: Den NDR.
Mit dem Hamburger Funkhaus, betont der Bayer Obermayer, habe man schließlich gute Erfahrungen gesammelt. Erst vor wenigen Wochen präsentierten beide eine interredaktionelle Langzeitrecherche zur miesen Zahlungsmoral hiesiger Versicherungen parallel in ihren Reportageforen – gedruckt auf Seite 3, gesendet bei Panorama. Über fehlenden Datenschutz beim Dienstleister EasyCash wurde ebenso gemeinsam geforscht wie zu CIA-Gefängnissen oder die Machenschaften bei der HSH-Nordbank. Da lag es nahe, sich im weltumspannenden Fall undurchsichtiger Geldströme mit den Kollegen von der Elbe zusammenzutun. Vermittelt über den freien Journalisten John Goetz, „eine Art Scharnier zwischen beiden Redaktionen“, wie ihn Bastian Obermayer nennt, wurde die lockere Partnerschaft fortan auf ein neues Niveau gehoben. „Wir haben wirklich alle Informationen ausgetauscht“, sagt Julia Stein und lacht laut, das tut sie öfter, es ist ihr Naturell. Erst im Januar wechselte die Hanseatin von 41 Jahren aus der Redaktionsleitung des Medienmagazins ZAPP an die Spitze vom NDR-Team Recherche und damit gleich mal zur größten Story ihrer Karriere, mit dem höchsten Grad an Aufmerksamkeit, vor allem aber: an Zusammenarbeit. „Selbst bei Wiki-Leaks gab es keine Kooperation dieses Ausmaßes“.
Wöchentliche Schaltkonferenzen zum Beispiel zwischen ICIJ, der SZ, ihr selbst. Dazu ständiger Telefonkontakt mit den vier Kollegen aus München, die Absprache mit drei weiteren aus dem Reporterpool des hauseigenen Inforadios, das ihr Vorgänger vor Beginn seiner Elternzeit noch hinzugezogen hatte, „da man der Datenmenge nur im großen Team Herr werden konnte“. Das alles bei maximaler Transparenz gleichrangiger Medien, die sämtliche Rechercheergebnisse von ein und derselben Festplatte ohne Ausnahme, ohne Verzug kommunizieren – das war ein nie da gewesener Koordinationsaufwand, sagt die zweifache Mutter zwischen einem halben Dutzend Telefonaten in den unprätentiösen Fluchten des Sendersitzes am schicken Hamburger Rothenbaum. Sicher, es habe auch Reibungsverluste gegeben; „solche Abstimmungen kosten Zeit“, das hat Julia Stein gelernt. Da könne man nicht „so vor sich hinbröseln“ wie gewohnt. „Genau das aber hat uns zusätzlich motiviert“, widerspricht Peter Hornung vom beteiligten NDR-Info und erntet heftiges Nicken seiner TV-Kollegin, „Druck kann auch förderlich sein.“ Ergo, fast im Chor: Die Koalition hat sich gelohnt! Mehrfach und auf allen Ebenen. Denn jede Recherche, sagt der Mittvierziger Hornung, ein abgebrühter Hörfunkmann aus Heidelberg, „gewinnt durch Kooperationen andere Blickwinkel“. So kann eine Geschichte nur besser werden – und da sei noch nicht mal von der juristischen Sicherheit doppelter Ergebnisprüfung durch zwei Rechtsabteilungen die Rede. Doch unabhängig vom Primat des Inhaltes, vom Ethos des Berufes, vom Erfolg der Story, ganz zu schweigen vom Nutzen fürs Publikum, erbringt die Verbrüderung einen weiteren Effekt – auch wenn alle Befragten zögern, ihn offen auszusprechen: Marketing.
Schließlich dienen unterschiedliche Verbreitungswege auch als reziproke Reklametafeln. Offshore-Leaks, sagt Julia Stein, führe dazu, dass sich Fernsehen, Funk und Presse „untereinander teasern“. Das klingt ein bisschen positiv, weshalb sie nachträglich ein verschämtes „unbeabsichtigt“ davor setzt, so anrüchig erscheint ihr der Werbeeffekt. „Wenn die Süddeutschen auf eine ARD-Reportage am Abend hinweist oder die umgekehrt auf einen morgigen Text bei uns“, ergänzt auch SZ-Reporter Obermayer eher beiläufig, „helfen wir uns gegenseitig“. Man stehe ja nicht in direkter Konkurrenz zueinander. Peter Hornung drückt es so aus: „Wir ziehen uns im Rattenrennen nicht die Wurst vom Brot.“ Im Gegenteil. Die gewaltige Resonanz aufs Enthüllungspaket, das den 60 belieferten ARD-Wellen allein in Woche eins fast 100 Berichte, Interviews und Kommentare beschert hat, dem aufwändigeren Fernsehen ein Dutzend Reportagen plus Live-Schaltungen in Tagesschau– Formate, der Süddeutschen jeden Tag locker eine Seite Lesestoff in mehreren Ressorts nebst regelmäßiger Titelgeschichten, hat also das Zeug zur Blaupause künftiger Kooperationen. „Ich sehe da schon einen Trend“, meint Julia Stein.
NDR-Info macht’s mit der Welt, ein Panorama-Autor schreibt seinen Beitrag für sueddeutsche.de um, SZ-Reporter Klaus Ott tauscht sich mit dem griechischen TV-Moderator Tasos Telloglou aus, der Spiegel druckt seine Reportagen im holländischen Politikmagazin De Tijd, freie Liebe am Nachrichtenmarkt. Dabei diene der Partnertausch im Idealfall einem höheren Zweck, hofft Julia Stein: „Guten Geschichten größtmögliche Aufmerksamkeit zu geben.“ Das Ziel sei eher Marktdurchdringung, Reichweite, Abspielflächen. „Sonst gehen wichtige Recherchen unter“, im Informationsoverkill der multimedialen Gesellschaft. Offshore-Leaks sei demgemäß ein Experiment gewesen, „zuweilen gar ein Abenteuer“ – Julia Stein lacht wieder so herzlich, dass jenseits der Glasfront die Köpfe herumfahren. Es gehe aber „nicht um trimediale, quatromediale, sonst wie mediale Koalition als Selbstzweck“, sondern darum, „was rauskommt“. Für das Medium, seine Nutzer, die Sache. „Kooperation ist toll“, pflichtet Peter Hornung bei. Wie im Fall psychologischer Kundenprofile bei der Hamburger Sparkasse vor zwei Jahren könne die dank der SZ nationales Interesse an lokalen Themen wecken oder in dem der systemrelevanten HRE die globale Krise regional runterbrechen. Alles wunderbar, meint der frühere NDR-Korrespondent in Prag, fügt aber gewohnt nüchtern hinzu: „Solange sie keine Pflicht sind“. Man suche sie also auch fürderhin, gezielt und regelmäßig, aber nur ad hoc. Hornungs Fernbeziehung auf Zeit, Bastian Obermayer, kann dem nur beipflichten: „Wir legen jetzt keine Standleitung zum NDR“, doch die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit seien nun „präsenter“.
So wie überall. Die Datenbanken der Welt lecken an allen Ecken und Enden, Konzerne liegen unterm Brennglas der Netzgemeinde, Institutionen werden durchleuchtet wie beim Radiologen, die digitale Welt ist enthüllungssüchtig. Das sorgt für einen anhaltenden Strom groß angelegter Recherchen, die laut Peter Hornung selbst innerredaktionell selten im Alleingang erfolgen und fast folgerichtig zu einer Wiederbelebung entsprechender Ressorts führen. „Der Hessische Rundfunk hat wieder ein kleines“, erzählt Peter Hornung. Dazu WDR, SWR, die Zeit. Da ist was in Bewegung, und je umfassender, globaler gar die Taten- und Tätersuche gerät, desto schwieriger wird es für Einzelkämpfer. „Man sollte Kompetenzen bündeln“, sagt Medienforscher Weichert, „um zusehends komplexe Themen zu bewältigen.“ Kleiner werden die Zahlen ja nicht.
Posted: June 5, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik |
Zuckerbrot und Peitsche
Nach ihrer Berlin-Trilogie bringt die Berliner Band Bonaparte um den Schweizer Irrwisch Tobias Jundt ihr viertes Studioalbum heraus. Es heißt wie sie selbst, was für einen Neuanfang steht, wie Jundt sagt. Während das verkleidete Kollektiv aus der Hauptstadt auf Bühnen bis nach Japan explosive Feuerwerke abbrennt, klingt dieser Visual Trash Punk auf Bonaparte zuweilen fast geruhsam. Tobias Judt über die Diskrepanz zwischen Visualität und Klang, elektronische Einflüsse, ernste Texte und warum man die Platte beim Spazierengehen ebenso hören kann wie beim Liebemachen.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Tobias Jundt, spielt das Visuelle die Haupt- oder die Nebenrolle bei Bonaparte?
Tobias Jundt: Dazu muss man zuerst mal zwei andere Fragen stellen: was ist visuell? Und wer sind Bonaparte?
Und die Antworten?
Visuell ist für mich eine andere Ebene des Musikalischen, die ich zum Beispiel beim Reisen durch die Welt erlange und dann in verschiedenen Schaffensphasen umsetze, je nachdem, mit wem ich zusammen spiele. Und hier kommen Bonaparte ins Spiel, die immer alles auf mehreren Ebenen denken. Das fängt bei den Farben an und endet bei den Formen. Für mich ist so gesehen schon alles visuell. Auch im Chaos steckt ja grundsätzlich irgendeine Form von Design. Alles hängt zusammen. Aber warum fragst du das überhaupt – schreibst du für ein besonders visuelles Journal?
Im Gegenteil – für ein ziemlich akustisches. Bei deinem neuen Album drängt sich bloß die Frage auf, ob eine Band, deren Musik so stark über die Live-Shows wirkt, auch im Studio funktioniert?
Du sagst also, ohne die Show sind meine Songs scheiße?
Nein, zunächst mal sage ich nur, dass ihnen ohne Live-Shows irgendwas fehlt und frage mich, ob das unvermeidbar oder sogar gewollt ist.
Ich glaube, dass ist eher dein Problem. Nicht jeder, der ein Bonaparte-Album hört, braucht dafür unbedingt eine große Live-Show. Wenn du dir andere Platten anhörst, hast du doch wahrscheinlich auch einen Artist vor Augen.
Meistens, ja. Nur dass der Kontrast zwischen Auftritt und Tonträger bei einem visuell extrem reduzierten Singer/Songwriter mit Barhocker und Gitarre auf der Bühne viel kleiner ist als bei einer Band wie Bonaparte, die live ein Riesenfeuerwerk zündet…
Aber davon unabhängig handelt doch auch diese Platte von Geschichten und Gefühlen, die sie zu einem geschlossenen Ding machen, auf das man sich einlassen kann oder nicht. Es spielt sich doch alles im Kopf des Zuhörers ab. Findest du, die Frage nach Visualität und Sound stellt sich bei dieser Platte mehr als bei der Berlin Trilogie?
Sie stellt sich grundsätzlich bei Bonaparte, aber hier besonders.
Man kriegt auf einer Platte nie den gleichen Effekt wie bei Konzerten hin. Trotzdem kann man diese hier sehr gut beim Autofahren hören oder beim Currykochen, Liebemachen, Spazierengehen, Tanzen und das ist definitiv mehr als bei unseren letzten drei Platten. Diese hier ist schon vom Sounddesign und der Mischung her völlig anders.
Auch elektronischer?
Das verwirrt mich jetzt total. Ich finde diese Platte viel weniger elektronisch als die vorigen, weil sie sehr analog entstanden ist, aber auch das ist wahrscheinlich Geschmackssache.
Üblicherweise nennen Bands bloß Debütalben nach sich selbst. Warum heißt eure vierte Platte Bonaparte.
Weil sie ein bisschen nach Hause gekommen ist. Bonaparte ist so was wie die Deckfläche zwischen der Band Bonaparte und mir, Tobias Jundt. Es ist ein Zusammenziehen aller Elemente und ein Startschuss für etwas Neues, bei dem wieder mehr möglich ist. Aber elektronisch… Es sind alles Live-Drums, meine Gitarre, dazu der Moog, ein paar Synthiefetzen, das war’s. Sehr analog, würde ich sagen.
Bedarf das einer Klammer wie Rockmusik oder was ich gerade gelesen habe: Visual Trash Punk?
Ich würde sagen, es ist einfach Pop, aber mit den Gitarren und Drums des Rock, dem meine Texte allerdings wieder überhaupt nicht entsprechen. Deshalb ist es halt – Bonaparte. Aber Songs wie I Wanna Sue Someone oder May The Best Sperm Win sind schon geradeaus gespielter Punkpoprock mit einem fast herkömmlichen Songwriting. Diese Bonaparte ist viel wärmer als die anderen, auch wegen des New Yorker Drummers Chris Powell.
Ob live oder im Studio gewinnt man schnell den Eindruck, dass Bonaparte vor allem Partymusik sei. Steckt darin eine verborgene Ernsthaftigkeit, die sich nicht beim ersten Hören erschließt?
Sehr viel sogar. Natürlich haben wir Spaß bei der Arbeit. Aber bei Into The Wild bin ich ziemlich ernst und das süßeste Stück der Platte, If We Lived Here, beschreibt trotz aller Leichtigkeit ein ernstzunehmendes Gefühl. Unser Gespräch ist echt witzig – ich würde bei fast allem, was du fragst, das Gegenteil behaupten. Finde ich eigentlich ganz schön. Aber auch wenn einiges je nach Phase lustig, albern oder dadaistisch daherkommt, ist alles ernsthaft produziert. Like An Umlaut In English zum Beispiel beschreibt das Gefühl, nicht ganz reinzupassen, eben heiter.
Es ist also alles nicht Party, Party an Bonaparte?
Nur, wenn man sich von der Show blenden lässt. Aber ich selber werde manchmal von der anderen Seite geblendet, wenn ich denke, hinter einer Band steckt irgendwas Ernsthaftes, am Ende ist es aber eigentlich gar nichts. Wir beobachten unsere Welt schon sehr genau. In Wash Your Tights etwa geht es um Machtbalancen in Beziehungen, in denen wir alle stecken. Trotzdem hoffe ich, dass die Leute Spaß dabei haben. Das ist doch das Wichtigste. Wenn ich Musik mache, will ich die Leute immer zum Nachdenken bringen, sofern sie nachdenken wollen. Ich will ihnen aber auch etwas Physisches geben, sie also zum Tanzen bringen.
Ein Spagat.
Ja, ein Spagat. Zuckerbrot und Peitsche. Vielleicht ist das ja der Grund, warum Bonaparte nie wirklich Mainstream wurden. Aber so ist das Leben – ein einziges Ziehen und Stoßen. Das ganze Leben ist ein Spagat.
Der Text ist erschienen bei http://www.musikblog.com/2014/05/zuckerbrot-und-peitsche-bonaparte-im-interview/
Posted: June 5, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Ich war nie Fan
Sicher, nichts ist so alt wie ein Interview von gestern. Doch kurz vorm Anpfiff in Brasilien ist es höchst lesenswert, was der große Kinnbartträger des TV-Fußballs Heribert Faßbender vor der WM 2006 zu seinem Metier gesagt hat – und wie viel davon heute nur wahrer wird. Ein altes neues Gespräch mit einer Kommentarlegende, wiederaufgelegt für die freitagsmedien.
Von Jan Freitag
Herr Faßbender, Sie kennen den Werbeslogan des DSF „Mittendrin, statt nur dabei“?
Heribert Faßbender: Natürlich.
Ist das der Kern des aktuellen Sportjournalismus?
Ich finde, dass ein Sportkommentator immer den halben Schritt zurück machen können muss, um objektiv Ereignisse zu kommentieren. Man soll sich sehr wohl mitreißen lassen, in diesem Fall von der tollen Atmosphäre einer Weltmeisterschaft, aber er darf nicht nur der Fan, der Erregte, der Involvierte sein, der den objektiven Sachverhalt nicht mehr kommentiert. Ich halte es eher mit Hajo Friedrichs: Immer dabei sein, aber nie dazugehören.
Sind Sie selbst eher Beobachter oder Teilnehmer?
Solange ich kommentiert habe, war ich auch dabei. Ich hab ungefähr die Hälfte meiner Laufbahn Radio gemacht – da bist du’s natürlich mit Haut und Haaren. Im Fernsehen sollte man dagegen analysieren und das, was ohnehin zu sehen ist, nicht noch mal beschreiben, sondern bewerten. Nicht am Anfang, sondern am Ende einer Spielhälfte, um den Zuschauer nicht zu bevormunden, aber rechtzeitig genug, um die Einordnung des Geschehens nicht nur Delling und Netzer zu überlassen.
Was ist für Sie zu geringe Distanz – das Duzen?
Ich habe grundsätzlich auch die Sportler am Mikrofon gesiezt, mit denen ich privat per du war, weil ich der Meinung bin, dass sich der Zuschauer sonst ausgeschlossen fühlen könnte. Ich will aber nicht den Zeigefinger heben. Günter Netzer kenne ich zum Beispiel seit 1965, wir haben viele Interviews gemacht, waren aber automatisch immer per Sie. Er antwortete mir einmal auf eine Frage: „Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Fassbender, dass Sie mir diese Frage gestellt haben“. Das gefiel mir. Er ist zwar zwei, drei Jahre jünger als ich, aber wir agieren auf Augenhöhe und duzten uns schon damals. Beim nächsten Mal sagte er dasselbe aber schon wieder. Na ja, dachte ich, so originell ist das auch nicht. Und dann hörte ich, wie er das auch in einem anderen Interview gesagt hat. Mein Lieber Freund! Der konnte sich schon immer gut verkaufen.
Waldemar Hartmann duzt jeden.
Waldi hat einen anderen Stil, mit dem er zur Marke geworden ist. Man sollte ihn nicht verbiegen.
Im Unterschied zu ihm wirken Sie eher reserviert am Mikrophon. Entspricht das Ihrer Persönlichkeit?
Sagen wir mal: Ich war als Moderator etwas zurückgenommener. Als Reporter dagegen nicht. Wenn Sie sich meine Reportage Deutschland-Holland von 1990 anhören, wo ich den argentinischen Schiedsrichter in die Pampa schicken wollte, weil der Rudi Völler nach der Spuckattacke von Reiijkard vom Platz schickte.
Sind Sie ein Reporter der alten Schule?
Das ist Definitions- oder Geschmackssache. Für mich waren Rudi Michel oder Ernst Huberty Reporter der alten Schule – nur Namen nennen und den Spielverlauf schildern. Wir als Ihre Nachfolger waren da schon temperamentvoller. Als die Privaten aufkamen mit Studiopublikum, wurden wir im Öffentlich-Rechtlichen eine Zeitlang als die Drögen dargestellt, die wir nie waren. Aber das hat sich mittlerweile zurück entwickelt. Ich will nicht von Genugtuung sprechen, aber als wir dann die Bundesligarechte zurück erwarben hatten, wollte ich eine Sendung auf höchstem technischen Niveau ohne Firlefanz und Showtreppe. Das traute sich damals niemand. Wir haben’s aber gemacht und es war von Anfang an ein Erfolg. Wir hatten deutlich mehr Zuschauer als sat1.
Wie steht es mit der Aufbereitung des Fußballs. Unlängst kam Kritik, auch die Öffentlich-Rechtlichen berichten zunehmend verspielt, teilweise infantil über den Fußball.
Das ist Quatsch, das kann doch niemand ernsthaft behaupten. Das bedeutet aber nicht, dass wir seriöse Kritik nicht ernst nehmen.
Und die Kritik an zuviel Werbung?
Nehmen wir sehr ernst. Dabei bitte ich aber zu bedenken, dass wir die teuren Rechte- und Produktionskosten wenigstens teilweise refinanzieren müssen, um nicht die finanziellen Mittel für andere Programme zu schmälern. Ich gebe zu, da sind wir bei den Grenzwerten angelangt. Mehr darf da nicht kommen. Das sehen wir alle durchaus kritisch, auch mein Nachfolger ab Herbst, Steffen Simon.
Ist es nicht dennoch zu viel Drumherum?
Wir bewegen uns da bewusst in einem Grenzbereich, um die Sendungen interessant zu machen. Von Ausnahmen abgesehen haben wir den noch nicht überschritten und müssen uns immer wieder überprüfen, ob das nicht irgendwann des Guten zuviel wird. Wir sind da sensibilisiert, auch was die WM betrifft.
Durch eigene Reflexion oder Zuschauerresonanz?
Zunächst, weil es unsere Überzeugung ist. Aber selbstverständlich fließt auch die Zuschauerresonanz in unsere Programmüberlegungen mit ein.
Auch die, dass zuviel Fußball gezeigt wird?
Hier hat die ARD einen ersten Schritt gemacht, indem sie auf die Übertragung der UEFA-Cup-Spiele verzichtet. Im Übrigen auch, um zur Refinanzierung der Sportschau beizutragen.
Dennoch droht mit der WM die totale Übersättigung.
Die Gefahr sehe ich nicht. Wir müssen aufpassen, gar keine Frage. Das hängt auch ein bisschen von den Kosten der Nachverwertungsrechte ab. Für Live-Übertragungen haben wir bezahlt, jetzt geht es noch darum, was der Rest kostet und vielleicht machen wir da aus der Not eine Tugend und zeigen in dem einen oder anderen Fall lieber weniger als mehr. Auf der anderen Seite kann ich immer nur jedem Fernsehzuschauer empfehlen, nicht einzuschalten, was er nicht sehen will. Die Anfangszeiten stehen fest; 15, 18, 21 Uhr. That’s it.
Dafür fehlen möglicherweise die öffentlich-rechtlichen Alternativen. Das Restprogramm wird ja naturgemäß zurückgefahren.
Auf dem jeweils anderen Kanal gibt’s ja immer ein Vollprogramm und in unseren Dritten auch.
Wie bewerten Sie den sonstigen Aufwand. Es kursiert die Zahl von 230 Millionen Euro für die Rechte.
Mit dem Rechteinhaber ist vereinbart, keine Lizenzsummen zu veröffentlichen. Dafür bitte ich um Verständnis.
Darüber hinaus haben ARD und ZDF je rund 350 Mitarbeiter im Einsatz mit 1074 Kameras und 35 Ü-Wagen. 20.000 Journalisten werden erwartet, Fußball wird sogar zum Bundestagsthema.
Das sind gigantische Dimensionen. Aber wir können ja nicht die Medienwirklichkeit dirigieren, das ist nun mal so. Diese WM wird das größte Medienereignis das jemals in Deutschland stattgefunden hat und auf absehbare Zeit stattfinden wird. Beckenbauer spricht von den nächsten 50 Jahren, vielleicht sind es sogar noch mehr. Da sollten wir als Öffentlich-Rechtliche Anstalt beim mit Abstand beliebtesten Fernsehport Nr. 1 nicht kleckern, sondern klotzen. Nicht in dem Sinne, zuviel zu machen, andernfalls hätten wir sicher unser gläsernes Studio auf dem Potsdamer Platz gebaut, was ich gerne als Marketing-Maßnahme gehabt hätte. Dem Fernsehzuschauer wird in unserem Kölner Studio aber nichts fehlen. Im Gegenteil. Auch unsere WM-Sendungen fahren wir bewusst ohne Publikum, weil sonst die Gefahr besteht, dass der Moderator nur was für die Anwesenden macht und die Fernsehzuschauer sich eher ausgeschlossen als eingebunden fühlen.
Vergleichen Sie mal Ihre ersten sieben Weltmeisterschaften mit der anstehenden achten.
Der Fußball hat sich permanent entwickelt, ist athletischer, schneller geworden. Große Techniker der frühen Jahre könnten heute gar nicht mehr so ungestört den Ball annehmen. Ein Netzer mit seiner damaligen Fitness hätte keine Chance. Aber der hätte sich sicher auch auf neue Bedingungen eingestellt.
Und vom Begleitprogramm her?
Der Fußball im Herberger’schen Sinne ist längst zu einer gigantischen Unterhaltungsindustrie geworden. Das haben wir als Fernsehanstalten sicher mit transportiert. Hier hat das eine Eigendynamik entwickelt, die wir nicht kanalisieren können.
Gab es einen Punkt, wo der Fußball ins Entertainment gekippt ist?
Na ja, die Spiele wurden doch immer relativ lupenrein live übertragen. Die Amerikaner haben es 1994 versucht, aber ohne Erfolg. Außerdem litt die WM in den USA an mangelnder Atmosphäre, weil die Gäste der Sponsoren vom Soccer wenig verstanden und die Stadion manchmal halb leer blieben. Auf der anderen Seite ist eine Fußball-WM immer eine Weltmesse der besten Fußballer ihrer Zeit. Der Fußball, den sie bieten, ist die beste Unterhaltung.
Warum tun Sie sich diesen immensen Arbeitsaufwand mit fast 65 noch mal an?
Ich bin von meinem Intendanten gebeten worden, als die ARD-Teams für die Fußball-WM, die Weltreiterspiele und die Hockeyweltmeisterschaft zu führen. Auch mit den beiden Sportarten verbinden mich sehr schöne frühere Reportererlebnisse. Es gab sogar ein Angebot, noch mal als Reporter anzutreten. Das habe ich aber vor vier Jahren anders entschieden.
Und warum sind Reporter-Ikonen wie Günther Koch und Gerd Rubenbauer nicht dabei?
Mit Günther Koch haben wir überhaupt nichts zu tun, der Hörfunk hat seine eigenen Nominierungskriterien. Ich in meiner Funktion befasse mich nur mit Fernsehen. Wir hatten am 15. März die Fußball-WM auf der Tagesordnung der Sportchefsitzung. Dort wollte der WDR unter Verzicht auf sein Vorschlagsrecht zwischen zwei Kandidaten abstimmen lassen.
Beckmann oder Rubenbauer.
Genau. Am 14. März wurde uns mittags mitgeteilt, dass Gerd Rubenbauer für Aufgaben am ARD-Mikrofon nicht mehr zu Verfügung stehe. Daraufhin habe ich vergeblich versucht, ihn anzurufen. Als ich ihn am Abend erreichte, war er einem sachlichen Gespräch nicht mehr zugänglich. Ich bedaure das sehr, verstehe aber seine Beweggründe bis heute nicht ganz, immerhin verzichtet er auf acht WM-Spiele in Deutschland. Wir hatten Rubi noch wenige Tage vorher auf seinen Wunsch als einzigem Reporter zwei Assistenten am Platz zugestanden.
Kann man jetzt von einem Generationenwechsel sprechen?
Wir haben zwei 41-jährige Kommentatoren und Reinhold Beckmann mit 50.
Werden Sie bei Bedarf dennoch kommentieren?
Ich habe Schluss gemacht, um Jüngere zum Zuge kommen zu lassen.
War das auch Ergebnis der Kritik, die Sie für Ihren Kommentarstil einstecken mussten?
Nein. Ich halte es mit einem Wort von Kurt Masur: Man muss wissen, wann der Kreis ausgeschritten ist. Das isser.
Viele haben bemängelt, Sie kommentieren unzeitgemäß.
Das kann ich nicht nachvollziehen. Vielleicht war ich das Symbol des öffentlich-rechtlichen Fußballreporters, hatte den höchsten Bekanntheitsgrad und bot damit natürlich eine gute Angriffsfläche. Sie wissen wie das ist: Das potenziert sich in den Medien und dann ist es auch schnell wieder vorbei. Kritiker von damals sagen heute oft: Mensch, mach doch noch mal.
Haben Sie sich die Angriffe gar nicht zu Herzen genommen?
Wenn ich mir Fehler zuzurechnen hatte, dann ja. Wenn was in der Vorbereitung nicht gestimmt hat oder ich schlecht drauf war. Ich sehe das heute gelassener. Natürlich ist es unangenehm, wenn du eine Scheißkritik über dich liest, gerade, weil das ja manchmal sehr persönlich ist und unter die Gürtellinie geht. Aber wer in der Öffentlichkeit Kegel aufstellt, muss sich auch nachzählen lassen, was er getroffen hat. Das muss man akzeptieren.
Haben Sie das satirische Buch Wie werde ich Heribert Faßbender gelesen?
Na ja, so diagonal. Da ist mir ja vieles in den Mund gelegt, was gar nicht von mir stammt.
Fanden Sie es dennoch amüsant?
Heute denke ich: warum denn nicht? Ich habe bei meinem großen Lehrmeister im Hörfunk gelernt, Hauptsache, der Name ist richtig geschrieben. Auch das sag ich heute, Sie sehen mich ja ganz relaxt, mit der Abgeklärtheit eines fast 65-Jährigen. Damals war das ein bisschen aufgeregter und es war ja auch nicht ganz sauber, was die gemacht haben. Aber was soll’s, damit kann man leben und es gehört auch dazu. Ich bin ja von Haus aus Jurist und erkenne die Pressefreiheit auch für mich an.
Und man kriegt mit den Jahren ein dickeres Fell als ein jüngerer Kollege.
Schon, aber ich weiß ja wie Medien funktionieren, wie sich so was entwickelt. Ich kann da differenzieren.
Das klingt sehr nüchtern. Wie leidenschaftlich sehen Sie den Fußball?
Ich war nie Fan. Aber ich liebe das Spiel und halte Fußball nach wie vor für ein, wenn nicht das Faszinosum unserer Zeit.
Mit gesellschaftlicher Relevanz?
Mittelbar. Gehen Sie mal nach Dortmund, wo es etwa 20 Prozent Arbeitslose sind – ich kenne die Zahl nicht genau. Die Leute gehen ins Stadion, um für drei Stunden ihre Sorgen zu vergessen und immer weiter ihre Borussia zu unterstützen. Genauso auf Schalke, da hat Fußball für mich eine gesellschaftspolitische Relevanz. Das Spiel selbst aber sollte man nicht zu hoch stilisieren. Gerade weil es so einfach ist, jeder es versteht und man nie weiß wie es ausgeht, wie Herberger schon sagte, hat es was.
Haben Sie selbst gespielt?
Oh ja, sehr viel. In Schülermannschaften, während meiner Bundeswehrzeit bei Arminia Hannover, dann in der Studentenauswahl. Aber ich hatte relativ früh eine Patellasehnenentzündung und bin dann schnell zum Tennis gewechselt.
Ist an ihrer Patellasehne ein großer Fußballer gescheitert?
Wohl kaum. Immerhin konnte ich den Ball 40 Meter in den Fuß des eigenen Mannes spielen, es durfte aber kein Gegner in der Nähe sein. Ich war sehr schnell, aber wenn einer kam und seine Sense rausholte, bin ich drumrum gelaufen. Ich war keiner, der hinging wo es weh tat. Und die Treter gab’s auch damals schon.
Posted: June 2, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
26. Mai – 1. Juni
Samstag wird ein guter Tag für den nächsten Beweis, wie eisern sich das alte Medium Fernsehen gegen die multimediale Zukunft stemmt. Dann nämlich findet der Tag des – kein Scherz! – Videorekorders statt. Video! Rekorder! Zur Erinnerung: Das sind so klobige Geräte, die Filme ohne Features, Untertitel, Kapitelauswahl, dafür mit der Garantie baldigen Qualitätsverlustes abspielen. Nun könnte man meinen, derlei Relikte antiquierter Abendgestaltung seien höchstens in Museen zu finden, doch weit gefehlt: Eine Umfrage ergab, mit 55 Prozent habe noch mehr als jeder zweite im Land das VHS-System im Wohnzimmer und noch verrückter: knapp die Hälfte davon hat ihn in der Woche vorm Umfragen sogar benutzt.
Allerdings wohl weniger, um den heißesten HBO-Scheiß im Original mit Untertiteln zu sehen, als auf Kassette zu bannen, was das lineare Programm hergibt. Darunter waren also vermutlich welche, die all die Sisi-Wiederholungen zum Tode Karlheinz Böhms oder auch Jauchs Talkshow zur Europawahl aufgezeichnet haben. Die schon darum spannender war als der Urnengang selbst in den Augen politikverdrossener Zuschauer, weil Giovanni di Lorenzo darin vor den Ohren Wolfgang Schäubles bekannte, zweimal gewählt zu haben – in seiner italienischen Gefühls- und in seiner deutschen Wirklichkeitsheimat.
Ein kleiner Aufreger, nichts besonderes. Bisschen peinlich vielleicht für den Chefredakteur der führenden Wochenzeitung, aber kein Grund für Hysterie. Könnte man meinen. Dann aber pöbelten die intellektfeindlichen Klerikalen von Bild bis RTL, als hätte der Publizist die Legalisierung der Kinderpornografie gefordert. Was dem neunmalklugen Eierkopf aus Hamburg-Venedig denn da einfalle, das Wahlrecht jener Institution zu missbrauchen, die der Boulevard sonst bei jeder Gelegenheit als volkskörperfeindlich verflucht – so schepperte es aus allen Rohren, dass es gar deren Darling Jauch zur Replik hinriss, die Vorwürfe seien „absurd und gemein“.
Das Gute daran: Medien mit Niveau, Anstand und Sinn für Verhältnismäßigkeit machten bei der Ballermannschelte nicht mit. Lorenzo tat sodann, was einem Diekmann nie einfiele – seinen Fehler einzugestehen. Und die Berichterstattung ging dann auch bald dazu über, was echt relevant ist wie die Ukraine, deren Krise im Osten so dramatische Zustände erreicht, dass ARD und ZDF zum Äußersten schritten und am Donnerstag ihre Korrespondentinnen Golineh Atai und Katrin Eigendorf aus Donezk abzogen. Weniger relevant war dagegen, was die Tagesschau zwei Tage zuvor getan hatte: Eigentlich gab es ja nichts zu berichten vom Fußball. Im Grunde gab es auch nichts Neues von der Nationalmannschaft; trotzdem bauschte das Erste einen Verkehrsunfall ohne schwere Folgen für zwei beteiligte DFB-Spieler zur zweiminütigen Nachricht auf, die der Reporter mit den dräuenden Worten ausklingen ließ, „ein schwerer Unfall, der einen Schatten über das Trainingslager wirft“.
Die Frischwoche
2. – 8. Juni
Aber wenngleich das aus Sicht vieler Newsmacher sensationeller war als Syrien-Krieg, Krim-Krise und der Nachwuchs im monegassischen Königshaus zusammen, wird das Länderspiel gegen Armenien am Freitag wohl vom ZDF übertragen. Und auch sonst geht das Medienleben trotz eines so einzigartigen Blechschadens einfach weiter wie gehabt. Heute etwa zeigt das Zweite das bemerkenswert sinistre Psychodrama Die Tote im Moorwald mit einem bemerkenswert schratigen Franz Xaver Kroetz, um tags drauf mal wieder seinen einzig nennenswerten Dokumentarfilmplatz mit irgendwas Redundanten zum Thema Hochadel (Prinz Harry – der wilde Windsor) zu vergeuden. Sonntag glänzt die ARD mit dem Stuttgarter Tatort, um vier Tage zuvor den wichtigen Mittwochsfilmplatz mit irgendwas Rührselig-Korrektem zum Thema Culture Clash (Die Freischwimmerin) zu verschwenden. Dazwischen gesteht RTL sein Versagen ein, innovatives Fernsehen zu produzieren, indem es ab Donnerstag kurzerhand den sechs Jahre alten Serienerfolg Doctor’s Diary in Doppelfolgen wiederholt. Und auf dem Frauensender Sixx darf das vermeintliche Medium Theresa Caputo in der US-Dokusoap Long Island Medium einen Abend lang so tun, als könne sie mit Toten sprechen.
Ach, die leidige Realität…
Private sollten sie lieber jenen überlassen, die was davon verstehen. Also Arte. Mit zwei bemerkenswerten Dokumentationen über die Ukraine (wohin?) und China (Reich ohne Mitte) belegt der Kulturkanal morgen sein Talent, komplizierte Dinge am Menschen entlang verständlich zu machen (tappt aber in die Populismus-Falle, wenn er sich morgen mit „Die Bio-Illusion“ am falschen Gegner abarbeitet). Trotzdem bleibt es ebenso gutes Fernsehen wie das dortige Porträt Wie ein Mathegenie Hitler knackte über den dechiffrierenden Informatiker Alan Turing am Freitag.
Überhaupt – die kleinen Ableger der Großen. Sie zeigen erneut, was man dort gern sehen würde, um es mal einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Die belgische Amateurfilmkollage „Wenn ich Diktator bin“ zum Beispiel, heute auf 3sat. Die Doku Macht der Bilder, Mittwoch an gleicher Stelle, die das meiste Filmmaterial vom 1. Weltkrieg als nachgestellt entlarvt. Einen furiosen Abend rings um den Star-DJ Paul Kalkbrenner, Mittwoch auf EinsFestival. Oder auch das was EinsPlus bis Sonntag tut. Wobei: vier Nächte am Stück vom Rock am Ring zu berichten – das wäre vielleicht zu verstiegen für ein Vollprogramm. Das aber am Donnerstag dann doch mal andeutet, was selbst zu akzeptabler Sendezeit geht. Dann zeigt die ARD Eric Friedlers Das Mädchen, in dem sich Deutschlands derzeit bester Dokumentarfilmer auf die Spur einer Deutschen begibt, die vor der WM 1978 in Argentinien verschwunden ist, von der Bundesregierung aber nicht gesucht wurde, weil das politisch nicht ins Konzept der Verharmlosung des Militärregimes passte.
Ins Konzept des Tipps der Woche passen dagegen heute gleich zwei Filme: Philipp Seymour Hoffmans letzter Film als Regisseur und Hauptdarsteller Jack in Love (Arte) und Mikey Rourkes Coming Out als ernstzunehmender Schauspieler The Wrestler (EinsFestival).